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Full text of "Cajus Plinius Secundus Naturgeschichte"

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oͤmiſqe Profaiker 


in 


— 


neuen Weberfegungen. 


Herausgegeben 
von 
G. 2 F. Tafel, Profeſſor zu Tübingen, 
E. R. v. Dfiander, Profeffor zu Stuttgart, 


und ©. Schwab, Pfarrer zu Gomaringen 
bei Tübingen, 


— rm 


Hundertfunfundfuͤnfzigſtes Bändchen. 





Stuttgart, 
Berlag der I. 8. Mesz ler'ſchen Buchhandlung. 
1840. | 


Cajus Plinius Secundus 
372573 


Rarurgefdiäte 


Ueberfest und erläutert 
von 


Ph. H. Külb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz. 


Erle Binden. - 





Stuttgart, 
Verlag der 3. B. Megler'ſchen Buchhandlung. 
4840. W 


\ Er 
“den beiten 


. „ 4} ur... 


Cinleitung. 





. Leben und Werke des Plinius. 


Man hat nur fehr wenige zuverläfftige Nachrichten 
über das Leben .des älteren Plinius, aber eine fo 
große Menge von Bermuthungen, daß man damit 
einige Bände füllen könnte. Schon mit feiner Ge: 
burt beginnen. die Streitigkeiten der Gelehrten, und 
die Beſtimmung feiner Vaterſtadt veranlaßte einen 
fünfhundertjährigen, nicht felten mit lächerlicher Er- 
bitterung geführten Kampf, den Manche als jest 
noch nicht völlig entſchieden anfehen wollen. 

Während des Mittelalters hielt man gewöhnlich 
die beiden Plinius, den Naturhiftoriker und den Epi- 
ſtolographen, für eine und diefelbe Perfon, und da 

fi der letztere in feinen Briefen häufig -felbft einen 


vr 


x 


_ Einleitung. * 


—— 


wird man dieſem Beweiſe des Johannes keinen grö⸗ 


ßeren Glauben ſchenken, als feinem Maährchen, daß 


Plinius ir Sizilien, wo er die Romiſchen Legionen 


angeführt Habe, durch einen Ansbruch des Aetna 


umgekommen, und dort begraben morben fey. *) - 

. Während die Bürger von Como den beiden 
Hlinins in ihrer Stadt Marmorftatuen errichteten 
‚ (4480), und dadurch ftillfchweigend ihr Recht wahrs 

ten, wurden die Beronefer defto lauter, und bemühten 
fih aus allen Kräften, den einmal angeregten Streit 
zu ifrem Bortheil zu entfcheiden : fte nahmen fogar 
zu serwerflichen Mitteln ihre Zuflucht, indem fie ein 
angeblich uraltes Porträt des älteren Plinius vor⸗ 
zeigten, und in ihrem Gebiete vorhandene Inſchriften, 
in welchen der Name Plinius vorkommt, bekannt 
machten, die aber offenbar entweder durchaus unächt 
oder willkũtzrlich ergaͤnzt waren. 9”) Dieſes Beginnen 


.ou 





Plinius (VI, 34.), der unftveitig von Como war,. bie 
" Beronefer „bie unſrigen“ (nestros), -und Catullus 
XXXIX, 15.) die Transpadaner überhaupt „die mei⸗ 
nigen“ (meos) nennen. 
*%) Bergl. U. J. a Turre Rezsonice, disguisitiones 
| Plinianae, Parm. 1765—67. Fol. Tom. I. p. 6-8. 
°* Die von Paul Guardus (1519) angeführte, angeblich 


an dem Benacus— (Gardaſee) gefundene Furgeitt 
| ’ 


- — · —- 


— 


Einleitung 9 
- . 4 . 

Glauben ſchenken, und den zahlreihen, zu Como 
gefundenen ächten Inſchriften, *) in welchen einzelne 
Glieder der Familie Plinia vorfommen, feine De: 
weiskraft zugeſtehen; ſo müſſen wir uns doch durch 
eine Andeutung des jüngeren Plinius, die ſeither 
wenig beachtet wurde, für Como beſtimmen laſſen. 
Dieſer bietet nämlid) der Corellia, einer Freun⸗ 

din ſeiner Mutter, welche an dem Eomerfee Güter 
zu befigen wünſchte, von feinen au deſſen Ufern. ge- 
legenen Ländereien, fo viel fie wolle, an, mit Aus⸗ 
nahme jedoch der von feinem Vater und feiner 
Mutter ererbten; denn diefe, betheuert er, künne er _ 
audy feiner beften Freundin nicht abtreten. **) Darf 
man. nit aus dieſer Aeußerung mit ' ziemlicher 
Wahrſcheinlichkeit fchließen , daß Como weit eher die 


 Baterftadt der Mutter des jüngeren Plinius, fo wie 


— 


ihres Bruders, des älteren Plinius, genannt werden 
fönne, als Berona? Die, bedeutendften Gelehrten 
baben ſich denn auch in neuefter Zeit entfchieden für 
die eritere Stadt ausgefprochen. Eine eigene Anficht 
bat Hardouin, 5), Der bekanntlich immer am liebſten 





*) Man findet fie bei Rezzonico da. p. 7. 
**) Epist, VII, 44. 


? =) In der @inleitung zu feiner zweiten Ausgabe der 


Naturgefchichte des Plinius (1723). 


—8 


b 


— — 


* v 


‘ 


Einleitung rt 


genannt, um Ihn von ſeinem Neffen, dem Gpiſtolo⸗ 
graphen Plinius, zu unterſcheiden, wurde im neunten 
oder zehnten Jahre der Regierung des Tiberius, 
unter dem Conſulate des C. Afinius Pollio und des 
C. Antiſtins Veins, im Jahre der Stadt 776 (23 ' 
nad Chr.) geboren, *) und -verlebte die Zeit feiner 
Kindheit wahrfcheinlih auf einem. der zahlreichen, 
feiner Familie angehörenden Landgüter in der Um⸗ 
gegend von Como. Lim einen gründlichen Unterricht 
zu genießen, Fam er im früher Jugend (vielleicht in 
feinem zehnten Jahre) nad) Rom, wo er jedoch den 


Wärtling Tiberius wicht mehr fah, der bereits feinen - 


beftändigen Wohnfeh zu Eapreä aufgefchlagen hatte. 
In feinem dreizehenten und vierzebenten : Lebensjahre 
befand er fich zunerläffig in der Hauptfladt der Rö⸗ 
mifchen Welt; denn er ſah nach feiner eigenen Aus: 
fage **) um dieſe Zeit die Eonfuln M. Servilius 
Romanus (35 nah Chr.) und Gertus. Papinius 
Allenius (36 nad) Ehr.), - 

Bon welchen Lehrern er ſeine wiſſenſchaftliche 





Man folgert diefe Augabe aus der Bemerkung des 
jüngern Plinius (IE, 5. VI, 16., daß fein Oheim 
im 5öften Jahre‘ feines Alters beim Ausbruche des 
Befuns, im Jahre 79 nad Chr,. umaefommen fer. 
»e) H. N. XXXVU, 21. XV, 10 _ 


\ Einleitung. 13 
Cohorten erlegt wurde, perfänlich bei. *) Er beſchreibt 
dieſes Ereigniß mit ſo fihtbarem Wohlgefallen,, daß 
man daraus unbedenklich. auf feine frühe Vorliebe 
für die Naturwiſſenſchaften fehließen darf.. Auch geht 
aus manchen Stellen feines Werkes **) hervor, daß 
die feltenen Thiere, Die er während feiner Jugend 
bei den Öffentlichen Spielen, welche- die. Kaifer und 
reichen Bürger dem. Molke gaben, ſah, fo. wie ans 
dere merkwürdige Naturprodäfte,, die aus der ganzen, 
damals bekannten Welt nad) Rom. geirhleppt und von 
den üppigen Reichen zur Schau geftellt wurden, fein 
Rachdenken reizten, und »ielleicht ſchon damals die 
Idee, eine Naturgefchichte zu verfuchen, hervorriefen. 
Der Umfang, feiner Kenntniffe läßt jedenfalls auf 
ſehr frühen und fehr anhaltenden Fleiß Schließen. 

Die Liebe. zu den. Wiffenfchaften hielt aber 
Dlinius keineswegs ab, feine Bürgerpflichten zu er 


- füllen, und fich eine bedeutende Stellung im Gtaate 


zu gewinnen. Nach einer freilich durch Eeinen bes 
ſtimmten Beweis unterftüsten Vermuthung foll er . 
fih Hauptfächlich dem Seewefen, gewidmet, und feine 
erſten Kriegsdienfte auf der Flotte, mit welcher Kaiſer 
Claudius nach Britannien ging (43 n. Chr.), geleiftet 


— ‘ 
lbid. L IX. c. 5 
* 3. B. . XVII. c. 4. l. XXIX. % 12. 


'. 


AU, Binleitung 

haben; *) und doch fpridyt Ptinius wie als Ar 
jeuge von irgend einem Sreigniſſe in Sritan 
Bas et fonft bei feiner Gelegenheit verfäumt. 
gegen verrathen feine VBenierkungen aber A 
ſeine perſonliche Anweſenheit in dieſem Erbtheile, 
fchon man über bie Zeit, in welche diefer B 
fallt, nichts Zuverlaſſiges Außern kaun. Wach 
gewoͤhnlich angenommenen Meinung machte Pi 
entweder ale Seemann, oder zu feiner -weitenen 
ſenſchaftlichen Ansbitdung diefe Reife nach Afril 
feinem zweiundzwanzigſten Jahre (44 nad € 
2er Beweis jedoch, weichen man für dieſe A 
beibringt, zerfätt in Nichte, ſobald man ihn ı 
betrachtet. Plinius erzählt naͤmlich *) bei Belege 
der närriliben Behauptung, daß Weiber in WR 
verwandelt werben Tonnen, er felbfi babe in 
Afrikaniſchen Stadt Thhodrus (EI Dſchemme) 
gewiſfen L. Eoſſiecus geſehen, der an feinem. ! 
| Jeittage · ploͤtzlich aus einem Weibe in einen Dan 
‚wandelt worden: fey. Da mım Phlegon Trallianus 
ein Ähnliches Ereigniß, welches unter dem Con 
EM. Vinicius und T. Statitins Taurus (Ab * 





9 Rezzonico, Tom. I, p. 141. 142. 
**) H. N. l. VI. c. 6. 
***) De mirabil, 4, & 


m. — — 





Einleitung. 45 
zu Antiochia in Kleinaſien vorgefallen ſeyn foll, ans 
führt, fo Hat man beide Wunder, obſchon Phlegosn 
feinen Mamen nemmt, mit einander in Berbinbung 
gebracht, und daraus Die Zeit, in welcher Ptinius 
fih in Afrika aufbielt, gefoigert. Man ſieht daraus, 
daß bisfe Hypotheſe bei weitem nicht hinreicht, um 
Diejenigen , weiche Die Reife des Plinius nach Afrika 
fpäter, ‚und zwar in »ie erſten Megieringsjapre 
Bespaitans ſetzen, zu ‚widerlegen. Ob dieſe Reife 
ührigews her auf den Sandfkri bed heutigen Tunis, 
den er genau und in den mannigfaltigften Beziehungen 
durchforſchte, *) ſich beſchraͤnkte, ober ob er auch nad 


Aegypten und Griedientand Fam (wie man deßwegen, 


weil er die Obelisken und bie Werke bes Phidias 
ſo genau beſchreibt, #4) annehmen zu müſſen glaubt), 
wollen wir nieht weiter unterfuchen, weil eine ſolche 
Bemühang dorb zu Feinem beſtimmten Raſultate 
führen wäürbe. 

"Lange fann dieſe Neiſe des Plinius in beinem 


Folle gedauert haben; denn ſchon im folgenden Jahr 


(45 nah Ehr.) finden wir ihn bei dem Röoͤmiſchen 
Heere in Germanien, wo er unter den Befehlen des 
befannten Feldherrn Lucius Pomponius, den er ſelbſt 





N; N. Lu XKXVI. PR RESET BE 


46 Einleitung. 


einen eben ſo ausgezeichneten Bürger als Re 
‚nennt, =) ftand!. Er diente bei der Reiterei, 

“erwarb fi) durch feine militärifcehe Geſchicklichkei 
wie durch feine übrigen Kenntniſſe die Zufrieden 
- des Generals in jo hohem Grade, daß er zum 
führer eines Gefchwaders ernannt wurde. Viell 
hatte‘ er diefe fchnelle Beförderung zum Theil 

feinem um bdiefe Zeit verfaßten Werkchen „Ueber 
Speerwerfen der Reiterei“ gu verdanken; denn 

im. Lager beſchäftigte er fih unermüdlich mit 
Wiſſenſchaften. Seine. forfchenden Blicke nach < 
Seiten. hin richtend, durchſtreifte er das. feind 
Land allenthalben, wo ihm die Anwefenheit Ri 
{her Truppen die Befriedigung .feiner Wißbegi 
erlaubte. Er kam bis an die Mündung der Donau 
und in das Land der Chaufen, **") eines deuti 
Volksſtammes, der zwifchen der. Ems und der 

wohnte. Die Bermuthung, daß er bei dieler 
legenheit die Küfte des Mordmeeres befahren 1 
entipricht zu ſehr dem Forfchungsgeifte des Plit 
als daß man fie völlig zurückweifen dürfte. - 





“ H.N.L XIII. c. 26. 
» Ibid. 1. XXXI. c. 19. 
id, 1. XV. 4. 


— 


- Einbettung. 17. 

An dire Zeit befuchte Plenins auch das Bei⸗ 
aifhe Gallien, wo Der Vater des Geſchichtſchrei⸗ 
bers Tacitus das Amt eines Eaiferlichen Proairätors 
defleidete. Ein anderer Sohn dieſes reihen Beamten 
sog hefohders die Aufmerkſamkeit des Naturforſchers 
auf fi. Diefer Hatte nämlich In feinem fecheten 


Jahre die Geſtalt eines ausgewachſenen Mannes, 


woraus man auf einen. frühzeitigen Bob ſthließen 
Eonnte. Das Rind ftarb auch bald duranf; *) aber 
die freundfchaftlichen Berhältniffe zwiſchen Minius 
und ben betrüdten Sttern dauerten fort, und. er 


neuerten ſich zwiſchen dem Sohne des Prornrators, 
welcher in der hiſtoriſchen Kunſt als einer der erſten 


— — 


Sterne glänzt, und dem Meffen des Minins, welcher 
in feinen Briefen von der Innigkett diefer Freand⸗ 
ſchaft der Nachwelt Zeugntiß gibt. 

Die mit fo großer Anſtrengung geſührten Kriege 
der Römer an Ben Ufern des Rheins nnd der 
tapfere Widerſtand der Germanen gegen die in allen 


‚ andern Länderti Tiegreihen Waffen des weltbeherr⸗ 


Menden Bölkes Mußten Plinius ein würdiger Se: 





%Ibid,. 1, VIE c. 49. Bat. Ajeffon de Grandfagnee 
‚Ercurs zu diefer Stelle in der Parifer Ausgabe des 
Plinius (1827), Tom. II. p. 365—270.: 


€. Pihiind 9atargeſch. 18 Bode. 2 


48 | ‚ Einleitung. 


genftand der Behandlung ſcheinen, und er glaubte 
ſich zu dieſem Unternehmen verpflichtet, als ihm die 
Geſtalt des Druſus im Traume erſchien, und ihn 
aufforderte, fein. Andenken der Schmach der Ver— 
geſſenheit zu entreiffen. *) - Er fammelte nun wäh= 
rend des unruhigen Yagerlebens in Germanien, mitten 
unter den alten Kriegern, welche fo vielen gefahrvollen 
und erfolglofen. Feldzügen beigewohnt hatten, die 
nöthigen, Materialien, um fie fpäter nah Muße zu 
bearbeiten. 

Dieſe Zeit war nicht mehr ferne; denn ale 
Pomponiusnac, dem Siege über die Katten Germanien 
verließ, um zu Nom die Belohnung feiner Thater 
zu erhalten (52 nach Chr.), begleitete ihn Plinius 
‚und verließ nach fiebenjährigen Dienften die milit& 
riihe Laufbahn. Daß er ſich fogleich nach Rom be 
gab, läßt fih aus feiner Aeußerung, **) daß e 
dem von Claudius gegebenen Schaufpiel eines Sex 
treffens, welches zu Ende des Jahres 52 nah CH: 
ftattfand, beiwohnte, mit Zuverläjfigkeit fchließeı 
Nach dem Beilpiele anderer großen Staatsmänne 
Melche zuerft Die Waffen getragen und dann ihre: 
Daterlande ale Sachwalter gedient hatten, widnne 





2) Plin, Epist. III, 5. — 
*) H. N. 1. XXXIII. c, 49. Val. Taciti Annal. zur, 56. 


ai .'ıN: 
x 


Einleitung. 19 
er fih nun der gerichtlichen Beredfamfeit; doch fcheint 
ihn dieſe Befchäftigung nicht lange. Zeit angefprocden 
zu haben, *) theils weit feine Bemühungen nicht 


von dem erwünfchten Erfolge gekrönt wurden (er war. 


wohl ein gemandter Grammatiker und Rebdekünft er, 
beſaß aber ſchwerlich das cigentliche NRednertalent), 


theils auch, weil er felbft feinen Zwech, die Sophi⸗ 


ftenfünfte von der Rednerbühne, wo fie fich unter 
den fchlechten Fürften feftgefegt hatten und ihre 
Rechnung fanden, zu vertreiben, als unerreichbar 
erkannte. Er gab fih nun ganz wieder den For: 
ſchungen im Gebiete der (Heichichte und ter Natur: 


wiſſenſchaften Hin, und vollendete suerft die Biographie - 


feines Feldherrn und Freundes Pomponius. Godann 
ließ er fein Werk über die Germanifchen Kriege er: 
icheinen, und erwarb fich dadurd eine. bedeutende 
Stelle unter den gefchäßteften Hiſtorikern. 

> Man darf der Vermuthung, daß ſich Plinius 

waͤhrend dieſer Zeit, in welche feine meiſten ſchrift⸗ 
ſtelieriſchen Arbeiten fallen, abwechſelnd zu Rom und 

| zu Como aufhielt, um fo cher Raum geben, weil 
die leßtere Studt der Wohnort feiner Schweſter, die 


ihm bereits einen Meinen Neffen geboren hatte (61 


nach Chr.), war. Dort faßte er auch wahrſcheinlich 
*) Plin. Epist, 111, 5. | ' 
28. 


20 — EHinleitung. 

Ve Idee zu feiner Schrift über die wiſſenſchaftl 
Ausbildung junger. Lente, welche feinem Treffen 
Leitfaden dienen: follte. 

Die erften Regierungsjahre Merd's, welcher 
Schuͤker des Kriegers und Gtaatsmannes Afrau 
Burrhus und des Philoſophen Marcus Annaͤus 
era zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigte, ſchie 
beffere Zeiten für literarifche Unternehmungen ber 
Führen zu. wollen, und Minis ließ fich dadurch | 
Kelten, eine Geſchicht⸗ ſeiner Zeit auszuarbeiten. 
AH aber ſpäter der wahre Charakter des grauſan 
Herrſchers zum allgemeinen Schrecken nur zu 
. entwickelte, und auch die mäßigiten Ermartun: 
taͤuſchte, erfannte der Sefchichtichreiber die Gefa 
mit feinem Werke hervorzutreten, und fing an, 
mit etymologifhen Forſchungen zu, befaffen. So « 
ftand feine Schrift über unbeftimmte Worte, wei 
freilich von dem Throne herab keine Ahndung zu 
fürchten brauchte, aber einen furchtbaren Lärm m 
den an bergebrachten Anſichten feftflebenden Sn 
matikern erregte. *) 

Die Vermuthung, Plinius könne unter der 
gidrung Nero's zum zweitenmal, und zwar mit Til 
deffen freundliches Benehmen im gemeinſchafttit 





—V 


Einleitung, 24 
Lager er rühmt, *) in Sermanten geweſen ſeyn, **) 
> ermangelt fo ſehr jedes auch nur einigermaßen wahre 
ſcheinlichen Stüspunftes, daß man fie entfchieden zu⸗ 
rückweiſen muß. . Literarifche Arbeiten kheinen ihn 
bis zu dem Augenblicke in Anſpruch genommen zu 
haben, wo ihn Nero zum Procurator in Spanien 

3 ernannte (67 nad Er.) 

Wie es Fam, daß der Kaifer fein Augenmerk 
auf Plinins warf, möchte ſchwer zu etrathen ſeyn. 
Vieleicht hrelt er den gelehrten und fi) in grammas 
tiihen Spitfindigfeiten gefallenden Mann für gänzlich 

‚ unichädlich, vielleicht hatte ſich auch Minius durch 

2 feinen fehr bedeutenden Reichthum dieſe einträgliche 
Stelle zu verihaßen gewußt. Da zu. foldden Ber 
waltungsämteen gewöhnlid Leute aus dem Ritter⸗ 
itande genommen wurden, fo darf man annehmen, 
dag Plinius bereits zur Belohnung der gelaifteten 

,„ Mititärdienfte in diefe Klafle der Roͤmiſchen Bürger 

hinaufgezogen worden war. Auf disje Weife laäßt 
fih aud Die gauz beſondere Vorliebe, weiche er an 
vielen Stellen feines‘ Werkes für dieſen Stand zeigt, 
am natürtichften erfläxen. Die Geſchaͤfte eines Pro⸗ 
curators beſtanden in der Eintreibung und Verwaltung 





0) lbid. 6. 3. 


22) Rezzonico, Tom, I. p. 160. 468. 


- 


22 Einteitung., 


der kaiſer ichen Gefälle, und mußten nothwendig viel 
Zeit in-Anfpruch nehmen. Der wißbegierige Plinius 
benüste aber mahrfcheinlich doch jeden freien Augenblick, 
um fsine Kenntniffe zu erweitern, und manche Aus: 
flüge mögen zur Beficht'gung einzelner Merkwürbig- 
keiten unternommen worden feyn. SKeinem Zweifel 
unterliegt 28, daß er das Rarbonenfiiche Gatlien 
befuchte; denn er bezeichnet feıbft feinen Aufenthalt 
in der Stadt der Bocontier ( Raijon) deutlid) genug. 9) 
Doh kann er auch fpäter als Admiral der Miſeni- 
Shen Flotte. welchem die einzelnen Schiffeabtheilungen 
an ten Küſten von Stalien, Sizilien, Sardinien, 
Afrika, Spanien und Gallien, mith'n auch das zu 
Forum Julii (Frejus) ftarionirfe Gefchwader, unter- 
geordnet waren, **) «in dieſe Gegend gefommen feyn, 
und man darf alio keineswegs aus dem Aufenthalte 
des Plinius in dem Narbenenfiihen Gallien, deſſen 
Zeitpunfe fich nicht : ‚genau beitimmen läßt, die vor= 
eilige Folgerung zieben, daß er Procurator in dem 
Dieffeitigen Epanien (Hispania citerior) müſſe ge— 
wejen ſeyn. ****) 

Waͤhrend feiner. Abweſenheit ftarb zu Como fein 





\ A N. IT c 59. Bat. Regyonico, Tom. I, p- 164. 165. 
**) Vegetius de re milın |, 5. 
***, Rehzonico, Tom. ]. p. 160. 161. 


uw 


u 


. 


Einlestung. 23 


Schwager C. Eäcilins, und hinterließ einen minder: 
jährigen Sohn: Plinius forgte fogleich väterlich für 
denfeiben, und beitellte Verginius Rılfus, einen der 
angefehenften Staatömänner, zu feinem Vormund. *) 
Bald darauf verließ er Spanien, und ging wahr 
fcheintich über Eomo, wo er feinen Neffen an Kindes: 
itatt annahır, nah Rom zurück. Dabin folgten ihm 
auch feine Schwefter und fein Adoptisfohn, dem er - 
die ſorgfaͤltigſte Erziehung geben ließ. 

In Rom hatte ſich im Verlauf weniger Jahre 
Manches geändert. Nero hatte ein ſchändliches Ende 
genommen; alba, Dtho und Bitelllus waren nur _ 
ichnell vorübergehende Erjcheinungen gewefen, und 
Beipafian hatte bereits den Thron beftiegen. Streng 
und fparfam von Jugend anf fuchte diefer Kaifer 
eine Reform der fehr im Argen liegenden Sitten 
feiner Unterthanen zu bewirfen, den Gejegen Achtung 
zu verfchaffen, "und die Wiſſenſchaften und Künfte 
durch angemeflene Belohnungen zu fördern. Boten 
fih alfo schon überhaupt jedem verdienftoollen Manne 
beffere Ausfichten , fo hatte beſonders Plinius nicht 
Geringes von "der Gnade eines Kaiſers zu hoffen, . 
mit dem er jchon in früherer Zeit im Lager Freund: 
haft geichloffen, mit dem er in Germanien Die Mügen 


°) Plin, Epist, II, ı. 





> 


24 Einleitung, 


und Gefahren nmiehrexer Feldzüge getheilt hatte. Dies . 
fer würdigte ihn. denn auch feiner befonderen Freund⸗ 
(haft, uyd überhäufte ihr. mit Gynftbezeugungen. 
Der. Kaiſer arheitete gewoͤhnlich ſchon vor Tagesan⸗ 
bruch, und Plinius durfte ihn um dieſe Zeit befu= 
cheu, *) was wenigen Auserwäplten geſtattet war. 
Man hat nicht gezögert, aus dieſem engen, Verhaͤltuiß 
den Schluß zu ziehen, Bespafign müſſe feinen Günft- | 
‚ling fogleih zum Senator gemacht haben, **) und 
bald war diefe Bermuthung von vielen Literarhiſto⸗ | 
rifern zur Gewißheit erhoben, Man darf aber nur 
bedenken, daß Vespaſian, obſchon er im Anfange 
"feiner Regierung tie alte Würde des Senats wieder⸗ 
herfielken zu wollen ſchien, fpäter dieſe Korporation, 
durch ihre allzugroßen Anfprüche ärgerlich gemacht, 
nicht mehr wohl leiden modte, und alſo gewiß nicht 
ernie feine Günitlinge zu Mitgliedern derjelben be- 
Örderte; taß ferner Plinius in feinem ganzen Werke 
ten Senat faft gar nit der Erwähnung werth hält, 
während er im Lobe ber Nitterfchaft allenthalben 
überfließt, fo, wird man diefe Hypotheſe höchſtens ale 
eine foldhe betrachten können. Eine andere Dermu- 
thung, daß Plipius auch den: Feldiug in Indäa 


*) Plin. Epist. III, 6. | 
**) Rezaonico, Tom, I. p. 167. 


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un 2 


wi 


Einleitung — 2 2a 


mitgerageht und der Groberung Jearufalems beige 
gewohnt habe, follte ınan wohl gar nicht anführen, 
da fie geradezu Dem bisher angeführten Thatſachen 
widerfpricht. Als Pinius aus Spanien zurüekkam, 
war der jüdische Krieg längſt heendigt, und wäre er 
in Palaäͤſtina geweſen, fo hätte er als Augenzeuge i in 
ſeiner Naturgeſchichte Genaueres und Zuverlaͤſſigeres 
über dieſes merkwürdige Land barichtet, als wir darin 
finden. Wohl ſehen wir aus der Vorrede zur Naturge⸗ 
ſchichte, daß Plinius in ſehr freundſchaftlichen Verhaͤlt⸗ 
niſſen mit Titus, dem Eroberer Jernſalems, ſtand, 


und dieſe Thatſache mag zu dem Maͤhrchen von ſeinen 


Kriegsdienſten in Judäa Veraulaſſung gegeben haben. 

Es läßt ſich übrigens keineswegs bezweifeln, daß 
Vespaſian feinen Günſtling von Stelle zu Gtelle . 
hob, bis er ihn endlich zum Admiral der Miſeniſchen 
Flotte machte, *) und ihm dadurch nicht nur zur Erwer⸗ 


- bung bedeuteuder Schaͤtze, ſondern auch zur leichteren 


Vermehrung feiner Kenntniffe Gelegenheit gab: Plinius 
arbeitete nun raſtlos an feiner Naturgeichichte,, Die. 


‚er auch, da die. Materialien in einer langen Reibe 


von Fahren bereits gefammelt waren, bald vollendete, 
Seine naturwiffenichafttihen Studien feste er jedoch 
immer uoch fort, bis ar durch feine Wißbegierde, hin 


*) Plin. Epist, 1, 5. . s. " 


nd .. — 


b 





26 Finleituns. 


ihn keine Gefahr ſcheuen ließ, bei ‚tem ſchrecklichen 
Ausbruch des Veſuv (79 nach Chr.), welcher Pompeji 
und Herkulanum verſchüttete, den Tod fand. 

Plinius hielt ſich gerade zu Mifenum, wo er die 
Flotte in eigener Perſon befehligte, auf, als dieſer 
Ausbruch erfolgte. Seine Schweſter benachrichtigte 
ihn am 23 Auguſt um.4 Uhr Nachmittags, daß eine 
Wolfe von ungewöhnlicher Größe und Geſtalt aufn 
fteige. Er hatte fich bereits nad feiner Gewohnheit 
gefonnt, kalt gebadet, und war nad) dem Eifen, auf 
ein, Ruhebett hingeſtreckt, mit feinen Studien bes 
fchäftigt; er forderte aber auf jene Meldung feine 
Schuhe und beitieg eine Anhöhe, von mo aus man 
die wunderbare Erfcheinung am beften beorachten 
konnte. Eine mächtige Wolfe wirbelte aus dem Ve⸗ 
fup empor; fie flieg zuerit, Durch den unterirdifchen 
Druc getrieben, gleich einem langen. Stamme in 
die Höhe, und goß fich dann durch ihre eigene Schwer⸗ 
kraft in die Breite, fo daß fle ungefähr die Geftait 
eines Sonnenfchirms bekam. Hie und da war fie 
weiß, an andern Gtellen dunkelgrau und gefleckt, je 
nachdem fie mit Aſche oder Steinen gefchwängert war. 
Die ungewöhntiche Erfcheinung erregte die Aufmerk⸗ 
famkeit des wißbegierigen Naturforfchers in fo hohem 
Grade „daß er ſie in der Nähe zu beobachten beſchloß. 


— 


— 


Einleitung. 27. 


Schon Hatte erden Befehl gegeben, ein leichtes Schiff 
ſegelfertig zu halten, als von den zu Reſina in der 
Bai von Neapel liegenden Seeleuten ein Schreiben 
ankam, er möge fie aus großer Noth erretten. Pli⸗ 
nius änderte fogleich feinen Plan, und lief mir der 
Flotte aus, um der ganzen bedrohten Küſte zur Dülfe 
zu eilen. Gefahr fonnte ihn nie irre machen, und fo 
dictirte er auch hier alle Begebenheiten und Geftal- 
tungen der Unglücksſcene. Je näher fie dem Schau: 
plate des furchtbaren Naturereigniffes kamen, defto 
dichter fielen glühende Aſche und Bimsſteine auf die 
Schiffe, welche bald der plößlichen Untiefe wegen 
nicht weiter vordringen, und auch an der Küfte, welche 
der Auswurf des Berges unzugänglich gemacht hatte, 
nicht landen konnten. Man war einige Minuten un: 
ſchlüſſig, und der Steuermann rieth zur Rückfahrt, 
als Plinius ihm zurief: „fahre mic zu Pomponianus; 
das Glück begünftigt den Muth!“ Pomponianus 
wohnte auf der andern Geite-der Bai, zu Gtabiä 
(Sartello a Mare), und hatte bereits, ale er die 
Gefahr immer näher Eommen fah, feine Habe auf 
Schiffe bringen lafien, um, fobald der Wind die Ab- 
fahre erlauben würde, zu entfliehen. Plinius ermun⸗ 
terte,den Zagenden, und ließ fich, um feinem Freunde. 
alle Furcht zu benehmen, in's Bad bringen, und fpeiste . 


28 Einleitung. 


nach dem Bade mit der größten Heiterkeit. Unter⸗ 
deſſen fliegen au mehreren Stellen des Veſuv Flame 
men empor, deren Glanz durch die Dichte Finfternig 
noch mehr erhöht wurde. Plinius mochte wohl. ſekbſt 
die Größe der herannahenden Gefahr nicht ahnen; 
denn er. fuchte feine Umgebung immer nad durch die 
Behauptung zu ermuthigen, die Flamman ſeyen nichts 
anderes als brennende Häufer, weiche Die erichveekten 
Landleute verlaffen hätten, Gr begab ſich fagar zur 
Rue, und fchlisf furchtlos und feſt ein; denn die 
Diener vor der Thüre hörten ihn deutlich Athem 
holen, was ihm ſeiner bedeutenden Beleibtheit wagen 
ſchwer fiel. Bald aber haͤuften ſich in dem Vorhof, 
ans welchem man in das’ Schlafzimmer trat, die 
Aſche und die ausgebrannten Steine fo fehr, daß man 
ihn aus der gegründeten, Beforguiß, er müde bei 
längerem Zögern nicht mehr herauskommen Rönnen,. 
weckte. Alle Anderen hatten gewacht, und man es 
rathſchlagte nun gemeinſchaftlich, ob man fih im'e: 
Freie begeben, oder im Haufe bleiben. folle. Beides 
mar gefährlich: die Hänfer wanften durch die anbal⸗ 
tenden: ftarken Erdftäße, und mau mußte jeden Au⸗ 
gonblick fürchten, unter ihren Trümmern hegrabem 
a4 werden; im Freien Dagegen fielen die Bimsſteine 
und die gkühende Aſche immer dichter. Man wählte. 


Einleitung. 9 
jeboch bald einftimmig das Letztere, band Polſter auf 
die Köpfe, und fuchte Das Meer, auf welchem man 
allein Rettung Hoffen Tonnte, zu erreichen. Ander⸗ 
wärts war bereits der Tag angebrochen; aber bie 
Senne Yied gänzlich unführder, and man mußte mit 
Fackeln ben Weg ſuchen. Dad Meer fand man fo 
wild und ungeſtüm, daß man, fi nicht ihm anzu⸗ 
vertrauen wagte, ‘ Plüriüs legte ſich auf ein ausge⸗ 
Dreitttes Tuch, und ſuchte feinen Durjt mit kaltem 
Waſſer zu ftillen. Die Flammen famen immer näher, 
und der ihnen vorausgehende Schwefelgeruch ſcheuchte 
Aue indie Flucht, auch Plinius verſuchte aufzuite- 
den, fank aber ſogleich todt nieder, wahrſcheinlich 
durch den Dampf erſtiekt: denn feine Luftröhre mar 
vn Natur ſchwach und 'enge, und litt häufig an 
Krämbfen. Drei Tage fpäter, als man fih der Ge: 
gend wieder nähern konnte, fand man ihn völlig un: 
verletzt und in dem Zuſtande, wie er niedergeſunken 
wor, eher einem Schlafenden, als einem Torten 


apntich ) 


°, ey Plio, Epist. VI, 46. In der dem Suetonius zugeſchrie⸗ 
benen Bi ographie Des Piinius wird die Nachricht mit: 
getheift, er habe ſich, als er feinen Tod dur die 
glühende Aſche dorausſah, von einem feiner @claven 
entleiben laſſen. Da aber fein Nıfe wicht der Art 


30 | Einleitung. 


So art Plinius in dem 56 Jahre feines 2 
ters: er gilt mit vollem Recht als der gelehrtei 
Mann Roms im erften Jahrhundert der Kaiferzeit. 

„Du wunderft dich,“ ſagt fein Reffe, **) „de 
diefer mit Geſchäften überhäufte Mann fo viele B 
‚cher und unter diefen manche von Außerft ſchwierige 
Inhalt fchrieb; du wirft dich noch mehr wunder: 
wenn Du erfährft, daß er einige Zeit Nechtehänd 
führte, daß er die wichtigften Staatsämter befleidet 
und daß ihm ein nicht geringer Theil feiner Ze 
durch feinen vertrauten Umgang mit dem ihm gewı 
genen Hofe entzogen wurde, Uber er befaß eine 
durchdringenden» Geift, unglaublichen Fleiß und dı 
beharrlichite Negfamkeit. Schon im Auguft arbeiter 
er bei Licht, im Winter von ein oder zwei Uhr de 
Nachts, oft aber auch ſchon von Mitternacht ar 
Schlafen Eonnte er, wann er wohte und wann es ihı 
gelegen war,. und nicht felten überfiel und verließ ih 
der Schlummer während der Arbeit. Bor Tagesanbruc 
begab er fi) zum Kaifer Vespaſian (denn auch Diefe 


—— 





ſagt, oder auch nur ahnen laßt, fo ſcheiut es fpätere 
Gerede zu ſeyn. 
9 Die Bilduiffe des Plinius bei Rezzonico (Tom. ] 
p. 126 und 190) find offenbar unächt. 
®*, Plio. Epist, 11], 5. | 


\ 


Einleitung.’ 34 


arbeitete des Nachts) und von 9— an feine Berufes 
geichäfte. Sobald er aber diefe abgethan hatte, Fam 
er nah Haus, und widmete alle übrige Zeit den 
Studien. Nach einem mäßigen und einfachen Maple 
legte er fih im Sommer, wenn er Zeit hatte, in die 
Sonne, lad ein Bud und machte Anmerkungen und 
Auszüge; denn er las Nichts, ohne Diefes zu thun, 
und pflegte immer zu fagen, Bein Buch fen fo Schlecht, 
dag man nicht wenigftens Etwas daraus lernen könne. 
Nachdem er fich gefonnt hatte, nahm er gewöhntich 
ein faltes Bad, aß dann ein wenig, fchlief eine kurze 
Zeit und fludierte dann wieder bis zum Nachteffen. 
Während deffeiben wurde ein Buch vorgelefen, und 
flüchtige Bemerkungen dazu gemacht. Ich erinnere 
mich, daß mein Oheim, ale einer her Freunde 
den Borlefer, welchen Etwas falfch „ausgefprochen 
hatte, unterbrach, und ihm das Geleſene noch einmal 
zu wiederholen befahl, zu ihm fagte: „„du batteft es 
doch wohl verſtanden?““ und als Jener es bejahte,. 
erwiederte : „„nun — warum hielfeft du ihn denn im 
Leſen auf?-Du haft uns Dadurch um mehr, als zehen 
Zeilen gebracht.““ So übertrieben fparfam war er 
mit feiner Zeit. Im Sommer ftand er noch bei Tag 
von dem Abendeflen auf, im Winter fogleich nad 
Anbruch der Nacht, und darauf hielt er fo fireng, 


k "Einleitung. 
als wenn ihn ein uihbertretbares Geſetz dazu 
zwangen hätte. So febte er mitten im Geräuf 
der Stadt und unter feinen Amtsgeſchäften; befe 
er fi aber auf dem Land, fo war nur die Bade; 
frei vom Gtadiren, und zwar nur fo fang, als 
wirklich im Babe ſaß; denn während er abgetiel 
‚und abgemifcht wurde, mußte ihm vorgelefen werd 
dber er diktirte Etwas. Sogar anf Reifen war 
einzig und allein mit den Studien beſchaͤftigt, und 
feiner Seite ſaß ſtets ein Schreiber mit dem Bu: 
und der Schreibtafel. Diefer hatte des Winte 
Handſchuhe an, damit die Studien zu keiner Jahre 
zeit auch nur einen Augenblick unterbrochen würde: 
ans derſelben Urfache bediente er fih auch in Re 
einer —— Gärfte." 

Wie wenig Minius von Pebantisinus frei we 
fiebt man ſchon and diefer Schilderung. Hätte 
nicht ftets nur Bücher befragt, fondern ſich auf fein 
Reifen mehr mit der Natur und dem Leben felt 
veihäftigt, fo wäre feine Natureſchichte mit we 
weniger Albernheiten, die auch eine nur ganz oberfläc 
liche Beobachtung als ſolche erkennen muß, angefüll 
und würde für uns eine weit reichere Fundgrube di 
alten Gelehtſamkeit ſeyn, als fie wirklich ft. 

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1 


Einleitung. 35 
Ehe wir jedoch zur näheren Charakteriſtik der 
Raturgefhicdte übergehen, wollen wir die Werke 
des Plinius, welche nicht mehr vorhanden find, nam: 
haft machen, und die fpärlihen Nachrichten über 
ihren Inhalt zufammenftellen. : | 

4, Ueber das Speerwerfen der Reiterei 
(De jaculatione equestri), e in Buch. Plinius ſchrieb 
dieſes Werkchen (um 47 oder 48 nach Chr.) als Be⸗ 
fehlshaber eines Reitergeſchwaders in Germanien, *) 
machte es aber wahrfcheinlich erft nach feiner Zurüd: 
kunft nah Rom bekannt. Rezzonico **) glaubte 
diefe Erftlmgsarbeit des Plinius wiedergefunden zu 
haben, als er in einer Handfcheift in einer Bibliothek 
zu Rom den Xitel: „‚Incipit liber de jaculatione 
equestri Plinii Secundi‘‘ las; es fand fid) aber 
weiter nichts vor, als eben der Titel. 

2. Das geben. des Pomponius Secundus 
(De vita Pomponii Secundi), zwei Bücher. ***) 
Pomponius, unter welhem Piinius in Germanien 
diente, itarb bald, nachdem ihm die Ehre des Triumphs 
zu Theil geworden war (6i nad) Ehr. ) , und- es it 





) H. N. l. vm. o. 65. Plin. Epist, m,s 5. 
*®) Disquis. Plinian, Tom; I. P. 150. | 


ı "*) Plia, Epist, Il, 5. 


€. Plinins Matungefc, 18 Bochn. 3— 


34 - Einke it un & 


wahrſcheinlich, daß Plinius die Biographie des vr 
hochgeachteten Feldherrn nicht lange nach deſſe 
herausgab. 
5 Die Germaniſchen Kriege, in zu 
Büchern (Belloram Germaniae libri viginti), | 
er, durch einen Traum, in dem ihm Drufus er| 
‚angefeuert, während feines Aufenthalts in Germ 
begaun, und nad feiner Zurückkunft nad: Ron 
öffentlichte (um bi nad Chr.). Der Berluft | 
ausgebehnten Werkes, das bie Geichichte aller K 
weiche die Römer mit den Deutſchen führten, 
faßte, *) if fehr zu bedauern, Wir würden Dr 
den damaligen Zuſtaud unferes Baterländes g 
genau Eennen lernen. Man trug fi deßhalb fi 
‚gerne mit: einem unverbirgten. Gerücht, es be 
ſich eine Handſchrift diefer Bücher über die Ge 
niſchen Kriege im Augsburg oder zu Dortmun 
Weſtphalen; **) neuere Nachforſchungen aber h 
die Sage zu einer. offenbaren Züge geftempelt. 
- Wert mar übrigens fchon. im vierten Sahrbur 
nicht haufig mehr anzutreffen, wie ung Sommadas, 
ein Schriftfteller diefer Zeit, berichtet. 

*) Plin, Epist, Ill, 5. Tacit. Anaal, I, 69. 

®*) Monumenta Paderbornensia (Francof, et Lips, 1713 

p. 72. Vgl. Rezzonico, Tom, 1. p. 453. 

®se) Epist. IV, 48, 


Ä 


- Einleitung. "Ss 

4, Der Gelehrte, In drei Blichern (Stadiosi 
Ubriſtees), im welchem Werke Jeder, ver ſich der 
Redekunſt widmete, den nötigen Unterricht von der 
Wiege an bis zu feiner Vollendung fand. Es ging 
{9 fehr ins Kleinliche, daß es fogar die Art und 
Weiſe vorſchrieb, mie ein Rednet den Schweiß im 


Geſicht abzuw iſchen habe, damit feine Haare nicht in 


Unsrdnung kämen. *) Plinius ſchrieb es wahrſchein⸗ 
lich zur Belehrung ſeines Neffen, und er mag die 
Ausarbeitung" bald nach deſſen Gebutt (61 nach Chr.) 
begonnen Haben. 
5. Ueber unbeftimmte Worte (Dubii ser- 
monis libri VIIL), ein Werk grammaliſchen Inhalts, 
welches fpätere Grammatiker, wie Priscian, Diome⸗ 
des und. Chariſius, fleißig benützten. Plinius ſchrieb 
es in den letzten Regierungsjahren Mero's, in welchen 
die unertraͤglichſte Tyrannei jeden Aufſchwung bes 
Geiſtes und jedes etwas freiere und ſelbſtſtaͤndigere 
Studium gefaͤhrlich machte. **) Die gleichzeitigen 
Philologen fanden Vieles an dieſer Arbeit zu tadeln; 
Plinius vergalt ihnen aber ihre Angriffe durch eine 
derbe Züchtigung in der Vorrede feiner Naturge⸗ 





®) Quintilian, instit, orat, x, 3, 183. 
* Plin. Epist, IL, 8. 
ge _ 


s6 . Einleitung. 


ſchichte. ) Vielleicht findet ſich diefes Wert nt 
einmal wieder; denn Johannes Tortellius von Arez; 
ein Schriftfteller des:fünfzehnten Jahrhunderts, vi 
ſichert in der Dedication feiner oft gedruckten Gra 
matik #9) an den Papft Nikolaus V., daß er vi 
Bücher. des Plinius über Grammatik benüßt hal 
Vielleicht irrte fih aber der gute Mann, 'oder wol 
er durch eine Lüge feinem Machwerke ein größer 
Anfehen geben. 

6. Eine Geſchichte ſeiner Zeit, in iD: 
chern, welche da anfing, wo Aufidius Baſſus, e 
geſchaͤtzter Roͤmiſcher Hiftoriker, deffen Werk über t 
Bürgerkriege nicht mehr vorhanden ift, aufhörte. »* 
Wahrſcheinlich begann Plinius mit der Regierung 
zeit Nero’s.+) Das Werk kam erft nad fein 
Tode heraus, weil man ihm, wie er felbft jagt, + 
die Herausgahe bei feinen Lebzeiten als Schmeiche 
gegen das Faiferliche Haus und als einen Verfuch, 
hohen Ehrenftellen zu gelangen, hätte deuten könne 





*) In I. $: 22—22. 
**, Commentarii grammatici de orthographia, erſte Au: 
Rom. 41471. Fol, Bgl. Rezjonico, Tom. I. p. 457. 1! 
°**) Piin. Epist, II, 5. Plin. H. N, I. §. 43. 
H H. N. I II. c. 86. 9. 2. c. 106. $. 12. 
D LI. 16. 16. 


Einleitung. 37 

7. Eine Naturgeſchichte, in 37 Büchern, 
von welder fogleich weiter die Rede feyn wird. 

8. Auszüge aus verfhiedenen Schriften Ä 
(Electorum commentarii), in 160 Bänden, für welche 
ihm, als er in Spanien Procurator war, Licinius Largus 
vierhunderttauſend Seſtertien (ungefähr 32,965 fl.) 
bot. *) Dieſe Excerptenſammlung war ohne Zweifel 
eine ungeordnete Maffe, die ſchwerlich zur Veröffent⸗ 
lichung taugte, und wohl auch nie veröffentlicht 
wurde. 

Daß Plinius auch eine Roͤmiſche Geſchichte von 
Anfang der Stadt bis auf ſeine Zeit und eine allge⸗ 
meine Geographie geſchrieben habe, ſind Annahmen 
einer früheren unkritiſchen Zeit, die auf falſch ver⸗ 
ſtandenen Stellen alter Autoren und auf Verwechſe⸗ 
lungen mit den angeführten Werken beruhen. 


“ ar 
2* 


„Die Naturgeſchichte (Historia naturalis) iſt 
das einzige Werk des älteren Plinius, welches der 
Zerflörung der Zeit entgangen iſt, aber ein Wert 
von unerfhöpflich reihem Inhalt, eine Encyclopaͤdie 
des gelammten Willens des Alterthums, die uns für 


- 


®) Plin.’Epist, III, 5. 


FB Ä Ginteitung. | 
den Verluſt vieler. alten Schriftſteler in der Haupt: 
fache wenigſtens entſchaͤdigt. Es umfaßt nicht nur 
das Meifte; Was wie jetzt unter Naturgeſchichte 
verſtehen, Zoologie, Botanik und Mineralogie, ſon⸗ 
dern: auch viele andere Zweiga des menfchlihen Wil: 
ſens, Medizin; Phyſik, Afteonomie, Geographie und 
Kunſtgeſchichte. Uber eben diefe große Ausdehnung. 
bes Werks ift auch fein größter Fehler. Denn Pli⸗ 
nius haste füch fehwerlich einen beitimmten Plan, ein 
wiſſenſchaftliches Syſtem bei der Anlage deſſelben ge⸗ 
dacht; auch war er weder Aſtronom, noch Geograph, 
noch Naturforſcher, noch Arzt, noch Kuͤnſtler, ſondern 
ein Staatsmann, der in ſeinen freien Stunden keine 
ehrenvollere Beſchaͤftigung kannte, als die mit den 
Wiſſenſchaften. Er las die vorzuͤglichſten Schrift: 
fteller der Griechen und Römer, fchrieb, was ihm 
merkwürdig fchien, nieder, und vereinigte fpäter die 
Ercerpte in ein umfaffendes Werk, welches er, weil. 
es die geſammte Welt mit allen ihren Erfcheinungen 
berührte, am zwechmäßigften eine Naturgefchichte 
nennen zu können glaubte. ' | 
Die Heransgabe des Werkes fällt in die letzten 
Regierungsjahre Vespaſians, wahricheinlih in das 
Jahr 78 nah Chr., wie Rezzonico aus der Zuſam⸗ 


⸗ 


vw 


..- 


Einleitung , ' 39: 
menftelung ‚miehverer Zeitbeſtimmungen in ber Nas 
turgefehicdhte richtig folgert. *) 

Das Wert iſt in ſiebenundoreißig Bücher abges 
teilt, von weichen das erfte die Zufcheift an Titus: 
und das Inhaltsverzeichniß über alle übrigen Bücher, 
fo wie das Berzeihniß der benuͤtzten Gchriftſteller 
enthaͤlt. Manche, befonders Harbonin und Poinfimet 
de Sivry, der franzöftfehe Ueberſetzer des Plinius, 
haben an der Aechtheit dieſes erſten Buches gezweifelt. 
Da ſich aber in der Zueignung an Titus manche 
Stetten: finden, die fein ſpäterer Berfäticher erdenken 
konnte; da ferner Gelius, ein Schriftſteller des 
zweiten Jahrhunderts nach Chr., dieſe Zuſchrift offen: 
bar vor Augen Hatte; 2) da endlich: Plinius felvſt 





9 Plinius nahlt zweimal (XIV, 5 XXVIII, 3.) von der 
Erbanung ber Stadt: bis zu der Zeit, wo er die anges 
führten Stellen rebigirte, 850 3. == 77 nad) Ehr., und 
. vos der Bolkszählung durch Wespafian und Titus 
(827 U. G. = 74 p. Chr.) an vier Jahre; alfa kann 

dieſe letzte Zeit beſtimmung (VII, 50.) fruheſtens im 
dJahr 77 niedergeſchrieben ſeyn. Vergl. Rezzonico I, 

472-175. 

**) Dgl. den Unfang ber Vorrede bes Gellius mit der 
De dication des Plinius, $. 18. 49, 26. 


d 


40 ., Einleitung. 


"das zweite Buch als das zweite anführt, *) weich 
doch, wenn Borrede und Inhaltsverzeichniß ‚und 
wären, Das erfte feyn müßte, fo fann man nid 
umhin, jeden Zweifel für unbegründet zu halte 
Was übrigens das Inhaltsverzeichniß betrifft, fo zei: 
ſchon der Augenfchein, daß es im Laufe der Zeit fa 
bis zur Unfenntlichkeit entftellt, und von den A 
fhreibern ‚wahrhaft gemißhandelt worden. if. D 
Grundlage ift jedoch äͤcht; benn Plinius felbft * 
bezieht fid darauf. | 
Das zweite Bud) beichäftigt fich mit der Kvı 
mologie; ihr folgt in vier Büchern (356) die Sei 
graphie der damals bekannten Welt: dann wird d 
Zoologie in fünf (7—A11) und, die Botanik in ad 
Büchern (11—19) abgehandelt. Die Arzneimitte 
lehre nimmt einen großen Raum ein, und zwar meı 
‚ ben die Arzneimittel‘ aus der Thierwelt in ad 
(20-27), die ans der Pflanzenwelt in fünf Bücher 
(28—32) aufgezählt. Die fünf lebten Bücher (3 
bis 37) umfaffen, die Mineralogie, mit Einfchluß de 
anf dad Mineralreih bezüglichen Arzneimittellehr: 
und in Berbindung mit dem fchönen Künften und be 


©) XVIL,.2. XVIO, 75. uch der jüngere Pfiniu 
(II, 5.) zählt 57 Bücher. 
*°) ], $. 16. 25. XVII, 5 


Einleitung, 4 


Technologie. Manche Bemerkungen ſtehen jedoch an 
Stellen, wo man fie nicht fucht: fo fpricht Plinius 
übe® viele Erfindungen am Ende bes fiebenten Buchs, 
und: befchreibt mandherlei Kunftdenfmäler in den geo⸗ 
graphiichen Büchern. 

Die Naturgeſchichte des Plinius hat manchen 
Tadel erfahren müſſen. Namentlich find es zwei 
Hauptvorwürfe, die an ihr haften: einmal bie obers 
flaͤchliche unkritiſche Benuͤtzung der zu Gebote ftehen- 
den Quellen; zweitens die ſchlechte, unfpftematifche 
Anordnung des Ganzen. 

Die Anflage, daß Plinius häufig. mit Weberei- 
lung und zu großer Schnelligkeit beim Ercerpiren 
verfahren, und an eine kritiſche Auswahl der Quellen 
gar nicht gedacht habe, tft zu jehr begründet, als daß 
man verſuchen dürfte, fie zurüchzumeilen. Plinius 
war Bein Naturforfcher, um darin liegt die Lrfache 
faft aller feiner Mißgriffe. Jeder Schriftfteller,, der 
ihm Merkwürdiges bot, war ihm angenehm: "ob er 
alt oder neu, ob er glaubwürdig oder voll Lügen 
mar, wurde ‚nicht nur ſelten beruͤckſichtigt, ſondern 
häufig ſogar das Ungewöhnliche, Wunderbare und . 
Abentenerliche mit fichtbarer Vorliebe hervorgehoben, 
and Unfinn, der ſchon von früheren - Naturforfchern 
genügend widerlegt war, von Meuem aufgetiſcht; 


42 Einleitung. 
Phautaſiegeſchopfe, wie geflügelte Pferde, ſind in der 
Zwlogie eben. fo ernftgaft aufgezaͤhlt und behandelt, 
wie die wirklich vorkommenden Tiere, . Oft!verftept 
auch Minius die Griechiſchen Kunſtausdrücke nicht, 
und gibt eine Ueberfegung , die etwas Anderes fagt, 
ald das Original; oft find gerade die charakterifti: 
hen ‚Merkmale bei der Beſchreibung der Thiere, 
Pflanzen und Steine übergangen, wodurch das Wie: 
dererfennen erfchwert, ja häuflg völlig unmöglich ge: 
macht if. Nicht ſelten wird verfelbe Gegenfland 
unter verfchiedenen Namen zweimal nnd noch öfter 
aufgeführt, und an diefer Stelle dieſe Anſicht über 
eine Naturerſcheinung mitgetheilt, an jener wieder 
eine verſchiedene: wie wäre Dies anders möglich, da 
Plinius die philofopgifchen Spfteme, welchen. bie von 
ihm benützten Gchriftfteller folgen, nicht beachtet, 
fondern nur Notizen auszieht und bunt zufammten: 
reiht? Wie Häufig mag er auch durch mündliche 
Nachrichten, die fein nengieriges Fragen hervorlockte, 
betrogen, wie oft durch den fehlerhaften Vortrag 
feines Vorleſers getäuſcht worden ſein! 

Doch es würde hier zu weit führen, alle Itr⸗ 
thumer und verkehrten Anſichten in der Kosmologie, 
Naturgefchichte, Geographie und Medirin näher zu 
bezeichnen; auch iſt es um. fo weniger nothwendig, 


Einleitung. 48 


„als Die Nachweiſung und Berichtigung der einzelnen. 
Fehler an den betreffenden Stellen (in fo weit es. 


w 


nämlich möglich if) erfolgen wird. 

Der zweite Tadel, die unſyſtematiſche Anbrd⸗ 
nung Des ganzen Werks, erfcheint als nicht gang 
gerecht, wenn man überlegt, wie wenig überhaupt 
die alten Aſtronomen, Naturhiſtoriker und Aerzte 
nach fireng fnftematifcher Anordnung fragen, und: 
wenn man bedenkt, daß die feinausgedachten Syſteme 
und Anordnungsmethoden ein Verdienſt der neueren 
Zeit find. Wir wollen es defhalb ruhig überfeben, 


wenn Plinius Aſtronomie, Aſtrologie und Meteoros 
logie zufammenwirft, wenn er Kunftgeichichte und. 


Technologie in die Mineralogie einmifcht, wenn er- 
die Nrzneimittellehre zwifchen die Botanik und Mi⸗ 
neralogie einfchiebt, und wollen ihm dankbar feyn 
für die Mittheilung unzählbarer Nachrichten . und. 


. Bemerkungen, ohne bie wir das Willen der alten: 


Welt nicht genügend beurtheilen könnten, und über 
jo Manches in ewigem Dunkel bleiben müßten. 

Der Styl des Werkes ift an den nicht fehr zahle: 
reichen Stellen, we eine fortlaufende Darftellung 
moglich ift, gewöhnlich Fräftig und maleriſch ſchönz 
‚oft aber" mangelt ihm Die Einfachheit und Beitimmt= 
heit des Ausdrucks. uebrigens wird man in dem 


„54 Einleitung. 
Theile des Werkes, welche ans trockener Nomenclat 
beftehen, Feine Eleganz der Darftellung fuchen. 

Um nicht einer Auslaffung bezüchtigt zu werde 
müflen wir hier weiter bemerken, daß wir den Bo 
wurf, Plinius habe den Divscorides, einen befannt 
Arzt und Naturforiher, von dem wir einige Wer 
befigen, ausgefchrieben, ohne ihn zu nennen, für u 
gegründet halten. "Denn abgefehen davon, daß me 
noch nicht über das Zeitalter dieſes Griechen ein 
iſt, ſo konnten er und Plinius aus derſelben Quel 
ſchöpfen. Warum ſollte auch der Letztere, der m 
der größten Gewiſſenhaftigkeit jeden benützten Schril 
fteller anführt, und fi in der Vorrede dieſes De 
fahren zur Ehre anrechuet, gerade den Dioscorid 
nicht genannt haben? 

Doch es finden ſich für jeden Schriftſteller Ta 
ler, die oft abſichtlich das Geringfügigſte herve 
heben, und zu einer Reihe von Vorwürfen ausſpi 
nen, darüber aber „das Gute und Robenswerthe fi 
gänzlich unberüdfichtigt laffen. Man vernehme de 
Halb zum Schluſſe diefer Einleitung ein Urtheil üb 
Plinius von - einem Richter, deſſen Competenz i 
Fache der Naturwiffenfchaften nicht leicht Jemand 
Abrede ftellen wird. 

„Die Naturgefchichte des Plinius,“ fagt E 


Einleitung. | 5 


‚ vier, ®)-„ift eines ber koſtbarſten Denkmäler, die uns 


w 


w 


} 
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aus dem Alterthum übrig geblieben find, und zugleich 
der Beweis einer erfiaunenswerthen Gelehrfamteit, 
eines Kriegs: und Staatsmannes. Um diefes weit⸗ 
läufige und berühmte Werk nah Gebühr zu würdi- 
gen, muß man daran drei Dinge unterjcheiden: dem 
Dan, den Inhalt und den Styl. Der Plan ift un⸗ 
geheuer. Plinius will nicht nur eine Naturgefchichte 
in dem beichränkten Sinne, in. welchem wir jet diefe 
Wiſſenſchaft nehmen, d. h. eine mehr oder minder 
ausführliche Befchreibung der Thiere, der Pflanzen 
und der Mineralien liefern; er umfaßt aud die 
Aftronomie, die Phyſik, die Geographie, die Lands 
wirthfchaft, den Handel, die Arzneifunde und bie 
Künfte: dabei durchwebt er feinen Vortrag mit ‘Bes 
merkungen über die moraliiche Erkenntniß des Men 
ſchen und über die Sefchichte der Völker, fo daB man 
in vielfacher Beziehung diefes Werk die Encyclo⸗ 
pädie feiner Zeit nennen Fann. Ueberſchaut man 
die wunderbare Maſſe von Gegenſtaͤnden, die ſich 
darin finden, ſo kann man nicht genug den Fleiß 
bes Verfaſſers rühmen, und muß ſich um fo mehr 
über. bie Ethaltung dieſes Schatzes freuen, als manche 


In der Biographie universelle, Tom: XXXV. (Par. 
1823. 8.) p. 69-73. 


6 | Einleitung. 
wichtige Nachrichten nur in ihm und in keinem We 
eines anderen Schriftſtellers zu finden find. U 
ungluͤcklicher Weiſe verringert die Art, wie Min 
das Material gefammelt und dargesegt hat, fehr \ 
Werth deſſelben. Denn erftene ift Wahres mit‘ F 
ſchem gemifcht, und man findet das Eine fo hän! 
wie das Andere; zum Andern ift es in vielen 
umnmöglich, ju ahnen, von welchem Naturgegenite 
er eigentlich reden wollte. Plinius mar Bein fche 
finniger Beobachter, wie Ariftoteles, noch weni 
‚ein: Genie, das die Geſetze und Verwandtfchaft 
nach welchen die Natur ihre Erzengniffe zufamm 
geſtellt bat, zu. erfaſſen mußte. Er iſt überhai 
‘mir ein Sammler, und zwar in ben meiften Fäl 
ein Sammler, der, weil en keinen richtigen Beg 
von den Bingen, über welche er die Zengniffe 9 
derer zufammenträgt‘, hat, weder bie Richtigkeit i 
‚fer Zeuguiffe würdigen, noch überhanpt ihren Inh 
ſich völlig Mar machen konnte. Mit einem Wo 
er ift ein Schriftſtoller ohne Kritik, der die Auszü 
die er in vielen Jahren gemacht bat, in verſchie 
nen Abfchuitten zufampwenftellt und mit Benwerkun: 
durchflicht, die fich keineswegs auf den von ihm 
bandelten Zweig des Wiffens beziehen, fondern bı 
den abgejchmackteften Mberglauben verrathen, bald 


> 


Einleitung. 7 
Oeklamatienen einer graͤmlichen Philoſophie, die ofme 
Unterlaß, die Dienfchen, die Ratur und die Götter 
ſelbſt anklagt, ausarten. Wan darf alfo die von 
ihm angehäuften Thatſachen nicht von feinem Ges 
ſichtspunkt aus betrachten, fondern muß fih Die 
Schriftſteller, aus melden. er fie gezogen hat, in 
Gedanken vorführen, nnd an diefe., fo weit es un⸗ 
jere größere oder geringere Kenntniß ihrer Verhält⸗ 
nie und Syſteme erlaubt, den Maßſtab der Kritik 
anlegen. Studirt man auf diefe Weile die Natur⸗ 
gefchidhte des Plinius, fo muß fie ung als eine der 
reichften Yundgruben des menſchlichen Willens gelten. 
Denn fie ift nad feinem eigenen Zeugniß *) aus ben 
Auszügen von mehr denn 2000 Bänden zufammen- 
geſetzt: von den Durch ihn benüsten Gchriftitelleen 
alter Art, Meifebefchreibern, Hiſtorikern, Geographen, 
Philoſophen und Nerzteu, Fennen wir nur etwa vier⸗ 
zig aus ihren noch vorhandenen Werken; von den 
meiften haben wir nur nod Fragmente oder ſolche 
Werke, die von denen, aus welchen Plinius geſchöpft 
bat, verſchieden find; der Name und das frühere 
Daſeyn vieler wären der Bergefiendeit anheimgefallen, 
wenn er. fie nicht als Quellen angeführt hätte. Die 


» 





° H. N. L, I, 5. 15. 
J 


&0 ., Einleitung. 


"das zweite Buch als das zweite anführt, *) welt 
doch, wenn Borrede und Inhaltsverzeichniß un 
wären, das erfte feyn müßte, fo fann man n 
umpin, jeden Zweifel für unbegründet zu hal— 
Was Übrigens das Inhaltsverzeichniß betrifft, fo z 
fhon der Augenſchein, daß es im Laufe der Zeit 
bis zur Unfenntlichkeit entftellt, und von den | 
fchreibern ‚wahrhaft gemißhandelt worden. ift. 
Grundlage ift jedoch aͤcht; benn Plinius ſelbſt 
bezieht ſich darauf. 

Das zweite Buch beichäftigt fih mit der K 
mologie; ihr folgt in vier Büchern (35—6) die G 
graphie der damals befannten Welt: dann wird 
Zoologie in fünf (7—11) und. die Botanik in a 
Büchern (11—19) abgehandelt. Die Arzneimit: 
lehre nimmt einen großen Raum ein, und zwar w 
. ben die Arzneimittel‘ aus der Thierwelt in a 

 (20—27), die aus der Pflanzenwelt in fünf Büch 
(28—32) aufgezählt. Die fünf lebten Bücher ( 
bis 37) umfaffen, die Mineralogie, mit Einfchluß I 
anf dad Mineralreih bezüglichen Arzneimittelleh 
und in Verbindung mit den fchönen Künften und | 


9 XVII, 2. XVII, 75, Auch) der jüngere Plin 
UII. 5.) zählt 37 Bücher. 
*%) J, $. 16. 2b. XVII, 6. 


Einleitung, 4 
Technologie. Manche Bemerkungen ftehen jedoch an 
Stellen, wo: man fie nicht ſucht: fo ſpricht Plinius 
übe viele Erfindungen am Ende des fiebenten Buchs, 
und- befchreibt mandherlei Kunſtdenkmaͤler in den geo⸗ 
graphiſchen Büchern. 

Die Naturgeſchichte des Plinius hat manchen 
Tadel erfahren müſſen. Namentlich ſind es zwei 
Hauptvorwürfe, die an ihr haften: einmal die ober⸗ 
flaͤchliche unkritiſche Benügung der zu Gebote ſtehen⸗ 
den Quellen; zweitens bie fchlechte, unſyſtematiſche 
Anordnung des Ganzen. — 

Die Anklage, daß Plinins häufig ‚mit Weberei- 
lung und zu großer Schnelligkeit beim Epcerpiren 
verfahren, und an eine kritiſche Auswahl der Quellen 
gar nicht gedacht habe, tft zu fehr begründet, als daß 
man verfuchen dürfte, fie zurückzuweiſen. Plinius 
war kein Naturforſcher, und darin liegt die Urſache 
faft aller feiner Mißgriffe. Jeder Schriftſteller, der 
ihm Merkwürdiget bot, war ihm angenehm: ‘ob er 
alt oder neu, ob er glaubwürdig oder voll Lügen 
war, wurde ‚nicht nur felten berüdfichtigt, ſondern 
häufig fogar das Ungewöhnliche, Wunderbare und . 
Abenteuerlihe mit fihtbarer Vorliebe hervorgehoben, - 
and Unſinn, der ſchon von früheren - Naturforſchern 
genügend widerlegt mar, von Neuem aufgetiſcht; 


) x 


42 | . Einleitung. 


| Phantafiegefchöpfe, wie geflügelte Pferde, ſind in d 
Zoologie eben fo ernſthaft aufgezählt und behande 
wie die wirklich vorfommenden Tiere, . Oft!verfte 
auch Plinius die Griechiſchen Kunſtausdrücke nid 
und gibt eine Weberfegung , die etwas Anderes ſag 
ald das Original; oft find gerade die charakteriſti 
fhen ‚Merkmale bei der Beſchreibung der Thier 
Pflanzen und Steine übergangen, wodurd das Wi 
dererfennen erfchwert, ja häufig völlig unmöglih g 

macht if. Nicht felten wird derfelbe Gegenſtan 
unter verfchiedenen Namen zweimal nnd noch öfte 
aufgeführt, und an diefer Stelle dieſe Anſicht übe 
eine Naturerſcheinung mitgetheilt, an jener wiede 
eine verſchiedene: wie wäre Dies anders möglich, d 
Plinius die philoſophiſchen Syſteme, welchen die vo: 
ihm benützten Schriftſteller folgen, nicht beachtei 
ſondern nur Notizen auszieht und bunt zuſammen 
reiht? Wie Häufig mag er auch durch mündlich 
Nachrichten, die fein neugieriges Fragen hervorlockte 
betrogen, wie oft durch den fehlerhaften Vortrat 
ſeines Borlefers getäufcht worden fein!- 

Doch es würde Kier zu meit führen, alle Ir 
thümer und verkehrten Anfichten in der Kosmologie 
Naturgeſchichte, Geographie und Medicin näher zu 
bezeichnen; auch iſt es um. fo weniger nothwendig, 


u 


Einleitung 43. 
‚as Die Maqhweiſung und Berichtigung der einzelnen 
Fehler an den betreffenden Stellen (in ſo weit es 
nämlich möglich iſt) erfolgen wird. 

Der zweite Tadel, die unſyſtematiſche Anerbs 
unng Des ganzen Werks, erfcheint als nicht gang 
gerecht, weun man überlegt, wie wenig überhanpt 

> die alten Aftronsmen, Naturhiſtoriker und Aerzte 
nah fereng ſyſtematiſcher Anordnung fragen, und 
wenn man bedenkt, daß die feinausgedadhten Syſteme 
und Anorönungsmethorten ein Berdienit der neueren 
Zeit find. Wir wollen es deßhalb ruhig überfehen, 
‚ wenn Minius Aſtronomie, Aſtrologie und Meteoros 
logie zufammenwirft, wenn er Kunftgeichichte und . 
Technologie in die Wineralogie einmifcht; wenn er- 
die Arzneimittellehre zwiſchen die Botanik und Mi⸗ 
neralogie einfchiebt, und wollen ihm dankbar ſeyn 
für die Mittheilung unzählbarer Nachrichten . und. 
. Bemerkungen, ohne die wir das Willen der alten: 
Welt: nicht genügend beurtheilen ‚Eönnten, und über 
fo Manches in ewigem Dunkel bleiben müßten. Ä 

Der Styl des Werkes ift an den nicht fehr zahle: 
reichen Stellen, wo eine fortlaufende Darftellung 
möglich ift, gewöhnlich Fräftig und maleriſch ſchönz 
oft aber mangelt ihm die Einfachheit und Beſtimmt-⸗ 
heit des. Ausdrucks. Uebrigens wird man in dem 


‚54 Einleitung. 
Theile des Werkes, weldhe aus trockener Nomencl 
beftehen, keine Eleganz der Darftellung ſuchen. 

Um nicht einer Auslaffung bezüchtigt zu weri 
müffen wir bier weiter bemerken, daß wir den 2 
wurf, Plinius habe den Dioscorides, einen befanr 
Arzt und Naturforfcher, von dem wir einige We 
befigen, ausgefchrieben, ohne ihn zu nennen, für. 
gegründet halten. Denn abgefehen davon, daß m 
noch nicht über das Zeitalter dieſes Griechen eii 
ift, fo Eonnten er und Plinius aus derfelben Quı 
ſchöpfen. Warum follte auch der Lebtere, der r 
der. größten Gewiſſenhaftigkeit jeden benützten Schri 
ſteller anführt, und ſich in der Vorrede dieſes V 
fahren zur Ehre anrechuet, gerade den Dioscorid 
nicht genannt haben? 

Doch es finden fich für jeden Schriftiteller Ta 
ler, die oft abfichtlic das . Geringfügigfte herve 
heben, und zu einer Reihe von Vorwürfen ausfpi 
nen, darüber aber „das Gute und Lobenswerthe fa 
gänzlich unberückſichtigt laſſen. Man vernehme de 
halb zum Schluffe diefer Einleitung ein. Urtheil üb 
Plinius von einem Richter, deſſen Competenz i 
Fache der Naturwiffenfchaften nicht leicht Jemand | 
Abrede ftellen wird. 

„Die Naturgefchichte des Plinius,“ fagt Ch 


Einleitung. 46 


| vier, @).,‚ift eines der koſtbarſten Denkmäler, die uns 
' aus dem Altertum übrig geblieben ‚find, und zugleich 
' der Beweis einer erftaunenswerthen Gelehrſamkeit 
eines Kriegs: und Steatsmannes. Um diefes weit⸗ 
läufige und berühmte Werk nad) Gebühr zu würdi- 
gen, muß man daran drei Dinge unterjcheiden: ben 
> Dan, den Inhalt und den Styl. Det Plan ift un- 
geheuer. Piinius wit nicht nur eine Naturgefchichte 
in dem befchränkten Sinne, im welchem wir jebt diefe 
Wiffenfchaft nehmen, d. h. eine mehr oder minder 
ausführliche Befchreibung der Thiere, der Pflanzen 
und der Mineralien liefern; er umfaßt auch die 
Aſtronomie, die Phyſik, die Geographie, die Lands 
wirthfchaft, den Handel, die Arzneifunde und die 
Künfte: dabei durchwebt er feinen Vortrag mit Bes 
merkungen über die. moralifche Erfenntniß des Mens 
ſchen und über die Geſchichte der Völker, fo daß man 
in vielfacher Beziehung diefes Wert die Encyclo- 
pädie feiner Zeit nennen kann. Ueberfhaut man 
die wunderbare Mafle von Gegenftänden,' die fich 
darin finden, fo kann man nicht genug den Fleiß 
des Verfaflers rühmen, und muß fih um jo mehr 
über. die Ethaltung dieſes Schatzes freuen, als manche 


—— — 


In der Biographie universelle, Tom. XXXV. (Par. 
1823. 8.) p. 69-73. 


as Einleitung. 
wichtige Nachrichten nur in ihm und in feinem Ü 
eines anderen Schriftſtellers zu finden ſind. 


uunglucklicher Weife verringert die Art, wie Mi 


das Material gefammeli und dargetegt hat, ſehr 
Werth deſſelben. Denn erftens ift Wahres mit | 
ſchem gemifcht,, und. man Ündet das Eine fo hä: 
wie das Andere; zum Andern ift es in vielen 

-mmmöglich, zu ahnen, von weiden Naturgegenfl 
er eigentlich reden mollte. Ptlinius mar Bein fh 
finniger Beobachter, wie Ariftoteles, noch wen 
‚ein. Genie, das die Geſetze und Verwandtfchaf 
nach welden bie Natur ihre Erzengniffe zufamnm 
geſtellt hat, zu erfallen wußte. Er. ift überha 
nur ein Sammler, und zwar in ben meiften Faͤ 
ein Sammler, der, weil er keinen richtigen Bey 
von den Dingen, über welche er die Zeugniffe : 
derer zuſammentraͤgt, hat, weder die Richtigkeit | 
fer Zeuguiſſe würdigen, noch überhampt ihren Ya 
fih völlig Mar machen Eonste. Mit einem Bo 
er iſt ein Schriftſteller ohne Kritik, der die Auszü 
‚die er in vielen Jahren gemacht bat, in vericie 
. nen Abfchuitten zufammrenftellt und mit Bemerkung 
durchflicht, Die ſich keineswegs auf den von ihm | 
handelten Zweig des Willens beziehen, fondern br 
den abgeichmackteften Aberglauben verrathen, bald 


" . 


Einleitung. &7 
Oeklamationen einer graͤmlichen Philoſophie, die ohne 
Unterlaß die Dienfegen, die Ratur und die Götter 
ſelbſt anklagt, ausarten. Man darf alfo die von 
ihm angehäuften Thatſachen nicht von feinem Ges 
fihtöpuntt aus betrachten, fondern muß fi die 
Schriftfteller, aus welden. er fie gezogen bat, in 
Gedanken vorführen, und an diefe, fo meit es un⸗ 
ſere größere ober geringere Kenntniß ihrer Verhaält⸗ 
nie und Syſteme erlaubt, den Maßſtab der Kritik 
anlegen. Studirt man auf diefe Weile bie Natur⸗ 
gefchichte des Plinius, fo muß fie uns als eine der 
reichften Fundgruben des menſchlichen Willens gelten. 
Denn fie ift nad feinem eigenen Zeugniß *) aus ben 
Auszügen von mehr denn 2000 Bänden zufammen- 
geſetzt: von den duch ihn benützten Schriftitellern 
aller Art, Meifebeichreibern, Hiftorikern, Geographen, 
DPhiloſophen und Aerzten, kennen wir nur etwa vier⸗ 
zig aus ihren nod vorhandenen Werken; von den 
meiften haben wir nur noch Fragmente oder folche 
"Werke, die von denen, aus welchen Plinius geſchöpft 
hat, verfehteden find; der Name und das frühere 
Daſeyn vieler wären der Bergellendeit anheimgefalien, 
wenn er. fie nicht als Quellen angeführt hätte. Die 





9) H. N. l. I. 9. 15. I 


48 Einleitung. | 
Vergleihung dei, Auszüge mit den noch vorhander 


. . ODtiginalen, befonders mit Ariftoteles, zeigt zur € 


nüge, dag es Plintus nicht Barum zu thun war, rn 
das Widtigfte und Zuverläßigfte aus den gelefen 
Schriftſtellern zu nehmen, fondern daß er fi ı 
wöhnlich an auffallende und wunderbare Dinge hä 
die ihm Stoff zu- recht grellen Eontraften_und 

Borwürfen, die er bei jeder Gelegenheit der Bı 
ſehung madıt, geben. Wahr ift es freilih, daß 
nicht Allem, was ‚er beibringt, gleichen Glaub 
ſchenkt; aber feine Stimme für oder gegen eine A 
. fh hängt gewöhnlich nur vom Zufall ab, und g 
rade die abgefhmackeften Mähren erregen a 
feltenften irgend einen Zweifel in ihm. So nimn 
er alle Fabeln der Griechiſchen Reifebeichreiber üb 
Menſchen ohne Kopf, ohne Mund. oder mit eine 
Fuße, oder mit langen Ohren, mit der größten 3ı 
verfiht auf, und hält tiefe Phantaflegebilde für Spie 
‚der erfinderifhen Natur. Man kann daraus .leid 
ſchlioßen, welden Unfinn er erft über fremde un 
:wenig bekannte Thiere beibringt.. Die fabelhaftefte 
Thiere, Thiere mit Menfchenköpfen und Gcorpioı 
ſchwaänzen, geflügelte Pferde, Thiere, deren blofı 
Anblic den Zod zu bringen vermag, Tpielen ruhi 
ihre Rolle an: der Seite des Elephanten und de 


e 


Einteitung. u 49 
Swen, Man darf jedoch deßwegen nicht Alles für 
falſch halten, felbit nicht in den Abfchnitten, die-am . 
meiften von Irrthümern firogen. Zuweilen läßt ſich 


die Wahrheit, aus welcher fih mande Lüge ent: 


w 


— 


w 


wictelte, errathen, wenn man fich erinnert, Daß man 
Auszüge aus Reifebefchreibern vor ih hat, und an- 
nimmt, daß die Unmiffenheit der alten Reiſenden 
und ihre Liebe zum Wunderbaren fie zu den nämlichen 


‚Uebertreibungen gebracht, und ihnen diefelben unbe⸗ 


ftimmten und oberflächlichen Befchreibungen in die 
Feder gegeben haben, die uns auch in einer großen 
Anzahl neuerer Reifen ärgert. — Ein anderer fehr 
großer Fehler des Plinius ift, daß er nicht immer 
den richtigen Sinn der Schriftfteller, welche er über- 
ſetzt, am menigften bei der Bezeichnung der einzelnen 
Gattungen, wiedergibt. Trotz der geringen, ung jetzt 
noch zu Gebote ftehenden Mittel, um mit Zuverficht 
über diefe Art von Fehlern zu nrtheilen, kann man 
doch leicht nachweiſen, daß er in mehreren Fällen _ 
die Sriehifhe Benennung eines XThieres mit einer 
Lateinischen vertauſcht hat, die einem völlig verfchie- 
denen Thiere zukommt. Es ift jedoch auch nicht zu - 
leugnen, daß die Beftimmung der Nomenklatur eine 
ber größten Schwierigkeiten war, welche die alten 
E. Plinius Naturgeſch. 18 Bhdn. 4 


60 ’ Einleitung. 


Naturforſcher in Verlegenheit brachten, und di 
Tebler aller von ihnen verjuhten Methoden trete 
bei feinem Schriftfteller deutlicher hervor, .ald b 
Plinius. Die Beichreibungen oder vielmehr die ur 
vollftändigen Andeutungen, Die er gibt, veichen fa 
nie zur Kenntlibmadhung der Gattungen hin, wen 
ung die Ueberlieferung deren Namen nicht erhalte 
bat; bei fehr vielen nennt er auf) nur die Ramer 
ohne ‚irgend nähere Beltlimmungen. oder irgend ei 
Unterfcheidungsmerfmal anzugeben. Könnte ma: 
noh an den VBortheilen der von den Neueren eı 
fonnenen Metpoden zweifeln, fo würde man fic 
fchon durch den einzigen Umftand überzeugen laſſen 
daß fat Alles, was die Alten über die Eigenfchafte: 
der Pflanzen gejagt haben, für uns verloren ift, wei 
wir nicht ausmitteln können, weichen fie diefelbe: 
zufchrieben. Unfer Bedauern über diefen Berluf 
wird freilich fehr Durd die Wahrnehmung herabge 
ſtimmt, daß die Alten, namentlich Plinius, nich 
die geringfte- Sorge trugen, die Deilkräfte, weiche fi 
diefen oder jenen Pflanzen nahrühmten, zu erprobeı 
oder zu beweilen. Gie theilen denen, welche maı 
‚Eennt, ſo viele unwahre und abgeſchmackte Eigen 
fchaften zu, daß wir ung über die Nichtkenntniß dei 
SHeilträfte anderer, welche uns unbefannt find, woh 


/ 


Einleitung 61 


tröften dürfen. Will man der Abtheilung des Werks, 
in welcher Plinius die Arzneimittellehre abhandelt, 
Glauben ſchenken, fo gibt es Eeine menſchliche Be: 
ihwerde, gegen welche die Natur nicht wenigftens 
zwanzig Mittel in Bereitfhaft hat, und unglückſe⸗ 
ligermweife ſchienen fi) die Aerzte nach der Wieder- 
erweckung der Wiſſenſchaften fait zwei Jahrhunderte 
hindurch in der Wiederholung diefer Kindereien zu 
gefallen. Dioscorides und Plinius bilden die Grund: 
lage einer großen Menge von Werken, die mit 
einer Unzapl von Rezepten angefüllt find, welche 
nur bie Argfte Pedanterie fo lange Zeit dulden und 
anwenden fonnte, die aber jest die wahre Wiſſen⸗ 
fhaft aus der Heilkunde verbannt bat. Man muß 
alfo eingeftehen, dag Plinius, wenn man blos That: 
ſachen berückfichtigt, heut zu Tage Fein weiteres ge: 
gründetes Verdienft hat, als daß wir durch ihn die 
Gitten und Gebräuche der Alten, ihre Verfahrungs⸗ 
weiſe in dem’ verſchiedenen Künften, ſo wie einige 
geſchichtliche Züge und manche geogräphifche Einzel« 
heiten, die man ohne ihn nicht willen würte, 
kennen lernen, Die Abtheilung über die. Künfte 
möchte vielleicht die feyn, welche am meiften ein'tie- 
feres Studium verdient:, er entwickelt darin bie 
| 4* 


52 Einleitung. ' | 
Fortfchritte der Kunſt, beichreibt ihre vorzügliciten 
Erzeugniſſe, nenut.die berühmteften Künftler, zeigt 
die Art und Weif: an, in welcher fie ihre Werke 
arbeiteten, und man kann durdaus nicht leugnen, 
‚Daß, wenn man immer begreifen. könnte, Was er 
fagen will, man mande geheime Kunftgriffe wieder 
-auffinden eönnte, durch deren. Anwendung die Alten 
Werke ausführten, deren Nachahmung uns bis jest 
noch nicht gelungen, ift; aber gerade hier zeigt fich 
die Mangelhaftigkeit. der !alten Nomenklatur am 
deutlichften. Plinius nennt eine Menge Subftanzen, 
aus welden die Mittel zur Berfertigung diefes 
oder jenes Kunftartifels zufammengefeßt werden 
müflen ; dieſe Subftanzen kennt man aber größten: 
theils nicht, auf andere fann man nur aus zweideu— 
tigen Merkmalen ſchließen. Uebrigens haben wit 
auch noch feine genügende Erläuterung der Narurge: 
fhichte des Plinius, welde freilich eine der ſchwie 
rigſten gelehrten Arbeiten waͤre. Denn um ſie mi 
Erfolg zu verſuchen, müßte man mit der genaueſter 
Kenntniß der alten LXiteratur eine eben fo genau 
Bekanntſchaft mit den der alten Welt bekannte: 
Naturproduften verbinden. Hat aber auch Plinin 
als Kritiker und Naturforfcher für uns jetzt nu 
geringes Berdienft, fo müffen wir. doch fein Taler 


. Einleitung _ | 55 


als Schriftfteller und den unerfchöpflichen Schatz von 
lateiniſchen Worten und Redensarten, zu deren An⸗ 
wendung ihn die Fülle ſeines Stoffes zwang, und die 
ſein Werk zu einer der reichſten Fundgruben der 
Römiſchen Sprache gemacht haben, ganz anders 
beurtheilen. Man hat mit vollem Rechte behauptet, 
daß ohne Plinius die Wiederherſtellung des ganzen 
lateiniſchen Sprachſchatzes unmöglich geweſen wäre, und 
man muß Dieſes nicht allein von dem Wortreichthum, 
ſondern auch von der Mannigfaltigkeit der Bedeu⸗ 
tungen und der Wendungen verſtehen. Man kann 
auch nicht in Abrede ſtellen, daß überall, wo es ihm 
möglich iſt, allgemeine‘ Ideen oder philoſophiſche 
Anſichten zu entwickeln, ſeine Sprache Kraft und 


Lebhaftigkeit, und ſeine Gedanken etwas Kühnes und, 


Ueberraſchendes annehmen, Was ung für die trockene 
Nomenklatur an andern Stellen entfchäbdigt, und ihm 
bei vielen Lefern für die Unzwlänglichkeit feiner wiſ— 
fenfchaftlichen Angaben Berzeihung bewirken fann. 
Vielleicht haſcht er zu fehr nach wißigen Einfällen, 
und Gegenfäßen, und vermeidet nicht genug den 
Schwulftz mandmal findet. man auch eine gewiſſe 
Härte und an mehreren Stellen eine große Dunkelpeit, 
die nicht dem Stoffe, fondern feinem Bemühen, recht 
gedrängt und kurz zu ſeyn, zugefchrieben werden muß, 


/ J 


54 Einleitung. 


Aber immer ift er edel und ernft, voll glühenber 
Liebe für die Gerechtigkeit, voll Achtung für die Tu: 
gend und voll Abfchen gegen Grauſamkeit und Ge: 
meinheit, deren Folgen er vor Augen ſah; mit Ber: 
achtung blickt er auf ten üb.rtriebenen Aufwand und 
die zügellofe Leppigfeit, die das Römiſche Volk be: 
reits durch und durch verdorben hatten, herab. In 
dDiefer Beziehung fann man Plinius nicht genug lo— 
ben, und muß. ihn, troß der vielen Fehler, von 
denen man ihn ale Naturforſcher nicht frei fprechen 
kann, als einen der empfehlensivertheften Särift: 
fteller betrachten, und ihm unter den Claffifern aus 
der Periode nad Auguftus einen Ehrenplag einräus 
men. Wir fchließen mit der Bemerkung, daß Pli— 
nins atheiftifchen Anfishten huldigt, oder wenigſtens 
keinen andern Gott anerkennt, als die Welt, und daß 
noch wenige Philofophen das Syſtem des Pantheig- 
mug fo klar und fo kraftvoll dargelegt haben, als 
er gleich im Anfange des zweiten Buche.‘ 

Ueber die gegenwärtige Ueberfegung foll Nichts 
gefagt. werden, als daß fie keinem beftimmten Terte 
folgt, und daß dabei nicht nur die Älteren, fondern 
auch: die neueſten Hülfsmittel benützt wurden. Die 


‚Einleitung. 55 


ı Anmerkungen mußten fi auf das Nöthige befchräns 
fen, um nicht die vorgezeichneten Grenzen zu über: 
ſchreiten. Die Behauptung, immer Las Richtige 
getroffen zu haben, müßte bei feinem anderen 
Schriftſteller ſo fehr als Lüge bezeichnet werben, ale 
bei Plinius. 


SEELE 


€. Plinius Secundus Naturgefchichte. 


Erfles B u d.. 


X ’ 
’ — — — 


Vorrede. *) 


€. Plinius Secundus dem Caͤſar Titus Ves pa⸗ 
fianug feinen Gruß! 


1. Bon den Büchern meiner Naturgefchichte, einem 
von den Camönen Deiner Quiriten noch nicht verfuchten 
Werke, **) meinem jüngften Kindlein, will ih Did), 
hulbvollfter Imperator (denn diefer Ehrenname gebührt Dir 


⸗ 


*) Die Ueberſetzung fucht abſi qhtlich den vochn geſchraubten 
Styl dieſer Vorrede, welche üperhaupt noch ber Fritifchen 
Läuterung eines tüchtigen Philotogen ebarf, nicht zu ver: 
wifchen. 

29), Miinius war ber erfie Roͤmer, welcher eine Naturgefchichte 


ſchrieb. 








Erites Buch. I 57 


mit allem Recht, ſo lange der des Größten mit Deinem 
Vater altert,) *) in einem etwas freien Schreiben unter⸗ 
halten. E . 
Denn’ Du yflegteft 
Meine Poſſen für etwas doch zu achten, 

um mid hinter. Eatullus, ») meinem Landemanne (-Du 
kennſt wohl diefen Soldatenausbrud), zu verſchanzen. Denn 
Diefer , wie Du weißt, nahm ed etwas übel, ald man ihm 
feine Sätabiichen Zafdyentücher verwechfelte, bie er als Ber 
‚Tchente feines Veranchens und feines Fabullchens geſchätzt 
wiffen wollte. ***) 2. Zugleich bezwede ich durch dieſe 
meine Kühnheit, eine Unterlaffungsfünde, bie Du an einem 
andern kecken Schreiben von mir getadelt haft, wieder gut 
zu machen, und Deinem Wunfche gemäß durch ein öffentli⸗ 
ches Aktenſtück zu zeigen und zur allgemeinen Kenntniß zu 
‚bringen, in weldyem fchönen Verhältniß Dein Volk mit 
Dir lebt. 3. Du haft triumphirt, warft Eenfor und feche- 
maf Conſul. Du bift Inhaber der tribuniciſchen Gewalt, und, 


“, Da Du den Namen bed Größten nicht führen kannſt, fü 
lange Dein Vater, der ihn führt, noch lebt. 

”*) Carm, I, 3. 4. Weber Catullus, fo wie Über alle andere 
in dieſer Vorrede genannten Schriftfteller, vergleihe man 
die fiterarifchen Bemerkungen vor dem zweiten Bud. 

”*, Aſinius Hatte bem Catullus bei einem Xrinkgelage bie 
feinen Taſchentücher, die ihm von feinen Sreunden Vera⸗ 
nius und Fabullus verehtt worden waren, entwendet: 
Catullus flellte ihn bewegen in einen bittern Gebicht 
(X1.) zur Rete. — Saͤtabiſche heißen die Tücher, weil 
fie aus der Spanifchen Stadt Sätabis, wo die feinfte Lein⸗ 
wand fabrizirt wurde (Plinius XIX, 1.), Bamen, 


58 C. Plinins Naturgefchichte. - 


was noch mehr als alles dieß Deine edle Geflunung zeigt, 
Du biſt Befehlshaber der Leibwache, *) wodurch Du Deinen 
Bater eben fo fehr als den Ritterftand ehrſt. Alles bift Du 
dem Staate, uns aber nody immer Derfelbe, wie bei uns 
ferem Zufammenteben im LZagerzelte, ** und die Größe des 
Glücks hat bei Dir Feine Veränderung hervorgebradt, ale 
daß Du jest eben fo viel nüsen kannſt, ald Du willf. 
4. Da aber alles Das Allen bekannt ift, und Dir Alle deß⸗ 
halb ihre Verehrung gollen, fo Eönnen wir nur zu der Kühns 
heit, Dir diefelbe auf eine vertraulichere Weife zu bezeugen, 
nnfere Zuflucht nehmen. Du haft alfo diefe Kühnheit Dir 
ſelbſt zujufchreiben, und mußt unfere Schuld Dir verzeihen. 

Obſchon ich aber die Keckheit ſo weit treibe, ſo komme 
ich doch wieder in Verlegenheit. Denn auch auf einer an⸗ 
deren Bahn trittſt Du mir in gleicher Größe entgegen, und 
ſcheuchſt mich noch weiter zurück — durch die Allgewalt Deines 
Geiſtes. So glänzte noch Niemand durch bie Kraft der 
Rede im vollen Ginne des Wortes; nod nie hörte man 
eine fo hinreißende Beredſamkeit von der Rednerbühne. 
5. Mit welcher Donnerflimme verfündeft Du das Lob Deines 
Baters! Mit welcher Liebe das Deines Bruders! Wie groß - 
bit Du in der Dichtkunſt! O der erftaunlichen Fruchtbarkeit 





*) Titus teiumphirte mit feinem Vater nad Beendigung bei, 
jüdifchen Krieges 71 nad Chr, Eenfor war er im J. 74, 
ſechsmal Sonſul in den J. 70, 72, 74, 75, 76, 77; Kris 
bun im 5. 71. Befehlöhaber ber Leibwache war früher 
immer einer aus bem Ritterſtande. | 

*e) Während der Germaniſchen Feldzlige. | \ 





Erftes. Buch. 69 
des Geiſtes! Auch Deinen Bruder nachzuahmen haft De 
Mittel gefunden. 9 Doc wie könnte einer Das alles ohne 
Zagen würdigen, ber felbft im Begriffe ſteht, fich dem Urs 
theile -Deines Geiftes, das er Überdieß noch herausfordert, 
zu uutermerfen ? Denn ein Anderes ift ed, wenn man feine, 
Echriften blog Herausgibt , ein Anderes, wenn man fie Dir 
namentlicy widmet. In dem erſten Falle Eönute ich fagen: 
warum liest Du fie, Imperator? Gie find für das gemeine 
Bolt, für den großen Haufen der Landlente und Handwerker 
und für folhe, die ſich nicht mit, tieferen Studien befaffen, 
gefchrieben.. Warum witffl- Du Did zum Richter auf? 
Als ich mir die Abfaffung diefes Werkes zur Aufgabe machte, 
hatte ic) Dich nicht im Auge. 6. Ich hielt Dich für viel 
zu groß, als daß ich glauben Zonnte, Du würdeſt Dich fo 
weit hera blaſſen. Ueberdieß Haben auch die Schriftfteller ein 
gewiſſes Recht, ſich manche Richter, Öffentlich zu verbitten. 
Selbſt M. Zullins, deſſen Genie doch über allen Tadel ers 
haben iſt, bediente ſich dieſes Rechts, und führt fogar, Was 
gewiß wunderbar ik, feine Bertheidigung durch. einen 
Anwalt: | — 
Nicht Perſius, von Allen den gelehrteſten, 
Den Junius Longus wuͤnſch' ich mir zum Leſer nur. ) 


— 





), Domitian, ber Bruder des, Titus, hatte ben jüdiſchen Krieg 
in’ einem größeren Gebichte befungen, welches, von den 
Zeitgenoffen fehr gepriefen, von fpäteren Sarififielieen als 
ein ſchlechtes Machwerk geſchildert wird. 

*”, Zwei Verſe and den nicht mehr vorhandenen Satyren des 
Luecilius. 


60 | | C. Plinius Meturgeſchichte | 


Wenn num Encitius, der zuerſt die fatprifche Schreibart ver: 
ſuchte, Dieß fagen, und Cicero fogar in feiner Schrift über 
den Staat *) ihm Dieß entlchnen zu müflen glaubte, können 
wir und dann nicht mit weit größerem Rechte weigern, 
Dieſen oder Tenen als Richter anzuerkennen?" 7. Ich 
habe mir aber ſelbſt diefe Ausflucht. dadurch unmöglich ges 


macht, daß id) Die mein Wert widmete: denn es ift ein- 


großer Uinrerfchied, ob man fidy feinen Richter durch's Loos 
beftimmen läßt, oder db man ihn ſich ſelbſt wählt; und die 


Bewirthung eines geladenen Gaſtes iſt eine ganz andere, 


als die eines zufällig eingefroffenen. Als bei Eato, diefem 
Feind alter Beftehhung, der fich eben fo fehr freute, wenn 
ihm Ehrenftellen abgefchlagen wurden, ald wenn er folche 
erhielt, die Sandidaten während bed Sturms der Volksver⸗ 
ſammlungen Geld niederlegten, **) erklärten fle ,- daß Dieß 
zue Beurkundung ihrer Unſchuld, die fle für die höchſte 
Zugend im Leben hielten, gefchehe. 8. Dieß gab aud) Ver⸗ 
anlaffung zu M. Eicero’s edlem Ausruf: „o du glücklicher 
M. Porcius, von dem Niemand efwas Ungerechtes zu ver: 
langen wagt!“ "*) Us L. Scipio Aftaticus an die Volks⸗ 
tribunen appellivte, T) unter weichen fib auch Gracchus 
befand, wollte er dadurch zeigen, daß ev auch vor einem 


feindlich gefinnten Richter gerechtfertigt werden könne. 


*) In den bis jetzt aufgefundenen Fragmenten dieſes Werkes 
findet fih bie Stelle des Lucilius nicht. 


**) gl. Cicero Epist. ad Qnint, frat, II, 414. x 
>39, Diefe Phrafe findet ſich nicht in den borhandenen Schriften 
Cicero's 


+) Kivins Kxxvum, 58 60. Balerins Marimus IV, 1. 


' 





) 


Erſtes Buch. | 61 | 


Jeder macht alfo Den zum höchſten Ridkter‘in feiner Sache, 
welchen er wählt, und man wennt mit Recht eine ſolche 
Wahl eine Herausforderung (provocatio). 

Daß Du auf dem höchſten Gipfel des menfclichen 
Glückes ſtehſt; daß Du mit ber glänzendften Beredfamteit, 
mit der größten Belchrfamteit begabt bift; daß felbft Die, 
weihe Dir nur ihre Aufwartung machen, fih! Dir mit 
der größten Ehrfurcht nahen, weiß ‚ich recht wohl, und ges 
tabe deßwegen muß man vor allem Andern mit der ängſt⸗ 
lichſten Sorgfalt darauf bebacht fen, daß Das, was man 
Dir widmet, auch Deiner würdig fey. 9. Uber auch zu 
ben Göttern flehen die Landleute und viele Völker mit 
Milchſpenden, und Wer Leinen. Weihrauh hat, opfert 
Salztuchen: und doch hat man ed noch Feinem Menfchen 
zum Verbrechen angerechnet, daß er die Götter gerade fo 
viel verehrte, als in feinen Kräften ftand. Meine Kühnheit 
muß freilich um fo mehr auffallen., als ic Dir gerade diefe 
Bücher, deren Ausarbeitung Leinen großen Schwierigkeiten 
unterlag , widmete; denn fie erfordern weder Genie, Was 
id) übrigens auch nur in fehr mäßigem Grade befike, noch 
geftatten fie Abfchweifungen,, oder Neden und Gefprädhe, 
oder die Erzählung wunderbarer Vorfälle und mannigfalti⸗ 
ger Begebenheiten, nody überhaupt ſolche Genenflände, die 
ih ſchön barflellen und angenehm leſen Tafien. 10. Ein 
trockener Stoff, die Natur der Dinge, d. 5. Alles, was 
sum Leben gehört, wirb adgehanbelt, und zwar ‚von ber 
unfcheinbarften Geite, wobei die meiften Gegenflände. nur 
mit gemeinen, oder fremden und oft fogar barbarifchen 
Ausdrüden, die jedesmal einer Entſchuldigung bedürfen, ' 


64 


2 :° €. Plinius Naturgeſchichte. 


"bezeichnet werden können. Außerdem ift der von mir ge- 
wählte. Weg weder von vielen Schriftftellern betreten, noch 
kann Überhaupt der Geift angelockt werden, auf ihm zu 
wandeln. Bei uns gibt es Niemand, der fih in “diefem 
Sache verfucht, bei den Griechen Niemand, der es allein 
in feinem ganzen Umfange behandelt hätte. Wir gehen 
größtentheild nur unterhattenden Studien nad, und wenn 
wir hören, daß Andere einen ſchwierigen Etoff mit unges 
meinem Scharfiinn bearbeitet haben, fo laffen wir ihn ge: 
rade feiner Dunkelheit wegen unbeachtet. 11. Es mußte 
hier Alles berührt werden, Was die Griehen „Encyclos 
pädie“ nennen, und von Dem Vieles noch völlig unbekaunt, 
oder durch allerlei Ausſchmückungen entſtellt, Anderes aber 
ſchon ſo vielfach erörtert iſt, daß es Ekel erregen muß. 
Es iſt freilich eine ſchwierige Sache, dem Alten ten Reiz 
der Neuheit, dem Neuen Anſehen, dem Unſcheinbaren Glanz, 
dem Dunkeln Licht, dem Verachteten Gnade, dem Zweifel: 
haften Glauben zu verfchaffen, und überhaupt Alles natur 
gemäß und die Natur nach ihrem ganzen Umfange darzu⸗ 
ſtellen. Grreiht man aber auch diefes Biel nicht, fo ift 
doch das Streben darnadı ſchon ſchön und ehrenvoll genug. 
oe 12. Wenigftens ich hege die Ueberzeugung,. daß Dies 
jenigen eine befondere Berüdfichtigung bei ihren Studien 
verdienen, welche nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten 
mehr den Nutzen, den fie fliften koͤnnen, als die Eitelkeit 
der Gefallfuht im Auge haben. Ich felbft Habe Dieß in 
anderen Werken *) gethan, und kann meine Verwunderung 





 Piinins meint bier vieleicht fein Bud über das Speer⸗ 


Erſtes Bud. = 63 


nicht bergen, dab T. Living, diefer hochberühmt e Schrift⸗ 
ſteller, ein Buch *) feiner Geſchichte, welche mit dem Urs 
ſorung der Stadt [Rom] beginnt, mit den Worten anfängt: 
„er habe ſich bereite Ruhm genug erworben, und könnte jegt 
aufhören, wenn nicht fein unruhiger Geiſt fi 'an dem 
Werte weidete.“ Denn wahtlid es geziemte ſich, zum 
Ruhme des ‚meltdefiegenden Volkes und des Römifchen Nas 
mens, nicht. aber zu feinem eigenen, das Werk zu fchreiben; 
und ein weit größeres Verdienft ift es, aus Liebe mm Werte 
feibft und nicht der Gemüthsergösung wegen, bei feinem 
Vorhaben zu beharren, und es des Rönifchen Volkes, nicht 
aber feiner felbft wegen auszuführen. 

13. Smwanzigtaufend merkwürdige Gegenftände (web: 
bald auch, wie Domitins Pifo **) ſagt, dieſe Bücher eher 
Shastammern heißen follten) habe ih aus ungefähr 
zweitaufend von mir gelefenen Bänden. von denen bis jest nur 
wenige ihres fchwerverfländlichen Inhaltes wegen in die Hände 
der Gelehrten kamen, und aus hundert auserlefenen Schrift: 
ftellern in feheunddreißig Büchern zuſammengefaßt, und eine 
Menge Sachen, die meine Vorgänger entweder nicht wußten, 
oder erſt das ſpätere Leben erfand, hinzugefügt. 44. Wir 
aweifeln jedoch keinesweges, daß auch uns noch Vieles ek 


werfen ber Reiterei, und fein Were über die unbeſtimm⸗ 
ten Redensarten. S. die Einleitung. 
*) Welches wir nicht mehr befigen. | 
**, Diefer Domitius Pifo if eine unbekannte Perfon; er 
fheint ein Freund des Plinius gewefen zu ſeyn, und 
ihm mundlich dieſes Eompliment gemacht zu haben, 


64 C. Plinius Naturgeſchichte. 


gangen ſeyn mag; wir find ja Menſchen, und haben unſere 
Amtspflichten zu erfüllen. Nur in unſeren Freiſtunden, das 

heißt bei Nacht, beſchäftigen wir uns mit dieſen Dingen, und 

Ihr dürft nicht glauben, daß dadurch die Euch gebührende 

Arbeitszeit verkürzt werte. Den Tag verwenden wir für 

Euch; mit dem Schlaf Fargen wir fo viel, ald ed die Ges 

fundheit erlaubt, und find ſchon ganz allein damit zufrieden, 

daß wir gerade jo viele Stunden, als wir und auf dieſe 

Weiſe, wie M. Varro fagt, amü ſiren, länger leben: denn 

doch nur das Wachen iſt Leben. 

15. Da ich nun aus dieſen Urſachen und dieſer Schwie⸗ 
rigkeiten wegen Nichts zu verſprechen wage, ſo muß mir- 
Deine Erlaubniß, an Dich fchreiben zu dürfen, aus der 
Noth helfen: Dieß ift meine ganze Hoffnung, Dieß Die 
Empfehlung des Werkes. *) Vieles fcheint ja nur deßhalb 
von ſehr hohem Werth, weil es in Tempeln ald Weihge⸗ 
ſchenk aufgehängt iſt. Uebrigens haben wir Euch Alle, den 
Bater, Dich und den Bruder in einem geziemend ausgearbei⸗ 
teten Werk, in dr Geſchichte unſerer Zeit,“) welche 
da beginnt, wo Aufidius Baſſus aufhört, verherrlicht. Du 

fragſt, wo fie ſey? Sie iſt längſt vollendet, und erwartet 
von der Zeit ihre Beſtätigung. Auch habe ich den feſten 
Vorſatz gefaßt, ihre Herausgabe meinem Erben zu über: 
laſſen, damit man nicht glauben möge, ich habe bei meinem 
Leben etwas aus Ehrſucht gethan. 16. Ich bin alſo eben 





) Nach ber Lesart: haec fidueia operis est, haec indicatura, 
*) ©, die Einleitung, 


Erftes Bu. _ 65 


fo wenig Denen, welche Mch jebt des größten Anfſehens er: 
feenen, neidifh, Als ben Nachkommen, werde zuverfäffig 
mit uns gerade fo wetteifern werben, wie wir ed mit ihnen 
gethan Haben. 

Einen Beweis tiefer meiner Laute magſt Du auch da⸗ 
rin finden, daß ich biefen Büchern die Namen der [benägten] 
Shriftfteller vorgefeht habe. EB iſt nämlich nad) meiner. 
Uederzeugung ‚billig, und verräth eine edle Befcheidenbeit, 
wenn man eingeſteht, Was man Jedem zu verbanten hat, 
und nicht handelt, wie fehr viele von denen , welche ich bes 
nügte, gefhan haben, 17. Denn Du mußt willen, daß ich 
bei der Bergleichung der Schriftfieller gefunden habe, daß 
gerade die neuften and als die zuverläffigiten Bekannten die 
alten wörtlich ausgeſchrieben, aber nicht genannt haben: 
nicht, wie Birgilius, in der lobenswerthen Abficht, mis 
ihmen zu wetteifern; nicht mit jener Einfalt Cicero's, wel⸗ 
cher in den Büchern von dem Staate befennt, daß er dem 
Plato nadyfirebe, und der in der. Tröflung über den Tod 
feiner Tochter fagt: „ich folge dem Erantor,“ und: „ich folge 
dem Pandtind,* in feinem Wert über die Pflichten, welches 
man doch, wie Du zugeftehen wirft, nicht nur täglich in 
den Händen haben, fondern auswendig kennen ſoll. 18. Es 
vereäth wahrlich eine gemeine Geſinnung und einen armſe⸗ 
tigen Geift, lieber auf einem Diebſtahl ertappt fepn zu 
wollen, als das Geborgte zurückzuerſtatten, befondere wenn 
man fi durch die Nupnießung ein Kapital erworben hat. *) 


*), Wenn man aus ben entliehenen Stellen ein eigenes Wert 
jufammengefegt, und fih baburch Ruhm. ertvorbem hat. 
6 


€, Plinins Nalurgefch, 18 Bochn. 





66 C. Plinius Naturgefhichte, 


Im Erfinden der Titel haben die Griechen ein wunder: 
bares Geſchick. Dieſer nennt fein Buch Kuplor, was ſo viel 
heißen ſoll als „Honigſeim;“ Jener Kioas "Analdsias (Horn 
der Amalthea), was „Büllhorn“ bedeutet: fo daß man faft 
glauben follte, man könne aus einem: ſolchen Buch einen 
Schluck Hühnermilch *) thun. Andere wählen die Benens 
nungen Movoa, (Mufen); Hoandexeo, (Inbegriff aller Wiſſen⸗ 
ſchaft); Eyzsspidsor.. (GHandbüchlein); Acunv (Wieſe)3 
Hhyaxidıov (Gemälde) — Titel, um deren willen man einen 
Termin’ verfäumen könnte! 49. Kommft Du aber zu 
dem Inhalte ſelbſt, o ihr Götter und Göttinnen, - wie 


ſo gar Nichts findet Du da! Die Unfrigen nannten ſchlicht 


+‘ 


und einfältia ihre Bücher „Alterthümer“, „Beifpielfamm: 
kungen“, „Künfte”, und die recht wisig feyn wollten, 
„Lichtarbeiten“ , gerade wie Jener Säufer. hieß und aud) 
einer war. ») Varro wählte noch ſpaßhafter für feine Sa- 
tyren die Ueberfchriften „Anderthalbulyſſes“ und „Wetter⸗ 
fahnen“. ***) Bei den Griechen ließ zuerſt Diodorus von 


En Romilche Sprichwort für eine wunderſam ſeltene 
ache. 

er, Pliniud will fagen: die Benennung „Richtarbeiten‘ (Lucu⸗ 

brationen) ift ganz paſſend, weil die meiften Bücher bet 

Sicht gemacht. werden, gerade wie jener Bibaculud (Säufer), 

«m NRömifher Dichter aus dem Iegten Jahrhundert vor 
Chr., nicht nur fo hieß, fondern audy ein Säufer war. 

*r, Anderthalbulgfies” (Sesculixes), fo viel als ein abgefeirhter 

| Betrüger, trompeur et demi, „Wetterſahnen“ (Flexibula). 

infonfequente Schurken, Girouettes. Die ganze Stelle ift 

übrigens in allen Handſchriften fo verborben, baß jede 

Ueberfegung verzeihlich iſt. 


. 








20 Erftes Bud) | 67 
dieſen Poſſen ab, und überſchrieb feine Geſchichte „Bibliothek“. 
20. Freilich behauptete noch fpäter der Grammatiker Apion 
(Derfelbe, welchen der Kaiſer Tiberius die Welteymbel 
nannte, der aber bei weitem eher die Lärmtrommel des 
öffentlichen Gerlichtes heißen könnte) in feinen Büchern, er 
verewige Denjenigen, dem er eines widme. — Mich gerent 
es gar nicht, "Beinen preunkoplleren Zitel erdacht zu haben. 
Damit es aber nicht feinen möge, als tadfe ich die Grie⸗ 
chen in Allem, ſo wünſche ich recht ſehr, daß man mich 
nach jenen großen Meiſtern in der Malerei und Bildhauer⸗ 
kunſt beurtheilen wolle, welche, wie Du in dieſen Büchern 
finden wirft, ihren vollendeten Werken, und ſogar jenen, 
weiche wir jest nod) nicht genug bewundern können, ſtets 
eine unbeſtimmte Ueberfährirt gaben, wie „Apelles arbeitete 
daran“, oder „Polycletus arbeitete Daran“, ald wenn das 
Kunftwerk zwar immer in der Arbeit, aber noch nich fertig 
wäre, wodurch dem Künftler gegen. den Tadel jeder Kritif 
ftetd ein Ausweg zu der Entfchuldigung blieb: er würde, 
Was man daran auszuſetzen hätte, noch verbeflert haben, 
wenn er nicht ldurch den Zod] unterbrochen ‘worden wäre. 
21. Es iſt gewiß ein Zeichen der größten Befcheidenheit, _ 
daß fle jedes ihrer Werke als das neuefte ausgaben, und den 
Glauben unterhalten wollten, als feyen fie an der Bollen: 
dung eines jeden durch das Schickſal gehindert worden. 
Drei Kunftwerke nur, und, wie ic) glaube, durchaus nicht 
mehr, follen die beftimmte Lleberfchrift führen: „RN. N. hat 
es gemacht“ ; id) werde an ben geeigneten Stellen *) von 





*) Vielleicht XXXV, 10,39, \ 
n 5% 


, 

68 C. Plinius Naturgeſchichte. 
- ihnen ſprechen. Jedenfalls geht daraus hervor, daß dieſe 

Küuftler von der WVortrefflichkeit ihrer Werke volllommen 
überzeugt waren, weßhalb fle daun auch vielfach angefeindet | 
wurden, ' Ä 
22. Jh gebe recht gerne zu, daß nicht nur dieſe Bücher, 

fondern alle andern, die ih herausgab, mancher Bufäpe fähig 
- find. Ich geftebe Diefes um ſo lieber ein, um mich im Vor⸗ 
übergehengegen jene Homersgeißeln *) ſicher zu ſtellen; denn 
ich höre, daß die Stoiker und Dialektiter, fo wie andy die 
Epicureer (wie man von den Grammatikern ohnehin nichts 
Anderes erwarten Fonnte) mit einer Widerlegung der Bücher, 
die ich über die Grammatik heransgad , »H ſchwanger gehen, 
und fchon zehn Fahre ‚lang fortwährend in Geburtsnöthen 
And, da doch fogar die Elephanten *°%) fehneller - gebären, 
35. Freilich if mir nicht unbelannt, daß gegen Theos 
shraftud ,. einen Mann, der in der Beredfamkeit fü groß 
war, daß er ſich dadurch den Namen des Göttlichen erwarb, 
fogar ein Weib +) ſchried, und daß daher das Sprichwort 
entſtand: „man möchte ſich einen Baum. zum Hängen für 
chen.“ Ich Bann mich nicht enthalten, einige ‚hierher gehörige 
Worte des Eenford Eato anzuführen, um dadurch zu zeigen, 
wie ſogar Cato (der unter [Scipio] Africanus, ja Tetbft 
unter Hannibal das Kriegshandwert erlernte, und nicht 











*) Ungerechte und grobe Recenſenten. 
"*) Ueber unbeſtimmte Rebensarten (dubii sermones), 6% 
Einleitung. 
»eo) S. B. VII, 8. 10. / — 
+ Die Buhlerin Leontium. Cicero às nat, Deor. L 40. 


Erftes Bud. 69 


einmal den Africanus als Meifter anerkennen wollte, dem 
ſelbſt als Feldherr die Ehre des Zrinmphe zuerkannt wurde), 
als er fein Werk Über die Kriegstunft herausgab, fhnell« 
fertige Anfeinder fand, die dur den Zabel eines ihnen 
fremden Willens Ruhm zu erhafchen dachten. 24. Was 
fagt er aber in dem erwähnten Buche? „Ich weiß mohl, 
daß gegen diefe Schrift, wenn fle herausgegeben iſt, Biele 
auftreten und fie begeifern werden, hauptſaächlich aber ſolche, 
die jedes Inahren Lobes baar find. Die Reden diefer Leute 
laffe ich verhallen.“ Auch Plancus eriwieherte, ald man 
ihm hinterbrachte, Aflnius Pollio *) wolle Reden gegen ihn 
ausarbeiten,, die aber von ihm oder von feinen Kindern 
erſt nach dem Tode des Plaucus Herausgegeben werben 
folten, damit er nit antworten könne, wicht ohne 
Wiss „mit den Todten kämpfen nur Geſpenſter.“ Durch 
weldye Bemerkung er fhon im Voraus jene Reden fo auf 
wiberlegte, daß fle von den Gelehrten als ein unverſchämtes 
Machwerk betradıfet wurden. 

25. Nachdem ich mid num auch gegen bie Geiferer 
(die Cato mit einem aus „Vitium“ [Zehler] und „Litiga⸗ 
tor“ LZanker] zufammengefegten Worte „Bitiligatoren “ 
nennt — und Was wollen fie deun auch anders, als zanken 
oder Zank fuchen?) fiher geſtellt, fo will ich das Wenige, 
Was id) nocd zu fagen babe, vorbringen. Da ich Deine 
Zeit der Arbeiten für das allgemeine Wohl wegen fchonen , 
mußte, fo habe ich ein Verzeichniß ») alles Defien, Was 

?) Ueber Afınius Pollio und Eato vgl, bie Bemerkungen 


” vor bem erften Buch. 
. Su der Ueberfegung wurde dieſes Inhaltsverzeichniß (Buch I), 


70 C. Plinius Naturgeſchichte. 


in den einzelnen Buͤchern enthalten iſt, dieſem Briefe bei⸗ 
gefügt, und mit der größten Sorgfalt dahin getrachtet, daß 
Du fie nicht zu leſen brauchſt. 26. Auf dieſe Weile er⸗ 
wächst audy durch Dich Andern der Vortheil, daß fie diefes 
Werk nicht ganz durchzuleſen brauchen; fondern Jeder, der 
Etwas zu wiffen wünſcht, darf nur in dem Regiſter nach⸗ 
ſchlagen, und wird fogleich fehen, an welder Stelle das 
Berlängte zu finden if. In unferer Literatur that das 
Naͤmliche Valerins Soranus in ſeinen Büchern, welche er 
„Epoptiden“ (Geheimniſſe) betitelte. Lebe wohl! 





das den jegigen Anforderungen an ein ſolches durchaus nicht 

. entfpricht, getheilt, und jedem folgenden Buche das betreffende 
Stüd, mit Eurzen Bemerkungen Über bie barin angeführten 
Schriftfielfer , vorangeſchickt. Vollſtaͤndige Regiſter follen 
am Ende bed Werkes beigefügt werben. 


». 


' s 
— — 


Zweites Bud. 


Von der Welt und den Elementen. 





Inhalt. 

Kay. I, Ob die Welt endlich „und ob nur eine Welt fey. 

1, Bon ihrer Geftalt. III, Bon ihrer Bewegung Warum 
ſie „Mundus“ genannt werde. IV. Von den Elementen und 
Planeten. V. Bon der. Gottheit. VI. Von der "Natur der 
Geftirne [und von dem Lauf der Planeten]. VIL Bon den 
Mond: und Sonpenfinfternifien. VII Won ber Größe der 
Sefirne.. IX, Was Diefer und Iener bei ber Beobachtung des 
Himmels entdeckte. X. In welchen Zwiſchenraͤumen bie Sonnens 
und Mondfinſterniſſe ſich wiederholen. XI. Von dem Laufe des 
Mondes. XI, Der Lauf der Planeten; allgemeine Geſetze ihres 
Sichted. XIII. Warum bieſelben Planeten bald entfernter, und 
bald näher fcheinen. XIV. Woher. die Verſchiedenheit ihrer Bewe⸗ 
gung rühre. XV, Allgemeine Geſetze der Planeten. XVI. Durch 
welche Urfache bie Veränderung ihrer: Sarbe Hewirkt - wird, 
XV, Der Lauf der Sonne und bie Urfache der Lingleichheit 
der Tage. XVIII. Warum man dem Jupiter die Blide zu⸗ 
ſchreibt. XIX. Der Abſtand der Gefttene von der Erde, XX. Mur 
fitalifhe® von den Geftirnen. XXI. Geometrifched von ber Welt. 
XII. Bon den plöglich erfcheinenden Sternen ober Kometen. 
XXI. Won ihrer Eigenfchaft, dem Orte ihres rfcheinens 
und ihren verfchiebenen Arten, XXIV. SHipvard’3 Anſicht 
von den Sternen: XXV. Wunderbare Erſcheinungen am 
Himmel, nebſt Beifpielen aus ber: Gefchichte, Fackeln, Leuchten, 


72 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Geſchoſſe. XXVI. BSalken am Himmel; Oeffnung bed Himmels. 
XXVII. Von den Farben des Himmels und dem himmliſchen 
Feuer. XXVIII. Von Kränzen am Himmel. XXIX. Von 
piöglich entſtehenden Kreiſen. XXX. Längere Sonnenfinſter⸗ 
niſſe. XXXI. Mehrere Sonnen. XXXII. Mehrere Monde. 
XXXIII. Tageolicht bei Nacht. AXXIV. Brennende Schilde, 
XXXV. Eine einmal gefehene wunderbare Erſcheinung am 
Himmel, ° XXXVIL Von den Fortſchießen ber Sterne. 
XXXVU, Boy den Sternen, hie fih auf der Erbe und auf 
dem Meere zeigen. XXXVIN. Won der Luft, und warum es 
Steine regne. XXXIX, Von ben beſtimmten Urfachen der 
Witterung. XL, Bon dem Aufgange bes Hundéſterns. XL. Bon 
den -befimmten Einfluß der Sahreözeitn. XLII. Bon den 
u unbeſtimmten Zeiten «intverfenben Gewittern und Wegen. 
LIII. Vom Donue und Bis. ZLIV. Bom Usrfpruug ’ker 
Binde XLV. Werfhisdege Bemerkungen Über - bie Winde, 
KLVf, Arten der Winde. ALVU. Elm weiche Seit bie vers 
ſchie denan Winde gehen.) XLVXII. Gigenſchaften ber Winde, 
XLIX. Der Eenephias und ber Tyahen. Eu Drebmwinte, glühente 
Drehminde, Wirbel. und audere wunderbare Arten von Stürmen. 
Li. Bon ben Blien. In welchen Rändern man keine bemarkt, 
unb merum. Lil. Arten der "Bine und wanderbare Eigen⸗ 
fihaften derſelhen. LIE Hatrustiſche und Römische Anfichten 
ner die Blige. LIV. Men dem Herabtecken ber Blüte 
LV. Wiigemeinns vom den Bien LVL Weihe Gegemitinde 
Nie vom Blitze geiueffen werten. LIVE. Daß es fen 


Mi, Blut, Fleiſch, Gifen, Wolle und Ziegelſteine geragmet 


babe. LVIII. Waffengeräuch und Trompetengeſchmetter nom 
Himmel hereb anhört. LIX. Mon den vom Himmel herab⸗ 
fallenden Steinen. Worautreentändigung. berfelten buch Auaxa⸗ 
onsad. LA, Der Regenhogen. LXI. BVeſchaffenbeit des Hagels, 
des Schnees, bei Reit, dad Wiebeld, des Thaus uud der Wolfen. 
LXU. Befoubere Eigentholunlichteiten des Himmols an vers 
fihiskeuen Orten. LXIII. Beſchaſſenbeit hen Erde. LXIV. Ben 
mer Gafealt. LXV. Dh si Gegenfaͤßler gabe. LXVI. Mie 
and Maffer wit. ber Erhe vorbugben iſt. LXVAII. Ob der Dunn 


a 
l 





Zweites Buch. 73 


die Welt umgebe. LXVIII. Wie viel von ter Erbe bewohnt 
wird. LXIX. --Dap bie Erbe her Mittelpunkt ber: Welt fen, 
LXX. Bon der Schieſe der Zonen. LXXL Bon der Uns 
gleichheit der Elimate LXAIL. Mo men bie „Sinfterwirfe wit 
fehe, und warum man fie nicht ſehe. LXXIII. Ben ber vers 
ſchiedenen Dauer bes Tags auf ber Erbe LXXIV. Geome⸗ 
trifhe Bemerkungen ber denſelben Gegenſtand. LXXV. Wo 
und wann es Feine Schatten gebe. LXXVI. Wo zweimal bes 
Jahres die Schatten auf bie entgegengejeigte . Seite fallen. 
LXXVI, Wo die Tage am Iängfien, und wo ſie am Elirzeften 
find, LXXVIII. Won ber erfien Stundenuhr. LXXIX. Wie 
man anf verfchiebene Weife dei Tag berechne. LXXX. Ber: 
fchiedenheit der Volker nach 'ben Himmelöftrichen. LXXXI Bon 
den Erbbeben. LXXXII. Bon den Erdriſſen. LXXXIII. Bor: _ 
zeichen eines nahen Erbbebens. LXXXIV. Schutzmittel gegen 
bevorſtehende Erdbeben. LXXXV. Erdwunder, die nur ein mal 
vorkamen. LXXXVI. Wunderbare Umfiänbe, welche manche 
Erdbeben begleiteten. LXXXVU. An welchen Stellen has 
Meer zurfdigetteten is, - XXXVIII. Auf. weiche Weife neue 
Juſeln entfieben. LXXXIX. Wo und wann foiche Infeln ents 
Banden find. XC. Weihe Länder das Meer voneinander ges 
rifen bat. XCH Welche Infeln mit dem feften Land verbunben 
wurden. XCII. Welche Länder ganz in Meer verwanbelt wurden. 
XCII. Welche Länder ſich felbft verflungen baten. XCIV. Stäbte, 
die had Meer verfchlungen bat: XCV. Bon den Luftlöchern 
der Erde. XCVI.. Bon Läntern, welche immer zittern, und 
von- ſchwimmenden Sufein. XCVII. Stellen, "auf welche kein 
Regen fällt. XCVIII. Allerlei wunderbare Naturericheinungen 
in verfchiebenen Ländern, XCIX. Auf weiche Meiſe die Meeres; 
nuthen fleigen und fallen. C. Orte, wo bie Fluth Feiner ſeſten 
Regel folgt.. CL, Wunderbare Cigeufchaften bes Meered, Cll. Wels 
hm Einfluß der Mond auf bie Sands und Geeergeuguifle habe, 
CUL Wehen Einfluß bie Soune äußere. CIV. Urfache bed 
Salzgeaſchmackes des Meeres. CV, Wo es am tiefiten if. 
CVI. Vunderbare Cigeuſchaften der Quellen und Fluſſe. CVII. Wun⸗ 
derbare Eigenſchaſten des Feuers in Verbindung mit ben Waſſer. 


\ 


7h - €. Plinius Naturgeſchichte. 


CVIII. Bon der Maltha. CIX. Bon der Naphtha. CX. Weilche 
Orte immer brennen, CAT, Wunderbare Eigenſchaften bes 
ZFeuers für fih allein. CXII. Mapbeftimmung ber ganzen Erde 
nach ihrer Länge und Breite. CXIII. Bergleichenbe Verechnung 
der Größe ber Welt. 

Summe ber in diefem Bude enthaltenen Gegenftände , Ge⸗ 
ſchichten und Bemerkungen: 41T. ) 


‚Quellen 


Nöõmiſchee. M. Warro, Sulpicing Gallus, der Smperator 
Titus Chfar, D, Tubero, Tullius Tiro, 8. Piſo, T. Living, 
Cornelius Nepos, Statius Sebofus, Cälius Antipater, Tabia- 
nus, Antias, Mucianus, Kächna, ber Über die Hetrusfifche 
Disciplin fchrieb, Tarquitius, welcher Über denfelben Gegenftand 
fhrieb, Julius Aquila, der ebenfalld biefen Stoff behandelte, 
Sergius Paulus, 

Fremde. Plato, Hipparchus, Timaͤus, Soſigenes, Peto⸗ 
ſiris, Necepſus, die Pythagoreer, Poſidonius, Anaximander, 
Epigenes ber Gnomoniker, Euclides, Ebranus der Philoſoph, 
Eudoxus, Democritus, Gritodemuß , Thraſyllus, Serapion, 
- Disdarhud, Archimedes, Oneficritus, Gratofihenes, Pytheas, 
. Herobötug, Nriftoteles, Cteſias, Artemidorus von Eyheſus, Iſido⸗ 
rus von Charax, Theopompus. 


2 





Kurze Bemerkungen über dieſe Quellen.*) 
Acten (acta populi), eine Art Zeitungen, welche unter 
Zuftud Cäſar aufkamen. Sie enthielten die merkwürdigſten 


2) Nur was zur Erläuterung bed erfien unb zweiten Buches 
nöthig ift, fol hier von dem Leben und den Schriften ber 
angeführten Autoren beigebracht werben. Derſelbe Grund⸗ 
fag wird bei ben Einleitungen zu ben folgenden Büchern 
fefigehatten. Die Griechiſchen Schriftſteller ſind mit einem 
Sternchen bezeichnet. 








Zweites Bud). 75- 


Staatsfahen und ungewöhnlichen Ereigniſſe der Natur 
(c. 57. $. 2.) und des Lebens in jedem Jahr, und wurden in 
den öffentlichen Bibliotheken aufbewahrt. 

* Anarimanber von Milet, ein Schüler des Tha⸗ 
les, lebte im ſechsſten Jahrhundert vor Ehr., und war ein 
eben fo großer Philoſoph als Mathematiker. Er beobachtete 
zuerſt die Schiefe des Thierkreiſes (c. 6. $. 3.), und foll den 
Lacedämoniern ein Erdbeben, welches faſt ihre ganze Stadt 
zerſtoͤrte, vorhergeſagt haben (c. 81. $. 1.). 

Annalen (Annales Pontiicum, Annales Maximi). was 
ren von den Prieftern geführte Bücher über die Häuptereig- 
niffe jedes Jahres, aus welchen die ſpäteren Hiſtoriker ihren 
Stoff fchöpften. Die Stelle, bei welcher ſich Plinius auf 
fie bezieht (c. 54.5. 1.), beweist, daB auch merkwürdige 
Naturereigniffe darin aufgezeichnet wurden. 

Antias (O. Balerius). 6. Valerius. 

Antipater (L. Cöolius), ein Römiſcher Hiſtoriker und 
Zeitgenoſſe dev Gracchen, wurde beſonders wegen feiner un, 
parteiifchen und ‚gutgefchriebenen Gedichte der Puniſchen 
Kriege , die nicht auf unfere Zeit gekommen ift, geihäpt. 


Living benütte diefes Werk fleißig, und Plinius (c. 67. ” 


$. 4.) fchöpfte aus ihm die merkwürdige Nacricht, daß 
fhon im zweiten Jahrhundert vor Ehr. Schiffer von Spa⸗ 
nien aus um Afrifa nad Aethiopien gefegelt feyen. 

* Apion, ein Aegypter und berühmter Schrift⸗ 
fteller aus der Zeit des Kaifers Tiberius, von deſſen zahl 
reihen Werben wir Beined mehr befigen. Mit einer bedeu⸗ 
tenden Belehrfamkeit verband er einen nicht geringen Grad 


- 


‘ 


6 ‘g, Plinius Raturgefhichte. 


von Prahlerei, die ihm häufig den Spott ber Zeitgenoffen 
und der Nachwelt zuzog (I.-$. 20.). 

Aquila (Julius), wabrſcheinlich ein Hetrusker, von dem 
wir nur durch Plinius wiſſen, daß er ut die Hetruskiſche 
Disciplin ſchrieb. 

Archimedas aus Syrnkus, ein allbekannter Mas 
thematiker aus dem dritten Jahrhundert vor Chr., weicher 
bei der Eroberung ſeiner Vaterſtadt durch die Römer (212 
vor Chr.) umkam, und von dem. wir uoch mehrere Werke 
beſitzen. Plinius nennt ihn nuter den non ihm im zweiten 
Buche benüsten Schriftſtellern, bezeichnet aber die Stellen, 
welche er ihm verdankt, nicht genauer. ' 

. " Ariioteles,. der berühmtefte Schüler des Plato 
und der Lehrer Alexanders des Großen, 384 vor Chr. zu 
Stagira geboren, hinterließ ſehr zahlreiche Schriften, von 
- denen die meiften. auf unfere Zeit gekommen find. Sie bilden 
eine der. Hauptquellen des Plinius obſchon Dieſer ſie nicht 
immer namentlich anführt. So benützte er die Meteorologie 
hei den Bemerkungen. über die Kometen (c. 22. 23, ch 
Meteorolog., II, 6. 7.); über den Regenbogen (c. 60. ck 
‚Meteorolag. III. 2. 4 5.); über Hagel, Schuee, Duft und 
Thau (c. 91. cf. Meteorolog, 1;.10-42.); über die Erd 
beben (c. 82. 83. $. 3 84. $. 5. ef, Metæorolog. U, 8.); 
das Bud, „von der Welt“ bei Befchreibung der Höhlen, aus 
welchen gefährliche Ausbünftuugen auffleigen (c, 95. $. 3 
ef, de mündo, c. 4.), und ein unbekanntes Merk bei ber 
Lehre von der Ebbe und Fluth cc. 101). 

>" Artemidorng von Ephefus, ein Geograph ans‘ 
dem zweiten Jahrhundert vor Ehr., welcher die Küften des 








Zweites Buch. 77 


Mittelmeeres, einige Gegenden des atlantiſchen Oceans 
und das rothe Meer bereiste, und eine Geographie (Teuypa- 
gorueve) ſchrieb, von der fih nur ein magerer Auszug zum 
Theil erhalten hat. Plinins benüßte fle bei feiner Maßber 
fimmung der den Alten Bekannten Erdoberfläche (e. 13. 
45. 4. 4. 6.). 

Afinins Pollio (E. J, ein berühmter Redner und 
Hiſtoriker and der Zeit des Auguſtus, defien Werke fämmts 
lich vertoren find. So fehr ihn feine Seitgennffen amd and) 
fpätere Gchriftfteffer Toben, fo können nnd wollen ffe ihm 
doch nicht eine allzugroße Neigung, Andere zu tabeln, vers 
zeihen. Auch Plintus . 6. 24.) ſtimmt mit in dieſen Vor⸗ 
wurf ein. 

Aufidins Baſſus, ein geſchätzter Hiſtoriker unter 
Augnfins und Tiberius, ſchrieb eine Geſchichte der Römiſchen 
Buͤrgerkriege, fo wie des Krieges in Deutſchland, welche von 
Plinins fortgeſeßt wurde (I. 5. 15.) ©. die Einleitung. 

Anguftus, der Kaifer, hatte ih and mit Glück 
als Schriftſteller verſacht. Das mertwürbigfte feiner Werke, 
die ſammtlich verloren find, war wohl eine Geſchichte des 
eigenen Lebens, bis zum J. 26 our Chr. Aus biefer Wer 
ſchichte ift wahrſcheinlich die Stelle Über einen im $. a4 
vor Ghr. fihhtbaren Kometen, weiche Plinius (ec. 23. $. 4.) 
woͤrtlich anführt, und eine andere (c. 5. 5. 8.), welche bes- 
weist, baß biefer Kaifer keineswegs von Aberglauhen frei 
war, genommen. 

Cacina (Aulus) von Bolterra, der grundlichſte Be⸗ 
arbeiter der Hetruskiſchen Disciplin, deſſen Schrift „DE 
Etrusca disciplina* bie Röomiſchen Schriftfteller hänfig 


78 €. Plinius Naturgefchichte. 


benützten (Vgl. Sendea, natur. quaest. c. 39 59q.). Es ift 
gewiß ein großer Verluſt für die Alterthumswiſſenſchaft, 
daß wir keines der zahlreichen Werke über die Etruskiſche 
Lehre mehr beſitzen. 

Cato (Marcus Porcius), der Cenſor, ein berühmter 


Staatsmann, Redner und Schriftſteller (232-4147. vor E.), - 
von deffen zahlreichen Schriften wir nur noch das Buch 


über den Landbau befigen. Sein-Werk über die Kriegstunft 
(de militari disciplina) rühmt Plinius (I. 6. 23—23.) fehr. 
Catullus Q. Valerius, von Berona, einer der bes 
ten Römiſchen Dichter aus dem Iepten Jahrhundert vor E.). 
Die Stelle, welche Plinius (I. S. 1.) aus ihm anfährt, 
findet fih unter den Gedichten, welche auf unfere Zeit ge« 
kommen und durch Ramler’ö Ueberfegung (Leipz. 1793. 8.) 
den Zreunden ber fchönen Literatur bekannt genug find. 


Cicero (M. Tulius), der bekannte Römifche Staats⸗ 


mann, Redner und Philsfoph, ‚über deſſen Leben man ‘in 
jeder Geſchichte der Römifchen Literatur genügende Aus⸗ 
kunft findet. - Plinius nennt fein exrft nur zum Theil wieder 
aufgefundenes Werk „über den Staat“ CH $. 6. 17.), die 


„Zröftung über den Tod feiner Tochter“ (I. S. 17.), von 


der nur wenige Bruchflüde auf uns gekommen find, - -und 
die Bücher „über die Pflichten“ dA. S. 17,), welche wir noch 
vollſtändig beſitzen. Auch führt er (I, $. 8.) eine Stelle an, bie 
ſich in den jest vorhandenen Schriften Eicero’s nicht findet. 
. Sonderbar iſt's, daß Plinius weder in dem QAutorenvers 
zeihniß zu dem zweiten Bud, noch in diefem felbft 
Ficero nicht nennt, da er ihn doch an mehreren Stellen 





Zweites Buch. 79 


(c. 41. 6. 2 e..81. $. 1.) offenbar benũtzte. Bgl. abrigend 
Zulfius Tiro, 

Cölius Lucius. S. Antipater. 

Cöranus, ein Griechiſcher Philoſoph, von welchem 
wir nichts weiter wiffen, als daß er zur Zeit Nero's lebte 
(Taeit, Annal. XIV, 59.) Weiche Werke er gefchrigben, und 
welche Plinius, der ihn nur in dem Inhaltsverzeichniſſe Des 
zweiten Buche nennt, benügt habe; laßt ſich nicht er⸗ 
rathen. 

Cornelius Nepos, ein Beitgenofl und Freund 
Cicero's, ſchrieb mehrere hiflorifche Werte, weldye bis auf 
wenige Auszüge, die unter dem Zitel: De viris. illustribus 
bekannt find, im Strome der Zeit untergingen. In diefen 
noch vorhandenen Auszügen finden ſich die von Plinius au⸗ 
geführten Gtellen (c. 67. $. 4.) nicht. 

Critodemus, ein Afteonom aus dem vierten Jahre 
hundert vor Ehr., fehrieb ein aftrofogifches. Werk (amore- 
Mouara —RX „welches ſich handſchriftlich auf der kaiſer⸗ 
lichen Biblidthek zu Wien befinden ſoll. Ob Plinius dieſes 
oder ein anderes, oder an welchen Stellen er es benützte, 
läßt ſich nicht ausmitteln, da er nur in dem Inhaltsver⸗ 
zeichniß des zweiten Buches den Namen dieſes Schriftſtel⸗ 
lers nennt. 

* Stefias aus Gnidus, ein berühmter Hiſtoriker aus 
dem vierten Jahrhundert: vor Chr., welder eine. Affprifche 
und eine Indiſche Geſchichte ſchrieb, die bis auf menige 
Bruchftüce verloren find. Seinen mit orientalifcher Phan⸗ 
taſie ausgeſchmückten Erzaͤhlungen und Nachrichten folgt 
Plinius mit ſichtbarer Vorliebe. And der Aſſyriſchen 


0. €. Plinius Naturgeſchichte. 


Geſchichte nahm er die Bemerkung über einen- feıterfpeienden 
Berg in Lycien (c. 4110. $. 4. cf. Photii bibl, eod. 73. 
p. 146, wo fidy die. Griechifche Stelle, die Plinius vor Aus 
gen hatte, erhalten bat). 

+ Democritaus von Abdera (469-561: dor Ehr.), ein 
bderühmter Philoſoph des. Alterthums, nah deſſen Anſicht 
die Welt durch die Verbindung und Miſchung untheilbarer, 
ſich urſprünglich kreisfförmig bewegender Körperchen (fo: 
men) entſtand. Der Glaube an ein höheres Weſen, behauptet 
er , fen aus der Furcht hervorgegangen , und zwiſchen Recht 
nnd Unrecht gebe es von Natur Peinen Unterſchied, ſondern 
Dieter fen eeft durch die bärgerfichen Geſetze geſchaffen wor⸗ 
den. Plinius fagt (a. 5. $. 4.), er habe zwei. Götter an: 
„genommen, Belohnung und Strafe. 

* Ditfäarhus von Meſſana, ein Schüler bes Ariſto⸗ 
tele, wurde im Alterthum feiner poötifchen, hiſtoriſchen 
und gengraphifhen Schriften wegen, die Bis auf wenige 
Bruchſtücke verloren find, fehr geſchaͤzt. Eines berfeiben, 
über die Meffung der Berge im Peloponneb Inuranererjoex 
zar iv Hlelonorsyou spdr), benũtzte Plinins, wie er ſelbſt 
angibt (c. 65. 6. 3.). 

* Diodorus von Agyrion in Sicilien, ein Hiſtoriker, 
der zur Zeit des Julius Caſar und Auguſtus in Rom lebte, 
und eine allgemeine (nur zum Theil noch vorhandene) Ge: 
ſchichte fehrieb, welcher ex den Titel: „Hiſtoriſche Bibliothek“ 
eeBlsodyan, foropıxy), gab. Minius (I. S. 19.) rühmt diefen 
Titel als einen fehr paffenden. 

- * Dionpfodorns von Welos, ein bekannter Mathemas 

Her des Alterthums, der die laͤcherliche Eitelkeit hatte, feine 


weites Bud). 81 


Meinung über den Umfang der Erbe durch einen Betrug 
zu bekräftigen. Er nahm nämlich einen Brief mit in ſein 
Grab, der auf feine Veranlaſſung wieder gefiinden wurde, 
und in welchem er das Maß der Entfernung von feinem 
Grabe bis zum Erdmittelpunkt angab (c. 442. $. 10. 14.) | 

Diseiplin (Hetrnstifhe) Die gefammiten 
Schriften über die Hetruskiſche Disciplin (literae Tascoram. 
e. 53. $. 1. Volumina. Etruscae disciplinae, c..85. $. 1.) 
faffen fih in folgende AUbtheilungen bringen: 1) alte Prodis 
gien = ımd Orakelſammlungen (libri fatales). 2) Geſaͤnge 
über die Disciplin. 3) Die vollſtändigere Aufzeichnung der 
Disciplin, als Ritualbücher, Fulgutalbücher, Harufpicien- 
bücher und Oſtentarien. Wer ſich näher über das Weſen 
der Hetruskiſchen Disciplin und den Inhalt des darüber 
Geſchriebenen zu unterrichten wünfcht, vgl. O. Müller, „die 
Etrusker“ (Brest. 1828. 8.). Bd. I &. 20—79. 

* Epigenes von Rhodus, ein geachteter Aſtronom 
ans dem zweiten Jahrhundert vor Chr., ſoll befonders 
Meiſter in der Gnomonik Sonnenfäjattenfunde) gewefen 
ſeyn. Plinins nennt ihn im Inhaltsverzeichniß des zweiten 
Buchs ſchlechtweg den Gnomoniker. 

⸗2Evatoſthenes von Eyrene (276-196 vor CEhr.), 
ein pielgenanmter ‚(Gelehrter des Alterthums, der ſich faft 
mit allen Sweigen des menſchlichen Wiffens, vorzüglich aber 
mit Geſchichte, Geographie, Aftromomie (c. 76.) Philoſophie, 
Grammatik und Dichtkunſt befaßte. Seine Erdbefchreibung 
(Teuygagıua) ,. and welcher Plinius (c. 449. 6. 8.) die Bes 
fimmung des Erdumfangs mittheitt, ift bis auf wenige, 

e Yinint Naturgeſch. 18 Sige, . 6 


2. €, Plinius Naturgeſchichte. 
von fpäteren Schriftſtellern. enthaltene ‚Sragmente dere 


loren. 
Eu clides, berühmter Mathematiker aus dem drit⸗ 


ten ‚Jahrhundert - vor Ehr., welcher zu Alexandria die. 


Mathematik lehrte, und fie in feinen Werken, von welchen, 
wir noch mehrere beſitzen, trefflich darftellte. Plinius neunt 
ihn im Inhaltsverzeichniß des zweiten Buchs, ohne uns 
durch nähere Andeutungen merken zu laffen, an weldyen 
Stellen er ihn benützte. " 

* Eudorus and Knidus, ein Schüler des Plato, 
gleich berühmt als Geometer und ald Arzt, blühte um das 
Jahr 360 vor Chr. Aus feinen Schriften, die nicht auf 
unfere Zeit gekommen find, entlehnt Plinius (c. 48. $. 5.) 


die Bemerkung, daß diefelben Winde, und überhaupt die- 
felbe Witterung immer nad einem beflimmten Seitraum 


- wieder eintreffen. — Bon Eudorus aus Cyzikus, einem 
berühmten Reifenden (etwa 125 Jahr vor. Ehr.), fpridht 
Plinius wohl (c. 67. & 4.), nennt ihn aber nicht als 
Shriftfteller, was er audy nicht gewefen zu ſeyn ſcheint: 
feine Notizen, mit welchen er die Erdkunde beveicherte, 
gingen jedody in Strabo's Geographie über. 

Fabianus Papirins, ein zur Zeit des Kaiſers Tibe⸗ 
rius blühender Naturforſcher (Senec. Epist. 42. 100.), fihrieb 
über Boplogie (de auimalibus) und Über Naturerfcheinungen 
(Causarum naturalium libri).. Yus dem letzten Werk nahm 
Plinius wahrſcheinlich die Bemerkung, daß im. Aegupten 
feine Südwinde wehen (c. 46. $. 4.), und die Beilimmiung 
der Meerestiefe (c. 105.). 

Gallus. S. Sulpicins Gallus. 


Zweite Bud... . 83 

* Hanno, Karkhagiiher Feldherr aus dem fechsten 
Jahrhundert vor Chr., machte eine Entdedungsreife an 
der Weſtküſte von Afrika, die er in Punifher Sprache 
beſchrieb (oc. 67. $. 3.). Yu der Nechtheit der noch vorhan⸗ 
denen jedenfalls‘ -jüngern) Griechiſchen Ueberfegung haben 
Biele gezweifelt. 

* Herodbdtus von Halikarnaſſus (484—-408 vor Chr.), 
der Vater der wahren Geſchichte, aus deſſen befanntem 
Werke Plinius die Nachricht über einige Gegenden, die 
früher dad Meer bedeckte, nahm (c. 87. $. 2. dgl. Herodot. 
I, 10.). 

°. HimilEo, ein Karthager, weldher im fecsten 
Jahrhundert vor Ehr. eine Entdedungsreife an den Küſten 
des weftlihen und nörblichen Enropa’s machte. Sein Reiſe⸗ 
bericht, den Plinius noch Fannte (c. 67. $. 3.), iſt nicht mehr 
vorhanden. 

Hipparchus von Nic, der Vater der Aftronomie 
und der größte Aſtronom des Alterthums, lebte im zweiten 
Jahrhundert vor Ehr. Er beftimmite zuerft die Dauer des 
Sonnenzeichend auf eine mit der jebigen Annahme überein: 
fimmende Weiſe; den Umfang der Erde (c. 112. $. 9.); 
ferner fehr genau die Ercentricität der Mondbahn und das 
Gefen für die Beredinung ber Mond: und Sonnenfinfterniffe 
(c. 40. 6. 2.), umd verfaßte das erfte Sternverjeichniß (c. 24. 


6. 2.), fo wie die erften afronomifchen Jahrbücher (c. - 


4. 2). Die Länge eines Tages vechnete er von Mitters 
nadyt zu Mitternacht ( n. $. 41.), alfe nad) iegiger | 
Beiſe. | 

6* 


84 C. Plinius Naturgeſchichte. 


“Homer, der Bater der Poeſie, über den wir 
Nichts fagen, ald daß ihn Plinins als Quelle feiner 
Bemerkungen über die Hochherrlichkeit der Sonne (c. 4 
$. 4.) und über Das an Aegypten angeſchwemmte Land (c. 87. 
.$. 4.) anführt. 

»Iſidorus von Charax, ein geographiſcher Schrift 
ſteller ans dem erſten Jahrhundert nach Chr., verfaßte eine 
Beſchreibung Parthiens (Mapsias zegınynrson), aus der 
:wir noch einen Auszug (Zraguoi TTapdıxod) beſitzen. Pli⸗ 
nius benüpte fie bei feiner Maßbeſtimmung der den Alten bes 
fannten Erdoberfläche (c. 4112. $. A. 7.). 

Julius Aquila. S. Aquila. 

LiceiniusCraſſus Mucianus (M.), ein berühmter 
Feldherr und Staatsmann aus der Zeit der Kaiſex Nero 
und Belpaflan, fihrieb ein geachtetes Geſchichtswerk, über 
deſſen Inhalt wir nichts Näheres wiſſen. Plinius nahm 
and ihm eine Bemerkung über die wunderbare Eigenfchaft 
einer Quelle auf der Infel Andrus (c, 106. $. 11.). 

Livius (Titus), der bekannte Nömifhe Hiſtoriker, 
wurde im zweiten Buche häufig benüst, ohne daß die ent⸗ 
lehnten Stellen genauer bezeichtiet find, Das Buch, über 
deſſen Anfang er von Plinind getadelt wird d. —. 12.); ift 
- Richt mehr vorhanden. 

Lucilins (C.), ein Römifther Saturiter aud dem 
‚gweiten Jahrhundert vor Ehr., weicher beſonders feines 
feinen Witzes und feiner. leichten, durchgebildeten Sorache 
wegen ſeht gefchäpt wurde, von beffen Werten wir nur 
Brogmente übrig haben. Auch Plinius I. €. 6.) erhielt 








ü Zweites Bud). 88 


aus ein kleines Fragment, das. jedoch durch bie Nachlaßigkeit 
der Abſchreiber ſehr entſtellt iſt. 

Mucianus. S. Licinius Craſſus Macianus. 

Necepſus, ein. Aegyptiſcher König aus dem fechsten 
Jahrhundert nor Ehr., der mehrere Werke Über Aftronomie 
geſchrieben haben fol. Daß ın den ihm mit. Redyt ander mit 
Unrecht beigelegten Gchriften eine Berechnung des Abſtandes 
der Planeten enthalten war, erfahren wir durch Plinins 
(c. 21. $. 6.). 

Nepos Bornelius. S. Cornelius Nepos. 

* Dneficritus aus Aegina, Schüler des Dies 


genes, von Sinope, begleitete Alexander den Großen auf 


feinen Zügen, und war Steuermann des Hanptfchiffes der 
von Nearchus befehligten Flotte. Seine nicht mehr vors 
bandene Geſchichte der Feldzüge Alexanders wird als ein 
Wert vol Unwahrbeiten und Ungereimtheiten geſchildert, 
und man ficht Diefes Urtheil durch die Steffen, welche Plinius 
aus ihm anführt (o. 75. $. 4. 6.), ziemlich beftätigt. 

. Panätins von Rhodus, ſtoiſcher Philoſoph aus 


dem zweiten Jahrhundert vor Ehr., von deſſen Werken wir 


feines mehr deſitzen. Den Hauptinhalt feiner Schrift 
„don den Pflichten“ (zug sudnxoreos) nahm Cicero in fein 
Werk, weldes denfeiben Titel‘ (de oficiis) führt, auf (I. 
$. 47. vgl. Cic. ad Autic..XVl, 11. und de.off, U, 3.). 

Papiriuée Fabiatus. ©. Babianus. 

Paulus Sergius, ein. Römiſcher Schriftfteller, von 
dem wir nichts ‚willen, als daß ihn Plinius im. zweiten 
Buche benüste, ‚ohne den Inhalt feiner Werke anzugeben, 
oder zu fagen, Was er aus ihnen genommen bat. 


86 €. Plinius Naturgefchichte. 


° Detofiris, Aegyptiſcher Aftronom und. Mathe: 
matiter aus dem fechdten Fabrhundert vor Chr., deſſen 
(hoͤchſt wahrſcheinlich unterfhobene) Werke ih hands 
ſchriftlich in der kaiſerlichen Bibliotheb zu Wien befinden 
ſollen. Er berechnete in einem berfelben den Abftand der 
Planeten von einander (c. 21. (. 5.); irrte ſich aber in 
ſeiner Berechnung. 

Pherecydes von Scyros, Philoſoph aus dem 
ſechsten Jahrhundert vor Ehr. ‚ıwar einer der erſten, welche 
in Griechiſcher Profa fhrieben. Bon feinen Schriften find 
nur noch wenige Bruchflüde übrig. Plinius erzählt (c. 84. 
6. 2.) von ihm, daß er aus einem Trunk friſch geſchöpften 
Brunnenwaflers ein Erdbeben vorausgefagt habe. 

* Pindar von Thebä, einer der berühmteſten Lyriker 
Griehenlande (522—442 ver Chr.), von deſſen Sieges⸗ 
hymnen wir noch fünfundeierzig befigen. Plinius ſcherzt 
(ec. 9. $. 23.) über feine abesgläubiiche Furcht bei-Gomenfin- 
ſterniſſen. 

Piſo (EC. Galpurnius) , ein rerdienter Staatsmann, der 
im $. 133 vor Ehr. das Conſulat bekleidete. . Seine nicht 
mehr vorhandenen Annalen in fieben Bitchern , von welchen 
Plinius das erſte anführt lc. 54. 5 4.), ſollen in reinem 
ſchmuckloſen Styl und etwas troden gefchrieben gewefen 
feyn (Cicero, Brut, c. 27. Gell, XL, 44.). 

* Dlato -(430—437. vor Chr.), Schüler des Sokra⸗ 
tes, Gründer der Akademie, einer der berühmteſten; Philos 
fophenfhufen Griechenlands, lehrte. zu Athen, und fchrieb 
hier feine unſterblichen Werke. Plinius beradt fie häus 


l 








Zweites Bud. Ä 87 
fig , vorzüglich den Dialog „Zimänd", ans welchem er Bes 
merfaungen über die Geſtalt der Welt (c. 3. $..2.), über 
den Mond (c. :6.*$. 15.) und Über bie untergegangene 
große Infel Atlantis (c. 92.) entlehnte. Sein Wert über 
die Republik nennt er flüdtig (I. ©. 47.), mit der Be: 
mertung , daß ed Cicero in feiner Schrift, die denſelden 
Titel führt, nachgeahmt habe. 

Pollio. ©. Aſinius Pollio. 


e Poſidonius von Apamea, ein geſchätzter Philoſoph 


und Aſtronom aus dem letzten Jahrhundert vor Chr. Die 
Berechnung des Abſtandes der Planeten von einander, wel⸗ 


“de er in ſeinen nicht mehr vorhandenen Werken niedergelegt 


hatte, war die genauefte von allen Beftimmungen, welde im, 
Alterthume verſucht wurden (c. 21. $. 1.). 
Pythagoras von Samos, Schüler des Pherecydes 
(ec. 81. $. 2.), einer dee beruͤhmteſten Philofophen des Al: 
terthums aus dem fünften Jahrhunderf vor Ehr. und der 
Stifter der Pothagoräifchen Schule, fol felbft keine Schrif⸗ 
ten hinterfaffen Haben. Seine philoſophiſchen und aftrono: 
miſchen Anfichten wurden von feinen Schülern (welche Pli⸗ 
nius in dem Jnhaltöverzeihniß unter dem Gefamminamen 
„Pythagoreer“ aufführt) in zahlreichen Werben ‚niedergelegt. 
Aus diefen nahm Plinins die Bemerkungen über die Har: 
monie der Sphären (c. 5. 5. 1.), Über die Eigenfchaften des 


Mondes: (c. 6. 6. 7.) und ben Abſtand der Planeten vou 


der Erde (c. 19. 20.). 

»Pytheas von Maſſtlia, berühmter Reifender 
und Gengraph aus dem vierten Jahrhundert vor Eyr., foll 
auf feinen Reifen bis nach Thule (JIsland?) gekommen ſeyn. 


v 


+ 


ss... € Plinius Naturgefchichte. 
Aus feinen Werken (einer Beichreibung des Ozeaus uud 


einer Erdumſchiffung), die nicht mehr vorhanden ſind, nahm 


Ptinius tie Nachrichten über die Länge der Nächte und 


Zage (c. 77. $. 2.), und über die Ebbe und dluth im Nor⸗ 


den Englands (oc. 99. $., 6.). 

Seboſus Statius. S. Statius. 

* Serapion von Antiochia, ein nicht näher bekannter 
Schriftfteller, der über Geggraphie ſchrieb (Cicero ad. Attic. 
U,4.6) Da aud Plinius im Imhaltsverzeihniß zum 
zweiten Buch nur feinen Nanıen nennt, fo läßt. fih nicht 
errathen, Was er aus feinen Werken entnommen haben mag. 

GSergius Paulus. ©. Paulus Sergius. 
eSoſigenes von Alexandria, ein Aſtronom unb 
Anhänger der Ppthagoriſchen Lehre, wurde von Julius 
Eäfar mit der Verbefferung des Kalenders beauftragt. Aug 
feinen nicht mehr vorhandenen aftronomifchen Schriften nahm 


Plinius die Bemerkung über den Abſtand des Merkur von 


der Sonne cc. 6. $. 10.). 
Statins Sebofus, ein uns nicht näher befannter 
Zeitgenoffe Eicero’d , der über indifhe Merkwürdigkeiten 


gefchrieben haben foll. An weldyer Etelle des zweiten Buches 


ihn Plinius benügte, läßt ſich nicht beſtimmen. 

Steſichorus aus Himera in Sicilien, ein Griechi⸗ 
ſcher Lyriker, der um das Jahr 570 vor Chr. blühte, von- 
deffen Gedichten wir nur nody wenige Fragmente bes 
figen. Plinins fcherzt (c. 9. $. 2.) über feine aberglaubiſche 
Furcht bei Sonnenſinſterniſſen. Fr 

Sulpicius Gallus (Eajus), ein: angefehener Rö⸗ 
mer, weldyer 473 vor Chr. die Prätur und 466 das Gonfulat 





' Zweites Bud. :. 89 
bekleidete, war einer der Erften, weldye die Schriften der 
Griechen über Aſtronomie flndirken., Sur großen. Verwun⸗ 
derung des Römiſchen Heeres fagte er eine Mendiinfterniß 
(468 vor Ehr.) vorans, und fehrieb auch ein nicht mehr vor⸗ 
handenes Buch über die Mondfinfterniffe, . weiches. Plinius 
(c. 9. $. A... c. 19. $. 2.) benüste, 

Tarquitius, ein Hetruskiſcher Schriftſteller, der 
über Die Deutung bee himmlifſchhen Erſcheinungen ſchrieb 
(Masrob, Saturn. HH, 7:), und deffen Ausfprüche und Anz 
fihten nody zur Beit des Kaifers Julian ‚bei den Hetrugtenn 
ihre volfe Beltung hatten (Ammian, Marcellin. XXV, 2.). 

eThales von Milet, einer der fieben Weifen, 
aus dem fechsten Jahrhundert vor Ehr., fammelte feine 
Kenntniffe in WUegppien und andern Ländern des Orients, 
weihe er burchreiste, und gilt als. der Vater der Griechi⸗ 
ſchen Philoſophie. Durch die Borherkeilimmung einer Son⸗ 
nenfinfterniß , weldhe am 28. Mai 585 vor Chr. eintraf 
(c 9, $. 1.), erregte er allgemeines Erftaunen,, da vor ihm 
Niemand eine foldye Vorausſagung gewagt hatte. 

° Theophrafku:s von Erefus auf Lesbos (393-286 
vor Ehr.), ein herünmser Philoſonh und Naturforfcher, 
von dem wir mehrere Werke befigen, Alle Schriftfteller 
des Alterthums loben feine Beredſamkeit, und Plinius fagt 
I. $. 23.), er ſey deßhalb „der Göttliche“ genannt. worden. 
Nur .die berühmte Buhlerin Leontium , eine Sreundin des 
Epicur, ſchrieb ein phileſophiſches Werkchen gegen ihn, 
deſſen Eleganz und Attifche Schreibart Cicero (de natura 
deor, I, 33.) rühmt. 

. Theny ompus von Chios Cum 360 vor Ehr.), ein- 


\ 1 
‚ 


' | 

90 €. Plinius Naturgeichichte. 

geſchätzter Hifkoriter, deſſen Schriften fämmtlid, verloren 
find, Aus feiner Geſchichte Griechenlauds oder aus feiner 
Geſchichte des Königs Philipp von Macebonien nahm Plinius 
die Bemerkungen über einen Gauerwafferbrunnen in Mace, 
donien (c. 106. $. 14. vgl. 1. XXXI. c. 43.) und über den 
feuerfpeienden Berg Nymphäum bei Apollonid (ec. 4110. 6. 3.). 

.Thprafplius von Mende, ein phifofophifcher and 
aſtrologiſcher Schriftſteller, der im erften Jahrhundert nad 
Chr. lebte, und dem Nero bie Kaiferwürde weiffagte (Facit. 
Annal. VI, 23.). Ron feinen zahlreichen Werken, von wel 
dien Plinius nad) feiner Angabe im Anhaltsvergeichniß zum 
zweiten Bud) eines oder das andere denützte, iſt Leines auf 
unfere Seit gefommen. 

Timaus, ein Pythagoreer aus dem vierten Jahr: 
hundert vor Ehr. und der Lehrer Plato's, fehrieb mehrere 
Werke über Phyſik und Mathematik, die nicht mehr vors 
handen find (denn an der Aechtheit dee unter feinem Na: 
men heransgegebenen Buchs „von der Weltſeele“ wird mit 
 Bedyt gezweifelt), und ans denen Plinius einige Bemerkungen 

‚Über den Umfang des Thierkreiſes (c. 6. F. 9.), über den 
Abftand des Merkur von der Sonne (c. 6. $. 10.) und über 
feuerfpeiende Berge (c. 89. $. 3.) nahm. 

Täro. ©. Tullius Tiro. 

Zitus (Kaifer), bei weidem Plinius in hoher 
Gunſt ſtand, war von ſeinen Zeitgenoſſen auch als Dichter 
geſchätzt (1. J. F. 5.). Unter feinen Gedichten, von denen 
keines auf unſere Zeit gekommen iſt, befand ſich eines, 
welches einen im J. 76 nad) en. ſichtbaren Kometen genau 
beſcried (E. 22. 9 2.). 


% j . 
Zweites Bud). J 9 

Tubero (D. Aelins), Neffe des Scipis Africanns, 
galt als einer der eiftigften Anhänger der Stoiſchen Philo⸗ 
fophie, und war nicht minder ald Rechtsgelehrter und Redner 
gefhäst (Vater, Max. VIEL, 5.). Plinius nennt ihn im: In⸗ 
baltöverzeichniß des zweiten Buchs unter deu benüsten 
Schriftſtellern, ohne ihn im Buche felbft anzuführen. Man 
kann alfo nicht mehr entfcheiben, Was er von ihm entlehnte. 

Tullins Tiro, ein Freigelaffener des Eicero, deſſen 
Leben er befchrieb. Eine einzige. Stelle (c. 39. $. 3. vgl. 
Gellins, XUL, 9.) könnte ſich vielleicht als aus ihm 
genommen nachweiſen laſſen. Wahrſcheinlicher ift aber, daß 
TullinsTiro ein Schreibfehler.ift, ſtatt Tullius Cicero, 
weichen Plinius im zweiten Buch fo häufig benützt, daß bie 
Austaffung feines Namens in: dem Autorenverzeihniß nicht 
wohl .deukbar ifl. | 

Balerinus Antias (O.), ein Hiftoriter von nicht 


fehr gerühmter Wahrhaftigkeit aus dem lebten Jahrhundert 


vor Ehr., fchrieb Annalen in wenigfiens 75 Büchern (Gel- 
kus, VII, 9.), welche von der Erbauung Noms bis “auf 
Sylla reichter, von Denen nur wenige Sragmente auf 
uniere Zeit gekommen find. Plinins führt eine Gtrelle aus . 
dem Abfchnitte an (c. 4111. $. 4.), welcher bie Geſchichte 
der Scipionen behandelte. 

Balerius Soranus, ein Arzt und Seitgenoſſe Ci⸗ 
ceros, von dem wir nur durch Ptinius (I. 6. 26.) wiſſen, 
daß er ein Werk, welches den Titel „Epoptiden“ (Geheim⸗ 
niffe) führte, und wahrfcheintidy mebizinifchen Anhalts war, 
geihrieben Hatte, 

Barrd m. Terentiut), ber ‚geiebriefe 9 Römer feiner: 


92. , ° 8. Plinius Naturgeſchichte. 


Zeit, 116 vor Ehr. geboren, ſtammte aus einer angeſehenen 
Familie und wählte zuerſt die militäriſche Laufbahn. Unter 
Pompejus focht ‚er genen die Geeräuber und in Spanien 
gegen Cäſar; fpäter z0g er fi von dem öffontlichen Les 
ben zurück, uud widmete fid. ausfchließend den Willen: 
fdyaften. Faͤſt Bein Zweig der Gelehrfamkeit biieb ihm 
fremd, und er foll nicht weniger als 490 Werte ges 
ſchrieven Haben (Gell. N, A. HI, 10.). EAfar und Auguſtus 
wußten. feine- Kenntniffe zu würdigen, und machten ihn vn 
Auffeher Öffentlicher Bibliotheken. Won feinen Gatyren, bie 
Plinius nennt (IL. $. 19.), haben wir nichts, von feinem 
Werke über die lateinische Sprache in’ 24 Büchern, and 
denen Plinius (c. 3. $. 5.) eine Stelle anführt, nur ſechs 
Bücher (4-9) übrig, in welchen fi) die angeführte Stelle 
findet , nicht aber eine andere, auf weiche Blinins (I. 6. 14.) 
hindeutet. 
‚ Birgilius Maro, der betannte Fhollendichter, Di: 
dabliker und Epiker, wird von Plinius ih der Dedication 
($. 47.) gelegentlich angeführt, und über feine Art und Weife,- 
die Griechen nachznahmen oder ihnen dieimehr nachzueifern, 
gelobt. 





J. () 4. Das bie Welt ſammt Dem, was man 
mit einem andern Namen den Himmel, durch deſſen 
Ummwölbung Alles bededt wird, zu nennen beliebt hat, 
eine ewige, unermeßlide, nie erzeugte und unvergängs 
liche Gottheit fey, muß mothwendig geglanbs erden. 


Zweites Bud. - . 9 


Die Erforſchung des außer der Welt Liegeriden frommt die 
Menſchen Nichts ; auch faßt es Leine Ahnung des menſch⸗ 
lichen Geiftes. Gie ift heilig, ewig, unermeßlich, ganz in 
dem Ganzen, ja ſelbſt das Banze. *) Gie ift endlihh, und 
Doch ähnlich dem Unendlichen; regelmäßig in allen ihren 
Erſcheinungen, und doch ähnlich dem Regellofen; fie faßt 
Alles in ſich, das zu Tage Liegende und das inwendig Ber: 
borgene; **) fle iſt ein Werk der Natur der Dinge und zus 
gieih die Natur dee Dinge ſelbſt. 2. Wahnflın wars, 
wenn Manche an- eine Maßbeſtimmung der Welt dachten, 
oder gar eine ſolche auszuſprechen wagten, oder wenn Ans 
dere, entweder durch diefen Irrthum veranlaßt, oder ihn 
feibft verantaffend,, das Dafeyn unzählbarer Welten lehrten, 
fo daß man eben fo. viele Naturen der Dinge, oder, wenn 
auch eine Natur alle Welten in ſich fehlöße, doch eben fo 
viefe Sonnen, eben fo viele Monde und eben fd viele andere 
unermeßsiche und unzählbare Geſtirne, wie in diefer Welt, 
angunchmen gezwungen feyn würde; als wenn bei dem 
Berdangrsi nad) irgend einem Ende au der Grenze der Er⸗ 
kenntniß nicht fletd dieſelbe Frage wieberfehren müßte, oder 


2) D 5 bie Welt in für fih ein Ganzes im ben AU, zus 
— aber auch das Ganze (das All) ſelbſt, weil nach der 
Anſicht des Plinius außer ber Welt nichts if. 
“* Die Worte extra, intra laſſen Feine andere Erklärung zu. 
Denn extra kann nicht das außer ber Welt Liegende be⸗ 
.deuten; fonft widerſpraͤche Puͤnius der kurz vorher aufge 
ſtelltren Behauptung, daß außer ber Melt Nichts mehr ſey. 
Der Gebrauch ber angeführten Worte an einer andern 
‚Stelle des Plinius (VI, 38,) in einem Shnlihen Sinn 
Bricht für die Richtigkeit Yer gegebenen Ueberſetung. | 


— 


% €, Plinius Naturgefhihte, 


als wenn diefe Unendlichkeit, wenn man fle ber Natur, der 
Schöpferin alter Dinge, überhaupt beilegen könnte, richt 
viel feichter in diefer einen Welt, die dady ein fo unges 
heures Werd ift, zu begreifen wäre! 3. Wahnfinu iſt's, 
ja baarer Wahnfinn, fib über die Welt hinauszuwagen, 
und, als wäre ſchon Alles, was in ihr iſt, hinlänglich be⸗ 
Pannt, das außer ihr Liegende ergründen zu wollen; als 
wenn Jemand, der fein eigenes Maaß nicht Bennt, das - 
Maaß irgend einer andern Sache beſtimmen, oder als wenn 
der Geiſt des Menſchen Das wahrnehmen könnte, was die 
Weit ſelbſt nicht umfaßt. — 

II (m). 4. Daß: die Welt die Geſtalt einer vollſtändig 
Ereisförmig abgerundeten Kugel habe, lehrt Schon ihr Name - 
„Orbis“ (Kreis) und die allgemeine Uebereinflimmung ber 
Sterblichen in diefer Benennung; ſodann aber auch andere 
aus der Natur der Sache felbft "hergeleitete Beweiſe; und 
zwar geht 28 weder allein daraus hervor, weil eitte foldye , 
Geſtalt Ach in allen ihren Theilen gegen fich felbft neigt, 
ſich ſelbſt trägt, ſich ſelbſt umfchließt und ſich felbft zufam- 
'menbält, ohne anderer Bindemittel zu bedürfen, oder weil 
‚ an Peinem ihrer Theile ein Ende oder ein Anfang zu be 
merken iſt, 2. oder weit fie ſich bei diefer Beichaffenheit am 
‚beften zu. der Bewegung, der fie, wie wir bald fehen wers 
ben, bei ihrer Umdrehung folgen muß, eignet: fondern ad 
der Augenfchein thut ed dar. Denu die Welt erfcheint, von 
jedem beliebigen Standpunkt aus gefehen„ gewölbt und zur 
Hälfte, Was bei einer andern Geftatt nicht der Fall ſeyn könnte. 

III (m). 4. Daß fidy diefe fo geitaltete Welt in ewigem 
und raſtloſem Umfchwunge mit unfäglicher Schnelligkeit in 


\ 











Zweites Bud. 96 


einem “ gZeitraume von vierundzwanzig Slunden herumdrehe, 
bat der Auf⸗ und Untergang der Sonne laͤngſt außer 
Zweifel geiest. D Daß der Schall diefer ungebeuern, in ffeter 
Ummälzung , forfrolienden Maffe unermeßlich fen; und beß« 
halb unfer Hörvermögen überfteige, möchte ich wahrlid) eben 
fo wenig. geradezu behaupten, als daß der - Klang. der fi) 
zugleid) umdrehenden. und: ihre Kreisbahnen befchreibenden 
Geſtirne eine entzüdende und unglaublich fanfte Harmonie 
fen. **) Uns, die wir mitten darin feben, eilt die Welt bei 
Tag wie bei Nacht fill dahin. Daß ihr unzählbare Beftalten 
von Thieren und allen andern Dingen eingebrüct ſeyen, und 
daß ſie nicht eine gleich einem Vogelei allenthalben glatte, _ 
ſchlũpfrige Maffe ſey, wie die berühnmterten Schriftfteller **9 
behauptet haben, geht aus natürlichen Gründen hervor; 
denn aus den, von dort herabfallenden, meift vermifchten 
Samentheilen aller ‚Dinge entſtehen, befonders im Meere, 
unzählige abenteuerkiche Gebilde, T) 5. Außerdem beweist 


*, Man muß fich bei der Kosmologie bed Plinius ftets bie 
Erde als in ber Mitte der Welt befinblich, und als unbe⸗ 
weglich vorftellen (Mor, K. IV, 6. 2.) 

9), Die fogenennte Harmonie der —8 welche die Py⸗ 
thagoreer lehrten. Plinius ſcheint aber ihre Lehre nicht 

vollkommen verſtanden zu haben. Denn biefe philoſophiſche 
Schule behauptete nicht, dag der Schall, welchen bie Melk 
bei ihrer Umbrehung hervorbringe, beiwegen ımferen Ohren 
unvernehmbar bleibe, weil er unermeßlich fen (ein uners 
meßliher Schall ift undenkbar), ſondern weil wir ihn 
fhon von unferer Geburt an „hören, und weil er Peine 
Pauſe mache. S. Aristoteles de coelo, I, 9. 
‘®*%, Cicero de natura deor, II, 18. nach Plato. 
7) Diefe im Alterthum oleverbagitete Auficht ſcheint aus 


N 


\ N 


96 C. Plinius Naturgeſchichte. 


es der Augenſchein; denn wir ſehen hier die Geſtalt eines 
Wagens, dort die eined Bären, anderwärts bie eines 
Stieres, und wieder an einer andern Stelle die eines Buch⸗ 
ſtabens, *) während ſich mitten durch den Scheitelpunkt 
ein heller fchimmernder Kreis ”*) zieht. 

(av). Auch Die Uebereinftimmung aller Völker bewegt 
wid, wenigftens zu diefer Unnahme Denn die Griechen 
nannten die Welt „Kosmos“ (Koonos), was fo viel heißt 
als Zierde: wir [Römer] gaben ihr wegen ihrer tadelloſen, 
volltommenen Schönheit den Nanıen „Mundus“ [Echmud]. 
Den Himmel nannten wir „Exelum“ , ohne Zweifel wegen 
feiner Aehnlichkeit mit getriebener Arbeit (caelartum), wie es 
M. Barro ***) erklärt. Die natürliche Drdnung der Dinge 
unterftügt ebenfalls meine Meinung, nämlidy die Eintheilung 
des Kreifes, welchen man Thierfreis nennt, in zwölf 
Thierbilder, und der feit fo vielen Yahrhunderten unverändert 
gebliebene Lauf der Sonne durch diefelben. 


dem Oriente zu ſtammen, und mit der dort beliebten Lehre 
von ben Emanationen ber Gottheit zuſammenzuhängen. 

*) Das Delta ober Deitoton, ein dreieckiges, nach dem Gries 
hifhen Buchſtaben A benanntes Sternbild zwifchen ben 
Füßen ber Andromeda und bein Kopfe des Widders. 

**, Wahrſcheinlich iſt hier die Milchſtraße gemeint, Was von 
ben der Welt eingebräcdten Gebilden und den herakfallenden 
Samenſtoffen gefagt wird, gehört gu. ben altın Fabeln, 
die Feiner Wiberlegung bebfürfen. Eben fo wenig ents 
fprehen,, wie Plinius meint, bie Geſialten der Stern⸗ 
bilder ben ihnen beigelegten Namen. 

—* De lingua latina ms 


Zweites Bud). 20097 


IV (vn). A. Daß es vier Elemente gebe, wird, wie 
ib fehe, von Niemand bezweifelt. Das höchſte iſt das 
Beuer: aus ihm beifehen jene zahliofe gleich Augen herab» 
leuchtende ‚Sterne. . Das nächſte ift bie Luft, welche die 
Griehen und wir mit demfelben Wort „Aer“ nennen. Gie 
iß.befebend, Alles durchdringend und mit dem All innigft 
verbunden; durch ihre Kraft, hält ſich die Erde mit’ dem 
vierten Element, dem Wafler, mitten in dem Raume im 
Gleichgewicht. Durch dieſe ‚wechfelfeilige Umfpaunung °) 
entfieht die Verbindung des Verfhiedenartigen, fo daß das 
Leite durch das Schwere am VBerfliegen gehindert, das 
Schwere Dagegen von dem fletd aufwärtsftrebenden Leichten 
getragen und vor.dem Ballen geſichert wird. 2. Anf diefe 
Weiſe bleibt durch ein gleich ſtarkes Gtreben nach verſchie⸗ 
denen Richtungen hin Jedes an feinem Orte, **) und wird 
durch Die flete Umwälzung der Welt ſelbſt zufammengehalten, 
Während diefe ſich nnaufhörlich um ſich felbit dreht, bes 
hauptet die Erde die unterfie und mittelfte Gtelle in dem 
Banzen. Gie. hängt ſchwebend an der Weltaxe feit, und haͤlt 
zugleich Das, durch deffen Kraft fie fchwebend gehalten 
wird, im Gleichgewicht; fie allein iſt alſo unbeweglid), 





°) plinius denkt fih die vier Elemente ald vier Gphären, 
von denen eine bie andere umgibt und einfchließt; eine 
Theorie, die eben fo wenig genligt, als manche neuere. 

*”, Mac) der gewöhslihen Lesart in suo, weldhe weit mehr 
als die Verbeſſerung vi sua ber in diefem Kapitel entwis 
delten Anſicht entfpricht. 


5. Plinius Naturgeſch. 18 Boͤchn. 7 


98 C. Plinius Naturgefchichte. 


während ſich das Univerſum um fie dreht: fie wird durch 


Alles gehalten, und auf fie ftünt fi wiederum Alles. 

(m) -3. Swifhen ihr und dem Himmel fchweben: in 
derjelben Luft, durch beflimmte Zwiſchenräume von einander 
getrennt, fleben Geflirne, ) welche wir, ‚weil fie ſich fort 
beivegen , Irrſterne [Planeten] nennen, obſchon keine we- 
niger irren als fle. In ihrer Mitte läuft die Sonne, body 
herrlich an Größe und Macht, nicht nur der Jahreszeiten 


und Klimate, fondern- andy ſelbſt der Geſtirne und des 


Himmels Lenterin. Daß. ile das Leben oder vielmehr die 
Seele der ganzen Welt, daß fie die höchſte Beherrfcherin 
der Natur und eine Gottheit ſey, muß Jeder glauben, der 


"Über ihre Wirkungen nachdentt. 4. Sie fpeudet allen ' 


Dingen Licht und verbannt die SZinfterniß; die - übrigen 
Beftiene verbirgt und erleuchtet fie; **) fie bewirkt die. res 
gelmäßige Abwechslung der Jahreszeiten und das nach dem 
Laufe der Natur ſich ſtets verjüngende Jahr; fle unterbricht 
- die traurige Einförmigkeit des. Himmels, und verſcheucht bie 
Wolfen des menfchlichen Geiſtes; Nie leiht ihr Licht ben 
übrigen Geſtirnen, iſt herrlich, hehr, - allfhauend und 





*) Saturn, Jupiter, Mars, die Sonne, Venus, Merkur und 
der Mond nach der von Plinius (K. 6.) angenommenen 
Neihenfolge. Die evidente Wahrheit, baß die Sonne ben 
Mittelpunkt bilde, um welchen fich die Planeten breben, 
und baß bie Erbe felbft ein folcher Planet fey, konnte, fo 
Tange ‚man von ber Anſicht ausging , bie Erde Hilde ben 
Mittelpunkt , um welchen ſich Alles bewege, nicht gefunden 


werben. 
.. 


ur 


und erleuchtet fie durch ihre Abwefenheit (bei Nacht). 


Sie verbirgt bie Geflirne durch ipre Anweſenheit (bei Tag), 


| 


Zweites Bud, . j 99 


elhörend, Was, wie id) fche, der Bater ber Belchrfamkeit, 
Homer, *) nur ihr allein nachrühmt. 

V «vn. & Deßhalb Halte ich es für mexvſchliche 
Schwäche, nah einem Bilde, nach einer Geſtalt der Gottheit 
umherzufpähen. Wer auch die Gottheit iſt, wenn es über 
haupt eine andere gibt [ald die Eonne], und wo fie auch 
ſeyn mag, fo ift fie ganz Gefühl, ganz Geſicht, ganz Ber 
hör, ganz Seele, gang Geift, ganz Ich. Un unzählige 
Bötter zu glauben, und gar ans Den Tugenden und Laftern 
der Menfhen ſolche zu machen, wie die Schamhaftigkeit, 
die Eintracht, den Geift, die Hoffnung, die Ehre, die 


Güte, die Treue, oder auch (mie es Demokrit beliebte) nur 


überhaupt zwei anzunehmen, Gtrafe und Belohnung, gränzt 
an nod ‚größeren Unverftand. 2. Die hinfälligen und 
mühebeladenen Sterblihen haben im Bewußtſeyn ihrer 
Schwäche die Gottheit in Theile zerlegt, damit Jeder Die 
jenigen Theile verehren Pönne, deren er am meiften bedarf, 
Deshalb finden wir bei verfchiedenen Völkern verfchiebene 
Bötfernamen und unzählbare Gottheiten; fogar Die unter 
irdischen Mächte, Krankheiten und viele andere Uebel wurs 
den zu den BötterBlaffen gezogen, weil wir in banger 
Furcht von ihnen verſchont zu bleiben wünſchen. So wurde 
auf Öffentliche Koſten dem Bieber eig Tempel auf dem Pas 
latinifhen Berge, ein anderer der Orbona *%) neben dem 


°, Il. UI, 277. 
7) Die Göttin der Eltern, welche Ihrer Kinber beraubt waren, 
‚oder beraubt zu werben fürchteten. Der Palatinifche und 
der Esquiliniſche Berg find zwei ber ſieben Hügel Noms, 
Bol. Livius I, 3 ff. 
| 7% 


00 €. Plinius Naturgeſchichte. 

Tempel ber Zaren [Hausgötter) und ein Altar dem böfen 
Geſchicke auf dem Esquiliniſchen Hügel geweiht. 3. Dan 
. Bann alfo die Menge der Himmlifhen für bei weitem ‚größer 
anfehen,, ale die der Menfchen; denn die Lepteren machen 
ja aus ſich noch eben fo viele Götter, als fie ſelbſt find, 
indem fle fid, Junonen und Genien *) aneignen; einige 
Völker aber halten Thiere, und darunter foaar unfaubere, 
und viele andere Gegenftände, die man ſich zu nennen 
ſchaͤnt, für Götter, und ſchwören bei f[hmusigen Speiſen 
und andern ähnlichen Dingen. »8) — Zu glauben, daß 
Ehen unter den Göttern beftehen, und dody in fo langer 
Zeit Niemand geboren werde, daß einige’ alt und ſtets 
gran, ***) andere Jünglinge und Knaben, +) einige ſchwarz, ++) 
geflügelt, +++) hinkend, +*) andere aus einem Ei entfproffen, 
und abwecdfelnd den einen Tag lebendig und den andern 
todt feyen, T**) gränzt an kindiſche Faſelei. A. Alle Uns 
verfchämtheit überfteigt e8 aber, wenn man ihnen Ehebruch, 
Streit und Hab andichtet, oder gar Götter für Diebsränte 
und Laſter 7***) annimmt. Dem Sterblichen ift der ein 


) Die Genien (für bie Männer) und bie Sunonen (für bie 
Frauen) entfprehen den Schugengeln der chriſtlichen Welt. 
**) Ohne Zweifel find hier bie Hegppter gemeint, 

®) Saturn, Uranus, Aesculap u. ſ. w. 
FH Wie Apollo, Bacchus, Hebe, bie Grazien. 
+}) Grebuß, die Nacht. 
44H Mercur, Amor die Horen. . u 
T°) Bulcan, 
4%) Caſtor und Pollux. 
4%) Mercur, bie Woluft u. ſ. w. - 


—0 





Zweites Bud). — 108 


Gott, der dem Gterhlichen hilft, und Dieß ift der. Weg 
zum ewigen Ruhme. Auf tiefem wandelten die hohen Rö⸗ 
mer, anf ihm wandelt, jet nebft feinen Kindern der größte 
Herrſcher aller Zeiten, Veſpaſſauus Auguftus, indem er der 
allgemeinen Noth fleuert. 5. Es ift ein uralter Gebrauch, 
bochverdieuten Männern dadurch den geziemenden Dank 
atzufrageh, daß man fie unter die Götter verſetzt. Ja die 
Namen aller andern Götter und der Geftirne, von welchen 
ich weiter oben fprach, ehtflanden aus verdienftlichen Thaten 
der Menſchen. Wer möchte deshalb nicht zugeflehen, daß 
ed einen Jupiter, einen Mercur oder andere zn ihrer wech⸗ 
felfeitigen Unterfcheidung anders genannte Götter, daß es 
eine ganze Reihe hinmlifhher Namen gab, wenn man die 
Sache nur natürlich erklärt? 6. Lächerlich aber iſt Die 
Meinung, daß ſich das höchſte Weſen, Was es auch ſeyn 
mag, um tie menfchlicheh: Angelegenheiten befümmere. 
Müffen wir nicht vielmehr glauben, oder Bönuen wir auch 
nur bezweifeln, daß es ſich durch dieſe traurige und viel: 
fältige Dienflleiftung  entwürdige? Kaum möchte es fidy 
entfcheiden faffen, ob es dem menſchlichen Geſchlechte zuträg- 
tidyer fey , wenn man die Götter gar nicht, oder wenn man 
fie auf eine Weife verehre, deren man ſich fchämen muß. 

Manche bequemen ſich zu ausländifchen Neligionsübnungen, 
tragen die Götter und die Ungeheuer, welde fie anbeten, 
an den Fingern, *) erdenken ſich [neue] Speifen, während fie 
andere [gewöhnlidye] verdbammen, und legen ſich felbft fo . 

firenge Geſetze auf, daß fie nicht einmal ruhig fihlafen 





°, His Zaliömane in Ringe gefaft, 
2 - 


- - 


102 C. Plinins Naturgeſchichte. 


können. ) Sie ſchreiten weder zur Ehe, noch. zur Annahute 
vom Kindern, noch zu irgend einem andern Geſchäfte, ohne 
ſich zuvor heiligen Webräucyen zu unterwerfen. Andere 
betrügen auf dem Kapitol ſelbſt, *) und ſchwören falfch 
bet dem donnernden Jupiter. Diele ziehen Vortheil aus 
ihren Verbrechen, während Jene durch ihre Frömmigkeit 
ſelbſt in Jammer und Elend verſett werben. 
7. Doch die Menſchheit hat ſich ſelbſt zwiſchen beiden 
Anſichten ein Mittelding, eine eigene Gottheit erdacht, damit 
die Frage über diefen Gegenſtand ja immer noch verwidhditer 
werde. In der ganzen Weit; an allen Orten, zu allen 
Stunden und von allen Zungen wird das Glück allein ver- 
ehrt; es allein wird genannt , es allein angeklagt, ihm 
allein wird die Schuld von Allem aufgebürdet ; an es allein 
wird gedacht, es allein wird gelobt, es allein getadelt und 
nicht felten mit Schmähungen afgernjen ;. und doc fchildert 
man es faft allgemein als blind, veränderlid, unſtet, um: 
beftändig, unzuverläßig, Taunifd und als Bönnerin Unwür⸗ 
Ä diger. Ihm wird aller Verluſt, ihm. aller Gewinn ***) zus 


*) er Üiberfege. nach dem Texte der ältern Ausgaben. Har⸗ 
douin’d Aenderung - gibt einen völlig verfchiedenen Sinn. 
Erwaägt man: die hijtorifche Thatfache,, dab zur Zeit des 
‚Plintus fat alle Religionsäbungen in Nom befannt und 
gebuldet waren ; erinnert man fich ferner an ben Aegypti⸗ 
fhen, jüdiſchen und chriſtlichen Cultus, ſo wird man die 

Stelle nicht dunkel finden, 

°. Bo man Contrakte abfchloß und Eide leiftete, um fie defion 

. heiliger und unverleglicher zu machen. 
ve), Nach der gewöhnlichen Ledart. Hardouin's Auslaſſung der 
‚ Worte omnia a erpean, huic iſt durch Nichts begruͤndet. 





“ Zweites Bud. 105 


geſchrieben und in dem gatzen Rednnngetuh der Sterb⸗ 
lihen füllt es allein beide Geiten [Soll und Haben]. Ja 
wir ſind ſo ſehr dem Zufall unterworfen, daß uns der 
Zufall fetbft als ein Bott gilt, wodurch der Beweis von dem 
Dafenn einer Gottheit immer noch unzuverläßiger wird. 

8. Eine andere Partei will auch von dieſer Gottheit 
[dem Glück oder dem Zufall] Nichts wiffen, und fchreikt 
die Schickſale eines Jeden dem bei feiner Geburt obwaltenden 
Geſtirne zu. Gott habe, fagen fie, ein für allemal das 
Loos aller Menfhen vorausbeſtimmt, und trete fürder nicht 
mehr aus feiner unthätigeg Ruhe. Diefe. Anficht hat ange 
fangen, feften Fuß au faflen, und das gelchrte wie. das unges 
lehrte Volk fällt ihr Haflig zu. Hier haben wir die Anzeigen 
der Blige, die Boransfagungen der. Orakel, bie Prophezei⸗ 
ungen ber Wahrfager, und, Was man feiner Beringfügigkeit 
wegen gar nicht berühren follte, das Nießen bei den Aus 
aurien und das Gtrauceln der Füße. Der göftlihe Aus 
guftus erzählte, daß ihm an bem Tage, der ihm dureh einen 
Soldatenaufruhr beinahe den Untergang gebracht hätte, der . 
inte Schuh flatt des rechten angezogen worden, fey. *) 
9. Alles Dieb zufammengendmmen verwirrt die kurzſichtige 
Menſchheit, und nur das Eine iſt gewiß, daß Nichts gewiß 
iſt, und daß es kein erbärmlicheres und doch zugleich ſtol⸗ 
zeres Weſen gibt, als den Menſchen. Denn die übrigen 
Geſchöpfe kümmern ſich bloß um ihre Nahrung, die ihnen 
die gütige Natur von freien Stücken und zur Genüge ges 
währt, und haben noch überbieh Eines voraus, das aber 


— ⸗ 


*,.Sneion. Aug, 14 92. 


4108 . €. Plinius Naturgeſchichte. 


alten andern Gütern vorzuziehen ift, daß fie nämlich weder 
an Ruhm, Geld und Ehrgeiz, noch an den Tod denken, 

10. Den meiften Nugen im Leben gewährt jedoch von 
allen diefen Anſichten der Glaube, daß fich die Bötter um 
die menfchlichen Angelegenheiten befümmern 5; daß. den Miffe- 
thaten die Strafen — wenn auch (ba die Gottheit durch eine 
ungeheure Menge von Geſchäften gedrängt ift) fpät folgen; 
baß fie aber mie ausbleiden, und daß der Menfdr nicht def: 
wegen das der Gottheit am nächften ſtehende Geſchöpf ſey, 
um an Armſeligkeit den: Tieren zu gleihen. Der ‚größte 
Troſt der unvolltommnen Natur ‘des Menfchen bfeibt aber 
immer der, daß die Gottheit ſelbſt nicht Alles kaun. 
41. Denn fie Bann ſich weder den Tod geben, wenn fle 
auch wollte, welche unihäsbare Wohlthat fie‘ doch dem 
Menfhen in diefem unendlihen Sammer des. Lebens vers 
lichen hat, noch Gterbliche mit ber Unſterblichkeit beſchenken, 
oder Todte wieder erwecken, noch machen, daß Jemand, ber 
gelebt hat, miche gelebt, oder Jemand, der Ehrenftellen 
bekleidet hat, fie nicht bekleidet habe. Ueberhaupt bar fie 
auf Alles, was einmal gefchehen ift, Bein anderes Recht, 
als es vergeffen zu Pönnen. Ferner vermag fie (um unfere 
Aehulichkeit mit der Gottheit auch durch ‚minder ernſte 
Gründe zu erweifen) nicht zu bewirken, daß zweimal zehn 
nicht zwanzig ſey, und viel‘ Aehnliches; wodurch ı die 
Madıt der Natur über allen Zweifel erhoben wird, und 
woraus klar hervorgeht, daß fle eigentlih Das fey, was 
wir Goit nennen. — Diefe Abfchweifung durfte wohl hier 
'ihre Stelle finden, da die Frage, Was die Gottheit -fey, 
fortwährend und allgemein aufgeworfen wird, 


Zweites Bud. | .105 


VI (vin). 4. Kehren wir nun zu den übrigen Werken 
der Natur zurück! Die Sterne, welde, wie wir gefagt 
haben, *) an dem Himmel feftpalten [&irfterne], ſind nicht, 
- wig der große Haufe wähnt, einzeln einem jeden Einzelnen 
von uns zugetbeilt, Sp daß Die hellen den Reichen, die 
Meinen den Armen, die dunkeln den Kranken, und über: 
haupt alle den Sterblichen, Jedem nad) dem ihm beflimmten 
Schickſal, leuchten; auch **) fterben fle weder mit dem Men⸗ 
ſchen, bei deflen Geburt fie aufgegangen find, nody zeigen 
die herabfallenden an, dab ein Menſchenleben erlöfche. Go 
groß if unfere Gemeinfchaft mit dem Himmel nicht, daß 
- andy der Glanz der Gterne das Loos der Sterblichkeit mit 
uns theilen müßte. 2. Daben die Sterne vermöge ihrer 
Feuerkraft eine; allzugroße Menge von Feuchtigkeit Ange: 
zogen, fo ſtoßen fle den Ueberfluß von fid, und es dünkt 
uns daun, ald fielen fie herab. ine ähnliche Erfceinung 
Pönnen wir an brennenden Lichtern, die mit Del getränkt 
find, wahrnehmen. — Uebrigens iind. die Himmelskörper 
ewiger Natur; fie umſchlingen die Welt, und find felbft in 
Diefe Umfchlingung feſt verwoben. Diejenigen von ihnen, 
Die wir, trog ‘der obwaltenden Schwierigkeit, ihrer Wir: 
Zungen, ihres Lichtes und ihrer Größe wegen erkennen 
konnten, äußern einen bedeutenden Einfluß anf die Erde, 





2) Kap. 3., wo von den der Welt eingebrükten Sternbildern 
die Rede iſt. 
©) Nach ber gewöhnlichen Lesart. Hardouin's erklaͤrendes 
Einſchiebſel (quia) iſt Ares, 


‘ 


\ \ 


96 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ed der Augenſchein; denn wir fehen hier die Geſtalt eines 

Wagens, dort Die eines Bären, anderwärts bie eines 
Stieres, und wieder an einer andern Stelle bie eines Bud)- 
ftabens , *) während ſich mitten durch den Scheitelpunkt 
ein heller. fhimmernder Kreis **) zieht. 

(ıw). Auth Die Uebereinftimmung aller Völker "bewegt 
mich wenigftend zu diefer Annahme. Denn die Griechen 
nannten die Welt „Kodmas“ (Koonos), was fo viel heißt 
als Zierde: wir [Römer] gaben ikr wegen ihrer tadellofen, 
volltommenen Schönheit den Namen „Mundus“ [Schmuck). 
Den Himmel nannten wir „Exelum“ , ohne Sweifel wegen 
feiner Uehntichkeit mit getriebener Arbeit (caelartum), wie es 
M. Varro *"*) erklärt. Die nafürlihe Drönung der Dinge 
unterftügt ebenfalls 'meine Meinung, nämlich die Eintpeilung 
des Kreifes, welchen man Thierfreis nennt, in’ zwölf 
Thierbilder, und der feit fo vielen Jahrhunderten unverändert 
gebliebene Lauf der Sonne durch dieſelben. 


dem Oriente zu ſtaͤmmen, und mit der dort beliebten Lehre 
von den Emanationen der Gottheit zuſammenzuhangen. 
*) Das Delta ober Deitston, ein breisdiges,, nach dem Gries 
cyiiſchen Buchſtaben A benannte Sternbild zwifchen ben 
Füßen der Andromeda und beim Kopfe bes Mibders, 
*, Wahrſcheinlich it hier die Milchjiraße gemeint, Was von 
ben ber Welt eingebrücdten Gebilden und den herakfallenden 
Samenftoffen gefagt wird, gehört gu. ben alten. Fabeln, 
die Feiner Wiberlegung bedürfen. Gben ſo wenig ents 
ſprechen, wie Plinius meint, bie GSeſtalten der Stern⸗ 
bilder ben ihnen beigelegten Namen. 
on, De lingua latina m: 


Sn 








Zweites Buch. 97 


IV (vn). 4. Daß es vier Elemente gebe, wird, wie 
ih fehe, von Niemand bezweifelt. Das bödfte ift das 
Beuer: aus ihm beifehen jene zahliofe gleich Augen herab» 
leuchtende ‚Sterne. Das nächſte ift die Luft, welche die 
Griechen und wir mit demfelben Wort „Aer“ nennen, Gie 
it. befebend, Alles. durchdringend und mit dem AH innigft 
verbunden ; Duck) ihre Kraft, hält ſich die Erde mit’ dem 
vierten Element, dem Wafler, mitten in dem Raume im 
Gleichgewicht. Durch dieſe wechielfeilige Umfpaunung °) 
entficht die Verbindung des Verſchiedenartigen, fo daß das 
Leichte durch das Schwere am VBerfliegen gehindert, das 
Schwere dagegen von dem ſtets aufwärtsftrebenden Leichten 
getragen und vor.dem Fallen gefihert wird. 2. Unf Diefe 
Weife bleibt durch ein gleid) flarkes Streben nach verſchie⸗ 
denen Richtungen hin Jedes an feinem Orte, **) und wird 
durch die ſtete Ummälzung der Welt felbit sufammengehalten, 
Während diefe fi unanfhöriih am ſich ſelbſt dreht, bes 
banptet die Erde die unterfte und mittelfte Stelle in dem 
Ganzen. Sie. hängt ſchwebend an der Weltare feſt, und ‚hält 
zugleich Das, durch deifen Kraft fe fchwebend gehalten 
wird, im Gleichgewicht; fie allein iſt alſo unbeweglid, 





©, plinius denkt fi) die vier Elemente als vier Gphären, 
von denen eine die andere umgibt und einfchließtz eine 
Theorie, die eben fo wenig genligt, ald manche nehere, 

e5) Nach ber gewöhglichen Ledart in suo, welche weit mehr 
als die Werbefferung vi sua ber in diefem Kapitel entwis 
delten Anſicht entſpricht. 


E. Plinius Naturgeſch. 18 Bihm, 7 


| 
* J 


N 


98 C. Plinius Naturgefchichte. 


während ſich das Univerſum um ſie dreht: fie wird durch 
Alles gehalten, und auf ſie ſtützt ſich wiederum Alles. 

nm) 3. Zwiſchen ihr und dem Himmel ſchweben in 
derjelben Luft, durch beflimmte Zwifchenränme von einander 
getrennt, fieben Geftirne, *) welche wir, weil fie ſich fort⸗ 
bewegen , Irrſterne [Planeten] nennen, obichon keine we⸗ 
niger irren als file. In ihrer Mitte läuft die Sonne, hoch⸗ 
herrlich an Größe und Macht, nicht nur ber Jahreszeiten 
und Klimate, fondern- aud) felbft der Geflirne und des 
Himmels Lenkerin. Daß Ile das Leben oder vielmehr die 
Seele der ganzen Welt, daß fie die höchſte Beherrſchexin 
der Natur und eine Gottheit fen, muß Jeder glauben, der 


über ihre Wirkungen nachdenkt. 4. Gie fpendet allen ' 


Dingen Licht und verbannt die Sinfterniß; die- übrigen 
Weſtirne verbirgt und erleuchtet fie; **) fie bewirkt die. re: 
gelmäßige Abwechslung der Jahreszeiten und das nad, dem 
Laufe der Natur id) flets verjüngende Jahr; fie unterbricht 
Die traurige Einförmigkeit des Himmels, und verſcheucht Die 
Wolken des menſchlichen Geiſtes; fe leiht ihr Licht ben 
übrigen Geſtirnen, iſt herrlich, hehr, allſchauend uud 





*) Saturn, Jupiter, Mars, die Sonne, Venus, Merkur und 
der Mond nach der von Plinius (8. 6.) angenommenen 
Meihenfolge, Die evibente Wahrheit, daß die Sonne den 
Mittelpunkt bilde, um welchen fich bie Planeten drehen, 
und daß die Erde felbft ein ſolcher * ſey, konnte, ſo 
Lange man von ber Anſicht ausging , bie Erde bilde ben 
Mittelpunkt, um welchen fi) Alles bemäge, nicht gefunden 
werben, 

*. Eie verbirgt bie Geſtirne durch ihre Anwe fenheit (bei Tag), 
und erleuchtet fie durch ihre Abwefenheit ‚(Hei Nacht). 


’ i Zweites Buch. 99 


allho rend, Was, wie id) ſehe, der Vater ber Gelehrſamkeit, 
Homer, *) nur ihr allein nachrühmt. 

V «rm. 3 Deßhalb halte ich es für weufchliche 
Schwäche, nad einem Bilde, nad) einer Geſtalt der Gottheit 
umberzufpähen. Wer auch die Gottheit iſt, wenn es über- 
haupt eine andere gibt [als die Sonne], und wo fie auch 
ſeyn mag, fo ift fie ganz Gefühl, ganz Geſicht, ganz Ber 
hör, ganz Geele, gang Geiſt, ganz Ich. An unzählige 
Götter zu glauben, und gar ans den Tugenden und Laftern 


der Menſchen foldye zu machen, wie die Schamhaftigkeit, 


die Eintracht, den Geift, die Hoffnung, die Ehre, die 


Güte, die Treue, oder auch (mie ed Demokrit beliebte) nur 


überhaupt zwei anzunehmen, Gtrafe und Belohnung, grängt 
an nody größeren Unverftand. 2. Die hinfälligen und 
mühebeladenen Sterblichen haben im Bewußtſeyn ihrer 
Schwäche die Gottheit in Theile zerlegt, damit Feder bier 
jenigen Theile verehren könne, deren er am meiften bedarf. 
Deßhalb finden wir bei verfhiedenen Völkern verfchiedene 
Bötternamen und unzählbare Gottheiten; fogar die unter 
irdischen Mächte, Krankheiten und viele andere Uebel wurs 
den zu den Bötterklaffen gezogen, weil wir in banger 
Furcht von ihnen verfhont zu bleiben wünfchen. So wurde 
auf Öffentliche Koften dem Bieber ein Zempel auf dem Pas 
Iatinifchen Berge, ein anderer der Orbona **) neben dem 


e, Ji. UI, 277. 
+), Die Göttin der Eltern, welche Ihrer Kinder beraubt waren, 
‚oder beraubt zu werben fürdhteten. Der Palatinifhe und 
der Esquiliniſche Berg find zwei der fieben Hügel Rom’, 
Bol. Livius IL, 5 ff. 
| 7 


a 
100° 6. Plinius Naturgeſchichte. 

Tempel der Laren [Hausgötter) und ein Altar dem böfen 
Geſchicke auf dem’ Esquiliniſchen Hügel geweiht. 3. Man 
. Tann alfp die Menge der Himmlifchen für bei weiten ‚größer 
anfehen,, als die -der Menſchen; denn die Letzteren machen 
ja aus fih noch eben fo viele Götter, als fie ſelbſt find, 
indem fie fid, Junonen und Genien ) aueignen; einige 
Völker aber halten Thiere, und darunter foaar unfaubere, 
und viele andere. Begenflände, die man ſich zu nennen 
fhämt, für Götter, und ſchwören bei fhmusigen Speiſen 
und andern ähnlichen Dingen. »8) — Zu ˖ glauben, daß 
Ehen unter den Göttern beftehen, und doch in ſo langer 
Zeit Niemand geboren werde, daß einige' alt und ſtets 
grau, ***)andere Jünglinge und Knaben, +) einige ſchwarz, 1*7T) 
geflügelt, 14717) hinkend, 78) andere aus einem Ei entfproffen, 
und abwechfelnd den einen Tag Iebendig und den andern 
todt feyen, T**) gränzt an. kindiſche Faſelei. 4. Ale Un: 
verfchämtheit überfteigt es aber, wenn man ihnen Ehebruch, 
Streit und Haß andichtet, oder gar Götter für Diebsränke 
und Laſter +?**) annimmt. Dem Sterblichen ift der ein 


2) Die Genien (für bie Männer) und die Sunonen (für bie 
Frauen) entfprehen den Schugengeln ber chriſtlichen Welt. 
+) Ohne Zweifel find hier die Aegypter gemeint. 

*) Saturn, Uranus, Aesculap u. ſ. w. 
H Wie Apollo, Bachne, Hebe, die Grazien. 
+) Grebuß, die Nacht, 
1}H Mercur, Amor , bie Horen. 
*) Bulcan, 
+’) Caſtor und Poliux. 
22°) Mercur, die Wolluſt u. fi w. J — 


en 


* 





Zweites Bud. . | 101 


Gott, der dem Sterblichen hilft, und Dieß ift der. Weg 
zum ewigen Ruhme. Auf tiefem wandelten die hohen Nö« 
mer, anf ihm wandelt jegt nebft feinen Kindern der größte 
Herrſcher aller Seiten, Befpaflanud Auguftus, indem er der 
allgemeinen Noth ſteuert. 5. Es ift ein uralter Gebraudy, 
bochverdienten Männern dadurdy den geziemenden Dank 
abzufragen, daß man fle unter die Götter verfest. Ja die 
Namen aller andern Götter und der Geflirne, von welden 
ich weiter oben ſprach, entflanden aus verdienftlichen Thaten 
ber Menſchen. Wer möchte deshalb nicht zugeftehen, daß 
es einen Jupiter, einen’ Mercur oder andere zn ihrer wech⸗ 
feifeitigen Unterfheidung anders genannte Götter, baß es 
eine ganze Reihe himmlifher Namen gab, wenn man die 
Sache nur natürlidy erlärt? 6. Lächerlich aber ift die 
Meinung, daß fid das höchſte Weſen, Was es aud) ſeyn 
mag. um Die menſchlichen Angelegenheiten befümmere. 
Müffen wie nicht vielmehr glauben, oder Pönuen wir auch 
nur bezweifeln, daß es ſich durch dieſe traurige und viel: 
fältige Dienſtleiſtung entwürdige? Kaum möchte es fidy 
entfcheiden Iaffen, ob ed dem menſchlichen Geſchlechte zuträg- 
tier fen, wenn man die Götter gar nicht, oder wenn man 
fie auf eine Weife vercehre, deren man fidy fchämen muß. 
Manche beguemen ſich zu ausländifchen Religionsübungen, 
tragen die Götter und die Ungeheuer, welche fie anbeten, 
an den Fingern, *) erdenten ſich [neue] Speifen, während fie 
andere [gewöhnlidye] verdammen, und legen ſich felbit fo 
firenge Geſetze auf, daß fie nicht einmal ruhig fchlafen 





* Als Talismane in Ringe gefaßt, 
* 


- — 


102 C. Plinins Naturgeſchichte. 


konnen. 9 Sie ſchreiten weder zur Ehe, noch zur Annahnie 
von Kindern, noch zu irgend. einem andern Geſchäfte, ohne 
ſich zuvor Heiligen Webräuchen zu unterwerfen. Andere 
beteügen auf dem Kapitol ſelbſt, *%) und Tchwören falfch 
bet dem donnernden Jupiter. Diefe ziehen Vortheil aus 
ihren Verbrechen, während Jene durd ihre Frömmigkeit 
feibit in Iammer und Elend verfegt werben. 

7. Doch die Menfchheit hat ſich ſeldſt zwiſchen beiden 
Anſichten ein Mittelding, eine eigene Gottheit erdacht, damit 
die Frage über dieſen Gegenſtand ja immer uoch verwickelter 
werde. In der ganzen Welt; an allen Orten, zu allen 
Stunden und von allen ungen wird das Glück allein ver- 
ehrt; es allein wird genannt , es allein angeklagt, ihm 
allein wird die Schuld von Allem aufgebürdet ; an es allein 
wird gedacht, es allein wird gelobt, es allein getadelt und 
nicht felten mit Schmaͤhungen angerufen; und doc ſchildert 
man es faft allgemein als blind, veränderlih, unftet, um 
beftändig, unzuverläßig, launiſch und ats Bönnerin Unwür— 
biger. Ihm wird aller Verluſt, ihm aller Gewinn **") zu⸗ 





©) Ich Aberſetze nach dem Texte ber ältern Ausgaben. Har⸗ 
donin’d Aenderung - gibt einen völlig verfchiedenen Sinn, 
Erwägt man: bie biftorifche Thatſache, dab zur Zeit des 
Plinius faft alle NReligionsfibungen in Nom befannt und 
geduldet waren; erinnert man fich ferner an ben Aegypti⸗ 
ſchen, jübifhen und chriſtlichen Cultus, fo wird man bie 
Stelle nicht dunkel finden. 

°. Wo man Contrakte abſchloß und Eide Leiftete, um fie defto 

. heiliger und unverleglicher zu machen. 

vr, Nach der gewöhnlichen Lesart. Hardouin’® Auslaffung ber 
‚ Worte omnia expensa, huic iſt busch Nichts begränbet, 


‚. Zweites Bud. . 105 


ceſchrieben, und in dem garzen Rechnungsbuch der Sterb⸗ 
lichen füllt es allein beide Geiten [Goll und Haben). Ja 
wir find fo fehr dem Zufall unterwotfen,. daß und der 
Zufall feibft als ein Bott gilt, woburd, der Beweis von dem 
Dafeyn einer Gottheit immer noc, unzuverläßiger wird. 

8. Eine andere Partei will aud von dieſer Gottheit 
[dem Glück oder dem Zufall} Nichts willen, und fchreikt 
die Schidfale eines Feden dem bei feiner Geburt obwaltenden 
Seftirue zu. Bott habe, fagen.fie, ein für allemal das 
Loos aller Menſchen vorausbeſtimmt, und trete fürder nicht 
mehr aus feiner unthätigen Ruhe. Diefe. Anſicht hat ange⸗ 
fangen, feften Fuß zu faſſen, und das gelchrte wie. das unges 
lehrte Volk fällt ihr Haflig zu. Hier haben wir die Anzeigen 
der Blige, die Boransfagungen der Orakel, die Prophezeis 
ungen ber Wahrfager, und , Was man feiner Beringfügigkeit 
wegen gar. nicht berühren follte, das Nießen bei den Aus 
aurien und das Gtraucdeln des Füße. Der göttliche Au⸗ 
guſtus erzählte, daß ibm an dem Zage, ber ihm durch einen 
Soldatenaufruhr beinahe den’ Untergang gebracht hätte, der . 
Iinte Schub flatt des ‚rechten angezogen worden, fey. *) 
9. Alles Dieb zufammengenbmmen verwirrt die kurzſichtige 
Menſchheit, und nur das Eine iſt gewiß, daß Nichts gewiß 
it, und daß ed kein erbärmlicheres und doch zugleich ſtol⸗ 
seres Wefen gibt, ald den Menfchen. Denn die übrigen 
Befchöpfe Fümmern fi) bloß um ihre Nahrung , die ihnen 
die gütige Natur von freien Stüden und zur Genlige ges 
währt, und haben noch überdieß Eines voraus, das aber 





°, Sueion, Aug, 44. 92, 


104 EG. Plinius Naturgeſchichte. 


allen andern Gütern vorzuziehen iſt, daß fie nämlich weder | 


an Ruhm, Geld und Ehrgeiz, noch an den Tod denken. 

10. Den meiften Nutzen im Leben gewährt jedoch von 
allen diefen Anſichten der Glaube, daß ſich die Götter um 
die menfchlihen Angelegenheiten befümmern ; daß den Miſſe⸗ 
thaten die Strafen — wenn auch (da die Gottheit durch eine 
ungeheure Menge von Geſchäften — iſt) ſpät folgen; 
daß fie aber mie ausbleiben, und daß der Menfdr nicht deß—⸗ 
wegen das der Gottheit Am nächſten ftehende Geſchöpf ſey, 
um an Armſeligkeit den‘ Thieren zu gleihen. Der größte 
Troſt der unvolliommnen Natur des Menfchen bieibt aber 
immer der, daß die Gottheit ſelbſt nicht Alles kaun. 
41. Denn fie Bann ſich weder den Tod geben, wenn fie 
auch wollte, welche unſchäzbare Wohlthat fe: doch dem 


Menfchen in diefem unendlihen Jammer des Lebens vers 


lieben hat, noch Sterbliche mit der Unfterblichkeit befchenten, 
oder Todte wieder erwecken, noch machen, daß Jemand, der 
gelebt hat, nicht gelebt, oder Jemand, der Chrenftellen 
bekleidet hat, fie nicht ‚bekleidet habe. Weberhaupt has fie 
auf Alles, was einmal gefchehen ift, Fein anderes Recht, 
als es vergeffen zu Pönnen. Ferner vermag fie (um unfere 
QAenutichkeit mit der Gottheit auch durch minder 'ernfte 
Gründe zu erweifen) nicht zu bewirken, daß zmeimal zehn 
nicht zwanzig fen, und viel‘ Aehnliches; wodurch ı die 
Macht der Natur über allen Zweifel erhoben wird, und 
woraus klar herdorgeht, daß fie eigentlih Das fey, was 


wir Goit nennen. — Diefe Abfchweifung durfte wohl hier 


'ihre Stelle finden, da die Frage, Was die Gottheit -fey, 
fortwährend und allgemein aufgeworfen wird. 


| 


Zweites Buch. .405 


VI (vn). 4 Kehren wir nun zu den übrigen Werken 
der Natur zurück! Die Gerne, welde, wie wir gefagt 
baden, ) an dem Simmel feſthalten [Kirfterne], ſiud nicht, 
mie der große Haufe wähnt, einzeln einem jeden Einzelnen 
Dr uns zugetheilt, fp daß Die hellen den Reichen, die 
Meinen den Armen, die dunteln den Kraufen, und über: 
haupt alle den Sterblichen, Jedem nad) dem ihn beftimmten 
Schickſal, leuchten; auch **) fterben file weder mit dem Mens 
fen, bei defien Geburt fie aufgegangen find, noch zeigen 
die herabfallenden an, daß ein Menfchenichen erlöfche. Go 
groß: ift unfere Gemeinfchaft mit dem Himmel nicht, daß 
aut) der Glanz der Gterne das 2008 der Sterblichkeit mit 
uns theilen müßte. 2. Daben die Sterne vermöge ihrer 
Beuerkraft eine: allzugroße Menge von Feuchtigkeit ange⸗ 
zogen, fo floßen fie den Ueberfluß von fidh, und es dünkt 
uns dann, als fielen fie herab. Eine ähnliche Erfcheinung 
innen wir an brennenden Lichtern, die mit Del getränft 
find, wahrnehmen. — - Uebrigens ind die Himmelskörper 
ewiger Natur; fie umſchlingen die Welt, und find ſelbſt in 
diefe Umfchlingung feſt verwoben. Diejenigen von ihnen, 
die wir, trog der obwaltenden Schwierigkeit, ihrer Wirs 
tungen, ihres Lichtes und ihrer Größe wegen erkennen 
tonnten, äußern einen bedeutenden Einfluß auf die Erde, 





*) Rap. 3., wo von den ber Welt eingedruͤckten Sternbildern 
die Rebe if. 

“) Nach ber gewönticgen Leſsart. Hardouin’s erklaͤrendes 
Einſchiebſel (quia) iſt überftüfiig. 


106 | C. Plinius Naturgeſchichte. 


wie wir an dem geeigneten Orte *) zeigen werden. 3. Auch 
die Lehre von den Himmelskreiſen wird füglicher bei der 
Beſchreibung der Erde **) vorgetrage werden können, da 
fie ganz dahin gehört. Nur die ben ThierPreis betreffenden 
Erfindungen wollen wir, hier nicht unerwähnt laffen. -Seine 
Schiefe foll zuerft Anarimander 'von Milet in der. achtunds 
fünfzigten Olympiade [zwiſchen 548 und 545 vor Ghr.] 
entdedt, und ſomit die Thüre zur weiteren Erkenntniß ges 
öffnet haben. Die Zeichen beffelden faud Cleoſtratus, "**) 
umd zwar zuerft die des Widders und des Gchügen. Die 
Sphäre (Himmelskugel] ſelbſt erfann lange vorher Atlas. +) 
— Doch wir wollen jest den [äußern] Körper der. Welt 
ſelbſt verlaffen, und zur Betrachtung Deffen, was ſich jwie 
(hen Himmel und Erde befindet, übergehen. 

4. Daß das. Geftirn, welches man Saturn nennt, das 
höchfte fe, und deßwegen das kleinſte zu ſeyn ſcheine; daß 


*) Buch XVII. ‚und vun, die von Der Landwirthſchaft 
handeln. 
20) B. VI. K. 29. 

*00) Weder Anaximander (über welchen man das Schriftſteller⸗ 
verzeichniß in der Einleitung zu dieſem Buche vergleichen 
kann), noch Cleoſtratus, ein Aſtronom des ſechſsten Jahr⸗ 
hunderts vor Ehr,, find bie Urheber dieſer ihnen bier zus 
geichriebenen aſtronomiſchen Entdeckungen. Gie brachten 
fie aus dem Orient, wo fie lange vor ihnen bekannt waren, 
zuerſt nach Griechenland. 

7) Utlas, eine mythiſche Perſon aus dem vierzehnten Jahr⸗ 
hundert vor Chr., fol König von Mauretanien, großer 
Aftronom und Lehrer des Herkules in biefer MWiſſenſchaft 
gewefen ſeyn. 


Zweites Buch. 407 


es den größten Kreis deſchreibe, und nad) dreißig Jahren ®) 
wieder 'zu dem. Anfangspunkte feiner Bahn zurüdtomme, 
unterliegt einem Zweifel. Alle Wandelfterne, aber, und 
alfo auch die Soune und der Mond, nehmen einen [dem 
Umſchwunge)] der Weit entgegengefegten Lauf, nämlich nach 
der finden Geite Hin, während diefe ih flets nach der 
rechten dreht; und obſchon fie durd) - Die unaufhörliche, 
ungeheuer ſchnelleè Ummälzung der Welt ergriffen und nach 
Welten hin mitfortgeriffen werden ‚: fo befchreibt doch jeder 
von ihnen durch eine entgegengefegte Bewegung feine eigene 
Bahn. Auf diefe Weife kann ſich bie Luft nicht: durch den 
ewigen Umfhwung der Welt nad) einer Seite zufammens 
Drängen und zu einer trägen Maffe erflarren, fondern muß 
durch den entgegengeſetzten Drud der Geſtirne durchſchnitten, 
getrennt und gleichmäßig vertheilt werden. *) 5. Das 
Geſtirn des Saturn ift Falter, eiflger Natur. Weit unter 
ihm und deßhalb auch ſchneller durdlänft Jupiter feine 
Kreisbahn in zwölf Jahren. ***) Mars, ber dritte Planet, +) 


*) Die Umfanfzeit des Saturn beiträgt nicht volle 30 Sahre, 
: fondern genau berechnet nur 10,749 Tage, 7 Stunden, 
31 Minuten und 50 Secunden. Der äußerfte jest in 
unferem Sonnengebiete bekannte Planet ift der im Jahre 
1781 von Herſchel entdeckte Uranus. | 
°*) Diefe Anficht der alten Phyſiker über die Bertheilung der 
2 Bufr zerfällt in ſich ſelbſt, ba. ber Raum, in welchem ſich 
die Planeten bewegen, unmbalic mit Luft angefüllt feyn 
kann. 2 
In 11 Jahren und 314 Tagen 
gr Zwiſchen Jupiter und Mars het man in unferem Jahr⸗ 


108 C. Plinius Naturgefchichte. 


den Einige auch Herkules nennen, ift fenriger Beſchaffenheit 


wegen der Nähe der glühenden Sonne, und vollendet ſeinen 
Lauf in ungefähr zwei Jahren. ) Durch die übergroße 
Hitze der Sonne und die Kälte des Gatuin wird der zwiſchen 
beiden wandelnde Jupiter gemäßigt und heilbringend. ») — 


6. Die num folgente Bahn der Sonne beträgt 360 Theile 


[Grade]: damit aber ihre Schatten genau wieder zu den: 
felben Strihen [der Sonnenuhr) zurückkommen, werden 
fedem Jahre fünf Tage und ein Vierteltag zugefügt. Aus 
diefer Urſache wird auch jedem fünften Sahr ein Schalttag 
beigegeben, damit die ‚Seiteintheilung mit dem Laufe ber 
Soare übereinflimme, 

- Unterhalb der Sonne on, kreist ein überaus großes 
Seien. Benus genaunt; fein abwechſelnder Lauf, +) fo 


hundert vier neue Planeten entbedt: Ceres (1801), Pallas 
(1802), Juno (1804) und Veſta (1807). 
9 In 1 Sahr, 331 Tagen und 22 Stunden, “ 
0°). Diefe Anficht, von dem heilbringenden Einfluß des Supiter, 
3. 8. auf Geburten u. f. w., gehört zu ben aftrologifchen 
Träumereien der Alten _ 
*.., Nach dem alten Planetenfpiem muß man fi Venus, 
Merkur und den Mond ald unterhalb der Sonne, Satur- 
nus, Supiter und Mars als oberhalb berfelden wandelnd 
denken. Jetzt nennt man Merkur und Venus untere 
Planeten, weil ihre Bahnen, als ber Sonne näher’ fte 
‚hend , von der Erbbahn eingefchloffen find. Mars, Befta, 
uno, Ceres, Pallas, Jupiter, Saturnus und Uranus 
heißen jest obere, weil ihre Bahnen, ber weiteren Cut: 
fernung wegen. die Erbbahn einfchließen. 
+) Abwechſelnd wirb ber Lauf ber Venus genannt, weil fie 
j einmal ber ‚Sonne vorausgeht, und dann wieder ihr nach⸗ 
folgt. 


Sn 


— 





% 


Zweites Bud. - 409 


wie fihon feine Beinamen beweifen, daß es mit der Gonne 
und dem Monde wetteifert. Denn eilt ed der Sonne voraus 
und geht vor der Morgenröthe auf, fo führt es, weil es, 
wie eine zweite Sonne, den Tag befchlennigt, den Namen 
Morgenftern (Lucifer); glänzt es aber am abendlichen Hims 
mel, fo heißt es, weil ed den Tag verlängert und die 
Stelle des Mondes vertritt, Abendſtern (Vesper). Diefe 
Eigenſchaft der Venus bemerkte zuerft Pythagoras von Gas 
mos um die zweiundfechzigfie Diympiade, ) in weldye das 
Fahr 222 der Stadt Rom [532 vor Ehr.] fällt. 8. Un 
Größe übertrifft fie alle übrigen Geflirne, **) und ihr Licht 
ift fo Helle, daß nur allein durdy ihre Strahlen Schatten 
hervorgebracht werden. **) Deßhalb hat fie auch eine 
Menge Namen erhalten: denn Einige nennen fie Juno, Andere 
ZIſis und wieder Andere Göttermutter [Epbele]). 9. Durch 
ihre natürliche Kraft wird Wlled auf der Erde erzeugt: 
denn bei ihrem zweimaligen Aufgange [am Morgen und 
Abend] verbreitet fle einen befrudhtenden Than, und bewirkt 
nicht nur die Hervorbringungen der Erbe, fondern fiachelt 
audy alle Lebende Weich zur Befruchtung. Den Umfang des 
Thierkreiſes durchläuft fie in 348 Tagen, und ihr Abftand 


°) Nach Brotier’d Lesart, welche beffier "mit ber Gefchichte 
Gbereinftimmt, als die anderen Lesarten. Olymp. 4 * 
A. V. 142. Olymp. 32 =A,\V., 113, 

“*, Nur fcheinbar, Hera fie ber Erde, die ungefähr gleiche 
Oröße mit ihr Hat, am nächften iſt. Der größte Planet 
ift Tupiter, 

“), Nach ben Beobachtungen der neueren Aſtronomen werfen 

auch Tupiter und Merkur Schatten. 


J 


10 C. Plirius Naturgefchichte. 
don der Gonne beträgt, wie Timäus annimmt, nie über 
36 Grabe. ° 

10. Bon ähnficher Beihhaffenheit, ”) aber keineswegs 
ron gleihher Größe und gleichem: Einfluſſe, if das ihr zu⸗ 
nächte wandelnde Geflirn des Merkur, welches auch Einige 
Apollo nennen. Es beſchreibt feine tiefere Bahn in einem 
um neun .Tage fchnelleren Umlauf, glänzt bald vor dem 
Aufgang der Sonne und bald nach dem Untergange ber: 
felben, und ift nie weiter als 23 Grade von ihr entfernt, ***) 
wie Derfelbe (Timäus] und Soflgenes Ichren. 414. Diefe 
tbeiden] Geftirne find alfo-von befonderer uud ganz anderer 
Beſchaffenheit, als die obengenannten. Denn ſie ſtehen um 
ein Viertheil und ein Drittheil des Himmels von der Sonne 
ab, und oft ſieht man ſie der Sonne gerade gegenüber; auch 
beſchreiden ſie alle bei ihrer vollen Umwälzung ganz andere, 
größere Bahnen, von denen bei der Lehre von dem großen 
Jahre die Rede feyn wirt. 7) » 


*) Die Venus vollendet nach ber jegigen genaueren Berech⸗ 
nung ihren auf in 224 Tagen und 17 Stunden, unb 
entfernt fi) nie fiber 48 Grabe von der Sonne Won 
ihrem befruchtenben Einfluſſe weiß die neuere Aſtronomie 
Nichts. 
”., Was nämlich fein Erſcheinen vor Sonnenuntergang und 
nad Sonnenuntergang betrifft. 
°.., Merkur vollendet feinen Lauf in 87 Tagen und 23 Stun⸗ 
den. Sein größter Abſtand von der Sonne beträgt 29 
" Grabe. 

+) Bon dem großen Jahre, das von einer Conjunctior der 
Planeten mit ber Sonne bis zu ber anbern währt, unb 15,000, 

nach andern 18,000 Jahre beträgt, ift in ber Naturges 


Zweites Buch. 141 


(12). 43. Das bewunderungsmwärbigfte von allen iſt 
jedoch das legte, der Erde am meiften befreundete Geftizn, 
welches die Natur als Mittel gegen die. Finfterniß erfand 
— der Mond. Durch feinen vielgeftaltesen Lauf hat es den 
Beift der Beſchauer, die mit Unwillen ihre geringe Kenntr 
niß des nächſten Geſtirnes einfahen, wahrhaft gefoltert. 
Stets wachſend oder abnehmend ift er bald [wie ein Bogen] 
in zwei Hörner gekrümmt, bald geigt er. und gerade feine 
Hälfte und bald feine ganze volle Scheibe; einmal erfcheint 
er uns matt und dann plößtzlich wieder hellglängend; bei 
voller Scheibe iff er überaus groß, und dann ift er wieber 
anf einmal gar nicht. vorhanden ; bald fcheint er die ganze 
Naͤdht hindurch), bald fleigt er erft fpät herauf, und unter 
ſtützt einen Theil des Tages hindurdr das Sonnenlicht; er 
wird verfintert und bleibt bei der Verfinfterung doch ſicht⸗ 
. bar, am Ende des Monats verfchwindet er aber gänzlich, 
und doch ſoll er dann nicht verfinſtert ſeyn. 43. Einmal 
erſcheint er niedrig und ein andermal hoch, und auch Dieß 
wieder nicht auf eine und dieſelbe Weiſe. Denn bald iſt er 
dem Himmel nah, bald fhheint er die Berggipfel zu berühren, 
einmal ſteht er hoch im Norden, das anderemal tief im 


ſchichte des Plinius nirgends die Rede. Uebrigens hat man 
dieſe Stelle oft dunkler gefunden, als ſie wirklich iſt, und faſt 
immer falſch überſetzt. Plinius will ſagen, daß die untern 
Planeten von den obern, wie in andern Dingen, ſo auch 
in der Größe ihrer Bahnen und der Dauer ihrer Um⸗ 
laufzeit, die von einer Conjunction der Sonne mit ihnen 
bis zur andern reicht, und das große Jahr bildet, und 
weiche er ihre volle Umwaͤlzung nennt, verſchieden ſeyen. 


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98 C. Plinius Naturgeſchiche. 


während ſich das Univerſum um fie dreht: fie wird durch 
Alles gehalten, und auf fie ftüpt fi wiederum Alles. ’ 
(uw) -3. Zwiſchen ihr und dem Himmel fchweben: in 
derielden Luft, durch beſtimmte Zwiſchenräume von einander 
getrennt, fleben Geſtirne, *) welche wir, weil fie ſich fort⸗ 
beivegen , Irrſterne [Pianeten) nennen, obſchon keine wes 
niger irren als fie. Ju ihrer Mitte läuft die Sonne, body» 
herrlich an Größe und Macht, nicht nur der Jahreszeiten 
und Klimate, fondern- and) ſelbſt der Geflirne und des 
Himmels Lenterin. Daß ſie das Leben oder vielmehr die 
Seele der ganzen Welt, daß fie die höchſte Beherrſchexin 
der Natur und eine Gottheit fey, muß Jeder glauben, der 


über ihre Wirkungen nachdenkt. 4. Sie fpendet allen 


Dingen Licht und verbannt die Zinfterniß; die - übrigen 
Beftirue verbirgt und erleuchtet fie; **) fie bewirkt die. re: 
gelmäßige Abwechslung ber Jahreszeiten und das nach dem 
Laufe der Natur ſich ſtets verjüngende Jahr; fle unterbricht 


- die traurige @införmigkeit des. Himmels, und verfcheucht Die 


Wolken des menfchlichen Geiſtes; fie leiht ihr Licht ben 
übrigen Geftirnen , ift herrlich, hehr, - allfhauend und 





*) Saturn, Supiter, Mars, die Sonne, Venus, Merkur und 
der Mond nach der von Plinius (K. 6.) angenommenen 
Reihenfolge. Die evidente Wahrheit, daB bie Sonne ben 
Mittelpunft bilde, um weichen fi bie Planeten drehen, 
und baß die Erbe felbft ein folder Planet fey, konnte, fo 
ange man von ber Anſicht ausging , bie Erbe bilde den 
Mittelpunkt, am welchen fi ih Alles beivege, nicht gefunden 
werben. 

vo. Sie verbirgt bie Geſtirne durch ipre Anweſenheit (bei Tag), 
und ‚erleuchtet fie durch ihre Abweſenheit (dei Nat). 


weites Bud. ' 99 


allhörend, Was, wie ich fche, der Water ber Gelehrſamkeit, 
Homer, ®%) nur ihr allein nachrühmt. 

Vcvm. 3 Deshalb Halte ich es für wmeufchliche 
Schwäche, nad einem Bilde, nach einer Geſtalt der Gottheit 
umherzufpähen. Ber auch die Gottheit iſt, wenn es über⸗ 
haupt eine andere gibt [als die Eonne), unb wo fie auch 
ſeyn mag, fo iſt fie ganı Gefühl, ganz Geſicht, ganz Ber 
hör, ganz Geele, gang Geiſt, ganz Ich. An unzählige 
Götter zu glauben, und gar ans den Tugenden und Laftern 
der Menſchen ſolche zu machen, wie die Schamhaftigkeit, 
die Eintracht, den Beift, die Doffnung, die Ehre, bie 


Güte, die Treue, oder auch (mie es Demokrit beliebte) nur - 


überhaupt zwei anzunehmen, Gtrafe und Belohnung, grängt 
an nod) ‚größeren Unverſtand. 2. Die hinfälligen und 
mühebeladenen Sterblichen haben im Bewußtſeyn ihrer 
Schwäche die Gottheit in Theile zerlegt, damit Feder Dies 
jenigen Theile verehren Pönne, deren er am meiften bedarf. 
Deßhalb finden wir bei verfhiedenen Völkern verfchiedene 
Götternamen und unzählbare Gottheiten; fogar die unters 
irdischen Mächte, Krankpeiten und viele andere Uebel wur: 
den zu den Bötterklaffen gezogen, weil wir in bauger 
Furcht von ihnen verſchont zu bleiben wünſchen. Go wurde 
auf Öffentliche Koften dem Fieber eig Tempel auf dem Pas 
latinifhen Berge, ein anderer der Orbona *”) neben dem 


°, &r, UI, 277. 
*) Die Bbttin der Eltern, weiche ihrer Kinder beraubt waren, 
‚oder beraubt zu werben fürchteten, Der Palatinifhe und 
der Esquiliniſche Berg find zwei ber fieben Hügel Rom. 
Bol. Livius I, 5 ff. 
Ä 7% 


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100° ©. Plinius Naturgeſchichte. 

Tempel der Laren [Hausgötter) und ein Altar dem böfen 
Geſchicke auf dem Esquiliniſchen Hügel geweiht. 3. Dan 
Nkann alfo die Menge der Himmliſchen für bei weitem größer 
anfehen , als die ‚der Menfchen; denn die Letzteren machen 
ia aus fi noch eben fo viele Götter, als fie felbnt find, 
indem fie fi, Junonen und Genien *) aueignen; einige 
Völker aber halten Thiere, und darunter ſogar umfaubere, 
und viele andere Gegenflände, die man ſich zu nennen 
ſchaͤnt, für Götter, und ſchwören bei ſchmußigen Gpeifen 
und andern ähnlichen Dingen. **%) — Zu ˖ glauben, dag 
Ehen unter den Göttern beſtehen, und dody in fo langer 
Zeit Niemand geboren werbe, daß einige’ alt und ſtets 
gran, ***")andere Jünglinge und Knaben, +) einige ſchwarz, tr) 
geflügelt, +++) hinkend, T*) andere aus einem Ei entfproffen, 
und abwechfelnd den einen Tag lebendig und den andern 
todt feyen, T**) gränzt an. kindiſche Zafelei. 4. Alle Uns 
verfchämtheit überfteidt e8 aber, wenn man ihnen Ehebrud,, 
Streit und Hab andichtet, oder gar Götter für Diebsränke 
und Lafter T***) annimmt. Dem Sterblichen ift der ein 


2) Die Genien (für bie Männer) und die Sunonen (für bie 
Frauen) entſprechen den Schugengeln ber chriſtlichen Welt. 
2) Ohne Zweifel find hier bie Aegppter gemeint, 

=») Saturn, Uranus, Aedculap u. ſ. w. 
+ Wie Apollo, Bacchus, Hebe, die Grazien. 
++) Grebus, die Nacht, 
T+r) Mercur, Amor , bie Horen. 
T”) Bulcan. 
+9 Caſtor und Pollur. 
42°) Mercur, die Wolluſt u. ſ. w. 


Pan. 22 


s 


Zweites Bud. | 101 


Gott, der dem Gterblichen hilft, und Dieß in der. Weg 
zum ewigen Ruhme. Auf tiefem wandelten die hohen Rö⸗ 
mer, auf ihm wandelt iept nebft feinen Kindern der größte 
Herrſcher aller Seiten, Vefpaflanus Auguſtus, indem er der 
allgemeinen Noth feuert. 5. Es ift ein uralter Gebraudy, 
hochverdienten Männern dadurch den geziemenden Dank 
abzufragen, daß man fie unter die Götter verfest. Ya die 
Namen aller andern Götter und der Geſtirne, von welchen 
ih weiter oben fprach, entflanden aus verbienftlichen Thaten 
ber Menſchen. Wer möchte deshalb nicht zugeſtehen, baß 
es einen Jupiter, einen Mercur oder andere zn ihrer wech—⸗ 
feifeitigen Unterfcheidung anders genannte Götter, daß es 
eine ganze Reihe hinımlifher Namen gab, wenn man die 
Sache nur natürlich erklärt? 6. Lächerlich aber iſt die 
Meinung, daß fid das höchſte Weſen, Was ed auch feyn 
mag. um tie menfchlicheh Angelegenheiten befümmere, 
Müffen wie nicht vielmehr glauben, oder könuen wir aud) 
nur bezweifeln, daß ea ſich durch diefe fraurige und viel- 
fältige Dienftleitung entwürdige? Kaum möchte es ſich 
entfcheiden laffen, ob ed dem menſchlichen Geſchlechte zuträg- 
fidyer fen, wenn man die Götter gar nicht, oder wenn man 
fie auf eine Weife verehre, deren man fidy fchämen muß. 
Manche begusmen fid zu ausländifhen Religionsübungen, 
tragen die Götter und bie Ungeheuer, welche fie anbeten, 
an den Fingern, *) erdenten fidh [neue] Speifen, während fie 
andere [gewöhnlidye] verdammen, und legen fi felbft fo 
firenge Geſetze auf, daß fie nicht einmal ruhig fihlafen 





*, Als Zaliömane in Ringe gefaft, 
a 


- — 


102 C. Plinins Naturgeſchichte. 


koͤnnen. ) Gie ſchreiten weder zur Ehe, noch zur Antahute 
von Kindern, noch zw irgend einem andern Geſchäfte, ohne 
fich zuvor heiligen Webräuchen zu unterwerfen. Andere 
betrügen auf dem Kapitol ſelbſt, *) und Tchwören fatfch 
bet dem donnernden Jupiter. Diefe ziehen Vortheil aus 
ifren Verbrechen, während Jene durch ihre Frömmigkeit 
ſelbſt in Jammer und Elend verfept werben. 

7. Doch die Menfchheit hat fidy feibft zwiſchen beiden 
Anſichten ein Mittelding, eine eigene Gottheit erdacht, damit 
die Frage über diefen Begenftand ja immer uody verwicktlter 
werde. In der ganzen Welt; an allen Orten, zu allen 
Stunden und von allen Zungen wird das Glück allein ver- 
ehrt; es allein wird genannt , ed allein angeklagt, ihm 
allein wird die Schuld von Allem aufgebürdet ; an es allein 
wird gedacht, es allein wird gelobt, es allein getadelt und 
nicht felten mit Schmähnngen angerufen ;. und doc ſchildert 
man es faft allgemein ale blind, veränderlich, unflet, uns 
beftändig, unzuverläßig, launiſch und ats Bönnerin Unwür⸗ 
Ä biger. Ihm wird aller Beriuft, ihm aller Gewinn **%) zus 


°) Ich überfege. nach dem Texte der ältern Ausgaben. Har⸗ 
donin's Aenberung - gibt einen völlig verfchiedenen Sinn, 
Erwäyt man: die hiftorifche Thatfache, daß zur Zeit des 
Plinius faft alle Religionsübungen in Nom bekannt und 
geduldet waren; erinnert man fich ferner an ben Aegypti⸗ 
then, jübifhen und chrififihen Cultus, fo wird man bie 
- Stelle nicht dunkel finden, 
°. Mo man Contraßte abſchloß und Eide Ieiftete, um fie deſis 
heiliger und unverletzlicher zu machen. 
vr), Nach der gewöhnlichen Lesart. Hardouin's Auslaſſung ber 
‚ Worte omnia expensa, hnie ift busch Nichts begründet, 


" Zweites Bud. 105 


aihhrieben , und in dem gauzen Resnnngsiud) der Sterb⸗ 
lichen füllt es allein beide Geiten [Goll und Haben). Ja 
wie find fo ſehr dem Sufall unserwotfen ,. daß uns Der 
Zufall ſelbſt als ein Bott gilt, woburd der Beweis von dem 
Dafeyn einer Gottheit immer npdy unzuverläßiger wird. 

8. ine andere Partei will auch von dieſer Gottheit 
[dem Glück oder dem Zufall} Nichts wiffen, und fchreikt 
die Schidfale eined Jeden dem bei feiner Geburt obwaltenden 
Seftirne zu. Gott habe, fagen fie, ein für allemal das 
2008 aller Menfchen vorausbeflimmt, und trete fürder nicht 
mehr aus feiner unthätigen Ruhe. Diele. Anſicht hat anges 
fangen, feften Buß zu fallen, und das gelchrte wie. das unges 
lehrte Volk fälkt.ihr ‚Haflig zu. Dier haben wir die Anzeigen 
der Blige, die Vorausſagungen der Orakel, bie Prophezeis 
ungen ber Wahrfager, und, Was man feiner Geringfügigkeit 
wegen gar. nicht berühren follte, das Nießen hei den Au⸗ 
gurien und dag Gtrauceln der Füße. Der göttliche Aus 
guſtus erzählte, daß ihm an dem Tage, der ihm durgh einen 
Soldatenaufruhr beinahe den Untergang gebracht hätte, der . 
Iinte Schuh ſtatt des rechten angezogen worben fen. ”) 
9. Alles Dieb zufammengenommen verwirrt die Furzfichtige 
Menſchheit, und nur das Eine ift gewiß, daß Nichts gewiß 
it, und daß es Bein erbärmlicheres und doch zugleich flols 
zeres Weſen gibt, als deu Menſchen. Denn die übrigen 
Geſchöpfe Fümmern fid) bloß um ihre Nahrung, die ihnen 
die gütige Natur von freien Stüden und zur Genüge ges 
währt, und haben noch überdieß Eines voraus, das aber 





*) Susion. Aug. 14. 92, 


4108 .. €. Plinius Naturgeſchichte. 


alten andern Gütern vorzuziehen ift, daß fie nämlich weder 
an Ruhm, Geld und Ehrgeiz, noch an den Tod denken. 

10. Den meiften Nusen im Leben gewährt jedody von 
allen diefen Anfichten der Staube, daß fich die Bötter um 
die menfchlichen Angelegenheiten bekümmern; daß den Miffe- 
thaten die Strafen — wenn aud (da die Gottheit durch eine 
ungeheure Menge von Geſchäften gedrängt ift) ſpät folgen; 
daß fie aber mie ausbleiben, und daß der Menfdr nicht deß⸗ 
wegen das der Gottheit am nächften ſtehende Geſchöpf ſey, 
um an Armſeligkeit den: Thieren zu gleichen. Der ‚größte 
Troft der unvolliommnen Natur des Menſchen bleibt aber 
immer der, daß die Gottheit ſelbſt nicht Alles kaun. 
41. Denn fie Bann fi weder den Tod geben, wenn fle 
auch wollte, welche unſchätzbare Wohlthat fie doch dem 
Menfhen in diefem unendlichen Sammer des. Lebens vers 
lichen hat, noch Sterbiiche mit ber UnfterbiichBeit beſchenken, 
oder Todte wieder erwecken, noch machen, daß Jemand, ber 
gelebt hat, nice gelebt, oder Jemand, der Ehrenſtellen 
bekleidet hat, fie nicht bekleidet habe. Ueberhaupt bat fie 
auf Alles, was einmal gefchehen iſt, Bein anderes Nedht, 
als es vergeffen zu Bönnen. Kerner vermag fie (um unfere 
Aehnlichkeit mit der Gottheit auch durdy minder 'ernfte 
Gründe zu erweifen) nicht zu bewirken, daß zweimal zehn 
nicht zwanzig ſey, und viel Aehnliches; wodurch ı die 
Macht der Natur Über allen Zweifel erhoben wird, und 
woraus Plar hersorgeht, daß fle eigentlih Das fey, was 
wir Goit nennen. — Diefe Abfchweifung durfte wohl hier 
ihre Stelle finden, da die Frage, Was die Gottheit -fey, 
fortwährend und allgemein aufgeworfen wird, 


\ " {) 


Zweites Bud. | 105 


VI (vui). 4. Kehren wir nun zu den übrigen Werken 
der Natur zurück!‘ Die Sterne, welde, wie wir gefagt 
haben, *) an dem Himmel feithalten [Fixſterne], ſind nicht, 
wice der große Haufe wähnt, einzeln einem jeden Einzelnen 
von uns zugetheilt, fp daß die hellen den Reichen, die 
Meinen den Armen, die dunteln den Kranken, und über: 
haupt alle den Sterblichen, Jedem nad) dem ihm beflimmten 
Schickſal, leuchten; auch **) fterben file weder mit dem Mens 
fchen, bei deflen Geburt fie aufaegangen find, nody zeigen 
Die herabfallenden an, dab ein Menſchenleben erlöfche. Go 
groß. ift unfere Gemeinſchaft mit dem Himmel nit, daß 
anch ber Glanz der Sterne das Loos der Sterblichkeit mit 
ung theilen müßte. 2. Haben die Sterne vermöge ihrer 
Feuerkraft eine; allzugroße Menge von Beuchtigkeit Ange: 
zogen, fo ftoßen fle den Ueberfluß von fi, und es dünkt 
uns dann, als fielen fie herab. ine ähnliche Erfcheinung 
können wir an brennenden Lichtern, die mit Del geträntt 
find, wahrnehmen, — Uebrigens ind die Himmelskörper 
ewiger Natur; fie umfchlingen die Welt, und find ſelbſt in 
Diefe Umfchlingung feft verwoben. Diejenigen von ihnen, 
Die wir, trog der obwäaltenden Schwierigkeit, ihrer Wir: 
Zungen, ihres Lichtes und ihrer Größe wegen erkennen 
Zonnten, äußern einen bedeutenden Einfluß anf die Erde, 





*") Kap. 3., wo von ben ber Welt eingebrückten Sternbildern 
die Rebe: ift. 
“*) Nah ber gewöhnlichen Ledart, Hardouin's erklaͤrendes 
Einſchiebſel (quia) iſt überftiig. 


‘ 


16 C. Plinius Naturgefchichte, 


wie wir an dem-geeigneten Orte *) zeigen werden. 3. Auch 
die Lehre von den Himmelskreiſen wird fünlicher bei der 
‚Befchreibung der Erde **) vorgetragen werben fönnen, da 
fie ganz dahin gehört. Nur die den Thierkreis betreffenden - 
Erfindungen wollen wir, hier nicht unerwähnt laffen. -Seine 
Schiefe foll zuerft Anarimander von Milet in der: achtunds 
‚ fünfzigen Olympiade - [zwifchen 548 und 545 vor Chr.) 
entdedt, und ſomit die Thüre zur weiteren Erßenntniß ger 
öffnet haben. Die Beichen deffelden fand Cleoſtratus, "**) 
und zwar zuerft die des MWidders und des Gchügen. Die 
Sphäre [Himmelstugel] felbft erfann lange vorher Atlas. +) 
— Doc wir wollen jent den [äußern] Körper der. Welt 
ſelbſt verlaffen,, und zur Betrachtung Deffen, was ſich zwi 
(hen Himmel und Erde befindet, übergehen. 

4. Daß das. Geflirn, welches man Saturn nennt, das 
höchfte fep, und beßwegen das Meinfte zn ſeyn feine ; ; daß 


2) Buch xvn. und xvin, die von der Landwirthſchaft 

handeln. 

29) B. VL-R. 29. | 

0, Weber Anaximander (über welchen man bas Schriftfteller: 
verzeichniß in ber - Einleitung zu diefem Buche vergleichen 
kann), nod) Cleoſtratus, ein Aftronom des ſechſsten Jahr⸗ 
hunderts vor Ehr., find die Urheber biefer ihnen bier zus 
gefchriebenen aftronomifhen Entdeckungen. Gie brachten 
fie aus dem Orient, wo fie lange vor ihnen bekaunt waren, 
zuerii nach Griechenland. ’ 

FT) Atlas, eine mpthifche Perſon aus dem vierzehnten Jahr⸗ 

hundert vor Chr., fol König von Mauretanien, großer 
Aftronom und Lehrer bes Herkules in dieſer Wiſſenſchaft 
gewefen ſeyn. 





Zweites Bud, 0.407 


es den größten Kreis befähreibe, und nach dreißig Jahren *) 
wieder 'zu dem. Anfangspuntte feiner Bahn zurüdtomme, 
unterliegt Feinem Zweifel. . Ulle Wandelfterne, aber, und 
alfo auch die Soune und de Mond, nehmen einen [dem 
Umſchwunge)] der Welt entgegengefepten Lauf, namlich nad 
der linken Geite hin, während diefe ſich ſtets nad der 
zehten dreht; und obſchon fie durd) - die unaufhörliche, 
ungeheuer fchnelle Ummwälzung der Welt ergriffen und nad 
Weſten hin mitfortgeriffen werben „ fo befchveibt doc jeder 
von ihnen durch eine entgegengefegte Bewegung feine eigene 
Bahn. Auf dieſe Weile kann ſich bie Luft nicht buxch den. 
ewigen Umſchwung der Welt nad einer Seite zufammens 
Drängen und zu einer trägen Maſſe erflarren, fondern muß 
durch ben entgegengeſetzten Druc der Geſtirne durchſchnitten, 
getrennt und gleichmäßig vertheilt werden. ) 5. Das 
Geſtirn des Saturn ift Falter, eiflger Natur. Weit unter 
ihm und deßhalb auch fchneler durchläuft Jupiter feine 
Kreisbahn .in zwölf Fahren. ***) Mars, der dritte Planet, +) 


*) Die Umtanfzeit des Saturn beträgt nicht volle 30 Jahre, 
fondern genau berechnet nur 10,749 Tage, 7 Stunden, 
31 Minuten und 50 Secunden. Der äußerfte jetzt in 
unferem Sonnengebiete bekannte Planet ift der im Jahre 
1781 von Herſchel entdeckte Uranus. 

o0) Diefe Anficht der alten Phyſiker aber die Bertheilung der 

»  Bufr zerfällt im ſich ſelbſt, da ber Raum, in welchem ſich 
die Planeten bewegen, unmbglic mit Luft angefaui ſeyn 
kann. 
In 11 Jahren und 314 Tagen 

gr Zwiſchen Jupiter und Mars hat man im unferem Jahr⸗ 


108 C. Plinius Naturgeſchichte. 
ben Einige auch Herkules nennen, ift fenriger Beſchaffenheit 
wegen der Nähe der glühenden Sonne, und vollendet ſeinen 
Zauf in ungefähr zwei Jahren. ») Durch die übergroße 
Hitze der Sonne und die Kälte des Saturn wird der zwiſchen 
beiden wandelnde Jupiter gemäßigt und heilbringend. *%)— 
6. Die nun folgende Bahn der Sonne beträgt 360 Theile 


Grade]: damit aber ihre Gcatten genau wieder zu den: .» 


felben Strihen [dee Sonnenuhr) zurückkommen, werden 
fedem Jahre fünf Tage und ein Bierteltag zugefügt. Aus 
diefer Urſache wird auch jedem fünften Fahr ein, Schalttag 
beigegeben, bamit die ‚Beiteintheilung mit dem Laufe ber 
Sonne übereinftimme, 

7. : Unterhalb der Sonne e., kreist ein überaus großes 
Geſtirn, Benus genaunt; fein abwechjelnder Lauf, T) fo 


hundert vier neue Planeten entbedt: Ceres (1801), Pallas 
(1802), Juno (1804) und Bella (1807). 

9 Suıı Jahr, 331 Tagen und 22 Stunden, ’ 

9%, Diefe Anficht, von bem 'heilbringenden Einfluß des Jupiter, 
3. B. auf Geburten u. f. w., gehört zu den aftrologifchen 

Zräumereien der Alten. _ 

*., Nach dem alten Planetenfpftem muß man fid Venus, 


Merkur und den Monb als unterhalb der Sonne, Saturs 


nus, Supiter und Mars als oberhalb derfelben wandelnb 
denfen. Sept nennt man Merkur und Venus untere 
Planeten, weil ihre Bahnen, ald ber Sonne rläher fie 
‚hend, von ber Erbbahn eingefchloffen find. Mars, Defta, 
-Tuno, Ceres, Dallas, Jupiter, Saturnus und Uranus 
heißen jest ‚obere, weil ihre Bahnen, ber weiteren Cuts 
fernung wegen, bie Erbbahn einfchließen, 
+) Abwechſelnd wird ber Lauf der Venus genannt, weil fie 
einmal ber Sonne voraudgeht, und dann wieber ihre nach⸗ 
folgt. ‚ 


S 


f . 


A 








Zweites Bud). 409 
wie fibon feine Beinamen beweifen, daß es mit der Sonne 
und dem Monde wetteifert. Denn eilt ed der Sonne voraus 
und geht vor der Morgenröthe auf, fo führt es, weil es, 
wie eine zweite Sonne, den Tag befchleunigt,, den Namen 
Morgenftern (Lucifer); glänzt es aber am abendlichen Hims 
mel, fo heißt ed, weil es den Tag verlängert und die 
Stelle des Mondes vertritt, Abendſtern (Besper). Diefe 

Eigenſchaft der Venus bemerkte zuerft Pythagoras von Gas 
mos um die zweiundfechzigfie Olympiade, *) in welche das 
Jahr 222 der Stadt Rom [552 vor Chr. fällt. 8. An 
Größe übertrifft fie alle Übrigen Geflirne, **) und ihr Licht 
ift fo helle, daß nur allein durdy ihre Strahlen Schatten 
hervorgebracht werden. »ꝛe) Deßhalb hat fie auch eine 
Menge Namen erhalten: denn Einige nennen fie Juno, Undere 
Iſis und wieder Andere Göttermutter [Epbele]. 9. Durch 
ihre natürliche Kraft wird Alles auf der Erde erzeugt: 
denn bei ihrem zweimaligen Aufgange [am Morgen und 
Abend] verbreitet fle einen befruchtenden Than, und bewirkt 
nicht nur die Hervorbringungen der Erde, fondern flachelt 
and) alle lebende Weſen zur Befruchtung. Den Umfang des 
Thierkreiſes durchläuft fie in 348 Tagen, und ihr Abftand 


*, Nach Brotier’d Lesart, welche befier "mit der Gefchichte 
Gbereinftimmt, als die anderen Ledarten. Olymp. 42 = 

A. V. 142. Olymp. 32 = A, V, 113, 
+, Nur fcheinbar, weil fie ber Erbe, bie ungefähr gleiche 
Größe mit ihr Hat, am nächften iſt. Der größte Planet 

ift Supiter. 

“), Nah ben Beobachtungen der neueren Aftronomen ‚werfen 
‚ auch Jupiter und Merkur Schatten. 


110 C. Plirius Naturgeſchichte. 
von der Sonne beträgt, wie Zimäns annimmt, nie über 
36 Grade. ®) 

10. Bon ähnticher Beſchaffenheit, ”) aber keineswegs 
ron gleicher Größe und gleichem Einfluſſe, if das ihr zu⸗ 
naächſt wandelnde Geflirn des Merkur, welches auch Einige 
Apollo nennen. Es beichreibt feine tiefere Bahn in einem 
um neun Tage fchnelleren Umlauf, glänzt bald vor dem 
Aufaang der Sonne und bald nad) dem Untergange ders 
felben, und ift nie weiterald 23 Grade von ihr entfernt, ***) 
wie Derfelbe (Timäus] und Soſigenes lehren. 44. Diefe 
lbeiden] Geftirne find alſo von befonderer uud ganz anderer 
Beſchaffenheit, als die obengenannten. Denn file flehen um 
ein Viertheil und ein Drittheil’ des Himmels von der Sonne 
‚ab, und oft flieht man fie der Sonne gerade gegenüber ; ; auch 
beſchreiden ſie alle bei ihrer vollen Umwäaͤlzung ganz andere, 
größere Bahnen, von denen bei der Lehre von dem großen 
Fahre die Rede ſeyn wirt. +) » 


*) Die Venus vollendet nad) der jegigen genaueren Berech⸗ 
nung ihre Sauf in 224 Tagen nub 17 Stunden, unb 
entfernt fich nie fiber 48 Grabe von ber Sonne. Won 
ihrem befruchtenben Einfluſſe weiß bie neuere Aſtronomie 
Fichte. j 

so, Was nämlich fein Erfcheinen vor Sonnenuntergang und 
nad) Sonnenuntergang betrifft. 

*.., Merkur vollendet feinen Lauf in 87 Tagen und 23 Stun: 
den. Sein größter Abſtand von der Sonne beträgt 29 
Grade. 

+) Bon dem großen Jahre, das von einer Conjunction ber 
Planeten mit der Sonne bis gu ber andern währt, unb 15,000, 
nach) andern 18,000 Jahre beträgt, if in der Maturges 





Zweites Bud). 441 


(12). 42. Das bewunderungsmürbigfte von alen if 
jedoch das legte , der Erde am meiften befreundete Geftisn, - 
welches die Natur ald Mittel gegen die. Finfterniß erfand 
—. der Mond. Durch feinen vielgeftalteten Lauf hat e6 den 
Beift der Befchaner, die mit Unwillen ihre geringe Kennt: 
niß des nächſten Geſtirnes einfahen, : wahrhaft gefoltert. 
Stets wachſend oder abnehmend ift er bald [mie ein Bogen] 
in zwei Hörner gekrümmt, bald zeigt er. und gerade feine 
Hälfte und bald feine ganze volle Scheibe; einmal erfcheint 
er und matt und dann plöglic wieder helfglänzend; bei 
voller Scheibe iſt er überaus groß, und dann ift er wieder 
auf einmal gar nicht. vorhanden; bald ſcheint er die ganze 
. Nacht hindurch, bald ſteigt er erſt fpät herauf, und unter: 
ſtützt einen Theil des Tages hindurch das Sonnenlicht; er 
wird verfinftert und bleibt bei der Verfinfterung doc, ſicht⸗ 
. bar, am Ende des Monats verfchwindet er aber gänzlich, 
und doc ſoll er dann nicht verfinſtert ſeyn. 13. Einmal 
erſcheint er niedrig und ein andermal hoch, und auch Dieß 
wieder nicht auf eine und dieſelbe Reife. Denn bald iſt er 
dem Himmel nah, bald fcheint er die Berggipfel zu berühren, 
einmal fteht er hoc im Norden, das anderemal tief im 


ſchichte des Plinius nirgends bie Rede. Uebrigens hat man 
dieſe Stelle oft dunkler gefunden, als ſie wirklich iſt, und faſt 
immer falſch überſetzt. Plinius will ſagen, daß die untern 
Planeten von den obern, wie in andern Dingen, ſo auch 
in der Größe ihrer Bahnen und der Dauer ihrer Um⸗ 
laufzeit, die von einer Conjunction der Sonne mit ihnen 
bis zur andern reicht, unb das große Jahr ‚bildet, und 
welche er ihre volle Ummälzung nennt, verfchieden ſeyen. 


— 


12 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Süden. Ulle dieſe einzelnen Eigenſchaften entdeckte von 
allen Menſchen zuerſt Endymion an ihm: daher die Sage, 
daß er ſich in. ihn verliebt habe. Wahrlich wir find un» 
dankbar gegen die Männer, welche durch Anftrengung und 
Mühe uns Licht verfchafften über dieſes Lid, und der 
menſchliche Geift findet in feiner wunderlichen Verderbniß 
mehr Gefallen daran, Blut und Mord in den Jahrbüdyern 
anfzuzeichnen, damit allen Denen, die auch nit das Ges 
ringfte von dem Weltgebände wiffen, doc ja die Laſter der 
Menfchen befannt werden ! 
44. Der Mond befchreibt ald der dem Mittelpunkte 
der Welt *) nächte Planet die kürzefte Bahn, und durch⸗ 
wandelt in 27% Zagen **) dieſelben Räume, die das höchſte 
Geſtirn, der Saturn, erft (wie oben geſagt wurde) in 30 
Jahren durchläuft. Darauf verweilt. er zwei Tage in Con⸗ 


‘junetion mit der Sonne, und beginnt. dann fpäteftens am 


dreißigften Tage feinen Wechſel wieder. Ihm haben wir 
wohl Alles, was wir Eis jept von den Ericheinungen am 
Himmel begreifen konnten, zu verdanken. Er lehrte uns, 


daß man das Fahr in zwölf Monaträume eintheilen müße, 


weit er eben fo oft die Sonne auf ihrer Rückkehr zu dem 
Anfangspuntte ihrer Bahn erreicht; daß fein, fo wie der 
übrigen Geſtirne Erſcheinen nur durch die Sonne bedingt 
werde; daß er überhaupt nur durch das von ihr erborgte 
Licht gerade fo leuchte, wie wir den Wiederſchein eines 


[4 


*).Der Erde. Kap. 64. 
=*,) Mac) genauerer Berechnung In 27 Tagen, 7 Stunden, 43 
Minuten und 11 Sekunden. , 





Zweits Bud. . 1443 


Lichtes, durch deffen Zurückprallen auf dem Waffer flimmern 
fehen; daß er deßwegen Durch feine geringere und unvoll⸗ 
Bommene Kraft die Feuchtigkeit nur auflöfe, oder aud) ver- 
mehre, die Sonnenftrahlen aber Diefelbe verzehren; 45. daß 
auch deshalb fein Lichte nicht immer gleidy groß erfcheine, 
weil er nur voll ift, wenw er der Sonne: gerade gegenüber 
ſteht, an den Übrigen Tagen aber der Erde nur fo viel 
Licht zeigt, als er ſelbſt von der Sonne empfängt; 9 daß 
er in der Eonjunction nidyt fihtbar fey, weil dann feine 
uns nicht zugekehrte Seite alles auf fie fallende Licht wieder 
dahin zurückwirft, woher fie es empfangen hat; daß, ohne 
Zweifel die Geſtirne überhaupt dur die Erdfeuchtigkeit 
genährt werden, weil man an dem Monde, wann er halb 
it, manchmal Flecken beobachtet (denn aledann .hat er noch 
nicht hinreichende Kraft, die. Dünfte gänzlich aufzufaugen, 
and die Flecken fiud nichts Anderes, ale der mit der Feuch⸗ 
tigkeit von der Erde aufgezogene Schmutz); ”*) 


”, Der Mond empfängt ſtets gleich vier Licht von ter Sonne, 
d. h. er if ſtets zur Hälfte erleuchtet; aber wir fehen 
diefe erleuchtete Hälfte von der Erde aus nicht immer ganz. 

»5) Daß bie Erdfeuchtigkeit nicht fiber den Dunftfreid der Erde 
hinaueſteige, ift eine jegt allgemein anerfannte Wahrheit; - 
tie Anfiht von der Ernährung ber Geflirne und von bem 
Entfiehen der Mondflecken zerfällt alfo im fi feldit. Die 
Seen, welche an dem Monde, wenn er halb it, nicht 
manchmal, wie Plinins fügt, fonbern fan immer gefehen wer: 
den, entfiehen nach ber. Meinung ter Pythagoreer, fo wie 
der neueren Aftronomen, durch die hoben Berge des Don: 
bed, welche, -fo Tange bie Sonnenfſtrahlen fchief auf ihn 
fallen, größere Schatten werfen, 


€, Ptinius Naturgeſch. 18 Bochn. 8 


v 


1 C. Plinius Naturgeſchichte. 


() daß endlih die Verfinſterungen des Mondes und 
der Sonne — gewiß die bei der Naturbefdauung am meiften 
auffallende und wunderähnliche Erfheinung — durch den 
Schatten, den fie werfen, die Größe beider Geſtirne be⸗ 
ſtimmen. 

VII. 1. &8 iſt namlich offenbar, daß die Sonne durch 
die Dazwiſchenkunft des Mondes, und der Mond durch das 
Davorliegen der Erde verfinftert werde; daß fich. beide, der 
Mond der Erde, und die Erde dem Monde, wechfetfeitig 
durch ihr Dazwifhentreten "die Sonnenftrahlen entziehen; 
daß, wenn der Mond vor die Sonne tritt, ſich plötzlich 
Finſterniß verbreite, und daß auf dieſelbe Weiſe der Mond 
durch die Erde verdunkelt werde; daß auch die Nacht nichts 
Anderes ſey, als der Schatten der Erde, und daß die Figur 
dieſes Schattens einem Kegel oder umgekehrten" Kreiſel 
gleiche, der aber nur mit der Spitze den Mond trifft und 
die Höhe deſſelben nicht überfleigt: denn Bein anderes Ger 
ftirn wird auf dieſelbe Weife *) verfinftert, und ein fogeftaf: 
teter Schatten muß auch immer mit feiner Spike aufhören. 
2. Daß die Schatten in der Entfernung aufhören, beweifen 
schon fehr hoch fliegende Vögel. Ihre Grenze ift alſo da, 
wo bie euft endet, und der Aether **) begiunt: Über dem 


.*) Durch das Dazwiſchentreten der Erde. 
9 Plinius macht einen Unterſchieb zwiſchen. Luft und Aether, 
da er oben (Kay. 4. 6. 3. und Kap. 6. 5.4. ) bie Planeten 
durch die Luft Iaufen läßt. Das übrigens der Erdfchatten 
mit der Luft aufhöre, ift eine nichtige Hypotheſe. Gewöhns 

lich nimmt man bie Höhe der Atmoſphäre zu 8 Meilen 


V. 








1: Zweites Buch. 115 


Monte ift Ulled rein und voll ewigen Lichtes. * Die Ges 
flirne ſind deßwegen in der Nacht fichtbar, weil fedes Licht 
nur im Dunkeln Tenchtet. Aus diefer Urfache wird auch ber 
Mond nur bei Nachtzeit, verfinftert. Wiber. weder Sonnen⸗ 
nody Mondfinjterniffe kehren regelmäßig ieden Monat wies 
der, weil der Lauf beider Geſtirne wegen ber Sciefe des 
Thierkreiſes und der vielfachen Abweichuugen des Moudes 
(wie (how oben bemerkt wurde) nicht immer bis auf bie 
Heinften Gradetheilchen übereinftimmt., 
VOII (zı,,. 4. Diefe Betrachtung erhebt ven Geiſt ber 
GSterblihen zum Himmel, und enthüllt ibm, als wenn er 
von dorther fchante, den Umfang der drei größten Theile *) 
der Natur. Das Sonnenlicht. könnte gewiß nicht durch das 
Dazwifchentreten des. Mondes der Erde gänzlich entzogen 
werden, wenn die Erde größer wäre, als der Mont. +** 


- oo 
an; bie Länge des Erbfchattend reicht aber Bid zum Mond, 
der 51,300 Meilen von der Erbe entfernt iſt. 

*) Nach) den neueren aſtronomiſchen Beobachtungen fönnen 
auch andere Planeten verdunkelt werben, 3. B. Jupiter 
und Saturn durch den Durchgang ihrer Satelliten zwifchen 
ihnen und der Sonne. 

+, Der Sonne, des Mondes und der Erde Nur bie fchein: 
.bare Größe biefer Weltrorver kann hier gemeint ſeyn, nicht 

die wirkliche, 
oeey Diefe irrige Behauptung, welche den Auslegern unſaͤgliche 
Mühe gemacht hat, folgt natürlich aus ber ungegründeten 
- Meinung bed Prinius, daß durch eine Gonnenfinfternig 
die ganze Halbeugel der Erde verfinftert werde, da doch 
eine ſolche, wie manche alte Aftronomen ſchon gut einfahen, 
nur an einem verhaͤltnißmaͤßig kleinen Punkte ber” Erbe 


ſichtbar iſt. g® 


. 
— — — — — 


46 C. Plinius Naturgefchichte, 


3. Durch beite [den Mond und die Erde] aber wird ber 
ungeheure Umfang der Sonne. fo völlig außer Zweifel ges 
ſetzt, daß es nicht nöthig ift, bei der Erforfchung ihrer Größe 
zu Beweifen des Augenfcheins oder .zu Vermuthungen des 
Berftandes feine Zuflucht zu nehmen, und fie deßhalb fhr 
unermeßlich zu halten, weil fie die Schatten ber fich viele. 
tauſend Schritte weit längs den Wegen hin erſtreckenden 





Baumreihen gleidy weit von einander-werfe, als ffünde fie - 


in dem ganzen Raumg überall in der Mitte; 3. oder weil 
fie während der Tags und Nachtgleihe allen Bewohnern 
der heißen Bone zugleich *) gerade über dem Scheitel ſtehe; 
ober weil die Schatten der-um den Wendekreis Wohnenden 
des Mittags gegen Norden, des Morgens aber gegen Wer 
-ften fielen, Was nicht möglich ſeyn würse, wenn fle nicht 
größer wäre, als die Erde; oder endlich, weil fle bei ihrem. 
Anfgange den Berg Ida an Breite überträfe, den fie, obs 
glei) durch einen fo großen Zwiſchenraum von ihm gefrennt, 
auf der rechten und linken Seite weit und breit befcheine. °*) 


2) D. h. an einem und demſelben Tage, nicht aber in einem 
und demſelben Augenblick, welche Verkehrtheit man dem 
Plinius mob! nicht aufpürden barf. 

=’) Mag bier der Ida in Troas oder auf Kreta gemeint ſeyn, 
die Behauptung laäßt fih in keinem Falle rechtfertigen. 
Denn ein Stanbpunft auf der Erbe, von welbem man 
den Ida ganz und von beiten-Eeiten von der Sonne bes 
fhienen fehen Könnte, ift nicht denkbar. Uebrigens bes 
weifen bie meiften angeführten Gründe, die Piinius ſelbſt 
nicht für ſchlagend hält, wohl bie ungeheure Entfernung, 
keineswegs aber bie Groͤße der ‚Sonne, - . 








Zweites Bud. 447 


a. Die Verfinfterung bes Mondes zeigt ihre Größe auf 
eine unzweifelhafte Weiſe, fo wie fie felbft durch ihre Wer: 
finfterung den geringen Umfang ber Erde darthut. Der, 
Schatten geſtaltet ſich nämlich auf dreierlei Art, und zwar 
wird er nad der allgemeinen Annahme in Form einer 
Säule geworfen, und hat Fein Eude, wenn der Körper, wel 
cher den Schatten wirft, dem Lichte an Umfang gleidy iſt; 
ift aber der Körper größer als das Licht, fo gleicht der 
Schatten einem aufrecht flehenden Kreifel, fo daß er unten 
am fhmalften und feine Länge ebenfalld unendlich ift ; äft 
jedoch der Körper Meiner als das Licht, fo erhält -der 
Schatten eine oben fpis zulaufende Kegelgeftalt, uud einen - 
foichen fehen wir bei der Verfinfterung des Mondes. 6 
- tiegt 'alfo am Tage, daß wir ferner durchaus nicht mehr 
bezweifeln bürfen,, daß die Erde von der Sonne an Größe 
übertroffen werde, Was auch die Natur durch ſtillſchweigende 
Winke andentet. 5. Denn warum entfernt fidh die Sonne 
im Winter für die eine Hälfte des Jahres? Damit ſich bie 
Erde durdy den Schatten der Nächte erhofe, welche fle ohne 
Zweifel .ausbrennen würde, und welche ſie aud ohnehin an 
einem Theile *) ausbrennt. Go ungeheuer ift ihre Größe! 

IX am. 4. Der Erfte unter den Römern, welder 
das Volk mit den Urſachen der Sonnen s und Mondfinfters 
niffe befannt machte, vor Sulpicins Gallus, der zugleich 
mit Marcellus das Conſulat bekteidete [166 vor Ehr.]; das 
mals jedoch war er erft Kriegstribun, als er, am Tage vor 
der Niederlage des Königs Perfens durch (Aemilius] Paulus, 


— 





°) In ber heißen Zone, 


% 


48. Plinius Naturgeſchichte. 


von dem Feldherrn dem verſammelten Heere vorgeführt 
wurde, um bie Finſterniß vorauszuſagen, wodurch er es 
‚von der Furcht befreite.) Bald nachher ſchrieb er auch 
ein: Buch darüber. Bei den Griechen ſtellte zuerſt vor 
‚Allen Thales von Milet im vierten Jahre der Asften Oium- 
piade [583 vor Chr.) folhe Forſchungen an, und fagte Die 
-Sounenfinfterniß , welche ih unter dem König Alyaktes, *”) 
im Jahre der Stadt 170 ereignete, vorher. 2. Nach ihnen 
ſtellte Hipparchus eine Beredinung des Laufes beider Geſtirne 
für einen Seitraum son 600 Jahren auf, und verzeichnete 
‚darin die Zeitrechnung der Völler nach Monaten, Tagen 
uud Stunden, fo wie die. verfchiedeien Lagen der Dexter 
und die Getalt des Himmels. in den einzelnen Ländern. 
‚Altes hat fidy durch die Seit bewährt, und man ſollte faſt 
-alauden, er habe au den Rathiclägen der Natur Theil ges 
-nammen. Ga groß und über die Natur der Gferblichen 
exrhaben nd diefe Männer, welche die Gefebe fo gewaltiger 
Gottheiten *7*) .erfaßten, und die jammervolle Geele der 





*%, Mor, Livius XLIV, 37. mit Bat, Marimus VII, 11. und 
‘  Eicero de,repabl, 1, 15. Nach Ideler (Handbuch her 
mathematifhen Chronologie, Berl. 1826. 8. Bd. II. 
S. 194) fand dieſe Mondfinſterniß im J. 168 vor Ehr, in 
Ä der Nacht vom 21. auf den 22. Juni ftatt, 

00) Mor, Herodot I, 74. Die angeführte Sonnenfinfterniß 
wird von den meiften Chronologen in Uebereinſtimmung 
mit Plinins auf den 28 Mai 583 vor Chr. angefeht. Gie 
kann aber nach den neuefien Forfchungen nur am 30 Sep⸗ 
tember 610 vor Chr, fiattgefunben haben, S. Ideler a. 
a. O. Bd. J. ©. 209. - 

©, Der Sonne und bed Mondes. 


r 








- | Zweites Bh. 449 


Menfchen- beruhigten, welde bei den Finſterniſſen abſcheu⸗ 
liche Vorbedeutungen oder irgend eine Zerſtörnng der Bes 
flirne befürchteten (welche. Beforgniß fogar die Hochherrliches 
fingenden Diditer Stefihorus und Pindar bei einer Sonnen⸗ 
finfterniß verrathen), und die in ihrer Befchränktheit an 
Bersauberung des Mondes glauben, und ihm deshalb durch 
ein mißtönendes Gelärm zu Hülfe zu kommen fuchen. *) 
5. Wegen folder Furcht ſcheute fih auch Nicias, der Feld⸗ 
herr der Athener, dem die Urfadye [der Finſterniß] unbe: 
Sanıt war, die Blotte aus. dem Hafen [von Gyratus] zn 
führen, und fügte ihnen dadurd einen bedeutenden Schaden 
zu. *) — Anerkennung alfo euerem Beifle, ihr &rklärer 
bed Himmels, die ihr die Natar ber Dinge zu erfaffen and 
Beweisgräude aufzubringen. verftandet, wodurch ihre Götter 
und: Menfhen beflegt habt! Welcher Gterblichgebarene 
weilte noch, wenn er alles Dieß und die vegelmäßig wiebers 
Behrenden Wehen der Geflirne (wie man ſich anszudrücken 
beliebt Hat) bedenkt, gegen ſein Schickfal murren ? — Ich 
will nun, Was man mit Bewißheit von Dielen Dingen 
weiß, kurz und fummarifcy berüßren, und die Beweisgrände 
ur, wo »es durchaus mötbig ift, bündig anführen: denn 


9, Man glaubte, Zauberinnen' wollten durch allerlei Formeln 


und Gebete ben Mond vom Himmel herabziehen, und 
maſhte deßhalb (wie es jeut noch bei manchen wilden 
Völkern Sitte ift) ein furchtbares Gelaͤrm mit Elingenden 
Inſtrumenten, damit der Mond bie Zauberfprüche nicht 
höre, und ihnen alſo auch nicht zu folgen brauche. 
*) Bol, Plutarch im Leben des Nicias 33. 34. Thucydides 


+ 


€ 
4 


410 C. Pinius Naturgefhichte. 


einmal liegt eine vollftändige Beweisſührung nicht in dem 
Diane des Werkes; zum Andern follte man fi wmeniger 
vermindern, daß ich nicht die Urfachen aller Erfcheinungen 
anzuführen vermag , als daß idy anch nur bei einigen zu 
verweilen im Stande bin. 

X (x): 4. Es iſt eine ausgemachte Sache, daß die 
Finſterniſſe nach 223 Monaten. wieder in dieſelben Knoten 
fallen; daß eine Sonnenfinſterniß nur um die Zeit, wann 
der Mond ſeinen Lauf beendigt oder beginnt, Was man die 
Conjunction neunt, eine Mondfinſterniß aber nur bei dem 
Vollmonde, und zwar ſtets vor der Stelle, an welcher man 
die zuletzt vorhergegarigene Finfterniß bemerkte, *) ftattfindet; 
daß ferner in jedem Jahre Verfinfterungen beider Geſtirne 
an beftimmten Tagen und Stunden unfer ber Erde vorkom: 
men; daß man aber nicht einmat die Über der Erde ftatt- 


“ findenden allenthalben fehen kann, manchmal der Wolken 


wegen, häufiger jedoch, weil die Kugelgeflalt der Erde bie 
Betrachtung des gewölbten Himmeld hindert. 2. Durch 
bes Hipparchus fcharffinnige Berechnung , die ſich * eine 
zweihundertjährige Erfahrung. bewährt hat, weiß man auch, 
daß eine Moudfinfterniß zuweilen im fünften, eine Sonnen» 
finfterniß aber im fiebenten Monat ber zuletzt vorhergegan: 
genen folge, und daß die Gonne in dreißig Tagen zweimal 
über der Erde verbunkelt werde; daß man Dieß aber nur 
bald von dieſem, bald von jenem Orte aus wahrnehmen 
Tonne. Bei diefen wunderbaren Erfcheinungen iſt jedoch am 
wenigften zu begreifen, warum. Die VBerfinfterung des Mondes, 





*), D. h. nm 2 Grade des Thierkreifes weiter weſtlich. 





Zweites Buch. 42214 


P f 

die Doch durch den Erdfchatten bewirkt wird, bald von feiner 
weſtlichen und bald von feiner öſtlichen Seite beginne, *) 
und warum fogar ſchon einmal, während beide Geftirne 
noch über der Erde ftanden, der Mond beim Untergange 
verfinftert wurde, *°) da doc der verfinfternde Schatten 
bei tem QAufgange der Sonne hätte unter die Erde fallen 
follen. 3. Zu unferer Zeit, als nämlich der Imperator Veſpa⸗ 
lan, der Bater, zum viertenmal, und der Imperator Befpaflan, 
ber Sohn, zum zweitenmal das Eonfulat bekleideten, trug es 
fidy auch zu, daß man im Laufe von fünfzehn Tagen beide 
Geſtirne am Himmel vermißte. **% 

XI (iv). 4. Es unterliegt einem Zweifel, daß ber 
Mond feine Hörner ftetd von der Sonne abwende, und beit 
Baden nad Oſten, beim Abnehmen aber nach Welten hin 
ſchaue; H daß er vom zweiten Tag [nad der Eonjunction] 


*) Gewöhnlich beginnen die Werfinfterungen bed Mondes an 
der öflichen Seite feiner Scheibe, manchmal auch an ber 
°., Gine fogenannte ‚horizontale Finſterniß. Beide Geflirne 
befanden ſich jedoch nicht, wie. Plinius meint, fiber ber 
Erde; fondern bie Strahlen‘ ber noch 32 Minuten unter 
de Horizont befindblihen Sonne brachen fi in ber. 
Atmofphäre, fo baß man bie Sonne ſelbſt fchon zu fehen 
glaubte. Solcher Finfterniffe finden in einem Zeitraum von 
hundert Sahren fünf flatt: zur Zeit des Plinius hatte man 
wahrfcheintich erſt eine beobachtet. | 
e) D. 5 daß man in 15 Tagen eine Sonnen= und eine 
Mondfinfterniß bemerkte. Die Sonnenfinfterniß fand am 
8 Fehr. , die Mondfinfterniß am 22 Febr. 72 nad Ehr. 
ftatt, und 'beide waren zu Rom fichtbar. 
DD. 9 beim Wachfen befindet fih ber Mond oſtlich, beim 
Abnehmen weſtlich von der Sonne. 





422 C. Plinius Naturgefhichte: 


on, bis feine Scheibe ‚voll ift, jeden Tag drei Viertheile 
und den vierundzwanzigfien Theil einer Stunte länger 
feuchte, *) und daß er in demſelben Verhältniß wieder ab: 
"nehme, daß er aber nie ſichtbar fen, beror er vierzehn 
Grade don der Eonne abſteht. 2. Aus diefem Umftande 
laßt fid) folgern, DaB die Planeten größer feyn müſſen, ale 
der Mond, weil fie manchmal ſchon in einer Entfernung 
von ſieben Graden zum Vorſchein kommen. Degen ihrer 
Höhe, müſſen fie uns aber kleiner feheinen; wie wir denn 
auch die Fixſternre wegen des Gonnenglanzes bei Tag nicht 
fehen können, obfchon fie eben fo gut Teuchten, wie bei 
Nacht, Was man bei einer Sonnenfinfterniß oder in fehr 
tiefen Brunnen deutlich wahrnehmen kann. 

‚ Al Gav. 1. Bon den Planeten find jene drei, die, 
wie wir gejagt haben, **) ſich Über der Sonne befinden, 
fo lange unfihtbar, als fie mit der Sonne gehen. ***) Gie 
baben aber ihren Morgenaufgang , 1) wenn ihr Abfland 
noch nicht mehr als eilf Grade beträgt; +H darauf wird 


2) Alſo 47%. Minuten. Un einer andern Stelle (XVII, 765.), 
wo Plinius 51'/, annimmt ,. Fommt er ber Zeitbeſtim⸗ 
mung ber neueren Afronomen (48° 38°) nicht fo nahe. 
Seine abweichende Angabe mag daher kommen, baß er 
an der einen Gtelle von der Conjunction bis sum Boll: 
monde 15 Tage, an der andern aber 14 zählt. 

”*) Kap. VI S. 4. 5. Saturn, Mare; Jupiter. \ 

*) So lange fie en Sonfanction mit der Sonne find, 

T Sie werden kurz vor Sonnenaufgang fichtbar. 

Tr) Im vorhergehenden Kap. 5. 2. gibt Plinius dem Abſtand 
auf 7 Grabe an. Er variirt nach ber ‚verfchiedenen Lage 
des Horizonts durch die verfhiebene Wreite und bie uns 
gleiche Schnelligkeit der einzelnen Planeten, 


- 


Zweites. Buch. 135 


ihr Lauf durch die Berührung der Sonnenſtrahlen bedingt, 9 
und zwar haben ſie ihren Morgeuſtillſtand, *°) weichen man 
auch den erften nennt, im Gedrittfchein, in einem Abftand 
von hundertundäwanzig Graben, und bald darauf der Sonne 
gegenüber **°) in sinem Abftand von hundertundachtzig 
Graden ihren AÜbendaufgang. Haben fie ih von der andern. 
Seite der Sonne wieder bis auf hundertundzwanzig Grade 
genäpert, fo halten fie ihwen Abendſtillſtand, welchen man 
auch den zweiten neunt. Endtich kommen ſie wieder im 
zwölften Grade in den Bereich der. Sonne, und werden von 
ibe verdunkelt, Was der Abenduntergang 7) heift. 2. Der 
Manet Mars fühle, weil er der: Sonne näher ift, ihre 
Strahlen fon im Geviertfchein, in. einem Abſtand von 
neunzig Braden ; deßhalb wird auch fein auf von den beiden 
Aufgängen [bis zu den beiden“ Gtillftänden] der erfte und 
zweite Neunziger genannt. Auch verweilt er während feines 
Stiliftandes ſechs Monate in denfelben Zeichen, die er fonft 
in zwei Monaten durchläuft, während die übrigen Planeten 
zu ihren beiden Gtiliftänden nicht ganz vier Monate 
branden. 

3. Die beiden unteren Planeten ++) aber find bei 





.*) Je nachdem nämlih (nach der Meinung ber Alten) bie 
auf fie fallenden Sonnenſtrahlen fie anziehen oder abftogen. 
.,.Dap ſowohl diefer Morgenftilifiand, als auch ber. Abends 
Kiliftand der Planeken nur fheinbar fen, ift Iegt allgemein 
befannt, 
09), In der Oppoſition mit der Sonne. 
) Wenn fie aufhören, nach Sonnenuntergang fi ſichtbar zu feyn. 
tD Venus und Merkur. 


. 


12a C. Plinius Naturgeſchichte ic. 


ihrer Abendeonjunction auf gleiche Weile unfihtbar: ihr 
Morgenaufgang erfolgt, ſobald fie fich von der Sonne ents _ 
. fernt halten, in denfelben Graden. Haben fie den äußerften 
Punkt ihres Abſtaudes *) erreicht, fo laufen fle wieder zur 
Sonne, werden, wenn file in ihren Bereich kommen, bei 
dem Morgenuntergang verdunfelt, und gehen weiter. Bald 
daranf haben fle in demfelben Abſtande ihren Abendaufgang, 
und wandeln bis zu den befagten äußerſten Grenzpunkte; 
von diefem gehen fie zur Sonne zurüd, und verichhwinden bei 
dem Adenduntergang. ‚Auch die Benus hat nach ihren beiden 
Aufgängen an dem entfernteften Punkte ihres Abſtandes zwei 
Stillſtände, einen Morgens und einen Abendftillftand. Die 
Stillſtände des Merkur find von zu Burger: "Dauer, ats daß 
‚man fie bemerken könnte. 





* Bol. Kap, vi 6. 9. 10. 


(Schluß. folgt.) 








Jllırı Profaiter 


„in 


neuen Ueberfegungen J 


Herausgegeben 
yon? * 


G. L. F. Tafel, Profeſſor zu Tübingen ,. 
€ R. v. Oſiander, Profeffor zu Stutgart, 


m G. Schwab, Pfarrer zu Gomaringen 
bei Tühingen, 





” Hunbdertfegpsundfünfzigften Bändchen. 





Stuttgart, - 
Derlag ver J. B. Mesl er'ſchen Buchhandfung. 
41840. | 


€ oo. | u 
Cajus Plinfus Secundus. 


Naturgeſſch iſchte. 


Ueberſetzt und erlaͤutert 
von! 


DR Kalb, 


DR zu» Dein. 


Bmweites Bändden. th, 
y . . ©. 


Stuttgart, 
Berlag der 3. B. Melerſchen Buchhandacus. 
4. 8 4 0. 


t 





on 


si 





- 


C. Plinins Secundus Natyrgeſchichte. 


Zweites Bud. 
(Schluß.) 





XIII. 4. Dieß iſt die Lehre von dem Leuchten und 
von dem Verſchwinden der Planeten. Sie wird aber, wenn 
man die [unbefländige) Bewegurg derſelben und vielerlei 
wunderbere Erſcheinungen berüdfichfigt ; ſtets verwickelter. 
Denn ſie wechſeln ihre Größe und ihre Farbe: einmal eilen 
ſie nach Norden, dann weicken ſie wieder nach Süden ab; 
einmal fcheinen fie der Erde, dann plöglid) wieder dem 
Himmel ganz nabe zu feygn. Wenn wit bei der Behandlung 
dDiefer Dinge auch Vieles anters erklären, als unfere Vor— 
gänger, fo geftehen wir doch gern ein, daß wir audı Diefes 
ihnen verdanken, da fle und den Weg zur weiteren Forſchung 
gezeigt haben; man bezweifle aber deßhalo nicht, daß in jes 
dem Jahrhundert Fortſchritte gemacht werden. 

€. Plinius Naturgeſch. 26 vechn. 2 


* 


4150 E. Plinius Natnrgefchichte. — ’ 


9. Alle diefe erwähnten Erfdieinungen haben mancher⸗ 
lei Urfachen, Die erfte Urfache find die Kreife, %) welche 
die Griechen (denn wir werden uns hier Griechiſcher Wörter 
berienen müffen) in ten Planetendahnen bie Apiten 
(iyidas) nennen. Jeder Planet hat Aber feine eigenen Ap⸗ 
fiden, die ebenfalls von denen! des Himmels verſchieden find : 
denn. die Erde bildet zwiſchen den beiden Echeitelpunkten, 
- welche man Pole nennt, den Mittelpunkt der Welt *) and 
auch des Thierkreiſes, welcher ſich ſchief zwiſchen ihnen hin⸗ 





zieht- 3. Alles Dieß ſteht durch die Meſſungen des Zirkels 


unbezweifelbar feſt. Die Apſiden eines jeden Planeten wer⸗ 
den alſo durch einen anderen Mittelpunkt bedingt: deßhalb 
haben fie [die Planeten] verſchiedene Kreife und ungleiche 
Bewegung, weil die inneren [dem Mittelpunkt näßeren]} 
"Upfiden nothwendig Fürzer feyn müſſen. 

(vi). Die,von dem Erdmittelpunkt entfernteften Ap⸗ 
ſiden find alſo für den Saturn im Scorpion, für den Ju⸗ 
piter in der Jungfrau, für den Mars im Löwen, für die 
Sonne in den Zwillingen, für die Venus im Schützen, ſür 


P Plinius aberſetzt aus Mangel eines lateiniſchen Ausdrucks 
das Griechiſche Wort durch Kreis (circulus). Die Alten 
nannten aber nicht bie ganzen Kreife der Planetenbahnen 
Apfiden, fondern nur die beiden Punfte berfelben, von de⸗ 
nen der eine ber Erbe am nächlten (Perigkum, Erdnähe), 
ber andere am weiteflen von deufelben entfernt ist (Ayo: 

gäum, Eedferde).' ’ 

#0) Hlile Erklaͤrungen ber altem Aftronomen gehen von diefer 
falſchen Vorandfegung and, und deßhalb blieb ihnen 
Vieles unerklaͤrbar. 


us 





‚Zweites Bud. | ET 


den Merkur im Gteinbod, und zwar ſtets in dem mittelften 
ifünfzehnten] Grade Liedes Zeichens): die niedrigften und 
dem Erdmittelpundt nächſten Apfiden fallen gerade in die 
entgegengefenten Zeichen. D 4. So gefchieht es, daß fi) 
die Planeten langſamer zu bewegen ſcheinen, wenn fie die 
entfernteften Punkte ihrer Bahn durdylaufen. Sie, befcdhleu: 
nigen oder verzögern alſo Feineswegs ihre natürliche Bewe⸗ 
gung (denn jedem von ihnen iſt eine eigene und unabänder: 
fie angewiefen) ; fondern die Linien, weldye man von ber 
pöchften Apfide nach dem Mittelpunkte zieht, müſſen fi 
nothwendig nach diefem bin immer mehr zufammendrängen, 
wie in einem Rade die Speichen. und auf dieſe Weife kommt 
uns diefelbe Schnelligkeit je nach der Nähe des Mittelpunktes 
bald größer und bald geringer vor. 

5. Eine andere Urſache der Höhen der Planeten liegt 
darin, daß dieſe, von ihrem eigenen Mittelpunkt an ge⸗ 
rechnet, ihre höchſten Apſiden in andern Zeichen haben: Sa⸗ 
turn nämlich im zwanzigſten Grade der Waage, Jupiter im 
fünfsehnten des Krebſes, Mars im achtundzwanzigſten des 
Steinbocks, die Sonne im neunundswanzigften des W:dbers, 
- Benus im fechhzehnten. der Fiſche, Merkur im fünfzehnten 
der. Jungfrau, der Mond im vierten des Stieres. *%) 





m) Alſo für Satury in den Stier, für Jupiter in die Fifche, 
für Mars in den Waſſermann, für die Sonne in den 
Schligen,, für Venus in bie Zwillinge und für Merkur im 

- ben Krebe. 

**) Die Ueberſetzung folgt, ber gewähnlichen Lesart der. Hand⸗ 
ſchrifien. Hardonin hat die Zahlen ohne Noth geändert; 
benn die Stelle wird dadurch um nichts klarer. Einige 

2 * 

4 


\ 


1353 E. Plinius Naturgeſchichte. 


6. Der dritte Grund der Höhen der Planeten iſt der 
ungeheure] Umfang .des Himmels, nicht der ihrer Kreiſe; 
und oft ift es nur Täuſchung der Augen, wenn fie ſich in 
dem Luftmeere zu nähern oder zu entfernen fcheinen. 

7. Mit dem Gefagten verbinde man noch die Breiten 
und die Gchiefe ded Ihierkreifes. Durch diefen bewegen ſich 
die genannten Planeten, und nur derjenige Theil der Erde, 
weicher inter ihm liegt, ift bewohnt; alles Uebrige nad) 
den Polen bin ift öde ») Nur Venus überfchreitet dem 
Thierkreis um zwei Grade, worin auch die Urfache liegen 
mag, daß in den wüſten Weltgegenden nody einige Thier— 
arten entftchen können. Der Mond durchfchweift feine ganze 
Breite, -überfchreifet ihn aber niemals. Nach diefen geht 
Merkur am weiteften, fo jedoch, daß er von den zwölf 


Graden (fo viele beträgt nämlich Die Breite des Thierkreifes)- 


nicht mehr als acht durchläuft, und dieſe nicht einmal gleiche 
mäßig, fondern zwei in der Mitte, vier oberhalb und “zwei 
unterhalb **) [der Mittelliniel. 8. Die Sonne bewegt ſich 
in der Mitte zwifchen ben beiden Lexrften) Braden ***) in 

beziehen die von Plinius angegebene zweite Urſache ber 


Planetenhöhen auf die Epicykeln, Andere auf bie aftrolo- 
giſche Höhe, 


*) Die neuen Entdeckungen haben dieſe Anfiht der alten 


Welt widerlegt.. 
**) Die Erklärung biefer Stelle unterliegt mancherlei Schwie⸗ 
rigkeiten. Gewoͤhnlich verſteht man unter „oberhalu“ feine 
nörbliche, und unter „unterhatb“ feine fübn 
von der Ekliptik. Jedenfalls beträgt nad, ben Sinne de 
Plinius bie größte Breite des Merkur fünf Grabe, 
”*) D, h. zwiſchen ben beiden ber Ekliptik naͤchſten Graben, 
alſo in ber Erliptik ſelbſt. 


⁊ 


he Entfernung 


Zweites Bud. 133 


ungleicher, dem Gange eines Dracheun ähnlicher Windung; 
Mars durchläuft die vier mittelſten Grade, Jupiter den 
mittelſten und zwei darüber, Saturn zwei [wie die Sonne]. *) 
So verhält es fid) mit den Breiten der Planeten, fie mögen 
nach Güden hin herablaufen, oder nad) "Norden aufs 
fleigen: Sehxr Viele haben fälſchlich geglaubt, daß hier- 
auf auch die dritte Urfache dev Höhen der Planeten, **) 
wenn fie nämlich von der Erde zum Himmel auffteigen, 
beruhe, und daß diefer Höhe dann immer aud die Breite 
entfpreche : um diefe zu widerlegen, müſſen wir uns auf 
eine unendlich fpisfindige, die Urfachen aller diefer Erſchei· 
nungen enthüllende Entwidelung einlaffen. 

-9. Man ift darüber einig, daß die Planeten Bei ihrem 
Abenduntergang der Erde ſowohl der Breite, ald der Höhe 





— 


2) Der Text iſt verdorben. Die Worte „wie die Sonne“ find 
ı Offenbar fpäterer Zuſatz eines unfundigen Abſchreibers. 

R Denn Plinind fagt nicht nur einige Zeilem vorher, fondern 
aut) weiter oben (Kay. 4.), daß fid, die Sonne in ber 
Mitte des Thierkreiſes bewege. Vergleicht man die Theorie 

des Plinius von ben fcheinbaren Breiten der Planeten mit 

ber neueren Aftronomen, fo ergibt ſich folgendes 


Reſultat: 

Venus, mach Plinius 8°, nach des Neueren 9° 22° 
Der Mond, ⸗ 60, ,. 5 2 6° 
Merkur, ⸗ zo0, ⸗ ⸗ 60 54° 
Die Sonne, ⸗ 0, - 3 2 0 
Mars, - ⸗ 20, ⸗ ⸗ 10 51° 
Jupiter, ⸗ 10 30, ⸗ ⸗ 10 30° 
Saturn, ⸗ 19, =: 220 30 


-#) ©, oben $. 6, 


» 


. 
— —— 





136 C. Plinius Naturgefchichte. 


nach am nächſten ſind, und daß ihr Morgenaufgang in dem 
Anfange beider, *) ihre Stillſtände aber in den mittelſten 
Punkten der Breiten, weldhe man die Ekliptik nennt, ftatte 
finden. Berner gibt man zu, daß ihre Bewegung ſchneller 
fey , ſo lange fie fih in der Nähe der Erde befinden, daf- 
fie aber wieder langfamer werde, wenn fle fidh in die Höhe 
entfernen, welche Anſicht fi hauptſaäͤchlich durch die Höhen 
des Mondes **) bewährt. Eben fo wenig läßt es fich bee 
zweifeln, daß die Schnelligkeit der Planeten fich bei ihrem 
Morgenaufgange fleigere, und daß fle bei den oberen ***) 
fih von dem erſten Stillſtande an bis zum zweiten veringere. 
10. Wenn nun alled Das. fich fo verhätt, fo wird man es. 
eben fo Elar finden, daß von dem Morgenaüufgange an die 
Breite fleigt,. weil in. dieſer Lage die Schnelligkeit der 
Bewegung allmälig langfam zuzunehmen beginnt ; daß aber 
bei dem erſten GStillftande die Höhe wächst, weil die Zahl 
[der Grade ihres Woranfchreitene] fid) zu vermindern und 
die Planeten zurüdtzugehen anfangen. Nach meiner Mei’ 
nung läßt ſich Die Urſache diefer Erfheinung anf folgende 
Meife erklären. Wenn die Gonnenfrahlen die Planeten 
iu dem ſchon oben angegebenen Grade .+) treffen, fo were 
den fie durch den Gedrittfchein gehindert, ‚Ihren geraden 
Lauf zu verfolgen, und durch die ſeuerkraft in die Hoͤhe 


\ 





* Der Breite und ber Hobe. 
+, Der Mond ſcheint ſich in ver Erdferne lanolomer zu be⸗ 
"wegen, als in ber Erdnaͤhe. 
u.) Saturn, Jupiter, Mare, °- 
7) Im 120%, ©, Kap. AL 6. 1. 





Zweites Bud. . 135 


gehoben. Da wir Diefes mit unferen Augen nicht fogleich 
wahrnehnten können, fo glauben wir, fie fleben flill, wos 
durch aucd der Name „Stillftand“ auffam. 41. Sodann 
fteigert fih die Gewalt diefer Strahlen immer mehr, und 
die äurücprallende Hitze zwingt die Planeten zurückzugehen. 
Gewöhnlich geſchieht Diefes bei ihrem Abendaufgange, wenn 
fie durch die gerade gegenüber flehende ganze Sonne in die 
höchſten Anſiden getrieben werden, und am wenigften ſichtbar 
find, weit fie dann am höchften flehen, und die Schnelligkeit 
ihrer Bewegung am geringften ift; und zwar muß diefe am 
geringften feyn, wenn fle in den hödrften Zeichen. der Ap⸗ 
fiten fattfindet. Bon dem Wbendaufgang an nimmt die 
Breite ab, weil ih dann ſchon allmälig die Schnelligkeit 
der Bewegung vermindert ;-dod) fleigert ſich diefe nicht eher 
wieder, als nah dem zweiten Etillftande, wenn bie 
Höhe daburd abnimmt, daß tie Eonnenftrahlen von der 
andern Seite fommen, nnd die Planeten mit derfeiben Kraft - 
wieder zur Erde herabdrücken, mit der fie diefelben bei dem 
‚früheren Gedrittfchein zum Himmel hinauf getrieben haben, 
13. So groß ift der Unterfchied, wenn die Strahlen von 
unten kommen, und wenn fie von oben herabfallen., Die 
angeführte Erfcheinung findet meift bei dem Abendnnters 
gange flatt. — Dieß ift Die. Lehre von den oberen Planeten. 
Die von den äbrigen *) iſt fehwieriger, und noch von Nie⸗ 
mand vor und dargelegt. 

XIV (avi). 41. Da ſich dieſe Abrigen Planeten [in 
ihrem Laufe von den oberen] unterfcheiden, fo wollen wie 





©) Benus und Mer. a 


156 C. Plinins Naturgeſchichte. 
zuerſt erklaͤren, warum die Venus nie mehr als 46 und 
Merkur nie mehr als 23 Grade von der Sonne abweichen, *) 
und warum fie oft, .ehe fie dieſe Gradezahl erreicht haben, 
zu ter Sonne zurüdtehren. Beide haben, da fie unterhalb 
der Gonne liegen, umgekehrte [in der Lage verfchiedene con: 
vere) Upfiden. Diele befchreiben unter der Sonne **) einen 
ebenfo großen Bogen, als die Apfidef der obengenanngen 
[pberen) Planeten.über derſelben; fie können alfo nicht weiter 
abſtehen, weil die Krümmung der Apfiden daſelbſt ***) Leine 
größere Länge [Ausdehnung] hat. Beiden Plaueten ift alfo 
auf gleiche Weile durch Die Peripherie ihrer WUpfiden Die 
. Weite ihres Abſtandes vorgeichrieben, und Was ihuen au 

der Länge der Bahın abgeht, erſetzen fie durch ihre [größere} 
Apweichung in die Breite. 7) 2. Aber warum erreichen 
fie nicht. immer einen Abſtand von ſechsundvierzig und 
son dreiundzwanzig Graden? Gie erreigen biefen wohl. 
Unfere Theorie täufht uns nur. Es iſt nämlich offenbar, 


daß ſich aud) ihre Apſiden bewegen , 17) weil fie nie durch 


9 Mac den neueren Affroncmen betrifgt der größte Aoſtand 
‚ber Venus 472/,0, der des Merkur 80°, 
©) Nach der alten Brsart „sübter est,“ da ber Berbeiferung 
Ä Karbouin’s „sub terra“ fein guter Sinn zu entlocken iſt. 
”), In der beftimmten „Entfernung von ber Sonne. 
+ Bol. 8. XU. s 
+4) Die bier hunter us mitgetheilte Theorie bed Plinkus 
von dem größeren ober geringeren Abſtand ber untern 
Planeten, welche .fih auf die Sugereränderung bes Apſiden 
ſfuͤtzt, if fo unſicher, daß fie Bein Aftronom nach ihm ans 
nahm. Man vgl. Über dieſe höchſt fchwierige Stelle: J. 
Ziegleri coumentar. ia lib. u. Plinii, Buil. 1531. Fol. 
p- 195—196. 








Zweites Bud. 437 


die Sonne gehen. Wenn atfo die Endpunkte ihrer Bahnen 
non der einen oder der andern Seite in den Brad, mworin 
ſi h die Sonne befindet, fallen, fo haben, wie man annimmt, 
auch die Planeten ihren weiteſten Abfland erreicht; wenn 
aber die Endpunkte der Bahnen um eben fo viele [a6 und 
233] Grade Ddieffeits kder Gonne) liegen, fo fcheinen die 
BHiaueten felbft ſchneller zurückzukehren, da fie doch in bei- 
den Fällen den entfernteften Punkt ihres Abftandes erreicht 
haben. 5. Daraus it auch die völlig entgegengefehte Art 
ihrer Bewegung erklärbar. Denn die obern Planeten laufen 
- am fehnellften bei dem Übenduntergange; diefe am langſam⸗ 
ſten. Jene ſind am weiteften von der Erde entfernt, wenn 
fie ih am langſamſten, dieſe, wenn fie. ſich am ſchnellſten 
dewegen; denn wie bei jenen die Nähe des Mittelpunktes, 
fo beſchleunigt bei dieſen die äußerſte Entfernung der Pe⸗ 
tipherie den Lzuf. Jene begimmen von dem Morgenaufgang 
an ihre Schnelligkeit zu vermindern, dieſe aber zu vermeh⸗ 
ven 3 jene machen ihre rifgängige: Beweguug vom Morgens 
ſtillſtand zum Abendſtillſtand, die Venus aber von dem 
Mbdendflillftand zum Morgenſtillſtand. A. In die Breite 
zu fleigen beginnt file vom. Morgenaufgang an; m die Höhe 
aber, und der Sonne zu folgen, von denn Morgenftilldand 
an. Um ſchnellſten und höchſten ift ihr Lauf beim Morgen: 
untergang. : Bon dem WAbeutaufgang an aber: nimmt ihre 
Berite ab, und ihre Schuelligkeit vermindert fih. Endlich 
Faufı fie zuruck, und fleigt zugleich vom ihrer Söhe herab von 
dem Abendſtillſtand an. Der Planet Merkur fleigt auf 
deidertei Weiſe ) von dem Morgenaufgang an; feine Breite 
”, In bie Breite und in bie Höhe, . 


138 C. Plinius Naturgeſchichte. 


nimmt aber ab von dem Abendaufgang an, nnd wenn er 
ſich der Gonne big zu einer- Entiernu: g von fünfjehn Gra« 
den genäherr hat, ſteht er vier Tage”) fat unbeweglich ftill, 
5. Darauf fteigt ervon feiner Höhe herab, und gebt zurück 
vom -Abentunteraang bis zum Morgenaufgang. Nur er und 
der Mind fteigen in.eten fo viel Tagen herab, als fie aufs 
fle gen. Benus braucht fünfzehnmal mehr zum Aufiteigenz 
Eaturn und Jupiter dagegen haben toppelt fo viel, und 
Mars gar viermal fo viel Zeit zum Herabſteigen nöthig 
ſals fie zum Auſſteigen braudın]. *) So viel Mannigs 
faltigkeit siegt in der Natur! Die Urfache ift jedoch Far. 
Dean Ras zur Sonnengluth hinftrebt, entfernt fi u) auch 
von ihr nur ungern. »») 

XV. 41. Es lußen fih in dieſer Beziehung noch viele 
andere Geheimniſſe der Natur und Geſetze, denen fie ſelbſt 





*, Nah. ben neuern Aftronomen währt biefer fcheinbare 

Stillſtand zwei Tage; die Entfernung von der Sonne bes 

träge 18°, 127°. 

Nach) den neueren Aftronomen braucht Mars bis zur 

Dpprfition 390, Venus 130, Saturn 186 und Jupiten 

200 Tage. 

++) Um bie Rapitel im, XIII, xiv. auch nur einigermaßen 

—zu erläutern, bedürfte es eines größeren Commentars, als 
der ben Anmerkungen zu dieſer Ueberſetzung gewährte 
Raum zuläßt. ine weitlävfige Erklärung if in der franz 
zbſiſchen Ueberſetzung von Ajaſſon be Grandſagne (Par. 
1829. Tom.‘ 11,.p. 3152 367) verſucht. ‚Die Theorie 
bes Plinius iſt jedoch dadurch um Nichts Elarer geworben, 
und. wird ed auch wohl nie werden, da Plinius wahrfcheins 
lich ſelbſt das bei den Srieqi cen Aſronamen Geleſene 
nicht klar auffaßte. . 


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“uw. - x x 








> Zmeiled Buch. 139 


unterihan ift, befpredhen. So Hält zum Beifpiel der Planet 
Mars, deffen Lauf fi am meiften den Beobadtungen enfs 
zieht, nie feinen Gerfifland, wenn Jupiter im Gedrittichein, 
und nur felten, wenn diefer ſechzig Grade, weilte Zahl die 
Melt in ſechs gleihe Winkel theilt, ſvon der Sonne] ents 
fernt ift; andy gehen beide Planeten nur in zwei Zeichen 
zugleich auf, nämlich in Denen des Krebſes und des Löwen. 
2. Der Planck Merkur aber hat felten feinen Abendaufgang 
in den Bifhen, am hänfigften in der Junafrau; feinen 
Morgenanfgang hat er in- der Wange, ebenfo in tem Waſ⸗ 
fermann , fehr felten in dem Löwen. Rüdgängig wird er 
in dem Gtier und in den Zwillingen nie, im Krebfe aber 
nicht dor dem vierundzmwanzigften Brude *) Der Mond 
kommt in feinem andern Zeichen, als in den Smillingen 
mit der Sonne zweimal in Conjunction; nur in dem Sctügen . 
findet diefe manchmal gar nicht flatt. An dem Tage, oder in 
der Nacht, wann fein leptes Viertel aufhört nnd fein erſtes 
beginnt, ift er in keinem andern Zeichen ſichtbar, als in 
dem Widder, und ſeibſt diefer Anblick war nur wenigen 
Sterblichen vergöunt ; daher aud) der Ruf von der Gehtraft 
des Lynceus. ») 5. Gaturn und Mars find hödftens 





*) Diefe Behauptung Ifk unrichtig. Merkur wird fogar in 
deu Zeichen des Stieres und ber Zwillinge häufiger rilck⸗ 
gängig , als in dem Krebſe. Das ganze Kapitel enthält 
Giberbaupt viel Falſches, welches ſich aber leicht durch jedes 
autführtihere Handbuch der Aftronomie berichtigen läßt. 

"w) Gin Selb der alten Fabel, welher an dem Argonautenzug 
Theil nahm , and deffen Blick Himmel ‚ Erde und Unters 
welt durchdrang. 


n 


gg 14 u a 7 


10 €. Plinins Naturgeſchichte. 


hundertundflebenzig Tage am Himmel unfidtbar, Jupiter 
fehsunddreißig oder mindeſtens zehn Tage weniger, Venus 
nennundſechzig oder mindeftens zweiuodfunfzig ‚ Merkur 
dreizehn oder höchftens achtzehn. ' GE 

XVI (vum), 4. Die Planeten ändern ihre Farbe nady 
ihrer Höhe; ») denn fie werben denjenigen Geftirnen ähnlich, 
in deren Luftkreis fie bei ihrem Wuffleigen kommen, unb ber 
Kreis der fremden Bahn, welchem fie fi von der einen 
oder von der endern Geite nähern, färbt fie [nach feiner Be⸗ 
fihaffenheit] ein’ Falter bleich, ein heißer roch und ein win⸗ 
diger fhanerlih: die Sonne, fo wie die Durchſchnittpunkte 
[Knoten] der Upfiden und die entfernteften Endpunkte ihrer 
Bahnen verhäflen fie in dichtes Dunkel. Jeder Planet 
hat übrigens feine eigenthümliche Farbe. Saturn ift weiß, 
Jupiter heil, Mars feurig, der Morgenftern glänzend , der 
Abendſtern fhimmernd, Merkur firabfend, der Mond fanft, 


. die Sonne, wenn fie aufgeht, atühend, nachher firablend. 


2. Mit diefen Urfachen ift noch der Schein. der Äbrigen am 
Himmel befindiihen Sterne **) zu verbinden. Denn bald 
draͤugt ſich eine dichte Menge um. die Scheibe des Mondes, 
wenn‘ biefe in einer ruhigen Nacht fie erleuchtet; bald find 
ihrer fo wenige, daB man verwunbernd glaubt, fie ſeyen 
entfloben, wenn nämlich der Bolmond fie verbirgt, oder 
wenn bie Strahlen der Sonne odes ber oben genannten 


2) Nach der richtigeren Bemerkung der neueren Aſtronomen 
wird die Farbe der Planeten durch den unſere Erde umge⸗ 
benden Dunſtkreis Hebingt. 

Bu Der Firfterne, - 








® ;" 

‚Zweites Bus, | | 148 
Pioneten unfere Augen bienden. Der Mond ſelbit verfpürt 
ohne Zweifel den Einfluß der Gonnenflrahlen je nach der 
Weiſe, wie fie auf ihn fallen; denn durch ihre von der Com 
verität des Himmeld bedingte Beugung wird ihre Kraft, 
gehemmt, in dem Falle ausgenommen, wenn fie unter einem 
rechten "Winkel auf ihn ‚fallen. 3. Im Geviertfcheine mit 
der Sonne ift er alfo halb, rundet fih im Gedrittfchein B 
zum halbgefüllten Kreis, und wird. vol im Gegenfchein ; 
beim Abnehmen zeigt er in gieichen Swifchenräymen bie 
ſelben Geſtaltungen, und ift darin den byei über der Sonne 
befindlichen Planeten ähnlich. 

XVII (zıx) 1. Bei der Sonne ſelbſt beobachtet mar 
Fiährlih] vier Veränderungen. Sweimat, im Frühling und 
im Herbfte, wenn fie auf den Mittelpunkt der Erde ſſenk⸗ 
recht] fällt, und im achten Grabe des Widders und der 
Wange: fteht, macht fie Tag und Nacht gleih; ”) zweimal 
verändert fie die Zeitdauer derfelben, indem fle im Winter, 
im achten Grade des Steinbodd, den Tag verlängert, bie 
Nacht aber bei der Sommerfonnenwende, in bemfelben 
Grade des Krebſes. 2. Die Urfache diefer Ungleichheit ift 
die Sciefe des Thierkreifes. Es befindet ſich freilich zu 
jeder Zeit von der Welt gerade fo viel über der Erde ‚ als 


*) Sur Zeit des Plinins fand bie Tag? und Rachtgleiche im 
Frühjahr und im Herbſte nicht im 8° des Widders und ber 
Waage, ſondern im 28° der Fifche und ber Jungfrau; bie 
Winter s und Sommerfonnenwende nicht im 89 bed Stein- 
bocks und des Krebſes, fondern im 28° des Schügen und 
der Zwillinge fiatt, Die Angabe ded Plinius if nur für 
das ſechste Jahrhundert vor Chr." richtig. - 


[4 


2. €. Plinius Naturgeſchichte. 


fi unter derfeiben befindet. Aber die Zeichen, welche bei 
ihrem Aufgange fentredt anffleigen, ) behalten. durdy ihren 
langſameren Bang länger das Licht; jene hingegen, welche 
ſchief auffteigen, ziehen in kürzerer Friſt vorüber. 

XVII (x). .1. Den meiften Menſchen ift noch unber 
kannt, Was die in der Wilfenfchaft ausgezeichneten Männer 
durch fortwährende Beobachtung des Himmels entdedt ha⸗ 
ben: daß Das nämlich, was man Blig nennt, nichts anderes 
if, als. Feuer, welches aus den drei oberen Planeten heraks 
fallt, und zwar meiftens Zeuer aus dem mittelſten derſelben 
[dem Jupiter nämlich), vielleiht weil er den zu großen 
Zufuß von Feuchtigkeit and ber Über ihm liegenden Kreis⸗ 
Bahn ſdes Saturn] und von Hitze aus der unter ihm bes 
findtidien [des Mare] auf diefe Weife von ſich ſtößt: deß⸗ 
halb fagt man auch, Jupiter ſchleudere die Blitze. 2. Wie 
alfo rom brennenden Solze die Kohle praffeind losfährt, fo 
von dem Planeten tas himmlifche Feuer, welches überdieß 
noch Vorbedeutungen mit ſich dringt; denn nicht einmal ein 
von dem Geftirn abgelöstes Theilchen ſtellt feine göttlichen 
Verrichtungen ein. Meiftens findet Dieß bei getrübter Luft 
ſtatt: entweder, weil die ſich in ihr anhäufende Feuchtigkeit 
den Feuerüberflaß zur Entladung reist; oder auch, weil erf 
Die Luft durch eine folche Entbindung des ſchwangern Pia: 
neten getrübt wird, *°) 


9) Krebs, Löwe, Sungfran , Wage, Ecorpion und Schütze. 
#4) Der Inhalt diefe® Kapitels iſt laͤppiſche Kinderei. ‚ bie keine 
‚ Wiberlegung verbient, 





Zmeites Buch. 1443 


XIX (ax). 1. Viele haben den Abſtand der Geſterne 
von der Erde zu berechnen gefucht, und behanptet, Die Sonne 
ſey neunzehnmal,mehr Grade von dem Monde entfeint, als 
der Mond felbft- von der Erde. 2. Pothagoras aber, ein 
-Maun von tiefeindringendem Geiſt, hat herausgefunden, 
daß die Enffernung ven der Erde did zum Mond hundert⸗ 
undfechsundzwanzigtanfend Gtadien, die von ihm bis zur 
Eonne das Doppelte, und Die von dieſer bis zu den zwörf 
Zeiten das Dreifache betrage.) Derfelden Meinung war 
aud) der Römer Gallus Eutpicius. 

XX (xx). 4. Pythagoras nennt jedoch zuweilen mit 
einem ter Theorie der Muſik entiehnten Worte die Größe 
des Abſtändes der Erde von dem Monde einen Ton. Bon 
tiefem bis zum Merfur zählt “er einen halfen Ion, von 
diefem bis zur Venus faft eben fo viel, von Diefer bie zur 
Sonne einen und einen halben, von der Sonne bis zum 
Mars einen Ton, nämtid, gerade fo viel, wie von der Erde 
Yis zum Mond. 2. ‚Bon Murs bis zum Jupiter‘ rednet 
er einen halben, von tiefem bis zum Saturn wieder einen 
halben , und von da.bis zum Thierkreiſe einen und einen 
Haben Ton; zufımmen alfo ficben Töne, aus weichen bes 
Panntfich die vollftändige Tontelter oder das ganze muſika⸗ 
liſche Soſtem beſteht. In diefer Harmonie nun foll ſich 
Saturu nad) der Dorifcen , und Jupiter nady der Phrygi⸗ 





+) Nach den neueren Entbeckungen beträgt ber mittlere Ab⸗ 

ſtand ber. Sonne von der Erde 20,851,000 Meilen, der 
des Mondes unachihr 51,300 Meiten. Plinius rechnet 
Immer nach olpmpifchen Stadien, beren 40 auf eine geo⸗ 
gravhiſche Meile gehen. 


Ahk- C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſchen Weiſe bewegen. Dieb, und Was er Achnliches pon 
. ten übrigen Planeten beibringt, ift jetoch eine mehr ers 
götzliche, als erſprießliche Grübelei. *) 


XXI (xxui). 4. Ein Stadium betraͤgt hundertfünfund⸗ 


zwanzig unſerer Schritte, oder ſechshundertſünfundzwanzig 
Buß. Nach Poſldonius iſt die Höhe, in welder ſich die 
Nebel, Winde uud Wolfen bilden, nicht weniger als vierzig 
Etadien von der. Erde entfernt; weiter. oben aber ift die 
Luft rein, dünn und von ungetrübter Helle. Bon der Wols 
‚Eenregion aber bis zum Monde zählt er zwei Miklionen, und 


von da bis zur Sonne fünfhundert Millionen Stadien, und. 


fchreibt es diefer großen Entfernung zu, daß die Sonne bei 
iprem ungebeuern Umfang die Eıde nicht ausbrennt. 2. Nach 
der gewöhnlichen Annahme fleigen die Wolfen bis zu einer 
Höhe von eunzig Stadien. **) Alles Dieß ift aber uner⸗ 
wiefen und anerforfäbär: ich theile e8 nur: weiter mit, wie 
ed mir mifgetheilt wurde. Eine auf untrügliche geometrifche 


Grundfäge geſtützte Berechnung darf jedoch keineswegs ver⸗ 


ſchmäht werden, wenn irgend Jemand Luſt hat, dieſe Dinge 
tiefer zu ergründen, nicht als wenn der forſchende Geiſt ein 
zuverläßiges Maß ermitteln könnte (denn Dieß nur zu wollen, 
wäre wahnfinniger Zeitverluft), ſondern damit er ſich nur 
eine.annähernde Berechnung feſt aufftılle. 3. Da die Sonne 
naͤmlich auf der Bahn, welche fie zuruͤcklegt, einen Kreis 


"m Vgl. Censorinus, de die natali, cap. 13. 

9, Die Höchfte Entfernung der Woiten von ber Erde betragt 
nicht über 30,000 Fuß. Wenn fie ſich zu Regen aufiöfen, 
fieben fie nur 2, 500 Fuß fiber und. 


Zweites Bud. - 145 


von ungtfähr dreihundertſechsundſechzig Graben befchreibt, 
wie aus ihrem [jährlichen] Umlauf erhellt, der Durchmeſſer 
aber immer den dritten Theil und etwas weniger als ein 
Giebentel des dritten Theils der Peripherie beträgt, *) fo 
ift Blar, daß, wenn man die Hälfte des Durchmeſſers abs 


zieht (weil nämlicy die Erde gerade im Mittelpunkte [der 


Weit) Liegt), fih für die Höhe der Sonne ungefähr der 
fechöte Theil des ungeheuern Raumes, welchen wir für die 
Kreisbahn derfelben um die Erde annehmen, ergeben müſſe; 
daß aber die Höhe des Mondes nur den zwölften Theil bie: 
fe8 Raumes betragen könne, weil feine Bahn in diefem 
Berhältniß kürzer iſt, als die der Sonne, und daß er ſich 
alfo mitten zwifchen der Sonne und der Erde bewege. 4. Es 
ift wirtlih wunderbar, wie weit fidy die Verkehrtheit des 
menfchlichen Geiftes verirrt: durch einen ganz Bleinen Er— 
fofg, wie wir ihm fo eben mitgetheilt haben , gereizt, kennt 
feine Frechheit Feine Grenzen. Nachdem man einmal gemagt 
bat, die Entfernung der Sonne von der Erde zu errathen, 
legt man denſelben Maßſtab aud) an den Himmel, weil ja 
die Sonne [zwifchen ihm und der Erde] gerade in der 
Mitte ſchwebt, und man redinet ohne weiteres die Größe 





”„ Yo! + "ur (richtiger nach Archimedes 7:2). Das Verhaͤlt⸗ 


niß bed Durchmeſſers zur Peripherie Hat nody nicht genau 
ausgemittelt werben koönnen. Gewöhnlich befiimmt man 
| e8 nach dem Mathematiter Adrian Metius, wie 1: 3,1415926 
... Da Übrigend.bie Borandfegungen bed Plinius, bag 
die Erde der Mittelpunkt ber Welt fey u, ſ. w., falſch find, 
fo müſſen es auch die Maßbeſtimmungen ſeyn. 


€, Plinius Naturgeſch. 28 Bbehn. 3 


r 


446 © C. Plinius Naturgeſchichte. 


ter Welt an den Fingern ab. Denn ſo viele Siebentel der 
Durdymeffer hat, fo viele Aweiundzwanzigftel muß die Pe⸗ 
ripherie haben; als wenn fi das Maß des Himmels ohne 


-alle Schwierigkeit durch- das Bleiloth feftftellen ließe. 


5. Die Uegpptifhe Berechnung, welche Petoflris und 
Necep.us aufbrachten, beſtimmt die Größe eines jeden Grä- 
bes der Mondbahn, weldye, wie ſchon gefagt wurde, *) die 
Bieinfte. ift, auf etwas mehr als breiumddreißig Stadien; 
einin Grad der Bahn des Saturn, melde die größte iſt, 
af das Doppelte [66), und einen der Sonnenbahn , welche, 
wie wie [Eurz vorher) bemerkt haben, in der Mitte liegt, 
auf die Hälfte der Stadienſumme beider [a9';). Diefe 
Maßbeſtimmung ift noch die beſcheidenſte Lweil fie nicht zu 
weit.geht]. Denn wollte man andy ten Raum zwiſchen ‘der 


Bahn des Saturn und dem Zhierkreis ſelbſt berechnen , fo 
- würde die Zahlenvermehrung in's Unendliche gehen. 


XXI (xxiv). 4. Wir haben jegt noch siniges Wenige 
über die Welt beizufügen. Denn am Himmel felbft entftehen 
oft plöglichh Sterne; und zwar gibt es. mehrere ‚Arten der- 
felben. ab 4 

(xxv.) Die Griechen nennen Kometen (xourras) und 


«wir Haarſterne (crinitas) jene, welche durch ihr blutiges 
"Haar ein ſchreckliches Ausſehen haben, und wie mit einem 


firoppigen Haupthaar umgeben find. Bartfterne (nuyurias), 
heißen die, bei weldyen an dem unteren Theile eine Mähne, 
gleich einem langen Barte, berabhängt; die Schiehifterrte 
(ixovriar) fliegen wie ein Wurffpieß dahin, und zeigen ein 


9) Kap. VI. 5 12. 











Zweites Bud. 147 


in ‚Kürze einfreffendes Ereigniß an. 2. 3a’ diefen gehörte 
derjenige, weichen der Imperator Titns Eäfır in feinem fünften. 
Conſulat [76-n. Ehr.} in einem herrlichen Gedicht genun 
beihrieb: er war der lebte, den man bis auf den heutigen 
Tag ſah. Sind die Sterne kürzer, und laufen fle nach Art 
eines Schwertes zu, fo nennt man fie Schwertſterne 
(Eipias): fie find von allen die bleichſten, haben ungefähr den 
Glanz eines Schwertes, find aber ohne alle Strahlen, deren 
auch ter Scheibenſtern (duoxsis), welcher diefen Namen von 
feiner Geſtalt und die Farbe des Bernſteins Hat, nur fehr 
menige von feinem Rande auswirft. 3. Der Tommenftern 
{m Otðc) erſcheint in der Geſtalt einer Tonne, in deren 
-Döhlung ein raudiges Licht brennt; der Hornftern (zeparias) 
bat die Geſtalt eines Horns: ein folder war fihtbar, als 
Griechenland bei Satamis focht [480 dv. Ehr.). Der Lam: 
penitern (anzadias) gleicht einer brennenten Fackel, ber 
Dierdefiern (inzeus) einer Pferdemähne, die ih fehr ſchnell 
bewegt, und ſich um. ſich felbit im Kreife herumdreht. Es 
erjcheint auch manchmal ein ganz weißer Komet, mit fil- 
bernem Haare, von fo großem Glanze, daß man ihn kanm 
anfeben kann, und Das Bild cines Gottes in wmenfchticher 
Geſtalt an ſich darftellend. ) A. Auch ſieht man zuweilen 


— 





2) Man Fönnte diefe Stelle für eingeſchoben halten, weil fie 
ber Aeußerung bed Plinius (Kay. V. 9. 1.), baf es IA: 
cherlich fey , die, Geſtalt der Gottheit erforfihen zu wollen; 
widerfpriht, Die Meinung, daß biefer weiße Stern kein 
anderer Stern ald der der Weilen geweſen ſey, führen 
wir der Sonderbarkeit wegen an. 


J 3 * 


48 C. Plinius. Naturgeſchichte. 
Kometen, die zottig, wie Wolle, und mit einer Wolke ums 
geben find. Erſt ein -einzigesmal veränderte fi die Form 
einer Mähne in die eined Speered, in der hundertund- 
achten Olympiade, im dreihundertachtundneunzigſten Jahre 
der Stadt. ) Die kürzeſte Zeitfriſt, in der ein Komet ſicht⸗ 
bar ift, wird auf fieben ‚ ber längfte auf achtzig Tage **) 
angegeben. 

XXILI. 1. Einige Kometen bewegen ſich nach Art der 
Planeten; andere hängen unbemweglich feſt. Faft alle erfcheis 
nen im Norden, zwar an Seiner beftimmten Stelle, aber 
dody .meiftens in dem weißen Gtreife, welchen man die 
Miltchſtraße nennt. Wriftoteled behauptet, ***) daß min 
auch. fehon mehrere zugleich gefehen habe: doch wurde Dies, 
fo viel ich weiß, noch von feinem Anderen beobachtet. Sie 
follen alddann Starken Wind und große Hitze bedeuten, 
Manchmal erfcheinen. deren auch in den Wintermonaten und 
an dem füblihen Himmel; aber fie find dort ohne allen 
Glanz. 2. Als fehr unheilvoll erwies fich den Völkern Ae⸗ 
thiopiens und Aegyptens jener Stern, welcher von dem 
‚gleichzeitigen König Typhon feinen Namen erhielt: er way 
yon feuriger Geſtalt, fpiralförmig gewunden und von gräß« 


lichem Anſehen, nicht fomohl ein Stern, als vielmehr ein 


| 
‚») Eine biefer Zahlen ift unrichtin. Denn bas J. .398 b. Er, 
(356 v. Ehr.) fällt in die 106te Olympiade. 
er) Wahrſcheinlich ein Kehler der Abfchreiber, ſtatt 180 (vgl. S$eneca, 
natur. quacst. VII, 24.); welche Zahl aud) Hardouin in 
den Ter aufgenommen bat. . 
”) Meteorolog. I 











‚Zweites Bud. : 449 


feuriger Knänt. *) Manchmal zeigen fi auch an den Pla: 
neten undam anderen Sternen Haare. — Die Kometen ‚erfcheis 
nen nie am abendlichen Theile des Himmels. Schrecklich ik 
ein folder Stern faft immer, und nicht leidht feine Border 
deutung abzuwenden, wie jene beweifen, die bei den bürger: 
fihen Unruhen unter dem Eonfulate des. Octavius [76 nor 
Ehr.], dann bei dem Kriege zwiſchen Pompejus und Bäfar 
[49 vor Ehr.], und zu unferer Zeit bei der Bergiftung, 
durch welche das Reich von Claudius Cäſar an Domitins 
Nero überging [54 nad) Ehr.], und unter feiner Regierung . 
[nad Ehr. 64] erſchienen, und von denen der lebtere Tage 
ſichtbar und von fehr ſchlimmem Einfluß war. 3. Bei den 
Borbedeufungen,, glandt man, komme ed darauf an, nach 
welcher Richtung hin die Kometen fortſchießen; von welchen 
Eternen fie ihre Kraft erhalten; welchen Gegenftänden ſie 
gleichen, und an welcher Stelle fie zuerfi auftauchen. Haben 
fie die Geſtalt von Flöten, fo gilt ihre Vordedeutung der 
Muſik. Erſcheinen ſie in den Schaamtheiien der Sternbilder, 
fo gitt fie den unzüchtigen Sitten; dem Genie aber und der 
Wiſſenſchaft, wenn fie mit einigen der nie verfchwindenden 
Sterne ein Dreieck oder ein Biere mit gleiben Winkeln 
bilden. WBergiftung bedeuten fie, wenn man fie in dem 
Haupte der nördlichen oder der ſüdlichen Schlange wahrnimmt. 
4. Rom ift die einzige Stadt in der ganzen Welt, wo ein 


Typhon if eine faselhafte Perfon,, und ob der- nad, ihr 
Genannte Komet wirelih ein folder, oder ein feuriges 
Meteor war, möchte nicht leicht zu emtfcheiden ſeyn; und 
doch Hat man ihn zu berechnen verfücht, und feinem Cine 
fluſſe bie Sünbfiuth dugeſchrieben. 


⸗ — 


450 C. Plinius Naturgefchichte, 

Komet in einen; -Iempel verehrt wird, meit nämlich der 
göttliche Auguſtus ihn als eine fehr glückliche Vorbedeutnug 
“für ſich anſah. Denn er erſchien gerade, 18 er beim Be⸗ 
ginne feirer Laufbahn , nicht fange 'nadh dem Tode feines 
Vaters Eäfar und in dem noch von dieſem eingefeßten Col⸗ 
legium , *) die Spiele zur Ehre dee Allgebärerin Venus **). 
feierte [a4. vor Chr.]. Er felbft äußert feine Freude darüber 
in folgenden Morten: „gerade während Der Tage meiner 
Spiele war ein Haarftern fleben Tage Sang in jener Ges 
gend des Himmels, weiche nach Mitternacht hin liegt, ſicht⸗ 
bat. Er ging um die eilfte Stunde des Tages Auf, war 
fehr glänzend, und wurde in cllen Ländern gefehen. Das 
Volk glaubte, durch diefen Stern werde die Aufnahme der 
Seele Eäfar’s unter die Zahl der unfterblichen Bötter anges 
deptet; und aus diefer Rückſicht haben wir denn auch diefes 
Zeichen »*) dem Kopie feines Stanbbilted, weldes wir 
batd nachher auf dem Forum weihten, beigefügt.“ 5. So 
ſprach er ſich öffentlich ans: in feiner inneren: Freude war 
er aber überzeugt, dab der Stern ihm, und daß fein Glück 
mit ihm aufgegangen fey, und zwar, wenn wir tie Wahıheit 
geſtehen wollen, zum, Heile der Well. — Mande haben 
geglaubt, aud) biefe Sterne ſeyen unvergäuglich, und wandeln 


⸗ 


*) Julius Eaſar, der Adeptivvater Auguſts, hatte Eurz’ bor ſei⸗ 
nem Tode zur Feier dieſer Spiele ein wᷣriefierkollezium zu⸗ 
ſammenberufen. 

e) Venus genitrix. Cäfar hatte ihr als Beſchützerin des‘ Its 
- Tifchen Geſchlechtes einen vrachtvollen Tempel gebaut. 

”., Ginen Stern. 


J 
* 











€ 


Zweites Bi t51 


ihre beſtimmte Bahn, ) können aber nur außer dem Bes 
reiche des. Sonnenlichted gefehen werden. Andere meinen, fie 


ensfländen zufällig durch Feuchtigkeit und Feuerſtoff, und. 


lösten ſich eben fo wieder auf. 
XXIV (sv). 4. Jener nämfiche, nie genug zu fobende 


Hipparchus, °*) welcher beſſer als irgend Jemand bewies, 


daß die Sterne mit dem Menfhen verwandt und unfere 


-Serlen ein Ausfluß des Himmels ſeyen, entdeckte auch einen 


neuen und [von den Kometen] verfchiedenen Stern, der zn 
feiner Zeit entſtand, und wurde durch deffen Bewegung an 
dem Tage felbft, wo er zu leuchten anfing , zu dem Zweifel 
verleitet, ob Dieß nicht öfter. gefchehe, und ob nicht auch 
diejenigen Sterne, die wir uns als feſtſtehend vorftellen, 
ſich bemegen. 2. Er wagte fogar (was felbft einem Bott zu 
ſchwer feyn dürfte), den Nachkommen die Sterne darsuzählen, 
und fe namentlich zu verzeichnen. Er hatte nämlich In⸗ 
ſtrumente erfunden, vermittelft weld:er er den Standort uud 


die Größe der einzelnen ‚Sterne beftimmte, fo daß man, 


affo nicht nur leicht unterſcheiden konnte, ob Sterne vers 
fhwinden.und andere entftehen; fondern auch, ob fle über: 
haupt ihre Stelle am Himmel wechſeln, oder fid bewegen, und 
ob im Zunehmen und Abnehmen. Er hinterließ auf Diele 
Beife Allen den Himmel ale Erdſchaft, wenn nur irgend 


⸗ 


8) Dieſe Vermuthung wurde von Halley 1708) zur Gewiß⸗ 
beit erhoben, 

) Vol. Kap. 9 und 10 nebſt ben Bemerkungen über bie vom 
Plinius bei feiner ‚Kedmologier benhgten Quellen vor dleſem 
Buche. 


x 


2. rg, Plinius Naturgeſchichte. 

einer Luſt hatte, von dem Bermähtniffe Beſitz zu ers 
greifen. ) 

XXV. 1. Es eutſtehen = auch Fackeln, find aber nur, 
wenn fie herabfalten, fihtbar. Eine folche fuhr, als Ge: 


manicus Cäſax Fechterſpiele gab, am hellen Mittag vor den . 
Augen des Volkes vorüber. Es gibt deren zwei Arten. -. 


Die Leuchten Gaaradas) nennt man ſchlechtweg Fackeln 
(faces), die andere Art aber Geſchoße (Bolidas). Ein ſolches 
wurde zur Seit des Unglücks bei Mutina ***) gefehen. 
2. Beide Arten unterfcheiden ſih dadurch, daß die Fackeln 


ein? fange Gpur zurüdlaffen, und nur an dem vorderen ‘ 
Theite brennen; die Gefchoße aber durdaus brennen, und , 


einen größeren Raum einnehmen. ” 

XXVI. Auf diefelde Weife entflehen . auch Balten 
(trabes), doxo? genannt. Ein: folder zeigte ſich bei jener 
Miederlage der Lacedämonier ‘zur See, +) durch melde 
fie die Oberherrfchaft über Griechenland verloren. — Auch 
zeigt mandymal der Himmel felbft eine Oeffnung, was man 
zdona nennt. +7) | 


7 


*) D. h. Aſtrononie zu ſtudrren. 

*) Die Meteore, weiche Plinius vom Himmel herabrom.nen 

‚läßt, entſtehen in der Atmosphäre durch entzündete Dünfie, 

a oder durch die Wirkung der Elektrizitaͤt. 

”, Brutus Hatte ſich in Mutina (Modena) verſchanzt. mM. 
Antonius belagerte die Stadt (44 vor Chr.), nad «8 

blieben dabei "von beiden Seiten fo viele Menfhen, daß 

diefe Belagerung ſprichwortlich wurde, 


u; 


+ 
395" vor Ehr.). 
tt) Die Balken und Deffnungen: des Himmels, die Plinius 


Durch die Athener unter Konon (Olymp. XCVI, 2. = ° 











> 


Zweites Bud). 453 


XXVII (zıvu), 4. Zuweilen eniſteht auch ein euer 
von biuthrothem Anfehen, *) welches vom Himmel zur Erde 
perabfäift — eine für die ‚furchtfamen Gterblichen höchſt 
ſchreckliche Erſcheinung. in foldhes bemerdte man im dritten 


Jahre der hundertundflebenten Olympiade [350 vor Ehr.], 


als König Philipp [ron Macedonien] Griechenland erfchät: 
terte. 2. Ich glaube, daß diefe Erfcheinungeh, fo wie alle 
andere, zu gewiffen, von der Natur beflimmten Zeiten ſtatt⸗ 
finden, nicht aber, wie die Meiften wähnen, aus allerlei 
Urfachen, die ſich die Grübelei der menſchlichen Einbildungs⸗ 
Eraft ausdentt. Sie mögen wohl. fhon die Borboten von 
großen Ungtücsfällen gewefen ſeyn; aber ich bin der Ans 
fiht, daß die Unglücksfälle nicht deßwegen eintrafen, weil 
die erwähnten @rfcheinungen vorausgingen, fondern daß 
diefe vorausgingen, weil jene’ eintreffen follten. *") Da fie 


nur felten ſtattfinden, fo ift ung noch ihre Urſache verborgen, 


und wir können ſie deßhalb nicht, wie die. Aufgänge [der Ges 
flirne] , die Finfterniffe umd vieles Andere berednen. 
XXVIII (zıvm), Manchmal find auch ganze Tage 
hindurch nebft der Sonne Sterne fihtbar, oft auch um die 
Sonnenfdeibe Kränge, wie aus Aehren geflochten, und 
wechfeifarbige Kreiſe. Solche wurden bemerkt, als Auguſtus 


zugleich mit ihren Griechiſchen Benennungen näher bes 
. zeichnet, rechnet man gewoͤhnlich zu den Erſcheinungen des 
Nordlichts. 
*) Die Urſache dieſro Phänomens ift die Brechung der Sons 
nenfirablen durch die Wolken. 
ee) D, h. die Naturerfcheinungem find nicht die Urfache bes 
eintreffenden Unheils, ſondern Borzeichen deſſelben. 


454 C. Plinius Maturgeſchichte 


Caſar in früher Jugend in die Stadt z09 -[a4 vor Ehr.], 
- um nad) dem Tode feines Vaters den großen Namen deſ⸗ 
ſelben auf ſich zu übertragen. *) 

(xxix). Ehen ſolche Kränze zeigen ſich um den Mond 
und die vorzüglichſten Geſtirne, ſelbſt um Fixſterne. 

XXIX. Einen Bogen um die Sonne ſah man unter dem 
Conſulate des 2. Opimius und des Q. Fabius [121 v. C.]; 
einen Ring unter dem Conſulate des L. Porcius und des 
M. Acilius [114 vor Chr.J; 

(xxx) einen Kreis von rother Farbe unter dem Con⸗ 
fulate des 2. Julius und des P. Rutilius [9Q vor Ehr.]. 

XXX. Es finden auch feltfame und längere Sonnen: 
finfterniffe flatt, wie bei der Ermordurig des Dictators Cäfar 
und während des Untonianifchen. Krieges [44 vor Chr.), wo 
das Sonnenlidt- faſt ein ganzes Jahr hindurch bleich 
blieb. * 
XXXI (ax). 1. Dagegen werden aud) manchmal 
wieder mehrere Sonnen zugleich [NMebenfonnen] gefehen, und 
zwar nie über oder unter der eigentlihen Sonte, fondern 
in ſchräger Richtung von ihr; nie neben der Erde oder ihr 


ı- 
ö * 


”) Bal. Seneca, “natural. quaest, I, 4, Die von Plinins in 
.biefem und in dem folgenden Kapitel erwähnten Erſchei⸗ 
nungen möffen ‚ebenfalls der Brehung ber Lichtfirahlen 

durch Dünfte zugefchrieben werden. Sterne Pönnen nebſt 
der Sonne während de Tages nur bei Sonnenfinfteriffen 
fithtbar werben. 

**), Die andduernde Bläffe des Sonnenlichtes entfieht nicht 

durch eigentliche Verfinfterung, ſondern durch die ſoge⸗ 
‚nannten Sonnenflecken. 


} 


= \ ‘ . 











Zweites Buch. Abb 


gerade gegenüber, auch nicht bei Nacht, ſondern bei Son⸗ 
nenaufs oder Untergang. Einmal ſollen jedoch am Bos- 
yorus [anal des fchwarzen Meeres) auch weldhe um bie 
Mittagszeit ſichtbar gemefen ſeyn, weil fie nämlich. vom 
Morgen bis zum Abend dauerten. 2. Drei Sonnen fahen 
die Alten öfter: ſo zum Beilpiel unter den Conſuln Sp. 
Poſtumius and Q. Mucius [174 vor Ehr.),-D. Marcius 
und M, Porcius [118 vor Ehr.), M. Antonius und P. Dos 
Iabella [aa vor Ehr.], und M. Lepitus. und 2. Plancus 
[a3 vor Ehr.). Auch unfere Zeit fah deren unter der Res 
gierung des göttlichen Elandins, unter feinem und feines Eolles 
gen Eormelius Orfitus Confulat [51 pad Chr.). Mehr als 
drei Sonnen zugleidy follen bis auf uniere, Tage noch nie 
wahrgenommen worden fegn. . 
Il (xxxu). Auch drei, ‚Monde waren ſchon ſi chibar, 

wie unter dem Conſulate des En. Domitius und des C. Fannius 
[122 v. Chr.). Man hat fie häufig Nacht ſonnen genannt.*) 

XXXIII (zıxu). Unter dem Confulate des E. Cäcilius 
und Eu. Papirius [113 vor Chr.] und auch fonft fchon öfter 
fab man des Nachts am Himmel ein Licht, durch welches 
die Nacht faft fo heil wurde, wie der Tag. **) 

AXXIV (ax), Ein brennender Schild »220) fuhr bei 
Sonnenuntergang funfelnd von Weiten nad Often unter - 


®) Die Nebenmonde entſtehen durch dieſelben Urſachen, wie 
die Nebenſonnen. 
+, pPlinius meint wohl nichts als das Norblicht. 
*., Diefes Meteor gehört vielleicht, fo wie das im folgenden 
\ Kapitel erwähnte, zu ben Feuerkugeln, welche mit greßem 
Getöfe zerfpringen, und sich in einen Steinregen auflöfen, 


J 
— e — 


166 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Dem Eonfulate des 2. Balerius und des E. ‚Marius [100 vor 
Ehr.). 

xxxv (xxxv). Ein einzigesmal, namlih _unter dem 
Eonfulate des En. Octavius und des. Seribonius [(76 v. €.], 
ſoll, wie man erzählt, ein Funken von einem Stern herab⸗ 
gefallen, und ſtets, je näher er der Erde kam, größer ge⸗ 
worden ſeyn. Nachdem er dem Monde an Umfang aleichge⸗ 
kommen war, 'foll er ein Licht, gleid) dem an einem neb- 
ligen Tage, verbreitet haben, und dann zum Himmel zurück⸗ 
gekehrt, und zur Leuchte geworden ſeyn. Der Proconfutl 
Gilanus fah nebft feinem Gefolge diefe Erfcheinung. 

XXXVI (xxxvi). Auch fcheinen die Sterne manchmal 
fortzuſchießen, und zwar nie ohne Bedeutung Denn es 
entftehen gewöhnlich von derfelben Seite her fürchterlicht 
Stürme. *) 

XXXVII. 4. Auch anf dem Meere and auf der Erde 
gibt es Sterne, 

(xxxvii). Ich felbit ſah oft an den WBurffpießen der 
vor dem Walle die Nachtwache verfehenden Soldaten einen 
Schimmer von diefer Geſtalt *) hängen. Gie lafſen fidy - 
auch auf die Gegelftangen und andere Theile der Schiffe 
nieder, und machen dabei ein hörbares Grräufch, ungefähr 
wie die Vögel‘, wenn fie von einer Stelle zur andern flattern. 
. Kommen fie einzeln, fo bringen fie Unheil; denn fie verfenten 
- alddann die Sphiffe oder verbrennen fie, wenn fie in den 


*, Daß die fortfchießenden Sterne (Sternfhnupyen) nichts 
anderes find, als Streifen entzüindeter Luft, iſt jegt allges 
mein befannt. 

*4), Bon der Geſtalt der Sterne. 


N ’ + 
® .s 





| Zweites Bud. ‘457 
unseren Raum binabfallen. 2. Erſcheinen aber zwei zus 
gleich , fo find fie heilbringend und Vorboten einer glück⸗ 
lichen Fahrt; denn fie follen alddann durch ihre Ankunft 
jene ſchreckliche und drohende fogenaunte Helena verſcheuchen. 
Deßhalb ſchreibt man and) dieſe Anzeige dem Pollux und 
Caſtor zu, und ruft diefe auf dem Meere als Schutzgötter 
an.”) Manchmal fieht man auch in den Abendſtunden 
foldye Sterne um das menſchliche Haupt glänzen, und fie 
Ind dann von großer Vorbedeutung. — Die Urfache aller 
dieſer Erfcheinungen ift ungewiß, und liegt i in bem Schooße 
der hochherrlichen Natur verborgen. 

XXXVIII GXVII). 1. So viet von der Welt ſelbſt 
und- von den Sternen. Wir gehen jetzt zu den übrigen 
Mertwürdigkeiten des Himmels über; denn unſere Vor⸗ 
fahren nannten aud Das Himmel, wag mit einem andern 
Namen Luft heißt, jenen ganzen, anfcheinend leeren Raum 
nämlich, der diefen belebenden Hauch ausftrömt. Die Res 
gion der Luft befindet fih unterhalb des Mondes, und zwar. 
(wie ich allgemein angenommen fehe) tief unter demfelben. 
Gie bildet ſich aus zweierlei Beſtandtheilen, nämlich aus 
einer Mifhung unzähliger Theilchen der höheren Luft mit 
unzähligen Theilchen der irdifchen Ausdünſtung. 2. Daher 





5 Helena, Kaſtor und Pollux find. Gefchwifler. Der Sage 
nach wurden. fie alle drei umier bie Sterne-verfebt, und als 
ſolche find Kaſtor und Pollur heilbringend, "Helena aber 
gefährlich. — Man ertennt in ber Beſchreibung dieſer 
Naturerfheinung beutlich das fogenannte St. Eimöfener, 
sine Jrenrowans de der dem Glaichgewichte entruͤckten Elek⸗ 
ricitat 


458 € Plinius Naturgeſchichte. 


die Wolken, fo wie Donner und Blitz; daher der Hagel, 
der Reif, der Regen, der Sturm und der. Wirbelwind ; 
Daher die meiften Planen der Sterblichen und der Kampf 
Der" Naturkräfte mit ſich felbft. Die Gewalt der Gterne' 
drängt Das, was von der Erde zum Himmel ftrebt, herab, 
und zieht Das, was nicht freiwillig auffteint, an fi. Der 
Regen fällt herab, der Nebel fleigt auf, die Flüſſe trocknen 
aus, der Hagel braust nieder, die Sonnenftrahlen erwärmen 
die Erde und drängen fie von allen Seiten nad) der Mitte 
bin; dann prallen fle, nachdem fle fih an ihr gebrochen ha⸗ 
ben, zurüd, und führen, Was fle können, mit fi fort. 

Die Hige kommt von oben, und fleigt wicber nad) oben: 
die Winde flürzen leer herbei, und eiten, mit Beute befäden, 
zurück. 53. Der Athen fo vieler Thiere zieht die Luft aus 
den höheren Räumen herab; diefe aber widerfirebt, und die 
Erde ſtrömt dem [durch das Athmen der Thiere] gleichſam 
entleerten Himmel die Luft zurüd. Während fidy die Natur 
auf dieſe Weife ftets hin« und herbewegt, wird der Streit 
der Elemente durdy die fchnelle Umdrehung der Welt, wie 
hurch ein Triebwerk, angefacht. Nie Bann dieſer Kampf 
raften, fondern er muß ſich, durch den Umſchwung fortge: 
riffen, fortwährend mit umdrehen; und fo zeigt er uns bald 
an dem ungeheuern, die Erde umgebenden Gewölbe die Up: 

ſachen der Dinge: ”) bald fpiegelt er und durch die Wolken⸗ 
bededung einen andern Himmel vor Hier ift auch bas 
Reich der Winde, und hier liegt alſo der Grundſtoff derſelben, 


-_— 





2) Die Sterne. Vgl. 8. 3. 9. 2. Die Ueberfegung folgt der 
Lesart immenso rerum causas globo, osteudit, 





Zweites Bud. 459 


welcher die Urſachen der übrigen Erſcheinungen in ſich be⸗ 
greift; weßhalb anch die, Meiften deu Donner und Blitz der 
Heftigkeit der Winde zufchreiben.. Da man, nebſt vielen 
Anderen, fogar behauptet, es regne manchmal nur deßwegen 
Steine, weil fie von dem Winde aufgezogen worden fegen, 
fo müflen wir diejen Gegenftand nod) etwas weitläufiger 
abhandeln. *) 
AXXIX (xxxix). 1. Daß die Witterung und andere 
natürliche Erſcheinungen zum Theil feſt beſtimmte, zum Theil 
aber auch zufällige oder noch nicht erforſchte Urſachen haben, 
iſt offenbar. Denn wer möchte bezweifeln, daß Sommer und 
Winter, fo wie der beſtimmte Wechſel der Jahreszeiten 
überhaupt, Durc) den Lauf ber Geſtirne bedingt werden ? 
Wie es alfo anerkaunte Cigenfhaft Fer Sanne if, das 
Jahr zu regeln, fo baden auch alle übrigen Geſtirne ihre 
eigenthämliche Kraft,.die fid, in den der Natur eines jeden 
entiprechenden Wirkungen äußert. @inige löfen durch ihren 
Einfluß die Dünfte in Regen auf; andere verdichten fie zu ˖ 
Reif, oder preſſen fe zu Schnee, oder laſſen fie zu Hagel 
gefrieren; andere bringen Wind, andere Wärme, andem 
Hitze, andere Thau und andere Froſt. Man ſtelle fid) aber 
auch nicht die Sterue fo Klein vor, wie fe unferen Augen 
erfcheinen. Denn ſchon ihre unermeßliche Höhe beweist Lin: 
länglin, daß Feiner von ihnen, Heiner ift, ald der Mond. 


” Durd eine Windhofe Böen wohl Steine in die Höhe 
gezogen werben, und gleich einem Regen wieder herabfallen, 
Gewöhnlich find aber ſolche Steine bie Trüuͤmmer aervlater 
Meteore, \ 


E “ 


460 C. Plinius Naturgefdichte. 


2. Jeder äußert alſo während feines Laufes die ihm ein⸗ 
wohnende Kraft, mad am deutlichſten ans den Vorüber— 
gängen des Saturn, die ſtets -mit Regen begleitet find, 
‚erhellt. Aber nicht nur die Wandelfterne entwideln dieſe 
Eigenſchaft, fondern auch viele der am Himmel feft fiehene 
den, fo oft fie durch die Annäherung der Planeten [Con⸗ 
junction] angeregt, oder durd) die auf fie fallenden Strahlen. 
derfelben [Oppofition] ‚gereizt werden, wie wir Dieß an dem 
Regengeflirn *) wahrnehmen; weßhalb ihm auch die Grie— 


chen den Regen bedeutenden Namen Hyaden beilegten. 


Einige äußern fogar ihren influß aus. eigenem Antrieb. 
und zu beftimmten Zeiten, wie die Böckchen *") bei ihrem 


Aufgang. Ebenſo kommt der Stern des Arcturus » faſt 


nie ohne Hagelſturm zum Vorſchein. +) 

XL (zı). 1. Wer weiß ferner nit, daß bei dem 
Aufgang des Hundsfterns Tr) fih Die Sonneuhige am 
meiften fleigere? — wie denn ber bedeutende Einfluß dieſes 


— 





*%, Dad Regengefiirn (suculae) oder die Hyaden (Hicht zu vers 
wechſeln mit bem Siebengeftirn oder ben Plejaden, wie 
einige Ueberſetzer gethan haben) fiehen am Kopfe bes 

‚ Stiered. Sie gehen im Oktober auf und im März unter. 
se, An der weſtlichen Schulter bed Fuhrmanns. \Gie gehen 
im September auf und unter, 
”ss), Zwifchen ben Knieen des Bärenhüterd. Cr geht im Seps 
tember auf, und im Mai unter, 

} Der Einfluß der Geflirne auf bie Witterung läßt fi durch 
Nichts erweifen, und Faum kann man bie Emmwirkung bed 
nahen Mondes auf diefelbe behaupten. 

+5 Der Hundsfiern (Sirius), am rechten Obr des großen 
Hundes, geht jetzt im Auguſt auf. 


— 








6 Zweites Buch. 161 


Sternẽ auf der ganzen Erde este wird. Wenn er ers 
ſcheint, braust das Meer auf, der Wein gährt im Keller 
und tie Sümpfe kommen in Bewegung. 2. Ein wildes: 
Thier, welches die Aegyptier Oryx 9%) nwennen, foll ih nad 
ihrer Behauptung ihm bei feinem Aufgauge gegenüber ftellen, 
ihn betrachten nnd durch Nichen gleichfam verehrten. Daß 
die Hunde während diefer ganzen Periode am meiften dur 
Wuth geneigt ſind, unterliegt keinem Zweifel. 

" XLI (su). 4. Sogar. den einzelnen Graden einiger 
Zeichen ift eine .befondere Kraft eigen. Go fließen wir bei 
der Herbſttagundnachtgleiche und an dem Lärzeften Tage aus 
dem ſchlechten Wetter, daß die Sonnenwende vorüber if; 
und nicht nur aus dem Regen und Ungewitter fihließen wir 
es, fondern auch ans vielen Anzeigen an unferem Körper 
und auf dem Felde. Einige werden von Schlagflüffen be: 
fallen; bei Andern leidet zu beflimmten Seiten der Unter: 
leid, das Nervenfpftem, der Kopf, das Gemütb. Der Oel⸗ 
baum , Die weiße Pappel und die Weite rollen bei der“ 
Sommerionnenwende ihre Blätter zufammen. *) 2. Am 
Zage der Winterſonnenwende ‚e) ſelbſt blüht die unter 





*) Gehört zum Gazellengeſhlecht, und iſt vielleicht die Anti⸗ 
lope Oryx. 

20) Dieß bemerkt man faſt bei allen Pflanzen mit ſchmalen 
Blättern, wenn nämlich die eine Seite des Blattes durch 
Hitze oder Kälte mehr zufammengezogen wirb, ald tie an 
dere ; gerate, wie fih bad Payier, wenn man ed ber Hitze 
zu nohe bringt, zuſammenreilt. 

”.., Elcero (de divinat, 11, 14.), welchem Plinius hier auf 


€, Plinius Noturgeih,. 28 Dice, : 4’ 


> 


462 C. Plinius Naturgefchichte. 
Obdach aufgehängte getrocknete Poleipflanze, und mit Luft 
angefüllte Blaſen zerſpringen. ) Nur Der mag ſich dar⸗ 
über wundern, welcher noch nicht die täglich vorkommende 
Erſcheinung beobachtet hat, daß eine Pflanze, welche man 
Sonnenwende (Heliotropium) nennt, ſtets der ſcheidenden 
Sonne nachſehe, und ſich zu jeder Stunde mit ihr drehe, 
ſelbſt wenn fie von Wolken verdeckt iſt; daß eben fo die 
Auftern und alle Mufcheln und Schaalthiere durch den Ein= 
fluß des Mondes an Umfang wachen und wieber abschmen. . 
3. Fleißigere Forſcher haben fogar gefunden , daß die Leber⸗ 
fibern der Spigmäufe der Tageanzahl des Mondes entfpre= 
den, und daß das Beine Tierchen, die Ameife, bie Ein⸗ 
wirkung‘ Diefes Geſtirns fpüre und deßhalb am Neumond 
ſtets raſte. Die Unwiffenheit in folchen Dingen gereiche 
dem Menſchen um fo mehr zur Schande, als er felbit nicht 
in Abrede ftellen kann, daß befonders die Augentrankheiten 
einiger Saumthiere mit dem Monde zunehmen und abnehmen. 
Zur Entſchuldigung dient ihm jedoch der ungeheure Umfang 





Tree und Glauben nachſchreibt, hat ben Arifioteles, dem 
er diefe Bemerkung entnahm, mißverfianden. Denn Diefer 
fagt (Problem. XX, 2[.): ;um bie Sommerfonnenwende 
(rregi teonas)" : wie es denn auch nicht anders feyn kann. 
Das, übrigens die in biefem Kapitel angeführten (zum 
Theil nur in ber Einbilbung ber Alten befiebenden) Er⸗ 
fcheinungen von andern Urfachen abhängen, als von dem 
Einfluß der Geflirne, ift bekannt, 

*) Die Nichtigkeit der Ueberfegung dieſes gemöhnlidy -falfch 
verfiandenen Satzes ergibt ſich aus ber angefühuten Stelle 
Cicero’ und aus Plinius feldft, welcher den Autdruck noch 
einmal (Kap, 43, 2) in demſelben Sinne gebraucht. 





Zweites’ Buch. 465: 


und die unermeßliche Höhe des Himmels, welcher in zwei⸗ 


undſtebenzig Sterndilder *) geſchieden iſt: dieſe find Bilder 
von Sachen uud Thieren, in welche die Gelchrien den 
Himmel eingetheilt haben. : 4. Unten ihnen machen fie ſech⸗ 
zohnhundert nambaft, die bush ihre Wirkung. und buch. 
ihren Glanz beſonders in die Augen fallen: zum Beifpiel 
fieben im Schwanze des Stieres, welche man das Gieben- 
geſtirn nennt; am. Kopfe deffelben das Regengeflirn und den 
Bärenhüter, welcher dem großen Bär folgt. 

XLV (au). 4.. Ic will nicht längnen, daß auch un⸗ 
abhängig von diefen Urſachen Regen: und Wind entftchen, 
da ed gewiß Mt, daß die Erde einen feschten und off bei 
. geoßer Hipe einen dampfenden Dunft aushaucht; auch will 
ich micht Uagnen, daß aus in Die Höhe gefliegeuer Feuch⸗ 
tigßeit oder aus. zur Feuchtigkeit verdichteter Luft ſich Wolken 


erzeugen. 2. ‚Ihre Dichtigkeit und-Rörperhaftigbeit ifk-fchon 


dadurch unwiderlegbar bewiefen., daß fle die Sonne ver⸗ 
daunkeln, die body den Tauchern unter dem Waſſer in jeder 
beliebigen: Tiefe ſichtbar bleibt. 

-  XLIH (um), 4. Ich will’ alfo auch keineswegs in 
Adrede ſtellen, daß auf dieſe Wolken eben ſolches Stern⸗ 
feuer, wie wir es eft bei. heiterem Himmel fehen, **) von 
ar berabfalten Tine. Durch diefen Fall muß die Luft 
nothwendig erfchfittert : werben; denn abgefchoflene. Pfeile 





*% Die Alten führen gewöhnlich nur 48 Sternbilder an. 
Minins zaͤhlt wahyſcheinlich einzelne Theile derſelben noch 
einmal mit, 

2) Bol, Kan, 36 und 27. 


⸗ 


+ 
4 * 
J 


2  - €, Plinius Naturgeidichte. j 
Obdach anfgehängte getrodnete Poleipflanze, und mit Luft 
angefüllte Blafen zerfpringen. *) Nur Der mag fid) dar⸗ 
über wundern, welcher nody nicht die täglich vorkommende 
Erfhyeinung beobachtet hat, daß eine Pflanze, welche man 
Sonnenwende (Helivtropium) nennt, flets der fcheidenden 
Sonne nachfehe, und ſich zu jeder Stunde mit ihr drehe, 
feldft wenn fle von Wolken verdedt ift; daß eben fo die 
Auftern und alle Mufcheln und Schaalthiere durch den Ein⸗ 
fluß des Mondes an Umfang wachen und wieber abnehmen. . 
5. Bleißigere Forſcher haben fogar gefunden, Daß bie Leber⸗ 
fibern der Spitzmäuſe der Zageanzahl des Mondes entfpre= 
Gen, und daß dad Beine Thierchen, Die Ameife, die Ein⸗ 
wirkung dieſes Geſtirns fpüre und deßhalb am -Nenmondb 
ftets raſte. Die Unwiſſenheit in folchen Dingen gereicht 
dem Menſchen um fo mehr zur Schande, als er felbft nicht 
in Abrede ftellen Fann, daß befonders die Augenkrankheiten 
einiger Saumthiere mit dem Monde zunehmen und abnehmen. 
Zur Entfhuldigung dient ihm jebody der ungeheure Umfang 


[4 « 


Treue und Glauben nachſchreibt, hat den Ariſtoteles, dem 
er dieſe Bemerkung entnahm, mißverſtanden. Denn Dieſer 
ſagt (Problem, XX, 2f.): ;um die Sommerſonnenwende 
(regt tgonas)" : wie es denn auch nicht anders feyn kann. 
Daß Übrigend die in diefem Kapitel angeführten (zum 
Theil nur in ber Einbildung ber Alten hefichenden) Ers 
fheinungen von andern Urfachen abhängen, ald von dem 
Einfluß der Geflirne, ift bekannt, 

*) Die Nichtigkeit ber Ueberfegung dieſes gewöhnlich "falfch 
verfiandenen Satzes ergibt fih aus der angefühsten Stelle 
Eicero’8 und aus Plinius feldit, welcher den Audbrudt noch 

- einmal (Kap, 43, 2) in demſelben Sinne gebraucht. 


1 











Zweite Buch 68 


und bie unermebliche. Höhe. des Himmels, welcher: in zwei⸗ 
undflebenzig. Sternbitder *) gefchieden iſt: diefe find Wilder 
von Sachen und Thieren, in welche bie Gelchrien den 
Simmel eingetheilt haben. 4. Unter ihnen machen fie ſech⸗ 
zehnhundert nambaft, die durch ihre Wirkung. und durch 
ibron Glanz beſonders in die Augen fallen: zum Beifpiel 
fieben im Schwanze des Gtieres, welche man das Gieben- 
geſtern neunt; am. Kopfe deifelben das Regengeftirn und den 
Bärenhüter, welcher dem großen Bär folgt. 

- XLH (zu). 3. Ic will nicht läugnen, daß auch un⸗ 
abbäugig- von diefen Urſachen Regen: und Wind entftchen, 
Ba: ed gewiß Mt, daß die Erde einen feuchten und off bei 
groser Hipe .einen dampfenden Dunft aushaucht; auch mil 
ich wicht Uagnen, daß aus in die Höhe gefliegener Feuch⸗ 
tigkeit oder aus zur Feuchtigkeit verdichteter Luft ſich Wolden 
erzeugen. 2. Ihre Dichtigkeit und Körperhaftigkeit iſt ſchon 
2aburd) unwiderleghar bewieſen, daß fle die Sonne ver⸗ 
dankeln, die doc, den Tauchern unter dem Waſſer in jeder 

beliebigen: Ziefe ſichtbar bleibt. 
: ALIH Gm), 4. Ich will alfo auch keineswegs in 
Adrede fielen, daß auf dieſe Wolken eben ſolches Stern⸗ 
feuer, wie wir es off bei heiterem "Himmel fehen, **) yon 
oben herabfallen edinne. Durch dieſen Fall muß die Luft 
nothwendig erfchfittert werden; denn abaeſchoſſene Pfeile 





*% Die Alten führen getwöhntich nur 48 ‚Sternbilder am, 
Minius zählt wahvſcheiulich einzelne Theile derſelben noch 
einmal mit, 


) Wal. Kay, 36 und 2. 


a 


. . 
h 

‘ Ja 

A * 


164° C. Plinius Naturgefhiht: — 


fogar ſchwirren. Wenn aber dad Feuer in die Wolfen ges 
Tangt ift, fo erzeugt Ach «in zifhhender Dampf, wie wenn 
man glühendes Eifen in’s Waſſer tandht, und es bittet ſich 
ein Rauchwirbel. Daher entftehen die Gewitter. Kämpft 
der Wind oder ter Dunft im den Wolken, fo erfolgt der 
Donner ; bricht aber der entzündete Dunft hervor, fo ent⸗ 
ſtehen die, Btige, und wenn er eine längere Gtrede dahin 
Fährt, die MWetterftrahlen : durch diefe werden die Wolken 
geſpalten, dur jene zerriffen. 2. Der Donner entſteht 
durch die Schläge des herabdrückenden Feners, und beßhalb 
verbreiten and) fogfeich Daranf die Riffe der Wolken eirien 


- fehrigen Schein. Auch die vori ber Erde mufgeftiegene Luft 


Bann, wenn fle durch den Gegenſtoß der Geflirue zurückge⸗ 
kränge und von einer Wolke aufgehalten wird, donnern. 
60 lange die Luft kämpft, erſtickt die Natur jeden Pant; 
dricht fie aber hervor, fo entſteht ein Knall, wie bei dem 
Zerfpringen einer mit Luft angefüllten Bafe. Auch kann 
ſich tie Luft, von welcher Befchaffenheit ſie auch ſeyn mag, 
während des ſchnellen Herabflürgens burd) Reibung entzän- 
den; eben fo können, wie aus. zwei zu ammengeſchla⸗ 
genen Steinen Bunten, aus dem Sufammenftoßen ber 
Wolfen Britze erzeugt werden. 3. Dod alles Das ift nur 
zufällig, und ſolche Btige find blind und nichtig, weil fie 
nach keinem Naturgefege erfolgen: fie treffen :Berge und 
Meere, uud fahren überhaupt ohne allen Zwei herab. Jene 
anderen fdicdfalverfüntenden aber fommen aus höheren Re⸗ 
gionen, aus beftimmten Urſachen und aus ihren Geſtirnen. *) 





*), ©. Kap. 18, 1. Weide vergebliche Mühe gaben ſich bie 


4 
x 








Zweites Bud. | 165 


XLIV: 4. Ich will nicht läugnen, daß auf ähnfiche Art 
die Winde oder vielmehr. Luftrüge aus der dünnen und fros - 
denen. Ausdunſtung der Erde ſich erzeugen können. Auch 
tönnen fie aus der von dep Waſſer ausgehauchten Luit, 
Die ſich weder zu Nebel verdichtet, noch zu Wolken ans 
fhwillt, ferner durch den bewegenden Einfluß der Sonne 
(denn der Wind ift, wie man weiß, nichts anderes, als eine 
Sırömung der Luft) und endlich auf manche andere Weife 
entfichen. 2. Denn man ficht deren aus den Flüſſen, aus 
den Meerbufen, aus dem Meere felbft, fogar wenn es ruhig 
it, nnd aud von dem Lande aus ‚auffteigen. Man nennt fie 
Seewinde (alıanos) ; kehren fie von dem Meere zurüd, fo 
heißen fie. Retourwinde (tropaei): wehen fie aber gerade 
fort, Landwinde (apogei). 

ur) S. Die Bergzũge aber ‚die zahlreichen Anhöhen 
und die wie Ellbogen zuſammengedrückten, oder wie in zwei 
Schultern gebrochenen Gipfel, fo wie die hohlen, Bufen der 
. <häler, durchſchneiden durch ihre Ungleichheit die ay fie an« 
prallende Luft (wodurd auch an vielen Orten die ſich wies 
derholenden Etimmen [Edy0’$] entflehen), und erzeugen ohne 
Unterlaß Winde. 

(sıv.) 4. Daſſelbe gilt von den Höhlen. Un der Küfte 
von Dalmatien befindet ſich eine folche von ungeheurer jäher 
Ziefe, aus welcher, wenn man andy nur einen leichten Ge⸗ 





Alten ,. die Urfachen bed Donnerd und bed Blitzes aufzu⸗ 
finden, und wie natärtich erklaͤren fich dieſe Erfcheinungen 
jegt durch die Clectrichtät! Mehr Wahre fagt wind 
üiver Die Entfiehung der Winde, 


N 


466 C. Plinius Naturgeſchichte. 
genſtand ud an einem ganz ruhigen Taͤge hineinwirft, ein 
dem Wirdefwind ähnlicher Sturm hervorbricht. Der Ort 
Heißt Senta [Seta]. In der Provinz Eyrene [Barca] ſoll 
ſtich der Sage nad) fogar ein dem Südwinde geheiligeer 
Felſen befinden, ‘weichen Peine menfchlihe Hand zu berühren 
fi ertühnen darf, ohne Daß augenbliclih der Sudwind 
die Sandmaffen aufwirbelt. ) Auch in vielen Häufern 
haben manche Behälter, die dadurch, daß kein Licht in ſie 
fättt, feucht geworden ind ‚ihren eigenen Wind. **r Es fehlt 
ihm daher nie au einer Urſache. 
XLV. 4. Ein fehr großer Unterfäjied ift jedoch zwi⸗ 
ſchen den Luftſtrömen und den Winden. ene wehen zu bes 
flimmten Zeiten und anhattend, nad find nicht in einem oder 
dem anderen Striche, fondern durch bedeutende Ländew 
ſtrecken fühlber: ſle ſind weder fanfte Lüftchen, nody-Stürme, 
fondarn die eigentlihen Winde, und ihnen allein gebührt 
Diefer mäunliche Namen. Entweder verdankt der Wind dem 
fleten Umſchwung der Welt und dem entgegengefebten Laufe 
der Geſtirne feinen Urſprung; »5) oder er iſt ſelbſt jener 





In den Afrikraniſchen Wuͤſten finden ſich häufig Sandyüger, 
die unbeweglich bleiben, fo lange ſie mit nichta in Beruhs 
‚rung kommen, bie aber, wenn nur. ber geringſte Anſtoß 
erfolgt, vom Winde fortgeführt werben, Daher mag bie 
Fabel von einem dem Südwinde heilinen Felſen herruͤhren. 
ee) Nach der Lesart in domibus etiam multis madefacta in- 
clusa opacitate oonceptecula, welche ſich als die ver⸗ 
nünftigfie bewährt, wenn man bedenkt, daß bei dem 
Oeffnen ſolcher feuchten Gemäder ſich bie darin befindliche 

feuchte Luft auchehnt, and als Wind ausftrömt, 

e, Mol, Kap, 6, 4 . 


u’ 








Zweites Buch. 467 


ergengende Hauch der Natur, der gleichfam im Muttenleibe 
der Welt Hin uud her ſchweift; oder er ift die von dem nach 
verſchiedenen Richtungen mirkenden Druck der Plaueten 
und dem vielgeſtalteten Strahlenwurf gepeitſchte Luft; ober 
er kommt van diefen und näheren Geſtirnen; oder er fällt 
von ben Zirfternen. Jedenfalls ift gewiß, daß auch em 
einem beſtimmten Naturgefese folgt, das zwar. nicht unbes 
kannt, aber noch nicht genugfam erforihht if. - 

Gruxxi.)2. Mehr als zwanzig alte Griechiſche Schrift⸗ 
fteler haben und Bemerkungen über diefen Gegenſtand hin⸗ 
terlaſſen, und ich kann mich nicht: genug darüber wundern, 
daß in einen. ſtets uneinigen und in verfhiedene Staaten, 
Das beißt, in einzelne Glieder, getrennten. Lande, unter 
fortwährendem Kriegsgefünmel, wo man ſich nicht auf das 
Gaſtrecht verlaffen konnte, und die Geeräuber, dieſe Feinde 
aller Menfchen, jeden Verbindungsweg befept hielten, fo 
viele Männer ſich diefe äußerft fchwer zu erforfchenden Dinge 
fo febr-angefegen feyn ließen, daß noch ‚heut zu Tage Jeder. 
Alles, was feine Heimath betrifft, wohin fie doch nie Bas 
men, aus ihren Schriften genauer erfahren kann, als durch 
Die Kunde der Gingeborenen ; daß wir .aber jebt während 
eines fo köſtlichen Friedens und unter einem Fürſten, der 
ſich fo sehr Über alle Kortfchritte der Wiſſenſchaſten unb 
Künfte freut , nicht nur durdyneue Forſchungen nidyts weiter 
erkennen, fondern nicht einmal die Erfindungen der Alten 
uns aneignen... 5. Die Belohnungen. Eonnten damals nicht 
größer ſeyn, da die Glücksgũüter unter Viele vertheilt was 
zen. Auch befchäftigten ſich die Meiften mit diefen Unter 
männgen nicht ſowoht des Zohnes wegen, als um der 


v 


TO — — — — — — 
— 


ass C. Plinius Naturgeſchichte. 
Nachwelt zu nügen. Aber die Sitten der Menſchen. haben 


ſich verſchlechtert, nicht die Vortheile Tdes Willens], Eine 
unzählbare Menge durdſch'fft jetzt, da man an allen Ufern 


bei der Landung gaſtliche Aufnahme findet, das allenthalben 


zugängliche Meer, aber des Gewinnes, nicht der Wiſſenſchart 
Segen. 4. Der blinde, nur der Habſucht zugewandte Sinn 
überlegt nicht, daß er durch die MWillenfchaft feinen Zweck 
noch weit ficherer erreichen Bann. Ic will deßhalb diefe 
Zaufende von Geerfahrern im Auge behalten, und ron den 
Winden etwas weitläufiger, als es ſich vielleicht mit dem 
Plane meines Werkes verträgt, handeln. \ 
XLVI (zıvu). 4. Die Alten nahmen nach den vier 
Weltgegenden aud in Allem nur vier Winde an (weßhalb 
auch Homer *) nicht mehrere nennt). Diefe Eiutheilung 
"war, wie man bald einſah, nicht genau genug; als aber Pie 
Folgezeit noch acht hinzufügte, wurde fie allzufpikfindig und 
kleinlich. Den nächtten Jahrhunderten gefiel ein Mittelweg 
'zwifchen beiden Unnahmen, und fie fügten der Bleineren Zahl 
vier von der größeren bei. Es kommen alfo je zwei auf bie 
vier Weltgegenden. Vom Aufgange der. Sonne bei der 
Tag⸗ und Nachtgleiche weht der Subſolanus ſOſt), von 
ihrem Anfgange am kürzeſten Tage der Vulturnus [Sido] :- 
jenen nennen bie Griechen Wpeliotes, diefen Gurus. 2.:Bon 
Mittag her weht der Aufter FSüd), vom Untergange der 
Sonne am kürzeften Zag der Africus Südweſt]: diefe heißen 
bei den Griechen Notus und Libs: vom Gonnenunfergang 
bei der Zags und Raqhtgleiche der Favonius [Weſt], von 





+ ®). Odyſſee V, 295- 








Zyeites Buch. 469 


dem. Untergang der Sonne dei ihrer "Sommerweide ber 
Corus [Mordwer], von den Griechen Zephyrus und Arge⸗ 
ſtes genannt, von Mitternacht her der Geptentrio [Nord], 
und zwifchen ihm und dem Aufgange ber Sonne bei ihrer 
Gommerwende der Aquilo [Nordofti: die Griechen nennen 
‘fie Uparctias und Boreas. Die weitläufigere Eintheilung 
"hatte zwifchen dieſe noch vier eingefchoben : ben Thrascias 
[Rordnordwer] mitten zwifhen Norden und dem Unter⸗ 
gange der Sonne bei ihrer Sommerwende; den Gäcias ſOſt⸗ 
nordoſt] zwifchen den Yauilo und den Aufgang der Sonne 
Dei der Tag⸗ und Nachtgleiche, in der Gegend des Auf— 
gangs bei der Sommerwende; ten Phönir [EAdfÜdoR] 
mitten zwifchen ben Aufgang der Sonne am Fürzeflen Tag 
und Mittag ; zwiſchen Mittag und den Untergang ber Sonne 
am ?ürzeften Tag, nämlich zwifchen den Libs und Notus, 
‚einen aus beiden zufammengefesten, ben Libonotus (Südſüd⸗ 
we) 3 Damit war es aber noch. nicht genug. Denn Eis 
nige febfen auch noch zwifchen den Boreas und Cäcias den 
fogeuannten Mefes [Nordoſtnord), und zwiſchen ben Eurus 
und Notus den @uronotus FEüdoftfäd]. Auch gibt es einige 
Binde, die nur gewiflen Völkern zigentbümtid find, und 
nie über einen beftimmten Strich hinauswehen : fo bei den 

Athenern der nur wenig‘ von dem Argeftes abweichende 

Seiron, der dem übrigen Griedhenlande unbekannt iſt. An 
einem andern Orte heißt derfeibe Wind, wenn er etwas 
mehr von Norden kommt, Diympias; man ift jedoch ges 
wohnt, unter alten diefen Namen den Argefted zu verftes 
ben, a. Auch den Eäciad nennen Manche Hellespoutias, 
und fo haben dieſelben Winde an verfhiedenen Drie 


10 C. Plinins Raturgeſchichte. _ 


verſchiedene Namen. In der Narbonifhen Provinz iſt 
ber bekannteſte Wind der Eircins: *) er fteht Eeinem audern 
an Heftigkeit nach, und flreicht gewöhnlich gerade über das 
Liguſtiſche IGenueſiſche] Meer nad) Oſtia. Derfelbe Wind 
iſt nicht ‚nur. unter den übrigen Himmelsſtrichen unbekannt, 
fondern er fommt nicht einmal nad) Vienna [Bienne] , einer 
Stadt derfelben Provinz, weil dicht vor ihrem Gebiete dies 
fer ſo gewaltige Wind durch einen ihm  entgegenftehenden 
Bergrüden von nicht fehr bedeutender Höhe zurückgehalten 
wird, So läugnet aud, Fabianus, daß ber Südwind bis nady 
Aegypten dringe. Es offenbart fih in allem Dielem ein 
maͤchtiges Naturgefes, das auch ben Winden Zeit und 
Granzen ‚vorgefchrieben hat. .. 

XLVII. 4. Der Frühling eröffnet den Schiffern bie 
Meere. Bei feinem Beginn erweichen die Weſtwinde den 
winterlihen Himmel, mit dem Eintritte der Sonne in den 
23. Grad des Waſſermanns. Diefes geſchieht am ſechsſsten 
"Tage vor den Idus des Februars [7. Februar]. Dafielbe 
gilt faft von allen Winden, die -id) weiter ‚nnten anführen 
werde. Nur bei jedem Schaltiahre treffen fie einen Tag 
früher ein, folgen aber während des folgenden Luftrum *% 
ihrer. alten Drbnung. Den Wellmind nenuen Einige vom 
achten Zag der Ealenden des Mär; [22. Bebsuar) an 





*) Dan foll diefen Eircins (Nordweſtnord) jet noch in dem 
angeführten Landſtriche Cers nennen. Auch wird, vers 
fihert, daß er nicht nach Vienne bringe. . 

ID i. in den drei naͤchſten Jahren nad dem Schaltjahre. 

L2uſtrum iſt hier ein Zeitraum von 4 Jahren, 


2 











Zweites Buch · — 


Chelidonias [Schwalbenwind], weil man um dieſe Zeit die 
Schwalben wieder fieht; Manche auch Ornithias fBogel⸗ 
wind], wegen der Wiederkunft der Vögel: er weht vom 
7aſten Tag nad) der Winterſonnenwende an neun Tage 
hindurch. 2. Dem Welt entgegengefest ift der Wind, wels 
den wir Subfolanns LO] genannt haben.- Als feine Zeit 
gilt der Aufgang des Gicbengeflirns in bemfelben [23] 
Grabe des Stieres, ſechs Tage dor den Idus des Mai [9. Mai], 
zu welcher Zeit der Südwind beginnt. Diefem ift der Nord: 
wind entgegengefegt. In der heißelten Beit des Gommers 
geht das Hundsgeſtirn anf, wenn nämlidy die Gonne- in den 
erften Grad des Löwen tritt, was am fünfzehnten Zage 
vor den Ealenden des Auguft [17. Juli] flättfindet. Unges 
fähr acht Tage vor feinem Aufgange erfcheinen die Nord⸗ 
oſtwinde, welche deßhaib Vorläufer (prodromi) heißen. 
Zwei Tage nach dem Aufgang wehen dieſe Nordoſtwinde 
beſtändig während der Zeit der Hundstage, und man nennt 
ſie alsdann Eteſi en [jährlihe Winde]. Die durch die Hitze 
de Hundefterns verdoppelte Sonnenglut fol fie milder ma⸗ 
her. Keine andere Winde kehren fo regelmäßig wieder, 
ald diefe. 3. Nach ihnen wehen wieder beftändig Südwinde 
bis zum Anfgang des Arcturus, ) eilf Tage vor der Herbfls 
Tags und Nadıtgleiche, mit welcher der Nordweit beginnt. 
Der Nordweſt dauert den ganzen Herbſt hindurch; ihm 
entgegengefent ift der Südoſt. A. Ungefähr vierundvierzig 
Tage nach diefer Tags und Nachtgleiche beginnt -mit dem 
Untergange des Siebengeſtirns ber Winter, welcher Zeitpunkt 


6, Kap. 50.5.2 ' 


\ 


472 C. winiue Raturgefäiäte. 


gewößntich auf den- dritten Tag der Idus des Novembers 
(11. November) fält. Mit ihm beginnen and die winters 
lichen Nordoſtwinde, welche von den im Sommer ‚webenden 
ſehr verfchieden find ; ihnen entgegengefebt ift der Sudweſt. 
‚Sieben Tage, vor und eben fo viele nach dem kürzeſten Tag 
ebnet ſich ‚das Meer zus Brust der Eisvögel, woher aud) 
diefe Tage ihren Namen bekommen haken.”) Die. übrige 
Zeit wintert es. Aber nicht einmas dag Ungelüm der 
Witterung fchließt das Meer. Zuerſt zwang die Burdt vor 
dem. Tode durch die Geeräuber dem Tode entgegenzugehen, 
und das winterliche Meer zu befchiffen. Jetzt zwingt Die Habs 


ſucht bazu. 


-XLVUL, 1. Die kalleſten von allen Winden find bie, - 


welche von Norden her wehen, und ihr. Nachbar, der Norbs 


weil. Sie bändigen die übrigen Winde, und verfheuchen 
die Wollen. Nuß find der Südwelt und befouders der Süd 


in Stalien. In Pontus [an den Ufern bes fchwarzen Mee⸗ 


res] foll uud) der Oftnsrbof die Wolken aufziehen. Trocken 
find der Nordweft und der Südoſt, ausgenommen,’wenn fie 


‚bald aufhören zu wehen. Schnee bringen ber Nordof und 


der Nord, Hagel der Nord und der Nordweſt. 2. Heiß iſt 


‚ber Süd; lau find der Südoſt und der Welt, beide aber 


trockner, ald. der Oſt. Ueberhaupt find alle von Mitternacht 
und Abend ber wehende Winde trodner als die, welche von 
Mittag und Morgen kommen. Der gefundefle-von alten ift 
der Nordoft. Schaͤdlich ift der Süd, befonders, wenn er trecken 
if, dielleicht weil er, mit, Feuchtigkeit gefchwängert, Fühler 





*) Man nennt fie namlich Halcyonides (Eisvogeltage). 





Sweited Buch.  - 175 


if. Die Zhiere follen, ſo lauge er weht, weniger” Hunger 
fpüren. Die Etefien Hören nm die Nachtzeit auf, und ers 
heben fidy wieder nm die dritte Stunde des Tages. *) Im 
Spanien und Allen kommen file von Oſten, in Poutus von 
Nordoſten, in den Übrigen Ländern von Mittag. - 5. Sie 
wehen auch nocheinmal nad) der Winterfonnenwende, zu 
weicher Zeit fie Ornichia [Bogelminde] heißen, aber gelin- 
der und nur wenige Tage, Zwei Winde verändern and) 
ihre Natur nad der Ortslage: ig Afrika nämlidy bringt der 
Suͤd Heitered Wetter, der Nordoſt Wolken. Alle Winde. 
wehen größtentHeils nach einer beſtimmten Reihenfolge, oder. 
fo, taß, wenn einer aufhört, der ihm gerade enfgegenges 
fegte beginnt. Erhebt fid) aber nad) dem Auſhören des 
einen der diefem zunächflliegende, fo gebt Die Reihenfolge 
von der Linden zue Rechten, wie die Sonne. — Welche 
Winde in jedem Monate vorherrſchen, entſcheidet meift der 
vierte Tag des Neumonds. — Man kann aber mit dem: 
felden Th nady der entgegengefeuten Richtung ſchiffen, 
wenn Wan das Zau an der einen Edle des Segels nadyläßt 
favirt]; weßhalb auch häufig des Nachts Fahrzeuge, bie 
von ganz enfgegengefesten Seiten kommen, zufamnienftoßen. 
Aa. Der Eüd verurfacht größere Wogen, als ‘der Nordoſt, 
‚weil jener. tief von. dem unterſten Erde des Meeres herweht, 
diefer aber. gauz vn oben. *) Deßwegen felgen auch die 





©) EN h. drei Stunten wach: Kufgang d der Sonne. 
20) Die Alten bachten fich bie nerdüge Weltqegend weit We, 
als die fübdliche, 


t 


174 C. Plinius Naturgeſchiche. 
ſqhadlichen Erdbeben; beſonders anf Eädwinde. Der Sad 
iſt bei Nacht, der Nordoſt bei Tag. heftiger. Die upn 
Morgen wehenden Winde halten: länger an, als die an 
Abend wehenden. Die Nordwinde hören gewöhnlich nach 
einer ‚ungleichen Anzahl von Tagen auf; weile Bemerkang 
andy in vielen andern Gebieten-der Natur gilt, weßhalb 
Man auch die ungleichen Sahlen für männlich hält.) Die 
Sonne verftärkt und unterdrintt bie Winde: fie verstärkt 
fie. bei ihrem Auf⸗ und Untergange; fie. unterdrückt fie. bei 
der Sommerhite um die Mittagszeit. Sie legen fich alio 
gewöhnlich um die Mitte des Tages ober der Nacht, went, 
fle darch allzugroße Kälte under Hitze vertrieben . werben. 
And) bei dem Regen legen: ih die Winde - Am fitherften 
darf man fle von der Seite her erwarten.,. wo zertheilte 
Motten den Himmel durchblicken laſſen. 5. @udrzus glaube, 
daß diefelbe Reihenfolge aller Winde nach einem Zeitraume 
von vier Jahren (unter weichen man gewöhnliche kleine 
Fahre **) verfiehen muß) wiederkehre; und zwar ganbt er 
Diefes nicht nur von den Winden, ſoudern auch Yon. fa 
allen auderen Witterangsveränderungen. Dieſe Zeitperisde 
begiunt in jedem Schaltjahre mit dom Aufganuge des Bund⸗ 
ſterns. Op viel von den allgemeinen Winden. 

XILIX (Arvin). 4. Nun von ben plotzlich entſtohenden 
Winden, bie, wie gefagt, **”) ſich aus den von ber Erde 





*, Alter Aberglaube. 
” Plinius. hielt biefe Bemerkung. für nöthig, weil man unter 
dem foge nannten Eudoxiſchen Jahr einen Zeitraum von 
2.8 Jahren zu erſte hen gewohnt war. 
206) Kap, 42, $. 1 + . x 


- 








\ t 


.' Zweite Bud. 175 
anffteigenden Dünften binden, daun aber, nachdem fie ſich 
in eine Wolfenhälte eingewidelt, wieder heradgedrüdt wers 
den, und in mancherlei Geſtalten erfcheinen. Unflät umher 
fchweifenb und glei) Beraftrömen herabſtürzend, erzeugen 
Re nach der ſchon angeführten ) Meinung Einiger Donner 
and Blis. Fahren fie mit größerer Schwere und Schnelligkeit 
baher, und zerreißen weit umd Breit die Frodene Wolke, fo 
entficht ein Staem, weicher von den Griechen Ecnephias 
genannt wird. Drkden fie aber die Wolke nur an einer 
Gtelle herab, und brechen, nachdem fle ſich in dleſem Buſen 
. in immer engerem Kreife gedreht, ohne Feuer, das heißt, 
ohne Blitz hervor, fo bilden fle einen Drehwind, welchen 
man Thphon nennt, wad nichts Anderes heißt, ald ein ges 
wirbelter Eenephias. ») 2. Diefer führt ein vun der ' 
Balten Wolke abgerifienes Stück mit ſich, wickelt es zuſammen, 
dreht ed, beſchleunigt durch dieſen Zuwachs an Schwere 
feinen Ball, und wechfelt, indem er ſich fortwährend in reif 
fendem Wirbel dreht , jeden Augenblick ſeine Stelle. Es iſt 
die ärgite Plage der Geefahrer,, indem er nicht nur die Se— 
gelſtangen, ſondern auch die Schiffe ſelbſt, nachbem er fle im 
Kreife herumgeſchleudert Hat, zertrümmert. Ein nicht ande 
zeidiendes Reitungemittel iſt der Weineſſtg, der bekanntlich 
febr kaiter Natur it, And den man dem auflärmenden ent- 


28 9. 43. 1 | 

Der Eenephias in aus den Wolken) 'entfpricht dem 
Drkan, der Typhon (Rauswiud) der Banbtrompete und der 
Waſſerhoſe. 


176 C. Plinius Naturgefhichte. . 


gegengießf. ) Prallt ex nad) einem Anftoß zurück, fo führt 
er Alles, was in feinen Bereich kam, mit fih gen Sims 
mel, und berfchlingt es für die höheren Regionen. 

L, 4. IR die Höhlung der berabgedrüdten Wolle, 
aus welcher ex hervorbricht, größer , aber weniger breit als 
bei dem Orkan, und gefchieht Diefes nicht ohne Krachen, 
fo nennt man ihn Turbo (Wirbelwind). Er wirft Alles, 
was in feine Nähe geräth, nieder. Iſt er glühender und 
entzündet fidy, während er wüthet, fo beißt ee Preſter [fen 


siger Wirbeiwind]), Was mit ihm in Berührung tommi, 


verbrennt und zermalmt er zugleich. \ 

‚ (zu) Dee Typhon findet nie bei Nordoftwind, - der 
Ecnephias nie bei Schneewetter, oder fo lange Schnee liegt, 
ſtatt. Entzündet er ſich fogleich bei feinem Durchbrud, durch 
die Welke, hält er das Feuer, und erzeugt diefes nicht erft 
fpäter [wie der Prefter] , fo wird er zum Blitz. Er nnter 
ſcheidet fi) vom Preſter, wie die Flamme vom euer. Die⸗ 
fer zerfährt durch fein Wehen weit und breit; jener [der 
Big] drängt ſich durch feine eigene Kraft auf einen Punkt 
zufammen. 2. Der Drehwind (vortex) unterſcheidet ſich 


vom Wirbelmind (turbo) dadurch, daß. er zurüdkehre, und 
wie das Praffeln von dem Krahen. Bon beiden unterſchei⸗ 
det fi der Orkan Dadurch, daß er die Wolke mehr ausein« 


anderfhfeudert, als durchbricht. Manchmal zeiat ſich auch 
eine dunkle Wolke, einem wilden Thiere ähnlich, und den 
Echiffern Unheil bringend. Man nennt fie eine Säule, 





=) Dieſes aberglänsifche Mitte} kann Beinen Erfoig haben. 
Beſſer hilſt ein tuchtiges Kanonenſener. 


2— 





rn 3Zweites Bud. 477 
wenn die verdichtete und. flarrende Fenchtigkeit ſich ſelbſt 
aufrecht erhält. Zu dieſer Gattung gehört ferner die Wolke, 
weiche das Waller wie eine lange Pfeife in die Höhe zieht. *) 

-LI (2): 4. Im Winter und ım hohen Sommer *% find 
Die Blinde felten, und zwar aus ganz enfgegengefehten Urs 
ſachen.“ Im Winter nämlid, wird die ohnehin ſchon dide 
Luft und- die fchwere Wolkendecke noch mehr verdichtet; 
alle Ausdänftung der Erde iſt kalt und eiſig, und was fle 
. an Beuesftoff enthält; erliſcht. Aus diefer Urfache ift Scy⸗ 
thien ſammt den umliegenden Eisländern don den Blitzen 
befreit. Dagegen hat in Aegypten die allzugroße Hibe die⸗ 
gelben Bolgen ; ‚denn bie Duͤnſte der Erde find heiß und 
xrocken, und verdichten ſich fehr felten, und dann nur in 
Teichte Wolken. 2. Im Frühiahre und im Herbſte aber find 
Die Blige häufiger, weil die Urfachen, die fie im Sommer 
end im Winter verhindern, hinwegfallen. Deßhalb find die 
Blige auch in Italien fehr häufig; denn die Luft bleibt durch 
Den gelinderen Winter und den feuchten Sommer beweglich, 
. and gleicht einigermaßen immer der Frühlings oder Herbſt⸗ 
Auft. Auch in denjenigen Theilen von Stalien, welche fih 
ehr von Norden nad) dem heißeren Himmelsſtrich hin ent: 
fernen, wie das Gebiet der Stadt [Rom] und Campanien 
(Terra di Lavoro], biist ed im Winter und im Sommer, 

was in- anderen Geaenden nicht der Fall iſt. 
LU (u). 4. Man zählt mehrere Arten von Blitzen 


Säulen und Pfeifen find Wafferhofen. 
0%, Dies gilt nur für bie füblichen Gegenden. 


E. Plinius Naturgeſch. 25 Bhchn, 6 


178 C. Plinius Naturgeſchichte. 


auf. Die trockenen zünden nicht, ſondern zerſtören nur; die 
feuchten verbrennen nicht, ſondern verfengen nur. Eine 
dritte Sattung, welhe man glänzende nennt, find größten: 
theild von wunderfamer Eigenfhaft ; denn fie leeren Zäffer 
aus, ohne das Aeußere derfelben zu verlegen, oder irgend 
eine Spur zurückzulaſſen. 2. Gold, Erz und Silber fchmilzt 
in den Säcken, ohne daß dieſe im geringfien verbrannt 
werden, oder Daß auch nur das Wacheſiegel verletzt wird. *) 
Marcia, die erfte der Römerinnen, » wurde ıwährend 
ihrer Schwangerfchaft vom Blige getroffen: die Leibesfrucht 
ſtarb, fie felbft lebte aber fort, ohne irgend eine Unbeqguem« 
lichkeit zu fpüren. Zu den Wunderzeihen, welche den Eatilinas 
riſchen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurio 
[Rathöherr] M. Herennius aus der Yompejanifden Munis 
- cipalftadt [Pompeji] bei heiterem Himmel om Diige er⸗ 
ſchlagen wurde. ***) 

LI (um). 4. Rach den Schriften der. Tudcet » ſollen 
neun Goͤtter Dlige werfen, und deren eilf Arten feyn; denn 





*) Die electriſche Kraft Hat auf manche Stoffe, die man im 
ber Phyſik fhlechte Leiter nennt, Beinen Einftuß. 

**) Die Ausleger haben ſich vergebens mit der Erklaͤrung dies 
ſes Ausdrucks abgemüht, Iſt ed die Frau bes erfien Se⸗ 
nators, oder iſt es die Matrone, bie bei dem weiblichen 
Gottesdienſt den Borfig führte? 


“.. Die Nichtigkeit der beiden legten Fälle mag dabin geſtellt 


bleiben. 


+) Die Tuscer (Hetrurier) hatten hen alten Aberglauben und 

die darauf bezfiglichen Gebräuche am ſorgfältigſten ausge⸗ 

bildet, und ſogar allen Unſinn (von dem wir hier eine 
Probe ſehen) in Ritualbüͤchern niedergelegt. 
Zu r 








‚ Zweites Buch. 179 


Jupiter allein ſchleudere dreierlei. Die Römer haben von 
dieſen nur zwei Arten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Naht vorkommenden: die erften fchreiben fle dem’ Jupiter, ' 
die andern, welche der fühleren Temperatur wegen feltener 
find, dem Summanus *) zu. Die Hetrurier glauben auch, 
Daß Blitze aus der Erde hervorbrehen,, »ey und nennen fie 
unterirbifhe. Winden diefe zur Zeit der Winterfonnenwende 
flatt, fo ſind fie meift bösarsig und unheilbringend; denn 
ale,“ welche nad ihrer Meinung aus der Erde entftehen, 
find nicht wie jene gewöhnlichen, von den Geſtirnen hers 
rührenden, fondern gehören ber und nächften und unreineren 
Natur an. 2. Bin augenſcheinliches Unterfcheidbungszeichen 
ift, daß alle aus der höheren Himmeldgegend fallende Blite 
eine fchiefe , die aber, welche man irdifche nennt, eine ges 
zade Richtung nehmen. Weil fie num aus einem und näs 
beren Gtoffe fallen, fo glanbt man, fie gehen ans der Erde 
hervor, weil man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was andy nur bei einem von oben fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blige der Ball ſeyn 
könne. Leute, welche diefer Sache noch weiter nachgegrü⸗ 
beit Haben, glauben, diefe Blitze fämen vom Platteten Sa: 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
foichen Blis wurde Volſinii [Volſena], die reichſte Stadt 


*) Summanus (summus manium), ber Gott der Unter: 
welt, 

*. Wenn manchmal Wolren eleetriſchen Stop von ber Erde 
an ſich ziehen, fo rounte man ſagen, es entſiehen Blitze 
aus der Erde. 3* 


480 E. Plinius Naturgefchichte. 


der Tuscer, gänzlich verbrannt. 5. Zamilienblige nennt 
man folhe, weldye einem, der ſich Bamilienverhältniffe bes 
gründet, zuerft vorkommen: ihre Vorbedeiitung foll für das 
ganze Leben gelten. Die Vorbedeutung der Privatblige 
reicht, wie man glaubt, nicht Über zehn Jahre hinans, 
ausgenommen, wenn fie bei der erften Verheirathung oder. 
am Geburtstage fattfinden; die Staatsblitze deuten nicht 
weiter ald dreißig Fahre, andgenommen, wenn fie. fich bei 
Anlegung von Eoloniefädten ereignen. 

LIV (um), 4. Aus der Ueberlieferung der Jabrbucher 
er ſehen wir, daß man durch gewiſſe beilige Gebräuche Blige 
erzwingen, oder doch erflehen könne. In Hetrurien geht. 
ein uraltes Gerücht, daß ein Blitz erflcht worden fiy, als 
ein Ungeheuer, Bolta *) genannt, nad) der Verwüſtung der 
Aecker in die Stadt Volfinii Fam. Auch Porfenna, der König _ 
Diefes Landes, fol Blige hervorgebracht Haben. 2 Pifo, ein, 
glaubwürdiger Schriftfteller, erzählt im erſten Buche feiner 
Annafen, daB fon lange vor Porfenna Numa Daffeibe 
gethan habe, und daß Tullus Hoftilins, als ex es ihm nach⸗ 
machen wollte, aber die Geremonien nicht genan beobachtete, 
vom, Blitze erfhlagen worden fey. *) — Wir haben lzur 
Herdorrufung der Blige] Haine, Altäre und heilige Ges 
drauche; und nebem dem Jupiter Stator, **e) Tonans 


») Die Bedeutung dieſes Hetrueciſchen Wortes laßt ſich nicht 
errathen. Nach Otfried Muller (die Hetruscer, Bres⸗ 
lau 1828. 8. Band I. S. 280) war es ein gefpenfii- 
ſches Werfen der Volksſage, wie bie Mania in den Romi⸗ 
ſchen Ammenmaͤhrchen. 

*®, Noel. Livius l, 20, 31. . 
r, © tator ESuͤufeher heißt Juviter, weil er auf Das Fle⸗ 





"Zweites Bud, | 184 


[Donnerer] und Feretrins ) haben wir auch nod einen 
Elicius [Oervorgelockten] angenommen. 2. Die Meinung 
über dieſe Dinge iſt im Leben verſchieden, und richtet ſich 
nach eines Jeden Ueberzeugung. Keck iſt's zu glauben, man 
könne die Natur beherrſchen; eben ſo großen Schwachſinn 
verräth ed aber, wenn man ihren Wohlthaten alle Kräfte 


-ablängnen will, befonders da die Willenfchaft in der Deus 


£ung der Blibe fo weit gekommen ift, daß man nicht nur 
den Tag, an weichem fie eintreffen, mit Beſtimmtheit vor» 
ausfagt, fondern auch, ob fie ein bereits obwaltendes Schick⸗ 


ſal endigen, oder ob ſie noch verborgene Schickſale beginnen ; 


wie denn für beide Fälle unzählige Erfahrungen des Staats⸗ 
und Privatlebens vorliegen. Mögen alfo diefe Zinge, wie 
es ihre Natur-mit fi bringt, Einigen gewiß, Andern zweis 
felhaft, Einigen preiswürdig, Andern tadelnswerth vor⸗ 


kommen: wir wollen, Was nody weiter an ihuen merkwürdig 


iſt, nicht uͤbergehen. 

LV (um). 4. Gewiß iſt, daß man den Blitz eber 
fieht,, als den Donner hört, obſchon fle zu gleicher Zeit flatt, 
finden. Daran ift nichts Wunderbares; denn das Licht 
pflanzt fich fchneller fort, als der Schall, Zwar hat es die 
Natur fo eingerichtet, daß das Treffen des Blipes und der. 
Schal in demfelben Momente zufammenfällen; aber der 
Schall entfteht, wenn der Blitz abführt, nicht, wenn er trifft. 





hen des Romulus die vor den Sabinern fliehenden Römer 
zum Stehen brachte. Livius J, 12, 

*, Feretrius (Beuteträger) heißt ee, weil ihm Romulus bie 
ven Länikern abgenommene Beute in einem dazu erbauten 
Tempel weihte. Livius I. 10. | 


132€. Plinins Naturgeſchichte. 


Auch die Luft ift fchneller, als der Blitz; deßhalb wird auch 
Alles zuerft erfchüttert und angeweht, che es erſchlagen 
wird, Ferner wird Niemand getroffen, der bereits den 
Blitz gefehen oder den Donner! gehört Hat. 2. Die Blitze 
zur Linken werden für glüdbringend gehalten, weil Morgen 
‚auf der linken Seite. der Welt liegt. Auch hat man nicht 
fowohl- auf das Herabfallen des Blitzes, als auf fein Wies 
dererfcheinen [feine Wirkung] Acht, ob nämlich fogleich nach 
dem Schlag Feuer emporlodert, oder ob nur, nachdem das— 
Banze vorüber ift, und dad Teuer ſich feibft verzehrt hat, 
ein Dunft auffteigt. Die Tuscer haben zum Behufe diefer 
Beobachtungen den Himmel in fechzehn Zheile abaetheilt. 

Die erfte Abtheilung reicht vom Mitternacht bis zu Sonnen⸗ 
aufgang bei der Tag: und Nachtgleiche; die zweite bis zu 
Mittag ; die dritte bid zu. Sonnenuntergang bei der Tag⸗ 
und Nachtgleiche: die vierte begreift das noch Uebrige von 
Abend bis zu Mitternacht. Jede diefer Abtheilungen theilten 
fie. wieder in vier Theile, und nannten die acht gegen Mors 
gen liegenden linke, und die andern acht anf der entgegen⸗ 
gefepten Geite rechte. 3. Bon allen Bligen find die, welche 
von Abend nach Mitternacht Hin [im Nordweften] vorkommen, 
die unheilvollften; es ift alfo fehr viel daran gelegen, woher 
fie fommen und wohin fle fahren. Am beiten iſt's, wenn 
fie in der Simmeldgegend, in welcher fie entfehen, bleiben. 
Deßhalb bedeuten die, welche von der erſten Abtheilung bes 
Simmeld [von Nordoften] kommen, und aud in diefelbe 
fahren , das höchſte Glück: ein folhes Vorzeichen ward, wie 
man erzählt, dem Dictator Sylla. Die Blige in den übrigen 
Beltgegenden bringen weder fehr großes Glück, ed fehr 


' 








3weites Bud. 185 


sroßes Unheil. Man hält es aud Für unreht, mande 
Blige zu nennen oder nennen zu hören, man müßte file denn 
einem Gaflfreunde oder einem Verwandten anzeigen. — 
Die völlige Grundloſigkeit diefer Beobachtungen erwies fich 
aber recht angenfcheintich zu Nom, als unter dem Eonfulat 
des Scaurus [115 vor. Ehr.], der bald darauf Princeps 
[&rfter des Senats] wurde, ſelbſt in den Tempel der Juno 
der Blitz einſchlug. ) 

A. Blitze ohne Donner bemerkt man häufiger bei Nacht, 
als bei Tag. Nur ein einziges Thier, den Menſchen näms 
lich, tödtet der Blig nicht immer, alle anderen aber anf 
der Stelle; ?*, die Natur Hat ihm wahrfcheinfich dieſen 
Borzug gegeben, weil ihn fo viele Thiere an Kraft über 
‚ Areffen. Gie alle fallen [wenn fle vom Bliztze erſchlagen 
werden] auf die entgegengefepte Geite; der Menſch aber 
Kirbt nicht, wenn er nicht auf die getroffene Geite geworfen 
wird. 5. -Die gerade von oben Betroffenen feben ſich; die 
wacend Erfchlagenen findet man mit zugedrüdten, bie im 
Schlafe Getroffenen mit offenen Augen. Einen auf dieſe 
Weiſe entſeelten Menſchen darf man nicht verbreunen: die 
Religion gebietet ihn zu begraben. Kein Thier wird vom 
Blig angezündet, es müßte denn ſchon vorher todt geweſen 





2) Was gewiß nicht gefchehen wäre, wenn Jupiter, der Ges 
mahl der FTuno, die Blitze ſchleuderte. 
©, Der Beweis, daß die vom Blitz getroffenen Thiere noth⸗ 
wendig das Leben verlieren müfen, möchte fchwer zu fühs 
ren ſeyn. Eben fo bedürfen bie von Plinius angeführten 
Wirkungen bes Blitzes weiterer Beſiaͤtigung. 


1:7 Be € Pünius Naturgeſchichte. | 


ſeyn. Die Wunden der vom Blis Erſchlagenen find kalter, 
als der übrige Körper. 

-LVI (iv). 4. Bon allen &rdgewächfen wird der Lore 
beerbaum allein nicht vom Blipe getroffen; aud) dringt die⸗ 
fer nie tiefer, als fünf Fuß ın die Erde. Burditfame Lente 
wähnen fid) deßhalb am ficherften in tieferen Höhlen oder 
in Selten and Hänten von. Meerkälbern; denw unter den 
Geethieren ift dieſes das einzige, welches nicht vom Blige 
getroffen wird, fo wie unter den Vögeln der Adler, *) der, 
deßwegen auch in der Dichtung als Träger Diefes Gefhoffes 
gilt. 23. In Italien baut man zu Kriegszeiten zwifchen 
Terracina und dem Tempel der Feronia °*) Beine Thürme 
mehr, weit bis jest nicht einer vom Blitze verſchont blieb. 


LVU (iv). 4. Außerdem wird, was die untere Him⸗ 


meldregion betrifft, in hiftorifhen Denkmälern ergät ‚da 
ed unter dem Gonfulate des M. Acilius und C. Porcius 
[144 vor Ehr:} Milch und Blut, unter dem Sonfulate des 
P. Bolumnius und Servius Sulpicius [461 vor Chr.] aber 
Fleiſch geregnet habe, und daß die Stücke des letzteren, welche 





*, Das in dieſem Kapitel Gelagte muß auf den San zurüds 
geführt werben, daß manche Gegenftänbe beffere Leiter finb 


als andere, und baß bie fchlechten Leiter derſchont bleiben, ' 


wenn beffere in ber Nähe find. — Nach ben neueften Uns 
ſichten bringt der Big wicht im bie. Grbe; bie Dberfiche 
derfelbeg müßte denn ein gar zu unvolllommener Seiter 
ſeyn, wie Sandheiden, wo der Blig bie tiefer liegende 
feuchte Erbe auffucht. 

‘0, Der Tempel der Göttin Feronia lag an der Stene dh 
heutigen Lago bi Ferona. Terracina hat feinen altem 
Namen behalten, . 











- Zweites Bd. 0.7485 


Die Böogel sticht fortſchleppten, nicht einmal faulten.) 2. Eifen 
regnete es in Lucanien [Bafllicata]', ein Jahr vorher [58 
vor Ehr.), ehe M. Eraffas und mit ihm alle Lucanifche 
Soldaten, deren ſich eine große Anzahl in dem Heere bes 
fand, von den Parthern erfchlagen wurden. Das Eifen, 
welches es regnete, glich feiner Geftalt nad) beinahe Schwäm⸗ 
men, und die Beichendeuser "bezogen cd auf Wunden von 
oben. **) Wolle regnete es aber unter dem Eonfulate des 
2, Paulus und C. Marcellus [50 vor Ehr.} in der Gegend 
des Earuffanifhen Kaſtells, >*) hei welchem ein Jahr fpäter 
T. Annins Milo getöbtet wurde. Während Diefer feinen 
Rechtsſtreit führte, regnete es Biegelfteine, wie die: Denk⸗ 
wöürdigteiten jenes Jahres [52 vor Ehr.] berichten. D)- 

‚. LVIUN (vn), Waffengeräufh und Trompetengefchmetter 
ward, wie man erzählt, "während des Cimbriſchen Krieges . 
[104 vor Ehr.], fo wie audy häufig in früheren und fpä- 
teren Seiten vom Simmel herab gehört. tr) Während des 
dritten Eonfulats bes Marius lioz dor CH. fahen die 





%) Weil diefer fogeannie, Fleifchregen waheſcheinuich nicht ſo⸗ 
wohl aus animalifchen und vegetabiliſchen, als aus mes 
. tellifhen Theilchen beſtand. 
*", Durch die Pfeile der Parther. ⸗ 
“or, In der Nähe von Compſa Eonza). “ 
H Die in dieſem Kapitel angeführten wunderbaren Regen 
kommen von Zeit zu Seit.nody immer vor, und laſſen ſich 
ans natürlichen Urſachen erklären. , Bol. Gehler’s phyſika⸗ 
liſches Wörterbuch, Bd. VII, Asthl. 2 2. (Eeipg. 1834. &.). 
©. 1220 — 1234, 
+H Aucdh biefe Erſcheinung Een man in nnferer Reit: man 
denke au bas wilde er. " 


* 


1866 CE. Plinius Naturgeſchichte. 
Ameriner und Taderter Waffen am Himmel, welche von 


Morgen und Abend gegeneinander fuhren, und von denen 
die, welde von Abend kamen, zurüdgetrieben wurden. 


Auch der Himmel kann in Flammen gerathen, was michts 


Wunderbares iſt, und ſchon öfters gefehen wurde, went 
die Wolken ein größeres Beuer ergriff. *)- 

LIX (wvın), 4. Die Griechen rühmen dem Änaragiras - 
von Slazomenä nach, daß er im zweiten Jahre der achtunde 
ſiebenzigſten Olympiade [467 vor Ehr.] vermöge feiner gro⸗ 


Ben Erfahrung in der Himmelskunde vorausgefagt habe, an 
welchen Tagen ein Belfen aus der Sonne fallen würde, und 


daß Diefes auch in jenem Theile von Thracien, welcher an 
dem Fluſſe Air **) liegt, am hellen Tag defchehen fen. Der 
Stein wird noch jebt gezeigt; er hat die Größe einer War 


‚ genlaft und eine Kohlenfarbe; wie denn aud, in jenen 


Nächten ein Komet **%) brannte. 2. Wer aber die Rich⸗ 


tigkeit‘ diefer Voransfagung zugibt, muß auch nothwendig 





*) Diefe Erfcheinung, deren Urfahe Plinius nicht Fennt, und 
daher falfch erffärt, it nichts Anderes, als ber Norbfcheim, 
Die Richtigkeit Deffen, wad die Ameriner und Xuberter , 
‚(Bewohner ber- Städte Amelia und Todi) ſahen, Laffen wir 
. dahingeſtellt ſeyn. Es follte bie Niederlage der Teutonen 
(welche von Norbweit herkamen) bebeuten. 
Sp Überfegt Plinius das Griechifche Aiyos rorauos (Bies 
gentuß), Stäßchen und Stadt (Galata) an der Dardanellen⸗ 
aße. 
”*, Ein Komet war ed wohl nicht, fonberneine jener Feuerkuseln, 
wie man ſie auch im neuerer Zeit ſah, bie ſich gewohnlich 
Nin einen Steinregen auflöfen. Die Vorausſagung eines 
ſolchen Phänomens iſt unmöglich. 


. 


VD 








Zweites Buch. 187 


eingeſtehen, daß die Sehergabe des Anaxagoras ein noch 
weit größeres Wunder war; auch muß unſere ganze Einſicht 
in die Natur der Dinge ſich in Nichts auflöſen und ſich 
Alles verwirren, wenn man aunnehmen wollte, daß bie 
Sonne ein Stein, *) oder daß überhaupt ein Stein in ihr 
ſeyn könne. 3. Daß übrigens häufig Steine herabfallen, 
kann nicht wohl geläugnet werden. In der Ningfchule zu 
Abpdus [Avido] verehrt man deßhalb noch jetzt einen ſolchen 
Stein, der zwar nicht fehr groß ift, von weichem aber ders 
felbe Anaxagoras vorausgefagt haben fofl, daß er auf die 
Mitte der Erde fallen werde. uch verehrt man einen zu 
Caſſandria [Porte di Caffandro], welche Stadt fpäter Poti⸗ 
dãa **) genannt wurde, und wohin man aus diefer Urfache 
eine Eptonie geführt hatte. Ich ſelbſt fah einen im Gebiete 
der Vocontier [Baifon], welcher kurz vorher herabgefallen 
war. 

LX (ax), 4. Die Erfcheinungeh,. welche wir Regen⸗ 
bogen nennen , find zu häufig, als daß man fie für Wunder 
ober Borbedentungen anfehen Eönnte; denn nicht einmal 
reguerifche oder heitere Tage. zeigen fle mit Zuverläßigkeit 
an. Es ift offenbar [daß ein Negenbogen dadurch fich bilder], 
daß ein Sonnenſtrahl, der in eine hohle Wolke fällt, mit 
der Spige nad) der Sonne zuräcgeworfen und gebrodgen 





°), Und doch Bält man jetzt die Aufiht,, ba die Sonne eine 
glähende Metall s oder Steinmaſſe fey, für die wahrſchein⸗ 
lichſte. 

Weil naͤmlich der Meteerſtein eine Branbfarbe hatte. Denn 
Poridaͤa iſt vielleicht von der Dorifchen Som wondalonas 
(ih brenne au) abzmieiten, 0 


188 C. Plinius Naturgefchichte. 
wird; die Verſchiedenheit der Farben aber entſteht durch 
die Miſchung der Wolken, der Luft und der Sonnenſtrah⸗ 
fen. 9) Gewiß ift, daß Regenbogen nur der Gonne ges 
genüber vorkommen, und nie anders, als in Beflaft eines 
Halbzirkels, auch nicht bei Nacht‘, obfchon Ariftoteled"**) 

erzählt, daB man deren manchmal -gefehen habe; er 
geſteht jedoch zugleich, daß Diefes nur, wenn der Mond 
dreißig Tage alt ift, gefcheben könne. 2. Sie bilden ſich 
. aber am häufigften im Winter, wenn von der Herbfl-Tags 

und Nacıtgleiche an die Tage abnehmen; - Wenn aber diefe 

von der Frühliugs-Tag- und Nachtgleiche an wieder zuneh⸗ 

'men, fo kommen fie eben fo wenig vor, ald an den laͤngſten 

:Zagen um die Zeit der Sommerfonnenwende,, bei der Wine 

"terfonnenwende aber,. das heißt, an den Pürzeften Tagen, 

ſehr häufig. N) Sie find boch, wenn die Sonne niedrig, 


p) Die Erklärung bes Regenbogens durch die Brechung ber 
Sonnenſtrahlen iſt richtig, bie concave Wolke’ abgerechnet, 
welche die Alten vorausſetzten, um ſich die Bogenform er⸗ 
klaͤren zu koͤnnen, die aber eine andere Urſache hat, wie 
man aus den Lehrbüchern der Phyſik erſehen kann. Auch 
die Farbenverſchiedenheit hat ihren Grund nicht in der von 
Plinius angegebenen Miſchung, ſondern in ber ungleichen 
Brechung der Sonnenſtrahlen, wie Newton zuerſt be⸗ 

merkt bat, 

°®) Meteor. III, 4. Ariſtoteles hat Recht. Denn auch in 

neuerer. Zeit hat man nicht ſelten ſolche Mondregenbogen 
beobachtet. Ariſtoteles ſagt aber, beim Vollmonde (dv ei 
ravasinyw); und vielleicht fand auch im Texte des Plis- 
nins die Zahl XIV, welche von Aofchreibern in XXX 
verwandelt wurbe, 

se. Das Geſagte if unrichtig. Man fieht Regenbogen ya 














= Zweites Bud: 489. 


and niedrig, wenn diefe hoch fteht. Bei Sonnenauf⸗ und 
Untergang find ſie kleiner, aber mehr in Die Breite gezogen; 
um die Mittagszeit fchlanker, .aber von größerem Umfang. 
Im Sommer fieht man fie nie um die Mittagszeit, nach 
‚der Hersft:Tag: und Nachtgleiche aber zu jeder Stunde des 
Zages, aber nie mehr ald zwei zugleich... 

LXL- 4.. Ueber andere Naturerſcheinungen iſt man, 
wie ich fehe, faft allgemein einverflanden. 

(12.) Der Hagel entfteht demnach aus gefrorenem Platz⸗ 
regen, der Schnee aus derfelben , aber minder verbichteten - 
Feuchtigkeit, der Reif aber aus gefrorenem hau. Im 
- Winter füllt nur Schnee und Fein Hagel, der Hagel ſelbſt 
Yäufiger bei Tag als bei Nacht; and) ſchmilzt er viel ſchneller, 
als der Schnee. Nebel entfliehen weder im Sommer, nody 
bei allzuheftiger Kälte. 2. Thau fällt weder: bei fehr kal⸗ 
tem, noch bei fehr heißem ,. nod, bei windigem Better, 
fondern nur in heiferen Nächten. Durch’ Gefrieren ver: 
mindert fid das Waſſer, und wenn baf Eid aufgethaut if, 
findet man nicht mehr daffelbe Maaß. 

(Txi.) 3. In den Wolken fieht man verſchiedene Farben 
und Geſtalten, je nachdem das ihnen beigemifchte Feuer die 
Oberhand behält, oder von ihnen überwältigt wird. 

LXH (wm). Außerdem haben gewiſſe Gegenden ges 
wiffe Eigenthämtichkeiten. So fällt in Afrika in den Som⸗ 
mernächten Thau; in Italien vergeht zu Locri [Bruzzano)] 
und an dem Velinifchen See [Vie di Lugo)] kein Tag, ‚an 


jeber Sahreözeit, aber nie, „wegu die Sonne Höher als 
42° fieh oo. 


t, 


190° E. Plinius Naturgefchichte. 

welchem nicht Regenbogen erſcheinen; zu Rhodus und Sy⸗ 
rakus [GSiragoffa] wird nie der Nebel fo dicht, daß man 
nicht wenigſtens zu einer Tagesftunde bie Sonne fehen könnte. 
Doc von diefen Dingen wollen wir an ben geeigneten 
Stellen berichten, und jest die Bemerkungen über bie Luft 
fchließen. 

LXIII (ızın). 4. Es folgt nun die Erde, der wir allein 
von allen Zheilen der Natur, ihrer ausgezeichneten Ver⸗ 
dienfte wegen, den ehrenden Deinamen „Mutter“ gegeben 
haben. Gie ift und Das, was der Gottheit der Himmel ift. 
Sie nimmt uns auf bei der Geburt; fie nährt uns nad) ber 
Geburt, und find wir einmal da, fo erhält fle ung fort 
während; am Ende, wenn uns die übrige Natur verfkößt, 
nimmt fle uns auf in ihren Schooß und bededt uns, recht 
wie eine Mutter; durd, Fein anderes Verbienft ift fie dep: 
bald mehr heilig, als eben durch Dad, daß fie uns felbft 
heilig madyt. *) Auch trägt fle unfere Denkmäler und unfere 
Ehrentitel, pflanzt unfern Namen fort, und verlängert ins 
fer Andenken über diefe kurze Lebengfrift hinaus. Sie iſt die 
legte Gottheit, deren Strenge wir in unferem Zorne nod) 
gegen die Abgefchiedenen anrufen, **) als wenn wie nicht 
müßten, daß fie die einzige ſey, die hie einem Menichen 
zürnt. 2. Das Wafler fteigt auf zu’ Regen, erflarrt zu 
Hagel, ſchwillt an zu Fluthen und ſtürzt ſich daher in 
zeiffenden Strömen; die Luft verdichtet ſich zu Wolken und 





Die Todten waren den Alten heilig und unverletzlich. 
9) Anfpielung auf die Verwänfhung: bir ſey die Erde 
fhwer! 


+ 


Zweites: Buch. on 194, 


wöäthet im Sturme. Aber wie güfig, wie mild, wie nad 
ſichtia if fie! Wie dient fie fortwährend jedem Bedürfniffe 
ber Sterblihen! Was erzeugt le duch Zwang, und Was 
fpendet fie nicht fchon freiwillig? Welche Gerüche, welche 
Leckereien, welche Gäfte,, weiche Formen, welche Barben! 
Wie ehrlich gibt fle uns das anvertrante Gut mit Zinfen. 
zurück! Was ernährt fie nicht ünſertwegen! Was die ſchäd⸗ 
lien Thiere betrifft, fo iſt die beiebende Luft an ihrer 
Erzeugung Schuld: ) die Erde muß gezwungen den Saa⸗ 
men derfelben aufnehmen, und fie, wenn fie einmal geboren 
find, erhalten; aber der Ecyaden fällt nur der Schlechtigkeit 
der erzeugenden.. Kräfte zu Laſt. 3. Die Erde nimmt bie 
Schlange, welche einen Menſchen beſchädigt hat, nichtmehr 
auf,**) und flraft fo auch im Namen Derer, welche es 
ſelbſt verfäumen ; fie fpendet Heilkräuter, und leidet ſtets für 
den Menfchen Beburtsichmerzen. Ja man darf fiher glau⸗ 
ben, daß fie-auch die Gifte nur aus Mitleid für uns her⸗ 
verbringe, damit ung nicht, wenn wir bes Lebens über 
Müffig find, der Hunger, eine der Güte der Erde durch⸗ 
aus nicht entfpredjende Todesart, durch langfame Zehrung 
aufreibe, oder ein Sturz von- einem Felfen unfern zerfchmet: 
terten Körper zerfirene; damit wir und nicht durch den 
Strick eine unfinuige Duat bereiten, indem wir dadurd) die 
Seele, für weiche wir doch einen Ausweg füchen wollen, 


N 


2) Weil nad) der Anficht ber Alten ber. Saamen ber fhäbli- 
hen Xhiere von oben herabfält. Daß Plinius ber Luft 
Unrecht thue, braucht Baum erinnert zu werben. 

2%, ©, XXlx, 23. 





\ 192 €. Plinius Naturgeſchichte. 


einſchließen; damit wir nicht, indem wir in der Meerestiefe 
den Tod ſuchen, unſer Grab im Leibe der Fiſche finden, und 
damit endlich nicht das marternde Eifen unfern Leib durch⸗ 
wähle. 4. Ja aus Mitleid erzengte fle das Gift, burdy 
deffen mühelofen Genuß wir ohne Verlegung des Körpers, 
ohne allen Blutverluſt und ohne Qual, Dürftenden gleich 
fterben; damit ung, wenn wir auf diefe Weife gefchieden 
find, Fein Vogel und fein Wild berühre, und ‚damit Jeder, 
der für ſich felbft verloren ift, dody der Erbe erhalten werde. 
Geſtehen wir yur die Wahrheit: die Erde bat uns ein 
Mittel gegen alle Uebel erzeugt, wir. aber haben. ed zum 
Gifte gemacht, um das Leben [Anderer] zu zerflören. Ge⸗ 
brauchen wir nicht Das Eifen, deffen wir nich entbehren 
können, auf biefelbe Weife? — Wenn fie aber auch das 
Gift: bernorgebradht hätte, um ung zu ſchaden, fo konnten 
wir und doch nicht mit Recht beklagen, wenn wir nicht ges 
tade gegen diefen einen Naturtheil” undankbar feyn wollen. 
5. Zu welhen Vergnügungen, zu welchen Schandthaten 
dient fie nicht dem Menfchen? Sie wird in dad Meer gewor⸗ 
‘fen, Oder, um und Kanäle zu ſchaffen, vom Waſſer duxch⸗ 
freffen. Eiſen, Holz, Feuer, Gteine, Früchte bereiten ihr 
ſtündlich neue Dual, und zwar weit häufiger, um unfere 
Gelüſte, als unfere Nahrungsbebürfniffe zu befriedigen. 
Mag auh, Was fie an ihrer Oberfläche, an ihrer äußerften 
Rinde leidet, nody erträglich fcheinen ; aber wir dringen auch 
in fire Eingeweide und graben nach Bold» und Silberadern, 
nad) Erz und Blei, wir wühlen Schädhte in die Tiefe und 
ſuchen @derfteine und andere Beine Steinhen. Wir ziehen 
ihr die Eingeweide heraus, um einen Edelſtein, den wie 








d 


Zweites Buch. 193 


wünſchen, am Finger zu tragen. Wie viele Hände müſſen 
fidy zerarbeiten, damit nur ein Glied glänge! Gäbe es eine 
Unterwelt, die Minen der Habſucht ‘und der Prnunkliebe 
wären wahrlich ſchon auf fie geftoßen. 6. Und wir wollen 
und noch wundern, wenn die Erbe etwas zu unferem Nach⸗ 
theil hervorgebracht hat, weil auch die. fchädlichen Thiere 
fie fo gut bewachen, und die entheiligenden, Menſchenhände 
von ihr abhalten ? Graben wir nicht mitten unter Schlangen, 
und beuten wir nicht die Goldadern aus, fammt den Gift: 
murzeln? Doch die Göttin zürnt darüber weniger, weil 
alle diefe Reichthümer Lafer, Mord und Krieg zur Folge 
haben , und weil wir fie mit unferem Blute befeucdhten,, und 
mit unferen  unbegrabenen Geheinen bededen. Und bo) 
breitet fie, nachdem fle uns über unſern Wahnſinn befhämt. 
hat, ſich am Ende auch über diefe hin, und verbirgt fo die 
Frevelthaten der Sterblidhen. — Zu den Verbrechen eines 
undankbaren Gemüthes möchte idy auch die Unwiſſenheit 
zählen ‚in der wir und in Bezug anf.ihre Natur befinden. 

LXIV (ıixıv). 4. Zuerſt koͤmmt ihre Geſtalt in Betracht, 
über welche nur eine einflimmige Meinung herrſcht. Wir 
neunen fie ohne Bedenken Erdkreis, und glauben, daß dieſe 
Kugel von den beiden Polen eingefchloffen werde. Gie kann 
aber eigentlich der vielen Berghöhen und der weiten Belb- 
flächen wegen nidyt vollfommen rund ſeyn; fondern ihr Ume 
fang bildet nur daun, wenn man die Endpunkte der [von 
ihren Centrum aus gezogenen] Radien durch eine Kreislinie 
verbindet, eine vollfommene Kugelgeftalt. Su biefer Ans 
nahme zwingt uns fchon das allgemeine Naturgefep, obs 
fhon nicht die nämlichen Urfachen , bie. wir bei der 


€. Pinins Neturseſch. 28 Buche, ' 6 


194 E. Plinius Raturgeſchichte. 
vom Himmel 9 angeführt haben, obwalten. 2. Denn bei 
jenem neigt ſich die hohle Kugel gegen Ach ſelbſt, und ruht 
allenthalben auf ihrer Angel, auf der Erde'nämlich. Diefe 
aber, als ein fefter und dichter Körper. erhebt fih, einer 
anſchwellenden Maſſe ähnlich, von innen heraus, und dehnt 
fih nad) außen, Tie Welt neigt fidy gegen den Mittelpundt; 
die Erde aber firebt vom Mittelpunkt ab, und ihr un: 
geheurer Ball wird durch den fortwährenden Umfchwung der 
Welt um Ile in der Kugelgeftalt erhalten.- 
LXV (iv). 4. Wir kommen nun an einem großen 
Streit zwifhen den Gelehrten und dem gemeinen Bolke. 
Jene behaupten nämlich, die Erde fey rundum von Men: 
ſchen bewohnt, und diefe kehren ſich einander die Füße zu. 
Alle hätten ein ähnliches Himmelsgewölbe über fih, und an 
einem Punkte, wie an dem andern, flehe man immer auf 
ihrer Mitte. Diefes fragt Dagegen, warum die und gegen- 
über Liegenden [Antipoden] nicht herabfallen, als wenn Diefe 
ſich nicht aus derſelben Urſache wundern könnten, daß wir 
nicht herabfallen. Eine andere Meinung hat ſich zwifchen 
Beide geftelit, die aber nur dem ungebildeteh Haufen an: 
nehmbar erfcheinen Bann, daß nämlich die Erde allerdings 
rundum bewohnt ſeyn könne, wenn fie eine ungleiche Kugel 
bilde, und ungefähr die Geftalt eines Fichtenapfels habe. 
2. Über warum länger darüber ſprechen? Erſcheiut es 





*, Kay. 2 

22) Auch die Erde ſtrebt nad) dem Mittelpunkt, und erhält ba= 
durch, nicht aber durch den Umſchwung der Welt um fie, 
die Kugelform. 


I. 








⸗ 


3Zweites Bud. 0 195 


Andern 5 ein weit größeres Wunder, daß die Erbe 
fein frei Mwebdt, und nicht fammt uns berakfällt? Als 


wenn die Kraft. der Luft, befonders da dieſe von ber Welt 


eingefchloffen ift, nicht außer allen Zweifel geftellt wäre, 
oder als wenn ein Derabfallen ber Erde möglich wäre, da 
die Natur widerfirebt, und ihr den Platz verfagt hat, wohin 
le fallen könnte! Denn fo wie der Gib des Feuers nnr in 
Dem Feuer, des Waflers unr in dem Waller und der Luft 
nur in der Luft ift, fo Hat aud die Erde, da fie allenthalben 
zrrücdgepiefen wird, nur ihre Stelle in ſich ſelbſt. Wun—⸗ 
derbar iſt es jedoch, daß .fle bei fo großen Meeres: und 
Feldflächen eine Kugel bildet. Diefe Anſicht vertheidigt auch 
Ditäarhhus, ein überaus gelehrier Mann, der auf Befehl 


der Könige *) tie Berge gemeffen hat, und die ſenkrechte 


Höhe Bed Delion [Pekräs], welchen er für den höchſten hält, *) 
auf 1,250 Schritte [5,859 Fuß ***) ] angibt, dabei aber die 
Bemerkung macht, daß diefe Höhe im Verhältniß zu dem 
ganzen Erdumfang in. Nichts verſchwinde. Mir fcheint diefe 
Bermuthung unzuverläflig, da mir nicht unbekannt ift, daß 
einige Alpengipfel fih in allmäliger Auffteigung zu einer 





- 9) Der Nachfolger Aleranders bed Großen. 


**) inter ben Bergen Griechenlands. Denn wohl nur kiefe _ 


hatte Dikaͤarchus gemeffen. 

©, Bei ber Reduction bed Romiſchen Fußes und Schrittes 
auf jegigeds Maaß find in der Ueberſeßung immer rheinifche 
Tuße gemeint, Wir rechnen den Nömifchen Fuß zu 11% 
Zoll rheiniſch. Nimmt man 103%, rhein. Fuß auf 100 
Pariſer Fuß, ſo iſt die Ansgleigung für jeglich3 Maap 
leicht, 

. 6% 


% — 


x 


16 €, Minius Naturgeſchichte. 


Höhe von. nicht weniger als fünfzigtauſend *) Schritten 
[234,375 F.] erheben. — 3. Am nteiften wilßeftrebt aber 
Das ungebildete Bolt, wenn es glauben foll, daß auch das 
Waſſer eine runde Geftalt habe. Und doch ift in der ganzen 
Natur nichts leichter durch den bloßen Anblick zu begreifen. 
Denn die irgendwo berabhängenden Tropfen bilden ſich zu 
“Heinen Kugeln, und erfcheinen, wenn fie auf Staub fallen, 
oder wenn man fie auf wollige'Blätter legt, vollkommen 
rund. ») Auch in vollen Bechern fleigt das Waſſer in der 
Mitte am höchſten; ***) was fid) aber wegen feiner Dünn⸗ 
beit und feiner ſich felbft zufantmendrängenden zarten 
Theilchen Leichter durch Vernunftſchlüſſe, als durch ben 
Augenfchein erkennen läßt. A. Noch wunderbarer ift, baf 
bei vollen Bechern, wenn man nur die geringſte Maſſe 
von Flüſſigkeit hinzugießt, Das, was zu viel iſt, ſogleich 
überläuft; daß aber das Gegentheil ſtattſindet, wenn man 
ſchwere Gegenſtaͤnde, die ſich oft bis auf ein Gewicht von 
zwanzig‘, Denären +) belaufen können, hineingleiten läßt, 
weil nämlich das Hineingefallene die Flüffigkeit in ber 
Witte zu einer größeren Wölbung emporhebt, das auf die 





‚” Diefe "Baht ift jedenfalls durch Abſchreiber entſiellt. Der 
höchfte europeiſche Alpengipfel (Montblanc). mißt nur 
15,180 Fuß. 

Die runde Geftalt der Zropfen kommt daher, weil bie 
andten Theilchen nach wechfelfeitigem Bufammenbange 

reben 
vr, Das Waſſer fieht am Rande voller Gefäße megen der Anz 
ziehungsfraft ber. Seitenwände niedriger, als in der Mitte, 

D Ungefähr %s Pfund, 








\ . Zweites Bud). 4197 
emporftehende Wölbung Gegofiene aber abfließt. Aus Feiner 
anderen Urſache) kommt ed, daß man das Land, welches 
fdjon vom Schiffsmaſte aus fihtbar iſt, auf.dem Schiffe 
ſelbſt noch nicht fieht, und daß ein glänzender Gegenſtand, 
welchen man an die Spige bes Maftes bindet, mit der Ent 
fernung des Schiffes allmälig niedriger zu werben ſcheint, 
und am Ende ganz verfchwindet. 5. Wie fönnte denn auch 
ber Ocean, den wir den äußerſten nennen, bei einer au’ 
dern Geſtalt zufammenhängen nnd nicht herabfließen, da ihn 
weiterhin Eein Ufer mehr umfchließt? Ja es bleibt immer 
noch ein Wunder, warum auch. trog der Kugelgeflalt das 
änpnerfte Meer nicht herabfällt. Daß Dieß Übrigens, auch 
wenn dad Meer fo flach wäre, wie ed uns erfcheint, nicht 
geſchehen könne, ſuchen Griechiſche Forſcher mit großer 
Selbſtgefaͤlligkeit und mit großem Anrühmen durch eine 
gesmetriſche Spitzfindigkeit zu erweiſen. 6.; Da nämlich das 
Waſſer von der Höhe nach der Tiefe ſtröme; da dieſe ſeine 
Eigenſchaft allgemein anerkannt ſey, und Niemand in Ab⸗ 
rede ſtelle, daß es noch an keinem Ufer höher geſtiegen fey, 
als es deſſen Abſchüſſigkeit erlaubte, ſo müſſe man ohne alle 
Widerrede annehmen, daß, je niedriger etwas fey, es ſich 
auch um fo mehr dem Erdmittelpuntt nähere, und daß alle 
Linien, welche man von diefem zu der nächſten Wafferobers 
fläche ziehe, Bürger ſeyen, als diejenigen, weldhe man vox 


% Wegen der Wölbung bed Meeres, welche ‘aber burdy aus 
dere Urfachen, nämlid, durch das Hinſtreben aller einzelnen 
Theile nach dem Erdmittelpunkt und durch den gleichmäs 

pßigen Drud ber Luft bedingt wird, 


188 C. Plinius Naturgefchichte. 
wird; die Verſchiedenheit der. Farben aber entſteht durch 
die Miſchung der Wolken, der Luft und der. Sonnenſtrah⸗ 
fen.) Gewiß iſt, daß Regenbogen nur der Gonne ges 
genüber vorkommen, und nie anders, als in Geſtalt eines 
Halbzirkels, auch nicht bei Nacht, obſchon Ariſtoteles **) 
erzählt, daB man deren manchmal -gefehen habe; er 
geſteht jedoch zugleih, daß Diefes nur, wenn ber Mond’ 
‚dreißig Tage alt ift, gefchehen könne. 2. Sie bilden ih 
aber am bäufigften im Winter, wenn von der Herbfl-Tags 
and Nachtgleiche an die Tage abnehmen: Wenn aber diefe 
‚don der Frühlinge:Tag s und Nachtgleihe an.wieder zuneh⸗ 
'men, fo kommen fie eben fo wenig vor, als an den längften 
"Tagen um die Zeit der Sommerfonnenwende, bei der Wine 
"terfonnenwende aber,. das heißt, an den Bürzeften Tagen, 
ſehr häufig. **%) Sie find boch, wenn die Sonne niedrig, 


8 Die Erklaͤrung bed Regenbogens durch die Brechung ber 
Sonnenſtrahlen iſt richtig, die concave Wolke’ abgerechnet, 
welche die Alten vorausſetzten, um fi ch die Bogenform ers 
Elären zu Eönnen, die aber eine andere lrfache hat, wie 
man aus den Lehrbüchern der Phyſik erfehen kann. Auch 
bie Sarbenverfchiedenheit hat ihren Grund nicht in der von 
Plinius angegebenen Mifchung, fondern in der ungleichen 
Bredhung der Sonnenftrahlen, wie Newton zuerft bes 

merkt hat. 

Meteor. III, 4. Ariſtoteles hat Recht. Denn auch in 

neuerer. Zeit hat man nicht felten folche Mondregenbogen 

beobadhtet. Ariſtoteles fagt aber, beim Vollmonde (iv «en 
navaslya); und vielleicht fand auch im Texte bed Pli⸗ 

nius die Zahl XIV, welche von Abſchreibern in XXX 

verwandelt wurde. 

ee· Das Geſagte iſt unrichtig. Mau ſieht Regenbogen u 


o 


wer 


J 


gZweites Buch. | 189 


uud niedrig ‚ wenn diefe hoch fteht. Bei | Gonnenauf s mb. 
Untergang find fle Pleiner, aber mehr in die Breite gezogen; 
um die Mittagszeit fchlanker, aber von größerem Umfang. 
3m Sommer ficht man fle nie um die Mittagszeit, nad 
der Herbft:Tag: und Nachtgleiche aber zu jeder Stunde des 
Zages, aber nie mehr als zwei zugleich... 

LXL- 4. Ueber andere Naturerfcheinungen ift man, 
wie ich febe, faſt allgemein einverflauden. 

(Ax.) Der Hagel eutfteht demnach aus gefrorenem Platz⸗ 
regen, der Schnee aus berfelben, aber minder verbichteten - 
Seuchtigkeit, der Reif aber aus gefrorenem Thau. Im 
- Winter fällt nur Schnee und kein Hagel, der Hagel ſelbſt 
Häufiger bei Tag als bei Nacht; andh ſchmilzt er viel fchnefler, 
als der Echnee, Nebel entflehen weder im Sommer, nody: 
bei allzupeftiger Kälte. 2. Thau fällt weder: bei fehr kal⸗ 
tem, noch bei fehr heißem, noch bei windigem Wetter, 
fondern nur in heiteren Nächten. Durch’s Gefrieren vers 
mindert ſich das Waller, und wenn daß Eid aufgethaut ift, 
Aindet man nicht mehr dafielbe Maaf. 

(ax1,) 3, In den Wolken ficht man verſchiedene Farben. 
and Gertalten, je nadydem das ihnen beigemifchte Feuer die 
Oberhand behält, oder von ihnen überwältigt wird. 

LXH (im). Außerdem haben gewiffe Gegenden ges 
wiſſe Eigenthümlichkeiten. So fällt in Afrifa in den Eom- 
mernäcten Than; in Italien vergeht zu Locri [Bruzzano] 
und an dem Velinifhen See [Pie di Lugo] kein Tag, an 





jeber ‚Sahreözeit, aber wie, .wegu die Sonne höher als 
42° fieht, on 


10 E. Plinius Naturgefchichte. 

weichem nicht Regenbogen erfcheinen; zu Rhodus und Sy⸗ 
rafus TSiragoffa] wird nie ‘der Nebel fo dicht, daß man 
nicht wenigftend zu einer Tagesftunde die Sonne fehen könnte. 
Doc von .diefen Dingen wollen wir- an ben geeigneten 
Stellen berichten, und jest die Bemerkungen über bie Luft 
fchließen. 

LXIII (izın). 4. Es folgt nun die Erde, der wir allein 
von allen XTheilen der Natur, ihrer ausgezeichneten Ver⸗ 
Dienfte wegen, den ehrenden Beinamen „Mutter“ gegeben 
haben. Gie ift und Dad, was der Gottheit der Himmel ift. 
Sie nimmt und auf bei der Geburt; fie mährt und nad) der 
Geburt, und find wir einmal de, fo erhält fle uns forte 
während; am Ende, wenn uns die übrige Natur verfkößt, 
nimmt fle uns auf in ihren Schooß und bededt uns, recht 
wie eine Mutter; durch Bein anderes Verbienft ift fie deß⸗ 
bald. mehr heilig, als eben durch, Das, daß fle uns felbft 
heilig macht. *) Auch trägt fie unfere Denkmäler und unfere 
Ehrentitel, pflanzt unfern Namen fort, und verlängert Ins 
fer Andenken über diefe kurze Lebengfrift hinaus. Sie iſt die 
legte Gottheit, deren Strenge wir in unferem Zorne nod) 
gegen bie Adgefchiedenen anrufen, **) ald wenn wir nicht 
wüßten, daß fie die einzige fen, die nie einem Menſchen 
zürmt. 2. Das Waſſer ſteigt auf zu’ Negen, erflarrt zu 
Hagel, ſchwillt an zu Fluthen und ſtürzt Ad daher in 
zeiffenden Strömen; bie Luft verdichtet fi zu Wolken unb 





9 Die Zodten waren ben Alten heilig und unverletzlich. 
9%) Anfpielung auf die Verwänfhung: dir ſey die Erbe 
ſchwer! 


* 





Zweites: Buch. — 194, 


mäthet im Sturme. Aber wie gütig, wie mild, wie nad) 
ſichtia if fe! Wie dient fie fortwährend jedem Bedürfniffe 
der Sterblihen! Was erzeugt fie durdı Zwang, und Was 
fpendet fie nicht ſchon freiwillig? Welche Gerüche, weldye 
Leckereien, welche Säfte, welche Formen, welche Barben! 
Wie ehrlich gibt fie uns das anvertraute Gut mit Zinſen 
zuräd! Was ernährt fie nicht Onferimegen! Mas die ſchäd⸗ 
lichen Thiere betrifft, fo if die beiebende Luft an ihrer 
Erzeugung Schuld: *) die Erde muß gezwungen den Saas 
men derfelben aufnehmen,. und fie, wenn fie einmal geboren 
find, erhalten; aber der Echaden fällt nur der Schlechtigkeit 
der erzeugenden. Kräfte zu Laſt. 3. Die Erde nimme die 
Schlange, welche einen Menichen befchädigt hat, nichtmehr 
auf, ») und flraft fe auch im Namen Derer, welche es 
ſelbſt verfäunien ; fie fpendet Heilkräuter, und leidet ſtets für 
den Menfchen Geburtsichmerzen. Ja man darf ficher glaus 
ben, daß ſie auch die Gifte nur aus Mitleid für und her: 
‚verbringe, damit uns nidt, wenn wir des Lebens über⸗ 
drüſſig And, der Hunger, eine der Güte der Erde durch⸗ 
aus nicht entiprecdhende Todesart , durch langſame Sehrung 
aufreibe, oder ein Sturz von einem Felſen unſern zerſchmet⸗ 
terten Körper zerſtreue; damit wir uns nicht durch den 
Strick eine unfinufge Dual: bereiten, indem wir dadurch die 
Seele, für weiche wir doch einen Ausweg ſuchen wollen, 





2) Weil nach der Anſicht der Alten der Saamen der ſchaͤdli⸗ 
chen Thiere von oben herabfällt. Daß Plinius ber Luft 
Unrecht thue, braucht kaum erinnert zu werben, 


20, 6, XXIX, 23. 


4192 €. Plinius Naturgeſchichte. 


einſchließen; damit wir nicht, indem wir in der Meerestiefe 
den Tod ſuchen, unfer Grab im Leibe der Fiſche finden, und 
damit endlich nicht das marternde Eifen unfern Leib durch⸗ 
wühle.. A. Ja aus Mitleid erzeugte fle das Gift, durdy 
deffen mühelofen Genuß wir ohne Verlegung des Körpers, 
ohne allen Blutverluſt und ohne Qual, Dürſtenden gleich 
ſterben; damit uns, wenn wir auf dieſe Weiſe geſchieden 
find, kein Vogel und kein Wild berühre, und damit Jeder, 
der für fid) felbft verloren ift, doch der Erde erhalten werde. 
Geſtehen wir nur die Wahrheit: die Erde hat uns ein 
Mittel gegen alle Uebel erzeugt, wir. aber haben, ed zum 
Gifte gemadyt, um das Leben [Anderer] zu zerflören. Ge⸗ 
brauchen wir nicht das Eifen, deffen wir nicht eutbehren 
können, auf diefelbe Weife? — Wenn fie aber auch das 
Gift hervorgebracht hätte, um ung zu ſchaden, fo könnten 
wir und doc) nicht mit Recht beklagen, wenn wir nicht ges 
tade gegen diefen einen Naturtheil” undankbar feyn wollen. 
5. Bu welchen Bergnügungen, zu welchen Schandthaten 
dient ſie nicht dem Menſchen? Sie wird in das Meer gewor⸗ 
fen, oder, um und Kanäle zu ſchaffen, vom Waſſer durxch⸗ 
freffen. Eiſen, Holz, Feuer, Steine, Früchte bereiten ihr 


ftündfih neue Dual, und zwar weit häufiger, um unfere . 


Gelüſte, als unfere Nahrungsbebürfniffe zu -befriebigen. 
Mag auch, Was fie an ihrer Oberfläche, an ihrer äußerften 
Rinde leidet, nody erträglich fcheinen; aber wir dringen auch 
in ihre Eingeweide und graben nach Gold» und Silberadern, 
nah Erz und Blei, wir wühlen Schädyte in die Tiefe und 
ſuchen Edelſteine und andere Beine Steinden. Wir ziehen 
ihr die ingeweide heraus, um einen Edelſtein, den wir 


J 





1} 


Zweites Bud. 493 


wünſchen, am Finger zu fragen. Wie viele Hände müſſen 
fidy zerarbeiten, damit nur ein Glied glänze! Gäbe es eine 
Unterwelt, Die Minen der Habſucht und der Prunkliebe 
wären wahrtich fchon auf fie gefloßen. 6. Und wir wollen 
und ndd) wundern, wenn die Erde etwas zu unferem Nach⸗ 
theil hervorgebracht hat, weil auch die. fchädfichen Thiere 
-fle ſo gut bewachen, und die entheiligenden. Menfchenhände 
vom ihr abhalten ? Graben wir nicht mitten unter Schlangen, 
und beuten wir nicht die Goldadern aus, fammt den Gift: 
murzeln? Doch die Göttin zürnt darüber ‚weniger, weil 
alle diefe Reichthümer Laſter, ‚Mord und Krieg zur Folge 
haben , und weil wir fle mit unferem Blute befeuchten , und 
mit unſeren unbegrabenen Geheinen bebeden. Und doch 
breitet fie, nachdem fie uns über nnfern Wahnſinn befchämt. 
hat, ſich am- Ende auch über diefe hin, und verbirgt fo die 
Grevelthaten der Sterblichen. — Zu den Verbrechen eines 
undantbaren Gemüthes möchte ich audy die Unwifienheit 
aählen ‚in der wir uns in Bezug auf ihre Natur befinden. 
LXIV (aAxxv). 4. Zuerſt koͤmmt ihre Geſtalt in Betracht, 
über welche nur eine einſtimmige Meinung herrſcht. Wir 
nennen fle ohne Bedenken Erdkreis, und glauben, daß dieſe 
Kugel von den beiden Polen eingefchlofien werde, Sie kann 
aber eigentlich der vielen .Berghöhen und der weiten Feld⸗ 
flächen wegen nidyt vollkommen und ſeyn; fonbern ihr Um⸗ 
fang bildet nur daun, wenn man die Endpunfte der [von 
ihrem Centrum aus gezogenen] Radien durch eine Kreistinie 
verbindet, eine vollkommene Kugelgeſtalt. Zu diefer Ans 
nahme zwingt uns ſchon das allgemeine Naturgefeg, obs 
ſchon nicht die nämlichen Urſachen, die- wir bei der Ler 
€, Plinins Naturgeſch. 28 Bbchn. 6 


194 C. Plinius Raturgeſchichte. 
vom Himmel ®) angeführt haben, obmalten. 2. Denn bei 
jenem neigt ſich die hohle Kugel gegen Nic ſelbſt, und ruht 
allenthalben auf ihrer Angel, auf der Erde nämlich. Diefe 
aber, als ein fefter und dichter Körper, erhebt fih, einer 
anfchwellenden Maſſe ähnlich, von innen. heraus, und dehnt 
fi nady außen. Tie Welt neigt fich gegen den Mittelpundt; 
Die Erde aber ſtrebt vom Mittelpunkt ab, **) und ihr nn: 
geheurer Ball wird durch den fortwährenden r Umfopndung. der 
Welt um fe in der Kugelgeftalt erhalten.- 

LXV (u). 4. Bir kommen nun an einem großen 
Streit zwiſchen den Gelehrten und dem gemeinen Volke. 
Jene behaupten nämlich, die Erde fey rundum ‚von Men: 
ſchen bewohnt, und diefe kehren ſich einander die Füße zu. 
Alle Hätten ein Ähnliches Himmelsgewölbe über fi, und an 
einem Punkte, wie an dem andern, ſtehe man immer anf 
ihrer Mitte. Diefes fragt Dagegen, warum die ung gegen- 
über Liegenden [Antipoden] nicht herabfallen, als wenn Dieſe 
ſich nicht aus derſelben Urſache wundern könnten, daß wir 
nicht herabfallen. Eine andere Meinung hat ſich zwiſchen 
Beide geſtellt, die aber nur dem ungebildeten Haufen an: 
nehmbar evfbeinen Tann, daß nämlich die Erde allerdings 
rundum bewohnt ſeyn könne, wenn fie eine ungleiche Kudel 
bilde, und ungefähr die Geſtalt .eines Fichtenapfels habe. 
3. Über warum länger darüber ſorechen? Erſcheint es 


* 


) Kay. 2 

,®) Much die Erbe firest nad, bem Mittelyunet, und erhält da⸗ 
burch , nicht aber durdy den Umſchwung bey Welt um fie, 

die Kugelförm, 


! 





— 


Zweites Buch. on 195 


Andern er ein weit größeres Wunder, daß die Erde 
ſelbſt Treiihwebt, und nicht ſammt uns herakfält? Als 


weun die Kraft. ber Luft, befonders da Diefe von der Welt‘ 


eingefchloffen iſt, nicht außer allen Zweifel geftellt wäre, 
oder ald wenn ein Herabfallen der Erde möglich wäre, ba 
die Natur widerfirebt, und ihr den Platz verfagt hat, wohin 
fie fallen Fönnte! Denn fo wie der Gib des Zeuers nur in 
dem Heuer, des Waſſers unr in dem Waller und der Luft 
nur in der Luft ift, fo hat aud die Erde, Ta fie allenthalben 
zmüdgepielen wird, nur ihre Gtelle in ſich fell. Wun- 
Derbar iſt es jedoch, daß .fle bei fo großen Meered: und 
ZSeldflächen eine Kugel bildet. Diefe Anſicht vertheidigt auch 
Ditdardius, ein überaus gelehrier Mann, der auf Befehl 
der Könige *) Lie Berge gemeflen hat, und bie fentrerhte 
Höhe des Pelion [Peträs], weichen er für den höchſten hält, **) 
auf 4,250 Schritte [5,859 Fuß ***) ] angibt, dabei aber die 
Bemerkung macht, daß diefe Höhe im Verhältniß zu dem 
ganzen Erdumfang in. Nichts verfchwinde. Mir ſcheint diefe 
Bermuthung unzuverläffig, da mir nidt unbekannt ift, daß 
einige Alpengipfel fi in allmäliger Aufſteigung zu einer 





⸗ 


°) Der Nachfolger Alexanders des Großen. 


*®), Inter den Bergen Griechenlands. Denn wohl nur dieſe 


hatte Dikaͤarchus gemeſſen. 

=». Bei der Reduction des Nömirhen Fußes und Schrittes 
auf jegiged Maaß find in der Lleberfegung immer rheinifche 
Fuße gemeint, Wir rechnen den Nömifchen Fuß zu 11%. 
Bol rheiniſch. Nimmt man 103% rhein. Fuß auf 100 
Parifer Buß, fo ift die Ausgleihung für jeglich3 Maaß 
leicht. " N . 

N 6 r Zu 
\ 


J — 


242 "€. Plinius Naturgeſchichte. 


fih unter derſelben befindet. Aber die Zeichen, welche bei 
ihrem Aufgange fentredt auffleigen, *) behalten. durd) ihren. 
langſameren Gang länger das Licht; jene hingegen, welche 
ſchief auffteigen, ziehen in kürzerer Friſt vorüber. 

XVÜI (ax). .4. Den meiſten Menfchen ift noch under 
Fannt, Was bie in der Wilfenfchaft ausgezeichnetften Männer 
durch fortwährende Beobachtung des Himmels entdedt has 
ben: daß Das nämlich, was man Blig nennt, nichts anderes 
iſt, als Feuer, welches aus dem drei oberen Planeten heraks 
Salt, und zwar meiftens Feuer ans dem mittelften derfelben 
[dem Jupiter nämlich), vielleicht weil er den zu großen 
Zufuß' von Feuchtigkeit aus der Über ihm liegenden Kreis⸗ 
bahn [ded Saturn] -und von Hitze aus der unter ihm bes 
findiidhen [res Mare) auf diefe Weife von fich ſtößt: deß⸗ 
halb fagt man auch, Jupiter fdileudere die Blite 2. Wie 
alfo rom brennenden Holze die Kohle praffeind Iosfährt, fo 
von dem Planeten das himmlifche Feuer, welches überdieß 
nod, Vorbedentungen mit ſich dringt; denn nicht einmal ein 
von dem Geflirn abgelöstes Thrithen ſtellt frine göttlichen 
Berrichtungen ein. Meittens findet Dieß bei getrübter Luft 
Statt: entweder, weil die ſich in ihr auhäufende Feuchtigkeit 
Yen Zeuerlberfluß zur Entladung reist; oder auch, weil erft 
die Luft durch eine folche Entbindung des ſchwangern Pia: 
neten getrübt wird. **%) 


%) Krebs, ebwe, Jungfrau, Wage, Ecorpion und Shäpe, 
**) Der Inhalt diefe® Kapitels ift laͤppiſche Kinderei, ‚ bie Beine 
‚ Wiberlegung verdient. 





Zweit Bil. 0.0.7483 


XIX (ax). 1. Biele haben den Abſtand der Belt rne 
von der Erde zu berechnen geſucht, und behauptet, die Sonne 
ſey neunzehnmal,mehr Grade von dem Monde entfent, als 
der Mond ſelbſt von der Erde. 2. Pothagorad aber, ein 
Mann von tiefeindringendem Geift, hat berandgefunden, 
Laß die Enffernung-von der Erde bis zum Mond hundert 
undfehsundzwanzigtaufend Gtadien, Die von ipm bis zur 
Eonne das Doppelte, und die von dieſer bis zu den zwöf 
- Zeiten. das Dreifache betrage. *). Derfelben Meinung war 
auch der Römer Gallus Entpicius. 

XX (Xxii). 4. Pythagoras nennt jedoch zumeilen mit 
einem der Theorie der Muſik entiehnten Worte tie Größe 
des Abftandes der Erde von dem Monde einen Ton. Bon 
tiefem bis zum Merkur zählt “er einen halten Ton, von 
diefem big zur Venus faft eben fo viel, von diefer bie zur 
Sonnereinen und einen halben, von der. Sonne bie zum 
Mars einen Ton, nämlich gerade fo viel, wie von ber Erde 
Fis zum Mond. 2. ‚Bon Mars bis zum Jupiter’ rechnet 
er einen halben, von dieſem bis zum Saturn wieder einen 
halden, und von da.bis zum Thierkreiſe einen und einen 
Haben Ton; zufımmen alfo fieben Töne, aus weichen bes 
Panntlich die vollftändige Tontelter oder das ganze muflfas 
liſche Syſtem beitebt. In diefer Harmonie nun ſoll ſich 
Saturu nad) der Doriſchen, und Jupiter nach der Phrygi⸗ 





” Nach den neueren Entbeckungen beträgt ber mittlere Abs 

ſtand der. Sonne von der Erde 20,851,000 Meilen, der 

\ bes Mondes ungefähr -51,300 Meiten. Plinius rednet 

Immer nad) olympiſchen Stadien, deren 40 auf eine geo⸗ 
graphiſche Meile gehen. 


14 


242 C. Plinius Naturgeſchichte. 

ſich unter derſelben befindet. Uber die Zeichen, weiche bei 
ihrem Aufgange fentredt aufſteigen, *) behalten. burd) ihren. 
langſameren Gang länger das Licht; jene hingegen, welche 
ſchief anffteigen, ziehen in kürzerer Friſt vorüber. 

XVÜI (x). .1. Den meiften Menſchen ift noch unbe: 
kannt, Was die in der Wiſſenſchaft ausgezeichnetften Männer 
durd) fortwährende Beobachtung des Himmels entdeckt has 
ben: daß Das nämlih, was man Blitz nennt, nichts anderes 
iſt, als. Feuer, welches aus den drei oberen Planeten heraks 


-$AUt, und zwar meiftens Feuer and dem mittelften derſelben 


[dem Jupiter nämtich), vielleicht weil er den zu großen 
Zuftuß von Feuchtigkeit aus der Über ihm liegenden Kreis: 
bahn [led Gaturn) -und von Hitze aus der unter ihm bes 
findtidhen [des Mare] auf diefe Weife von fi ſtößt: deß⸗ 
halb fagt man auch, Jupiter fdileudere die Blitze. 2. Wie 
alfo rom brennenden Holze die Kohle praffelnd losfaͤhrt, fo 
von dem Planeten das himmlifche Feuer, welches überdieß 
noch Vorbedeutungen mit ſich dringt; denn nicht einmal ein 
von dem Geſtirn abgelöstes Theilchen ſtellt feine göttlichen 
Berrichtungen ein. Meiftens findet Dieß bei getrübter Luft 
ſtatt: entwerer, weil die ich in ihr anhäufende Feuchtigkeit 
den Beuerliberfluß zur Entladung reist; oder auch, weil erſt 
Die Luft durch eine foldhe Entbindung des ſchwangern Dia: 
neten getrübt wird, **) 


%, Krebs, eowe, Jungſrau, Wage, Ecorpion und Saure. 


en) Der Inhalt dieſes Kapitels iſt lappiſche Kinderti, die feine 


Widerlegung verdlent. 





Zweites Bud). n443 


XIX (ax). 1. Viele haben den Abſtand der Geſterne 
von der Erde zu berechnen gefucht, und behauptet, die Sonne 
ſey neunzehnmal,mehr Grade von dem Monde entfent, als 
der Mond ſelbſt von der Erde. 2. Pothagoras aber, ein 
Mann von tiefeindringendem Geil, hat herausgefunden, 
daß die Enffernung ven der Erde his zum Mond hunberts 
undfehhsundzwanzigtaufend Gtadien, die von ihm bis zur 
Eonne das Doppelte, und die von dieſer bis zu den zmöf 
Zeiten das Dreifache betrage.) Derfelden Meinung war 
auch ter Römer Gallus Gntpicius. 

XX (zu). 4. Pothagoras nennt jedoch zuweilen mit 
einem der Theorie der Muſik entiehnten Worte bie Größe 
des Abftındes der Erde von dem Monde einen Ton. Won 
tiefem bis zum Merkur zählt “er einen halfen Ton, von 
diefem bis zur Venus faft eben fo viel, von Diefer bie zur 
Sonnereinen nnd einen halben, von der Sonne bis zum 
Mars einen Ton, nämlicd, gerade fo riel, wie von der Erde 
Yis zum Mond. 2. ‚Bon Mars bis zum Jupiter” rechnet 
er einen halben, von dieſem bis zum Saturn wieder einen 
halben, und von da.bis zum Thierkreife einen und einen 
halben Ton; zufammen alfo ficben Töne, aus weichen bes 
kanntlich die vollftändige Tontelter oder das ganze muſika⸗ 
liſche Soſtem beſteht. In dieſer Harmonie nun ſoll ſich 
Saturu nach der Doriſchen, und Jupiter nach der Phrygi⸗ 





” Nach den neueren Entbeckungen beträgt der mittlere Abs 

ſtand der. Sonne von der Erde 20,851,000 Meilen, der 

\ des Mondes ungehihr 51,300 Meilen. Plinius rehnet 

Immer nad) oIpinpifchen Stadien, deren AO auf eine geo⸗ 
graphiſche Meile gehen. 


% 


oo | 
242 C. Plinius Naturgeſchichte. 
ſich unter derſelben befindet. Uber die Zeichen, welche bei 
ihrem Aufgange fentredt auffleigen, *). behalten. burd) ihren 
lanafameren Gang länger das Licht; jene hingegen, welche 
ſchief anſſteigen, ziehen in kürzerer Friſt vorüber. 

XVIII (ax). .4. Den meiſten Menſchen iſt noch unbe 
kannt, Was die in der Wilfenfchaft ausgezeichnetften Männer 
Durch fortwährende Beobachtung des Himmels entdedt ha⸗ 
ben: daß Das nämlih, was man Blitz nennt, nichts anderes 
iſt, als Fener, welches aus den drei oberen Planeten heraks 


fällt, und zwar meiſtens Feuer ans Dem mittelſten derſelben 


[dem Jupiter nämlich), vielleicht weil er den zu großen 
Zufiuß von Feuchtigkeit aus der Über ihm liegenden Kreis⸗ 
Bahn [ded Gaturn] und von Hitze aus der unter ihm bes 
findiihen [des Mars) auf diefe Weife von ſich ſtößt: deß⸗ 
halb fagt man auch, Jupiter ſchlendere die Blige. 2. Wie 
alfo vom brennenden Holze die Kohle praffelnd losfaͤhrt, fo 
von dem Planeten das himmlifche Feuer, welches überbieß 
noch Vorbedentungen mit ſich bringt; denn nicht einmal ein 
von dem Geſtirn abgelöstes Thailchen ftellt frine göttlichen 
Berrihtungen ein. Meiftens findet Dieb bei getrübter Luft 
Statt: entweder, weil die ich in ihr anhäufende Beuchtigkeit 
Yen Beuerüberfluß zur Entladung reist; oder auch, weil erft 
die Luft durch eine foldhe Entbindung des ſchwangern Pia: 
neten getrübt wird. **) 


%) Krebs, Löwe, Sungfran, Wage, Ecorpion und Schütze. 
#9) Der Inhalt diefe® Kapitels ift laͤppiſche Kinderti, die keine 
‚ Miberlegung verdient. 


Zweites Buch. - 443 


XIX (zn). 41. Viele haben den Abſtand der Sell rne 
von der Eede zu berechnen gefacht, und behauptet, die Sonne 
ſey neunzennmal,mehr Grade von dem Monde entfent, als 
der Mond ſelbſt von der Erde. 2. Porhagoras aber, ein 
Mann von tiefeindringendem Geiſt, hat herandgefunden, 
Daß die Enffernung ven der Erde did zum Mond hunderte 
undfehsundzwanzigtaufend Gtadien, Die von ihm bis zur 
Eonne das Doppelte, und Die von dieſer bis zu den zwöif 
Zeiten das Dreifache betrage.) Derfelden Meinung war 
auch ter Römer Gallus Sulpicius. ' 

XX (zu). 4. Pythagoras nenne jedoch zumeilen mit 
einem ter Theorie der Muſik entlehnten Worte Lie Größe 
des Abftındes der Erde von dem Monde einen Ton. Bon _ 
tiefem bie zum Merfur zählt er einen halben Ton, von 
diefem bis zur Venus faft eben fo viel , von diefer bis zur 
Sonne reinen und einen halben, von der Sonne bie zum 
Mars einen Ton, naͤmlich gerade fo viel, wie von ber Erde 
Yis zum Mond. 2. ‚Bon Mars bis zum Jupiter recnet 
er einen halben, von tiefem bis zum Saturn wieder einen 
halden, und von da.bis zum Thierkreiſe einen und einen 
Hatben Ton; zufammen alfo fieben Töne, aus weichen bes 
Banntlich die vollfländige Tontelter oder das ganze muſika⸗ 
liſche Softem beiteht. In dieſer Harmonie nun foll Ad 
Satura nad) der Dorifcen , und Jupiter nach der Phrygi⸗ 





9) Nach den neueren Entbeckungen beträgt der mittlere Abs 

ſtand der Sonne von der Erde 20,861,000 Meilen, der 

des Mondes ungefähr 51,300 Meilen. Plinius rechnet 

immer nach olympiſchen Stadien, deren 40 auf eine geo⸗ 
grapbifche Meile gehen. 


⁊ 


1 - C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſchen Weiſe bewegen. Dieß, und Was er Aehnliches pon 
den übrigen Planeten beibringt, iſt jedoch eine mehr ers 
götzliche, ald erfprießliche Orübelei. *) 

XXI (zu), 4. Ein Stadium beträgt hundertfünfunds 
zwanzig unſerer Schritte, oder ſechshundertſünfundzwanzig 
Buß. "Nach Vofltonius iſt die Höhe, in weicher ſich die 
Nebel, Winde und Wolken bilden, nicht weniger als vierzig 
Stadien von der. Erbe entfernt; weiter. oben aber ift die 
Luft rein, dünn und von ungefrübter Helle. Bon der Wol: 
„Lenregion aber bis zum Monde zählt er zwei Millionen, und 
von da bis zur Sonne fünfhundert Millionen Stadien, und. 
- fchreibt es diefer großen Entfernung zu, baß die Sonne bei 

ihrem ungebeuern Umfang die Erde nicht ausbrennt. 2. Nach 
der gewöhnlichen Annahme ſteigen die Wolken bis zu einer 
Höhe von neunzig Stadien. »*) Alles Dieß iſt aber uner⸗ 
wieſen und unerforſchbär: ich theile es nur weiter mit, wie 
es mir mitgetheilt wurde. Eine auf untrügliche geometriſche 
Grundſätze geſtützte Berechnung darf jedoch keineswegs vers 
ſchmäht werden, wenn irgend Jemand Luft hat, dieſe Dinge 
fiefer zu ergründen, nicht als wenn der forfchente Geiſt ein 
zuverfäßiges Muß ermitteln könnte (denn Dieß nur zu wollen, 
wäre wahnfinniger Zeitverluft), fondern damit er fi nur 
 eine.annähernde Berechnung feſt aufftılle. 3. Da die Sonne 
nämtich auf der Ban, welche fie surüdtegt, einen Kreis 
"9 Mal. Censorinns, de die matali, cap. 13. J 
»8) Die hochſte Eutfernung der Woiten von ber Erde betragt 
nicht über 30,000 Fuß. Wenn ſie ſich zu Regen auflbſen, 
ſtehen fie nur 2,500 Fuß Aver une, 


Zweites Bub. - 145 


von ungefähr dreihundertſechsundſechzig Graden befchreibt, 
wie aus ihrem [jährlichen] Umlauf erhellt, der Durchmeffer 
aber immer den dritten Theil und etwas meniger als ein 
Siebentel des dritten Theils der Peripherie beträgt, *) fo 
ift Bar, daß,. wenn man die Hälfte des Durchmeſſers ab» 


zieht (weil nämlidy die Erde gerade im Mittelpunkte [der 


Weit] Tiegt), fi für die Höhe der Sonne ungefähr der 
fechöte Theil des ungehenern Raumes, welchen wir für die 
Kreisbahn derfelben um die Erde annehmen, ergeben müſſe; 
daß aber die Höhe des Mondes nur den zwölften Theil bie: 
fes Raumes betragen könne, weil feine Bahn in diefem 


Berhältniß kürzer iſt, als die der Sonne, und daß er fih - 


alfo mitten zwifchen der Sonne und der Erde bewege. 4. Es 
ift wirtli wunderbar, wie weit fid) bie Verbehrtheit des 
menſchlichen Geiſtes verirrt: durch einen ganz Meinen Er: 
folg, wie wir ihn fo eben mitgetheilt haben , gereizt, Senat 
feine Frechheit Peine Grenzen. Nachdem man einmal gemagt 
bat, die Entfernung der Sonne von der Erde zu errathen, 
legt man benfelben Maßſtab auch am den Himmel, weil ja 
die Sonne [zwifchhen ihm und der Erde] gerade in der 
Mitte fchwebt, und man redinet ohne weiteres die Größe 


! 





e) Alſo ta + nr (richtiger nach Archimedes 3). Das Berhältz. 


niß bed Durchmefjerd zur Peripherie hat noch nicht genau 
ausgemittelt werben Fönnen. Gewöhnlich befiimmt man 
es nad) dem Mathematiker Adrian Metius, wie 1: 3,1415026 

... Da übrigens die Voransſetzungen bed Plinius, daß 
die Erde der Mittelpunkt ber Welt ſey u. ſ. w., falſch find, 
fo müſſen es auch die. Maßbeſtimmungen ſeyn. 


€. Plinius Naturgeſch. 26 Bochn. 3 


16 €. Plinius Naturgeſchichte. 
der Welt an den Fingern ab. Denn fo viele Siebentel der 
Durchmeſſer hat, fo viele Sweiundzwanzigftel muß die Pe⸗ 
ripherie haben; als wenn fid) das Maß des Himmels ohne 
-alle Schwierigkeit. durch, das Bleiloth feſtſtellen Lichz. 

‚5. Die Uegyptifhe Berechnung, welche Petoflris und 
Necepſus aufbrachten, beflimmt die Größe eines jeden Grä- 
des der Mondbahn, welche, wie ſchon gefagt wurde, *) Die 
Pieinfte. ift, auf etwas mehr ald dreiunddreißig Stadien ; 
einn Grad der Bahn des Saturn, melde die größte iſt, 
auf tas Doppelte [66], und einen der Sonnenbahn, welche, 
wie wie [Burg vorher) bemerkt haben, in der Mitte. liegf, 
auf bie Hälfte ter Etadienfumme beider [A9'.]. Diefe 
Maßbeſtimmung ift noch tie befcheidenfte Lweil fie nicht zu 
. weit.geht}. Denn wollte man auch ten Kaum zwifchen ‘der 
- Bahn des Saturn und dem Thierkreis felbft berechnen , fo 

- würde die Zahlenvermehrung in’s Unentliche geben. | 
‚ XXI (æxivj. 4. Wir haben jegt noch siniges neue e 
über tie Melt beizufügen. Denn am Himmel felbft entftehe 
oft plötzlich Sterne; und zwar gibt es mehrere Arten ber. 
felben. a 
(xıv.) Die Griechen nennen Kometen (kopirtas) und, 
s wir Haarſterne (crinitas) jene, welche durch ihr blutiges 
Haar ein ſchreckliches Ausſehen haben, und wie mit einem 
ſtruppigen Haupthaar umgeben find. Bartfterne (noyuvias), 
heißen die, bei weldyen an dem unteren heile eine Mähpne, 
gleich einem langen Barte, herabhängt; die Schiekfterte 
(Axorriar) fliegen wie ein Wurffpieß dahin, und zeigen eim 


7) Sp VI. 5 12. 











Zweites Buch. 447 


in Kürze eintreffendes Ereigniß an. 2. Su’ diefen gehörte 
derjenige, welchen der Imperator Titus Eäfarin feinem fünften 
Conſulat [76-.n. Chr.} in einem herrlichen Gedicht genau 
beſchrieb: er war der letzte, den man bis anf den heutigen 
Tag ſah. Sind die Sterne kürzer, und laufen fie nach Art 
eines Schwertes zu, fo nennt man fie Schwertſterne 
(Eipios) : fie find von alfen die bleichſten, haben ungefähr den 
Stanz eines Schwertes, find aber ohne alle Strahlen, deren 
aud) ter Scheibenſtern (duoxzis), welcher diefen Namen von 
feiner Geftatt und die Farbe des Bernſteins hat, nur fehr 
wenige von feinem Rande auswirft. 3. Der Tommenftern 
Ansdeis) erſcheint in der Geſtalt einer Tonne, in deren 
-Höhlung ein rauchiges Licht breunt; der Hornſtern (zegarias) 
hat die Geſtalt eines Horns: ein folder war fihtbar, al 
Griedyentund bei Salamis focht [480 v. Ehr.]. Der Lam: 
pentern (Aauzadias) gleicht einer brennenten Fackel, ber 
Dierdefiern (irzeis) einer Pferdemähne, die ſich ſehr ſchnell 
bewegt, and fih um. ſich ſelbſt im Kreife herumbreht. Cs 
erscheint auch manchmal ein ganz weißer Komet, mit fil: 
bernem Haare, von fo großem Glanze, Laß man ihn kaum 
anfehen Bann, und das Bild eines Gottes in menſchlichet 
Geſtalt an ſich darſtellend. ) A. Auch ſieht man zuweilen 





2) Man Fönnte diefe Stelle für eingeſchoben halten, weil fie 
ber Aeußerung bed Plinius (Kay. V. $. 1.), daß es IA: 
cherlich fey , die. Seftalt der Sottheit erforfchen zu wollen: 

widerſpricht. Die Meinung, baß biefer weiße Stern kein 
anderer Stern ald der dev Weifen geweſen ſey, führen 
wir der Sonderbarkeit wege. an, 


1 N " 3 * 


48 E. Plinius Raturgeihichte. 


Kometen, die. zottig, wie Wolle, und mit. einer Wolke um« 
geben find. Erſt ein -einzigesmal veränderte ſich die Form 
einer Mähne in Pie eined Speered, in der hundertund⸗ 
achten Olympiade, im dreihundertachtundneunzigſten Jahre 
der Stadt.) Die kürzeſte Zeitfriſt, in der ein Komet ſicht⸗ 
bar iſt, wird auf fieben, ber längfte auf achtzig Tage **). 
angegeben. 
xXiH, £, Einige Kometen bewegen fi nach Urt der 
Planeten ; andere hängen unbewäeglich feſt. Faſt alle ericheis 
nen. im Norden, zwar an Seiner beftimmten Stelle, aber 
doch .meiftens in. dem weißen Gtreife, welchen man die 
Milchſtraße nennt. Ariſtoteles behauptet, ***) daß min 
auch. fehon mehrere zugleich gefehen habe : doch wurde Dies, 
fo viel ich weiß, noch von Seinem Anderen beobachtet. Sie 
follen alsdann flarten Wind und große Hitze bedeuten, 
Manchmal erfcheinen. deren auch in den Wintermonaten und 
an dem füdlihen Himmel; aber fie find dort ohne allen 
Glanz. 2. Als fehr unheilvoll erwies fich den Völkern Ae⸗ 
thiopiens und Aegyptens jener Stern, welder von dem 
‚gleichzeitigen König Typhon feinen Namen erhielt: er was 
von feuriger Geſtalt, fpiralfürmig gewunden und von gräß⸗ 
lichem Anſehen, nicht fomohl ein Stern, ale vielmehr ein 


‚) Eine biefer Zahlen ift unvichtig. Denn bad J. .398 d. Gt, 
_ (356 v. Ehr.) fäut in die 106te Olympiade. 
“es Wahrſcheinlich ein Fehler der Abfchreiber, ftatt 180 (vgl. Seneca, . 
. natur, quaest, VII, 21.); welche Zahl auch Hardeuin in 
den Text aufgenommen bat. \ 
”) Meteorolog, I 6. 





‚Zweites Bud. 149 


feuriger Knäut. *, Manchmal zeigen ſich auch an den Pla: 
neten undam anderen Gfernen Haare. — Die Kometen: erſchei⸗ 
nen nie am abendlichen Theile des Himmels. Schrecklich iſt 
ein ſolcher Stern faſt immer, und nicht leicht ſeine Vorbe⸗ 
deutung abzuwenden, wie jene beweiſen, die bei den bürger⸗ 
lichen Unruhen unter dem Conſulate des. Octavius [76 nor 
Ehr.], dann bei dem Kriege zwiſchen Pompejus und Bäfar 
149 vor Ehr.], und zu unferer Zeit bei der Vergiftung, 
durch welche das Reich von Claudius Cäſar an Domitius 


Mero überging [54 nad) Ehr.], und unter feiner Regierung . 


[nach Ehr. 64] erſchienen, und von denen der letztere lage 
ſichtbar und von fehr ſchlimmem Einfluß war. 3. Bei den 
Vorbedeutungen, glaubt man, komme es darauf an, nach 
weicher Richtung hin Die Kometen. fortfchießen ; von welchen 


Eternen fie ihre Kraft erhalten; melden Gegenftänden fie. 


gleichen, und an welcher Stelle fie zuerft auftauchen. Haben 


fie die Geſtalt von Flöten, fo gilt ihre Vorbedeutung der 


Muſik. Erſcheinen fle in den Schaamtheiten der Sternbilder, 
fo gift fie den unzüchtigen Sitten; dem Genie aber und der 
Wiſſenſchaft, wenn fle_ mit einigen der nie verfchwindenden 
Sterne ein Dreieck oder ein Viereck mit gleihen Winkeln 
bilden. Bergiftung bedeuten fie, wenn man fie in dem 
Haupte der nördlichen oder der’ füdfichen Schlange wahrnimmt. 
4 Rom ift bie einzige Stadt in der ganzen Welt, wo ein 


*), Tooheon 1 eine faselhafte Perſon, und ob der nad ihr 


Genannte Komet wirklich ein folcher, ober ein feuriges 

Meteor war, möchte nicht leicht zu emifcheiben ſeyn; und 

doch Hat man ihn zu berechnen verſucht, und feinem Ein⸗ 
fuſſe die Sundfluth dugeſchrieben. 


- 


« 


18° EC. Plinius Naturgeſchichte. 


Kometen, die zottig, wie Wolle, und mit einer Wollte une 


geben find. Erft ein -einzigesmal veränderte ſich die Form 
einer Mähne in die eined Speered, in der hundertund« 
achten Olympiade, im dreihundertachtundneunzigſten Jahre 
der Stadt. ) Die kürzeſte Zeitfriſt, in der ein Komet ſicht⸗ 
bar ift, wird auf fieben, ber längfle auf achtzig Tage **). 
angegeben. | 

XXIH, 4, Einige Kometen bewegen ſich nady Urt der 
Planeten 5; andere hängen unbemweglich feſt. Faſt alle erfcheis 
nen im Norden, zwar an Beiner beſtimmten Stelle, aber 
doch .meiftens in dem weißen Gtreife, welchen man die 
Miltchſtraße nennt. Ariſtoteles behauptet, ***) daß min 
auch. fehon mehrere zugleich gefehen habe: doch wurde Dieß, 
ſo viel ich weiß, noch von keinem Anderen beobachtet. Sie 
ſollen alsdann ſtarken Wind und große Hitze bedeuten, 
Manchmal erſcheinen deren auch in den Wintermonaten und 
an dem ſüdlichen Himmel; aber ſie ſind dort ohne allen 
Stanz. 2. Als ſehr unheilvoll erwies ſich den Völkern Aë— 
thiopiens und Aegyptens jener Stern, welder von dem 
‚gleichzeitigen König Typhon feinen Namen erhielt: er way 
von feuriger Geftalt, fpiralförmig gewunden und von gräß« 


lichem Anſehen, nicht fomohl ein Stern, als vielmehr ein 


*) Eine dieſer Zahlen iſt unrichtig. Denn bad J. 298 d. St. 
(356 v. Ehr.) faͤllt in die 100te Olympiade. 
* Wahrſcheinlich ein Fehler ber Abſchreiber, ſtatt 180 (vgl. Seneca, 
natur. quaest, VI I, 21.); welche Zahl auch Hardouin in 
den Tat aufgenommen hat. . 
»es) Meteorolog. I ‚6. 














‚Zweites Bud). 149 


feuriger Anäul. *) Manchmal zeigen ſich auch an den Pla⸗ 
neten und am anderen Sternen Haare. — Die Kometen. erſchei⸗ 
nen nie am abendlichen Theile Des Himmels. Schrecklich if 
ein folder Stern fat immer, und nicht leicht feine Border 
beutung abzuwenden, wie jene beweifen, die bei ben bürger⸗ 
lihen Unruhen unter dem Conſulate des. Octavius [76 vor 
Ehr.], dann bei dem Kriege zwiſchen Pompejus und Eäfar 
[49 vor Ehr.], und zu unferer Seit bei der Bergiftung, 
durch welche: das Neid, von Claudius Cäſar an Domitius 


Nero Üüberging [54 nad) Ehr.], und unter feiner Regierung . 


[nad Chr. 64] erfhienen , und von denen der letztere lauge 
fichtbar und von fehr ſchlimmem Einfluß war. 3. Bei den 
BVorbedeutungen,, glaubt man, komme es daranf an, nach 
welcher Richtung hin die Kometen. fortfchießen ; von welchen 


Eternen fie ihre Kraft erhalten; welchen Gegenftänden fie. 


gleichen, und an welcher Stelle fie zuerſt auftauchen. Haben 
fie die Geſtalt von Flöten, fo gilt ihre VBorbedeutung ber 
Muſik. Erſcheinen fle in den Schaamtheilen der Sternbilder, 
fo gitt fie den unzüchtigen Sitten; dem Genie aber und der 
Wiſſenſchaft, wenn fle mit einigen der nie verfchwindenden 
Sterne ein Dreieck oder ein Viereck mit gleiben Winkeln 
bilden. Bergiftung bedeuten fie, wenn man fie in dem 
Haupte der nördlichen oder der ſüdlichen Schlange wahrnimmt. 
4. Rom ift die einzige Stadt in der ganzen Welt, wo ein 


”), Toobon ift eine faselhafte Perfon,, und ob ber- nad) ihr. 


benannte Komet wirklich ein folcher, ober ein feuriges 
Meteor war, möchte nicht leicht zu emtfcheiben ſeyn; und 
doch hat man ihn zu berechnen verſucht, und feinem Eins 
fluſſe die Sundiluth dugeſchrieben. 


⸗ — 


- 


« 


48 C. Plinius. Naturgeſchichte. 


r 


Kometen, die zottig, wie Wolle, und mit. einer Wolle uns ' 


geben find. Erſt ein -einzigesmal veränderte ſich die Form 
einer Mähne in die eined Speered, in der hundertund⸗ 
achten Olympiade, im dreihundertachtundneunzigſten Jahre 
der Stadt.) Die kürzeſte Zeitfriſt, in der ein Komet ſicht⸗ 
bar ift, wird auf fieben, der längfte auf achtzig Tage **) 
angegeben. 

XXuI. 1, Einige Kometen bewegen ſich nady Urt der 
Planeten ; andere hängen unbemweglid, feſt. Faſt alle erſchei⸗ 
nen im Norden, zwar an Beiner beſtimmten Stelle, aber 
doch .meiftens in dem weißen Gtreife, welchen man die 
Milchſtraße nennt. Wriftoteles behauptet, ***) daß min 
auch. ſchon mehrere zugleich gefehen habe: doch wurde Dies, 
fo viel ich weiß, noch von feinem Anderen beobadytet. Sie 
follen alsdann flarfen Wind und große Hipe bedeuten, 
Mandımal erfcheinen. deren auch in den Wintermonaten und 
an dem füdlihen Himmel; aber fie find dort ohne allen, 
Stanz. 2. als ſehr unheilvoll erwies fich den Völkern Ues 
thiopiens und Aegyptens jener Stern, welcher von dem 
‚wleichzeitigen König Typhon feinen Namen erhielt: er was 
von feuriger Geſtalt, fpiralförmig gewunden und von gräß- 


lichem Anſehen, nicht ſowohl ein ein, ald vielmehr ein 


‚” Eine diefer Zahlen iſt unrichtig. Denn das J. 398 d. St, 
(356 v. Ehr.) faͤllt in die 106te Olympiade. 

* Wahrſcheinlich ein Fehler der Abſchreiber, ſtatt 180 (vgl. Seneca, 
natur. quaest. VII, 21.); welche Zahl auch Hardouin in 
den Tert aufgenommen bat. \ 

»e®) Meteorolog. I, 6. 











‚Zweites Bud. 149 


feuriger Knäul.) Manchmal zeigen ſich auch an den Pla 
neten und am anderen Sternen Haare. — Die Kometen. erſchei⸗ 
nen nie am abendlichen Theile Des Himmeld. Schrecklich if 
ein folder Stern faft immer, und nicht leicht feine Borbe 
Deutung abzuwenden, wie jene beiweifen, Die bei den bürger⸗ 
lichen Unrupen unter dem Gonfulate des. Octavius [76 vor 
Ehr.], dann bei dem Kriege zwifchen Pompejus und Bäfar 
[49 vor Ehr.), und zu unferer Zeit bei der Bergiftung, 
durch welche das Neid, von Claudius Cäſar an Domitius 
Nero überging [54 nad) Ehr.], und unter feiner Regierung | 
[nad Ehr. 64] erfchienen , und von denen der letztere lauge 
ſichtbar und von fehr ſchlimmem Einfluß war. 3. Bei den 
Borbedeutungen,, glaubt man, komme es darauf an, nach 
welcher Richtung hin die Kometen. fortfchießen ; von welchen 
Eternen fie ihre Kraft erhalten; melden Gegenftänden fie. 
gleichen, und an welcher Stelle fie zuerft auftauchen. Haben 
fie die Geſtalt von Flöten, fo gilt ihre Vordedeutung ber 
Mufit. Erſcheinen fie in den Schaamtheiten der Sternbilber, 
fo gitt fie den ungüchtigen Sitten; dem Genie aber und der 
Wiſſenſchaft, wenn ſle mit einigen der nie verfchwindenden 
Sterne ein Dreieck oder ein Biere mit gleihen Winkeln 
bilden. Bergiftung bedeuten fie, wenn man fie in dem 
Haupte der nörblichen oder der ſüdlichen Schlange wahrnimmt. 
4. Rom ift die einzige Stadt in der ganzen Welt, wo ein 


) Tovhon if eine faselhafte Perſon, und 0b ber- nad) ihr 
benannte Komet wirdlih ein folcher, oder ein feuriges 
Meteor: war, möchte nicht leicht zu emtfcheiben ſeyn; und 
doch Hat man ihn zu berechnen verſucht, und ſeinem Ein⸗ 
fluſſe die Sundiluth dugeſchrieben. 


⸗ — 


450 C. Pinins Naturgeſchichte. 

Komet in einem Tempel verehrt wird, weil nämlich der 
göttliche Auguſtus ihn als eine ſehr glückliche Vorbedeutung 
für ſich anſah. Denn er erſchien gerade, als er beim Be⸗ 
ginne ſeiner Laufbahn, nidt fange 'nach dem Tode ſeines 
Vaters Cäſar und in dem noch von dieſem eingeſehten Col⸗ 
legium, ) die Spiele zur Ehre der Allgebärerin Venus **). 
feierte [a4. vor Chr.]. Er ſelbſt äußert feine Freude darliber 
in folgenden Morten: „gerade während der Tage meiner ' 
Spiele war ein Haarftern fieden Tage Sang in jener Ge 
gend des Himmels, weiche nach Mitternacht bin liegt, ſicht⸗ 
bat. Er ging um die eilfte Stunde des Tages Auf, war 
fehr glänzend, und wurde in cllen Ländern gefehen. Das 
Volk glaubte, durch diefen Stern werde die Aufnahme der 
Seele Cäſar's unter die Zahl der unfterblichen Götter anges 
deutet; und aus dieſer Rücficht haben wir denn auch dieſes 
Zeichen *) dem Kopfe feined Standbilted, weldes wir 
bald nachher auf Dem Forum weihten, beigefügt.“ 5. So 
fpradh er ſich öffentlich ans: in feiner inneren: Sreude war 
er aber überzeugt, daB der Gtern ihm, und daß fein Süd 
mit ihm aufgegangen fen, und zwar, wenn wir fie Wahıheit 
geffehen wollen, zum, Heile der Welt. — WMante haben 
geglanbt, audy diefe Sterne ſeyen unvergänglidy, und wandeln 


⸗ 


”, Julius Eaͤſar, der Adeptivvater Auguſts, hatte kurz vor feis 
nem Tote zur Geier diefer Spiele ein Priederfoiteginm zu: 
fammenkerufen. 

20) Venus genitrix. -Cäfar hatte ihr als WBefchligerin bes‘ Ins 

liſchen Seſchlechtes einen vrachtwouen Tempel gebaut. 

°, Einen Stern, 





Zweites Bud. j tb 
itre beftimmte Bahn, ) können aber nur außer dem Bes 
reiche des. Sonnenlichted gefehen werden. Andere meinen, fie 
entfländen zufällig durch Feuchtigkeit und Feuerſtoff, und 
löſsten ſich eben fo wieder auf. 

XXIV (szvo). 4. Jener nämliche, nie yenug zu fobende 
Hipparchus, ») welcher beſſer als irgend Jemand bewies, 
dar die Eterne mit dem Menſchen verwandt und unfere 
Seelen ein Ausfluß des Himmels ſeyen, entdedte auch einen 
neuen und [von den Kometen] verfchiedenen Stern, ber zn 
feiner Zeit entſtand, und wurde durch deſſen Bewerung an 
Vem Tage ſeibſt, wo er zu feuchten anfing, zu dem Zweifel 
verleitet, ob Dieb nicht öfter. gefchehe, und ob nicht auch 
diejenigen Sterne , die wir und als feſtſtehend vorftellen, 
ſich bemegen. 2. Er wagte fogar (mas felbft einem Bott zu 
ſchwer ſeyn dürfte), den Nachkommen die Sterne darzuzählen, 
und fie namentlich zu verzeichnen. Er hatte nämlich In⸗ 
ſtrumente erfunden, vermittelt welder er den Standort und 


Me Größe der einzelnen Sterne beitimmte, fo daß man. 


alfo nicht nur leicht -unterfcheiden konnte, ob Sterne vers 
fhwinden-.und andere entfliehen; fondern auch, ob fle über: 
haupt ihre Stelle am Himmel wechfeln, oder fidy bewegen, und 
ob im Zunehmen und Abnehmen. Er hinterließ auf dieſe 
Weile Allen den Himmel ald Erdſchaft, wenn nur irgend 


⸗ 


9% Dieſe Vermuthung wurde von Halley (1709 jur Gewiß⸗ 
heit —8 N 

»y Bol. Kay. 9 und 10 nebſt ben Bemerkungen über bie von 
Plinius bei feiner ‚Kedwmolegie benützten Quellen vor biefem 
Buche. 


x 


12. tk‘ Plinius Naturgefchichte. 

einer Luft hatte, von dem Vermächtniſſe Bells zu ers 

‘greifen. ) 

XXV. 1. €. entflehen auch Badeln, find aber nux, 
wenn fie herabfallen, fichtbar. Eine ſolche fuhr, als Ger: 


manicus Cäfay Fechterſpiele gab, am hellen Mitlag vor ben , 


Augen des Volkes vorüber. Es gibt deren zwei Arten. 
Die Leuchten (Aauradas) nennt man ſchlechtweg Badeln 
(faces), die andere Art aber Gefchoße (Bolidas). Ein ſolches 
wurde zur Seit des Unglüds bei Mutina ***) gefehen. 
2. Beide Arten unterfheiden Ih dadurch, daß die Fackeln 


eine lange Spur zurädlaffen, und nur an dem vorderen “ 


Theile brennen; die Gefchoße aber durchaus brennen, und 
einen größeren Raum einnehmen. “ 

XXVI. Auf dieſelbe Weife entſtehen auch Balken 
(trabes), doxod genannt. Ein ſolcher zeigte ſich bei jener 
Niederlage der Lacedämonier ‘zur See, 1) durch welche 
fie die Oberherrfchaft über Griechenkand verloren. — Auch 
zeigt manchmal der Himmel ſelbſt eine Deffnung, was man 
ana nennt. 1m. 


DH. Aſtronomie zu ſtudiren. 

»*) Die Meteore, welche Plinius vom Himmel herabkommen 
läßt, entſtehen in ber Atmosphäre durch entzündete Dünfie, 
oder durch die Wirkung der Elektrizität. 

°, Brutus hatte fih in Mutina (Modena) verſchanzt. M. 
Antonius belagerte die Stadt (44 vor Chr.), und es 
blieben dabei von beiden Seiten fo viele Menfhen, baß 
diefe Belagerung ſprichwoͤrtlich wurde, 


+) Dur bie Athener unter Konon (Olymp. XCVI, 2. = 


395’ vor Ehr.). 
tt) Die Balken und Deffnungen: bed Himmels, bie Plinius 





[2 


Zweites Bud. . 153 
XXVII (zıvı1), 4. Zuweilen entfieht auch ein Feuer 
von bluthrothem AUnfehen, *) welches vom Himmel zur Erde 


herabfallt — eine für die furchtſamen Sterblichen höchſt 
ſchreckliche Erſcheinung. Ein ſolches bemerkte man im dritten 


Jahre der hundertundflebenten Olympiade [350 vor Ehr.], 


als König Philipp [von Macedonien] Griechenland erſchüt⸗ 


-terte. 2. Ich glaube, daß diefe Erfcheinungeh,, fo wie alle 


andere, zu gewiffen, von der Natur beflimmten Zeiten flaft: 
finden, nicht aber, wie die Meiften wähnen, aus allerlei 
Urfachen , die ſich die Gräbelei der menfchlichen Einbildungs⸗ 
kraft ausdentt. Sie mögen wohl. fon die Borboten von 
großen Unglücsfällen gewefen ſeyn; aber idy bin der Anz 
fiht, daß die Unglücsfälle nicht deßwegen eintrafen, weil 
die erwähnten @rfcheinungen vorausgingen, fondern daß 
diefe voransgingen,, weil jene eintreffen follten. *") Da fle 


nur felten ſtattfinden, fo iſt uns noch ihre Urfache verborgen, 


und wir können fie deßhalb nicht, wie die Aufgänge [der Ge⸗ 
flirne] , die Finfterniffe und vieles Andere berechnen. 
XXVIII (zxvın), Manchmal ſind auch ganze Tage 
Hilidurdy nebſt der Sonne Sterne ſichtbar, oft auch um die 
Sonnenfceibe Kränze, wie „and ehren geflochten, und 


werhfeifarbige Kreife, Solche wurden bemerkt, als Auguſtus 


30 mit ihren Griechiſchen Benennungen näher bes 
eichnet, rechnet man gewöähnlicy zu den Erfcheinungen bes 
ordlichts. 

*) Die Urſache biefes Phänomens if die Brechung ber- Sons 
nenſtrahlen durch die Wolken, 

ee) D. h. die Naturerfheinungen find nicht die Urſache bes 
eintreffenden Unheils, ſondern Vorzeichen deſſelben. 


454 C. Plinius Maturgeſchichte 


‚ EAfar in früher Jugend in die Stadt z09 -[aa vor Ehr.], 
- um nach dem Tode feines Vaters den großen Namen. deſ⸗ 
ſelben auf ſich zu übertragen. *) 

(xxix). Eben ſolche Kränze zeigen ſich nm ken Mond 
und die vorzüglichften Geſtirne, ſelbſt um Firfterne. j 
XXIX. Einen Bogen um die Sonne fah man unter dem 
Eonfulate des 2. Opimind und des DO. Fabius [121 v. C.]; 
einen Ring unter dem Gonfulate des 2. Porcius und des 
TR. Acilius (114 vor Ehr.J; 

(xxx) einen Kreis von rother Farbe unter dem Con⸗ 
fülate des 2, Julius und des P. Rutilius [9Q vor Ehr.]. 

XXX. Es finden auch feltfame und längere Sonnen: 
finfterniffe ftatt, wie beider Ermordung des Dictators Caſar 
und während des Antonianifchen Krieges [44 vor Ehr.), wo 
das Sonnenlicht faſt ein ‚ganzes Jahr hindurch bleich 
bie. © 
XXXI (zı) 4. Dagegen werden aud) manchmal 
wieder mehrere Sonnen zugleich [Rebenfonnen] gefehen, and 
zwar nie über oder unter der eigentlihen Sonne, fondern 
in fchräger Richtung von ihr; mie neben der Erde oder ihr 


/ 


*, Bol, Seneca, natural. quaest, 1, 2. Die von Plinius in 
.biefem und in bem folgenden Kapitel erwähnten Erſchei⸗ 
nungen möffen ‚ebenfalls der Brechung ber Lichtſtrahlen 
durch Dünfte zugeſchrieben werden. Sterne können nebſt 
der Sonne während des Tages nur bei Sonnenfinftersiffen 
fihtbar werben, 

**, Die andduernde Bläffe des Sonnenlichtes entfieht nicht 
durch eigentliche Derfinfterung, fondern durch die -foges 
nannten Sonnenflecken. 


» N 


+ 


Zweites Bud. Abb 


gerade gegenüber, auch nicht bei Racht, ſondern bei. Son⸗ 
nenauf⸗ oder Untergang. Einmal ſollen jedoch am Bos— 
porus [Canal des ſchwarzen Meeres) auch welche um die 
Mittagszeit ſichthar geweſen ſeyn, weil fie nämlich vom 
Morgen bis zum Abend dauerten. 2. Drei Sonnen ſahen 
die Alten öfter: ſo zum Beiſpiel unter den Conſuln Sp. 
Poſtumius und Q. Mucius [174 vor Ehr.),-D. Marcius 
und M. Porcius [148 vor Chr.), M. Antonins und P. Dos 
labella [aa vor Chr.), und M. Lepidus und L. Plancus 
[43 vor Epr.). Auch unſere Zeit ſah deren unter der Res 
gierung des göttlichen Elandius, unter feinem und feines Eolles 
gen Cornelius Orfitus Confulat [51 pach Chr.). Mehr ale 
drei Sonnen zugleid, follen bis auf unjere Tage noch nie 
wahrgenommen worden fegn. . 
U (xsxu):.. Auch drei Monde waren ſchon ſichtbar, 
wie unter dem Gonfulate des En. Domitius und des E. Fannius 
[122 v. Chr.). Man hat fie häufig Nachtfonnen genannt.*) 
XXXIII (zızmm). Unter dem Confulate des C. Eäcilius 
und En. Papirius [115 nor Chr.] und auch fonft ſchon öfter 
fab man des Nachts am Himmel ein Lidyt, durd) welces 
die Nacht faft fo heit wurde, wie der Tag. **) | 
XXXIV aaxıır), Ein brennender Schild ***) fuhr bei 
Sonnenuntergang funkelnd von Weſten nach Oſten unter 


*) Die Neben monde entſtehen durch dieſelben Urſachen, wie 
bie Nebenſonnen. 

ee) plinius meint wohl nichts als das Norblicht. 

⸗es) Diefes Meteor gehört vielleicht, fo wie das im folgenden 

\ Kapitel erwähnte, zu ben Feuerkugeln, welche mit großem 
Getöſe zerfpringen, und fich in einen Steinregen anflöfen, 


0) . 


466 | C. Plinius Naturgeſchichte. 


dem Eonfulate des 2. Balerius und des C. Rarius [(100 vor 
Ehr.). 

xxxv (xxxv). Ein einigesmal, namlich _unter dem 
Conſulate des En. Octavius und des C. Scribonius [76 v. C.], 
ſoll, wie man erzählt, ein Funken von einem Stern herab⸗ 
gefallen, und ſtets, je näher er der Erde kam, größer ges 
worden ſeyn. Nachdem er dem Monde an Umfang gleichge- 
kommen war, ſoll er ein Licht, ‚gleich dem an einem neb- 
ligen Tage, verbreitet haben, und dann zum Himmel zurück⸗ 
gekehrt, und zur Leuchte geworden feyn. Der Proconſul 
Silanus fah nebft feinem Gefolge diefe Erfcheinung. 

XXXV (zzxvı), ’ Auch fcheinen die Sterne manchmal 
fortiufchießen,, und zwar nie ohne Bedeutung. Denu es 
entftehen gewöhnlich von derfelben Seite her fürchtertiche 
Stürme. *) 

XXXVO. 4. Auch anf dem Meere und auf der erde 
gibt es Sterne. 

(zuivu). Ih ſelbſt ſah oft an den Wurffpießen. der 
vor dem Walle die Nachtwache verfehenden Soldaten einen . 
Schimmer von diefer Geſtalt **) hängen. Gie lafſen ſich 
and) auf die Segelftangen nnd andere Theile der Schiffe 
nieder, und machen dabei ein hörbares Srräufch, ungefähr 
wie die Vögel, wenn fie von einer Stelle zur andern flattern. 
. Kommen file einzeln, fo bringen file Unheil; denn fie verienten 
- alsdann die Sphiffe oder verbrennen fie, wenn fie in den 





*, Daß die fortfchießenden Sterne (Sternſchnuppen) nichts 
anderes find, als Streifen entzfindeter Luft, iſt jegt allges | 
mein bekannt. 

“+, Mon ber Geſtalt der Sterne. 


' e » 








IJ Zweites Buch. 457 
unterſten Raum hinabfallen. 2. Erſcheinen aber zwei zus 
gleih, fo find fie heilbringend und Vorboten einer glück⸗ 
lichen Fahrt; denn fie follen alddann durch ihre Ankunft 
jene ſchreckliche und drohende fogenaunte Helena verfcheuchen. 
Deßhalb .fchreibg man and, diefe Anzeige dem Pollue und 
Caſtor zu, und ruft diefe auf dem Meere als Gchupgätter 
an.) Manchmal fiht man auch in den Abendſtunden 
ſolche Sterne um das menfhlihe Haupt alänzen, und fie 
And, dann von großer Vorbedeutung. — Die Urſache aller 
dieſer Erfcheinungen -ift ungemwiß, und liegt i in dem Schooße 
der hochherrlichen Natur verborgen. 
XXXVIII (asırın). 4. So viet von ber Welt feibft 
und. von den Sternen, Wir gehen jest zu den übrigen 
Mertwürdigkeiten des ' Himmels über; denn unſere Vor⸗ 
fahren nannten audy Das Himmel, was mit einem andern 
Namen Luft heißt, jenen ganzen, anfcheinend leeren Raum 
nämlich, der diefen beiebenden Hauch ausftrömt. Die Res 
gion der Luft befindet ſich unterhalb des Mondes, und zwar. 
(wie idy allgemein angenommen fehe) tief unter demfelben. 
Sie bildet fid aus zweierlei Beftandtbeilen, nämlidy aus 
einer Miſchung unzähliger Theilhen der höheren Luft mit 
unzähligen Theilchen der irdifchen Ausbünftung: 2. Daher 





®) Helena, Kaftor und Pollur find. Geſchwiſter. Der Sage 
nach wurden. fie alle brei unter bie Sterne-verfeut, und als 
ſolche find Kafor und Polls“ heilbringend, ‘Helena aber 
gefährlich. — Man erkennt in ber Beſchreibung biefer 
Naturerfcheinung beutlich das fogenannte St. Eimsfener, 
an omung be der dem Brichgemichte entrfiten Elek⸗ 
ricität, 


458 C. Plinius Naturgefchichte. 

die Wolken, fo wie Donner und Blitz; daher der Hagel, 
‚der Reif, der Regen, der Sturm und der. Wirbeiwind ; 
Daher die meiften Plagen der Sterblidyen und der Kampf 
‚ ber Naturkräfte mit ſich ſelbſt. Die Gewalt der Gterne' 
drängt Das, was von der Erde zum Himmel ftrebt, herab, 
und zieht Das, was nicht freiwillig auffteint, an fi. Der 
Regen fällt herab, der Nebel fleigt auf, die Flüffe trodnen 
ans, ber Hagel braust nieder, die Sonnenftrahlen erwärmen 
Die Erde nnd drängen fie von allen Seiten nad) der Mitte 
hin; daun prallen fle, nachdem fie ſich an ihr gebrochen Ha⸗ 
ben, zurüd, und führen, Was fie können, mit fi fort. 
Die Hige kommt von“oben, und fleigt wieder nad oben: 

die Winde ſtürzen leer herbei, und eilen, mit Beute beladen, 
zurück. 3. Der Athem' fo vieler Thiere zieht Die Luft aus 
den höheren Räumen herab; diefe aber widerfirebt, und die 
Erde ftrömt dem [durch das Athmen der Thiere] gleidfam 
entleerten Himmel die Luft zurück. Während ſich Die Natur 
auf diefe Weiſe ftets hin» und herbewegt, wird der Streit 
der Elemente durch die fchnelleE Umdrehung der Welt, wie 
burch ein Triebwerk, angefacht. Nie kann biefer Kampf 
raften, fondern ‘er muß .fidy, durch den Umſchwung fortges 
riffen, fortwährend mit umdrehen; und fo zeigt er uns bald 
an dem ungehenern, die Erde umgebenden Gewölbe die Ur: 
fachen der Dinge: *) bald fpiegelt er und durch die Wolken⸗ 
bededung einen andern Himmel vor Hier if aud das 
Reich der Winde, und hier liegt alfo der Orundftoft derfelben, 


. 





2) Die Sterne. Vol. 8. 3. 5 2. Die Ueberfegung folgt der 
Lesart immenso rerum causas globo, osteudit, 





Zweites Bud. 459 


weicher die Urfachen- ber übrigen Erſcheinungen in fid bes 
greift; weßhalb and) die. Meiften deu Donner und Blitz der 
Heftigkeit der Winde zuſchreiben. Da man, nebft vielen 
Anderen, fogar behauptet, ed regne manchmal nur deßwegen 
Steine, weil fie von dem Winde aufgezogen worden fegen, 
fo müflfen wir dieſen Gegenftand nod) etwas peitläufiger, 
abhandeln. *) 

XXXIX xxix). 4. Daß die Witterung und andere 
natürliche Erfcheinungen zum Theil feſtbeſtimmte, zum Theil 
aber auch zufällige oder noch nicht erforfchte Urfachen haben, 
it offenbar. Denn wer möchte bezweifeln, daß Sommer und 
Winter, fo wie der beflimmte. Wechfel der Fahreszeiten 
überhaupt, durc) den Lauf der Geflirne bedingt werden ? 
Wie es alfo anerdaunte Eigenſchaſt Ser Somne ift, das 
Jahr zu regeln, fo haben aud) alle übrigen Geflirne ihre 
eigenthümliche Kraft,.die fidy in den der Natur eines jeden 
entiprechenden Wirkungen äußert. Einige löfen durch ihren 
Einfluß die Dünfte in Wegen auf; andere verdichten fie zu- 
Keif, oder preffen le zu Schnee, oder laffen fie zu Hagel 
gefrieren; andere bringen Wind, andere Wärme, andeme 
Hige, andere Thau und andere Froſt. Man ftelle fid) aber 
auch nicht die Sterue fo klein vor, wie fle unferen Augen 
erfcheinen. Denn ſchon ihre unermeßlidye Höhe beweist Line 
länglich, daß Feiner von ihnen Bleiner ift, als ber Mond. 


”5 Durdy eine Windhofe Bögen wohl Steine in die Höhe 
‚gezogen werben, und gleich einem Regen wieder herabfallen. 
Gewoͤhnlich find aber ſolche Steine bie Trüummer zervladter 
Meteore. 

v 


460 C. Plinius Naturgefchichte. \ 
2, Jeder äußert alfo während feines Laufes die ihm eins 
wohnende Kraft, wad am deutlichſten aus den Borüber: 
gängen des Saturn, die fletd mit Regen begleitet find, 
‚erhellt. Uber nicht nur die Wandelfterne eytwideln diefe 
@igenichaft, fondern auch viele der am Himmel feft ſtehen⸗ 
den, fo oft fie durch die Annäherung der Planeten [Eon 
junction] angeregt, oder durch die auf fie fallenden Strahlen. 
derfelben [Oppofition] ‚gereizt werden, wie wir Dieß an dem 
Regengeftirn.*) wahrnehmen; weßhalb ihm aud) die Grie- 
chen den Regen bedeutenden Namen Hyaden beilegten. 
Einige Außern ſogar ihren Einfluß aus. eigenem Antrieb 
und zu beſtimmten Zeiten, wie die Böckchen *”) bei ihrem 
Aufgang. Ebenfo kommt der Stern des Arcturus ***) fafk , 
nie ohne Hagelfturm zum Vorſchein. +) 
XL (2). 4. Wer weiß ferner nivt, daß bei dem 
Aufgang des Hundsflerns Tr) fih die Sonnenhige am 
meiften fleigere? — wie deun der bedeutende Einfluß diefes 


— 





*) Dad Regengefiirn (suculae) oder die Hyaden (nicht zu ver: 
wechfeln mit dem Siebengeftirn oder ben Plejaden, wie 
einige Ueberſetzer gethan haben) fiehen am Kopfe des 
Stiered. Sie gehen im Oktober auf und im März unter. 

es) An ber weftlichen Schulter bed Fuhrmanns. Sie gehen 
im September auf und unter, 

»es) Zwischen den Knieen bes Bärenhüters. Cr geht im Seps 
tember auf, und im Mai unter, 

7) Der Einfiuß der Geflirne auf die Witterung läßt ſich durch 
Nichts erweifen, und kaum kann man bie Emwirkung des 
nahen Mondes auf dieſelbe behaupten. 

+5 Der Hunbdsſtern (Sirius), am rechten Obe des großen 
Hundes, geht jetzt im Anouſi auf. 








0 Zweites Buch. 161 


Sterns auf der ganzen Erde gefühte wird. Wenn er ers 
ſcheint, branst das Meer anf, der Wein gührt im Keller 
und die Gümpfe kommen in Bewegung. 2. Ein wildes 
Thier, welches die Aegpptier Oryx *) rennen, foll ih nad 
ihrer Behauptung ihn bei feinem Aufgange gegenüber flellen, 
ihn betrachten und durch Nießen gleichfam verehren. Daß 
die Hunde während diefer ganzen Periote am meiften zur 
Wuth geneigt ſind, unterliegt keinem Zweifel. 

XLI (axi). 4. Sogar den einzelnen Graden einiger 
Zeichen ift eine befondere Kraft eigen. Go fließen wir bei 
der Herbfltagundnachtgleiche und an dem Bürzeften Tage aus 
dem fhlechten Wetter, daß die Sonnenwende vorüber iſt; 
und nicht nur aus dem Regen und Ungewitter fihließen wir 
es, fondern auch aus vielen Anzeigen an unferem Körper 
und auf dem Felde. Einige werben von Schlagflüffen bes 
fallen; bei Andern leidet zu beflimmten Zeiten der Unter: 
‚leid, das Nervenſyſtem, der Kopf, das Gemütb. Der Oel: 
baum, die weiße Pappel und die Weite rollen bei der” 
Sommerjonneumwende ihre Blätter zufammen. *) 2. Am 
Zage. der Winterſonnenwende ‚»**) ſelbſt blüht die unter 





*) Gehört sum Gazellengeſchlecht, und iſt vielleicht die Anti⸗ 
lope Oryx. 

2) Dieß bemerkt man faſt bei allen Pflanzen mit ſchmalen 
Blättern, wenn nämlich die eine Seite des Blattes durch 
Hitze ober Kälte mehr zufammengezogen wird, ald die ans 
dere ; gerate, wie fih das Papier, wenn man es der Hitze 
zu nohe bringt, zuſammenreilt. 

=.) Elcero (de divinat, II, 14.), welchem Plinins hier auf 


E, Plinius Natuͤrgeſch. 25 Woche, 4° 


462 C. Plinius Naturgeſchichte. — 


Obdach anfgehängte getrocknete Poleipflanze, und mit Luft 
angefüllte Blaſen zerfpringen. *) Nur Der mag ſich dar⸗ 
über wundern, weldyer nody nicht die täglich vorfommende 
Erfäyeinung beobachtet Hat, daß eine Pflanze, welde man 
Sonnenwende (Helivtropium) nennt, flets der fcheidenden 
Sonne nachfehe, und ſich zu jeder Stunde mit ihr drehe, 
felbft wenn fle von Wolken verbedt ift; daß eben fo bie 
Auftern und alle Muſcheln und Schaalthiere durch den Ein⸗ 
fluß des Mondes an Umfang wachſen und wieder abnehmen. . 
3. Bleißigere Forfcher haben fogar gefunden, daß bie Leber: 
fibern der Spitzmäuſe der Tageanzahl des Mondes entſpre⸗ 
dyen, und daß das Meine Thierchen, die Ameife, die Eins 
wirkung diefes Geſtirns fpüre und. deßhalb am Neumond 
ftets raſte. Die Unwiffenheit in ſolchen Dingen gereicht 
dem Menſchen um’ fo mehe zur Schande, als er felbit nicht 
in Abrede ftellen kaun, daß befonders die Augenkrankheiten 
einiger Saumthiere mit dem Monde zunehmen und abnehmen. 
Zur Eutſchuldigung dient ihm jedoch der ungeheure Umfang 





Treue und Glauben nachſchreibt, hat ben Ariſtoteles, dem 
. er biefe Bemerkung entnahm, mißverfianden. Denn Diefer 
fagt (Problem. XX, 21.): „um die Sommerfonnenwende 
(zrepi zgonas)" : wie es denn auch nicht anders feyn kann. 
Daß übrigens die in biefem Kapitel angeführten (um 
Theil nur in der Einbildung der Alten beſtehenden) Crs 
fheinungen von andern Urfachen abhängen, ald von bem 
Einfluß der Geflirne, ift bekannt, | 
Die Richtigkeit der Ueberſetzung dieſes gewöhnlich -falfch 
verfiandenen Satzes ergibt fi aus der angefühsten Stelle 
Eicero’s und aus Plinius felöft, welcher den Ausdruck noch 
einmal (Kap. 43, 2) in bemfelben Siuue gebraucht. 


u 


ws 





Zweites‘ Bud. ‘© 
mb die unermeßliche Höhe des Himmels, weiches in zwei⸗ 
undflebenzig. Sternbilder: *) geſchieden iſt: diefe find Bilder 
don Sachen und Thieren, in welche die Gelchrien den 
Simmel eingetheilt haben. 4. Unter ihnen machen fie ſech⸗ 
zehnhundert nambaft, die durch ihre Wirkung und durch 
ibren Olanz befonders: in bie Augen fallen: zum Beifpiek 
fieben im Schwanze des Stieres, melde man bas Giebeu- 
geftirn nennt; am. Kopfe deffeiden das Regengeſtirn und. den 
Bärenhüter, welcher dem großen Bar: folgt. 

XLH (zu). 4.. Ich will nicht laͤugnen, daß auch un⸗ 
abhäugig: von diefen Urſachen Regen und Wind entfichen, 
Ba: es gewiß iſt, daß die Erde einen feuchten und oft bei 
groſer Hige .einen dampfenden Dunft aushaucht; auch will 
ich nicht Angnen, daß aus in die Höhe gefiiegener Feuch⸗ 
tigkeit oder aus. zur Feuchtigkeit verdichketer Luft ſich Wollen 
erzeugen. 2. Ihre Dichtigkeit und Körperhaftigkeit ift ſchon 
dadurch nnwiderlegbar bewiefen, daß file die Sonne ve 
dankeln, die body den Tauchern unter dena Waſſer in jeber 
beliebigen: Tiefe ſichtbar bleibt. 

- ALU (am) 41. Ich will’ alfo auch keingeswegs in 
Abrede ſtellen, daß auf dieſe Wolken eben foldyes Stevn⸗ 
feuer, wie wir es oft bei. heiterem "Himmel fehen, **) von 
oben herabfallen Tan. Durch dieſen Fall muß die Luft 
wothenenbig erfchütsert werben; denn abgeſchoſſene Pfeile 


* Die Alten führen hewbhnlich une 48 Sterubilder am, 
pimins zahlt wahriheinlih einzelne Theile derſelben noch 

- einmal mit, 
. 9%, Bol, Kap, 36 und 37. 


. > 





| 
A: 
+ 


164 C. Plinius Naturgeſchichte. — 


ſogar ſchwirren. Wenn aber das Feuer in die Wolken ge⸗ 
langt iſt, fo erzengt ſich «in ziſchender Dampf, wie wenn 
man glühendes Eifen in’s Waſſer taucht, und es bildet fich 
ein Rauchwirbel. Daher entftehen die Gewitter. Kämpft 
der Wind oder der Dunft in den Wolfen, ſo erfolgt der 
Donner ; bricht aber der entzündete Dunft hervor ,' fo ents 
leben die, Blige, und wenn er eine längere Gtrede dahin- 
Fährt, die Wetterftrahlen : durch diefe werden die Wolken 
gefpalten, durch jene zerriffen. 2. Der Donner entſteht 
durdy die Schläge des herabdrückenden Beners, und deßhalb 
verbreiten and, fogleich Daranf die Niffe der Wolken einen 
fenrigen Schein. Auch die von der Erde aufgeftiegene Luft 
Bann, wenn fle durch den Gegenſtoß der Geflirne zurückge⸗ 
frängse und von einer -Molte aufgehalten wird, donnern. 
So lange bie Luft Fämpft, erſtickt die Natur jeden Lant; 
dricht fie aber hervor, fo entfleht ein Knall, wie bei dem 
Zerfpringen einer mit Luft angefüllten Blafe. And Tann 
ſich Die Luft, von welcher Befchaffenheit le auch ſeyn mag, 
während des fchnellen Herabſtürzens durch Reibung entzun⸗ 
den ; eben fo können, wie and. zwei zu ſammengeſchla⸗ 
genen Steinen unten, aus dem Sufammenfloßen der 
Wvolken Biige erzeugt werden. 3. Doch alles Das ift une 
zufällig, und ſolche Btige find blind und nichtig, weil fie 
sach reinem Naturgefege erfolgen: fie treffen Berge und 
Meere, und fahren überhaupt ohne allen Zwed herab. Jene 
anderen ſcdickſalverkündenden aber fommen aus höheren Ne . 
gionen, aus beflimmten Urſachen und aus ihren Geſtirnen. ) 





e) ©, Kap. 18, 1. Welche vergebliche Mühe gaben ſich bie 


+ 


Zweites Buch. | 465 


XLIV. 1. Ich will nicht äugnen, daß auf ähnliche Art 
die Binde oder vielmehr Luftzüge aus der dünnen und tros - 
denen. Kusdünftung der Erde ſich erzeugen können. Auch 
tönen fie aus der von dem Waſſer ansgehauchten Luft, 
die ſich weder zu Rebel verdichtet, noch zu Wolken ans 
ſchwillt, ferner durch den bewegenden Einfluß der Sonne 
(deun der Wind ift, wie man weiß, nichts anderes, als eine 
Gırömung se Luft) und endlih anf mandye andere Weiſe 
entſtehen. 2. Denn man ficht deren aus den Flüſſen, aus 
den eerbufen, aus dem Meere ſelbſt, fogar wenn es rubig 
it, und auch von dem Lande aus ‚auffteigen. Man nennt fie 
Geewinde (altanos); Lehren fie von dem Meere zurück, fo 
heißen fie Retourwinde (tropaei): wehen fie aber gerade‘ 
fort, Landwinde (apogei). 

(zur) 3. Die Bergzüge aber, die zahlreichen Anhöhen 
und die wie Ellbogen zuſammeng „drücken, oder wie in zwei 
Schultern gebrochenen Gipfel, fo wie die hohlen Bufen der 
Thaͤler, durchfchneiden durch ihre Ungleichheit die an fle an« 
prallende Luft (wodurch aud an vielen Drten die ſich wies 
derholenden Etimmen ſEcho's] entflehen), und erzeugen ohne 
Unterlaß Winde. 

(sıv.) 4. Daflelbe gilt von den Höhlen. Un der Küfte 
von Dalmatien befindet ſich eine ſolche von ungeheurer jäher 
Tiefe, aus welcher, wenn man and) nur einen leichten Ge⸗ 





Alten ,. die Urſachen des Donners und bed Bliged aufzu⸗ 
finden, und wie natärtich erklären fich diefe Erſcheinungen 
jegt durch die Gleetricität! Mehr Wahres fagt piixiu⸗ 
fiper die Entfichung ber Winde. 


X 
J 


466 C. Plinius Naturgeſchichte. 
genſtand und an einem gan; ruhigen Zage hineinwirft, ein 
dem Wirdetwind ähnlicher Sturm hervorbricht. Der Ort 
heist Senta ſSetaJ]). In der Provinz Eyrene [Barca] foll 
ſich der Gage nad) fogar ein dem Säüdwinde geheiligter 
Felſen befinden, weichen Beine menſchliche Hand gu berühren 
fi erkühnen darf, ohne daB augenblidtid der Sudwind 
die Sandmaſſen aufwirbelt. *) Auch in vielen Hänfern 
haben manche Behälter, bie dadurch, daß kein Licht in fe 
fättt, feucht geworben Ind ‚ihren eigenen Wind. *y Es feblt 
ihm daher nie an einer Urſache. 

XLV. 1. Ein ſehr großer. Unterſchied iſt jedoch zwi⸗ 
ſchen den Luftſtrömen und den Winden. Jene wehen zu bes 
ſtimmten Zeiten und anhaltend, und find nicht in einem oder 
dem anderen Striche, fondern durch bedeutende Länder⸗ 
ſtrecken fühlbar: feflad weder fanfte Lüftchen, nody-Stürme, 
fondern die eigentlihen Winde, und ihnen allein gebührt 
dieſer mäunliche Namen. Entweder verdandt der Wind bem 
fleten Umſchwung der Welt und dem entgegengefesten Laufe 
der Geſtirne feinen Urſprung; ») oder er iſt ſelbſt jener 





In den Afrikaniſchen Wüſten finden ſich häufig Sandhügen, 
die unbeweglich bleiben, fo lange ſie mit nichts in Berüh— 
rung kommen, die aber, wenn nur der geringſte Anſtoß 
erfolgt, vom Winde fortgeführt werden, Daher mag bie 
Fabel von einem dem Südwinde heiligen Felſen herrühren. 

ee) Nach der Legart in domibus etiam multis madefacta in- 
clusa ‘opaoitate coaceptecula, welche ſich als die ver⸗ 
nuͤnftigſte bewährt, wenn man bedenkt, daß bei dem 
Oeffnen ſolcher feuchten Gemächer ſich die darin befindliche 

ſeuchte Luft auchehnt, und als Wind ausſtromt. 

., Bol, Kap, 6, 4 











Zweites Bud. 467 


erjengende Hauch der Natur, ber gleichſam im Mutterleibe 
der Welt Hin und her fdyweiftz oder er ift die von dem nad 
verfihiedenen Richtungen mirkenden Drud der. Planeten 
und dem vielgeftalteten Strahlenwurf gepeitfchte Luft; ober 
er kommt van biefen uns näheren Geſtirnen; oder er fällt 
von den Fixſternen. Fedenfalls iſt gewiß, Daß auch er 
einen beſtimmten Naturgeſetze folgt, das zwar nidyt unbes 
kannt, aber noch nicht genugfam erforſcht iſt. 

CAxa.) 2. Mehr als zwanzig alte Griechiſche Schrift⸗ 
fteller haben uns Bemerkungen über biefen Gegenſtand hin⸗ 
terlaſſen, und id) Eaun.mid) nicht: genug darüber wundern, 
daß in einem. ſtets uneinigen und in verfchiedene Staaten, 
Das heißt, in einzelne Glieder, getrennten: Lande, unter 
fortwaͤhrendem Kriegsgetünmel, wo man ſich nicht auf das 
Gaſtrecht verlaffen Fonute, und hie Geeräuber, diefe Feinde 
aller Menfcyen, jeden Verbindungsweg befegt hielten, fo 
viele Männer fidy diefe. äußerft fchwer zu erforfchenden Dinge 
fo fehr-angelegen ſeyn ließen, Daß noch ‚heut zu Tage Jeder 
Alles, was feine Heimatb betrifft ‚ wohin fie doch nie Bas 
men, aus ihren Schriften genauer erfahren Bann, als durch 
Die Kunde der Eingeborenen ; daß wir aber jebt während 
‚ eines ſo Pölllichen Sriedens und unter einem Kürften, ber 
ſich fo ſehr Über alle Bortfchritte ber Wiſſenſchaften und 
Künfte freut‘, nicht nur durdaneue Forſchungen nidyts weiter 
ertennen , fondern nicht einmal die Erfindungen der Alten 
uns aneignen... 3. Die Belohnungen. konnten damals nidyt 
größer ſeyn, Da die Glücksgüter unter Viele vertheilt was 
ven. Auch befchäftigten fidh die Meiften mit biefen Unter: 
männgen nicht ſowoht des Lohnes wegen, als um der 


. 


168 C. Plinius Naturgeichichte. | 

Nachwelt zu nüsen. Aber d’e Sitten der Menſchen haben 
fidy verſchlechtert, nicht Die Vortheile Tdes Willens), ine 
unzähldare Menge durdſchifft jetzt, da man an allen -Uiern 
. beider Landung gaſtliche Aufnahme findet, das allenthalben. 
zugängliche Meer, aber des Gewinnes, nicht der Wiſſenſchäft 
Swegen. 4. Der blinde, nur der Habfircht zugewandte Sinn 
übertegt nicht, daß er durch die Wiſſenſchaft feinen Zweck 


noch weit ficherer erreichen Bann. Ich will deßhalb dieſe 


Tauſende von Seefahrern im Ange behalten, und ron den 
Winden etwas weitläufiger, als es fich vielleicht mit dem 
Dane meines: Werkes verträgt, handeln. 

XLVI (zıvu), "4, Die Uten nahmen nach den vier 
Weltgegenden auch in Allem nur vier Winde an (weßhalb 
aud Homer *) nicht mehrere nennt). Diefe Eintheilung 
‘war, wie man bald einſah, nicht genau genug ; ald aber die 
Folgezeit noch acht hinzufügte, wurde fle allzufpigfindig und 
kleinlich. Den nächſten Jahrhunderten gefiel ein Mittelweg 
‚zwifchen beiden Annahmen, und fie fügten der Pleineren Zahl 
vier von der größeren bei. Es kommen alfo je zwei auf bie 


vier Weltgegenden. Vom Aufgange der. Sonne bei der 


Tag⸗ und Nachtgleiche weht der Subſolanus [Oſt]), von 
ihrem Anfgange am kürzeſten Tage der Vulturnus ſSüdon]: 
jenen nennen die Griechen Apeliotes, dieſen Gurus. 2. Bon 
Mittag ber weht der Auſter Süd]), vom Untergange der 
Bonne am kürzeften Tag der Africus ſSüdweſt]: diefe heißen 


bei den Griechen Notus und Libs: vom Gonnenuntengang | 


be der Tags und Ra qhtgleiche der Favonius [Weſt], von 





2) Odyſſee V, 295- 





"Zweites Bud | 469 


Yen Untergang der Sonne Bei ihrer "Sommerwende Ber 
‚Eorus [Nordweſt]), von den Griechen Zephorus und Arges 
ſtes genannt, von Mitternacht her der Geptentrio [Nord], 
und zwifchen ihm und dem Aufgange der Sonune bei ihrer 
Gommerwende der Aquilo [Nordofti: die Griechen nennen 
‚fie Aparctias und Boreas. Die weitläufigere @intheilung 
hatte zwifchen diefe -noch vier eingefchoben: den Thrascias 
l[Nordnordweſt] mitten zwiſchen Norden und dem linters 
gange der Sonne bei ihre® Sommerwende; den Eäcias [Oſt⸗ 
nordofl] zwifchen den Aquilo und den Aufgang der Sonne 
dei der Tag⸗ und Nachtgleiche, in der Gegend des Auf⸗ 
gangs bei der Sommerwende; ten Phönir [Sädiüder] 
mitten zwifchen den Unfgang der Sonne am kürzeflen Tag 
und Mittag ; äwifchen Mittag und den Untergang der Sonne 
am Lürzeften Tag, nämlich zwiſchen den Libs und Netus, 
‚einen aus beiden zufammengefesten, den Libonotus (Süͤdſüd⸗ 
- wein]. 3. Damit war ed aber noch nicht genug. Denn Eis 
nige ſeßten auch noch zwifchen den Boreas und Eäciad dem 
 fogenannten Mefes [Nordoſtnord), und zwiſchen ben Eurus 
und Notus den Euronotus [Südoſtſüd]. Auch gibt es einige 
Winde, die nur gewiflen Völkern eigenthümlich find, und 
nie über einen beftimmten Strich hinauswehen : fo bei den 
Athenern der nur wenig‘ von dem Argeſtes abweichende 
Sciron, der dem übrigen Griechenfande unbekannt if, Un 
einem andern Orte heißt derfeibe Wind, wenn er etwas 
mehr von Norden kommt, Diympias; man ift jedoch ges 
wohnt, unter alten biefen Namen den Argeſtes zu verftes 
ben. a. Auch den Caͤcias nennen Manche Hellespontias, 
and fo haben dieſelben Winde an verſchiedenen Orte‘ 


0 , €. Plinius Raturgelchichte. F 


verſchiedene Namen. In der Narbonifchen Provinz iſt 
ber bekannteſte Wind der Circius: *) er ſteht einem andern 
an Heftigkeit nach, und flreicht gewöhnlich gerade über das 
Liguftifche IGenueſiſche] Meer nah Oſtia. Derfeibe Wind 
ift nicht nur. unter den übrigen Himmelsſtrichen unbekannt, 
fondern er fommt nicht einmal nah Vienna. [Bienne] , einer 
Stadt derfelben Provinz, weil dicht vor ihrem Gebiete dies 
fer ſo gewaltige Wind “durd einen ihm entgegenſtehenden 
Bergrüden von nicht fehr bedeutender Höhe zurückgehalten 
wird, So läugnet auch Fabianus, daß der Südmwind bis nad, 
Aegypten dringe Es offenbart fi in allem Diefem ein 
mächtiges Naturgefep, dad aud ben Winden geit und 
Bränzen vorgefchrieben bat. 

XLVII. 4. Der Frühling eröffnet den Schiffern die 
Meere. Bei feinem Beginn erweichen die Weſtwinde ben 
winterlihen Himmel, mit dem Eiutritte der Sonne in den 
25. Grad des Waflermannd. Diefes geichieht am -fedheten 
Tage vor den Idus des Februar [7. Februar]. Dafielbe 
gilt faft von allen Winden, die -idy weiter unten anführen 
werde. Nur bei jedem Schaltiahre treffen fie einen Tag 
früher ein, folgen aber während des folgenden Luftrum 9% 
ihrer alten Ordnung. Den Weſtwind nenuen Einige vom 
achten Tag der Ealenden bes März L[22. Februar] an 





*) Man foll diefen Eircins (Nordweſtnord) jetzt nocd in dem 
angeführten Landfirihe Cers nennen. Auch wird, vers 
fichert ‚daB er nicht nach Vienne bringe. 

7». i. in ben drei naͤchſien Jahren nach dem Schaltjahre. 


Luſt rum iſt hier ein Zeitraum von 4 Jahren. 


Zweites Buch. ” a 


Shelidonias [Schwalbenwind], weil man um diefe Zeit die 
Schwalben wieder fieht; Manche auch Ornithias ſ[Bogel⸗ 
wind], wegen der Wiederkunft der Vögel: er weht vom 
zaftn Tag nad der Winterſonnenwende au neun Tage 
hindurch. 2. Dem Weſt entgegengeſetzt iſt der Wind, wel⸗ 
chen wir Subſolanus [OR] genannt haben. Als feine Zeit 
gilt der Aufgang des Giebengeftirnd in demfelben [23] 
Grade des Stieres, ſechs Tage vor den Idus des Mai [9. Mail, 
zu welcher Zeit der Südwind beginnt. Diefem ift der Nord: 
wind entgegengeſetzt. Im der heißeften Zeit des Sommers 
geht das Hundsgeſtirn anf, wenn nämlich die Sonne-in dei 
erften Grab des Löwen tritt, was am fünfzehnten Tage 
vor den Calenden des Auguft [17. Juli] flattfindet. Unge 
fähr acht Taye vor feinem Aufgange erfcheinen die Nord⸗ 
oftwinde, welche deßhalb Vorläufer (prodromi) heißen. 
Zwei Tage nad) dem Aufgang wehen dieſe Rordoftwinde 
beftändig während der Zeit der Hundstage, nud man nennt 
fie alddann Eteſi ier Fiährliche Winde]. Die durch die Hige 
des Hundsſterns verdoppelte Sonnenglut ſoll fie milder ma⸗ 
chen. Keine andere Winde kehren fo regelmäßig wieder, 
als dieſe. 3. Nach ihnen wehen wieder befländig Suüdwinde 
bis zum Aufgang des Arcturns, eilf Tage vor der Herbfls 
Tag und Radıtgleiche, mit welcher ber Nordweft beginnt. 
Der Nordweſt dauert den ganzen Herbſt hindurch; ihm 
entgegengefeut ift der Südoſt. A. Ungefähr vierunbvierzig 
Tage nach diefer Tags und Nachtgleiche beginnt ‚mit dem 
Untergange des Siebengeſtirns der Winter, welcher Zeitpunkt 


⸗ 


6, Say. 59. 5:2,’ 


J 


172 ®. Minins Matumweſchicte. 


gewohnlich anf den- dritten Tag der Idus ded November 
-[11. November] fält. Mit ihm beginnen aud die winters 
lichen Nordoſtwinde, welche von den im Sonmer ‚webenden 
ſehr verfchieden find ; ihnen entgegengefept ift der Südweſt. 
Sieben Tage_vor und eben fo viele nad) dem kürzeſten Tag 
:ebnet ſich das Meer zur Brut der Eisvögel, woher ad) 
Diefe Tage ihren Namen befommen baten.) Die. übrige 
Zeit wintert es. Aber nicht einmal das Ungeflün der 
Witterung fchließt das Meer. . Zuerſt zwang die Furcht vor 
dem. Tode durch die Seeräuber dem Tode entgegensugehen, 
und das winterliche Meer zu beſchiffen. Jeht zwingt die Habs 


ſucht dazu. 


.  XLVUE 1. Die Bälteften von allen Winden find bie, - 
‚welche von Norden ber wehen, und ihr Nachbar, der Nord: 
wel. Sie bändigen die übrigen Winde, und verfiheuchen 
die Wolten. Naß find der Südweſt und befonders der Süd 
in Stalien. Ju Pontus [an den Ufern des fchwarzen Mee⸗ 
res] foll auch der Oftngrdof die Wolken aufziehen. Trocken 
‚find der Nordweft und der Südoſt, ausgenommen, wenn fie 
‚bald aufhören zu wehen. Schnee bringen ber Nordoft und 
der Nord, Hagel der Nord und der Nordweſt. 2. Heiß iſt 


‚ber Süd; lau find der Südoſt und der Wet, beide aber 


trockner, als der Oft. Ueberhaupt find alle von Mitternadyt 
und Abend her weheude Winde trockner als die, welche von 
Mittag und Morgen Eommen. Der gefundefle-von allen ift 
der Nordoft. Schadlich ift der Süd, beſonders, wenn er treden 
if, vielleicht weil er, mit, Feuchtigkeit geſchwängert, Fühler 


— 





*) Man nennt fie nämiih Halcyonides (Eisvogeltage), 


s 








| Zweited Buch.  - 175 
if. Die Thiere follen, fo’Tauge.er weht, weniger Hunger 
ſpüren. Die Etefien Hören um die Nachtzeit auf, und ers 
hebem ſich wieder um bie dritte Etunde des Tages. ) Im 
Spanien nnd Ailen kommen fie von Oſten, in Pontus von 
Nordoſten, in den übrigen Ländern von Mittag. - 3. Gie 
wehen and, nocheinmal nad; der Winterfonnenwende, zu 
welcher Seit file Ornichiä [Bogelwinde] heißen, aber gelin- 
der und nur wenige Tage, Zwei Winde verändern auch 
ihre Natur nad der Ortslage: in Afrika nämlidy bringt der 
Süd beiteres Wetter, der Nordoſt Wollen. Alle Winde 
wehen größtentheils nad einer deflimmter Reihenfolge, oder. 
fo , daß, wenn einer aufhört, der ihm gerade entgegenge⸗ 
feste beginnt. Erhebt fidy aber nad) dem Aufhören des 
einen der biefem äunächflliegende, fo geht bie Reihenfolge 
von der Linken zur Rechten, wie die Sonne. — Welche 
Winde in jedem Monate vorherrſchen, entfcheidet meift der 
vierte Tag des Neumonds. — Man Bann aber mit dems 
felden ude nach der entgegengefesten Richtung fdyiffen, 
wenn Wan das Tau an der einen Ede des Segels nadyläßt 
Kavirt]; weßhalb auch Häufig des Nachts Fahrzeuge, die 
VON ganz entgegengeſetzten Seiten kommen, aufammenftoßen. 
4. Dee Eid vernrfacht größere, Wogen, als der Nordok, 
"weil jener. tief von. dem unterften Ende des Meeres herweht, 
dieſer aber. gauz von oben. *) Deßwegen felgen au die 


°) 2 h. wei Stunden nach Aufgang der Sonne. . 
20) Die Alten dachten fid) bie werde Weltgegend weit We, 
als die füdliche, 


n 


474 G. Plinius Naturgeſchichte. NE 
fhäblichen Erdbeben· befonders unf Eidwinde Dir Gäb 
it bei Nacht, der Norboft bei Tag. heftiger. Die. new - 
Morgen wehenden Winde halten. länger an, als die van 
Abend wehenden. Die Norbwinde hören gewöhnlich nad) 
einer .ungleihen Anzahl von Tagen auf; weldye Bemerkang 
auch in vielen andern GBebieten-der Natur gilt, weßhalhb 
man anch Die ungleichen Sahlen für männlidy hält. 9 Die 
Sonne verftärkt und unterdrintt die Winde::fle verſtärkt 
fie: bei’ ihrem Auf⸗ und Umtergange; fie unterdrückt ſte bei 
der Sommerhitze um die Mittagszeit. Sie Iegen ſich allo 
gewöhnlich um die Mitte des Tages oder ber. Naht, wenn. 
ſie darch allzugroße Kälte under Hitze vertrieben . werben. 
Auch bei dem Regen legen: fidy die Winde, - Am ſicherſten 
darf man fie von der ‚Seite her erwarten... wo zertheilte 
Motten den Himmel durchblicken laſſen. 5. Eudvxus glaubt, 
Haß diefelbe Reihenfolge aller Winde nad einen Zeitraume 
von vier Jahren (under weichen man gewöhnliche kleine 
Fahre **) verfiehen muß) wieberkehre; und zwar- glaubt er 
Diefed nicht nur von den Winden, ſondern auch Yon. ſaſt 
allen. auderen Witterangsveränderungen. Diefe Zeitperiode 
beginnt: in jebem Schaltjahre mit dem Aufgange des Sum 
Sterns. So viel von den allgemeinen Winden, ° 
. . AUIX (sıyın), 4. Nun von ben plotzlich entfiehenden 
Binden, bie, wie gefagt, »*) fid) aus den von ber Erde 


*), Alter Aberglaube, 
*” Plinius hielt diefe Bemerkung für nöthig, weil man unter 
dem foge nannten Eudoxiſchen Jahr einen Zeitramm von 
8 Jahren zu verfichen gewohnt war, 
”) Kap, 42, 8. 1. . R 


- 











« N 


— Zweites Bud. 175 


anffteigenden Dünften bilden, dann aber, nachdem fle ſich 
in eine Wolkenhülle eingewidelt, wieder herabgedrückt wers 
den, und in mancherlei Geſtalten erfcheinen. Unfiät umhers 
ſchweifend und gleich Bergftrömen herabſtürzend, erzeugen 
Re nach der ſchon angeführten 9 Meinung Einiger Donner 
und Blis. Fahren fle mit größerer Schwere und Schnelligkeit 
Daher, und zerteißen weit und Breit die trockene Wolke, fo 
entſteht ein Sturm, welcher von den Griechen Ecnephias 
genannt wird. Drüucken fie aber bie. Wolke nur an einer 
Gtelte herab, und brechen, nachdem fie ſich in dleſem Buſen 
. ia immer engerem Kreife gebreht, ohne Fener, das heißt, 
odhne Blitz hervor, fo bilden fie einen Drehwind, welchen 
man Thphon nennt, wad nichts Anderes heißt, ald ein ges 
wirbelter Eenephias. *) 2. Diefer führt ein von der 
Balten Wolke abgeriſſenes Stick mit ih, wickelt es zuſammen, 
dreht es, beſchlennigt durch dieſen Zuwachs an Schwere 
ſeinen Fall, und wechſelt, indem er ſich fortwährend in reifs 
fendem Wirbel dreht , jeden: Augenblick ſeine Stelle. Es iſt 
die ärgite Plage der Seefahret, indem er nicht nur die Se⸗ 
geiftaugen, ſondern auch die Schiffe ſelbſt, nachdem‘ er fie im 
Kreife herumgefihlenders Hat, zertrünmert: Ein nicht ande 
reichendes Kettangsnriktel iſt der Weineſſtg, der bekanntlich 
fehr kalter Natur Hr und den man dem arfflärmenden ents 


? 


* Say. 43. 51 

Der Eenephias in aus win Molken) entſpricht dem 
Orkan, der Typhon CRaunıiud) der Landtrompete und der 
Waſſerhoſe. 


176 €. Plinius Naturgefchichte. . 
gegengießt. *) Prallt er nach einem Anftoß zurück, fo führt 
er Alles, was in feine Bereich kam, mit ſich gen Sims 
mel, und verſchlingt es für die höheren Regionen. 

L 4. Iſt die Höhlung der herabgedrüdten Wolke, 
aus welcher er bervorbricht, größer, aber weniger breit als 
bei dem Orkan, und geſchieht Diefes nicht ohne Krachen, 
fo nennt man ihn Turbo (Wirbelwind). Er wirft Alles, 
was in feine Nähe geräth, nieder. Iſt er glühender und 
entzündet fich, während er wüthet, fo beißt ee Breker [few« 
ziger Wirbelwind). Was mit ihm in Berührung tommt, 
derbrennt und zermalmt er zugleich. 

‚ (zux.) Der Typhon findet nie bei Nordoſtwind, der 
Eenephias nie bei Schneewetter, ober ſo lange Schnee liegt, 
ſtatt. Entzündet er ſich ſogleich bei ſeinem Durchbruch durch 
die Wolke, hält er das Feuer, und erzeugt diefes nicht erſt 
fpäter [wie der Prefter], fo wird er zum Blitz. Er unter 
ſcheidet fi) vom Preſter, wie die Flamme vom Feuer. Die⸗ 
fer zerfährt durch fein Wehen weit und breit; jener [der 
Blip] drängt fich durch feine eigene Kraft auf einen Punkt 


zufammen. 2. Der Drehwind (vortex) unterfcheitet ſich 


vom Wirbelmind (turbo) dadurch, daß. er zurüdtehrt, und 


wie das Praffeln von dem Krachen. Bon beiden. unterfcheis. 
det ſich der Orkan dadurch, daß er die Wolke mehr ausein« 


anderfchleudert, als durchbricht. Manchmal zeigt fih auch 
eine dunkle Wolke, einem wilden Thiere ähnlich, und den 
Ehiffern Unheil bringend. Man nennt fie eine Säule, 





*) Diefes . aberglaͤubiſche Mittel kann keinen Srfotg haben, 
Beſſer Hilfe ein tüchtiged Kanonenfener, 


Pr 





er Zweites Bud. 47 | 


wWenn bie derdichtete und ſtarrende Fenchtigkeit fi felbſt 
aufrecht erhält. Zu dieſer Gattung gehört ferner die Wolke, 
welche das Waffer wie eine lange Pfeife in die Höhe zieht. *) 

LI (2): 4. Im Winter und ım hohen Sommer *% find 
Vie Blitze felten, und zwar’ aus ganz entgegengefehten Urs 
ſachen. Im Winter nämlid wird die ohnehin ſchon dicke 
Buft und die ſchwere Wolkendecke noch mehr verdichtet; 
ale Ausbänftung der Erde ift kalt und eiſig, und mas fie 
. an Beuerftoff enthält, erliſcht. Aus diefer Urfache ift Scy⸗ 
thien ſammt den umliegenden Eisländern don den Blipen 


befreit. Dagegen hat in Aegypten die allzugroße Hitze die⸗ 


Gelben Folgen; denn die Dinfte ber Erde find heiß und 
troden, und verdichten ſich fehr felten, und dann nur in 


Seichte Bolten. 2. Im Frühiahre und im Herbſte aber find 


Die Blitze häufiger, weil die Urſachen, die fie im Sommer 
and im Winter verhindern, hinwegfallen. Deßhalb find die 
Blige auch in Italien fehr häufig; denn die Luft bleibt durd) 
den gelinderen Winter und den feuchten Sommer beweglich, 
. and gleicht einigermaßen immer der Frühlings oder Herbſt⸗ 


Auft. Auch in denjenigen Theilen von Italien, welhe fi 


ehr von Norden nady dem heißeren Himmelsſtrich hin ent: 


fernen, wie das Gebiet der Stadt [Rom] und Eampanien 


(Terra di Lavoro], blizt es im Winter und im Sommer, 
was in- anderen Gegenden nicht der Fall ift. 

LII (u). 4. Man zählt mehrere Arten von Blitzen 
9 Ofulen und Pfeifen find Waſſerhoſen. 
=», Dieß gut nur für bie füblichen Gegenden. 


E. Plinius Naturgeſch. 25 Bin, 5 





m 


478 C. Plinius Naturgeſchichte. 


auf. Die trockenen zünden nicht, fondern zerſtören nur; die 
feuchten verbrennen nicht, ſondern verfengen nur. Eine 
dritte Gattung, welche mau glänzende nennt, find größrens 
theild von wunderfamer Eigenſchaft; denn fie leeren Fäſſer 
aus, ohne das Aeußere derfelben zu verlegen, oder irgend 
eine Spur zurxrückzulaſſen. 2. Gold, Erz und Gilber ſchmilzt 
in den Gäden, ohne daß dieſe im geringften verbrannt 
werden, oder daß auch nur das Wachsfiegel verleut wird. *) 
Marcia, bie erfte der Römerinnen, *%) wurde ı während 
ihrer Schwangerſchaft vom Blige getroffen: die Leibesfrucht 
farb, fie ſelbſt lebte aber fort, ohne irgend eine Unbequem⸗ 
lichkeit zu fpüren. Zu den Wunderzeichen, welche den Catilina⸗ 
rifhen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurio 
ſ[Rathsherr] M. Herennius aus der Pompejaniſchen Munis 


cipalſtadt [Pompeji] bei heiterem Himmel vom Biige er⸗ 


ſchlagen wurde. » ) 


LIII (um. 4. Rach ben Schriften der Tuecet ſellen 
neun Gotter Blitze werfen, und deren eilf Arten ſeyn; denn 





*) Die electriſche Kraft hat auf manche Stoffe, die man in 
ber Phyſik ſchlechte Leiter nennt, keinen Einfluß. 
*2) Die Ausleger haben ſich vergebens mit der Erklaͤrung die⸗ 
ſes Ausdrucks abgemüht, Iſt es bie Frau bes erſten Ges 
nators, oder iſt es die Matrone, die bei dem weiblichen 
Gottesdienſt den Vorſitz führte? 
—V Die Nichtigkeit der beiden letzten Fälle mag dabiu geſtellt 
eiben. 

PD Die Tuscer (Hetrurier) hatten ben alten Aberglauben und 
die darauf bezuͤglichen Gebräuche am forgfältisfien ausge⸗ 
bildet, und ſogar allen Unſinn (von dem wir hier eine 
Probe ſehen) in Ritualbüchern niedergelegt. 

. % * ’ re 


‚ Zweites Bud. 179° 
‚Iupiter allein fdyiendere dreierlei. Die Nöuer haben von 
diefen nur zwei Urten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Nacht vorkommenden: die erſten fchreiben ſie dem Fupiter, 
die andern, welche der kühleren Temperatur wegen feltener 
find, dem Summanus *) zu. Die Hetrurier glauben aud, 
daß Blitze aus der Erbe hervorbrechen, **% und nennen fie 
unterirdifhe. Winden diefe zur Zeit der Winterfonnenwende 
ſtatt, fo ſind fie meift bösartig und unbeilbringend; denn 
alle,” welhe nad ihrer Meinung aus der Erde entfliehen, 
find nicht wie jene gewöhnlichen, von den Geſtirnen her⸗ 
rührenden, fondern gehören der und. nächſten und unreineren 
Natur an. 2. Ein augenſcheinliches Unterfcheidungszeichen 
if, daß alle aus der höheren Himmelsgegend fallende Blige 
eine ſchieſe, die aber, welche man irdifhe nennt, eine ges 
rade Richtung uchmen. Weil fie nun aus einem uns näs 
beren Stoffe fallen, fo glaubt man, fie gehen and der Erde 
hervor, weit man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was andy nur bei einem von oben fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blige der Ball ſeyn 
Zönne. Leute, welche diefer Sache noch weiter nachgegrü- 
beit haben, glauben, diefe Blize käͤmen vom Planeten Sa⸗ 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
foichen Blig wurde Bolfinii [Volſena], die reichſte Stadt 





*) Summanus (summus manium), ber Gott ber Unter- 
welt. 

“ Wenn manchmal Wolfen eleetrifchen Stoff von der Erde 
an fich Beben, fo Eöunte man fagen, «8 entfiehen Blige 
aus ber Er 

| 6* 


— 


a78 C. Plinius Naturgeſchichte. 


auf. Die trockenen zünden nicht, fondern zerſtören nur; die 
feuchten verbrennen nicht, ſondern verfengen nur. Eine 
dritte Gattung, welhe man glänzende nennt, And größrens 
theild von wunderfamer Eigenſchaft; denn fie leeren Käffer 


“aus, ohne das Aenbere derfelben zu verlegen, oder irgend 


eine Spur zurückzulaſſen. 2. Gold, Erz und Silber ſchmilzt 
in den Gäden, ohne daß diefe im geringfien verbrannt 
werden, oder daß aud) nur das Wachsſiegel verleut wird, *) 
Marcia, die erfle der Römerinnen, *e) wurde ı während 
ihrer Schwangerfhaft vom Blige getroffen: die Leibesfrucht 
ſtarb, fle felbft lebte aber fort, ohne irgend eine Unbequems 
lichkeit zu fpüren. Zu den Wunderzeihen, welche den Batilinas 
rifhen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurio 
[Ratheherr] M. Herennius aus der Pompejaniſchen Muni⸗ 


cipalſtadt [Pompeji] bei heiterem Himmel vom Dlige eve 


ſchlagen wurde. *%*)' 
LII (un). 4. Rach den Schriften der. Tuecet » follen 
neun Götter Dlige werfen, und deren eilf Arten feyn;. denn 





*) Die electriiche Kraft hat auf manche Stoffe, die man in 
der Phyſik ſchlhechte Leiter nennt, Beinen Einfluß. 
+*) Die Ausleger haben fich vergebens mit der Erklaͤrung bie 
ſes Ausdrucks abgemüht, Iſt es bie Fran bes erſten Ges 
nators, ober. if 28 die Marrone, bie bei bem weiblichen 
Gottesdienſt den Borfig führte? 
vs) Die Nichtigkeit der beiden legten Fälle mag dahin geſiellt 
eiben. 
+) Die Tuscer (Hetrurier) hatten hen alten Aberglauben und 
Die darauf bezuglichen Gebräuche am forgfältiafien ausge⸗ 
bildet ,„ und fogar allen Unſinn (von bem wir bier eine 
Probe fehen) in Ritualbuͤchern niedergelegt, 
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J 


Zweites Buch. 179 
Jupiter allein ſchieudere dreierlei. Die Roͤmer haben von 
dieſen nur zwei Arten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Nacht vorkommenden : die erſten fchreiben fie dem Jupiter, 
die andern, welche der Bühleren Temperatur wegen feltener 
find, dem Summanus *) zu. Die Hetrurier glauben aud, 
daß Blitze aus der Erde hervorbrechen, **% und nennen fie 
unterirdifche. Binden Diele zur Zeit der Winterfonnenwende 
ſtatt, fo ſind fie meift bösartig und ‚unbeilbringend; denn 
alle," welhe nad ihrer Meinung ans der Erde entfliehen, 
find nicht wie jene gewöhnlichen, von den Geſtirnen her 
rührenden, fondern gehören ber uns. nächſten nnd unreineren 
Natur an. 2. Ein augenſcheinliches Unterfcheidungszeichen 
iſt, daß alle aus der höheren Himmelsgegend fallende Blige 
eine ſchirfe, die aber, weiche man irdiſche nennt, eine ges 
rade Richtung -uchmen. Weil fie nun aus einem und näs 


beren Stoffe fallen, fo glaubt man, fie gehen ans ber @rte 


hervor, weil man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was andy nur bei einem von oben Fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blige der Ball ſeyn 
Zönne. Leute, welche dieſer Sache noch weiter nachgegrü⸗ 
beit haben, glauben, diefe Blitze fämen vom Planeten Sa⸗ 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
foichen Blis wurde Bolfinii [Bolfena], die reichſte Stadt 


*) Gummanus (summus manium), ber Gott ber Inter 
welt, 

”, Wenn manchmal Wolben electriſchen Stoff von ber Erde 
an ſich ziehen, fo bunte man fügen, es entfiehen Blige 
"aus ber Erbe. 5. 


— 


a8 C. Plinius Naturgeſchichte. 


auf. Die trockenen zänden nicht, fondern zerflören nur; die 
feuchten verbrennen nicht, fondern verfengen nur. @ine 
dritte Gattung, welche man glänzende nennt, find größten: 


theild von wunderfamer Cigenfhaft; denn fie leeren Käffer 
aus, ohne das Aeußere derfelben zu verlegen, oder: irgend 


eine Spur zurückzulaſſen. 2. God, Erz und Gilber ſchmilzt 
in den Gäden, ohne daß dieſe im geringften verbrannt 
werden, oder daß aud) nur das Wachsfiegel verlept wird, *) 
Marcia, die erfte der Römerinnen, *%) wurde. ı während 
ihrer Schwangerſchaft vom Blige getroffen: die Leibesfrucht 
ſtarb, fie ſelbſt lebte aber fort, ohne irgend eine Unbequem⸗ 
lichkeit zu fpüren. Zu den Wunderzeichen, welche den Catilina⸗ 
riſchen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurio 
[Rathsherr] M. Herennius aus der Pompejanifden Munis 


cipalſtadt [Pompeji] bei heiterenm Himmel bom Dlige eve 


fdylagen wurde, ***) 


LI (um). 4. Rach den Schriften der. Zuecet 9 (offen 
neun Götter Bliße werfen, und deren eilf Arten ſeyn; denn 





*) Die electriſche Kraft hat auf manche Stoffe, bie man im 
ber Phyſik ſchlechte Leiter nennt, feinen Einfuß. 
+) Die Ausleger haben fi) vergebens mit der Erklaärung die 
ſes Ausdrucks abgemüht, Iſt es bie Fran des erfien Ges 
nators, oder iA es die Matrone, bie bei bem weiblichen 
Gottesdienſt den Vorſitz führte? 
“..). De Nichtigkeit der beiden leuten Faͤlle mag dabin geſtelit 
eiben. 
+) Die Tuscer (Hetrurier) hatten ben alten Aberglauben und 
die darauf bezliglichen Gebräuche am forgfältisfien andges 
bildet , und fogar allen Unſinn (von dem wir bier eine 
Probe fehen) in Nitualblichern niedergelegt. 
% 2 ? 











‚ Zweites Bud. 179 


‚Jupiter allein ſchieudere dreiertei. Die Römer haben von 
Diefen nur zwei Arten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Nacht vorkommenden: die erſten fchreiben fle dem’ Fupiter, 
die andern, welche der tühleren Temperatur wegen feltener 
find, dem Summanus *) zu. Die Hetrurier glauben aud, 
daß Blise aus der Erbe hervorbrechen, *% und nennen fie 
unterirdiſche. Winden diefe zur Seit der Winterfonnenwende 
ftatt, fo find fie meiſt bösartig und unheilbringend; denn 
alte,“ welche nad ihrer Meinung aus der Erde entflehen, 
find nicht wie jene gewöhnlichen, von den Geſtirnen her 
rührenden,, fondern gehören ber uns nächſten und unreineren 
Natur an. 2. Ein augenſcheinliches Unterfcheidungszeichen 
iſt, daß alle aus der höheren Himmelsgegend fallende Blige 
eine fhirfe,, die aber, welche man irdifche nennt, eine ge: 
rade Richtung nehmen. Weil ſie nun aus einem nnd nä⸗ 
beren Gtoffe fallen, fo glanbt man, fie gehen ans der Erde 
hervor, weil man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was andy nur bei einem von oben Fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blige der Ball ſeyn 
könne. Leute, weldye diefer Sache noch weiter nachgegrüs 
beit Haben, glauben, dieſe Blige kämen vom Planeten Sa⸗ 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
foihen Blig wurde Bolfinii [Bolfena], die reichſte Stadt 





*) Summanus (summus manium) ber Gott ber Unter: 
welt. 

* Wenn manchmal Wolren eleetriſchen Stoff von ber Erbe 
an ſich ziehen, fo Könnte man fügen, es entfiehen Blige 
"aus ber Erbe, 5. 


478 _ C. Plinius Naturgefhichte. , 


auf. Die trodenen zünden nicht, fondern zerflören nur; die 
feuchten verbrennen nicht, ſondern verfengen nur. Eine 
dritte Gattung, welche man glänzende nennt, lud größten: 
theild von wunderfamer Eigenfchaft ; denn fie leeren Fäſſer 
“ aud, ohne das Aeußere derfelben zu verlegen, oder irgenb 
eine Spur zurüdzulaffen. .3. Gold, Erz und Silber fhmilzt 
in den Süden, ohne daß diefe im geringften verbrannt 
- werden, oder daß auch nur das Wacheſiegel verlegt wird, *) 
Marcia, die erfte der Römerinnen, *%) wurde ı während 
ihrer Schwangerfchaft vom Blige getroffen: die Leibesfrucht 
ſtarb, ſie ſelbſt lebte aber fort, ohne irgend eine Unbequem⸗ 
lichkeit zu fpüren. Zu den Wunderzeichen, welche den Catilina⸗ 
rifchen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurio 
[Rathsherr] M. Herennius aus der Pompejanifhen Munis 
cipalſtadt [Pompeji] bei heiterem Himmel vom Diige er⸗ 
ſchlagen wurde, »ey 
LIH (um). 4. Rach den Shriften der. Tutcet 9» ſellen 
neun Götter Blige werfen, und deren eilf Arten ſeyn; deun 





*) Die slectriiche Kraft hat auf manche Stoffe, die man im 

ber Phyfie ſchhechte Leiter nennt, Beinen Einfluß. 

+*) Die Audleger haben fi) vergebens mit der Erklaͤrung bie 
fed Ausdrucks abgemüht, Iſt es bie Fran bes erfien Se⸗ 
nators, oder ik es die Marrone, die dei bem weiblichen 

/ Gottesdienft den Borfig führte? 
“es, De Nichtigkeit der beiden letzten Fälle mag dahin geſlellt 
eiben. 

) Die Tuscer (Hetrurier) hatten hen alten Aberglauben und 
‘die darauf bezüglichen Gebräuche am forgfältiaften audges 
bitdet , und fogar allen Unſinn (von dem wir bier «ine 
. Probe fehen) in Ritualbuchern niedergelegt, 

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‚ Zweites Bad. 179 
Jupiter allein ſchieudere dreierlei. Die Röuter haben vom 
biefen nur zwei Arten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Naht. vorkommenden: die erften fchreiben fie dem Jupiter, ' 
die andern, welche der Bühleren Temperatur wegen feltener 
find, dem Summanus *) zu. Die Hetrurier glauben auch, 
Daß Blitze aus der Erde hervorbrechen, *°% und nennen fie 
unterirbifche. Winden diefe zur Zeit der Winterfonnenwende 
ſtatt, fo ſind fle meift bösartig und unheilbringend; denn 
alte," weiche nad ihrer Meinung aus der Erde entftehen, 
find nicht wie jene gewöhnlichen, von den Geſtirnen her⸗ 
rührenden, fondern gehören der und. nächſten und unreineren 
Natur an. 2. Ein angenfheintiches Unterfcheidungszeichen 
iſt, daR alle aus der höheren Himmelsgegend fallende Blige 
eine ſchieſe, die aber, welche man irdifche nennt, eine ges 
zade Richtung nehmen. Weil fie nun aus einem und näs 
beren Stoffe fallen, fo glaubt man, fie gehen and der Erde 
hervor, weil man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was andy nur bei einem von oben Fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blitze der Zall ſeyn 
könne. Leute, welche dieſer Sache noch weiter nachgegrüs 
beit haben, glauben, diefe Blitze fämen vom Platieten Sa⸗ 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
foichen Blis wurde Bolfinii [Bolfena], die reichſte Stabt 


*) Summanus (summus manium), ber Gott der Unter 
welt. 

**) Henn manchmal Wolben eleetriſchen Stop von ber Erde 
an —* ziehen, fo konnte man fagen, es entfiehen Blige 
aus ber Erbe, 5* 


— 


478 _ C. Plinius Naturgefhichte. , 


auf. Die trodenen zünden nicht, fondern zerflören nur; die 
feuchten verbrennen nicht, ſondern verfengen nur. ine 
dritte Gattung, welche man glänzeude nennt, find größten 
theild von wunderfamer Eigenfhaft ; denn fie leeren Fäſſer 


“ aud, ohne das Aeußere derfelben zu verlegen, oder irgend 


eine Spur zurückzulaſſen. 2. Gold, Erz und Silber ſchmilzt 
in den Gäden, ohne daß dieſe im geringfien verbrannt 
werden, oder daß aud) nur Das Wacheſiegel verletzt wird. *) 
Marcia, bie erfte der Römerinnen, »e) wurde ı während 
ihrer Schwangerfchaft vom Blige getroffen: die Leibesfrucht 
ftarb, fie felbft lebte aber fort, ohne irgend eine Unbeguem:- 
lichkeit zu fpüren. Zu den Wunderzeichen, welche den Eatilinae 
riſchen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurio 
[Rathsherr] M. Herennius aus der Pompejanifden Muni⸗ 


cipalſtadt [Pompeji] bei heiteren Simmel bom Diige ers 


fdylagen wurde. ***) 


LIH (um), 4, Rach den Schriften der Tutcet » (ofen 
neun Götter Bliße werfen, und deren eilf Arten ſeyn; denn 





*) Die electrifche Kraft Hat auf manche Stoffe, bie man im 
ber Phyſik fhlehte Leiter nennt, feinen Einfluß. 

+*) Die Ausleger haben ſich vergebens mit der Erklaͤrung dies 
ſes Ausdrucks abgemüht, Iſt es die Frau bes erfien Ges 
nators, ober iſt es die Marrone, die dei bem weiblichen 
Gottesdienſt den Borfig führte? 

“es, ee Richtigkeit der beiden legten Fälle mag dabiu geſtelit 
eiben. 

PD Die Tuscer (etrurier) hatten ben alten Aberglauben und 
‘die darauf bezüglichen Gebräuche am forgfältiefien audges 
bildet, und fogar allen Unſinn (von dem wir bier eine 
Probe fehen) in Ritualbuchern niedergelegt, 

% - . ’ e 





‚ Zweites Bud). 179 


Jupiter allein fchieubere dreierlei. Die Röwer haben vom 
diefen nur zwei Arten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Nadht vorkommenden: die rien ſchreiben Ale dem Jupiter, 
die andern, welche der fühleren Temperatur wegen feltener 
find, dem Summanus *) zu. Die Hetrurier glauben auch, 
daß Blitze aus der Erbe hervorbrechen, ») unb nennen fle 
wmterirbifhe. Winden dieſe zur Zeit der Winterfonnenwende 
ſtatt, fo And fle meift dösartig und unpeilbringend; denn 
alle,“ melde nad ihrer Meinung aus der Erde entflehen, 
find nicht wie jene: gewöhnlichen, von den Geſtirnen her⸗ 
rührenden, fondern gehören ber und nächſten nnd nnreineren 
Natur an. 2. Bin augenfdeinliches Unterfheidungszeichen 
iR, dab alle aus der höderen Himmelsgegend fallende Blige 
eine fhiefe , die aber, welche man irdifche nennt, eine ges 
rade Rihkung nehmen. Weil fie num aus einem und när 
heren Gtoffe fallen, fo glanbt man, fie gehen and der Erde 
herdor, weil man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was and) nur bei einem von oben Fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blipe der Fall ſeyn 
Zönne. Leute, welche diefer Sache noch weiter nachgegrü⸗ 
beit haben, glauben, diefe Blige kämen vom Planeten Sa— 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
ſolchen Blig wurde Volſinii [Bolfena], die reichte Stadt 









Summanus (sommas manium), der Got 
weit, 

*) Wenn mandmal Wolken eleetriſchen © 
gan ic sieben, fo Fünnte man fagenyr 

and ber Erbe. 


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478 _ C. Plinius Naturgefhichte, . 


auf, Die trodenen günden nicht, fondern zerftören nur; bie 
feuchten verbrennen nicht, ſondern verfengen nur. Eine 
dritte Sattung, welche man glänzende nennt, find größtene 
theild von wunderfamer Eigenfchaft ; deun fie leeren Käffer 
aus, ohne das Aenbere derfelben zu verlegen, oder irgenb 
eine Spur zurückzulaſſen. 2. Gold, Erz und Gilber ſchmilzt 
in den Gäden, ohne daß dieſe im geringften verbrannt 
werden, oder daß aud nur das Wacheſiegel verletzt wird. *) 
Marcia, die erfte der Römerinnen, *%) wurde swährend 
ihrer Schwangerfchaft vom Blitze getroffen: die Leibesfrucht 
ftarb, fle felbft lebte aber fort, ohne irgend eine Unbequem⸗ 
lichkeit zu fpüren. Su den Wunderzeichen, welche den Catilina⸗ 
rifhen Unruhen vorausgingen, gehört auch, daß der Decurie 
[Rathsherr] M. Herennius aus der Pompejanifden Munis 


- eipalftadt [Pompeji] bei heiteremm Himmel vom Die ers 


ſchlagen wurde, ***y' 
LIH (um), 4. Rach den Schriften der. Tutcet » ſollen 
neun Goͤtter Blide werfen, und deren eilf Arten ſeyn; denn 





*) Die electriſche Kraft hat auf manche Stoffe, die man im 

ber Phyfie ſchhechte Leiter nennt, Beinen Einfuß. 

+*) Die Audleger haben ſich vergebens mit der Erklärung bie: 

fe8 Ausdrucks abgemüht, Iſt ed bie Frau bes erfien Se⸗ 

nators, oder if es die Marrone, die Bei dem weißtichen 

Gottesdienn den Borfig führte? 
“es, Die Nichtigkeit der beiden letzten File mag dabiu geſtellt 
eiben. 

D Die Tuscer (Getrurier) hatten ben alten Aberglauben und 

die darauf bezfiglichen Gebräuche am forgfältigften ausge⸗ 

bildet, und fogar allen Unſinn (von dem wie bier eine 
Probe fehen) in Ritualbüchern niedergelegt. 
—W 7 


‚ Zweites Bud. 179 


‚Jupiter allein fchieudere dreieriei. Die Nöwer haben von 
biefen nur zwei Urten beibehalten, die bei Tag und die bei 
Nat vordommenden: die erfien fchreiben fie dem Jupiter, ' 
die andern, welche der fühleren Temperatur wegen feltener 
And, dem Summanus *) zit. Die Hetrurier glauben auch, 
daß Blitze aus der Erde hervorbrechen, *% und nennen fie 
unterirdifche. Winden dieſe zur Zeit der Winterfonnenmende 
ſtatt, fo ſind ſie meift bösdartig und unheilbringend; denn 
ale,“ welche nach ihrer Meinung aus der Erde entfliehen, 
Mind nicht wie jene gewöhnlichen, von den Geſtirnen her⸗ 
rührenden, fondern gehören der und. nädften und unreineren 
Natur au. 2. Ein augenfheintiches Umterfcheidungszeichen 
if, daß alle aus der höheren Himmelsgegend fallende Blitze 
eine ſchiefe, die aber, welche man irdiſche nennt, eine ges 
zade Rihtung nehmen. Weil fie nun aus einem und näs 
heren Gtoffe fallen, fo glanbt man, fie gehen ans der Erde 

hervor, weil man ja nirgends eine Spur ihres Anprallens 
finde; Was auch nur bei einem von oben Fommenden, nicht 
aber bei einem von unten kommenden Blitze der Hall ſeyn 
könne. Leute, welche diefer Sache noch weiter nachgegrü⸗ 
beit haben, glauben, diefe Blitze kämen vom Planeten Gas 
turn herab, fo wie die zündenden vom Mars. Durch einen 
foichen Blig wurde Bolfinii [Volſena], die reichte Stadt 


*) Summanus (summüs manium), ber Gott der Unter 
welt, 

* Menu manchmal Wolken eleetriſchen Stop von der Erde 
au ſich ziehen, ſo kbunte man ſagen, es entſiehen Blitze 
"aus ber Erbe. 3* 


180. 6. Pinius Naturgeſchichte. 


der Tuscer, gänzlich verbrannt. 3. Kamilienblige nennt 


man folhe, weldye einem, der ſich Familienverhältniffe bes 
gründet, zuerft vorkommen : ihre Vorbedeütung foll für das 
ganze Leben gelten. Die Vorbedeutung der Privatblige 
reicht, wie man glaubt, nicht Über zehn Jahre hinand, 

ausgenommen, wenn fie bei der erften Verheirathung oder 
am Geburtstage ftattfinden; die Staatsblitze deuten nicht 
weiter ald dreißig Jahre, ausgenommen, wenn fie ſich bei 
Anlegung von Eolonieflädten ereignen. 


LIV (cm), 4. Aus der Ueberlieferung ber Saprhücher 


er ſehen wir, daß man durch gewiſſe heilige Gebräuche Blitze 


erzwingen, oder doch erflehen könne. In Oetrurien gebt. 


ein uraltes Gerücht, daß ein Blitz erfleht worden ſey, als 


ein Ungeheuer, Volta *) genannt, nach der Verwüſtung der 


Aecker in die Stadt Volfinii kam. Auch Porfenna, der König 


Diefes Landes, foll Blige hervorgebracht haben. 2. Pifo, ein. 


glaubwürdiger Schriftfteller, erzählt im erften Buche feiner 
Annalen, daß ſchon lange vor Porfenna Numa Daffelbe 
gethan habe, und daß Tullus Hoftilins, als er es ihm nach⸗ 


machen wollte, aber Die Ceremonien nicht genan beobachtete, 
Dom, Blige erfhlagen worden fey. **) — Wir haben lzur 


“ Herdorrufung ber Blitze] Haine, ‚Altäre und heilige Ges 


bräuche ; und nebem dem Jupiter Gtator , ***) Tonans 
*, Die Bebentung dieſes Hetrueciſchen Wortes TAB ſich micht 


errathen. Nach Otfried Müller (die Hetr uscer, Brebs 
lau 1828. 8. Band I, S. 280) war ed ein gefpenfii- 
ſches Weſen der Volksſage, wie die Mania in 2 ben Rbomi⸗ 
Shen Ammenmährden. 

**, Mol. Livtus J, 20, 31. 


er), Stator (Stiffteher) heißt Jupiter, weil er uf das Fle⸗ 





"Zweites Bud). 184 


EDonnerer] und Feretrius *) haben wir auch noch einen 
@licius [Hervorgelodten] angenonimen. % Die Meinung 
über diefe Dinge it im Leben verfchieden,, und richtet (ich 
nad) eines Jeden Ueberzeugung. Keck iſt's zu glauben, man 
koͤnne die Natur beherrſchen; eben fo großen Schwachſinn 
verräch ed aber, wenn man ihren Wohlthaten alle Kräfte 
-abläugnen will, befondere da die Willenfchaft in der Deus 
tung der Blitze fo weit gefommen ift, daß man nicht nur 
den Tag, an weichem fie eintreffen, mit Beftimmtheit vor» 
ausfagt, fondern auch, ob fie ein bereits obwaltendes Schick⸗ 
ſal endigen, oder ob ſie noch verborgene Schickſale beginnen; 
wie denn für beide Fälle unzählige Erfahrungen des Staats⸗ 
und Privatiebens vorliegen. Mögen alfo diefe Zinge, wie 
es ihre Natur mit fi) bringt, Einigen geviß, Undern zweis 
felhaft, Einigen preiswürdig, Audern tadelnswerth vor⸗ 
komwen: wir wollen, Was noch weiter an ihnen merkwürdig 
iſt, nicht übergeben. 

LV (wur) 4. Gewiß "if, daß man den Blig eher 
ſieht, al6 den Donner hört, obſchon fle zu gleicher Zeit fatt, 
finden. Daran ift nichts Wunderbares; denn das Licht 
pflanzt fich fchneller fort, als der Schall. Zwar hat es die 
Natur fo eingerichtet, daß das Treffen bes Blipes und der. 
Schall in demfelden Momente zufammenfällen; aber der 
Schall entſteht, wenn der Blig abfährt, nicht, wenn er trifft. 





hen des Romulus die vor den Sabinern niehenden Römer 
zum Stehen brachte, Livius I, 12, 

9% Feretrius (Benteträger) heißt er, weil ihm Nomulus die 
den Eänikern abgenommene Beute in einem dazu erbanten 
Zemvei weihte . Livius I, 10. 


4182 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Auch die Luft iſt ſchneller, als der Blitz; deßhalb wird auch 
Alles zuerſt erfchüttert und angeweht, ehe es erſchlagen 
wird. Ferner wird Niemand getroffen, der bereits den 
Blitz geſehen oder den Donner! gehört Hat. 2. Die Blite 
zur Linden werden für glükbringend gehalten, weil Morgen 
‚ auf der linken Seite der Welt liegt. Auch hat man nicht 
fowohl auf das ‚Herabfallen des Blitzes, als auf fein Wie: 
dererfcheinen [feine Wirkung] Acht, ob nämlich ſogleich nach 
dem Schlag Fener emporlodert, oder ob nur, nachdem das 
Ganze vorüber ift, und das Feuer fi feibft verzehrt bat, 
ein Dunft auffteigt. Die Tuscer haben zum Behufe diefer 
Beobachtungen den Himmel in fechzehn Theile abgetheitt. 

Die erfte Abtheilung veicht vom Mitternacht bis zu Sonnen⸗ 
aufigang bei der Tag: und Nachtgleiche; die zweite bis zu 
Mittag ; die dritte bis zu. Sonnenuntergang bei der Tag⸗ 
und Nachtgleiche: die vierte begreift das noch Uebrige von 
Abend bis zu Mitternacht. Jede diefer Abtheitungen theilten 
fie wieder in vier Theile, und nannten die acht gegen Mors 
gen liegenden linke, und die andern acht auf ber entgegen⸗ 
gefepten Geite rechte. 3. Bon allen Bligen find Die, welche 
von Abend nach Mitternacht hin [im Nordweften] vorkommen, 
die unheilvollſten; es ift alfo fehr viel daran gelegen, woher 
fie kommen und wohin fle fahren. Am beften iſt's, wenn 
fie in der Himmelsgegend, in welcher fie entfichen, bleiben. 
Deßhalb bedeuten die, welche von der erſten Abtheilung des 
Himmels [von Nordoften] Tommen, nnd aud) in diefelbe 
fahren, das höchfte Glück: ein folches Vorzeichen ward, wie 
man erzählt, dem Dictator Sylla. Die Blige in den übrigen 
Weltgegenden bringen weder ſehr großes Glück, noch ſehr 











3weites Buch. 4185 
großes Unheil. Man hält es auch für unrecht, mandıe 
Blige zu nennen oder nennen zu hören, man müßte fie deun 
einem Gaflfreunde oder‘ einem Verwandten anzeigen. — 
Die völlige Grundloſigkeit diefer Beobachtungen erwies fich 
aber recht angenfcheintich zu Rom, als unter dem Gonfulat 
des Scaurus [115 vor. Ehr.], der bald darauf Princeps 
[&rfter des Senats] wurde, feibf in den Tempel der Juno 
der Big einſchlug. *) 

4 Blige ohne. Donner bemerft man häufiger bei Nadıt, 
als bei Tag. Nur ein einziges Ihier, den Menſchen näms 
lich, tödtet der Blißz nicht immer, alle anderen aber anf 
der Stelle; **, die Natur Hat ihm wahrſcheinlich diefen 
Vorzug gegeben, weil ihn fo viele Thiere an Kraft übers 
ireffen. Sie alle fallen [wenn fie vom Bike erſchlagen 
werden] auf die entgegengefehte Seite; der Menſch aber 
ſtirbt nicht, wenn er nicht auf die getroffene Geite geworfen 
wird. 5. -Die gerade von oben Betroffenen ſetzen ſich; Die 
wacend Erſchlagenen findet man mit zugedrüdten, die im 
Schafe Getroffenen mit offenen Augen. Einen auf biefe 
Weiſe entfeelten Menſchen darf man nicht verbrennen: die 
Religion gebietet ihn zu begraben. Kein Thier wird vom 
Blig angezündet, es müßte denn ſchon vorher todt geweſen 





2) Mas gewig nicht gefchehen wäre, wenn Supiter, der Ges 
mahl der Jund, die Blitze ſchleuderte. 

©, Der Bewes, daß die vom Blitz getroffenen Thiere noth⸗ 

wendig das Leben verlieren muͤſſen, möchte fchwer zu füh⸗ 

zen ſeyn. Eben fo bebfirfen die von Plinius angeführten Ä 

Wirkungen bes Blitzes weiterer Beliätigung. 


7 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſeyn. Die Wunden der vom Blitz Erſchlagenen ſind kalter, 


als der übrige Körper. 


LVI (iv). 4. Bon allen Erdgewaͤchſen wird der Lor⸗ | 


beerbaum allein nicht vom Blipe getroffen; auch dringt dies 
fer nie tiefer. ale fünf Fuß in die Erde. Burditfame Lente 
mwähnen ſich deßhalb am ſicherſten in tieferen Höhlen oder 
in Selten aus Häuten von Meerfälbern; denn unter den 
Geethieren ift diefes das einzige, welches nicht vom Blige 


getroffen wird, fo wie unter ben Bögeln der Adler, *) der, 


deßwegen audy in der Dichtung als Träger dieſes Befcofles 
gift. 2. In Italien baut man zu Kriegszeiten zwifchen 
Zerracina und dem Tempel der Beronia **) feine Ihürme 
mehr, weil bis jet nicht einer vom Blitze verſchont blieb. 


LVU (in). 4. Außerdem wird, was bie untere Him⸗ 


melsregion betrifft, in hiſtoriſchen Denkmälern erzählt, daß 
es unter dem Conſulate des M. Acilius und C. Porcius 
[114 vor Chr.] Milch und Blut, unter dem Conſulate des 
P. Volumnius und Gervins Sulpicius [a61 vor Ehr.] aber 
Fleiſch neregnet habe, nnd daß die Stücke des letzteren, welche 





*) Das in dieſem Kapitel Geſagte muß auf den Gay zuräds 
geführt werben, daß manche Gegenftände beffere Leiter finb 
als andere, und daß bie fchlechten Leiter verſchont bleiben, 
wenn beffere in der Nähe find. — Nach ben neueſten Ans 
fihten dringt ber Blitz nicht in bie Erde; bie Oberflche 
derſelben müßte benn ein gar zu unvollkommener Leiter 
ſeyn, wie Sandheiden, wo der Blitz die tiefer liegende 
feuchte Erbe auffucht. 

de, Der Tempel der Göttin Seronia lag an ber She dei 
heutigen Lago bi Ferona. Terracina hat feinen altem 
Namen behalten, - ‚ 





Zweites Bud. "185 


die Bogel mcht fortſchleppten, nicht einmal faulten.“) 2. Eiſen 
regnete es in Lucanien [Bafllicata]', ein Jahr vorher [ 
vor Ehr.], che M. Eraffus nnd mit ihm alle Lucanifche 
Soldaten, deren fid eine große Anzahl im dem Heere bes 
fand, von den Parthern erfchlagen wurden. Das Eiſen, 
weldyes es regnete, glich feiner Geſtalt nad) beinahe Schwäm⸗ 
men, und die Zeichendeuser bezogen es auf Wunden von 
oben. ») Wolle regnete ed aber unter dem Eonfulate des 
2, Paulus und C. Marcellus [50 vor Ehr.} in der Gegend 
des Saruffanifchen Kaftells, ***) bei welchem ein Jahr fpäter 
T. Annius Milo getödtet wurde, Während Diefer feinen 
Rechtsſtreit führte, regnete es Biegelfteine, wie die: Denk: 
würdigkeiten jenes Jahres [52 vor Chr.] berichten. Y)- 
LVIII (wva), Waffengeräufc und Trompetengefchmetter 
ward, wie man erzählt, während des Eimbrifchen Krieges 
[104 vor Ehr.], fo wie auch häufig in früheren und fpäs 
teren Zeiten vom Simmel herab gehört. +r) Während des 
dritten Couſulats bed: Marius Los vor en] ſahen die 


*, Weil dieſer fogenannte, FSleifchregen weheſcheinlich nicht ſo⸗ 
wohl aus animaliſchen und vegetabiliſchen, als aus me⸗ 
talliſchen Theilchen beſtand. 

25) Durch bie Pfeile der Parther. 
or, In der Raͤhe von Compſa Eonza). 
HD Die in dieſem Kapitel angeführten wunderbaren Regen 

Fommen von. Zeit zu Zeit.nocd immer vor, und laſſen fid) 
ans natfrlichen Urſachen erPlären. Den. Gehler's phyſika⸗ 
Hifches Wörterbuch, Bb. VII Asthl. 2. (Beipg. 1834. 8.) 
S. 1220 — 1234, 

+) Auch dieſe Erſcheinung kennt mau in unſerer Beit: man 
denke an das wilde Heer. 





r 


' 


165 - €. Plinius Naturgefhichte, 


Ameriner und Iuderter Waffen am Himmel, welche von 
Morgen und Abend gegeneinander fuhren, und von denen 
die, welde von Abend kamen, zuridgetrichen wurden. 
Auch der Himmel kann in Flammen gerathen, was nichts 
Wunderbares iſt, und fchon öfters gefehen wurde, went 
die Wolfen ein größeres euer ergriff. ”)- 

LIX (wru). 4A, Die Griechen rühmen dem: Anaragsras " 
von Elazomenäd nach, daß er im zweiten Jahre der achtund⸗ 
fiebenzigffen Olympiade [467 vor Ehr.] vermöge feiner gro⸗ 
sen Erfahrung in der Himmelskunde vorausgefagt habe, an 


‘ welchen Tagen ein Belfen aus der Gonne fallen würde, und 


daß Diefes auch in jenem Theile von Thracien, welcher an 
dem Fluſſe Aix **) liegt, am heilen Tag gefchehen fen. Der 
Stein wird noch jetzt gezeigt; er hat die Größe einer War 
‚ genlaft und eine Kohlenfarbe; wie denn auch in jenen 
Nächten ein Komet ***) drannte. 2. Wer aber die Rich⸗ 
tigkeit biefer Borausfagung zugibt, muß auch nothwendig 





* Diefe Erfcheinung, deren Urfahe Plinius nicht kennt, und 
daher falſch erklaͤrt, ift nichts Anderes, als ber Norbſchein. 
Die Richtigkeit Deſſen, was bie Ameriner und Tuderter 
(Bewohner der-Stäbte Amelia und Todi) ſahen, laſſen wir 
dahingeſtellt ſeyn. Es ſollte bie Niederlage der Teutonen 
(welche von Nordweſt herkamen) bedeuten. 
20) Go Überfegt Plinius das Griechifche Alyos' rorauòoc (Bies 
genfluß), VTlußchen und Stadt (Galata) an der Dardanelen⸗ 


& 
1 


ftraße. 

ee⸗) Ein Komet war es wohl nicht, fonderneine jener Feuerkugeln, 
wie man ſie auch in neuerer Zeit ſah, bie ſich gewbhnulich 
in einen Steinregen auflöfen. Die Vorausſagung eines 
ſolchen Phänomens if unmögli, on 











Zweites. Bud. 187 


eingefiehen, daß bie. Gchergabe des Anaxagoras ein nad) 
weit größeres Wunder war; auch muß unfere ganze Einſicht 
in die Natur der Dinge fidy in Nichts auflöſen und fi 
Alles verwirren, wenn man annehmen wollte, daß bie 
Sonne ein Gtein,, *) oder daß überhaupt ein Stein in ihr 
fegn könne. 3. Daß übrigens häufig Steine herabfallen, 
kann nicht wohl geläugnet werden. In der Ningfchule zu 
Abydus [Mvido] verehrt man deßhalb noch jegt einen ſolchen 
Stein, der zwar nicht fehr groß ift, von welchem aber ders 
felde Anaragoras vorausgefagt haben foll, daß er auf bie 
Mitte der Erde fallen werde. Auch verehrt man einen zu 
Sapandria [Porte di Cafſandro], welche Gtadt fpäter Poti⸗ 
dãa **) genannt wurde, und wohin man aus dieſer Urſache 
eine Eplonie geführt hatte. Ich felbft fah einen im Gebiete 
ber Bocontier [Baifon], welcher kurz vorher herabgefallen 
war. 

LX (zum). 4. Die Erfcheinungeh, welche wir Regen⸗ 
bogen nennen , find zu hänfig, als daß man fe für Wunder 
ober DBorbedentungen anfehen koͤnnte; denn nicht einmal 
reguerifche oder heitere Tage zeigen Ne mit Zuverläßigkeit 
an. Es iſt offenbar [daB ein Regenbogen dadurch fich bilder], 
daß ein Sonnenſtrahl, der in eine hohle Wolke fällt, mit 
ber Spige nad) der Sonne zurückgeworfen und gebroden 


”, Und do& Hält man jetzt die Anſicht, daß die Sonne eine 
— Metall⸗ oder Steinmaſſe ſey, für die wahrſchein⸗ 
ul) 

* Beil naͤmlich der Meteorfiein eine Braubfarbe hatte. Denn 
Poridäa If vielleicht von ber Dorſchen Sorm — 
(ih brenne au) abzuleiten. 


188 - €. Plinius Naturgefchichte. 

‚wird; die Verſchiedeuheit der Farben aber entfteht durch 
die Mifhung der Wolken, der Luft und der. Sonnenſtrah⸗ 

ten. ) Gewiß if, daß Regenbogen nur der Gonne ges 

genüber vorkommen, und nie anders, als in Geſtalt eines 

Halbzirkels, auch nicht bei Nacht, obfchon Ariftoteled"**) 

erzählt, daß man deren mandymal -gefehen habe; er 

geſteht jedoch zugleich, daß Diefes nur, wenn der Mond’ 
dreißig Tage alt iſt, gefheben könne. 2. Sie bilden ſich 

. aber am häufigften im Winter, wenn von der Herbſt⸗Tag⸗ 

und Nachıtgleihe an die Tage abnehmen, Wenn aber diefe 

von der Frühlings-Tag s und Nachtgleiche an wieder zuneh⸗ 

‘men, fo kommen fie eben fo wenig vor, als an den längften 

Tagen um die Zeit der Sommerfonnenmwende,, bei der Wine 

"terfonnenwende aber, das heißt, an den Lürzeften Tagen, 

ſehr haufig. N) Gie find hoch, wenn die Sonne niedrig, 


* Die Erklärung bes Regenbogens durch die Brechung ber 
Sonnenſtrahlen iſt richtig, die concave Wolke: abgerechnet, 
weiche die Alten vorausſetzten, um ſich die Bogenform er⸗ 
Elären zu Binnen, die aber eine andere Urſache hat, wie 
man aus ben Lehrbüchern der Phyſik erfehen kann. Auch 
bie Sarbenverfchiedenheit bat ihren Grund nicht in der vom 
Plinius angegebenen Mifhung, fondern in der ungleichen 
Brehung ber Sonnenfirahlen, wie Newton zuerſt bes 

merkt hat, 
°®) Meteor, III, 4. Ariſtoteles hat Neht. Denn auch in 
. neuerer Zeit hat man nicht felten folche Monbregenbogen 
beobachtet, Arifioteles fagt aber, beim Vollmonde (dv «ij 
navarlgrp); und vieleicht ftand auch im Texte des Pli=- 
nius die Zahl XIV, weiche von Abfchreibern im XXX 
verwandelt murbe, 
'.., Das Gefagte iſt unrichtig. Man flieht Regenbogen u 


. - ‚ 
—— — 


Zuweites Buch. | 4189 


und niedrig ‚ wenn diefe hoch ſteht. Bei | Eonuenauf und. 
Untergang And fie kieiner, aber mehr in die Breite gejogen; 
um Die Mittagszeit fchlanker, aber von größerem Umfang. 
Im Sommer flieht man fie nie um die Mittagsreit, nad) 
der Herbft:Tag: und Nachtgleiche aber zu jeder Stunde des 
Tages, aber nie mehr als zwei zugleich. 

LXI. 4. Ueber andere Naturericheinungen ift man, 
wie id) ſehe, faft allgemein einverflauden. 

(Ax.) Der Hagel entfteht demnach aus gefrorenem Platz⸗ 
regen, der Schnee aus derfelben, aber minder verdichteten - 
Beuchtigkeit, der Reif aber aus gefrorenem Zhau. Im 
- Winter fällt nur Schnee und Bein Hagel, ber Hagel felbft- 
Yäufiger bei Tag als bei Nacht; andy ſchmilzt er viel fchneller, 
ald der Schnee. Nebel entfliehen weder im Sommer, nody 
bei allzuheftiger Kälte. 2. Thau fällt weder. bei fehr kal⸗ 
tem, noch bei fehr heißem, noch bei windigem Better, 
fondern nur in heiteren Nächten. Durch’6 Gefrieren ver: 
mindert ſich das Waſſer, und wenn baf Eid aufgethaut ift, 
findet man nicht mehr daſſelbe Maaß. 

(Axi.) 3. In den Wolken ſieht man verſchiedene Farben 
und Gerlalten, je nachdem das ihnen beigemiſchte Feuer die 
Oberhand behält, oder von ihnen überwältigt wird. 

LXH (irn). Außerdem haben gewiffe Gegenden ge: 
wife Eigenthümlichkeiten. So fällt in Afrika in den Som⸗ 
mernäcten Thau; in Italjen vergeht zu Locri [Bruzzano) 
und an dem Beliniſchen See [die di Zugo] kein Tag, an 





jeder Jahreszeit, aber nie, „wen die Sonne höher als 
42° fieht, 0 


190 E. Plinius Naturgeſchichte. 

welchem nicht Regenbogen erfcheinen; zu Rhodus und Sy⸗ 
rakus [Siragoffa] wird nie der Nebel fo dicht, daß man 
nicht wenigftens zu einer Tagesſtunde die Sonne fehen könnte. 
Doch von diefen Dingen wollen wir- an ben geeigneten 
Stellen berichten, und jest die Bemerkungen über bie Luft 
ſchließen. 

LXIII (ie). 4. Es folgt nun die Erde, der wir allein 
von allen Theilen der Natur, ihrer ausgezeichneten Wer: 
dienfte wegen, den ebrenden Beinamen „Mutter“ gegeben 
haben. Gie ift und Das, was der Gottheit der Himmel if. 
Sie nimmt uns auf bei der Geburt; fie nährt und nad) der 
Geburt, mund find wir einmal da, fo erhält fie ung fort 
während; am Ende, wenn uns die übrige Natur verftößt, 
nimmt fle uns auf in ihren Schooß und bedeckt und ,- recht 
wie eine Mutter; durch Fein anderes Werbienft ift fie deß⸗ 
bald. mehr heilig, als eben durch Das, daß fie und felbft 
heilig madıt. *) Auch trägt fie unfere Denkmäler und unfere 
Ehrentitel, pflanzt unfern Namen fort, und verlängert un⸗ 
fer Andenken über diefe kurze Lebengfrift hinaus. Sieift die 
letzte Gottheit, deren Strenge wir in unferem Sorne noch 
gegen die Abgefchiedenen anrufen, ee) als wenn wie nicht 
wüßten, daß fie die einzige fey, die nie einem Menſchen 
zürnt. 2. Das Waſſer feige auf zu’ Negen, erftarrt zu 
Hagel, ſchwillt an zu Fluthen und ſtürzt ſich daher in 
zeiffenden Strömen; die Luft verdichtet ſich zu Wolken und 





Die Todten waren den Alten heilig und unverletzlich. 
) Anſpielung auf die Verwuͤnſchung: dir ſey de Erbe 
f dwer: 


ed 





Zweites‘ Buch. ZZ 494; 


mäthet im Sturme. Aber wie gütig, wie mild, wie nad): 
ſichtia if He! Wie dient fie fortwährend jedem Bedürfniffe 
der Sterblichen! Was erzeugt fie durd Zwang, und Was 
fpendet fie nicht fchon freiwillig? Welche Gerüche, welche 
Leckereien, welche Gäfte, weiche Formen, welche Barben! 
Wie ehrlich gibt fie uns das anvertraute Gut mit Zinfen. 
zurück! Was ernährt fie nicht Anſertwegen! Was die ſchäd⸗ 
lien Thiere betr:fft, fo ift die belebende Luft an ihrer 
Erzeugung Schuld: *) die Erde muß gezwungen den Saas 
men derfelden aufnehmen,. und fle, wenn fle einmal geboren 
find, erhalten; aber der Echaden fällt nur der Schlechtigkeit 
der erzeugenden.. Kräfte zu Laſt. 3. Die Erde nimmt die 
Schlange, welche einen Menichen beichädigt hat, nicht: mehr 
auf, ») und firaft fo auh im Namen Derer, weldhe es 
felbft verfäunien ; fie fpendet Heilkräuter, und leidet ſtets für 
den Menfchen Beburtsichmerzen. Ja man darf licher glaus 
beu, daß fie-auch die Gifte nur aus Mitleid für uns her⸗ 
vorbringe, damit uns nicht, wenn wir des Lebeus über 
Müffig And, der Hunger, eine der Büte der Erde durch 
aus nicht entfprecdyende Todesart, durch langſame Zehrung 
aufreibe, oder ein Sturz von einem Felſen unſern zerſchmet⸗ 
terten Körper zerſtreue; damit wir uns nicht durch den 
Strick eine unfinuige Dual bereiten, indem wir dadurch die 
Seele, für welche wir doch einen Ausweg ſuchen wollen, 





2) Weil nach ber Anſicht der Alten der Saamen der ſchaͤdli⸗ 
hen Thiere von oben herabfällt. Daß Plinius ber Luft 
Unrecht thue, braucht kaum erinnert zu werben, 


*0) 6, KXIxX, 23, 


J 192 €. Plinius Naturgeſchichte. 


einſchließen; damit wir nicht, indem wir in der Meerestiefe 
den Tod fuchen, unfer Grab im Leibe der Fiſche finden, und 
damit endlich nidyt dad marternde Eifen unfern Leib durch⸗ 
wühle. 4A. Ja aus Mitleid erzeugte fle das Gift, durch 
deffen mühelofen Genuß wir ohne Verlegung des Körpers, 
ohne allen Blutverluſt und ohne Qual, Dürſtenden gleich 
ſterben; damit uns, wenn wir auf dieſe Weiſe geſchieden 
find, Fein Vogel und kein Wild berühre, und ‚damit. Jeder, 
der für ſich ſelbſt verloren iſt, doch der Erde erhalten werde. 
Geſtehen wir yur die Wahrheit: die Erde bat uns ein 
Mittel gegen alle Uebel erzeugt, wir. aber haben. ed zum 
Gifte gemacht, um das Leben [Anderer] zu zerflören. Ge⸗ 
brauchen wir nicht das Eifen, deffen wir nicht eutbehren 
können, auf dieſelbe Weife? — Wenn fie aber auch das 
Gift hervorgebracht hätte, um ung zu fhaden, fo könnten 
wir uns doc) nicht mit Recht beklagen,“ wenn wir nicht ges 
tade gegen diefen einen Naturtheil” undankbar feyn wollen. 
5. Su welchen Bergnügungen, zu welchen Schandthaten 
dient fie nicht dem Menſchen? Sie wird in das Meer gewor⸗ 
fen, oder, um uns Kanäle zu ſchaffen, vom Waſſer duxch⸗ 
freffen. @ifen, Holz, Feuer, Gteine, Früchte bereiten ihr 
ſtündlich neue Dual, und zwar weit bäufiger, um unfere 
Gelüſte, als unſere Nahrungsbedürfniffe zu -befriedigen. 
Mag auch, Was fie am ihrer Oberfläche, an ihrer äußerften 
- Rinde leidet, noch erträglich fcheinen; aber wir bringen auch 
in thre Eingeweide und graben nach Bold» und Silberadern, 
nach Erz und Blei, wir wühlen Schädte in die Tiefe und 
ſuchen Ebdelfteine und andere Beine Steinden. Wir ziehen 
ihr die @ingemweide heraus, um einen Edelſtein, den wie 





J 
— — — 


Zweites Bud. | 193 
wünfchen, am Finger zu fragen. Wie viele Hande müſſen 
fid) zerarbeiten, damit nur ein Glied glänze! Gäbe es eine 
Unterwelt, die Minen der Habſucht ‘und der Prunkliebe 
wären wahrlich fchon auf fie gefloßen. 6. Und wir wollen 
und ndch wundern, wenn die Erde etwas zu unferem Nach⸗ 
theil hervorgebradyt hat, weil aud) die ſchädlichen Thiere 
fie fo gut bewachen, und die entheiligenden, Menſchenhände 
von ihr abhalten ? Graben wir nicht mitten unter Schlangen, 
und beuten wir nicht die Goldadern aus, fammt den Gift 
murzeln? Doch die Göttin zürnt darüber ‚weniger, weil 
alle diefe Reichthümer Lafer, Mord und Krieg zur Folge 
baden, und weil wir fle mit unferem Blute befeuchten,, und 
mit unferen  unbegrabenen Geheinen bededen. Und do 
breitet fie, nachdem fle ung über unfern Wahnflun befhämt. 
hat, ſich am Ende auch über diefe hin, und verbirgt fo die 
Frevelthaten der Sterblihen. — Zu den Verbrechen eines 
undankbaren Gemüthes möchte idy auch die Unwiflenheit 
zählen, in der wir und in Bezug auf ihre Natur befinden. 

LXIV (ıxıv). 4. Zuerft koͤmmt ihre Beftalt in Betracht, 
über melde nur eine einflimmige Meinung herrſcht. Wir 
nennen ſie ohne Bedenken Erdkreis, und glauben, daß dieſe 
Kugel von den beiden Polen eingeſchloſſen werde. Sie kann 
aber eigentlich der vielen Berghöhen und der weiten Feld⸗ 
flächen wegen nidyt vollkommen rund ſeyn; fondern ihre Um⸗ 
fang bildet nur daun, wenn man die Endpunkte der [von 
ihrem Eentrum aus gezogenen] Radien durch eine Kreistinie 
verbindet, eine vollkommene Kugelgeſtalt. Su dieſer Ans 
nahme zwingt uns ſchon das allgemeine Naturgeſetz, ob⸗ 
ſchon nicht die nämlichen Urſachen, die. wir bei der 2 

e. Pinins Raturseſch. 26 Buch, 6 


\ 


294 € Plinius Raturgeſchichte. | 


von Himmel 9% angeführt haben, obwalten. 2. Dem bei - 
jenem neigt fid) die hohfe Kugel gegen ſich ſelbſt, und ruht 
allenthalben auf ihrer Angel, auf der Erde nämlich, Diefe 
aber , als ein fefter und dichter Körper,. erhebt fih, einer 
anſchwellenden Maffe ähnlich, von innen heraus, und dehnt 
fih nach außen. Tie Well neigt fi gegen den Mittelpunkt; " 
die Erde aber firebt vom Mittelpunkt ab, **) und ihr nn: 
geheurer Ball wird durch den fortwährenden numſchwung der 
Welt um ſſe in der Kngelgeftalt erhalten. 

LXV (wuv), A. ®ir kommen nun an einem großen 
Streit zwifhen den Gelehrten und dem gemeinen Volke. 
Jene behaupten nämlich, die Erde fey rundum ‚von Mens 
ſchen bewohnt, und diefe Fehren ſich einander Die Füße zu. 
Alle hätten ein ähnliches Himmelsgewölbe über fih, und an 
einem Punkte, wie an dem andern, ſtehe man immer auf 
ihrer Mitte. Diefes fragt dagegen, warum die und gegen⸗ 
über Liegenden [Antipoden] nicht herabfallen, als wenn Dieſe 
ſich nicht aus derfelben Urfache wundern könnten, daß wir 
nicht heradfallen. Eine andere Meinung hat fi) zwiſchen 
Beide geſtellt, Die aber nur dem ungebildeten Saufen an« 
nehmbar erſcheinen kann, daß nämlich die Erde allerdings 
rundum bewohnt feyn könne, wenn fie eine ungleiche Kugel 
bilde, und ungefähr bie Geftalt .eines Bichtenapfels habe. 
2. Über warum länger darüber fprechen ? Erſcheiut es 


Kap. 2 
“, Auch die ‚Erbe firebt nad) dem Mittelpunet, und erhält da⸗ 
durch, nicht aber durch den Umſchwung bey Welt um fie, 
"die Kugelförm, 


\ f 





._ 


Zweites Buch. . 195 


Andern —* ein weit größeres Wunder, daß die Erde 
ſelbſt frei 


eingeſchloſſen iſt, nicht außer allen Zweifel geſtellt wäre, 
--Hder als wenn ein Herabfallen der Erde möglich wäre, ba 
die Natur widerfirebt, und ihr den P lab verfagt hat, wohin 
fle falten könnte! Denn fo wie der Sitz des Feuers nur in 
dem euer, des Waflers unr in dem Waller und der Luft 
uur in der Luft ift, fo hat aud die Erde, da fie allenthalben 
zurücgewieien wird, nur ihre Stelle in fich fell. Wun⸗ 
derbar iſt es jedoch, daß ſie bei fo großen Meeres: und 
Feldflächen eine Kugel bildet. Diefe Anſicht vertheidigt auch 
Ditdarthus, ein überaus gelehrtee Mann, der auf Befehl 


der Könige *) Lie Berge gemeſſen hat, und die ſenkrechte 


Höhe Bes Pelion [Peträs], welchen er für ben höchiten hält, **) 
auf 1,250 Schritte [5,859 Fuß ***) ] angibt, dabei aber die 
Bemerkung macht, daß diefe Höhe im Verhältniß zu dem 
ganzen Erdumfang in. Nichts verfchwinde. Mir ſcheint diefe 
Bermuthung unzuverläffig, da mir nicht unbekannt iſt, daß 
einige Alpengipfel ſich in allmäliger Aufdeigung zu einer 





/ 


+) De Nachfolger Alexanders des Großen, 


**), Unter ben Bergen Griechenlands. Denn wohl nur tiefe . 


hatte Ditdarchus gemeſſen. 
=, Bei der Nebuction bed Romiſchen Fußes und Schrittes 
auf jeziges Maaß find in der Ueberſetzung immer rheiniſche 
Fuße gemeint. Wir rechnen ben Nömifhen Fuß zu 11% 
Zoll rheiniſch. Nimmt man 103% rhein. Fuß auf 100 
Pariſer Fub, ſo iſt die Ausgleichuns für jeglich3 Maaß 
leicht. 
. 6— 
J 


NY — 


webt, und nicht ſammt uns herabfält? Als 
wenn bie Kraft der Luft, beionderd da dieſe von ber Welt‘ 


\ 


1) 


196 | C. Plinius Naturgeſchichte. 


Höhe von. nicht weniger als fünfzigtauſend *) Schritten 
[234,375 8.) erheben. — 3. Am meiſten wißßieftrebt aber 
Das ungebildete Volk, wenn es glauben foll, daß auch das 
Waſſer eine runde Geſtalt habe. Und doch ift in der ganzen 
Natur nidyts leichter durd) den bloßen Aublick zu begreifen. 
Denn die irgendwo herabhängenden Tropfen bilden fi zu 
Heinen Kugeln, und erfcheinen, wenn fie auf Staub fallen, 
ader wenn man’ fie auf wollige Blätter legt, volllommen 
ennd. "*) Auch in vollen Bechern fleigt das Waſſer in. der 
Mitte am höchſten; ***) was ſich aber wegen feiner Dünn⸗ 
heit und feiner fich ſelbſt sufannmendrängenden zarten 
Theilchen leichter durch Vernunftſchlüſſe, als durch den 
Augenfchein erkennen läßt. A. Nocd wunderbarer ift, daß 
bei vollen Bechern, wenn man nur die geringſte Maſſe 
von Flüſſigkeit hinzugießt, Das, was zu viel ift, fogleich 
überläuft; daß aber das Gegentheil flattfindet, wenn man 
schwere Begenflände, die ſich oft bis auf ein Gewicht von 
zwanzig. Denären H belaufen köunen, bineingleiten läßt, 
weil nämlich das Hineingefallene die Flüffigkeit in der 
Witte zu einer größeren Wölbung emporhebt, das auf die 





. Diefe “Baht if jebenfalls durch Abſchreiber entſiellt. Der 
höchſte europeiſche Alpengipfet (Montblanc). mißt nur 
15,180 Fuß. 

* Die runde Geftalt der Zropfen kommt baher, weil bie 

Ixzpoten Theilchen nach wechſelſeitigem Zuſammenhange 
reben 

eer) Das Waſſer ſteht am Rande voller Gefäße wegen der Anz 

ziehungskraft der: Seitenwände niedriger, als in der Mitte, 

2) Ungefähr %s Pfund, 








\ Zweites Bud, | 497 


emporftehende Wölbung Gegoflene aber abfließt. Aus Feiner 
anderen \sface *) kommt es, daß man das Land, welches 
fdion vom Schiffsmaſte and fihtber ift, auf.dem Schiffe 
fesbft noch nicht fieht, und daß ein glänzender Gegenſtand, 
welhen man an die Spige bes Maftes bindet, mit der Ent⸗ 
fernung des Schiffes allmälig niedriger zu werben fdeint, 
und am Ende ganz verfhwindet. 5. Wie Fönnte Denn auch 
der Ocean, den wir den äußerſten nennen, bei einer au’ 
dern Geſtalt zufammenhängen nnd nicht herabfließen, ba ihn 
weiterhin Eein Ufer mehr umſchließt? Ja es bleibt immer 
nody ein Wunder, warum auch troß der Kugelgeflalt das 
änßerfte Meer nicht berabfällt. Daß Dieb Übrigens, auch 
wenn das Meer fo lady wäre, wie es uns erfcheint, nicht 
geſchehen koͤnne, ſuchen Griechiſche Forſcher mit großer 
Selbſtgefaͤlligkeit und mit großem Anrühmen durch eine 
geometriſche Spitzfiudigkeit zu erweiſen. 6. Da nämlich ‘das 
Waſſer von der Höhe nach der Tiefe ſtröme; da dieſe ſeine 
Eigenſchaft allgemein anerkannt ſey, und Niemand in Ab⸗ 
rebe ſtelle, daß es noch an keinem Ufer höher geſtiegen fey, 
als es deſſen Abſchüſſigkeit erlaubte, fo müffe man ohne alle 
Widerrede annehmen, daß, je niedriger etwas fey, es fid) 
auch um fo mehr dem Erdmittelpuntt nähere, nnd .daß alle 
Linien, welde man von diefem zu der nächſten Waflerober- 
fläche ziehe, kürzer ſeyen, als diejenigen, weldhe man vox 


% Wegen der Wolbung ded Meered , welche ‘aber burdy aus 
dere Urfachen, nämlicd, durch das Hinſtreben aller einzelnen 
Theile nach dem Erbmittelpuntt und durch den gleichmä: 
figen Drud ber Luft Kebingt wird, 


108 Ä E. Plinius Naturgeſchichte. 


dem. das Ufer befpülenden Waſſer bis zu dem Außeriten 
Meere ziehe; daß mithin alles Waller nad), Fem Mittels 
- punkte firebe, und deßwegen nicht herabfließe,. weil ed nad) 
unten drüde, , 

LXVI. 41. Man muß annehmen, Daß die Bildnerin 
Natur Diefes. fo eingerichtet habe, damit die dürre und 
trodene Erde, melde für fin und ohne Feuchtigkeit nicht 
beftehen Tann, und das Waller, welches auch Beinen 
Haltpunkt hat, wenn es die Erde nicht trägt, ſich durch 
wechſelſeitige Verſchlingung vereinigen. Dieſe öffnet ihre: 
Bufen ; jenes durchdringt es ganz, inwendig, auswendig 
und oben, durd) allenthalben, wie Bande, durdyzieheude _ 
Adern. Sogar anf den höchſten Berggipfeln bricht es here 
vor, und, ſpringt daſelbſt, durch Die Luft getrieben und durch 
die Schwere der Erde gedrückt, wie aus Nöhren hervor. ) 
Es iſt alfo, von der Gefahr, herabzugleiten , fo weit ents 
fernt, daß es fogar auf den ſteilſten Höhen zum Borfchein 
kommt. 2. Auf diefe Weife wird es andy begreiflich, warum 
das Meer durd ben täglihen Zufluß ſo vieler Ströme 
nicht wächst. 

(»v3.) Die Erde iſt alſo in ihrer ganzen Rundung 
gerade in der Mitte von dem umflrömenden Meer umgürtet. 
Und zwar braucht man Diefes nicht Durch Vernunitfchläffe 
zu ergründen, fondern bie Erfahrung bat es längit date. 
gethan. 


— 


⸗ 
— 





2) Man leitet jetzt das Anehwafer auf den Bergen von be 
Wolken her. 


— 


. Zweites Buch "49 
LAXVH (usrm). 4. Bon Gates [Cadix] und den Säu⸗ 
len des Derdules [der Meerenge von G.braltar] an wird 
jegt das ganze weftlihe Meer, längs den Küften von His: 
panien und Gallien, befahren. Der nördiide Ocran 
wurde größtentheils befchifft, als. unter der Regierung des 
göttlichen Auguſtus eine Flotte um Bermanien bis zu dem 
Eimbrifchen Borgebirge [SPfagencap in Yütland] herumfuhr, 
und weiterhin ein unermeßliches Meer fah, oder doch durch 
das Gerücht von einem ſolchen hörte, das bis zu dem Scyh⸗ 
thifchen Lande und die durch übermäßige Zeuchtigkeit Eulten. 
Gegenden reihe. Es iſt alfo deßwegen keineswegs wahrs 
ſcheinlich, daß dort das Meer aufhöre, wo das Element bes 
Waſſers porherrfcht. 2. Eben fo. ift im Oſten, von dem Indi⸗ 
fihen Meer aus, immer nach derfefben Richtung hin der ganze 
Theil des Oceans, welder zum. Caspiſchen Meere reicht, **) . 
von Macedoniſchen Kriegern durchſchifft worden, und zwar 
unter des Regierang des Seleucus und des Antiochus, ***) 
welche auch Diefes Inenentdedte] Meer nah fih das Ge 
leucifheund Antiodifche genannt wiflen wollten. Auch 
um das Easpifche Meer wurden viele Beflade des Oceans 
unterfucht, und das ganze Nordmeer ift alſo bis auf eine 
Heine Strecke ganz von diefer oder von jener Geite durch⸗ 
rudert. Auf dieſe Weile kann alfo ‘Die große Streitfrage 
°», Die von Drufus unternommene ‚Expedition in ber Nords 
ee ift gemeint. Tacitue, Annal. 11, 8. 

©) Die Alten hielten das Gaspifhe Meer für einen Buſen bes 

.  , nÖrblinen Dceans. Bol. B. VI. 8. 15. 17. 
1), Im letzten Viertel des dritten, und km erſten Viertel des 

zweiten Jehrhunderis vor Ehr. 


- 


10 C. Plinius Naturgeſchichte. 

weichem nicht Regenbogen erfcjeinen; zu Rhodus und &ps 
rakus [Siragoffa] wird nie der Nebel fo dicht, daß man 
nicht wenigſtens zu einer Tagesſtunde bie Sonne fehen könnte. 
Doc, von diefen Dingen wollen wir au ben geeigneten 
Stellen berichten, und jest die Bemerkungen über bie Luft 
fchließen. 

LXIII (zum). 4. Es folgt nun die Erde, der wir allein 
von allen Theilen der Natur, ihrer ausgezeichneten Ver⸗ 
dienfte wegen, den ehrenden Beinamen „Mutter“ gegeben 
haben. Sie ift und Das, was der Gottheit der Himmel ift. 
Sie nimmt und auf bei der Geburt; fie nährt und nad) der 
Geburt, und ud wir einmal de, fo erhält fie uns fort, 
während; am Ende, wenn uns die Übrige Natur verſtößt, 

nimmt fie und auf in ihren Schooß und bedeckt nns, recht 
wie eine Mutter; durch Fein anderes Verbienft ift fie deß⸗ 
bald. mehr heilig, als eben durch Das, daß fle und felbft 
heilig macht. *) Auch trägt fie unfere Denkmäler und unfere 
Ehrentitel, pflanzt unfern Namen fort, und verlängert un⸗ 
fer Andenken über dieſe kurze Lebengfrift hinaus. Sie iſt die 
legte Gottheit, deren Strenge wir in unferem Sorne nod) 
gegen die Abgefchiedenen anrufen, ee) als wenn wie nidit 
wüßten, daß fie die einzige fey, die nie einem Menfchen 
zürnt. 2. Das Waſſer fteigt auf zu’ Regen, erftarrt zu 
Hagel, ſchwillt an zu Fluthen und flürzt fi daher in 
reiffenden Strömen; die Luft verdichtet fid, zu Wolken und 





?) Bie Todten waren ben Alten heilig und unverleglich, 
99) Anfpielung auf bie Verwänfhung: dir fey die Erbe 
ſchwer! 


+ 





Zweites: Bud. - 494, 


mwöüthet im Sturme. Uber wie gütig, wie mild, wie nadı: 
ſichtia if file! Wie dient fie fortwährend jedem Bedürfniffe 
der Sterblihen! Was erzeugt fle dur Zwang, und Was 
fpendet fie nicht ſchon freiwillig? Welche Gerüche, welde 
Leckereien, welche Gäfte, weiche Bormen, welche Barben! 
Wie ehrlich gibt fie uns das anvertrante Gut mit Zinſen 
zurück! Was ernährt file nicht Anſertwegen! Was die ſchäd⸗ 

lien Thiere betrfft,- fo it die belebende Luft an ihrer 
Erzeugung Schuld: *) die Erde muß gezwungen den Saa⸗ 
men derfelben aufnehmen, und fle, wenn fie einmal geboren 
find, erhalten; aber der Echaden fällt nur der Schlechtigkeit 
der erzeugenden. Kräfte zu Laſt. 3. Die Erde nimmt bie 
Schlange, welche einen Menſchen befchädigt hat, nicht: mehr 
auf, *) und firaft fo auch im Namen Derer, welhe es 
ſelbſt verfäumen ; fie fpendet Heilfränter, und leidet ftetd für 
den Menfchen Beburtsichhmerzen, Ja man darf fiher glau⸗ 
beu, daß fie-auch die Sıfte nur aus Mitleid für uns hers 


verbringe, damit ung nicht, wenn wir des Lebens übers 


Müffig And, der Hunger, eine der Büte der Erde durch« 
aus nicht entſprechende Todesart , durdy langſame Zehrung 
aufreibe, oder ein Sturz von einem Felſen unſern zerſchmet⸗ 


. texten Körper zerſtreue; damit wir und nicht durch den 


Strick eine unfinuige Dual bereiten, indem wir dadurch die 
Seele, für weiche wir doch einen Ausweg ſuchen wollen, 





e) Weil nach ber Anficht der Alten ber Saamen ber ſchaͤdli⸗ 
hen Thiere von oben herabfält. Daß Plinius ber Luft 
Unrecht thue, braudt kaum erinnert zu werden. 

”*) ©, XXIx, 23, 


J 492 €. Plinius Naturgeſchichte. 


einfchließen; damit wie nicht, indem wir in ber Meerestiefe 
den Tod fuchen, unfer Grab im Leibe der Fifche finden, und 


damit endlich nicht das marternde Eifen unfern Leib durch⸗ 


wühle. 4. Ja aus Mitleid erzengte fie das Gift, durch 
deffen mühelofen Genuß wir ohne Verlegung des Körpers, 
ohne allen Blutverluft und ohne Dual, Dürftenden gleich 
fterben; damit ung, wenn wir auf diefe Weiſe gefchieben 
find, Fein Vogel und fein Wird berühre, und ‚damit Geber, 
der für ſich felbft verloren iſt, doch ber Erbe erhalten werde. 
j Geſtehen wir vur die Wahrheit: die Erde hat uns ein 
Mittel gegen alle Uebel erzeugt, wir aber haben es zum 
Gifte gemacht, um das Leben [Anderer] zu zerflören. Ge⸗ 
brauchen wir nicht das Eifen, deffen wir nicht eutbehren 
Lönnen, auf diefelbe Weife? — Wenn fie aber auch das 
Gift bervorgebracht hätte, um ung zu ſchaden, fo könnten 
wir uns doch nicht mit Recht beklagen, wenn wir nicht ge⸗ 
rade gegen dieſen einen Naturtheil” undankbar ſeyn wollen. 
5. Zu welchen Vergnügungen, zu welchen Schandthaten 
dient fie nicht dem Menſchen? Sie wird in das Meer gewor⸗ 
fen, oder, um uns Kanäle zu ſchaffen, vom Waſſer durdy: 
freffen. @ifen, Holz, Feuer, Steine, Früchte bereiten ihr 
fündlich neue Dual, und zwar weit häufiger, um unfere 
Gelüfte, als unſere Nahrungsbebürfniffe zu -befriebigen. 
Mag aud, Was fie an ihrer Oberfläche, an ihrer äußerften 
. Rinde leidet, noch erträglich ſcheinen; aber wir dringen auch 
in thre Eingeweide und graben nad) Gold - und Silberadern, 
nad) Erz und Blei, wir wühlen Schädte in die Tiefe und 
ſuchen Edelfteine und andere Beine Steinchen. Wir ziehen 
ihr die Eingeweide heraus, um einen Edelſtein, den wir 





I} 


Zweites Bud. 493 


wünſchen, am Finger zu tragen. Wie viele Hände müſſen 
ſich zerarbeiten, damit nur ein Glied glänze! Gäbe es eine 
Unterwelt, die Minen der Habſucht und der Prunkliebe 
wären wahrlih fchon auf fie geftoßen. 6. Und wir wollen 
uns nbch wundern, wenn die Erde etwas zu unferem Nach⸗ 
theil hervorgebradyg hat, weil auch die. fchädlichen Thiere 
fie fo gut bewachen, und die entheiligenden Menfchenhände 
om ihr abhalten ? Graben wir nicht mitten unter Schlangen, 
und beuten wir nicht die Soldadern aus, fammt den Gift: 
wurzeln? Doch die Göttin zürnt darüber weniger, weil 
alle diefe Reichthümer Lafter, ‚Mord und Krieg zur Folge 
baten, und weil wir fle mit unferem Blute befeuchten , und 
mit unferen unbegrabenen Gebeinen bededen. Und doch 
breitet fie, nachdem fie uns über unfern Wahnflun befhämt. 
hat, fid) am Ende auch über diefe hin, und verbirgt fo die 
Zrevelthaten der Sterblihen. — Zu den Verbrechen - eines 
undantbaren Gemüthes möchte ich auch die Unwiſſenheit 
zählen ‚in der wir und in Bezug auf ihre Natur befinden. 
LXIV (axıy). 4. Zuerſt koͤmmt ihre Geſtalt in Betracht, 
über welche nur eine einfimmige Meinung herrſcht. Mir 
nennen fle ohne Bedenken Erdkreis, und glauben, daß diefe 
Kugel von den beiden Polen eingefchloffen werde. Sie kann 
aber eigentlich der vielen .Berghöhen und der weiten Feld⸗ 
flächen wegen nicht vollfommen rund ſeyn; fondern ihr Um⸗ 
fang bildet nur daun, wenn man die Endpunfte der [von 
ihrem Centrum aus gezogenen] Rabien durch eine Kreislinie 
verbindet, eine vollkommene Kugelgeftalt. Zu diefer Ans 
nahme zwingt uns fchon das allgemeine Naturgefep, obs 
ſchon nicht Die nämlichen Urſachen, die wir bei der Lehre 
€, Punins Raturseſch. 26 Bochn. 6 


\ 


194 € Plinius Raturgelchichte. 


vom Himmel 9 angeführt haben, obmwalten. 2. Dem bei _ 


jenem neigt ſich die hohle Kugel gegen ſich ſelbſt, und ruht 
allenthatben auf ihrer Angel, auf der Erde nämlich, Diefe 
aber, als ein feſter und dichter Körper,. erhebt ſich, einer 
anfhmellenden Maffe ähnlih, von innen heraus, und dehnt 


fih nach außen. Tie Well neigt fich gegen den Mittelpunkt; 


die Erde aber ftrebt vom Mittelpuntt ab, ») und ihr un: 
gebeurer Ball wird durch den fortwährenden Umſchwung der 
Welt um ſſe in der Kugelgeftalt erhalten.- 
LXV (um). 4. Wir kommen nun -an eitem großen 
Streit zwiſchen den Gelehrten und dem gemeinen Wolke. 
Jene behaupten nämlich, die Erde fey rundum ‚von Mens 
ſchen bewohnt, und diefe kehren fidy einander die Füße zu. 
Alle hätten ein ähnliches Himmeldgewölbe über fi, und an 
einem Punkte, wie an dem andern, flebe man immer auf 
ihrer Mitte. Diefes fragt Dagegen, warum die ung gegen: 
über Liegenten [Antipoden] nicht herabfalten, als wenn Diefe 
ſich nicht aus derfeiben Urfache wundern könnten, baß wir 
nicht herabfallen. ine andere Meinung Hat fih zwiſchen 
Beide geſtellt, die aber nur dem ungebildeten Haufen an: 
nehmbar erfcheinen Bann, daß nämlich die Erde allerdings 
rundum bewohnt fenn könne, wenn fie eine ungleiche Kugel 
bitde, und ungefähr die Geftalt .eines Fichtenapfels habe. 
3. Über warum länger darüber fprechen ? Erſcheint es 
*», Ray. 2. 
©) Much die Erde firebt nach dem Mittelpunet, und erhält da⸗ 


durch, nicht aber durch den Umſchwung bey Welt um fie, 
bie Kugelform. 


N 


! 





— 


Zweites Buch. 195 


Andern u ein weit größeres Wunder, daß bie Erbe 
ſelbſt frei Mwebt, und nicht fammt uns herabfält? Als 


wenn die Kraft der Luft, beſonders da dieſe von der Welt 


eingefchloffen iſt, nicht außer allen Zweifel geftellt wäre, 
sder ald wenn ein Herabfallen der Erde möglich wäre, ba 
die Natur widerfirebt, und ihr den Platz verfagt hat, wohin 
fie fallen Bönnte! Denn fo wie der Gig des Feuers nur in 
dem Zeuer, des Waſſers unr in dem Waller und der Luft 
nur in der Luft iſt, fo Hat auch die Erde, Ta fie allenthalben 
ztrrückgenieſen wird, nur ihre Stelle in fich fell. Wun- 
derbar iſt es jedoch, daß .fle bei fo großen Meered: und 
Zeldflähen eine Kugel bildet. Diefe Anſicht vertheidigt auch 
Dikaarchus, ein überaus gelehrter Mann, der auf Befehl 
der Könige *) die Berge gemeſſen hat, und die ſenkrechte 
Höhe des Delion [Pekräs], welchen er für den höchſten hält, **) 
‚auf 1,250 Schritte [5,859 Buß ***) ] angibt, dabei aber die 
Bemerkung macht, daB diefe Höhe im Verhältniß zu dem 
ganzen Erdumfang in. Nichts -verfchwinde. Mir fcheint dieſe 
Bermuthung unzuverläffig, da mir nicht unbekannt ift, daß 
einige Alpengipfel ſich in allmäliger Aufſteigung zu einer 





⸗ 


9) Der Nachfolger Aleranders des Großen. 


*) Inter den Bergen Griedyenlands. Denn wohl nur iefe 


hatte Ditäarchus gemeffen. 

”., Bei der Nebuction bes Römischen Sußed und Schrittes 
auf jetziges Maaß find im der Ueberſeßsung immer rheiniſche 
Fuße gemeint, Wir rechnen den Römifchen Tuß zu 11% 
Zoll rheiniſch. Nimmt man 103% rhein. Fuß auf 100 
Darfer Fuß, fo ift die Ausgleicuns für jeglich3 Maaß 
leicht. 


6 42 


8 — 


x 


196 ° € Plinius Naturgeſchichte. 


Höhe von. nicht weniger als fünfzigtauſend *) Schritten 
[234,375 5. erheben. — 3. Am meiſten wißeitvebt aber 
Das ungebildete Volk, wenn es glauben. foll, daß auch das 
Waffer eine runde Geitalt habe. Und doch ift in der ganzen 
Natur nidyts leichter durch den bloßen Anblick zu begreifen. 
Denn die irgendwo herabhängenden Tropfen bilden fich zu 
Beinen Kugeln, und erfcheinen, wenn fie auf Staub fallen, 
oder wenn man fie auf wollige Blätter legt, vollkommen 
rund. **) Auch im vollen Bechern fleigt das Wafler in der 
"Mitte. am höchſten; ***) was ſich aber wegen feiner Dünn⸗ 
beit und feiner ſich felbft zufaunmendrängenden zarten 
Theitchen feichter durch DVernunftfchlüfle, als durch den 
Augenfchein erkennen läßt. A. Noch wunderbarer ift, daß 
bei vollen Bechern, wenn man nur die geringſte Maſſe 
von Fluͤſſigkeit hinzugießt, Das, was zu viel iſt, ſogleich 
überläuft; daß aber das Gegentheit ftattfindet, wenn man 
ſchwere Gegenflände, die fidh oft bis auf ein Gewicht ven 
zwanzig. Denaren H belaufen können, bineingleiten läßt, - 
weil nämlich das SHineingefallene die Flüffigkeit in bey 
Witte zu einer größeren Wölbung emporhebt, das auf bie 





” Diefe “Baht if jedenfalls durch Abſchreiber entſiellt. Dir 
höchſte europeishe Alpengipfel (Montblanc). mipt nur 
15,180 Fuß. 

*) Die runde Gefialt der Tropfen Eommt daher, weil bie 
bien Theilchen nad) wechfelfeitigem Bufammenhange 

reben 
*, Das Waſſer fteht am Rande voller Gefäße wegen der Ans 
ziehungsfraft der Seitenwände niedriger, als in der Mitte, 

‚D) ‚Ungefähr Pfund. 








\ Zweites Bud. 4197 


em porſt ehende Wolbung Gegoſſene aber abfließt. Aus keiner 
anderen Unſache *) kommt es, daß man das Land, welches 
ſchon vom Schiffsmaſte aus ſichtbar iſt, auf dem Schiffe 
ſelbſt noch nicht ſieht, und daß ein glänzender Gegenſtand, 
welchen man an die Spitze bes Maſtes bindet, mit der Ent⸗ 
fernung des Gciffes alimälig niedriger zu werben fcheint, 
und am Ende ganz verfchwindet. 5. Wie Eönnte denn auch 
der Ocean, den wir den äußerſten nennen, bei einer au: 
dern Geſtalt zufammenhängen nnd nicht herabfließen, da ihn. 
weiterhin Bein Ufer mehr umfchließt? Ja es bleibt immer 
nodh ein Wunder, warum auch. troß der Kugelgeftalt das 
änßerfte Meer nicht herabfällt. Daß Dieb übrigens, aud 
wenn das Meer fo flach wäre, wie ed ung erfcheint, nicht 
geſchehen könne, ſuchen Griechiſche Boriher mit großer 
Selbſtgefaͤlligkeit und mit großem Anrühmen durch eine 
gesmetrifhe Spitzſindigkeit zu erweiſen. 6. Da nämlich das 
Waſſer von der Höhe nach der Tiefe ſtröme; da dieſe feine 
Eigenfchaft allgemein anerkannt fey, und Niemand in Ab⸗ 
. zede flelle, daß es noch an keinem Ufer höher gefliegen fey, 
als es deffen Abfchüffigkeit erlaubte, fo müffe man ohne alle 
Widerrede annehmen, daß, je niedriger etwas ſey, es ſich 
and um fo mehr dem Erdmittelpunkt nähere, und daß alle 
Linien, welche man von diefem zu der nächſten Waflerober- 
fläche ziehe, kürzer ſeyen, als diejenigen, weldye man vox 


% Wegen ber Wolbung bed Meeres, welche ‘aber durdy aus 

dere lirfachen, nämlich durch das Hinſtreben aller einzelnen 

Theile nach dem Erdmittelpunkt und durch dem gleihımär 
figen Druck der Luft bedinst wird. 


198 C. Plinius Naturgefchichte. 


dem. das Ufer befpülenden Waller bis zu dem .Außerften 
Meere ziehe; daß mithin alles Wafler nad) em Mittels 
punkte ſtrebe, und deßwegen nicht herabfließe,. weil ed nad) 
unten drüde, 

LXVI. 4. Man muß annehmen, daß die Bildnerin 
Natur Diefes. fo eingerichtet habe, damit die bürre und 
trodene Erde, welche für fi und ohne Feuchtigkeit nicht 
beftehen Tann, und das Waller, welches auch feinen 
Haltpunkt bat, wenn es die Erde nicht trägt, ſich dur 
wechſelſeitige Verſchlingung vereinigen. Dieſe öffnet ihre: 
Bufen ; jenes durchdringt es ganz, inwendig, auswendig 
und oben, durch allenthatben, wie Bande, durchziehende 
Adern. Gogar auf den höchſten Berggipfeln ‚bricht ed her« 
vor, und ſpringt daſelbſt, durch die Luft getrieben und durch 
die Schwere der Erde gedrücdt,, wie aus Möhren hervor. ) 
Es ift alfo, von der Befahe, herabzugleiten, fo weit ent⸗ 
fernt, daß es fogar auf den fteilften Höhen zum Vorſchein 
tommt. 2. Auf diefe Weife wird es andy begreiflich, warum 
das Meer durch den täglichen Zufluß fo vieler Ströme 
nicht wächst. 

(vi.) Die Erde iſt alſo in ihrer ganzen Rundung 
gerade in der Mitte von dem umflrömenten Meer umgürtet. 
Und zwar brascht man Diefes nicht durch Vernunftſchlüſſe 
zu ergründen, fondern die Erfahrung bat es laͤngſt dar» 
gethan. 


— 


—* 





2) Man leitet jetzt das duelwoſer auf den Bergen von den 
Wolken her. 


— 











Zweites Buch, "499 

EXVI Gatu). 4. Bon Gates ſ[Cadix] und den Gäus 

ten des Sperkuled [der Meerenge von G.braitar] an wird 
jebt das ganze weftlihe Meer, längs den Küften von His⸗ 
panien und Gallien, befahren. Der nördiihe Dcran 
wurde größtentheils befchifft, als. unter der Reyierung des 
göttlihen Auguſtus eine Flotte um Bermanien bis zu dem 
Eimbrifchen Borgebirge [Sfagencap in Yütland] herumfuhr, 
and meiterhin ein unermeßfidded Meer ſah, oder body burdy 
»as Gerücht von einem ‚foldyen hörte, das bis zu dem Gcy 
thifchen Lande und die durch übermäßige Feuchtigkeit kalten. 
Gegenden reihe. Es iſt alfo deßwegen keineswegs wahre 
fcheintich, daß dort das Meer aufhöre, wo das Element bes 
Waſſers vorherrfcht. 2. Ehen fa ift im Often, von dem Indi⸗ 
fchen Meer aus, immer nad derfefden Richtung hin der ganze 
Theil des Oceans, welder zum Easpifhen Meere veicht, *°) . 
von Macedoniſchen Kriegern durdyfchifft worden , und zwar 
unter der Regierang des Seleucus und des Antiohus, ***) 
welche auch dieſes Ineuentdedte] Meer nach fih das Ges 
Leucifheund Antiochiſche genannt willen wollten. Auch 
um das Caspiſche Meer wurden viele Geſtade des Dcenns 
unterfaht, und das ganze Norbmeer iſt alſo bis auf eine 
Heine Strecke ganz von diefer oder von jener Geite durch⸗ 
rudert. Auf dieſe Weiſe kann alfo ‘die große Streitfrage 





”) Die von Drufus unternommene Exvedition in der Norbs 
fee ift gemeint. Tacitue, Aunnal. 11, 8. 
9) ‚Die Alten hielten bas Saspifhe Meer füu einen Buſen des 
nÖrblighen Oceans. Bat. 8. VI. 8. 15. 17. 
19), Im letzten Viertel des dritten, und hm "erfien Viertel des 
zweiten Zehrhunderis v vor Ehr, 


200. ! €. Plinius Naturgeſchichte. 

über den Mäotifhen Sumpf [Azowſche Meer] Peine Veran⸗ 
Taffung mehr zu Muthmaßungen geben. Denn entweder ift er 
ein Bufen jenes Oceans, was, wie ic) fehe, Viele glaubten; 
oder er ift ein, durch eine ſchmale Landenge von ihm ger 
trenntes , ſtehendes Waſſer. ) 3. Auf ‚der anderen Seite 
von Bades nad Welten hin, wird jest ein großer Theit 
‘des um Mauritanien [Marocco] herumreichenden füdlidhyen 
Bufens befchifft. Die Siege Aleranders des Großen machten 
und mit einem noch weit größeren Theile diefed, fo wie des 
öftlihen Deeans, bis zum Nrabifchen Meerbufen hin, bes 
kannt. *) Als Cajus EAfar, Angnſt's Sohn, auf dem 
legteren Krieg führte, foll man daſelbſt Merkmale von ge- 
fheiterten Spaniſchen Schiffen entdeckt haben. **) Auch 
Hanno fchiffte in der Blüthezeit der Macht Karthagos von 
Gades aus nad) der Küſte Arabiens, und beſchrieb diefe 
Fahrt in einem Werte, und um diefelbe Zeit wurde auch 
Himilco ausgeſchickt, um die äußerſte Küſte Europa's zu 
etforſchen. 4 Außerdem berichtet Cornelius Nepos, daß zu 





— Die Mäotifche See reichte faſt bis an bie Örenzen bed Ro⸗ 
mifhen Reichs; und body, follten ihn bie Nömifchen Geo: 
graphen fo ſchlecht gekannt haben! Wahrfcheinticher ift, 
daß Plinius hier ohne Kritie ältere Nachrichten, ohne 
Beachtung der gleichzeitigen Seographen, nachſchreibt. 

eo) Alexander befchiffte nie ben Ocean weſtlich von -Ufrika, 
Nach der Anſicht der Alten reichte aber Afrika nicht viel 
weiter herab, . al ber Arabifche Meerbufen, und Plinins 
meint alfo wohl bas fühlicy von Afrika gedachte Meer. 
—8 Bel. B. VI. K. 31, 14. Ueber Hanno und Himilko fehe 
bie. ummerfungen. zu bem Soriftgellarverzeicuiß vor 
—* Buch. 


» 





Zweites Bud). | 301 


feiner. Zeit ein gewiſſer Endoxus, als er vor dem König 
Lathurue N die Flucht ergreifen mußte, ans ‘dem Arabiſchen 
Meerbnfen audlief, und bis nach Bades fuhr; und fange vor 
ihm will Cällus Antipater einen geſehen haben, der des 
Handels wegen von Spanien nad) Aethiopien ſchiffte. Der: 
felbe Nepos erzählt in Beziehung auf die nördliche Um⸗ 
ſchiffung, daß dem Quintus Metellus Eeler , dem ‚Eollegen 
des 2. Afranius im Conſulat, der aber damals [63 v. €.) 
Procanful in Gallien war, von dem Könige der Sueven 
Indier zum Geſchenk gemacht worden ſeyen, **) bie bes 
Handels wegen aus Indien fortgefchifft, und durd Stürme 
nad) Germanien verfchlagen worden waren. 5. Go ent- 
Nehen uns die den Erdkreis allenthalben in der Mitte um: 
flrömenden Meere einen Theil deffelben, von welchem kein 
Weg zu und, und Peiner von nnd zu ihm führt. Diefe 
Betrachtung ift trefflich geeignet, die @itelkeit der Sterbli⸗ 
hen in ein helles Licht zu ſtellen, und ſcheint mich aufzu⸗ 
fordern, Die ganze und bie jent befannte Erde, auf wel⸗ 


Piolemane VIII., mit bem Beinamen gathurns, 
bersfhte vom J. 1177 — 81 vor Ehr. über Aegypten. 
Eilius Antipater lebte etwa 20 Jahre früher, alfo nicht 
lange vor biefem Ptolemäus. 

"©®) Die Ausleger haben fidy mit biefer Stelle ohne Noth ab: 
gequält, Wahrſcheinlich kamen bie Indier Über dad Cas⸗ 
piſche Meer, über weiches ‚fie Handel trieben (Herodot. 
"VI, 28.), nad) dem ſchwarzen Meer ober nad) ber Oſtſee; 
und da man beide Meere als Theile des nördlichen Oceans 
betrachtete‘, fo ifk bie irrige Meinung von einer unmittel⸗ 
baren Fahrt aus Indien nach Deutfchland leicht erklaͤrbar. 


. 202 ° E. Pliniug Ratungelhichte. | 2 ' 
cher Niemand für ſich genug bekommen kayn, gleichſam den 


Augen rorzuführen, und zu zeigen, wie groß. fie iſt. 
LXVIII (vwvin). :4. Man ſcheint gewoͤhnlich das feſte 


Land als die Häifte der Erde anzunehmen, als wenn man. 


dadurdy den Ocean an feinem Theil. nicht verkürzte, @r 
umgibt die ganze Erde in der Mitte, ſtromt alles Gewäſſer 
aus, und nimmt es wieder, auf, und gibt. den Wolfen und 
fogar den vielen und großen Geſtirnen *) Nahrung. Welchen. 
weiten Raum muß er alfouicht einnehmen? Unberechenbar 
. und unendlich muß das Reich einer fo ungeheuren Maſſe 
feyn. Man bedeute ferner, was uns nody der Himmel:vom, 
dem übriggelaffenen Erdetheil entzogen hat. Diefer wirb nänıs 
ih in fünf Theile geſchieden, welche man Zonen nenn. 
Alles, was unter den beiden Außerften, die fih au den Po⸗ 


len, von ‚denen ber eine der Nordpol, und der andere ihm, 


entgegengefegte der Südpol heißt, hinzieben, liegt, iſt vom 
unerträglicher Kälte und ewigem Life heimgeſucht. 2. Un⸗ 
unterbsochene Finſterniß herrſcht an diefen beiden Erdenden, 
und nie genießen fie den Anblick der milderen Geſtirne; fon: 
Rern nur ein karger, durch den Reif erzeugter, weißlicher 
Schimmer erhellt fie. Die mittlere Erdzone aber, um 
welche die Sonne kreist, ift wegen der allzunahen Hige völlig 
dürr, und durch die Sonnengiut, verſengt und ausgebrannt. 
Nur die beiden Zonen alſo, welche zwiſchen der gluͤhenden 


und ten beiden eiſigen liegen, find gemäßigt; und auch dieſe 


ftehen nicht einmal wegen des ſdazwiſchenliegenden] Feuers 
der Geſtirne mit einander in Verbindung. Dem feften Rande 





*) Bol, Kap. 6, % *. | J 














Zweites Bud. 203 


hat alſo der Himmel drei Theile entzogen: des Oee ans 
Raub iſt unbeſtimmbar. 

3. Ich möchte aber auch nicht einmal behaupten, daß 
dieſer kleine, und übrig gelaſſene Theil nicht in großer Ge⸗ 
fahr ſchwebe. Denn der Ocean, welcher, wie wir zeigen 
werden, *) in viele Buſen einſtrömt, wüthet in fo nabem 
Andrang gegen die inneren Meere, Sag der Arabifche Bus 
fen nur nod) 445,000 Schritte [23 Meilen **) ] von dem 
Aeghptiſchen Meer, nnd der Caspiſche Buien nur nody 
375,000 Schritte [75 Meilen] von dem Pontifchen ſſchwarzen 
Meere} entfernt if. Eben fo bildet der Dcean, in das Land 
eindringend, viele Meere: und wie viel Land nimmt er ſchon 
dard) jene hinweg, durch welche er Afrika, Europa und 
Alten von einander trennt! Nun zähle man die Menge 
der Ftüffe und grüßen Landfeen, nnd rechne die Gümpfe nnd. 
Teiche dazu. 4. Dann ziehe man die in die Wolken ras 
genden, nicht einmal mit den Augen zu erklimmenden Berg- 
'höhen, die Wälder, tiefe Schluchten, Einöden und andere, 
aus Lanfend verfchiedenen Urſachen verlaſſene, Gegenden noch 
davon ab. Und diefes Erdſtückchen, oder vielmehr, wie fi 
Manche ausdrädten, diefer Punkt in der Welt (denn die 
Erde ift nichts Anderes in dem AN) if der Gegenſtand 
und der Sitz unferer Ruhmfucht! Hier bekleiden wir Ehren⸗ 
ftellen ; bier üben wir Herrſchaft; hier bafchen wir nad 
Shägen ; bier balgen wir uns Menfchenbinder ; hier Piften 


s Sp den geographiſchen Büchern (II VI.). 

©) In der Ueberſetzung find ſiets geographifche Meilen (eine 
zu 5000 Rom. Schritten) gemeint. Uebrigens ift bie Lands 
enge von Sue nur 12 aneiteg breit. 





204 ° C. Plinius Naturgeſchichte. 


wir and) Bürgertriege an, und machen durch mwechfelfeitigen 
Mord die Erde geräumiger. 5. Und um das MWüthen 
ganzer Völker mit Stillfchweigen zu übergehen: hier ver- 
treiben wir nnferen Mitbürger, und graben diebifch. die 
Scholle des Nachbars zu unferen Felde. Und dody wie groß 
ift denn endlich das Stückchen, welches Einer von der Erde 
befist, wenn er den Umfang feiner Aecker auch nody fo weit, 
ausgedehnt, und die Anwohner Über die Grenzen getrieben 
hat? Dder wie viel wird Einem von Allem Beſitzthum, 
wenn er es auch nach Maßgabe feiner Habſucht erweitert 
bat, nach feinem Tode zu Theil ? 

BLXIX (Axix). Daß die Erde den Mittelpunkt der 
Welt bilde, fchließt man aus unlängbaren Beweifen, am 
‚Harften aber aus der gleichen Bertheilung der Stunden bei 
der. Tags und Nachigleihe., Denn wenn fle ſich nicht in 
der Mitte befände, fo könnten auch die Tage und Nächte 
nie gleich werden, wie man aud) an den Dioptern, *) ‚weiche 
Dieb am beften beflätigen, wahrnimmt. Denn zur Seit ber 
Tags und Nachtgleiche ſieht man die Sonne bei ihrem Auf⸗ 
and Untergang auf derfelben Linie, und eben fo fällt fie bei 
ihrem Aufgang bei der Sontmerwende und bei ihrem Unter: 
gange bei ber Winterwende auf ejue Linie, was auf keine» 
Beife der Fall ſeyn könnte, wenn die Erde nicht im Mittel: 
punkte läge. 

LXX (11x). Die Ungleichheit der Zeiten aber beffimmen 





.” Dioptra (Sonnenquartant) ift ein Infirument, an welchem 
‚ bie Sonne dburd, eine Deffauns auf eine Flaͤche fäut, und 
die Zeit angut. 9 





Zweites Bud. | 7.906 


drei über die genannten Zonen gezogene Kreife: der Som⸗ 
merwendekreis, welcher an der von uns am weiteſten nach 
Norden hin entfernten Seite des Ihierkreifes liegt; der 
Winterwendetreid, der fi am der entgegengefehten Geite 
nad dem andern Pol hin befindet; der Wequinoctialkreis, 
weicher fich mitten durch den Thierkreis zieht. 
LXXI, 4. Die Urfache der übrigen, uns wunderbar 
vorkommenden Erfcheinungen liegt in der Geſtalt der Erde 
feibft, und wir können fogar aus ihnen wieder anf die 
Kugelform der Erde, mit Inbegriff des Waſſers, fchließen. 
Auf dieſe Weife kommt es ohne Zweifel, daß uns die Sterne 
des nördlichen Himmels niemals untergehen, die des ſüd⸗ 
lichen dagegen uns nie aufgehen ; die Güdländer können aber 
unfere Sterne nicht fehen , weil die Kugelgeftalt der Erde 
in. der Mitte das Weiterfehen hemmt. 2. In dem Lande 
der Troglodyten [Nubien und Abeſſinien] und in dem be: 
nachbarten Aegypten fieht man den großen "Bär nicht, 
Dagegen in Italien nicht den Canopus, *) noch den Stern, 
welchen man das Haar der Berenice **) nennt, und einen 
andern, welchem man unter“ der Regierung des göttlichen 
Auguftus den Namen „Kaiferthron“ beifegte, welche doc) 
alle in jenen Ländern Achtbar find. Fa die Wölbung. der 
x 


®) en „Stern erfier Groͤße im fübtichen Ruder bes Schiffes. 


*°) Das Haar ber Berenice kann nicht das Sternbild fepn, 
welches jegt diefen Namen trägt, und fich am nördlichen 
Himmel befindet. Eben fo wenig if uns bie Lage bes 
Kaiferthrons berannt, welcher jegt fogar and bem Namen 

“nah aus ben Sternverzeichniffen verſchwunden iſt. 


. 
‚ G 
D ” |} . 
“. N ‚* 


206 e. Plinius Naturgeſchichte. 


Erde ift jo bedeutend und bemerklich, das der Canopus den 
Beobachtern zu Alexandria faft nur um den vierten heit 
eines Zeichens [7!/: Grade} über dem Horizonte gu ſtehen, 
und. derfelbe, von Rhodus aus geſehen, faſt die Exde zu 
ſtreifen ſcheint; in Pontus [Süptäfle des ſchwarzen Mee⸗ 
res] iſt er gar nicht mehr ſichtbar, dagegen ſteht hier der 
große Bär am höchſten. 3. Diefer iſt aber nicht auf Rho⸗ 
dus und noch weniger zu Alexandria fihtbar. In Wrabien 
ift er im Monat November während der erften Nachtwache *) 
‚verborgen, äeigt ſich aber in der zweiten; in Merog (Me: 
ramwe] erfcheint er bei der Sommerfornenwende des Abends 
eine ganz kurze Zeit, und wenige Tage vor dem Aufgang 
des Arcturus [21. Bebrnar) fleht man ihn mit Zagesanbruc. 
Alles Das können die Seeleute auf ihren Fahrten am beften 
beobachten „indem das Meer auf ber einen Seite in bie 
Höhe fteigt, und auf der andern ſich wieder herabientt, 
-wodurd. denn die Sterne, welde hinter der Wolbung des 
Erdballs ‚verborgen waren, plötzlich fihtbar werden, und 
gleichſam aus dem Meer anfzutauchen fcheinen. A. Es if 
alfo keineswegs (wie Manche behauptet haben) der Himmel 
über dieſem [nördlichen] Pole höher gewölbt; fonft müßte 
man diefe [nördlichen] Sterne überalt fehen.. Sondern Die: 
felben Gterne fcheinen Denen, welhe ihnen näher find, 
höher, und niedriger Deuen, welche weiter von ihnen ent: 
fernt lad; und fo wie biefe [nördliche] Himmelswölbung 


*) Die Römer theilten die Nacht in vier gleiche Theite, welche 
fie Nachtwachen naynten, und deren erfie mit Sonnen 
untergang begann. . „ 


v 


% 


” Zweites Buch. | 207 
Denen hoch erſcheint, welche ſich unter ihr befinden» fo 
müffen Denen, melde in jenen [üblichen] Theil der Erd: 
kugel Übergehen, jene [ſüdlichen]) Sterne aufiteigen, und die, 
weiche hier [im Norden] hoch fanden, ſich herabfenten, was 
Alles nicht ſtatifſinden könnte, wenn, die Erde nicht die 
BSeftalt einer Kugel häfte. 

LXXIÜ, 4. Deßmwegen werden anch die am Abend ſich 
ereignenden Sonnen⸗ und Mondfiuſterniſſe nicht von den 
Bewohnern des Oſtens, und die am Morgen ſtattfindenden 
nicht von den Bewohnern des Weſtens beuerkt; die am 
Mittag vorkommenden aber häufig von beiden. Als Ale: 
xander der Große den herrlichen Sieg bei Arbeila [Arbir] 
erfocht [21. Sept. 331 vor Ehr.], foll der Mond daſelbſt in 
der zweiten Stunde der Nacht verfinftert worden ſeyn, in 
Gizilien aber fchon bei feinem Aufgang. Die Sonnenfins 
fberniß , welche vor wenigen Fahren unter dem Eonfulat des 
Bipſtanus und Fonteins [59 nad) Chr.] am Tage vor den 
Eatenden des Mai f30. Apr.) fich ereignete, bemerkte man 
in Campanien [Terra di Lavoro] zwifchen der flebenten und 
achten Tagesſtunde: Corbuld, welcher als Feldherr in Ar: 
menie⁊ ſtand, *) hat berichtet, daß er ſie zwiſchen der zehnten 
und eilſten Tagesſtunde geſehen habe. So enthüllt oder 
verbirgt die Kugelgeſtalt der Erde Dieſen Das, den Ande— 
ten Jenes. 2. Wäre die Erde eineebene Fläche, fo müßten 


alle Menfchen ſolche Erfheinungen zw derfelben Zeit fehen, - 


und die Nächte, würden nicht von ungleicher Dauer ſeyn; 
denn fe müßten nicht nur für Diejenigen, weiche in der 


Mol. Tacitus, Ynnal, XW, ». ee u 


» 
’ 


208 €. Piinius Naturgeſchichte. “nn 


Miste der Erde wohnen, fondern auch für alle Andern 
zwölf Stunden von gleicher Länge haben, während diefe jetzt 
nirgends völlig mit einander übereinflimmen. 

LXXUI (ızx21), 4. Deßhalb ift es auch nie auf der 
ganzen Erde zugleich Nacht oder Tag; deun die eine Hälfte - 
der Erdkagel, welche von. der Sonne abgewendet ift, Hat 
Nacht, die andere, welche ihr zugekehrt -ift, Tag. Diele 
Erfahrungen haben Dieß beflätigt.. In Afrika und in 
Hispanien wurden von Hannibal Thürme, und in Affen 
ähnliche Warten wegen des Unfugs der Seeräuber errichtet. 
Wenn man nun auf diefen um die feste Stunde des Tages 
Signalfeuer anzündete, fo machte man oft die Erfahrung, 
daß es von den rüdmärts [nad Dften) zuletzt liegenden 
Thürmen um die dritte Stunde der Nacht *) gefehen wurde. 
3. Philonides, der Läufer, des erwähnten Alexander, madfte 
den zwölfhundert Stadien [30. Meilen) weiten Weg von 
Sicyon [Bafllico) nah Elis [ala] in neun Tagesſtunden; 
von da zurücd kam er aber, obichon der Weg bergab ging, . 
oft erft in der dritten Stunde der Nacht. Die Urfadye liegt. 
darin, daß er anf dem Hinwege mit der Sonne Tief, auf 
dem Rückwege aber an der Sonne, die er ren vor > 


‚”) Das kann wol ber FA feyn, wenn man den Aufent⸗ 
halt, der bei dem Anzũnden der Feuer ſtattfinden mußte, 
in Anſchlag bringt. ' Falfıh aber iſt's, wenn Plinius 
dadurch das Fortrücken. des Tages auf der Erdkugel be⸗ 

weiſen will. Denn ein ſo großer Unterfhieb ber Stunben 

‚hätte nur ftattfinden können, wenn die Testen Thürme 
2000 Meilen von bem erfien entfernt oeweſen waͤren, was 
wohl Niemand glauben wird. 








BR Zweites Buch. 200 
hatte, vorbeilief, und fie in feinem Rüden ues. *) Aus 
derſelben Urſache legen auch die Seefahrer, wenn ſie nach 
BWeſten ſteuern, an den kürzeſten Tag eine größere Strecke 
zurück, als in der längften Nacht, weil fie nämlich immer 
der Sonne folgen. *) 

LXXIV (zu). Auch kann man dieſelben Stunden⸗ 
uhren wicht überall brauchen, da die Sonnenſchaiten ſich mit 
jeden dreihundert oder höchſteus fünfhundert Stadien [724 
ober 12%. M.] ändern, So beträgt der Schatten bes Bei: 
gers, welden man Gnomon nennt, in Aegpypten bei ber 
Tag: und Nacıtgleiche zur Mittagszeit etwas mehr als Die 
halbe Länge des Zeigers. In der Stadt Rom ift der Schatten 
um den neunten Theil des Gnomons kürzer, in Ancona um 
den fünfuubdreißigften Theil größer; *) in dem heile 








x 


») Wieder eine falfche Behauptung. Denn die Uhr Pan ' 
zwifhen Sieyon und Elis, weiche Städte Übrigens nur 18 
Meilen von einander Tiegen, kaum fünf Minuten betragen, 
Nach jeniger Stundeneintheilung hätte Philonides «vergl, 
B. VII, 8. 20,) den Hinweg in zwölf, den Rüdweg in 
fiebzehn Stunden’ gemacht. 
Nicht aus biefer Urfache, fondern weil bie Seeleute des 
Alterthums in der Nacht größere Vorficht anwenden muß⸗ 
ten, und deßhalb langſamer fuhren. 
0°) Nach ber alten Lesart: quinta iricesima. In parte. , da 
KHarbouin’d Verbefierung: quinta. Decima in parte, fid durch 
Richts rechtfertigen läßt. Uebrigens kann ber Schatten zu 
Venedig nicht kürzer ſeyn, als zu Ancona, da es noͤrdlicher 
Uegt, und der Schatten ſich nad ber ‚Entfernung vom 
Acquatop verlängert, U 


€, Plinius Naturgeſch. 28 Boͤchn. 9 


ss 


ws 


240 C. Plinius Naturgeſchichte. 
‚Statiens aber, welchen man Venetia nennt, iſt in denſelben 
Stunden der Schatten dem Gnomon gleich. . 
LXXV (vu). 4. Ebenfo erzählt man, daß in der 
Stadt Spene [Affuan], welche fünftaufend Stadien [125 M.] 
binter Alexandria liegt, die Sonne bei der Gommerwende 
um die Mittagszeit feinen Gchatten werfe, und daß fie dann 
einen B:uunen, den man, um diefe Erſcheinung genauer‘ zır 


beobachten, gegraben habe, ganz erleuchte; woraus erhelle, 


daß alsdann die Sonne gerade im Echeitelpuntte diefes 
Ortes ftehe, was audı, wie OÖneflcritus fchreibt, zu der: 
felben Zeit *) in Indien Über dem Fluſſe Hupans IBeyah] 
der Full ſeyn fol. 2. Man weiß ebenfalls mit Beſtimmt⸗ 
beit, daß zu Berenice [Salaca] , einer ‚Stadt der Troglo⸗ 


dyten, und 4.820 Stadien [120% M.) weiter, zu Ptolemais 


[Kae⸗Ahehas], einem demfelben WBoike gehörenden Orte, 
der an der Küfte des rothen Meeres zum Behufe der, erften 
Elephantenjagden erbaut wurde, dieſelbe Erſcheinung fünf⸗ 
undvierzig Tage vor, und eben ſo viele nach der Sommer⸗ 


ſonnenwende tattfinde, und daß dieſe neunzig Tage hindurdy | 


die Schatten gegen Mittag fallen. *) Auch zu Meroe 


q 





*, Die it wieder eine Unmbglichkeit. Denn die Miinbung 
des Hyvafid legt unter dem 287 N, B.; Syene aber, wo 
diefe Erfcheinuug wirklich ftattfinbet , gerade unter bem 
Wenbebreife des Krebfed (23° 30° RN. 8.) 

°*) Ptolemois lag alſo zwifchen dem Aeguator und bem Wen⸗ 
bekreiſe des Krebſes, ungefähr unter. dem 15 N. B.; fo 
daß es zweimal (am Unfange bed Mai und des Auguſt) 
die Sonne im Zenith, in des Zwifchenzeit die Sonne nörbs 
lich hatte, 


” 





Zweites Bude 211 


Daſchur], der Hauptſtadt des Aetbiopiſchen Volkes, welche 
auf einer Juſel des Fluſſes Nil fünftanſend Stadien [125 M.] 
von Syene liegt, fol zweimal im Jahr Bein. Schatten feyn, 
wenn nämlich die Sonne im achtzehnten Brade des Gtieres 
und im vierzehnten des Löwen *) ftebt. 3. Bei dem Volke 
der Dreten ift ein Berg, Malens genannt, der im Sommer 
feine Schatten nach Süden, im Winter. nach Norden wirft; »e) 
in dieſer Gegend ift auch der große Bär nur fünfzehn. 
Nähte ſichtbar. »*) Fu. demfelben Indien, in tem be 
rühmten Sechafen Patale, T) geht die. Sonne rechts auf, und _ 
tie Schatten fallen nad) Süden. Während des Aufenthalts 
Alerauders daſelbſt bemerkte man, daß der große Bär nur 
mährend des erſten Theiled. +7) der Naht fihtbar war. 





*) Mithin Tag Merve unter 16° 30° N. B., und die Sonne 
. warf einen Schatten am 10. Mai und am 4, Auguſt 
oe) Das Nämliche kann man von allen ſüdlichen Bergen Ins 
diens fafen. Da ferner in Indien mit den Worte „Mas 
leam“ jeder Berg bezeichnet wird, und Oreten nichts Ans 
deres zu heißen fcheint, ald Bergbewohner, fo hat 
wohl Plinius das für bad ganze Land Geltenbe auf einen 

einzelnen Theil deſſelben Übertragen. . 

“m, Der große Bär muß an den von Plinius bezeichneten Or⸗ 
ten, der Lage berfelben gemäß, dad ganze Jahr hindurch 
fihttar ſeyn. 

4) Eine Stadt an einer der Mündungen bed Sim, deren 
Lage wir nicht mehr genau beſtimmen konnen. Jebenfalls 
lag fie aber bieffeitd des. Wenbefreifed , und, bie Gonne 
konnte alfo nicht. rechts aufgehen ; Plinins müßte denn von 

der Gewohnheit ber Aftronomen, bei ihren Beobachtungen 

ſtets das Geficht; nach. Süden zu richten, hier abweichen. ' 

1D äpren ber erften drei Stunden nach Sounenuntergang. 
7% 


212 C. Plinius Naturgeſchichte. 
Deeficritus, Alexanders Admiral, zeichuete auf; daß an allen 
Orten Indiens, wo keine Schatten fehen, aud) der große 


Bär wicht fihtbar fen; daß man dieſe Orte Askia ſſchatten⸗ 
dofe] nenne, und daß man daſelbſt auch Feine Stunden 


‚ LXRVI (1xxiv). Daß in dem ganzen Lande der Troglody⸗ 
ten fder Afrifanifchen Küfte des rothen Meeres] zweimal im 
Jahre die Schatten fünfundvierzig Tage hindurch anf die 
entgegengefeste [rübliche] Seite fallen, Ichrt Eratoſtheues. 

LXXVU (ısıv). 4. Auf diefe Weife kommt es andy, 
daß je nad) der verfchiedenen Dauer des Gonnenlichts der 
längfte Tag in Meroe [Hafchur]. zwölf Aequinoctialſtun⸗ 
den und acht Theile einer Stunde, 9 in. Alerandria wier- 
zehn, in Stalien fünfzehn und in Britannien ſiebzehn 
Stunden hat. Ju dem letzteren Lande find während. des 
Sommers die Nächte heil, wodurd die Annahme, wozu fidy 
Die Vernunft gezwungen flieht, außer allen Zweifel gefebt 
wird, dag nämlich in den Tagen der Sommerwente, wenn 
‚die Sonne dem Pole näher ift, und ihr Licht einen engeren 
Kreis befchreibt, die in dieſem Himmelsſtriche Legenden 
Zander ſechs Monate hindurch fortwährend Zag, dagegen, 
wenn die Sonne fih bis zu ihrer Winterwende entfernt 
hat, eben fo Lang Nacht haben müffen. 2. Daß Diefes 
auch wirklich auf der Infel Ihule, **) weiche ſechs Schiffe: 


2) Die Aıten theilten die Stunden in 12 Theile; 'alfo 12 St. 

40 M. Die‘ Arquinoetialfiunden ſind die jetzt allgemein 
angenommenen. 

J * Wenn man Ahule für Island nimmt ‚fo if bie Ausfäge 


\ 





Zweites Bud, 215 


fagreifen nördlich von Britannien fiegt, ber Sat ſed, 
erzählt Pytheas von Maſſilia [Marfeille]. Manche behanpten 
Diefes fogar ſchon von der Inſel Mona [Anglefea], weiche 
etwa zweimalhunderttaufend Schritte a0 M.] von der 
Britannifchen Stadt Camalduuum [Eoichefter] eutfernt ift. 
„LAXVII (iv), Diefe Lehre won. den Schatten, und 
die Kunſt, welche Gnomonik heißt, erdachte Anaximenes von 
Mile, ein Schüler des Anarimander, von welchem wir 
sben geſprochen haben; *) er zeigte zuerſt zu Lacedämon 
die Stundenuhr, welche man Stiotherikon [Schattenfänger) 
nennt. 
LXXIX (uwvı), 4. Was die Dauer des Tages bes 
trifft, fo beftimmten fie Diefe fo, Andere wieder andere. Die 
Babylonicr rechnen. von einem Sonnenaufgang bis zum an» 
dern; die Uthener von einem Sonnenuntergang bis zum 
andern; die Umbrier **) von Mittag zu Mittag; der große 
Haufen von Morgen bis zum Abend ; bie Römiſchen Prieſter 
und Die, welche den bürgerlichen Tag feſtſetzten, ebenfo bie 
Aegypter und Hippardius von Mitternacht zu Mitternächt: 
2. Daß aber in den befagten Zwiſchenräumen von einem 
Sonnenaufgang zum andern die Abwefenbeit des Tageslicht 
zur Beit der Sommerfonnenwende von fürzerer Dauer ſeyn 
möffe, als zur Zeit der Tag» uud Nachtgleiche, iſt Bar; 





bes Potheas wahr. Daß aber die Alten in ſechs Tagen 
Island von England aus erreichen konnten, möchte nicht 
leicht “ reifen ſeyn. 

"® Kay. 8 + 6.53 ” 

“ Ein Bolt wifchen dem Piſatello, der Nera und dem Ubria- 
tifhen Meere, _ 


[4 


⸗ 


214 C. Plinius Naturgeſchichte. 


deun die Lage des Thierkreiſes iſt nach feiner Mitte [dem 


Yequator] hin fchiefer, *) um die Zeit Der Sommerſonnen⸗ 


wende aber ſenkrechter [über ung]. 
LXXX (Axxviu). 4. Mit dem Gefagten verbinden wir 
jegt diejenigen Erſcheinungen, welche durch die Himmels⸗ 


körper nothwendig hedingt werden. Es wird nämlich Nie⸗ 
mand in Abrede ſtellen, daß die Aethiopier durch die Hitze 
des ihnen nahen Geſtirns [der Sonne] geſchwärzt werden, 


und Verbrannten gleich mit gedränfeltem Bart und Haupt: 


haar auf die Welt kommen, und daß die Völker in dem 


entgegengefegten, eifinen Himmelsſtrich ein weiße Haut und- 


langes, bloudes Haar haben ; daß Diefe wegen der Strenge 


des Klima’s wild, Jene aber wegen der Milde deffeiben ſtumpf⸗ 


ſinnig find; daß felbft die Beine als Beweis unferer Bes 
hauptung dienen können, indem bei den Erfleren, der Natur 


‘der Hitze gemäß, die Säfte nach oben gezogen, bei den Leg: 


teren aber, durch bie abwärts firebende Feuchtigkeit nach 
den unteren Theilen gedrängt werden; daß’ endlich in bier 


— 


ſem [nördlichen] Lande grimmige Beſtien, in jenem aber 


allerlei Thiergeſtalten, und beſonders Vögel, welche in den 

mannigfaltigſten Varigtionen vorkommen, erzeugt werden. 

2. In beiden Himmelsftiichen aber iſt die Leibesgeſtalt der 

Bewohner ſchlank, **) dort durch Die freibende Kraft der 

Hige, bier durch die Nahrung ter hzeuchtigkeit. In der 

— J 
*) Mehr nach Süden geneigt, und entfernter von uns, 


' wi) Daß die Leibesgeftalt unter dem gemaͤßigter Himmels⸗ 
ſtriche am ſchlankſten iſt, möchte jetzt wohl Niemand 


laͤugnen. 


+ 











. zweites Bud, 246 
Mitte der Erde iſt eine heilſame Miſchung aus beiden Ele⸗ 
menten, eine Alles hervorbringende Gegend. Hier hat der 
Körper Mittelgröße und eine angenehme Färbung: die Gitten 
find hier fanft, der Verſtand Par, der Geift fruchtbar und 
fähig zur Erfaſſung der ganzen Natur. Hier beftehen auch 
große Reiche, was nicht Teiche bei jenen, an den beiden Erb: 
enden Wohnenden, der Fall feyn möchte; fo wie auch Diefe 
nie Jenen, von weldhen ſie Tosgeriffen und durd die 
Strenge des auf ihnen laſtenden Klima’s völlig geſchieden 
find, gehorchen werden, | 
‚LXXXI (ixux). 41. Nach der Anſicht der Babylonier 
rühren die Erdbeben, Erdriffe und die anderen Erſcheinungen 
dieſer Art ron dem Einflufſſe der Geſtirne her, und zwar 
jener drei, *) welchen fle aud) die Blitze zuſchreiben. Diefe 
Erſcheinungen follen aber dann eintreffen, wann bie ges. 
nannten Geflirne mit der Sonne gehen, **) oder wann fle 
in einem Aſpect, und hauptſächlich im Geviertſchein find. 
Eine ansuehmende und fat goͤttliche VBorherfehungsgabe 
war, wenn man äherhaupt der Sage Gtauben ſchenken darf, 
dem Naturforſcher Anarimander von Milet eigen. Die Las 
cedämonier follen von ihm voraus gewarnt worden feyn, auf 
ihre Stabt und ihre Häuſer Acht zu haben, weil eim Erd⸗ 
heben bevorfiche ; und wirklich flürgte die ganze Stadt 
iufammen, und ein großes Stück des Berges Taygetus 
[Monte die Marna], welches gleich dem Hintertheile eines 
Schiffes hervorragte, löste ſich los, und fiel much über die 





») Saturn , Zupiter und mare. vl, 8. 18. S. 1 
© In ber Eonjunction, ' ' 


— 


a 


1 


216: C. Plinius Naturgeſchichte. 


Trümmer. 2. Auch Pherechdes, dem Lehrer des Pythago⸗ 
ras, wird eine andere, aber nicht minder göttliche Vor⸗ 


ausſagung zugeſchrieben: er ſoll naͤmlich durch eimen Trunk 


Waſſer aus einem Brunnen ein Erdbeben an dieſem Ort ) 
vorauserkannt und verkündigt haben. Wenn Dieſes wahr 
if, wie wenig müffen dann folhe Männer, fo lange fie 
Leben, von der Gottheit unterfchiehen feyn ? Dody Das mag, 
- dem Ermeſſen eines Jeden anheimgeftellt bleiben. Daß. aber 
die Winde zu ben Urfachen der Erdbeben gehören, halte ich 
für eine unbezweifelbare Sadıe. 3. Denn die Erde erzittert 
‚ uur dann,“ wann Dad Meer völlig ftilt und die Atmofphäre 
fo rubig it, daß die Vögel, aus Mangel aller ſtützenden 
Luft, nicht mehr von ihren Schwingen getragen, werden; 
und nur.dann, wann nach einem Sturme ſich der Wind in 
die Adern und verborgenen Höhlen der Erde verftedt. *% 
Das Beben der Erde entſteht auf dieſelbe Weiſe, wie in 
den Wolfen der Donner, und die Erde wird eben fo zers 
ziffen, wie die Wolke, aus welder der Blitz hervorbricht, 
indem die eingefchloffene Luft ankämpft, und fich in Freiheit 
zu ſetzen ſtrebt. °) 


9). Bu Samos (Sufam:Abafl). 

* Noch jetzt nimmt man gewöhnlich an, daß Luft oder Dämpfe, 
die in unterirdiſchen Höhlen eingeſchloſſen find, bei ihrer 
Ausdehnung burh Hitze, und ben dadurch verurſachten 
Bewegungen. und — *2 — den- größten Antheil an ber . 
KHervorbringung ber Erbbeben haben. Andere fchreiben fie 
dem gefiörten Gleichgewichte ber: Gtectrieität, wieder An⸗ 
en der plötzlichen Weränderung ber Schwere in einer 

end. zu. 

er), ats. hätte, hier wohl Recht, wenn das aufgehoben 


x 








, Zweites Buch. 2247. 

LXXXII (ir), 4. Die Erdbeben außer ſich auf ver⸗ 
ſchiedene Weiſe, und find oft von wunderbaren Widkungen 
begleitet. Hier ftürzen Mauern ein, eder werden von einen 
"tiefen Abgrund verfhlungen; dort werden ganze Erbmaflen 
susgeworfen; hier brechen Flüſſe hervor, mandmal aud) 
Fenerſtröme oder warme Quellen; dort bekommt deu. Lauf 
der Slüffe eine, andere Richtung. Ein ſchreckliches Getöſe 
oder ein dDunipfed Gemurmel geht ihnen voraus, und begleitet 
fie: bald zleicht diefes einem Gebrüll, batd menſchlichem Ge⸗ 
jammer, bald dem Schall aneinandergefchlageuer Waffen, je 
nad) der Eigenſchaft des Stoffes, auf welchen ed ſtößt, und 
der Geſtalt der Höhlen .oder Minen, durch welche es führt; 
ed it grell, wenn es durch enge, Dumpf, wenn es burd) 
winfelige, wiederhallend, wenn es durch trockene, braufend, 
wenn es durch feuchte, wogend, wenn es durch “umpfige 
Räume, und heulend, wenn es gegen fefle Körper tost. Oft 
hört man jedoch auch einen folhen Lärm, ohne dag ein 
Erdbeben erfolgt. 2. Die Erbe erhält aber nie einen ein⸗ 
fachen Stoß, fondern zittert und ſchaukelt. Bald bieibt bes 
entftandene Schlund, und zeigt, Was er verfchlungen hat; 
bald fchließt er den Rachen, und verbirgt den Raub: eine 
frifche Erddecke zieht ſich fo dicht darüber hin, daß auch 
nicht die geringſte Spur von ben verfchlungenen Städten 
und ben verfuntenen Feldſtrecken übrig. bleibt, Die Küs 
ftenländer find am meiften deu Erdbeben unterworfen; doch 
find audy die Berggegenden von biefem fuͤrchterlichen Uebel 





Gleichgewicht der Electrieitũt die Urſache ber Erdbeben 
wäre. 


28 €. Plinius Naturgeſchichte. 


nicht befreit, und ic) weiß felbit mit Gewißheif,, daß: bie 
Alpen und die Apenninen ſchon öfter erſchüttert wurden. 
Wie die Blitze, fo And auch die Erdbeben im Serbfte und . 


im Brüpjahr am hänfigften. 3. Gallien und Aegypten fpü- - 


ren fie deßhalb am feltenften.. weil ſie bier die. große Hitze, 
dort Die firenge Kälte verhindert. Bei Nacht find fie häu- 
figer, als am Tag, am ſtärkſten des Mosgend und am 
Abend; am gewöhnlichen aber zeigen fie fi Eurz vor 
Tagesaubruch und während des Tages um die Mittagezeit. 


Auch finden fie bei Sonnen» und Mondfinfterniffen ſtatt, ) 


weil. dann Die Winde ruhen, befonders aber, wenn auf 
Plapregen große Hige, oder auf große Hitze Plagregen folgt. 
LXXXII (isıu). 4. Auch die Seeleute fpüren das 


Eröbeben durd, ein untrügliched Zeichen, wenn nämlich die . 


Bogen ohne Sturm ploͤtzlich anfchwellen, oder wenn ein 
Stoß das Schiff erſchüttert. Auf den Schiffen zittert alles 
Geräth eben fo, wie in den Hänfern, und verräch das Er⸗ 
eigniß durch fleted Gekrach. Auch Die Vögel bleiben ruhig 
und furchtſam ſitzen. 2. Am Himmel ift- ebenfalls ein’ Zeis 
hen bemerklich, welthes dem nahen Erdbeben voraufgeht, 
nämlich ein larger, fich gleich einer ſchmalen Linie hinzie⸗ 
hender Wolkenftreif, der fih entweder bei Tag, oder kurz 
nach Sonnenuntergang bei völlig hellem Wetter zeigt. 


Auch ift in den Brunnen das Waſſer trüber, und nicht ohne 


widerlihen Geruch. *°) 





! 


*) Die Erfahrung wiberlegt dieſe Anficht. 


**) Sichere Merkwale eines bevorſtehenden Erdbebens hat man ‘ 


eigentlich keine. 





"Zweites Bud. MI. 


"LXXXIV (isn), '4. Das beſte Schutzmittel gegen 
Erdbeben find eben dieſe Brunnen, fo wie zahlreiche Höhlen; 
denn fie flrömen den anfgefangenen Wind aus.) Man 
kann Dieb am beiten an manchen Gtäbten fehen, die Bei 
weitem feltener erfchüftert werden, weil fle durch zahlreiche 
Abzugtandie unterminirt ud. In eben diefen Städten Aub 
die Stellen, welche auf Gewölben ftehen, bei weitem: fidhe: 
rer, wie man an Neapel in Italien deutlihh wahrnehmen 
Bann ; denn gerade der Stadttheil, welcher auf feſtem Boden 
ruht, iſt am meiſten ſolchen Zufällen unterworfen. Die 
fiherften Plätze find aber‘ die Gewölde der Häuſer und 
die Winkel der Wände, weil da die Kraft des Stoßes 
durch den Begenftoß aufgehoben wird; auch Mauern aus 
Backſteinen leiden weniger Gchaden. 2. Einen großen 
Unterſchied macht and die Art des Erdbebens ſelbſt; denn 
die Erſchütterungen änßern ſich auf verſchiedene Weiſe. 
Am wenigſten hat man zu befürchten, wenn die Erde eine 
ſchaukelnde Bewegung annimmt und die Gebäude krachend 
bin⸗ und herwanken, oder wenn fie ſich bei einem Stoße 
erhebt und aufſchwillt, und ſich bei dem andern wieder ſenkt; 
eben ſoͤ ruhig kann man ſeyn, wenn die Häufer durch zwei 
entgegengelegte Stöße, wie Sturmböde, jufammenprallen: 
denn der.eine Stoß bricht die Gewalt des andern. 3. Große 
Gefahr aber ift vorhanden, wenn die Erbe ſich wellenförmig 





0) Die Urſache der Erdbeben. Bann auch tieſer Niegen: mit⸗ 
bin iſt dieſes Schutzmittel unzureichend. Niedrige, leicht 
gebaute Haͤufer gewähren an Stellen , die häufigen Erder⸗ 
fhhtterungen unterworfen fi find, die mie Sicherheit. 


Pd 


220: €. Plinius Raturgeſchichte. 


biegt, und faft wie eine Woge ſich wälzst, oder wenn ber 
Stoß mit ganzer Kraft nach einer Geite hin wirkt, Die 
Erſchütterungen nehmen gewöhnlich ein Ende, wenn fidy 
der Wind erhebt. "Sören fie aber dann: nidyt auf, fo währen 
fie noch vierzig Tage, und oft auch länger fort; wie benn 
manche ein ganzes Fahr und ‚fogar zwei Jahre gebanert 
baben. 
LXXXV (rsxuum). 14. Einmal ereignete fih auch, wie 
ich in den Büchern über die Etruscifche Lehre las, ein un- 
gebeures Erdwunder in dem Gebiete von Mutina [Modena], 
unter dem Eonfulate des. 2. Marius und.des Sextus Julius 
[94 vor Epr.]. Es waren nämlidy zwei Berge mit einander 
im Kampf begriffen: ſie ſſürzten mit furchfbarem Getöfe 
gegen einander, und wichen wieder zurück, während zwifchen 
ihnen Flammen und Raud zum Himmel aufwirbeifen. Es 
geſchah Dieb am hellen Tage, und eine- große Menge Roͤmi⸗ 
ſcher Ritter, Dieherfchaft und Wanderer faben von der Ae⸗ 
milifhen Straße *) ber zu. 2. Durch dieſes Zuſammen⸗ 


ſtoßen wurden alle Landhäufer zermalmt, und fehr viele’ 


Tpiere, welche fi darin befanden, kamen um. Das Uns 
glückliche Ereigniß fällt gerade in das lebte Jahr vor dem 
Kriege mit den Bundesgenofien, welcher, wenn mic, nicht 


Alles trügt, für ganz Italien bei weitem ärgere Bolgen 


hatte, ?*) als die Bürgerfriege. Ein nicht minder erſtaun⸗ 





*, Diefe von dem Conſul M. Aemilius Lepidus im 9. 187 

vor Chr. angelegte Straße führte von Rimini nach Mai: 

land, und von ba auf einem großen Umwege nach Yauileja. 
*.) gl. Storus B. III. 8. 18, 





Zweite Bud. - 224 


liches Wunder ſah unfere Seit im leßzten Regierungsjahre 
des SKaiferd Nero [68 nad Chr.], wie wir in deffen Ge⸗ 
schichte erzählt haben: °) es vertanfchten nämlid in dem 
Maruciniſchen Gebiete, *) auf den Landuütern bes Römi- 
ſchen Ritters Vectius ‚Marcellus , des Sachwalters Nero’s, 


Wieſen nnd Delgärten, zwiſchen welchen die Landſtraße hin- 


308 „ wechfelfeitig ihre Lage. 

LXXXVI (iv). 4. Mit den Erdbeben find auch 
Ueberfchhwennmungen des Meeres verbunden, wenn dieſes 
namlich durch denfelben Wind anſchwillt, und in-die Bucht 
der fidh ſenkenden Erde einſtrömt. Das ſtärkſte Erdbeben 
feit Menfchen Gedenken ereignete fich unter der Regieruug 
Des Kaifers Tiberius [17 nad) Ehr.], und ed wurden durch 
daſſelbe in einer Nacht zwölf Städte Aflend zertrümmert. ***) 
Die haͤufigſten Erderfchätterungen fpürte man zur Zeit des 
[sweiten] Punifchen Kriege, und man erhielt in einem und 
Demfelben Fahr von nicht weniger ald fiebennudfünfzig zu 
Rom Nachricht. Weber die Karthager, noch die Römer, 
welche ſich in bemfelben Jahre, [217 vor Ehr.] an dem See 
Traſimenus [Lago di Perugia] ein Treffen lieferten, bes 
merkten das fürdhkerlidye Erdbeben. 2. Nie kommt aber 
Died Uebel allein, und die Gefahr befteht . nicht blos in dem 
Erdbeben ſelbſt, ſondern Diefed bedeutet auch ein gleich 
großes, ‚oder ein nod) größeres Unglück. Die Stadt Rom 


*) Mol. die Einleitung über die Schriften des Plinius. 
29 Am Fluſſe Pescara, in der Gegend von Epieti. 2 
”.., Dal. Tacitus Annalen, B. U. K. 47. 





222. €. Plinius Raturgefcichte. 
wurde nie erfgättert, ohne daß dadurch irgegb ein autünfe 
tiges Ereigniß angezeigt worden wäre. 

LXXXVII (ASxxv). 4. Die Erdbeben find auch die 
Urfache neuentſtehender Landſtücke, wenn nämlich ber .er: 
..wähnte Wind wohl Eräftig genug ift, den Erdboden zu. er- 
heben, aber nicht Durdhgubrechen vermag. Es entſteht alfo 





nicht nur Land durch die Anſchwemmung der Klüffe,: wie -- 


die Echinaͤdiſchen Infeln [Curzolari] , welche der. Fluß Ache⸗ 
lous [Aspropotamo] bildete, und der größte, vom Nil ge⸗ 
fchaffene Theil Aegyptens, deſſen Küfte, wenn man dem 
Homer *) glaubf, von der Infel Pharus [Pharillon] eine 
Tag⸗-⸗ und Nachtreife entfernt wars fondern and durch 
den Rücktritt ded Meeres, wie derſelbe Dichter *% von 
den Eirceifhen Inſeln [Borgebirg Eircello] behauptet. 
2. Eben fo foll, wie man angibt, das Meer in dem Dafen 
-von Ambracia [Arte] einen Raum von zehntanfend Schritten 
[2 M.J, und an dem Atheniſchen Hafen Piräeus einen-Raum 
von Fünftanfend Schritten [1. M.] angeſetzt haben;- zu Ephe⸗ 
ſus [Ajaſaluk] befpülte es einft den Tempel der Diane. 
Wollen wir einer Nachricht des Herodot **) Glauben 
fhenten, fo: reichte ehmald dad Meer oberhalb Memphis 
[Minieh) von den Etenen Arabiens, bie zu den Aethiopi⸗ 

fhhen Bergen; aud) war Meer um Ilium [Bunarbafchil 





*) Obyſſ. IV, 354-356. Diefe Anfhwenmung mag jedoch 
nieht fo bedeutend geweſen ſeyn. 
*r) Odyſſ. X, 194. foll gemeint ſeyn. Plinius Hat aber dan 
diefe' Stelle mißverſianden. Vol. B. III. K. o. 5. 6. 
911, $. 10, 


. 
\ 











- Zweites Bud) 223 


und in ge; Zeuthranien, *) we der Maander [Bojuk 
Minder] das Land augeſchwemmt haben mag. 

- LXXXVIU (ıxsıyı). 4. Auch auf andere Weiſe ent: 
fieht-Land, und taucht unvermuthet aus irgend einem Meere 
hervor, gleichfam als woße die Natur ſich ſelbſt nichts 
fyuldig_bieiben, und was an einer Stelle ein Erdſchlund 
° verfchlang. an einer andern wieder erſetzen. 

LXXXIX (Xxvm). 4. Auf diefe Weife follen nad) 
®yer Ueberlieferung die: Tängft berühmten Inſeln Delos 
[Delo] und Rhodos entſtanden ſeyn; fpäter noch meh: 
rere kleinere, Anaphe [Nanſi] hinter Melos (Milo), Nea 
- [Naiofratil, zwiſchen Lemnus (Stalimene] und dem Helles⸗ 
pont ſMeerenge der Darbanellen], Halone [Alone] zwiſchen 
Lebedus Lebedißzi Hiſſar) und Teos IPuſor), Thera [San⸗ 
forin] und Theraſia [Asproniſi]), zwiſchen den Cycladen, im 
vierten Jahr der 135ften Olhmpiade [237 vor Chr.), zwi⸗ 
ſchen denfelben, 430 Jahre fpäter, Hiera (die große Kams 
meni], weiche auch Automate Fdie von ſelbſt entflandene] 
heißt, and zwei Stadien [!/ Grunde) von diefer, 110 Jahre 
fpäter , zu unferer Seit, nämlich unter tem Eonfülat des 
M. Junius Silanus und des L. Balbus [19 nach ehr.) am 
8. Juli, 29a [die Meine. Kammeni). W | 





, Ein Pleines Land in Myfien, am Fluß Baicus (Girmafti). 
"m, 0 müßten alfo zwiſchen der Entſtehun; ven Hiera ‚und 
‘ver von Thia nicht 110, fondern 125%. liegen. Die 
Zahlen fcheinen Gberhaupt in biefem Kapitel fehr verborben 

zu ſeyn; denn auch Thera iſt viel aiter, als Plinius | 
angibt. ' 


2% - ...E. Plinius Naturgeſchichte. 


(esxıvı,) 2, Bor unferer.-Zeit tauchte and) dicht an 


Italien eine Der Aedliſchen [Lipariſchen) Inſeln "aus dem 
Meere hervor; eben fo eine dicht un Creta, welche 2,500 
Schritte [1 M.] groß war, und auf der ſich warme Quellen 
befanden. ine andere Sam im dritten Fahre der 163ſten 
 Dlpmpiade [126 vor Ehr.] im Tusciſchen [Xoscanifchen) 
Meerbufen zum Vorſchein, und brannte bei heftigem Winde, 
Man erzählt, daß eine Menge Fiſche um fie herumgeſchwom⸗ 
men, und daß Alle, verce von dieſen gegeſſen, augenblick 
lich geſtorben ſeyen. So ſollen auch die Pithecuſen 
IIſchia) in dem — [Neapolitaniſchen] Merbuſen 


entſtanden, and bald darauf der auf ihnen gelegene Berg’ 


Epopon, nachdem plötzlich Flammen - aus ihm hervordras 
hen, der Ebene völlig gleich geworden feyn. Auf: derfeiben 
Inſel fol eine Stadt dom Meer verfchlungen,, und bei ei 
nem anderen Erdbeben ein Sumpf enfftanden feyn: bei 
einem dritten foll ſich die Inſel Prochyta ſProcida] aus zu⸗ 
fammengeflärgten und in das Meer gewälzten Bergen geil: 
det heben. 

Denn auch auf diefe Weife hat die Natur Infefn 
gebiet So riß fie Gicilien von Ftalien, Cypern von Sp: 
rien , Enbda [Negroponte} von Böotiem [Xivadien}, Atalante 


[Zalanda] und Maͤcris [Elena] von Enbba, Besbycus [Ras -- 


lolhymunoe] von Bithynien (Sandſchak Bigha] und Lencoſia 
[Piana] vom Vorgebirg der Sirenen lLicoſo] los. 

XCI (AXxXIxc) Umgekehrt hat ſie dem Meere gInſeln 
entzogen und mit dem feſten Lande verbunden: fo Antiſſa 
mit Lesbus [Metelino], Zephyrium '[Zefre) mit Halicar⸗ 
nafſſus Bodru], Aethuſa mit Myndus [Menteſche] Dromiscus 


0 Ziveites Bud). 2285 
und Perne mit Miletus [Palatſchia]), Narthecuſa mit dem 
Vorgebirg Parthenium [Eski⸗Burun]. Hybanda *) in Io: 
nien, einſt eine Inſel, iſt nu zweihundert Stadien [5 M.] 
vom Meere entfernt, Epheſus (Ajaſaluk] hat jegt Sprie 
mitsen in feinem Gebiet, und das ihm nahegelegene Mag: 
nefia [Guzelhifſar] die Derafiden und Sophonia mitfen in 
dem feinigen, . Auch Epidaurus FRagufl veedhio] and Dricum 
LOrfo] Haben aufgehört, Infeln zu fegn. 

XCII (zo). Auch entzog fie und ganze Ränder , haupt: 
fächlidy aber basienige, weiches, wenn man dem Plato **) 
glaubt, deu ungeheuren Raum, , wo fi jebt der Atlantiſche 
Ocean befiidet, einnahm. Im mittelländischen Meer wur: 
den, wie wir jept noch fehen, Acarnanien durch den Ambra⸗ 
ciſchen Meerbufen [Golf von Arta], Achaia durch den Co⸗ 
rinthiſchen IGolf von Lepanto], Europa und Aſien durch 
die Propontis [Mar di Marmora] und Pontus ſdas 
ſchwarze Meer] zum Theil unter Waſſer geſetzt anch durch⸗ 
‚brach das Meer Leucas ISanta Maura)], Antirrhium [Ea- 
ſtello di Romelia], den Hellespont [Dardanellenftraße) und 
die beiden Bosporen [Meerengen von Konftantingpel und 
von Caffa]. 
XCH (xcı). Doch warum länger von deu Meerbufen 
uud Landfeen reden? Die Erde verzehrt ſich ja ſelbſt. So 





) Die Lage dieſes Ortes, fo wie der anderen mit dem fefien 
Laube vereinigten Pläge, bei welchen bie neuere Benennung 
nicht beigefegt iſt, wurde bis jeut noch nicht ausgemittelt. 

‚”, Im Zimäus, ©, 25. Die vielbefprochene Infel Atlantis, 

€, Plinins Naturgeſch. 28 Bin, "8 


® 


236 C. Plinius Naturgeſchichte. 

verſchlang fie den ſehr hohen Berg Cybotus mit der Stadt 
Curite, den Sipylus in Magnefla Lin Kleinaſien] und früher 
in derfelben Gegend die weltberühmte Stadt, welche Tan⸗ 
talis hieß; in Phönizien die Städte Galanis und Ga⸗ 
male, ſammt ihren Feldern; in Aethiopien den Phegius, 
den höchſten Bergrücken im Lande, als wenn die truͤgeriſchen 
Küſten nicht ſchon genug Schaden anrichteten. 

XCIV (xcu). Am Maͤotis [Azow’fchen Meer] verſchlang 
das Meer Pyrrha und Antiffe, im Corinthiſchen Meerbuſen 
Eiice und Bura, ‚deren Spuren noch in ber Tiefe bemerkbar 
find ; von der Inſel Cea [3ia] riß es ein Stüd ‚von mehr 
als dreißigtaufend Schritten [6 M.] los, und verfchlang ee 
mit den meiften Bewohnern; eben fo in Sicilien die Hälfte 
der Stadt Zyndaris [Tindare], und was an Italien fehlt, I 
und in Böotien [Livadial @feufis. 

XCV (sc). A. Uber fchweigen wir jeßt von den Erd⸗ 
beben und vndern Zerſtörungen, die doch wenigſtens die 
Schutthaufen der Städte übrig laſſen, »e) und ſprechen wir 
jest lieber von den Wundern der Erde, al® von den Gräueln 
der Natur. Aber, beim Herkules, Die Darftellung ber . 
himmliſchen Erfheinungen möchte nicht ſchwieriger geweſen 
feyn [ats die. dieſer Wunder if]. 2. Man betrachte den fo 
mannigfaltigen, fo reichen, fo unerfchöpflichen Worrath von 
Metallen, der ſich ſchon feit fo vielen Jahrhunderten immer 
wieder erneuert, obfhon auf der ganzen Erde täglich fo viel 


“ 


*) Der Raum zwifchen Italien und Siellien. 
“+ Was bei den Berheerungen durch das Meer nicht der 
Fall iſt. 





J 3 Zweites Buch. 227 


durch Feuer, Berwüſtung⸗ , Schiffbruch, Krieg und Betrug 
zexſtört, fo viel durch die Leppigkeit und den Gebrauch uns 
zuhliger Menfchen verborben wird ; bie unendlich verfchier 
dene Seichnung der Edelſteine, die vielfarbigen Flecken an⸗ 
derer Steine, und unter dieſen beſonders einen, welcher, 
das Licht ausgenommen, Alles an Glanz übertrifft; *) 
Die Kraft der Heilquellen; die an fo vielen Orten her: 
vorbrechenden, und fdyon ſo viele Jahrhunderte hindurch 
ſortlodernden Flammen; die tödtlichen Dünfte, die ents 
weder aus Gruben hervorſteigen, oder Durch die Lage des 
Drted erzeugt werden, die hier nur den Vögeln, wie zu 
Sorarte [Monte S. Oreſte], in einer nicht weit von der 
Stadt. [Rom] entfernten Gegend, dort, den Menfchen 
ausgenommen, allen Thieren, manchmal aber, audy dem 
Menfchen, wie in dent Siuneffanifhen und Puteolaniſchen 
Gebiete [zu Mondragone und Puzzuoli], den Tod bringen. **) 
Manche henhen dieſe Duyſthoͤhlen auch Charoniſche ***) 
Gruben, weil ſie einen tödtlichen Qualm aushauchen. 3. So 
iR and) im Hirpiniſchen zu Amſanctus [Mufiti] bei dem 
. Tempel-ber Mephitis, v ein Bits den Niemand beireten 





pe 


*) Bol. 8: XXXVI. 8, 46. « 
”*) Man kennt jegt an den Gereichneten: Orten Eeine Höhlen, 
aus denen ein tödtlicher Dunft auffteigt; wohl aber an anz 
> bern Plägen, wie bei Neapel die berfichtigte . Hundobebie 
(Grotta ” del cane).. 
**). Bon Charon, dem. Fährmann in der Unterwelt, 
H Der Göttia ber verborbenen Lufl. Man weiß in ber be 
— zeichneten Gegend jet. nichts mehr von einer foren Stelle. 
8 


= 


228. €. Plinius Naturgeſchichte. 
kaun, ohne fogleich zu ſterben; eine ähnliche Stelle ift zu 


Hierapolid [Bambuk-Katefi], die nur dem Priefler der gro⸗ 


Gen Mutter *) unſchädlich iſt; anderwärts gibt ed wahrfa« 
gende Höhlen, in denen die Menschen, von der Ausdünſtung 
trunfen, die Zukunft vorausverfünden, wie zu Deipbi 
[Kaftri] das weltberühmte Drake. Welcher Sterbliche 
könnte wohl für alle diefe Dinge eine andere Urſache anger 


ben, als die Gottheit der alles burchdringenden Natur, 


welche ſich hier ſo, und dort anders offenbart? 
XCVI (acıv), 1. Einige Gegenden zittern, wenn man 
darüber hingebt; **) fo bewegt ſich im Gebiete der Gabler 


[Campo Gabio] ein Stüd von beinahe 200 Morgen, wenn 


man darauf reitet. Daſſelbe bemerkt man im Reatinifchen 
[dei Rieti]. | 

(scv,) 2. Einige Infeln (hwimmen immer bin und her, 
and man findet deren in dem Gebiete von Cäcpbum- [Caſtro ves 
tere], Reate [Rietil, Mutina [Modena] und Statonia [Scan 
kino]. Auf dem See Vadimon [Lago di Baflano) und auf 
den Cutiliſchen Gewäflern [Cotila] ift ein. Dunkler Wald, 
den man weber bei Zag, noch bei Nacht am derſelben Stelle 
fieht.*") In Lydien [Sandihat Szarukhan] findet man 
die fogenannten Ealaminiſchen Inſeln, 7) welche nicht une 
9% Der Gbttin Eybele. Die Prieſter verbreiteten vielleicht 


ſelbſt diefe ihnen einfrägliche Meinung. 
m Dieb iſt befonders bei Moorgruͤnden ber Fall, 


”s, Mon diefen Naturmerkwärbigkeiten findet man jetzt keine 


Spur mehr. Doc darf ihr früheres Dafeyn nicht in Abs 
rede gefkellt werden. Leber den See Vadimon vergleiche 
man des jüngeren Plinius Briefe, VIII, 20, 

) Ihre Stelle IE nicht mehr zu ermitteln, 


D 








Zweites Buß, x 299 


durch den Wind, föndern auch durch Stangen, wohln man 
wit, fortgeRoßen werden Fönnen, und auf welchen viele 
Bürger in dem -Mithridatifhen Kriege *) ihre Rettung 
fanden. 3. Auch auf dem Fluß Nymphäus Tla Nimpaj 
befinden fih Beine Infeln, welche Zanzinfeln heißen; weil 
fie ſich Heim Bortrage eines Muſikſtückes nach ben Teitten 
Der takthaltenden Füße bewegen. Auf dem Tarquiniſchen 
See [Lago Bi Bracciano], einem der bedentendften. Italiens, 
treiben zwei mit Wald bewachſene Inſeln herum, welche, 
je nachdem ber Wind anf fie einwirkt, bald ein Dreieck, 
bald einen Kreis, nie aber ein Viereck bilden. **) 

XEVvIl (zer). Paphos TPaffa] hat einen berühmten 
Tempel der Venus, und in diefem einen Altar, auf wilden 
es nie regnet; eben fo regnet ed nicht zu Nea [Fenifcheer], 
einer Stadt in Troas [Sandihat Bigha], um die Bild: 
ſanle der Mineiba herum; an derſelben Stelle faulen auch 
Die Ueberbleibſel der Opferthiere nicht. * *) 

XCVIII. tr. Bei Harpaſa Arpas⸗Kaleſi], einer Stadt 
‚An After, ſteht ein ungeheurer Wels, der ſich 'mit_ einem 
Singer bewegen läßt, aber dem Drude des ganzen 
Körpers widerftehf. +) Auf der SHalbinfel ber Taurier 


9) Wahrfcheinlich zu der Zeit, als Mithribates alle in feinem 
Relthe befinblichen Römer zu tödten befahl (88 vor Chr.) 
7e) Mer möchte jest beftimmen , ‚in wie weit diefe Merkwür⸗ 
digPeiten wirklich Glanben verdienen ? 

— Dieß iſt an Orten, wo die beiden Haupturſachen der 
Faͤulniß, Hitze und Naͤſſe, entfernt find, möglich. Daß 
aber geradl ein ganz. kleiner Erdileck vom Regen verſchont 
bleiben könne, möchte noch gu erweiſen ſeyn. 

T) Ein. großer Felſen Könnte wohl durch einen Singer bewegt 


, 


250° C. Plinjus Naturgefchichte. . 

[Krim], in der Stabt Paraſinus, ) findet ſich eine Erbe, 

"Die ade Wunden heilt. ** Bei Aſſos [Bagtſche Ri] in 

Troas wächst ein Stein, der -alle Körper verzehrt, und 

Sarcophagns [Sleiſchfreſſer] heißt. **") An dem Biufe‘ 

Indus [Sind] befinden ſich zwei Berge, von benen der eine 

die Eigenſchaft hat, daß er alles Eifen- anzieht; der andere 

aber die, daß. er es abftößt. 4) Wer 'alſo die Schuhſohlen 
mit Nägeln befchlagen bat, kann auf ben einen die Süße 
nicht weiter dringen, und auf dem andern: nicht feſtſtellen. 

3. In Locri [bei Bruzzano] und Eroton [Cotrone] herrichte, 

wie man ausdrücklich anfgezeichnet hat, nie die. Pefl, auch 

fpürte man‘ dafelbft nie ein Erdbeben; in Lyeien [(Sandſchak 

Tekke] folgen jedesmal auf ein Erdbeben ‘ao heitere Tage, 

In dem Gebiete von Arpi [Arpino] geht das gefücte Ges 

treide nicht auf. Bei den Mucifchen Altären TH im Bei 

fchen [bei Oſteria del Foffo], bei Tusculum [Brascati] und in 
werden, wenn er in vollkommenem Gleichgewicht auf einer 
ſchmalen Unterlage ruht. Dieß kann jedoch nunteinmeal 
ſeyn; denn wenn er aus dem Gleichgewichte gebracht‘ ist, 
wird er unbeweglich bleiben. ' 

*), Vielleicht ein Schreibfehler, ſtatt Characene, Charax Alupkqh. 

**) Alſo eines ber vielen Univerſalmittel. 

©, Wahrſcheinlich Alaunſchiefer, Alumen schisti, Linn. 

+) Daß magnethaltige Berge bas Eiſen anziehen, ift bekaunt. 
Von Bergen aber, bie das Eifen abfiopen, weiß man bis 
jeut Nichts, 

TH Ad aras Mucias, Andere lefen ad aras Murtias. lieber 
keine biefer beiden Lesarten weiß man eine nähere Erläu= 
terung zu geben. Hardouin meint dieſe Altaͤre fenen zur 
Ehre des Mucius SeAvolg errichtet worben. 


” v 
N . 














Zweites Buch, 231 


dem Cimitifgen Walde Monte Fogliand] aibt es Gtellen, 
wo, was men in die Erde fledt, nicht mehr herausgegogen 
werben kann. Das Den, weiches auf dem Gruftuminifchen 
Seide [Monte Rotondo] wächst, if daſelbſt ſchädlich, aus⸗ 
waärts aber gefund. *) 

r ACX (xcvn). 4. Auch über die Eigenſchaft des Waſſers 
haben wir ſchon mancherlei geſagt; das Wunderbarſte bleibt 
aber, daß die Meeresfluth anſchwillt und wieder zurücktritt, 
und zwar auf mehrfache Weiſe. Urſache davon ſind die Sonne 
und der Mond. Zwiſchen zwei Mondaufgängen, alſo jedes; 
mal in vierundzwanzig Stunden, **) ſchwillt die Fluth 
zweimal an und tritt zweimal zurüd; und zwar Täuft fie 
zuerſt an, wenn das Himmelsgewölbe mit dem Monde aufs - 
fleigt, ***) und fällt, wenn biefer fich von. dem. Mittags⸗ 
punkte [von dem Meridian über dem Horizonte] nad) feinem 
Untergange hinneigt: zum. zweitenmal fteigt die Fluth, 
wenn der Mond nad) feinem Untergange an dem unterften 
heil des Himmels die Stelle, welche dem Mittagspunßte 
gerade gegenüber liegt [deu Meridian unter dem Horizonte), 
erreicht bat, und verläuft fi von da an wieter bie zum 
nachſten Aufgang des. Mondes. 2. Die Sluth erfcheine nie - 
um diefelbe Zeit, wie am Tage vorher, da zer Mond, dem 


- 9, Dasß Plinius in diefem Kapitel mancherlei Unfinn zufams 
menreiht, braucht‘ wohl nicht erſt bemerkt zu werden. 

”*) Genau ‚genommen in 24 St. 48° 44” 1, Denn baß 
Waſſer fällt und ſteigt immer 6 Stunden lang, und ruht 
zwiſchen jedem Fallen und Steigen etwa 12 Minuten, 

, Man vergeffe nicht, daß ſich nach der Anfiht ber Alten ber 
Himmel mit allen Planeten und Sternen um die Erde dreht. 


—8 
R 


22. € Diinins Naturgeihichtee 


fie bienftbar iſt, ) -und der das Meer mit gitrigem Bugean 
fich reißt, flets an einer anderen Stelle aufgeht, als am 
Tage vorher. Sie Fahrt jedoch in gleihen Zwiſchenräumen 
zurüd, nämlich jedesmal nad ſechs Stunden, woörunter 
man jedoch Feine beliebigen Zages:, Nacht⸗ oder Dress. 
ſtunden, ſondern Aequinsctialſtunden *9 zu verfichen hat; 
Denn rechnet man nad) den gewöhnlichen Standen, fo trifft 
bie Fluth nicht regelmäßig ein, fondern bleibt Lje nach ber 
Jahreszeit] entweder‘ bei Tag oder bei Nacht länger aus, 
und ift. nur zur Zeit des Aequinoectiums allenthalben gleich. 
5. Alles Dieb ift ein fchlagender Beweis, der fo Flar ik. 
wie die Sonne, und uns täglich zuruft, Daß alle Die thü 
richt fegen, welche nicht glauben wollen, daß die Geſtirne 
aud) unter dem Horizonte. hinwandeln, und dann wieder 
aufgehen; daß mithin die Erde, ja bie ganze Natur auf 
der andern Seite die nämliche, Beftalt habe, und daß ber 
Auf⸗ und Untergang. ber Geſtirne gerade fa vor ſich gehe, 
wie bei und: denn der Mond bat ja offenbar unser ber 
Erde keinen andern Lauf und Peine änbere Wirkung, ats 
wenn er vor uufern Augen hineilt, 
a. Einen mannigfachen Einfluß äußert. auch ber Mond 
wechſel/ und zwar hauptſächlich von fleben zu fleben Tagen; 
denn die Fluth ift mäßig vom Neumonde an bis zum erfien 
Biertel: von da fchwillt fie flärker an, und fleigt am höd- 
fien bei dem‘ Vollmonde; dann wird fle wieder ſchwaͤcher 
und ſteigt bie zum flebenten Tage nicht höher, als na 





: ») Die Ueberfegung folgt ber retart: ut aneillantes sideri 4 
**) Mol, Kay. 19. 








Zweites. Buch. 233 


zum BReumonde; im lebten Viertel wirb fie wieher flärker, 
nnd erreicht bei ber Eonjunetion des Mondes mit der Sonne 

dieſelbe Höhe, wie bei dem Bollmonde. Schwächer ift auch 
die Sluth, wenn der Mond im Norden ficht, und atfe 
weiter non der Erde entfernt it, ”) als wenn er nah Sü⸗ 
den hinläuft, und durch feine größere Nähe einen flärkeren 
Einfuß äußert. 5: Nach jedesmal acht Fahren oder nach 
hundert Mondumläufen kehrt Die Fluch wieder zu ihrer alten 
Drdnung und zu gleichem Wachstum zurück. Einen groe 
Ken Einfluß auf fle übt aber auch der jährliche Sonnenlauf> 
denn zur Zeit der beiden Tag: und Nachtgleichen ſchwillt 
fie am meiſten au, und zwar noch mehr bei der Herbſt⸗, 
als bei der Bräpfings:Tag und Nachtgleiche: ſchwach iſt fie 
aber an dem kürzeſten Tag, und am ſchwächſten bei der 
Eommerſonnenwende. Uebrigens trifft fie nicht gerade ganz 
genau in den von mir angegebenen Seitpunkten ein, fondern 
erft einige Tage ſpäter; alſo nicht gerade beim Vollmonde 
ner beim Reumonde, fondern bald daranf: auch wicht ge 
rade in dem Augenbiid, wenn nnd der Himmel den Mond 
zeigt oder verbirgt, oder wenn diefev durch den Meridian 
‚geht, fürfbern ungefähre zwei- Aequinoctialſtunden ſpäter; 
weit wir naͤmlich alle Erſcheinungen, welde am Himmel 
dorgehen, früher ſehen, als wir ihre Wirkung auf der Erde 
ſpüren, wie beim, Meiterfeuchten, beim Donner und beim 


5 6. Alte Fluthen find in dem Ocean flärter, und’ über: 





9) Daß biefe größere Gntfermung nur ſcheinbar iſt, iſt bekannt 
genug. 


23 E. Plinius Natargefhichte. 


ſchwemmen größere Strecken, als in den übrigen Meeren, 
entweder, weil das Meer, wo es in feiner ganzen Größe 
waltet, wilder ift, als in einem feiner Theile ; oder weit bie 
ungehenre Fläche den Einduß des weithin wirkenden Ges 
flirnes. ſtärker fpürt, eingeſchränkte Räume aber bemfelben 
nicht unterliegen. Ans diefer Urſache bemerkt man andy 
feine ähnliche Bewegung an den Seen und Flüſſen. Ober⸗ 
halb Britannien feige, wie uhs Pytheas von Mafflfien ver- 
fidhert, ‚die Fluth bie auf achtzig Een 1130 F.]). 9) Die‘ 
inneren Meere find durch das Land, wie durch einen "Hafen, 
geihäst; au manchen Stellen jebod,, mo fie eine breitere 
Fläche darbieten, mäffen fe auch dem Einflaſſe des Mondes 
gehorchen, wie man denn mehrere Beilpiele hat, daß bei 
völlig ruhigem Meer und ohne Beihilfe der Segel :die 
Ueberfahrt von Italien nad Utica 1Booshater] durch -die 
bohe Flush **) in. drei Tagen gemacht wurde. 7: An den 
Ufern find diefe Bewegungen des Meeres bei weiten mehr 
bemerkbar, als auf der hoben See; gerade wie aud am 
Körper die äußerften Theile den Schlag ber Adern, das 
heißt, der Lebensluft, *°*) mehr fpüren. Faſt in allen- 
Buchten zeigt ſich die Such, wegen des. ungleichen Aufgangs 





”) Diefe Angabe ift fibertriehen. Die Stuth- fteigt in der 
Themfe, wo fie am fiärkfien iſt, kaum auf 14 Yuß. 

**) Man barf bie fchnelle Fahrt nicht allein der Fluth, ſondern 
auch der Strömung bes mittelländifchen Meeres nach be‘ 
Afrikaniſchen Küften zufchreisen. 

»s) Mac der Anficht des Plinius find bie Arterien nicht mit 
win, fondern mit belebender Enft angefäht. ©», X. 
88. 89, 





" Zweites. Buch. | 285 
der Geſtirne an jedem Ort, anders; doch ift fie nur, was 
die Zeit ihres Eintreffens, keineswegs aber, was ihre Natur 
betrifft, verfchieden,, wie man im, den Syrien *) wahrneh⸗ 
men kann. 

-C. 41. Einige Orte haben jedoch hierin beſondere Ei⸗ 
genheiten. So kehrt die Fluth in der Meerenge von Taure⸗ 
meninm [Taormina] öfter, und auf Eubda [Negroponte] 
fiebenmal **) im Laufe eines. Tags und einer Nacht wieber. 
Auch bleidt die Waſſerhöhe in jedem Monat drei Tage lang, 
nämlich den ſiebenten, achten und neunten nach dem Neu⸗ 
mond, unverändert, ***) Zu Gades [Eadir] befindet ſich 
ganz nahe an bem Tempel bes Herküles eine als Brunnen, 
gefaßte Duelle, weldye bald gleichzeitig mit dem Dcean, bald 
aber- zu ganz enigegengefegten Zeiten fleigt und fällt. 
2, An bemfelben Orte ift eine andere Duelle, welche 
fih- nach. den Bewegungen des Oceans richtet. An dem 
Ufer des Baetis [Guadalquivir] liegt eine Stadt, in wel 
cher die Brunnen bei anfchwellender Fluth fallen, und bei 
fchwindender Fluth fleigen, in der Swifchenzeit -aber ihren 
Stand nicht verändern. Dieſelbe Eigenſchaft Hat in der 
Shadt Hispalid [Sevilla] ein einziger Brunnen; die übrigen 
unterfcheiden ſich in Nichts von den gewöhnlichen, Der 





u) a. Suchten von Sydra und Cabes, an der Nordeuſie 
frika's. 
*2) givius (XXVIII, 6.) wiberſpricht mit Recht dieſer Angabe, 
und meint, bie Ebbe und Fluth auf Eubba richte fich nach 
Wind. 
*#) Die Staliener fagen : dalli otto alli nove —R no’ si 
muore. 


% 


235° C. Plinius Naturgeſchichte. 


Pontus [dad ſchwarze Meer) frömt fortwährend heraus in 
Die Propontis [Mar di Marmora]; niemals fießt aber das 
Meer wieder zurück in den Pontus. 

CL (xcvin). Alle Meere reinigen ih. beim Vollmond, *) 
manche auch nur zu einer gewiffen Seit. Bei Meſſana 
{Meffina] und Mylä ſMilazzo] wirft das Meer einen milk: 
ähnlichen Unrath ans Ufer, woher auch Die Gage entilanden 
ift, die Rinder der Sonne hatten hier ihre Ställe. Ariſto⸗ 
teled (um Nichts zu übergehen, Was mir bekannt iſt) fügt 
nod hinzu, daß Bein Thier zu einer anderen Zeit ſterbe, 
als wenn ſich die Fluth wieder verlduft. Man hat dieſe 
Beobachtung am Galliſchen Ocean häufig angeftellt, und 
wenigtens am Menfchen bewährt gefunden. **% 

CIT cxcıx). 4. Darans ergibt ſich die richtige Ver: 
muthung, daß man- nicht ohne Grund den Mond für bad 


‚ belebende Geſtirn halte; daB er es fen, welcher die Erde 


fättige, und der bei feinem Erfcheinen die Körper anfchwelle 
und bei feinem Scheiden leere; daß daher mit. feinem Ju« 


nehmen aud die Conchylien wachen, und daß befonbers . 


biejenigen Weſen, welche Fein Blut haben, feine belebende 
Kraft fühlen. 2. Uber auch das Bint des Menfchen fell 
mit feinem Lichte ſich mehren und abnehmen, und fogar das 


Laub und die Futterkräuter follen (wie wir an der geeigs 


neten Stelle ***) Herichten werden) feinen infse, ber ale 


Altes durchdringt, ſpüren. . 


9) Weil die Fluth um biefe Zelt am ı Rörkfien iſt. 
* no | jegt herrſcht Biefer Aberglaube an manden Küften, 
”»+) 9, XVHR 8. 7 


T) Der Einftup des Mondes auf die Erde und Ihre Erzeugniffe 








Zweites Bud. 2237 


cur (ec). Die Gluth der Sonne aber trocknet die Fench⸗ 
tigkeit auf; wir halten auch deßhalb dieſes Geſtirn für ein 
mäunliches, *) weil es Alles ausdörrt und verzehrt. - 

. . GV. 4. So wird auch dem offenen Meere der Balzs 
gefchmad eingekocht, entweder, **) weil ihm bie füßen und 
dünnen Beflandtheile, welche die Kraft des Feuers leicht an 
fidy reißt, entzogen, und nur die herberen und dickeren zus 
rüdgelaffen werden (weßhalb auch da6 Geewafier in ber 
Tiefe füßer ift, als auf der Oberflähe, *"*) und‘ weßhalb 
man denn auch den herben Geſchmack aus diefer Ur: 
ſache natürlicher erklärt, als aus der Annahme, daß das 
Meer der ewige Erdſchweiß +) fey); oder weil fi ein 
großer Theil der trodenen Dünfe mit ihm miſcht; ober 
weil es bie. Natur der Erde gerade fo, wie Die Heilquellen, 
ſchwängert. 2. Als! einen fehr wunderdaren Vorfall führt 


laͤßt fih nicht Kiugnen, Mie groß ober wie gering fibris 
send diefer Einfluß iſt, laͤßt fich nicht wohl beftimmen. 

*) Die deutſche Sprache bezeihugk. im Gegentheil bie Goune 
als ein weibliches, und den Mond als ein männliche 
Geſtirn. „N 

er) Plinius gibt drei Urſachen bed Salzyeſchmacks an. 1. Das 

- Einkochen des Merred burd; He Sonne. 2. Die Ver: 
ſetzung. deſſelben mit beu trodenheißen Dünften ber Erde. 
3. Die Schwängerung burc ben falzbaltigen Sünden bed 
Meeres. Nach ber jekigen gewöhnlichen Anſicht ift ber 
Salzgeſchmack dem Meere urfprünglic, witgetheilt, weſent⸗ 
lich und eigenthümlich, wird aber wahrſcheinlich durch die 
Salzlager bed Meeresbodens unterhalten und vermehrt. 
2) Jeyt glaubt man das Gegentheil. 
‚» Die Auſicht des Empedoeles. S. Ariſioteles Meteorolog, I I, 1. 


238 C. Plinius Naturgeſchichte. 
man an, daß zur Seit, als Dionyſius, der Tyhraun von Si⸗ 
citien, von dem Throne gefloßen wurde, *) das Meer in 
dent Hafen [von Syrakus] einen ganzen Tag hindurch füß war. 
’ (a1), 3. Dagegen foll der Mond, als ein weibliches, 
ſanftes und nächtliched Geſtirn die Beuchtigkeit anflöfen und 
anziehen, aber nicht zerflören. Dieb ſoll daraus hervorgehen, 
daß er durch feinen Schein die Leichen der Thiere zur Fäul⸗ 
niß bringt, den im tiefen Schlafe Liegenden die Betänbung 
in dem Haupte zuſammenzieht, *) Bas Eis ſchmilzt und 
Alles mit feinem, befenchtenden Hauch erweiht. 4. Go 
haften‘ ſich die Kräfte der Natur das- Gleichgewicht, und 
reichen ftetd‘- aus, indem dieſe Beftirne die Elemente vere 
binden, jene aber fle zerſtreuen. ») Der Mond zieht 
alfo feine Nahrung aus dem füßen Waſſer, die Sonne aber 
aus dem Seewaſſer. +) . 
- CV can), Die größte Tiefe des Meeres gibt Fabianus 
. auf 45 Stadien [8,789 F.J an. +7) Nach Andern ſoll im 
Dontus, dem Lande des Volkes ber Eorarer 47) gegenüber, 


») Um das J. 357 vor Chr. Vol. Valerius Merimys VI, 9. 
Das Wunder, wenn ed. wahr it, Fann zufällig durch ein 
Erbbeben bewirkt worden feyn. - 

.0*) Die angeführten Erfcjeinungen find Beine Folgen bes Monb- 
Uichtes, fondern ber nächtlichen Feuchtigkeit. Ueber die 
Wärme bed Mondes hat man viele Vermuthungen aufges 
ftellt , ohne eine, erweiſen zu können. 
—* Bol. Kay. 38. '. 2. 

D Sonne und Mond ziehen Feuchtigkeit an, aber ohne Kid: 
fiht auf die Beſchaffenheit derſelben. 

TI Nach Laplace fol die großte Tiefe ungefähr 4000 Toiſen 
betragen 
1tD Em Bol in Eolchis Mingrelien). 








. Zweites Buch. 239 


ungefähr dreihundert Stadien [7% M.] vom Land eine un: 
ermeßliche Ziefe haben, und bie jest nody kein Boden ges 
funden worden ſeyn: man nennt diefe Stellen die Abgründe 
(Basia) des Pontus. " 
CVI (cam). 41. Noch wunderbarer find die Eigenfchaften 
des füßen Waflers, welches dicht an dem Meere wie aus 
Röhren herborfpzingt: auc dem Waſſerreiche fehlt es nicht 
an Wundern. Das füße Waller ſchwimmt auf dem Meere, 
ohne Zweifel, weil es leichter ift; *) deßhalb trägt auch das 
Seewaſſer, weil es ſchwerer ift, bei weitem größere Laſten. 
2. Oft ſchwimmt aber audy ein füßes Wafler auf dem atı- 
dern, ») wie auf dem Kucinifhen Bee [Lago di Eelano] 
der in-ihn mündende Fluß [Giovencolo], auf dem Larifchen 
[eago bi Eomo] die Adduna [Udde], auf dem Verbaniſchen 
[Lago maggiore] det Ticinus [Tefino] , auf dem Benacifchen 
[Lago di Guarda] der Mincins [Mincio), auf dem Sevini⸗ 
fchen [Lago di Sen] der Ollins [Oglio], auf dem Lemanifchen 
Fenferfee) der Rhodanus [die Rhone] — der leptere jenfeits 
der Alpen, die übrigen in Italßen. Alle ftrömen freund«- 
nachbarlich durch diefe Seen hin, und nehmen nur ihr eier 
genes und durchaus nicht mehe Wafler, als fie hineingeführt 
haben, mit. fi) heraus, -Dafielbe behauptet man. aud) vom 
Drontes [AR] in Syrien und vielen andern Zlüffen. 





*%) Die Schwere bed Seewafferd verhält fi zu ber des füßen 
Waſſers wie 73 zu 70. 

”*,, Die Urfache biefer (übrigens von Willen in Abrede ges 
ſtellten) Srfcheinung ift wohl Beine andere, als bie Kältere _ 
Temperatur biefer meift aus gefhmolzgenem Schnee beſte⸗ 
henden Seen, und bie größere Wärme des Flußwaſſers. 


” 
* 


2 


d 
—* 


240 C. Plinius Naturgefchichte. 

3. Einige Flüffe laufen aus Widerwillen gegen das 
Meer unter demfelben hin. So kommt in der Duelle Ares 
thuſa zu Syracus Alles wieder zum Borfchein, was man im 
den Aipheus [Rufial, der durch Olympia [Miratam] fließt, 
und anf dem Ufer des Pelopaunes [Morea] in das Meer 
fällt, geworfen bat. *) In die Erde hinein fallen und 
fommen wieder zum Borfhein der. Lycus [Kulhiſſar] im 
"Alten, der Erafinus [Rephalari] in Argolis [Kanton Arhos], 
der Tigris [Tigr] in Mefopotamien [DſheſtraJ. Was man 
zu Athen in die Duelle des Aesculap verſenkt, wirft eine 
andere im [Mtbenifchen Hafen] Bhalerum wieder aus. Ein 
Fluß, **) welcher im Gebiete von Atinum [Ateno]) unter 
die Erde ſtrömt, koͤmmt nad einer Gtrede von 20,000 
‚Schritten [4 M.) wieder jum Borfhein, eben fo in dem. 
Gebiete von Aquileja ber Timavus [Timavo]. | 

4 Auf dem Asphaltifhen See [XTodten Meere], der 
das Erdpech hervorbringt, gebt Nichts unter, **) und eben 
fo audy nicht auf dem See Arethuſa FRAME] in Großarme⸗ 

- nien [im Ejalet Wan]; body nährt ber letztere, obſchon er 
fatpeterhaltig iſt, Fiſche. Im Salentiniſchen Gebiete Bei ber 
Seadt Manduria [Mandula] befindet ſich ein. See, ber ſtets 
bis an den Rand: voll ift, und weder, wenn man Waſſer 
heransfhöpft, Fällt, noch, wenn man welches hineingießt, 


N Plinins nimmt hier poetifche Zehnmerei als Wahrheit. 
»s) Der Tanager (Negro), 
*) Unwahre Uebertreibung. Das Pechwaſſer trägt nur ſchwe⸗ 
tere Korper. | 


Zweites Bud. . 244 


ſteigt. ) 5. In dem ZSluſſe der - Eicouen ) und im 
Veliſchen See [Pie di Lugo] im’ Picenifchen wird hinein⸗ 
geworfenes Holz mit einer Steinkruſte überzogen, eben ſo 
in dem Flufſe Surius [Dfhedfho], in Colchis [Mingrelien], 
und zwar anf eine Weiſe, daß die Rinde noch in ihrem ua 
tärfichen Zuftande ‚bleibt, went das. Innere ſchon in Gtein 
verwandelt iſt. Auch im Silarus [Silaro], unterhalb Sur⸗ 
rentum [Sorrento] , verfteinern nicht nur bie hineingetauchten 
Zweige , fondern auch die Blätter derfelben ; ***) übrigens 
ift fein Waſſer ein "ganz gefunder Trank. Am Ausfuffe des 
Reatinifhen Sees [Lago di Rieti] wachſen Zelfen, +) und 
im rothen Meere fproffen Delbäume und grüne Geſtraͤuche 
empor. TI) 

6. Biele Quellen Ind aber auch ihres heißen Waſſers 
wegen merkwürdig; man trifft deren auf den Gipfeln der 
Alpen 471) und felbft in dem Meere, zwifſchen Italien und 
der Inſel Aenaria IIſchia], fo wie in dem Bajaniſchen 

Meerbufen [Golfo di Puzzuolo], im Liris Garisliano] und. 





Dieb kann wohl der Sal feun, wenn er durch gioße 
anterivdifche Kanäle mit andern Gewaͤſſern in Verbindung 


ſteht. 

”*, Der Fluß der Ciconen, eines Volksſtammes in Thracien 
(Rumelien), ift wahtfcheinlich der Reſtus (Rarafı). \ 
”. Jetzt weiß man Nichts Kr biefer Eigenfchaft des Silaro. 
+ * cheinbar, weil ber Grand zwiſchen den Felſen hin: 
fit wird. 

+4) ans Rinus vielleicht die im rothen Meere hänfigen Li⸗ 
tho 
+rm) Die neuere Beit kennt baſelbfi reine beißen Quellen. 


E. Plinius maturgeſc. 26 Bdchn. ‘9 


- 


242 | C. Plinius Naturgeſchichte. 


in andern Flüſſen. Auch ſußes Waſſer trifft man im Meer 
an vielen Stellen, wie bei den Chelidoniſchen Infeln [Che⸗ 
lidoni], bei Aradus [Rund] und im Ocean bei Babes [Eas 


- Bir). 7. In den beißen Quellen der Pataviner [Paduaner} 


wachen grüne Kräuter, in denen der Piſaner Fröſche, und 
in denen bei Vetulonia [Torre vecchia] Fiſche. Im Gebiete 
von Caffnum [Eafino] findet ſich ein Fluß, *) der Gcatebra 
heißt, und der im Sommer Palt und waſſerreich ift: in 
ihm, fo wie in dem See Stymphalis [bei Sarte] in Arca⸗ 
dien [Kanton Teipolisa] wachſen Waſſermäuſe. Der Quell 
Des Yupiter in Dodona [Bonila] ift Balt, und löſcht hinein« 
getauchte Fackeln aus; wenn man ihm aber ausgetöfchte 
nahe bringt, fo zündet er fie an. Um die Mittagszeit hört 
er auf zu laufen (weßhalb er aud ’Avranzavousvos [der Auf⸗ 
hörende] heißt) ; fräter fängt er an zu wadfen bis um- 
Mitternacht, und läuft dann Über; von da an.fällt’er all⸗ 
mälig wieder. 8. Auf einer Falten Duelle in Illyrien ent⸗ 
zünden (id) die Kleider, welche man darüber breitet; der 
Duell des Jupiter Hammon iſt bei Tag kalt, und in der 
Nacht heiß. **) Der fogenannte Sonnenquell bei ben Tro⸗ 


glodyten [am Arabifhen Meerbufen] ift bei Tag ſüß und 





.) ‚Vielmehr ein Bach bei der Stadt San Germano. 

8%), Da in ber Bleinen Dafe CA Wah el Garbi), wo jetzt noch 
viele Tempetruinen fichtbar find, ſich bei dem Dorfe El 

Kaſſar wirklich eine ſolche Quelle befindet (Saspari's Hand⸗ 

buch der Geographie, 6 Abthig. Bd. 1. Weimar, 1824. 
8. ©, 719),f0 muß man, die Berbefferung Hardouin's, ber 
fons in stagnum verändert, um fo.mehr zurücweifen, als 
Plinius hier meift nur von Quellen redet. 


Zweites Bud. 243 


ſehr kalt; fpäter fängt er an warm zu werden, und um 
Mitternacht iſt er durdy Hipe und Bitterkeit untrinkbar. 
9. Die Quelle des Padus [Po] Hält im Sommer um 
die Mittagszeit gleichfam ihre Ruheſtunde, und wirb ganz 
troden. Auf der Inſel Tenedos [Bokdsja⸗Adaſi] ift eine 
Duelle, die nad) der Sommerfonnenwende: regelmäßig von 


der dritten bie zur fehsten Nachtſtunde [9 bis 42 Uhr] - 


überläuft. Die Duelle Inopus auf der Inſel Delos [Deio] 
wächst und fällt auf dieſelhe Weife, wie der Nil, und zus 
gleich mit ihm. Auf einer Pleinen Infel, der Mündung bes 
Fluſſes Timavus [Timavo] gegenüber befinden fih warme 
Duellen, welche mit der Ebbe und Fluth fallen und fleigen. 
Der Fluß Bomanns [Bomano) in dem Gebiete von Piti⸗ 
num [Pedecino] , jenfeitd des Apenninus, ift- jedesmal bei der 
Sommerfonnenwende reißend, am kürzeſten Tag aber troden. 

10. Alles Waffer im Gebiete von Faliscum IS. Mas 
ria di Salari} macht die Rinder, welde davon trinken, 
weiß; der Fluß Melas *) in Böotien [Livadien] macht die 
Schaafe fchwarz, der Cephiſſus [Maurogero] , der aus dem 
nämlidyen See ») entfpringt, weiß, der Peneus [Salams 
bria] wieder ſchwarz und der Kanthus [Effenide] bei Ilium 
[Bunarbaſchi] röthlich, woher er auch feinen Namen hat. ***) 
Die Stuten, weldye auf den Geldern am Pontus [Schwarzen 





J 


*) Nach Strabo IX. (©. 624), ‚verfhwand biefer Fluß durch 
ein Erdbeben, 


*) Yus dem See Copals Xovokia), 
„N Zandoc, gelb, röthlid). 


9% 


a 
” 


* 
— — — 


244 C. Plinius Naturgeſchichte. 


TReere] ‚«bie der Aftaces *) bewäffert, weiden, geben fchwarze 
Milch, von welcher fi) die Einwohner nähren. Im Gebiete 
von Reate [Rieti] iſt eine Quelle, Neminie genannt, , welche 
bald an dieſer, bald an jener Stelle ausbricht, und die 
größere oder geringere Ergiebigkeit der Ernte andeutet. 
In dem Hafen von Brundiſium [Brindifi) gibt eine Duelle 
zen Gerfahrern ſtets frifches und unverborbenes Waſſer. 
711. Das Waſſer in Lynceſtis, **) welches man Sauerwafler 
nenut, macht, wie ber Wein, trunken. Aehnliches Waſſer 
findet man in Paphlagonien [Sandfchat Kaftemuni] und im 
Gebiet von Eales [Ealvi]. Auf der Infel Andros [Andro] 
im Tempel des Vaters Liber [Bachus] ift eine Quelle, 
weiche, wie Mucianus,.der dreimal Eonful war, **°) glanbt, 
jedesmal an den Nonen des Januar [5. FJan.] einen Weinge: _ 
ſchmack annimmt; man nennt fle dos Heodoola (Gottesgabe). 
Der Styr [Mauronero] bei Nonacris [Naukria] in Arka⸗ 
‚ bien, deſſen Waſſer ſich weder burd) Geruch, noch durch Farbe 
von dem gewöhnlichen unterfcheidet, tödtet, auf der Stelle 
Jeden, der daraus trinkt. Auf dem Bügel Libroſus P in 


*), Man hat bis jetzt die Lage dieſes Fluſſes nicht ausmitteln 
kösnnen. Die ſchwarze Milch iſt jedenfalls ein albernes 
Mahrchen. 

) In Ober⸗Macedonien. Noch jetzt findet man Mineral⸗ 
quellen in verſchiedenen Theilen Macedoniens. 

ver. Inden J. 52, 70 und 76. ©. das Schriftfieller: 
verzeihniß vor biefem Buche. - 

D Andere Hanbſchriften Iefen Bero ſus. In weiber Ge 


Zweites Bud). | 25 


Zaurien (Ind drei Quellen, die ohne Rektung und ohne 
Schmerz tödten. Indem Earrinifchen Gebiete [bei Garra] 
in Spanien fprudeln zwei Quellen neben einander, von 
denen die. eine Alles auswirkt, und die andere Alles vers 
ſchlingt. Bei demfelben Volke iſt eine andere Quelle, in 
welcher die Kifche goldfarben ſcheinen, fi aber, wenn man 
fie aus dem Waſſer zieht, in Nichts von anderen Zifchen 
unferfheiden. 42. In dem Gebiete von Como, am Lari⸗ 
fhen See ſLago di Eomo], ift eins flarfe Quelle, welche in 
jeder Stunde wächst und wieder fällt. Auf ber Inſel Eye 
donea [Quitteninfel] bei Lesbos [Midily] ifk_eine warme 
Quelle, die nur im Frühjahr fließt. Der See Ginnand in 
Aſien *) nimmt von dem an feinen Ufern wachſenden Wer- 
muth den Sefhmad an: Zu Edlophon [ALLObosco] ir der 
Höhle des Clariſchen Apollo *”) iſt eine Pfüge: wer daraus 
trinkt, gibt wunderbare Orakelſprüche von fih, verkürzt 
fiy aber dadurch das Leben. Das Flüſſe aufwärts fließen, 
bat man auch zu unferer Zeit in den letzten Negierungd- 
jahren Nero’s geſehen, wie ich in deſſen Geſchichte erzabit 
habe.) 

43. Wem iſt wohl unbekannt, daß alle Quellen im 
Sommer kälter find, als im Winter? Eben fo kennt Jeder 





end ber Halbinfel Taurien (Krim) bieſer Hügel war, laͤßt 
ſich nicht befionmen, 
N) Weahrfheiniih in Phrygien Eandſchar Kutaja). Die 2age 
des Sees laͤßt ſich nicht mehr. ausmitteln. 
2 Bol. V, 31. Tacit. Annal. IE, 54, 
) “in ber Fortfegung ber Gedichte des Aufidius Bafat. 
©. d. Einleitung.- 


246 C. Plinius Naturgeſchichte. 


die höchſt wunderbaren Naturerſcheinungen, daß Erz und 
Blei in Kiumpen untergehen, breitgefchlagen aber ſchwim⸗ 
men; daß Gegenflände, die genan baffeide Gewicht haben,- 
theild unterfinfen, theils oben bleiben; daß fich Laften auf 
dem Wafler leichter fortbewegen laſſen; daß der Scyrifche 
Stein :*) in großen Stüden fhwimmt, wenn man ihn aber 
Bein fchlägt, untergeht ; daß frifche Leichen zu Boden finfen, 
"wenn fie aber aufgefchwollen find, wieder auf die Oberfläche 
kommen; baß leere Gefäße nicht Leichter aus dem Waſſer zu 
ziehen find, als volle; 44. daß Regenwaſſer in den Salz⸗ 
gruben beffer ift, als anderes; daß es überhaupt kein Salz 
gibt, wenn man nicht ſüßes Wafler beimiſcht; ») daß das 
Geewafler fchwerer gefriere, ſich aber leichter enizündbe; ***) 
daß das Meer im Winter wärmer, im Herbſte ſalziger 
iſt; daß es ſich durch Det befänftigen laſſe, und daß’ die 
Tancher deßhalb folhes aus dem Munde fprigen, weil es 
die herbe Natur des Meeres mildert und Licht herableitet; +) 
415. daß auf der Hohen See Pein Schnee fällt; daß die 
Duellen emporfprudeln, obſchon alles Wafler abwärts ſtrebt, 
und daß .man fogar deren am Füße bes Aetna finde, der 


®) Stein von der Ze Seyro; wabeſcheinheh eine Art Bims⸗ 
ſtein. S. XXXVI 
‚+, ‚Eine falſche Anficht. - "Das Serwaifer muß nolhwentig bei 
der Werdunftung bie Salztheile zurüdlaffen: 
) ge nacem es mit Chlor, Schwefel u. f. w. gefchwns 
gert i 
» —* Aberglaube. Aus den bigetrãnkien Schwaͤmmen 
druckten die Taucher die Luft mit dem Munde and, wenn. 
fie athmen mußten, | 





“ 


Zweites Bud). 247 


doch eine ſolche Gluth in ſich fchließt, daß bie Feuermaſſe 
den Sanb bundertundfünfzigtaufend Schritte [30 M.] weit 
ſchleudert. *) 

CVII. Nun wollen wir aud) einige wunderbare @igen- 
ſchaften Bes Feuers, welches in der Natur das vierte Ele⸗ 
ment if, anführen, und zwar zuerſt ſolche, die nd) aus 
feiner Berbindung mit dem Waſſer ergeben. 

CVIN (civ). Sn der Stadt Samoſata [Schemifat] in 
Sommagene [Gandichat Simafat} ift ein Sumpf, welcher 
brennenden Schlamm, Maltha genannt, auswirft. Cr 
bängt fi an jeden feſten Körper, den er erreichen kaun, 
and Wer ihn berührt, dem folgt er, wenn er audy flieht. 
Die Einwohner vertheidigten ihre Stadt damit, als fie von 
Zucullus belagert wurde [68 vor Ehr.]; die Soldaten brann: 
ten ſammt ihren Waffen. Das Wafler vermehrt noch den 
Brand, und uur mit Erde kann er gelöfcht werden, wie bie 
Erfahrung gezeigt hat. 

CIX (cv). Eine ähnliche Eigenjchaft hat die fogenannte 
Naphtha, **) weldye in der Umgegeud von Babplon [bei 
Hille] und im Lande der Aflacenen in Parthien FRubifanl 
wie flüffiges Del hervorquilt. Sie hat eine große Ber⸗ 





*) Eine nähere Erklärung der in dieſem Kapitel berührten 
Eigenfchaften bed Waſſers, die bis auf einige Mähzchen und 
Uebertreibungen wahr find, wuͤrde zu weit führen. Auch 
wirb fie ber wißbeglerige Lefer fich Leicht in phyſikaliſchen 
Merken nachſuchen Pönnen, 

”) Zwiſchen Maltha und Naphtha ift Bein Unterſchied, als daß 
die erſie zaͤh iſt (wie Pe), die andere Ba (wie Sn. 


Ä 8 x 


x “ - 


- 


248 €. Plinius Noturgefihichte. 


wandtfhaft mit dem Feuer, und diefes ſpringt auch fogleich, 
wo fie ihm vorkommt, auf fie über. So foll auch von der. 
Medea das Kebsweib [bes Jaſon] verbrannt worden feyn, 


‚indem ihre Krone, als fie, um zu opfern, an ben Alter 


trat, vond m Feuer ergriffen wurde. 

CX (ovı). 4. Uber auch die Berge haben munberbare - 
Eigenfchaften. Der Vetna brennt ftets des Nachts, und ber 
Zeuerftoff reicht nad) fo vielen Jahrhunderten immer’ nad) ' 
ans ; im Winter iſt er mit Schnee bedeckt, und Reif über 
zieht die ausgeworfene Aſche. Wber nicht in diefem allein 
wüthet die Natur, und droht der Erde Verbrennung; in 
Dhafelis [Fgeder] brennt der Berg Ehimära,- und zwar 
Tag und Nacht hinduch in ewiger Flamme 9) Durch 
Wafler wird fein euer nody mehr angefaht, durch Erde 
aber oder Heu gelöfcht,, wie Etefias von Gnidus berichtet. 
Die Hephäftifchen [outkanifhen] Berge in denfelben Lycien 
brennen, wenn man fie mit einer flammenden Badel berührt, 
fo fehr, daß auch Flußkieſel und Sand felbft in dem Wafler 
glühen; and) der Regen nährt diefes Beuer. 2. Wem 
Zemand mit einem daran angezündeten Stock Furchẽn zieht, 
fo folgen ihm, wie man erzählt, Feuerbäche. In Bactrien 
[Balkh] brennt der Gipfel ded Eophantus. In Medien 
[Fran] und Sittacene [Dfbefira] an der Grenze von Per: 
fien [gibt es ebenfalls Teuerfpeiende Berge]; *°) zu Suſa 
[ISchuſter] au dem weißen Thurm ſteigt das Feuer aus 15 





) Noch jetzt ſteigen in ber’ Gegend von Igeder, im ehmaligen 
Lycien (Saubfchae Tekke), Rauchfänten aus Höhlen, auf. 
**, Der Text bed Minius ift im dieſer Stelle ſehr verdorben. 


= 


s 


"Zweites Buch. 249 


Kratern, nnd aus Dem größten berjelben auch bei Tag. 
5. Auch bei Babylon brennt ein Stück Feld, weiches faft einem 
Bifhteihe von der Größe einer Juchart ”) gteiht. Um 
Den Hes periſchen Berg **) im Lande der Aethiopier furkeln 
die Felder, wie Sterne; biefelbe Erfcheinung bemerkt man 
in dem Gebiete der Megalopolitauer [bei Ginano], und es 
ift ergöglicy anzufehen, wie ber ganz im Walde verborgene 
funkelnde Berg nicht einmal das dichte Laubwerk der auf 
ihm ſtehenden Bäume anzündee. Auch der Krater des 
Rampbaum [Nimfio] brennt immer dicht neben einer kalten 
Duelle, und bedeutete ſchon oft den Bewohnern des nahen 
Apollonia [Polina} großes Unglüäd, wie Theopompus ers 
zählt. Regenmwetter fleigert feine Wirkſamkeit, und er wirft 

dann Erdpech aus, welches, obgleich es ohnehin fon Müf- 
figer ift, ale jedes andere Erdpech, duͤrch jene untrinkbare 
Quell verdünnt werden, kann. 4. Doch Wer mollte ſich 
über diefe Dinge wundern? Brannte doch mitten im Meere 
Die Aeoliſche Inſel Hiera [Bulcano] bei Italien ſammt 
Dem Meere während des Krieges mit den Bundesgensfs 
fen ») einige Tage lang, bis eine Befandtichaft des Ser 
nats ein Sühnopfer darbrachte. In der furchtbarſten Gluth 
brenut jebod) der Aethiopiſche Berg, Geir örnua [Götter 





ft 


*, Die NRömifhe Iuchart ift ein Stüd Feld von 240 $. in 
ber, Länge , und 120 F. in ber Breite, 

”) Wahrſcheinlich dad grüne Worgebirg auf der Wertüfe von 
Afrika. Zufällig von den Wilden angezündete Feuer mö- 
gen ben alten Seefahrern die Meinung vom fundeinden 
Feldern beigebracht haben, 

09%) Diefer Krieg begann im J. 91 vor en. Bol. 8. 85, 5.2, 


20. € Plinius Naturgeſchichte. 


wagen] genannt, *) und wirft unter den ſengenden Strahlen 
der Sonne ganze Flammenſtröme aus. An fo. vielen Orten 
und durch ſo viele Fener verbrennt- Die Natur die Erde, 


-CXI (cvn). 4. Da außerdem diefed einzige Element 


feiner Natur nad) fi). fortpflanzt, ſich felbft erzeugt und aus . 


dem Bleinften Funken emporwuchert, Was follen am Ende 
die. Folgen dieſer fo zahlreichen, über Die ganze Erbe ver- 
breiteten Scheiterhaufen ſeyn? Wie groß muß dieſe Natur 
ſeyn, welche die gierigſte Gefräßigkeit in der ganzen Welt, 
ohne ſelbſt Schaden zu nehmen, nährt? Dazu rechne man 
noch die unzählbaren Geftirne ,. die. ungeheure Sonne; man 
rechne noch dazu das Feuer, weldyes die Menfchen anzün⸗ 
den, welches in den Steinen verborgen liegt, welches aus 
aneinandergeriebenen Hölzern entfteht, und‘ endlid das 
Feuer der Wolken, das die Blige veranlaßt. 2. Ja wahr 
lich, ein Wunder ift es Über alle Wunder, daß nür em 


Tag vergeht, ohne daß nicht Altes verbrennt, da auch fogar 


Hohifpiegei, die man den Sonnenſtrahlen entgegenhätt, 


leichter zünden, ald irgend ein anderes Fener. Und wie. 


unzählige Peine, aber natürliche Feuer fprubeln nicht-allent- 
halben herpor! Auf dem Nymphäum bricht aus einem 
Belfen eine Flamme, die ſich durch den Regen entzündet, 
hervor; **) eben fo bei den Scantiſchen Quellen : *"*) hoc) 


verliert die lestere Flamme ihre Kraft, wenn fie auf andere . 





”) Das Vorgebirg Sierra⸗Leona auf der Küfte von Oninea. 
) Daſſelbe jagte Plinius kurz vorher (Kay. 110. 6. 3.). 
"SE, Diefe Quellen finb jegt unbekannt. Wahrfcheinfich Tagen 
fie in Campanien (Terra bi Lavoro) 


, 


J x > > 





Zweites Bud. 251 


- Gegenftände übergeht, nnd haftet nicht fange an einem 
fremdartigen Stoffe; eine Eiche, welche den Zeuerborn be 
det, grünt immer. 3. Im Gebiete von Mutina [Mo: 
dena] bricht. an den dem Vulkan geheiligten Tagen [im 
Auguſt] Feuer hervor. Auch findet man hei Schriftfiellern 
angegehen,, daß in den um Aricia- [Riccia] liegenden Ge⸗ 
fiden die Erde ſich entzünde, wenn eine Kohle darauf falle; 
daß in dem Gebiete der Sabiner *) und Bidiciner [bei 
Teano)] ſich ein Stein befinde, welcher brenne, wenn man ihn 
fatbe; daß in der Galentinifchen Stadt Egnatia [Zorre di 
Adanazzo] das Holz, welches may auf einen, dafelbft bes 
findlihen geheiligten Stein legt, fogleih in Flammen aufs 
Indere; und daß auf dem unter freiem Himmel ftehenden 
Altar *”) der Lacinifchen Juno die Ufche feſt liegen bleibe, 
von welcher Seite auch die Stürme heranbranfen. 

u 4. ESs entftehen. fogar andy manchmal plögliche Slam: 
men, fowohl auf dem Wafler, ald aud am lee 
Körper. So ſoll einmal der - ganze Trafimenifche See 

[Lage di Perugia] gebrannt haben. Dem Servius Tullins 
flug in feinee Jugend während des Scylafes eine Flamme 
aus dem Haupt; ***) eben fo foll, wie Valerius Autias 
erzählt, dem 2, Marcius, ald er in Spanien nach dem Tode 
der Gcipionen eine Rede hielt, und die Soldaten zur Rache 


2) Die Sabiner wohnten zwifchen den Flfiffen Anio (Teverone), 
Ziber, Nar (Nera) und dem Gebirge Fiscellus (Monte di 
Sibvylla). 
20) Im Laciniſchen Gebiete in Bruttium, bei Erotond (Eos 
. trone in Ealabrien). . 
”.) 'Bgl. XXXVI, 70. Balerins Marimus I, 6, 1. 





y s ” 


252 C. Plinius Naturgefchichte. 
anſpornte, das Haupt gebrannt haben. *) Später mehr 


. und Genaneres hierüber: ‚hier ſollten nur wunderbare Er⸗ 
ſcheinungen jeder Art in bunter Reihe zuſammengeſtellt 


werden. Nachdem ich nun aber die Erklärung ber, Natur 
im Allgemeinen beendigt habe, beeile ich mich, den Geiſt 
des Leſers gleichſam an der Hand über den ganzen Erd⸗ 
kreis zu führen. 

CXU (cvın). 4. Der. von und bewohnte Theil ber 
Erde, von welhem ich fprede, und ber, wie geſagt, **) 
gleichſam auf dem Dcean fchwimmt, bat feine größte Aus 
Dehnung von Morgen nad) Abend, das heißt, von Indien 
bis zu den Säulen des Herkules, die ihm zu Bades [Eadir] 
. geweiht find. . Diefe Ausdehnung beträgt nach dem Gchrifte, 
. fleller Artemidorus .8,568,000 Schritte [1,714 M.], nach 
Iſidorus aber 9,818, 000 [1,964 M.]. Artemidorus fügt noch 


für die Strecke von Bades um das heilige Vorgebirg [S. 


Vincente] herum, bis zu dem VBorgebirg Artabrum [Orte⸗ 
gal], dem äußerfien Punkte der Spanifhen Küfle, noch 
494,000 Schritte [98 M.] Hinzu. 2. Zu diefer Maßbeſtim⸗ 
mung gelangt man auf einem doppelten Wege. *) Bon 


Sluffe Ganges umd feiner Mündung, wo er fih in den 


) Val. Livins XXV, 32-36. Wal. Marimus I, 6,2. — 
Auch die in biefem Kapitel erwähnten wunderbaren Ere. 


fheinungen Iaffen ſich bis auf- wenige, bie den Stempel des 
Aberglaubens deutlich genng an fich tragen, recht gut 
theild. durch Vulkane, theils durch fid) aus dem Waſſer 
entwickelnde Dunſte, theils durch die Electricität ertlaͤres. 
**) Kap. 66. 5. 2. 
*”e), Zur See und zu Land. 
& 


> 


U 





” 


Zweites Buch. 253 


öfttichen Dcean ſtürzt, durch Indien und Partien [Perfien], 
bis zu der Syriſchen Stadt Mpriandrus [bei Alerandrette] 
am Iſſiſchen Meerbufen [Skanderun] zählt man 5,245,000 
Schritte [1,043 M.]; von da auf dem EZürzeften Geeweg 
über die Infel Cypern, Patara [Patira]- in Lycien [Sand⸗ 
shat Muntefha], die Inſeln Rhodus und Aſtypaläa 
[Stampalia] im Garpathifchen Meer [Mar di Scarpanto], 
Tänarum [Kaino] in Laconien LMaina], Lilybaum [Mar: 
fala] in Sicilien, Ealarid [Cagliari] in Sardinien, 2 ‚105,000 
Schritte [424 M.], und von da bis Gades 1,250,000 [250 M.]. 
Das Geſammtmaß vom öſtlichen Meere an beträgt alfb 
8,568,000 Schritte [1,714 M.]. 

3. Bei weitem zuverläßiger in die Ansmeſſang auf 
dem Laudwege. Nach diefer beträgt die Entfernung vom 
Ganges bis zum Euphrat [Brat] 5,169,000 Schritte 
[1,053%; M.]; von da bis nach Mazaca [Kaifarie] in Cap: 
padocien [Sandſchak Kaifarie] 349,000 [63% M.]; von da 
durch Phrygien [Sandſchak Kufahia] und Earien [Sandſchak 
Munteſcha] bis nad) Epheſus [Ajaſaluk] 415,000 [83 M.]; 
von Epheſus durch das Aegäiſche Meer bis nach Delus 
IDeto] 200,000 . [40 M.]; bis zum Iſthmus [Landenge von 
Korintd] 212,500 [42'/2 M.]; A. von da zu Land, dann über 
Das Lehäifche Meer *) und’ den Korinthifhen Meerbuſen 
Golfo bi gepanto] bis nah Paträ [Datraffo] im Pelo—⸗ 
yonnes [Morea] 90,000 [18 M.]; bis Leucas [Santa Maura] 
37,500 [17 M.]; bis Corchra [Corfu] eben fo ‚viel; bis zu, 





5 So hieß der zunachn va Kein) Yiegende Thril des Golfs 
von Lepanto. 


, 


+ 


- 


254. C. Plinius Naturgeſchichte. 


dem Acroceranniſchen Gebirge [Chimera] 152,500 [26%; M.]; 
bie Brundiflun [Brindifi] .87,500 [17% M.]; bie Rom 
360,000 [72 M.]; dis zu dem Bleden Scingomagus [ Sezanne) 
in den Alpen 519,000 [1037/;M.]; durdy ' Gallien bıs Illi⸗ 
beris [Eine] an den: Pyhrenäen 927,000‘ [185%; M.]; bis 
um Ocean und zur Küfte Spaniens 531,000 [66'/ M.]; 
ie Ueberfahrt nach Bades 7,500 [12 M.]. Das Gefammts 
maß ‚beträgt alfo nady der Berechnuug des Artemidorus 
8,945,000 Schritte [1,789 M.]. *) 

5. Bür die Breite der Erde von Mitfag nach Mitter- 
nacht nimmt man ungefähr die Hälfte dieſes Maßes, nam⸗ 
Ih 4,280,000 Schritte [898 M.], an. »*) Man erſieht 
daraus ganz deutlich, wie viel auf der einen Geite die 
Hise, und auf der andern die Kälte uns entzogen. hatz 
denn ich glaube nicht; daß an der Erde etwas fehlt, oder 
daß fie Feine volltommene Kugelgeftalt hat, ‚fondern baß die 
an beiden Enden liegenden unbewohnbaren Gegenden nody 
nicht entdedt find. Bei der Beflimmung des angegebenen 
Maßes beginnt man an der Küfte des Aethiopifchen Dceans, 
fd weit Ddiefe. nämlidy bewohnt ift, ***) und zählt non -da 
Dis Meroe [Merawe] 1,000,000 Schritte [200 M.]; von da 
bis Wlerandria 4,250,000 [250 M.]; bis Rhodus 563,000 
[412% M.]; bis Gnidus [Mei am Kap Krio] 87,508 
17% M.]; bis Eos [Standho] 25,000 [5 M.]; bis Samus 


LSufam:Adafi] 100,000 [20 M.]; bis Chius 1Stio] 94,0P0 


[18% M.]; bis Mitylene [Caſtro auf Metelino] 65,000 - 
[135 M.]; bis: Tenedos [BoEdsja-Abdafi] 44,000 [3% M.]; 
bie zum Vorgebirg Sigeum [ SIenifhehr ] 12,500 [2'215 
6. bis zu der Mündung des Pontus [Schwarzen Meeres] 
342,500. T622 M.]; ‚bie zum Vorgebirg Larambis [Ke: 
rempe] 350,000 [70 M.]; bie zur Mündung des Mäotıfdyen 





*) Der gerabe Weg vom -Banged bis Cadix beträgt ungefähr 
.. 1,260. M. . - 

“, Mach richtigerem Mag ungefähr 6 -M. 

”**) Ungefähr vom Aequator an. 


ı 





J 


Zweites Buch. 255 


[fowfchen] Meeres 512,500 [62'; M.]; bis zur Mündung 
des Tanais [Don] 275,000 [55 M.]: diefe Strede Tann je 
doch, wenn man den nächflen Seeweg nimmt, um 89,000 
Schritte [17% M.] abgekürzt werden. Für das Land von 
der Mündung des Zanais aufwärts haben die fleißigffen 
Schriftſteller ein Maß angegeben. Artemidorus zeigt durch 
das Eingeſtändniß, die Sarmatifchen Völker wohnen am 
Zanais, und fenen die nördlichſten, daß er Die weiter hin 
liegenden . Gegenden für unbekannt hielt. 7. Iſidorus fügte 
ned) zu dem angegebenen Make für die Strecke bis nad 
Thule *) 1,250,000 Schritte [250 M.]. Dieß ift aber eine aus 
der Phantafie gegriffene Vermuthung. Wie ich höre, foll 
die Strecke bis zu den Grenzen der Sarmaten nicht Pleiner 
ſeyn, als die fo eben angegebene [von Wethiopien- bis zum 
Don]. Und wie groß muß nicht Diefes Land denn auch wirt: 
iih ſeyn, da es unzählige Völker, die fortwährend ihre . 
Wohnſitze wechfeln, umfaßt! Ich glaube deßhalb, daß das 


. weitere Maß für die unbewohndare Erdgegend viel ‘größer 


angenommen werden müffe: denn auch weit über Germanien 
hinaus Tolfen, wie ich in Erfahrung gebracht habe, vor nicht 
langer Seit unermeßlihe Infeln entdedt worden feyn. 

8 Die iſt's, Was ih Über die Länge und Breite ' 
für bemerkenswerth halte. Den ganzen Umfang ber Erde 
aber hat Eratofthenes — ein Mann, der faft alle Zweige 
des Willens erfhöpfend behandelte, und befonders in Dies: 
fem jeden Andern an Genauigkeit übertrifft, weßhalb ihm, 
wie ich fehe, auch Alle beiftimmen — zu_252,000 Gtadien, 
welche nach Römiſchem Maß 31,500,000 Schritte [6,300 M.] 
ausmachen, angegeben: 9. ein großes Wagniß, aber auf 
eine fo triftige Beweisführung geſtützt, daB man fid) 
ſchämen muß, ibm feinen Glauben fchenten zu mollen. 
Hipparhus, der in der Verbeſſerung des Eratofthenes, fo 
wie überhaupt in .allen anderen Dingen einen. bewunde- 

°) Island oder Nowwegen, ober die Shetlands⸗, Orkney⸗ 


oder Farderinfeln ? j 


256 €, Plinius Naturgeſchichte. ꝛc. 
rungswürdigen Scyarffinn beweist, fügt noch etwas weniger 
ald 25,000 Stadien [625 M.] hinzu. *) ! 

(cıx). 10. Anders verhält es fi mit der Glaubwür⸗ 
digkeit des Dionyſodorns, und ich will abfichtlich dieſes 
auffalfende Beifpiel Griechiſcher Eitelkeit nicht überachen. 
Er war von Melos [Milo] , und hochbberühmt durch feine 
Kenntnifie in der Geometrie. Er farb in hohem Alter in 
feiner Baterftadt, und fein Leichenbegängniß wurde von 
‚feinen Anverwandten, melden die Erbfchaft zufiel,. beforgt.- 
ALS diefe in den nächſtfolgenden Zagen die gebräuchlichen 
Eeremonien verrichteten,, follen fie in dem Grabe einen im 
Namen des Dionpfodorus an die Obermelt gefchriebenen 
Brief gefynden haben, in welchem (land, daß er von feinem 
Grabe aus in das Junerſte der Erde gekommen, und daß 
Bis dahin 42,000 Stadien [1,650 M.] feyen. 11. Es fehlte 
nidyt an Geometern, weldye die Sache dahin erklärten, daß 
der Brief vom Mittelpuntte der Erde ausgeſchickt fen; 
denn bis dahin müfle von der Oberfläche die weiteſte Strede, 
und dieſe alfo die Hälfte des Erddurchmeflers fenn. ** 
‚ Daraus folgte nun die Berechnung, nad) welcher fie den 
Umfang der Erde auf 252,000 Stadien beflimmten, 

CXUI. Eine ausgleichende Berechnung , welde ſich auf 
die nothwendige Uebereinflimmung der Natur mit allen ihren 
Theilen flügt, fügt biefem Maße noch 12,000 Gtadien 
[300 M.] hinzu, und macht fomit die Erde zum ſechsund⸗ 
neunzigftien Theile der Welt. ***) ‘ 

” Alſo 6,925 M. Die jegige Berechnung gibt ben Erdum⸗ 
fang zu 5,400 M. an. 
**) Der Durchmeffer der Erbe beträgt 1,719, ber Halbmeſſer 
859% M. Die alte Berechnung ift alfo zu hoch. 
”2*, Der Umfang der Welt wäre demnach 5,979,600 M. Cine 
befchyäntte Anfiht. Die Welt ift unermeßlich, und die 
Erbe ein winzig Eleiner Punkt in derſelben. 








! 


Roͤmiſche profaiker 


in 
neuen Üeberfegungen. 


Herausgegeben. 
von 
G 2. F. Tafel, Profeffor zu Tübingen, 


C. N. v. Dfiander, Profeffor zu Stuttgart, 


und G. Schwab, Pfarrer zu Somaringen 
ı „bei Tübingen. 


— — 


Hundertfievenundfünfzigftes Bändchen. 





Oo Stuttgart, 


Berlag Ker J. B. Mepterichen Buchhandlung 
u 1 8 4 0. 
% 





A 





Cajus Plinius Secundus: 


Naturgeididte, 


LU] 


Aa 
Ueberfegt und erläutert 


von. 


Dr. Ph. H. Rülb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz. 


Drittes Bändchen. 





Stuttgart, 
Berlag der J. B. Meplerfchen Buchhandlung, 
1840 


8 


* 
* 





® 


CE. Plinius Secundus Naturgeſchichte. 





Drittes Bud. 


Ueber die Lage der Länder, ihre Bewohner, 
Meere, Städte, Häfen, Berge, Flüſſe, 
‚die Entfernungen derDrte von einander 
und über die Völker, welhe noch da find, 
. vder da waren. | | 


GG 





[4 


Inhalt 


Worwort. Eintheilung des Erdkreiſes. Kay. I. Guropa; 
feine Lage und feine Grenzen im Allgemeinen. II. Hiſpanien 


-überhaupt.]. II. Die Bätifhe Provinz. IV. Das bieffeitige 


Hispanien. V. Die Narbonenfifhe Provinz. VI, Italien. 
VO. [Der neunte Bezirk Statiens, VI, Der fiebente Yezire 
Italiens. IX, [Der erſte Bezire Staliend.] Der Tiber. Rom. 
X. [Der dritte Bezirk Italiens.) XI. Vierundſechzig Infeln, 
darunter die Balearen. XI, Eorfica ZU, GSarbinien, | 
XIV, Sicilien. XV, ſGroßgriechenland. XVI. Der zweite 
Bezirk Italiens. XVII. Der vierte Bezirk Staliend. XVII. Der 
fünfte Bezirk Italiens. XIX, Der fehste Bezirk Italiens, 


‘ 


262 C. Plinius Naturgeſchichte. 


XX. Der achte Bezirk Italiens.! Vom Padus. XXI. [Der 
eitfte Bezirk Itallens.] Italien jenſeits des Padus. XXII. [Der 
zehnte Bezirk Italiens] XXI. Lage und Bewölterung Iſtriens. 
XXIV, Die Alpen und bie Alpenvölter. XXV. tTipuruten 
und Juyrieum. XXVI. Dalmatien. XXVIl. Die Norifer, 
XXVIII. Pannonin, XXIX, Möften. XXX. Inſeln im 
Joniſcheñ und Abriatifhen Meer. 
Summg ber Städte und Böller . . ..... 
ss" der bedeutendern Fluſſe Pr zur er rer 
s der bedeutendern Berge . . . +. \ 
5 der Inſeln.. .... 
⸗ der verſchwundenen Städte und Völker.....) 
Summe aller Segenfiände, Geſchichten und Bemerkungen 826. 


Duellen. 


INömifhel Turranius Gracilis, Com... Nepos, T. Li⸗ 
vins, Cato der Cenſor, M. Agrippa, M. Varro, der göttliche 
Augufus, Barro von Altace, Antias, Hpginus, 2. Vetus, 
Mela Pomponius, Curio der Vater, Caͤlius Arruntius, Seboſus, 
Licinius Mucianus, Fabricius Tuscus, E. Atteius Capito, Ver⸗ 
rius Flaccus, L. Piſo, Gellianus, Valerianus. 


Fremde: Artemidorus, Alexander Polyhiſtor, Thucydides, 
Theophraßzus, Iſidorus, Theopompus, Metrodorus von Scepſis, 
Callicrates, Renophon von Lampſacus, Diodorus von Syracus, 
Ealliphanes, Timagenes. 





u ⁊ 


“) Wie Zahlen fehlen in allen Handſchriften. 


J 
— — — 





Drittes Bub, 263 
Bemerkungen über die in bdiefem Bude 
von Plimius benützten Quellen. *) 


Agrippa (M. Vipfanins), Berwandter. und Sremd 
des Kaiſers Auguſtus, welcher ſich um die Geographie große 
Berdieuſte erwarb. Zwar hatte ſchon unter Julius Cäſar 
ein Senatsbefchluß eine allgemeine Meſſung des Römiſchen 
Reiches verordnet; aber erſt Auguſtus (S. D.) braßite fie 
durch Agrippa’s Bemühungen zu Stande. Dieſer legte die 
gewonnenen Reſultate in einem Werke nieder, aus welchem 
Plinius eine Menge von Nachrichten, beſonders aber Maß⸗ 
beſtimm ungen ſchöpft: fo die Beſtimmungen der Entfernung 
Des Borgebirges Lacinium von Cauls (Kap 15. 8. 2.); bei 
Umfangs des Adriatiſchen Meeres (Kap. 29. 6. 2.); ber 
Größe des Bätiſchen Spaniens (Kap. 3. S. 13,)5 der Nar⸗ 
Wonenfifhen Provinz (Kap. 5. 8. 6.) nud Gicitiend (K. 44. 
$ 1). Diele Belimmungen find übrigens nicht immer ' 
richtig. Durch Plinins (Kap. 3. $. 3.) _srfahren wir, daß 
er die Küftenbewohner der Bätifchen Provinz für Abkömm⸗ 
linge der Kartbager hielt. Agrippa hatte den Pan, in 
einem runden Bebände die zu feiner Zeit bekaunten Theile 
der Erde bildlich darzuftellen. Der Zob binderte ihn 
an ber Musführung (Kap. 3. |. “e. Vergl. Augus 
Aus - 





"m Der Strid ) vor einem Artikel zeigt an, daß vom bem 
Schriftfteller ſchon beim zweiten MWuche bie Rebe war. Die 
Green Autoren find wit einem Sternchen bezeichnet. 


Drittes Bud. - 265 


Zuhaltövergeichniffe zu biefem Bude unter feinen Quellen 
anführt, ohne Daß wir beſtimmen können, melde Barte 
deſſelben er vor Augen hatte. 

— Auguftus, der Kaifer, den wir ſchon im vorigen 
Bude als Hiftoriter keunen lernten, erwarb ſich auch große 
Berdienite um Die Geographie. : Er lieh eine große Karte 
DE Römischen Reiches fertigen, und in.dem Reichtarchiv 
hitberlegen. Auch vollendete er den von’ Agrippa (©. D.) 
Drojestivten, und von deſſen Schweſter begonnenen Zempel, 
in Melhem Die damals bekannten Theile der Erde bildlich 
Uurgefeitt waren (Kap. 5. 6. 44.). Plinins folgt in feiner 
Desgtaphie Auguſt's Wintheilung Italiens in Bezirke 
a6. 8.8. Kap. 7. 3. Kap. 9. 5. 10.).' 

Cilius., ©. Antipater E. Eälins). 

* Gatlicrates, ein nns unbekannter Griechiſcher 
Gäröftfteller , der wahrſcheinlich ein geographiſches Merk 
herausgegeben hatte. Denn Plinius führt ihn im Inhalts⸗ 
verzeihniffe zu diefem Buche als eine der von ihm benügsen 
Duelen an. 

*Eallimahns aus Eyrene, ein b:tannter Schrift⸗ 
Reller des dritten Jahrbunderts vor Ehr., welcher Ad in 
den mannigfaltigfien Iweigen des Wiſſens verſachte. Bon 
feinen zahireichen poetiſchen Werten Aub nur feine Hymuen, 
die jedoch Leinen befonderen poetiſchen Werth haben, und 
Erigeamme auf unfere Zeit gekmmen. Mehr zu bebauern 

in ber Bertap feiner Hißorifchgeographifhen Er" 
Air Geftichten über Gründungen von Jaſein uud 
nie vieur zai mel), uud „Mundermerke & 
Güpine). Uns dem erferen Diefer Werke nahm 


* 


256 C. Plinius Naturgeſchichte. ꝛc. 


rungswürdigen Scharfſinn beweist, fügt noch etwas weniger 
als 25,000 Stadien [625 M.] hinzu. _ " 

(cix). 10. Anders verhält es ſich mit der Glaubwür⸗ 
digkeit des Dionyſodorns, und ich will abfichtlich dieſes 
auffallende Beifpiel Griechiſcher Eitelkeit nicht übergehen. 


Er war von Melos [Milo] , und hochbberühmt durch feine _ 


Kenntniffe in der Geometrie. Er flarb in hohem Alter in 
feiner Baterftadt, und fein Leichenbegängniß wurde von 
„feinen Anverwandten, welchen die Erbfchaft zufiel, beforgt., 
Als diefe in den nächſtfolgenden Zagen die gebräuchlichen 
Geremonien verrichteten , follen fie in dem Grabe einen im 
Namen des Dionpfodorus an die Dbermelt gefchriebenen 
Brief gefyuden haben, in welchem fland, daß er von feinem 
Grabe aus in das Junerſte der Erde gekommen, und daß 
bis dahin 42,000 Stadien [4,650 M.] ſeyen. 11. Es fehlte 
nicht an Geometern , welche die Sache dahin erklärten, daß 
der Brief vom Mittelpuntte der Erde ausgeſchickt fen; 
deun bis dahin müfle_von der Oberfläche die weitefte Strede, 
und Diefe alfo die Hälfte des Erddurchmeflers ſeyn. **) 
‚ Daraus folgte nun die Berechnung, nad) welcher fie den 
J Umfang ber Erde anf 252,000 Stadien beflimmten. 
CXHI. Eine ausgleichende Berechnung, welche fich auf 
die nothwendige Uebereinffimmung der Natur mit allen ihren 
Theilen flügt, fügt biefem Maße nod 12,000 Gtadien 
[300 M.] hinzu, und macht fomit die Erde zum fechsund: 
neunzigfteu Theile der Welt. ***) \ 
* Alſo 6,925 M, Die jegige Berechnung gibt den Crbum: 
fong zu 5,400 M. an. 
*+, Der Durchmefler ber Erbe beträgt 1,719, der Halbmeſſer 
859% M. Die alte Berechnung ift alfo zu hoch. 
“#*), Der Umfang ber Welt wäre demnach 5,979,600 M. Cine 
befchräntte Anfiht. Die Welt ift unermeßlih, und bie 
Erde ein winzig Fleiner Punkt in berfelben. 


B 











' 


Rbmiſqe. Proſaiker 


in 
neuen Ueberfegungen. 


Herausgegeben. 
von 
G 2% F. Tafel, Profeſſor zu Tübingen, 
C. N. v. Dfiander, Profeffor zu Stuttgart, 


und G. Schwab, Pfarrer zu Somaringen 
bei Tübingen. 


— — 


s 


Hundertfiebenundfünfzigftes Bändchen. 


we 





Stuttgart, 
Bering Kr J. B. Mesterfchen Buchhandlung 
1 8 4 0 
% 








Cajus Plinius Secundus 
Naturgeſchichte. 
ueberſetzt und erläutert 


von. 


Dr. Ph. H. Külb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz. 


Drittes Bändchen. 





Stuttgart, 
Verlag der J. B. Meh le r'ſchen Buchhandlung. 
1840. 














‘ 
« 


€ Plinius Secundus Naturgeſchichte. 





Drittes Bud. 


Meber die Tage der Länder, ihre Bewohner, 
Meere, Städte, Häfen, Berge, Flüſſe, 
die Entfernungen der Orte von einander 
und. über die Völker, welhe noch da find, 


e x 


„ . dder da waren. , 





oo —Jnbalt. 
-  Worwort, Eintheilung des Erdereiſes. Kay. I. Europa; 


. fette Lage und feine Grenzen im Allgemeinen. Il. Hiſpanien 
-überhaupt.). III, Die Bätifhe Provinz. IV. Das bieffeitige 


Hispanien. V. Die Narbonenfifhe Provinz. VI, Italien. 
VII [Der neunte Bezire Italiens. VIII. Der fiebente Yezire 
Italiens. IX, [Der erſte Bezirk Staliend.] Der Tiber. Rom. 


X. [der dritte Bezirke Italiens.) XI. Vierundſechzig Infeln, 


darunter die Balearn. XI, GEorfica XIII. Sardinien, 
XIV, Sicilien. XV. [®roßgriedheniand. XVI. Der zweite, 
Bezirk Italiens. XVII, Der vierte Bezirk Italiens. XVIII. Der 
fünfte Bezirk Iteliens. XIX, Der ſechste Bezirk Stalins. 


‘ 


- 


1 


262 C. Plinius Naturgeſchichte. 


XX. Der achte Bezirk Itariend,]. Vom Padus. XXI, [Der 
eifte Bezirk Itallens.] Italien jenſeits des Pabus. XXII. [Der 
zehnte Bezirk Italiens] XXI, Lage und Bevölkerung Iſtriens. 
XXIV. Die Alpen und bie Alpenvölter. XXV. Tisurmien 
und Juvyrieum. XXVI Dalmatien. XXVI. Die Noriter, 
XXVIII. Pannonin, XXIX, Möften. XXX. Infen im 
Sonifchen und Atriatifchen Meer. 
Summf ber Städte und Böller . . . . 0... 

⸗der bedeutendern Stäffe. ... .. 

3 der bedeutendern Berge . oo. 0.0. t 

⸗ ber Inſeln...... 

⸗ ber verſchwundenen Städte und Volker..... * 

Summe aller Gegenſtände, Geſchichten und Bemerkungen : 326. 


Quellen. 


IRômfſche] Turranius Gracilis, Corn. Nepos, T. Li⸗ 
vius, Cato der Cenſor, M. Agrippa, M. Varro, der göttliche 
Auguſtus, Barro von Utace, Antias, Hpginus, 2. Vetus, 
Mela Pomponius, Curio der Vater, Caͤlius Arruntius, Seboſus, 
Licinius Mucianus, Fabricius Tuscus, L. Arteius Capito, Ber: 
rius Flaccus, &, Piſo, Gellianus, Valerianus. 


Fremde: Artemidorus, Alexander Polyhiſtor, Thucydides, 
Theophraſtus, Iſidorus, Theopompus, Metrodorus von Grepfis, 
Eallicrates, Zenophon von Lampſacus, Diodorus von Syracus, 
Ealliphanes, Timagenes. 





Die Zahlen fehlen im allen Handſchriften. 


r " — — — * 


Drittes ih | 263 
Bemerkungen über die im diefem Bude 
von Plinius-benügten Quellen. ®) 


Agrippa (M. Vipfſanius), Verwandter: uud Fremd 
des Kaifers Auguſtus, welcher ſich um tie Geographie große 
Berdieuſte erwarb; Zwar hatte fhon unter Julius Cäſar 
ein Senatsbeſchluß eine allgemeine Meflung des Römiſchen 
Reiches verordnet; aber erſt Auguſtus (©. D.) bradite fie 
durch Agrippa’s Bemühungen zu Stande. Diefer legte bie 
gewonnenen Refultate in einem Werke nieder, and welchem 
Plinius eine’ Menge von Nachrichten, befonders aber Maß: 
deftimmungen ſchöpft: fo die Beftimmungen der Entfernung 
des Borgebirges Lacinium von Caulo (Kap 15. $. 2.); bed 
Umfangs des Adriatiſcheu Meeres (Kap. 29. 6. 2.); Ber 
Größe des Bätifchen Spaniens (Kap. 5. 6. 13,);5 der Nar⸗ 
Konenfifhen Provinz (Kap. 5. $. 6.) uud Gicitiend (K. 24. 
$. 1). Diele Beflimmungen find übrigens nit immer ' 
richtig. Durch Dlinins (Kap. 3. $. 3.)_erfahren wir, daß 
er die Küfenbewohner der Bätifchen Provinz für Abkömm⸗ 
linge der Karthager hielt. Agrippa hatte den Wan, in 
einem runden Gebände die zu feiner Zeit bekaunten Theile 
der Erde bildlich darzuſtellen. Der Tod hinderte ihn 
an der Ausführung (Rap. 3. $. 44.). Vergl. Augus 
Kus. | \- 





9 Der Strih (—) vor einem Artikel zeigt an, daß vom dem 
Schriftfteller ſchon beim zweiten Buche bie Rebe war. Die 
Griechiſchen Autoren find mit einem Sternchen bezeichnet, 


264 C. Plinius Naturgeſchichte. 


RAlexander von Kotyäum in Phrygien, oder (wie 
Suidas angibt) von Milet, ein Griechiſcher Schriftſteller 
ans dem letzten Jahrhundert vor Chr., war Sclave des 

Cornelins Lentulus, der ihm die Freiheit ſchenkte, nnd den 
Unterricht feiner Kinder übertrug. . Ulerander nannte Ad) 
deßhalb auch Cornelius. Seiner ausgebreiteten Keuntniffe 
wegen hieß er Polyhiſtor. Er fchrieb ein gesgrapbifdgkäfi« 
ſtiſches Werk über die damals befaunten Länder,-und eine 
Sammlung von. wunderbaren Erzählungen- (Savkaviur ov- 
sayayı). Aus welchem ber, beiden nicht mehr vorhandenen 
Werte Plinius die Nachricht (Kap. 21. $. 3.).über die Abs 
ſtammung der Orobier, eines Volkes im nörbjichen, Stalien, 
nahm, läßt fidy nicht ermitteln. 

Antias. S. Balerius Antias. 

— Antipater (L. Eälins). Aus ſeiner Geſchichte der 
—* Kriege nahm Plinius (Kap. 23. 6. 5.) die Bes 
Wiamung der Länge der. Alpen: 

Arruntins (Eucins), ein Römiſcher Hifforiker aus der 
Zeit Auguſt's, welcher eine nicht mehr vorhandene Geſchichte 
des erften Bunifchen Krieges fchrieb, in welcher er den Styl 
des Salluſtins nachgekünftelt habeh foll. . Plinius nennt ihn 
im Inhaltsverzeichniffe zu dieſem Buch unter deu von ihm 
benügten Schriftſtellern. | 

— * Urtemiborus von Ephefud. Un welchen 
Stellen Plinins die geographiſchen Werke diefes Schriftſtel⸗ 
lers benügte, taßt ich nicht beftimmen. . Bermnthlich dient 
er ihm oft bei den Befchreibungen der Küften als Zahrer. 

Atteius Eapito (Lucius), ein berühmter Römifcher 
Rechtsgelehrter zur Seit Auguſt's, welchen Plinius im 


\ 


BT 

















Drittes Buq. 268 


Jahalts verzeichniffe au diefem Buche unter feinen Quellen 
anführt, ohne daß wir beſtimmen können, welche Werte 
deſſelben er vor Augen hatte. 

— Anguſtus, der Kaifer, ben wir ſchon im vorige 
Bude als Hifforiter Tonnen lernten, erwarb ſich aud große 
Berdienfte um die Bengraphie. : Er lieh eine große Karte 
des Röomiſchen Reiches ferfigen, und in. dem Reichsarchiv 
nieberlegen.' Auch vollendete er den von Agrippa (S. D.) 
projectirten, und von deffen Schwefter begonnenen Tempel, 
in welchem die damals befannten Theile ber Erde bildlich 
dargeftellt waren (Kap. 3. $. 44.). Plinius folgt in feiner 
Geographie Auguſt's | Eintheilung Italiens in Bezirke 
(Rap. 6. 9. 8. Kap. 7. 6. 3. Kap. 9. $. 410.) ’ 

Eilius. .S. Antipater (E. Cäliueh. 

Calli icrates, ein uns unbefannter Griechifcher 
Schriftſteller, der wahrſcheinlich ein geographifches Werk 
herausgegeben hatte. Denn Plinius führt ihn im Inhalks⸗ 
verzeichniffe zu diefem Due als eine bet von ihm „benügten. | 
Quellen an. 

* Eallimahus aus. Enrene, ein bekannter Schrift: 
flellex des dritten Jahrhunderts vor Chr., welcher Ah in 
den mannigfaltigfien Iweigen des Wiſſens verſuchte. Bon 
feinen zahlreichen poetiſchen Werken find nur feine Hymnen, 
die jedoch Feinen beſonderen poetifchen Werth haben, und 
Epigramme auf. unfere Zeit geommen. Mehr zu bebauern 
iß der Verluſt feiner Hiftorifchgengraphifchen Schriften: 
„Alte Geſchichten Über Gründungen von Inſeln und Städten“ 
(srlouıs vro0v zul öl), und „Wunderwerke der Malt“ 
(Hcvudosa). Aus dem erfieren diefer Werke nahm Plinins 


4 


266 C. Plinius Naturgefchichte. | 


vielleicht bie Bemerkungen, daß bie Peucetier ein Illyriſches 
Volk feyen (Kap. 25. $. 1.), und daß die Melitäifchen 
Händchen (eine Art Bologueferhändchen) ihren Namen von 
der Inſel Melita haben (Kap. 50. $. 3.). 

Calliphanes, ein Griechiſcher Schriftſteller, von 

dem wir Nichts wiſſen, als daß er ein nicht mehr vorhau⸗ 
denes Werk über Geographie geſchrieben hat. Plinius nennt 
ihn im Inhaltsverzeichniß zu: dieſem Buche als eine feiner 
Quellen. 
— Catv (Marcus Porcius), der Cenſor. Eines ſeiner 
Hauptwerke, das nicht auf unſere Zeiten kam, war eine um⸗ 
faſſende Unterfayang über dem Urſprung Rom’s und der 
übrigen Italiſchen Städte (Origines) in fieben Büchern. 
Aus ihm fchöpfte Plinins Die Bemerkungen ber eine alte 
Stadt Thebä in kucanien (Kap. 15. 8. 3.); über die Ein: 
theilung der Bojer in 112 Volksklaſſen (Kap. 20. $. 2.); 
über den Urfprung der Colonie Balisca (Kay. 8. $. 2.); 
ber Stadt Almeria (Rap. 19. .$. 3.); der Stadt Novaria 
(Rap. 24. $. 2.); der Bevölkerung des Lundflrihes von 
Como und Mailand (Kap. 24. $. 3.); der Bergomater 
(Kap. 21. $. 3.); der Beneter und der Eenomaner (K. 23 
$..3.), fo wie der Euganeer, ber Levontier und der Salaſſer 
(Kap. 24. (F. 4. 2.). 

Clitarchas aus Aeolis, ein Griechiſcher Hiſtoriter, 
weldyer Alexander den Großen auf feinen Feldzügen bes 
gleitete,, und deſſen Thaten befchrieb. Aus biefer nicht mehr 
vorhandenen ,. von alten Schriftſtellern wenig gepriefenen 
Geſchichte theilt Plinius (Kap. 9 $. 5.) die Nachricht 


Drittes Buch. 267 


mit, daB auch, die Römer eine Geſaudtſchaft an "Algander 
geſchickt hätten. j 

Eornelius Alerander. ©. Alerander von 
Kotyäaum. 

— Eornelins Nepos. Die Beilimmungen ber Länge 
und Breite der Meerenge von Gibraltar (Vorwort $. 6.), 
der Breite der. Alpen (Kap. 28. $ 5.) und der Epoche 
der Zerfiörung der Stadt Melpum (Kap. 21. 6. 3.), fo 
wie eine falfche Behauptung über den Iſter (Kap. 22. 8. 2.), 
welche Plinius aus feinen Schriften nahm, finden ſich nicht 
in den auf und gefommenen Auszügen feines Wertes: 
De viris illustribns, 

Eurio, der Bater, ein Röomiſcher Sachwalter und Redner 
zur, Zeit des Julins Caͤſar (Sueton. Zul. Eäf. 49), weicher 
sermuthlich auch ein hifforifches oder ein geographifdyes Werk 
ſchrieb. Denn Plinius nennt ihn im Inhaltsverzeichniſſe 
diefes Buches unter den von ihm benützten Quellen. 

— * Diodorus von Agyrion in Sicitien. Plinius 
nahm auch in diefem Buche Mauches ans Diodor's „hiſto⸗ 
riſcher Bibliothek. «“Da jedoch dieſes Wert nicht mehr 
voftftändig vorhanden iſt, fo laſſen ſich die Stellen, an wel⸗ 
chen er es benützte, nicht nachweiſen. 

— *Eratoſthenes von Eyrene. Aus feiner. nicht 
mehr vorhandenen Erdbefcreibung führt Plinius (Kap. 10. 

& 4.) die Namen an, weldhe diefer Geograph den einzeln 
Theulen des mittellan diſchen Meeres gab. 
Fabricius Tuscus, ein und unbekaner Sarift⸗ 
teller, der vermuthlich ein hiſtoriſches oder ein geographi⸗ 


S 


- 


, | 
266 €. Plinius Naturgeſchichte. | | 


Bert verfaßte, da ihn Plinius in dem Inhalts verzeichniffe 
zu dieſem Buche als eine feiner Quellen anführt. 
Gellianns, ein und unbebannter Römifcher Schrift⸗ 
ſteller, dem Plinius (Kap. 17. 6. 2.) die Nachricht ent⸗ 
lehnt, daß die Marſiſche Stadt Archippe vom Fucinerſee 





verſchlungen worden ſey. 

| — * Homer. Eine Stelle diefes Dichters (Otpffee 
X, 498) , weiche von der Infel der Eirce ſpricht, verfieht 
Plinius (Kap. :9. 6. 5.) falſch, und wendet fle auf die 
Stadt Circeji an. Eben fo irrig führt er (Kap. 12. $. 3.) 
Homer (Il. II, 783.) als Gewähremann an, daß die Inſel 
Aenaria ſonſt Inarime geheißen, und daß die Inſel Ogygia 
(Odyſſ. VII, 244. XII, 448.) bei dem Vorgebirge Lacinium 
gelegen habe (Kap. 13. 6. 2.). 

| Hyginus (E. Julius), ein Breigelaflener Auguſt's, 
der ſich als Vorſteher der Palatiniſchen Bibliothek und als 
Grammatiker Ruhm erwarb. Er ſchrieb mehrere hiſtoriſch⸗ 
geographiſche Werke, welche nicht mehr. vorhauden find. 
Eines derfelben über die Städte Italiens (de urbibus Italiae) 
benügte wahrſcheinlich Plinins in dieſem Buche. 

— * Iſidorus von Eharar. Plinius benüßte deſſen 
geographifches Werk in diefem Bude; wir Fönnen aber 
nicht beflimmen,, an welchen Stellen. 

— Licinjus Mucianus Aus feiner und nicht 
näher bekannten Geſchichte nahm Plinius (K. 9. $. 6.) Pie 
Bemerkung, daß. an der Stelle der Pontinifchen Sümpfe 
einft 35 Städte gelegen hätten. 

— Livins (Titus). Die Bellimmungen der Känge 
und Breite der Meerenge von Gibraltar Gorwort, 6. 5.) 


\- 


| 


Drittes Buch. 269 
und der Breite der Alpen (Kap. 25. $. 5.), weiche ihm 
Plinius entlehnt, finden fidy nicht in, den’ noch vorhandenen 
Büchern feiner Gedichte. - 

Mela Pomponins ans Spanien, der vorzuͤglichſte 
Oeograph Roms, lebte zur Seit des Kaiferd Claudius, und 
frieb eine Geographie (de situ orbis) , welche .wir noch be⸗ 
ften, und die Plinins allenthaiben benützte. 

* Metrodorus von Gcepfis, ein Griechiſcher Philos 
ſohh des zweiten Jahrhunderts vor Ehr., aus der Schule 


des Karneades. Er war zugleich Maler, und wurde das 


ber von Paulus Aemilins als Lehrer feiner Kinder und 
als Künftler zur Ausſchmückung feines Triumphs von Athen 


— 


nach Rom berufen. Er ſchrieb wohl auch über Geographie. 


Denn aus einem Werke ſolchen Inhalts mag Plinius die 
Bemerkung Kap. 20. $. 8.) über den Urſprung ‚des Na: 
mens des Fluſſes Padus und über deffen Benemung bei 


den @ingeborenen genommen haben. - . _ 


Mucianus. © Licinius Mucianus. 
eMyrtilus oder Myrſilus, ein Griechiſcher Schrift⸗ 


ſteller, von welchem wir nichts wiſſen, als daß er von 
Lesbos war, und einige nicht mehr vorhandene hiſtoriſch⸗ 


geographiſche Werke ſchrieb. Aus einem berfelben nahm 
Plinins (Kap. 13. $. 3.) die Bemerkung, daß die Inſel 
Sordinien auch Ichnuſa hieß. | . 

— Piſo (2. Ealpurnins). Aus feinen nicht mehr 
torhandenen Annalen ſchöpfte Plinius (Kap. 23. S. 4.) die 
Nachricht, daß Claudius Marcellus eine Stadt, 12 Millien 
von Anuifeja, wider Willen des Senats zerflörte. 

"Yolybins von Megalorolis, einer der berühmteften 

« : 


270 C. Plinius Naturgeſchichte. 


| Geſchichtſchreiber des Alterthums, lebte im zweiten Jahr⸗ 

hundert vor Chr. (205 — 125), und zeichnete ſich als Gtanis- 
mann und Feldherr gleich vortheilhaft aus. Nach der Zer⸗ 
aörung des Achäiſchen Bandes kam er nach Rom, und be⸗ 
ſchaͤftigte ſich daſelbſt mit der Ausarbeitung eines Werkes 
über die Nömifche Gefhichte in ao Büchern. In einem ders 


ſelben (vielleicht. dem vierunddreißigfien) behandelt er biſon⸗ 


ders die Geographie der alten Welt. In den nody vorhan⸗ 
Denen fünf. erften ‚Büchern dieſes Wertes, fo wie in den 
‚einzelnen Bruchſtücken der übrigen findet fih Die vom 
Plinius angeführte Stelle. (Kap. 10. $. 4.), worin er den 
heutigen Golf von Tarent dad Aufonifag Meer nenut, nicht. 

Pomponius Mela © Mela p. 

— Statins Seboſus. Seine nicht: mehr vorhan⸗ 
denen Schriften benützte Plinins in diefem Buche, wie aus 
Dem Inhaltsverzeichniſſe hervorgeht. 

— * Theophrogſtus von Erefud auf Lesbos. Aus 
einer Stelle des Plinius (Kap. 9. 6. 5.), bie jedody von 
Manchen anders ausgetegt wird, erfahren: wir, daß er feine 
Botanik (zepi gurüs iorogia, historia plantarum) dent Athes 
nifben Archon Nitodorus widmete. Aus dieſem noch vor: 
bandenen Werke führt Plinins eine Stelle (CV, 9.) au, in 
welcher von der Stadt Rom die Rede ift. « 

— * Theopompns von Chiod. Aus feinen wicht 
mehr vorhandenen Geſchichtswerken nahm Plinius Die Nach⸗ 
ridt (Kap. 9 $. 5.) Über die Einnahme der Stadt Rom 
durch die Gallier, und die Bemerkung (Kap. 15. $. 3.), 
daß Ulerander von Epirus in Pandoila umgekommen fen. 

Thucydides, der.befannte Geſchichtſchreiber des 


\ . n“ 








w, 


Drittes Bud.’ 2714 


Peloponneſiſchen Krieges, über welchen hier nichts weiter 
gefagt werden foll, als daß ihn Plinius bei der Bemerkung 
(R. 14. $. 1.), daß Gicilien früher Gicania geheißen Date, 
als Gewährsmann (VI, 2.) anführt. 

* Timäns von Tauromenium in Gicilien, ein Grie⸗ 
chiſcher Geſchichtſchreiber aus dem dritten Jahrhundert vor 
Ehr. (um 260), wurde. von Agathocles aus feinem Vater⸗. 
fande verbannt, und ließ fich am Athen nieder, wo er ein 
großes biftorifches Wer über Griechenland, Italien und Si⸗ 
cilien (Hiinvıxa xai Zinelsna , Oder "Iralıza za Zexehsd) 
ausarbeitete, das nicht mehe vorhanden ift. Plinius (K. 13. 
$. 8.) nahm ans ihm die Bemerkung, daß die Inſel Sar⸗ 
dinien auch Sandaliotis geheißen habe. 

Timagenes von Alexaudria, ein Sohn hochſte⸗ 
hender Eltern, verlor bei der Eroberung feiner Vaterſtadt 
durch Die Römer (55 vor Eye.) feine Freiheit, und kam 
durdy Kauf an Fauſtus, Sylla's Gohn,. der ihn frei gab. 
Später Ichrte er in Rom die Rhetorik mit großem Beifall. 
Beine „Geſchichte Alexanders bed Großen,“ welche Curtius 
als Hauptquelle benützte, ſo wie fein Werk über Gallien, 
ans weichem Plinius die Beflimmung der Länge der‘ Alpen 
nahm (Kap. 35. $. 5.), And nicht mehr vorhanden. : 

TZurranius Bracitis, ein Romiſcher Schrifiſteller, 
über deffen Lebensverhäftniffe- wir Nichts willen, als daß er. 
bei Mellaria im Bätifhen Spanien geboren war, nnd wahre 
fheintich zn Eicero’s Zeit lebte (Vgl. Cio. ep. ad Attic, 
1, 6.). Aus einem feiner und nicht näher bekannten Werke 
nahm Plinius (Borwort' 6. A.) die Beſtimmung der Fänge 
und Breite der Meerenge von Gibraltar. 


* °. 


J 


72 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Varlerianus (Cornelius), ein Römifcher Schrift: 
ſteller, der wahrſcheinlich kurz nach Tiberius lebte, und über 
deſſen Werke nus Nichts bekannt iſt. Plinius (Rap. 17. 
$. 2.) entichut ihm die Nachricht, daß die unbetannte Stade 
des unbekannten Volkes ber Biticiner durch die Römer 
zerflört wurde. | 
. — Balerius' Antias O.. Aus ſeinen Annalen 
ſchöpft Plinius (Kap. 9. |. 47.) die Nachricht, daß ber 
König 2%. Tarquinius die Stadt Apiolä in Latium erobert, 
und. von der dafeibft gemachten Beute den Ban des Kapi: 
tofiums begonnen habe. 

— Barro (M. Terentius). Aus welden feiner zahl: 
reichen verlorenen Schriften Plinins bie falfche Beſtimmung 
der Entfernung Italiens von Africa (Kap. 6. $. 7.) und 
die Nachricht über Die Bevölkerung Spaniens (Kap. 3. $. 3.) 
nahm, läßt ſich nicht beſtimmen. 

Varro (P. Terentius) von Atace im Narbonifchen 
Gallien, ein Römiſcher Dichter, welcher im erſten Jahr: 


ı hundert vor Ehr. Ichte, von deſſen Werten jedoch Nichts 


anf unfere Zeit getommen iſt. Aus feiner Weltbefchreibung. 
(Chorographia oder Cosmographia) , einem großen Gedichte, 
nahm, Plinius wahrfcheintid Die falſche Beflimmung der 
“Ränge Großgriechenlands (Kap. 15. $. 4.), die Behaupfung, 
daß der Cutiliſche See der Mittelpunkt Italiens fey (K. 17. 
$. 3.), und Die Angabe, daß 89 Städte zum Gerichtsbezirke 
von Narona gehörten (Kap. 26. $. 2.). 

‚Berrius Flaccus, ein Römiſcher Grammatiker, 
welchs; Auguſtus zum Erzieher feiner Enkel beftimmte, und 
der bie zur Zeit des Tiderius lebte. Er ſchrieb außer feinen 





Drittes ul a 


grammmatifchen Werken and) einige Bücher üher merkwindige 
Dinge (libri rerum memoria dignarum), welche Plinins bes 
nützte. Keines feiner Werke ift auf unfere Zeit gekommen. 

Vetus (Lucius), ein Römiſcher Feldherr in Ger—⸗ 
manien unter Nero (Tacit. Ann. XIII, 44.), der wahrſchein⸗ 
lich auch über Geographie ſchrieb. Denn Plinius nennt ihn 
im Inhaltsverzeichniffe zu dieſem Bude als eine feiner 
Quellen. FB . nl 

° Kenophon von Lampfacus, ein uns unbekannter 
Grieche, der wahrfcheintidh über Geographie ſchrieb. Denn 
Plinius führe ihn im Snhaltsverzeichniffe zu diefem Bude - 
unter den von ihm benüpten Quellen an. ’ 


Aumerbung Dei den alten Ortsnamen find ſtets 
zur Bequemlichkeit - der Leer die neueren entiprecheuden 
Benennungen beigefügt. Ueberaft das Richtige au treffen, 
ift unmöglid ; doch wurde bei zweifelhaften Fällen immer 
das Wahrfdeinlichfte gewählt. Wo man Feine neuere Ber 
nennung beigefügt findet, darf man anf Die Unmögfichkeit, 
diefe auszumitteln, ſchließen. 


c. Minins Naturgefh, 38 Vochn. 2 


» Br » 


Borwort. 





4. Bisher haben wir von der Lage und den Wundern 
der Erde, der Gewäſſer und der Gefirne, fo wie von der 
Beichaffenheit und Maßbeſtimmung des Alls gefprochen: 
jest gehen wir zu den Theilen Über. Auch diefed Unter 
nehmen muß als ein unendliches betrachtet werden, an das 
ſich noch Niemand leichtſinnig wagte, ohne daß ihm Tadel 
geworden wäre. Bei keiner andern Art Arbeit iſt jedoch 
Nachſicht billiger, wenn man es nur natürlich finden will, 
daß ein ſterblicher Menſch nicht alles menſchliche Willen im 
fih vereinigen Pünne. 2. Deßhalb werde ih auch feinen 
Schriftſteller ausſchließend folgen, fondern in jedem einzelnen 
Abfchnitte immer dem, der fi mir als der zuverläßigfte 
herausftellt ; denn faft Alle Haben Das miteinander gemein, 
daß Feder diejenigen Begenden am genaneften befdyreibt, in 
weldyen er fein Merk verfaßte. Aus diefer Urfache werde ich 
auch Keinen tadeln oder widerlegen. — Die bloßen Nawen 
der Orte follen fo kurz als möglic) aneinander gereiht wer 
den , ohne Nüdit wicht auf Merfwürdigfriten und Entitehung 
dereiben, die wir für befonders dazu beſtimmte Abſchnitte 
verfparen wollen; denn hier ift,immer nur noch die Rede 
vom Migemeinen. 3. Man möge deßhalb die Schhe fa 

4 “ ® 
ES 


x 


Drittes Bub. 2786 
weinen, old folkten die Namen, von allem Ruhme enfblöst, 
gerade, wie ſie bei ihrem Entſtehen und ehe fie indie Ge⸗ 
ſchichte eingreifen, waren, genannt, und ais ſollten fie in 
diqſes Verzeichniß nur in Bezug auf die Belt nnd die Nas 
fir eingeträgen werben. 

- 4, Der ganze Erdkreis wird in drei Theile getheilt, 
Gurepa, Aſten und Afrika. Wir keg'nnen von der weil: 
lichen Seite und der Babitauifhen Meerenge [Straße von. 
Gibraltar], durch welche der Atlantiſche Ocean hereinbricht, 
und die inneren Meere bildet. Dieſer hat alſo bei ſeinem 
Eintritte Afrika zur Rechten und Europa zur Linken; zwi⸗ 
fen beiden liegt Aſten: die Grenzen bilden die Flüſſe Ta: 
nais [Don] und Nil. Der genannte Eugpaß des Deeaus 
hat nad) Zurranius Gracilis, welcher in feiner Nähe ges 
boren ift, in der Länge 15.000 Schritte [3 Meilen] und in 
Der Breite von dem Flecken Mellaria [ZTorremilano] in 
Spanien, bis zu dem weißen Vorgebirg [Punta del Sainar] 
in Afrika 5000 Schritte [I Meile). *) 5. Titus Living 
und Cornelius Nepos geben feine geringfte Breite auf 7000 
Schritte [1 M.] und feine größte auf 10,000 Gchritte 
[2 M.] an. Duirch eine founbedeutende Oeffnung ergießt 
fid) eine fo ungeheure Waſſermenge; auch erklärt fid, das 


=) Nach den neufen' Meffungen beträgt bie geringfte Breite 
‚ (zwifhen - Punta Gualmeſi und. Punta de Cired) 10,000. 
Epritte (8 d Meilen). Die Merreuge beginnt eigentlich 
ſchon bei hen Worgebirge der Iune (Cabd Trafalgar). und 
reiht bis Calpe (Gibraltar); ſie bat alſo eine Länge von 
-42,000 ‚Schritten. 8'/2 MI. 
=) . 2,* 


* 
ie 


X 
276 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Wunder nicht durch eine ſehr große Meerestiefe. Denn zahle . 
reiche Streifen von weißſchimmernden Sandbänken ſchrecken 
die Schiffe; weßhalb auch Viele dieſen Ort die Schwelle⸗ 
des mittelländiſchen Meeres genaunt haben. An dem ſchmal⸗ 
ſten Theile des Kanals erheben ſich auf beiden Ufern Berge 
und verengen noch mehr den Durchgang , vämlich AbHa 
[Dſchibbet el Satute] in Afrita und Ealpe [Bihraltar} in. 
Europa, durdy welche Herkules feinen Arbeiten ein Biel fepte; 
weßhalb auch die Eingeborenen diefe Berge die Säulen Die- 
ſes Gottes nennen, und glauben, daß er durch die Durch⸗ 
ftechung derfelben dem vorher ausgeſchloſſenen Meer einen 
Zugang verfchafft, und dadurch der Natur eine. andere Ges. 
ftalt gegeben babe. on 


Kap. I). 4. Suerft alfd von Europa, der Ernährerin 
des Volkes, welches alle Nationen befiegt hat, und dem bei 
weiten fchönften Lande, welches die Meiften mit Recht nicht 
als den dritten Theil, fondern als die Hälfte des ‚ganzen 
Erdfreifes beftimmen, *). indem fie diefen durch eine von 
dem Tanais bis zu der Baditanifhen Meerenge gezogene 
Linie in zwei Theile theilen. 2. Der Ocean, welder durd) 
die genannte Straße das Atlantifche Meer hereinſtrömen 
läßt, und in ‚gierigem Andrans die bei ſeiner Annäherung 


*) Diefer Anficht if per Herodot (U, a2. 85.). Wunder⸗ 

Ulich erſcheint aber, daß Plinius biefem zu feiner Beit bereits 
widerlegten Irrthum (osl. Strabo l. 11,’ p. 107) ſeinen 
Beifall zollt. 


Drittes Bud. — 277 


furchtſem nachgebenden Länder verſchlang, bie widerſtehenden, 
aber an ihren in vielfachen Krümmungen ſich hinwindenden 
Geſtaden befpült, bat Europa am meiſten durch zahlreiche 
Buchten ausgehöhlt, und beſonders vier große Buſen ge⸗ 
diidet, von denen der erſte ſich von dem Berge Calpe, dem 
eben genannten äußerſten Punkte Spaniens, in einem un⸗ 
gehenren Bogen bis nad Locri *) und dem Bruttifcyen 
Borgebirg [Capo Spartiveuto] herumzieht. - 

U. 1. Das erfte Land in diefem Bufen ift das ienfeitige 
Spanien, auch das Bätifche genannt; fodann beginnt bei 
dem Grenzorte Urgi [Abrucenna] das bieffeitige Spanien, 
auch das Zarraconifhe genannt, und reicht bis zur Py⸗ 
renäenkette. Das jenſeitige wird der Länge nach im zwei 
Provinzen getheilt, und -zwar zieht ſich Lufltanien an. der 
nördlichen Seite der [eigentlichen] Bätifhen Provinz hin, 
von welcher es durd) den Fluß Anas [Guadiana] getrennt 
iſt. Diefer entipringt in dem Gebiete von Laminium [Al 
hambra] im. dieffeitigen Spanien ; dehnt fid) bald in Sümpfe 
aus, bald zwängt er ſich in Engpäffen zufammen, ober ver: 
birgt ſich ganz, als freue es ihn, öfter zu entfpringen, in 
unterirdifche Gänge, und ergießt fid in den Atlantiſchen 
Dean. 2. Das Tarraconifhe Spanien ſtößt ‚an die Pyre⸗ 
näen, und erſtreckt ſich längs der ganzen Seite derfelben, 
indem es id) von dem Iberiſchen Meere [Kanal der Das 
learen] dis zu dem Gallifchen Ocean [Golf von Biskava] 

quer hinzieht; von Ber Baͤtiſchen Provinz und Luſitanien 


*, Wenicçe Trammer dieſer einſt mächtigen Stadt findet man 
bei Zorre di Pagliapoli. 


TB, €. Plinius Naturgeſchichte. 


wird-es durch Deu Berg Solorius ſSierra de Salctia] und 
durch die Oretanifchen‘, Carpetanifchen und Aſturiſchen Ge⸗ 
birgetetten *) geſchieden. 

. UL 4. Die Baͤtiſche Provinz, **) welche ihren Namen 
von dem fie in der. Mitte durchfchneidenden Fluß ***) er⸗ 
hatten hat, übertrifft alle übrige Provinzen durch ihre reiche 
Kultur und dard) eine eigenthümliche, üppigfchöne Vegetation. 
Sie hat. vier Obergesichtähöfe: 7) den Gaditaniften [Gas 
die]; den "Eordubenfifhen [Cordova]; den Afigitanifchen 
[IEcija] und den Hiſpalenſiſchen [Sevilla]. Die Geſammtzahl“ 
der. Etädte beträgt 175. Won diesen find 9 Gelonien, 8 Mu⸗ 
nieipien, TH) 29 mit dem alten Lateiniſchen Bürgerreht.x++) 
bdeſchenkt, 6 freie, 3 verbündete und 120 zinspflichtige Städte, 
Die vorzüglichiten, oder doch in Lateinifcher Sprache leicht 
‚ausdrüdbaren Merkwürdigkeiten dieſer Provinz find, vom 





*) Die Oretaniſche Gebirgskeite iſt wahrſcheinlich bie Sierra 
Morena, die Earpetanifche ber Monte de Toledo, bie Aftus 
riſche die Sierra de lad Aſturlas. 

”*), Die Batiſche Provinz umfaßte das jebige Andaluſien, ae 

grobßten Theil von Granada, Eſtremadura und den weh: 
lichen Theil von la Masche, 

, Dem Bätis (Guadalquivir). 

+) Sie hatten die Streitigkeiten ter Ihnen untergenrbneten 
‚Bezirke als Oberappellationsgerichte zu entſcheiden, und in 
Abweſenheit des Gtattbalterd ober in Gemeinſchaft mit 
diefem bie Cilangelegenheiten zu orbnen. 

Tr) Fremde Städte wit Romiſchem Bürgerrechte, aber mis 
eigenen Gaſetzen und eigenen Beamten. 

tt) Diefes geftattete Allen, welche es; beſaßen, ten Dienft in 
ben Romiſchen Legionen und bie Wewerbung um ale mis 
Vitärifchen Aemter und Chrenfielen. 


I 











m x 


⸗ Dvyittes Buch 279 


Zune Supt- amgefangen, lüngs des Meererufers, die Stadt 
Onoba [ämelvoj, mit tem Beinamen Aeſtnaria [Finthftadt]; 
die Swifchenfäffe *) Luria [Ddiel] und Urium [2 nto]; die 
Sandberge [Dünen]; »e) der Flaß Batis ESusdaignivir]; 
das Corenfifche Geflade, das eine Bucht *°*) bildet, weicher 
gegenüber Gıdes’[&adiz] liegt, von dem bei den Inſein +) 
Bier Rede fenn wird; 2, das Vorgebirg der Juno ſCabo 
Zrofalgar] ; der Hufen Bäſtppo [Beier de la Frontera]; die 
Seudte Brilon [Bolonia] und Meltaria [Torremifano] ; 
He Gtraße aus dem Atlantiſchen Meer [Meerenge von 
Gibraltar]; Earteia, FF) von den Griechen Tarteſſus ge: 
nqaut; der Berg Calpe [Gibraitar]: weiterhin am Geftade 


dd wittelländifchen Meeres die Stadt Barbefnla [Torre di 


*, Bwifchen dein Anas und Bätis. Nach W. vom Humboldt 
Mrifung der Unterfuhnngen Gber bie Urbe 
- wobhner Hifyaniens vermittelft ber Baski⸗ 
ſchen Sprache, Berlin 1821. 8. S. 25.) waren Luria 


und Urium auch Städte, iegt Lucena und Xorre bei Oro j 


genannt. 
“) Gtatt arenas montes leſen Andere Ariani (ober Marlani) 
montes , und verfiehen darunter die Sierra Morena. 
, Sept Bahia de Cadix genannt. . 
. 9» B. IV. K. 36. 
44) Die Ruinen dieſer Stadt befinden fi ch bei S. Rogue an dem Küs 
ſtenfluß Guadarranque. Das beruhmte Tarteſſus Tag jes 
doch nach der wahrſcheinlichen Vermuthung Ehr. Th. Rei⸗ 
chard's «(Thesaur. iopogr. Norimb. 1824. Nro. VII.) 
"an der Stelle des heutigen Ortes Cartaya, weicher wohl 
auch fon im Atterthume Carteja geheißen, unb zu ber 


irethfimlihen Angabe. des Piinins und anderer alten 


Schriftſteller Veranlaſſung gegeben haben mag 


. 


220 ° €. plinius Naturgeſchichte. 


Guadiaro] an dem gleichnamigen Fluſſe [Guadiaro]; deie 
gleichen Salduba [Marbella] ; die Stadt Suel [Buengerola]; 
Malaca [Malaga] an dem Bluffe gleihes Namens ſGua⸗ 
balmedina]; - eine -verbündete Stadt weiterhin Maͤnoba 
[Velez Malaga] an dem gleichnamigen Fluſſe (Belez]; Sexti 
Firmum [Mmunnegar], mit dem Beinamen Julium; Salam⸗ 
bina [Satlobrena]; Abdera ‚[Adra] und Murgis [Mujas 
car], der Greuzort der Bätifchen Provinz. 3. M. Uarippa 
dlaubte, daß bie Bevölkerung biefer ganzen Küfte Puniſchen 
Urfprungs ſey. Die vom Anas an längs des Atlantifchen 
Oceans ſich hinziehende Strede diefer Küfte it von ben 
Bastulern und Turdulern bewohnt. Nach M. Barro Hafen 
fid) in gang Spanien Iberier, Perfer, Phönizier, Eelten und - 
Punier niebergelaffen. Ein Spiel (Iusus) des Waters Liber 
[Bachus], oder ein mit ihm fhmwärmender Lyſas fol Lu⸗ 
fitanien, und Pan, fein Statthalter, dem ganzen Lande 
feinen Namen gegeben haben. Was man aber von Herku⸗ 
les und der Pprene, oder von Saturn erzählt, betrachte ich 
ohne weiteres ald Fabel. *) 

4. Der Bätis entſpringt in der Tarracmnenfifchen Pro: 
vinz, aber nicht, wie Manche behauptet haben, in der Stadt 





* Man erinnere fi an den Kampf bed Herkules mit Ge: 
yon u, ſ. w. Pyrene, Tochter des Königs. Bebryr, 
weiche Herkules raubte, ſoll den Pprenden, wo fi) ans 
geblih ihr Grab befindet, den Namen gegeben haben. 
Saturn if, wie Aberall, fo auch in Spanien, der Reyräs 
fentant des hochſten Alterthums. Was Plinius aus Varro 
anführt⸗ — auch ungereimt. Der Same Hiſpanien iſt 
wahrſchein lich Phoönicifchen Urſprungs, und bon Kanin⸗ 
henlaud bedeuten., 


Dristes Bud. 284 
Menteſa [Baeza], fondern in dem Tigienfifchen Forſt [terra 


de Huescar], in defien Nähe audy der Fluß Tader [Gegura], 


welcher das Gebiet: von_ Carthago [&artagena] bewäffert, 
feme Quelle hat. Bei dem Grabmal des Scipio [Sepnlero 
de Scipion] in der Gegend von Ilorcum [Lorca] wendet er 


‚db, nimmt feinen Lauf gegen Abend, und mündet, nachdem - 


er der Provinz feinen Namen gegeben hat, in den Atlantis ' 
ſchen Ocean. Aufangs ift er nicht bedeutend ; fpäter nimmt 
er aber viele Ftüffe anf, denen er Namen und Waller ent⸗ 
zieht. In die Bätifche Provinz tritt‘ er unmittelbar aus 
dem Dffigitanifhen Gebiet [bei Maquiz]; fein Lieblicher 
Waſſerſpiegel ift fehr anlodend, umd rechts und links mit 
zahlreichen Staͤdten bebaut. 

5. Die berühmteſten Staͤdte, welche zwiſchen dieſem 
Kluſſe und der Küſte des Oceans im Inneren des Landes 


: Biegen, find: Segeda [6. Jago bella Higuerra), mit dem, 


Beinamen Augurina; Julia [Buente dei Rep], auch Fidentia; 
Urgao [Yurdyena], auch Alba; Ehura [Alcala la Real, 
and) Cerealis; Iliberi, *) auch Liberini; Ilipula [Loja], auch 
Raus; Artig- [Ecija], auch das Juliſche; Vesci [Archidona], 
auch Fadentia zubenannt; Singili [Mira Xenti]; Attegua;) 





2) Manche haben Jliberi für dad jehige Granada gehalten, 
wofür fi) aber Fein Beweis aufbringen Iäßt,. Wahrfcheinz - 
licher fucht man die Spuren disfer nicht mehr vorhandenen 
‚Stadt auf der Anhöhe Sierra de Elvira , einige Stunden 
dſtlich von Granada. 

ee) Ueber bie Lage dieſer Stadt Hat man viel geſtritten. er⸗ 
wägt man, was Hirtius (de bello Hisp. c. 7.) von ihr ° 
ſagt, genan, » mu man wog! Denen beinimwen- welche 


- 


22 €. Plinius Neturgeſchichta 


Ariaidunum; *) Klein⸗Agla [Mguifar}> Bäbro; Caſtra Bir 
naria [Caſtro et Rio]; Epiſibrium [&speia]; Neu⸗Hippo; ***) 
Illurco [Illora]; Oeca [Huescar]; Escua IJEscuzar]; Suc⸗ 
cubo; Nuditanum; Alt⸗Attuati. .+) Alle dieſe Städte liegen 
in dem ſich nach dem Meere tin eiſtreckenden Baſtetanien, und 
gehören zü dem Eordubenfifchen Gerichtsbezirk. 6. Aa dem 
Fluſſe [Bätie] fetbft liegt Offigi Maquiz], welches den 
Beinamen „das Laconifche“ führt; Illiturgi Ubeda Ia vieja] ; 
zauch Forum Julium; Ipasturgi, aud das Triumpbalifche 
zubendunt; Eitio, ++) und 14,000 Schrit e [2% MI] weiter 
im Inneren des Landes Obulco [Bujalance]. - weides. an 
auch das Pontificiihe nennt; nicht weit davon Ripepora 
[Riopar], eine verbündete Stadt; Sacili [(Chiclana] Mars 
tialium ; Onoba ; +rr) auf dem rechten Ufer Corduba [Gar 
dooa], eine Eolonieftadt, welche den Beinamen „die Patei⸗ 
eifche“ fühst, und von wo an der Baͤtis ſchiffbar wird; Die 
— — 
fie nicht weit, weſtlich von dem beutigen Flecken S. Ern; 
am rechten Ufer des Guadajoz ſuchen. 
*) Unbekannt. Andere leſen Avia, Eldanum, und haltgu 
van erfie für das Heutige Villalon, das ambere für Mon⸗ 
.s), a Andere eearten: Ubeda und Aegabrum Gept 
ra) 
po nora. Unbekannt, "und ſchwerlich das von Livius 
3:7 IX, 30) genanzıte KHipvo (jegt Vepes) bei Toledo. 
7) Die Lage Diefer drei Städte if unbekannt, ' 
+1) Die Lage von Ipasturgi und Sitia hat noch picht ermittelt 
werben koͤnnen. 
TH Unbekannt; jedenfalls aber von dem oben (K. $, 3.) 
genannten Dnoba er Muelva). weiches an der Kuſte 


* * 
a *e, > 
. 





, Dristen Buch. » 295 
Gäste Earbala [Eorbur) und Decuma, ) weiche auf der 
nämlichen Geite,- auf welcher der Fluß Singulis ſenin 
dem Bätis zuſtrömt, liegen. 

7. Die Städte des Hispalenſiſchen Gerichtsbezirks nd: 
Gelti [Buadaltanal] ; Urua [Alcolea]; Canama; Evia; **) 
ZIlipa [Nietla], mit dem Beinamen Ilia; Italica [Sauti⸗ 
vpouce]; links die Colenie Hiepalis [Sevilla]), mit dem 
Beinamen „die Rommliſche;“ ihr gegenüber die Stadt Oſſet 
[&afiello de la Cueſta], welche den Beinamen Inlia Con⸗ 
ſtautia führt; Vergentum [Gelves], Julii Genius zube⸗ 
nannt; Orippo [Dos Hermanos], Caura ſCoria]; Giarum 
GaracatinJ. Der Fluß Mensba [Guadalimar], welcher 
*. ebenfalld von der rechten Seite in den Bätis fällt. Beider 
Mündung des Bätis liegen die Colonieſtädte Nebriffa 
[Robrija],, mit dem Beinamen Veneria, und Eolobona [Chi⸗ 
piena]; ferner Uta [Mefa de Aſta], aud dus Königliche, 
und im Juneren des Landes Aſido [Medina Sidohia], auch _ 
Das Gäfarifche zubenannt. 

8. Der Flus Singulis, der an der fchon- bezeichneten 
Stelle in den Bätis fällt, beſpült die Aſtigitaniſche Colonie 
[®chyo], welche den Beinamen Auguſta Firma führt, und 
wird von hier an ſchiffbar. Die übrigen fteuerfrrien Gelmie: 

liegt, verfchieten , und deßhalb wohrſcheimich den Bei⸗ 

namen Martialium führend. ü 
·Man kennt biß jet die Lage Liefer Stadt nicht. ° 
) Diefe Weiden Namen hat Hardonin aus vielen verfchiedenen 
Lesarten ankgewählt, Wer wollte aber für ihre Nichtigkeit 


Mrgen? oder gar bie, Egger ‚diefer Städte beftimmen 7 Ca⸗ 
nama it vielleicht das jehige Cuntiuana. | vi 


} > . 


284 C. Plintus Naturgeſchichte. 


Gtaãdte dieſes Gerichtebezirkes find: Zucci [Mattos], auch 

Auguſta Gemella; Zeueci,*) aud Virtus Julia; Atuk 

[Aldendin], auch Elaritas Julia; Urfo [Ubrique], auch 

‚Genua Urbanorum genannt. Zu diefen Colonien gehörte 

fonft auch Munde, **) bei deren Einnahme [45 vor Chr.] 

der Sohn des Pompejus gefangen wurde. 9. Freie Städte 
find : Alt-Aftigi [Alamela)] und Oſtippo [&ftepa]; zinspfliche 
tige: Callet, Ealucula [Calabra], Eaftra Gemina [Eam- 
pillo}, Kleine Jlipula [Dfvera], Merucra [Mairena], Sn: 
erana, Obulcula [Monclon] , Oningis. **%) Den nicht. weit 
von der Küfte entfernten Landftrich am Fluſſe Maänoba 

[Belez] , der ebenfalls ſchiffbar iſt, bewohnen die Alontigi⸗ 

celer und Aloſtiger. ) 

10. Die übrige, noch nicht erwähnte Zandftrede zwi⸗ 
ſchen dem Bäatis und dem Anas wird Bäturia genannt, in 
zwei Theile getheilt, und von eben fo vielen Völkerſchaften 
bewohnt: nämlich den Celtikern, weiche bis nach Luſitanien 
*, Unbekannt. Wielleiht lag es am Zenil, nicht weit von 

Mira Zenit. . 

*5) Die Stadt wurde, wie fich ans ben Worten des Plinius 
fchließen laͤßt, vermuthlich gerfiört, oder hatte fie ihre Steuer⸗ 
freigeit verloren, Ihre Lage bezeichnet das jeßige Dorf Monda. 

*,) Soll nad) Einigen bad von Livius (XRXVIII, 3.) erwähnte 
Oringis Getzt Origuela) feyn. Die Lage von Callet und 
Sucrana ift unbekannt. Ueberhaupt bemerken mir bier, - 
um unnöthige Wieberhotungen zu vermeiden, ein für alle 
mal, daß bie Lage aller Städte, bei benen ber neuere 
Name nicht angegeben ift, bis jest nicht ermittelt werben 
kounte. 

D In der Gegend von Frigiliana und Alinogia. 


⸗ > 











Drittes Buch. 285 


reichen und zum Hispalenſiſchen Gerichtübezirk "gehören, 
and den Zurbulern, weiche an der Grenze Lüftaniens und 
dor Tarraconenfifhen Provinz wohnen, und ihr Recht zu 
Eorduba fuchen. *) -Daf bie Eeltifer von ben Eeltiberiern 
in Sefltanien abftammen, zeigt ſich dentlich burch ihre hei⸗ 
Ligen Gebräuche, ihre Sprache und die Benennungen ihrer 
Städte, die in. dev Bätiſchen Provinz zur Unterfcheibung 
[von. den gleichnamigen in Eeltiberien] Beinamen führen. 
So heißt Geria ſXeres de Eavalleros] auch Fama Julia; 
Nertobriga [Balera la Vieja] and) Concordia Julia; Ges 
gida auch Reſtituta Julia; Contributa [Medina de las 
Torres] auch Julia; Ucultuniacum auch Turiga; **) Laco⸗ 
nimurgi [Couſtantina] auch Conſtantia Julia; Tereſes [Ni⸗ 
colo del Puerto] auch Sortunales, und Callenſes [Calannas] 
auch — 

‚ Außer dieſen Städten liegen noch im Gebiete der 
Geltiter. Acinippo, Arunda [Ronda], Arunci [Arondes], 
Zurobrica [Torre Merian], Laftigi [Bahara] , Alpefa [Elvas], 
Säpone, *"*)-Serippo. Der andere Theil Bäturiens, in 
weichen wir die Turduler verfebt haben, und der zum Cor⸗ 
duben ſiſchen Gerichts bezirk gehört, hat die nicht.unbedeutenden " 
Städte Arſa [Aracena], Mellaria [Torremilano], Mirobrica 
(Capilla] und Sifaro [&lnraden] in dem Offntiatifcyen Gebiet. 

— — 

2) Die Geititer wohnten zwiſchen dem Guabalquivir und ber 
Guadiana bis nach Babajoz, die Turduler von da an 
in dem Öflihen Theile von Eftremadura und in dem nörd⸗ 
-fichen von Sevilla, 

*., Der Text ſcheint hier fehr verborben zu ſeyn. 

Be Ruinen biefer Stadt find in be Sorfte hei Konde, 


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“«r 


260 C. linius Naturgelchichte. 


12. :Bu dem GBuditanifchen Gerichtebezirk gehören: 
mis Römifchem Bürgerrecht Regina [Puebla de fa: Reynaf 
mit Lateinifhem Regia Cariffa ſCarixa], mit dem Bei— 
namen Aurelia; Urgia [Lad Cabezas]; Caſtrum Julium und- 
auch CAfaris Safurarienfis zubenannt. Sinspflichtig And 
Befaro, Belippo, Barbefula [Torre di Guadiara], Lacippo 


[Alecippe], Bihppo [Brjer de Ta Brontera], Eatlet, Cappa⸗ 


gum,'Dieaftro [Dimia], Itneci, Brana [Santilfane], Racidi, 
Saguntia [Xigonza], Andorifa. 

43. M. Agrippa hat die ganze Bänge der Bätiſchen 
Provinz auf 465 000 Schritte [95 M.] und die Breite auf 


"257,000 Schritte [52 M.] angegeben, aber zu einer Bit, 


wo fich die Grenzen noch bie nach Carthago [Eortagenaf 
kin ausdehnten. Auf ſolche Weiſe entſtehen häufig große 
Serthämer in den Maßbeſtimmungen, indem fich entweder 
der Umfang der Provinzen reräntert bat, oder die Entfer⸗ 
nungen nach größeren oder Pleineren Schritten genommen 
werden. Auch hat ſich das Meer im Laufe fo vieler Jahre 
Kunderte hier in das Land eingedrängt: dort ift das Geſtade 


vorgerückt, die Krümmungen der Flüſſe haben fich hier ver: 


mehrt, und dort hat fih ihr Lauf mehr geregelt. Außerdem 
hat falt Jeder feine Meflung an einem antern Orte begonnen 
und eine andere Richtung eingeſchlagen, und fo fommt:ch, 
daß nie Zwei miteinander übereinſtimmen. 

(m. 44. Die Länge der Bätiihen Brovinz beträgt 
jest von der Greniftadt Caſtulo [PCazorle] bis nach Bades 
250,000 Schritte [50 WM}, von tem an der Seeküſte liegen⸗ 
den Margi [Aimerin] an 25,000 Schritte [5 M.] mehr; 
die Breite von der Garteinnifhen Küftean 256,006 Schritte 


” . . 
sv ) 


wa 











| | Drittes Und. + 287 
[47.M.). Wer follte nun glauben, dag MA Apippa bei 
- feinem ungemeinen Bleiß- und befonderd dei ter großen 

Sorgfalt, die er auf fein Werk, das den Erdkreis den 
Aungen der ganzen Welt vorführen follte, verwendete, fo fehr 
geirrt habe, uud mit ihm der göttliche Auguftus? Denn Diefer 
vollendete die von feiner Schweſter nad) der Unordnung, umb 
den ſchriftlichen Rotizen des M. Agrippa begonrene Gän« 
lemnhalle, in weicher der Erdkreis vorgeſtellt war. ») * 

IV (m), 4. Die alte Geſtalt des dieſſeitigen Hiſpa⸗ 
‚wien **) hat, fo wie die mehrerer anderen Provinzen, fich 
etwas’ geändert: denn Pompeins der Große bezeugt auf 
feinen Siegeszeichen, die er auf den Pprenden errichtete, 

Daß er von den Alpen bis zu den Grenzen des jenfetigen 
Hiſpaniens 876 Etädte unter feine Botmäßigkät gebrachkẽ 
babe. Jeyt aber wird die gange Provinz in leben Gerichtsbezirke 
geteilt: in den Earthagifchen [Eartagena], Tarraconenfifden 
‚EZerragona]. Cäfaraugufliichen (Saragoſſa], Clunienſtſchen 
TEeruna}, Aſturiſchen ſAſtorga], Lucenfifhen” [Lugo] und 
Bracariſchen [Braga]; dazı kommen mod die Iufeln. 
Zieht wian. aber wiefe bier nicht in Betracht, fo enthält Die 
Provinz, außer 294 andern untergeorbnetn Gemeinden, 
179 Städte. Davon find 12 Eolonien, 413 Gtätte mit Rö⸗ 
miſchem, 418 mit Atiateiniſchem Baͤrgerrecht, eine verbundete 
und 135 zinspflichtige, - 





”») ©, die Bemerkungen zu den” von Plmins in Jiefem Buche 
benügten Quellen unter dem Werte Agrippa. 

* Das dieſſeitige Hiſpanien begriff mit Ausnahme der Bäs 
nſchen und Eufifanifdyen Provinzen das > ganje jegige Spas 
ni ſich. ’ 

« . 

- . 


238 6. Pinius Naturgeſchichte. 


2. Zunächſt an der Küfte wohnen die Baſtuler [x 
der Provinz Murcia]. Hinter ihnen weiter nach dem Zu 
neren kommen in folgender Ordnung: die Mentiſanet fin - 
dem Partivo de Epinchilla], die, Oretauer Lim Partido de 


Ciudad. Real] und am Tagus [Xafo] die Carpetaner [in 


- den Provinzen Madrid und Toledo], neben ihnen die 


Baccder [in den Provinzen Zamora und Salamanca], die Vec⸗ 
tonem» [in Eſtremadura und Leon] und bie Celtiberiſchen 
Arevaker Lin der Provinz Valladolid am nördlichen Ufer 
des Duero bis zu den Quellen dieſes FSluſſesJ. Die der 
Küfte am nachſten liegenden Städte find: Urci [Abrucenna], 
Barea [Vera], welches auch zu der Bätifhen Provinz ge 
rechnet wird; darauf folgt dad Gebiet der Mapitaner, Deis 
taner und Gonteftaner [die Küftenftrihe von Murcia ud 
Balencia], dann die Colonie Neucarthago [Eartagena]. 
Bon dem Saturnifchen Vorgebirg [Capo de Palos] bei dies 
fer Stavt bis nad) Cäſarea [Ten] in Mauritanien bes 
trägt die Ueberfabrt 187,000 Schritte [37° M.]. Sonf 
find an der Küfte noch bemerkenswerth ‚ber Fluß Tader [Se⸗ 
gusa] und die abgabenfreie Colonieſtadt Illici [Eichel], von 
welcher der Zllicitanifche Meerbufen [Golfo be Alicante] 
feinen Namen hat; ihr (ind die Icoſitaner untergeordnet. 
Darauf folgen Lucentum [Alicante], mit Lateinifhem Bür⸗ 
gerrecht; Dianium [Denia] ein ‚zinspflühfiger Ort 3, der 

Fluß Sucro [Xucar] nnd früherhin eine Stadt gleiches 
Namens TSueca], der Grenzpunkt Eonteftaniend; das Ede⸗ 
tanifche Gebiet [in Valencia], vor welchem fih-ein reizener- 
Binnenfte [Albufera] hinzieht, und das fich nad) dem Innern 
des Landes bis zu ben Geltiberiern erſtreckt; die Eloonjeſtadt 

. Li 


- * 








Drittes Buch. a. 
Salenttaa ſBalencia], welche 3000 Schritte [11,062: Buß] 
vom Meere -mtfernt iſt; der Fluß Turium ſGuabeolaviar], 
wud gerude in der angegebenen Entfernung vom leere 
Saguntum [Murviedro], eine Etart mit Römiſchem Bür⸗ 
gerrecht und berühmt durch ihre Trene ; *) der Fluß Maba 
FMijarts] ; das Gebiet der Jtergeonen ſawiſchen dem Mi« 
fares and Ebro]. 4. Kerner der Iberus [Ehre], ein durch 
biithende Handelsſchiffahrt bedeutender. Fluß, welcher in 
Canfabrien, nicht weit von der Stadt Jutiobrira [Briae]. 
entfpringt, einen Raum von 450, 000 Schritten [90 M.] 
durchſtrömt, und 260,000 Schritte [53 M.] weit, nämlid 
von ter Stadt Varia fBogronno] an, Griffe trügt; nach 
ihm haben tie Britchen ganz Srilpanien Iberien genannt. 
Dunn folgen das Eoffetanäfche Gebiet [die Begerias de: Tarra⸗ 
gona und de Zoriofol; dir Fluß Subi [Brancdli]; die 
Edlonieſtadt Tarraco [Tarragane], ron Den Scipionen er- 
bant, to wie Barthago- von den Puniern; bad Gebiet ber 
Jiergeten Der Küſtenſtrich zwiſchen Tarragona und Bar« 
celona ]; die Stadt Subur [Villanova]); der Fluß Rabrica⸗ 
tum ſ[tsobregat]; jenſeits diſſelben die Laol taner [egerias 
de Barcelona und de Mataro] und die Indigeter [Vegeria 
de Gerono]. 5. Hinter dieſen, weiter nach dem Inneren 
bin, am Buße der Pyrenaͤen, tiegen in folgender Ordnung : 
die Auſetaner [Begeria.de Vique] und Lacefaner ſVegerias 
de Eervera und de Mantefa], in den Pyrenäen die Gerres 
taner [Begeria de Buigcerda]; dann die Batconer [Provinz 





D 


96, Florus 1, 6. Sivins.KXT, 7 fi — 
€. Ptinius Noturgefh, 38 Ban. ' 3: 


x 


290 C. Minius Naturgeſchichte. 


Guipustoa]. An der Küuſte aber liegt Die Eolonieftiht Bar⸗ 
cino [Barcelona], mit dem Beinamen Faventia. Daum 
kommen: Bätulo [(Badalona] and Iluro [Pineda] mit Romi⸗ 
fhem Bürgerrecht; der Fluß Larnum [Tordera]; Blandä 
[Blanag]; der Fluß Alba ſTer]; Emporia [Ampurias], eine 
Doppelſtadt, die eine Hälfte von den alten Eingeborenen, 


die andere von Griechen, den Nachkommen der Phocäder, bes - 


wohnt; der Fluß Tihis [(Fluvia]). Bon dieſem bis nad) 
Benus Pyrenäa [Erens] auf der andern Seite des Wörge⸗ 
dbirgs beträgt die Entfernung 40,000 Schritte [8 .M.]. | 
6 Nun foll, Was außer dem Gefagten noch merk: 
würdig ift, nach den einzelnen Bezirken mitgetheilt werben. 
Zu Tarraco [Tarragona] fuchen 45 Völkerſchaften ihr Recht. 
Bon diefen find die merkwärdigften: die Dertuſaner [Tor- 
tofa] und Bisgargitaner. [Berrus]. mit Römiſchem Bürger- 
recht; die Auſetaner; Gerretaner, auch Julianer [Llivia] umd 
Auguflaner zubenanut; die Edetaner; bie Gerondenfer J[Gi⸗ 
zona]; die Gefforienfer und Tearer, uud) Yulienfer genannt, 
mit Lateinifchem Bürgerrecht, und die zinspflichtigen Aqui⸗ 
ealdenfer [Ealdes], Dnenfer und Bächtonenfer [Banfen]. *) 
77. Cõſarauguſta [Baragnza], eine fleuerfreie Eofonier. 
ftadt, im Lande der Edetaner, vom Fluß Iberns beſpült, 
und früher Salduba genannt, begreift 152 Völterfchaften im 
ihrem Gerichtsbezirk. Unter diefen find Römiſche Bürger 
die Belitaner [Belchite] und Eelfenfer [Kelfal; Eolonien bie 





*) Ueber die Aufetaner und Eerretaner fiehe in biefem Kae 
pitel 5. 5.5 über bie Edetaner 5. 3. Die Lage der Geſſo⸗ 
vienfer, Zearer und Onenfer iſt unbekannt, 











» Ealggutritaner [&paree], welche auch ben Beinam 


Drittes Buch. 203 


Ber führen ; die Ilerdenſer [Xerida], zum Wolke der bricenſer 


ner gehörend, und dicht am Flufſe Gicoris (Segrdaften 


Dscenfer Huesca] in dem Landſtrich Bescitania, und 69. 
Turiafonenfer [Iarrazona]. 8. Wltlateinifches Bürgessen) 
haben die Sascantenfer [Cascante], Ergavicenfer [Drejal, 
Graccuritaner [Corella], Leonicenfer [Billar Luengo] und . 
Dffigerdenfer [Irar]. Verbündete find die Tarragenfer - 

[Zarraga] ; Zinspflichtige die Arcobricenfer [Arcos], Ando⸗ 

Iogenfer [Andofila], Arocelitaner [Miranda], Burfaonenfer 
[Burgos], Calaguritauer [Ealahorra], auch Fihularenfer zus 
benannt, Eompflutenfer [Alcala de Henares], Earenfer [Ca⸗ 
rascoſa], Cincenſer [Eifuentes], Eortonenfer [Eardona], 
Damanilaner [Mediana], "Larnenfer [Larna], LZurjenfer 
[Zuezas], LZumberitaner [Lumberitta], Lacetaner, ) Lus 


‚ bienfer. [£ubia],. Pampelonenfer [Pamplona] und Segienfer 


[Seema]. 

-9, Zu Carthago [Eartagena] fuhen 65 Völkerfchaften 
ihr Recht, die AInfelbewohner nicht mit einbegriffen. Unter 
Diefen haben die Gemellenfer ans der Uccitanifchen Colonie 
[Suadir] und Libifofona [Resnzal, auch Foroauguſtana zu⸗ 
benannt, das Italiſche Bürgerrecht; die Caſtulonenſer aus 
der Salarienſiſchen Colonie [Eazorie], and) Cäſars Käufs 
linge **) genannt; bie Setabitaner [Xativa], auch Auguflaner 


*, 6, in diefem Kap. 5.5. \ 
.=*) Caesari venales, weil fie ihr Gebiet an Eäfar verkauft 
hatten. y " - - 
38 





290 €. Plinius Naturgeichichte. 

Buipu/ and die Balerienfer [Balera fa Bieja] das Aitta⸗ 

cind,se Bürgerredit. Die berühmteſten der zinepflichtigen 
korerſchaften ſind: die Alabaneuſer [Abefada]; Baſtitaner 

3430]; Evnſaburenſer [Sonfnegre]; Diänenfer [Denia] ; 
Egeleſtauer [Inieſta]; Ilorcitaner [Xorca] ; Laminitaner [ Ak 
hambra]; Mientefaner [Betanaeı] , mit dem "Beinamen 
‚Dritatter, Mentefaner [Busza]. mit dem Beinamen Baſtu⸗ 
“fer ; Dretäner [Oreto]. auch Germaner zübenannt; die Gego- - 
drigenfer [driege]. tie Bewohner ter Haupiſtadt ron Celti⸗ 
berien; die Toletaner [Totedv], die Einwohner der Hauptflatt ‚ 

von Garpetanien, am Fluſſe Tagus [Taje] ; 3 endlich die 
Biatienſer [Bakqa] und Birgilienſer [Murcia]. 

10. Zu dem Clunienſiſchen Gerichtsbezirk [oral 
führen die Varduler *) 44 Völkerſchaften, von welchen wir 
nur tie Albanenſer [PAUtvana] nennen wollen; die Turmodiger 
"Lim nördlichen Theil der Provinz Burgos] vier Völkerſchaften, 
ron welchen die Segiſamonenſer ISaſamon] und Segiſama⸗ 
julienſer lin Palencio] die merkwürdigſten ſind. Zu dem⸗ 
| fetben Gerichtshof Fommen die Carieter **) und Vennenſer 

"iano] mit fünf Gemeinden, zu Denen auch die Velienſer 
IVillanneva de las Caretes] gehören; ferner bie Velen 
donen [Provinz Eoria]. cin Eettiberifcher Stamm, mit vier 

Völkerſchaften, von Denen beſonders die Numantiner [Pnente 
Guarren] Yerühmt find; 18 Gemeinden der Baccäer [in der 
Provinz Valladolid], von denen wir die Intercatienſer [Villa⸗ 
— 

”, In der Ofthälfte von Vizcaia und Mia, und in dem 

Weſilichen Theile von Navarra. 

8*' Von der Mündung ber Deva ſudlich sis zum Ebro, 


v 








uneva be Azuagur), Pallantiner [Palencia], Lacobricenfer 


Leobera] und Eancenfer [Coca] anführen; 7 Bölkerſchaften 


der Eautabrer, ) kei denen nur Die Stadt Yuliohrica, 
[Zriae] merfwürtig if, and 10 Gemeinden. Der Autrigouer, *°). 
wozu Zıitium [Tricio] und Virovesca [Driviedca] gebören. 
41. Die Urevater haben ihren Namen vom Fluſſe Arena, 
[Artanza]. Ihnen gehören feds Etaͤdte: Suguntia [Bis 
guenza] und Urama [Osma], Städtenamen,, weihe man 
audı häufig in anderen Gegenden antrifit; ferner Eegovia 
[Eigutofa], NeurAugufg [Muro], Termes [Tiermer] und 
Eiunia ſeibſt, der Srenzort Eelriberiene, Die übrigen Ges 
meinden [dieied Berichtäbezints ] liegen, ſo mie die ſchen 
genannten Varduler und Cautabrer, nad dem Ocean’ hin. 


42. Un diefe Jepten grenzen die 22 Bölßerfchaften der 


Aſturer, *°*),. welche in die Auguſtaner und Trangmone. 
taner +) zerfallen, mit der prädtigen Gtadt Aſturica 
KAftorgs] : unter ihnen find zu erwähnen die Cigurrer [&is 
gurri], Paãſi ker [am Capo de Penas)], Lancienſer [&ollanca] 
uud Zesler [Bivero]. "Die Geſammtzahl des Volkes helauft 
ſich auf. 240,000 freie. Köpfe 





*) Sie bewohnten den weitfühen Theil ber Landichaft. Mon⸗ 
tana und die Norbbälfte der Provinzen Palencla uns Toro, 
es) In der Öfilihen Hälfte von Montana, /eirem weftlichen 
Stücke von Wizcaya und Alava, und dem. weſlichen Theile 
von Burges. 
) Sie Hatten die äftliche Hälfte von Aſturien und ben größten 
Theil des Reiches Leon inne, 
+) Die Traudmontoner find bie Berabewobner; Üngufaner 
‚Dig Vemebner ber. ſuͤhlichen, ceencren amden, in Wels 
"chen Aftorga liegt. 


Drittes Bud, 293. 


_ 


29% E. Pinius Naturgeſchichte. 


43. Der Lucenſiſche Gerichtsbezirk [Lugo] umfaßt 16 
Völkerſchaften, welche außer den Celtikern und Lebunern ) 
unbekannt ſind, und barbariſche Namen führen, aber doch 
ungefähr 166,000 freie Köpfe ausmachen. 

14. Eben fo verhält es ſich mit den Brafarern [Braga], " 
deren 24 Gemeinden 475,000 Köpfe enthalten, von denen 
man aber außer den Brafarern felbft nur die Bibaler [Biana’ 
de Bollo], Cöleriner [Tim nördlichen Galizien], Galläter 
[Galizier], Hequäfer [Tierra de Queyja], Limiker [Ponte 
de Lima] und Querguerner [Rio caldo] opne Widerwillen 
‚nennen Tann, 

45. Die Länge des dieffeitigen Hiſpaniens beträgt von 
den Pyrenäen bis zur Grenzſtabt Eaftuto [Cazorla] 
607,600 "Schritte [121% M.), und big zur Küfte etwas 
mehr; die Breite aber von Xarraco [Tarragona] bis zum 
Geftade bei Dlarfo [&apo de Higuera] beträgt 507,000 ©. - 
[61% MI.) Bon dem Fuße der Pprenden an, wo ed 
keilförmig zwiſchen zwei Meere eingeengt ift, dehnt es ſich 
allmälig aus, und wo es an das jenſeitige Hiſpanien grenzt, 
iſt ſeine Breite um mehr als das Doppelte gewachſen. — 
An Metallen, namentlich an Blei, Eiſen, Erz, Silber und 
Gold, bat fat ganz Spanien Ueberfluß; das dieſſeitige auch 





2) Plinius meint hier die Eeltiſchen Prãſamarker (om Flũß⸗ 

chen Tamaro) und Nerier (um das Vorgebirg Finisterre); 

vgl. B. VI. Kap. 34. 53, Die Lase ber Lebuner laͤßt 
ſich nicht beſtimmen. 

o) Die wirkliche Länge von Cazorla bis zu den Pyrenäen. be: 

— 94 M.; die Breite zwiſchen den angegebenen panften 








Dritte Bud. . 296 


on Spiegelftein, *) und die Bätifche Provinz au Mennig **); 
auch findet man Marmorbrüche. — Der Kaifer Befpaflanıs 
Auguſtus ertheilte, durch die fürmifchen Zeiten des Stantes 
gedrängt ,*’*) ganz Hifpanien das Lateinifche Bürgerrecht. 
— Die Porenäentette trennt Bifpanien und Gallien, und 
ihre Endpunkte eritreden ſich als Vorgebirge in zwei ver 
fchiedene Meere. 

V av) 4. Die Narbonenfifhe Provinz wirb jener Theil 
von Ballien genannt, welchen das mittelländifche Meer bes 
fpült, und der früher Braccata +) hieß ; non Ftalien ift er durch 
den Klub Varus [Bar] und durch die dem Römifchen Reiche 
fo heilfamen T+) Alpenhöhen geſchieden; von dem übrigen 
Gallien wird diefe Provinz auf der nördlichen Seite durch 
bie Gebirge Gebenna [Eevennen] und Jura getrennt: TtH) 





*) Lapis specularis (vgl. B. xxxvi. Kap. 45.), natrum 
laciale Linn, 
.**) Minium (vgl. 8. XXXUI, Kay. 36. 37.), einnabaris 
nativa der Steuern. 
“or, Im Kriege gegen wvitellius (69 nad) Ehr.). 
3) Bon deu Beinkleidern (braccae) ber Einwohner. 
+D mir fie nämlich oft ben Andrang barbarifcher Möller abs 
ielten. 
+4D Das Narbonenfifhe Gallien umfaßte die jetzigen Departe⸗ 
mente de FArriége (Bbſil. Theil), des Pproͤnées⸗Orientales, 
be la Haute⸗Garonne (hſtl. Theil), bu Tarn (fühl. Theil), 
de PAude, de PHorault, du Gard, de l'Ardeche, de LAin 
(dit. Thein, be U’Ifere,.de la Drome, bes Hautes⸗Alpes, 
‚be Vaucluſe, bes Baffed:Atpes, des Bouches du Rhöne und 
du War; ferner Savoyen und die Schweizerkantone Genf. 
und Wallis. RN 


2 C. Plinius- Natmegekhichte. 

- Mn Srirag der Beiden, an Mürte der Maͤuner und Bew 
- Sitten, au- Fülle des Reichthums ſteht diefe Provinz keiner 

anddren nad), und fle ik, um es mit einem Wortezu fas 

gen, cher ein, The von Italien, als eine Provinz zu 


"nennen. 2. Ad der Küfle Heat dad Gebiet der Garboner 


E Departement des Pprenced»-Drientales] ; im Juneren bed 
Landes das der Conſuaraner [Depart. del’ Arriege]. Flieſſe: der 
Zecum [Tech] und: Bernadubrum [ia Ep]. Städte: Illiberis 
[Elne], ein unbebentender Neft einer fon großen Stadt; 
Rustino [la Tour de Rouſſillon], mit Lateinifchem Bürgerrecht. 
Kerner der Fiuß User [P-Ande}, welcher in den. Pprenden 
entfpeinge nad den Rubrenfifchen See [Etangs de: Bages 
sd de Sigean] durchſtrömt; Nacba Martins [Rarbonne}, 
eine Golonie der zehnten Legion, 12,000 Schritte [2% Mi 
Vom Meere entfernt; die Klüffe Arauris (Hoͤrault] und Li⸗ 
via [Rei]. Die. Städte ſind übrigens in diefer Gegend 
felten, da fich allenthalben Sümpfe hinziehen. Zu hamerken 
ind Ugasha. [Bade], das einſt den Maſſiliern [Marſeille] 
gehörte ; das Gebiet der Volcä Tectofages *) und die Stelle, 
wo einft das von Rhodiern erbaute Khoba *") fand. - Bon 
diefem bat der ergiebigite Fluß Galliens, der Rhodanus 
[NRHene) , feinen Nomen. Er flürzt von den Alpen herab 
durch den Lemanifchen See [&enferfee], und reißt ben 
trägen Arar [la Saone] und bie ihm an Wildheit aleichen 


*) In bes Deyartements be P’ilzriöge, be la Haute⸗Garonne, 
de P’Aude, du Tarn und be lHexault. 

0) Rach Einigen an dem Orte, ber jsut Foz les Martigues 
genannt wird; nad Andern if es der Flechen led Saintes⸗ 
Maries. 





- Deittes. Bus. 297 


‚Ströme Iſara [1’Ifere] und Draentia [le Durance] mit - 
fi fort. 3. Seine beiden Pleineren Mändungen nennt man 
Die Abyſchen ſſudweſtlichen], und von diefen wieder bie. eine 
die Hifpaniſche [fe Petit Nyöne], die andere die Metapi⸗ 
nifche [ie Vieur Mne], die dritte und größte aber die 
Maffatietifche [vie jegige dreifache Mündung Gras du Midi, 
Geas de Gainteinne und ‚Gras‘. de Sanſe]. Manche 
Schriftſteller behaupten auch, an der Mündung des Rue: 
dauus habe ſonſt eine Stadt Heraelea gelegen. 

4. Weiterhin kommen die non ©. Marius aus dem 
Mhodanns geleiteten, und nach ihm benannten Kanäle; *) 
Ber. Sumpf Maflramela [r’ctang de Berre]; die Stadt Mas 
ritima [Martigues] im Avatiſchen; weiter aufwärts bie 
Stxinfelder [fa Crau], eine-Erinnerung an die Kämpfe des 
Herkules; **) Das. Gebiet der Anatilier [AUrtes], und im 
Inuneren bed Landes das Gebiet der Defuviater [Tarascon] 
und dey Gavarer [aufider öftidien Seite der Rhone zwiſchen 
den Biäffen Ifare uud Dürance}: dann, wieder nom Meere 
angefangen, das Gebiet der Tricorer [an der Durance); 
weiter nach dem Inneren Das der Tricoller [Gifteron], der 
Wocontier [im öſtlichen Theile der Departemente de la 
Dröme und de Bauclufe] und- ber Segovellaner [im weſt⸗ 





9 Dieſe von Marius im Limeriſchen ariege (102 vor Er.) 
gegrabenen Kandıe find wahrfcheinlich her jeut fogenanute 
Canal de navigation d’Arles au port de Bouc. 

”*, Herkules fol hier gegen Neptuns Söhne Albion und Ges 

. zyon gekaͤmpft haben, unb als ihm keine Pfeile mehr zu 
Grbote Handen, von Jupiter durch einen Steinregen unter⸗ 
fügt „worden ſeyn. Pomp. Mes U, 6. 


298 C. Plinius Naturgefchichte. 
lihen Theile der genannten Departemenfe] / and nit weit 
davon das der Allobroger. ) 

5. Un der Küfte folgen dann das von Dhocäifchen 
Griechen erbaute Maſſilia [Marfeilie], eine verbündete 
Stadt , das ‚Borgebirg Zao [Eap be FAigte], der Hafen 
Eitharifta [fe port de la Ciotat), das Gebiet der Camatu⸗ 
liker [der füdöfttliche Theil des Departements du Bar], wel⸗ 
terbin die Guelterer [die Mitte Des genannten Departements], 
und hinter ihnen Die Verruciner [dee nördliche Theif des 
genannten Departements]; ferner an der Kälte das den 
Maffitiern gehörende Athenopolis [Napoute] ; Forum Julii 
[Frejus], eine Colonie der achten Legion, auch Pacentis 
und Elaſſiea genannt; dabei der Fluß Argentens ſArgens]; 
das Gebiet der Oxubier und Ligauner ſſüdoͤſtlicher Theil 
ned Departements du War]; hinter ihnen die Suetrer [im 
Departement des Baſſes Alpes], Auariater Fin Departement 
des Hautes Alpes] und Adunicater [im Departement des 
Bafles Alpes]; dann au der .Küfe die Stadt Antipolis 
ſAutibes], mit Lateinifhem Bürgerrecht; das Gebiet ber 
Deciater [norböftlicdher Theil des Departements bu War]; 
der Fluß Barus [Bar], der von bem Berge Cema lEeme⸗ 
lione] in den Alpen herabkommt. 

6. Im Inneren bed Landes find die Eplonieen Arelate 
[Arles], von der fechsten Legion, Beterrä [Beziers], von 
‘ Ser ſtebenten, und Arauſio [Orange] » von der heiten 





*) Diefe bewohnten ben südlichen Theil des Departements be 
TYin, bad Departement de rIſere, den Kanton Senf und 
einen Theil von Gavoyen, 


1 


Drittes Bud. 2% 


gegeiudet; im Gebiete der Cavarer liegt Balentia [Balence), 
in. dem der Allobroger Bienna [Bienne]. Gtäpdte mit Las 
seinifhem Bürgerrecht find: Aquã Sertiä [Air] bei den ' 
Galluviern ; Avenio (Avignon] bei den Cavarern; Apta 
Inlia [Apt] bei den Bnlgientern; Alebece ſRiez] bei ben 
Apollinariſchen Reiern; Alba [Alps] bei den Heldern; Au⸗ 
guſta [Saint PaulsTrois-Ehateaur) bei den Tricaſtinern; 
Anatilia [Atais]; Adria [Mont Ventonx]; die Bormanner 
[um Bormes]; Eomatina, Eabellin [Cavaillon], Earcafum 
[Sarcafoıne} bei den Bolca Teckofages, Ceſſero [Eifteron], 
Earyentoracte [Earpentras] bei deu Meminern, die Beni: 
cenfer fam Fluß Arc], die Cambolectrer Cambo⸗Haut et 
Eambv: Bas. de Elarence]), auch Atlautiker zubenannt, 
Zorum Boconii [le ECanet], Slanım Livii [S. Remy]; die 
Lutevaner [Lotäve], and) Boroneronienfer- genannt; Nemans 
ſum [Nismes] bei den Arecomikern, Piscenä [Yerenas], die 
Ketener. [Rhodez], die Sanagenfer [Senez]; die Tolofaner 
[Tontonfe] , weiche zu den Tectoſagern gehören, und an 
Aquitanien *) grenzen; die Tasconer [Montauban] ; die Tas 
zusconienfer [Taradcon]; die Umbraniter [Rombes]; bie 
zwei Hauptpläte des verbündeten‘ Staates der Vocontier, 
Baflo [Baifon} und Lucus Auguſti [ke Luc]: außerdem 
findet man noch 19 undebentende Städte, fo wie deren aud) 
24 den Nemanfiern zugetheilt find..- Diefem Berzeichniß 
hat Der Kaifer Balba von. den Alpenbewohnern die Anantiker * 
[am Avançon] und die Bodiontiter, deren Stadt Diniz. 
[Diane]. heißt „ beigefügt. Die Länge der Narbonenflfchen 





“ . »).©, SB. IV. K. 33. 


300 C. Piinins.Naturgefähichte, 


Moxrinz gibt Yarippa auf 270,000. Schritte 154 M], Tre. 
Breite aber auf 248,060 Schritte [40° Mi] an. 

VI (V). 4. Run. folgt Italien und in demfelben ziterk 
Ligurien, dann @truxien, Umbrien und Latium, ‘wo fid ‚Pie 
Mändungen bei Ziber finden, und. 16 008 Schritte [5% M.T 
vom Meere, Rom, die. Haupiftadt der Melt. Weiterhin 
folgen: das Uferland der Volsker; Campanien; dann das 
Picentinishe, Das Lucaniſche uud had Bruttifche Gebiet, wo, 
non der. Alpengrenze an gerechnet, Italien am weiteſten 
ſüdlich in das Meer in: halbmoudförmigen Gebirgen ausläuff., 
Ban. bier an kommt zuerſt die Hüfte Großgriecherlands; 
dann folgen die Salentiner, die Pediculer, die Apulier, die 


Peliguner, die Freutaner, die Morruciner , bie Befkiner, Die 


Gabiner, bie Picenter, die Ballier, die limbrer, die Etrus⸗ 
Ber , die Veneter, die Carnor, die Yapider , die Threr und 
Die Liburner. ) 2. Sch. verhehle mir: nicht, Daß mau: mich 
mit Recht eines undankdaren Gemüthes zeihen könne, worum. 
ich nad) der bie jest beſolgten Weife nur kurz und. im Vor⸗ 
beigehen von einem Laude rede, das die Nährerin und zugleich 
bie, Mutter aller Länder iſt; das. bie Bätter ausgemähls: 
baben., un felbft dem. Himmel mehr Glanz zu verleihen, ) 
um die zerftreuten Neiche zu vereinigen, die Sitten zu mile 
dern, Die verſchiedenartigen und.-ropen Sprachen fa nielan 
Bötter in eine gemeinkame Sprache zu verſchmelzen, die 
| Menſchen Geſelligkeit und Bildung zu behren, karz, um das 





9 Ueber die Lage aller dieſer Wörter: wird weiter - ante de: 
Rede ſeyn. _ 
”) Durd) die zu Göttern erhobenen Kaiſer. 


- 





Dritte Buch. 3661 
alleinige Vaterland alter Boͤlter des gunzen Erdkrriſes zu 
werben. 3. Aber wie ſoll ich es anfangen? Die fo große 
Berühmtheit aller Orte, anf die man nur ſtößt, dev fo hohe 
Glauz aller ringehten Gegeuſtände und Wörter Halt wich 
Jurück. Wie autgedehnt müßte nicht fdyon Das Werk wer 
den, in welchem man auch nur Die einzige Stadt Rum, 
das eines fo ſtaftlichen RNackens würdige Antlitz, *) befchrei- 

ben wollte? Wie könnte man nur. allein die Küfte Cams 
deaniens, dieſes gfüdfelige und anmuthige Land, genugſam 
preiſen, um Jſdem Bar zu machen, daß es das Werk einer 
Ih diefer. Stelle mit beſonderer Vorliebe freuenden Natar 
ſey? Wie belebend und fortwährend geſund iſt überhaupt 
die Witterang unter dem Italiſchen Himmer! Wie fruchtbar 
find Die Seſilde, wie ſonnig die Hügel, wie gefahrlos bie 
Verfte, wie ſchattig die Haine, wie reihh an Baben alle 
Arten von MBaldımgen! Wie heilfam 'iſt die Bergiuft, wie 
‚groß der Ueberfluß an Früchten, Reben und Deibäumen, wie 
. Anbgezeichwef tie Wolle des Schafviehes! Wie feiſt find bie 
Gäft der’ Biere ; wie groß.ift die Menge der Seen, wie 
groß der. Reichthum an Stüfen und Quellen, die allent⸗ 
halben Italien durchſtrömen nad’ bewäflern, mie zahlreich 
And die Meere, Häfen und die von allen ‚Seiten dem Ver⸗ 
dehr offenen Barfen des Landes, weiches ſich ſetbſt gleichſam 
a amen der Menfchen gierig in Die Meere hinant- 
ih - . ü 
A Die geiftigen und gefelligen Vorzüge des Landes, 


. ) ‚Pinins tenrt ſich die Provinzen des Römifthen Reichs als 
Mrper, Italien als Nacken and Mom als Antlig. 


r 


2 


2  L. Plinins Naturgefchichte. 

fo wie feine großen Männer, und wie viele Bölter 'ed-mit 
Wort und That überwältigte, will idy gar nicht erwähnen. 
In diefer Beziehung haben die Griechen, ein in ber Lob⸗ 
preifung ihres Ruhmes nnerfhöpfliches Volt, das Urtheil 
feftgeftellt,, indem fle einen winzigen Theil Italiens Groß⸗ 
--griechenland nannten. Ueberhaupt müflen wir hier gerade 
fo verfahren, wie bei der Beſchreibung des Himmels, wo 
wir nur einige Merkmale und wenige Geſtirne näher be 
rührten. Die Lefer mögen nur bedenfen, daß -uus, um 
die einzelnen Merkwürdigkeiten des ganzen Erdkreiſes auf⸗ 
. führen zu tönen, vor Allem Eile noth thut. R 

5, Italien gleicht am meiften einem @ichblatte, und 

erſtreckt fidy bei weiten mehr in bie Länge, als in die 
Breite ; anf der linken Seite macht es eine hervorfpringende 
Beugung FProvinz Otranto], und endigt dann in Geſtalt 
eines Amazonenfchildes, ) indem es von dem in der Mitte 
liegenden Borfprung aus, welcher Eociuthos [Capo di Gtilo] 
heißt, zwei mondförmige Buſen bildet, und zwei Spigen, 
rechts Leucopetra ICapo dei’ Armi] und Tinte Lacinium 
[Capo delle Colonne], hervorſtreckt. Die Länge Italiens 
beträgt von Prätoria Auguſta [Uofta], weiches die Grenze 
mad) den Alpen hin bildet, über Nom und Gapua bis zur. 
Stadt Rhegium [Reggio], welche gleichſam auf der Schul⸗ 
ter des Landes liegt, nnd wo die Beugung feines Nadens 
beginnt, 1,020,080 Schritte [208 .M.]; **) wolite mau bis 
nad) Lacinium fortmeflen, fo würbe die Schrittezahl bei 





*, Dem Halbmonde ähnlid). | 
..) Die wirkliche Länge von Aofia bis Reggio Seträgtuu 160 R. 


’ 


Drittes Bud, . 303 


weiten gräßer. ſeyu: man: muß aber dieſe Richtung als ſchief 


nach der Seite hin abigufend betrachten. 6. Die Breite ift 
verichieden : zwifchen den beiden Meeren, dem unteren [Tyr⸗ 
rhenifchen] und dem oberen [Adriatiſchen], und deu Flüſſen 
Barıs [Bar] und Arfia [Arſa] beträgt fie 410,000 Schritte 
ſ82 M.1; in der Mitte des Landes, ungefähr in der Ge⸗ 
gend der Stadt Rom, von der Mündung des Fluſſes Ater⸗ 
nus [Pescara], welcher in das Adriatiſche Meer fällt, bis 
zu dem Ausfuffe der Ziber 436,000 Schritte [27 M.] 
und etwas weniger zwiichen Caſtrum Novam [Giulia Nova] 
am Adriatifchen und Alftum .[Pale] am Zuscifchen Meere; 
von bier an üherfchreitet die Breite nirgends das Maß von 
300,080 Schritten [60 M.]. Der Umfang des ganzen Landes 
vom Barus bie zum Arfia beträgt 3,059,000 Schritte 
[611% M.]. 

7. Die Entfernungen Italiens von den umliegenden 
Ländern ſind folgende: von Iſtrien und Liburnien [nördlichen 
Dalmatien) an einigen Orten 100,000 Schritte [20 M.]; 
von Epirns [füblihen. Albanien] und Illyricum 50,000 
[ıo M.]; von Afrika etwas. weniger als 200,000 [40 M.], 
nach M. Barro’d Ungabe; von Sardinien 120,000 [24 M.]; von 
Gicilien 1500 [540 M.]; von Eorfita etwas weniger als 
70,000 [14 M.], uud von Iſſa L[Eifa] 50,000 Schritte 
GO M.].”) Es erſtreckt ſich, mas feine Lage betrifft, durch 
Das Meer nad) der fühlichen Himmelsgegend hin, und zwar, 


*) Die von Plinius angegebenen Maße find nicht genau; der 
Lefer kaun fie Übrigens durch einen Blick ‚uf die Sand: 
arte sicht berichtigen, 


‘ 


304. E. Plinins Maturgolchichte. 


wenn man ſich auf eine genauere Umerſuchung eintäßte wi⸗ 
ſchen der ſechſten und erſten Stunde der Winterfonnenwende. % . 
8 Wir gehen jegt zu der Beirhreibung feines Umfangs und 
zur Aufzählung‘ der Städte Über, and ſchicken Lie nöthige 
Bemerkung voraus, Daß wir dabei ald Quelle dem göttlichen 
Anguſtus und feiner Eintheilung von ganz Italien :in eilf 
Bezirke folgen, .mit dem Unterfchiede jedoch, daß wir..bie 
‚Krönung, iu welcher fie ſich an der Küfle anzinanderreihen, 
beobaddten. Wir können ans«in unferer flüchtigen Darſtel⸗ 
fung natürlich nicht nach ‚den Entfernungen der einzelum 
Städte von einander richten, und müſſen fonach im aneyen 
des Landes die von dem erwähnten ‚Kaifer ‘angenommene 
alphabetifhe Reihenfolge feRhalten, und Die Colonieen, 
welche ex bei dieſer Aufzaͤhlung nambaft macht ,. als falde 
bezeichnen. Auch laſſen ſich die Lage und.der Urfprung der 
einzelnen Völker nicht Leicht angeben; denn wur allein dem 
Ingaunifden Liguriern [um Albenga], anderer gar richt zu 


gedenken, wurden Dreißigmal nene Ländereien angewieſen. 


VII. 4. Bon dem Fluſſe Varus an alſo ſolgen die von 
den Mafiitiern erbaute Stadt Nicda [Nigza], der Fluß 
Dalo [Paglion], die Alpen nnd die Alpenvölfer mit vielerlei 
Namen, größtentheils jedoch Capillati ”*) genannt, Ceme⸗ 
lion .[Eimiez], der Hauptort des Staates der Vediantier, 
der Hafen des Herkules Monöcus , die Liguftifhe [Genueſiſche] 
Küſte. Die berühmteſten Stämme der: Ligurier jenfeits der 


ig ie — — 


“*) Kacdı unferer Weie ficy auszudrucken: zwiſchen Sud und 
°*) Mit yingem; fiber die Squttern fallenden Hauothaet. 








Hritted Buch. i 505 


Alpen find die Salluvier, Deciaten und. Drenbier;*) dieſſeits 
der Atpen die Benener [um Binadio); die von den Catu⸗ 
gigern [bei Chorges) abflammenden Vagieuner [im weſtli⸗ 
dien Theil der Provinz Bay]; die Gtatieller [im 
der Provinz Acqui]; die Bibeller [in der Provinz 
Biella]; die Mageller, die Euburiaten, Casmonaten und 
Belisten , **%) deren Städte wir an der zunächſt lie⸗ 
genden‘Küfte nennen werden. 2. Weiterhin kommen: ber 
Fluß Netuba [Roya], die Stadt Albium Intemelium 
(Binttmiglia], : der Find Merula [Aroscia],, die Stadt 
Albium Ingaunum [Albenga], der Dafen von Badum Gas 
batium [Vado], der Fluß Porcifera [Potcevera], die Stabt 
Genua, der Fluß Beritor [Befagno] , der Hafen Deipbini 
[Porto Fino]; Zigullia [Trigofo]; weiter im Juneren Ge ' 
seta Zigulliorum [Seſtri di Levanse], der Fluß Macra 
[Magra], die Grenze von Ligurien. 3. Im Rüden aller 
genannten Städte liegt der Upennin, das ansgedehntefte 
Gebirg Italiens, welches ſich in fortlaufenden Gipfein von 
den Alpen dis zur Siziliſchen Meerenge binzieht. Bon der 
andern Geite diefes Gebirges bis zum Badus [Po], bem | 
gefegnetfien Fluſſe Italiens, praugen allenthalben die herr⸗ 
lichſten Staͤdte: Libarna [Monte Ehiaro] ‚ die Kolonie 


*) Ueber diefe Siourifhen Volker jenſeits der Alpen vergl. 
Kap. 6. $. 5. 

“s, Die Lage der drei "nieht genannten Stämme laßt fi) nicht gez 
nau nachweifen. Man kann nur mit Beſtimmtheit fagen, 
dag fie den nörblihen Abhaͤng ber. Apenninen bis zur 
Duelle der Magra bewohnten. j 


8 Punius Naturgeſch. 26 Bochn. 4 


3 
\ 


506 C. Plinius Naturgeſchichte. 

Dertona [Tortona], Iria [Boghera] , Barderate [Bardi], 
Induſtria [Berrua], Pollentia [Polenza], Carrea [Earro], ° 
mit dem Beinamen Potentia; Forofulvi [Balenza], auch 
Balentinum genannt; YUugyfla Bagiennorum [Basco], Alba 
Pompeia [Alba] , Alta [Ari], Aquis Statiellorum ſAcqui]. 
Diefer Bezirk ift nad der Beichreibung des Auguftus der 
neunte. Die Länge der Ligurifhen Küfte zwiſchen den 
Flüſſen Varus und Macra beträgt 211,000 Schritte [421 M.]. 
VII, 4. Un diefen Bezirk grenzt der flebente, weicher 


Etrurien in fid) begreift, und an dem Fluſſe Macra beginnt. 


Er Hat oft feinen Namen gewechſelt. In alten. Zeiten 
wurden die Umbrer von den Pelasgern daraus vertriebeit, 

und Diefe wieder von den Lydiern, weiche auch nad) ihrem 
König Tyrrhener, und fpäter, von ihren Opfergebräuchen, 
in Griedhifher Sprache Ihuscer *) genannt wurden» Die 
erfte Stadt Etruriens.ift Luna [erici], berühmt durch ihren 
Hafen. Dann fommen: die Eolonie Luca [Lucca], etwas vom 
Meere entiernt; die näher daran Tiegeude Colonie Pifä, 
zwifchen den Flüſſen Aufer [(Serchio] und Arnus [Arno), 
weiche von Pelops und Den Pillen, oder vou den Teutanern, 
‚einem Griedifhen Stamme, ihren Uriprung herleitet; **) 
Bada Bolaterrana [Torre di Vada]; der Fluß Cecinna 
[Cecina]; Populonium, ***) die einzige Stadt, welche fonft 


*) Bon Hver, Opfern, Bol. Über die Geſchichte der Bevbl⸗ 
terung Etruriens, Mannert's Geographie ber Or. u. Röm. 
Bd. IX. Abthi. 1. ©, 302 fi. 
*, Mol. Mannert a. a. O. ©, 348 fi. 
*. Ruinen bei Piombino, 


x 


J 


Drittes Buch. 307 


die Etrurier an der Meeresküſte hatten. 2. Ferner der Fluß 
Prille (Briunna]; nicht weit davon der fchiffbare Umbro 
[Ombrone], ‚bei welchem bie Laudſchaft Umbrien begindt ; 
der Hafen Telamon [Talamone]; Eoffa bei den, Volcien⸗ 
tern ; *) eine von dem Römiſchen Wolke angelegte Eolonie; 
Graviscä; *) Caſtrum novum ISt. Marinello); Pyrai 
[St. Severa] ; der Cäretanutfluß [Baccina];' die Stadt 
Eäre [Eerveteri], weile 4000 Schritte [ss M.] von der 
Küfte entfernt ift, und von ihren Erbauern, den Peladgern, - 
Agylla genannt wurde; Alſium [Palo]; Fregenä [Torre 
Macarefe] ; der Fluß Ziberis, 284,000 Schritte [56% M.] 
vom Macra entfernt. *"*) Im Inneren bed Landes liegen 
die Eolonien Falisca [S. Maria di Falari], nach Cato’s 
Angabe, von den Argivern gebaut, und den Briuamen „das 
Etrus ciſche“ führend; Lucus Beronik [Serofano]; die Rufel⸗ 
‚ Sanifche [Rofello], die Senenfifhe [Siena] und die Sutrinifche 
* &olonie [Sutri). 3. Bon den Übrigen Gemeinden find nody 
zu nennen: die alten Aretiner ſGiovi]; Die Kidentifchen 
Aretiner [Eaftiglione d'Arctino]; die Julienſiſchen Aretiner 
[Arezzo]; die Aminitenſer; die Aquenſer [Bagni di Bica⸗ 
rello] , welbe auch den Beinamen Tauriner führen; die 
Btleraner (Bieda], @ortonenfer [Cortona], Sapenaten, 7) 





*) Ruinen bei Orbitello. 
*s) Spurlos verſchwunden; lag etwas noͤrdlich von der Müns 
dung des Mignone. 
s, Die wahre Entfernung beträgt 46 M. 
}) Eapena ift jeut verſchwunden, Tag jedoch webrſceinich as 
dem Beinen See Straccia Cappa. 
4 * 


‘ 


508 C. Plinius Naturgeſchichte. 


die nenen Cluſiner FEhiufil, Die alten Cluſiner Edlari di 
Chiuſt), die Fluentiner [Blorenz], welde an dem vorüber: 
firömenden Arnus liegen, Befulä [iefole], Zerentini, ) 
Fescennia, **) —— IOrta), Herbanum [Biterbe], 
Nepet (Nepi), Novem Pagi [Bracciano], die Claudiſche 
Präfectur zu Forum Clodii [Orivolo] , Piſtorium (Piſtoja], 
Veruſia ſPerugia], die Suanenſer [Soana], die Saturniner 
ſ[Capalbio], welche früher Aurininer genannt wurden, die 
Subertaner [Sopretto). Statoner, ***) die Tarquinienſer, y 
"die Tuscanienſer [Toscanella), die Vetulonienſer [Torre 
Bechia], die Beientauer, Tr) die Veſentiner [Bifentio}, 
die Bolaterraner [Bolkerra), die Bolcentiner [Broffeto], die 
Etrusciſchen genannt, die Volſinienſer [Bolfena]. - In die⸗ 
fer Gegend haben auch einige Streden von früher dafeibft 
befindfichen Städten den Namen beibehalten, fo das Cruſtu⸗ 
miniſche und Caletrauiſche Gebiet. 

„1X. 4. Der Tiberis, ſonſt Tybris und noch früher 
Albuta genannt, entſpringt ungefähr in der Mitte der 
Apenninentette, an den Grenzen der Aretiner; er if zuerft 
unbedentend, und kann nur, fo wie die in ihn einmündenden 
Flüſſe Tinia [Timia] und Glanis ſChiana)], dadurch ſchiffbar 

*) ag in der Nähe des jegigen Vitorchiano. 

60) Ruinen bei dem Dorfe Galleſe. 

“er, Ruinen der Stadt Stutonia findet. man zwiſchen bem rago 
di Mezzano und dem Fluſſe Albegna. 

+) Bei Corneto. Der Hügel, auf welchem es Tag, heißt jegt 

noch Tarchino. 

FH Wenige Trümmer von Bell bet Ofteria ber doſſo und, 

Iſola Farneſe. 


Drittes Buch. 509 
gemacht werden, daß man fein Wafler in Teiche zuſammen⸗ 
Seitet, und dann wieder loslaͤßt. Zu dieſem Einſammein find 
neun Tage nöthig, wenn nicht Regengüffe behülflich Aud, 
2. Zrog diefer Vorkehrung kann aber ber Tiberis feines 
unebenen und felfigen Bettes wegen nur mit Flößen, ober 
beffer geiagt, .nur mit einzelnen Balken befahren werden. 
In vielen Krümmängen durchfließt er eine Gtrede von 
450,009 Schritten [30 M.] nahe an Tifernum [Ti]. 
Derufia [Perugia] und Ocriculum FOtricolo] vorbei, und 
ſcheidet Etrurien von den Umbrern und Gabinern; *) ferner 
trennt er nicht ganz 13,000 Schritte [2% M.] oberhalb der 


Stadt das Bejentiſche Gebiet von dem Cruſtuminiſchen, **) 


und dann dası Fidenatifche und Lateinifhe von dem Batica- 
niſchen. ***) Unterhalb ded aus dem Aretiniichen kommen⸗ 
ben Glanis erhält er den Zuwachs non 42 Flüffen, unter 
deyen der Nar [Nera] und Anien: [Teverone], der ſelbſt 
ſchiffbar it und Latium von hinten einfchließt, Die vorzüg⸗ 
lichſten ſtnd. Keinen geringeren Bufinß gewähren bie in die 


Stadt geleiteten Gewäſſer und vielen Quellen. Und obſchon 


er jest die großen Fabhrzeuge des Italiſchen Meeres. trägt, 
fo ift er Doch der gefälligfte Kaufpere in allen Produkten 
Des ganzen Erdbreifes, und in feinen Fluthen ſpiegeln ſich 
zablreichere Landhäufer,, ald in den übrigen Flüſſen aller 
Länder. 3. Keinem anderen Fluſſe wird, weniger‘ Freiheit 
geftattet, indem er. von beiben Seiten eingebämmt if; und 


2) Die Grenze durchüicht die jetzige Delegation Perugia. 
” Bei Monte Rotunbo. 
"», Wahrſqheinlich bei ©. Giubiteo. 


310 C. Plinius Naturgeſchichee. 


doch wũthet er nie, obſchon er häufig und ſchnell anfchmilit, 
und fein Wafler fich befonders in der Stadt weit ausdehnt: 
ja man kann ihn weit‘ cher als einen Vorausverkünder und 
Warner betrachten, und ihn bei feinem Unfchwellen mit mehr 
Recht fromm als wild nennen. *) ’ 

4 Das alte Latium hat feine Grenzen nicht verändert : 
ed reicht von dem Tiberis bis nad) Circeji [Monte Eircello), 
und ift 50,000 Schritte [io Meilen] lang. So winzig waren 
die erften Keime des Reichs. Die Beſitzer des Landes haben 
bäufig gewechfelt, und zu .verfchiedenen Seiten wohnten darin 
die Aboriginer, Peladger, Arcadier, Siculer, Anruncer, 
Rutuler: jenfeits Circeji die Volscer, Oscer und Au⸗ 
ſonier; *) weßhalb der Name Latium allmälig bie zum 
Einfle Liris [Oarigliano] ausgedehnt wurde. Den Anfang 
des Landes macht Oftia, eine von einem Römifchen Könige ***) 


* Man betrachtete das Anfchwellen ber Tiber ald eine Mah⸗ 
Hung, ben — Goͤttern Suhnopfer Li bringen. 
Bol. Horatius, Open I, 2. 

) Aboriginer, Urbewohner Italiens ; Peladger und Arbabier, 

‘ Griechiſche Stämme. Die Siculer wurden fyäter bis nad 

Gizilien gebrängt, und gaben der Infel ihrem Namen, Die 

Auruncer hatten urfprünglih in Campanien gewohnt, 

wurben aber von ben Peladgern nad) Latium getrieben; 

"die Rutuler, ein Eleined Volkchen in der Gegend des heu⸗ 

tigen Ardia; die Volsker an beiden Ufern des Garigliann. 

‚Die Oscer faßen in Samnium und Campanien, und ges 

hörten zu dem Auſoniſchen Wölkerflamme, welcher ben 
größfen Theil bed heutigen Neapels einnahm. 

., Von Ancus Martins. Mor. Livius I, 33. Oftia bat bis 


un  feot feinen alten Namen behalten. 


\ 


* 





Drittes Bud). ! 


gegrändese Eolonie. Dann kommen: bie Stadt Laurent 
[Torre Bajanico], der Hain des Jupiter Indiges [des ı 
beimifchen Inpiters], der Fluß Numicius [Rumico], Ur 
[QArdia], von Dani, der Mutter des Perſens, erbe 
5. WBeiterbin folgen die Ueberrefte des Aphrobifium [T 
peld der Benus] ; die Eolonie Antium [Torre D’Anzo] ; 
Fluß und die Inſel Aliura; *) ber Fluß Nymphäns 
Nimpa]; Eloſtra Romana [Zorre di Zogliano]; Cir 
(Monte Circello], eine einſt (wenn man dem Homer 
glauben will) von dem unermeßlichen Meere, jest aber ' 
einer Ebene umgebene Inſel. Wunderbar it, Was 
über diefen Gegenſtand zur allgemeinen Kenntniß. brin 
können. Theophraftus, welcher unter den Ausländern zu 
etwas Genaneres über Rom ſchrieb (denn Xheopomp 
- wor dem Niemand Nom’s erwähnte, erzählt nur, baß 
Stadt von den, Galliern eingenommen worden fey, nnd | 
tarchus zunachſt nach ihm nur, daß ſie eine Geſandtſchaft 
Alexander geſchickt habe) — dieſer Theophraſtus nun, ı 
cher ſchon mehr als Gerüchte weiß, ſetzt in jenem Buche,“ 
das er dem Atheniſchen Magiſtrate Nicodorus, deſſen 8 
waltung in das Jahr aao unſerer Stadt ˖ [314 vor EI 
fällt, widmete, die Eröße der Infel Eircefi auf 80 Stat 
[2 Meilen) an. Alles Land alfo, welches Über dieſe Ausdehnt 


*), Tragen bee noch deu alten Namen. 

*., HOdpffee X, 194. Diefe Stelle wurbe Abrigend von ! 
nine —8 mißverfianden; denn Homer’: Infel der € 
iſt nicht bier zu ſuchen. War Danuats gerszaohie 
Griechen und ‚Römer, Bd. IK. Might. I ©. 622. 

u Histor, plant, v2 9; 


s2= 6. Plinius Naturgeſchichte. 


vor 10,000 Schritten ſich der Juſel artgehängt hat, iſt feit 
jenem Jahr Ftalien zugewachſen. 

6. Noch eine antere Merkwürdigkeit: bei Eirceji liegt 
der Pompfinifhe Sumpf, deſſen Stelle, nad) dem Bericht 
des Mucianus, weicher dreimal Eonful war, einft 35 Städte 
eingenommen baben follen. Weiterhin folgen.der Fluß Ufens 
ISiſto]; an ihm die Stadt Zerracina, in der Sprache ber 
VBolster Anxur genannt; der Pia, wo Ampclä -lag [Torre 
di S. Wnaftafio], das vom Schlangen zerſtört wurde; % 
dann Die Stelle der [Umpeläifhen] Höhle [Sperionga]; ber 
Bundanifche See ſLage di Fondi]); der Hafen Caieta ſGaëta); 
die Stadt Formiä [Mole], im früheren Seiten Hormiä ge» 
nannt. und, wie Manche glauben, ber, alte Si der Laͤſtrygo⸗ 
nen ; **) ferner Die Stelle, wo Dyrä fland,[Barea]; die Colonie 
Minturnä, **)oom Sluſſe Liris [Barigliano], der auch aians 

beißt, durdhfloffenz. Die Stadt Ginneffa [Mondbragene], vie 
beste in dem Latium beigefügten Gebiete, die nach Einiger 
Meinung früher den Namen Cinope geführt haben ſoll. 

71. Run betritt man das glüdlidhe Eampanien. Bon 
diefem Bufen beginnen bie rebentragenden Hügel: bier 
bereitet «in weitberühmter Saft eine köſtliche Trunkenheit: 
hier iſt (wie die Alten fi ausdrückten) der gewaltigfie 
Streit des Vaters Liber mit Ceres. Von bier an erſtrecken 
ſich die Setiniſchen und ‚Cäcubifhen Gefilde [Sezza und 





2 Bel. 8. VUI. 8.43. Gervius zu Virgil, Aen. X, 564. 

, 9%) .Disfe Sage fügt fih anf Komer (Op. X, 8% f.). Das 
wilde Wolke ber Läfirpgonen wohnte in Sütiien, 

vr, Stuinen bei Scaffa Bi Garigliano. F 


— 


Drittes Buch. 313 

Eaſtro vetere]. Wu dieſe ſchließen ſich die Falerniſchen und 
Caleniſchen. ) Weiterhin erheben fi die Maſſiſchen, Gau⸗ 
rauiſchen und Surrentiniſchen Berge [Maſſico, Gauro und 
die Anhöhen bei Sorrento]. 8. Hier liegen auch die Labo⸗ 
riniſchen Felder [in der Provinz Terra bie Lavoro], wo man 
die Ernte verdirbt, um leddere Graupen zu gewinnen, **) 
Die Geftade werden non warmen Quellen bewäßlert, und 
Das fie befpülende Meer liefert zu den übrigen Produkten 
die köſtlichſten Mufcheln und Fiſche. Nirgends erpreßt man 
aus der Deiberre einen köſtlicheren Saft. ”*) Auch diefen 
Zummelplab der menſchlichen Ueppigkeit beſaßen die Osker, 
Die Griechen, die Umbrer, die Thuster und die Campauer. 
9 Yu der Küfte findet man den Fluß Savo [Riccio]; 

Die Stadt Bultusnum [Caſtello di Voktorno], mit dem 
gleidmamigen Einh Boltoyno; Liternum [Torre di Patria]; 
KBumä,r) von den Chalcidiern erbaut; Milegum ; Tr) den 
Sechafen Bajä [Bajal; Bauli [Bacolo]; den Lucriniſchen ++r) 
nnd Arerniſchen See [Averno], an welchem einſt die Stadt 


9 Das Falnerniſche Gebiet erſtreckte ſich von dem heutigen 
Eebpano bis nach Atife Hin. Das Caleniſche iſt die Umgegend 
des jepigen Staͤdtchens La, . 
4) Bol. 8. XV 8. 2 
©), Die Berchreibung ni Ziunins paßt jetzt noch zum Theil 
auf dieſe Küfte, wie man aus jehem Handbuch ber Geo⸗ 
graphie erſehen kann. 
+») Ruinen in einer peſtilenzialiſchen wüßte bei Baja. 
. TH Ruinen beim Sayo di Mifeno, ° 
44 Der Lubrinifhe See wurde Im J. 1638 durch ein. Erb: 
beben in einen flinkenden Sumpf verwandelt. 





_ 


514 C. Plinius Raturgefchichte. 
Cimmerium lag. *) Weiterhin kommen Puteoli (Puzzuoli], 
auch unter dem Namen der Eolonie Dikäarchia befaunt;; 
dann die Phlegräifchen Felder; ») ber Sumpf Aderufla 
[&ufaro], in.der Nähe von Eumä. An dem Geftade liegen 
ferner Neapolis [Napoli], ebenfalls von den Epateidiern 
erbaut, und von dem dafelbft befindlichen Grabe einer Si⸗ 
rene **%) Parthenope genannt; Herkulanium und Pompeji, » 
weiches vom Fluſſe Sarnus [Sarno] beſpült wird, und in 
deſſen Nähe ſich der Berg Veſuv erhebt; das Nucerinifche 
Gebiet, und 9,000 Schritte [1 M.] vom Megre entfernt 
die Stadt Nuceria [Nocera] felbft. 10. Berner Surrentum 
[Sorrento] mit dem Vorgebirge der Minerva [Capo della 
Campanella], dem einftigen Aufenthalt der Sirenen. Der 
Seeweg von Eirceji bie hierher beträgt 78,000 Schritte 
(153: M.] tt) , und der ganze Landſtrich von dem Ziberis 
an bildet nadı ber Eintbeitung des Anguſtus den erſten 
Bezirk Italiens. 
44. Im Innern des Lande⸗ liegen die Colonien Capua 
[S. Maria Maggiore], von der fie umgebenden Ehene 
campus) fo genannt, Aquinum ſAquino], Sueſſa [6cha] 
Benafrum [Benafro], Sora [Sora], Teanum [Teano), 

2) Fabel, zu weicher Homer Cieſ. XI, 14.) Veranlaſſung gab. 
°., Der Landſtrich zwifchen Cumaͤ und ben Veſuv. 
”*e, Melche Parthenope hieß. 

T) Daß dieſe Heiden Städte von dem Veſuv durch einen 

Aſchenregen im F. 79 verſchüuttet wurden, und jegt zum 


Theil wieder aufgebedtt find, weiß Jeber 
+D Die’ wirkliche Entfernung beträgt 17 M. 


} 





PP — m 


Drittes Buch. StB 


weldes ten Beinamen das Sidiciniſche *) führt, und Note - 

[Nola]; tie Städte Aberliuum [Avellino], Aricia [Riccia], 
Mlbalonga ſAlbano], die Acerraner [Acerra], die Allifaner 
[Alifel, die Atinater [Atina], die Aletrinater [Alatri], die. 
Anagniner [Anagni], die Atellaner [Averfa], die Affitaner 
[AfflE), die Arpinater [Arpino], die Auximater, die Avella⸗ 
ner [Avella vechia]; die Alfaterner, welche nach ihren 
Wohnſitzen die Lateinifchen,, die Herniciſchen und bie Labicas 
niſchen zubenannt werben; **) Bovillä, **%) Kalatiä [Ca⸗ 
jafſſo]), Caſinum [Eafino], Calenum [Ealri], Eapitulum 
[Saspoti] im Lande der Hernicer; die ereatiner, welche 


auch Marianer genannt werden ; Die Coraner [Core], weldye 


von dem Trojaner Dardanns abflammen; die Subniteriner 
[S. Maria bi Covultere]; die Eaftrimonienfer [Eaftro Pig⸗ 
nano]; die Eingulaner [Eicoli]; die Fabienfer , +) auf dem 
Alhanergebirge; Die Boropopufienfer [Rocca Bi Papa]. zum 
Falerner Gebiet gehörig; die Fruſinater [Frofinone] ; bie 
Serentinater [Berentino] ; die Freginater; die alten Fabra⸗ 
derner; die neuen Fabraterner [Balvaterra] ; die Ficolen⸗ 
fer; +t) die Foroappier [Caſarillo di ©. Maria]; die 


*) Zum Unterfchiebe yon einem andern Zeanum in Apulien. 
XZeanum war die Hauptflabt des Sidiciniſchen Volsſtammes. 
20) Die Lage ber Aifaterner (fo wie bie ber Aurimater) if 

unbekannt. Das Hernicifhe Gebiet begriff das Thal des 
Fluſſes Sacco, das Labicanifche die Umgegend von La 
Eolonna in fi. 


“er, Pag. zivifhen ben heutigen Dörfern Fratocchio und Capo 


di Leva. \ 
+) Das Gtäbtcyen ber Yadienfer lag nicht weit von Albano. 
‚19 Ficutmen lag bei S. Ginbileo, ungefähr 2 M. von Rom. 


* Bu \ 


346 . €. Plinius Raturgeſchichte. 


Forentaner [Borenza); die Gabiner; *)die Succaſiniſchen Ju⸗ 
teramnater (auch Lirinater genannt); ») die Ilionenſer 
[Magliano]; die Lavinier [Civita Lavinia]; die Norbaner 
[Norma]; die Nomentaner [La Mentana]; die Präneftiner 
[Pateftrina], deren Stadt einftend auch Gtephane genannt 
wurde; die Privernater [Piperna]; die Getiner (Sezza]; die 
Signiner [Gegni]; die Sueſſulaner [Eaftel di Seſſola]; die \ 
Zeliner ; die, Trebulaner [Trebulano], welche den Beinamen 
Batlinienfer führen; die Trebaner [Trevi]; die Tusenlaner 
IFrascati]; die Berulaner [Beroli]; die Beliterner [Belletri]; 
die Wubrenfer ; ”**) die Ulvernater [Tuliverna], und endlich 
Kom ſelbſt, deffen anderen Namen 7) die geheimnißvollen 
Religionsgebräude zu uennen verbieten, und der beßbatb” 
in der beften und heilfamften Abſicht abgeſchafft wurbe: 

Balerius Soranus, der ihn dennoch) ausſprach, mußte Fin 
bald dafür bäßen. +1) 12. Es fheint mir. nicht unpaflend, 





4‘ 


*) Auf der fübweftlihen Seite bes Lago bi. Eafliglione, 
»*%) Die Interamnater heißen. Succofinifche und Lirinater, weil 
Anteramna an der Mündung bed Gafinus [Eafino} in den 
Liris lag. Die Stadt iſt völlig verſchwunden; man finder 
_ aber auf fig bezüglihe Iufchriften in dem weitlicher lies 
genden Ponte Corvino und in afbern kenachbarten Orten. 
©. Mannert's Geogr. ber Gr. und NRöm. Bu. IX. &b 
theilung I. ©. 675. 
r.. Ulubräͤ war ein kleines unbebentenbes Stadtchen an ben 
Pomptinifchen Sumpfen, dad fpurlos verſchwunden if. 
HD Diefer aubere Nams fol Valentia geheißen haben, dime 
Ueberſetzung des Griechiſchen Wortes 84 ẽSiãrrej. 
n) —e— udorfcuekeit haste nämlich ben Tod zur Folge. 
olin. Kap. 


x . . 
x 


Drittes Buch. 317 


hier beiſpielsweiſe einen alten Religionsgebrauch, der haupt⸗ 
fächlidy dieſes Schweigens wegen eingeführt wurde, zu ers: 
währen. Es Wird nämlich das Bild der Göttin Angerona, 
welcher man vor dem zwölften Tage. der_Ealenden des Ja⸗ 
nuar [21. Dezember] opfert, mit verbundenem und verfles 
geitem Munde dargeftellt. 

43. Bei dem Tode des Romulns hatte Rom drei, oder 
(wenn man Denen, welche die größte Zahl angeben, glauben 
will) vier Thore. Der Umfang der Mauern betrug im 9. 
der Stabt 827 [nah Ehr. 73], in welchem die Kaifer 
Bespaflan, Vater und Sogn, die Cenſorwürde be£feideten, 
43,200 Schritte [2% M.], und fie umfcließen fieden Hügel. 
Die Stadt feldft wird im vierschn Bezirke eingetheilt, und - 
zählt 265 Kreuzwege.) Mißt man den Flächenraum ber 
Stadt von den vorn auf dem Römifchen Forum flehenden 
Meilenzeiger **) in gerader Linie bis zu den einzelnen Thoren, 
Deren Anzahh ſich jetzt auf ſlebenunddreißig beläuft (wenn 
man nämlich zwölf ***) derſelben nur einmal zählt und 
fieben alte, die aufgehört haben gangbar zu ſeyn, unberüd: 
fichtigt läßt), fo beträgt er 38,765 Schritte [6 Meilen und 
3,586 Buß]. 14. Mist man aber den inneren Raum von 
dem befagten Meilenfleine an bis zu dem Ende ter Hänfer 


*, Eompita Carus, Stellen, wo vier Wege mündeten, und 
die Larven ihre‘ Helligtiffimer hatten, 

) Bon biefem Meilenzeiger an, weichen Auguſtus im Jahre 
20: vor Chr, ſetzen ließ, wurden elle Entfernungen von 
Rom aus bis zu den entlegenfien Provingen gemeffen, unb 
bei ihm Tiefen alle Straßen ded Reiches zufammen. 

20) Welche Doppelthore waren. 


5 


548° C. Plinius Naturgeſchichte. 
(das Pratorianiſche Lager *) mit inbegriffen) durch alte bie 
Häufermaffen durchfhneidende Straßen, fo beläuft er ſich 
‚auf etwas mehr ats 70,000 Schritte [14 M.]J. Bringt man 
nun nody die Höhe der Häuſer in Anſchlag, fo wird man 
fid) einen würdigen Begriff von Nom machen können, und 
eingefteben müffen, daß ſich Feine andere Stadt der ganzen 
Welt mit ihm an Größe vergleihen dürfe 415. Von der 
öftlihen Seite wird die Stadt durd, den Wall des Zarquis 
nius Superbus, **) ein überaus bewunderungswürdiges 
Werk, gefchloffen: er ließ ihn da, wo fie durch eine Ebene 
dem Anlaufe am meiften offen fand, bis zu der Höhe der 
Mauern aufführen. Un allen übrigen Punkten war fie 
“durch fehr hohe Mauern oder feile Berge gefhüst, bie durch 
den fortwährenden Anbau von neuen Häufern nöd) viele 
Städte um fie entflanden. 
" 46. In dem erften Bezirk befanden fih außerdem. in 
früherer Zeit noch in Latium folgende berühmte Orte: ***) 
Batricum [Pratica], Pometia [Torre Petrara], Scaptia, 
Pitulum, Politorium [Pocigliano], Tellene, Tifata, Ei 
nina [Monte Gentile], Ficana, Eruftumerium [Monte 


*) Die befefligten Kaſernen der prätorianifchen Cohorten wur: 
ben von Tiberius angelegt (Tacit. Annal. IV, 2.), unb 

"befanden fih an dem Wiminelifhen Thore 
*0) Er lag zwifchen bem Esquiliniſchen und ben Eollinifchen Thore. 
0, Da fie ſchon zur Zgit des Plinins nicht mehr vorhanden 
waren, fo läßt ſich nicht immer und genau ihre Lage bes 
ſtimmen. Später entfianden an den Stellen mancher zers 
"amerten Städte wieber andere, wie bie angegebenen 

m zeigen. " 


“ 





Drittes Bud). 519 
Rotondo); Ameriola [Marigliano]; Medullia [S. Giubileo], 
Eornicuſum; Saturnia, an der Stelle, wo jetzt Rom liegt; 
Antipolis, jest der Stadttheil Roms, welcher Janiculum 
[Montorio] Heißt; Antemnä, *) Camerium, Collatia, Amis 
tinum, Norbe, Sulmo und die AUlbenfifchen Stämme, welche 
mit diefen auf dem Albänerberge nady einer alten Gewohn⸗ 
beit Fleiſch bekommen: *°) die Wlbaner, die Nefolaner 
[Quarto della Bajola], die Acienfer - die AUbolaner [Ania 
Antica),, die Bubetaner, die Bolaner [Poli], die Cusve⸗ 
taner , die Eoriolaner [Carocello], die Fidenater, die Fore⸗ 
tier, die Hortenfer, die Latinienfer, die Longulaner, die Mar 
water, die Macraler, die Mutucumenfer, die Munienfer, die 
PTruminienfer, die Dlliculaner, die Octulaner, die Pedauer, die 
Pollusciner, die Auerquetulaner, die Sicaner, die Sifotenfer, 
die Tolerienfer, die Tutienfer, die Vimitellarier, die Velienfer, 
die Benekulaner, die VBitellenfer. In dem alten Latiam find 
alfo 53 Bölfer fpurlos verfhwunden. 17. In dem Gampa: 
nifchen Geblete lag Stabiä [Eaftell’-a mare di Stabia], 
eine blühende Gtadt bis zum Couſulate des En. Pompejus 
und bes 2. Eato [89 vor Ehr.], und zwar bis zum Tage 
vor den Galenden des Mai [30. April], an welchem der 
Legat 2. Sylla im Bundesgenofienkriege fie fo zerftörte, daß 
fie jetzt bis zu einer Meierei herabgeſunken ift. In derfelben 
Gegend verſchwand auch Taurania [Toretto], und bier findet 


% Lag.an dem Z3uſammenfluſſe des Tiber und des Teverone, 

Vermuthlich Opferfeifh. Wal. Livins XXXII, 1. Die 
alten Schriftſteller geben über biefe Sitte Peine gendgende 
 Weptlisung. 


520 C. Plinius Naturgeſchichte. 
man auch die Trümmer des zerfallenden Caſiliuum [Capua]. 
Ferner erzählt Antias, daß Apiola [Apeloſa], eine Stadt 
der Lateiner, don dem Könige 2. Tarquinius eingenommen 
worden ſey, und daß Dieſer von ber daſelbſt ‚gemachten 
Beute den Bau des Gapitolium begonnen habe. Bon Sur: 
rentum [Sorrento] bis zum Fluſſe Silarns [Silaro] erſtreckt 
fidh das ehmals den Tuskern gehörende Picentinifche Gebiet, 
in einer Länge von 30,000 Shhritten [6 M.]; es ift beſon⸗ 
ders durch den von Jaſon erbauten Zempel der Argivifchen 
- Suno berühmt. *) Im Guneren des Landes liegen die Stadt 
Saternum [Salerno] *) und Picentia [Picenza]. 
x. 1. An dem Silarus beginnt der dritte Bezirk, und 
mit ihm’ das Lucanifhe und Bruttiſche Gebiet. **) Auch 
bier haben die Einwohner nicht felten gewechſelt. Das Land 
befaßen nach einander die Pelasger, die Oenotrier, +) die 
Italer, die Morgeter, +4) Nie Siculer, meift Griechiſche 


..%) Dieſer Tempel lag bei dem heutigen Dorf Gt, Varra, 
etwas ſüdlich vom Silaro. 
ees) Salernum lag am Meere. Plinius irrt hier ſehr, pber 
der Text it verdorben. Hardouin's Erklärung, daß Pi⸗ 
centia im Jnnern die eigentliche Stadt zu.dem am 
Meere gelegenen Römifchen Garniſonsplatze geweſen fey, 
iſt zu gekünſtelt. 
* Lucanien entſpricht der jetzigen Provinz Principato Cite⸗ 
riore, das Bruttiſche Gebiet ber Provinz Calabria Ulteriore. 
‚» Wahrfcheintich ein nur eingebilbeted Bolt, Denotria heißt 
nichts mehr unb nichts weniger als Weinland, welchen 
Namen der fruchtbaren Küſte bie erften Griechifchen Säifer, 
weiche am ihr landeten, Leicht geben konnten. 
» So genannt von dem König Morges, welcher vor uralten 
"siten in Galabrien herrichte. 








Dritte Buch. . 


Bölter ; zulegt die von den Samnitern abflammenden Lu⸗ 
caner unter ihrem Anführer Lucius. Zu bemerken find hier 
die Stadt Päſtum [Peftil, von ben Griechen Poſidonia ger 
naunt; der Päſtaniſche Meerbufen [Golfo di Salerno]; die 
Stadt Helia , weldye jebt Elea [Caſtell' a märe della Brucca] 
heißt ; dad Vorgebirg Palinurum [Punta beila Spartimento], 
don welchem ans die Fahrt über den in das Land fretenden 
Meerbufen nad) Columna Rhegia (Calanna] 100,000 Schritte 
[29 M.] beträgt. *, Zunächſt nach dem Vorgebirge foigen 
der Fluß Melpes Melpa]; die Stadt Burentum [Policafiro], 
Griechiſch Pyxus; der Buß Laus [Lan]. Früher gab eß 
andy eine Stadt deffelben Namens [Laghino]. 2. Hier bes 
‚ginnt die Bruttiſche Küfte, und es folgen: bie Stadt Blanda 
{&t. Biaflo]; der Fluß Baͤtum [Deila Noce]; der von de ey 
Phoceern angelegte Hafen Parthenius [@etraro] ; dr Bi 
bonenſiſche Meerbufen [Golfo di S. Eufemia]; die Skur, 
wo Clampetia [Torre di Mezzo) lag; die Stadt Temfa, **) 
von den Griehen Temefe genannt; fertter das von den 
Erokonienfern erbaute Terina [Terrati] und der große Teri- 
näifhe Meerbufen. ***2) Im Innern liegt die Stadt Gon- 
fentia TEofenza). Auf der Hatbinfel +) find zu bemerken: 
der Fluß Acheron [Mucone], von welchem die Bewohner 


*) Die Ueberfahrt beträgt 29 Meilen. . 
“=, Trümmer derfelden flieht man bei Torre di Lupo, 
se) Gr-reichte von Tropen bis Eitraro, und bildet mit dem. 
Vibonenſiſchen den Golfo bi S. Eufemia, 
>) So nat Plinins die an ber Siziliſchen Meerenge liegende 
Spitze Italiens. 


EC.imius Naturgeſch. 88 Bihn. 3 


522 e ©. Plinius Naturgefchichte, 
der Stadt Acherontia [Yeri) ihren Namen haben; Sippe, 
welches wir jest Vibo Valentin (Vibona] nennen; der Hafen 
des Herkules [Briatico]; der Fluß Metaurus [Marro]; die. 
Gtadt Taurventum [Palmil; der Hafen des Dreftes [Gioja] 
und Mebma [Melia]; die Stadt Scylläum [Scilla]; das - 
Flüßchen Kratais [Ballace], die Mutter der 'Scylla, wie 
man fagt.”) 3. Berner Eolumna Rhegia [Salanna], die 
Siziliſche Meerenge und die beiden in einer Entfernung von 
zwölf Stadien [1'/; Stunde] fid) einander gegenüberliegenden 
Vorgebirge, Eänys [Eenide] in Italien nnd Pelorum [Capo 
di Faro] in Gizilien. Bon hier [dem Vorgebirg Cänis] bis 
nad Rhegium [Regio] beträgt der Weg 12,500 Schritte 
[2'!, M.] Weiterhin kommt der Apenninenwald Sila 
Monte belle pece] und noch 12,000 Schritte [22/, M.] wei: - 
er „das Borgebirg Leucopetra [Pellara]; dann folgen bie 
Locrer, **) welche ihren Beinamen [Epizephyrier] von dem 
Borgebirg Zephyrium ſSpartivento] Haben, und 303,000 Schr. 
[60° M.] von dem Silarus entfernt find. . 

4. Damit fchließt fidy der erfte Bufen Europas. Das 
Meer, weldyes ihn bildet, trägt folgende Namen. Der Ozean, 
ans welchem es hereinftrömt, beißt der Atlantiſche oder audy 
der große: die Stelle, wo es hereintritt, nennen die Gries 
en Porthmos, wir die Baditanifhe Meerenge [Straße 
von Gibraltar]. Nach feinem Eintritt heißt es, fo weit es 
Hispanien : beipükt, das Hispanifhe, an der Küfte der 





*) Die Sage entſtand durch Homer, welcher (Odyſſ. XIL, 
124, 125.) die Mutter der Scylla Kratais net. 
‚+#), Die Stadt der Locrer Ing an ber Stelle bes jehigen Gerace. 


L 


- 








Drittes Buch. 323 


Narbonenfichen Provinz das Ballifhe Golfe de Lyon] und 
weiterhin das Liguftifche [Ligurifche] , von biefem aber bis 
zu der Inſel Sizilien das Tuscifhe [Golf Yon Corſika und 
Eisitifhed Meer]: das Iegtere nennen manche Griechen das 
Notiſche Lfüdliche], andere das Tyrrheniſche, die meiften der 
Unfrigen aber das untere. Jenſeits Giziliens bis zu den 
Salentinern [Galentino] nennt ed Polybius das Aufonifche 
[Golf.von Tarent]. Eratoftpenes nennt das Meer zwiichen 
der Mündung des Ozeans [Straße von Gibraltar] nud 
Gerdinien das Sardoiſche, von da bis nach Gizilien das 
Iprehenifche „von diefer Infel bis nad) Ereta das Gizififche 
und von da an weiterhin das Eretifche. - 

X. 4. Die erften Infeln, welden wir in biefem 
Meere begegnen, wurden von dem auf ihnen wachſenden 
Fichtenſtranche (zirus) von den Griechen Pityufen ”) ge 
nannt. Jetzt heißen beide Ebuſus, haben eine mit uns vers 
bündete Stadt, Ebufus Liest Iviza], und find nur durch 
eine fhmale Meerenge von einander getrennt. Ihre Länge 


befrägt 46,000 Schritte [9% M.], **) ihre Entfernung von 


Dienium [Denis in Spanien] 700 Stadien [17 M.], und 
eben fo weit ***) ift es zu Lande von Neu⸗Carthago [Carta⸗ 
gene] bis nach Dianium. In gleicher Entfernung +) von 





*) Sie heißen jegt noch die Pityufen. Die beiden von Plis 
nius erwähnten Inſeln find Jviza und Formentera. 
Nach genauer Meſſung nicht ganz 7 Meilen. 
Diefe Entfernung iſt um die Hälfte zu groß angegeben. 
“D Das richtige Map beträgt 13%, M. 


5 * 


.-— 


324 €. Plinius Naturgefchichte. 


den Pityufen liegen auf dem. hohen Meer die beiden Ba⸗ 
' Iearen, und nach dem Sucro [&£ucar] hin Coluhraria [Eo- 
Iumbretes]. Die Balearifchgn Infeln, deren @inwohner bes 
fonders aut mit der Schleuder umzugehen wiffen, nennen Die 
Griechen die Gymnaſiſchen. 9 Die größere [Mallorca] hat 
eine Länge von 100,000 Schritten [30 M.] und einen Um: 
fang von 375,000 Schritten [75 M.]. *) Bon ihren 
Städten haben Römiſches Bürgerreht: Palma [Ciudad de 
las Palmas] und Pollentia [Pollenzia], Lateinifches Cinium 
[Sinen] und Eunici [Alcudia] ; eine verbändete Stadt war 
Bocchorum. »ꝛe) Non der größeren iſt bie Kleinere [Mi- 
norca] 30,000 Schritte [6 M.) entfernt: ihre Länge beträgt 
40,000 Schritte [8 M.], ihr Umfang 150,000. Schritte 
[30 M.). H Ihre Städte find Jamno [Eindadela], Sani⸗ 
fera [Fornells] und Mago [Mahon]. 2. Nach. der hohen 
See hin, 12,000 Schritte [2 M.] von ber größeren ent: 
fernt, 77). liegt Capraria [Eabrera], übel berüchtigt durch 
die an ihr nicht felten vorkommenden Schiffbrüche. In der 
Richtung der. Stadt Palma NHegen die Mänarien [Mal: 
‚grates]) , ferner Ziquadra [Dragonera] und die Zleine 
Hannibalsinfel [Toro]. Auf Ebuſus duldet die Erde feine 
Schlangen, erzeugt diefelben aber auf Eolubraria , die deß⸗ 
halb auch Allen gefährlich ift, welche Feine Ebufitanifche 





*) Won yuuvos (malt), weil die Einwohner nadt gingen. > 
+, Die wirkliche Länge beträgt 14 M., ber Umfang 50 M. 
»eey Sie beftand fchon zur Zeit bed Pliniue nicht mehr, und 

ihre Lage läßt ſich nicht beſtimmen. 

+) Die Länge beträgt ungefähr 7 M., ber Umfang 22 M. 
IP) Genau gemeffen nur 1% M. 


+‘ 





Drittes Bud. 325 


Erde mitbringen. Die Griechen nennen fie Ophiuſa [Schlan⸗ 
geninfel]. Ebuſus bringt Beine Kaninchen hewvor , welche 
Die "Ernten der Balearen zerflören. Außerdem liegen noch 
ungefähr zwanzig andere Bleine Inſeln in biefem feichten 
Meere. 
5. Un der Galliſchen Küflte in der Mündung bes Rho⸗ 
danus liegt Metina Jamatan], und nicht weit Davon die 
Inſel, welche Blascon [Brescon] heißt; dann Tommen die 
drei Stöchaden [Hyeren], wegen der Reihenfolge, in welcher 
fie liegen , von den nahen Mafillienfern fo genannt. Auch 
haben fie alle befondere Namen. Die erfte heißt Drote [Por⸗ 
auerofles]; die andere Mefe [Port Eros], auch Pomponiana 
genannt; die Dritte Hnpaa [Levant vder Titan]. Nach diefen 
folgen Eturium [Ribaudas], Phönice. [Langauſtier], Phito 
- FBagseau]; ferner Antipolis [Antibes] gegenüber Lero 
(St. Margnuerite] und Lerina [St. Honorat], wo fidy noch 
Das Andenken an die nicht mehr vorhandene Stadt Vergoa⸗ 
num erhält. - 

XU cv). 4. In dem Liguſtiſchen Meere, jedoch mehr 
nach dem Tusciſchen hin, liegt die Inſel Corſika, melde die 
Griechen Kyrnos nannten. Sie erftredt fid, von Norden 
nady Süden, ift 150,000 Edhritte [30 M.] fang und an 
den meiften Stellen 50,000 Schritte [10 Mi) breit; ihr 
Umfang beträgt 325,000 Echritte [65 M.]: von den Vola⸗ 
ferranifhen Untiefen [Maremma Bolterrana] ift fie 72,000 
Schritte [14:5 M.] entfernt. Sie hat 33 Städte und die 





.n De wirkliche Sutferanng beträgt 18 M. 


326 C. Plinius Naturgefchichte. 


beiden Colonien Mariana, *) von C. Marius, und Alleria, *) 
von dem Dictator Sylla angelegt. Weiter dieſſeits [nach 
Italien hin] liegt Oglaſa [Monte Chriſto) und ungefähr 
460,000 Schritte 112 M. M von Corſika Planaria EBor- 
micole], von ihrer Geſtalt ſo genannt; denn ſie iſt ro 
dem Meere gleidy und deßhalb den Schiffen gefährlig 

2. Größer find Urgo [Borgona] und Eapraria [Eaprara, 

welche die Griechen Aegilon nannten ; deßgleichen Kegitinm 
[&iglio] und Dianium [Gianuti], welche bei’ den Griechen 
Artemifia heißt, beide dem Cofanifhen Beftade [der Halb⸗ 
inſel Argentaro] gegenüber ; ferner Barpana [&ormiche bi 
Sroffeto), Mänaria [Meleora], Columbaria [Palmajola] 
und Benaria [Eervoli]. Ilda [Elba), mit Eifengruben, 
hat einen Umfang von 400,000 Schritten [20 M.], if 
40,000 Schritte [2 M.] von Populonium [Piombino] ent⸗ 
fernt, und wird von den Griechen Aethalia genannt. Von 
ihr bis nach Planaſia [Pianoſa] beträgt die Entfernung 
38,000 Schritte [73; M.]. T) Nach diefen kommen jenfeits 
der Mündung ber Tiber im. Antianifhen Meere [Torre 
D’Anzo gegenüber] Aftura, 74) weiterhin Palmaria [Pals 
marola] ; Sinonia [Gennone] und Formid [Mola] gegen 
über Pontiä [Ponza]. 3. In dem Puteolaniſchen Meer 





*) Fr findet nur noch wenige Trümmer derfelben am Fluſſe 
olo 
*) Diefed an der Mündung bed Tavignano gelegene Städtchen 
wurde erft im I. 1730 zerftört. 
*, Nur 6 2; M. 
T) Yianofe M- kaum 1 2, M. vom Eiba entfernt, 
rt) Tragt jest noch den alten Namen, ' 





Drittes Bud. 327 


buſen [Bolfo Die Napoli] liegen Pandataria [Bentotiene] und 
Prochyta [Procida], welche nit von der Amme des Aeneas 
diefen Namen führt, *) fondern weil fle von der Inſel 
YAenaria [dur ein Erdbeben] losgeſchleudert wurde ; ferner 
Yenaria felbft [Iſchia]), fo genannt, weil Aeneas hier mit 
feiner Flotte Iandete: bei Homer **) heißt fie Inarime, bei 
den Griechen Pithecuſa, aber nicht (wie Manche glaub⸗ 
ten) von einer Menge dafelbft befindliher Affen, fondern 
von den TIöpferwerkflätten, in weldhen irdene Tonnen 
(xi90:) gemacht werden. Zwiſchen Panfilipus [Pofilipo] 
und Neapel liegt Megaris [Eaftello dell’ Ovo], und weiters 
bin, 8000 Schritte [1Ys M.] von Surrentum [Sorrento] 
entfernt, die durch deu Palaft des Kaiferd Ziberius bes 
rühmte Inſel Eapreä [Capri], , welde 11,000 Schritte 
[2 M.] im Umfange hat. 

- XIN, 4. Weiterhin liegt Bencothen [Lungo], und außer 
dem Geſichtskreiſe [Italiens], dicht an dem Afrikaniſchen 
Meere, die Infel Sardinien. Gie ift kaum 8000 Schritte 
[123 M.] *"*) von der Küfte Korfita’s entfernt, und die 
ſchmale Meerenge [Straße S. Bonifacio] wird außerdem 
woch durch die kleinen Eilande, welche Eunicularien heißen, +) 
und durch die Juſeln Phintonis [Cavallo] und Sofa [Lo⸗ 
voſſi], von welcher letzteren die Meerenge felbft den Namen 
Zaphros befommen hat, ++) gefperrt. 


Bol, Dionyfins von Halikarnaß R. ©. 1, 53, 

**, Il. 1], 783. Mißverftandene Stelle. 
**©, Die Outferuung beträgt kaum eine Meile. 

D Sind zehn, und heißen jest bie Bneinarifchen Sufeln, 
1Pp Fossae = vügga = Gräben, 


33 ,€. Plinins Naturgefchichte. 
(ru) Die öftlihe Küfte Sardiniens iſt 188,000 Schritte _ 
[37% M.], die weſtliche 175,000 [35 M.], bie ſuͤdliche 
27,000 F157/; M.] und die nördliche 125,000 Schritte [25 M.} 
lang; der Umfang beträgt 565,000 Schritte [113 M.] : vom 
Earalitanifhen Vorgebirge [Capo -Earbonara] and beträgt 
ihre Entfernung *) von Afrika 200,000 Schritte [40 M.], 
200 Bades 400,000 Schritte [80 M.]. 2. Um Serdinien 
liegen nod) ferner an dem Gorditanifchen Borgebirg: IFal⸗ 
cone] die beiden @ilande, welche Herkulesinfeln [Aſinara 
und Piane] genannt werden, an dem Sulcenſiſchen Vor⸗ 
gebirg ”*) Enotis [San Antieco], an dem Garalitanifchen 
Ficaria [Cortellazz0]. Manche fegen auch in die Nähe von 
Sardinien die Bereliden [Toro, Bacca und Vitello]; ferner 
Eollodes [Matdivente} und das Eiland, weldes man Heras 
Lutra [S.- Pietro] nennt. Die berühmteflen Völker ber 
Juſel find die Ilienſer, bie Balaren und die Corſen. ***) Von 
“den achtzehn Gemeinden find die berühmseften die Sulci⸗ 
taner [Palma di Solo], die WBalentiner [(Igleſias], Die. 
Neapolitaner [Oriftang], die Boſenſer [Bofa], die Carali⸗ 
taner [Cagliari] wit NRömifhem Bürgerrebt, und die 
Norenfer [Banura]. Auf der ganzen Infel findet man aber - 
nur eine einzige Golonie, weldhe den Namen Zum Thurm 
des Libyſo [Porto Torre] führe. 53. Timäus nennt die 





*) Die Entfernung von Afrika ift fat um bie Hälfte zu groß, 

die von Cadix um mehr als bie Hälfte zu Plein angegeben. 

**) Hat jegt Eeinen beſonderen Namen, und ifk mit ber Inſel 
Antioeo durch eitte alte fleinerne Brücke verbunden. 

“, Bol, Mannert’s. Geographie der Br. und Nom. BB. IX. 

Abth. II. ©. 478—480, ». ‚ 

. ® 


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Drittes: Da. , - 329 


Infel Sardinien Sandaliotis, weil fie einer Pantoffelfohle 
gleicht; Myrtilus Ichnuſa, wegen ihret Aehnlichkeit mit 
einer Fußſpur. — Dem Päſtaviſchen Meerbufen: [Bolfo di 
Galerno] gegenüber liegt Leucafia [Piana], fo genannt von 
einer daſelbſt begrabenen Sirene; Velia [Eaftell’ a mare] 
gegenüber liegen Pontta [Ponza] und Iscia [Jsca], weiche 
auch beide unter dem gemeinfchaftlihen Namen Denotriden 
betaunt find und den Beweis liefern, daß die Denotrier 
einmal Italien befaßen; Vibo [Bibona] gegenüber einige 
Heine Inſeln [Toricella, Praca u. f. w.], welche von ber 
auf ihnen befindlihen Warte des Ulgffes die Ithaceſiſchen 
genannt werden. 

XIV (vn, 4. Alle andern Jaſeln aber übertrifft an 
Ruhm Gicilien, von Thucydides Sicania , *) von Mehrern 
wegen ihrer dreiedigen Geſtalt Trinacria oder Triquetra 
genaunt. Ihr Umfang beträgt, nad) der Angabe des Agrippa, 
618,008 Schritte [123% M.]. Einſt hing fie mit dem Brut 
tiſchen Gebiete zufammen; [päter riß fie das dazwiſchenſtrö⸗ 
mende Meer von ihm los, und bildete eine 15,000 Gchritfe 
(3 DR. ] lange und bei Columna Rhegia ſCalanna] 1500 Schritte 
[72 Minuten] **) breite Straße [Faro di Meffina]. Diefes 
Abreißen war die Veranlaſſung, daß die Griechen die an 
dem Endpuntte Ftaliens liegende Stadt Nhegium nannten. 
2. In diefer Gtraße ie die Klippe Scylla und der Meer— 





13V. 82% 

2) Die geringke Breite der Meerenge beträgt %ı M., bie 

"  Bänge über 4 M., ber. Umfang von Gisilien ungefähr 
105 M. , 


230 C. Plinins Naturgeſchichte. 


ſtrudel Charvbdis, beide von weltbekannter Gefährlichkeit. *) 
Das Vorgebirg der Inſel Triquetra, welches der Scylla 
gegenüber nach Italien zu liegt, heißt, wie wir ſchon geſagt 
haben, **) Pelorus, das nach Griechenland hin liegende 
Pachynum [Paflaro], und iſt 460,000 Schritte [92 M.] 
vom Peloponnes entfernt; das Vorgebirg Lilybäͤum [Capo di 
Boco] liegt nad Afrika hin, und ift von dem WBorgebirg 
des Merkurius (Cap Bon] 180,000. Schritte [36 M.], von 
dem Garalitanifchen Borgebirg anf Sardinien 190,000 Schritte 
[38 M.] entfernt. ***) Die Maße der Entfernungen zwis 
fen diefen Vorgebirgen und die Länge der einzelnen Geiten 
verhalten ſich, wie folgt: Der Landweg von Pelorus nach 
Pachynum beträgt 191,000. Schritte [38% M.], von da 
bis Lilybäum 200,000 Schritte [ao M.] und von da bis 
Delorus 170,000 Schritte [34 M.]. 7) Man findet anf 
dieſer Inſel fünf Colonien und 63 Städte und Bemeinden. 
5. Auf der Küfte nach dem Tonifdien Meere hin liegen 
von dem Vorgebirg Pelorus an die Stadt Meffana [Mieffina], 
deren Einwohner Römifche Bürger find und Mamertiner T+) 


*) rm weiß jegt nichts mehr von ber Gefaͤhrlichkeit dieſer 
llen. 
”*, Ray. 10. 6. 3 
sr) Die Entfernung vom Car Bon beträgt 15 M., von Capo 
Sarbonara ungefähr 42 MM. 
7) Die wirklichen Entfernungen betragen zwifchen Pelorns 
und Pachynum 30 M., zwifchen Pachynum und Lilybaͤum 
42 M. und zwiſchen Lilybäum und Pelorus 46 
+9 Die Veranlaſſung zu diefer Benennung erzählen Polybius, 
— or von Sizilien XXI, 13. 


Drittes Bud. 354 
gewannt werden; das VBorgebirg Drepanum [Broffo]; bie 
Eolonie Zauromenium [Taormina], weiche früher Naxos 
hies; der Find Aſines [Gantara]; der Berg Aetna, merk⸗ 
würdig durch feine nächtlichen Fenerausbrüche (fein Krater 
Kat 20 Stadien [eine Stunde] im. Umfang; die glühende 
Aſche Lommt bis nad) Zauromenium und Catina [Eatania], 
Bas Setöfe aber reiht bi nad Maro [Maretto] und bis 
zu ber Anhöhe Gemelli [Monte di Mele]); ferner die drei 
Felſen der Cyclopen [i Sariglioni], der Hafen des Ulyſſes 
[6. Aleſſio), die Eotonie Catina, die Flüſſe Symaͤthum 
[Giaretto] und Terias [Gnaralunga], die weiter im Innern. 
liegenden Läfrugenifchen Gefllde, *) die Stadt der Leontiner 
[Lentini], Megaris, *%) der Fluß, Pantagies [Porcaro], 
Die Eolonie Gyracufä [Siragoffa] , mit der Quelle Are 
thuſa. **%) Außer ‚biefer teindt man auf dem Gyrachfanifchen 
Gebiete auch die nelten Temenitis ſFonte de Canali], Ardhis 
demia [Eefalino], Magaa [Fontana della Maddalena), Eyane 
[ Bonte Eiane] und Milidhie [Lampismotta). a. Weiterhin fol: 


gen der Hafen Nanſtathmus [Asparanetto], der Fluß Elorum 


(Mbiffo] , das Worgebirg Pahinum. Bon diefer Spitze au 
liegen : der Sins Hirminium [Biume di Ragnfa] ‚die Stadt 
Camarina Camerina], der Fluß Gelas [Binme di terra 
nova], die Stadt Ucragas, welche wir Agrigentum [Gir⸗ 
genti] nennen, die Colonie Thermä [Termini], die Fluſſe 
Achates [Dirillo], Majara [Fiume di Mazzara] und Hypſa 





” Banbeiniwärts von Lentini. 
*e, Ruinen bei Militello. 
90) Iſt noch vorhanden, wirb aber ° jet wur zur Wäfche benützt. 


\ 
L 


32 —_ 6. Plinius Naturgeſchichte. 


Belice finifire], die Stadt Selinus. ) Dann kommt das 
Borgebirg Litybäum, und von diefem an folgen: Drepana 
Trapani], der Berg Eryr [Trapaus dei Monte], die Städte 
Panhormum [Palermo], Solus [Solanto], Himera, **) mit 
dem gleichnamigen Bluffe [S. Leonardo], Cephalödis [Cefalu), 
Aluntium [Driando), Agathyrnum [S. Agata], die Colonie 
Tyndaris [Tindare], die Stadt Mylä [Milazzo] und endlich 
das Vorgebirg Pelorus, bei welchem wir begonnen haben. 
5. Im Innern liegen die Centuripiner [Centorbi], die 
Netiner [Noto vetere] und die Segeſtaner, »c«) mit Latei⸗ 
nifchen Rechten ; fteuerpflichtig find die Afforiner Azaro], 
die Aetnenſer [Nicoloſi), Die Agyriner IS. Filippo d’Argpro], 
die Aceſtäer [Agofta], die Acrenſer [Palazzuola], die Bis 
diner [S. Giovanni di Bidini] , die Eetariner [Eatarra], 
die Eacyriner [Gaffaro] , die Drepanitaner [Trapani] , Die 
Ergetiner [Artefina] , die Echetlienfer [Branmichele], die 
Eryciner [Trapano dei Monte], die Entelliner [Entella], 
die Etiner ſAidone]), die Enguiner [Gangi vetere), die _ 
Belaner [Terra Nova], die Salatinee [@alatil, ‚die Sales 
iner [Torre di Pitineo], „die Eunenfer (Caſtro Giovanni], 
bie Hyblenſer [Paterno], die Serbitenfer JErba], die Her⸗ 
beſſenſer [2i Grutti], Die Herbulenſer, die Halicyenſer [Ro⸗ 
calcale], die Hadrauitaner [Aderno], die Imacarenſer 
Maccara], die Ichanenſer ſ(Icana], die Jetenſer LIatel, 
die Mutuſtratiner (Monta)], die Magelliner [Macellaro, 


*) Ruinen bei Gaftelvetrano, 
**) Eine Menge Ruinen findet man bei der Stadt Tarmim. 
#04) Mrächlige Ruinen ber Stadt Segeſte bei Aleamo. 


Drittes Bub. . - 355 
die Margentiner [Mandri Bianchis, die Muthcenſer [(Mo⸗ 


dica], die Menaniner (Mineo], die Naxier [(Schiſſo]), die 


Noäuer [Noara], die Petriner [Petralia Soprana], die 


Paropiner [Parco], die Phtinthienſer, *) die Semellitaner, 
Die Scheriner [Ealogero], die Selinuntier, **) die Syma⸗ 
thier, +, Die Zalarenfer [Tatria], die Tifiinenfer [Ran« 
dazza], die Trivcaliner [Colatraſi Eaftello}, die Tiracienfer 
[Torciſi] und die zu den Meffeniern gehörenden Bancläer 
an der Gizitifhen Meerenge. +) 

6. Radı Afrika hin liegen die Eilande Gaulos [0330] ; 
Melita [Malta], 34,000 Schritte [16% M.] von Eamerina, 
4113900 Schritte [22° M.] vom VBorgebirge Lilybäum ent« 


-fernt ; Coſhra [Pantalaria], Hieronefos [Maretimo], Cäne 
[2imofa], Galata [Balito], Lopaduſa [Lampedofa], Aethuſa 


[Bavignata], weiten. Namen Andere Aeguſa fchreiben ; 
Bucinna [Levanzo], ferner Aſteodes [liche] , 80,000 ©. 
[16 M.] von Solus I[ISolanto] entfernt, und Ullica, ben 
Darppinern [Parco] gegenüber. Diefleits Giziliend aber, 
Dem Fluſſe Metaurus [Marro] gegenüber, ungefähr 25,000 ©. 
[5 M.] von Italien, Fr) liegen die Weolifhen Inſeln: fie 
beißen auch die Liparifchen; die Griechen nennen fle die 
SHephäfiaden, die Unfrigen die Vulcaniſchen. Die Aroliſchen 
heißen fie, weil Aeblus zu den Seiten Iliums hier herrſchte. 


— 


2 Poithia lag wahrſcheinlich an'der Mündung des Dirillo. 
**) ©, oben $. 4, _ 

os) Yın Stufe Symaͤthum (Giaretta). 
+). Meſſana hieß in fruͤherer Zeit Zaukle. 


| 71) Die Snifernung if um 4 M, zu Elein angegeben. 


* 


ws 


[4 


34 6. Plinius Naturgeſchichte. 


(ıx.) Lipara [Lipari], fammt der gleihnamigen Stadt, 
mit Römiſchem Bürgerrecht, bat ihren Namen von dem 
König Liparus, dem Nachfolger des Aeolus. Früher wurde 
fie Melogonis oder Meligunis genannt; fie ift 25.000 ©. 
[5 M.] von alien entfernt, D und mag beinahe eben fo 
Diele Schritte im Umfange haben. 7. Zwiſchen ihe -und 
Sizilien liegt eine andere Fnfel, welche früher Theraſia ges 
nannt wurde, jetzt aber Hiera [Bolcano] heißt, weil fie 
dem Vulkan Heilig ift; ein Berg auf ihr fpeit des Nachts 
Flammen. Die dritte, Strongyle [Strongoli], liegt 1000 ©. 
[5 M.] öftidy von Lipara. ») Auf ihre herrſchte Aeolus; 
ihr Vulkan unterfcheidet ſich von dem auf Lipara nur durch 
feine helleren Flammen. Nach dem aus ihm apffleigenden 
Rauch follen die Einwohner drei Tage voraus beftims 
men können, welche Winde wehen werden; wodurd andy 
die Sage entftanden feyn map, daß die Winde dem Aedlus 
gehordyten., Die vierte heißt Didyme [Galine] (fie ift 
Heiner ale Lipara); die fünfte Erienfa [Alicudi], die fechete 
Dhönicufa [Felicudi]; fie dient den zunaͤchſt liegenden Ans 
dern als Weide; die letzte und kleinſte iſt Evonymos [Pa⸗ 
narial. — So viel von dem erften Buſen Europa's. 

XV (x) 4. Mit Locri beginnt die Vorderfeite Ita⸗ 
liens, welche man Großgriechenland nennt, und welche fich 
um drei Bufen 9**) jenes Meeres binzieht, welches bas 





*, Die Entfernung beträgt wenigfiend 9 Meilen, 
”) Strongoli ift von Lipari 5 Meilen entfernt. 
**) Den Meerbufen von Spartivento bis Capo di Stile, und 
die Bolfe von Squilace und Tarent. 





- 


Drittes Bud). 355 - 


Auſoniſche heißt, weil es die Uufonier zuerſt beherrſchten. 
Es nimmt, nach der Behauptung Barro's, eine Strecke von 
36,000 Schritten [275 M.], nad) den meiſten Audern, 
von 000 Schritten [15 M.]”) ein. Auf dieſer Küſte 
findet man unzählige Flüſſe. Als merkwürdig nennen wir 
aber, von Locri an, die Sagra [Novito], die Ruinen ber 
Stadt Caulo [dei Pietra Persia], Myſtia [Maida] nfl- 
linum Caſtrum [E&onfignano], Cociuthum [Capo d fo], 
nach Einiger Meinung das längfte Borgebirg Italiens; 
ferner der Scylacifhe Meerbufen ſ[Golfo di Squillace] und 
Schlacium ſ[Squillace], von den Uthenern, als fe es bauten, 
Scylletinm genannt. Der am der entgegengefehten Geite 
liegende Terinäifhe Meerbufen ſ[Golfo di S. ufemia] 
drängt hier das Land zu einer Halbinfel zufaınmen, auf 
weldher der Hafen, weldhen man Baftra Hannibalis [Zorre 
di Eantazaro] nennt, liegt. Nirgends ift Italien ſchmaler, 
und die ganze Breite beträgt hier nur 20,000 Gchritte 
"fa M.]. 2. Der Ältere Dionyflüs wollte deßhalb Italien 
‘ bier durchichneiden Laffen und dag getrennte Gtüd mit Gis 
zilien vereinigen. Man findet bier die fchiffbaren Flüſſe 
Carcines [Eorace], Erotalus [Ai], Semirus [Gimmari], 
Arodya [Croda] und Targines [Tacina}, die Gtadt Perilia 
[Strongoli] im Inneren des Landes, den Berg Elibanus, **) 

das Borgebirg Lacinium [Capo belle Colonne). Diefer —* 







— 
*, Die letzte Maßbeſtimmung iſt die richtigere. 
”., Iſt ein weit in das Meer hervortretender Arm ber Apen⸗ 
—57 — weicher den Golfo di Squillace auf der Nordſeite 
t, 





win 


336 E. Plinius Ratargefchichte. 


‚gegenüber, 10,000 Schritte [32 M.] vom Land, liegt Die 
Inſel der Dioskuren, fo wie die der Ealypfo, weihe man 
für die Ogygia bes Homer *) hält; ferner die Infeln Tiris, 
Eranufa, Meloefia. *) Bon Eanlo ift das Vorgebich Laci⸗ 
nium nad) AUgrippa’s Angabe 70,000 Schritte [Ni m] 
entfernt. ‘ 

Au dem Worgebirg Zacininm beginnt der zweite 
B Eutopa's, zieht fi in einer großen Ausdehnung 
herum, und endigt in Epirus an dem Acroceraunifchen Vor⸗ 
gebirge [Capo Linguetta], welches von dem eben genannten 
75,000 Schritte [15 M.] entfernt ift. **) Zuerſt kommt bie 
Stadt Eroto [Eotrone] und der Fluß Neäthug [Nietv], dann die 
Etadt Thurii, +) zwiſchen den beiden Slüffen Eratpis [Erati] 
und Sybaris [Mifofato], an welchem die gleihnamige Stadt 
lag. 3. Eben fo liegt zwifchen dem Siris [Sinnp] und 
Aciris [Agri] die Stadt Heraclia, 74) welche fonft. Siris 
genannt wurde. Berner find zu bemerken: die Flüſſe Acalans 
drum [ Scanzana] und Easventum [Baflento]; die Stadt 
Metapontum, Trt) mit welcher der dritte Bezirk Italiens 
endet. Im Inneren des Landes liegen von den Bruttiern 


sur die Aprufiaher [Eaftrovillari],, von den Lucanern aber 
\ 








\ 


*. Odyſſ. vn, oda. xu, 448, 

”*) An der Stele aller Biefer Inſeln findet man jegt nur 
Selfen ohne Namen. 

‚*e*) Die wirkliche Entfernung beträgt 31 M. 

+) Thurii und Spharis Iagen bei dem hentigen Stadechen 

Terra nova. — 

44) Ruinen bei dem Dorfe Policoro. ® 

+) Schöne Ruinen noͤrdlich von der Mündung bed Bafiento, 


” Drittes Bud). 337 
die Atenater [Atena], die Bantiner [S. Maria di Banze), 
die Eburiner [Eboli] , die Grumentiner [IT Palazzo], die 
Potentiner [Potenza], die Sontiner [Sanza], die Siri⸗ 
ner, *) die Zergilaner [la Zerza], die Urfentiner [Turſſ] 
und die Volcentaner Buccino], weichen man die Numeftra: 
her [Nusco] noch beifügt. Außerdem foll nad) ‚der An- 
gabe des Cato ein Lucanifches Thebä untergegangen feyn; 
auch ‚erzählt Theopompus, daß Pandofla, wo Alerander 


von Epirus feinen Tod fand [326 vor Er], eine Stadt 


der Lucaner gewefen fen. +) 

.XVL Es folgt nun der zweite Beirt, weicher die 
Hirpiner, ») Calabrien, H Apufien TH. und die Salen⸗ 
tiner +47) umfaßt, und ld) 250,000 Schritte [50 M.J weit 
um den-Meerbufen hinzieht, welcher von einer im innerſten 


Winkel deſſelben liegenden Stadt der Lakoner, die aud) eine 


daſelbſt am Meere befindliche Colonie i in ſich begreift, *t) 


9. Sie wohnten etwas landeinwaͤrts von dem oben genannten 
Herar lea, 
“*, Mandofia fand wahrſcheinlich in ber Gegend des jetzigen 
Caſtelfranco. Ueber Alexanders Tod vgl. Livins VII, 24. 
+24), Sie bewohnten Theile „der jetzigen Provinzen Principato 
Ulteriore und Baftlicata. j 
"H Jest die Provinz Otranto. 
+) Bon 'etwas ‚größerer Ausdehnung als bie Heutige Provinz 
Bari) 
rtH Sie bewohnten die guſten des Tarentiniſchen Meerbuſens. 
) Die Lacebämonier, welche. Tarent anlegten, fanden daſelbſt 
ſchon eine Anfiedelung an der Stelle, wo fpäter die Citas 
beile fand, 


6 Plinins Naturgefh, 38 Shhn. ' 6 


338 . C. Plinius Naturgeſchichte. 
der Tarentiniſche genannt wird. Bon dem Vorgebitg Laci— 
nium iſt die Stadt Tarent 136,000 "Schritte [27% M.} 
entfernt, und anf ihrer entgegengefehten Geite Debut fi 
Calabrien zu einer Halbinfel.aus, ‚welche Die @riechen nach 
einem Heerführer Meflapia nannten, und die vorher nad) 
Deucetins, einem Bruder des Denotrus im GSalentinifchen 
Gebiet, Peucetia bieß. Die Entfernung zwifchen den beiden 
Borgebirgen *) beträgt 100,000 Schritte [20 M.], die 
Breite der Halbinfel zwifchen Tarent und Brundiflum [Bren- 
difl] auf dem Laudwege 35,000 Schritte [7 M.]; *" von 
dem Hafen Saflna [Porto Ceſareo] aus iſt diefer weit 
fürzer, 2. Die Städte im Inneren des Landes voh Tarent 
an find Varia [S. Maria di Barietto], welches den Bei- 
namen das Apulifche führtz Meſſapia [Mifagna] und Ale 
tium [Patiana]. An der Küfte liegen Senum und Gallipofig 
[Gallipolij, welches jetzt Auxa heißt, und 75,000 Schritte 
‚T15 M.] von Tavent entfernt if. Noch 32,000 Schritte 
[6% M.] weiter iſt das Vorgebirg , welches Acra Japogia 
[S. Maria di Leuca] heißt, und wo Italien am weiteſten 
in das Meer hinanstritt. Weiterhin kommt die Stadt 
Baſta [Vaſte] und 19,000 Schritte [3% ] ***) weiter Hy⸗ 
druntum [Divanfo], au dem Grenzpunkte des Joniſchen 





‘ \ 


*, Laeinium nämlich und Acra Japygia (Leuca). Die’ Ent: 
fernung iſt Übrigens viel zu groß. angegeben, uhb Seträgt 
nur 17°M. 

>) Der Landiveg zwifchen Zarent und Brendifi beträgt 8 M.; 
bei Porto Wefareo ift'die Halbinfel nur 4 M. breit, 

”»s, Die Zahl ift unrichtig, mag man vom Gap Leuca ober von 
Vaſte an rechnen. _ 





% 


- 


Drittes Bud. 339 


un» des Adrlatiichen Meeres. Swiſchen bier und der ges 
genüberkiegenuden Stadt der Apoll oniaten [Polina] ift die 


‚ Bürgete Ueberfahrt nach Griechenland; denn die Breite der 


dazwiſchenliegenden Meerenge beträgt wicht mehr ale 
50,000. Schritte [10 M.]. 9 Pyrrhus, König von Epirus, 
gedachte zuerſt die Landfivaße Über dieſen Zwifchenraum 


wurch die Aufflellung einer Brücke fortzufepen; nach ihm 


hatte M. Varro, als er im Seeräuberkrieg die Flotten tes 
VPompejus befehtigte, dieſelbe Abſicht. Beide wurden an der 
Ausführung Diefed Plans durch andere Sorgen gehindert. 
3. Nach Hydrunt kommen Soletum [Solito], weiches jeht 
verlafſen it; Frafuertium [Copertino], der Tarentiniſche 
Hafen, die Station Miltopä, Lupea [Lecce)], Baleſium [©. 


: Maria. dolla Lizza], Golium [Eeglia]; Brundifium [Brens . 


DIR} 50,000 Schritte [10 M.] von Hndrent, mit einem ber bes 
rüspmteften. Häfen Italiens, wo bie fidyerfte, wenn auch längere, 
Weberfahrt nach der jenfeits liegenden, 225,000 Schritte [45 M.] 
entfernten Illyriſchen Stadt Dyrrachium [Duraszo] **) ift. 
nr Brundifium grenzt das Gebiet der Pediculer. *) Neun 
Illypiſche Fünglinge und eben fo viele Yungfrauen find bie 
Stammeltern ihrer dreizehn Völkerſchaften. Die Städte 
der Pediculer find Rudiä Rotigliano], Eguatia [Torre bi 
Adanazzo], Barium [Bari]. Die Flüſſe: Japyr, +), fo ge 


*, Die wahre Entfernung beträgt ungefähr 12 M. 
”*, Durazzo if von Brenkifi nur 20 M.. entfernt. 
»ech , Der Landſtrich zwiſchen Brenbift und dem Ofanto. 
+) Man weiß nicht, weiches Küftehrtäßchen dieſen Namen 
.' führte, 6* 





1 
R 


30. C. Plinins Naturgeſchichte. 


nannt von dem König Fapyr ,. einem Sohne des Dädalus, 
von weichem auch dad Land den Namen Fapygia führt; 
Pactius [Patrica] und Aufidus (Ofanto], welcher von dem 


Hirpiniſchen Gebirg herablommt, und an Canuſium [Eanofa] 


vorbeifließt. 


4. An ihm beginnt Aputien, auch das Danniſche ge⸗ 


nannt von dem Feldherrn Daunus, dem Schwiegervater des 
Diomedes. In dieſem Lande liegen die Städte Salapia 
[Salpi], berühmt durch eine [daher ſtammende] Geliebte 
Hannibals; Sipontum [Manfredonia]y Uria [Ururi]; ber 


Fluß Cerbalus [Cervaro], welcher die Grenze des Dauniſchen 


Gebietes bildet; der. Hafen’ Agafus [Porto Greco); bie in 
ein Vorgebirg auslaufende Spitze des Berges Garganus 
[Sargano], welche, um den Garganus °) herum gemeffen, 


234,000 Schritte [46° M.] von . dem Salentinifchen oder 


Jappygiſchen Vorgebirg entfernt ift; der Hafen Garnä (Rodi]; 


der See Pantanus [Lago di Lefina]; der hafenreiche Fluß 


Frento [Bortore]; das Apulifhe Teanum [Ehiati Vecchio)]; 
das Larinatifhe Eliternia [Antica Eliternia]; der Fluß 
Zifernus [Biferno], an welchem das Frentaniſche Gebiet 
[Provinz Abruzzo Eiteriore] beginnt. 5. Es gibt alfo drei 
Apuliiche Stämme: die Teaner, welche unter einem Gries 
chiſchen Feldherrn fidh hier niederließen; die Lucaner, welche 
von Calchas unterjocht wurden, und deren Sige jetzt die 
Atinater einnehmen; Die Dannier, bei Denen außer dem 


fchon oben Angegebenen noch die Colonien Luceria [Lucera]. 


und Venufla [Benofa), fo wie die Städte Cauuſium [Canofa] 





N 


*) Der Iängd ber ganzen Küfte hinzieht. 





- Drittes Bud. . 341 


und Arpi [Arpino), welches nad feiner Erbauung durch 
Diemedes Argos Hippium, fpäter aber Argyrippa hieß, zu 
‚nennen find.‘ Diomedes vertifgte daſelbſt zwei Völker, tie 
Monader und Darder, und die beiden Städte Apina und 
Trica, *) die zu einem fcherzhaften Sprichworte geworben fInd. 
6. In dem Inneren des Zweiten Bezirks liegen, außer 

Der einzigen Colonie ber Hirpiner', welche ihren früheren 
Namen Maleventum zur glüdiihen Stunde in Beneventum 
1Benevento) verändert hat: die Aufeculaver; **) die Aqui⸗ 
Soner [Monte Chilone]; die AUbellinater (Avigliano], audy 
Protoper genannt; die Compfaner [Eonza]; die Caudiner 
[Bordyia ]; die Ligurer [Taurafle], welche auch die Bei⸗ 
namen Cornelianer und Bebianer führen; "N "die Vescel⸗ 
laner; ferner die Aeculaner; die Aletriner [Alatri]; Die 
Abellinater (Marſico vetere], welche den Beinamen Marſer 
führen; die Atrauer [Atripalda]; die Aecqner [Troja]; die 
Alfellaner (Guarda Alkeral; die Attinater [Atena]; die 
Arpaner [Arpaja]; die Borcaner [Citta Borella]; die Colla⸗ 
tiner [Coglionifil]; die Corinenſer [Cornito vecchio]; die 
Cannenſer [Eanne], berühmt durch die Niederlage der Ns 
‚mer ; die Diriner ; die Forentaner [Borenza]; die Genufiner 
[Binofa]; die Herdonienfer Ordona]; die Hyriner (Orfa}; 
die. Larinater [Larino], Erentaner zubenannt ; die Dierinater }) 
am Garganus; die Mateolaner [Motta bella Regina]; die 





*) So nannten die Römer Sirngefpinnge ı und euätsger. 
+, Nuinen bei Mirabella. 
”.”. Mor, Livius XL, 38, 
+) Ruinen bei Viefte, 


a⸗ 


Be | 


342 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Netiner [Noja]; die Rubuſtiner [Ruvro]; die Silviner 
[Savigtiane] ; die Strabelliner Rapollal; die Turmentiner 
[Due Zorri], die Bibinater [Bovino]; die Venufiner [Be 
nofa] ; die Uuztiner [Burigliano). 7. Bon den: Ealabrern 
wohnen im Inneren des Landes die Aegetiner [Ajeta]; die 
Apamefliner [Biete]; die Wrgentiner ; die Butuntinenfer 
[Bitonto]; die Decianer; die Grumbeftiner; die Norbauens 
fer ; die Paltonenfer [Wale]; Die Sturnitier [Torchiarolo]; 
die Tutiner [Titiano). Von den Salentinesn wohnen im 
Inneren die Aletiner (Alezzano)], bie Bafterbiner (Paravita], 
die Neretiner Nardo], die Valentiner und die Verentiner 
[S. Berato]. 

XVII Kxır), 1. 6 folgt nun der vierte Bezirk, bes 
wohnt von den tapferſten Völbern Italiens. Un der Küfle 
wohnen vom Tifernus [Biferno] an die Erentaner. *) Im 
ifrem Gebiete findet man deu hafenreihen Flus Trinium 
[Trigno] ; die Städte Hikomium [Bao V’Ammone); Buca 
[Termoli] ; Ortona [Drtona a mare]; den Fluß Aternus 
[Pescara]). Im Inneren des Landes wohnen die Anxaner 
(Ranciano vechio], die Frentaniſchen zubenannt; **) die 
oberen Carentiner [Civita Burella]; Die unserm Carentiner 
[GSarlentino]; die Lanuenſer; im Marruciniſchen die Teati⸗ 
ner [Chieti] ; im Peligniſchen die Corſinienſer [Pentinia]; 
die Superequaner [Caflel Vecchio Subrego]; die Sulmonen⸗ 
fer ISulmona]; im Marfifchen die Anrantiner [Avezzano]; 





*) In dir jegigen Provinz Abruzzo citeriore. 
**), Zum Unterſchied von ben Anxanern im Galentinifchen. 


‘ 





Drittes Bud. 343 


die Atinater ICitita d'Antino]; Die Fucenter; ) die Luceuſer 
[&uco]; die Maruvier; *H im Albenſiſchen Alta [Albi] am 
Sucinerfee T£ago di Eelano]; im Aequiculaniſchen die Cliter⸗ 
niner, die Sarfeolaner [Carſoli]; im Veſtiniſchen die Angus 
laner [Eivita ©. Angelo], die Pinnenfer [Eivita di Penna], 
Die Peltuiuater [Monte bello] mit den Aufinatern [Dfena la 
Pagliana], dieffeits bes Gebirge [der Apenninen]; im Gebiete 
der Samniter, welche auch Sabeller und von ben Griechen 
Sauniter genannt werden, die Colonie Alt-Boͤdianum [Bo⸗ 
jann], und eine andere gleiches Namens, welche auch die 
Undecumaniſche heißt; **9) Ferner die Uufidinater [Alfidena]; 
die Sferuier [Iſernia); die Kagifulaner [Tojana]; die Fi⸗ 
toienfer; + die Säpinater [Sepino]; die Treventinater 
[Trivento] ; im Sabinifchen die Amiterniner [Amatrice], 
die Eurenfer [Rorrege], Forum Decii [Fara], Forum no: 
„vum [Borhano]; die Fidenater IS. Giubileo]; die Iuteram- 
nater [Teramo]; die Nurfiner [Norcia]; die Nomentaner 
[2a Mentana]; die Reatiner [Rietil; die Trebnlaner, welche 
in die Mutuscäifchen [Monte Leone bella Sabina] und bie 
Stffenatifchen [Trivigliano] zerfallen ; die Tiburter [Tivoli]; 
Die Tarinater [Tarano], 2. In diefem Bezirke find im Ae⸗ 
quicnliniſchen die Cominer, +H) die Tabiater, bie Cädicer 


*) Mahrfcheinlich am Lago bi Gelano. 
' **, Ruinen von Maxuvlum am oͤſtlichen Ufer des Lago di 
Celano. 
vo, Weil fie von der eitften Legion gegrlindet wurbe. 
+) DOefti von Fidenä 5. Giubileo); die genaue, Lage der 
Stadt’ Fienlea if noch nicht ermittelt, 
+4) An der Stelle des heutigen S. Gio in Saldo, 


TE e Plinius Naturgeſchichte. | ' 


und die Alfaterner. Gellianus erzählt, daß ber Fucinerſee 
die Marſiſche Stadt Ardyippe, ®. weiche von Marſyas, eis 
nem ‚Anführer der Lyder, erbaut worden fey, verichlungen 
habe; ferner wurde, nad) Valerianus, die Stadt der Viti⸗ 
ciner in Picenum von den Römern zerſtört. 3. Die Ga- 
biner (weiche nad) -Einiger Meinung wegen.ibrer Frömmigkeit 
"und Götternerehrung eigentlich Seviner **) heißen) wohnen 
an den Belinifchen Seen ***) auf thanigen Hügeln. Der: 
Fluß Nar [Mera], welcher viel Schwefel mit fih führe, _ 
verdirbt ihr Waffer; er kommt vom Berge Fiscellus [Monte 
di Sibylla] herab, ſtürzt fid) bei den Hainen der Vacuna 
[NRupegöttin] und bei Reate [Rieki] in diefelben Geen, und 
führt, nachdem 'er fie, verlaffen hat, fein Waſſer "der Tiber 
zu. Bon der anderen Geite leitet der Anio [Teverone], 
welcher anf dem Trebaniſchen Berge [Monte di Trevi] ente 
fpringt, drei durd) ihre Anmuth berühmte Seen, von wel« 
hen Sublaqueum [Gubiaco] feinen Namen erhalten hat, in 
die Tiber. In dem Reatiniſchen Gebiete befindet fid) der 
Cutiliſche Gee [Lago di Eontigliano], in welchem eine Infel 
ſchwimmt, +) und von welchem M. Vaͤrro behauptet, daß er 
der Mittelpunkt Italiens fey. Unterhalb der Gabiner. liegt 
Katium, zu ihrer Seite Picenum und in ihrem Rüden Um⸗ 
bria; von beiden Geiten werden fie von den Apenninenzl- 
gen, wie von Wällen, eingefchloffen. 


*), Bei niedrigem Waſſerſtand ſſeht man noch Ruinen dieſer 
Stadt zwifchen Ortucchio und Trafacco. - 
”, Bon dem Griehifchen Worte odßzu gas, verehren. 
“r, Lago de Pie de Lugo und Lago di S. Sufanna, 
» Bor 8. IL 8.66 52 \ 





— — vV. 


Drittes Buch. a 545 


XVIII (xım), 4. Den fünften Bezirk bildet Picenum, ) 
einſt ein überaus volßreicher Landſtrich; Deun -360,000 Picen» 
ter feifteten dem Römiſchen Volke den Eid der Treue. 9 
Gie find eine von den Sabinern in Folge eines angelobten 
heiligen Frühliugs ***) abflammende Eolonie. - Ihre Wohn: 
ſitze Dehnten fi vom Fluß Aternus [Pescara) an in der 
Gegend aus, wo ſich jest. das Adrianifche Gebiet und die 
Eotonie Adria [Ari], welche 7,000 Schritte [12/3 M.] vom 
Meere liegt, befinden. Zu bemerken find: der Fluß Voma⸗ 
num [Bomano] ; das Prätutianiiche Gebiet [Bezirk Teramo]) 
und das Palmenfifche ; ferner Caſtrum novum [Giulia nova]; 
der Fluß Batinum [Salinello]; Truentum [Eivitela del 
Tronto], ſammt dem Fluffe gleidyes Namens [Tronto], das 
einzige Ueberbleibfel der Liburner +) in Italien; der Fluß 
Aldula [Afo] ; Tervium [Grotte a mare], wo das Pratu⸗ 
tianifhe Gebiet aufhört und das. Picentiniſche beginnt. 
2. Weiterhin kommt die Stabt Cupra; +) Caftellgm 
Firmanorum [Fevmo] , und oberhalb deſſelben die Eolonie 
Asculum [Ascolı], die begügmtefte in Picenum; Novana 





*) Abruzzo ulteriore und ein Theil ber Delegation Ancona. 
.*) Rad) ihrer Niederlage durch den Conſul Pubtins Sempro: 
nins, 268 vor Ehr. 


**0), Ginen heiligen Frühling angeloben, hieß niht nur alle. 


Erzeugniffe eines Frühlings ben Göttern verfprechen, ſon⸗ 
bern auch bie mannbare Jugend, welche das Mutterland 
nicht ernähren Fonnte, zur Unlegung einer Eolonie forts 
ſchicken. 
HH Weiche aus Jllyrien herübergekommen waren, und ſich an 
der Italieniſchen Küfte angeſiedelt hatten, 
Tp Ruinen bei dem Dorf Marano, , 


n 


u 


6. €, Plinius Naturgeſchichte. 


[Monte di Novel, im Inneren des Landes; an der Küſte 
Smana;*) Potentia [Monte Santo]; Numana,*"*) von ben 
Siculern erbaut. Diefe gründeten auch die Colonie Ancona 
an dem Vorgebirg Cumerum [Monte Gomero], gerade an 
der Stelle, -wo fi, die Küfte wie ein Elibogen beugt, 
‘483,000 Schritte [36% M.] vom Garganns entfernt). Im 
Yuneren des Landes wohnen dig Uurimater [Oſimo]; Die 
Beregraner [Monte Zilatrano]; Me Cingulaner [Eingolo] ; 
Die Buprenfer [Ripatranfone] , welde den Beinamen Mon: 


taner [Bergbewohner].führen; die Salarienfer [Balletoni] ; 


die Panſalaner [Grotta Azzolino]; die Pieninenfer [S. Gine- 
flo]; die Kicinenfer ;***) die Septempedaner [S. Geverino] ; 
Die Tollentinater [Tolentino] ; die Treienſer [Treja] und Die 
Bollentiner in Urbsſalvia [Urbifaglia]. | 

XIX (am). A. An die Picentiner ſchließt fi MN der - 
fechste Bezirk, +) welcher Umbrien und das Ballifche Se⸗ 
bit um Ariminum [Rimini] in ſich begreift. Wei Ancona 
beginnt die Galliſche Küfe, weldhe den Beinamen Ballia 
Togata ++) führt. Die Gigfez und Lihurner befaßen den 
größten Theil dieſes Landftrichs, befonders das Palmenfirdye, 
das Prätutianifhe und das Mdrianifche Gebiet. +++) Sie 
wurden von den Umbrern daraus vertsieben : fo wie Diefe 


9 Bag wahrſcheinlich an Ser Mundung des Fluſſes Chienti. 
** Die Ruinen diefer Etadt nörbli von dem Flußchen Ends 
eione beißen jetzt Umanabdiſtrutta. 
+20), Ruinen der Stadt. Nicina bei Reecanati. 
7) Der Laudſivich zwiſchen von Brüfen Efino nnd, error, 
Fr) Ober Gallien dieſſeits der Alpen., 
44*6 Bel. das vor hergehende Kapitel 5 1. 





* .. 
Drittes Bud. 847 


wieder von den Etruriern and Dieſe von der Galliern. Das 
Bolk der Umbrer wird für das älteſte in Italien gehalten, 
und die Griechen ſollen fie Ombrier genannt haben, weil 
Te eine Ueberſchwemmung der Erde durch Regengüſſe übers 
Iehten. *) Man liest, Daß Die Thuscer in ihrem Zande dreis 
Hundert Stüdteꝰeroberten. 2. Jetzt ſindet man an der Küfte 
sen Fluß Aeſis [Enno]; Genogalia [Ginigaglia]; den Fluß 
Metaurus [Metauro]; die EColonien Fanum Fortund [Bano); 
PDifaurum [Defaro], ſammt einem Stufe gleihed Namens 
[Soglia], und im Inneren des Landes Hispellam [Speto] . 
und Zuder [Todi]. Berner find’ anzuführen die Ameriner 
[Amelia]; die Attidiater [Attigio)]; die Aflfinater TAME]; 
Die Arnater [Eivitela d'Arno]; die WUefinater [Fefl] ; die 
Eameiter [Eamerino]; die Eafuentillaner Lim Caſentiner⸗ 
thall; bie Carſulaner [Monte Eaftrilli]; die Dolater, die 
Salentinifcdyen zubenannt; bie. Fulginater [Foligno]; die 
Boroflaminienfer; **, die Forojulienſer Zugliano], welche 
den Beinamen Concubienſer führen; bie Firobremitiauer 
[Formigine]; die Forofempronienſer [Foſſombrone]; die 
Iguviner [Gubbio]; die Interamnater [Terni], Narter zu⸗ 
benannt; die Mevanater [’Bevagno]; die Mevanionenfer 
[Gateata] ; die Matilicater [Moatelica]; die Narnienfer. 
{Rarni], deren Stadt früßer Nequinum genannt wurde; 
die Nuceriner [Nocera], die auch die Beinamen Favoniznfer ' 
. amd Eamelaner führen; bie Ocriculaner [Dtricolo] ; bie 
Oftaner [Orzieno]; die Vitulaner ‚Poitigtiano] Die zum 





„Bon dem Briechiſchen Wort Sußgos, Regen. 
*) Forum Flaminii Iag bei bem Ievigen Dorfe -Eentefims, 


v 


. 


{ | e | 
348 C. Plinius Naturgeſchichte. — 


Theil Piſuerter, zum Theil Mergentiner zubenannt werden; 
die Peleſtiner IPiobbico]; die Sentinater ;.*) die Sarſinater 
[Sarcina]; die Spoletiner [Spoleto]; die Suaſaner; **) die 
Seftinater [Seftino]; die Suillater [Sigillo]; die Tadinater 
[®ualdo] ; die Trebiater [(Trevi]; die Tuficaner [3icano] ; F 
"Die Tifernater, welche in die Tiberiner Rifi] und in die 
Metaurenfer [S. Angelo in Bado] zerfallen; die Veſioni⸗ 
cater [Badia del Vescova]; die Urbanater, welche ſich in die 
Metaurenfer [Urbaria] und in die Hortenfer Flrbino] theilen ; 
die Bettoneufer [Bettona]; die Vindinater [S. Venzauo] 
amd die Viventaner [Eattolico]. 3. Ju diefem Landſtriche 
find verfhwunden die Feliginater und die Bewohner von 


- Eiufiolum, oberhalb Interamna ; : eben fo die Sarranater 
mit den Städten Ucerrä, ***) welches den Beinamen Bar 
.triaͤ führte, und QTurocelum, auch Netriolum genannt ; 


ferner die Solinater; die Enriater; die Fallienater und 
Apiennater. Auch find verfhwunden die Arienater mit [ihrer 
Stadt] ‚ Erinovolum ; die Ufidicaner; die Plangenfer; Die 
Difinater und die Eälefliner. — Nach der Angabe Eato’s 
wurde tie obengenannte Stadt Ameria 964 Jahre or dem 
Kriege des Perſeus erbaut. +) 

RX (av). 45 Der achte Bezirk wird durch den Ari—⸗ 
minus [Marocchia], ven Padus [Yo] und den QApennin 





») Die Stadt Sentis Yag in der“ ‚Nähe bes heutigen Eaffo 
Serrato, 
) Ruinen von Suafa find bei dem Gtäbtchen Gt. Lorenzo. 
ses) Lag wahrſcheinlich an ber ‘Stelle bed heutigen Anzola. 
+) Der Krieg des Perſeus begann 171 vor Chr. Ameria 
(S. $. 2, dieſes Say.) wäre alfo 1035 vor Chr. erbaut, . 


⁊ 


Drittes Bud. - "349 
begränzt. An der Küſte findet mau den Fluß Cruſtumium 
[ESonca]; die Eofonie Ariminum [Rimini], nebft den Fluͤſſen 
Ariminus und Aprufa FAufa]; weiterhin den Fluß Rubico. 
[Pifatelo], ehmals die Grenze Italiens. Auf diefen folgen‘ 
der Sapis [Savio]; der Bitis [Montone]; der Anemo 
[Lamone]; Ravenna, eine Stabt der Babiner , nebft dem. 
Flufſe Bedefis [Bevana], 105,000 Schritt ſ21 M.] von 
Ancona entfernt; das von den Umbrern erbaute Butrium, *) 
nicht weit vom Meere. Im Inneren des Landes liegen die 
Eolonien Bononia [Bologna], früher, als es die Haupt: 
ſtadt Etruriens war, Belfina genannt z. Bririllum [Bre⸗ 
gella] ; Mutina [Modena]; Parma; Placentia [Piacenza]. 
2. Die übrigen Städte -find: Eäfena [Eefena]; Elaterna 
[Maggio]; Forum Elodii ſFornocchia]; Forum Livii [Forli]; 
Forum Popilii [Zorlimpopuli]; Forum Zruentinorum **) 
[Brenta]; Forum Eornelit [Imola] ; die Faventiner ſFaenza]; 
die Fidentiner [Borgo &. Domino]; die Dtefiner; die Pas 
Dinater [Bondeno]; die Negienfer [Reggio],, deren Stadt 
Lepidus erbaute; die Solonater [Eitta dei Sole]; die Saltus 
Galliani, ***) and Aquinater zubenannt; die Zanetaner- 
[Taueto]; die Beliater [Monte Beglio], welche aud) ben 
Beinamen Veterer führen; die Regiater . [Reggivto] und . 
die Umbranater [Sapigno]. Verſchwunden find in. diefem 
Raudftriche die Bojer, die nach Cato's Angabe in 112 Volks⸗ 


. Lag wahrfcheintih in ber Nähe von Palazzuolo. 
) Sol wohl Brentanorum heißen, 

***, ‚Andere lefen Saltus Sallicani. Beide gesarten gewähren 

Beinen ˖Auſſchluß über den völlig unbekannten Ort. “ 


I) 


50. C. Plinius Maturgeſchihhte. 


Maften eingetheilt waren; ferner bie Genoner, welche Rom 
eisnahmen [380 vor Ehr.]. 

(sv), 5. Die Padus [Ne], welchen aus dem Schoße 
des Berges Veſalus [Bifo], einem der höchſten Alpengipfet 
am den Grenzen der Ligurer und Vagienner, und zwar aus 
einer ſehr merkwürdigen Duelte *) entſpringt, fidy erſt in 
einen uaterindifchen Gang verbirge und auf dem Gebiete 
Der Horovibienfer [Pignerate] wieder zu Tage kommt, ſteht 
feinem anderen Fluſſe an Berühmtheit nad, En heißt bei 
den Griechen Eridanıd, und if ihnen befonders durch Die 
Strafe das Phacthon **) bekannt. Beim Aufgange des Hunds⸗ 
fleenes ſchwillt er. durch den geſchmolzenen Alpenſchnee an, 
führt aber, obſchan er über die Felder hinſtrömt, nichts von. 
feinem_Raube mit ſich fort,  fondern macht, wenn er zu⸗ 
vucktritt, durch Hinterlaſſung feines fetten Schlammes Dies 
ſelben noch fruchtbarer. ») Mährend feines Laufes, deſſen 
Länge 388, 000 Schritte [77% M.] betragt, +) nimmt ev 
nicht nur die von den Alpen und Apenninen herabſträmon⸗ 
den ſchiffharen .Btäffe, fonderu and ungeheure fich in ihn 
ensieerende Seen auf, und führt übevbaupt 30 Flüſſe dem 





76,9. IE 8. 106 6. 9. Die.Quelle heißt jeut Vifenda. 
Sollte vielleicht bisfer Name aus biefer mißverflandenen 
Gtelle des Plinius. (visendo fonıc) herzuleiten feyn? 

x) Bol, Dvid’8’Metamorphofen B. H. V. 304—324, 

so.) Der Text ift an dieſer Stelle fehr verdorben. Die Ueber: 
fegung folgt Hardouin's Anficht. Uebrigens möchten wohl 
ſchwerlich die heutigen Italiener in dieſes Lob des dem 
Feldern verderblihen Po einfiimmen. 
» Nur 68 Di. Cr nimmt 40 Nebenfläffe auf. 


L . f 


Drittes Bad, 51 
Ad riatiſchen Meere zu. 4. Die werkwürdigften derſelnen 
Kud- von der Upenuinenfeite der Zanarus [Zauaro] ; der 
Zuebir [Trebbia] im Placentiniſchen: der Tarus [Tau] ; 
Ver Nicias [Crofiolfo]; der Gabellus [Bavecello] ; die Seul⸗ 
tenna [Panaro]; der Rhenus [Reno]: von der Wipenfeite: 
aber die Stura; den Organs [Orco]; die beiden Duria 
[Dora Balten und Dora Nipera]; der. Geffites [Scha}; 
Der Zicinus [Tefino]; der Lambrus [Lambro]; der Addua 
[dda]; der Ollius FOglio] und der Mincius [Mincio]. 
Ken anderer Fluß ſchwillt auf einer fo kurzen Gtrede fo 
bedeutend au. Geine Waſſermaffe drängt deßhalb ſtets vor⸗ 
wärts, wühlt in die Ziefe, und wird auch dem Lande bes 
ſchwerlich; und obſchen er zwifchen Ravenna und Altiaum 
kElitine] gegen 120,000 Schritte [2A M.] weit in- mehrere 
Slüffe und Kanäle abgeleitet if, fo fall er dad, wo er am 
weiteften austrit#‘, fieben Meere bilden. 

5. Der Kanal des Augufus zieht nach Ravenna bin, 
wo ev Badufa [Porto nudvo della Bajona] beißt, früher 
aber: Meflanicus genannt wurde. _ Die zunächſt folgende 
Mündung bei die Größe eines Hafens, der den Namen 


Batrenushafen *) [Porto di Primars] führt, und ans dem 


der Raifer Claudius, ald er feinen Britanniſchen Triumph 
feierte Faa nach Chr.], mit jenem ungebeuren Schiffe, oder 
vielmehr Palaſte, in das Adriatiſche Meer austief. **) Diefe 
Mündung murde früher die Eridaniſche ; von Andern die 





mn Vom Stufe, Vatrenus Santerney, weicher in dieſen Arm 
des Po faͤllt. 
) Bol. Dio Caſſius B. Lx, Kap, 23. 


332° €. Plinius Naturgeſchichte. 


Spinetifche genannt , von der ehmals an ihr gelegenen Stade 
Spina, welhe, wie man aus den [unter ihrem Namen] zu 
Delphi vorhandenen Schatzen fchließen will, ſehr mädtig 


. war, und von Diomedes erbaut wurde. Der Padus erhält | 


hier durch den Fluß Vatrenus [Ganterno] , welcher aus 
dem Gebiete von Forum Eornelii (Imola] kommt, neuen 
Zuwachs. 

6. Zunaͤchſt folge nun die Mündung, von Gaprafia 
[Yorto di magna vacca]; dann die von Sagis, *) und dann 
die Volaniſche [Porto di Volauo], früher die Olaniſche ge: 
nannt. Alle diefe Eünftlichen Flüfe und Kanäle von Sa⸗ 
gis **) an bradyten die Thuscer. zu Stand; fie brachen Die 
Gewalt des Stromes durd) Auerleitungen in die Atriatifchen 
Sümpfe, welche die fieben Meere heißen, und bildeten 
den herrlichen Hafen der Thusciſchen Stade trip, nad 
welcher das Meer, .wetches jebt das Adriatiſche genannt 
wird, früher das Atriatiſche hieß. 

7. Sodann kommen die vollin Mündungen Garbonaria 
[Bocca detta la Masſtra] und die Philiſtiniſchen Durch⸗ 
fAynitte [Porto de Pozzatini], weihe Untere Tartarus 
nennen: alle entftehen durch den Waſſerüberfluß des Philis 
ſtiniſchen Kanals [Polofela], welcher noch durd) den Athe⸗ 
ſis [Etſch], der aus den Tridentinifhen [Trientiner] Alpen, 
und den Togiſonus [Teffina], der aus dem Gebiete der Pas 
taviner [Paduaner] herkommt, vermehrt wird. Ein Theil den 
ſelben bildet auch den naͤchſten Hafen Brundulusl Brondolo], 





0) In jebt verfanbet. u u 
* In ber abe des jegigen Lagevente. 5 F 


» 


Drittes Bug. 5353 


« wie die beiden Medoacus [die Breutamundung und Porto 
di Malamocco] und der Clodiſche Kanal ſPorto di Chiog⸗ 
gia] den Hafen Edron [Chioggia] bilden. Mit dieſen Ge⸗ 
wäffern vereinigt ſich der Padus und mündet mit ihnen in 
das Meer. Er ſoll nach der Meinung der Meiſten zwiſchen 
den Aipen und der Meerestüfte eine dreiedige Figur, von 
einem Umfange von 2000 Stadien [50 M.] bilden, wie der 
RÜ in Aegypten das fogenannte Delta. 8. So ſehr ich 
mich fhäme, eine Nachricht über alien den Griechen zu 
entiehnen, fo muß id doch anführen, daß Metrodorus von 
Scepfis behauptet, DE Fluß babe von den um feine Duelle 
häufig wachſenden Pechtannen, welche in der Ballifchen 
Sprache „Baden“ hießen, feinen Namen erhalten, und in 
der Sprache der Ligurer heiße er Bodincus, welches Wort 
„bodenlos“ bedeute. Als Beweis dieſer Anſicht dient die 
Stadt Induſtria [Verrua], deren alter Name Bodincoma⸗ 
gus iſt, und die gerade an ber Stelle liegt, wo die beden⸗ 
tende Tiefe des Fluſſes beginnt. 

XXI (zvı). 4. Bon dem Padus wird ber eilfte Bes 
zirt Italiens ber Transpadanifche Lienfeits des Po] genannt: 
er liegt zwar ganz im Inneren des Landes, aber die Meere 
führen ihm alle Produkte mittelft dieſes fegenfpendenden 
Stromes zu. Zu bemerken find die Städte Bibi Forum 
[Pignersfo] und Seguſio ſSuſa]: die Eolonien Angufte 
Tanrinorum [Turin], ein von dem alten Lignrifchen Stamme 
gegründeter Ort, von welchem an der Padus fchiffbar wird, 
and Augufla Prätoria [Aoſta] im Lande der Selaſſer— an 


€. Plinins Naturgeſch. 38 Bochn. 7 


. 


554 C. Plinins Naturgeſchichte. 
den beiden Alpenpäſſen, dem Graiſchen ) nämlich und dem 
Pöniniſchen: durch dieſe kamen‘, wie man angibt, die 
Punier [Carthager]; durch die Graifhen fam Herkules. 
2. Weiterhin liegt die Etadt @poredia [Yorea], von dem 
- Römifchen Volke auf Befehl der Gibyllinifhen Bücher er- 
baut. Die Gallier nennen gute Pferdebändiger Eporedier. 
Vercellä [Bercelli],-im Gebiete der Likicer, verdankt feinen 
Urfprung den Sallyern **) Novaria [Novara] den Ber- 
tacomacoren, welche in einem noch jept. beftehenden Gaue 
der Vocontier +) wohnten, und nicht (wie Cato meint) den 
Ligurern. Bon’ Diefen ſtammen abeggbie Läver und Mari- 
cer, welche Ticinum [Pavia] , nicht weit vom Padus, an⸗ 
legten, fo wie die Boier, welche über die Alpen gingen, und 
Laus Powpeia [Lodi vechio), und bie Infubrer, welde 
Mediolanum [Mailand] bauten, ab. 3. Eato gibt an, daß 
"die Bewohner von Comum [Como], Bergomum [Bergamo] 
und Liciniforum [Barlafina], fo wie einige umliegende 
‚Gemeinden von den Drobiern abflammen, gefleht aber, 
daß er den Urfprung dieſes Volkes nidyt Benne ; dagegen er= - 
zaählt und Cornelius Alexander, daß es aus Griedenland 
flamme, wie fchon der Name beweiſe, ber nichts Anderes 
hebeute, als Leute, bie ihr Leben anf den Bergen zubrin« 





® 1 
*, Zwiſchen dem Mont Iſeran und dem Mont Blauc. 
“ey ‚Zwifchen dem Mont Blanc nnd dem großen Gt. Bernhard. 
”, Einem Liguriſchen Wolke, welches in ber heutigen Pro⸗ 
vence wohnte, 
P Im üblichen Gallien (Departements Dröme und Hautes⸗ 
Alpes. 


J x 








‘ 


Drittes Bud. | 355 


gen. *) In diefem Landſtrich verſchwand Barra, eine Stadt 
der Drotier, von welcher, nad) Cato's Angabe, die Bergo: 
mater heritammen, und deren Lage, jest noch beweist, daß 
fie bei weitem nicht fo glücklich, als hoch **) gemefen fey. Auch 
verſchwanden die von den Infubrern vertriebenen Gaturiger 
und das oben ***) erwähnte Spina; eben fo die. durd, ihren 
Reichthum berühmte Stadt Melpum, welche, nach der Ue⸗ 
berlieferung des Cornelius Nepos, von’ den Anfuhrern, 
Boiern und Genonen an temfelben Tage zerftört wurde, 
an welchem Eamillus Veji einnahm. +) 

XXU (vn), 4. Es folgt nun der zehnte Bezirk Ita: 
liens, weldyer am dem Adriatifhen Meere liegt. Zu ihm 
gehören Venetia; der Fluß Sitis [Sille], welcher von den 
Zarviſaniſchen Bergen [bei Treviſo] herabbommt; die Stadt 
Altinum [Altino]; der Fluß Liquentia [Lidenza], welcher 
auf den Opiterginiſchen Bergen [bei Obderzo] entfpringt, 
und der gleichnamige Hafen; die Eolonie Eoncordia ; tm). 
die Zlüffe und der Hafen Nomatinum; +++) der große und 
Heine Fluß Zilaventum [tagtiamento]; der, Fluß Anaffım 





*) Mon Opas (Berg) und Bios (Leben). 
**) Die Stadt Barra, deren Lage ſich nicht mehr angeben 
läßt, war vermuthlid auf einem Berasipfel erbaut. 
280), Kap, 20. $. 5 
+), 5m 5%. 395 vor Chr. Vol. eivius v3 Die Stabt 
‚wurde fpäter wieder aufgebaut, und beißt jetzt Melzo. 
++) Hat bis jegt feinen alten Namen behalten. 
_ HD Die Füße heißen jest Lemene und Negene; der Haſen 
wor Oruaro liegt zwifchen ihnen, 


7* 


356, C. Plinius Naturgefchichte. u 
[Stella], in weichen der Varramus [Eanale ti Marano] 


fällt; die Alfa [Aufa]; der Natifo [Matifone] und der. 


Zurrus [Torre], welche an der Colonie Aquileia, Die 
45,000 Schritte [3 M.] vom Meere liegt, *) vorbeifießen. 


2. Diefer Landftrich if von den Earnern bewohnt, und’ 


der daranftoßende von den Japyhden. In dem leztteren find 
zu bemerken der Fluß Timavus [Timavo]; das durch feinen 
Wein berühmte Caftell Pucinum [Tybein]; der Tergefti- 
niſche Meeibufen [Golf von Trieft] und die Colonie Ters 


gefte [Triefl], 23,000 Schritte [ads M.] von Aquileia 


entfernt; ») 'der Fluß Bormio [NRifano], 6000 Schritte 
[1 M.] jenfeits Tergeſte und 189,000. Schritte [37% M.] 
von Ravenna, die alte Grenze des vergrößerten Italiens, 
nun aber Jftriend , weldyes feinen Namen von dem Bfuffe 
ter hat. Diefer Iſter foll aus dem Strome Danubius 
in das Adriatifche Meer Hießen, und er und die ihm ges 
genüberliegenden Mündungen des Padus follen durch ihren 
wechfelfeitigen Gegendrud das zwifchen ihnen liegende Meer 


füß machen. Viele, und unter ihnen Nepos, der do am 
Padus wohnte, behaupten Diefes fälfchlidy; denn aus dem. 


Danubins fällt fein Fluß in das Adriatiſche Meer. 3. Sie 
ließen ſich, wie ich vermuthe, durch die Nachricht irre mar 
den, daß das Schiff Argo nicht weit von Tergefte auf einen. 
Fluſſe, deffen Namen man aber nicht weiß, in das Adria 
tifche Meer Fam. Genauere Forfcher behaupten, ed ſey auf 
ten Schultern über die Alpen getragen worden ; feinen Weg 


. 





*) Iſt jent Baum eine Stunde vom Meer entfernt. 
”*) Die Entfernung beträgt ungefähr 6 Meilen, 


Drittes Buch. 567 


aber habe es genommen *) zuerſt durch den Iſter, **) dann 
durch den Savus [Gau] und dann durch den Nauportus 
[Ladbach], welcher aud, dieſem Umfande feinen Namen ***) 
verdankt, mund zwifchen Aemona [Laybach] und ben Alpen 
entfpringt. -, 

XXIU (zıx), 4. RPtrien erſtreckt fih als Halbinfel in 
dad Meer ; feine Breite geben Einige auf 40,000 Schritte 
[8 M.], feinen Umfang auf 125,000 Schritte [25 M.] «au. 
Diefelde Größe geben We dem angrenzenden Liburnien und 
dem Klanatifhen Meerbufen [Golfo die Duarnero]. Andere 
nehmen die Größe Ziburniens zu 480,000 [36 M.] an. 
&inige dehnen Japydien 130,000 Schritte [26 M.] weit 
binter Iſtrien in den Blanatifhen Bufen aus, und ges 
ben dann Liburnien eine Größe von 450,000 Schritten 
[30 M.]. +) Zuditanus, ++) welder die Iſtrier unters 
jochte, feßte auf feine in ihrem Lande errichtete Denkſaͤule 
folgende Iufchrift: „Bon Aquileia bis zum Biuffe 
Titius ++r) find 1000 Stadien.“ TH Hu bemerken 


* 





*, Nãmlich vom ſchwarzen Meere nad) ben Alpen. 
s., ser und Danubins find einer und berfelbe Fluß, den aber 
-die Alten vor ben Eroberungen ber Römer in ben von 
ihm bewäfferten Gegenden wertig Pannten, wodurch mannig⸗ 
fahre Berwechfelungen und Fabeln entitanden. 
+) Plinius Überfest Nauportus mit „Echiffhafen.“ 
+) Japydia und Liburnien find die Küftenftriche von Ervatien 
und dem nörblihen Dalmatien, 
+75 Sempronius Tubditanus triumphirte Über bie Iſtrier im 
J.' 128 vor Er. 
+trr) Ieut Kerka. 
49 25 Meilen, 


., R % 


358° €. Plinius Naturgeſchichte. 
find in Iftrien die Städte Aegita [Ifola] und Parentium 
[Parenzo], mit Römiſchem Bürgerrecht; die Eolonie Pola, 
welche jebt Pietas Julia heißt, ) und einft von den Col⸗ 
chiern erbaut wurde: fie ift von Tergefte 100,000 Sthritte 
[20 M.]. entfernt. Weiterhin kommen die Stadt Nefactium 
[Refonzi] und der Fluß Arfla [Arfa], welder jest die 
Grenze Italiens bildet. Der Seeweg von Aucona nach 
Pole beträgt 130,000 Schritte [26 M.]. **) 

2. Im Inneren des zehnten Bezirks liegen die Eolos 
nien Cremona und Briria [Brescia] in dem Gebiete,der 
Cenomaner, in dem der Veneter aber Ateſte [ERe] nnd die 
Städte Acelum [Aſolo), Patavium [Padua], Opitergium 
[Dderzo], Belunum [Belluno] und Bicetia [Bicenza]. 
Mantua ift die einzige übrige Stadt der Thuscer jenſeits 
des Padus. Cato' Abt an, daß die Veneter Trojanifhen 
Urfprungs ſeyen, und daß die Eenomaner früher bei Maffilia 
im Volciſchen °*%) wohnten. Die Feletriner [Beltie], Iris 
dentiner [Trient] und Berunenfer Ind Rhätiſche Gemeinden ; 
Berona liegt im Gebiete der Rhätier und ngancer; die 
Julienſer [Fulia] gebören zu den Carnern. Dann nennen 
wir noch, ohne Uns anf genauere Angaben einzulaffen, die 
Alntrenfer [Xodrone] ; die Afferiater; +) die Slamonienfer, 
von denen ein Theil den Namen Banienfer [Benzona], ein 


*) Später aber wieder Pola genannt, welchen Namen fie jegt 
noch führt. 
**) Der direkte Weg beträgt kaum 20 Meilen, 
ver) Das Land der Wolcer Iag an den beiden Ufern der Rhoͤne. 
7) Ruinen der Stadt Afferia bei Benkovac. 


Drittes Bud. 359 ° 


auderer den Namen Enticer ſFlagogna] führt; bie Foroju⸗ 
Tienfer [Bugliano], Transpadaner zubenannt; die Foretaner 
. [8ortino] ; die Nedinater [Nadin] z, die Duarquener [Börz]; 
De Zaurifaner [Tauern]; die Togienfer und die Barbarer. 

3. In diefem Landſtriche find verihwunden: ander Küfte 
Iramine, Pellaon und Palfatinın; bei den Venetern Atina 
and Eälina,; bei den Carnern Gegefle *) und Dera; bei 
den Tanriscern Noreia. »e) Auch fol an dem zwölften 
Meilenſtein [22 M.] vor Aquileia von Claudius Mars 
elus eine Stadt wider den Willen des Senats zerflört 
worden feyn, wie 2 Piſo berichtet. Im diefem Bezirke 
ud auch eilf berühmte Seen und Flüſſe, weldhe aus 
denfelben ihren Urfprung oder ihr Wachsthum haben ‚ wenn 
Aberhaupe diefe Seen die in fie fließenden Ströme wieber 
von fi) geben, wie der Larius [Comerſee] die Addůa 
ſ[Adda]; der Verbanus [Lago Maggiore] den Ticinus 
[Zefno]; der Benacus [ago di Garda] den Mincius 
[Mincio]; der Sebinus [Lago d'Iſeo]; den Ollius [Oglio] 
der Eupilis [tego bi Puſiano]; den Lambrus [Lambro], 
welche Stüffe alle in den Padus fallen. 

4.’ Die Ulpen ziehen fidy nad) der Angabe des Eätius 
in einer Länge von 1,000,000 Schritte [200 M.] von dem 
oberen [Abdriatifchen] bis zum unteren [JEtruriſchen] Meere ; 
Zimagenes gibt 22,000 Schritte [4:6 M.] weniger an; ihre 
Breite beſtimmt Eornelius Nepos auf 100,000 Schritte 
[20 M.] und T. Living auf 3000 Gtadien [75 M.], jeder 





*, An ber Stelle, wo jegt An⸗Sifer ſteht. 
An der Steile des jetzigen Frleſach. 





0 C.. Plinivs Naturgefchichte. 


jedoch an einer andern Stelle. Wirklich Aberfteigen fie auch 
manchmal da, wo fle Germanien von Ftalien trennen , die 
Breite von 100,000 Schritten, während biefe an den übrigen 
fchmateren ‚Stellen, wie durd) die gütige Vorſicht der Natur 
oft nicht einmal 70,000 Schritte [14 M.] ausmacht. Die 
Breite Italiens an dem Fuße der Alpen, vom Varus as 
durch Vada Sabatia, Zaurinum, Comum, Briria, Verena, 
Bicetia, Opitergium ) bis zur Arfia. gemeſſen, betrãgt 
745,000 Schritte [149 M.]. 

XXIV (zz). 4. Die Alpen bewohnen bieferlei Boͤlker. 
Von Pola bis in die Gegend von Tergeſte ſind die berühm⸗ 
teſten die Secuſſer [auf dem Berge Cocuſſo]; die Subocri⸗ 
ner; die Cataler; die Menocalener und neben den Carnern 
Die Noricer,, **) welche früher Tauruscer genaunt wurben. 
An diefe grängen die Rhätier [in Graubündfen] und die Vinde⸗ 
licer, ***") welche alle in viele Gemeinden getheilt find, Man 
hält die Rhätier für Abkömmlinge der Thuscer, welche mit 
ihrem Anführer Rhätus von den Galliern vertrieben worden 
find. An der Italien zugekehrten Seite der Alpen wohnen 
die Euganeifhen Stämme +) mit Lateiniſchem Bürgerrecht, 
in deren Lande Cato 54 Städte aufzählt. Unter diefen ind 
die Triumpitiner [Val Trompio], ein ſammt ihrem Gebiete 
den Römern käuflich zugefallenes Voll. Die Gamuner 





* 


”, Bon allen dieſen Städten warſchon weiter oben die Rede. 
*2) Ueber dieſe vgl, weiter ußten. Kap. 97. 
”.., Sie wohnten vom Bodenfee bif zum Inn. . 
+) In den Bergthaͤlern des nördlichen Italiens und im ans 
grenzenden ſaͤdlichen Tyrol, 


. Drittes. Bud. 361 


"Bat Samenico] und andere ihnen in ihren Rerhältniffen 
ühnliche Stämme find den benachbarten Munizipaltädten 
zugetheilt. 2. Wach die Lepontier [Bal Leventina] und 
Galaſſer [Ra Sala] hält Cato für Tanrissifchen Urfprunge; 
faſt alle Übrige Gchriftfteflee aber erklären die Lepontier, 
nad) der Bedeutung ihres Briechifhen Namens, ) für Ueber 
Heibfel aus dem Gefolge des Herkules, deren Glieder bei 
dem Webergange über die Alpen erſtarrt feyen. Soldaten 
Deffelben Heeres des Herkules und Griechen ſollen nach ihnen 
auch die Bewohner der Braifchen Alpen nnd die Buganeer, 
weiche von edlerer Abkunft waren, und daher aud ihren 
Namen *?) erhielten, gewefen fen. Der Hauptort derfelben 
ift Stönos [&toro]. Bon ben Rhaͤttern wohnen die Ven⸗ 
soneter und die Saruneter an den Quellen des Rhenus 
ſRhein], und diejenigen von ben Lepontiern, welche Viberer 
heißen, an der nee red Rhodanus [Rhone], auf dem: 
felben Alyenzuge. 3. Außerdem haben auch manche Stämme 
Das Lateinische Bürgerrecht , wie Pie Dctodurenfer [Marti 
. nach] und ihre Nachbarn, Lie Centroner [Eentron]; die 
Enttiauiffhen Gemeinden ; **) die Eatneiger [um Chorges] 
md die von den Caturigern abftammenden Bagienner, +) 

welche in bie Sigurifgen und in die Montanifchen zerfallen, 





*) Mon keine, ich laſſe zurück. 

*, Euyevtĩic, wohlgeborene. 

We) Wohnten von ben Quellen des Bar und ber Stura bis zum 
Mont Iferan. 

+) An der Oſtſeite der Alpen, am erſten Laufe des Po. 


562' €, Plinius Naturgeſchichte. 
fo wie viele Stämme der Eapillater in der Nähe des eigu⸗ 
ſtiſchen Meeres. 

4. ‚Die Mittheilung der An dem Siegeszeichen auf den 
Alpen befindlichen Jaſchrift fcheint mir hier ganz an ihrer 
Stelle zu fepn. Sie lautet, wie folgt: Dem Imperator 
Cäſar Auguftus, dem Sohne des göttlihen Cä—⸗ 
far, dem Pontifer marimus, dem vierzehnmas 
ligen Imperator, dem mit der tribunicifben 
Gewalt betleideten der Genat und das Volk 
von Rom, weil unter feiner Unfüährung und 
durch feine Fürſorge alle Aipenvölker, welhe 
von dem oberen Meere bis zum unteren wohn» 
ten, der Herrſchaft des Römiſchen Bolkes ums 
terworfen wurden. Die bezwungenen QAlpen- 
pvölfer find: die Triumpiliner, die Camuner, 
die Benofer, bie Bennoneter, die Ffarcer, die 
Breuner, die Genanner, die Focunater, vier 
Stämme.der Binbelicer, nämlid die Eonfuas 
neter, Die Rucinater, die Licater und die ECas 
tenater; die Ambifunter, die Nugusger, die 
Suaneter, die Caluconer, die Brirenter, bie 
Lepontier, die VBiberer, die Nantuater, die 
Geduner, die VBeragrer, die Salaffer, die Aci« 
tavoner, die Meduller, die Ucener, die Catu—⸗ 
riger, die Brigianer, die Gogiontier, die 
Brodiontier, die Nemaloner, die Edenater, die 
Efubianer, die Beaminer, die Galliter, die 
Trinlatter, die Ectiner, die Vergunner, die 
@guiturer, die Nementurer, bie Drateller, die 











Drittes Bud. - 368 


Neruſer, die Velauner, die Suetrer.“) Dabei 
ſind weder die zwölf Cottianiſchen Gemeinden, die nicht 
feindlich geſinnt waren, noch Diejenigen, wilche nach dem 
Pompeiſchen Geſetze **) den Munizipalſtädten bereits. zuge⸗ 
theilt waren, genannt. 5. Dieb iſt das den Göttern 
beilige Italien. Dieb find feine Böker. Dieß die Städte: 
feiner Bevölkerung. Dies ift das Italien, welches unter 
"dem Eonfulate des 2. Aemilius Paulus und E. Attilins 


*2) Um bie Infchrift im Drud nicht zu verunftalten , laſſen 
wir hier bie neueren Benennungen ber Aipenvd.ker, in fo 
weit fie ermittelt find, folgen: Xriumplliner (Bal Trom⸗ 
pio), Camuner (Val Camonico), Venofler (Minfigan), 
Vennoneter (Wangen), Starcer (an ber Eyſachy, Breuner 

' (Bruneden), Genauner (Wal Non), Focunater (Vocogna), 
Eonfuaneter (Kenzingen) , Rucinater (Ruf) , Licater (am 
Lech), Batenater (Rettenader), Ambifunter (Sontrio, im 
Beltlinthat), Ruguscer (Nüffe), Suaneter (Sanen), Gas 
lueoner (Satanbathal), Brirenter (Brixen), Lepontier (Wal 
Leventina), Wiberer (Viſpach), Nantuater (am erften 
Laufe des Rheins), Seduner (Sitten), Veragrer (Ber: 
nayed), Salaffer (ka Sala), Acitavoner (St. Sean be 
Maurienne), Meduller (die ehmalige Baronie Menouillon, 
in dem jegigen Bezirk Montelimart), Ucener (Bourg d'Di⸗ 
fans), Gaturiger (um Chorges), Brigianer (Briançon), 

Sogiontier (Sauze), Brodiontier (unbekannt), Nemaloner 
(Meolan), Edenater (Wille de Seyne), Efubianer (Ubaye), 
Beaminer (Senez), Galliter (Guilloͤtres), Triulatter (Alloz), 
Ectiner (Eſtene), Vergunner (Vergons), Egquiturer (Guil⸗ 
laumes), Nementurer (unbekannt), Orateller (Le Puget 
de Theniers), Neruſer (Vence), Velauner (Valdahon), 
Suetrer (Serred). 
Dieſes Geſetz ſoll vom J. 88 vor Ehr. ſeyn. 


N 


564 C. Plintus Naturgeſchichte. 


Regulus [235 vor Chr.], als ſich die Kunde von einem. 
Einfalle der ‚Batlier verbreitete ,„ allein, ohne irgend eine 
fremde Hülfe,‘ und foggr ohne die Bewohner ienfeitd des 
Padus win Heer von 80,000 NReitern uud 700.000 Fußgän⸗ 
gern ausrüftete. Auch an Reichthum aller Metalle flieht es 
keinem anderen Lande nach; aber ein alter Beſchluß des 
Genatd, melcher die Erde Italiens zu fchonen befahl, unter⸗ 
ſagt ihre Ausbeutunrg. 

XXV (zz). 4. Bon der Arſia ſArſa] bis zum Fluſſe 
Titius [Kerda] wonnt das Volk der Liburner. Die Mens 
toren, Hymaner, Encheleer, Buuer und Die, werde Ealli« 
machus Peucetier nennt, bildeten Beſtandtheile deffelben. 
Sept bezeichnet man das ganze Grbiet mit dem Gefammt- 
namen Illyrieum. "Nur wenige Namen dieſer Völker find 
nennenswerth, oder leicht anszufpreden, Zu dem Gcarboni: 
tanifhen Gerichtsbezirk [Sbardona] gehören die Japhder und 
vierzehn Gemeinden der Liburner, von denen man allenfalls 
noch die Lacinienfer ſLakza), die Stlupiner [Stuin], die 
Burnifter *) und die Dibonenfer ohne Ueberdruß nennen 
kann. In diefem Gerichtsbezirk haben Italiſches Bürger: 
rechht: die Aluter [um Albona]; die Flanater ſFianona])], 
von denen der Flanatiſche Meerbuſen [®olfo di Quarnero] 
feinen Namen bat; die Lopfer [um Gospich]); die Barpar 
siner [Verbonsto] ; die flewerfreien Aſſelater, **) und von 
den Inſelbewohnern die Sertinater[Parwich ] und die Euricter 
[Karet]._ 


*) Ruinen diefer alten Stabt nicht weit vom Kerka. 
+) Nuinen bei Benkovac, , 


. Drittes Buch. . 365 


2. Sonſt Tiegen noch von Neſactium [Refonzj] an, 
"fängs der Küfle, die Gtädte Alvona [Albona]; Flanona 
[Zianona]; Tarfatica [Terfict] ; Genia [Bengg]; Lopfica 
[Gsepie]; Ortopnia [Starigrad] ; Vegium [Bezzo ]; Ars 
gyrantum; *) Eorinium [Karin]; Wenena. [None]; die 
Gemeinde von Pafinum ;**) der Fluß Tedanium [Bermanja], 
welcher Die Grenze von Japydien bifdet. Die Fnfeln diefes 
Bufens fammt ihren- Städten find außer ben ſchon ges 
naunten: Abfyrtium [Dfero] ; Arba [Arbe}; Crexa [Groſſa]; 
Siffa [Giſto] und Portunata [Puntadura]. Wiederum auf 
dem feſten Land-, und 460,000 Echritte [32 M.] von Pole 
entfernt , liegt Jadera [Bara- Vecchia]; . 30.000. Schritte 
[6 M.] von ihr die Juſel Eolentum [Mortera], und 18,000 
Schritte [3% M.] weiter Die Mündung des Fluffes Tibius. 

XXVI (zu). 4. Un dieſem Ftuffe, 12,000 Schritte 
[25 M.] vom Meere, an der Stelle, wo Liburnien aufs 
hört und Dalmatien beginnt, liegt Scarbona. Dann folgen: 
das alte Gebiet der Tarioter und das Eaftell Tariona [Alte 
GSebenico]; das Borgebirg des Diomedes [Trau Vecchio), 
von Andern die Halbinfel Hyllis genannt, von einem Um— 
fang von 400,000 Schritten [30 M.]; Zragsrium [Iran] 
mit Römiſchem Bürgerrechte, und feines Marmord wegen 
berühmt; Sicum [Sebenieo], wohin der göttliche Elaudius 





” Man findet noch bedeutende Ruinen bei Obrivacz. 

”) Bis jetzt hat Man nicht ermitteln Finnen, ob Eivitas 
Paſini "ein Ort für fich, oder ob es ‚eine nähere Bezeichnung 
für Aenona iſt. Vergl. Mannert, Geogr. ber Gr. u 
Rbm. B. VI, 329. oo 


» ‘ 


. \ ' N 
SB. C. Plinins NRaturgefchiehte. 


VBeteranen ſchickte; die Kolonie Salona, *) 143,000 Schritte 
[22% M.] von Jadera. Zu ihrem Gerichtsbezirk **) ges 
hören die Dalmatier mit 582 Decurien, die Decuner mit 
22, die Ditioner mit 239, die Marder mit 69, die Gar: 
Diater mit 52 Decurien. 2. In dieſem Landftriche Liegen 
die durch Schlachten des Römiſchen Volkes *** berühmt 
gewordenen Eaftelle. Burnum, H Andetrium [bei Namjane] 
und Tribulium. Bon den Iufeibewohnern gehören ebenfalls 
zu diefem Gerichtsbezirk die Iſſaͤer (Liſſa]; die Eolentiner 
[Mortera]; die Separer und die Epetiner. Weiterhin fol: 
gen die Eaftelle Piguntia [Pogosniga]; Rataneum [Rudu⸗ 
nich]; die Eolonie Narona , ++) der Hauptort des Dritten 
Ger chtsbezirks, an dem gleitinamigen Fluſſe [Narenta), 
72.000 Schritte [14/; M.] von Salona und 20.000 Schritte 
fa M.] vom Meere entiernt. Nah M. Varro haben 
früher 89 Gemeinden in diefer Stadt ihr Recht gefucht. Jeßtzt 


| kennt man nur etwa die Gerauner mit 24, die Daorizer 


[Dobor] mit 17, die Däfltiater mit 103, die Docleater 
LDognidetag] mit 35, die Deretiner mit 14, die Deremifter 
[Dernich] mit 30, die Dindarer mit 33, die Glinditioner 
[Gtinbigne)] mis 44, die Melcomaner mit-24, die Narefler 
[Marintva] mit 102, die Seirtarer mit 73, die Siculoter 
mit 24, und die Bardärr [am Berge Verdovacz], welche 





*) Ruinen bei Spalatro, 
**) Die hier genannten Jllyriſchen Stämme find unbekannt. 
es) Welche die Feldbherren Tiberius und Germanicus unter 
Auguſt lieferten «7 nach Chr.). 
+) Man findet noch einige Ruinen am Stufe Kerka. 
+D Ryinen bei dem Slecken Mido, 





Drittes Bud. | 367 


‚einft Italien verwüfteten, mit nicht mehr als 206 Decurien. 
3. Außer Diefen wohnten-nod- in diefem Landftride die 
Diuder, die Varthener, die Hemaliner, die Arthiter und 
Die Armifter. Vom Finffe Naro [Narenta] bie zur Eolonie 
Epibtaurus*) find 400,000 Schritte [20 M.]. Nah Epi⸗ 
danrus folgen die von Römiſchen Bürgern bewohnten Städte 
Rizinium [Rifano] ; Ascrivium [Andrics]); Butua [Bu: 
dua] und Olchininm [Dulcigno], weldyes von den Colchern 
erbaut, und deßhalb früher Goldyinium "genannt wurde; 
ferner der Fluß Drilo [Drino), und an ihm die von Römi⸗ 
ſchen Bürgern bewohnte. Stadt Gcodra [IfEodar], 17,000 
Schritte [3% M.] vom Meer entiernt. Un diefen Land: 
ſtrich knüpft ſich auch das allmälig erldfchende Andenken 
an viele Griechiſche Städte und mächtige Gemeinden. Denn 
hier wohnten die Labeater [um Gcodra]; die Ender oduner 
[um C. Roduni] ; die Saffäer [um Vaffoewip] ; die Grabäer 
[um Grabovo]; die eigentlichen Illyrier; **) die Zaulautier 
[im Sandſchak Ilbeſſan) und die Pyräer. Berner kommen 
an der Küfte das Vorgebirg Nymphäum (Nimflo] , welches 
feinen alten Namen behaften hat; hierauf bie von Römiſchen 
Bürgern bewohnte Stadt Liffus [Aleflio], 100,000 Giritte 
[20 M.] von Epidaurus ıntfernt. 

(zırıı.) 4. Sogleich nach Liſſus beginnt die Provinz Mace⸗ 
donien [theilmeife Albanien). In ihr find zu nennen die Par: 
theniſchen Stämme [im Sandſchak Ochri], und hinter ihnen 


*) Lag mwahrfheinlih am weflichen Worgebiege bes Bufens 
von Catftaro. 


) Zwiſchen den Fluͤſſen Narenta: und Drino. 


‘ 


368 | C. Plinius Naturgeſchichte. 


die Daſſareter ſam See von Ochri]; die Candaviſchen 
Berge [im Sandſchak Ilbeſſan], welche '78,000 Schritte 
[155% M.] von Dyrrachium [Durasyzo] entfernt find. Ferner 

an der Küfte: Denda mit Römifchem Bürgerrechte, die Co⸗ 
Ionie Epidamuum, deren unbeilbedentenden Namen *) die 
Römer in Dyrrachium verwandelten, der Fluß Anus [Box 
jusa], von Manchen Aeas genaunt; Apollonia [Polina], 
einft eine Eolonie der Eorinthier, A000 Schritte [%s M.] 
vom Meer entfernt. An der Grenze diefed Landſtrichs woh⸗ 
nen um das berühmte Nymphäum [im Sandſchak Aviona] **) 
die barbarifchen Amanter [Avoſtma] und Bulioner [Boklin]. 

An der Küfe ift.nod) die von den Colchern erbaute Stadt 
Oricum [Criho}. Hier beginnt Epirus, und es kommen 
die Acroceraunifchen Berge [M. Ehimära], welche wir als 
Grenzpunkt dieſes Buſens ven Europa angenommen has 
ben. ***) Oricum ift von Dem Gatentinifhen Vorgebirge 
[C. di Leuca] in Ftalien 85,000 Säritte [17 M.] +) ent⸗ 
fernt. 

XXVU (zxıv). - Ruckwaͤrts von den Carnern und Ja⸗ 
pydern, wo ber große Iſter [Donau] daherfirömt „ ſchließen 
fih an die Rhätier die Noricer. +) Ihre Städte find: 
Birunum [Klagenfurt]; Celeia [Cilly]; Zeurnia [Lurn⸗ 
feld]; Aguntum [Iniching]; Bianiomina [Wien]; Claudia 
*) Man leitete ihn von damnum (Schaden) ab. 

28) Mol. B. II. Kap. 110. $, 3. 

“*) Gap, 15. $. 2. 

7) Die wirflihe Sntfernung beträgt 14 Meilen, 
+H In Kärnthen und Steyermart, 





0 Drittes Bud). 8569 


[Rtana]; Blavinm Solvenſe [favamünde]. An die Noricer 
ſtößt der See Peifo [Ptatten⸗See] fammt den Einöden der 
Doier „die jedoch jetzt durch Sabaria [Stein am Anger], 
eine Eblonie des göttlichen Claudius, und durch die Stadt 
Scarabantia Fulia [Dedenburg]- Bewohner erhalten hat. 
XXVIII (xxv). 4. Nun kommt: das eidhelntragende 
Pannonien, *) wo bie Acatten niedriger werden, und 
mitten durch Illhyrieum von Norden nach Süden hinziehend, 
ſich allmälig rechts und links ſanft abdachen. Der nach 
dem Adriatiſchen Meer hin liegende Theil bildet Dalmatien 
und das oben befdjriebene Illyricum. Pannonien dehnt ſich 
nah Norden aus, und wird durch den Danubius ſDo⸗ 
nau] bearenät, In diefem Lande liegen die Eofonien Yes 
mona [Laydahı) und: Siscia [Siszek). In den Danubins 
fließen bedeuteude und fchiffbare Ströme: der reißende Dra- 
vus [Dran] von den Norifchen, und der fanftere-Gavus 
(Sau von den Earnifcen Alpen; beide trennt ein Zwis 
ſchenraum vom 120,000 Schritten [24 M.]. Der Dravus 
firömt durch das Gebiet! der Gerreter [Beröcze], der Ser- 
rapiller [um Pilish), der Tafer [um Jascza] und der San⸗ 
Dizeter [Sauritfh] ; der Savns durch das der. Eolapianer 
[aur Fluſſe Kutya] und Breneer [in Stavenien]. Diefe find 
die Hauptvötker. 2. Außer ihnen nd nod, zu nennen die 
Ariester [Arlavisa]; die Water ſOzaly); die Amanter 
[Manduszebes]; die Belgiter [Beller;]: die Catarer [Kot: 
tori] ; die .Eornacater (Vukodar]; die Eradiscer [Agram]; 
die. Herenmiater' [Krrsdo] ; die Latavicer [Ritan]; die Die . 
riater [Dfterez]' und: die Varcianer [Barasdın]. Werner 
find zu erwähnen: der: Berg. Elaudius [Bader Ge⸗ 


. 9) Pannonien umfaßte das auf der rechten Donaufelte Ke- 
gende. Ungarn, einen boftlichen Strid von Oeſtreich und 
Steyermark, ben größten Theil von Krain, den nörb: 
ld von der San liegenden Tbeil von Kroatien, Slavonlen 
und einen fchmalen Streifen von Bosnien an der Sas. 


€, Plinins Naturgeſch. 38 Bhchn, 


368 €. Plinius Naturgeſchichte. 


die Daffareier [am Gee von Ochri]; die Candapiſchen 
Berge [im Sandſchak Ilbeſſan], welche '78,000 Schritte 
[155% M.] von Dyrrachium [Duraszo] entfernt find. Ferner 
an der Küfte: Denda mit Roͤmiſchem Bürgerrechte, die Co⸗ 
Ionie Epidamnum, deren unbeilbedbeutenden Namen ”) die 
Römer in Dorrachium vermwandeltens der Fluß Anus [Vo⸗ 
juga], von Manchen Aeas genaunt; Apollonia [Polina], 
einft eine Eolonie der Gorinthier, 4000 Schritte [ds M.] 
vom Meer entfernt. An der Grenze diefed Landſtrichs woh⸗ 
nen um das berühmte Nymphäum [im Sandſchak Avlona] **) 
die barbarifchen Amanter [Moofima] und Bulioner [BoPlin]. 
'An der Küfe iſt noch die von den Colchern erbanfe Stadt 
Oricum [&riho}. Hier beginnt Epirus, und es kommen 
die Acroceraunifhen Berge (M., Ehimära), welche wir als 
Grenzpunkt diefed Bufens von Europa angenommen has 
ben. ***) Oricum ift vow Dem Galentinifhen Vorgebirge 
[C. di Leuca] in Italien 85,000 Saritte [117 M.] HD ents 
fernt. 

XXVU (zsıv). - Rüdwärts von den Garnern und Ya: 
pydern, wo der große Ifter [Donau] daberfirömt „ ſchließen 
fi an die Rhätier die Noricer. ++) Ihre Städte find: 
Birunum [Klagenfurt]; Celeia [Cilly]; Teurnia [Lurms 
feld]; Aguntum [Iniching]; Bianiomina [Bien] ; Claudia 
*) Man leitete ihn von damnum (Gchaden) ab, 

2*8) Mol. 8. II. Kap. 110. 5, 3. 
*) Kap. 15. 6. 2. 

+ Die wirkliche Entfernung beträgt 14 Meilen, 
+ In Kärnthen und Steyermart. 





— 


⸗ 


Drittes Buch. 869 


[Klana]; Fladium Solvenſe ſLavaäamünde]. An die Noricer 
ftößt der See Peiſo [PtattenSee] ſammt den Eindden der 
Boier „die jetocd jest dDurdy Sabaria [Stein am Anger], 
eine Eolonie des göttlichen Claudius, und durch die Stadt 
Scarabantia Julia [Dedenburg]- Bewohner erhalten hat. 
XXVIII (xxv). 4. Nun komme das eichelntragende 
Pannonien, *) wo die Aipenzidfek niedriger werden, und 
witten durch Illyrieum von Norden nach Süden hinzichend, 
ſich allmaälig rechts und links fanft abdachen. ‘Der nad 
dem, Adriatifchen Meer bin Tiegende Theil bildet Dalmatien 
und das oben befdjriebene Zuyricum. Pannonien dehnt fi 
nah Norden aus, und wird durch den Danubius [Do: 
nau] begrenzt. In diefem Lande liegen die Colonien Yes 
mona [Koybadı) und: Sisria [Eiszef]. In den Danubius 
fließen bedeuteude und fchiffbare Ströme: der reißende Dra«- 
vus [Dran] von den Norifhen, und der fanftere-Gavırs 
[Sau] von den Carniſchen Alpen; beide trennt ein Zwis 
fyenraum vom 120,000 Schritten [24° M.]. Der Dravus 
firömt dardy das Gebiet! der Gerreter [Veröcze], der Ser- 
rapiller [um Piliſch), der Jaſer [um Jascza] und der San⸗ 
Dizeter [Sauritfh] ; der Savus durch das der. Colapianer 
[anr Fluſſe Kulpa] und Breneer [in Sladonien]. Diefe find 
die Hauptvöotker. 2. Außer ihnen (nd noch zu nenuen die 
Ariester [Ariavitza); die Azaler ſOzaly); die Amanter 
[Manduszebes]; die Belgiter [Bellerz]: die Catarer [Kot⸗ 
tori]; die Cornacater [Vukodar]; die Eradiscer [Agram]; 
bie. Hercuniater [Kerstb]; die Latavicer [Litan]; die Dfer . 
riater [Dfteres]' und: die VBartianee [Barasdın]. Werner 
find zu erwähnen: der: Berg Elaudius [Bader Ge⸗ 


. 9) Pannonien umfaßte bad auf der rechten Donaufelte lie⸗ 
genbe- Ungarn, einen Öflliden Strich von Deftreidh und 
Gteyermart , ben ‚größten Theil von Krain, den nörb- 
lih von der Sau liegenden Theil von Kroatien, Stavonien 

und einen fchmalen Streifen von Bosmien an ber Sau, 


€, Plinins Naturgeſch. 38 Bhhn, 8 


570 C. Plinius Naturgefchichte. 
birge], auf deffen. Vorderfeite die Scordiscer und auf der 
KHücfeite die Tauriscer wohnen; die Inſel Metubarrie % 
in dem Savus, die größte der Flußinſeln; der Fluß Cola⸗ 
pis [Kulpa), welcher bei feinem Ausfluffe in den Sabas bei 
Siscia durd ein doppeltes Strombett eine Inſel bildet, 
welche Segeflica heißt. Ein anderer Fluß, der Bacuntius 
[Bofuth], mündet bei der Stadt Sirmium **) in dem Gaue 
er Sirmienfer und Umantiner. Von da bis nady Tauru⸗ 
num [Semlin], wo der Savus in den Danubiug fließt, (Ind 
45,000 Schritte [9 M.]. Weiter oben münden der Valdaſus 
[Bosna] und der Urpanus [Verbasz), weldye ebenfalls nicht 
“ unbedentend find. . | 
XXIX (zxvı). 4. An Pannonien fchließt fi die Pro⸗ 
ping, welche Möflen heißt, und fi länge des Danubius bie 
an den Pontus [das ſchwarze Meer] erftredt. *") Sie des 
ginnt an dem oben erwähnten Zufammenfluffe [der Sau und 
der Donau]. In ihr wohnen die Dardaner [im füdlichften - 
Theile von Gervien] ; die Gelegerer; die Triballer [im weſt⸗ 
lichen Bulgarien]; die Zimacer; die Möfler; die Thracier 
und die an den Pontus grenzenden Schthen. - Bedeutende 
Flüſſe find im Gebiete der Dardaner der Margis [Morama] ; 
der Pingus [Ipek] und der Timahus [Timof]; auf dem 
Berge Rhodope [Despoto] entipringt der Oescus [Isker]; 
vom Hamus [Balkan] kommen der Utus [Bid], der Esca⸗ 
mus [Osme] und der Jeterus [Iantra]. 
1,2. Die Breite von Illyricum beträgt da, wo fle am 
größfen ift, 325,000. Schritte [65 M.]; die Länge vom 
Fluſſe Arfla bis zum Fluſſe Drinius 800,000 Schritte [160 M.]. 
Vom, Drinius bis zum Acroceraunifchen Vorgebirg find es 





*) Auf diefer Infel, welche die Sau : und ihr Arm Veliki⸗ 
Struga bilden, Liegen der Ort Fascenovarz und der Wald 
Mekjusztruxje. 

»2) Ruinen bei Mitrovitz. 

5 Alſo Servien und Bulgarien. 


- \ j 


« , ‘ u 

Drittes Bud. 371 

172,000 Schritte [33°/; M.]. Agrippa gibt den ganzen Um⸗ 

fang diefes durch Italien und Illyricum gebildeten Bufens 

auf 4,700,000 Schritte [310 M.] an. Er begreift zwei 

Meere in fih, deren Grenze wir angegeben haben: ) nam⸗ 

ih an feinem Eingange das Fonifche und im Inneren das 
Adriatifhe, welches man auc das obere nennt. 

XXX, 4. Inſeln liegen in dem Aufonifhen Meere 
außer den fchon genannten Feine, die dee Erwähnnng werth 
wären; auch in dem Sonifchen find nur wenige. Am Cala⸗ 
breifhen Ufer vor Bruudifium Jiegt die, durd welche der 
Hafen gebildet wird; **) dem Aputifchen Geſtade gegenüber 
Diomeden [G. Domenico], welche durch das Denkmal des 
Diomedes berühmt ift, und eine andere gleiches Namens, 
welche von Manchen audy Zeutria [Pianofa] genannt wird. 

3. Die Küfte von Illyricum wimmelt von mehr als 
taufend Infeln, da das Meer hier von Natur feicht ift, und 
die Fluth allenthatben flache Buchten bildet. Die bedeu: 
tendern Inſeln find: vor der Mündung des Timavus die, 
deren heiße Quellen ‚mit der Meeresfluth wachen. *°*) 
Längs dem Gebiete der Iſtrer, Eiffa und Pullaria, welche die 
Griechen auch Abfyrtiden [Dfero] ‚nennen, von Abſortus 
nämlid), dem Bruder der Medea, welcher hier getödtet 
wurde. Neben biefe ſetzen dieſelben Griechen die. fogenannten 
Eiektriden, auf weichen der Bernftein wachſen fol, "den fle 
Elektrum nennen — ein fonnenklarer Beweis Griechiſcher 
Zügenhaftigkeit: denn bis jegt hat man nod) nicht beſtimmen 
können, welche Infel fie eigentlidy meinen. 3. Jader [Bara, 
veccchia] gegenüber liegen Lila [Uglian} und die oben P) 
fhon genannten Eilande, LZiburnien gegenüber, mehrere, 
welche die Gruteifhen [Dervenih, Zirona, Orath, Krato 


*) Rap. 16. 5. 2. 

”°, ent Andreasinfel. 

,) S. Buch II. 8. 106. 5. 9, ‘ 
DD Kay. 25:6. 2. i 


373 €; Plinius Naturgeſchichke. I 


Ktudi] heißen; die Liburniſchen, nicht weniger an ber Zahl, 
und die Culadeſſen [Culaduſen, nämlih Kakagne, Kapri, 
&fat ,' Brovidio genannt]; [der Inſei] Surium [3uri] ges 
genüber *) Bavo [Bua] und die durch ihre Ziegen bis 
rühmte Inſel Brattia [draszal; Iſſa [Lefina], mit Römi⸗ 

ſchem Buͤrgerreht und der-Stadt Pharia [Eitta vecchia]. 
Bon diefen Infeln ift Goreyra [(Curzola], weldie den Bei⸗ 
namen Meläna [die ſchwarze] führt, und auf welcher ſich 
eine von den Bnidiern erbaute Stadt ſCurzola] _befindet,, 
- 25,009 Schritte [5 M.] entfernt. Zwiſchen ihr und Illy⸗ 

ricum liegt Melitta [Meleda], von welcher, wie Callimachus 
angibt, die Metitäifhen Hündchen:**) ihren Namen haben ; 

45,000 Sheritte [3 M.] weiter liegen’ die drei Glaphiten 

[Hirfinfeln, Giupaua, di Mezzo und Kalamata]. Im 

Joniſchen Meere. ift noch die 3.000 Schritte [?/s_M. ];von 

Drieum [Ericho] entfernte, und als Aufenthast der Seerduber 

befannte Juſel Safonis [Safeno] zu bemerken. 


2 





e) Der Text dieſer Stelle liegt ſeht im Argen. Die Ueber⸗ 
ſetzung folgt keiner Emendation, ſondern der Ledart der 
beſten Handfchriften. 

‚99% Cine Art Bologneſerhündchen, bie bei den Damen bes 
‚ Alterthbums beliebt waren. 


NRöoͤmiſche Proſaiker 


in 


neuen Ueberſetzungen. 


Herausgegeben 
| en‘ " _ 
G. L. F. Tafel, Profeſſor zu Tuͤbingen, 
E.N. v. Oſiander, Profefor zu Stuttoart, 


und G. Schwab, Pfarrer zu Gomaringen 
vei Tübingen, 





‚Hundertadhtundfünfzigftes Bändchen. 





Stuttgart, 
Berlag der. I. B. Med ler'ſchen Buchbandlung. 
1840. 


8 


373°. Plinius Naturgeſchichke. 


Ktudi] heißen; die Liburniſchen, nicht weniger an der Zahl, 
und die Euladeffen [Euladufen, nämlich Kakagne, Kapri, 
Eſat, Providio genannt]; [der Inſel] Surium [Zurij ges 
genüber *) Bavo [Bua] und die durch ihre Ziegen bee _ 
rühmte Infel Brattia Brazza]; Iſſa [Reina], mit Römi⸗ 
ſchem Bürgerreht und der Stadt Pharia [Citta vecchia]. 
Bon dieſen Inſeln iſt Corehra [Curzola], welche den Bei⸗ 
namen Meläna [die ſchwarze] führt, und auf welcher ſich 
eine von den GBnidiern erbaute Stadt [Curzola] befindet, 
- 25,009 Schritte [5 M.] entfernt. Bwifchen ihr und Illy⸗ 
ricum liegt Melita [Meleda], von welcher, wie Callimachus 
angibt, die Melitäifhen Hündchen:**) ihren Namen haben ; 

45,000 Schritte. [3 Mi] weiter ‚liegen die drei Elaphiten 

[Hirfrinfeln, Giupana, di Mezzo und Kalamata]. Im 

Joniſchen Meere. ift noch die 3.000 Schritte [s_M. ] don 

Hricum [Ericho] entfernte, und als Aufenthalt der Seerduber 

befannte Juſel Safonis [Safeno] zu bemerken. 





e) Der Tert diefer Stelle Tiegt feht im Argen. Die lebers 
fegung folgt Feiner Ementation ‚ fonbern ber Ledart der 
beiten Handfchriften. " n ’ 

‚99 Eine Art Bologneſerhündchen, dic bei ben Damen des 
‚ Alterthums beliebt waren. 


— 








Rbmiſche Proſaiker 


in 


neuen Ueberſetzungen. | 


| Herausgegeben 


von 


8.895. Tafel, Profefor zu Tübingen, 
EN. v. Oſiander, Profefor gu Stuttgart, 


und G. Schwab, Pfarrer zu Gomaringen 
bei Tübingen, 





Hundertachtundfünfzigftes Bändchen. 





Stuttgart, 
Berlag der: 3.8. Meglerfchen Buchtandluns. 
1840 


! 


Cajus Plinius Secundus 


Naturgeſſcichte. 
. ‚ Meberfest und erläutert 
von IJ 


Dr. Ph. H. Külb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz. — 


Biertes Baändcen. 


d u 
Stuttgart, 
Verlag der I. B. Meßz ler'ſchen Buchhandlung. 
1 8.4 0. | 


C. Plinius Secundus Naturgefchichte, 
Biertes Buch 


Ueber die Lage der Lander, ihre Bewohnen, 
Meere, Städte, Häfen, Berge, Slüffe, 
die Entfernungen der Orte von einander 


und über die Völker, welche noch da ſind 
oder ba waren. 





» Ä Faha t. 

Kap. I. Epirus. [II Ycarnanien, DI. Hetolien, IV. &o: 
sis und Phocid. V. Der Peloponnes.] VI. Achaia. (VII. Mefs 
fenien, VII. Saconien. IX. Argolis. X. Arkadien.] XI. Attika. 
IXII. Bbotien. XII, Doris, XIV, Phthiotis), AV, Theſ⸗ 
fatien. XVI. Magneſia. XVII. Macedonien, ‘ XVII. Thra⸗ 
cin, [Das Negdifhe Meer). XIX. Die Infeln bei diefen Län- 
dern, darunter: XX. Ereta. XXI, Eubba. XXI, Die Ep- 
eladen. XXIH, Die Sporaden. XXIV. Der Selespont; ber 
Maͤotis. XXV. Dacin; Sarmatien. XXVI Geythien. 
XXVII. Die Ihfeln im Pontus. [Die Infeln im nördlichen 


x 


373°. €. Plinius Naturgeſchichte. 


Dean). XXVIII. Germanien. XXIX, Die Infeln im Galli: 
fhen Ozean, unter diefen: XXX. Britannien. XXXI Das 
Belgiſche Sallien. XXXII. Das Eugbunenfifche Sallien. [XXXIL. 
Das Aauitanifhe Gallien. XXXIV. Das bieffeitige Spanien, 
vom Galliſchen Ozean an. XXXV. Eufitanin, XXXVI. Die 
Inſeln im Atlantifhen Mer. AXXVI, Maßbeſtimmung bes 
‚ganzen Europa. . 

Geſammtzahl der Städte und Wölter ,. . +. 

der berühmten Flüſſe... 

der berühmten Berge,..... 

der Infen ..... 
der verſchwundenen St dte und Volker ... 

aller Gegenſtaͤnde, Gef ichten und Bemerkun⸗ 

gen.... *) 


RömIPphel: M. Varro, Cato ber Cenſor, M. Agrippa, 
der gottliche Augußus, Varro von Atace, Eorneliuq Nwos, 


vwuuWoan- 


Hpginus, 2, Vetus, Pomponius Mela, Licinius Mucianus, Fa⸗ 


bricius Tuscus, Ateius Capiio, Ateins ber Philolog. 


Srembe: Polybius, Hecatäus, Hellanieus, Damaftes, 
Eudoxus, Dikaͤarchus, Timoſthenes, Ephorus, Crates der Gram⸗ 
matiker, Serapion von Antiochia, Callimachus, Artemidorus, 
Apollodorus, Agathacles, Eumachus, Timfaͤus aus Gisilien, 
Myrſilug, Alexander der Polphiſtor, Thuchdides, Doſiades, Aua⸗ 
ximander, Philiſtides von Mallus, Dionyſius, Ariſtides, Callihes 
mus, Menaͤchmus, Aaloſihenes, Anticlides, Heraclides, Phils⸗ 
mon, Aenophon, Pythegs, Iſidorxus, Philonides, Xmagoras, 
Aſtynomuse, Staphylus, Metrodorus, Cleobulus, Poſidonius. 





% Die Zahlen fehlen wieder in allen Handſchriften. ’ 


. ‚ - 6 


Viertes Buch. 370, 


Bemerkungen über bie in dieſem Bude 
von Plinius Benüsten Quellen. ® 


* Agathocles aus Babylon, ein Briehifher Schrift 
ſteller, deſſen Lebenszeik fich nicht beftimmen läßt, und der 
eine Gefchichte von Cyzicum gefchrieben haben foll (Athe- 
naeus XII, p. 515). - Durch Plinius, der ihn nur im All 
gemeinen in dem Berzeichniß feiner Quellen anführt, ers 
fahren.wir auch nichts Genaueres über ihn, 

Agloſthenes, ein Griechiſcher Hiffßriker, der 
eine Geſchichte von Naxos ſchrieb, die nicht mehr vorhanden 
ift, und felbft im Alterthum nicht fehr bekannt geweſen zu 
ſeyn ſcheint. Ueber feine. Lebensverhältuiffe willen. wir 
Nichts. Plinins verdankt ihm eine Bewertung (Kap. 22. 
6. 3.) über die Iufel Delos. | 

— Agrippa (M. Bipfanius).. Aus unferem Buche lernen 
wir feine Beſtimmungen der Entfernung des. Iſter vom 
Bosporus (Kapr 18. 9. 7.25 des Umfangs des ſchwarzen 
Meeres (Kap: 24. $. 4. 5.); der Größe der Scythiſchen 
Länder (Kap. 25. $. 5.)5 ber Länge der Halbinfel Dromos 
Achilleos (Kap. 26, $.2.); der Größe von Sarmatien, Scy⸗ 
thien und Zaurien (Kap. 26. $. 1%); ber Ausdehnung von 
Geumanien (Kap. 28. $. 1.) ; der Länge und Breite Britans 
niens und Hiberniend (Rap. 30. $. 2.); der Größe Galliens 
(Kap. 51. 5. 1.) und. Eufitäniens (Kap. 35. $. 7.) kennen. 





\ 


2) Der Strich (—) vor einem Artitel zeigt an, daß von dem 
Sqriftſteller ſchon bei einem ber früheren Bücher bie Rebe war, 
Die Griechiſchen Autoren find mit einem Sternchen bezeichnet, 


/ 


580 C. Plinine Naturgeſchichte. 


— + Alexander von Kotyaum in Phrygien, ge⸗ 
wöhnlich Polyhiſtor genannt. Seine Geographie benützte 
Plinius in dieſem Buche wahrſcheinlich an vielen Stellen, 
die ſich aber, da eine nähere Bezeichnung fehlt, nicht nach⸗ 
weiſen laſſen. 

»Anaximander von Mile. Ihm entlehnt 
Plinins in dieſem Buche (Kap. 20. $. 1.) eine Bemerkung 
über den Namen der‘ Infel Ereta. Anarimander entwarf 
nad) Strabo dl, 17.) die erfte Erdkarte; ; vielleicht benügte 

Plinius dieſelbe. 

Anticlides, ein Griechiſcher Schriftſteller, über 
deſſen Lebenszeit uns Nichts bekaunt iſt. Auch von ſeinen 
Werken: Ueber die Heimkehr der Griechen (Fipi voorur. 
Athen. XL p. 465) ; Über die Delifche Geſchichte (Andaxa. 
“ Schol. Apoll. Rhod, I, 1207), wiffen wir kaum die Titet. 
Aus feiner Delifchen Gefchichte nahm Plinius vielleicht die 
Bemerkung (Kap. 22. $. a4.) über bie Inſel Rhene, eine 
der Cyeladen. 

Apollodorus von Artemita, ein Hiſtoriker und 
Geograph, welcher kurz vor Strabo, der ihn häufig benützt, 
lebte, von dem uns nichts weiter bekannt iſt, "ale daß 
er eine Parthifche Geſchichte, ein Werk über die Infeln und 
Städte und ein Verzeickuiß der Inſeln (v7auv xaraloyos), 
welches’ vielleicht mit dem zweiten Werbe eines und baffelbe 
if, und aus dem wahrſcheinlich Plinius bei der Beſchrei⸗ 
bung der Infeln Manches nahm, fchrieb. Keines derfelben 
bat ſich erhalten, 

* Ariftides von Milet, ein Griechiſcher Shhriftfteller, 
befien Lebengzeit unbekannt if: Er ſchrieb eine Gizilifhe 


\ 


> 


Biertes Bud. | 581 
und eine Perſiſche Geſchichte und noch andere Werke, unter 
Denen die fihlüpfrigen Milefifchen Mährchen befonderd bes 
rühmt waren, Keines derfelben ift auf unſere Zeit gekom⸗ 
men. Plinius entnimmet einem berfelben die Bemerkungen 
über die früheren Namen der Infeln Eubda (Kap. 21. $. 5.) 
aud Melos (Kap. 23. 6. 3.) 

— + Ariftoteles. Minius entnimmt deſſen Schriften 
in diefem Buche (Kap. 2. $. 1. 3. Kap. 23. 8. 5.) eis 
nige unbedeutende Notizen über die Inſeln Tenus (vergl. 


Siteph. Byz, de urb, s. v. Tnvos), Delos und Melos, die 


aber in:den jebt unter dem Namen des Ariſtoteles vorhans 
denen Werken nicht zu finden find. . 
— *» Artemidborus von Epheſus. Aus feiner Geo: 


graphie theilt Plinius in Diefem Buche die Beſtimmung des 


Umfangs des ſchwarzen Meeres (Kap. 24. $. a.) unb der 
Länge Europa's (Kap. 37. $. 1.) mit. 

Aſtynomus, ein und nur durch Plinius, der ihn 
in dieſem und in dem folgenden Buche benützte, und durch 
Stephanus von Byzanz (s. v.. Kizgos) dem Namen nady 
beBannter Schriftfteller. Wahrſcheinlich waren feine Werke 


geographiſchen Inhalte. 


— Atteins Eapito. Da Plinins dieſen berühmten 
Rechtsgelehrten nur im Allgemeitien als eine feiner Quellen 
nennt, fo läßt ſich nicht nachweiſen, bei welchen Gelegenheiten, 
er ihn benügte. 

Atteius Philologus, ein gelehrter Grammatiker, 
welcher in: freundſchaftlichen Umgange mit C. Salluſtius 
und Aſinius Pollio lebte, und mehrere grammatiſche Werke 


ſchrieb, die nicht mehr vorhanden ſind. Die Bemerkungen, 


J yo 


3322 €. Plinius Naturgeſchichte. 


welche ihm Plinins verdankt, Taffen ſich nicht näher bezeich⸗ 
nen, da er nur im Allgemeinen. ald Quelle angegeben iſt. 

— Auguſtus. Bon ihm gilt bei.diefem Buche Daffelbe, 
was fchon bei dem vorhergehenden bemerkt wurde. 

* Saltidemns, ein uns mbekannter Griechiſcher 
Schriftſteller, von weldyem Plinius die Bemerkung, (K. 21. 
$. 3.) nahm, daß die Infel Eupda feäger Chafcis geheißen 
babe. - . 
— * Callimachu⸗ aus Eyrene. Aus feinen hiſtoriſch⸗ 
geographiſchen Schriften nimmt Plinius die Bemerkungen 
über die verfchiedenen Namen der Inſeln Coreyra (RK. 19. 
$ 4.), Andros (Kap. 22. 9. 1.), Telos, Melos (Kap. 23. 
$. 5.) und Samothrace (Kap. 23. $. 9.) 

— Eato (Marcus Porcius), der Eenſor. Er wurbe 
‚in diefem Buche wahrſcheinlich häufig dendgf. Die einzelnen. 
‚Stellen laſſen ſich jedoch, da Plinius ihn nie neunt, nicht 
nachweiſen. 

Cleobulus, ein unbekannter Sqriftſteller, ben 
Plinius nur bei dem Verzeichniſſe der in dieſem Buche be⸗ 
nutzten Quellen anfünrt, Vielleicht waren feine Werke 
geographiſchen Inhalts. 

— Cornelius Nepos. In dem noch vorhandenen 
Auszuge feines Werkes: De viris illustribus, findet ſich die 
von ihm genommene Maßbeſtimmung des ſchwarzen Veeres 
(Rap. 24. |. 4.) nicht. 

Crates von Mallus in Eiieien, aewöhmuich der 
Grammatiker genannt, ſtifſtete eine Schule in Perga⸗ 
mus, und erwarb ſich ein fo bedeutendes Anſehen, daß er 
vom König Attalus als Geſandter nach Rom geſchickt wurde 


* 


Viertes Buch. 3883 


(167 vor Eh), wo er zuerſt dem Studium der Griechiſchen 
Literatur Eingang verſchaffte (Sueton. de illusir. grammät, 2}. 
Keines feiner Werke ift auf unfere Zeit gefommen, oder nä⸗ 
her befannt; es "läßt ſich aiſo auch ‚nicht nadweifen, aub 
weichem vderfelben Plinius die Bemerkung (Kap. 2o. $. 4.) 
über Die verfchiedenen Benennungen der Inſel Ereta nahm. 

° Damaftes von Gigeum, Schüler des Hellanicus und 
Zeitgenoffe Herodots, fhrieb zwei Werke: ein Verzeichniß 
der, Völker und Städte (dHyvar saraloyas xui nolewy), Und 
eine Befchichte Griechenlands (zeoi rür iv "Ellads yerondsay), 
deren Glaubwürdigkeit von dem fpäteren Beographen Gtrabo 
nicht fehr gerühmt wird. Plinius benüste ihn in dieſem 
Buche; es läßt fih aber nicht nachweiſen, an welchen 
Stellen. 

— * Dikäarchus von Meſſana. Plinius benüste 
wohl die an Materialien reichen Werke dieſes Schriftſtellers 
am meiſten in feiner Beſchreibung Griechenlands. Da er 
ihn bei den ihm entlehnten Bemerkungen nirgends name 
haft macht, fo ift eine nähere Nachweifung unmöglich. 

° Dionpfius Da Plinius diefen Schriftfieller,, dem 
es eine Bemerkung über den früheren Namen der Zufel 
Eubda verdankt (Kap: 21. $. 3.), nicht näher bezeichnet, - 
fo bleibt ungewiß, wen er meint, Vielleicht ift es Divny⸗ 
ſins von Byzanz (wenn man beffen nicht befannte Lebens⸗ 
zeit fo weit zurückſchieben darf), welcher eine nody-im ſechs⸗ 
zehnten Jahrhundert vorhandene Reife (dvamıovs) im Thra⸗ 
ziſchen Bosporus ſchrieb. Da in dem vorliegenden Bude 
Die Geographie dieſer Beaend behandelt wird, fo darf man 


‘ 
‘ 


sa ° €. Plinius Naturgeſchichte. 


eher diefen Dionyſtus vermuthen, ald einen andern, welcher 
Alexander den Großen auf feinen Feldzügen begleitete, und 
fpäter unter Ptolemäus Philadelphus die gefehenen Merk» 
würdigkeiten (Plin. VI, 42.) und vielleidht aud) die Aegyp⸗ 
tifchen Pyramiden (Bin. XXXVI 47.) beſchrieb. Bon dem 
Geographen Dionyſius, deffen Periegeſis wir noch befiten, 
Bann die Rede nicht feyn, da Diefer nach den neueften 
Forſchungen früheſtens am Ende des dritten Jahrhunderts 
lebte (Vgl. Geogr. gr. min. ed. Bernhardy. Lips. 1828. 
8. Vol. I.'p. 497 513).- 

° Dofiades, ein Griechiſcher Schriftſteller, deſſen Le⸗ 
benszeit und Vaterſtadt ſich nicht nachweiſen laſſen. Er 
ſchrieb eine Geſchichte von Kreta (Athen. IV, p. 143: VI. 
p. 264), aus welcher Plinins die Bemerkung (Kap. 20. 
$. 1.) über die Abſtammung des Namens dieſer Inſel nahm. 

* Ephorus aus Kumd, Schüler des Redners Iſo⸗ 
rated, war der erfte Griechiſche Hiſtoriker, welcher eine 
Univerfalgefchichte, die in dreißig Büchern den Zeitraum vom 
J. 14190 bis 340 vor Chr. umfaßte, und bei den Alten in 
großem Anfehen fand, ſchrieb. Pfinius entnahm ihr einige 
Bemerkungen über die Infeln Eubda (Kap. 21. $. 3.) 
und Erythia (Rap. 36. 6. 2.). Die nody vorhandenen 
Fragmente diefer Uniberfalgefchichte Hat Meier Marx (Karls⸗ 
ruhe 1815. 8.) gefammeelt. 

— * Eudorus and Knidus. Plinius benügte ihn in 
dieſem Buche, wie aus dem Verzeichniß der Quellen her⸗ 
vorgeht. Die einzelnen Stellen, an welchen Dieſes geſchah, 
laſſen ſich nicht nachweiſen. 





Biertes Bud. 885 

Eumachus, ein von Plinins ohne weitere Be 
merkung genannter Schriftfieller, über deſſen Lebenszeit wir 
Nichts wiſſen. Ob es Derfelbe fey, welchem Phlegon (rer, 
mirab, ce, 18,) eine Geographie .(megınynas) aufphreibt, oder 
ein anderer Eumachus von Neapel, welchen Athenaus (XIII. 
p. 577) als Berfafler einer Geſchichte Haunibals nennt, 
läßt ſich nicht beſtimmen. 

— Fabricius Tuscus. Auch in dieſem Buche läßt 
uns Plinius über die Lebensumſtände und die Werke dieſes 
undekannten Schriftſtellers im Ungewiſſen. 

Hecataäus aus Milet, ein Hiſtoriker und Geograph 
des ſechſsten Jahrhunderts vor Chr., legte die Reſultate 
feiner Reifen in einer alle damals befannten Länder ums 
faffenden Erdbefhhreibung (zegınynos y75) nieder, und wird 
von deu fpäteren Schriftftellern, die ihn häufig benützen, 
feiner einfachen und klaren Darftellnng wegen gerühmt. Die 
wenigen auf unfere Zeit gefommenen Bragmente hat Ereuzer 
Heidelb. 4806. 8.) und Klaufen (Berlin 4831) beransgeges 
ben. Daß diefe Erdbeſchreibung auch die Nordländer ums 
faßte,, beweist die von Plinius ihr entnommene Bemerkung 
(Rap. 27. $. 4.) Über den nördlichen Ozean. 

° Hellanicus and Mityiene, ein Briechifcher Hiſto⸗ 
rien, welcher 460 vor Ehr. blühte, fchrieb ein Wert über 
die Entflehung der Stämme und Gtädte (urlauss iövav zas 
sole), deſſen einzelne heile oft unter den Ramen der 
darin behandelten Länder von .den alten Autoren angeführt 
werden ; ferner ein Bud, Über die Benennungen der Völker 
drin ivouaciu), Aus welcher diefer beiden Schriften 

&, Yırniud Naturgeſch. 48. GBbchn. 2 


v' 


€ 


- 


3365 €. Plinius Naturgefehichte. 


Plinius die Bemerkung (Kap. 22. $. 4), daß die Sufl 
Rhene, eing der Eycladen, auch Artemis genannt worden 
fey, nahm,-läßt ſich nicht .beflimmen. Die auf ung gekom⸗ 
menen Fragmente des Hellanicus hat F. W. Sturz Leipz. 
1787. Neue Aufl. 1826. 8.) geſammelt. 

»Heraclides, ein Griechiſcher Schriftfteller, welchen 
Plinius nicht näher bezeichnet, und von dem er nur eine 
Bemerking (Kap. 23. $. 3.) Über Die Infel Melos nimmt. 
Elemend von Ulerandrien (Protrept. p. 25) nennt uns einen 
Heraklides ald Verfaffer einer Gefchichte von. Städtegrüns 
dungen (zriass). Ob Diefer der von Plinius angeführte, 
und ob er eine nud dieſelbe Perſon mit Heraklides von 
Odeſſus, einem Schüler bes Ariſtoteles it, läßt ſich nicht 
beſtimmen. 

— * Homer. Piinius tä6t nicht leicht eine Belegen: 
heit vorübergehen, ohne den Altvater der Dichter, deſſen 
Grab er auf die Inſel Jos ſetzt Kap. 23. 5. 2.), als 
Zeugen aufzurufen. In dieſem Buche nennt er ihn bei der 
Beſchreibung von Phlius (Rap. 6. $. 2. Vgl. Il. II, 78.); 
von Phthia und Hellas (Kap. 14. 5. 4. Vgl. II. II, 491.); 
des Fluſſes Orcus (Kap. 15. $. 3. Vgl. Zt. II, 262.) nnd 
der Infel Corfu (Kap. 19. 5 1. Vgl. Odyſſ. IV, 34. 55. 
XUI, 460.) ° 

— Hyainus (E. Julius), Plinius nennt dieſen 
Schriftftellee nur im Allgemeinen als eine feiner Quellen. 
Die einzelnen Stellen, weiche er ihm entiehnte, laſſen ſich 
nicht nachweiſen 

— * Iſidorus von Eharar. Plinius nennt ihn ges 
wöhnlich bei Maßbeſtimmumgen. In diefem Buche nahm 


‘ 





® 3 v 


Biertes Buch. Ä 387 


er von ihm Bemerkungen über den Umfang des Peloponnes 
(Kap. 5. 6.4.) und Britanniens (Kap. 50. 8. 1.), auch 
über die Länge Europa's (Kap. 57. $. 4.). 

— Licinius Mucianne Aus ihm hat Plinins die 
Bellimmung des Umfangs der Infel Syros (Kap. 22. $. 4.) 
und des ſchwarzen Meeres CKap. 24. $. 4.), fo wie bie 
Widerlegung der Sage, daß Delos nie durch ein Erdbeben 
gelitten babe (Kap. 22. $. 3.). 

— Mela Domponins) aus Spanien. Plinius benägt 
das noch vorhandene Werk dieſes vorzüglichiten der Römi⸗ 
ſchen Geographen faft in jedem Kapitel, hält es aber für 
überfläffig , ihn fortwährend als feine-Quelle zu nennen. 

Menaächmus ans Gicyon, ein Griechiſcher Bild⸗ 
hauer und Schriftſteller, deſſen Lebenszeit wir nicht kennen. 
Er ſchrieb ein Bud, über die Künſtler (nepi reyvrär. Bol. 
Athen. XIV. p. 655); über Zoreutit (Plin. XXXIV. 19); 
eine Gefhichte von Sicyon in ſechs Büchern (Athen. III. 
p. 274) und eine Geſchichte ber Thaten Alexanders (Suid, 
‘3. V. Misasynos),. Plinius nahm and‘ einem. feiner Werke 
die Bemerkung (Kap. 21. $. 3.), daß die Infel Eubda früs 
ber Ybantias gebeißen habe. 

— + Metrodorus Auch in diefem Buche benügte 
Plinius die Werke diefes Schriftftellers, über deren Inhalt 
wir im Dunkeln ſind. 

Muſcianus. ©, Licinius Mucianus. 

⸗Myrtil us oder Myrfilus von Lesbos. Plinius 
nahm ans einem feiner Werke die Nachricht (Kap. 22. 5. 4.) 
über die früheren Namen der Inſel Andros. 


- 


‘ - 


388 €. Plinius Naturgeſchichte. 

Nepos Cornelius. S. Cornelins Nepos. 

⸗Philemon. Man kennt zwei Griechiſche Luſtſpiel⸗ 
dichter dieſes Namens: den älteren Philemon, einen Beit- 
genoſſen und Nebenbuhler des Komikers Menander, und den 
Sohn deſſelben. Keines ihrer Stücke iſt in der Urſprache 
auf unſere Zeit gekommen. — Auch nennt die Literaturge⸗ 
ſchichte einen Grammatiker Philemon, deſſen Zeitalter ſich 
nicht beſtimmen läßt. Bon welchem Vhilemon Plinius bie 
Bemerkung (Kap. 27. $. a.) über das nördliche Meer hat, 
if. ungewiß. 

Philiſtides von Matlus | in Eilicien , von deſſen 
Lebenszeit und Schriften wir nichte Näheres willen. Vielleicht 
‚waren feine Werke geographifchen Jahalts. Denn Plinius, 
der allein diefen Schriftſteller anführt, hat and ihm einige 
Bemerkungen über die Infeln Creta (Kap. 20. S. 41.) und 
Bades (Kap. 36. $. 2.) genommen. 

ePhilonides. Es werden zwei medizinifche Schrift 
ſteller dieſes Namens genannt: der eine von Dyrrachium; 
der andere von Catina in Gizilien, über deren Lebensder⸗ 
hältniffe und Werte Nichts bekannt if. — Nah Harbonin 
foll Plinius in dem Verzeichniß der Quellen zu Neem 
Buche keinen dieſer Beiden, fondern den ebenfalls nicht 
näher bekannten Luſt ſpieldichter Philonides von Alpen 
meinen. 

——Polpb ius von Megalopolis. Ans den nicht mehr volls 
- Rändig vorhandenen Büchern feiner Befchichte find die Beſtim⸗ 
wungen der Entferrung des Thrazifchen Bosporus vom Gier 
merifchen (Kap. 24. 5. a.); der Eröße der Fufel Gadir (K. 36:) 
$. 4.) und der Länge Europa's (Kap. 57. 5. 1.) genommen. 








. Diertes Buch. 389. 


Pomponius Mela. 6. Mein 

— » Poſidonius von Apamea. Außer ſeinem aſtro⸗ 
nomiſchen Buche über den Abſtand der Planeten von ein⸗ 
ander ſchrieb er ein großes Wert über Geſchichte (ioropia 
zövy nera Iolον, „weiches wahrfheintih 52 Bücher ums 
faßte, und bis zum %. 65 vor Chr. reichte. Der Berluft 
deffeiben ift zu bedauern, da es ald zuverläßig angefehen 
wurde, und wir keinen andern Hiſtoriker aus diefer Epoche 
Baben. Plinius hätte fich Durch nähere Bezeichnung der 
‘Stellen, welche er ihm entlehnte, unfern Dank verdient 
Die nody vorhandenen Fragmente hat 3. Bake (Lugd, 
Batav. 1810. 8.) gefammelt. \ | 

— * Pytheas von Maſſtlia. Plinius betrachtet ihn 
als eine Hauptquelle bei der Beſchreibung des Nordens 
der Erde. So entnimmt er ihm in dieſem Buche einige 
Bemerkungen über die Inſel Baltia (Kap. 27. 8. 5.) und 
aber Britannien (Kap. 30. $. 7.). 

* Serapionvon Antiohis. Auch in diefem Buche 
benügte Plinius diefen und nicht näher bekannten Schrift⸗ 
fteller, ohne zu bemerken, was er von ihm nahm. 

*Gilenus, ein Griechiſcher Hiſtotiker, deffen Lebende 

- zeit unbekannt if. Er fchrieb eine ſehr genaue Geſchichte 
Hannibal's (Cic. de.divin. I, 24. gl. Corn. Nep. Hanoib, 
13. Livius 26, 49), aus weicher wahrscheinlich die Bemer⸗ 
tung über ‚die Inſel Erythia (Kap. 36. $. 2.) genommen iſt. 
Staphylus, ein GSriechiſcher Arzt von Naukratis, 
deſſen Zeitalter und Lebensverhältniſſe ung nicht näher ber 
kaunt find. Geine von Plinius bei der Beſchreibung von 
Griechenland. wohl leitie benuttan Werke über Arkadien 


® 


50 C. Plinius Naturgeſchichte. 


(Sext, Empir, adv. Maib. I, 12.), über Theſſalien (Harpo- 
‚cration s. v. Ilevdoras) und über die Pelasger (Schol. Apoll. 
Rh, J, 580.) find nicht mehr vorhanden, . 

— * Theopompus aus Chios. Plinius entnimmt ihm. 
in diefem Buche eine kurze Notiz über den Berg Tomarus 

Kap. % $. 2.), und führt ihn deßhalb in dem Quellenver⸗ 

zeichniffe nicht an. 

*“ Thucybides. Er ift in dem Verzeihniß der Quellen 
zu diefem Buche” genaunt, ohne, daß fi) in feinem Werke 
eine Stelle findet, die ‚gerade ausfchließend ihm entlehnt 
feyn müßte. 

— * Timäus von Tauromenium in Sizilien. Aus 
‚ feinem nicht mehr vorhandenen geographifchen Werte über 
Griechenland und Ftalien nahm Plinius ‚die Bemerkungen 
über die Bernfleininfeln (Kay. 27. $. 3.), über die Sinn 
infel Mictid (Kap. 30. ©. 3.) und über die Inſeln Gades 
und Erythia (Kap. 36. $. 2.). 

*Timofthenes, Admiral der Flotte von Ptolemäus I. 
Dhiladeiphus, benüste feine Stellung zur Ermeiterung der 
Erdkunde, und foll zuerft die Windroſe in zwölf Winde 
eingetheilt haben. Er verfaßte auch mehrere Werke: bon 
der Ausmeffung der Erde (Zradıaonoi); über die Häfen 
"(agb Arnbvor, vermuthlich ein und daſſelde Bud, mit den 
von Agathemerus I, 2. angeführten ITepizio,)._ Keines der⸗ 
felben ift auf unfere Zeit gekommen. Plinius (höpfte wahr: 
ſcheinlich Vieles aus ihnen, bezeichnet aber das Entiehnte 
nicht genauer. 

— Barro (M. Zerentind). Die Sqhtiſten bieſes ge⸗ 

ihriee Römers find eine Hauptquelle des Plinius. Auch 








Viertes Buch. 391 


in dieſem Buche benützte er fie häufig. Go entnahm er aus 
ihnen die Beflimmungen der Größe des fchwarzen Meeres 
(Kap. 241. $. 3.5.), der Entfernung der -Flüffe Minius und 
Aeminius und des Promontorium faccum von den Pprenäen 
(Kap. 35. $. 3. 4.); fo wie eine Bemerkung Über die Eeis 
fen Prunfgewänter (Kap. 20.. 6. 6.). 

— Barro (9. Terentins) von Atace. Es Täßt fih 
nicht angeben, an weichen Stellen dieſes Buches er benützt 
wird. Da überdieß Plinius nicht immer fagt, welchen Varro 
er meint, fo kann Manches, was wir dem M. Barro zus 
ſchrieben, von ihm gerommen feyn. 

— Betus (Lucius), Wahrſcheinlich nahm von ihm 
Minius einige Bemerkungen über. Germanien, die er nicht 
näßer bezeichnet. 

" * Zenagoras, ein Briedifcher Hiftoriter und Geo⸗ 
graph, defien Baterlaud und Lebensverhättniffe unbekannt 
And. Er ſchrieb eine allgemeine Geſchichte (Chronik. Val. 
Schol. Apoll, Rb. IV, 262) und ein Bud, über die Juſeln 
(negi vjaws. Eiymol. magn., s. v. Zynsuu), Beide Werke 
find nicht mehr vorhanden. Das zweite benüste wahrfchein« 
lich Plinius. 

— + Xenophon ven amyſaens. Ans den geograpfi« 
fen Werten Diefes unr durch Plinius und Solinus (8. 19.) 
dem Namen nad) bekannten Schriftftellers ift in diefem Buche 
(Kap. 27. $. 5.) eine Bemerkung Über die Infel Baltia 
Echweden 9» genommen. 





Kap. I(ı) 4. Der, dritte Meerbufen Europa’s beginnt 
an den Ücroceraunifchen Bergen [Monti ‚della Chimera], 


No 


592 C. Plinius Raturgefchicte. 


endigt mit dem Hellespont [Meerenge der Dardauellen], 
und. hat, neunzehn Heinere Buchten nicht mitgeredwmet, eine 
Weite von 2.500,000 Schritten [500 M.]. An ihm liege: 
. Epirus, Xcarnanien, Yetolien, Phocis, Locris, Achaia, 
Meſſenien, Laconica, Argolis, Megaris, Attica, Böotien; 
und dann an dem anderen [Yegäifhen] Meere wiederum 
Phocis und Locris; dann Doris, Phthiotis, Xheffalien, 
Magueſia, Macedonien und Thracien.*) Die ganze Gries 
chiſche Fabelwelt, fo wie alle Herrlichkeit Der Wiſſenſchaft 
ſtrahlten zuerft von dieſem Bufen aus, und wir wollen deß⸗ 
halb ein wenig bei ihm verweilen, | 

2. Epirus, *%) im weiteflen Ginne des‘ Wortes, be 
ginnt an ben Ucroceraunifchen Bergen. In ihm finden wir 
zuerft die Chaoner, ***] von denen Ehaonia feinen Namen 
hat; dann die Thesproter; 7) die Antigonenfer; ++) den 
Platz Aornos [Aorna], mit feiner den Bögeln verberbene 
bringenden Ausdünſtung; die Geftriner; +7) die Perrhäder 


*), Die Enge und der Umfang biefer eander werden ſich unten 
bei ihrer näheren Beſchreibung ergeben. 

*s, Die Sandſchaks Janina und Delonia in ber Ausdehnung. 
wie fie im dem Handbuch, der neuften Erdbefhreikung von 
Gaſpari und Haſſel angegeben find. 

) Sie bewohnten den ſchmalen Küftenfirih vom Vorgebirg 
Chimera bis zur Meerenge, welche den nörblichen Theil der 
Inſel Eorfu vom Feſtland trennt. 

4),Gie reichten von ben Chaonern bis zum Meerbufen ven 


Arte, 

+D Im Sandſchar Avlona ſablich von Depedelen, der Geburts⸗ 
lade Ali Paſcha's. 

TID Im Innern des. Sanbes am uörhtidgen Ufer ded Kalamat. 


+ 
\ 








- Biertes Bud. 393 


fim Kauton Sagori], in deren Gebiet ſich der Pindus 
[Mezzovo] erhebt; die Gafflopäer Fam Agio Sarauta]; die 
Dryoper; *) die Geller [Sulioten]; die Helloper [im Kanton 
Saracovitzas]; die Moloſſer, **) in deren Lande der Tempel 
Des Dodonäifhen Jupiter ſteht, welcher durch fein Orakel 
berühmt if; * den Berg Zomarnd, wegen. der huudert 
Quellen an feinem Buße, von Theopompus gepriefen. 

3. Das. eigentliche Epirus, welches fih bie nach Mags 
nefta und Mackdonien +) erfiredt, hat in feinem Rücken bie 
oben ++) genannten Daffareter, ein freied Bolt; und dann . 
das wilde Volk ter Darbanır; an der linken Geite [im 
Dften] der Dardaner ziehen ſich die Triballer und die Mö« 
ſiſchen Stämme hin; vorn fchließen ſich die Meder und 
die Denfelater, +*) und an Diefe die Thracier, welche bis 
zum Pontus [fhwarzen Meere] reihen, an. Bon diefen 
Völkern find demnach die Höhen der Gebirge Rhodope 





©») Auf der Eorfu gegenüber Fiegenden Kuͤfle. 
er) Ihr Gebiet reichte vom nörblichen Ufer bed Sees von Ja⸗ 
nina bis vach Arte. 
“, al, Pouqueville «Voyage en Grece, Par. 1820. T. TI. 
p- 125) lag ber Tempel’ des Dobonätfcyen Jupiter bei Gar⸗ 
die am nördlichen Ende bed Gerd von Janina, und noch 
jetzt heißt die Stelle ProsPynifie (Anbetung). Da der Tempel 
am Fuße ded Berges Tomarus lag, fo Eönnte die jeut na⸗ 
menlofe Anhöhe bei Gardiki als biefer gelten. 
+) Bon Masnefia, Macebonien und hracien iſt unten (Kap. 
16 — 18) die Rebe.‘ 
B. UL Kay. 26. 5. 4. 
h) Ueber die Dardaner, Triballer und Möfer ſ. B. III. K. 20. 
19 Beide Volker wohnten weſtlich vom Bra Koran. - _ 


394 €, Plinius Naturgefchichte. 


[Despotol und Hamus [Balkan] wie mit einem Walle 
umgürtet. 

. 4. An der Küfte: von @pirus auf dem Xeroceraunifchen 
Gebirge liegt das“ Kaftell Ehimera [KRimara], und unter 
ihm die Duelle des Königsbades. ) Berner find zu bes 
merken: die Städte Mäandria und Ceſtria [Palaͤo⸗Kiſtes]; 


der Fluß Thyamis ſKalamas] in’ Thesprotia; die Colonie 


Buthrotum [Betrinto] und ter überaus berühmte Ambra⸗ 
eifihe Bufen (Golf von Arta], welcher durch eihe 500 Schritte 
[12 Minuten] breite Straße dad Meer aufnimmt, 39,000 
Schritte [7° M.] lang und 15,008 Schritte [3 M.] breit 
ift. **) Im ihn mündet der Acheron [Fanar], welder 
56,000 Schritte [7% M.].weit aus dem See Achernſia 
[Janina 7] Herfließe, *°% und durch eine 1000 Fuß [937'% rh. 
Zuß] lange Brüde den Leuten, +) die Allee, was in 
ihrem Bereiche it, bewundern, Gtoff zur Bewunderung 
bietet. In dem Bufen ſelbſt liegt die Stade Ambracia 
[Arta]._ Im Lande der Moloſſer findet man die Zlüffe 


Aphas feurkha] und Arachthus [Arta], die Stadt Anac⸗ 


toria TH und den Ort, wo Pandofla ſtand. 744) 





—* Dieſes noch im Mittelalter bekannte Bad iſt jetzt ver⸗ 
ſchwunden. 

ee) Nach genaueren Meffungen beträgt bie Länge 7a, bie 

- Breite 2a M. 

“.. Bor, Bolfiändiged Handbuch ber neuſten CErbbefchreibung 
von Basyari, Haffel u. ſ. w. Abthl. U. B. 4. (Weimar 
1820, 8). ©. 682. 

‚. D Plinius meint die Griechen, 

+4) us feinen Trümmern entfland das Heutige Bunibfche, 

+tr) Ruinen Hei Turko⸗Palaki. 


[4 


Biertes Buch. 395 


11. 1. Die Städte Acarnaniens, *) welches früher En- 
refis genannt wurde, find; Heraclia [Eutratil; Echinus 
[Kotino Buni] und an der Mündung des Meerbuſens felbft 
Auguſti's Colonie Actium, mit einem herrlichen Tempel. 
Apollo's und der freien Stadt Nicopolid. **) Kommt man 
aus dem Ambracifchen Bufen heraus in das Joniſche Meer, 
fo befindet man ſich an der Zeucadifhen Küfte unb an dem 
Borgebirge. Lentates [Cap Ducato). Dann folgen: der - 


Leucadifhe Meerbüfen und bie SHalbinfel ***) Leucadia 


[Sauta Maura] ſelbſt, welche früher Neritis hieß, und die 
durch die Anftrengung der Bewohner vom feſten Lande los⸗ 
gelöst, durch die Windſtriche aber, weldhe eine Menge Sand 
anhänfen, wieder damit verbunden wurde. Diefe Stelle 
wird Dioryctos [Durchſtich] genannt, und ift drei Gtadien- 
[1,758 Fuß] lang. 2. Auf der Hatbinfel liegt. die Stade 
Lencas, +) font Neritum genannt. Die übrigen Gtädte 
Acarnaniens find: Alyzea [Candili]; Gtratos ++) und Ars 
906 [Bliha]; das Amphilochiſche zubenannt, Ferner ift 
‚anzufüpren: der Fluß Achelous [Aspropotamo], welcher 


2) Fruͤher Sandſchak Karli Ili, auch Woimobfchaft Zeros 
meros genannt. Man hat jetzt den alten Namen Acarna⸗ 
nia wieder angenommen, 

*) Die Ruinen von Nicopolid findet man bei Prevefa, die von 
Actium auf dem Worgebirge Punta, Prevefa gegenÄber. 
©“. Iſt jegt zur Inſel geworben. 

DM nicht, wie gewöhnlid, angenommen wird, bad jetzige 
Santa Maura, ſondern lag am Durchſtiche, wo man noch 
zahlreiche Ruinen findet. 

TH Schöne Ruinen bei dem Dorſe Lepenon. 


— 
* 


306 C. Plinius Naturgeſchichte. 


vom Pindus herſtrömt, Acarnanien von‘ Aetolien £vennt, 
und durdy fortwährende Herbeiführung von Erde die. Infel 
Artemita *) allmälig mit dem Feſtlande verbindet. | 

II (a), 4. Aetoliſche Stämme ſind: die Athamaner ; 
Zymphäer; Ephyrer ; Aenienſer; Perrhäber; Doloper ; Mas 
racer und Atracer, **) aus deren Gebiet der in das Joni⸗ 
fhe Meer mündende Fluß Atrax herſtrömt. Aetoliens 
Städte ſind: Ealpdon,.***) 7,500 Schritte [12 M.] vom 
Meere, am Fluß Evenus [Bidaris]. Ferner Macynia +) 
und Molycria, +7) in deſſen Rüden fid die Berge Chal⸗ 
eis [Efocovo] und Taphiaffus [Varaſova] erheben. 2. An 
der Küfte, gerade am Eingang des Corinthiſchen Meerbufeng 
[Solf von Lepanto), wo. diefer in einer Breite von etwas 
weniger als 1000 Gchritten [4,688 F.] minbet, und die 
Aetoler von dem Pelopornes trennt, ift das Vorgebirg Aus 
tirrhium [Romeli Kavak]: das Borgebirg, welches ihm 
gegenüber in das Meer heraustritt, heißt Rhion [Morab 
Kavak]. Ig dem Eorinthiichen Meerbufen liegen die Yes 
tolifhen „Städte: Naupactum [Ainabachti] und Pylene 


*) Iſt jetzt mit bem feften Lande verbunden, . 
*, Die Wohnfige dieſer Aetolifhen Stämme genau su bes 
flimmen iſt jegt unmöglih, Auch ber Fluß. Atrar läßt 
ſich nicht ermitteln. Denn ber Micro Tzygoto, den man 
gewöhnlich dafür Hält, mündet nicht in das Joniſche Meer, 
fondern in den Peneus (Salambria). Man Hat jeut ben 
alten Namen Aetolia wieber hergefiellt. 
*) Ruinen beim Dorfe Mauromati, nicht meit von Cortaga. 
T) Am Abhange des Berges Varaſova. 
IP) Lag wahrſcheinlich nahe weſtlich vom Schloffe von Lepanto. 


Biertes Buch. 897 


[Rufio Kaftro]; im Inneren des Landes Pleuron ) und 
Halicyrna [Kavuro Limni]. Berühmte Berge find: der 
Zomarus in Dobdone; **) der Erania [Gribovo] in Am: 
bracia ; der Aracynthus [39908] in Acarnanien; der Acau⸗ 
thon [Dfiumarka]; Panätotinm [Kuduni] und Macyninum 
[Rhigani] in Aetolien. 

IV cm). 4. An die Aetoler grenzen bie eocrer, — 
welche die Qzoliſchen ) zubeyaunt werden. Bu bemerken 
find: die Stadt Oeanthe ſGalaxidi]; der Hafen des Phä⸗ 
ſtiſchen Apollo [Bai von Janaki]; der ECriffäifhe Meer: 
bufen [Bai von Galona]; im Inneren des Landes die 
Städte: Arayna, Eupalia, tr) Phäſtum 7174) nnd Calas 
miſſus. Weiterhin in Phocis 1*) folgen: Die Girrhäifchen 





* N 
©) Die Ruinen zwifhen Miffolunghi und Anatolico, welche 
jest ben Namen Ks tis Irinis (Schtoß ber Irene) führen. 

., ©, oben Kay. I. %. 

”°. Sie bewohnten ben Inte, Theil des Hmaligen Sand: 
[hats Ainabachti und den weitlihen Strich bed ehmaligen 
Sandſchaks Egribod. Das Land heißt jegt wieder Lokris. 

4) Die ſtinkenden. Der Beiname wird ‘auf verfchledene Weiſe 
erklärt. "©. Kruſe's Hellas B. II. Asthl. 2. ©. 155— 168. 

++) Argyna, unbefannt. Ruinen von Eupalia beiim Kiofter 
St. Jean am Fluffe Morno. 

+rt) Lag etwas Ianbeinwärts von ber Bai Janaki. Ealamiſſus, 
unbefannt, 

Fey :Phochö-bildete ein Meines StüE des weſtlichen Theiles "des. 
ehmatigen Sanbſchaks Egribos. Man Hat jagt für biefe 
Briechiſche Provinz den alten Namen Phoeis wieder ange⸗ 
nommen. Die Eirrhäifhen Gefilde liegen unterhalb des 
MParubeß ( khacura) uund des Eivphis (Bimeno). 


598 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Gefilde; die Stadt Cirrha; *) der Hafen Chaläon ſAne⸗ 


mokampi]; 7000 Schritte [12. M.] weiter Iandeinwärts, am 


Fuße des Berges Parnaffus [Liacura], die freie Stadt 


-Delphi [Kaftri] „ durch das Orakel des Apollo in aller Welt 
hochberühmt; die Kaftalifche Quelle; **) der Fluß Cephiſſus 
[Mauropotamo], welcher an ber Stelle, wo ehmals die 


Stadt Lilaͤa ***) ſtand, entſpringt und an Delphi vorüber⸗ 


fließt. 2. Außerdem find anzuführen: die Stadt Criſſa 
[Kriſſo] und nebft den Bulenfern [beim Kiofter Dobo] Une 
tichra [Aspro⸗Spiti]; Nautohum [Mgio Sideril; Phrrha; 
das ſteuerfreie Amphiſſa— [Salona]; Tithrone [Mulchi]; 
Zeiten [Iurcohori]; Ambryſus [Diftomo].und das Drye 


maäiſche Gebiet, Daulis [Daulia] genannt. Die Küfte gang - 


am Ende des Meerbufens bildet ein Winter Böotiens +) 
mit den Städten Siphä [Hafen Bathy] und Thebä [Hafen 
Agiani], welches das Corſiſche zubenannt wird, nahe an 
dem Helicon [Paläovuni]. Die dritte Stadt Böotiens von 
dieſem Meere an ift Pagä [Dfato], vou wo aus der Nas 
den des Peloponnes hervorfpringt. 


V (m). 4. Der Peloponnes [Morea], früber Apia und 


Pelasgia genannt, eine zwifchen zwei Meeren, dem Ae⸗ 
gäifchen und Joniſchen, liegende Halbinſel, welche keinem 





*, Ruinen beim Dorfe Zero Pegadia. 
**, Die nod) vorhandene Gaftalifhe Duelle bei dem Dorfe Ca⸗ 
firi dient jegt zum Reinigen ber Wäfche. 
6%), Ruinen am nörblihen Fuß bed Parnaß zwifchen Sravie 
und Dabi. - 
7) Ungefähr die Mitte bes ehmaligen Sandſchars Egribos. 
Heißt jetzt wieder Bbotia. 


x 





Viertes Buch.39 


anderem Lande au Berühmtheit nachſteht, gleicht durch 
ſeine winkeligen Einbiegungen einem Platanusblatte, und 
bat nach der Angabe des Iſidorus einen Umfang von 
563,000 Schritten [112% W.]. Mißt man aber das Innere 
der Bufen, fo beträgt Diefer wohl beinahs Das Doppelte. 
Die Landenge, womit er beginnt, beißt Iſthmos [dandenge 
von Kordos]. Hier zernagen die von verſchiedenen Rich⸗ 
tungen her anftürmenden ſchon genannten Meere von Norden 
and Often her feine ganze Breite, und durch ven gegenfeitigen 
Andrang fo gewaltiger Gewäfler find feine beiden Geſtade 
bis auf einen Smwifhenraum von 5000 Schritten [1 M.] 


ausgefreſſen; fo daß Hellas [das eigentliche. Griechenland] - 


den Peloponnes nur noch an einem fchmalen Halfe feithält. 


‘ 


3. Der bieffeitige Meerbufen heißt der Gorinthifche; .der . 


jenfeitige der Saroniſche [Soli von Engia]; dieſſeits iſt 
Lecheã [Lecheo]; jenſeits Seüchreä ſKeukri], der Grenzpunkt 
der Landenge. Schiffe, welche ihrer Größe wegen von 
einem dieſer Orte zug andern nicht auf der Are gebracht 
werden koͤnnen, müſſen einen weiten und unſicheren Umweg 
nehmen; weßhalb auch der König Demetrius, der Dictator 
Caſar, der Kaiſer Caius [Ealigula] und Domitius Nero 
die Landenge mit einem ſchiffbaren Kanal zu vurchſtechen vers 
fudyt haben : das Unternehmen brachte aber (wie das Ende 
Aller bewies) *) nie Glück. 3. Mitten auf diefem Zwiſchen⸗ 
raum, welchen wir Iſthmos genannt haben, liegt, an einen 
Hügel gelehnt, die Colonie Corinthus [Rordos], früher 
Ephyra genannt, 60 Stadien [1 M.] von beiden Ufern 


4 





*) Gie fiarben naͤmlich Feines guten Todes. 


30° + €. Plinius Naturgeſchichte. 


entfernt, ) und gewährt von dem höcften Punkte feiner 
Burg, welche Ucrocorinthus heißt, und auf der ‚die Auelle 
Pirene entfpringt ,. die Ausſicht anf zwei verfchiedene Meere. 
Die Ueberfahrt von Zeucas [auf der Inſel Santa Maura] - 
bis zum Corinthiſchen Buſen nad) Paträ [Patras] beträgt 
87,000 Schritte [172 M.]. Die Colonie Paträ ift auf dem 
äußerften Vorgebirge des Peloponnes, Aetolien und dem 
Fluſſe Evenus [Fidaris] gegenüber, erbaut, und liegt ges 
rade am Eingange der Meerenge, die bier (wie ſchon gefagt 
wurde) nicht ganz 1000 Schritte [Ys M.],-breit ift; Die 
Länge des Corinthiſchen Meerbufens aber von bier bis zum 
Iſthmos beträgt 85,000 Schritte [17 M.]. 

Nm. 4. Die erſte Provinz vom Iſthmos an führt 
den Namen Achaia; *”) früher bieß fie Aegialos [Küftens 
Sand], ‚weil ihre Städte in der Reihe an der Küfte hin 
lagen. Anzuführen find: das ſchon erwähnte Ledheä; ‚ber 
Hafen der Eorinther; dann Oluros [Ulogoca]; das Caſtell 
der Pellenäer; die Städte Helice, Bura und bie Übrigen, 
in welche ſich die Einwohner ber ebengenannten, nachdem 
fle vom Meere verfchlungen waren, ***) Rüchteten, naͤmlich 
Sicyon [Bafllico], Aegira [Paläo-Eaftrön], Aegion [Bor 
-figa] und Erineos [Artotina]: im Inneren des Landes 
Gheonä [Klenje) und Hyſiäã IBromo⸗Limni]; dann der Hafen 


R 





‚'®) Korinth iſt allerdings vom Solf von Lepanto 11 M. enut⸗ 
ſernt, vom "Golf von Engia aber 3 M. 
.©9%, Der ‚nörblihe ‚Küftenfirih bed Sandſchaks Moͤrea. Des 
. alte Name Achaia iſt jeut wieder hergeſtellt. 
%, Durch ein fürdhterliches Erbbeben, 373 vor Ehe. 


Viertes Bud. AOk 


Panhormus [Teket]; das ſchon erwähnte Rhium, von weils - 
chem Borgebirge das.oben angeführte Paträ 5000 Schritte 
[1 M.] entfernt iſt ‚and die Stelle, wo Pherä *) fand; 
der Gciveffk, der befanntefte unter ben neun Bergen 
Achaia's; die Quelle Eymothek. 2. Jenſeits Paträ liegen 
die Stadt Olenum; *") die Eolomie Dyme [Daldo-Eaftron]; 
die Stellen, wo Buprafium und Hyrmine ***) ſtanden; 
das Borgebirg Araxum [Papas]; der Eyllenifche Meerbufen 
[Golf von Clarenza]; das Vorgebirg Ehelonates [Eap Tors 
nefe], von wo aus man nach CEhllene [Elarenza] 5000 Schritte 
fi M.J bat; das Caſtell Phlins, +) deſſen Bezirk von Ho⸗ 
mer tr) Aräthyrea, fpäter Afopis genannt worde.: - 
| 3. Weiterhin kommt das Gebiet dere Elier, HH welche 
früher Epeer hießen. Elis [Lala} ſelbſt liegt im Inneren 
des Landes, und 123,000 Schritte [2% Mi] von Pylos, 79 
ebenfalts nach dem Inneren zu, der Tempel bes Olympiſchen 
Jupiter, an weldien fi durd die Berühmtheit der bei ihm- 
*) Ruinen · bei: den Dorſe Kato⸗Achaja. 
“) £ag wahrſcheinlich nicht weit: von ber Mündung bes Ras 
menttza. 
se) —— — lag am Fluſſe Verga, Hormine nicht weit vom 
Cap Clarentza. 
+) Die Ruinen diefer Stabi will‘ Ponauedili⸗e fuͤnf Meiten 
note von Korinth gefunden haben: 
++) Sr. UI, 78, - £ 
+41 Die weſtuche Kaſte des Sanbfchate, Moren, jest wieder 
Elis genannt. 
79 Einige Ruinen nicht" weit von dem ;&ioen Tſchelebi; nach 
Aundern heißt ber Ort jetzt noch Pilos. 


: €, Plinius Naturgefch, 48 Wochn. 35° 





102° C. Plinius Naturgefhichte. 


ſtattſindenden Spiele die Griechiſche Zeitrechnung *) atı- 
knüpft. Un dem dicht vorbeiſtrömenden Alpheus [Ryfo] 
lag ſonſt die Stadt ber, Piſaer; **) an der Küſte aber iſt 
das Vorgebirg Ichthys [Catacolo]. Der Fluß Alpheus 
wird 6000 Schritte [1 M.] aufwärts bei den Staädten 
Aulon [Avlon] und Leprion ***) ſchiffbar; weiterhin kommt 
das Borgebirg Platanodes [Konello]. Alle diefe Orte lies 
gen gegen Weiten hin. 

VI. Nach Süden bin aber liegt der Eyypariſſiſche 
Meerbuſen [Golfo d’Arcadia], mit der Stadt Eypariffe- 
[Arcadia] und von einem Umfange von 72,000 Schritten 
[142% M.]. Dann folgen die Städte: Pylos [AL:Navas 
rino] nnd Methon® JModon]; der Ort Helos; das Wor⸗ 
gebirg Acritas [Cap Galld); der Aſlnäiſche Meerbufen 
[Sof von Modon], welcher von der Stadt Aſine [Faratha] 
und der Koronälfche IGolf von Koron], weicher von Eorone 
[Koron] feinen Namen bat. Ihr Endpunkt ift das Borges. 
birg Tänarum [Gap Gros). Alles Das gehört zu dem 
Meſſeniſchen Gebiet, T) in dem man achtzehn Berge zählt. 
Ferner find zu bemerken: der Fluß Pamifus [Pirnaßa]; 
im Inneren des Landes Meſſene TMauromathil felbft;- 





e) ‚Die Rechnung nad Olympiaden nämlich, 

7 Es iſt ſehr problematiſch, ob es je eine Stadt Pifa "gab. 
Bol. Mannert Geogr. d. Gr. u. R. B. VIII. ©, 613. — 
Ruinen von Ofympia finden ſich bei bem Dorfe Miraka. 

”, Ruinen ſudlich vom Stabtchen Strobitza. 
7) Meſſenia begriff. die Türkiſchen Diſtrikte Koron, Motun, 
Avarin, Andoroſſa und Arkabia; jetzt iſt der alte Name 
wieder hergeſtellt. 


Biertes Buch. 508° 


Ithome [Burkano]; Oechalia; Arene [Gareni]; "Yeleon; 
Thryon ; Dorion; Bancle, alte zu verfchiedenen Seiten be⸗ 
rühmt. "Der Umfang dieſes Meerbuſens [von Koron] bes 
trägt 80,000 Schritte [16 M.]; die Heberfahrt aber 50,000 
Schritte [6 M.]. - 
VIE Bon dem Vorgebirge Tänarnm an beginnt das 
Gebiet der. Laconier, *) eines freien Bolkes und der Lacoı 
niſche Meerbufen [Golfo di Kolokythia}, der einen Umfang 
von 106,000. Schritten [21% M.] nnd eine Breite von 
39,000 Schritten [7% M.] hat. Zu bemerken find:. die 
Städte Tänarum [Kaino]; Amyclä [Selavochorion]; Pheraͤ 
[Chidri]; Leuctra [Iſtechia]; und im gInneren Sparta [Pa⸗ 
leochori bei Milva]; Theramne, fo wie die Stellen, wo 
Eardamyle, Pithane und Anthane flandenz der Ort Thy⸗ 
rea, Gerania; **) der Berg Tangetus [Pentebaktilil; ‚der 
Fluß Eurotas [Bafllipotamo]; der Seoimpifte Meerbufen 
[Porto Pulithra]; die Stadt Pſammathus [Porto delle. 
Quaglie]; der Gytheiſche Bufen, von der Stadt Gytheum 
[Kolochina] fo genannt, von mo- aus die ficherfte Ueberfahrt 
nad) der Infel. Ereta ſCandia] if. Alle diefe Bufen liegen 
hinter de Borgebirge Malea [Spathil. 
IX. 4. Der nun folgende, bis zum Vorgebirge Scyl⸗ 
laum [Cap Skillo] reichende Meerbuſen beißt der Argoliſche 





*, Der ehmalige € Santfar Minen ‚ jet wiehe Baconia ges 
mnanut. 

"#9, Therame, pithane, Anthane, Rhyren ‚und Gerania find 
verſchwunden; Cardamyle wurde Tpäter wieber aufgebaut, 
amd iſt rat noch ein berractuger Feaen. J 
8 " 


‘ 
. 


x 
4 


494. C. Plinius Naturgeſchichte. 

[GSoif von Nauplia]; feine Breite beträgt 50,000 Schritte 
[10 M.], fein Umfang 162,000 Schritte [32% MI. Sm 
bemerken find: die Stäͤdte Ba [Paleo Caſtron], Epidau⸗ 
rus, mit dem Beinamen: Limera [Paleo Malvafla], Zarax 
[Porto⸗Kari] und der Hafen Enphanta [Stilo]; die Fluͤſſe 
Inachus [Planißa], Eraſinus :[Kephalari] , zwifchen wel⸗ 
den, 2000 Schritte [!/; M.] oberhalb bes. Ortes Lerne 
[Milos], Argos, mit. dem Beinamen Hippium [Argos], 


“ Tiegt; 9000. Schritte [1% M.] weiter Mycenä- [Raria], die 


Stelle, wo Tiryntha geftanden haben foll; *) der Ort Man« 
tinea [Geribsja]; die Berge Artemins [Meganuni], Ape⸗ 
ſantus, Afterion, Parparus und moch eilf-andere 5 die 
Duellen Niobe, Amymone und Pfamathe. 2. Vom Bor 
gebirge Scylläum bis zum Iſthmus find 477,000 Schritte‘ 
[35% M.]. Hier find anzuführen: die Städte Hermione 
[Kaftri], Trõzen [Terfibsje], Eorppbafium [Karvathi}, das 
ſ[ſchon genannte] Argos, weldyes andy, bald das Inachiſche 
und balb das Dipfiiche heißt; ) ber Hafen Gıhönitag 
[Porto Eftremo}; der Saroniſche Meerbuſen [Golf von: 
Egina], weicher -einft mit einem Sichenwalde umgeben war, 
woher er aud) feinen Namen hat; denn fü Loapuris] nannte 


das alte Griechenlaud die Eiche. In ihm liegen bie. GStadt 


— 
*) Trũmmer finden ſich bei dem Klofier Gt. Dimitri, nicht 

weit von Nauplia. 

**, Argos hieß das Inachiſche, von dem an ihm vor@benftießens 
ben Inochus, der aber im Sommer. vertrocknet; da nun 
die Stadt, ehe ihre vielen: Brunnen gegraben waren, im 
der heißen Jabreſszeit an Waſſer Mangel litt, fo nannte 
man fie die Dipfifche (duͤrſtende). | 


n Biertes Buch. 405 


Evpidaurus TPidavei] , berühmt dur) einen Tempel. bes 
Mesculap;. dad Worgebivg Spiräum [&apo Brauco]; bie 
Däfen. Anthedon und Bucephalus ; ) das oben **) bereits 
erwähnte Gendyreä; die andere Seite des Iſthmus, mit 
"einem Tempel Neptuns, der durdy alle fünf Fahre wieder: 
Pehrende Spiele berühmt ift. 3. So viele Bufen zerreiffen 
"Die Küfte des Peloponnes, fo viele Meere heulen fie an: 
Denn son. Norden bricht das Joniſche herein, von Welten 
"wird fle durch das Giciliſche gepeitfcht, von Efden wird fie 
von dem Gretifchen bedrängt, fo wie von Nordoſten her von 
Dem Wegkifhyen und von Güdoften her von dem Myrtoifchen, 
welches an dem Megariſchen Buſen beginnt und ganz Attica 
beſpuͤlt. **9) 

X (m) 4. Das Binnenland des Peloponnes arhört 
größtentheild zu dem affenthalben vom Meere entfernten. 
Arcadia, +) welches. anfangs Drymodes [Waildiand], fpäter 
aber Pelasgis hieß. Die Städte biefed Landes Ind: Pfophis 
[Fakovo] , Mantinea [Goritsja], Stymphalum [Sarke], 





9) Zwei Häfen der -Korinther: Anthedon (vieleiht Schreib: 
fehler ftatt Athendon, wie ber Hafen bei Ptolemaͤus heißt) 
nahe am Campo Franco, Bucephalus in ver Bai von 

Kenkri. 
”*) Ray. 5. $. 2. 

“, Argolis, welches Piinins in dieſem Kapitel weſchreibt, be⸗ 
griff die Turkiſchen Kantone Archos und Anaboli, bat aber 
jet feinen alten Namen wieber erhalten, 

3) Asch dieſe Provinz, weiche die Türkiſchen Kantone Tripo⸗ 
Liga, Londar, Kartina und Firina uunfeßte, hat ‚seen alten 
Namen wieder. 


406 j €. Plinius Naturgeſchichte. 


Tegea, Antigonea, *) Orchomenum [Katpati], Phenen m̃ 
IFonje], Palantium [Thana] ; von welcher [der Staditheil] 
Palatium zu Rom feinen Namen bat; *) Megalopolis 
[Sinano], Gortyna [Kartine], Bucolium [Trupiais], Ear: 
nion, Parrhaſie [Birina], Thelpuſa [Telfuſa], Melänä 
[Rhabli], Herda [Fri], Polä, Pallene, Agrä, Epium, 
Cynatha [Kerpeni] , das ‚Arcadifche Lepreon, Parthenium, 
Alea [Lavea] , Methydrium [Methaga], Enispe, Maciſtum, 
: Rampe, Elitorium [Gardiki], Eleonä [Kienje]. Swifchen den 
beiden legten Städten Liegt das Nemeifche Gebiet [Ehene um 
Zriftena] , and) [von dem darin liegenden Flecken Bembina] 
Bembinadia genannt. . Die Berge in Arcadien ind: ber 
Pholos [Vodi] mit der gleihnamigen Stadt, der Epllene 
[Chelmos], der Lncäus [Tetragi], auf welchem ber Tempel 
des Lpeäifhen Jupiter, der Mänalus, der Artemiflus [Sym⸗ 
novuni], der Parthenius [Megavuni], der Lampens [Bembi], 
der Nonacris [bei Naukria] uud außerdem noch acht andere 
unbedeutende. Die Flüſſe find: der Ladon [Landona],, wels 
cher aus den Sümpfen um Pheneus [Fonje], und der Exp 
manthus [Azikol], weicher von dem gleichnamigen Berge 
[Xiria] in den Alpheus ftrömt. 
2. Die Übrigen noch anzuführenden Bemeinden in 
Achaia find: Die Aliphiräer [Patlatia], die Abeater [3ar⸗ 
nata], die Pprgenfer [bei Dervifh Aga], bie Paroreater 
*), Ruinen biefer beiden Städte bei Tripolitza. 
**, Goanber fol nämlid von Palantium eine Arkabifche Kolonie 


nad) Rom geführt, und den ermähnten Gtabttheil angelegt 
> Haben, Livius I, 5. . . 





Biertes Buch. 407 


-[Beraria] , die Parageniter, die Tortuner, bie Topanter, 
Die Tpriafler und die Tritienfer [Trite]. Domitius Nero 
schenkte ganz Achaia die Freiheit, Die Breite bed Pelo⸗ 
ponnes beträgt von. dem Borgebirge Malen bis zur Stadt 
Aegium amEorinthifhhen Meerbuſen 190,000 Schritte [28 M.J; 
der Ouerdurchſchnitt aber von Elis bis nad) Epidaurus 
125,000 Schritte. [25 M.] und von Olympia durch Arca⸗ 
dien nach Argos 68.000 Schritte [13% M,] Die Entfer 
nung von diefem Orte bis nad) Phlius ift ſchon oben *) ans 
gegeben. Die ganze Halbinfel aber erhebt fih, als wollte 
die Natur für das allenthalben eindringende Wafler eine 
Entſchädigung bieten, in ſechsundſiebenzis Bergen über das 
Meer, 
— XI (wm). 4. An der Landenge des Iſthmus beginnt 
Heltas ſLivadien], von den Unfrigen Gräcia genanut; und 
zwar kommt zuerft in ibm Attica, **) das vor alten Zeiten 
Acte genannt wurde. Es berührt den Iſthmus mit demje⸗ 
nigen Theile, welcher von der Pagäã [Pfato] gegenüber lies 
genden Colonie Megara [Megara] Megaris beißt. Diele 
beiden Städte Liegen an den Endpunkten des Peloponnes 
und von beiden Seiten her gleichfam auf den Schultern von 
Hellas. Die Pagäer und eben fo die Aegoſthenienſer [St. 
Bafllio] gehören zu den Megarenfern. Zu bemerken find 
en der Küfte: der Hafen Schönus [Porto Cocoſi]; die 
Städte Sidus [Rasfidi], Eremmpon [Rene], die Geires 


*) Kap. 6. 

*0) Attica fanimt Megarid gehörten während ber Zarriſchen 
Herrſchaſt zum Sanbfchat Esrivoe, haben aber jent ihre 
alten Namen wieder. 





I) 


N 
ı 


408 C. Plinius Raturgeſchichte. 


niſchen Zelſen [Derveni Bouno], welche 6000 Schritt⸗ 
[1 'k M.] lang find, Geranea [Porto Germano], Megara 
und Eleuſin [Leffins]. Hier ſtauden and) Denoa [bei Des 
noe] und Probalinthos [bei Baflleopyrgos]. 2. In einer 
Eutfernung von 55,000 Schritten [11 M.] vom Iſthmus 
kommen jest bie Häfen: Piräus [Porto Dracone] und 
Phalera [Phanari], weiche durdy cine 5000 Schritte [1 M.] 
fange Mauer mit dem weiter Iandeinwärts liegenden Athen 
verbunden find. Dies ift «ine freie Stadt und wohl keines 
weiteren Lobes beduͤrftig: fo fehr überſtrahlt ihr Ruhm 
Alles. In Attica find die Ouellen: Cephiſia [Quelle des 
Sluffes Mauronero] , Larine, Eallirrhos Cnneacrunos [Kal- 
firoi] ; die Berge: Brileflus [Turcovouni], Uegialeus [Sca⸗ 
ramagna], Icarius,*) Hymettus [Zrello Bonno], Lyca⸗ 
bettus; der Ort Iliſos; »e) das Vorgebirg Sunium [Es 
lonna], welches vom Piräus 45,000 Echritte [9 M.] ent⸗ 
ferut iſt; das Borgebirg Thpricos [Mandri] ; die früheren 
Städte ***) Potamos [Port Raphti], Steria [Siteri] und 
Brauron [Branna];-der Flecken Rhamnus [Tauro Caſtro]; 
der Ort Marathon [Marathona]; die Thriaſiſche Ebene 
[jwifchen Athen und @lenfis]; die Stadt Melita und Oro, 
pus [Rope} an der Grenze Böotiens. +) ‘ 


*, Der weftliche Theil ded Scaramagna. 





20) Soll vielleicht heißen: Fluß Jliſſus. 


oee Plinius will wohl ſagen, daß dieſe früheren Städte ober 
Feſtungen (oppida) zu ſeiner Zeit unbedentende Orte ober 
- völlig verfhwunden‘ waren. - 
+ Begreift nach der neuen Eintheilung bed Konigreichs Gries 
chenlands bie Diftrikte Theben und Livabia im Kreife Attica 
and Bbotien in fich, 





+‘ 


Viertes Buch. 409 


XN. 4. In diefem Lande [Böotien] liegen: Anthedon 
Teudytfil, Oncheſtos, *) die freie Stadt Thespiä, ») Ler 
badea [Fivadia]'nnd das an Ruhm Athen nicht nachitehende 
Theba [Thiva], welches den Beinamen „das Böotifche“ 
führt, und (mie man vorgibt) die Baterſtadt zweier Götter, 
des Liber und des Hercules, iſt. Auch der Mufen Geburts⸗ 
flätte will man in dem Haine des, Helicon [Palaͤoduni] 
finden. Zu Thebä gehören auch der Forſt Eithäron [Elatea] 
and der Fluß Ismenus. ***) Außerdem find in Böotien die 
Duelfen Dedipodia, Pſamathe, Dirce, Epicrans, Arethufa, 
Sippocrene, Aganippe und Gargaphie; +) und außer den 
ebengenannten Bergen [Helicon und Cithäron] nody der 
Mycaleffus ſKleptito Buno], der Hadylius and der Acon⸗ 
tins. +4) 2. Die Übrigen Gtädte zwiſchen Megara und 
Thebaä find: Eleutherä ſContura], Haliartus, HH Pla: 
ad, +°) Dherä, 19) Aspiedon, +79%*), Hyle, *+) Thisbe 


2) Wenige Ruinen am See von Zopoglia (Copais). 
, 9°) Ruinen bei Rimocafirp. . 
so.) Gin Fleined durch Thiva fließendes Waſſer, das jept keinen 
Namen hat, 
+) Die neueren Namen aller diefer Quellen (wenn fie beren 
haben) find unbefannt. Die Duelle Aganippe fol jet 
Talatz heißen ;, Hippocrene ift bei dem Orte Tatatzi zu- fü: 
hen ; Dirce ift die Quelle bed Fluffed Kanabari. 
+4) Diefe beiden Berge haben jept Feine Namen; Ber Hadylius 
erhebt fidy bei Talanta, ber Acontius bei Sceipn. 
444) Ruinen bei dem Dorfe Maci. 
4%) Bedeutende Ruinen bei dem Dorfe Kokla. 
+9) War keine Stadt, fondern ein Dorf bei: Kanagra (Skimitari). 
1”) Eine Fleine Ruine diefes Ortes bei Scrien (Orchomenus). 
*H Ruinen bei Senjena, nicht weit von Kartige, 


m 


40° €. Plinius Roturgefchichte. 


[&acofi], Erptbrä, ) Gliffas, *) Eopä, **) Larpmma 
[farnes] und Anchoa [PutzomadiJ am Biuffe Cephiſſus 
[Manronero], Medeon, ****, Phlygone, +) Acraephia 
[Kartisa], Coronea [Korunied), Ebäronea [Capourua]. 
Unterhalb: Iheba’s an der Küfte ++) liegen Ocalee, Heleon 
I[Ela], Scolos [Sialeſi), Schönes, t+H Peteon, Hi) | 
Hyrie, +) Mycaleſſus, +7) Hileſion, Pteleon, Olyros, 
Zanagra [Gkimitari], eine freie Gemeinde, und an der 
Meerenge des Euripus [Egribo], welde die gegenüberlie- 
gende Infel Eubba [Egribo] bildet, felbft Aulis, feines ges 
ränmigen Dafend wegen berühmt. +°**) Die Böotier nannte 
"man vor alten Zeiten Hyanten. 
3. Dann kommen die Locrer, welche den Beinamen 
„bie Epicnemidifchen“ führen, +?*°°) und früher Leleger ger 


*) babe in ber Gegend bes jegigen Dorfes Platana gelegen 
aben. 
”*) Wenige Ruinen am Fuße des Berges Kieptito Bouni 
"(Hypaton.) 
“+, Ruinen bei dem Dorfe Topoglias. 
eeoe) Ruinen (Palaͤocaſtro genannt) zwiſchen Stiri und Abs 
proßpiti, 
+) Ruinen nahe bei Dabdi. 
++) Et alle von Plinius genannten, Städte negen an ber 


14) Sag, wahrſcheinlich am See Hyliea, der jetzt eicharis heißt. 
+49 Wenige Ruinen auf dem Wege von Thiva nach Luchefi. 
+*) Lag zwiſchen Scimiteri und dem Kanal von Egribos. 

+*°) Ruinen, eine Stunde von Egribos, 
+”**) Diefer Hafen heißt jest Bathy. Bon Aulis if Feine Spur 
jet zu finden. 


70) Weil fie am Berge Enemis (Talanta) wohnten. 


' 
x 








Diertes Bud. 414 
nannt wurden; durch ihr Gebiet ſtrömt der Cephiſus in das 
Meer. Städte find: Opus ſTalanta], von welchem der 
Opuntiſche Meerbufen [Golf von Zalanta 7] feinen Namen 
bat, und .Eynos. *) An der Küfte von Phocis Tiegt das 
einzige Dapbuns.*) Im Juneren des Locrifchen Landes 
findet man Elatea [Levta]; an dem Ufer bes Eephifus (wie 
wir fchon fagten) ***) Liläa, und gegen Delphi hin Ene- 
mis ""*) und Hyampolis [Bogdana]. Dann folgen wies 
der an der Locrifhen Küſte Larymna +) und Thronium 
FEpilikous], bei dem der Fluß Boagrius +H in das Meer 
fällt; ferner die-Städte Narycion, +} Alope +H+F) uud 
Gcarphia. +”) Weiterhin folgt der Maliäifche Meerbufen 
[Golf Isdin], weldher von den Anwohnern [den Malieern] 
feinen Namen hat. In ihm liegen die Städte Halchone, 
Econia und Phalara. +**) 

- KU. Dann kommt Doris mit den Städten Sperchivs, +***) 





Pr Ruinen bei dem Dorfe Livanitis, eine Stunde von Talanta. 
**, Wenige Ruinen bei Neochorio, vier Stunden nördlich) 
von Livanitis, 
°.*) Kay. 4.5. 2. 
"24, Lag ungefähr eine halbe Stunbe von Neodyorio, 
+) Das untere Larymna nämlih. Ruinen bei Pugomabi. 
+) Der Boagrius ift jet ein namenlofer Bach. 
+r}) Ruinen bei Tornitza. 
4444) Ruinen, zwei Stunden nördlich von Livanitis. 
+*) Ruinen, etiva zwei Stunden weftlih vom Boagrius. 
u) Ruinen, zwei Stunden von Zeitun. Die Lage ber beiden 
andern Städte ift nicht bekannt. 
em In yye Gedend des heutigen Kamara. Die Lage von 
Pindus und Eytinum iſt bie jegt noch nicht andgemittelt. 


442 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Erineon [Erinei]), Boion [Bralo],- Pindus und Cytinuum. 
Im Rüden von Doris iſt der Berg Deka ſKumayta)]. 
XIV. 4, Nun folgt Aemonia, weiches häufig feinen 
Namen ‚wechfelte, und zwar ſtets nach feinen Königenz; es 
hieß nad) der Weihe das Pelasgifche Argos, Hellas, Theſ⸗ 
‚falia und Dryopis. Hier wurde. andy der König Grä- 
eus, von welhem Gräcia [Briedhenland] feinen Namen 
hat; hier Hellen, nad weldem ſich die Hellenen nentien, 
geboren. Homer *) nennt diefe Letzteren mit drei verfchie- 
denen Namen, nämlich, Myrmidonen, Hellenen und Adder. 
2. Diejenigen von ihnen, welcde an der Grenze von Doris 
wohnen, beißen Phthioter. _Ihre Städte. find: Echinus 
[Sfino] ; an der Mündung des Sperchius [Ellada], De 
saclea, **) 4000 Schritte J[ M.] von dem Engpaffe Thers 
mopylä [Bocca di lupo], von deifen Beſchaffenheit es den 
Namen Trachin ***) führt. Hier ift auch der Berg Eallis 
dromus. +) Als berühmte Städte werden ‚ferner genannt: 
Hellas, Dalos, Lamia [3eituͤn], Phthia, Arne. m 





*, Il. U, 191, - 
”*) Ruinen am Aſopo, nicht weit von- feiner Mündung im 
den Hellaba. 
++) Von zpayis, rauh, unwegfam, 
+) Gin Theil des Deta (Kumayta), ber jetzt keinen beſon⸗ 
deren Namen hat. 
++) Locris, Doris und Phthiotis waren die Taͤrkiſchen Dis 
ſtrikte Talanti, Lidoriki, Malandrino und Reituni, Bilden 
aber ſeit der neuen Eintheilung des Kbonigreichs unter 
ihren alten Namen Bezirke des Kreide voe vis aub 
Photis. 








Viertes Bud). 415 


AV (rm). 4. In Theſſalien 9) Tiegen: Orchomenus 
[Scripu) , das früher Minyens hieß; die Stadt Almen, 
von Yndern Galmon genannt; Atrax [Sarko); Pelinne 
[Balatlen]; die Quelle Hyperia; die Städte: Pherä [Vel⸗ 
fin] , hinter welcher fidy der Pieris ») nah Macebonien: 
dinzieht, Lariſſa [Ienifhehr), Gomphi [Klinove], das 
‚Tpeffalifche Thebä; e ) der Wald Pteleon ; der Pagafifche 
Meerbuſen [Golf von Bolo), die Stadt Pagafä [Solo], die 
fpäter, Demetrias genannt wurde, Zricca [Tricafa]; die 
Pharſaliſchen Geflide mit der freien Stadt Pharfalus 
[Tſchataſdſcha], Erannen; Iletia. Die Berge in Phihiotis 
find: der Nymphäus, einft berühmt durch feine von der 
Natur felbft geſchaffenen Gärten, ber Buzygäus, der 
Dimacefa, ber Bermius, der Daphiffe, der Chimerion, 
. der Athamas und der Stephane. 2. Fu Theffalien erheben 
ſich vierundbreißig Berge. Die bedentendften berfelben find: 
der Esreeti, +) der Olympus [Lada], ber Pieris, der 
Oſſa [Riffero], dieſem gegenüber der Pindus [Mezzovo] 
und Othrys [Belousi)., die Sitze der Lapithen. Diefe 
Berge ziehen nach Welten hin, nad Often bin aber liegt 
der Pelios [Petras]; alle zufammen bilden einen theaters - 
ähnlidyen Halbkreis, und fließen in denfelben fünfundſiebenzig 
Städte. als varterre ein. Sn bemerken lud: in oralen 





®) Dan Gandfihar Tirhala wunfaßt beinahe das ganze alte 


., Gin etenaf des Lacha, ‚welcher ſich bi6 an den Golf von 
Volo herabzieht. 
oer Ruinen drei Stunden ſdweſtlich von Volo. 
Ein Nebenzweig des Mögen. 


44 C. Plinius Raturgefchichte. 


ferner die Flüſſe: Apidanus [&pideno], Phönix, Enipens 
[Blachoianni] Ouochonus [Reiani], Pamifus; die Quelle 
Meſſeis; der See Böbeld [Carlas] und der vor allen be⸗ 
rühmte Peneus [Salambria], welcher bei Gomphi entipringt, 
zwifhen dem Oſſa und dem Olympus ein waldiged Thal 
500 Stadien [12% M.] weit durdyfließt und von der Hälfte 
dieſer Strede an fhiffbar wird. 3. Ein Theil diefes Fluß⸗ 
gebidtes von 35000 Schritten [1 M.] Länge und anderthalb. 
Jucharten Breite, anf deſſen rechten und linken Seite fidy 
in fanfter Abdachung die Berge weiter, als das menfchliche 
Auge reicht, erheben, heißt Tempe [Bogazo?]. Unten gleitet 
der Peneus durch einen fchattigen Hain, über ihn grün 
färbenden Kiefel, anmnthig durch den an feinen Ufern wis. 
chernden Rafen und belebt durdy den harmonifchen Geſang 
der Vögel. Er nimmt den Fluß Orcos auf, vereinigt ſich 
aber nicht mit ihm, fondern ftößt ihn, nachdem er ihn. eine 
kurze Strede (wie Homer *) fagt) gleich auf ihm ſchwimmen⸗ 
den Del getragen hat, wieder von ſich, und verfhmäht es, 
das höllifche, von Verwünfchungen erzeugte Waſſer **) mit 
feinen Silberwellen zu vermifhhen. 

XV (ix). An Theffalien hängt Magnella, ) in dem 
fi) die Duelle Libethra +) befindet. Anzuführen find die 
Städte: Jolcus [Goritza), Hormenium [Milias], Pyrrha 
[Koratai Worand]. + Methone (Neochori], Dlizon lKortos 





\ 
\ 


. SL u, 262. 
.., Weil aamũch die Götter bei'm Orcos zu fchwören rueoten. 
5) Der heutige Difriet Zagora im Sandſchak Tirhala. 
+) Eine jet namenlofe Duelle Hei Goriva. 


Biertes Buch. Te 


dei Argalafti], das Borgebirge Sepias [Giorgio], die Staͤdte 
Caſthanãa [bei Tzankarada], Sphalathra ſ(Hagia Eutimia], 
das Vorgebirg Aeantium ſMonaſtir], die Städte Melibsa 
[dei Mintzeles], Rhizus [bei Pell:Dendra], Erymna [bei Co⸗ 
nomio], die Mündung des Peneus, die Städte Homolion, 
Orthe, Theſpiä, Phalanna [Baba], Zhanmacie [Taimak], 
Gyrton [Kirfali], Erannon [Erania], Acharne, Dotion, Mes 
litäg und Phylace. — Die ganze Länge aber von Epirus, 
Achaia, Attica und Thefſalia foll 480,000 Schritte [96 M.]. 
die Breite 287,000 Schritte [57/5 M.] betragen. 

xVH (x) 1. Es folgt nun Macebonien*) mit hundert 
und fünfzig Stämmen, font Emathia genannt, berühmt 
durch zwei Könige **) nnd feine frühere Weltherrſchaft. Es 
zieht ſich hinter Maqueſia und Theffalien nach Weſten bis 
zu den epirotifchen Völkern hin, und wird häufig von den 
Dasdanern angefeindet. Seinen nörblihen Theil ſchützen 
Päonia und Pelagonia gegen die Tribafler. *%) Sm bemers 
ten find Die Städte Aege [Mogiena?], wo nad alter Sitte 
die Könige begraben wurden, Berda [Karaveria], Aeginium 
[Yinovo] in der Gegend,. weiche von dem gleichnamigen Walde 
Pieria genannt wird, Heraclea an der Küfte, der Fluß Api⸗ 
las [Sphetili], bie Städte pydna [Kitros], Aloros P, der 





2) Die Sandſchaks Koſtendil, Uskub, Salonir, Tirhala und 
Galiboli umfaſſen Theile des alten Macedoniens. 
). Philipp und Alexander. 
oe) Bon ben epirotifchen Boͤlkern war zu Anfang dieſes Buches, 
und von ben Triballern im vorhergehenden Buche Kap. 29: 
die Rebe. 
+) Lag in ber Segent: von Libauova. 


416 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Fluß Aliaemon [JIndſche⸗Kar«ſu]; im Innern die Aloriter, 
die Balläer, die Phpllacäer, die Cyrrheſter [Käftrauisa] und 
die Tyriſſäer; die Eolonie Pella [Palafiga], die Stadt Stobi 
[Iſtib 2} mit römifhem Bürgerrecht, nicht viel weiter Antis 
gonea [Nigoshemo], Europus [Köprili} am Fluſſe Arius 
- [Bardar] und eine andere Stadt deffeiden Namens [Orhife 
far], durch welche der Rhödias*) fließt, Eordeä [Bilorina], 
Scydra [Sidero:KRapfa?), Mieza, Gordyniä; weiterhin an der 
Küſte Ichnä, der Fluß Axius [Bardarl. Diefen Grenzſtrich 
Maceboniens berühren die Dardauer, Trerer und Pierer, 
2. Bon diefem Fluſſe [Bardar:] an wohnen Väonifdhe 
Stämme: die Paroräer, die Eordenfer, die Almopier, 
die Pelagoner und die Mygdoner. Hier erheben fich. die 
Berge. Rhodope [Despoto], Scopins und Drbeius [Argen« 
taro]. Weber die davor liegende Ebene, welde den Mittel- 
punkt des Landes bildet, verbreiten fid) Die Arethufler, die 
Antiochienfer,, die Fdomenenfer ſKumli⸗Kisi], die Doberer 
Auvrethiſſar], die Wefträenfer [Tikweſch], die Allantenfer, 
die Audariftenfer, die Moryller, die Barescer [Gradiska 77, 
die Lynceſter, die Othrhoneer und die freien Umantiner 
[Avoſtma] und Oreſter, die Bullidenfifche und die Dienfifche 


Kotonie [Poklin und Platamona], die Xylopoliter, Die freiem: 


Scotuffäer, Heraclea Sintica [Rasluk)], die Tpmphäer und 
Die Zoronäer. 

5. An der Küfte des macedoniſchen Meerbufens [Golf 
von Salonik) findet man bie Stadt Chalaſtra, weiter laund⸗ 


einwärts Phileros „Lete [Litta] und mitten in der innerſten 





u) Der neuere Name if unbefannt, 


[4 





Biertes Bud. MT 


inbengung der Küfte Theffalenica ſSalonik] mit freier Ber⸗ 
faffung. Die Entfernung von Dyrrachium bis zu dieſer 
Stadt beträgt 114,000 [214,000] Schritte [22% M.].”) Ber 

zer find zu bemerken Therme am thermäifchen **) Meerbufen, 
die Städte Dicda, Pydna, Derrha, Scione, das Vorgebirg 
Sonafträum [Plajur], die Städte Pallene, Phlegra. Im 
Diefer Gegend find auch Die Berge Hypſizorus, Epitus, Hals 
eyone und Leoomne; die Städte Nyſſos, Phinelon, Mendä; 
anf dem Pallenenfifhen Iſthmus [(Calandro] die Eolonie 
Caſſandria, melde früher Potidän hieß; Anthemus, Olophy⸗ 
106, der mecybernäifche Meerbufen [Golf Kaffandra]. 4. Un 
ihm find zu bemerken die Städte Physcella, Ampelos, To⸗ 
zone [Zoron], Singos; die Meerenge, durch welche der Per⸗ 
jerfönig Rerxes den Berg Athos [Ajoſoros] vom feften Lande 
abſchnitt, ***) und deren Länge 1500 Schritte [7,031 Fuß)] 


beträgt. Der Berg ftredt fid) von dee Ebene gegen 75.000- 


Säritte [15 M.] in das Meer hinaus, und der Umfang 
feines Fußes beträgt 150,000 Schritte [50 M.]. Auf feinem 
Gipfel lag fonft die Stadt Acrotyon; jest findet man bafelbft 
Uranopolis, Paläotrium, Thyſſas, Cleonä, Apollonia [Pol⸗ 
lina] 7), deſſen Einwohner den Beinamen Macrobier [Lang⸗ 
lebende] führen. 5. Weiterhin folgen die Stadt Caſſera 
[Kareis], der Meerbufen auf der anderen Seite bes Iſthmus 
[Golf Kontela], Acanthus, Stagira [Stavro], Sithone, 





*) Die wirkliche Outfernung beträgt 40%, M. 


**, Der thermäifche Meerbufen if mit dem macebonifchan einer 
und berfelbe. . 


70), Diefer Canal it längft wieder verfchättet. 
D Apollonia Iag am Hals des Athos, 


€, Plinius Naturgeſch. 48 Bochn. 4 


a ER 


48 E. Plinins Naturgeſchichte. 


Heracien und bie daran grenzende Landſchaft Mygdonia, in 
welcher, vom Meere entfernt, Apollonia Beſchik] und Ares 
thufa liegen. An der Küfte kommen nun wieder Poſidium 
und der Lrgmonifche] Meerbnſen [Golf Orfauo] mit der 
Stadt Eermorum, die freie Stadt Amphipolis [Embolil, der 
Volksſtamm der Bifalter umd endlich der. Fluß Strymon 
[Struma], welcher auf dem Hämus [Balkan] entfpringt und 
Die Grenze Maredoniens bildet. Zu bemerken ift, daß er 
ſich erft in fieben Seen ergießt, bevor fein Lauf eine bes 
ſtinmte Richtung nimmt. *) 

6. Dies ift das Macedonien, welches fich einft der Welt⸗ 
herrſchaft bemächtigt hatte, welches Aſſen, Armenien, Zberien, 
Albanien, Sappadocien, Syrien, Aegypten durchzog, den Tau 
zus und Cauecaſus überflieg, das die Backrer, Meder und 
Derfer beherrfchte und das ganze Morgeniand befaß, welches 
Indien beflegte und auf den Zußtapfen des Vaters Liber 
und des Hercules wandelte; dies ift daſſelbe Macedonien, 
von defien Städten unfer Beldherr Paulus Wemilius zwei 
und fiebenzig an einem Tage plünderte und verkaufte, Eine 
fo große Verfchiedenheit des Schickſals fand in der Mache 
zweier Menfchen! **) 

XVIII (an. 4. Es folgt nun Thracien, ***). deffen Bes 


*, Vielleicht: in Cercinem lacum, priusquam dirigat cursum 
[in mare], oder p. finiat cursum (daß er fi) in ben Eer⸗ 
cinefee ergießt, ehe er in das Meer ausſtrömt). Vergl. Pom⸗ 
ponius Mela 2, 2, 9. 

”*, Des großen Alexander nämlich und des Aemilius Paulus, 
. Die zum Gjalet Rumill gehörenden Saubſchaks Wiſa, 

-Kirkkiliſſa, Siliſtria, Sofia, Tſchirmen, Koſtendil und Gali⸗ 

boli find Theile des. alten Ihraziens, 


[4 


Biertes Bud. u 419 


wohner zu den tapferſten Nationen Europa's gehören, und 
weiches: in fünfzig Strategien [Militarbezirke] getheilt iſt. 
Ben feinen Bölferflämmen, die zu nennen allenfalls der 
Mühe lohnt, bewohnen das rechte Ufer des Strymon bie 
Denfeleter und Meder”) bis zu den obengenannten Bifaltern 
Yin, das linte Ufer die Digerer und viele Unterabtheilungen 
der Beffer**) bis zum Fluſſe Neftus ſKaraſu], welcher um 
den Fuß des Berges Pangaͤus [Despoto Dagh] herum durch 
das Gebiet dev Elether, Diobeſſer, Carbileſer und dann der 
Bryſer, Sapäer und Odomanter ſtrömt. Bei dem Volks⸗ 
ſtamme der Odbryſer entſpringt der Hebrus [Mariga] »), 
an weichem die Cabhleten, +) die Pyrogerer, bie. Drugerer, 
die Eänieer, die Hppfalter, die Bener [um Benli], die Cor⸗ 
pifler, ++) die Bottiäer, bie Edoner wohnen. 2. In dem- 
‚ felben Landftriche findet man die Selleter, +++) die Prianter, 
die Doloncer, die Thyner, die Edlefer, und zwar den älteren 
Stamm am Hämus [Balkan], den jüngeren am Rhobope 
[Deipoto]. Zwiſchen beiden firömt der Fluß Hebrus [Mas 
ritza]; ihre Stadt liegt am Fuße des Rhodope; fle hieß früher 
Poneropolis, dann von ihrem Erbauer Philippopolis, und jest 
führt fie wegen ihrer Lage.den Namen Zrimontinm. *}) Die 





*) Mel. Rap. 1. $. 3. Kap. 17. 
+, Im Sandſchar Sophia, —* in der Gegend von 
Philippopel. 
+) Die Marika” ‚entfpringt auf dem Nilloberg des: Balkan, 
2) Die Cabyleter und Gänicer. wohnten im Sandichak Wife. 
+) Im Sandfhät Gatliboli, fo wie auch bie Eboner. 
HH In der Gegend der Stabt Zagora. | 
+) Die Stadt heißt jeut Filibe.  oneropolis bies fie, weil 
von ihrem Erbauer, dem König Philipp vor Dacebonien, | 


420° . €. Plinins Naturgeſchichte. 


Söhe des Hämus beläuft fid) auf 6000 Schritte [28,125 Fuß]. 
Seine entgegengefebte [nördliche], fich nach dem Iſter [Donau] 
abdadyende Seite bewohnen die Möfler *), die Geten, bie 
Aorſer,“*) die Gauder und Elarier. Hinter diefen haben 
die arräifhen Sarmater, welche auch Areater heißen, und 
die Schthen, an den Küften des Pontus aber die Morifener 
und Githonier, die Stammeltern des Dichters Orphens, ihre 
Sitze. **0) 

3. Die Grenzen. Thraciens find alfo gegen Norden der 
After, gegen Dften der Pontus [das ſchwarze Meer] und die 
Dropontis [Mar di Marmora] und gegen Süden das ägäifche 
Meer [Archipel], an deffen Küfte vom Strymon an Apollo⸗ 
nia, Defyma, Neapolis [Kavala] und Datos liegen. Ferner 
find zu bemerken im Innern des Landes die Eolonie Phi⸗ 
lippi, 7) 325,000 Schritte [65 M.] von Dyrrachium entfernt; 
Scotuſa, Topiris, die Mündung des Fluſſes Neftus, der 
Berg Pangäus, tr) Heraclen [Rasluk], Olynthos [Agio 
Mama ?], die freie Stadt Abdera,+tr+) der Gee*r) und das 
Volk der Biftoner. Hier war auch bie Stabt Tirida, bes 


Merdrecher (zovngos) ald Koloniften in fie geführt wurden; 
Trimontium wurde fie genaunt, weil fie auf brei Bergen lag. 
*) Bgl. B. 38 29.5.1 
ow) Bon ben Geten und, Horfern wird weiter unten (Kap. 25. 
$. 1.) die Mebe ſeyn. 
#40) Die Sarmaten, Seythen und bie andern bier genannten 
Mölter verbreiteten fich über bie Moldau und Walachei. 
+) Ruinen, Philibe genannt, fühlid von Dirama. 
+r) Führt noch feinen alten, Namen. 
++) Nuinen bei dem Marktflecken SenibfipesRarafu am Karaſu. 
*æ Burun, v bei dem gleichnamigen Orte. 


Diertes Bud. 44 


rücdhtigt durdy die Dferdeftälle des Divmedes;*); jebt lies 
gen in diefer Gegend Dicka [Buryn], Ismaron [Ismahan], 
der Ort Parthenion, Phaleſina und Maronea [Marögna], 
das früher Ortaguren hieß. A. Daranf folgen der Berg 
Gerrtum [Cop Matri] und Zone; dann der Ort Doriscns, 
weicher gerade 40,000 Menſchen faßt, weßhalb ihn Zerres zur 
Zählung feines Heeres benübte;**) die Mündung des Hebrus, 
der Hafen Gtentor’s [Meerbufen Boris KRorfufi], die freie 
Stadt Aenos [Ends], mit den Srabmale Bes Polydorns ;***) 
das Gebiet, welches fonft den Ciconern gehörte. Bon Do: 
riscus bis Macron Tichos [lange Mauer] hat die Küfte eine 
Einbiegung von 122,000 Schritten [245 M.); in Diefer Ge⸗ 
gend mündet der Fluß Melas [Beresfi], von welchem der 
Meerbufen [Golf von Garos] feinen Namen hat. Hier find 
die Städte Cypſella [Fpfala 2]. Biſanthe [Rodoſto] und der 
Dre Mäcron Tichos [Magar] genannt, weil eine zwifchen 
den beiden Meeren von der Propontis bis zum Meerbufen 
Melas gezogene Mauer den in das Meer hinauslaufenden 
Cherſones abfperrt. 

5. Wir kommen nın an die andere Seite Thraciens, 
welche an der Küfte des Pontus, wo der Fluß Iſter mündet, 
beginnt und wo die fchönften Städte anzutreffen find, als: 
Iſtropolis [Kara Kermanl, von den Mileflern erbaut, Tomi 
[Mankale] und Calatis [Schablefer], welches früher Acer⸗ 





5) Diefer thraziſche Fürft ließ bie bei ihm einfprechenden Frem⸗ 
den feinen Pferden ald Futter vorwerfen. 
‚9% Zerses füllte 170mal diefn Ort; fen Heer war alfo 
1,700,000 Manu ſtark. Herodot. VIE, 59. 
) Eines Sohnes des trojaniſchen Königed Priamus. 


% 
P} - => 


. 422 C. Plinius Naturgeſchichte. 


vetis hieß. Hier lagen ehmals auch Heraclea und Bizone, 
welches bei einem Erdbeben unterging; nun findet man da⸗ 
ſelbſt Dionyſopolis [Galdſchik], weiches früher Crunos hieß: 
ed wird vom Fluſſe Ziras bewäſſert. 6. Dieſen ganzen Laub: 
ftrich bewohnten einft die Schthen, welde den Beinamen 
Nroterer führten. Ihre Städte waren Aphrodiflas, Libiftos 
[Oliben], Sigere, Borcobe [Taksfar-gköl], Eumenia [Go⸗ 
jemlik], Parthenopolis IJHadsji⸗Oglu-Bazardsjik]) und Gera: 
nia [Karaagatfcı}, wo das Volk der Pygmäer gewohnt haben 
fol. Die Barbaren nennen fie Gattuzer und glauben , baß 
fie von Kranichen vertrieben worden feien, An der Küfte 
findet man von Dionyfopolis an Ddeffus [Barna], von den 
Mitefiern angelegt, den Fink Panyſus [Barna], die Stadt 
Tetranaulohus [&minch], den Berg Hämus, welder ſich 
hier mit feinem ungeheuren Rüden [Eap Emineh] in den 
Pontus hinausichnt, und auf deffen Gipfel fonft die Stadt 
Ariftäum lag; jetzt liegen an ber Küfte Meſembria [Miffivria] 
| ri [Ahioli) an der Stelle, wo früher Meffa ftand. 

7. In dem Bezirk’ Aftice lag fonft die Stadt Anthium; jebt 
findet man dafelbft Apoflonia [Sizepoli]. Weiterhin kommen 
die Flüffe Paniffa, Rira ſKamczik], Tearus [Deara-Derel, 
Orofines; die Städte Thynias [Inada), Halmpdeffos [Mibje), 
Develton [Bagora], welches nun die Veteranencolonie Deultum 
heißt, mit einem See; Phinopolis [Inimahale], wo der Bosporus _ 
[&anat von Eonftantinopel] beginnt. Won dem Ausfluffe det 
ter bis zur Mündung des Pontus rechnet man gewöhnlich 
555,000 Schritte (1111 M.]; Agrippa fügte noch 60,000 Schritte 
[12 M.] hinzu. Von. bier bis zur oben erwähnten [langen] 


Viertes ih. 435 


Mauer find 150,000 Schritte [30 M.], und von biefer bis 
zur Spitze des Cherfones 426,000 Schritte [25% M.]. 

8 Gm Bosporus folgen 'nun der Meerbufen Coſthenes 
[Bujufdere), der Hafen der Greife [Stenia] uud ein anderer, 
weldyer der Weiberhafen IBalta Liman] heißt, das Borges 
dirg Chryſoceras, anf weichem die freie Stadt Byzantium, 
[Sonflantinopei], die früher Lygos bieß, Liegt. Gie if von 
Dyrrachium 711,000 Schritte [142'/; M.] entfernt: fo groß 
ift alſo die Länge der Länder zwifchen dem adriatifchen Meer 
und der Propontis. 9. Anzuführen find die Flüſſe Bathy⸗ 
nias und Ppdaras oder. Athyras; die Städte Gelymbria 
(Seivria], Perinthus [&rekti], welches durch eine 200 Fuß 
breite Zaudenge mit dem Eontinent zufammenhängt; im In- 
neren Bizya [Bifa], die Burg der thracifchen Könige, wegen 
der abfcheulihen Schandthat des Tereus*) von den Gchwals 
ben gemieden; das cAnifche Gebiet; die Eofonie Flaviopolis 
an der Stelle einer früheren Stadt, welche Sela hieß, und 
50,000 Schritte Fio M.] von Bizya die Eolonie Apros [Ar 
Yan], welche 188,000: Schritte [57° M.] von Bhilippi ent⸗ 
fernt if. Au der Küfte findet man den Fluß Erginus. Hier 
lag fonft die Stadt Ganos *5); auch Lyſimachia [&femil] 
-auf dem Eherfones wird immer menfdenleerer. ***) 

10. Hier finden wir einen anderen Iſthmus, von gleicher 


*), Bol. Ovids Metamorphofen VI, 401-676. Die. Schwals 
ben meiden wahrfcheinlich diefe Gegend, weil fie fehr dem 
Nordwinde ausgeſetzt iſt. 

) Ein Städtchen dieſes Namens findet man jetzt noch daſelbſt. 
, ‚Seiner Entfernung von ber Heerſtraße und überhaupt feiner 
auch dem Kandel nicht günftigen Lage wegen, 


⸗ 


424 E. Plinius Naturgeſchichte. 


Laͤnge, ‚gleichem Namen und gleicher Breite [wie der corin⸗ 
thiſche]; auch ſchmücken auf eine nicht unähnliche Weiſe [wie 
Lecheä und Cenchreä)] zwei Städte die beiderfeitigen Geſtade, 
Dactye nämlicd an der Propontis und Cardia am Meerbufen 
Melas. Das letztere hatte feinen Namen von der Geſtalt 
„Des Ortes befommen*). ‚Beide wurden fpäter mit bem 
5000 Schritte [1 M.] von der langen Mauer erbauten Lyſi⸗ 
machia verfhhmolzen. Der Cherfoues hatte früher auf der 
Seite der Propontis noch die Städte Tiriftafis, **) Crithote | 
und Eiffa am Fluſſe Yegos;***) jest bat er nur nod das 
22,000: Schritte [as M.] von der Colonie Apros entfernte 
Refiftos, der Eolonie Parium [Kemares) gerade gegenüber. 
44. Auch der Hellespont [Straße ber Dardanellen], der, 
wie wir ſchon gefagt haben, +) Europa, von Aſien fcheibet 
und fieben Stadien [21 Minuten] breit. ift, hat vier einander 
gegenüberliegende Städte, in Europa Gallipolis [Gatibeli] 
nud Seſtos [Jalova], in Alten Lampſakus [Lapfat] und Aby⸗ 
dos [Nagara]. Weiterhin kommen: das Vorgebirg des Eher 
fones Maftufla [Kap Greco), dem Vorgebirg Sigenm [Ie 
‚nifchehr] gegenüber ,. auf deſſen ſchräger Vorderſeite das 
Eynofiema ++) (wie man das Grabmal der Hecuba nennt), 
ein Stapelplatz der Achäer, der Thurm und bie Kapelle dei 





* Bon vapdia, Herz. 
20) Roch jetzt iſt ein Ort dieſes Namens vorbanden. 
o⁊ Aegos potamos, Geisſluß. 
983 AI. Kap. 92. 
+D Kurös anna, Hundemahl, weil Hecuba, die Gemahlin bed 
Priamus, narh ihrem Tob In eine Hlnbin verwandelt wor⸗ 
den feyn fol, 








' 


Biertes Bud. 414286 


Proteſtlaus amd anf der äußerfien Gpipe des Cherſones, 
welche Aeolium heißt, die Stadt Eläus.*H Wendet man fidy 
dann nad dem Meerbufen Melas, fo findet man die Häfen 
Lilo [Kilidbahr] und Panhormus, und das ſchon oben ge: 
nannte Gardia. 12. Somit endigt der dritte Bufen @uro: 
906. Außer den ſchon angeführten Bergen Thraciens find 
noch anzuführen der Edonns, der Bigemoros, der Meritus, 
der Melamphyllos, fo wie die in den Hebrus fallenden Flüſſe 
Bargus und Suemus [Ufumeza). Die Länge Macedonieng, 
Thraciens und des Hellesponts ift oben **", angegeben worden. 
Andere beflimmen fie zu 720,000 Schritten [144 M]. Die 
Breite beträgt 284,000 Schritte [56° M.]. un 

13. Dem ägäiſchen Meere gab ein zwifchen Tenos [Tino] 
und Chios [Skiv] mitten aus dem Meere jäh auftauchender 
Belfen (denn Infel kann man nicht fagen), weldyer von feiner 
einer Ziege ähnlichen Geſtalt Aex +) (wie man im Gries 
chiſchen die Ziege nennt) heißt, feinen Namen. Die Schiffer, 
weldye von Adyata nach Andrus [Andro] fegeln, haben ihn 
auf der rechten Seite, und betrachten ihn als gefährlich und - 
unheilbringend. Ein Theil des aͤgäiſchen Meeres heißt auch 
das myrtoiſche; ed hat diefen Namen von einer Beinen In⸗ 
fel, 14) welche man auf der Reife von Geräftum [Karyſto] 


* 8 „rang zuerſt von ben Griechen ans Land. . Homer Il. U 





”.) Sans nahe dftlih von dem neuen Darbanelienfhloß Sebb: 
bahr finder man einige Ruinen dieſer Stadt. 
”r 6,8, wo er' die Entfernung Byzantiums von Dyrrachium 
beſtimmt. 
+) AU. Der Felſen ſoll jetzt Calviero heißen. 
7) Man weiß nicht, welche Inſel hier gemeint if. 


| 


426 C. Plinius Naturgeſchichte. 


nach Macedonien nicht weit von Caryſtus [Eaftell Roſfo] auf 

Bubda zn Geflcht befommt. 14. Die Nömer haben für alle 
dieſe Theile des Meeres nur zwei Name: fie neunm es 
das macedonifche, fo weit es Macedonien oder Thracien bes 
rührt, und das griechifche, fo weit es Griechenland beſpült. 
Die Griechen theilen auch das jonifche Meer nach den in ihm 
liegenden Inſeln in das ficilifche und cretifche, das zwiſchen 
Samos [Sufam-Adafi] und Myconus [Myconi] nennen fie 
das icarifche ; die Übrigen Namen find von den Meerbuſen, 
die wir ſchon angeführt haben, entlehnt. Eine ſolche Bes 
ſchaffenheit hat es mit den Meeren und Völkern in dem 
dritten Buſen Europa’s. 

XIX (m, 1. Es folgen nun die Infeln, und zwar zuerſt 

Theſprotien gegenüber, 12,000 Schritte [9% M.] von Bu⸗ 
throtum und 50,000 Schritte [10 M.) von den Aerocerauni⸗ 
fhen Bergen, Coreyra [Eorfü] mit-der ‚gleichnamigen Stadt, 
welche eine freie Verfaffung hat, mit der Stadt Eaffiope 
[Eaffopo] und einem Tempel des Jupiter Caſſius. Sie ift 
97,080 Schritte [19% M.] lang, und heißt bei Homer *) 
Scheria und Phäacie, bei Callimachus auch Drepane Um 
fie liegen nod, einige Iufeln, und zwar nach Italien hin 
Thoronos [Fano], nach Leucadia hin zwei, weiche Pard 
[Paru und Antipaxu] heißen, und 5000 Schritte [ı M.] von 
Eorcyra entfernt find. 2. Nicht weit von biefen; por Cor: 
chra , kommen Ericafa, Marathe, Elaphuſa, Maithace, Hy: 
thionia, Ptychia ſScoglio di Bido], Tarachie **%) und bei Eors 


Obpſſ. IV, 34, 35. XIU, 160 und a. a. ©. 
") Ale biefe "Sufeln find nackte. Klippen, meiſt ohne Ramen. 


Wiertes Bud. . 427 


eyra 6 Borpebirg Phalaernm [Sidari] die Klppe, in welche 
die Sage das Schiff des Ulyſſes, wegen ihrer Aehnlichkeit 
mit einem ſolchen, verwandelt hat, fo wie Sybota [SG. Ni⸗ 
050} vote [dem Cap] Lencimne [Lehino]. Zwiſchen Leucadia 
und Achaia liegen fehr viele Infeln, von welchen die vor 
Leucadia, namlich Taphias [Meganifi], Dxrid [Eurfolari] und 
Drinsäffa,*) die Teleboiden, uud aud, nad) ihren Bewohnern 
[den Taphiern], die taphifchen, die vor Metolien aber, näm⸗ 
lich Aegialia, Cotonis, Thyatira, Geoaris, Dionyſia, Eyrnus, 
Chalcis, Pinara und Myſtus, *") die Echinaden heißen. 

3. Bor dieſen auf dem hohen Meere findet man Cepha⸗ 
lenia [&efalonia], Zacynthus [Bante], beide frei, Ithaca 
[Thiati], Dulicium,**’) Same, 1) Crocylea [Ealamota]. 
Bon Paros ift Eephalenia, die früher auch Meläna hieß, 
41,009 Schritte [2 M.] entfernt; ihre Umfang beträgt 
434,000 Schritte [8% M.]. Obſchon [ihre Hauptſtadt] Same 
[&Samo] von den Römern zerflört wurde [189 vor Shr.], 
fo dat fie doch jegt noch drei Städte. awiſchen ihr und 





8) Ebenfalls einer ber nackten Felſen, welche keine beſondere 
Namen haben und zu ben Eutſolari gehören. 

“, Gent Falconata, Makry, Elaro Nifi, Prafona, Pondico 
Niſi und vier ungenannte:, Wie ſich die einzelnen neueren 
Namen zu ben alten verhalten, iſt wohl nicht mehr aus⸗ 
zumitteln. 

22) Iſt jetzt zwiſchen Trigardon ‚und Miſſolungi mit dem nen 
Lande vereinigt. ©, Krufes Hellas, BD. II. Abthl. 

. 6 461. 

H So nennt Homer Odyſſ. IV. 671. 845) die Inſel Cepha⸗ 

lenia und Plinius irrt ſich Hier wahrſcheinlich, wenn er 
Same als beſondere Jaſel anfest, 


628 C. Plinius Naturgefchichte. 
Achaia liegt Zachnthus, ſonſt Hprie genannt, mit einer herr: 
lichen Stadt [gleihen Namens] und von ausgezeichneter 


Sruchtbarkeit; von dem füdlichen Theile Eephalenia’s iſt fie 
25,000 Schritte [5 M.] entfernt, und ihr Umfang beträgt 


36,000 Schritte [75 M.]; merkwärdig ift auf ihre der Barg 


Elatus [Scopo]. A. Bon ihr ift Ithaca 45,000 Schritte 
[3 M.] entfernt; auf diefer, beren ganzer Umfang 25,000 
Schritte 5 M.] beträgt, ift der Berg Neritus [NReriton]. 


Bon ihr bie zu dem Vorgebirg Ararum [Papas] auf dem 


Deloponnes find 412,000 Schritte [2% M.]. Bor ihr liegen 
auf dem hohen Meere Ufteris”"), und Brote [Dascaklia]; 
35,000 Schritte [7 M.] vor Zacynthus in ſudöſtlicher Nice 
‚ tung die beiden Strophaden [Gtrivali], von Andern Piotä 
genannt; vor Gephalenia Letoia [Guardiani]; vor Pyloe 
drei, welche Sphagid [&fagia] und vor Meflene eben fo viele, 
welche Denuffae [Sapienza, Santa Maria und Cabrera] 
beißen. 
5. Ja dem Aſinäiſchen Bufen [Golf von Moden] liegen die 
drei Thyriden [Benetico und Bormiche], im Laconifchen Tega⸗ 
nufa [Servi], Eothon**) und Eythera [Eerigo], mit einer Stadt 
gleichen Namens. Diefe Infel, weldye früher Porphyritz hieß, 
ift durch eine 5000 Schritte [1 M.] breite Straße, in welder 
wegen einiger engen Stellen die Fahrt gefährlich werden kant, 
vom VBorgebirg Malen getrennt. In dem argoliſchen Meerbu⸗ 
fen liegen. Pityufa [Balconera), Seine [Kavuro] und Ephyre 





») Son, bie bie jegige Halbinſel Eriſſo ſeyn. aruſe, a. a. O 


H Nicht weit von Cerigo; jetzt namenlos. 


- 





Biertes Bud. 4239 


ſOppſili]j; dem hermioniſchen Gebiet gegenüber Tiparenus 
ISpezia], Aperopia FDofo], Eolonis [Spezia Pulo] und 
Ariſtera [Hydron]; dem trözenifchen Gebiete gegenüber in 
einer Entfernung von 500 Schritten [12 Minuten] Calau⸗ 
ria [Xoro], ferner Plateis, Belbina, Laſia und Baucidias;”) 
Epidanrus gegenüber. Cecryphalos [Kerates], Pithyonefos 
EAludhiflri], 6000 Schritte [is M.] vom felten Land ent- 
fernt, und 17,000 Schritte [3”;; M.] von dieſer Aegina [Ens 
gia] mit freier Berfoffung Die Fahrt längs ihrer Küfte 
beträgt 20,000 Schritte [4 M.]; vom atheniſchen Hafen Pi: 
räens ift fie 20,000 Schritte entfernt, und ihr früherer Name 
war Denone. 6. Vor dem Vorgebirg Gpiräum [Capo Frans 
9} liegen Eleufa, Dendros, die beiden Eraugiä, die beiden 
Caͤciã, Selachuſa, Eenchreis und Afpis;**) im megarifchen 
Meerbufen die vier Methuriden [Revituza]. Aegila [Eeri- 
gotto] endlich ift 15,000. Schritte [3 M.] von Eythera und 
25,000 Schritte [5 M.] von der Stadt Phalaſarna auf Ereta 
entfernt. ' 

XX. 4. Die Inſel Greta [Kandia] felbft, welche mit der 
einen Küfte gegen Süden und mit ber andern gegen Norden 
bin liegt, hat ihre größte Ausdehnung von Oſten nady We: 
fen, und ift berühmt durch den Ruf ifrer hundert Gfäbdte. 
Foren Namen bat fie nad) Doflades von der Nymphe Erete, 
nach Auarimander von der Tochter der Heſperis, nad) Phi⸗ 
liſtides aus Mallos von. dem Könige der Eureten; rates 


*) Dre derſelben heißen jest Moni Jorench, Kophinidia und 
rbore, 

”*, Die um Cap Franco liegenden Inſeln heißen jetzt Pſili, 

Hevraͤo, Plato, Penteniſa, Sractera und Lavura. 


430 - €. Plinius Naturgeſchichte. 


ſagt, fie. habe zuerſt Asria und dann ſpater Curetis geheißen; 
Einige glauben, ſte ſei wegen der Milde ihres Klima's auch 
Macaron?) genaunt worden. 2. Ihre Breite Aberfleigt nir⸗ 
gends, fogar in der Mitte nicht, wo fie am bedeufendften 
ift, 50,000 Schritte [10 M.], ihre Länge beträgt 270,000 
Schritte [54 M.}**), ihr Umfang 589,000 Schritte [117 M.]. 

Sie Tiegt bogenförmig in dem cretifchen Meere, welches vom 
ihr feinen Namen hat, und Käuft da, wo fie am längfien 
ift, gegen Dften im dad Vorgebirg Sammonium [Saloman), 
Rhodus gegenüber, gegen Welten aber in das Worgebirg. 
Eriumetopon [Erio], in ber Richtung nach Eyrenä hin, aus, 
3. Die bedeutendften Städte find Phalafarne, Etea, Eiſa⸗ 
mum [Chifamo}, Pergamum, Cpdon [Kanea], Minoum 
[Gnim], Apteron [Pateocaftro], Pantomatrium [(Porpatu⸗ 
- meno], Amphimalla ſSuda], Rhithymna [Retimo], Panhor⸗ 
mum [Panorma], Cytäum [Settia], Apollenia, Matium, 
Heraclea [Candia], Mitetos [Mitopotamo], Ampelos [Am⸗ 
bellas]; Hierapytna [Girapetra], Lebena [Rionda], Hieras 
polis [KEacro]; im Inneren des. Landes Gortyna [Ajus⸗ 
deka], Phaͤſtum, Gnoffas [Binofa], Polyerhenium, Myrina, 
Lycaſtus, Rhamnmus, Lyetus [Ligorting], Dium, Aſum, Ph⸗ 
loros, Rhytion, Elatos, Pharä, Holopyxos, Laſos, Eleuthernd 
[Televerna], Therapnãä, Marathuſa und Cyliſſos. Außerdem 
find die. Nomen von noch ungefähr 60 andern Städten ber 
fannt. A. Die Berge find der Eadiftus [Lemi], der Ida 
[Pſiloriti], der Dictynnäus [Laffiti] und ber Corycus Buſo]. 

) N005 ro⸗ —XR Juſel der Seligen. 


”) Na. neueren Angaben beträgt bie größte Breite 11 M., 
die größte Länge 33 M. 











Biertes Bud. ' 431 


Die Entfernung des Vorgebirgs ber Inſel, weiches Eriume⸗ 
topon heißt, von dem Eyrenäifhen Vorgebirg Phycus [Mass 
al⸗Sem] beträgt nach Ugrippa’s Angabe 125,000 Schritte 
[25 M.]*); eben fo weit if es, vom Cadiſtus an gerechnet; - 
Bon dem VBorgebirg Malen auf dem Peloponnes ift fie 
715,000 Schritte [15 M.], und von der Juſel Carpathus 
[Scarpanto],, in öſtlicher Richtung von dem VBorgebirg Sam⸗ 
moninm 60,000 Schritte [12 M.] entfernt. Die eben ge: 
nannte Infel liegt zwifchen ihr und Rhodus. 

5. Die übrigen-um fle fiegenden Inſeln find: vor dem 
Delopounes die beiden Corycäã, die beiden Mylä; an der 
Nordküſte, wo man Ereta zur Rechten bat, Cydonia gegen- 
über, Leuce [S. Theodoro] und die beiden Budrod [Turs 
fürn]; Matium gegenüber Dia [Standia], dem Borgebirg 
Itanum [Cap Sacro] gegenüber Onifia [Kufonifa] und 
Leuce; Hierapytna gegenüber Chrufa und Gaubos [Gaidro⸗ 
niſi]; in. demfelden Striche Ophiufſſa, Butoa , Aradus, und 
wenn man um das Bargebirg Eriumetopon herum ift, drei, 
‚ welche bie Mufagoren heißen ; vor dem Vorgebirg Sammos 
nium Phoce, Platiä, Me GSirniden, Naulochos, Armendon 
und Zephyre. **) 

6. Fu Hellas, und zwar in dem Aegäiſchen Meer, fies 
gen noch die Lichaden, Scarphia, Carefa, Phocaria und meh⸗ 
rere andere Attica gegenüber, die aber ohne Städte und 
deßhalb ohne Bedentung And. Elenſis gegenüber liegt 
die berühmte Galamis [Eolari] und vor ihr Pſytalia 


*) Die wirkliche Entfernung beträgt 50 M. 
” Sämmtlich Klippen bie jest größsentheilß ohne Namen ſind. 


12 C. Plinins Naturgefhiäte. 


ia]. Berner 5000 Schritte Ta M.] vom Borgebirg 
en gene [Macronifi]. Fe gleicher Entfernung von 
ide Sommt Gens LAra]r welche — der Unſrigen Eea, Br 
Srieden and — — — 
dotgeriſſen um ale are nach Böstien Hin das’ Meer- 
Auäter verfei —* genen. Jept Dat fie noch die Gtädte 
vier arntede s — Coreſſus und Pöeeſſa find un⸗ 
gulis 9 und Cartto⸗ er Zafel And, wie Varro angibt, zu⸗ 
tergegangen- ti 7 *°) der Frauen gekommen. 
erſ die feinen Erdda [Negroponte] felbft ift von 
xx. Mm "ar der dazwiſchen fließende Canal Eu- 
Vdotien TH gar, daß eine Bilde über ihn führt. 
rin OST ge Worgebirge, Geräftum [Karvſto] 
„„eapbarens [Doro] nach dem Helleſpont 
"oe Sorgebirg Eenäum [Cap Hellenico). 
J Weiter ald 40,000 [8 M.], und nire 
noo Schritte [48 Minuten]; in der 
un ur Ach neben ganz Böotien von Attica bis 
2 89,000 Schritte [50 M.) weit hin. Ihr 
5,00 388,000 Schritte [75 M.]; vom Hellefpont 
N Aaraebirg Capharens 225,000 Schritte [45 M.] 













u, wo diefe Stadt fand, Heißt noch Julis; die 
ne derfelden find beſonders dadurch merkwürdig ges 
Sei nan unter ipnen die berühmte Parifche Epror 








en Gewänder. Bol. ©. XI. 





VBierles Bud. Br") 


eatfernt. 2. Veruhmt waren fonft bie Etkbte: Porrhe, 
Porthmus, Nefus [NefoJ, Eerintäus [Rerintho]., Oreus 
[Drio], Dium [Eitada], Wedepfus [Dipfo], Ocha und Dte 


halia ; jept aber find es Chalcis [Negroponte], weichem ge 
genüber auf dem Feſtlande Aulis liegt, Geräftus ſKaryſto ?], 
Eretria [Trocco], Caryſtus [Caſtell Roſſo], Oritauum, Ar⸗ 
temiſium; die Quelle Arethuſa; der Fluß Lelantus. Ber 
rüpmt And /andy die warmen Quellen, welche den Nas 
men Ellopiä [Ellopia] führen; bekannter aber noch iſt 
der Earpflifhe Marmor. 3. Fruͤher hieß die Infel Ehalcos 
dotis oder, nach Dionpfius und Ephorus, Macris, nad) Arie 
ſtides Macra , nad Eallidemus Chalcis, weil man auf ihr 
zuerſt Erz fand, nad Menähmus Abantias und in der 
Dichterſprache gewöhnlich Afopis. 

XXU, 4. Außer diefen findet man in dem Myrtoiſchen 
Meere noch viele andere Infeln. Die berühmteften aber find: 
Gtauconefus [Pondico) und Aegilia [Epititns]; To wie die 
Epcladen, welche in der Richtung des Vorgebirgs Geräftum 
um bie Juſel Deios [Delo) in einem Kreis herumliegen, 
woher fle auch ihren Namen haben. *) Die erfte derfelben, 
Andros [Andro], mit einer gleichnamigen Stadt [Arna], ift 
von Geräftum 40,000 Schritte [2 M.] und von Gens 
39,000 Schritte [7% M.] entfernt. Nach Myrſilus hich 
zuerſt Cauros und dann Antandros, nad Callimacus 
ſia, nach Andern Nonagria, Hpdruffea und Epagrie. 











*) Bon xuxdos, Kreis, 
€, Plinias Naturgeſch. 46 Bbhn, & 
\ 


4354 €. Plinius Naturgefchichte. 

Umfang beträgt 96,000 Schritte [19% M.]; 1000 Schritte 
[Hs M.] von Andros und 15,000 Schritte [3 M.] von Des 
108 liegt Tenos [Tine] mit einer [gleichnamigen] Stadt, [S. 
Nikolo] und 15,000 Schritte [3 M.] lang. Nach Ariſtote⸗ 
les wurde fie wegen ihres Ueberflufies an Waſſer audy Hy⸗ 
druſſa, nad Andern auch Ophiuſſa genannt. 2. Die übri⸗ 
gen find: Mycouos [Mykoni], mit dem Berge Dimaftus, 
45,000 Schritte [3 M.] von Delos entfernt; *) Siphnus 
TSifauto], früher Meropia und Acis genannt, weldye 28,000 
Schritte [5° M.], Seriphus [Serfo], welche 12,000 Schritte 
[22/; M.] im Umfange hat, Prepeſinthus [Strongylo], Cyth⸗ 
nos [Iihermia] und die alle anderen weit überftrahlende, in 
der Mitte der Eycladen liegende, durch ihren Apollotempel 
und ihren Verkehr berühmte Delos [Delo] felbft, welche 
nach der Sage lang herumgeſchwommen und nie von einem 
Erdbeben heimgefucht worden feyn fol. 3. Mucianus er- 
‚zahlt jedoch, daß ſie bis zur Zeit bes M. Varro fchon zwei: 
mal erfchüttert worden ſey. WUriftoteles gibt an, fie ſey deß⸗ 
halb Delos genannt worden, weil fie aus dem Meer. aufs 
tauchend plötzlich erfchien. **) Weglofthenes nennt fie Cyn⸗ 
thia ; Andere nennen fle Ortygia, Afteria, Zagia, Chlamy⸗ 
dia, Eynäthus und auch Pprpile, weil man auf ihr zuerſt 
Die Kunft, Feuer zu erzeugen, erfand. Ihr Umfang beträgt 
5000 Schritte; ihr höchſter Punkt ift der Berg Cynthus 
[Eintiv]. 4. Ihr zunädft liegt Rhene [Groß:Delo], wel: 
de Anticlides Celaduſſa, und Hellaniens Artemis nennt. 





%, Die Entfernung beträgt nicht viel fiber eine Meile, 
* Bon dnkos, Offenbar, ſichtbar. 


—Wiertes Buch. er ‘1: 


Dann Eommen: Gyros [Syro], deren Umfang nad) ber Anz 
gabe der Alten 20,000 Schritte [4 M.], nad) Mucias 
nus aber 160,600 Schritte [32 M.] betragen fol; ) Olia⸗ 
ros [Antiparo] und Paros [Paro] mit einer gleichnamigen 
Stadt [Pariia] und 38,000-Schritte [7?; M.] von Delos 
entfernt. Sie ift durch ihren Marmor berühmt, und hieß 
"zuerft Platen, fpäter Minois. 5. Endlih 7,500 Schritte 
[it M.] von ihr und 18,000 Schritte [3 M.] **) von 
Delos liegt Naros [Rakfha) mit einer gleichnamigen Stade 
[Nakſcha]. Zuerſt hieß fle Strongyle, dann Dia nnd fpäter 
Dionyfias [Bachusinfel], wegen der Ergiebigkeit ihrer 
Beingärten ; Andere nannten fie KleinsGizilien oder Eallis 
yolis. Ihr Umfang beträgt 75,000 Schritte [18 M]: fie 
iſt alfo um die Hälfte größer als Paros. 

XXIII. 41. Bis hieher läßt man die Encladen reichen: 
die nun folgenden andern Infeln nennt man die Gporaden 
F3erftrenten]. Ihre Namen find: Helene [Pira], Phacuſſa 
[Gofiniſſa]), Nicafla [Rachia], Echinuffa [Stinoffa], Pho⸗ 
Iegandros [Policandro] und Icaros [Micaria], weldhe dem 
Meere um fie den Namen gegeben hat. Die lebtere iſt 47,000 
Schritte [32. M.] von Naros entfernt, und ift audy gerade . 
fo lang; fle hat noch zwei Städte, eine dritte ift zu Grund 
gegangen. Früher hieß fie and) Dolihe, Macris und Ich⸗ 
thyoẽſſa. 2. Sie liegt’50,000 Schritte [10 M.] ſüdöſtlich 
von Delos; von Samos [Sıifam-Adaft] ift fie 35,000 Gchritte 





*) Syro ift nicht viel über zwei Duabratmeilen groß, 
ee) Iſt wohl ein Schreibfehler; denn Naxos ift weiter von Des 
los entfernt als Paros. 
“ 5 3f 


5856 C. Plinius Naturgefchichte. 


[7 M.] entfernt. Bon ihr bis zum Vorgebirg Geräſtum 
find, Die 40,000 Schritte [2 M.] breite Straße zwifchen Eu⸗ 
: bda und Andros mit einbegriffen, 412,500 Schritte [22'/. M.]. 
Bei den übrigen Infeln können wir weiter Peiner- beflimm: 
ten Ordnung folgen, fondern müſſen fie fummarifth nach 
einander aufzählen, nämlich: Scyros [Styro], Jos [Nie], 
früher Phönice genannt, 24,000 Schritte [4’; M.] von Na⸗ 
xos, 25,000 Schritte [5 M-] lang und ehrwürdig durch Ho⸗ 
mers Grabmal, Dbia, Letandros [Ucariez], Gyaros [Jura] 
mit einer Stadt. Ihr Umfang beträgt 12,000 Schritte 
[27 M.]: von. Andros ift fie 62,000 Schritte [12% M.) 
entfernt. 3. Weiterhin Fommen Syrnos, 80,000 Schritte 
[16 M.] von Gyaros, Eynäthus, Telos [Piscopio], berühmt 
durch feine Galbe *) und von Callimachus Agathufla ge⸗ 
nannt, Donufa [Stenicz], Patmos (Palmoſa], deren Um: 
fang 30,000 Schritte [6 M.] beträgt, Coraflä (Burni], Les 
binthus [Revita] , Leros ILero], Cinara, Sicinus [Syfino], 
früher Oenoẽ genannt, Hieracia, früher Onus, Caſus [Ca⸗ 
ſo], früher Aſtrabe, Cimolus [Eimofo], früher Echinuſſa, 
Melos [Milo], mit einer gleihnamigen Stadt; Wriflides 
nennt diefe Inſel Byblis, Ariſtoteles Zephyria, Callimachus 
Mimallis, Heraclides Siphnus nnd Acytos. Sie iſt bie 
rundeſte **) von allen. A. Dann kommen: Machia [Pa- 
zimadi], Hypere [Amorgo], font Patage (nad Anbern 
Platage), jet Amorgos genannt, Polyägos [Polino], Phys 
le, Thera [Santorini]., nady ihrem Auftauchen aus dem 





*) Bol. 8. XHI, Kay. 2. 
*) Jede gute Landkarte beweist dad Gegentheil. 





Biertes Bud. e 437 


Meer zuerft Calliſte genannt; von ihr riß fi fpäter The 
rafla [Tirefia] los, und zwifchen beiden entftand bald daranf 
QAutomate, die. auch Hiera [Aspronifl] heißt, und zu unfes 
rer Zeit entfland neben diefer Hiera Thia Nea⸗Kaimeni]. 
Jos ift von Thera 25,000 Schritte [5 M.] entfernt. 

5. Es folgen nun Lea [Pianofi], Ascania [Efriftiana], 
Anaphe [Nanfi], Hippuris, Aſtypaläa [Stampalia] mit 
freier Verfaſſung. Ihr Umfang beträgt 88,000 Schritte 
117; M.], und ihre Entfernung vom Berge Cadiſtus auf 
Creta 125,000 Schritte [25 M.]; 60,000 Schritte [12-M.} 
von ihr liegt: Platea; 38,000 Schritte [7° M.] von dieſer 
Eamina. Ferner find zu hemerken: Azibintha, Lanife, Tragia, 
Pharmacuſa, Techedia, Ehalcia ſKalki], Calydna, auf weils 
cher die Stadt Eoos, Calymna [Calamine], welche von 
Carpathus, die dem Carpathiſchen Meer den Namen gab, 
35,000 Schritte [5 M.} entfernt ift. 6. Bon hier im nordöfffis 
her Richtung bis nach Rhodus find 50,000 Schritte [10 M.]; 
von Carpathus nad Caſus 7,000 Schritte [12, M.]; von 
Caſus bis zu dem Vorgebirg Samonium auf Ereta. 50,000 
Schritte [6 M.]. Fu dem Eubdifchen Eurwus, faft gerade 
am Fingange, liegen die vier Petaliſchen Infeln Spili] und 
am Ausgange Atalante [Talanda]. Die Eycladen und Spo⸗ 
saden werden öſtlich von. den Fcarifchen Küften Aflens, weſt⸗ 
lich von den Myrtoiſchen Küften Wttica’s, nördlich von, dem 
Aegäiſchen Meere, ſüdlich von den Eretifchen- und Earpathi: 
fen Meere begrenzt, und dehnen (id auf einem 700,000 
Schriite [140 MI laugen umb 200,060 Saritte [40 M.} 
Breiten Raume aus, ' 

"7. Ben. dem Pagaſiſchen Meerbaſen [Golf von Bole)] 


- 


v 


458 C. Plinius Naturheſchichte. | 


liegen: Eutychia Agios Nicolaos], Cicynethus [Zriteri]; 
die fchon oben genannte Gcyros, Die äußerfte der ECycladen 
und Sporaden ; Gerontia [Zura] und Scandila [Sfangero] ; 
vor dem Thermäifchen [Golf von Salonichi] Irrheſſa, So⸗ 
limnia, Eudemia [Sarakin] und Nea [Agio Strati], welche 
der Minerva heilig ifl; vor dem Berge Athos vier: Pepas 
rethus [Piperi), einft Evönus genannt, mit einer Stadt und 
9000 Schritte [1?/; MI groß, Sciathus [Sfiato], 15,000 
Schritte [5 M.], Imbrus, mit einer Stadt, 88,000 Schritte 
groß. Sie ift 25,000 Schritte [5 M.] von .‚Maftufla [Eapo 
Greco] auf dem Eherfones entfernt, hat einen Umfang von 
72,000 Schritten (14%; M.], und mird von dem Fluſſe Iliſ⸗ 
fus bewäffert. 8. Lemnos [Etalimeno)], welche 22,000 Schritte 
[A’s M.] von ihr und 87,000 Schritte [177 M.] vom 
Berge Athos liegt, hat einen Umfang von 112,500 Schritten 
[22 M.) und die Stätte Hephäſtia [KRochino] und Myr 
rina [Lemnos), auf deren Markt der Athos bei der Sommer: 
fonnenwende feinen Schatten wirft. Bon ihr ift die freie 
Anfel Thaſſos [Tafo], fonft Asria oder Aethria genannt, 
5000 Schritte [A M.] entfernt. 9. Von ihr Dis nad) Abe 
dera auf dem Feftlande find 22,000 Schritte [a’; M.], bis 
zum Athos 62,000 Echritte [12% M.], und eben fo weit if 
es bis zur freien Inſel Samothrace [Samotraki], welde 
vor der Mündung des Hebrus ljegt, von Imbros 32,000 _ 
Schritte [6% M.], von Lemnos 22,000 Schritte [2 M.] 
und von der Küfte Thraciens 38,000 Schritte [7% M.] ent⸗ 
ferntift, und einen Umfang von 32,000 Schritten [6’; M.] 
hat. Auf ihr erhebt fich der Berg Saoce [Monte Nettuno], 
und fle hat von allen den größten Mangel an Häfen. Nach 


/ 








Biertes Bud. sg 


Sallimachus war ihr alter Name Darbania. Zwiſchen dem 
Eherfones und Samothrace, und zwar von beiden ungefähr . 
415,000 Schritte [3 M.] entfernt, liegt Haloneſos [Pelagnefi] 5 
weiterhin kommen: Gethone, Lamponia, Alopeconneſus, *) 
nicht weit von dem Hafen Eölus [Kitidbahr) auf dem Eher« 
fones, und noch einige andere Nubebentende. 40. Auch die 
Namen ber übrigen öden Infeln in diefem Buſen **) follen, 
in fo weit fle aufzufinden waren, angeführt werden. - Sie 
beißen: Deſticos, Larnos, Cyſſiros, Carbruſa, Ealathufa, 
Scylla, Draconon, Arconeſus, Diethuſa, Scapos, Capheris, 
Meſate, Aeantion, Pateronneſos, Pateria, Calate, Neriphus 
und Polendos. ***) 

XXIV. 4. Der vierte der großen Bufen Europa’s bes 
ginnt-am Hellespont, und enbigt an der Mündung der Mäos 
tis [Afowfchen- Meereg]. Wir wollen vorerft aber’ die Ges 
ſtalt des ganzen Pontus ſſchwarzen Meeres] zu veranfchans 
lichen fuchen, damit man die einzelnen Theile defto Teichter 
erkennen möge. Das ungeheure vor- Allen liegende und 


*) Plinius Tieß fi) wahrfcheinlich durch hen Namen verleiten, 
die Stadt Alopeconneſus, welche auf dem Thracifchen Chers 
ſones (beim Cap Gteli Burun) lag, als Inſel aufzuzählen. 

”*) In dem großen Bufen nämlich, weicher bad Sonifche und 
das Aegäifhe Meer in fidy begreift. — Die neueren Nas 
men biefer nicht näher beftimmten Inſeln aufzufinden if 
wohl unmöglid,. 

Plinius ift in der Angabe ter Maaße der Entfernungen ber 
Inſeln von einander und der Groͤße ber einzelnen ſehr 
ungenau, Die Berichtigung diefer Zahlen (wo fie möglich 
if) würde aber mehr Raum verlangen, ald dem Ueberſe⸗ 
ger für bie Anmerkungen geflattet iſt. 


3 


440 C. Plinius Naturgeſchichte. 


durch die von Europa her ſich vorlehnende Küſte des Cher⸗ 
ſones zurückgedräugte Meer bricht durch einen engen Paß 
in das Land ein, und ſcheidet durch einen (wie wir fchon *) 
gefagt haben) fieben Stadien breiten Zwiſchenraum Europa 
von Aſien. "2. Die erfie Meerenge neunt man Hellespont. 
Meder fie führte der Perſerkönig Rerxes auf einer von ihm 
gefhlagenen Echiffbrüde fein Heer. Diefer ſchmale Euripus 
‚reicht 86,000 Schritte [17Y/s M.] weit bis zur Uflatifchen 
Stadt Priapus [Karaboa], wo Alexander der Große über: 
‚ feste. Bon hier an dehnt fid) Das Meer in die Breite, zieht 
ſich aber bald wieder ganz eng zufammen: die Ausdehnung . 
nennt man die Propontis [Marmormeer],_die Enge den 
Zhracifchen Bosporus [Meerenge von Konflantinopel], der 
500 Schritte [12 Minuten] breit ift, und über weichen Da⸗ 
rius, der Vater des Xerxes, auf einer Brüde feine Truppen 
herüberbrachte. **) Die ganze Länge vom Hellespont an bes 
trägt 259,000 Schritte [47% M.]. 3. Dann komme ein un« 
geheures Meer, jetzt Pontus Eurinus ſſchwarzes Meer], 
früher aber Axenus ***) genannt, welches bis in weit ent⸗ 
legene Gegenden reicht, und von einer fi in großer Aus⸗ 
dehnung herumziehenden Kuͤſte umfchloffen ift. Rückwärts [ge 
gen Norden] beugt es. ſich in Zwei Hörner, und dringt durch 
Diefe noch weiter in das Land, fo daß es völlig die Geſtalt eis 
nes Scothiſchen Bogens erhält. In der Mitte der Beugung 
vereinigt es fih mit def Mündung des Maͤotiſchen Gerd, 
*). Kap. 18. $. 
+, Mol, Herodot 22 88. | 
.96*) Curinns, das wiethlich, axenus bad unwirthliche Meer. 


‘ 


Viertes Bud. 444 


Diefe Mündung heißt der Cimmeriſche Bosporus [Meer⸗ 
‚enge von Caffa], und ift 2500 Schritte [4 Stunde] breit. 
4. Die gerade Entfernung zwifchhen den beiden Bosporen, 
Dem Thracifhen und dem Cimmeriſchen, beträgt nad) der 
Angabe des Polybins 500,000 Schritte [400 M.], der Um⸗ 
fang des ganzen Pontus aber nady der Angabe des M. 
Barro und faft aller älteren Schriftfteller 2,150,000 Gchritte 
[330 M.], nad) Cornelius Nepos noch 350,000 Schritte 
[70 M.] mehr; nad Artemidorus beträgt er 2,919,000 
Schritte [583 M.], nad) Agrippa 2,460,000 Schritte 
[a92 M.], nah Mucianus 2,425,000 Schritte [485 M.]. 
Eben fo ift .man über das Maaß der Europäifchen Seite 
nicht einig, indem es Diefe auf 1,478,500 Schritte [205/10 M.], 
Jene auf 1,172,000 Schritte [2357/5 M.] beflimmen. 5. M. 
Varro mißt auf folgende Weile: von dee Mündung des 
Pontus bis nach. Apollonia [Sizeboli] 187,500 Gchritte 
[37% M.]; bis nad) Ealatis [Schablefer] eben fo viel; bis 
‘zur Mündung des Iſter 125,000 Schritte [25 M.]; bis zum 
Borpfipenes [Dnieper] 250.000 Schritte [50 M.]; bis zu 
der von den Heracleoten erbauten Stadt Cherronefug [SChers 
fon] 375,000 Schritte [75 M.]; bie nad, Panticapäum 
[Kertfh], von Manchen aud) Bosporus genannt, der Außer: 
ften Stadt anf der Europäiſchen Küſte, 222,509 Gchritte 
[44!/; M.]: zuſammen alfo 4,337,500 Schritte [267% M.]. 
Agrippa rechnet von Byzanz bis zum Fluſſe Iſter 560,000 
Schritte [112 M.], und von da- bis nad) Panticapäum 
630,000 Schritte [126 M.]. 6. Der Maͤotiſche See felbft, 
- welcher den von den Riphäifchen Bergen *) berabftrömenden 


*, Die Alten ſelbſt Hatten Beine klaren Begriffe von der Lage 





442 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und die änßerſte Grenze zwiſchen Europa und Aſien bilden⸗ 
den Tanais [Don] aufnimmt, ſoll einen Umfang von 1,406,000 
Schritten [281% M.] haben; Andere nehmen nur 4,125,000 
Schritte [225 M.] an. Bon feiner Mündung bie zur Mün« 
dung des Tanais beträgt der gerade Weg nach einflimmiger 
Angabe 585,000 Schritte [77 M.). Die Völker an der 
Küfte diefes Buſens bie nach Iſtropolis [Kara : Kerman] 
hin wurden ſchon bei der Befchreibung von Thracien anges 
führt. Wir Pommen jest zu den Mündungen des Iſter. 

7. Diefer Fluß entfpringt in Oermanien an dem Abs 
hange des Berges Abnoba [im Schwarzwald], der Sallifchen 
Stadt Rauricum [Augfl] gegenüber, viele Meiten jenfeits 
der Alpen; ftrömt, fortwährend durch viele Gewäffer immer 
mehr anſchwellend, unter dem Namen Danubius dur das 
Gebiet zahllofer Völker, bis er bei feinem Eintritt in Illy⸗ 
ricam den Namen Sfter annimmt, und wälzt ſich, nachdem 
er fechzig Flüſſe, von denen faft die Hälfte ſchiffbar iſt, aufe 
genommen hat, durch ſechs ungeheure Mündungen in den 
Pontus. Zuerſt kommt die Mündung Pence [Porteffa] und 
dabei die Inſel Peuce [Piczina], von welcher diefer an ihr 
vorbeiftrömende Arm feinen Namen hat; er wird von einem 
19,000 Echritte [3*s M.] Aroßen Sumpfe verſchlungen. 
Durdy baffelbe Strombeit wird aud oberhalb Iſtropolis 
ein See gebildet, weicher einen Umfang von 65,000 Schritten 
f12?s-M.] hat und Halmyris [Ramfln] genannt wird. Die 
zweite Mündung heißt Naracuftoma [Kutſchuk], die dritte 


dieſer Berge; daß Übrigens ber Don aus bem See Iwa⸗ 
nowskoe Oſero zum Borfchein kommt, if bekannt. 





Diertes Bud). 443 


Ealonſtoma [Kedrilie] bei der Inſel Sarmatica, die vierte 
Pſendoſtomon [Salvoa]; auf der von ihr gebildeten Juſel 
iſt Eonopon diabaſis [Bliegenübergang]; dann kommen noch 
Die Mündungen Boreoftoma [Suline] und Spireoftoma [©. 


Kill. 9) Alle diefe einzelnen Arme find aber fo gewaltig, 


[2 


daß man behauptet, fie behalten 40,000 Schritte [8 M.] 


weit die Oberhand über das Meer, wie man aus dem füßen 


Geſchmacke deffelben auf diefer Strecke ſchließen könne. 
XXV. 4. Bon dem Iſter an wohnen zwar Überhaupt 
nur Scythiſche Völker; **) doc, haben verfchiedene derfelben 
nach einander die Küftenftriche in Befls gehabt. Bald waren 
es die Seten, von den Römern Dacier genannt; bald die 
Garmaten, weldhe bei den Griechen Sanromater heißen, nnd 


unter dieren befonderd die Hamarobier [Magenbewohner] . 


und YHorfer, bald die ausgearteten und von Sclaven abflam: 
menden Scythen oder Troglodyten (Höhlenbewohner] ; bald 
Die Aanen und Rhoralanen: In den höheren Gegenden 
zwifchen dem Danubins und dem Herchnifchen [Thüringer] 
Walde bis zu dem Pannonifhen Winterlager Carnuntum 
[Deusfdr, Altenburg) und der Germanifchen Grenze daſelbſt 


=) Die von den Donaumünbungen gebilbeten Infeln find uns 
Bis jegt zu wenig bekannt, als daß eine genügende Erkiäs 
rung der Plinianifhen Befchreibung möglid, wäre. 

**) Sie verbreiteten fidy von der Donau bid zum Aſowſchen 
Meere ; die einzelnen Stämme wechſelien, wie ſchon ans 
diefer Stelle hervorgeht, häufig ihre Sitze. Fine weitere 
Erörterung über ihren Aufenthalt zu verfhiebenen Zeiten 

iſt Hier nicht möglih, und wir verweifen deßhalb auf K. 
Mannert's Geographie der Griechen und Römer, Bd. IV, 
(„der Norden ber Erbe,“ Leipz. 1820. 8.) ©. 160— 278. 


N 


444 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſind die Felder und Ebenen von den Sarmatiſchen Jazygen, 
die Berge und Wälder aber bis zum Fluſſe Pathiſſus [THeis) 
pin von den durch dieſe vertriebenen Daciern bemohnt. 
2. Auf der entgegengefeßten Seite, vom Marus [Morama] 
an (oder mag es auch die Duria [Tyrna] ſeyn, welche fie 
[die Dacier) von den Suevyen und dem Reiche des. Baus 
nins *) trennt), haben die Bafterner nnd weiterhin andere 
Germaniſche Stämme ihre Wohnfise. **) Nach Agrippa bes 
trägt die Länge diefed ganzen Landſtrichs vom fer bis 
zum Dcean 1,200,000 Schritte [240 M.], die Breite aber 
von den Steppen Sarmatiens bis zum Fluſſe Viſtula [Weich⸗ 
fel] 404,000 Schritte [80% M.]. Der Name Geythen iſt 
allentHatben in den der Sarmaten und Germanen überge 
gangen, und jene alte Benennung ift nur denjenigen Stäms» 
men geblieben, welche, den übrigen Menſchen faft gänzlich 
unbekannt, die entfernteften Gegenden bewohnen. 

XXVI 4. Vom Iftee an folgen nun aber die Städte: 
Eremniscos ***) und Yepolium; die Macrocremnifchen Ber⸗ 
ge; +) der berühmte Fluß Tyra [Dnieftr] , weicher einer 
Stadt [Ovidiopol], die fon Ophiuſa hieß, den Nauren 
gab; eine geräumige Infel auf demfelben bewohnen die Toys 

2) Das Reich dieſes von den Römern vertriebenen Duabens 
fürften (Tacit. Annal. II, 63. XI, 29.) begriff das heu⸗ 
tige Mähren in fidh, 

*0) Diefe Stelle fcheint verborben zu feyn, und die Veberfegung 

mapt fit) nit an, den richtigen Sinn getroffen zu haben. 
2 Lag im Buſen von Islama. Aepolium iſt unbekannt. 

7) Wahrſcheinlich iſt die Bergreihe hoch am Duieſter, über 
Bender hin, gemeint. 


5 


Li 





Viertes Buch. 445 


rageten; *) er iſt von der Mündung bes Iſter, welche Pfen« 
boftomon Heißt, 130,000 Schritte [26 M.] entfernt. Nicht 
weit davon kommen die Ariacer, weldhe ihren Namen von 
einem. [durch ihr Gebiet firömenden] Stufe [Ariaces] **) 
haben; hinter Diefen die Erobyzer; der Fluß Rhode [Des 
ligiot] 5 der Sagarifhe Meerbufen [Golf Deligiot] und der 
Hafen Ordefus ſOkzakow]. 2. Weiterhin folgen, 420,000 
Schritte [24 M.] vom Tyra: der Fluß Boryſthenes [Dnepr]; 


ein See; ein Volk und eine Stadt deſſelben Namens: die 


legtere ift 15,000 Schritte [5 M.] vom Meere entfernt, und 
führt auch die alten Namen Dlbiopolis und Miletopolis. **”) 
An der Küfte Eommen dann wieder: der Hafen der Achäer; 
die Inſel des Achilles [Iiendra], berühmt durch das Grab: 
mal diefed Mannes; und 125,000 Schritte [25 M.] von die: 
fer eine Halbinfel, 7) welche ſich in Geſtalt eines Schwertes 
quer hinzicht, und von der auf ihr durch Achilles veranftals 
teten Kampfübung Dromos Achilleos [Lauf des Achilles] 
genannt wird. Ihre Länge beträgt nach Agrippa 80,000 
Schritte lis Sa Dieſen ganzen Landſtrich bemobnen | die 


£ D. 5. Geten, die am Fluffe Tyra wohnen; eine große Ins 
ſel findet fi Übrigens auf dem Dniefter nicht... 

27) Wielleicht der Jantaltrak. Der Bug, welchen Manche für 
ben Ariaces halten, kann es nicht ſeyn; denn er kommt 
weiter nörblid, unter dem Namen Hypanis vor. 

), Ruinen diefer Stabt findet mean brei Meilen ſablich von 
Nikolajew, am linken Ufer des Bug, nicht weit von feiner 
Mündung. Der erwähnte See ift ber Liman bed Dnepr. 

D Die Sandfpige, Defchatorw gegenüber, auf welcher das Fort 
Kinburn liegt, 


7 


‘ 


+ 





446 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Tauriſchen Scythen und die Siracer. 3. Es folgt nun eine 
waldige Gegend, von welcher das ſie beſpülende Meer den 
Namen des Hpläifchen *) erhalten hat; die Bewohner hei⸗ 
‚Ben Enäcadloer; hinter derfelben kommt der Fluß Pantica- 
pes, welcher Die Nomaden und die Ackerbauer trennt, und 
nicht weit davon der Acefinus. **) Manche behaupten, der 
Panticapes vereinige ſich unterhalb Olbia mit dem Boryſthe⸗ 
ned; genauere Forſcher aber fagen, Dieß gelte vom Hypanis 
[Bug]. In fehr großem Irrthum find alfo Die, weldhe den 
Iegteren in Aſien anſetzen. 

4. Das Meer tritt num in eine fehr tiefe Bucht fo weit 
"zurüd, bis ed nur noch durch einen Zwiſchenraum von 5000 
Schritten [ı M.] von der Mäotis getrennt ift, und zieht fidy 
um ungeheure Länderftreden und viele Völker heram. Die 
Bucht Heißt die Eareinitifhe [Golf von Perekop), der im fie 
nündende Fluß Pacyris; Städte find Naubarum und Eay« 
cine; ***) rüdwärts liegt der Gee Buges [Siwaſch], wel⸗ 
cher yon dem Coretus, 7) einem Buſen des Mäotifchen 
Sees, durch einen Felsrücken [Landaunge von Xrabat ] 


*) Von vn, Wald, Jetzt iſt dieſe zur Nogaifchen Eteppe 
gehörende Küfte völlig Fahr. 

**). Der Panticapes und ber Acefinus find wahrfcheinlich unter 
den Küftenjlüßchen Molofchnyja, Tekimak, Taſchanak und 
Karfae in der Nogaifchen Steppe zu fuchen. 

rs, Diefe Städte Iagen auf ber jest völlig öden füblihen Küſte 
ber Nogaifchen Steppe, Der Pachyris ift wahrfcheinlich 
eines der in ber vorhergehenden Anmerkung genannten Kü- 
ſtenflüßchen. 

+) Die weſtliche Beugung des Aſowſchen Meeres bat jest kei⸗ 
nen beſonderen Namen. 











Viertes Buch. 447 


getreunt iſt. 5. In ihn münden bie Flüſſe: Buges [Gal⸗ 
gir], Gerrhus] [Karaſu] und Hypanis, *) welche von vers 
ſchiedenen Richtungen herkommen (denn der Gerrhus treunt 
die Baſiliden **) und die Nomaden); der Hypanis fließt 
durch ein von Menfchenhänden gemachtes Bett durch das 
Gebiet der Nomaden und Hpläer in.den Buges, durch ein 
anderes natürliches aber in den Eorefus. Der ganze Lands 
ſtrich Heißt das Sendifhe Scythien. 

6. An dem Garcinitifhen Meerbnfen beginnt ‚die Tauri- 
ſche Halbinſel [Krim], die einft da, wo jetzt ſich Blach⸗ 
felder hinziehen, vom Meere umgeben war, aber weiter⸗ 
hin ſich zu hohen Bergrücken erhebt. Man findet auf ihr 
dreißig Völkerſtämme, von denen vierundzwanzig im In⸗ 
nern des Landes wohnen, und die ſechs Städte der Orgo⸗ 
eyner, Characener, Lagyraner, Tractarer, Archilachiter und 
Ealiorder. Auf den Berghöhen haben die Scythotaurier ihre 
Sitze. Sie werden weftlich von der Stadt Cherroneſus, Öfts 
lich von den Satarchiſchen Schthen .eingefchloffen. 7. An 
der Küfte liegen von dem Gareinitifchen Meerbufen an die 
Städte Taphrä [Perecop], auf der Landenge der Halbinfel, 
and nidyt weit davon Heraclea Cherronefus, »*) welcher 
die Römer die Freibeit fchentten. Sie hieß früher Megas 
rice, und ift der vorzüglichſte Glanzpunkt diefer ganzen 





2) Bon dem früher gefannten Kypanis verfchieden. Welchen 
Fluß aber Plinius hier meint, hat fich bis jegt nicht be- 
flimmen ‚laffen. 

**) Die fogenannten Eöniglihen Schthen. 
re) Lag etwas ſudu cher als das jetzige Arhtiar (Sewaſtopol). 


446 C. Plinius Naturgeſchichte. 

Gegend, weil fie den Griechiſchen Sitten tren geblieben iſt. 
Der Umfang ihrer Mauer beträgt 5000 Schritte [1 M.)- 
Weiterhin Eommen: das Vorgebirg Parthenium ſ[Georgiefs⸗ 
koi Muis]; die Stadt der Taurier, Placia; der Hafen Sym⸗ 
bolon [Balaklawa]; das Vorgebirg Eriumetopon [Aiadagh], 
weldyes dem Aſtatiſchen Vorgebirg Carambis [Kerempe] ges 
genüberliegt, und eine Strecke von 170,000 Schritten [34 M.) 
mitten in den Eurinus- hineintäuft, wodurch diefer haupts 
fachlich die Geftalt eines Scythiſchen Bogens erhält. 8. Bon 
hier an kommen viele Häfen und Seen ber Taurier; die 
Stadt Theodofia [Kaffe], 125,000 Schritte [25 M.] von 
Eriumetopon nnd 145,008 Schritte [29 M.] von Eherrones 
ſus entfernt. Weiterhin 9 lagen fonft die Städte: Eptä, 
Zephyrium, Acrä, Nymphäum und Dia. Zulept mennen wir 
nody das von den Milefiern erbaute Panticapäum [Kertſch], 
bei weitem die mädytigfte Stadt von allen, gerade am Eins 
gange des Bosporus. Bon Theodofia ift fie 87,000 Schritte 
[17% M.], von der jenfeits der Meerenge liegenden Stadt 
Eimmerium **) wie wir ſchon ***) gefagt Yaben) 2,500 
Schritte [1 Stunde] entfernt. -. Ein Swifhhenraum von fo 
geringer Breite trennt Aflen von Europa, und felbft diefe 
Bann meiftens, wenn die Meerenge‘ zugefroren ift, zu Buß 
überfchritten werden. 9. Die Breite ded Cimmerifchen 


® 
2) An.ber jest oden Küfte der Meerenge von Jenikale. 
ew) Ruinen dieſer Stadt findet man an ber nordweſtlichen 
Spitze ber Halbinſel Tamau. 
we K. 24. 9. 3. 


’ Biertes Ba, 449 
Bosporus: [Halbinſel Kiertſchj *) beträgt 12,500 Schritte 
(2; M.]. Darin liegen tie Städte Hermeſinum **) und 
Myrmecium, *'*) und im Innern [der Meerenge] die In: 
fel Alopere. +) Die Länge der Mästis von dem äußerſten 
Drt auf der Landenge, welcher Taphrä heißt, bis zur Min 
dung des Bosporus wird anf 268,080 &xhritte [52 Mi] an« 
gegeben. 

10. Bon Kaphrä an, nad) dem Inneren des Feſtlandes 
Mw,-- wohnen’ bie Aucheten, +4) bei welchen ber Hypanis; die 
Kenrer, bei welchen der DBorpfihenes entipringt ; die Gelo⸗ 
ner; die Iihnffageten; die Budiner; bie Bafllider und die 
Agathyrſer mit meergrünem Haare; hinter Diefen die No⸗ 
maden und noch weiterhin die Anthropophagen [Menſchen⸗ 
frefer]. Bom Buges an oberhafb. des‘ Mästifchen Sees 
figen die, Sanromaten und Effedonen; an der Küſte aber 
vdis zum Tanais [Don] die Mäster, von denen der See 
feinen Namen hat, und zulegt rüdwärts von ihnen die Arts 
-masper. Weiterhin liegen die Riphäifhen Berge und bie 





*) Die Alten nennen nicht nur bie Meerenge, fondern: auch 
die: Sübofkfpise der Tauriſchen Halbinſel Bosdorns Eim⸗ 
merius. 

, In der Gegend bed Vorgebirges Georgiefskoi Muis. 

) Etwas ſudweſtlich von der heutigen Feſtung Jenikatke. 
+) Wahrfcheinlidy eine der Fleinen Inſeln vor Kertſch. " 
"IH Im öftfihen Theil der Nogaifhen Steppe. — Es wäre 
eine audantbare Mühe, Wermuthungen: fiber die Sige ber 
andern von Plinind genannten Volker anffiellen zu wollen, 
da die Geographie biefer noͤrblichen Gegenden bei den alten 
Schriftfſtellern faſt nur aus phantaftifchen Genifden befteht, 


‚€, Plinius Naturgeſch. As Bbche, 6 


10 , CE. Plinius Naturgeſchichte. | 


Gegend, melde des ſtets herabfallenden federnähnlichen 
Schnees wegen Pterophoros *) genannt wird, ein von der 
Natur verdammter Erdtheil, in dichtes Dunkel gehüllt und 
nur geeignet zur Erzeugung der Kälte und sum eisftarrens 
den Behältniß des Norde. 

4141. Neben diefen Bergen und ‚hinter dem Rord wohnt 
(wenn wir es glauben wollen) ein glückliches Volk, Hyper⸗ 
boreer genanut, welches ein ſehr hohes Alter exzreicht, und 
überhaupt durch viele andere fabelhafte Wunder berühmt 
geworden iſt. Bei ihm ſollen die Angeln [Pole] der Welt 
und-die Außerften Punkte der Geſtirnbahnen ſeyn; ein bald 
bes Fahr Hindurd) iſt es hier ftets heil, und nur einen eins 
zigen Tag entfernt fi die Sonne, nicht aber, wie Unkun⸗ 
Dige behauptet haben, von der Frühlingstagundnachtgleiche 
bis zum Serbfte. *%) Cinmal im Jahr ; bei der Sommer: 
fonnenwende, geht ihnen die Sonne auf, und einmal im Jahr, 





 *) Ilregogpogos, feberntragend, 

vs) Gntiveder verstand Plinius hier bie von ihm benüsten Quel⸗ 
len nicht genau, ober die Stelle iſt verdborben. Wielleicht 
Pönnte durdy die Veränderung von „una die“ in „nocte‘“ 
(alfo „semestri luce er nocte“) ein befierer Sinn entfiehen ; 
man müßte aber dann nur die richtige Bebeutung des ‚sol 
aversus‘‘ (im Winter, wenn fie von. und abgewendet ifk, 
von: der Herbfitagundnachtgleicdhe biß zur Srühlingstagunb- 
nachtgleiche) erfaffen. Die Leberfegung müßte fomit lau⸗ 
ten: fie haben ein halbes Jahr Tag und ein halbes Jahr 
Nacht, und zivar das legtere, wenn bie Sonne von uns ab⸗ 

. gewendet ift, nicht aber von ber Frühlingstagundnachtgleiche 
bis zum Herbſte Calfo im Sommer), Bol, Pomp. Mela 


»5. 





Viertes Bud). 454 


bei ber Winterfonnenwende, geht fle ihnen unter. 12. Ihr 
fonniges Land erfreut fid) eines glücklichen, ſtets milden 
Klima’s, und bleibt von jedem fchädlichen Luftzug verſchont. 
gu Wohnungen dienen ihnen Wälder und Haine; die Götter 
verehren fie Mann für Mann und gemeinſchaftlich: Zwietracht 
und Kummer finds ihnen völlig unbekannt. Den Tod finden fie 
nur, wenn fie ded Lebens müde find, indem fie, nachdem fie 
fih im Alter nody einmal durch Schmanferei und Wohlleben 
recht gütlich gethan haben, von einem Zelfen in’d Meer 
fpringen. Dieß if: die glädfeligfte Art des Begräbniſſes. 
43. Manche fenen die Hyperboreer an den Außerflen Punkt 
der Kürten Aflens und nicht nad Europa, weil man bort 
ein Volk von ähnlichen Sitten und von ähnlicher Lage, die 
Attacoren nämlich, Aindet; Andre legen fie in die Mitte 
zwifhen Sonnenaufs und Untergang, zwifchen den Abend 
der Antipoden nämlich ugd unferen Morgen, was aber auf 
Feine. Weife möglidy ift, da ein fo ungeheured Meer dazwi⸗ 
fhen liegt. Diejenigen, welche ſie an keine andere Gtelle 
feßen wollen, als wo es ein halbes Jahr hindurch Tag ift, 
. ergäblen , daß fle des Morgens füen, des Mittags mähen, 
des Abends die Früchte von den Bäumen brechen und des 
Nachts ſich in, Höhlen bergen. 44. Wir mögen nicht an 
dem VBorhandenfein dieſes Volkes zweifeln, ba -fo viele 
Schriftſteller berichten, daß es. bei ihm Bitte war, die Erſt⸗ 
finge der Zrüchte nad) Delos zum Apollo, den fie befonders 
verehrten, zu ſchicken. Zuerſt überbradhten Jungfrauen dies 
felben, und wurden eine Reihe von Fahren hindurch von dem 
Völkern gaſtfreundlich geehrt; als ſie aber einmal treulos 
6* 


452 C. Plinius Naturgeſchichte. 


behandelt wurden, traf man die Einrichtung, daß man die 
Dpfergaben an die Grenzen der anftoßenden Nachbaru 
niederlegte,, und daß Diefe fie bis zum nächſten Volk tru⸗ 
‚gen, auf welche Weifelle bis nad) Delos gelangten.” Auch dieſer 
Gebrauch hörte fpäter anf. — M. Ugrippa beftimmt bie 
Länge vom Garmatien, Schthien und dem ganzen: Taurifdyen 
Landſtrich vom XFlufſe Boryſthenes an auf 980,000 Schritte 
. 198 M.], die Breite aber auf 717,000 Schritte [1434 M. ]. 
Ich halte jedoch eine zuverlaͤßige Maaßbeſtimmung dieſes 
Theiles der Erde für unmöglich. 

| XXVU. 4 Wir wollen jest mac, der einmal: angenom« 
menen Ordnung Die übrigen Mertwürdigkeiten diefes Bus 


fens anführen; Die einzelnen Meere deffeiben haben wir 


bereits genannt. 

| (zn). De Hellespont hat Beine Inſein, die bei Qu⸗ 
ropa zu nennen wären; ; indem Pontus liegen, 1509 Schritte 
[36 Minuten] von Euroya und 14,000 Schritte [2% Mi] 
von der Mündung [dev Thraciichen Meerenge], zwei, welche 
die Eyaneen, ) von Undern die Symplegaden [3ufemmens 
ſchlagenden] genannt werden, und von denen die- Sage geht, 
daß fie einmal zufammengeftoßen feyen, weil fie nämjſich, da 
fie nur durch einen geringen Ziwiſchenraum getrennt find, 
dem ihnen gerade gegenüber in den Pontus Einfahrenden 
als zwei erfcheinen, ihm aber, fobald er ein: wenig feinen 
Geſichtspunkt geändert Kat, vorkommen, als flößen fie all: 
mälig zufammen: Dieffeits des Iſter, 80,000 - Schritte 
[16 M.] vom Thracifchen Bosporus, liegt noch eine Fufel; 





*) Selfen an der äußerfien Spige de3 Bosporus, 





\ Wiertes Buch. ab3 
asmlicd, die der Apolloniater [Beſchik Adaſi], von welcher 
ER. Lu oullus den jeht auf dem Kapitol ſtehenden Apollo nach 
- Rom brachte. *) Die Juſeln, welche zwiſchen den Mün« 
dungen Des Iſter liegen, Haben wir ſchon **) angeführt. 
2. Bor dem Borpfthenes liegt Die oben ***). erwähnte Achil⸗ 
lesinſel, welche auch Leuce und Macaron 7) genannt wird, 
Eine zu unferer Zeit vorgenommene Meſſung fegt fie 
440,000 Schritte [28 M.] vom Boryſthenes, 120,000 Schritte 
[34 M.] vom Tyras und 50,000 Schritte von der Jufel 
Peuce. +7) Ihr Umfang beträgt ungefähr 10,000 Schritte 
ſ2 M.]. Die übrigen Inſeln in dem Garcinitifhen Bufen 
find: Eephalonnefos, Rhosphoduſa und Macra. ++H Che 
wir den Pontus verlaffen, müſſen wir noch die von Vielen 
‚ausgefprschene Meinung anführen, daB alle inneren Meere 
in dieſem erſten Behälter ihren Uefprung nehmen, und nidyt 
ander Gaditanifchen Meerenge, und zwar ans bem nicht zu 
verwerfenden Grunde, weil das Meer fietd aus dem Pantus 
herausfluthe, und nie in denfeiben zurückſtröme. 

3. Wir müflen jest die inneren Meere verlaffen, um 
die äußeren Grenzen Europa’s zu befchreiben ; wir gehen 
alfo, nachdem mir die Riphaiſchen Berge überſtiegen haben, 





„8 XXMIV. $ 1. s.1 . “ 
“©, 8, 24. ’$, 7. 8 
900) 8, 26. 4.2 . 
+) VInſel der Seligen, weil fich hier bes Achiues und ‚anderer 
. Hersen Seelen aufhalten. 
TH An der Donaumundung; bie Maaße find nicht: richtig, 
47*) Meuere Kasten menwen in biefem Bufen (Solf von Perekop) 
die Inſeln Tengel, Terlagon, Tendra undSabik. 


4 
x 


44 C. Plinius Naturgeſchichte. 


an der Küſte des nördlichen Ozeans fort, bis wir nach Ga⸗ 
des kommen. Mehrere Inſeln ohne Namen ſollen ff in 
dieſer Gegend finden. Von einer derſelben, die vor dem 
Scythiſchen Land, welches Raunonia heißt, *) liegt, berichtet 
Timäus, ‚daß ſie eine Tagreiſe vom Feſtlande entfernt fey, 
und daß während des Frühlings die Fluthen anf fie den 
Bernftein auswerfen. **) Die übrigen Küften kennt man 
nur aus unverbürgten Gerüchten. A. Hier ift der nördliche 
Ozean. SH weit er Schthien befpült, von dem Fluſſe Paros 
pamiſus »**) an, nennt ihn Hecatäus den Amatchifchen, 
welches Wort in der Sprache des anmwohnenden Volks „zu: 
gefroren“ bedeutet. Philemon fagt, daß er von den Eims 
bern bis zum Vorgebivge Rubeas +) Morimarufa, das heißt 
Das todte Meer, und weiterhin dag Eronifche genannt werde, 
5. Zenophon von Lampfacus erzählt, daß man nad einer 
dreitägigen. Schifffahrt von der Scythiſchen Küfte nad 
Baltia, Tr) einer Infel von ungeheurer Größe, komme; 
Pytheas mennt fie Bafilin. Auch erzählt man von den Oo⸗ 


+) Man hätt gewöhnlich (auch Mannert, Geogr. der Gr. u, 
Röm. Bd. III. Leipz. 1820. 8. S. 301) Raunonia für ben 
Namen der Infel, Die Lesart der Handfchriften (ante Scy- 
thiam, quae appellatur Raunonia, unam abesse) Täßt 
aber biefe Erklärung nicht zu, und Plinius fagt feröf, 
die Inſeln ſeyen namenlos. 
**) Man hat dieſe Inſeln wohl an ber Preußiſchen Kuſte in 
den Nehrungen des friſchen und curiſchen Haffes zu ſuchen. 
*se) Vielleicht die Ober. 
T) Wahrſcheinlich das Vorgebirg von Greenaam Kattegat. 
MM Vieleicht Schweden. 


1/3 





“- 





Viertes Bud. 466 
nen, ») auf welchen die Einwohner von Vogeleiern und 
Hafer leben, und von andern, auf welchen Menſchen mit 
Pferdefuͤßen geboren werden, Hippopgben [Pferdefüßler ] 
genannt; eben fo von den Infeln der Banefier [Langohren], 
welche den fonft völlig nadten Körper mit ihren übermäßig 
großen Ohren ganz bededen. 

6. Erft mit dem Volke der Ingävoner, **) welches 
auf diefer Seite das erfte in Germanien ift, fangen die 
Nachrichten an zuperläßiger zu werden. Hier ift der unges 
heure Berg Sevo, ”**) welcher der Niphäifchen Gebirge 
kette an Ausdehnung nichts nachgibt, und einen überaus 
großen Bufen bis nad) dem Borgebirg der Eimbrer [Kap 
Skagen] bildet, welcher Eodanns +) heißt und mit Infeln 
angefüllt ift. Die berühmtefte derjelben ift Scandinavia, ++) 
von unbetannter Größe. In dem befannten Theil allein 
wohnt, fo viel man weiß, das Volk der Hiflevionen in 500 
Gemeinden; fie nennen ihre Inſel den andern Erdfreis. 
7. Für nihe Kleiner hält man Eningie, Tr} weldes 
Land fi) nad) der Behauptung Mancher bis zum Fluß Vi⸗ 


2) Eierinſeln. Es wäre lächerlich, die Lage dieſer und der 
andern ſabelhaſten Inſeln erforſchen zu wollen. 
**, Vgl. Über fie die Anmerkung zum folgenden Kapitel. 
»22) YAn ber deutfhen Küfte der Oftfee findet ſich Fein fo großes 
Gebirg, und man hat nad Mannert. (Geogr. b. Gr. u, 
Rom. Bd. III ©. 312) den Sevo in dem Kidlen, welcher 
. Schweden und Norwegen treint, gu fischen. 
+ Die Südmefifeite der Ofifee. 
+4) Sübfpige von Schweben. \ 
+4) VBermuthli Finnland, > 


456 C. Plinius Naͤturgeſchichte. 


ſtula (Weichfei] hingieht, und von den Sarmaten, Vene⸗ 
dern, Scirern und Hirrern bewohnt wird. Dieſer Bufen 
heiße, ſagen fie, Epfirenus, *) und an feiner Mündung liege - 
die Inſel Latris; *%) der darauf folgende andere Bufen aber . 
‚heiße Lagnus, **") und gränze an die Cimbern. Das weit 
in das Meer hinauslaufende Borgebirg der Eimbern ‚bildet 
eine ‚Hakbinfel, welche Cartris [Hütland] genannt wird. 
Bon hier an find durch die Waffen der Römer dreiundzwau⸗ 
zig Infeln bekannt geworden. Die berühmseften derfelben 
And: Burchana, +) von den Unſrigen wegen einer bort wild 
wachſenden bohmenähnlihen Frucht Fabaria [Bohneninfel] 
genannt; Glefſaria ++) (wie fie bei unfern Soldaten wegen 
Bed Bernfteind beißt), von den Barbaren Auſtrania genannt, 
und außerdem noch Actania. Tr) 

XXVHI, 4. An diefem ganzen Meere bie zum Zluffe 
Scaldis [Schetde] wohnen Germaniſche Völker ;:.die Bröße 
ihres Landes if aber nicht zu ermitteln, da ſich die Bericht: 
erftatter fo unmäßig vwiderfprechen. Die Griechen und 
Manche der Unfrigen geben als Maaß der Küſte Germaniens 
3,500,000 Schritte [500 M.] an; Agrippa beſtimmt die 
Länge Germaniens, Rhätien und Noricum mit inbegriffen, 


*) GSüdfeite der Oftfer. 
2) Mielleicht Seeland, 
"0, Wahrſcheinlich das Cattegat. 

+) Borkum, ber Emsmändung ‚gegenüber, 

+) Ameland Aber MWefifriedland, Der Name kommt vom 
Glessum (Bernftein), und if wahrſcheinlich verwandt mit 
dem dentfhen Wort Glas. 

HH Vielleicht die Inſel Schelling in Frietland. 





Biertes Bud). 457 


auf 896,000 Schritte [ISg RR. und die Breite auf 448,000 
Gieitte [29% M.]. 

(sr). Die Breite von RhHätten allein, weidyed um die 
Zeit feines Todes unterjocht wurde, *) beträgt aber ſchon 
wehr, und Germanien felbft wurde erſt vieke Jahre fpäter, 
und nicht einmal ganz, befannt. Nach meiner Vermuthung, 
wenn eine ſolche gefbattet ift, mag das Maaß der Küſte nicht 
viel geringer ſeyn, als die Griechen annehmen, und die 
Breite des Landes nicht viel weniger betragen, als Agrippa 
angibt. 2. Die Germanen theiten fi im fünf Hauptſtämme, 
nämlich in die Vindiler, *°) zu denen :die Burgundionen, *°*) 
bie Bariner, +) die @ariner ++) und die Guttonen h) 
gehören; in den andern Hauptſtamm der Ingäponen, +*) 
deflen Beſtandtheile die @imbrer, +**) die Tensonen +°**) 


2) Agrippa farb im 3. 12 vor Chr. Nhätien murbe im 
J. 15 unterjocdht, 

”, Die Bindiier (Mendalen ?), welche übrigens nicht, "wie Plis 
nius meint, ein Hauptvölkerſtamm waren, wohnten auf 
dem nördlichen Theile des Rieſengebirgs uud der Laufitz. 

247), Mon ber Oder His gegen die Weichſel, in ben Gegenden 
ber Warthe, 
+) An ber Warue. 

Tr) Kommen nur bei Plinius vor, und find unbelaunt, Marche 

halten fie für eine verfchriebene Wiederholung -her Barmer. 
TH) An der MWeichfel und in Preußen. 

+”) Diefer Stamm umfapte die, Bölfer am nörblichen Ozean, 
von den, Münbungen des Rheins bis zur Weſtkaſte ‚ber 
Opfer, von ber Zuyberiee bid zur Traveniz ‚in Holſtein. 

12 In Holftein und Hktiand. _ 

4 y Im Lauenburgiſchen und im Mettenkung. 


468 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und die Stämme der Ehaucer *) bilden; in bie Iſtävo⸗ 
nen, **) zunächſt am Nhein, zu welchen man die weiter 


im Inneren wohnenden Cimbrer ***) zählt, und in bie 


Hermionen, +) zu welchen die Sueven, ++) die Hermundu⸗ 
rer, t++) die Chatten +?) und die Eherudcer +**) gehören. 
Der fünfte Hauptflamm find die Peuciner und Baſterner, +***) 
welche an die oben *+) genannten Dacier gränzen. . 5. Bes 
deutende Zlüffe, weldhe in den Djean münten, find: der 
Buttalus [Pregeli], der Viſtillus oder die Viſtula ſ[Weich⸗ 
fel] , der Albis [Elbe], der Bifurgis [Weſer], der Amiflus 
[Ems], der Rhenns [RHein] und die Mofa [Maas]. Im 
Inneren dehnt ſich der Hercyniſche Bergrücken, *+r) der 
feinem andern an Berühmtheit nafteht, aus. 

- XXIX (ıv) In dem Rheine felbft liegen die un⸗ 
gefähr 100,000 Schritte [20 M.] lange Inſel der Bataver 
und Cannenufater *444) und die übrigen Infeln der ſriſſer, 


”, Sp Oſtfriesland, Oldenburg und Bremen, 
”* Sie wohnten in dem Landfiriche, welcher fih von ber öfklis 
hen Mündung bes Rheins rückwärts His zum Main hinzieht., 
“+, In, den Preußifhen Provinzen Eleve, Berg und Niederrhein. 
+) Eollectioname für bie Wälder Mittelbeutfchlanbs. 
+H Nordwärts von den Ufern ber Donau, in Mähren, 
+rH In Thüringen und nody weiter nach der Elbe bin. 
+°) In Heffen, Hanau, Fuld und Sfenburg. 
” Im Harze und auf beiden Seiten beffelben. 
+”*°) An den Mündungen ber Donau, in den Karpathen, in Ga⸗ 
lizien und Pobolien, 
*)) Kap. 25. 1 . \ 
+7) Die ganze Strede von Bergen und Wäldern, vom Tha⸗ 
ringer Wald gegen Oſten bis nach Ungarn. 
"HH Man nennt jetzt noch die von den Rheinarmen and dem 
Meere eingeffoffene Inſel Betuwe. 








Biertes Bud. 469 


der Ehancer , der Friffabonen, der Sturier ımd der Marfa- 
eier, *) welche ſich zwiſchen dem Helius [Waal] und dem 
Flevus [Flie) hinziehen. So heißen nämlich, die Mündungen, 
in welden der Rhein angftrömt, und ſich nördlich in Seen 
[Zuyderſee] und wertlich in den Fluß Mofa ergicht; zwifchen 
beiden ift eine mittlere Mündung, deren mäßiges Bett allein 
den Namen ‚behält. 

XXX (avı). 4. Diefer Gegend gegenüber, zwiſchen 
Norden und Weiten, liegt die in den Geſchichtsbüchern der 
Griechen und unferes Volkes berühmte Infel Britannia, von 
Germanien, Gallien und. Hispanien, dein bei weitem größten 
Ländern Europa's, durch einen weiten Iwifchenraum ges 
trennt. Gie hieß fonft Albion; denn Britannien nannte man 
die Geſammtheit aller Infeln, von welchen ſogleich die Rede 
feyn wird. Bon Gefforiacum [Boulogne⸗ſur-⸗mer] an der 
Küfte des Volkes der Moriner bis zu ihr beträgt tie fürs 
zefte Weberfahrt 50,000 Schritte [10 M.]; ihr Umfang aber 
wird von Pytheas und Ffidorus auf 3,825,000 Schritte 
[765 M.]-angegeben. Während eines Seitraumes von bei⸗ 
nahe dreißig Jahren hat die Kenntniß dieſes Landes durch 
die Römifchen Waffen nicht über die Nachbarfchaft des Ca⸗ 
ledoniſchen Waldes **) hinaus erweitert werden Pönnen. 





*, Die Srifier, Chaucer und GSturier wohnten zwifchen ber 
öftlihen Mündung bed Nheind, dem Ozean, ber Emd und 
der Bechte, alfo in DOftfriedland, Gröningen unb im ndedlis 
hen Theil von Oberpyfſel; bie Srifiabonen am Zunderfee 
und auf den früher in demfelben vorhandenen Inſeln, unb 
die Marfacier in Seeland. 

”*, Der Landſtrich, weichen dad Grampiangebirg durchzieht. 


Ls 


t 


458 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und die Stämme ber Ehaucer *) bilden; in die Iſtävo⸗ 
nen, **) zunächſt am Rhein, zu welchen man die weiter 


im Inneren wohnenden Cimbrer ***) zählt, und in bie 


Hermionen, +) zu welchen die Sueven, +7) die Hermundu⸗ 
rer, ++) die Chatten T*%) und die Eherudcer +**) gehören. 
Der fünfte Hauptſtamm find die Penciner und Bafterner, +***%) 
weldhe an die oben *4) genannten Dacier gränzen. 3. Bes 
deutende Flüſſe, welche in den Djean münten, find: der 
Guttalus [Pregel], der Viſtillus oder die Viſtula [Weich⸗ 
ſel), der Albis ſElbe], der Viſurgis [Mefer], der Amiflus 
[Ems], der Rhenud [Rhein] und die Mofa [Mans]. Im 
Inneren dehnt ſich der Hercyniſche Bergrüden, *47) der 
feinem andern an Berühmtheit nacfteht, aus. 
XXIX (zv) In dem Rheine felbft liegen die un: 
gefähr 100,000 Schritte [20 M.] lange Inſel der Bataver 
und Gannenufater *++) und die übrigen Snfeln der ſriſſer, 


*) In Oſtfriesland, Oldenburg und Bremen, 
”* Sie wohnten in dem Landſtriche, welcher ſich von der ontli⸗ 
hen Mündung bes Rheins rückwaͤrts bis zum Main hinzieht. 
””*, In den Preußifhen Provinzen Eleve, Berg und Niederrhein. 
+) Collectivname für bie Völker Mittelbeutfchlayds. 
+ Norbwärts von ben Ufern ber Donau, in Mähren, 
+r+) In Thüringen und noch weiter nady der Elbe hin, 
+*) In Helfen, Hanau, Fuld und Sfenburg. 
ꝓes) Im Harze und auf beiden Seiten beffelben. 
+°°°) An ben Mündungen ber Donau, in ben Karpathen, in Ga⸗ 
lizien und Pobolien, 
*}) Rap. 28. $. ' 
+) Die ganze Stiede von Vergen und Wäldern, vom Tha⸗ 
ringer Wald gegen Oſten bis nach Ungarn. 
14) Man nennt jegt noch die von ben Rheinarmen and dem 
Meere aingeſchloſſene Inſel Betuwe. 





Biertes Bud. 469 


der Chaucer, der $riffabonen, der Sturier nd der Marias 
eier, *) welche ſich zwiſchen dem Helius IWaal] und dem 
Flevus [Flie] Hinziehen. So heißen naͤmlich die Mündungen, 


in welchen der Rhein ausſtroͤmt, und ſich nördlich in Seen 


[Zuyderſee] und weſtlich in den Fluß Mofa ergießt; zwiſchen 
beiden ift eine mittlere Mündung, deren mäßiges Bett allein 
den Namen dehält. 

XXX ‘(xv). 4. Dieſer Gegend gegenüber, zwiſchen 
Norden und Werften, liegt die in den Geſchichtsbüchern der 
Griechen und unferes Volkes berühmte Inſel Britannid, von 
Germanien, Sallien und. Hispanien, den bei weitem größten 
Ländern Europa's, durch einen weiten Zwifchenraum ges 
trennt. Gie hieß fonft Albion; denn Britannien nannte man 
die Geſammtheit aller Infeln, von welchen fogleidy die Rede 
feygn wird. Bon Gefforiacum [Boufognesfurzmer] an der 
Küfte des Volkes der Moriner bis zu ihr beträgt die fürs 
zefte Weberfahrt 50,000 Schritte [10 M.]; ibr Umfang aber 
wird von Pytheas und Ifdorus auf 3,825,000 Schritte 
[765 M.].angegeben. Während eines Zeitraumes von bei- 
nahe dreißig Fahren hat die Kenntniß diefes Landes durch 
die Römifchen Waffen nicht über Die Nachbarfchaft des Ca: 
ledoniſchen Waldes **) hinaus erweitert werden Pönnen. 


*%, Die Frifier, Chaucer und Sturier wohnten zwifchen ber 
Öftlichen Mündung bed Rheins, dem Ozean, ber Ems und, 
der Bechte, alfo in Dftfriedland, Gröningen und im nöebli« 
hen Theil von Oberpffel ; ; bie Srifiabonen am Zuyderſee 
und auf den früher in demſelben vorhandenen Inſeln, und 
die-Marfacier in Seeland. 

22) Der Lanbitrich, weichen das Grampiangebirg durchzieht. 


a 


wo 6. Plinius Naturgeſchichte. 


3. Agrippa fchäpt Die Länge Britanniens auf 800,000 Schritte 
[160 M.], die Breite aber ‚auf 300,900 Schritte [so M.1; 
für die Breite Hibernia's [Irtands] nimmt er eben fo viel " 
Schritte, für die Länge aber 200, 000 Schritte [40 M.] wer 
niger an. Diefe Jufel liegt jenſeits Britanniens, und bie 
kürzeſte Ueberfahrt vom Volke:der Siluren ) aus beträgt 
30,000 Schritte [6 M.]. »*) Keine der Übrigen Juſein ſoll 
mehr ald 425,000 Schritte [25 M.] im ‚Umfange haben. 
Diefe find: die vierzig Orcaden [Orkneys], ***) nur durch 
mäßige Zwiſchenräume von einander getrennt; bie ſieben 
Acmoden [Shetlands] +) und die dreißig Hätuden 'ERebri- 
den]; ++) ferner zwifchen Hibernien und Britannien: Moua 
[Anglefea], Monapia [Man], Ricina, Bectid [Wight], 
Limaus [Dalkey] und Andros ſArran]; unterhalb derſelben 
Siambis und Axantos ++r), und anf det andern Seite, nach 
dem Germanifchen Meere hin, die zerſtreut liegenden Gleſ⸗ 
farien, +”) welche Die neueren Mriechen &lectriden nennen, 
weil fih Hier ‚ber Bernflein Eleetrum] erzmgt. 3. Die 
legte aller befannten Infeln iſt Thule [Island ?], auf weicher, 





*, Im heutigen Wales, 
”*) Die angegebenen Maape, bie ſaͤmmtlich ſalſch find, laſſen 
ſich durch jebe Landkarte berichtigen. 
es) Gigentlich 67, von welchen aber nur 29 bewohnt find. 
+) Die Infeiugruppe beſteht aus 86 Eilanden, von denen aur 
17 bewohnt find. 
+4) Es find ihrer mehr. al 200, doch nur 87 mit: Einwohnern, 
+++), Sollen nad) Eintgen Lie an der frauzoſiſchen Küfte liegens 
den Infel Sian und Queſſant fen. Könwte man nicht 
eher die größten ber Scillpinſeln vermuthen:? 
) S. Kay. 27. 5.7. 





\ - Bieetis: Bud. 4 
wie wir ſchon ) angegeben haben, während der Sommer⸗ 


ſonnemnwende, wenn die Sonne durch das Zeichen des Rred⸗ 


ſes geht, keine Nacht, während des Winters dagegen kein 
Tag if; und zwar ſoll Dieſes abwechſelnd immer ganze 
ſechs Monate hindurch der Fall ſeyn. Der Geſchichtſchreiber 
Timaus erzählt, daß man nach einer Reiſe ron ſechs Tagen 
von Britannien nach dem Feſtlande hin anf die Inſel Mice 
tig »ꝛ Eomme, wo man das weiße Blei finde, und dab die 
Britannier anf geflochtenen und mit‘ Leder umnähten Fahr: 
zeugen nad) derfeiben hinſchiffen. Manche erwähnen auch 
nody andere Infeln, als: Scanbia, ») Dumna, +) Bergi ++) 
und Nerigos, +++) die größte von allen, vom welcher aus 
man nach Thule ſchiffe. Eine Tagreife hinter Thule ift das 
Meer, welches von Einigen das Croniſche genannt wird, 
gefroren. 

XXX (sv) 4. &m. Gallien, weicher man unter 
dem Gefammtnamen Comata +”) verſteht, theift fi unter 
drei Hauptvötkerſchaften. Vom Staldis [Scheide] bis zur 
Sequaua [Seine] reidyt das Belgiſche, vom diefer bis zur 





2) B. I. & 71. 
., MWielleicht eine und. dieſelbe · nat Bectis (Wight). 
vs, Mahrſcheinlich die Weſtkuͤſte von Schweden. 
+) Soll die Inſel Hay ſeyn. 
+ Man vermuthet darunter bie Gegend um Bergen. 
+4H Wahrfcheintich Norwegen. Die Alten hielten Schweden und 
Norwegen, deren Öftliche und norbdoͤſtliche Köfen unbekannt 
waren, für Inſeln. 
49% Das vehaarte, weil feine Bewohner Lange Haupthaare 
trugen. ‘ 


— 


462 C. Plinius Naturgeſchichte. / 


Garumna [Garonne] das: Eeltifche oder Lugdunenſiſche, und 


von da bis zur Abdachung der Pyrenäen das Aquitaniſche 
Gallien, weiches früher dag Aremoriſche hieß. Nach Agrippa 
mißt die ganze Küfte 1,800,000 Schritte [360 M.]; ganz 
Gallien aber zwifhen dem Rhein, den Pyrenfäen, dem 
Dean und den Bebirgen Gebenna [Eevennen] und Jura, 
durch weldye es von dem Narbonenfifchen Gallien *) geſchie⸗ 
den ift, in der Länge 420,000 Schritte [84 M.] und in der 
Breite 318,000 Schritte [637 M.]J. 2. Den äußerften 
Strich vom Scaldis an bewohnen die Torandrer FTeſſender⸗ 
[00], **) deren Gemeinden verſchiedene Namen haben; dann 
tommen die Menapier [Bemappe]; die Moriner; *°*) die 
Dromanfacer, nahe an dem Orte Gefforiacum [Boulogne]; 
die Britanner; die Ambianer ; +) die Bellovacer [Beauvais]; 
ferner nad) dem Inneren des Landes hin die, Caftologer [Re 


die freien Sueflloner [Soiffons] ; die freien Ulmaneter [Seu⸗ 


lis); die Zungrer [Tongres]; die Gunucer [Limburg]; dies 


Sriflaboner [Enremburg]; die Betafer [Bethunes]s; die freien 
Leucer [Lüttich]; die fonft freien [iegt mit und verbündeten] 
Zreverer [Trier] ; die verbünbeten Lingoner [Rangres]; die v ers 
bündeten Remer [Rheims]; die Mediomatricer [Meb] ; die 


6.8.11. 8.5. 


**) In ben Klammern ift ſtets ber neuere Name, des Hauptorts 
Jeder Gemeinde angegeben. 


"> Sm Departemeft Pas de Ealais, in welchem auch bie Bri⸗ 


tanner wohnten, 
4 Im Departement der Somme, 


e 


r 


Chatelet]; die Atrebater [Arras] ; die freien Mervier [Bas 
vay]; die VBeromanduer Vermandois]; dieSueconer [Chauny); | 





— —— 





Viertes Buch. 463 


Sequaner ſBeſangon]; die Rauricer *) und die Helvetier; **) 
die Colonien Equeſtris [Nyon] und Rauriaca. In derfelben 
Provinz, und Zwar am Rhein, wohnen auch Bermanifche 
Stämme, nämlid) die Nemeter [Speier] ; die Tribocher [Straß- 
burg]; die Vangionen [Worms], und weiterhin die Ubier, 
Ebei welchen] die Agrippinenfifhe Colonie [Köln]; die Su: 
berner f80d]; ; die Bataver.und tie andern Stämme, welche 
wir auf den Jnſeln des Rheins genannt haben. ***) 
XXXH (vın). 1. Im Lugdunenſiſchen Gallien findet 
man die Lerovier [Liffeur]; die Vellocaſſer [Ronen]; die 
Galleter [Lilebonne] : die Veneter [Bannes]; die Abrincas 
tuer [Uprandyes]; die Oflemier [St. Vol de Leon]; den 
bedeutenten Fluß. Ligeris [Loire]; die noch viel merkwür⸗ 
digere Halbinſel, welche ſich von der Grenze der Dfismier 
an in den Ozean hinausdehnt, 625,000 Schritte [125 M.] 
im Umfange bat, und an dem Halfe, der fie mit dem Lande 
verbindet, 425,000 Schritte [25 M.] breit ift, +) und jen- 
feits dieſer Halbinfel die Nanneter [Nantes]. 2. Im In⸗ 
neren aber wohnen die mit uns verbündeten Aeduer ſAutun]; 
die ebenfalld verbündeten Carnuter [Ehartres] ; die Boier 
[Moulins]; die Senguer [Sens]; die Aulercer, welche fid) 
zum Theil Eburovicer [Paffy-furs@ure] und zum Theil Ce⸗ 
nomaner [lie Mans] nennen; die freien Melder [Meaur]; 


4 Im Departement Haut⸗Rhein. 

2) In der weſtlichen Schweiz. 

*os) Rap, 29. 

-P) Plinius meint die. Halbinfel, weiche von Avranches bis zur‘ 
Loire reicht, die aber an ber Seite, welche fie mit dem 
Lande verbindet, nur 21 M. breit ift. / 


— 


462 C. Plinius Naturgeſchichte. / 


Garumna [Garonne] das Celtiſche oder Lugdunenſiſche, und 
von da bis zur Abdachung der Pyrenäen das Aquitauiſche 
Gallien, weldyes früher dag Aremoriſche hieß. Nach Agrippa 
mißt die ganze Küſte 1,800,000 Schritte [360 M.]; ganz 
Sallien aber zwifhen dem Rhein, den Pyrenden, dem 
Ozean und den Bebirgen Gebenna [E&eveunen] und Zura, 
durch welche es von dem Narbonenfifchen Gallien geſchie⸗ 
den ift, in der Länge 420,000 Schritte [84 M.] und in der 
Breite 348,000 Schritte [63° M.]. 2. Den äußerften 
Strich vom Scaldis an bewohnen die Torandrer FXeffender: 
100], **) deren Gemeinden verfchiedene Namen haben; dann 
fommen die Menapier [Gemappe]; die Moriner; "9 die 
Dromanfacer, nahe an dem Orte Gefforiacum [Boulognel; 
die Britanner; die Ambianer ; +) die Bellovacer [Beauvais]; 
ferner nad) dem Inneren des Landes hin die Eaftologer [fe 


‘ Ehatelet]; die Atrebater Arras]; die freien Nervier [Ba⸗ 


vay]; die Veromanduer [Bermandoig]; dieSueconer [Ehaunp); 
die freien Sueffloner [Soiſſons]; die freien Ulmaneter [Sen⸗ 
lis; die Zungrer [Tongres]; die Sunucer [Limburg]; dies 
Sriflaboner [Euremburg]; die Betafer [Bethunes); die freien 
Zeucer [Lüttich]; die fonft freien Fjegt mit uns verbündeten] 
Treverer [Trier] ;dieverbündeten Lingoner [Rangres]; die v ers 
bündeten Remer [Rheims]; die Mediomatricer [Meg]; die 


6.8. 11. 8.5. 


**, Sn den Klammern ift fletö ber neuere Name bes Hauptorts 
jeder Gemeinde angegeben. 
u Im Departemeht Pas de Ealais, in welchem auch bie Bri⸗ 
tanner wohnten, | 
‚» Im Departement der Somme. 


r 








Viertes Buch. 463 


Eequaner [Befancon]; die Rauricer *) und die Helvetier; **) 
die Eolonien Equeftris [Nyon] und Rauriaca. Ju derfelben 
Provinz, und war am Nhein, wohnen auch Bermanifche 
Stämme, nämlidy die Nemeter [Speier] ; die Tribocher [Straßs 
burg]; die Vangionen [Worms], und weiterhin die Ubier, 
khei welchen] die Agrippinenſiſche Colonie [Köln]; die Gu⸗ 
berner IGoch]; die Bataver.und tie andern Stämme, weldye 
wir auf den Inſeln des Rheins genannt haben. ***) 
XXXH (avın). 1. Im Lugdunenfiihen Gallien findet 
man die Lerovier [Liſteux]); die Vellocaffer [Rouen]; die 
Galleter [Lillebonne] : die Veneter [Banned]; die Abrincas 
tuer [Avranches]; die Oflsmier [St. Pol de Leon]; den 
bedeutenten Fluß. Ligeris [Loire]; die noch viel merfwürs 
digere Hatbinfel, welche fidy von der Grenze der Dfismier 
an in den Ozean hinausdehnt, 625,000 Schritte [125 M.] 
im Umfange bat, und an dem Halfe, der fie mit dem Lande 
verbindet, 125,000 Schritte [25 M.] breit ift, +) und jen- 
feitd diefer Halbinfel die Nanneter [Nantes]. 2. Im In⸗ 
neren aber wohnen die mit uns verbündeten Aeduer [Autun); 
die ebenfalls verbündeten Sarnuter [Ehartred]; die. Boier 
[Moulins]; die Senduer [Gens]; die Aulercer, welde ſich 
zum Theil Eburovicer [Pafiy-furs@ure] und zum Theil Ees 
nomaner [le Mans] nennen; die freien Melder. [Meaux]; 


9 Im Departement Haut⸗Rhein. 
**) In ber weſtlichen Schweiz. 
”>*), Rap. 29. 
PT Plinius meint die Halbinfel, welche von Avranches bis zur‘ 
foire reicht, die aber an der Seite, welche fie mit dem 
Lande verbindet, nur 21 M. breit if. - , 


464 C. Plinius Naturgeiſchichte. 


Die- Pazifier. [Paris]; die Trecaffer Troyes); die Andega⸗ 
ver: [(Angers]; die Bidncaſſer Vienx bei Caen]; die Bodiv⸗ 
caſſer [Bez]; die Uneller [im Mauche⸗Departement]; bie 
Cariosveliter Eorfenil]; die Diablinder [Mayenne] ; die 
Rhedoner [Rennes]; die Turoner [Tours]; die Atefuer 
[IMeudan] und die freien Geruflawer, in deren ‚Gebiet bie 
Estonie Lugdunun [Lyon] liegt. - 

XXXIH (xix). 4. Im Aquitanuiſchen Gallien wohnen 
die Ambilatrer [Ambiatet]; die Anagnuter [St. Xignan] ; 
die Pictonen [Pritiers]; die freien Santoner [Saintes]; 
die freien Bitnriger [Bordeaur] ‚ weldie den Beinamen 
Ubiscer führen; die Aquitaner [Mire], von weichen die Pros 
vinz ihren Namen hat; die Gedtboniater; *) weiterhin bie 
in eine Stadt vereinigten Convener [S. Bertrand de Com⸗ 
mingesd ; **) die Begerrer [Tarbes]; die Tarbeller [Dar], 
mit vier Feldzeichen; ***) die Cocofater [Marenfin], mit 
ſechs Feldzeichen ; die: Benamer [Beynes]; die Onpbrifater 
[Lebret]; dieMelender [Belin]. Dann folgt:der Pyrenäen⸗ 
wald, und unterhalb deſſelben Eommen die Monefer [Monein] 5 
die Bergosquidater: [Houciles]; die Sibyllater [Sobuſſe]; 
bie. Camponer [Bampon];. die. Bercortater [Biscarofie] ;. 





*) Wahefcheinlich im, Departement ber NRieder⸗pyrenaͤen. 

**) Mon comnvenire ’ (gufammentommen). Sie hielten ſich 
"nämlich früher in den Wälbern auf, und machten bie Um⸗ 
gegend unficher; auf Befehl des Pompeine mußten ſie ſi ſich 
in einer Stadt vereinigen. 

eas) Soll wabrſcheinlich heißen, daß eben fe, viele: Truppenab⸗ 
theilungen bei ihnen in Beſatzung lagen. 


x 








Bierted Buch. A65 


be Bipedimuer; die Gaffuminer; ) die Bellgter [Rieus ° 
Kt ; die Tornater TTournan]; die Gonforanner ; **) Die 


uscer [Auch] ; die Eluſater [Enſe]; die Gottiater [605]; 
Die Feld: Osquidater [Offun]; die Succafler [Eeflas}; vie 


"Zarufater [le Zurfan] 5 die Bafabocater [Bazas]; die Vaſ⸗ 


feer ; -die Sennater ; die Sambolectrer [Cambo bas de⸗Cla⸗ 
zence] ; die Ageſinater [Lufignan], weldye an bie Pickoner 
[Poitiers] grängen ; weiterhin die freien Bituriger [Bours 
ges] , welche auch Cuber genannt werden; uͤnd nach Dieſen 
die. Lemovicer [Limoges]; die freien Arverner [Elermont] , 
und die Gabaler [Javoulx]. 2. Un die Narbonenfiiche 
Provinz gränzen die Rutener [Mhodez];. die Cadurcer fCa⸗ 
pox8];. die Untobroger [Agen] und die Petrocorer [Peris 
aueuxg, weide durch den Fluß Tarnes [Tarn] von den 
Zolofanern [Zouloufe] getrennt find. Die Küfle wird von 
folgenden Meeren befpüit: vom nördlichen Ozean bis zum 
Rhein, von dem Britanniſchen zwifchen dem Rhein und der 
Sequana, und von dem Galliſchen zwifchen ihr ‚und dem 
Pyrenäen. Zu nennen find noch mehrere Infeln der Bes _ 
neter, die andy die Venetiſchen heißen, ***) und Wiarus 
[Oleron] im Aquitaniſchen Meerbufen. 
XXXIV (ax). 1. An dem VBorgebirg ber Pyrenäen 
[Eabo de la Higuera] beginnt Hispanıen, welches hier nicht 
nur fchmaler als Gallien, fondern auch (wie wir fhon +) 
gefagt haben) ſchmaler als feine eigene füdliche Hälfte ift, 
a die ungeheure Moffe von der einen Geite. burdy den 
jean, und von der andern durch das Iberiſche Meer zus 
ſammengedrängt wird. Selbſt die Pprenäentetten, welche 


t 
*) Sm Dorbögne: Departement. Die Ripehimuer find mir 
unbekannt. nn 
2) Gm ArriegesDepartement, - u 
>, m, Morbiham:Departement. Die größte berfelben Heißt 
jest Belle⸗Isle. we 
DD» III. K. 516 | , 


‚€, Plinins Naturgefh. a6 Sm. 7 


\ Ss 


466 : C. Plinius Naturgeſchichte. | 


fih von Oſten nady Südweſten *) hinzieben, machen His⸗ 
panien auf der nördlichen Geite kürzer, als auf der fädlichen. 
Die nächfte Küſte **) iſt das| diefleitige oder das Taraed⸗ 
nenfifhe Spanien. In ihm liegen von den Pyrenäen an 
längs des Ozeans das Waldgebirg der Vasconen [Gnipuz⸗ 
eva]; Dlarfo [Oyarftın]; die Städte der Varduler, namlich 
Morosgi [Motrico]), Menosca [S. Sebaftian) und Veſpe⸗ 
ries [Bermes]; der Hafen der Amanen, wo fih nun die 
Eolonie Flaviodriga [Portugalete] befindet ; das Gebiet der 
Santabrer ***) mit neun Gemeinden ; der Fluß Sanda [Baia]; 
- der Hafen Bictoria Juliobrigenſuum [Santander]. 2. Bon 
dieſem Orte find die Quellen des Iberus [Ebro] 40,000 
Schritte 18 M.] entfernt. Dann kommen: der Hafen 
Blendium [Blencta]; die Orgenomescer , ein Cantabriſcther 
Stamm ‚mit ihrem Hafen Bereafueca [Laredo]; das Ge: 
biet der Afturer ; +) die Stadt Noega [Gijon] ; die Päflcer 
auf einer Halbinfel; +7) weiterhin vom Fluſſe Navilubio 
[Nalon] der Lucenſiſche Gerichtsbezirk [Lugo] ; die Eibarcer 
[2uarca] ;.die Egovarrer [Alvare], welche aud) den Beina: 
men Namariner führen ; die Jadoner; die Urrotreber ; +++) 


*) Man hat biefe Stelle gewöhnlich mißverfianden und zu 
: verbeffern gefucht , naͤmlich occasus brumalis (Südtveften) 
in occasus aestivus (Meften), weil man immer nur 
an ben Theil der Pyrenaͤen dachte, welcher Frankreich von 
Spanien fcheibet, nicht aber an die fih von ber Hauptmaffe 
ablöfenden Seitenzweige, welche Spanien durchziehen. 

”*) Mon dem Aauitanifhen Gallien an. Das Tararonenfifche 
Spanien umfaßte Navarra, Arragonien, Catalonien und 
Theile von Eaftilien uub Valencia. 

202), Im weitlichen Theile von la Montana und in der Norbs 
hälfte der Provinzen Palencia und Xoro. 

P» In den Provinzen Afturias und Leon. 

tr) Um Eabo de Pennas in Afturien. 

' TH Der Text fcheint hier fehr verborben zu fen. Auch kom⸗ 
men biefe Namen nirgends vor. 








Viertes Bud. Ä 467 


das Geltifche Borgebirg [Finisterre]; die Flüffe Florins [De 
Dro] und Nelo [Allonos]. 3. Dann folgen die @elticer, 
weine den Beinamen Nerier führen; ) über Diefen bie 
Tamaricer, anf deren Halbinfel [Eabo Billane] ih die drei 
von. Geftius ”*) dem Auguſtus geweihten Altäre befinden; 
die Eaporer [Gantiago de Eompoftella]; die Stadt Noela 
ERoalla] ; die Eelticer, welche den Beinamen Präfamars 
cer ***) führen; die Cilener [Ealdas de Ren). Bon den 
Inſeln find zu bemerken : Eorticata [Balvora] und Yunios 
[Ous]. Bon den Eilenern an gehören zum Bracarifchen 
Serichtöbezirt [Braga] die Helener [ Pontevedra] ; bie 
Gravier und ihr Kafell Tyde [Tuy], beide Staͤmme Grie⸗ 
hifhen Urfprungs; die Infeln Eicä_[Eie#] ; die berühmte 
Stadt Abodrica [Ferrol]; der Fluß Minius [Minho], wel 
her an feiner Mündung 2000 Schritte [* M.] breit if; 
die Leuner; die Seurber; Auguſta [Braga], die Hauptitadt 
der Bracarer, hinter welchen Ballscia +) liegt. 4. Bu bes 
merken (ind noch dex Fluß Limia [Linda] und der Duriuss 
from [Duero], einer der größten Hispaniens. Er enıfprinat 
im Gebiete der Pelendoner, ++) fließt an Numantia +++) 
vorüber, durch Das Gebiet der Arevacer und Baccder, trennt. 
die Vettoner von Aſturien, die Galläcer von LZufltanien, 
und macht die Gränze zwifhen den Turdulern und Bracas 


*, Am Vorgebirg Finisterre. 
*0) Diefer Seftins ift fonft unbefannt ; die Altäre wurden nach dem 
Feldzug gegen die Eantabrer (24—18 vor Ehr.) errichtet. 
340), Beide Volker bewohnten ben Laubſtrich zwifchen beim Duero 
und Minho. 
+) Diefes Land begriff, einige. kleine Küftenftriche ausgenom⸗ 
men, Galtzien, Afturien, Theile von Leon und WBallabolib, 
und die Portugiefifhen Provinzen Eutre Duero y Minho 
und Tras los Montes in fid,. 
+ In der Provinz Burgos. ' 
++), Bon Numantia und den andern in-biefem Kapitel noch vorkoms 
menden Bölfern war ſchon B. III, 8.3, u. 4 die Rede. 


j 


168 . €. Plinius Naturgeſchichte. 


rern. Der ganze befchriehene Landſtrich von den Pyrenden 
an iſt reich an Bergwerken, in welden man Gold, Silber, 
@ifen, ſchwarzes und weißes Blei gewinnt. B 

XXXV XxXi). 1. Am Durius beginnt Luſitania [Por⸗ 
tugal)], und wir finden hier zuerſt die alten Turduler; °) 
die Päfurer [G. Joan de Pesqueira] ; den Fluß Bacca 
[Bonga]; die Stadt Zalabrica [Talavera de la Reyna)]; 


Stadt und Fluß Weminium [Dorf Minho und Flußchen 
Buadalete]; die Städte Conimbrica [Eoimbra]; Collippo 


[Covilho]; Eburobritium [Aveiro]. Bon hier aus läuft 
Die ungeheure Spitze eines. Vorgebirges [Drtegal] in die 


hohe See: Einige nennen ed das Artabrifche, “Andere das 


Große, Viele auch von- der dabei liegenden Gtadt [Dfis 
fipo, Lisboa] das Oliſtponiſche. Es fheidet Länder, Meere 
und Alima; denn mit ihm endigt die Seite Hifpaniens, deffen 
Borbdertheit, ſobald man am daffelbe herum iſt, beginnt. Auf 
diefer Seite ift Norden und ber Gallifhe Ozean; auf der 
andern Welten und der Atlantifhe Ozean., 2. Der Vor⸗ 
fprung des Caps wird gewöhnlich auf 86,000 Schritte [12 M.], 
von Manchen aber anf 90,000 Schritte [138 M.] angegeben. 
Nicht Wenige beftimmen die Entfernung von hier bis zu 
den Pyrenfäen auf 1,250,000 Schritte [250 M.], und feben 
durch einen offenbaren Irrthum das Volk der Artabrer, 


welches nie vorhanden war, in diefe Begend. Sie fegen- 


nämlid durch Berwechfelung einiger Buchſtaben die Arro⸗ 
treber, die, wie wir oben **) fugten, vor dem Eeltifchen Vor⸗ 
gebirge wöhnten, hieher. 


5. Auch bei den berühmten Flüſſen hat man ſich ge. 


irrt. Bon dem oben ***) genanuten Minius ift (nad) Varro's 

Angabe) der Aeminius 200,000 Schritte [a0 M.] entfernt. 
Manche fegen diefen anderswohin, und nennen ihn Limäa 

[Lima], Bei den Alten heißt er der Fluß der Vergeſſenheit, 

”) Auf ber GSübfeite bes Duero. 

**) Rap. 34. 8. 2. | 

") Ebend. 5, 3. 





x 








DViertes Buch. 469 
imd viele Fabeln knupfen ſich an ihn.“) Die Entfernung 
vom Durius bis zum Tagus [Tafo}, zwiſchen welchen noch 
die Munda [Mondego]. fließt, beträgt 200.000 Schritte 
[RO M.]. Dem Tajus rühmt man nad, daß fein Gand 
Gold mit ſich führe. *%) 160,000 Schritte [52 M.] von ihm 
fpringt faft in. der Mitte der Worberfeite  Hispaniens das 
beilige Vorgebirg [S. Vincente] vor. 4. Die Entfer⸗ 
nung von ihm bis zur Mitte der Pyrenäen beirdgt nad) 
. Barro 1,400,000 Schritte [280 M.]; bis zum Anas [On« 
Diana], den wir als Gränze zwifhen LZufltania und Bätica 
angegeben haben, ***) 126,000 Schritte [25'/ M.], und 
bie nach Bades mod, 102,000 Schritte, [20% M.j mehr. 
Die Völkerſtämme, welche dieſen Landftridy bewohnen, find 
Die Celticer, die Turduler, die Vettoner am Tagus nnd 
die Lufltaner vom Anas bis zum heiligen Vorgebirg. Ber 
rühnite Städte an der Küfte vom Tajus an find: Olifipo 
[2ieboa], beſonders deßhalb bekannt, weil daſetbſt die Stu⸗ 
ten durch den Weſtwind trächtig werden; +) Salacia 
Fuec do Gall. welche den Beinamen „Kaiferfladt* führt; 
erobriea [Santiagb de Eacem] : dann folgen das heilige 
Borgebirg und ein anderes, welches Cuneus Le. Maria] 
heißt, und die Städte Dffonoba [Eftomba], Balfa [Upalhan] . 


und Mortilis [Mertola]. | u , 

5. Die ganze Provinz wird in drei Gerichts bezirke ein: 

getheilt: den Emeritenfifhen [Meridal; den Pacenfifdien 

:-[Beja] und den: Scalabifanifhen [Santarem], und, zählt 
“ | . 


*) Nach der Sage vergagen bie Turbuler und Eelten, weiche 
- auf einem Zuge begriffen waren, an feinen Ufer ihr Bors 
baden . und bie Heimkehr. Man fchrieb es ber Wirkung 
des Fluſſes zu, und Brutus hatte große Mühe, feine Sols 
daten zum Mebergang über benfelben zu bewegen. gl. 
Sloras II, 17. | . 
Bal. B. XXXIII. 8, 21. Pomp. Meta IE, 1. 
ↄoꝰ9 B. MIII. &. 2%, 1. 
- DB UL K. 3. 5. 10. 


1 - 
[4 ’ {) 


468 . €. Plinius Naturgeſchichte. 
rern. Der ganze beſchriebene Landftrich von den Dyrenden 
an tft reih an Bergwerken, in welchen man Bold, Silber, 


@ifen, ſchwarzes und weißes Blei gewinnt. oo. . 
XXXV Gxi). 4. Am Durius beginnt Lufltania [Por⸗ 


tugal], und wir finden hier zuerſt die alten Turduler; ”)- 


Die Päfurer [S. Idao de Pesqueira); den Fluß Vacca 
[Bonga]; die Stadt Zalabrica [Talavera be la Reyna)]; 


Stade und Fluß Weminium [Dorf Minho und Fluͤßchen 


Buadalete]; die Städte Conimbrica [Eoimbra]; Eollippo 


I[Covilho]; Eburobritium [Aveiro]. on hier aus läuft 


die ungeheure Spitze eines Vorgebirges ſOrtegal] ik die 


hohe See: Einige nennen es das Artabriſche, Andere das 


Große, Viele auch von der dabei liegenden Stadt [Dfis 
fipo, Lisboa] das Oliſtponiſche. Es fcheidet Länder, Meere 
und Klima; denn mit ihm endigt die Geite Hifpaniens, deſſen 
Bordertheit, fobald man um daffelbe herum iſt, beginnt. Auf 
diefer Seite ift Norden und der Gallifhe Dean; auf der 
andern Welten und der Atlantifche Ozean. 2. Der Bor 
fprung des Caps wird gewöhnlich auf 60,000 Schritte [12 M.]; 
von Mandyen aber auf 90,000 Schritte [13 M.] angegeben 
Nicht Wenige beftimmen die Entfernung von hier bis zu 
den Pyrenäen auf 1,250,000 Schritte [250 M.], und fegen 
durch einen offenbaren Irrthum das Volk der Artabrer, 


welches nie vorbanden war, in diefe Gegend. Gie fegen - 


nämlid) durch Verwechſelung einiger Buchftaben die Arro⸗ 
treber, die, wie wir oben **) fugten, vor dem Celtifchen Vor⸗ 
gebirge wohnten, hieher 


3. Auch bei den berühmten Flüſſen hat man fi ger. 


irrt. Bon dem oben ***) genannten Minius ift (nach Barro’s 
Angabe) der Aeminius 200,000 Schritte [40 M.] entfernt. 
Manche fepen dieſen anderswohin, nnd nennen ihn Limäa 
[Lima]. Bei den Alten heißt er der Fluß der Vergeſſenheit, 


*%) Auf der Gübdfeite des Duero. 
**, Ray. 34. 6. 2. 
) Ebend. 5, 3, 


x 





heißt, und die Städte Dffonoba [Eſtomba] ‚Ba 


x 


Diertes Bud, 469 


md viele Fabeln Inüpfen ſich an ihn.“) Die Entfernung 
vom Durius bis zum Tagus [Tafo], zwiſchen welchen noch 


die Munda [Mondego]. fließt, beträgt 200.000 Schritte 


[Ro M.]. Dem Tajus rühmt man nad), daß fein Sand 
Gold mit ſich führe. *”) 160,000 Schritte [52 M.] von ihm 
fpringt faft in der Mitte der WBorderfeite  Hispaniens das 
beilige Vorgebirg [S. Bincente] vor. 4. Die Cutfer: 
ang von ihm Bid zur Mitte der Pyrenäen beträgt nady 


. Barro 1,400,000 Schritte [280 M.]; bis zum Auas [On 


Diana], den wir als Gränze zwifhen Lufltania und Bätica 
angegeben haben, ***) 126,000 Schritte f25'/ M.], und 
bi6 nach Gades nocd 102,000 Schritte [20% M.] mehr. 
Die Völkerſtämme, welche diefen Landſtrich bewohnen, find 
Die Eelticer, die Turduler, die Vettouer am Tagus nnd 
die Zufitaner vom Anas bis zum heiligen Worgebivg Ber 
rühnite Städte an der Küſte vom Tajus an find: Olifipo 
ſeisboa], befonders deßhalb bekannt, weil daſetbſt Die Stu⸗ 
ten dur den Weſtwind träcdtig werben ; +) Galacia 
Faeg do Gall. welche den Beinamen „Kaiſerſtadt“ führt; 
erobrica [Santiagb de Eacem] : dann folgen das heilige 
Borgebirg und ein anderes, welches Eunens LE. Maria] 
F fa (Apalhas 

und Myrtilis [Mertola]. 


5. Die ganze Provinz wird in drei Gerichts bezirke ein⸗ 
getheilt: den Emeritenfifhen [Meridals den Pacenſiſchen 


Beja] und den: Scalabitanifhen [Santarem], und, zählt 
— — — A 


*) Nach der Sage vergaßen bie Turbuler und Eelten, weiche 
- auf einem Zuge begriffen waren, an feinen Uferh ihr Bors 
baden und bie Heimkehr. Man fchrieb ed ber Wirkung 
bes Fluſſes zu, und Brutus Hatte große Mühe, feine Sols 
daten zum Webergang über benfelben zu bewegen. Val. 
Storus II, 17. | 
) 28H... XXXIL 8. 21. Pomp. Mela II, 1. 
,31.826 1. 
7) B. III. K. 3. 5 10. 


/ 


A 


470 C. Plinius Naturgeſchichte. 


46 Gemeinden, unter denen ſich fünf Colonien, eine Muni⸗ 
cipalftadt- mit Römifhem Bürgerrecht, drei mit Altlateini- 
fhem Bürgerrecht und 36 Ddienftpflichtige befinden. Die 
Eotonien find: Augufta Emerita [Meriva], am Bluffe Anas; 
die Metallinenfifiche [Medelin] ; die Pacenfifche [Bein]; die 
Norbenfifche [Alcantara), welche auch die Eäfarifche heißt 
und zu der Caſtra Julia [Trurilo] und Eaftra Cäcitia [Ca⸗ 
zar de Cazeres] achören; und die fünfte Scalabis [Santa⸗ 
: rem], weiche and Prafidium Julium heißt.. Die Munizis 
palſtadt mit Römifhem Bürgerrecht ift Oliſipo, welche auch 
den. Beinamen Felicitas Julia führt. Die Städte mit 
Altlateinifchem ‚Bürgerrecht find Ebora [Evora], welde 
auch Liberalitas Julia heißt ; ferner Mortilis uud Salacia, 
weldye wir fchon angeführt haben. 6. Bon den Dienftpflidy- 
tigen können außer den ſchon bei Bätica. unter ähnlichen 
Benennungen aufgezählten *) allenfalls noch namhaft ges 
macht werden: Die Auguftobrigenfer [Muro] ; die Ammien=, 
fer [Almeida] ; die Aranditaner [Abrantes] ; die Arabricenfer- 
[Brega] ; die Batfenfer [Apalhao]; die Cäfarobricenfer [Ein- 
dad Rodrigo]; die Gaperenfer [las Ventas de Caparra]; 
die Gaurenfer [Eoria]; die Eolarner [Billa Cova a _Eoel- 
heira] ; die Eibilitaner ; die Concordienfer [Ea Guarda] ; Die 
Eihocorier [Celorico]; die Interannienfer; die Lanciener 
[Sollanco] ; die Mirobrigenfer [Miranda], welche den Beis 
namen Eelticer führen; die Medubrigenfer,, Die auch: Plum⸗ 
barier; die Ocelenſer [Bermofelle], die andy Zancienfer ; die 
Turdufer, **) die auch Barduler genannt werden, und. die 
Taporer [Tavoral. 7. Agrippa aibt die Länge Lufltaniens, 
Aſturien und Galläcien mit. einbegriffen, auf 540,000 Schritte 
[108 M.] und die Breite auf 556,000 Schritte [107% M.] 
an. ***) Der Umfang des gefammten Hifpaniens aber nu längs 
der. zwifchen den beiden Borgebirgen der Pprenden durch die 


*) B. III. Kay. 3. 5. 10. 
**) In der Gegend von Badajoz. Bol. B. IL 8. 3. $. 10. 
*e*) Die Maaße find, wie gewöhnlich, unrichtig. — 





Viertes Buch. 474 
‚Meere ſich hinziebenden Küfte 2,922,000 Schritte [594° M.], 
nach Andern 2,600,000 Schritte [520 M.] betragen, 
XXXVI. 4. Geltiberien gegenüber liegen mehrere In⸗ 
feln, welche wegen ihrer &rgiebigkeit au Blei bei den Gries 
wen die Baffiscriden [Blerinfein] heißen, ”) nnd in ber 
Richtung des Borgebirges der Arrotreber [Binisterre] Die 
ſechs Bötterinfeln, **) von Manchen auch die Gtüdfeligen 
genannt. An der Gpige von Bätica, 25,000 Schritte [5 M.) 
.Don der Meerenge [von Gibraltar] liegt Gadir [Isla de 
Zeon], nady der Ungabe des Poinbius 412,000 Schritte 
[2 M.] lang und 3,000 Schritte [’s M.) breit. Bon dem 
zeften Lande ift fie an dem dieſem zunächſt liegenden Punkte 
. weniger ald 700 Fuß, an den übrigen Gtellen aber mehr als 
7000 Schritte [12, M.] entfernt. Ihre Größe beträgt 
- 45,000 Schritte [3 M.); auch findet mau auf ihr eine Stadt 
mit Römifhem Bürgerredht, welche Auguſta Julia Gaditana 
[Cadiz heißt. 2. Ungefähr 100 Schritte (a468 F.] von ihrer 
nad) Hispanien hin gerichteten Küſte liegs eine andere läng- 
Iiche, 3000 Schritte ſ. M.- breite Infel [S. Petri], auf 
weldyer früher die Stadt Bades fand. Ephorus und Phir 
Hiflides nennen fle Erythia, Zimäus und Silenus Aphrodi- 
fiad , die Eingebornen aber Iunoinfel. Nah Timäus hieß 
bei-ihnen die größere [Isla de Leon] Eotinuffa ; die LUnfrigen 
nennen fie Zartefjos, die Punier Gadir, was in ber Puni⸗ 
fhen Sprache eine Umzäunung bedentend. Erpythia hieß fie 
-[die kleinere), weil die Tyrier, die Stammeltern der Pu⸗ 
‚ nier, von dem Erpthräifchen [rothen] Meere hergekommen 
ſeyn follen. Mandye glauben, auf diefer Infek hätten auch 


*) Bei Spanien liegen Leine Infeln, welche Blei liefern. De 


Irrthum entitand wohl daraus, daß man bie bleireichen 
Sorglingifhen Infeln an ber Küfte von Britannien zu 
weit fühdlich fette. 

**) Wahrfcheinlich Beine Küfteninfeln. Manche waͤhnen darin, 
gewiß aber mit Unrecht, die Canariſchen Infeln zu finden. 


\ 


‘ 


+ 


3 


470 C. Plinius Naturgefhichte. 


46 Gemeinden, unter denen (ih fünf Colonien, eine Muni⸗ 
cipalftadt. mit Römifhem Bürgerreht, drei mit Altlateini« 
fhem Bürgerrecht und 536 dienftpflichtige befinden. Die 
Colonien find: Auguſta Emerita [Merida], am Bluffe Anas; 
die Metallinenfiihe (Medelin]; Die Pacenſiſche [Bela]; die 
Morbenfifche [Alcantara], welche auch die Eäfarifche heißt 
und zu der Gaftra Julia [Trurilo] und Eaftra Cäcitia [Ea: 
zar de Cazeres] gehören; und die fünfte Scalabis [Bantar- 
rem], welche and Präfidium Julium heißt. Die Munizis 
patftadt mit Römifhem Bürgerrecht ift Diifipo, welche auch 
den Beinamen Felicitas Julia führt. Die Gtädte mit 
Altlateinifhem ‚Bürgerrecht find Ebora [Evora], welche 
auch Liberalitas Julia heißt ; ferner Mortilis uud Salacia, 
welche wir ſchon angeführt haben. 6. Von den Dienftpflich« 
tigen können außer den ſchon bei Bätica. unter ähnlichen 
Benennungen aufgezählten *) allenfalls noch namhaft ge: 
macht werden: die Auguftohrigenfer [Muro]; die Ammien-- 
fer [Almeida] ; die Aranditaner [Abrantes]; die Arabricenfer 
[Brega]; die Batfenfer [AUpathao]; die EAfarobricenfer [Ein- 
dad Rodrigo); die Eaperenfer [lad Ventas de Eaparra];- 
die Gaurenſer [Eoria] ; die Eolarner [Billa Cova a Coel⸗ 
heira] ; die Eibilitaner ; die Concordienfer [La Guarda] ; die 
Elbocorier [Celorico]; die Interannienfer; die Lancienſer 
[Sollanco] ; die Mirobrigenfer [Miranda], welche den Bei⸗ 
namen Gefticer führen; die Medubrigenfer, die auch Plum⸗ 
barier; die Dcelenfer [Bermofelle], die and) Lancienfer ; die 
Turduler, **) die auch Barduler genannt werden, und Die 
Taporer [Tavoral. 7. Agrippa gibt die Länge Lufltaniens, 
Aſturien und Galläcien mit einbegriffen, auf 540,000 Schritte 
[108 M.] und die Breite auf 556,000 Schritte [107° M.] 
an.***) Der Umfang des gefammten Hifpaniens aber foll längs 
der. zwifchen den beiden VBorgebirgen der Pyrenäen durch die 


*, 3. III. Ray. 3. 6. 10, 
+2) In der Gegend von Badajoz Bol. B. IIL 8. 3. S. 10. 
e*) "Die Maaße find, wie gewöhnlich, unrichtig. “ 








Biertes Bud). A741 


Meere ſich hinziehenden Küfte 2,922,000 Schritte [584° M.], 
nad) Andern 2,600,000 Schritte [520 M.] betragen, 

XXXVI. 4. Geltiberien gegenüber liegen mehrere In: 
fein, welche wegen ihrer Ergiebigkeit an Blei bei den Grie⸗ 
hen die Baffiscriden [Blerinfein] heißen, ) nnd in ber 
Richtung des Vorgebirges der Urrosreber [Binisterre] die 
feh8 Böfterinfein, **) von Mancen and die Gtüdfeligen 
genannt.. An der Spitze von Bätica, 25,000 Schritte [5 M.] 
.von der Meerenge [von Gibraltar] liegt Badir [Isla de 
Leon], nad der Angabe des Pornbius 412,000 Schritte 
(2? M.] lang und 3,000 Schritte [’, WM.) breit. Bon dem 
seften Lande ift fie an dem dieſem zunächt liegenden Punkte 
. weniger als 700 Fuß, an den übrigen Stellen aber mehr ale 
7000 Shritte [4?/; M.] entfernt. Ihre Größe beträgt 
- 45.000 Schritte [53 M.1; aud) findet mau auf ihr. eine Stadt 
mit Römifhem Bürgerrecht, welhe Auguſta Julia Gaditana 
[Eadiz heißt. 2. Ungefähr 100 Schritte [468 F.] von ihrer 
nad) Hispanien hin gerichteten Küſte liegt eine andere läng⸗ 
liche, 3000 Schritte [?, M.] breite Infel [S. Petri], auf 
weldyer früher die Stadt Bades Aland. Ephorus und Phi⸗ 
liſtides neunen fie Erythia, Timäus und Silenus Aphrodi- 
ſias, die Eingebornen aber Junoinſel. Nach Iimäus hieß 
bei ihnen die größere [Isla de Leon] Cotinuſſa; die Unſrigen 
nennen fie Tarteffog, die Punier Gadir, was in der Puni- 
fhen Sprache eine Umzäunung bedeutend. Erpthia hieß fie 
[die Heinere], weil die Tyrier, die Gtammelteru der Pu⸗ 
‚.nier, von dem Erothräiſchen [rothen] Meere hergelommen 
feyn follen. Manche glauben, auf diefer Inſel hätten auch 


*) Bei Spanien liegen keine Inſeln, welche Blei liefern. Dee Ä 
Irrthum entitand wohl daraus, daß man bie bleireihen 


Sorglingifyen Inſeln an ber Küfte von Britannien zu 
weit ſuͤdlich fette. 


”*) Wahrſcheinlich kleine Küfteninfeln. Manche wahnen darin, 


gewiß aber mit Unrecht, die Canariſchen Inſeln zu finden. 


[4 


* 


Ar2 C. Plinins Raturgefhicle. 


die Geryonen gewohnt, deren Heerden Hercules fortführte; *) 
nach Andern geſchah Dieß aber anf einer an der Küſte von 
Euftanien gelegenen Inſel, weldye ſonſt denfelben Namen 


führte. u 

AXXVU (zn) 4. Rachdem wir nun um Europa her: 
um find, wollen wie noch, damit den Wißbegierinen nichts 
unklar bleibe, eine Ueberfichtsberehnung geben. Nach Arte⸗ 
midorus and Ffldorus beträgt die Länge dieſes Erdtheiles 
vom Tanais bis nach Bades 8,214,000 Schritte *") [4,642% M.]. 
Volybius gibt die Breite Europa’s von Italien bie zum 
Ocean auf 1,150,000 Schritte [250 M.] an; aber zu jener 
Zeit war man über feine Größe noch nıcht im Klaren: denn 
Italien allein mißt (wie wir ſchon ***) gefagt haben) bis zu 
den Alpen 4,120,000 Schritte [224 M.]). 2. Bon diefen 
aber über Lugdunum bis zum Britannifchen Hafen der Mo⸗ 
riner [Boufogne), in weicher Richtung auch Polybius ges 
meffen zu haben: feheint, find es 41,508 000 Schrifte (295 ?; M.]. 
Als eine zuverläßigere und weitere Meffung ift die ebenfalls 
von den Alpen. durch die Lagerplätze der Legionen in Germas 
nmien nach Nordweſten und bis zur Mündung des Rheins lau⸗ 
fende anzufehen : fie beträgt 1.543,000 Schritte [318°/, M.J. — 
Bir gehen jest zur Beichreibung Africa’s und Afiensd über. 


*) Die Fabel von den Stieren bed Gerpon, ober der brei 
Brüber Geryon, iſt bekannt. Vgl. Herobot EV, 8. 
+), Die Baht iſt zu groß; vielleicht mug man leſen: 3,214,000 
+.) B. III. K. 6.95 vgl. K. 10. 8. 3., 


= 


Ze 





Roͤmiſche Proſaiker 

in N 

neuen Ueberſetzungen. 
Herausgegeben 


von 


® 28. 5. Tafel, .Profegor zu Tübingen, 
ER. v. Dfiander, Profefor zu Gtutigart, 
m G. Schwab, Dekan zu Stuttgart. 


—m — 


Einhundert neun und fünfzigftes Banbchen. 


— 





 Gtuttgart, 
Berlag der % B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
18 4 4 | 





Cajus Plinius Secundns 


Naturgefihidte 


Ueberſetzt und erläutert 


von 


Dr. 9. 9 Külb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz, 


Bünftes Bändchen. . ’ 


ER 
—Stuttgart, 
Berlag der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1844. 








E. Plinius Secundus Naturgeſchichte. 


Fünftes Bud. 





In diefem werden nadhfolgende Länder, 
ihre Lage, Einwohner, Meere, Städte, 
Häfen, Berge, Flüffe, Maaßbeſtimmun⸗ 
gen, fo wie ihre noch vorhandenen oder 
verfhmwundenen Völker, befhrieben. 


Inhalt. 


Kap. I. Die beiden Mauretanien, IE Numidien. II. [Das 
eigentliche) Africa. IV. Die Syrten. V. Eyrenaica VI [Mas 
reotis Eisya), VII. Die Infeln um Africa [im mittellänbifchen 
Meere]. VII, Das innere Africa, IX. Aegypten und Thebais. 
X Der Ri. XI. [Städte in Aegypten]. XI. Der Theil 
Arabiens, welcher am Aegyptiſchen Meer liegt. XIII. Syrien. 
XIV, Sdumäa, Paläftiina, Samaria. XV. Judäa. XVI. [Des 
capolis]. XVII. Phonicien. XVIII. Das Antiochiſche Syrien. 
XIX, Das übrige Syrien. XX. Der Cuphrat. . Syrien 


478 €. Plinius Naturgeſchichte. 


am Cuphrat. XXI, Eilicien und bie daran grenzenden Völker, 
XXI Dos Sfaurifhe Volk und das Mole ber Homonaden. 
XXIV. Pifdin. XXV. Lycaonien. XXVI. Pamphylien. 
XXVII. Der Berg Taurus. XXVIII. Eycien. XXIX. Earien. 
XXX. IeydienJ XXXE Jonien]. XXXII. Aeolis. XXXIII. 
Troas und die angrenzenden Volker. XXXIV. Die zweihun⸗ 
dertzwoͤlf vor Aſien liegenden Inſeln, darunter XXXV. Cypern, 
XXXVI. Rhodus, XXXVII. Samos. XXXVIII. Ehios, 
XXXIX. Lesbos. XL, Der Heileſpont und Myſien. XLI. Phry⸗ 
gien. XLII. Galatien und die angrenzenden Völker. XLIII. Bis 

thynien. XLIV. [Infeln der PropontisJ. 

Anzahl der Städte und Völker:?...... 

der. berühmten Slüffe: ..... - 

der berühmten Berge: . ..... 

der Inſeln: 118. 

der verfhwundenen Städte und Wölker: . ,. . 

der Sachen, Gefchichten und Bemerkungen „ .. N 


8 


ua“ 


‘ 


Quellen 


[Finheimifhel: Agrippa, Suetonius, M, Varro, Varro 
Atacinus, Cornelius Nepos, Hyginus, &. Vetus, Mela, Domis. 
tius Eorbulo , Licinius Mucianus, Elaudius Edfar, Arruntins, 
Livsus der Sohn, Sebofus, die Triumphacten, 


Sremde: Der König Juba, Heecatäus, Hellaniens, Das 
maftes, Dikdarhus, Bäton, Timoſthenes, Philonibed, Zenagoras, 
Aſtynomus, Staphylus, Ariſtoteles, Dionyſius, Ariftveritus, 

Ephorus, Eratoſthenes, Hipparchus, Pasätins, Serapion vom 
Antiochia, Callimachus, Agathokles, Polybius, der Mathematiker 
"Zimäus, Herodotus, Myrfilus, Alexander der Polphiſtor, Metro⸗ 
dorus, Poſidonius, ber einen Periplus [Kuſtenumſchiffung] oder 
eine Periegeſis Erbbeſchreibung] verfaßte, Sotabes, Periander, 





) ——— — a alten Handſchriften; auch bie den Inſeln beige» 


Fünftes Bud. 479 


Ariſtarchus von Gichon, Eudoxus, Antigene, Eallicrated, Xenv⸗ 
„bon von Lampſacus, Diodorus von Syracus, Hanno, Himilco, 
Nymphodorus, Calliphon, Artemiborus, Megafihenes, Iſidorus, 
Eleobulus, Ariſtocreon. 


Bemerkungen über die von Plinius in 
biefem Bude benüsten Quellen. ®) 


— * Agathocles. Plinius führt diefen nicht genan 
bekannten Hiftoriker ald Quelle an, obne das ihr Entnoms 
wmene näher zu bezeichnen. 

— Agrippa. Nah ihm wird in diefem Buche die 
Länge der ganzen Nordküfte Africard (Kap. 6. $. 2.), fers 
ner die Entfernung von Pelufium bis Arſinos am rothen 
Meer (Kap. 19. $. 2.), fo wie die Groͤße des eigentlichen 
Mfiend (Kap. 28. $. 4.). beftimmt. 

— »Alexander, der Polyhiſtor. Er if eine 
Hauptquelle des Plinius, wird aber von Diefem nur im 
Allgemeinen im Berzeichniffe der in diefem Buche benübten 
Schriftfleller genannt. % 

* Antigenes, ein nicht weiter befaunter Geſchicht⸗ 
Schreiber Wlexanders des Großen. Da ihn Plinius nur in 
dem Iuhaltsverzeichniffe nennt, fo Bann man nicht beſtim⸗ 
men, an weldyen Stellen er ihn benfgt hat. 





2) Ein Strih vor dem Namen deutet an, daB er ſchon im 
- einem der früheren Bücher vorkam; ein Sternchen bezeichs 
net die Briehifhen Schriftſteller. 


480 C. Plinius Naturgeſchichte. 

»Ariſtarchus von Gicyon, ein — 
Schriftſteller, wahrſcheinlich im geographiſchen Fache, den 
Plinins in dieſem Buche gebraucht bat, ‚aber wicht näher 
bezeichnet. 

°” Ariftocrenn, auch ein unbekannter gengraphifher 

Schriftſteller, dem Plinius eine Bemerkung über die Länge 
Aegyptens (Kap. 10. $. 11.) entnahm. 

»Ariſtocratus, ein Griechiſcher Sqriftſteller, über 
deſſen Lebensverhältniſſe wir keine Nachricht haben; wir 
wiſſen nur, daß er Berfafler eines nicht mehr porhandenen 
Werks über Milet war (Schol. Ayollon. Rhod. I, 186.). Ob 
Plinius aus diefem, oder ans einem andern feiner ung un⸗ 
befanuten Werke die Bemerfung über die früheren Namen 
der Inſel Samos (Kap. 37.) ſchöpfte, läßt ſich nicht he⸗ 
flimmen. 

— * Ariſt oteles. Plinius führt dieſen aubekaunten 
Schriftſteller in dieſem Buche (Kap. 37.), wo er von den 
früheren Namen der Inſel Samos ſpricht, an; hat ihn aber 
gewiß öfter fonft benũutzt. 

— * Artemidorus. Viele Maßbeſtimmungen in 
dieſem Buche, wie der Zwiſchenraum zwiſchen Tingis und 
Canopus (Kap. 6. $. 2.), die Größe Allens. (Rap. 9. 6. 1, 
die Länge Aegyptens (Kap. 10. 6. 41.) und die Länge ber 
Inſel Cypern (Kap, 35. $. 1.) And ihm eutlchnt. 

Aruntins oder Arruntius, lebte unter der Regie⸗ 
zung des Anguſtus, und ſchrieb eine nicht mehr vorhandene 
Gedichte des erflen Puniſchen Krieges (Senoo. Epist. 144.), 
in welder er den Styl Gallufts nachzukünſteln ſuchte. Pie 
nins bezeichnet das ihm Entnommene nicht näher. 





Fünftes Bud. A44 


Aſtynomus, ein ſonſt unbekannter Echriftſteller, 
der ein Werk über die Juſel Cypern verfaßt zu haben ſcheint 
(Btephan. v. Kungos), Auch Plinius kennt ans ihm die früs 
heren Namen der Inſel Eypern (Kap. 31. $. 4.) 

* Bäton, ein fonft unbelaunter Geſchichtſchreiber Ale⸗ 
xanders des Großen, welcer deflen Heer begleitete, und 
über die Märfche deffelben ein nicht mehr vorhandenss 
Werk (Zrappoi is Adskarögov rregeias) derfaßte (Athe- 
naeus X. p. 442). Plinins bezeichnet die Gtellen nicht va⸗ 
ber, an denen er ihn benüßte. 

* Sallicrates, ein Griechiſcher Schriftſteller, ber 
sur von Plinius in dem WUutorennerzeichniffe zu dieſem 
- Buche erwähnt wird, fonft aber unbekannt if, Seine 
Werke fiheinen geograpbifchen Inhalts geweien zu fepn. 

— * Callimachnus. Plinius entnimmt ibm in Dies 
few Buche (Kap. a. $. 4.) eine Bemerkung über den Gre 
Zriton in Africa. 

— * Ealliphanes. Was Plinius von diefem Gchrißts 
fleller nahm, ift ungewiß, da er nur im Inhaltsverzeichniſſe 
überhaupt ald Duelle genannt wirb. 

Claudius, der Kaifer, wird von den Alten als 
Hiſtoriker gerühmt. Er fihrieb eine Geſchichte Noms. von 
Der Seit des Auguſtus an in a1 Büchern (Bueton. in Claudio. 
c. 44. 42.), und eine Gedichte feines Lebens in 8 Büchern. 
Aus weichem diefer nicht mehr vorhandenen Werke Plinins 
Nie Bemerkung über den Umfgng des Mareotifchen Sees in 
Egypten (Kap. 11. $. 4.) nahm, iſt ungewiß. 

— *. Gleobulus. Eine Bemerkung über den alten 


1.7.) E. Plinius Naturgeſchichte. 


Namen der Infel Chios (Kap. 58. $. 1.) ift aus dieſem 
ſonſt unbefannten Schriftfteller entlehnt. 

Corbulo, En. Domitius, ein Römifcher Feldherr, 
der im Drient und in Germanien Heere befehligte, and im 
3. der St. 791 (39 nad Ehr.) Eonful war. Er zeichnete 
fi) and) als Hiftoriter ans, und fcheint mehrere Werke 
über die Länder, in denen er ald Feldherr ſtand, geichrieben 
zu haben. Plinius hat von ihm eine Bemerkung über bie 
Duelle des Euphrat (Kap. 20. 6. 4.). 

— Eornelins Mepos. Plinius rügt in biefem 
Buche (Kap. 1. $. a.) die Leichtglänbigteit dieſes bekannten 
Schriftſtellers in Beziehung auf die. fabelhaften Erzählungen 
von der Weſtküſte Africa’s. 

*Damaftesvon Gigeum (Avienus de ora maritimh 46), 
Zeitgenoffe Herodot's, fchrieb einen nicht mehr vorhandenen 
Periplus (Baler, Mar. VIII, 13.), worin er den Hecatäus 
geplündert haben foll (Agathemerus I, 4.). Plinius führe 
ihn im Allgemeinen in dem Verzeichniſſe ber bei dieſem 
Buche benüsten Autoren an. 

— * Dikäarchus. Plintius benüpte die Schriften 
dieſes Geographen auch in dieſem Buche, wie aus dem In⸗ 
haltsverzeichniſſe deſſelben hervorgeht; bezeichnet aber Vie 
‚Bemerkungen, weiche er ihm entnahm, nicht näher. 

— » Diodorus von Syracus. Da dieſer Schrift⸗ 
ſteller nur in dem Inhaltsverzeichniſſe genannt wird, ſo 
laſſen ſich die Bemerkungen, die ihm Plinius entnahm, 
nicht errathen. 

— » Dionyſins. Aus dieſem nicht näher bezeichneten 


Fünftes Bud, 485 
Schriftſteller führt Plinius (Rap. 36. $. 3.) ben früheren 
Damen der Inſel Eos an. 

Domitins Eorbulo G. Corbulo. 

— ? Ephorus. Plinins Führt ihn in unferem Buch 
aur einmal (Kap. 38. $. 4.), wo er von dem alten Namen 
der JInſel Chios ſpricht, als Quelle an. 

— * Eratofipenes Nah ihm beſtimmt Plinins 
gewöhulich die Größe der Länder: fo in diefem Buche das 
Maß der Etrede von Eyrene bis Alexandria, und vom At⸗ 
lantiſchen Ozean bis nad) Earthago (Kap. 6. $, 2.); bie 
Größe Allens vom Pontus bie zur Mäotis (Kap. 9. 6. 4.), 
und die Entfernnug der Inſel Rhodus von Wierandrie 
(Rap. 36. $. 4.). Auch entlehnt er ihm einige Bemerkungen 
über die Infel Meninx bei Africa (Kap. 7. $. 1.) und über 
die nicht mehr vorhandenen Kieinaflatifchen Bolkerſchaften 
(Kap. 35. ©. 4.). 

— * Eudoxus. Plinins bezeichnet die Bemerkungen 
sicht näher, die er in dem vorliegenden Buche diefem Schrift, 
ſteller entuimmt. 

— "Hanno Die Urt und Weiſe, wie Plinius die 
Reifeberichte dieſes Karthagifchen Admirals erwähnt (K. 1. 
$. 7.), Jafien vermuthen, daß fie ſchon zu feines Zeit nicht 
‚mehr im Original vorhanden waren. 

— * Hecatäus. Plinins führt diefen Hiſtoriker nur 
im Fuhaltsverzeichniffe unferes Buches im Allgemeinen an, 
und es läßt ſich nicht nachweifen, was er aus ihm entlehnte, 

— * Hellanicens. Auch diefer Geſchichtſchreiber wird 
nur im Inhaltsverzeichniſſe angeführt. 

— *" Herodotns Die Stellen, welche Plinius ans 


[4 


HB C. Plinius Naturgeſchichte. 


feiner Geſchichte über das Wachſen des Mil (Kap. 10. 6. 8.) 
und über den See Sirbon (Kap. da. 6. 3.) auführt, finden 
ſich B. U. K. 19. und B. TR. 6 Be. BULR, 5. 

— * Himilco. Plinius (oder vielmehr der Verfaſſer 
der Inhalis verzeichnifſe) nennt ihn zwar auch bei dieſem 
Buche ald Quelle; bezeihnet aber die Nachrichten, die ex 
ibn eutnahm, nicht näher. 

— Hipparchus. Er wurde in dieſem Buche wahrs 
ſcheinlich bei einigen aſtronomiſchen Bemerkungen benügßt. 

— * Homer Plinius läßt nicht gern eine- Belegen 


- beit, wo er den Dichtervater lobend anführen kann, vorüber⸗ 


gehen. Auch in dieſem Buche wird er benütztt (obſchon er 
im Inhaltövergeichniffe nicht als Quelle genannt if), nud 
ans ihn ſind die alten Namen des Nil (Kap. 10. 6. 4, 
agl. Odafl. IV, 477.), der Stadt Parium (Kap. 49, $. 1. 
vgl. Ji. U, 335.) und mehrerer Zlüffe in Troas (Kap. 35. 
$. 3., vgl. 31. XII, 20.), fo wie eine Bemerkung über die 
Aethispier (Kap. 8. $. 2., vergl. Odvſſ. I, 25. 24.) mit 
getheilt. 

— Bpygiuus. Bielleicht wurde er bei einigen mytho⸗ 

logiſchen Bemerkungen benüßt. 

* Iſidorus. Er iſt nebſt Artemiborus, Eratoſthe⸗ 
nes und Agrippa die Hauptquelle, aus welcher Plinius feine 
Maßbeſtimmungen nimmt. In dieſem Buche beſtimmt er 
nach ibm die Entfernung von Tingis bis Canopus (Kap. & 
$. 2.); die Größe fiens (Kap. 9. $. 195 die Länge des 
Helleſpent und der Prepontis (Rap, 43. 6. 4.); den: Um⸗ 
faug ber Infeln Ehios (Kap. 38. $. 4.) und Lesbos (K. 5% 
$ mr und die Größe ber Juſeln Rhodus Rap. 36. $. 1. 


Fünftes Buch. 485 


Eppern (Rap. 55, 6. 1.) und Samos (Kay. 37.) Auch 
ontichnt er ihm eine Bemerkung über die nicht mehr vor⸗ 
Sandenen Kieinaflatifchen Völterſchaften (Kap. 35. 5. 4.. 
* Zuda, der Gopn des von Eäfar beflsaten Königs 
Quba von Rumidien, wurde nad) Rom gebracht, und erhielt 
daſelbſt eine fo forgfältige wiſſenſchaftliche Ausbildung, daß 
man ihn als-einen der gelehrteſten Männer feiner Zeit des 
trachtet. Auguſtus gab ihm, nachdem er ſich mit Cleopatra 
Selene, einer Tochter der Eleopatra und des Wmtonius, 
sermählt hatte, das väterliche Reich zurijgck. Juba beſchäf⸗ 
tigte ſich auch bieranf nod) fortwährend eifrig mit deu Wiſ⸗ 
fenichaften, wie feine zablreichen Schriften, von denen fid 
jedod) Beine erhalten hat, bemeifen. Es werden angeführt: 
eine. Geographie Arabiens (Bin. VI, 31.); ein Werk über 
Aſſyrien (Tatian. contra Gr. p. 137.); ein anderes über bie 
Roͤmiſche Geſchichte, weiches Plutarch Aeifig benüpte; eine 
Geſchichte des Theaters (Athenneus IV. p. 195. Photü Bi- 
blioth. eod. 461. p. 344.) 5 eine Geſchichte der Maleä.(Photius, 
ivbid. p. 338) 5 ein Buch über die Pflanze Euphorbia (Piin. 
V, 4. XXV, 38.) und mehrere grammatifche Schriften (Bat. 
Bevin, Recherches sur la vie et sur les ouvrages de Ju- 
ba, in den Mömeires de PAeademie des insoriptions,.Vol IV. 
p. 157-466). Plinius benüst in diefem Buche feine Nach⸗ 
zichten über den Atlas (Kap. 4. 6. 16.), über die Duelle 
des Nil (Kap. 10. $. 1.) und über die Größe Aegyptens 
Rap. 10, 5. 11.), die er aus Puniſchen Werken geſchöpft 
haben foll (Ammianus Marcellinus 22, 45.). 
— Licinins Mucianns. Nach feiner Angabe ber 
ſtimmt Plinius den Umfang des Sees Moeris (K. 9 G; 4.) 


&86 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und ‚die Entfernung der Inſel Rhodus von Alerandria 
(Kap. 56. $. 1.). Auch entlehnt er ihm einige Bemerkungen 
über die Quelle des Euphrat (Kap. 20. $. 4.) und über eine 
Güßwarffergnelle in der Tiefe ded Meeres (Kap. 38. $. 2.) 

Livins, der Sohn, ein uns unbekannter Gchriftfieller, 
der une in dem Inhaltsverzeichniſſe dieſes Buches (wenn die 
Gtelle kein Zehler der Handfchriften if) vorkommt. 

Lucius Betus. © Vetus. ’ 

*Megafthenes, ein Griechifcher Geograph, welcher 
zur Zeit des Syriſchen Könige Seleucus Nicator lebte, umd 
von Dieſem zum Abſchluß eines Bündniffes nad) Palibothra, 
der Hauptitadt des Königs der Prafler, gefhidt wurde. Er 
legte feine hier gefammelten Nachrichten und Erfehrungen 
in einem Werke nieber, welchem er den Titel „Indiſche 
Merkwürdigkeiten [Ivdıxa]“ gab, das nicht mehr vorhanden 
iſt. Welche Bemerkungen ihm Plinins entiehnte, iſt unge 
wiß, da er ihn nur im Allgemeinen als Quelle nennt. 

— Mela Domponins Plinins benfbt diefen bes 
Tannten Geographen allenthalben, ohne ihn immer‘ namente 
lich angnführen, 

— * Metrodorns. Ihm ift eine Bemerkung über 
den alten Namen der Inſel Chios entnommen (Kap. 38. 
14.) 

Mucianns. ©. Lirinins. 

— + Myrfilns Plinius nennt diefen Schriftſteller, 
ben er auch in den vorhergehenden Büchern benügte, nur 
im Juhaltsverzeichniſſe. 

eNomphodorus von Gyracas, ein Griechiſcher 
Geograph, welcher eine Umfchiffung Aflens GAolac rspinioun, 





‘ Fünftes Bud. 487 
Athen. VII. p. 331), die Plinius benüpte, ſchrieb, ohne die ihr ents 
nommenen Bemerkungen näher zu bezeichnen. Es gibt nody 
audre Gchriftfteller deffelben Namens. Da Diefer aber über 
Alen, weldyes zum heil den Inhalt des vorliegenden Buchs 
a usmacht, fchrieb, fo ift er wahrfcheinlich gemeint. 

— »Panaätius. Plinius entnahm diefem floifchen' 
Philoſophen in dem vorliegenden Buche wahrfdeiulich nup. 
eine ober die andere ethiſche ober geſchichtliche Bemerkung. 

Yaulinus, C. Suetonius, Römifcher Feldherr, 
welcher im J. d. Gt. 814 (58 nah Ehr.) Conſul war, und 
ũber feine Kriegszüge in Africa ein nicht mehr vorhandenes 
Wert verfaßte, weiches Plinins bei der Beichreibung ber 
Gegend um den. Atlas benügte (Kap. 1. $. 14. 15.). 

* Deriander, Es gibt zwei Schriftſteller dieſes 
Namens: Periander von Korinth, welcher moralifhe Vor⸗ 
fchriften in Verſe einkleidete, und ein Arzt Periauder, weis 
cher als unbedentender Dichter getadelt wird. Welchen von 
beiden Plinins benützte, ift ungewiß, ba jede nähere Bezeiche 
nung fehlt. 

— * Philonides. Diefem fonft unbetannten Schrift⸗ 
ſteller entlehnt Plinius in dieſem Buche (Kap. 55. $. 1.) 
eine Bemerkung über ben früherg Namen der Infel Cypern. 

— * Polybius. Plinins gibt in diefem Buche (R. 1. 
5. 8.) einen (nicht fehr genauen) Auszug aus dem Reiſebe⸗ 
richte dieſes Schriftftellers über die Weſtküſte Africa's; auch 
beſtimmt er nach ihm den Umfang ber Beinen Syrte (K. 4. 
F. 4.) und die Länge ber Strecke vom Atlantiſchen Meere 
Bi6 Kartbago und Ganopus (Kap. 6. ©. 2.). 

- * Dofidonins Seine Küftenumfhiffung (zegi- 


468 C. Plinius Naturgefchichte. 


los) wird in dieſem Buche benützt; an welchen Gteilen, 
iſt ungewiß. 

Seboſus, ein Römiſcher Schriftſteller und Freunb 
des Entulnd (Cioero, Epist. ad Att. II, 14.), ſcheint eine 
Küftenumfchiffung und über Indifhe Merkwürdigkeiten ges 
ſchetieben zu haben. Es laͤßt ſich nicht beflimmen , was ihm 
Plinius entlehnte. 

— * Gerayion von Antlochia. Plinius gibt nicht 
näher an, wo er ihn benuützte. 

eSotades. Es gibt mehrere Gchriftftelier dieſes 
Namens: einen Sotades von Wehen, weicher Luſtſpiele 
ſehrieb; einen Anderen von Athen, welcher ein Buch über 
die Moftetien verfaßte; einen” Sotades von Byzanz, ber 
auch über Philofophie fchrieb, und einen Sotades von. Kreka. 
Welchen von diefen vier nicht naͤher bekannten Gchriftftel« 
(een Plinius benützte, ift nicht auszumiftein, 

— * Staphylus. Plinins bemerkt (Rap. 536. 6. 3.) 
ans diefem Hiſtoriker den früheren Namen der Jufel Eos, 

Suetonius Paulinus S. Panlinus. 

— Tim äus, ber Mathematiker. Plinius theitt in 
dieſem Bauche (Kup. 10. 6. 6.), deffen Anficht Über dis Au⸗ 
ſchwellen des Nil mit. 

— * Zimofthenes. Aus feinem Werte über bie 
Entfernungen (Zradsacuo) nahm Plinius vielleicht die Bes 
fimmnng der Größe Aſtens von der Canopiſchen Nilmün⸗ 
dang bis zum Tanais (Kap. 9. 5.1), fd wie die Größe 
und Länge ber Infel Eppern (Kap. 35. $. 1.). 

Triumphacten (Acta Triumphorum) nannte man 
wahrſcheinlich die officiellen Werzeichniffe der Triumphe und 


"Fünfte Bud. 488 
Ber baten der Zrinmphateren. Minins Hat aus ihnen 
vieleicht mande Nachrichten über einzelne Völker und 
Städte gefchöpft. 

— Barro (M.) uud Varro Atacinus. Plinius 
bezeichnet die Stellen, wo er dieſe bekannten Schrifiſteller, 
von denen ſchon bei den vorhergehenden Büchern die Dede 
war, benägte, nicht näher. 

— Betus, Lucius Er wird nur im Juhaltoberzeich 
nie genannt, und das ihm Eutlehnte iſt nicht nachzuweiſen. 

* Zenagoras, ein Griechiſcher Gchriftfieller, deſſen 
Geburtsort und Lebengzeit unbefaunt find. Geine Werke, 
unter benen man eine Chronik (Bchol. Apollon. Rhod. IV, 363.) 
nnd ein Band) über die Infeln (eg vı70ar. Ktymol. M. v; 
Zynaea), ans dem Plinius wahrſcheinlich die früheren Nas 
men der Inſel Eypern (Kap. 25. 6. 4.) nahm, nennt, find 
nicht mehr vorbanden.- 

— .* Zenophbon von Lampſacus. Die Stellen, 
an weichen Plinius dieſen Geographen benüste, find niche 
näher bezeichnet. - 





Kap. I. 4. Die Griechen nannten Africa Libyen, und das 
vor ihm befindlihe Meer das Libyſche.) Diefer Erdtheil 
endige mit egppten, und Bein anderer hat weniger Bufen 





*) Nach ber retart: ‚appellavere et mare ante cam Libycum: 
Aegypto ete. 


€, Plinius Naturgeſch. 58 Bäche. 2 


'590 C. Plinius Maturhaſchichte. 


aufzuw eiſen, da ſich die Küfte von Welten her‘ in einer langen 
Linie fchief Hinzieht. Die Namen der Völker und ihrer 
Etädte find meift in jeder andern Sprache, als der ihrigen, 
unausſprechbar; auch wohnen fie faft nur in Burgfleden. *) 
6). 2. Die zuerſt liegenden Länder heißen Manrita- 
nien, und waren bis auf den Kaifer Cajns [Caligula], des 
Germanicus Gohn, eigene Königreiche; zerfielen aber durch 
deſſen Graufamfeit in zwei [Römifche] Provinzen. **) Das 
-Außerfte Vorgebirg am Dcean wirb von- den Griechen Am⸗ 
peluſta [Kap Spartel] genannt. Brüher lagen außerhalb 
der Säulen des Herkules die Städte Liffa und Gotta ;' jetzt 
findet man dafelbft nur Zingi [Tanger], welche einft von 
Antäaäus ®**) erbant wurde, uud fpäter vom Kaifer Clau⸗ 
Ding, welcher fle zur Eolonie machte, den Namen Traducta 
Julia erhielt. 5. Die nächſte Ueberfahrt von ihre bis zur 
Stadt Belon [Bolonia] im Bätifhen Gpanien befrägt 
50,000 Schritte [6 M.]J. An der Küſte des Dreams, 
35,000 Schritte [5 M.] von ihr, liegt Julia Conflantia 
Zilis [Arzilla], eine Eofonie des Auguftus, welche ber 
Herrfhaft der (Mauritaniſchen] Könige entzogen und dem 
Baͤtiſchen Gerichtsbezirk zugetheilt wurde, und 32,000 Schr. 
[6?;. M.] von diefer Liros [EI Araiſch], welde Kaifer 


») Nicht in größeren befeftigten Städten. 

0 In das Tingitanifche und dad Läfarifche Mauritanien, Ca⸗ 
ligula ließ den letzten Mauritaniſchen König Piolemäns 
ermorden (41 nah Chr.); Claudius machte fein Reich zur 
Römischen Provinz (43 n. Ehr.). Die beiden Manritauien 
umfoßten Marocco, Bez und Algier. . 

”s, Gin Riefe, welcher Mauritanien beherrſchte, und voR Hers 
kules erlegt wurde. 


x 





ü - Fünftee Bud. "A91 


Elandins zur Colonie erMärte, und von der die Alten die 
-Fabelhafteften Dinge erzählen. Hierher verlegen fie die Res 
‘fldenz des Antäus und feinen Kampf mit Herkules, fo wie 
"Die Gärten der Hesperiden. Eine Bucht ſchlängelt fidy hier 
in's Land, und fie ift, wie man es jetzt erlärt, unter dem 
Bilde des mwachehaltenden Drachen zu verftehen. a. Gie 
faßt eine Juſel in fi, welche in der ganzen benachbarten, 
und dabei nod) etwas höher als fie gelegenen Gegend der 
“einzige Punkt if, der nicht von der Fluth überſchwemmt 
"wird. Auf ihre findet man auch noch einen Altar des Her: 
kules, außer wilden Delbäumen aber nichts don jenem viels 
gerühmten goldne Früchte tragenden Haine Man wirb 
ſich gewiß über die ungeheuern Lügen, welche Griechenland 
Über diefe Dinge und über den Fluß Lixus [Luccos] .zu 
Tage förderte, weniger wundern, wenn man bedenkt, daß 
unſere Landsleute nody vor Kurzem nicht minder Abenteuer⸗ 
tiches darüber mittheilten, daß nämlich dieſe Stadt übers 
“ans mächtig und größer als das große Karthago ſey; ferner, 
daß fie diefer Stadt gegenüber ) und eine fat. unermeß- 
liche Strede von Tingis liege, und was fonft nod) Eornelius 
: Hepos aufs bereitwilligfte glanbte. 5. Im Junern, 40,000 
Schritte [8 M.] von Lirud, findet man Babba, *%) die 
andere Eofonie Auguſts, aud Julia Campeſtris genannt, 
mb 75,000 Schritte [15 M.] von derſelben Stadt, Banafa 
Mamora] ‚ die dritte Colonie, welche den Beinamen Balentia 


*) Nämlich an ber Lengebilbeten) füdlichen Küfe. 
vr Eol die ‚jest vertafene Stadt Bani Teude ſeyn, 


2» 
2 * 


493 | ©. Plinius Naturgeſchichte. 


führt; 55,000 Schritte [7 M.] von diefer, und eben fo wert 
von beiden Meeren entfernt, liegt die Stadt Bolnbite. 9 
An der Küfte folgen, 50,000 Schritte [40 M.) von Lixus, 
der herzliche und ſchiffbare Fluß Subur [Seboun], welder 
an ber Eolonie Banafa vorüberfirömt, und eben ſo viefe 
taufend Schritte von ihm bie Stadt Gala [Galle], am gleich 
namigen Biuffe [Buregreg]. Gie liegt ſchon nahe an den 
Einöden, und wird oft von den Elepbantenheerden beunru⸗ 
bigt, noch häufiger aber von dem Wolke der Autololer, "*) 
durd) deren Gebiet der Weg zu dem Atlas, den fagenreiche 
ſten Berg Africa's, führt. 

6. Er erhebe ſich, berichtet man, mitten in ben Sand⸗ 
wüſten zum Himmel, ſey an der Geite, die der Küfte des 
Oceans, welchem er feinen Namen gegeben bat, zugekehrt 
ift, ſteil umd unfruchtbar, an dem Abhange aber, weder 
nach Africa hin Liegt, ſchattig und waldig und von, zahlreidy 
hervorſprudelnden Quellen bewäflert.: Früchte aller Art wur 
dern von felbft in folher Menge ,. daß es jeder Begierde 
nie an Sättigung fehle. Bei Tag fehe man Niemand vom 
ben Bewohnern; allenthalben fey es ftille und fo fchauerlidy, 
wie in einer Einöde; das Gemüth des ihm näher Kommen⸗ 
den befchleiche ein -unheimliches Bangen,, wozu noch das 
Schreckbare feiner über die Wolken und bie in die Nähe 
der Mondbahn hinaufragenden Höhe Fomme; bei Nahe 
ſchimmere er von zahlreichen Beuern: es. werde dann anf 
ibm durdy die Ausgelaffenheit der Aegipane und Gatyre 





*) Wahrſcheinlich Gualili, welches jett in Ruinen liegt. 
0) Sie wohnten in der Gegend bes jetigen Fez. 


Fünftes Bud. 493 
fehr lebhaft, und er ertöne von dem Klange der Pfeifen und 
Schalmeyen, und von dem Gelärm ber Pauken und Eyms 
bein. ”) Dieſes, und außerdem die auf ihm von Herkules - 
und Perſens beſtandenen Abentener erzählen berühmte 
Schriftſteller. Die Weite [vom Meere] bis zu ihm iſt uns 

gehener und unbekannt. 

7. Früher hatte man auch die Tagebücher des Kartha⸗ 
giſchen Feldherrn Hanno, welcher zur Blüthezeit des Puni⸗ 
ſchen Staates beauftragt war, den Umfang Africa's zu er⸗ 
forſchen. Die Meiſten der Griechen und unſerer Landsleute 
ſchöpften ans ihm, und erzählten nebſt vielem anderen Fa⸗ 
beihaften auch, daß er auf feiner Fahrt viele Städte gebaut 
Babe, von denen aber jegt weder irgend ein Andenken, noch 
eine Spur vorhanden ift. 

8 Dolybius, der NWerfaffer ber Jahrbücher, weldyer 
zur Zeit, als Ecipio Aemilianus in Wfrica den. Oberbefehl 
führte, auf einer von Diefem erhaltenen Yloste eine Reife 
zur näheren Erforfchung dieſes Erdtheils machte, **) berich⸗ 
tete, daß ſich weſtlich von dieſem Berge ***) Wälder voll wilder 
Thiere, 'wie fie Africa erzeugt, bis zu dem 485,000 Schritte 
[97 M.] entfersiten Fluſſe Anatis [Ommirabih] hinziehen, 
und daB Lixus [EI Araiſch] von dieſem 203,000 Schritte 





*) Die Aegipane und Satyrn find wahrſcheinlich Affen; der 
nächtliche Laͤrm erklärt ſich leicht dadurch, daß die Bewoh⸗ 
her ber während bed Tages unerträglichen Hige wegen 
erft * Nacht ihre Schlupfwinkel verließen, und ibre Feſte 


feier 
“s, Im ig 146 vor Ehr. 
o00) Vom Atlas. 


494 C. Plinius Naturgeſchichte. 


[a1 Mr, von der Gaditaniſchen Meerenge aber 312,090- 
Schritte [22° M,] entfernt fen. . 

9, Weiterhin *) kämen, ſagt er, der Bufen, welcher 
Saguti [Alcaſſar] heiße, eine Stadt auf dem Vorgebirge 
Mulelacha [Matebata]; die Fluſſe Subur [Seboun] und, 
Gala [Buregreg]; der Hafen Rutubis [Mazagau], 245,000. 
Schritte [42° M.] non Lixus; dann. das Sonnenvorgebirg 
[Cap Eantin]; der Hafen Rifardir [Saffy]; die Gätulifchen. . 
Autololer 5. *%) der Fluß Eofenus [Tenfift] ; die Stämme der: 
Gcelatiter und der Mafater; ***) der Fluß Mafatat [Mo⸗ 
gador] ; der Fluß Darat [Suſe], in welchem ſich Krofodile 
aufhalten ; weiterhin ein 646,000 Schritte +) [123% M.]: 
großer Bufen [Golf Ganta:Eruz], welcher von einem nach 
Beten vorfpringenden Cap des Berges Barce [Daran], 
welches er Surrentinm [Geer] nennt, gefchloffen werde; 
dann der Fluß Dalfus [Meila]s; jenſeits deTelben die Ae⸗ 





Bon der Meerenge. an gerechnet, ©. Mannert, Geogr. 
ber Gr. u. Rom. Bb. X, (Africa) Thl. II. S. 519. 
“r, Ihre Wohnſitze zogen ſich von Saffy bis zum Buregreg. 
.., JIn den Ebenen von Nekeermute. 
p Sofferlin (Recherches sur la geographie systematigun. 
et positive. des Anciens, Tom. I. p. 112 sgg.) fucht bie, 
Schwierigkeiten in ber. nachfolgenden weiteren Beichreibung 
der Küfte dadurch zu heben, daß er die Zahl DUXVI als 
Schreibfehler betrachtet, und nur XOVI annimmt; mas 
nicht unwahrſcheinlich iſt. Wir folgen größtentheils feinen 
Befimmungen, Anderer Anſicht it Mannert (Geogr. ber 
Gr. uud Rom. Bd. X. Thl. 2. ©, 520), welder alle 
von Polybiud angegebenen Punkte weiter maona, rüdt, 
und bis zum Senegal kommt. 





Faänftes Bud. 496, 


- thinpifchen Perorfer, und hinter Diefen die Pharuſier; 
die Rachbarn Diefer, nady dem Innern bes Landes zu, ſeyhen 
Die Bätulifchen Darer; **) an der Küfte aber kaͤmen weis 
terhin die Hethiopifchen Daratiter »e) und der Fluß Bam 
botus [Run],' weicher mit Krokodilen und Biußpferden 
angefüllt fen; von da an ziehe ſich eine ununterbrochene 
Gebirgskette +) bis zu dem Berge, den wir Theön ochemws 
Bötterwagen) nennen werden; 77) von biefem. bis zum 
Hesperiſchen Vorgebirg ICap Bojador] daure Die Fahrt 
zehn Tage und Nächte. In die Mitte dieſes Raums ſetzte 
er 744) den Atlas, der nach allen Andern au dem Granzen 
Manritaniens liegt. 

40. Römifhe Waffen kämpften merſt unter Kaiſer 
Elaudius in Mauritanien, als der Freigelaſſene Aedemon 
feinen von Cajus Cäfar (Calignla] ermordeten König Pto⸗ 
temäus rächen wollte; +*) da aber die Barbaren flohen, kam 
man befanutlich bis zum Berge Atlas. 41. Und nicht mur 


6) Die Perorſer und Pharuſier wohnten zwiſchen dem Cay 
Geer und dem Cap Nun, 
+, Mielleiht in ber Maroccanifchen Provinz Draha. 
“om dad Cap Nun. 
+) Wahrſcheinlich bie Bis zum Gap Bojabor reichenden Dies 
bei Khal (ſchwarzen Berge). 
+ 2. VI. Say. 35. $. 18. Der Gbtterwagen iſt wohl bas 
Eap Blanc, 
445) Polybius ſetzt im Gegentheil (vgl. B. VI Ray. 36. 52.) 
ben Atlas ebenfalls an bie Sudgrenze Mauritaniens. Der 
Irrthum kommt alfo auf Rechnung bes flüchtig aweſchrei⸗ 
beunden Plinius. 
9 Im I. 43 nach Ehr. 


496 . C. Plinius Raturgejchichte. 


ben Conſuln und den Senatoren, welche damals als: Heer, 
führer die Angelegenpeiten leiteten, ſondern auch Römifchen 
Rittern, welche fpäter Das Land verwalteten ,. wird nachge⸗ 
sähmt, daß fie bie zum Atlas vorgedrungen feyen. Es ſind, 
wie wir fchon gefagt haben, in diefer Provinz fünf Römifche 
Golonien, und man follte daher glauben, der Atlas ſey 
Leicht zugänglich; die Erfahrung zeigt aber, daB man ſich 
hierin ſehr betrüge. Denn die Würdenträger, welche zur Ers 
forſchung der Wahrheit zu träge find, nehmen, weil fie ſich 
dennoch ihrer Unwiſſenheit ſchämen, Feinen Anfland, zu 
lügen, und man läßt fich nie leichter irre führen, ald wenn 
ein gewichtiger Gewährsmann eine falfhe Thatſache bes 
banptet. 412. Ich wundere mid, freilich weniger darüber, 
daß Manches nicht zur Kenntniß der Männer aus dem 
Ritterftande und auch foldyer, die aus biefem in den Genat 
übergingen, gelangte, als daß es der Ueppigkeil unbekannt 
blieb, deren durchgreifende und gewaltige Macht ſich body 
ſchon darin zeigt, daB man die. Wälder nach Elfenbein und 
nad) dem Lebensbaum, *) und alle Gätuliſchen Klippen nad) 
Muſcheln und Purpurſchuecken durchſucht. 

13. Die Eingeborenen erzählen jedoch, daß 450,000 
‚Schritte [30 M.] von Gala an der Küfte der Fluß Aſana 
[Ommirabih] mände, beffen Waſſer zwar ſalzig fd, in dem: 


” Citrus. Nach ber Unfiht der vorzüglichfien Botaniker 
ift der. vielbeſprochene Citrus der Alten, aus welchem wohl⸗ 
riechende Tafeln, die in ungeheneren Preifen fanden (Pin. 
8. XIIE Kap. 29.), verfertigt wurden, nichts anbers, el bie 
Thuja articulata, ‚geglieberter Lebensbaum (vgl. Desfon- 
taines, Flora Atlantica, Par. 1798, 4. Vol, II. p. 353), 





Funftes Bud. 497 


A aber ein anfehnliher Hafen befinde; nicht viel weiter 
Somme ein Strom, weichen fie But [Tenſift] nennen 3 von 
diefem bis zum Doris (mit welchem Namen fie nad ber 
allgemeinen Anficht in ihrer Sprache den Atlas bezeichnen) 
betrage die Entfernung 200,000 Schritte [a0 M.], und das 
zwifchen ſtröme ein Fluß, welcher Bior [Sus] heiße. Nach 
der Gage follen ſich in ‚diefer Gegend noch Spuren eines 
früher bewohnten Bodens und Reſte von Weinbergen and 
Palr waldern befinden. 

44 Suetonius Paulinus, den wir als Conſul) faben, 
war der erſte Römiſche Felbherr, weicher einige tanfend 
Schritte weit über den Atlas hinauskam. Er flimmt, was 
Die Höhe deffelben betrifft, mit den übrigen Berichterflastern 
‚Bberein. Unten am Buße, erzählt er, fed der. Berg mit 
dichten und hohen Wäldern uns unbelannter Bäume bededt, 
welche befonders dadurch, daß fie ohne alle Knoten ſchlauk 
and prächtig emporwachfen, merkwürdig feyen; ihr Laub 
gleihe dem der Eypreſſe, habe einen ſtarken Geruch, und Fey 
mit einer zarten Wolle. überzogen, die mit Beihälfe der 
Kuuſt ebenfo wie die Seide zu Kleidern verarbeitet mer 
den könne, 15. Der Gipfel. des Berges, fährt er fort, fey 
ſelbſt im Sommer mit hohem Schnee bedeckt; in zwölf 
Zagmärrhen habe er ihn erreicht, fey dann durch Einöben 
voll ſchwarzen Bandes, in welchen kohlenähnliche Felſen bie 
and da hervorragten, bie zn einem Fluſſe, der Ger [Gifel⸗ 
mel] heiße, gekommen, und obſchon es gerade Winter. war, 





*% Im I. nah Ehr. 66. 
”*) Der oben erwähnte itrus. 


498. C. Plinius Naturgeſchichte. 

gefunden, daß dieſe Gegenden der Sonnengluth wegen uns. 
bewohnbar ſeyen. Die Bewohner der angränzenden, mit. Ele⸗ 
shanten, Wild und Schlangen jeder Urt angefüllten Forſte, 
hießen Hundefreſſer (Cynarier), weil dieſes Vieh, nebft ben. 
zerhackten Eingeweiden von wilden Thieren, ihnen zur ge: 
wöhntichen Nahrung diene. | 

16. Daß an fie das Volk der Aethiopier, welche man 
die Perorſer nennt, grenze, iſt hinlaͤnglich bekannt. Juba, 
des Ptolemäus Vater, welcher zuerſt über beide Mauritquien 
herrſchte, und der durch feine ausgezeichnete Gelehrſamkeit 
noch berühmter geworden ift, als ‚durch, fein Königthum, 
erzählte Aehnliches vom Atlas, und außerdem noch, daß das 
feib ein Kraut wachfe, welches nach feinem Auffinder, 
einem Write, Euphorbia *) heiße. Er rühmt in einem 
ausſchließend darüber gearbeiteten Werke deſſen Mitchfaft 
mit wunderbaren Lobfpräcen als Mittel: für die Schärfe 
des Geſichts, fo wie gegen Schlangen und alle Gifte. 
Doch genug und übergeuug vom Atlas. 

(u), 47. Die Länge der Zingitanifhen Provinz *% be⸗ 
trägt 170,000 Schritte [34 M.]. Unter den Völkern im 
derfelben war einft.das der Mapren, von ‚welchen fie auch 
ihren Namen hat, und die bei Andern auch Maprufler **9, 
beißen, - das vornehmſte. Durch Kriege: fehr verkünnt, 





® Bol 8. XXV. Ray. 38 . 
"*) Gie erfirette fi vom Atlantifchen Ozean Bid zum Fluſſe 
Molochhah; ihre Länge iſt alſo zu gering angegeben. 
r) Menrufter heißen ſie bei den Griechen , Mauren bei den 
Römern, 





Fünftes Buß. 7. 498 
ſchmoiz es bis auf wenige Bamilien zufammen. 9 Ihm zu⸗ 
nah wohnte das, Volk der Maſſaſhler, welches anf ähn« 
liche Weiſe erloſch.“*) Jest find die Gtämme der Gätuler, 
der Baninren und ber bei weiten mächtigſte der Autololer 
vosherrfcheud. Zu dem letteren gehörten einft die Beſuner; 
fie ziffen fi) aber von ihm los, bildeten einen eigenen Stamm 
und wohnen nad) Aethiopien hin. 18. Die Provinz ift im 
Dften gebirgig und bringe Elephanten hernor; man findet 
deren auch auf dem Abila [Jibbel el Zatute] und auf den 
andern mit dem Wbila verbundenen Bergkuppen, melde. 
wegen ihrer gleichen Höhe die fieben Brüder [(Sebat Jibbel] 
heißen und bis an die Meerenge reihen. Bei ihnen beginnt 
die Küfe des mittelläudifchen Meeres, und an dieſer folgen 
ber fchiffbare Fluß Zamuda [Bufega], an dem einfl eine 
gleichnamige Stadt lag; ber Strom Laud [Gomera], der 
ebeufalld Fahrzeuge trägt; Gtabt uud Hafen Nufadir [Mee. 
ia) und der fchiffbare Fluß Malvana [Muivia). 

, 49. Die Stadt Siga [Ned-Roma], dem in Hispanien 
gelegenen Malacha [Malaga] gegenüber , die Nefldenz des 
Gophar , gehört ſchon zum anderen [Edfariihen] Maurita⸗ 
aim. ***) Diefe Provinzen führten lange die Namen ihrer 
Beherrſcher: das Außerfte [Tingitaniſche] Manritanien bieß - 
demnach das Bogudifche unb das Cäſariſche das Land bes 


— — —— 


Gegen Süben zurlckgebraͤngt waren zwar die Mauren, aber 
nicht vernichtet; benn fie rommen fpäter wieder in vielen 
Stämmen zum Vorſchein. 

) Auch biefed Volk findet man noch fuAter am Giga (Tafig), 

”, Dis Ekfarifche Mauritanien begriff wngefähr die ehmalige 
Regentfhaft Aigier in- fi, . 


500 €. Plinins Naturgefchichte. 


Bocchus. Nah, Giga folgen der große Hafen (Yortus 
Magnus), weidyer von feinem bedeutenden. Limfange fo ger 
nennt wird, *) und Nömifches Bürgerreht bat; der Fluß 
Muludya, **) welder die Gränze zwifchen dem Lande des 
Bocchus und dem Gebiete der Maffäfpler bildet; Quiza 
Zenitana , ***) eine von Fremden bewohnte Stadt; Arſen⸗ 
naria [Arzew], mit Lateinifhem Bürgerrechte, und 3000 
Schritte [ss M.] vom Meere entfernt; Cartenna [Marza⸗ 
gan] , eine von Anguſtus der zweiten Legion beftimmte Eos 
Ionie ; Bunugi, +) ebenfalls eine von demfelben Kaifer für 
die prätorifche. Eohorte angelegte Enlonie. 20. Das Borges» 
birg des Apollo [Cap Moftagan], nud dabei die hedybes 
rühmte Stadt Cäſarea, +p früher Fol genannt, umb die 
Refidenz Inba's, fpäter aber von dem göttlichen Clandius 
mit den Rechten einer Eolonie beſchenkt; Oppidum nodum 
[El Eadara] , auf Befehl deſſelben Kaifers von Beteranen 
erbaut, und Lipafa +17) mit Lateinifhem Bürgerrechte ; 
‚ferner Icoſium [Sherfell], vom Kaiſer Bespaflanus‘ mit 
demfelden Rechte begabt; Busconia, +*) eine Eolonie des 
Auguſtus; Ruſucurium [Collah], von Claudius mit dem 
Burgerrechte beehrt; Ruſazus [Moor], eine Colonie des 


e) Er deißt jegt noch Mers el Kibir (der große Hafen). 

»c) Iſt ein und derſelbe Fluß mit dem Kurz vorher erwähnten 
„Malvaua. Bel. —— Afrika. Tbi. IL ©. 439, 436, 

0%) Das Dorf Biza bei Ora 
.+) Sag wahrfcheinlich ber —XR (Zoar ei Hammam) 

gegenüber. 

h Wahrfcheinlih Tenez. 

In der Nähe der jetzigen kleinen Stadt Damus. 

IN San an der Weſtſeite des Cap Arbatel. 





| » . Fünftes Bud. . © 501 
Vanguſtus; Salde [Deiips), eine Colonie deſſelben Kaifers; 
Seitgili FBigil] , ebeufalld eine Colonie bes Anguſtus; die 
Stadt Zucca, welde arı Meere und an dem Fiuſſe Amps 
ſaga [Wad⸗el: Kibir] liegt; *) im Innern bie Eolonie Au⸗ 
gufta , aud) Gnccabar *%) genannt; Tubuſuptus [Burgh], 
eine Eolonie deſſelben Kaifers ; die Gemeinden Timici ***) 
nad Tigada [Lezzoute]. 21. Die Flüſſe Sardabal [Gheflif], 
Aves [Haſham] und Nabar [Zeffert]; der Stamm der Ma⸗ 
eureber; der Fluß Ufar [Yijebbil; der Stamm der Nabader; 
der Find Ampfaga [Wabd⸗el⸗Kibir], welcher 222,000 Schritte 

[La4/ M.] von Eäfarea entfernt ik. Die Länge der beiden 
Mauritanien beträgt 1,039,000 Schritte [247% M. L bie 
Breite 467,000 Gchritte [93% MI. 

1 (ım).- An dem Ampfaga beginnt Numidien , » bes 
rüpmt durch den Namen des Maffiniffa Die Griechen 
nennen das Land das Metagonitifche, ++) die Numidier aber 
Nomaten, weil fie fortwährend ihre Weidepläge verändern, 
und ihre Hütten, das heißt, ihre Häufer, auf Karren mit 
ſich führen. Man findet hier die Städte Cullu [Eullo], 
Rufleade [Stora]; ferner die von der letzteren 48,000 
Schritte. .[9%; m] weiter nadı dem Innern bin entfernte 





*) Man findet an diefer Gtelle jest weder eine Stadt, noch 
.. Ruinen. Ä 

2 Nuinen bei Mazounah am Ghelliff. 
”*, Lag füblich von Arzen, wahrfheintih am Sigg. 

+) Erfiredte fi) vom Wad el Kibir bis zum Zaine, unb bes 
griff ſomit den öfttichen Theil von Algier. | 
Tr Bol. Mannert, Seoor. d. Br. ı u. Rom. Africa, =. u, 

©. 206, 2070... 


802 C. Plinius Naturgeſchichte. 
Colonie Cirta [Conſtantine], auch die Colonie ber Eittie- 


zer *) genannt; die ebenfalls im. Inneren liegende .Enfontie 
Gicca EEaff) und die freie Stadt Bulla Regia (Babja]- 
Un der Küfte folgen: Zacatun [Tamſeh], Hippo Regius 
EBona]; der Fluß Armua (Mafragg]; die Gtabt Tabraca 
[Xabarca) und der Fluß Tusca [Saine), Er bildet Pie 
Gränze Numidiens, in welhem man außer dem Numidis 


- fen Marmor und einer Menge wilber . Thiere nichts Be⸗ 
ſonderes ſindet. 


IH (iv). 4. Un dem Tusca besinnt das Zeugitaniſche 


‚Gebiet oder das fogenannte eigentliche Africa. **) Drei in Das 
-Meer auslaufende VBorgebirge, das weiße. ſBas⸗el⸗Abeadh] 


nämlich, das ded Apollo [Cap Barina), Sardinien gegen: 


‚Über , und das des Mercurius [Eap Bon], Gizilien gegen 
„Uber ‚: bilden zwei Buſen. Der eine ift der Hipponentifche 
IGolf von Ben⸗Zert], zunächſt an ber Stadt, welche Hippo 


dirutus .***). [Ben Zert] Heißt, und von den Griechen wegen 


. der Waflerfirömungen Diarrhytus [die durchkoffene] ges 
nannt wird. Im ihrer Nähe, nur etwas weiter vom Meer 





” Weil fie dem. Nömifchen. Feidherrn Sittius und ſeinen Krie⸗ 
gern, die in Africa mit GIG geſochten hatten, von Eäfar 
zum Gefchenke gegeben wurde. 

“e) Die jesigen Regentfchaften Tunis und Tripoli. 

00), Gigentlih das zerfiörte Hippo. Dirutus if jeboch 
eine Berunflaltung des Worte Diarrhytus ober Bas 
ritnß, wie die Stabt in fpäterer Zeit Heißt. Den Namen 
Diarrhytus (wenn nicht: aud, dieſes Wort aus der einheis 
mifchen Benennung Bert [Kanal] entflanden if) hat Hippo 
wohl, weil ed an einem Kanal liegt, der einen nicht unbes 
deutenden See mit dem Meer verbindet. 








Sünftes Buch. | 503 


"entfernt, liegt die abgabenfreie Stadt Thendatis. *) 3. Damm 
-folgen das Borgebirg des Apollo, und an dem anderen Buſen 
* [Solf-von Tunis] Utica, **) mit Römifhem Bürgerrecht 
and berühmt burdy Cato's Tod; der Fluß Bagrada ſMeds⸗ 
jerta]; der Ort Eaftra Eornelia [Porto Farina]; die Eolos 
nie Sarthago, an der Stelle des mächtigen Earthago; ***) 
Die Colonie Maxulla [Rhades] ; die Städte Earpi [Burta], 
Mifua: [Eidi Donde] das freie Elupea [Calibia] auf dem 
-VBorgebirge bed Mercuriis; das ebenfalls freie Curnbis 
-[Hamman Burbos] und Neapolis [Noball. Nun folgt eine 
andere Unterebtheilung des eigentlichen Africa, Byzacium, 
deſſen Bewohner man Libyphönizier nennt. Byzacinum heißt 
ein Gebiet von 250,000 Schritten [50 M.] im Umfange, 
von fo überaus großer Fruchtbarkeit, daß der Boden dem 
Bebauer hundertfältigen Ertrag liefert. 3. Hier liegen die 
ferien Städte Leptis [Rempta], Adrumetum, F) Nuspina , ++) 
Thapſus [Demaß]; weiterhiu folgen Think (Thaina], Mas 
tomades ſMaharaß], Tacape ſCabes] und Gabrata Alttri⸗ 
poli] an der Beinen Syrte [Bai von Eabes].. Vom Amp⸗ 
ſaga bis zu diefer mißt die Länge Numidiens und des eigent⸗ 
hen Africa 580,000 Schritte [116 M.], und die Breite, 
in fo weit man fie bie jetzt beflimmen konnte, 200,008 
Shritte [a0 M.]. Diefe Landfirede, welche wir das eis 





2) Am Öfllihen Ufer bed erwähnten See. 
**) Ruinen bei der Stadt Bosshater, 
“ee, Zwiſchen den weithin fi erſtreckenden Trümmern Rarihas 
go's liegen jetzt die Dörfer Dariifchut und Sidy Mofaib, ' 
+) Ruinen zwei Meilen füdlich von dem Flecken Herria. 
37) Nahe bei dem heutigen Monaſliho. 


Zu" C. Plinius Raturgeigiäte, 


gentliche Africa genannt haben, wird wieder in zwei Viy⸗ 
dvinzen, in das alte und neue Africa nämlich, eingetheilt, 
welche durch einen, nach der Uebereinkunft zwiſchen dem 
zweiten Africaner %) und den Königen gezogenen Graben, 
der bie zur Stadt Thenä, bie 246,000 Schritte [45’/; M.] 
von Carthago entfernt ift, reicht, gefchieben find. ur 
IV. 4. Der dritte Bufen Africa's theilt ſich wieder ik 
zwei, welche an den beiden Syrten, des feichten und ſich 
ſtets brechenden Meeres wegen, den Schiffen gefährlich ſind. 
Bon Carthago bis zur nächſten Syrte [Golf von Cabes], 
weiche die kleinere ift, zählt Polybius 500,008 Schritte 
[60 M.]; ihre Deffuung nad) dem Meere bin aber gibt. er 
auf 400,000 Schritte [20 M.] nnd ihren Umfaung auf 
500,000 Schritte [60 M.] an. Der Landweg zu ihr führt 
durch Sandwüſten, die von Schlangen wimmeln , und Tan 
nur durch die Beobachtung der Geſtirne gefunden werben; 
dann folgen Wälder, *°) die mit einer Menge von wilden 
Thieren angefüllt find, und nach dem SJuneren bin Eine 
öden, in denen Elephanten haufen, darauf ungehenere Wü⸗ 
flen ***) und jenſeits derfelben bie Baramanten, +) welche 
zwölf Zagereifen von den Uugpfern 74) eutfernt find. 2. Ue⸗ 
ber jenen [den Garamanten] wohnte bas Volk der Pſoller, +44) 





*) Dem jüngeren Gcipio, welcher Mafiniffa’d Reich unter 
beffen Söhne, die Bier ſchlechtweg Könige heißen, theilte, 
*°) Der nörblihe Theil von MWiledsulsgerib. 
*, Die Wüfte Sahara. | 
+) Bewohner bed heutigen Fezzau. 
7Tt) In der Dafe Augila (Udfchile). 
TH Sadweſtlich von der großen Syrte. 





Fünftes Buch. 605 


and über Diefen liegt der See des Lycomebes, *) welcher 
non Wüſten umgeben iſt. Die Augyler ſelbſt febt man uns 
gefähr mitten in den Ranm, welder auf beiden Geiten von 
dem fid) nach Weiten bin erſtreckenden Wetbiopien und dem 
zwifchen ben beiden Syrien Tiegenden Gebiete gleich weit 
entfernt if. Die Länge der Küſte zwifchen deu beiden Syr⸗ 
ten beträgt 250,000 Schritte [50 M.]. Bier findet man 
Die Stadt Dea,**) die Laudſchaft und den Fluß Cinyps 
[Wadi⸗Quaam], die Städte Neapolis, *%) Gaphara, +) 
Abrotonum, +7) das andere Leptis [Lebda], welches das 
große zubenannt wird. 

3. Nun folgt die größere Syrte [der Bufen von Gis 
dra], die einen Umfang von 625,000 Schritten [125 MI 
bat, und deren Oeffnung 312,000 Schritte [62°/; M.) breit 
ift. Un ihrer [weftlichen] Küfte wohnt das Volt der Eifl 
paben; in der Tiefe des Buſens war bad Gebiet der Loto⸗ 
phagen, +++) von Manchen auch Alachroer [Meerfarbige] 


5) Seine Lage läßt ſich nicht beſtimmen. 

”*, Etwa vier Meilen ont von Tripoli. 

29) Nach Mannert in feiner Geogr. Africa’s (8.11, ©. 125) 
ud Neapolis und Leptid magna eine und dieſelbe Stadt, 
und von Plinius irrthümlich als zwei verfchiebene amwges 
fährt, 

+) Ruinen in dem Difiriete Sibe, wefilich von Lebda. — Uns 
dere leſen Taphara ober Taphra. 

+}) Später Sabrata (Alttripoli). Plinius, weicher in dieſem 
Kapitel ungenau ift, führt Sabrata umb Abrotonum als 
zwei verſchiedene Stäbte an. 

‚ttP) vLotuseſſer. Noch jetzt in bie Frucht des Lotusbaums 


€, Plinius Naturgeſch. 58 Schu. | 3 


506 ©. Plinius Naturgeſchichte. 


genannt, welches bis zu den Nitären der Philäni,) bie 
and Sand beftehen,, hinzieht. Nahe bei diefen, nicht weir 
im feſten Lande, ift ein überans großer Sumpf [2udeah], 
welcher den Fluß Triton ſel Hammah] aufnimmt, und son 
diefem feinen Namen erhält. Callimachus nennt ihn Pals 
lantias, und fest ihn bdieffeits der Pleinen Syrte. Nach 
vielen andern Schriftftellern aber liegt er zwiſchen beiden 
Syrten. Das Borgebirg, welches die große Soyrte ſchließt, 
heiße Borion [Tajuni]; jenfeitd deſſelben beginnt die Eyres 
näifche Provinz [Barca]. 

4. Vom Fiuſſe Ampfaga bis zu diefer Bränze zählt 
. Africa ſechsundzwanzig Völker, welche der Römiſchen Herr: 
ſchaft unterworfen find. Bei ihnen findet man ſechs En 
lonien, nämlich, außer den ſchon genannten, **) Uthina 
[Udine]) und Tuburbis [Tuburbo), fünfzehn Gemeinden 
mit Römifhem Bürgerrechte, von denen die Azuritaniſche 
IKeff], die Abutucenſiſche, die Aborienſiſche, die Canopiſche, 
die Chilmanenſiſche, *°*) die Simittuenſiſche, ) die Thunufle 
denſiſche, die Zuburnicenflfche, die Tynidrumenſlſche, die Zibis 





(rhamnus letus L.) eined der vorzäglihfien Nabrungds 
mittel ber Bewohner dieſer Küfte, 

*) Die Arae Philaenorum befanden fi an dem Orte, ber 
jest Seägga heißt. Ueber die Brüder Philäni, weldye durch 
einen freiwilligen Tod dad Gebiet ihres Vaterlandes Kars 
thago bedeutend erweiterten, vgl. Salluft’s Jugurtha, 41. 
Balerins Maximus V, 4. " 

eo) Cirta, Sicca, Karthago und Maxulla. 

©) Ptolemãus (IV, 3.3 ſetzt Eanopiffä zwiſchen Tabarca und 
bden Fluß Mebsjerda, Ehiima Füblich von Ryades. 
Eimitku Ing einige Meilen Sftli von bem heutigen Bugia. 


‘ Fünftes Buch. 507 


senftihe, die beiden Unitaniſchen, bie größere nämlich und Die 
Meinere, und die Bagenfifche Erwähnung verdienen; ferner 
bie Ufalitanifche Gemeinde, die einzige mit Lateinifchem Bür⸗ 
gerrechte, eine einzige dienfipfliichtige Stadt bei Cafira Cor⸗ 
uelia , und dreißig freie Gemeinden, von denen Die im In⸗ 
Bern liegenden, die Acolitaniſche,) Acharitanifche, Apinenfifche, 
Abziritaniſche, Cauopitauiſche, Melzitanifche, Materenſiſche, 
Salaphitaniſche, Tusdritaniſche JJemma], Tiphicenſiſche, 
Tunicenſiſche, Theudenſiſche, Tagesdenſiſche, Tigenſiſche, Uln⸗ 
ſubritaniſche, andere Vagenſiſche, Viſenſiſche und Zamenſiſche 
ſ[Sowarin] anzuführen find. 5. Von den übrigen Gemein⸗ 
den , von denen viele ſich nicht auf einzelne Städte befchrän- 
Zen, fondern mit Recht ganze Bolksſtämme geuannt werben 
Zönnen, erwähnen wir nody bie Natabuden, die Eapfifaner 

I[Gaffa], die Mifulaner, die Sabarbaren, die Maffyier, die 
-  Nifiven, die Bacamuren, die Ethiner, die Muffiner , die 
Marchubier und ganz Gätulien, »e) bis zum Fluſſe Nigris, 
welcher Africa von Yethiopien trennt. 

vv). 1. Das Eyrenäifhe ober Pentapolitaniſche Be: 
diet [Barca] ift durch das Drafel des Hammon [Haimabaide, 
in der Dafe Siwah], welches 400,000 Schritte [80 M.] von 
Eprene entfernt liegt, die Sonnenguelle Om⸗el⸗Abid] und 
befonders durdy feine fünf Städte, Berenice [Bengafl), 
Arſinoẽ [Teuchira], Ptolemais [Tolometa], Apollonia [Rarza 





Ruinen von Acholla bei dem Tuneſiſchen Flecken Elalia. 
”) Die Gatuler hatten ſich Aber die Landſtriche, welche füblich - 
fih unter Maroeco, Algier und Tunis Hinziehen, verbreitet; 
ſudlich von ihnen wohnten die Aethiopier (Meger), 
* 


⸗ 


508 ‚€. Plinius Naturgeſchichte. 


Sufa} und Eyrene [Grenne] berühmt. Berenice Tiegt an 
ber änßerften Spitze der Syrte, nad hieß einſt die Stabt 
ber Hesperiden, von denen wir ſchon *) geſprochen haben, 
und welde die uufidheren Griechiſchen Fabeln an verfchies 
dene Gtellen ſetzen. Nicht weit vor ber Stadt ſieht man 
den Fluß Lethon **) und den heiligen Hain, in dem man 
die Gärten der Hesperiden zu finden glaubt. 2. Berenice 
ift von Leptis 375,000 Schritte [75 M.] entfernt; von ihr 
bis nach Arſinos, welches auch Teuchira heißt, find 43,000 
Schritte [8?/; M.]; dann kommt 22,000 Schritte [4’; M.] 
weiter Ptolemais, welches andy) noch feinen alten Namen 
Barce führt; 40,000 Schritte [8 M.] weiter läuft das Bor⸗ 
gebirg Phyeus IRas Sem] in das Eretifche Meer hinaus, 
weiches von dem VBorgebirge Tänarus [Matapan] in Lacos 
nien 350,000 Schritte [70 M.], von Ereta felbft aber 
925,000 Schritte [a5 M.I entfernt iſt. Daun folge Eyrene, 
weiches 11,000 Schritte [2% M.] vom Meere liegt. Bom 
VBorgebirge Phycus bis nach Apollonia find 24,000 Schritte 
(4% M.], bis zum Vorgebirge Cherfonefus [Ras Razat] 
88,000 Schritte [17% M.] und von da bis nad Catabath⸗ 
mus [Eucco] 216,000 Schritte [a3'% M.]. 3. Dier wohnen 
die Marmariden, welche ungefähr von der Umgegend ber 
Stadt Parätonium [EI Baretoun] bis an die große Syrte 
bin reihen. Nach ihnen folgen die Araranceler, und an 
der Küfte der Syrte bie Nafamoner , weldhe die Griechen 





*) Ray. 1.5. 3. 4. 
*0) Der fhmale Kanal, durch welchen ein bei Bengef lieg ender 
See mit dem Meer in Verbindung ſteht. 


Sünftes Bud. 509 


früher Mefammoner ®) nannten, weil ihre Gebiet mitten in 
den Sandwüflen lag. In dem Eprenäifchen Gebiete gebeihen 
anf einer Strecke von 15,000 Gchritten f3 M.], von der 
Küfte an gerehnet, Bäume; auf einer gleihen Gtrede 
weiter nad) dern Inneren hin, nur Feldfrüchte, und anf dem 
darauf folgenden, 30,000 Schritte [6 MI breiten und 
280,000 Schritte [50 M.] langen Landſtriche nur Lafer, *% 

. 4 Hinter den Nafamonen wohnen die Asbyſten ***) 
und Maker, + und nad Diefen die Hammanienten, weldye 
zwölf Tagreifen weitlich von der großen Sorte entfernt und 
nah allen Geiten hin von Sandwüſten umgeben find. Ste 
bekommen jedod) ohne Schwierigkeit, wenn fie zwei Klafter 
tief graben, waflerreiche Brunnen, weil bier die Gewäfler 
Mauritaniens fi fammeln. Statt ber Steine bedienen fle 
fi zum Baue ihrer Hänfer des Salzes, welches fie in ihren 
Bergen gewinnen. Bon Diefen bis zu den nach dem Winter 
fonnenuntergang [&ühmwelten] hin wohnenden Zroglodpten, 
find vier Zagreifen. Man treibt mit biefem Volke nur 
Handel mit dem Ebdelfteine, welcher Karfuntel heißt, und 
ihm aus Aethiopien "zugeführt wird. 5. Dazwiſchen liegt 
nad, den Sandwüſten Africa's hin, weiche wir oben bei der 
Beinen Syrte genannt haben ,. Phazania IFezzan], wo wir 
das Bolt der Phazanier und die Städte Alele Mellulen] 





2) Bon usoos (mitten) und äuues (Band). Nach Bochart 

' (@eogr. P. I. Lib. 4. oap. 30.) ift das Wort Phoͤniziſch, 
amd heißt Männer des. Ammon, 

*%) Ferula assa foetida. Linn. Bel. B. 19. 8. 15. 

**) Sadlich von Eyrene (Grenne). | 
3) Am Wabdi⸗Quaam. 


510 C. Plinius Naturgeſchichte. 


nad Cillaba [Iuila] unterjochten, ſo wie Cydamus [Gada⸗ 
mez], in der Richtung von Sabrata [AlttripoliJj. Bon den 
Dhazaniern'. zieht ſich weithin von DOften nach Welten ein 
Berg , welcher bei ben Unfrigen der ſchwarze (ater) heißt, "") 
entweder weil er von Natur verbrannt fheint, oder weil er 
durch die anpraliende Sonne geſchwärzt if. 6. Jenſeits 
deffelben find Sandwäflten und Matelgä, eine Stadt der Gara⸗ 
matten; ferner Debris, ***) bei welchem ſich eine Duelle ber 
findet, die von Mittag bis Mitternacht fiebendes, und ven 
Mitternacht bis Mittag eiskaltes Wafler gibt, fo wie bie 
berühmte Stadt Sarama [Berma], der Hauptort der Ga⸗ 
ramanten. Ueber alle diefe Länder ſiegten die Roͤmiſchen 
Waffen und triumphirte Cornelius Balbus, +) der einzige 
Ausländer, welchem bie Ehre des Triumphs und des Rechts 
der Quiriten zu Theil wurbe ; denn er war zu Gades ger 
baren, amd erhielt zugleich mit dem Altern Balbus, feinem 
väterlichen Oheim, das Römifche Bürgerrecht. 7. Merk⸗ 
würdig ift ſchon, daß unfere Schrififteller über die oben ger 
nannten, von ihm eroberten Städte berichten, und daß:en, 
feibft, außer Eydamus und Garama, auch die Namen und 
Bilder aller anderen Völker und Städte im Triumphe, nnd 
-zwar in folgender Ordnung aufführte: die Stadt Tabidimm 





*), An ber Gib: und Nordweſigraͤnze von Fezzan. 
” Noch jetzt heißt dad Gebirg Sondah (das ſchwarze). 
“er, Gag wahrſcheinlich auf ben Wege zwiſchen Germa und 
Ghraat, wo man jert noch bei Om⸗el⸗Abid viele Wohnungen 
in eine Bergwand eingehauen fiebt: J 
) Im J. 44 vor CEdr. 








Fünftes Bud. 518 


[eihefiy], der Boſtoſtamm Niteris, die Siadt Negligemela *) 
der Volksſtamm oder die Stadt Bubeium, **) die Eniper, 
ein Volksſtamm, die Stadt Thuben, ber [fchon angeführte] 
Berg, welcher Niger [dev ſchwarze] heißt, die Städte Nie 
tibrum und Rapfa, der Volksſtamm Discera, ***) die [be- 
reits erwähnte] Stadt Debris, der Fluß Nathabur, +) die 
Stadt Thapſagum, ++) die Nanager, ein Volksſtamm, ++t) 
die Stadt Boin, die Stadt Pege, +*) der Fluß Dafibari 
[Azawan]; dann folgten ohne Unterbrechung die Städte 
Baracum, Buluba, Aal, Balfa, Gala, Marala [Miflo: 
nt] , Zizama und endlich der Berg Gyri [Boriano], wo, 
wie die Infchrift [des bei dem Triumphe mitgetragenen Bils 
des] befagte, Edelſteine wachen. 8. Der Weg zu den Gas 
ramanten war bis jetzt ungangbar, weil die Räuber dieſes 
Volks die Brunnen, welche man Übrigens, wenn man Orts⸗ 
kenntniß hat, ohne tief zu graben, berflellen kann, mit Band 
verſchütten. Erſt in dem Kriege, welchen ber Kaifer Bess 


pyaflanus in der neuften Zeit mit den Bewohnern der Stadt 


Dea führte, 12) wurde ein um vier Tage Bürzerer Weg 


€) Der Volksſtamm Niterid und bie Stadt Negligemela find 
vielleicht in dem zwifchen Fezzan und Borun liegenden 
Diftricte Bilma zu ſuchen. 

” Mielleicht der Stamm ber Tibbo's, welcher ſudweſtlich von 
Augila wohnt, und Febabo heißt. 

*., Vieleicht um Im⸗Zerar, auf bem Wege von Sockna nad 
Murzuk. 

H Soll bei der Stadt Teſſawa gefloſſen, und jetzt verſiegt ſeyn. 


) Vielleicht bei Traghan. Thapſagum iſt vielleicht Sana. 


++ Nöordlich von Om⸗el⸗Abid. 
+*) Winega, auf dem Wege von Germa nad) Bprant, 
+) Bol. Taeitus, Hist. IV, 50, 


512 C. Plinius Naturgeſchichte. 


entdeckt. Er heißt „der Weg am Felsgipfel vorbei.“ — 
Der Gränzpunkt der Cyrenäiſchen Landfchaft heißt Catabath⸗ 
mos [Lucco], welchen Namen eine Stadt und ein dabei 
ſchnell abfallendes, Thal führen. Won ber kleinen Sprte bie 
zu dieſer Gränze mißt das Eprenäifhhe Africa in der Länge 
41,060,000 Schritte [312 M.], in der Breite aber, in fo 
weit diefe nämlich befannt iſt, 800,000 Schritte [160 M.). 

VI (vr). 41. Der Landfirih, welcher nun folge, heißt 
Mareotis Libya, **) und gränzt an Aegypten. Die Bewohs 
ner deffeiben find die Marmariden, die Adyrmachiden uud 
endlich die Marepten. Die Wegelänge von Catabathmos bie 
nah Parätonium [Al⸗Baretoun] beträgt 86,000 Schritte 
[175 M.]. Auf diefer Strecke liegt der Flecken Apis, ein 
durch die Religion Aegyptens berühmter Ort. Bon ihm 
bie nach Parätonium And 62,000 Schritte [12% M.], und 
von da bis nad Alerandrien 200,000 Schritte [10 M.]; 
die Breite des Landes befrägt 169,000 Schritte [35% M.]. 
2. Nach Eratofihenes mißt der Landweg von Eyrene nach 
Alerandrien 525,000 Schritte, nad Agrippa die Länge vom 
ganz Africa von dem Atlantiſchen Meere, mit Einfluß 
Unterägyptens , 3,080,000 Schritte [608 M.]. Polybins 
und Eratofthenes, welche als die genaneften gelten, rechnen 
vom Ozean bis nach Großkarthago 1,100,000 Schritte [230 M.], 
“und von da bis zur nächſten (Eanopifchen) Mündung des 


*) Wahrſcheinlich der Weg, weicher noch jetzt von Tripoli 
nah Mifforkt und Germa, an bem fleilen Fels Gelat 
(dem höcften Punkte bes Goriano) vorbeifährt. 

*, Pinind verſteht unter Mareotis Libya die ganze Kagen⸗ 
ſtrecke von Lnceo bis Alexandria. 


J 





Fünftes Bud), . 545 


Nils 1,528;000 Schritte [305% M.]. Iſidorns zählt von 
Tingis bis Canopus 3,599,000 Schritte [719% M.T, und 
Artemidorus 40,000 Schritte [8 M.) weniger, als Iſidorus. 

VI (vn) 4. Es liegen nicht viele Juſeln in biefen 
[Rord Africa befpütenden] Meeren. Die berühmtefte ift 
Meninr [Dfierbi], welde 25,000 Schritte [5 M.] Tang, 
und 23.000 Schritte [A%, M.] breit ift und von @ratofthe 
nes Lotophagitis genannt wird. Sie hat zwei Städte, Mes 
ninr auf der Seite von Africa, und Shoar auf der andern 
Seite; von dem rechten Borgebirge [Cap Dfierbi] der Heinen 
Syrte ift fie 1,500 Schritte [Y. Stunde] entfernt. Links 
von diefer Inſel, in einer Entfernung von 100,000 Schritten 
f20 M.), liegt Gercina [Kerteni], mit einer gleichnamigen 
freien Stadt. Sie ift 25,000 Schritte [5 M.] lang, und 
ihre Breite beträgt, wo diefe am bebentendften ift, die 
Hälfte des angegebenen Maßes, an ber Spitze aber nicht 
mehr al3 5000 Schritte AM.) 2. Mit ihr ift anf der 
Seite nad Karthago hin Eercinitis. [Deko], eine fehr kleine 
Fuſel, durch eine Brüde verbunden. Ungefähr 50,000 ©. 
[10 M.] von diefen Inſeln folgt Lopaduſa [Lampadoſa], 
weiche 6000 Schritte [1/, M.] lang iſt, und nicht weit das 
von kommen Gaulos und Balata, deren Erbe den Scorpion,‘ 
ein für Africa fehr ſchädliches Thier, tödtet. Auch in. der 
Stadt CElupea [Ealibia], welcher gegenüber die Juſel En» 
fgra, *) mit einer Stadt, liegt, foll es fterben. Bor dem 
Meerbufen von Karthago, zwifchen Sizilien und Sardinien, 





29) User die Inſeln Gauloe, Galata und Coſpra vgl, 8. I. 
$. 6, 


- 


644 C. Plinius Naturgeſchichte. 


liegen die Altaͤre des Aegimorus [Bowamoores], die- cher, als 
Selen, denn als Fufeln gelten können. Nah manchen 
Schriftſtellern follen ſie einſt bewohnte Inſeln geweſen, ſpã⸗ 
ter aber eingeſunken ſeyn. 

VVIII (nm). 1. Südlich von den bereits beſchriebenen 
Tdeilen von Africa, nach dem. Juneren bin, und über den 
Gätnlern, wohnen, von Diefen durch Wüſten getrennt, zuerſt 
die Libyaghpter nud dann die Leucäthioper; ) über Diefen, 
an dem fchon erwähnten **) Fluſſe (Niger) die Nigriten 
Yerhiopifhe Stämme, die Gymnetiſchen (nadten) Pharu⸗ 
fier , ***) weldhe bis zum Oztan reichen, und die ſchon 
oben +) berührten Perorfer an der Gränze Mauritaniens, 
Oeſtlich von diefen Völkern find. ungeheure Wüſten bis zu 
den Garamanten, Augylen und Troglodyten hin. Die 
Meinung Derjenigen, welche an bie Seiten der Africani⸗ 
ſchen Wüften zwei Aethiopien fegen, iſt alfo fehr richtig 5 
-von Allen hat aber Homer ++) neh der die Aethiopier in 





*) Die Libyoägypter wohnten an den Granzen von Aegypten 
und Nubien; bie Leucäthiopier in dem Landſtriche, wo 
man jest bie Azanaghis findet, 

96) Ray. 4. 5. 5. Der Niger kann nach diefer Stelle unmögs 
lich der Fluß fepyn, welchen man jetzt gewöhnlidhh Niger 
(Zoliba) nennt, fondern muß nördlicher gefegt werben, 
Vieleicht iſt er ber. Bis ber neneren Geographen. Bel 
€. 9. Waldenaer: Recherohes geographiques sur 
‚Pinterieur de l’Afrique septentrionale. Par. 1821. 8, 
p- 475, 

990) In der Gegend des Cap Nun. 

D cap. 1 5. 10. 

+) Dwg. I, 28. 24. 


— 


Fünftes Bud. 1717 


zwei Abtheilungen fcheidet, nämlich in die. li, und in 
Die weſtlich wohnenden. 2. Der Nigerfiuß bat diefelben 
@igeufchaften, wie ber Nil: er bringt , gleich dieſem, das 
Schilfrohr, die Papyrusſtaude und diefelben Thiere herver, 
und ſteigt zu denſelben Zeiten. Er entſpringt zwiſchen den 
Tareleiſchen und Oecaliſchen Aethiopiern.“) Der Letzteren 
Stadt Mavis ſetzen Einige in die Wüfte und veben dieſes 
Bolt die Atlanten, die halbwilden Aegipanen, die Blem⸗ 
myer, die Gamphaſanten, die Satyren und die Himantopes 
den. Die Atlanten find, weun wir den Nachrichten über 
fie glauben wollen, allen menſchlichen Gewohnheiten ent⸗ 
frembet. Man findet bei ihnen eine Bezeichnung des Eins 
zelnen durdy einen befonberen Namen; die Goune verfolgen 
fie bei ihrem Aufgange und Untergauge mit fchredlicdyen 
Berwünfhungen, weil fle ihnen und ihren Feldern verderbs 
lich ift: andy haben fie feine Träume, wie andere Menſchen. 
5. Die Troglodyten graben fid) Höhlen, bie ihnem zu Woh⸗ 
nungen dienen ; ihre Nahrung ift Schlangenfleiih, und ber 
Ton, melden fie von ſich geben , ift Feine Stimme, fondern 
"nur ein Geziſch, weßhalb ihnen eine verfändliche Sprache 
fehlt. Die Saramanten wiffen nichts von Ehen, fondern 
leben nach Belieben mit allen rauen. Die Wugplen vers 
ehren nur die @ötter der Unterwelt. Die Gamphafanten 
sehen nackt, verfichen. nichts nam Krieafährung , und treten 
mit Peinem Fremden in Verbindung. Den Blemmpern follen 
die Köpfe fehlen, der Mund und die Augen aber auf ber 





) Die Oeealiſchen Hethiopier ſetzt man gewo hnlich ſadbſtuich 
von dem heutigen Reiche. Darſur. 


616 C. Plinius Raturgeichichte. 


Bruft fiehen. ie Satyen haben. außer der Geſtalt nichts 
Menſchliches an ſich; Die Aegipanen find fo geflaltet, wie 
man fie gewöhnlid, abbilbet. ) Die Himantopoden find 
krummfüßige Leute, die von Natur kriechend einherſchleichen. **) 
Die Pharufler follen von Perſern herfiammen, welde einft 
den Hercules anf feinem Zuge zu deu Hesperiden begleiteten. 
— Weiter bietet ſich Über Africa nichts, was Grwähnung 
verdiente. 

IX (x). 4 Mit Africa hängt Allen zufammen, weh 
ches fich, nach ZTimofthenes , von der Eanopifhen Nilmäns 
dung bis zur Mündung des Pontus 2,659,000 Schritte 
1527% M.], nnd, nad) @ratofthenes, von der Mündung 
des Pontus bie zur Mündung des Maͤotiſchen Sees 1,645,000 
Schritte [329 M.] ausdehnt. Die Größe von ganz Aflen, 
Aegypten mit einbegriffen,, bis zum Tanais, beftimmen Ars 
temidorus und Iſidorus anf 6,575,000 Schritte [1,275 M.]. 
Die es umgebenden Meere haben von den Anwohnern vers 
fiedene Namen erhalten, weßhalb wir fie mit Diefen zu⸗ 
gleich anzeigen werben. 2. Zunächſt an Africa liegt Ae⸗ 
gypten, weiches ſich in fühlicher Richtung nad dem Innern 
Hin erſtreckt, und bie zu den Aethiopiern, die fih hinter 
ihm ausbreiten, hinzicht. Den ſüdlichen heil des Landes 
umſchlingt der Nil dur zwei Arme, bie er rechts nnd 
links entfendet, und deren Mündungen, die 170,000 Schritte 
[sa M.] von einander entfernt find, die Graͤnzſcheide bitden, 





PR Mit woattfuhen. 
”) Es wäre eine unbanfbare Mühe, über dieſe fbeipaften 
Bolker nähere Unterſuchungen auzuſtellen. 


t 


+ 


Fünftes Bud. 817 


die Canopiſche gegen Africa, und die Peluſiſche nad) Ufen 
hin. ) Aus diefem Grunde rechneten Manche Aegypten zu 
den Inſeln und Viele legten ihm, weil fi der Nil fo 
theilt, daß er dem Lande eine dreiedige Geftalt gibt, den 
Namen des Griechiſchen Buchſtaben Delta (9) bei. Die 
Wegſtrecke von dem Drte, wg der noch in einem Bette ſtrö⸗ 
mende Nil ſich in zwei Geitenarme theilt, bis zur Canopi⸗ 
fen Mündung, beträgt 186,000 Schritte [29% M.], bis 
zur Peluſiſchen Mündung aber 256,000 Schritte **) [51'/; M.). 
Der obere an Aethiopien gränzende Landestheil heißt The⸗ 
baid. 3. Er wird in Stadtbezirke, die man Nomen nennt, *®) 
getheilt, nämlih in den Ombiſchen [Ronm:Ombos], den 
Apollopoliſchen IEdfu], den Hermontifhen [Ermend], den 
Thinitifchen , +) den Phaturiſchen, +7) den Goptifchen [Kuff], 
den Teutyriſchen [Dendera], den Diospolifchen [How], ben 
Hntäopolifchen [DuäsonselsKharb] , den Apbroditopstifchen 
[@d Sof} und Lycopolifchen [Siut]. Die nah Peluſium 
hin Tiegende Gegend begreift den Pharbätifhen [Belbeis], 





°) Der Eanopifche Arm münbdete bei Abukir, ber Pelufifche 
bei Tineh: fie find jegt nicht mehr vorhanden. 
+, Man muß wohl „156,000 Schritte” Iefen: denn bie Ents 
- fernung bis zu beiden Mündungen ift beinahe glei. . 
*., In den Klammern if immer bie jegige Benennung bed 
Hauptorts eines jeden Nomos beigefügt. 
+») Das unbebentende Städtchen This, von welchem ber No⸗ 
mos feinen Namen bat, lag in ber Nähe von Scheik⸗ 
Abadu, dem alten Abydus. 
+) Diefer Name Eommt nur in dem alten Teitamente und 
‚ feinen ErElärern vor. Der Nomos ferbft ift wohl Fein ans 
"derer, als der von Thebaä. 


518 €. Plinius Naturgeſchichte. 


den Bubaſtiſchen [Baſta], den Sethropiſchen *) und den 
Tanitiſchen (Aſchmon-Tanah]ſ. Im den Übrigen Tbeilen 
Aegyptens findet man noch folgende Nomen: den Arabi⸗ 
ſchen, »e) den Hammoniſchen, der nach dem Orakel des In⸗ 
piter Hammon [Dafe Siwah] Hin liegt, den Oxyrynchiſchen 
I[Beneſeh], den Leontopoliſchen [Tel-Effabe], den Atharrha⸗ 
biſchen ITrieb), den‘ Cynopoliſchen ISamalout), den Her⸗ 
mopolifchen [Aſchmunein], den Xoisſchen [Mehallet⸗el⸗Ke⸗ 
bir], den Mendeſiſchen (Menzaleh]j, den Sebennytiſchen 
fSemenhüd], den Gabaflfchen [Dfiebas], den Latopoliſchen 
[&sneh), den Seliopolifchen Matareh], der Profopifchen, ») 
den Panopotifhen [Akmin], den Bufiriſchen [Abufir], den 
Onuphiſchen [Banäb], den Baifhen [Sah⸗el⸗Hadſchar], 
den Ptenethuifchen [Bembeanw], den Phthemphuiſchen [Tafa], 
Sen Naucratifchen, +) den Metelifchen [Mentubes] , den 
Gpnäcopolifhen ++) und den Menelaifchhen in der Gegend 
son Alexandrien. A. In Libyen liegt der Mareotiſche Nos 
mos FMRairitt] und der Heracleopolifhe auf einer ‚50,000 
Säritte [10 M.] langen Nitinfel, auf der man and die 





*) An der Stelle von Keracleum, dem Hauptorte bed Sethroi⸗ 
ſchen Nomos, findet man jetzt den See Menzaleh. 

”e) Zwiſchen dein Delta und den Arabiſchen Meerbuſen. 

m) Go genannt von ber Infel Profopitis , welche durch zwei 
Nilarme (dem Canopiſchen und den Sebennytiſchen) und 
den Canal Farauͤni gebildet wird. 

‚ D Naueratis lag drei Stunden fühlidy von dem heutigen Orte 
Schabur. Andere zählen Naucratiö zu dem Nomos von 
Said, Vielleicht irrt fih hier Plinius. 

Tr) Auf der Weftfeite bed Eanopifchen Arms. 








Fünftes Buch. B19 


Stadt Heracleopolis [Anas⸗el⸗Wodjont] finde. Es gibt 
ferner zwei Arſinosiſche Nomen [Mdsijerüt und Bejum]; 
Diefe und der Memphifhe [Minieh] reichen bis zur Spitze 
des Delta. - An diefe gränzen nad Wfrica ‚hin die beiden 
Oaſiſchen [EL Wah und Charje]. Mandye verwechſeln eis 
nige diefer Namen, und führen noch andere Nomen an, wie 
Den SHeroopofifhen und den Erocodilopolifhen. 9% 3wiſchen 
dem Arfinveifhen und dem Memphifhen lag ein von Mens 
ſchenhänden gegrabener Ser, der 250,000 Schritte [50 M.], 
sder , nadı der Angabe des Mucianus, 450,000 Schritte 
90 M.] im Umfauge hatte, und 50 Schritte [250 Fuß] tief 
war, und nad) dem Könige, der ihn hatte ausheben laſſen, 
Möris [BirkeKerän] getaunt wurde. 5. Bon bier bis 
nad Memphis [Minieh], der Burg der früheren Könige 
Aegyptens, find 72.000 Schritte [14% M.], und von da bis 
zu dem Drakel des Hammon zwölf Zagereifen; bie zur Thei⸗ 
fung des Nils, dem fogenanuten Delta, aber 15,000 Schritte 
[5 R.]. 

X. 4. Der Nil, welder aus nicht mit Gewißheit an⸗ 
zugebenden Quellen entſpringt, ſtroͤmt zuerſt durch übe, 
Heiße Gegenden, und iſt auf dieſer ganzen ungeheuer langen 
Gtrecke ſeines Laufes nur durch Gerüchte und friedliche [ges 
lebrte] Forſchung, keineswegs aber durch Kriege, welche die 
Entdeckung alter Übrigen Länder veranlaßt haben, bekannt. 
Nach Allen, was der König Juba darüber erfahren konnte, 
nimmt er auf einem Berge Niedermanuritaniens, nicht weit 





*) Der Heroopoliſche Nomes entfpricht dem Arabiſchen, der 
Krokobilopolifcye dem einen Azfinokifhen (Fejum). 


620 €. Plinius Naturgefchichte. 


vom Ozean, feinen Urfprung, und ſammelt ſich zuerft im 
einem See, den man Nilis nennt: darin finden ſich manche 
Fiſcharten, als Alabeten, *) Eoracinen **) und Siluren. ***) 
Andy fieht man jest noch im Iſistempel zu Cäſarea [Te⸗ 
nez] einen von Juba zum Beweiſe feiner Behauptung +> 
geweihten Erocodil von bortber. 2. Außerdem bat man die 
Beobachtung gemacht, daß fid das Wachſsthum ded Nils 
nad) der Menge des in Mauritanien fallenden Schnees unb 
Regens richte. Nach feinem Austritte aus dieſem See vers 
birgt fich der Nil‘, als verfchmähe. ex es, durch traurige 
Sandwüſten zu fließen, . einige Zagreifen. weit unter ber 
Erde. Daranf bricht er, wie die auch bier vorhandenen näm⸗ 
lichen Thiere beweifen, in einem andern größeren See beidem 
Volke der Maſſäſyler im Cäfarifhen Mauritanien bervor, 
ats wolle er fid) nach den umberwohnenden Menfchen ums 
ſchauen, und bleibt dann durd) eine zwanzig Tagreifen lange 





*, Alabetaͤ. Man ift über dieſe Fiſche nicht im Neinem, 
Gewöhntid Hält man. fie für eine Aalart, nämlich entweber 
für die Aalraupe (Gadus Lota L.), ober für die Fluß⸗ 

nennauge (Petromyzon fiuviatilis L.). 

*) Goracini, eine Lippfifhart, welche man gewöhnlich Wolken⸗ 
fioffe (Labrus niloticus L.) nennt. 
”) Siluri. Aalwels (Silurus anguillaris L.), von den 
Araberu Charmuth genannt. 
+) Daß nämlich ber in Mauritanien entfpringende Fluß ber 
Nil fey, zu weichen Schluſſe fih Juba fowohl durch bie 
angeführten bem Nil eigenthämlichen Fiſcharten, als auch 
durch den in bem erwähnten See gefangenen Krokodil, Bew 
man als ein nur bem Nilangehörendes Thier zu betrachten 
gewohnt war, beſtimmen Ip. 


us 








’ 


Fünftes Bud. ' b21 


Büfte, bis zu den zunächſt liegenden Uethiopiern im Sande 
verborgen. Gobald er aber wieder Menſchen merkt, bricht 
er von neuem hervor, und zwar aller Wahrſcheinlichkeit nad, 
aus jener Auelle, weldhe den Namen Nigrie führt. 3. Bon 
hier an bildet er die Gränze zwifcdhen Africa nnd Wethio- 
‚pien, *) umd iſt, wenn auch nicht fogleich von Völkern, doch 
von wilden Thieren und Beflien umwohnt, und mit Wäls 
dern, die er gefchaften, bededt. Auf feinem Laufe mitten 
durch die Wethiopier führt er den Beinamen Aflapus, **) 
was in der Sprache jener Völker ein ans der Dunkelheit 
hervorfließendes Wafler bedeutet. 4. Bon den unzähligen 
Inſeln, die er bildet, find einige von fo ungehenrer Größe, 
‚daß er trotz feiner reißenden Schnelligkeit nicht weniger als 
fünf Tage braucht, nm an ihnen vorüberzufliegen. Wo er 
Meros, die berühmtefte diefer Inſeln, ungibt, ‚heißt fein 
‚Yintes Bett Wflabores , ***) welcher Name fo viel als 
„Zweig eines aus der Finſterniß Eommenden Waſſers“ bes 
deutet, fein rechtes aber Aftufapes, mit welchem Worte man 
Den Begriff des „Verborgenſeyns“ verbindet; Nil nennt man 
‚ihn jedoch nicht eher, als bis fid) alle feine Gewäfler wieder 
eintraͤchtiglich in einen Strom vereinigt haben; und auch dann 


*) Es ift wohl kaum zu bemerken, daß ber Hier angegebene 
Lauf des Nil quer durch Nordafrica ein Phantafiegebilb iſt. 

»5) Der Nilarm Bahar⸗el⸗Azrek (blauer Strom). 

”. Der Aſtabores ift nad neueren Forfchungen ber Tacaze, 
dor Aſtuſapes der Rahad. Meros heißt alſo bei den Alten 
das Dreieck, welches von dieſen beiden Armen bei ihrer 
Vereinigung gebildet wird. 


€, Plinius Naturgeſch. b8 Bochn. A 


523% C. Plinius Naturgefchichte. 

no) führt er einige Meiten weit, fo mie auch etwas ſtrom⸗ 
aufwärts, den Namen Siris; bei Homer heißt er auf der 
ganzen Strecke feines Lanfed Aegyptus, bei Andern Triton. 
Weiterhin wird er durdy Juſeln eingeengt, die als eben fo 
viele Spörne feines Laufes dienen; endlich Führt er, fi 
zwifhen Berge drängend und reißender als fonft irgendwo, 
feine eilenden Wogen bis zu der Gegend der Nethioper, 
welche Eatadupen heißen, und fcheint dafelbft bei feinem 
lebten Balle **), des furchtbaren Getöſes wegen, durch die 
entgegenftrebenden Felfen nicht zu ſtrömen, fondern herab⸗ 
zuflürzen. 5. Darauf ergießt er ſich, nachdem fein Gewaͤſſer 
gebrochen und feine Wuth gebändigt, und er auch wohl 
durd) die Länge feines Laufes ermüdet ift, obgleidy durch 
viele Mündungen, Doc fanft in das Aegyptiſche Meer. Au 
gewiffen Tagen aber überfhwemmt er durch feine hochau⸗ 
fhwellenden Sluthen ganz Wegypten, und macht das Land 
durch feinen Erguß fruchtbar. 

6. Wan hat verfchiedene Urſachen biefes Anſchwellen⸗ 
beigebracht; die wahrſcheinlichſten find jedoch entweder das 
Anprallen der um dieſe Zeit von entgegengefetzter Richtung 
her wehenden Nordweſtwinde (Eteſten), die das Meer die 
Mündungen hinauftreiben, oder die Sommerregen in Ae⸗ 
thiopien ,**N) wohin die Wolken aus den übrigen Erdge⸗ 
genden durch dieſelben Nordweſtwinde gejagt werden. Einen 
Dunkeln Brund gab der Mathematiker. Zimäns an: der Nil, 





* Oboß. IV, 477. 
””) Be Affonan, an ber Gränze Aegyptens. 
+, Diefe Urfache ift jet als bie einzig richtige anerkaunt. 








Fünftes Bud. 165 


‚meint er, deffen Quelle Phiala Heiße, verfente ſich in an⸗ 
kerirdifhe Gänge, nnd dampfe an den glühenden Zelfen, 
zwiſchen welchen er verſchwinde, vor Hitze. MWeun aber 
während jener Tage *) die Sonne ganz nahe komme, fo 
werde er Durch die Gewalt ihrer Gluth hervorgezogen, und 
‚entfende , indem er auf dieſe Weiſe fchwebend hänge, eine 
große Waſſermaſſe; darauf verberge-.er ſich wieder, um 
nicht völlig verzehrt zu werden. Dieſes gefchehe bei dem 
Aufgange des Hundsgeſtirns, wenn die Sonne in ben Lö⸗ 
wen trete und ſenkrecht über der Duelle flehe; zu welchen 
Zeit es in jener Gegend Feinen Schatten gebe. 7. Die. 
meiſten Andern glauben dagegen, daß der Nil waflerreicher 
fey, wenn die Sonne ſich nad) Norden hin entferne, was 
dm Krebfe and Löwen ‚gefchieht, und alfo weniger eintrodne; 
Daß «r aber durch die Sonne, weun fle wieder zu Dem 


‚Steinbode und nad) dem Südpole hin zurückkehre, verzehrt 


werde, und deßhalb fpärlicher fließe. Wollte übrigens Ye 
mand deu Zimäns alauben, daß -der Nil durdy die Sonne 
herausgezugen werben könne, fo mag er bedenken, daß xs 
während jener Tage an jenen Orten gar keinen Shatien 
‚gibt, **) 

-8. Der Nil beginnt jedesmal an dem Neumonde, wels: 
‚cher der Gommerſonnenwende folgt, anzufchwellen, und zwar 
altmälig und mäßig, fo ‚lange die Sonne durch ben Krebs, 


.‘ 





* In denen nämlich der Nil anſchwiut. 
=) Alſo der. Nil fortwährend, fo lange die Sonne: in dieſer 
"Gegend ihre Strahlen ſenkrecht herabſendet, wachfen müßte; 
was doch nicht der Fall if. 
j 4 * 


B24 E. Plinius Naturgeſchichte. 


am ftärkften aber, wenn fie durch. den Löwen geht. Wenn 
fie in die Jungfrau tritt, Fällt er auf diefelbe Weiſe, wie er 
angewachfen ift. Böllig kehrt er aber, wie Herodot berich⸗ 
tet, ”) erſt am hundertſten Tage , wenn die Sonne in der 
Wage flieht, zurück. Während er anfhwillt, dürfen nad 
einem alten Vorurtheile die Könige oder Statthalter nicht 
auf ihm fahren. Die Stufen feines Wachsthums beobachtet 
man an in Brunnen angebrachten Mafßzeichen. Die rechte 
Höhe beträge ſechzehn Ellen. ») in tieferer Waſſerſtand 
bewäffert nicht Alles; ein höherer ift hinderlich, weil er zu 
fpät abnimmt. Im letzteren Kalle geht, da der Boden zu 
naß if, die Gaatzeit norüber; im erften bleibt fie, da er 
zu troden ift, ganz aus, 9. Beide Fälle hat das Land zu 
berückſichtigen. Mit zwölf Ellen leidet es Hunger, mit 
dreizehn immer noch Mangel; vierzehn Ellen bringen Hei⸗ 
terkeit, fünfzehn Gicherheit, ſechzehn Jubel. Der höchſte 
Waſſerſtand bie auf die jepige Zeit fand unter dem Kaiſer 
Claudins ftatt, und belief fih auf achtzehn Ellen; der nie 
deigfte, weicher fünf Ellen beteng, im Pharſaliſchen Krieg, 
als babe der Fluß durch ein Wunderzeichen feinen Abſchen 
vor dem Morde des großen Pompejus ***) darthun wollen. 
Sobald das Waffer im Waͤchſen ſtill fteht, wird es durch bie 
"geöffneten Dämme in das Land gelaflen, und fo wie es von 
einem. Stüde Boden zurücktritt, wird dieſes befäct. Diefer 
Fluß ift auch der einzige, aus dem Beine Nebel auffleigen. 





®) 9, 19, 
2 Bierunbzwanzig Fuß, 
“+, Weiher im J. 48 v, Chr, bei Pelufinm verübt wurde. \ 


Zünftes Bud. 625 


20. In das Aegyptiſche Gebiet tritt er an der Bränge 
Aethiopiens, und zwar auf der Geite nad) Arabien hin, bei 
Syene [Affen], einer Halbinfel, deren Umfang taufend 
Schritte [24 Minuten] beträgt, und auf der ih ein [Roͤ⸗ 
miſches] Kaftell befindet, auf det andern Geite [Inady Africa] 
bin aber bei der Juſel PHilk [Hella], die viertaufend 
Schritte [*s M.] im Umfange hat und 600,000 Schritte 
[120 M.] von der Theilung. des Nils, von wo an, wie wir 
gefagt haben, das Land den Namen Delta führt, entfernt 
iſt. 11. So beftimmte Artemidons dieſe Entfernung, und 
zählte auf diefer Gtrede 250 Städte. Tuba rechnet 200,000 
Schritte [80 M.] und Ariftocreon von Elephantis [Dfiefiret: 
el:Sag] bis zum Meere 750,000 Schritte [150 M.]. „Die 
Inſel Elephantis liegt 4000 Schritte [?/s M.] unterhalb des 
letzten Waſſerfalls und 16,000 Schritte [3'/ M.] oberhalb . 
Syene; N fie it der Endpunkt der Aegyptiſchen Schifffahrt 
und 580,000 Schritte [116 M.] von Alexandria entfernt. 
So fehr irrten fi) die Obengenanuten. *) Hier verfams- 
mein ſich aud die Wethiopifchen Schiffe; denn diefe find 
zum Snfammenlegen eingerichtet, und werben, wenn man 
an die Wafferfälle kommt, auf den Schultern an denfelben 
vorübergetragen. 

XI, 4. Aegypten behauptet, neben andern Ruhmwür⸗ 
digkeiten des Alterthums, unter der Negierung feines Kö⸗ 
nigs Amaſis ***) 20,000 bewohnte Städte gehabt zu haben; 


*), Plinius irrt fih; denn die Infel Elephantine Tiegt gerabe 
vor Syene. 

2 Artemiborus, Juba und Arifioereon. . 

*60) In der zweiten Hälfte bes fechöten Jahrhunderts vor Ehr, 


626 C. Plinius Naturgefchichte. 


anch noch jetzt ift es reih an ſolchen, wenn fle gleich nicht 
fehr bedeutend find. Berühmt werden jedod) die Stadt Des 
Apollo ; ſodann bie der Leuchthea; Großdivospolis, 
audy Thebe genannt, und feiner hundert Thore wegen welts 
Kerühmt; ***) Coptos [Kuft], der dem Nik zunächſt liegende 
Stapelplatz der Indifhen und Arabiſchen Waaren; dann 
” die Stadt der Benus; 7) eine zweite des Jupiter; TH) und 
Tentyris [Dendera] ; unterhalb diefer, nad) Libyen hin und 
7,500 Schritte [1% M.] vom Nil, Abydus [Scheik⸗Abadũ], 
der Königsilis des Memnon und berühmt durch feinen‘ Off: 
sistempel. 2. Berner Ptolemais [Menſchieh], Panopolis 
[Amin] und eine andere Stadt der Venus [Atfieh]; dann 
im Lipnfchen Gebiet, da wo Die Thebais durch Berge geichlofs 
fen wird, Lycopolis [Sinut]. Von diefen Bergen an folgen die 
Stadt des Mercurius, +++) die Alabafterftabt, +*) die Hundes 
ſtadt Jel⸗Gis] und die ſchon oben genannte Stadt des Der, 
cules; +°*) ferner Arfinos [Adsjerät], das ſchon genannte 
Memphis, zwiſchen weidher Stadt und dem Xrfinoeifhen 


4 


*) Apollinopolis (Ebfu). 
2*) Wahrſcheinlich bie Eileithyaspolis des Ptolemaͤus 4, 5.; 
jetzt El-Kab. 

*”, An der Stelle dieſer ungeheuern Stadt liegen Luxor, Kar⸗ 

nak, Medinet⸗Abu und mehrere andere Dörfer, 
H Aphroditopolis ( Ed⸗Soph). 

++) Kleindiospolis (How). 

+H) Hermopolis (Aſchmunein). 

3”) "Alapaorowv rroAss, deſſen Lage in einem Engpaſſe ber noch 
wenig bekannten Gebirgskette Gebel⸗el⸗Teier, die ſich zwi⸗ 
ſchen dem Nil und Arabien hinzeot, zu ſuchen iſt. 

1) Kap. 9. 5. 4. 


— 





nn. Fünftes Bud. \ 527 


Nomus, anf der Libyſchen [Ufricanifchen] Seite, die Thurme 
tiegen, die man Pyramiden nennt, das Labyrinth, ) wils 
cher ohne alles Holzwerk erbaut ift, auf dem See Möris 
[Birket-Kerün], und die Stadt Erialag *9. Außerdem liegt 
noch im: Inneren des Landes, nach der Arabiſchen Gränze 
hie, ein hochberühmter Ort, nämlich die Sonnenftadt. ***) 

(x). 3. Bor allen mag man jedoch die von Alerander 
dem Großen an der Küfle des Aegyptiſchen Meeres erbaute 
Stabt Alexandria preifen. Gie liegt auf der Africanifchen 
Beite, 12,800 Schritte [2% M.] von der Eanopifchen Mün⸗ 
Dung, an dem Mareotifhen See [Birket:Cheiriüt], auf der 
Stelle, die früher Rhacotes genannt wurde. Dinochares, 
ein Baumeiſter, der in mehrfacher Beziehung ein ausge- 
zeichnetes Tatent bewies, entwarf den Plan, und gab ihr, 
anf einem Flaͤcheninhait von 45.000 Schritten [5 M.], die 
Geſtalt eines an ber unterrn Abrundung ausgezadten Ma- 
cedonifchen Kriegsmantels, mit einem winkligen Borfprunge 
auf der rechten und Hinten Seite; ber fünfte Theil dieſes 
Raumes wurde jedoch ſchon damals zur Eöniglichen Refldenz 
beftimmt. 

4, Der Marestifche See, an der Sübdfeite der Stadt, 
ſteht durch einen aus der Eanopifchen Mündung Eommenden 
Sund mit dem Mittelländifdyen Meere in Verbindung, und 





*, Das Labyrinth, von welchem weiter unten (Buch XXXVL 
Kap. 19.) die Rede feyn wird, Tiegt nicht anf dem See 
Möris, ſondern an demſelben. 
”) Man Hält diefed Wort gewöhnlid für eine Verunfteltung 
: ed: Namens Crocobdilopolis. 
., Heliopolis (Mattarieh). 


3233 €. Plinius Naturgeſchichte. 


umfaßt and) mehrere Infeln. Die Ueberfahrt beträgt nady 
Claudius Eäfar 30,000 Schritte [6 M.], fein Umfang 
150,000 Schritte [30 M.]. Andere beftimmen feine Länge 
auf 40 Schönen, und wechnen einen Schönus zu dreißig Sta⸗ 
din a M.]; fona würden auf feine Länge 450,000 
Schritte [30 M] und eben fo viele auf feine Breite tommen. 

5. Auch zwifhen den Ausflüffen des Nil liegen nody 
viele anfehnliche Städte, befonders die, von welchen die 
verfchiebenen Mündungen ihre Namen erhalten haben. Preis 
lich gilt Dieß nicht von allen Mündungen (denn man fiudee 
deren 'zwölf, und außer diefen noch vier andere, die man im 
Lande ſelbſt die falfchen nennt), fondern nur von dei ſieben 
berühmteften, nämlich vou der Alexandria: zunächſt liegen⸗ 
den Banopifchen [bei Abukir], dann von der Bolbitinifchen 
[dei Rafchid], der Gebennytifchen [bei Semenhud], der 
Phatniſchen [bei Damiekte] , der Mendefifhen [bei Menza⸗ 
(eh), der Tanitiſchen [bei Aſchmuͤn⸗Tauah] und endlich der- 
Peluſiſchen [bei Tineh]. Außerdem find noch anzuführen die 
Städte Butos [Bembeaw], Pharbäthos [Belbeis] , Leontos 
polis [Ze &fjabe], Athribis [Trieb], die Stadt der Iſis 
[Basyyeh], Buflris [Abnfir], Cynopolis ſel⸗Gis], die Stadt 
ber Uphrodite IEd⸗Soph), Gais [Sfasal:Hadjar] nnd Nau⸗ 
eratis, *) nach weicher Stadt Manche eine Mündung, bie 
bei Andern die Heracleotifhe heißt, die Nancratifhe nene 
sen, und fie der Canopiſchen, welcher fie am nädyften Tiegt, 
vorziehen. . 





”) Die Lage des verfhwundenen Naucratie ift wabrſcheinlich bei 
der heutigen Stadt Schabur zu fischen, 


+ Fünftes Bud. 629. 


XII (x1). 4. Jeuſeits der Pelufifhen Mündung folgt 
Brabien, weldyes bis zum vothen Meere und jenem ges 
würztragenden, reihen und unter dem Namen des glückli⸗ 
dyen Arabiens *) bekannten Lande reiht. Das Arabien, von 
Dem hier die. Rebe ift, und weldyes auch Das Land der Eas 
£abaner, der Esboniter und der Scenitiihen (zeltebewohnens 
Den) Araber genannt wird, ift, mit Ansnahme der an Sy⸗ 
rien gränzenden Strede, unfruditbar und durch nichts ale 
den Berg Eaftus [Dſiebbl Okrab) merkwürdig. An dieſe 
Arabiſchen Stämme gränjen Andere, nämlich im Often die 
Canchleer, im Süden die Cedreer und an diefe beiden Stämme 
Die Nabatäer. ») 2. Bon den beiden Buſen bes rothen 
Meeres, welche nad) Aegypten "hin reihen, heißt ber eine. 
der Heroopolifche [Goif. von Suez] und der andere der Aela⸗ 
naifche [Golf von Waba]. Der Zwifhenraum zwiſchen 
den Städten Yelana [Akaba] und den an. unferem [Mittels 
ländifhen] Meere gelegenen Gaza [Gazeh] beträgt 150,000. 
Schritte [30 M.]. Agrivpa rechnet von Peluflum durch 
die Wüſte bis zu der Stadt Urfinoe [Sue] am WUrabifchen. 
Meerbufen 125,000 Schritte [25. M.]; eine Beine Strede- 
treunt zwei durch ihre natürliche Beſchaffenheit ſo ſehr ver⸗ 
ſchiedene Puukte! 


*) Man verſteht darunter ben ſuͤdlichen, zwiſchen dem rothen 
Meere und dem Perſiſchen Meerbuſen liegenden, Theil 
Arabiens. 

”, Die Wohnorte dieſer umherziehenden Stämme laſſen ſich 

nach den flüchtigen Angaben des Plinius nicht näher bes 
fiimmen, Die Nabatder fcheinen der Hauptſtamm desjeni⸗ 
gen Theiles von Arabien geweſen zu ſeyn, welcher jet 
Hedſchas heißt. 


[4 


650 C. Plinius Naturgefchichte, 


XIII (zu), 4. Die zunächft liegende Küſte nimmt Sy⸗ 
rien ein, einft das größte aller Länder, welches lin feinen 
einzelnen Theiten] durch verſchiedene Namen bezeichnes 
wurde. Go hieß es da, wo es an die Araber gränzt, Pas 
iäftina, ferner Judaa und Cöle, dann Phönicien, weiter nach 
dem Inneren bin Damascena und noch weiter nad, Süden: 
hin Babylonia. Zwiſchen dem Euphrat und dem Tigris 
hieß es Mefopotamien; wo es über den Taurus hinausreicht, 
Gophene und dieffeits deſſelben Commagene; hinter Armes 
wien hin: Adiabene, welcher Theil früher Aſſyrien genannt 
wurde, und endlich da, wo es an Eilirien ſtößt, Antiochien. *) 
2 Grine Länge zwiſchen Eilicien und Arabien betragt 
470,000 Schritte [94 M.], feine Breite von Geleucia Pies 
ria [Kebſe] bis zu der am Euphrat liegenden Stadt Zeugma 
[Tſcheſchme] 175,000 Schritte [55 M.]. Die, weldien eine 
noch genauere @intheilung befiebt, fagen, Phönicien werde 
von Syrien umgeben, und Die einzelnen Theile der Seeküſte 
Spriens ſeyen Idumäa und Judäa, ferner Phönicien und 
dann [das eigentliche] Syrien. Das ganze. Davor liegende 
Meer heißt das Phönicifche. Das Volk der Phönicier ſelbſt 
Hat ſich durch die Erfindung der Buchſtaben, der Stern: 
tunde, der Schifffahrtskunſt und der Kriegswiflenfchaften 
hoben Ruhm erworben. 

XIV. 4. Bon Peluflum an liegen das Lager des 


.” Bom biefen einzelnen Theilen des großen Syriſchen Landes, 

werches ſich von dem Mittelkaͤndiſchen Meere bis zum Ti⸗ 
gris erſtreckte, wird in der Folge weiter die Rede ſeyn: 
wir bezeichnen ſie deßhalb hier noch nicht genauer. 











Fünftes Bud, 534 


Chabrias, *) der Berg Eaflus [El:Katich), der Tempel 
des Fupiter Eaflus, das Grabmal des großen Pompejus, **) 
und, 65,000 Schritte [13 M.] von Pelnflum, Oſtracine [ET 
Garvatti], welches die Gränze Arabiens bildet. 

(zn). 2. Nicht weit davon beginnen Idumaͤa nnd Pas 
läftina bei dem Ausbruche *°% des Sees Sirbon [Gebaket⸗ 
Bardoil], deffen Umfang Mande anf 150,000 Schritte 
[30 M.] angeben. Herodot +) fept ihn dicht an den Berg 
Gaflus; jest ift er ein nicht fehr bedeutender Sumpf. Nun 
folgen die Städte Rhinocolura [EI Ariſch] und im Jımern 
MRhaphea [Refa], Gaza [Shafe] und im Inneren: Anthebon 
[Daran], der Berg Angaris [Garizin], die Küftengegend 
Samaria, die freie Stadt Ascato [Ascalän],-Azotus [ Ezdud)], 
Die beiden Jamnea ++) [Ibne], von denen das eine nad) 
dem Inneren hin liegt; Joppe [Jaffa], eine Phöniciiche 
Stadt, die nach der Gage älter ſeyn foll, als Die Ueber⸗ 
ſchwemmung der Erde. 3. Gie liegt anf einem Hügel mit 
einem bervorfpringenden Felfen, an dem man noch die Spu⸗ 
ren der Befleln der Andromeda zeigt. Hier wird auch bie 
fawelhafte Eeto ++) verehrt. Dann kommen Apollonia 





”) Weiche dieſer Athenifche Felbherr gegen ben vordringenden 
Artarerred an den Öftlich von Pelufium hinziehenden Mo⸗ 
räflen angelegt hatte. 

+, Mahe am Berge Caſins, wo er ermorbet wurde, 
+) Wo er mit dem Meer durch einen fchmalen Kanal in 
Berbindung fieht. Jetzt findet man an feiner Gtelle nur 
Salzlachen. 
.D 2, 6.3, 5. 
up) Nämlich bie eigentliche Stadt und. die Hafenfiabt, . 
+FH Oder Derceto, eine Böttin, die man halb als Weib und 


633 - C. Plinius Naturgeſchichte. 


[Arſaf] und der Thurm des Strato, auch Cäſarea [Kaiſa⸗ 
rieh] genannt und von dem König Herodes erbaut. Fest 
beißt fie die erſte Flaviſche Colonie, und wurde von bem 
Kaifer Vespaflan angelegt. Sie ift aud der Endpunkt Pas 
täftina’d, und 489,000 Schritte [37% M.] von der Gränze | 
Arabiens enfferut. Weiterhin folgt Phönicien. Im Innern 
aber liegen die Samariſchen Städte Neapolis [Nablos], 
welches früher Mamortha hieß, Sebaſte [Schemrün), auf 
einem Berge, und Bamala [Santorri] auf einem noch bö- 
beren Berge. 

AV (zıv), 4. Ueber Idumäa und Samaria dehnt fich 
Judäa in die Länge. und Breite aus. Der an Syrien gräns 
zende Theil deſſelben heißt Baliläa, der an Arabien und 
Aegypten floßende aber, weldyer von rauhen Bergen durchs 
fAnitten-und von dem anderen jüdifchen Gebiete durd) den 
Fluß Jordau getreunt ift, Perda. Das übrige Indäa wird 
in zehn Toparchien (Statthalterichaften) eingetheilt, welche 
wir der Reihe nady anführen wollen: nämlidy die Hiericuſiſche 
[Feriho], welche mit Balmenwäldern bededt und von 
Quellen gut bewäffert ift, Emaus [Kubeib], Lydda L[L&dbd], 
die Joppeiſche [Faffa],, die Acrabateifche, *) die Gofneiſche 





halb ats Fiſch abbilbete, und der man befonderd goldene 
und filberne Fifche opferte (Herodot I, 106.). Die Mythe 
ift vieleicht eine Beziehung auf die allgemeine Ueberſchwem⸗ 
mang , ober auf bie Fiſche des Thierkreiſes. Die Babel 
von ber Andromeda (Ovid, Metamorph, IV, 670 ff.) if 
bekannt. 

% Diefe Toparchie erſtreckte fih von Nablos nach Ghbofien 
bi8- Jericho und zum Jordan. 





Fünftes Buch. Bs5 


[Sofna], die Thamnitiſche, *) die Bethleptepheifche, **) die 
Drinifche (Beratoparchie), in weldyer Hieroſolyma [Yerufas 
lem], .die berühmtefte Stadt nicht nur Judäa's, fontern 
des ganzen Morgenlandes fag, und die Herodifdye, mit ei⸗ 
‚ner anfehnlichen Stadt ***) gleiches Namens. 

2. Der Jordan: entfpringt aus der Duelle Paneas, 


weiche der. Stadt Cäſarea, von der wir noch fprecdhen wers 


den, +) ihren Beinamen (Paneas) gab; er ift ein anmu« 
thiger Fluß, und verweilt , fo weit es die Befchaffenheit des 
Bodens erlaubt, in vielen Krümmungen fid) windend, bei 
den Anwohnern, als nahe er fih nur ungern dem abſchenli⸗ 
hen Asphaltfee [todten Meere], der ihn endlich verfchlingt, 
und fein gepriefenes Waller durch die Vermiſchung mit fei- 
nem flinkenden verdirbt. Gobatd die Bildung ber Thäler 
die erſte Gelegenheit darbietet, dehnt fi der Jordan in 
einen See aus, den man gewöhnlid Geneſara [Bahhr Ta: 
beriah] nennt. Diefer ift 16,000 Schritte [3% M.] lang unb 
6,000 Schritte [1!s M.] breit und von anmnthigen Städten 
umgeben, öſtlich von Julias [Kaffe el Böddauih] und Hip⸗ 
pos, ++) füblih von Tarichea, +++) welchen Namen Einige 





*) Sie Tag im Gebirge bfiih der Straße von Antipatris 
(Ali⸗Ebn⸗Aculaym) nach Lydda. 
»9 Die Lage dieſer Toparchie iſt unbekannt. 
ores) Herodium, eine Burg nebſit einem Flecken, drei Stunden 
füblich von Jeruſalem. 
+) Rap. 16. Der Berg, an welchem ſich bie Duelle befindet, 
heißt auch Paneas (Tſchalgi). 
+7) Diefe jept verſchwundene Stabt lag Tiberias sonder. 
HD IM jet auch zerfiört, Be 


34. €. Plinius Naturgeſchichte. 


auch dem See ſelbſt beilegen, und weflid von Tiberids 
[Zaberia] , weldyes durch feine heißen Quellen Heil ſpendet. 

(v1). 3. Der Asphaltſee erzengt nichts ale Pech, woher 
er and) feinen Namen hat. Er verfchlingt Beinen Thier⸗ 
körper, felbft Stiere und Kameele ſchwimmen darauf; daher 
kommt auch bie Gage, daß nichts auf ihm unterfinfe. Seine 
Länge beträgt über 100,000 Schritte [20 M.], feine größte 
Breite 25,000 [5 M.], feine geringfte 6000 Schritte (1! M. J. ) 
An feinem öſtlichen Ufer Tiegt das von Nomaden bewohnte 
Arabien, an feinem füdlichen *) Machärus [Mkaur], einft 
nach Hierofoiyma bie bedeutendfle Feſtung Judäa's. Auf 
derfelben Seite befindet ſich die heiße Heilquelle Callirhoẽ 
(die fchönfließende), deren Namen fdyon den Ruhm ihres 
Waſſers verkündet. 

(vu). 4. Auf der weftlichen Seite wohnen fo nabe, 
ats es die ungefunden Ufer geftatten, die Effener , ein ein- 
fames umd vor allen andern des ganzen Erbiyeifed wunder: 
liches Volk, ***) das, jeder Wolluft entfagend, ohne Weiber, 
ohne Geld und nur in Geſellſchaft feiner Palmen Lebt. 
Durch die täglich Hinzufommenden pflanzt ſich dieſe Beſell⸗ 
fchaft immer gleihmäßig fort ; denn die Zahl der Lebensmü⸗ 
ben, welche ſich durch die Stürme des Schickſals zur Au⸗ 
nahme ihrer Sitten gedrungen fühlen, ift bedeutend. ‚Auf 





*) Die Maße bes Plinius find fa um bie Hälfte zu groß. 
“s) pPlinius irrt ſich. Sowohl Machaͤrus, als auch das fpäter 
nicht mehr vorkommende Heilbab Eallirrhoe, Tagen auf ber 
Oftfeite bed Sees. , 
) Bol. Josephus de bell. Jud. 2, 7, 











Fünftes Buch. 5825 


ſolche Weiſe dauert (mas gewiß unglanblich ſcheint) ein Work, 
bei dem Niemand geboren wird, durch Tauſende von Jahr⸗ 
hunderten fort. So ergiebig ift für jene der Lebensüberdruß 
Anderer! Unterhalb des von ihnen ‚bewohnten Gebietes lag 
Die Stadt Engada [AinsDfiibdy], die berühmtefte nad) 
Hieroſolymä durch ihre Fruchtbarkeit und ihre Palmenhaine, 
jest aber gleich diefer ein Schutthaufen. Weiterhin folgt 
die Burg Mafade *) auf einem Belfen, und ebenfalls nicht 
weit vom Asphaltſee. Bid hierher reicht! Judäa. 

XVI (xvni). An daffelbe Hößt anf der Seite von Syrien das 
Decapolitanifche Czehnftädtifche) Gebiet, fo genaunt non der 
Zahl feiner Städte, in deren Angabe aber nicht Alle über: 
einftimmen. Die Meiflen nennen jedoch Damascus [Dar 
mase], welches durch die Bewäflerung,, die aus dem -Bluffe 
Ehryforehaas [Barradi] hergeleitet wird, und dieſen - faft 
ganz erfhöpft, fehr fruchtbar iftz Philadelphia [Ammän]; 
Rhaphana, **) welche Städte alle nach Nrabien ‚bin liegen ; 
ferner Scythopolis [EI Biffan], welches feinen Namen von 
einer dahin geführten Scythiſchen Eolonie erhielt, und früher 
nad) dem Vater Liber [Bacchus], deffen Amme hier begra- 
ben liegt, Nyſa hieß; Gadara [Mkéſt]), am Fluſſe Diero- 
miar, [Scherriät-Mandür]; das ſchon ***) genannte Hippes; 
Dion; T) das wafferreiche Bella [Bellue]; Galaſa ++ und 





* Nicht weit von Engada; jet verfchwunden, 

e*) Die Ruinen diefer Stadt neunt man noch Rafaniat. 
*#0) Rap. 15. $ 2. 

+) Zwei Meilen nördlich von Pella. + 
+H Falſche Schreibart, ſtatt Geraſa Oſſerraſch). 


536 C. Plinius Naturgeichichte. 


Canatha [Khaunuat]. Zwiſchen und um dieſe Städte ziehen 
ſich die Tetrarchien hin, die gleichſam für ſich einzelne Bes 


zirke bilden und als Reiche gelten: nämlich Trachonitis; *) 


Daneas , in weldyer! Cäſarea [Bäneası mit der oben **) ers 


-wähnten Quelle liegt; Abila [Abil]; Arca; N) Ampelo⸗ 


effa +) und Babe. 77) 

XVII (nm). 1. Wir möüflen von da nad der ‘Küfte, 
and zwar nad Phönicien zurückkehren. Hier lag einfk die 
Stadt der Erocodile; jept führt noch ein Fluß [Zirka] dieſen 
Namen; aud) das Andenken an die Städte Dora [Tartura] 
und Sycamina [Keifa] hat fi erhalten. Dann folgen das 
Borgebirg Karmel [Karmain] und auf dem Berge felbft 


', eine Stadt gleihen Namens, die einft Echatana hieß; +44) 


ueben dem Berge Getta Jebba; +”) der Badı Bagida oder 
Belus [Nahr Abu], welcher vielen zur Glasbereitung geeig⸗ 
neten Sand an feinem Fleinen Ufer abfept; und ans dem 
Sumpfe Eendevia +) am Buße des Carmel entfpringt ; 


*), Gie erfireite fit) von ben Arabifchen Bergen bis nach Das 
maseus, und befiand faft nur aus Sand und Felſen, wie 
auch ihr Name (die zauhe) anbentet. 

”„, Kap. 15.5, 2% 

“, Diefe noch zur Beit der Kreuzzüge vorhandene Stadt (Ur: 
dar, Aarkat), in weicher ber Kaifer Aleranber Severus 
geboren wurde, ift jegt zerftört. 

+) D. h. bie Rebenreiche, ift völlig unbekannt, 

+4) 309 fih am Berge Karmel hin, . 

34H) Ihre Lage laͤßt fich nicht genauer beftimmen. 

+9) Jebba if vieleicht ein und biefelbe Stadt mit Sycamina. 
Ehen fo wenig Iuverläßiges laͤßt fi Über Getta fagen. 

4), Sept unbekannt, 





ı "Zünftes Buch: 887 


nahe dabei Ptolemais [Ucre, Alla), eine Enfonie bed Kai 
ferd Claudius und früher Ace genannt; die Stadt Eckippe 
13i6]; das weiße Vorgebirg [E. Blanco]. 2. Dann kommt 
Tprus [Zör], früher eine Inſel und durch einen 700 Schritte 
[18 Minuten] breiten und fehr tiefen Meeresarn von dem 
Beillande getrennt , jebt aber durch die Belagerungswerte 
Alexanders mit demſelben verbunden ; einft hochberühmt als 
Städtemutter, von der Leptis, Utica, Earthago , jene nad) 
Der Weltherrſchaft geizende Nebenbuhlerin des Römiſchen 
Reichs, und das außerhalb des ſdamals bekannten] Erd⸗ 
kreiſes erbaute Gades abſtammen. Jetzt beruht ihr ganzes 
Anſehen auf Muſcheln und Purpur. Ihr Umfang beträgt, 
Alttyrus mit einbegriffen, 19,000 Schritte [3*/. M.]; die 
Stadt ſelbſt nimmt einen Raum von 22 Stadien [2 Stunde] 
ein. Weiterhin folgen die Städte Sarepta [Sarfand], Or⸗ 
nithon [EI Urbi] und Gidon [&aide), die Blaskünflierin 
und die Mutter bes Böotifhen Theben. 

(xx). 3. Hinter ihr beginnt der Berg Libanus [Libanon], 
und reidht 4,500 Stadien [37% M.] weit bie nad Simyra 
[Sumre], wo das fogenannte Göle Syria *) feinen Anfang 
nimmt. Ihm gegenüber, und nur durch ein dazwifchen lies 
gendes Thal getrennt, zieht ih in gleicher Richtung der 
Berg Untilibanns [Schebel ei Scart] hin, der einft mit 
dem Libanus durd) eine Mauer verbunden war. Hinter 
ihm, nach dem Innern zu, folgt das Decapolitanifche 
— — 

* Hohl ſy rien, weil es von Bergen (ben Zweigen des ei⸗ 
banon) eingeſchloſſen if. 


€, Plinius Naturgeſch. 56 Bochn. 6 


533. . € Plinius Naturgeſchichte. 


Gebiet, und nebft ihm die fchon *) erwähnten Tetrarchien 
und die ganze Breite Palaͤſtina's. a. Un der Küfle aber, 
und no unter dem Berge Libanon, kommen der Fluß Mas 
goras [Nahr⸗el Damur], die Eolonie Berytus [Beirut], 
weiche auch Belir Julia beißt, die Stadt Leontos, **) der 
Fluß Lycos [Bahr⸗el⸗Kelp]), Paläbybios, ber Fluß Adonis 
[Nahr⸗el⸗Ibrahim], die Städte Byblos **%) [Dfjebail], Bor 
trys [Patrone], Bigarta [Bazir], Trieris, +) Ealamos 
[Kallemon], Tripolis [Trablos], deren Bevölterung aus 
Tyriern, Sidoniern und Aradiern befteht, Ortboflea [Ortofa] 
der Fluß Eleutheros Nahr⸗el⸗Quibir], die Städte Simyra 
[Sumre], Marathos ++) und dieſer gegenüher die Stadt 
und Juſel Arados [Ruad], welche fieben Stadien [18 Mi« 
nuten] im Umfange hat, und 2300 Schritte [5 Minuten] 
vom Feſtlande entfernt if. Dann folgt bie Landſtrecke, im 
der die obengenannten Berge aufhören, und, durch dazwi⸗ 
fhenliegende Gefilde davon getrennt, der Berg Bargpius 
anfängt. ++?) 

XVII, 4. Hier endet Phönicen, nnd beginnt wieder 
Syrien mit den Städten Earne [’Tortofa] Balanea [Ba- 





*) Kap. 16. J 
“4, Abovroę nölss (Löwenftabt)., Ihre Lage iſt unbekaunt, 
aber wohl in ber Nähe des Fluffes Leon (Awle) zu fuchen. 
9), Man kennt Feine Nuinen von Altbyblos, das zwifchen bem 
Lyens und dem Adonis lag. 
+) Etwa zwei Stunden ſuͤdlich von Trablos zu ſuchen. 
+) Un ber Stelle, wo jegt die Rhede von Tortoſa iſt. 
+ Der Berg hat jegt Beinen Namen, Die zwifhen ihm unb 
dem Libanon liegende Ebene Heißt Dfchunia, 


Fünftes Bud. 0.559 


neas], Paltos [Boldo], Gabale [Dfjebail), dem freien Lass 
dicea [Latakia] auf einem Vorgebirge, Diospolis, *) Hera⸗ 
clea, *”) Eharadrus ***) und Pofibonium. [Poffeda). 

(xxı). 2. Daun folgt das Vorgebirg des Antiochiſchen 
Gpriens; weiter im Inneren das freie Antiochien [Antatial 
felbft, weiches den Beinamen Epidaphnes +) führt, und von 
dem Fluſſe Orontes [AR] durchſchnitten wird; auf dem Vor⸗ 
gebirge aber das freie Selencia ſKebſe], weiches Pieria 
inbenannt wird. 

(xxsı). 3. Oberhalb berfeiben erhebt ſich ein Berg, ber 
ebenfalls, wie ein fchon ++) erwähnter, den Namen Eaflıs 
[dfjebht Okrad] führt. Auf feinem hochſten Gipfel kann. 
man ſchon um die vierte Nachtwache [3 Uhr des Morgens] 
durch die Finfterniß die aufgehende Sonne fehen, und durch 
eine geringe Wendung des Körpers Tag und Nacht zugleich 
haben. Der Weg bis zum Gipfel beträgt. 19,000 Schritte 
[3% M.], feine fentredite Höhe: 4,000 Schritte [?; M.]. 
Un der Küfe folgen der Fluß Drontes [ATI], welcher zwi⸗ 
fhen dem Libanon und dem Antilibanon bei Heliopolis [Bal- 





*) Eine unbekannte, vielleiht von Plinius fälfchlich hieher 
gezogene Stadt. 
*) Lag an einer Bai, welche jetzt Meĩnta Bourdeleh heißt; 
nit weit von Laobicen, 
»er) Unbekannt, oder ein Fehler des Plinins, ber bie Eilichiche 
Stadt Tharadrus wohl faͤlſchlich hierher ſetzt. 
"BY En Acuoyne, bei Daphne (Eorbeerhain), sinem Euftoyte 
1), Stunde von Antiocia. 
m Kay. 14. 5. 1. 


5 * 


540 C. Plinius Naturgeſchichte. 


bet] entſpringt; die Stadt Rhoſos; *) Hinter derſelben in 
Dem Thale zwifchen den Rhoſiſchen Bergen [Zortofe] und 
dem Taurus die fogenannten Gerifchen Thore ſGakal⸗Dou⸗ 
tan]; an der Küſte die Stadt Myriandros; *") ber Berg 
Amanıs ſAima⸗Dagh]. auf dem die Stadt Bomitk *"%) Tiegt, 
und der Syrien von Eilicten trennt. 

XIX (su). 4. Nuun wollen wir aud das Innere des 
Landes befchreiben, In Edle findet man Apamia [Bamiabl, 
welches der Fluß Marſyas [Ochienſe] von der Tetrarchie der 
Nazeriner [Nofairis] trennt; Sambyce [Bpinbãdſch], wel« 
ches auch Hierapolis, bei den Syrern aber Magog beißt, 
und wo bie abentenerliche Atargatis, welche bie Griechen 
Derceto +) nennen, verehrt wird; Ehalcis [Kimidrim], mit 
dem Beinamen „am Belus“ [Dfchebelsel-Gemmat], von wei 
cher Chalcidene, bie fruchtbarfte Landſchaft Syriens, ihren 
Namen bat. 2. Weiterhin findet man in Eyrrheflice Cyrr⸗ 
hus [Krug], die Bagasen, +4) bie Gindarener [Daina], die 
Babener, die beiden Tetrarchien, welche Granucomaten hei⸗ 
ßen, Die Emeſener, bie Hylaten, ein Stamm ber user, 





*) Sie lag in ber Ebene, welche jet Arſus heißt. Man fins 
det von ihr Feine Spur mehr, 
“r), Auch biefe nördlich von Rhoſos gelegene Stabt ift vers 
ſchwunden. 
eo0) Mur Plinius nennt diefe fonft unbekannte Stadt, 
+) RBgl. oben Kay. 14. $. 3 
+) Diefe, fo wie bie aubern in dieſem Kapitel vorkommenden, 
Stämme und Städte im Inneren des Landes, bei weichen 
Peine neueren Namen angegeben ab ‚ oben fi von uns 
wicht näher beſtimmen. 


Füunftes Bu. 544 
Die Bätarrener, ein anderer Stamm beffelben Bolt, did 
Mariammitaner, bie Tetrarchie, welche Mammiſea heißt, Pa» 
radiſus, Pagraͤ [Bagras], die Pinariten, außer dem ſchon 
genannten noch zwei Seleucia, weldhe zur Unterfcheidnug 
Die. Beinamen „am Euphrat“ [Bachadmofal] und „am Bes 
Ins“ [Schoghr] führen, und die Cardytenſer. In dem übris 
gen Gprien wohnen (mit Ausnahme Derjenigen, welche bei dem 
Enphrat follen angeführt werden, die Aretbufler [Reftüan], 
Die Berdenfer [Halep] , die Epiphaneenfer [Hama], die Laos 
Dicener, welche den Beinamen „am Libanon“ führen, die 
LZeucadier, die Lariffier [Dfjefar], und außerbem noch fiebs 
zehn in Reiche eingekheilte Zetsardhien mit barbarifchen 
Kamen. 

XX (zıv). 4. Auch von dem Euphrat wird hier am 
füglichften gefprocdyen werden können. Er entipringt nady 
den Berichten Derer, die feine Duelle in der Nähe fahen, 
in Caranitis [Sandfchat Erferum], einer Präfektur Groß⸗ 
armeniens, und zwar nad) Domitind Eorbulo auf dem Berge 
Ada [Alatagh); nad) Licinins Mucianus an dem Fuße des 
Berges, welcher den Namen Capotes [Bingöltagh] Führt, ) 
13,000 Schritte [2?/; M.] oberhalb Zimara [Egkin], und 
heißt anfangs Porirates.: Er firömt zuerft nad Derrene - 
FXerbfian] und dann durch das Wnaitiide Gebiet [Momas 
esttom], und fcheidet die Landfchaften Armeniens von Cape - 
‚ padocien. *) Bon Simara bis nad) Dasccuſa Dengizin] 





2) Weide Angaben find richtis; denn der Euphrat hat ame. 
Kanptauelien. 
**, Bilder jegt einen Theu fr Ejalet Karaman. 


542 C. Plinius Raturgefchichte. 


And 75,000 Schritte [15 M.]; von da befrägt die Bahr 
nach Paſtona [Paſtek] 50,000 Schritte [10 M.], nah Mes 
-Sitene [Malatya] in Eappadocien 24,000 Schritte [ds M.J, 
nach Elegia [Flidsje] in Armenien 19,000 Schritte [2 M.], 
und bis hierher bat ber Euphrat ſchon die Flüſſe Lycus 
[Bingöl], Arſanias [Murad] und Arſanus [Arslan] aufges 
- nommen. 2. Bei Elegia tritt ihm das Taurusgebirg ent⸗ 
"gegen, vermag ihn aber , ob ſchon es hier 12,000 Schritte 
[22% M.] breit ift, nicht zurüdgubalten. Der Fluß heißt 
Ya, wo er fid) in das Bebirg eindrängt, Omira, und dba, wo 
er wieder hervorbricht, Euphrat, und auch dann nody if ex 
non Selfen und reißend. Meiterhin bat er zur Linken 
Arabien, und zwar eine drei Schönen [2' M.] große 
Strede deſſelben, welche das Land der Dreer heißt, zur 
- Rechten aber Eommagene [die Sandſchaks Meraſch, Aintab 
und Simafat], und trägt ſchon fogar da, wo er in ben Tanz 
rus einftürmt, eine Brüde 3. Bei Claudiopolis [Ra-Elau« 
vie] in Eappadocien richtet er feinen Lauf nach Welten. 
Bier erhält aber der Zaurus zum erflenmale im Kampfe 
ven Gieg über ihn, und wie er felbft früher von dem Strome 
überwältigt und durcdhfchnitten wurde, fo beflegt er jebt dies 
fen auf eine andere Weife, indem er feine Kraft bridyt und 
vihn nach Süden hin treibt. So gleicht fidy der Kampf der 
Natur aus, indem diefer dahin kommt, wohin er will, jener 
pn aber hindert, den Weg zu gehen, den er gern möchte. ) 





.9% D.H. ber Euphrat kommt zum Meere, wohin er will, 
aber nicht in das Mittelländifche Meer, indem fein Lauf 
bahin durch ben Taurus abgelenkt wird, " 








Fünftes Bud. 543 


Bon den Waflerfällen an *) wird er wieder" fchiffbar, und 
non ihuen bis nad Gamofata [Gimafat], der Hauptitadt 
Commagene's, find 40,000 Schritte [8 M.]. 

XXI. 4. In dem oben genaunten Brabien findet man 
die Städte Edeffa [Orfe], weiche früher Antiochia hieß, und 
von einer Quelle den Namen Galirrhos führt; Carrhä 
[Harran], berühmt durdy die Niederlage des Eraffus. **) 
Daran fließt fid) die Präfektur WMefopotamien [Diarbetr], 
die ihren "Urfprung von den Aſſyriern berleitet, und in wels 
cher die Städte Anthemuſia +9 und Nicephorium [Racca] 
liegen. Darauf folgen die Araber, welche Retaver beißen ; 
ihre Hauptſtadt if Singara [SindsjarJſ. Hinter Samoſata 
fällt der Marſyas [Odrienfe] in den Euphrat. Mit Cin⸗ 
gilla ſKuph] endigt Eommagene, uud es beginnt dad Stadt 
gebiet von Inma ſArmana]J. Um Ufer liegen die Städte 
Epiphania und Antiochia, weldhe den Beinamen „am Eus 
phrat“ führen ; ferner Zeugma [Tſcheſchme], 72,000 Schritte 
[14% M.] von Samoſata und berühmt durch deu Uebergang 
über den Euphrat. 2. Es wurde, fo wie das ihm gegen ' 
über liegende Ayamia [Rum], von Geleucns erbaut und 
durdy eine Brüde mit demfelber verbunden. An Mefopotas 
mien gränzen die Rhoaler; in Syrien aber liegen die Städte 
Europus [Yeraboios] und Amphipolis [El⸗Der], welche 
früger Zhapfacus hieß. Dann folgen die Ecenitifhen Ara⸗ 





2) Die ih an ber Stelle, wo fein Lauf durch den Taurus 
gehemmt wird, befinden. 
.„, Im J. 530,6. Bol. Florus 3, 11. Baler. Max. 1, 6, 
“2, nbekannt. | 


544 C. Plinins Raturgeſchichte. 


ber. *) So ſtrömt er fort bis zu dem Orte [Gorur], wo 
er, ſich nach Oſten wendend, die Palmyreniſchen Einöben 
Gyriens, die bis zur Stadt Petra [Ur-Ratim] und zu dent 
Lande, welches das glüdliche Arabien beißt, reihen, verläßt. 

(xıv). 3. Die Stadt Palmyra [Zabmor], berühmt 
durd) ihre Lage, den Reichthum ihres Bodens und ihre ans 
muthigen Gewäfler, mit einem Gebiete, das ringsum im 
einem weiten Kreife von Gandwüften umgeben und durch 
die Natur von den Übrigen Ländern geſchieden iſt, befteht 
unabhängig zwifchen den beiden mäcdhtigften Reichen, dem 
Römiſchen und Parthiſchen, und wird bei jedem Zwiſte von 
beiden Seiten zu gewinnen geſucht. Bon der Parthiſchen 
Stadt Gelencia [UI Modain], weldhe ben Beinamen „am 
Tigris“ führt, ift fie 337,000 Schritte [67% M.] entferne ; 
von ihr bis zu dem nädhften Küſtenpunkte Syriens find 
203,000 Schritte [20° M.], bis nach Damascas 27,000 
Schritte [52% M.] weniger. 

(xxvı). 4. Unterhalb der Wüllen Palmyra’s liegt Pas 
Stelendenifche Gebiet und die ſchon *%) genannten Städte 
Hierapolis und Chalcis, fo wie Berrda [Hateb]. Hinter 
Palmyra liegt Emefa [Hems], ebenfalls noch in einem 
Theile diefer Wüſten; ebenfo Elatium, welches von Petra 
nur halb fo weit entfernt if, als Damascus. Zunächſt 
nah Sura L[Beleb-Gurich] folgt Philiscum [Blis], eine 
Parthiſche Stadt am Euphrat. Bon ihr bis nach Gelencia 


gg 


In der Nähe der Palmyreniſchen Wüſte. 
*%) Kap. 19. $. 1. Das Stelendeniſche Gebiet kennt fein ans 
derer Schriftſteller. 


Zünftes Bud, 545 


beträgt die Waſſerreiſe zehn Tage, und ungefähr eben fo viele 
mac, Babylon. *) Bei dem Flecken Mafliä, 583,000. Schritte 
[216% M.] von Zengma, theilt ſich der Euphrat; fein kin⸗ 
Ser Arm geht nah Mefopotamien hin durch Seleuria ſelbſt, 
und fällt‘ in den in der Nähe diefer Stadt vorüberfließenden 
Tigris. 5. Der rechte Arm nimmt feine Richtung nad 
Babylon, dem ehmaligen Hauptorte Ehaldäa’s, ſtroͤmt mitten 
durch diefe Stadt, fo wie durch eine andere, welche Dtris 
beißt, und zerläuft dan in Sümpfe. Er fhwillt faſt anf 
Diefelbe Weife an beſtimmten Tagen an, wie der Ril, und 
Überichwemmt, wenn die Sonne im zwanzigften Grade des 
Krebſes ſteht, Mefopotamien; er fängt wieder an zu fallen, 
wenn fie durch den Löwen gegangen if und in die Jung⸗ 
frau kommt; gauz zieht er fih aber erſt in fein Bett zu⸗ 
rüd, wenn fie im neunundzwanzigſten Grade der Jungfrau 
ſteht. 

XXII (zzvn), 4. Doch kehren wir jetzt zu der. Küfte 
Syriens zurüd, an welche. zunächft Eilicia [Ejalet Itſchil] 
drängt. . Hier folgen der Fluß Diaphanes, **) der Berg 
Crocodilus, ***) die Pälfe des Berges: Amanus [Thor von 
Beylau], die Flüſſe Undricus -[Rermes], Pinarus [Delie 
Sa]und Lycus, der Iſſiſche Meerduſen [Golf von Gkanderün], 
bie Stadt Iſſos [Defeler]), dann Alexandria [Gfanderän], 





”, Sn der heutigen Stadt Helle und ihrer Umgebung, welche 
man noch jegt Ard Babel nennt‘, find die Ruinen Babys 
Ions zerfirent. 
*9, Gin Kuſtenfluß, deſſen jeniger Name unbekannt ifl, 
”.. Gin Borfprung bed Taurus, 





546 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ber Fluß Ehlorns, die freie Stadt Aegä ![Ajascala] , der 
Fluß Dyramus [Dfiiphan] , die Ciliciſchen Päfle [Thor von 
Sakaltutan], die Städte Mallos [Malo], Magarfos , und 
im Juneren Zarfos [Tarſo], die Uleifchen Gefllde [zwifdyen 
dem Dfiibhan und dem Geihhan], die Städte Eaffipotis, 
Mopſos [Myſſis], welches frei ift und am Pyramus liegt, 
Thynos, Zephurium [Sephre) und Anchiale. ) 2. Berner 
kommen die Flüffe Saros [Seihhau], Eydnus [Karafı], 
welcher die weit von dem Meere liegende freie Stadt Tarſus 
durchſchneidet, dad Gebiet von Celenderis mit einer [gleich⸗ 
namigen] Stadt [Tfchelindre], der Drt Nymphäum, das 
Ciliciſche Eoloe [Mezetin], das jetzt Pompejopolis heißt, 
Adana [Adene], Eidyra [Iburar], Pinara, Pedalie, Wie, 
Selinus [Seleuti], Arfinve, Jotape, Doron und am Meere 
Corycos ſKurku], welchen Namen ſowohl die Stadt, als 
auch ihr Hafen und eine Höhle führen, weiterhin der Fluß 
Calycadnus [Geleftich], das Vorgebirg Garpedon [Cap 
@avaliere], die Städte Holmoe, Mole, das Vorgebirg und 
Die Stadt der Benus [Port Pinus], weldher die Inſel Cy⸗ 
pern ganz nahe liegt. 5. Un der Küfte folgen weiter die 
. Städte Myanda, Anemurium [Anemur], Eoracefium [Alaja] 

und der Fluß Melas [Manangat] , die alte Bränze Eiti- 
ciend. Am Innern find zu nennen Anazarbus [Ningarbeh], 
welches jest Caͤſarea heißt, Augufta , Caſtabala [Difatel], 
Epiphania, früher Deniandos genannt, Eleuſa (Ajafch], 
JIconiumsſ Selencia [Selefkeh] am Fluſſe Calycadnus, welche 





Las eine Tagreiſe von Tarſus, weſtlich von ben Fluſſe 
Epdens, . 





Fünftes Bud. 547 


den Beinamen Tradyeotis führt; fe war früher vom Meere 
entfernt und hieß Holmia. Außerdem find im Innern die 
Flüſſe Ziparis, Bombos und Paradifus, fo wie der Berg 
Imbarus. 

XXI, Alle ſetzen unmittelbar nach Cilicien Pamphy⸗ 
lien, und laſſen das Iſauriſche Volk [Sandſchak Begſcheer] 
unerwähnt. Es hat im Innern die Städte Iſaura [Serki⸗ 
Servj], Clibanus und Lalafis, und ihr Gebiet zieht ſich bis 
zun Meere in der Gegend des oben erwähnten Anemurinm 
herab. Ehen fo ift Allen, welche in diefem Fache fchrieben, 
das an das, Ffaurifhe gränzende Volk der Homonaden, des 
zen Hauptort Homoua [Erminak] im Inneren Tiegt, unbe 
Bannt"geblieben. Ihre Übrigen vierumdvierzig ‚Kaftelle find 
in fchroffen Bergſchluchten verborgen. | 

XXIV. Auf den Berghöhen wohnen die Piſidier [Sands 
fhat Hamid), die fonft Solymer hießen. Bei ihnen findet 
man die Eolonie Eäfaren [Akſcheer], weldye aud) den Namen 
Antiochia führt, und die Städte Droanda [Igridi] und Sa: 
galeſſos (Aglaſon⸗Bey]. 

XXV. Sie werden von Lycaonien [Sandſchak Konia] 
eingeſchloſſen, das dem Aſlatiſchen Gerichtsbezirk zugetheilt 
iſt, zu welchem andy) die Philomelieuſer [Bulawadin], Die Tym⸗ 
Brianer, die Leucolither, die Veltener und die Tprienfer [Als 
tan Khan] gehören. Dazu zählt man auch eine in dem an 
Balatien grängenden Theile Lycaoniens liegende Tetrarchie, 
mit vierzehn Gemeinden, worunter die Stadt Iconinm [Kos 
nia] die herühmtefte it. In Lycaonien felbft, rühmt man 
Thebafa auf deu Taurus, nnd Hyde an der Gränuze Gala⸗ 
tiens und Eappadociens. Un der Geite Lycaoniens, oberhalb 


548 C. Plinins Naturgeſchichte. 


Pamphyolien, kommen die Milyer, welche von den Thraciern 
abſtammen, mit ihrer Stadt Arycanda. 

XXVI. Dann folgt Pamphylia ſ[Sandſchat Tekke], 
welches früher Mopfopia *) hieß, und an das Ciliciſche Meer 
ſchließt ſich das Pamphyliſche. Zu bemerken find-die Städte 
Side [Side], Afpendum auf einem Berge, Pleteniſſum, 
Perga [Karabiffar] , das Borgebirg Lencolla, der Berg 
Sardemifus, die Flüffe Eurymedon [Kapri], welcher bei 
Alpendum vorüberfließt, und der Eatarracted [Duden], an 
welchem Lyrneſſus, Olbia [Antalia] und Phafelis [Tefrova], 
die legte Stadt an diefer Küfte, Hiegen. 

XXVII. 1. Nach Pamphylien kommen das Lycifche 
Meer und das Lycifche Volk, und zwar von da an, wo der 
von den öſtlichen Küften herziehende Berg Taurus den 
großen Bufen [Golf von Atalia] durch das Borgebirg Eher 
lidonium [Chelidoni] fhließt. Der Taurus, von umermeßs 
lichem Umfange und die Gränzſcheide unzähliger Bölker, ers 
hebt fih an dem Indifchen Meere, nimmt, indem es die 
rechte Geite nach Norden, die linke aber nach Süden hin 
wendet, feine Richtung nad) Weiten, und würde Aſien in 
der Milte trennen, wenn nicht Meere dem Länderüberwäl 
tiger hindernd entgegenträten. 2. Dadurch fpringt er nad 
Norden ab, und verfolgt in einem ungehenern Bogen feinen 
eg, indem ihm fortwährend die Natur abfichtlic Meere 
eutgegengeftelit zu haben feheint, Hier das Phöniciſche, ba das 
Poutifche, dert das Cafpifche und Hyrcaniſche und gegen 





*), Bon — welcher nach dem Trojaniſchen Kriege diefe 
j “ te, , 





.. Fuͤnftes Buch. 549 


‚ über den Mästifchen See. Zwiſchen diefe Hemmniſſe eins 
geswängt, windet er ſich mühfam fort, bleibt aber Gieger 
und erreicht in vielen Krümmungen die ihm vermandte 
Riphäiſche Bergkette, *) nachdem er anf dem Wege zahl: 
reiche nene Namen angenommen und ſich allenthalben . bes 
zähmet gemacht hat. Un feinem Aufange beißt er Imaus, 
daun Empdus, **) Yaropamifus, Circius, Fhambades, Par 
zyadres, Choatras, Oreges, Orvandes *") [Elwend], Ni⸗ 
phates Tſchudy], Taurus, und wo er feine bebdentendſte 
Höhe erreicht, Caucaſns, da, wo er feine Arme ausſtreckt, 
als wolle er auf einmal einen Berſuch geaen das Meer was 
gen, Barpedon [Eap Cavalliere}, Coraceſtus [Kurkto], Eras 
gus [Monte di Gorante] und daun wieder Taurus. Auch 
wo er ſich fpaltet und den Völkern einen Durchgang gewährt, 
behält er trog der fogenanunten Thore, die an einem Ort 
die Urmenifhen, an einem andern die Gafpifchen und wieder 
an einem andern bie Ciliciſchen heißen, T) feinen Zuſammen⸗ 
Hang. 3. Eben fo nimmt er da, wo er gebrochen von 
dem Meere zurückweicht, auf beiden Geiten Vie Namen ber 
zahlreichen an ihm wohnenden Bölker anz ‚fo Heißt er auf 
der rechten der Hyrcaniſche und Caſpiſche, auf der Tinten 
Paryadres [Agatſch⸗Baſchi], der Moſchiſche [Bingoͤl], der 


©) Bel. oben 8, IV, Kay. 24. 
©) mans and Emodus heißen jetzt Himalaya. 
©*6) Die entfprechenden neueren Namen biefer Theile ded Tau⸗ 
rus Laffen ſich nicht beſtimmen. 
4) Bon den Armeniſchen und Caspiſchen Paͤſſen wird im fols 
genden Buche Kay. 12. 16. die Rede feyn; von den Cili⸗ 
cifhem wurde in dieſem Buche, Kap. 22,, geſprochen. 


560 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Am azoniſche, der Corakiſche und der Septhiſche, bei dem 
Griechen aber in feiner ganzen Ausdehnung ber Eeraunifche. 
XXVIII. 4. In Lycien *) alſe, von dem Vorgebirge des 
Zaurus an, folgen die Stadt Simena, der Berg Ehimära, 
welcher bei Nacht Blammen auswirft, die Gemeinde Hephäs 
fium, in deren Umgebung ebenfalls oft Feuer aus den Ber⸗ 
gen hervorbricht. Hier fand einft die Stadt Olympus; 
jest findet man daſelbſt die Bergörter Gagä, Eorpdalla und 
Rbodiopolis. Am Meere liegen Limyra mit. einem [gleidh« 
namigen) Fluſſe ſArakli), in welchen der Arycandus fällt, 
der Berg Mafigeited, die Gemeinde Andriata [Gevedo], 
Myra [Mira], die Städte Apyre [Fineka], Antiphellos 
IAntifello], vormald Habeffius genannt, und Phellus in 
einer Bucht. 2. Dann kommen Pyrrha, KZanthus [Eſſe⸗ 
nide) , 15,000 Schritte [3 M.] vom Meere, und ein gleich⸗ 
namiger Fluß, ferner Patara [Patira], welches früher Gas 
taros hieß, und Sidyma, anf einem Berge. Weiterhin folgt 
ein dem vorhergehenden [Golf Chelidoni] gleicher Buſen 
[Sof von Magril, in welchem Pinara und Telmeflus 
[Magri], wo Lprien aufhört, liegen. Lucien hatte einft 
70 Städte, jept hat es noch 36. Die bedentendften ders 
felben find, außer den ſchon genannten, Ganas, Candyba, 
bei welchem der berühmte Oeniſche Luſtwald Liegt, Podalia, 
Choma, an dem der Adeſa vorbeifließt, Eyaned, Ascandalis, 
Amelas, Noscopium, Tlos und Telaudrus. 3. Lycien ums 
fließt audy im Inneren die Landſchaft Eabalia mit ihren 
drei Städten Denvanda , Balbnura und Bubon. Bei Tels 





2) . Theile der Sandſchaks Munteſcha und Tekke. 


Fünftes Buch. 551 


meſſus beginnen das Allatifhe oder das Carpathiſche Meer 
und das fogenaunte eigentliche Alten [AnatoliJ. Agrippa 
bat es in zwei Abtheilungen gefchieden, nnd die eine öſtlich 
mit Phrygien und Lycaonien, weſtlich mit dem Wegaifchen, 
ſuͤdlich mit dem Aegyptiſchen Meer und nörblid mit Paphla⸗ 
gonien begrenzt. Ihre Länge beftimmte er anf 470,000 
Schritte [94 M.], ihre Breite auf320,000 Schritte [64 M.]. 
8. Der andern Abtheilung fehte er öſtlich Kleinarmenien; 
weſtlich Phrpgien, Lycaonien und Pamphplien, nördlich die 
Poutiſche Provinz und füblid, das Pamphyliſche Meer zu 
Gränzen, und gibt ihre Länge auf 575,000 Schritte [115 M.}, 
iprej Breite auf 325,000 Schritte [65 M.] an. 
XXIX, 4. Un der Küfte folgt zunaͤchſt Earien, dann 
Jonien und nad) diefem Aeslis. Carien *) zieht id um das 
in der Mitte. liegende Doris herum, und ſtößt auf beiden 
GSeiten an das Meer. In ibn liegen das Vorgebirg Peda⸗ 
lium [Binatri], der Fluß Glaucus, "welcher ben Tel 
meins aufnimmt, die Städte Dädala [Doleman], Erya 
[Mei], von Stüchtlingen erbant, ber Fluß Aron, die Stadt 
Calynda. 
(vn), Der Bing Indus (Aabbeb], welcher auf den 
Bergen der Cibyrater [Horſſuln] entſpringt, nimmt ſechzig 
ſtets ftrömende Flüſſe und mehr als hundert Gießbäche auf. 
2. Gerner folgen die freie Stadt Eaunos [Raigues], dann ° 





”, Garien und Doris find Theile des Sanoͤſchaes Munteſcha. 

4) Er mündet in ben Golf von Makri; ſein jetziger Name iſt 
nicht bekannt. Ueberhanpt if das alte Carien Bis jest 
faft nicht unterſucht. 


fl 


560 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Am azoniſche, der Corakiſche und der Scythiſche, bei den 
Griechen aber in feiner ganzen Ausdehnung der Cerauniſche. 

XXVIII. 4. In Lycien *) alfo, von dem VBorgebirge des 
Zaurus an, folgen die Stadt Gimena, der Berg Epimära, 
welcher bei Nacht Flammen auswirft, die Gemeinde Hephäs 
ſtium, in deren Umgebung ebenfalls oft Beuer aus den Ber⸗ 
gen hervorbricht. Hier fand einft die Stadt Olympus; 
- jent findet man dafelbft die Bergörter Gagä, Eorpdalla und 
Rbodiopolis. Am Meere liegen Limyra mit. einem [gleiche 
namigeu] Fluſſe ſ(Arakli), in weichen der Arycandus fällt, 
der Berg Maſſycites, die Gemeinde Andriata [Gevedo], 
Myra [Mira], die Gtädte Apyre [Fineka], Antiphellos 
kAuntifello), vormald Habeſſus genannt, und Phellus im 
einer Bucht. 2. Dann Lommen Pyrrha, XRanthus [&ffes 
nide],, 15,000 Schritte [3 M.] vom Meere, und ein gleich 
namiger Fluß, ferner Patara [Patira], welches früher Gas 
taros hieß, und Sidyma, auf einen Berge. Weiterhin folgt 
ein dem vorhergehenden [Golf Chelidoni] gleicher Buſen 
[Sof von. Magri], in welchem Pinara und Telmeſſus 
[Magri], wo Lprien aufhoͤrt, liegen. Lycien hatte einſt 
70 Städte, jept hat es noch 36. Die bedentendften der» 
felben find, außer den fchon genannten, Canas, Caudyba, 
bei weichem der berühmte Denifche Luſtwald liegt, Podalia, 
Ehoma, an dem der Adefa vorbeifließt, Eyanek, Ascandalis, 
Amelas, Noscopium, Tlos und Telandrnd. 3. Lycien ums 
fchließt aud) im Inneren die Landfchaft Cabalia mit ihren 
drei Städten Denvanda , Balbnra und Bubon. Bei Tel⸗ 





*) · Theile der Sandſchaks Munteſcha und Tekke. 








Fünftes Buch. 551 


meſſus beginuen das Aflatifche oder das Carpathiſche Meer 
und das fogenaunte eigentliche Aſien [AnatoliJ. Agrippa 
bat es in zwei Abtheilungen gefchieden, nnd die eine öſtlich 
wit Phrygien und Lycaonien, weftlidd mit dem Wegäifchen, 
ſuͤdlich mit dem Wenpptifchen Meer und nördlich mit Paphla⸗ 
gonien begrenzt. Ihre Länge beflimmte er auf &70,000 
Schritte [94 M.], ihre Breite auf330,000 Schritte [64 M.]. 
3. Der andern Wbtheilung febte er öſtlich Kleinarmenien, 
weſtlich Phrygien, Lycannien uud Pampbolien, nördlich die 
Voutiſche Provinz und fühlid, das Pamphyliſche Meer zu 
Sränzen, und gibt ihre Länge anf 575,000 Schritte [115 M.], 
ifrej Breite auf 325,000 Schritte [65 M.] an. 

XXIX, 4. Un der Küfte folgt zunähft Earien, dann 
Jonien und nad) diefem Aeslis. Carien 9) zieht ſich um das 
in der Mitte: liegende Doris herum, und ftößt auf beiden 
Beiten an das Meer. In ibm liegen das Borgebirg Peda⸗ 
lium [Binatri], der Fluß Glaucus, » ) Iwelcher den Tel: 
meins aufnimmt, die Städte Dädala [Doleman], Erya 
[Meſſi], von Stüchttingen erbant, der Fluß Aron, Die Stadt 

Ealynba. 
(vn), Der Eins Indus (Aabbeb], welcher auf den 
Bergen der Cibyrater [Horfiuln] entſpringt, nimmt ſechzig 
ſtets frömende Btüffe und mehr als hundert Gießbäche auf: 
3. Ferner folgen die freie Stadt Eannos [Kaiguez], dann - 





”, Earien und Doris find Theile bes Sandſchaks Munteſcha. 

es) Er mündet in ben Golf von Makri; fein jetziger Name. if 
nicht bekannt. Ueberhanpt if dad alte Earien Bis lert 
faſt nicht unterſucht. 


562 C. Plinius Raturgefhihtee 
Pyrnos, der Hafen Creffa [Kriffa), von welchem Die Juſel 


Rhodus 30,000 Schritte [a M.] entfernt il, der Ort Lo⸗ 


ryma [Cap Volno], die Städte Tifanufa, Parition, Larymna, 
der Meerbuſen Thymnias, das Bargebirg Aphrodifias, die 
Stabt Hyda, der Meerbufen Schönus, das Gebiet Bubaffus. 
Sier ftand auch die Stadt Acanthus, oder, wie fie Anderne 
nennen, Dulopolis. Auf einem Vorgebirge liegt das freie 
Gnidos [Enido] , das zuerft-Zriopia und dann Pegufa und 
Gtabin hieß. Bei ihr beginut Doris. 

3. Doch e6 wird beſſer feyn, zuerſt die Rücfeite des 
Zandes und die im Innern liegenden GBerichtäbezirke anzu⸗ 
zeigen. Der eine heißt der Cibyratiſche. Die Stadt Eir 
byra [Burun] ſelbſt gehört zu Porygien; in ihr ſuchen fünfs 
undzwanzig Gemeinden ihr. Recht. 

(xxix). Die berũhmteſte Derfelben ift die Stadt Laodir 
cea [Estihiſſar], welche am Lycus [Diekbunar] liegt, und 
au ihren Seiten‘ von dem Afopus und Caprus befpält wird, 

Sie hieß zuerſt Diospolis nnd dann Rhoas. Die Übrigen 
Gemeinden diefes Gerichtsbezirks, die man nad des Anführ 
rens werth halten mag, find die Hpdreliten, die Themifoney 
ADenislei] und .die Hierapoliten Bambuk⸗KaleſiJ. 

4. Der andere Gerichtsbezist hat feinen: Namen von 
Synnada [Gaid⸗Gazelle], und zu ihm gehören die Lycar⸗ 
. ner, *) die. Appianer, bie Encarpener, die Dorpläer [Eskiſche⸗ 
ber], die Midäer, die Julieuſer und fünfzehn andere unbes 
deutende : Gemeinden. Der Wersinigungspuntt bed dritten 
Gerichts bezixks ift Apamia [Afium Karabiffar], welches zuerft 





) 6, Kap. 25. 


Fünftes Bud. .- 655 


Geländ und dann Cibosos hieß. Es liegt am Fuße des 
Berges Signia [Kaldes Tagh] und ift von den in ben 
Mäander [Bojut:Minder] fallenden Zläffen Marfyas, Obri⸗ 
mas und Orgas [Burbafha] umfrömt. Der Marfyas 
kommt bier wieder aus der Erde hervor, in welche er fi) 


nicht weit von feiner Quelle verbirgt, und zwar an dem - 


Drte, wo Marſyas mit WUpollo im WBlötenfpiele wett: 
eiferte, *) im Thale, welches Aulocrenä [Blötenbrannen] 
Heißt, und 10,000 Schritte [2 M.] von Apamia, auf dem 
Wege nad) Phrygien liegt. Won diefem Gerichtsbezirt Tann 
man nennen die Metropoliten [Gurmina], die Dionyſopo⸗ 
fiten, die Euphorbener , die Acmonenfer, die Peltener [Bes 
Ietid] und die Silbianer. Die neun andern Gemeinden find 
unbedeutend, 

5. &8 folgen nun im Dorifhen Meerbufen [Golf von 
Simia} Leucopolis, Hamaxitos, Eläus und Euthene; dann 


wieder die Earifchen Städte Pitainm, Eutane und Halicars 


naffıs [Bodru], deffen Gerichtsbarkeit Alexauder der Große 
die ſechs Städte Theangela [Karabaglar]. Sibde, Medmaffa, 
Euranium, Pedafus [Paitfhin] nnd Telmeffus unterwarf. 
Es liegt zwifchen zwei Meerbufen‘, dem Eeramifchen [Golf 
Stanko] und, dem Jaſiſchen Askem⸗KaͤleſiJj. Weiterhintommen 
Myndos [Mentefhe], die Stelle, wo Altmyndos fand; 
Nariandus, Neapolis, Karyanda [Karracion], das freie 
Zermera, Bargyla [Barghili] und die Stadt Jaſus [Askem⸗ 
Kötefi], von welcher der Jaſiſche Meerbufen feinen Namen hat, 





”, Mel, Dvib Metamorph. yI, 383 ff, 
C. Plinins Naturgefh, 58 Bbchn. 6 


552 €. Plinius Raturgefchichte. 


Pyrnos, der Hafen Ereffa [Kriffa) , von welchem die Jnſel 
NRhodus 30,000 Schritte [4 M.] entfernt it, der Ort 2er 
enma [Cap Volno], die Städte Tifamufa, Paridion, Larymna, 
der Meerbuſen Thymnias, das Bargebirg Aphrodiſias, Die 
Stabt Hyda, ber Meerbufen Schönus, das Gebiet Bubaffus. 
Hier fand auch die Stadt Acanthus, oder, wie fie Undene 
nennen, Dulopofis. Auf einem Borgebirge liegt das freie 
GBnidos [Gnido], das zuerft -Zriopia und dann Pegufa uud 
Gtabin hieß. Bei ihr beginut Doris. 

3. Doch e6 wird beſſer ſeyn, zuerft die Küdfeite des 
Landes und die im Innern liegenden GBerichtäbezirke anzu⸗ 
zeigen, Der eine heifit der Cibyratiſche. Die Stadt Eis 
byra [Burun] ſelbſt gehört zu Phrygien ; in ibe fuchen fünfs 
undzwanzig Bemeinden ihr Recht. 

(zzıx). Die berühmtefte derfeiben ift die Stadt Laodi⸗ 
cea [Estihiſſar], welche am Lycus [Diekbunar] liegt, und 
anf ihren Seiten non dem Aſopus und Caprus befpült wird, 
Sie hieß zuerſt Diospolis und dann Rhoas. Die übrigen 
Gemeinden biefed Berichtöbezirks, die man nad, des Anfüh— 
rens werth halten mag, find die Hydreliten, die Themifonee 
IDenislei] und die Dierapoliten Bambnk⸗Kaleſi]. 

4. Der andere Gerichtsbezist hat feinen: Namen von 
Synnada [Gaid-Gazelle], und zu ihm gehören die Lycas⸗ 
ner, *) bie Appianer, die Encarpener, die Dorpläer [Eskiſche⸗ 
ber], die Midäer, die Inlienſer und fünfzehn andere. unbes 
deutende Gemeinden. Der Versinigungspunkt bes dritten 
Gerichtsbezirks iſt Apamia [Afium Karabiffar], welches zuerfl 





*) 6, Kap. 26. 





Fünftes Bud). 1 655 


Eelänä und dann Cibotos hieß. Es liegt am Fuße des 
Berges Signia [Kaldes Tagh] und ift von den in den 
Mäander [Bomk⸗Minder] fallenden Fluͤſſen Marfyas, Obri⸗ 
mas und Orgas [Burbafha] umfrömt. Der Marſyas 
Zommt bier wieder aus der Erde hervor, in weldye er ſich 
nicht weit von feiner Duelle verbirgt, und zwar an dem - 
Drte, wo Marfyad mit Apollo im Blötenfpiele wett - 
eiferte, *) im Thale, welches Wulocrenä [Blötenbrannen] 
Heißt, und 10,000 Schritte [2 M.] von Apamia, auf dem 
Wege nady Phrygien liegt. Won biefem Gerichtsbezirt kann 
man nennen die Metropoliten [Surmina], die Dionyfopos 
fiten, die Euphorbener , die Acmonenfer, bie Peltener [Pe⸗ 
letis]) und die Silbianer. Die neun andern Gemeinden find 
unbebentend. 

5. &8 folgen nun im Dorifhen Meerbufen [Golf von 
Simia} Leucopolis, Damaritos, Eläus und Euthene; dann 
wieder die Barifchhen Städte Pitainm, Eutane und Halicars 
naffus [Bodru], deffen Gerichtsbarkeit Alexander der Große 
die ſechs Städte Theangela [Karabaglar], Sibde, Mebmaffa, 
Euranium, Pedaſus ſPaitſchin] and Telmeffus nunterwarf. 
Es liegt zwifchen zwei Meerbufen, dem Eeramifchen [Golf 
Stanko] und, dem Zafifchen [Asdems Kälefi]. Weiterhin kommen 
Myndos [Menteihel], die Stelle, wo Altmyndos fland; 
Nariandus, Neapolis, Caryanda [Karracion], das freie, 
Zermera, Bargyla [Barghili] und die Stadt Jaſus [Askem⸗ 
Kötefi], von welcher der Jaſiſche Meerbufen feinen Namen hat. 





*) Mol. Ovid Metamoroh. YI, 383 ff. 
€, Plinius Naturgefh, 58 Bbchn, 6 


IN 


564 ı 6 Plinius Naturgeſchichte. 


6. Am berühmteften ind aber die inneren Zandestheile 
Bariens ; denn hier liegen die freie Stadt Mylaſa [Mylleſch] 
und Autiochia [Ymifcheer] ‚die an der Stelle, wo fonft bie 
Städte Seminethos und Granass fanden, erbaut und jepE 
von dem Mäander and Drfinus [Jeuſcher] umfoflen if. 
In dieſer Gegend lag. auch Maͤandropolis ſGuzel⸗HiſſarJ. 
Jeht findet man Eumenia, am Fluſſe Eindrus, den Fluß 
Glaucus, Die Stadt Lullas, Orthoſia, ven Berecyntiſchen 
Landſtrich, Noſa [Mesli], Trallis ſSuitanhiſſar], welches 
auch Euanthia, Seleutia und Antiochia genanut wird. Es 
wird von dem Eudon beſpuͤlt und von der Thebais durch⸗ 
Beömt, : Mach Manchen follen hier Die Yagmäcn gewohnt 
Haben. 7. Außerdem finb zu bemerken Thydonos, Pyrrha, 
Eurome, Deraclea, Amyzo, *) das freie Alabauda [Ear 
puslei], von welchem der Gerichtsbezirk [in dem alle biefe 
Städte liegen], feinen Namen dat, das freie Stratonicea 


IEskihiſſar]), Oynidos, Ceramus [Reramo], KTrözene und 
Phorxonctis. Su dieſem Gerichtabezirke gehören auch bie 


weiter euflegenen Gemeinden der Orthronienſer, ber Sun 
dienſer oder Hippiner, der Zxfbianer, ber Opdiffenfer, ber 
Apohloniaten, der Krapegorafiten [Karads⸗je⸗ſu] und der 
freiem Niphrobifienfee [Dfiere]. Außerdem and nom augu⸗ 
führen Eosciuud, Harpaſa [Urpas⸗Kaͤleſi], welses am Fluſſe 
Harpaſus [Tſchina] liegt, von dem auch Trellicon, als es 
noch nicht zerſtoͤrt war, befpälf wurde. 

XXX. Bydien [GSandſchak Szarnkhanu], weiches buch 
den in vielen Krümmnngen ſich windenden Mäander [Bojuk⸗ 





*) Ruinen bei Baffo. 


Fünftes Bu. 655 


Minder] durchkrönt wird, nad früher Msonia hieß, zinhf. 

ſich hinter Jonien bin, bat öſtlich Phrygien, nördlich My⸗ 

ſlen zu Nachbarländern, und amſchließt mit feiner ſuͤdliches 

Seite Carien. Seinen Ruhm verdankt es hauptſächlich 

Sardes [Sart], am Abhange des Berges Tumolus [Bergil, 

ber früher Timolus hieß, mit Reben bepflanzt⸗ iſt und as 
dem Fluſſe Partolus, der auch Chryſorrhoas genannt wird, 
und aus der Quelle Tarne entfpringe, *) herabſtrömt. Die 
Stadt ſelbſt, welche aud) durch den Gygäiſchen See [inner - 
hoͤl] bekannt iſt, wurde von den Mäpnieen Hape’ ganannt. 
Jetzt heißt nach ihr der Gerichkäbezixt der Sardiſche. Zu: 
ihm gehören außer den ſchon oben **) Genaunten die Mar 
cedoniſchen Caduener, die Philadelphier [NHafsheker], Die 
Mäosier ſelbſt am Fluſſe Cogamus, Dit am Buße bes 
Tmolus, die Tripolitaner, welche auch Untonionoliter heißen. 
nnd deren Gebiet vom Mäander beſpült wird, Die Apollonaſhie⸗ 
ziten, die Mefotimoliten und andere unbepeutande Beneinden, 


XXXI. 4. Zonien [Saudſchak Gigha],ı welches an; - 


dem Jaſiſcaen Mrerbufen [Wolf von Askem⸗Koaͤleſi] beginnt,.. 
bildet eine van vielen Buchten zerfehuittene Küfle. Dex 
exſte Busen iſt dar Baſiliſche (Golf von Melaſſo]; dann 
folgen das Vorgebirg und bie Stadt Poſideum, 7) dag 
Orakel der Brauchiden, wie J früger hieß, ander, wie ab 


mr 


40) Der Pastolus, welcher jeyt Heinen hefoubaren Namen zu: 


fiber fcheint, fällt bei Sart in den Kodos. 
*®) Kay. Br %. 7.35 naͤmlich den Orthropenſern, Italydien⸗ 


ſern u. ſ. @ 
=”, Gap von Meiafo; die Stadt ift unbekannt, 
6* 


856 C. Plinius Naturgefchichte. 


jebt heißt, das Drakel des Didymaiſchen Wpollo, zwanzig 
Stadien [1 Stunde] von der Küfte, nnd hundertundachtzig 
Stadien [A!e M.] weiter Mitetus [Palatfchia], die Haupt⸗ 
ſtadt Joniens. Gie hieß früher auch Lelegeis, Pityuſa und 
YAnactoria, iſt die Stammmutter von mehr als achtzig 
Städten an allen Küften, und auch ihres Bürgers Cadmus 
wegen, der zuerft in ungebundener Nede zu fchreiben lehrte, 
preißwürdig. 2. Der Fluß Mäander [Bojud-Minder], wel⸗ 
: der aus einem See auf dem Berge Aulocrene *) entfpringt, 
an zahlrkichen Gtädten vorüberfirömt, nnd allenthalben 
Flüffe aufnimmt, windet fidy in fo vielen Krümmungen, daß’ 
man oft glauben möchte, er fließe zurück. Zuerſt fchweift er 
durch das Upamenifche Gebiet, darauf durch das Eumene⸗ 
tifche und dann durch die Bargyläifchen Gefilde; "9 zuletzt 
ſtrönt er ruhig durch Garien, befeuchtet alle Felder mit 
feinem überaus fruchtbaren Schlamme, und fällt gehn Gras 
dien [!s Stunde] von Milet fanft in’s Meer. 3. Weiters 
hin folgen der Berg Latmus, die Städte Heraclea [Jotan], 
welche von diefem Berge ihren Beinamen [auf dem Latmus] 
bat und noch zu Earien gehört, Myos, welches von den 
ans Athen gekommenen Joniern erbant feyn foll, Naulochum, 
Priene [Samſun⸗Kaleſſi), der Fluß Seffus an der Küfte, 
welche Zrogilia [Rap. St. Maria] heißt, der Bezirk, welcher 
allen Joniern heilig ift und Deßhalb den Namen Panjonia 
Itfhäugli] führe, Nahe dabei liegen das (wie der Name 





9 S. Ray. 29. 5. 4 


”) Bon Apamen, Eumenia und Bargyla war Kap. 29. S. 4. 5. 
Die Rede. 


Fünftes Buch. | 557 


ſchon anzeigt) von Flüchtlingen erbaute Phygela [Bigela] 
und die Stadt Maratheflum. Oberhalb deffelben folgt Mage . 
nefla [Guzelhiſſar), weldyes mit dem Beinamen „am Mäatts. 
ber“ bezeichnet wird, und von dem Theffalifchen Magnefla 
feinen Urfprung herleitet. Es ıf von Epheſus 15,000 . 
Schritte [3 Meilen, und von Zralles noch 3000. Schritte 
[’/s M.] weiter entfernt. Es hieß früher Theffaloce und 
Androlitia, und hat, da es dicht am Geflade liegt, allmälig 
die Derafidifhen Iufeln dem Meere entzogen und mit ſich 
vereinigt. Im Innern des Landes, am Lucus [Kodos], - 
liegt Thyatira [Akhifſar), weiches fonft die Beinamen Yes 
lopia und Enhippa führte, 

4. An der Küfte folgen Manteium und Ephefus [Aja⸗ 
falut], von den Amazouen gegründet und früher mit vielen 
Nanıen bezeichnet; fo bieß fie zur Zeit des Zrojanifhen 
Kriegs Alopes, fpäter Ortygia und Morges, auch Smyrna, 
mit dem Beinamen Trachen, ferner Gamornion und Ptelea. 
Sie ift an dem Berge Pion erbaut und wird von dem Gays 


ſtrus [Kutſchuk⸗Minder], welcher auf den Eilbianifchen Ber . _ 


gen [Durgas] entfpriugt und viele Flüſſe, fo wie aud dem, 
Degafäifhen Sumpf, den ihm der Fluß Phyrites zuführt, : 

aufnimmt, beſpült. Diefe Flüſſe führen eine Menge Schlamm 
mit fi), wodurch fi) fo viel neues Land. anfent, daß die 
frühere Infel Syrie bereits mitten in den Gefllden liegt. 


5. In der Stadt befinden fid) die Duelle Eallippia und bie 


beiden [Seen] Selenus, weldye den Tempel der Diana auf 
verfchiedenen. Seiten umgeben. Nah Ephefus kommt ein 
anderes, zum Gebiete der Eolophonier gehörendes, Manteium, 
und daun im Juneren Eolophon ſ(Dſſili] felbft am Biuffe 


* 


368 C. Plinins Natuegeſchichte. 


Hakeſus. Weiterhin folgen ber Tempet des Clariſchen Apollo 
"FI und Lebebos ſLededitzi Hiffar)j. Hier lag and die 
"Start Notium. Kerner folgen das Vorgebirg Coryceon 
LIKurku], der Berg Mimas ſKaraburun], welcher 250,000 
Schrikte [50 M.] weit in das Meer vorläuft und ſich nach 
dem feften Lande Hin in eine weite &bene abdacıt, die Stelle, 
wo Alerander der Große eine 7,500 Schritte [19/2 M.] kange 
Fläche zu burchſtechen befahl, um zwei Meerbufen *) mit 
einander zu verbinden, und Erythrä [Ritre] fammt dem 
Mimas mit Waffer zu umgeben. 6. Bei Erythrä lagen 
ſonſt die Städte Pteleon, Helos und Dorion; jetzt findet 
man noch dafeibft den Fluß Aleon, Coryndum, des Mie 
mad Borgebirge; Clazomenä [Kelisman}, [der Berg] 
»Parthenie und die Hippi [Pferde], welhe auch Chytro⸗ 
phoria hießen, als fie noch Inſeln waren, und Die 
Alexander ebenfalls durch) einen zwei Stadien [6 Minuten} 
langen Danim mit dem Feſtlande verbinden ließ. Zerſtört 
find die ſonſt im Juueren vorhandenen Städte Daphnus, 
Hermeſin and Gipylum, die Hauptſtabt Mäoniens, welche 
vorher Tantalis hieß, und an der Stelle, wo man jepf ben 
Sunrpf Gate ſieht, fand; and) Archäopolis, welches an Bie 
Stelle vor Sipylum krat, fo wie Eolpe, welches Rechäopo⸗ 
FO und Lebade, welches Eolpe erſetzte, ſind nicht mehr. 

7. Kehrt man unn wieder von da zurück, To kommt 
man nad) einem Wege von 12,000 Schritten [2’/;M.] zu 
der von den Amazonen erbauten und von Aterander wieder 





*) Den von Ephefus und den von Smyrna. 
Von Elazomena mimlic. ' . 


Fünftes Buch. 659 


Hergeftelten Käfenhadt Smyrna [IFömir], weiche an dem 
nicht weit davon entipringenden Meles liegt. In dieſem 
Landſtriche breiten fidy die berühmteſten Berge Aflens aus: 
Der Maftnfla, hinter Suyrna, und ber Termesis, der bis zu 
Den Fuße des Olympus ſKeſchifch⸗Dagh] reicht; diefer ſtößt 
au den Draco, der Draco an deu Tmolus, der Tmolus an 
ben Eadmus [Baba⸗Dagh] und dieſer an den Taurns. 
8. Bon Smyrnd an bildet der Hermus [Sarabat] fchöne 
GSeſitide, uud gibt ihnen feinen Namen, Er entfpringt bei 
der Phrygiſchen Stadt Dosstaum [Eskiſcheher]) und nimmt 
viele Fluͤſſe anf, darunter den Phryx, welcher dem anwoh⸗ 
senden Volke feinen Namen gibt und es von Carien ſchei⸗ 
Det, den Hyllus und Kryos, in welche die Flüſſe Phrygiens, 
Myſlens und Lodiens fallen. Sonſt lag an der Mündung 
Des Hermus die Stedt Temuss FRemmen]; jept findet 
man noch am Ende dei ſGmyrndiſchen] Meerbafens die 
Myrmecifgen Klippen, die Stadt Leuce, auf einem Vorge⸗ 
birge, das früher ein Yafel war, und phecae [$okie}, den. 
Granzpuntt Joniens. 

9. Bei dem Gerichtsſide zu Eayına müßten ein großer 
Sheil von Aeolien, von dem bald die Rede ſeyn wird-, Die _ 
Maecdomer, werde den Beinamen Hyveaneı führen, und 
die Magneter [Manila] am GSipylus ihr Recht ſuchen. Zu 
Epheſus, dem auderen Hauptgerichtsbezirke Aſſens, gehören 
die euffernteren Eäſarienſen, Metropoliden FTineh] , unteren 
web oberen Eilbianer [Duvgut], Myfomacedomter, Maſtauren⸗ 
fer, Briullitter, Sppäpener ſTappai] und Dioshieriten. 

XXXU (ax). 4. Die zunädift folgenden Länder ſind 
Aeslis [Ganbfegat Aidin]), einft Myflen genannt, und das 


, 


660 C. Plinins Naturgeſchichte. 


am Hellespont liegende Troas [Sandſchak⸗Bigba]. Nach 
Phocãa kommen der Hafen Ascanins, dann die Stelle, wo 
Zariffa Laruſar] ſtand, Cyme INemourt], Myrina, welches 
auch Sebaſtopolis heißt, im Inneren Aegän[Guzel⸗Hifſar], 
Attalia, Poſidea, Neontichos, Temnos; an der Küſte aber 
folgen der Fluß Titanus und eine nad) ihm benannte Stadt. 
Hier lag auch Grynia auf einer Fufel, Die jest mit dem 
feften Lande verbunden ift, und zwei verlaffene Häfen bildet. 
Weiterhin kommen die Stadt Eläa [Jalea], der aus Myſien 
herſtrömende Fluß Caicus ſGhirmaki], die Stadt Pitaue 
[ISanderlik] und der Fluß Canaius. 2. Zerſtört find Bank 
[Kanot Köi], Lyſimachia, Atarnea ſDikeli⸗Köi], Parene, 
Ciſthene [Kidonia], Eilla [BeizelisKdi] Eocylium, Thebe, 
Aftyre, Chryſa, Alt: Gcepfis, Gergithos und Neandros; nody 
vorhanden find: Die Gemeinde Perperene, das Deracleotifche 
Gebiet, die Stadt Eorpphas, die Flüſſe Grylios und Ollius, 
der Bezirk Approdiflas, welcher früher Politice Orgas hieß, 
der Bezirk Gcepfis, der Fluß Evenns, an deffen Ufern die 
jest verfchwundenen Städte Lyrneſſus und Mitetos ſtanden. 
In dieſer Gegend erhebt fi aud der Berg Ida. Um der 
Küfte folgen Adramytteos [Udramiti] , früher Pedaſus ges 
naunt, weldhes dem Meerbufen [Golf von Wdramiti] und 
dem Gerichtsbezirke feinen Namen gegeben hat; die Flüſſe 
Aftron, Eormalos, Eryannos, Alabaftros und Hieros, wel⸗ 
her vpm Ida herabkommt, im Inneren der Berg Gargara 
und eine gleichnamige Gtadt, dann wieder an der Küfte 
Untandros, welches zuerft Ebonis und daun Cimmeris hieß, 
Aſſos [Affe], auch Apollonia genannt, bie Stelle, wo bie 
Stadt Palamedium Iag, das Vorgebirg Lertou [Eap Babe], 


Funftes Buch. | 564 . 


welches Yeolis von Troas fcheidet, und bie Stellen, wo früs 
her die Stadt Polymedia, Ebryfa und ein anderes Lariffe 
flanden. Der Gmintheifhe Tempel *) ift noch vorhanden; 
verfchwunden ift aber Eolone, weldyes weiter im YJuneren 
lag. Rad Adramitteos kommen mit ihren Rechtshändeln 
die Apolloniaten [Abellionte] am Fluſſe Rhyndacus [8ubad], 
die Erezier, die Miletopoliten [BalisKesri], Die Yömanener, 
Die Afchilacäifchen Macedonier, die Polichnäer, die Pioniten, 
die Eilicifhen Mandacadener und in Myſlen die Abrettiner, 
weiche auch den Namen Sellespontier führen, und andere 
unbedentende Gemeinden, 

XXX, 4. Der erfte Ort in Troas [Sandſchak Bigha} 
ift Hamaritus [Meffı]; dann kommen Eebrenia, Troas [Eski⸗ 
Stambul) felbit, früher Antigonia und jest Alerandria ges 
nannt, eine Römifche Colonie; die Stadt Nee, der ſchiffſare 
Fluß Gcamander [Tomdredht:Eai], die Gtelle auf einem 
Borgebirge [Eap Fenifcheher], wo die Gtabt Sigeum [Yes 
nifcheher] fand, dann der Dafen der Achder, in welchen der 
Zanthus, **) nadıdem er den Simois [Mendre:Eu] aufges 
nommen bat, fällt, und der Alt⸗Scamander, der, bevor er 
mündet, einen Sumpf bildet. 2. Die übrigen von Homer ***) 
gerühmten Flüſſe, nämlich der Rheſus, der Heptaporus, 
der Careſus und der Rhodius find fpurlos verfhwunden. 
Der Granicus [Uftwola] firömt in einer anderen Richtung 
ber Propontis zu. Man findet jegt noch Scamandria, eine 


Ein noch lange nad) Plinius berühmter Apollotempel. 
»*) Zanthus und Scamander find ein und derſelbe Fluß. 
ↄ) Ilias XII, 20, 


562 C. Plinius Naturgeſchichte. 


kleine Stadt, 1,500 Schritte [36 Minuten] vom Hafen [der 
Achäer] das freie Jiium [Bunat Baſchi], die Duelle alles 
Ruhmes. Außerhalb des Buſens ift die Rböteiſche Käfte, 
an welcher die Gtädte Rhöteum, Dardanium [Gallipoli] 
‚und Arisbe liegen. Hier fanden auch Acilleon, eine von 
den Mityleneern and fpäter von den Athenern bei dem Grab⸗ 
male des Achilles am der Stelle des Vorgebirgs Sigeum, 
wo feine Flotte lag, erbante Stadt, und Aeautinum, welches 
von den Rhodiern an ‚der andern Landfpige, 30 Gtadien 
fı'!ı Stande] von Sigenm, wo Ajax begraben ift uub feine 
Flotte ihren Standort hatte, gegründet wurde. 3. Ober 
Halb Aedlis und eines Theiles von Troas liegt im Inneren 
die Landfchaft Teuthrania, welche die Mpfler einſt inne 
hatten, und wo der ſchon ”) erwähnte Fluß Caicus entfpringk. 
Sie war fon, Als nod). dad ganze Land Myſien genannt 
warde, fehr mächtig, und in ihr liegen Pioniä, Untere, 
Cale, Stabulum, Eoniflium, Tegium, Bald, Tiare, Teuthra⸗ 
nie, Sarnaca, Sratiferne , Lyeide, Parthenium, Thymbre, 
Oxyopum, Lygdamum, Apolloria und Pergamam [Bergas 
mah], die. bei weitem berühmteſte Stadt Aſtens, weiche der 
Gelinns durchſtröͤmt, und an weicher der auf dem Berge 
Pindaſus mtipringende Cetius vorbeifließt. A. Gie ift nicht 
weit von län entferne, welches wir fhon an der Käüſte 
angeführt haben. Der ganze Gerichtsbezirk heißt der Per: 
gameniſche, und gu ihm gebören die Ahyatirener, bie Myg⸗ 
donier, die Mofyner, die Bregmentener, die Sieracometen, 
Die Werpermer, die Ziarener, bie Hierolophienfer, Die Ders 
*) Kap. 32. 5.1, 





Tanfles Buß. 563 


Wocapeliten, die Aktalenſer, Be Pantanſer, Die Apollonidien⸗ 
fer Balamonte] und andere ananſehnliche GBemeinden. Bon 
Aydtehm if die Peine Stadt Dardaninm 70 Stadien 
f3% Gtunden] entfernt; 48,000 Schritte [3° M.) weiter 
folgt das Borgebirg Trapeza, wo der Hellespont anfängt. 
Don. den AUfatifhen Bölkern finb nadı Eratofihenes ver⸗ 
ſchwunden die Golynier, die Leleger, die Bebrycer, die Eos 
Incantier, die Trepfeder ; nach Yidorus bie Arimer *) und 
die Eaprefer, weldye zwifchen Eificien, Cappabosien, @ataos 
nien ihren Gig Hatten, da 1m Apamia [Famieh] vom König 
Selencus erbaut wurde, welches, weil ed die wildeften Völ⸗ 
ter bejännt Hatte, anfangs Damen bieß. 

XXAIV (xxxı), 4. Die erfte der vor Aflen liegenden 
Infeln befindet AG in der Canopifdien Niimündung, und 
hat (chie man fagt), ihren Namen vun Canopus, dem 
Stenermanne des Meenelans; die zweite, welche Pharus 
weißt, und eine Colonie des Dickators Caſar iſt, hängt durch 
eine Brücke mit Alexandria zuſammen. »e) Einſt war fie 
ME Tagreiſe von NRegypten eutfeent; jetzt lenkt ſte burch 
ein auf einem Thurme breuuendes Nachtfeuer den Lauf der 
Schiffe; denn Alerantria if von unſicheren Untiefen ums 
geben, und man kaun überhaupt nur. auf drei Bahrwegen, 
welche Vie Samen Gtegamunt, Poſideum und Taurus führen, 
gu ihm gelamgen, 


iR. 

*) Die Solymer wohnten in Pifidien, die Leleger in Earien, bie Bes 
bryker in Bithynien; die Arimer follen in Phrygien gewohnt has 
ben ; die Sige der Eolycantier und Zrepfeber find unbekannt. 

+ Die "Iufern Canopus und Pharus find jetzt mit dem feften 
Lande verbunden, 


564 C. Plinius Naturgefhichte. 


2. Dann folgen in dem Phönicifchen Meere, gerade 
vor Joppe [Jaffa], Paria, deren Fläche ganz von einer 
Stabt bedeckt wird, nnd_ auf welcher Anbromeda dent Sees 
ungebeuer foll preisgegeben worden ſeyn, und bie ſchon *) 
erwähnte Infel Arados. Zwiſchen diefer und dem Feſtlande 
zieht man, wie Mucianus berichtet, and einer Tiefe von 
fünfzig Ellen mittelft einer aus Leder verfertigten Röhre **> 
füßes Quellwaſſer bis zur Oberfläche, 

XXXV, 1. Das Pamphyliſche Meer- faun nur unbe⸗ 
deutende Infeln aufweifen., das @ilicifche aber Enpern, eine 
der fünf größten [des Mittelläudifchen Meeres], welche 
fih, Syrien gegenüber, von Oſten nady Welten an Eilicien 
hinzieht und einft der Gis von nenn Königthümern war. 
Ihren Umfang gibt Timoſthenes auf428,500 Schr. 85%. M.}, 
Iſidorus auf 375,000 Schritte [75 M.], ihre Länge zwifchen 
den beiden Vorgebirgen Dinavetum [S. Andreas] und Aca⸗ 
mas [S. Epipbani], weldhes an dem weftlihen Ende liegt, 
Artemidorus auf 162,000 Schritte [322%; M.], Timoſthenes 
auf 200,000 Schritte [40: M.] an. Nah Philonides hieß 
fie früher Acamantig, nady Xenagoras Ceraſtis, Aspelia, 
Amatbufla und Macaria, nad) Aſtynomus Eryptos und 
Edlinia. 2. Man zählt auf ihre fünfzehn Städte: Pens 
paphos [Baffa], Alt⸗Paphos [EskisBaffa], Euriad [Aus 
dio], Eitium [Chiti], Eorineum [Cerines], Salamis, **) 
Amathus [Eski⸗Limeſol], Lapethos [Kapta], Soloe [Solia], 





*) Kap. 19. $. 3 " N 
**, Mol, Über dieſes Verfahren B. 31. Kap, 37. 
*, Ruinen bei Coſtanza. 








Fünftes Bud. 565 


Tamafens, 9 Epidarum [Pitaremil], Ehytri [Cherkes], Ars 
finoe [Arzes], Earpaflum [Karnas] und Golgi. Zrüher 
fand man 'anf ihr noch die Gtädte Einyria [Dfjerines], 
Marium *% und Fdalium [Dalin]. Bon dem Vorgebirg 
Anemurium in Eilicien ift fie 50,000 Schritte [10 M.] 
entfernt ; das zwifchen ihr und Eilicien Tiegende Meer heißt 
die Ciliciſche Straße. In diefer Richtung findet man auch 
Die Inſel Elönfa, und vor dem Syrien gegenüber liegenden 
Borgebirge vier andere, welche die Eliden (Schlüſſelh) heißen; 
an der anderen Landfpise [Acamas] aber Stiria, Neu⸗ 
paphos gegenüber Hierocepia und Galamis gegenüber die 
Galaminien. **%) 

5. Im Lyciſchen Meer liegen Illyris, Telendos, Atte⸗ 
lebuſſa, die drei Äden Cyprien und Dionyfla, T) welche früs- 
her Caretha hieß; weiterhin dem Vorgebirge des Taurus 
gegenüber die den Schiffern gefährlichen Chelidonien [Iſole 
Correnti], ebenfalls drei an der Zahl; nach dieſen Leucolla 
mit einer Stadt; die Pactyen, nämlich Laſia, Nymphais, 
Macris und Megiſta [Kaſtelorizo], ferner viele unbedeutende ; 
daun Ehimära gegenüber Dolichiſte [Kakava], Ehirogylium, 
Erambuffa [Srambufa], Rhoge [Eaftel Roſſo], Enagora, 
8000 Schritte [1 M.] groß, TH) die zwei Dädalien, bie 


», Iſt im Inneren bed Landes, am Olympus, zu fuchen. 

=*) Gag an der Stelle bed fpätern Arfinoe [Arzed]. 

29) Diejegigen Namen diefer Pleinen Infeln find nicht aufzufinden. 
7)5) Alle dieſe Infeln find unbekannt. 

m Enagora VI. mill. pass. Die Stelleift vermuthlich 
verborben, und fonte: vielleicht beißen: Xe nagorae VIII., 
die acht Inſeln des Kenagorad (ai Zerayopov vnjoo⸗) ſagt 
der Periplus. 


864 C. Plinius Naturgefhichte. 


2. Dann folgen in dem Phönicifhen Meere, gerade 
vor Joppe [Iaffa], Paria, deren Fläche ganz von einer 
Stadt bedeckt wird, und auf welder Undromeda dent See⸗ 
ungeheuer foll preisgegeben worden ſeyu, und bie ſchon 5) 
erwähnte Inſel Arados. Zwiſchen diefer und dem Feſtlaude 
zieht man, wie Mucianus berichtet, ans einer Tiefe von 
fünfzig Ellen mittelft einer ans Leder verferfigten Röhre **) 
füßes Quellwaffer bis zur Oberfläche. 

XXXV. 1. Das Pamphylifhe Meer- kann nur unbes 
deutende Infeln aufweiſen, das @ilicifche aber Cypern, eine 
der fünf größten [des Mittelläubifhen Meeres], welche 
fi, Syrien gegenüber, von Oſten nady Welten an Eilicien 
hinzieht und einft der Gig von neun Königthümern war, 
Ihren Umfang gibt Timofthenes auf428,500 Schr. 85%. M. ], 
Iſidorus auf 375,000 Schritte [75 M.], ihre Länge zwifchen 
den beiden Vorgebirgen Dinaretum [S. Andreas] und Aca⸗ 
mas [S. Epiphani], welches an dem weltlichen Ende liegt, 
Artemidorus auf 162,000 Schritte [32?; M.], Timoſthenes 
auf 200,000 Schritte [40: M.] an. Nah Philonides hieß 
fie früher Acamantis, nad) Kenagoras Geraftis, Aspelia, 
Amatbufla und Macaria, nah Aſtynomas Erpptos und 
Golinia, 2. Man zählt auf ihe fünfzehn Städte: Neu⸗ 
paphos [Baffa], Alt⸗Paphos [Esti⸗Baffa], Eurias [Aus 
dimo], Citium [Chiti], Corineum [Cerines], Salamis, » 
Amathus [Eski⸗Limeſol], Lapethos Lapta], Soloe [GSolia], 





*) Rap. 19. $. 3. . 
*#) Mol, fiber biefed Verfahren 8. 31. Kap. 37. 
, Ruinen bei Coſtanza. 


Fünftes Bud. b65 


Tamafens, 9 Epidarım [Pitarenii], Ehytri [Cherkes], Ars 
finoe [Arzes], Carpaſium [Rarpas] und GBolgi. rüber 
fand man anf ihr noch die Gtädte Einyria [Dfjerines], 
Marium **) und Idalium [Dalin]. Bon dem Vorgebirg 
Anemurium in Eilicien ift fie 50,000 Schritte [10 M.] 
entfernt ; das zwifchen ihr und Gilicien liegende Meer heißt 
Die Eilicifhe Straße. Im diefer Richtung findet man auch 
die Juſel Elẽuſa, und vor dem Syrien gegenüber liegenden 
Borgebirge vier andere, weldye die Eliden (Schlüffel) heißen; 
an ber anderen Zandfpise [Mcamas] aber Stiria, Neu⸗ 
paphos gegenüber Hierocepia und Galamis gegenüber die 
Galaminien. ***) 

3. Im Lyciſchen Meer liegen Fllyris, Telendos, Atte⸗ 
febuffa, die drei Sden Cyprien und Dionyſia, T) welche früs 
her Caretha hieß; weiterhin dem Vorgebirge des Taurus 
gegenüber die den Schiffern gefährlichen Ehelidonien [Iſole 
Eorrenti] , ebenfalls drei an ber Zahl; nach diefen Lencolla 
mit einer Stadt; die Pactyen, nämlich Laſia, Nymphais, 
Macris und Megifta [Kaftelorizo], ferner viele unbedeutende ; 
Dann Ehimära gegenüber Dolichiſte Kakava], Ehirogylium, 
Erambuffa [Grambuſa], Rhoge [Eaftel Roffo), Enagore, 
8000 Schritte [1 M.] groß, TH) Die zwei Dädalien, bie 


*) Iſt im Inneren bed Landes, am Olympus, zu fuchen. 
“e) ag an ber Stelle des fpätern Arfinoe [Arzes]. 
“ss, Diejegigen Namen diefer Pleinen Infeln find nicht aufzufinden. 
+) Alle diefe Infeln find unbekannt. 
m Enagora VII. mill. pass. Die Stelle ift vermuthlich 
verborben, und follte vielleicht beißen: Xe nagorae V. 
die acht Inſeln des Kenagorad (ai Berayopov 97000) fagt 
der Periplus. 


6 €. Plinius Naturgeſchichte. 

drei Ergeen, Strongyle, Sidima Tin Kycien] gegenüber Die 
Juſel des Autiochus, nach dem Fluſſe Glaucus hin Laguſa, 
Macris, die Didonen, Helbo, Scope, Wepis, Rekaudrie, 
auf der ſonſt eine Stadt Rand, und Rboduſſa, ganz nabe 
an Caunus [KReigun]. ”) 

XXXVI. 4. Die fhönfe von aley iA die freie Infel 
Rhodus, welche einen Umfang pon 425,000 Mehritteg 
[25 M.], oder, wenn mon lieber dem Iſidorus glauben will, 
von 103,900 Schritten [20° M.] hat, und auf der man Die 
Städte Lindus [Rinde], Kemirus [Camiro] und Talpfus, 
jetzt Rhodus genannt, findet. Sie iſt von Alexandrien in 
Aegypten nach Iſtdorus 578,000 Schritte [415?/, M.], nach 
Eratoſthenes 496,000 Echritte [93% M.], nach Mucianus 
500,00) Schritte [100 M.], von Cypern aber 166,000 Bchr. 
[33% M.] entfernt. Fruͤher hieß Be Ophiuſa, Aſteria, Ae⸗ 
thräa, Zrinacria, Forymbia, Vöefſſa und Atabyria nach cr 
mem ihrer Könige; daun Macaria und Oloeſſa. Deu Rhe⸗ 
diern gehören auch die Inſeln Karpathus ScaxrpantoJ, 
welche dem Meere, worin fle liegt, den Namen gab, Cafes 
[RCaſo], ſonſt Achne genaunt, und Nifgens [Milari], weloe 
12,309 Schritte [2 M.] von Pnidus entferne iſt mad frür 
her Porphyris hieß. 2, In dem nämlichen Striche, mitten 
zwiſchen Rhodus und Gnidus findetman Syme [Eymi], das 
37,500 Schritte [7° M.] im Umfange hat und gaſtlich acht 
Häfen gewährt, Außer dieſen Liegen nah nu Mhodus Gy 
clopis, Steganos, Cordyluſa [B. Eaihariua], die vier Dia⸗ 





”) Die jegigen Namen biefer vermuthlich unbedeutenden Infeln 
laſſen fih nicht angeben, 





Fanftes Bud. 567 


Beten, Hymos, Chalce [Chalki] mit einer Giabt, Geutiufe. 
Narthecuſa, Dimaftod, Progue, und Hinter Gaibus Eiffe 
ruſſa, Therionarä, Balygaue ſCalamine] mit den drei Städten 
Notium, Niſyrus und Mendeterus, ferner Weconnefus wie 
der Stadt Ceramus. An der Cariſchen Inſel liegen zwan⸗ 
sig Infeln, welche die Argiſchen heißen, ſo wie Sata, 
Zepfla und Zeros [Lero]. 

5. Die berühmtefte Inſel in an Meerbuſen ik Eos 
[Staucho], weidhe 15,000 Schritte [5 M.] von Halicarnaſſus 
entfernt ift, und 100,000, Schritte [20 M.]im Umfange hat · 
Nach Mehrerer Meinung hieß fie früher Merope, uach Sta⸗ 
phylus aber Cea, und nach Dionyſius Meropis uud“ Iwäter 
Muymphäa. Auf ihr findet man den Berg Prion, und bei 
ihr Niſhrus [Nifaei], die von ihr losgeriſſen feyn foll, und 
früher Porphyris hieß. Dann folgen Caryanda [Esracdien] 
mit einer Stadt, Pidoſus, nicht weit von Halicarnaſſas, und 
in dem Ceramiſchen Meerdufen [Golf di Eaftel Marmora] 
Priaponneſos, Hipponuefus, Pſyra [Ipſera], Mya, Lamp⸗ 
ſemandus, Baffala, Cruſa, Pyrrhe, Gepinfia, Melana und 
nahe an der Küſte eine Juſel, welche Cinüdopolis ſKnadben⸗ 
ſchaͤnderſtadt]) genannt wurde, weil der König Alexaunder 
ſoiche Schaudbuben hier zurũcklleß. 

AXZXVU. Un der Jouniſchen Küfle liegen die Tragien, 
die Corſeen, Jearus, von der ſchon früher *) gefprocken wurde, 
Lade, wesche fonft Late hieß, uud zwiſchen mehreru unbebeus 
tenden bie beiden Gameliden, nabe bei Miletus, unb bei 
Mycale Die drei Trogilien, nämlich Pſilus, Argenuos und 





-#) B. 4. Kap. 23. 


568 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Sandalios, ferner die freie Juſel Samos [Suſam⸗Adaſi], 
welche 87,000 Schritte 117’; M.], oder nah Iſldorus 
400,000 Schritte [20 M.] im Umfange bat. Nach Ariſto⸗ 
teles bieß fie zuerſt Parthenia, fpäter Dryufa und dann 
Anthemuſa, nach Ariftocritus auch Melamphyllus Und fpäter 
Cypariſſia, nach Andern Parthenoaruſa und Gtephane Auf 
ihr findet man die Flüſſe Imbraſus, Chefius, Ibettes, Die 
Quellen Gigartho und Leucothea, und den Berg Cercetius 
[PIE von Kertlis]. Bei ihe liegen die Inſeln Rbopara⸗ 
Nymphea und Achillea. 

XXXVIII. 1. Rad) ihr folgt in einer Entfernung von 
95,009 Schriften [18° M.} die eben fo berühmte freie Ins 
(el Chios [Stio] mit einer Stadt. Ihre alten Namen find 
nad) Ephorus Aethalia, nad, Metrodorus und Cleobulus 
Chia, entweder von der Nymphe Ehione oder von dem [vies 
fen auf ihr fallenden] Schnee, ferner Macris und Pityuſa. 
Man. findet auf ihe den Berg Vellenäus und. den Chiifchen 
Marmor. Gie hat nad alten Gchriftfiellern einen Umfang 
von 425,000 Schritten [25 M.]; Ifldorus gibt 9000 Schritte 
[His M.] mehr an. Sie liegt zwifcdhen Samos und Lesbus, 
Erpthrä gerade gegenüber. 

"2. Nahe dabei folgen Thallufa , von Andern Daphnuſa 
genaunt, Denuffa (Spalmadori], Euryanaffa, Arginuſa mit 
einer Stadt. Alle diefe Inſeln, fo wie bie fogenannten 
Hifikratifchen, nämlich Anthinä, Myonnefos J[Jalanghi⸗Li⸗ 
man) und Diarrhöufa, von denen die beiden Iehteren jet 
2eine Städte mehr haben, ‚liegen ſchon in der Nähe von 
Epbefus. Berner kommen Porofelene mit einer Stadt, die 
Eerciä, Halone [Aloni], Commone, Flletia, Lepria, Rhesperia, 


Fünftes Buch, 569 


De Procufs, die Bolbulä, die Phand, Priapos, Gpce, Mes 
Iane, Aenare, Siduſa, Pela, Drymuſa, Anhydros, Gcopeloe 
[Rutalil, Syeuſſa, Marathuſſa, Pſile, Perirrhoͤuſa und viele 
unbedentende andere. Werühmt aber iſt die auf dem hohen 
Meere tiegende Inſel Teos mit einer Stadt, welche 71,500 
Scheitte [142/3 M.) von Chios und eben fo weit von Erpthrä 
entfernt ift. 

3. Bei Smyrna liegen die Periſteriden: Garterie, 
Alopece, Elduſa, Bachina, Poſtira, Erommpanefos, Megale; 
vor Troas die Ascanien, die drei Plateen, weiterhin die 
Lamien, die beiden Plitanien, Plate, Scopelos, Getone, 
Arthedon, die Cölä, die Laguſſen und Die Didymen. 

XXXIX. 1. Die beruhmteſte aber iſt Lesbos [Metelino], 
65,000 Schritte [13 M.] van Chios. Fruͤher hieß Nie auch 
Dimerte, Lafla, Pelasygia, Aegira, Methivpe und Macaria, 
uud war durch ihre nenn Städte berühmt. Ban dieſen 
wurde Pyrrha *) vom Meere nerfchlungen, und Arisbe 
sur ein Erdbeben zerſtört; Autiſſa ift jene mit Methymna 
Molipo], weiche an 37,000 Gchritte [7%; M.} von neun 
Geädten Wiens entfernt ift, verbunden. Auch Agamede und 
Hiera [Agia⸗ſia] find zerſtoͤrt; vorhanden find noch Erefos 
[®vefo], Pyrrha [Akerona] und Die freie Stadt Mitylene 
[dafro], welche bereits 1500 Jahre blüht. Die ganze Ins 
fel bat nad) Iſdorus 168,000 Schritte [332/3 M.)], nad 
älteren Schriftftellern 495,000 Schritte [39 M.] im Um⸗ 
fange. 2. Man findet auf ihr die ‚Berge Lepethymnus 





*) Gap, bei dem jegigen Hafen Ealoni. 
€, Plinius Naturgefh. 58 Boͤchn. 7 


570 C. Plinius Naturgeichichte. 


[2eptimo], Ordymnus, Maciflus, Ereon und Olympus. 
Bon der nächſten Küfte ift fie 7,500 Schritte [1 M.] 
entfernt. Bei ihr liegen die Infeln Sandaleon, die Leucd, 
fünf an der Zahl, und darunter Cydonea mit einer heißen 
Duelle. Die Argenufien find 4000 Schritte L*s M.] von 
Aege entfernt; dann folgen Pbellufa und Pedna. Noch 
außerhalb des Hellesponts, der Gigeifchen Küfte gegenüber, 
liegt Tenedus [BokdfiasAdafi], die and Leucophrus , Phö⸗ 
nice und Lyrneſſos genannt wird, und von Lesbos 56,000 
Schritte [11% M.], von Sigeum aber 12,500 Schritte 
f2', M.] entfernt ift. 

AL. (xx). 4. Bier nimmt der SHellespont feinen 
Anfang ; das andrängende Meer durchwühlt mit feinen 
Wogen die Schranke, und trennt fo Uflen von Enropa. 
Das den Hellespont fchließende Vorgebirg haben wir weiter 
oben *) Trapeza [RaE-A bydos] genannt. Sehntaufend Schritte 
[2 M.] von dieſem Tiegt die "Stade Ubndus,**) wo die 
Meerenge nur fieben Stadien [21 Minuten] breit ift. Dann 
folgen die Stadt Percote [Bergas], Lampfacus [Lampſak], 
welches früher Pityuſa hieß, die Colonie Parium ſKema⸗ 
res], welche Homer **H) Wdraftia nannte, bie Stadt 
Priapos [KRaraboa], der Fluß Wefepns [Satatdere], Zelia 
[Kileh] , die Propontis [Mar-di Marmora], wie man die 
Stelle, wo fi bad Meer wieder erweitert, nennt, ber 





*) Rap. 53. 5 4. 
*) Wo jene die Afiatifchen Darbanellen liegen. 
**:%) a, II, 3 35. 





Fünftes Bud. | 571 


Fluß Granicus [Uftwola], der Hafen Artace [Artaköi), wo 
früher eine Stadt fland. 2. Weiterhin kommt eine Infel, 
welche Alexander mit dem feften Lande verband, ‚und auf 
welcher die von den Mileflern erbaute Stadt Cyzicus *) 
liegt , welche früher Urctonnefos, Dolionis und von dem 
über ihr ſich erbebenden Berg Dindyumus auch Dindymis 
genannt wurde, Nicht weit Davon folgen die Städte Placia [Pas 
nermo], Ariacos, Scylace [Siki], binter welchen fidy der 
fogenannte Myſiſche Olympus [Keſchiſch⸗Dagh] binzieht, die 
Gemeinde Olympena, die Blüffe Horifinus [Lartacho]) und 
Rhyndacus [Eubad}, der früher Lycus hieß. Er entipringt 
in dem Sumpfe Artynia bei Mitetopolis, nimmt den Mas 
ceftos und mehrere andere Zlüffe auf, und fcheidet Aſlen 
.von Bithynien. 3. Bithpnien hieß früher Eronia, fpäter 
Sheffalis, dann Maliande und Strymonis. Homer ***) 
nennt die Bewohner diefed Landes Dalizonen, weil fie vom 
Meere umgürtet find. Hier Tag eine ungeheure Gtadt, 
Attuſa genannt; jest findet man zwölf Gemeinden, daruns 
4er Gordinscome [Kioftebe], welche auch Inliopolis Heißt, 
und Dascylos [Estil] an der Küfle, ferner den Fluß Ge⸗ 
bes, im Inneren die Gtadt Helgas, auch Germanicopolis 
und Booscöte genant, fo wie Apamea [Mundania], welche 
jept das Colophoniſche Myrlea heißt, den Fluß Ethelens, 
bei dem fonft Troas endete, und Myſien anfing. 4. Weiter: 


*,) Ruinen bei dem Dorfe Artati. 
”*, Die Sandſchaks Khodawendkiar nnd Bol. 
”%) Xp, I], 856. 


N 7 * 


572 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Hin folgen der Buſen, in welchen ber Fluß Abeanins müns 
pet, die Stadt Bryllion, die Flüſſe Hylas und Cios, nebt 
einer Gtatt gleihen Namens, welche der Gtapıiplap des 
nahe gelegenen Phrygiend war. Sie wurde zwar von ben 
Milefiern erbaut, aber an einem Orte , welcher das Phrys 
giſche Aöcanien hieß; weßhalb Hier die geeignetſte Stelle zw 
ihrer Srwähnung feyn dürfte. 

XLL Phrogien liegt hinter Troas und den vom Vor⸗ 
nebirg Lectum [Baba] bis zum Biuffe Etheleus genannten 
Bölkern; gegen Norden gränzt es an Gabatien, gegen 
Süden an Lycaonien, Pifidien und Mygdonien, gegen Often 
ſtößt es an Eappadocien. Man findet bier fehr berühmte 
Gtädte, und zwar, außer den fon **) erwähnten, Ancyra 
T&nghir], Audria, Gelänä [Iſchekleh), Eologä [Konus!, 
Earina, Evtyaion [Kiutaie], Erländ ſSandakleh], Eonium 
und Midaion. Manche Gchriftfieller behaupsen, die My⸗ 
fer, Bryger und Thyner feyen aus Buropa eingewandert, 
nud hätten den Myſern, Phrygiern und Bithynern ihre 
Namen gegeben. 

' XLI, 14. Hier ſcheint audy am beften von Balatien, **) 
weiches über Phrygien liegt und den größten Theil dieſes 
Landes, fo wie auch feine alte Hauptſtadt Gordium bes 
ſitzt, geſprochen werden zu können. Die Galliſchen Bölker, 
welche dieſen Landſtrich einnahmen, heißen Tolisteboger, 





*) Die Saubſchaks Kutahia und Sultan Oegni. 
+), Kap, 29 und 80, 
”*r, Die Sandſchaks Anguri und Kanghri. 





Hünftes Buch. 573 


Boturer und Ambituer , die, welche fid) in der Gegend von 
Wionien und Paphlagonien niederlichen, Trocmer. Rörd⸗ 
lich und öſtlich zieht fi Eappabscien hin, deſſen frnchts 
barften Theil die Tectofager und die Tentobodiacer im 
Bei genommen haben. 2. Diefes find die Bötterftämme; 
Die Zahl aller Gemeinden und Tetrarchien beläuft ſich auf 
485. Die Geädte find Ancyhra [Huguri] bei den Tectoſa⸗ 
gern, Tavium [Gudarshei] und Peflinus [Bofan] bei den 
Tolistobogern. Außerdem find noch berühmt die Attalenſer, 
die Araſenſer, die Eomenfer, die Dioshieroniten, die Ly⸗ 
ſtrener, die Neapolitaner, Die Deandenſer, die Selencen⸗ 
ſer, die Sebaſtener, die Timoniacenſer und die Thebaſe⸗ 
ner. Galatien berührt auch den Bazirk Cabalia in Pam⸗ 
phylien, das Gebiet der Milher, welche um Baris [96 
Bartıh] wohnen, den Cyllantiſchen und den Orvandiſchen 
Brzirk in Piſidien und den Theil von Lycaonien, welcher 
Obigene beißt. Die Fluͤſſe Galatiens find, außer den ſchon 
erwähnten, *) der Gangarium [Gacaria] und der Gallus 
ſGatipo], von dem die Priefter der Böttermutter [Eybelr] 
ihren Namen erhalten haben. 

ALU 4. Wir kehren num zu der noch übrigen Kür 
ſtenſtrecke zurüd. Bom Gius an folgt im Innern Wie 
thyniens Pruſa |Burfa] am Fuße des Olympus, von Han⸗ 
uibal erbaut; von da nach Nicäa [Yenit] ſind 35,000 Schritte 
(6 M.]: dazwiſchen liegt der See Ascanius [Fsnikl. Dann 
kommen Nicãa am Ende des Ascaniſchen Bufens., wuicdhes 





. 7) Nämlich den Eayfrus, Noyndaeus, Eioe 1, f. w. 


1 


574 | €. Plinius Naturgefchichte. 


früher Olbia hieß, und ejn anderes Pruſa [USEnbi] am 
Berge Hypios. Hier lagen auch Pythopolis, Partheno⸗ 
polis und Coryphanta. 2. An der Küſte folgen die Flüfſe 
Aefins, Bıyazon, Plataneus, Areus, Weferos und Gendos, 
weiber auch Ehrnforrhoas heißt; Das Vorgebirg [Capo 
Fagona], auf welchem forft die Stadt Megarice fand, 
und von der, weil fle wie auf einem Sipfel lag, der Meer» 
bufen den Ramen Graspedites [der gezipfelte] erhielt. Hier 
flanden auch Aſtacus [Dlvadejit], weßhalb der Bufen aud) 
der Uftacenifche beißt, und die Stadt Libyfia [Bebfe], wo 
man nur noch das Grabmal Hannibals findet. In der 
Tiefe des Buſens Liegt die berühmte Bithynifhe Stadt 
Nicomedia [Fsnitmid]. Das Vorgebirg Leucatas [Akrita], 
durch welches , der Aſtaceniſche Buſen gefchloffen wird, ift 
von Nicomedien 37,500 Schritte [7'/: M.] entfernt. Nun 
nähern fidy die Küften wieder einander. und bilden bie zum 
Thrazifhen Bosporus [Straße ron Eonftantinopel] hin eine 
Meerenge. In diefer liegt das freie Chalcedon [Kabiköil, 
62,500 Schritte [12%] von Nicomedien. Es hieß früher 
Proceraſtis, dann Colpuſa und fpater Stadt der Blinden, 
weil feine Erbauer einen fo fchiechten Platz wählten, da 
doch das nur fieben Stadien [21 Minuten] von ihr ent⸗ 
fernte Byzantium ein in jeder Beziehung vortheilhafterer 
Dre war. 3. Sonft findet man nod im Inneren von 
Bithynien Die Eovlonie Apamea, 9 die Agrippenſer, die 
Fuliopoliten und Bithnnion [Boli], die Flüſſe Syrium, 





*), Bon Apamea und Juliopolis war Kap. 40. 5. 3. bie Rebe, 











Fünftes Buch. 378 


Lapſtſas, Pharmacias, Alces, Crinis, Liläus, Scopius und 
Hieras, welcher Bithynien von Galatien ſcheidet. Jenſeits 
Ehalcedon lag Chryſopolis [Scutari) und weiterhin Ni- 
copolis, nah dem jetzt noch der Meerbufen, in weldem 
der Hafen des Amycus Liegt, benannt ifl. Weiter: 
hin folgen das Vorgebirg Naulohum , der Tempel bes 
Neptun zu Eftia [AlgiroJ. 4. Der Bosporus, welder 
bier wieder Aſien von Europa durdy einen 500 Schritte 
Tı2 Minuten] breiten Zwiſchenraum trennt, ift von Chal⸗ 
cedon 412,500 Schritte [2'/ M.] entfernt. Weiterhin kommt 
die Mündung des Bosporus, welche an ber Stelle, wo 
einft Phinopolis lag, 8,750 Schritte [1’ı M.] breit if. 
Die ganze Küfte bewohnen die Thyner, das Innere 
die Bithyner. Hier endet [das eigentlihe] Aflen, und 
man zähle von dem Lyeifchen Meerbufen bis hieher 282 
Völkerſchaften. Die Länge des Hellesponts und der Pros 
pontis bis zu dem, Thraziſchen Bosporus beträgt nad) 
unferer Angabe *) 239,000 Schritte [a7 M.]: Iſidorns 
rechnet von Ehalcedon bis Sigeum 522,500 Schritte [64'/: M.]. 

XLIV. Die Inſeln in der Propontis find: vor Cyzicus 
Elaphonneſus [Marmora], von weltber der Cyziceniſche 
Marmor kommt, und die auch Neuris und Proconnefus 
heißt. Dann folgen Ophiufa [Aphfla] , Ucanthus, Phöbe, 
Scopelos, Porphyrione, Halone mit einer Stadt, Delphacia, 
Dolydora und Artacäon mit einer Stadt. Nicomedien ges 
genüber liegt Demonnefos [Papas Adafl]; ferner jenfeite 


*) 9, 4, Rap. 24. 


576 €. Plinius Naturgeihichte ic. 


Heraclea, Bithynien gegenüber, Thynias [Kirpe], welche 
die Barbaren Bithynia nennen. Berner find anzuführen: 
Autiochia, Besbicos [Kalolygmno], Die der Mündung des 
Ahyndacus gegenüber- legt und einen Umfang von 48,000 
Schritten [3*/5 M.] bat; Eläa, die beiden Rhoduſſä, Ere 
binthodes [Prota], Megale, Chalcitis (Barki] und Bi: 
tyodes. 





Roͤmiſche Profeiker 


in 


d 


neuen Ueberſetzungen. 


Herausgegeben 


von 


"88%. F. Taf el, Profeffor su Tübingen, 
EN». Oſi tander, profeſſor zu Gtuttgart 
und G. Schwab, Deram zu Stuttgart. 


* 





Einhundert ſieben und ſechzigſtes Baͤndchen. 


Te — eseú —— 
Stuttgart, 
Verlag der J. B. Mes! er'ſchen Buchhandlung. 
184%, 


.@a [u ——— 2 . 


Cajus Plinius Secundus 


Naturgeſchichte. 
| ueberſetzt und erläutert 


von 


Dr. Ph. H. Külb, | 


Stadtbibliothekar zu Mainz, 


Sechstes Bänden. 





Stuttgart, 
Berlag der I. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung, 
184% 


RU 2 4 EP —— —⏑4 -_ — 


Plinius Secundus Naturgefchichte, 


Sechstes Bud. 





Ueber die Lage der Länder, ihre Bewohner, 
Meere, Städte, Häfen, Berge, Flüffe, 
die Entfernungen der Orte voneinander, 
und über die Völker, welde noch da 
find, oder da waren. 


[U 2 


Inhalt. 


Kap. I. Der Pontus und die Marpandiner. II. Die Paphla⸗ 
gonen. iñ. Die Cappadocier. IV. Die Themiscyrifche Lands 
ſchaſt und die Bolkeſtäͤmme in derſelben. V. Die Eolifche Lands 
ſchaft und die Stämme ber Achaäer, fo wie die Übrigen Voles⸗ 


Aämme in demſelben Striche. VI. Der Eimmerifche Bosporus, . 


VII, Der Maͤotiſche See und die um benfelben wohnenden Volksſtaͤm⸗ 
me, VIII, Isage Cappadociens]J. 1X. Groß⸗ und KleinsArmenien, 
X, Die Tıüffe Cyrus und Araxes. XI, Albanien, Iberien 


unh bie daran ſtoßen den Bolkeſtaämme. XI. Die Kaukafiſche 


682 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Pforte. XIII. Inſeln im Pontus. XIV, Die Wolksſtämme 
vom Gcythifhen Ozean an. XV. Das Caſpiſche und Hyrcaniſche 
Meer. XVI, Adiabene. xvii. Medien und die Caſpiſche — 
XVIII. Volksſiämme um dad Hyrcaniſche Mer. XIX, Die 
Seythifhen Stämme und ihre Lage vom Öfilichen Meere an. 
xXX. Die Seren. XXL Die Inder, XXI. Der Ganges, 
XXIII. Der Indue. XXIV, Taprobane. XXV, [Die Gedros 
fier und die angrängenden Satrapien). XXVI Schifffahrt nad 
Indien. XXVIL Carmanien. XXVIII. Der Perſiſche und 
der Arabiſche Meerbuſen. XXIV. Die Partherreiche. XXX. Mes 
fopotamien. XXXI. Der Tigris. XXXIL Arabien. XXXIIL 
Der Bufen bes rothen Meeres. XXXIV. Troglobytice. XXXV. 
Aethiepien. XXXVI, Inſeln des Aethioviſchen Meeres. XXXVII. 
Bon den glückſeligen Inſeln. XXXVIII. Vergleichende Maaß⸗ 
beſtimmung ber Erde. XXXIX. Eintheilung der Erbe nad 
Parallelkreiſen und gleichen Schattenlängen, 

Summe ber Stäbte: 1195. 

a der Vortsfläimme: 576. 

der berfihmten Flüſſe: 115. 
der berühmten Berge: 38. 
der Inſeln: 108, 
der verſchwundenen Städte und Volkeſtaͤmme: 95. 
Summe aller Segenfiänbe, Geſchichten u. Bemerkungen: 2214. 


—II 





Quellen. 


[Romiſche): M. Agrippa, M. Varro, Varro von Atace, 
Corn. Nepos, Hyginus, L. Vetus, Mela Pomponius, Domitius 
Eorbulo, Lieinius Mucianus, der Kaiſer Claudius, Arruntius, 
Seboſus, Fabricius Tuscus, x, Livius, Seneca, Nigidius, 


Sremde: Der König Jüba, Hecatäus, Hellanicnd, Damass 
tes, Sudorus, Diekarchns, Bäton, Timofihenes, Patroeles, Des 
mobamas, Glitarchus, Gratofihened , Alexander ber Große, Epho⸗ 
rus, Hivparchus, Pandtius, Callimachus, Artemidorus, Apollo⸗ 
borus, Agathoeles, Polybius, Eumachnd, Timdus aus Sizilien, 





_ Sehstes Bud. 585 


Alexander der Polmhiflor, Iſidorus, Amometus, Metroboruß, 
Poſidonius, Oneſicritus, Nearchus, Megaftbenes, Diognetuß, 
Ariſtoereon, Bion, Dalion, Simonides ber Jangere, Baſilis, 
Zenophon von Lampſacus. 


Bemerkungen über die in dieſem Bude 
von Plinius benüsgten Quellen, *) 


— » Agathoeles aus Babylon wird nur in dem 
Dnellenverzeichniffe zu Diefem Buche genannt; die Stellen, 
an wellhen ihn Plinius benützte, laſſen ſich nicht nachweiſen. 

— Agrippa. Piinius henützt ihn fortwährend bei 
faft allen Maßangaben; fo deſtimmt er nach ihm die Breite 
des Schwarzen Meeres (Kap. 1. $. 3.) und der Gafpifchen 
See (Kap. 15. $. 2.), die Länge der Weſtküſte dieſer See 
(Kap. 15. $. 5.), die Länge und Breite Indiens (Kap. 21. 
S. 2.) und Mediend, Parthiens, Perſiens und Mefopotas 
miend (Kap. 51. S. 11.), die Länge des rothen Meeres 
(Kap. 33. $.4.), die Länge und Breite Aethiopiens (Kap. 35. 
F. 18.), die Größe des mittelländifhen Meeres (Kap. 58. 
6. 2.) und Africa's (Kap. 38. $. 3.). 

* Ulerander, der Große. Durd feinen Feldzug 
nad) Indien wurde diefes Land bekannter (Kap. 21. $. 3.) 
und die ihmbegleitenden Berichterftatter verfaßten eine große 


*) Der Strih (—) vor einem Artikel zeigt an, daß don 
dem Schriftſieller fchon bei einem oder mehreren der früs 


beren Bücher die Nede war. Die Griedhifhen Autoren - 


ſind mit einem Sternchen bezeichnet. 


U, DI Tıı my „- NA) PN 


m 


584 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Reihe von Werken, deren Staubwürdigteit nicht immer ſehr ges 
rühmt wird, und die bis auf wenige Bruchflüde verloren find 
(vgl. G. E. 3. de SainteCroix, Examen ceritique des an- 
ciens historiens d’Alexandre le Grand. Paris. 41804. 4.). Mis 
nius nahm aus fölchen zu Teiner Seit noch vorhandenen Bes 
richten bei der Beſchreibung Perfiens und Mediend (Kap. 46. 
und 17.) mehrere Maßbeſtimmungen, fo wie die Bemerkung 
CGap. 19. 5. 2.), daß das Wafler des Caſpiſchen Meeres 
füß fey. Alexandern feibft werden audy Briefe über feinen In⸗ 
diſchen Feldzug zugelchrieben ; Plinius, derfie einmal (Kap. 21. 
$. 7.) als Beleg einer Behauptung  anführt, fhein®nicdht 
an ihrer Aechtheit zu zweifeln, 

— * Alexander, der Polyhiſtor, ift in diefem Buche 
ebenfalls wohl häufig benützt; die Bemerkungen, weldye ihm 
eutlehnt find, werden aber nicht näher bezeichnet. 

* Amometusß, ein after Ethnograph, über deflen Les 
bensverhältniffe wir nichts Näheres wiffen, und der, um Stoff 
zu feinen geographiſchen Schriften zu fammeln, felbft Reifen 
gemadıt zu haben fcheint (Antigoni Carystii Hist. Mirabil. 
c. 464.); er verfaßte, wie wir in biefem Buche (Kap. 23. 
$. 3.) erfahren, ein Werk über die Attacoren, ein norböfls 
lidy von Indien, wohnendes Volt. Vgl. Aeliani hist. ani- 
mal. XVIL, 6, 

— * Apollodorus, weldhen Plinius hier nit näher 
bezeichnet, iſt Derfeibe, von dem in der Einleitung zum 
vierten Buche (S. 380) die Rede war. Seine Partbifche 
Geſchichte wurde wahrſcheinlich in dieſem Buche haupftſäch⸗ 
lich benützt. 

— *"Urifiocreon, ein nicht näher bekannter Geograph, 


3 








Sechstes Bud). ‚556 


welcher Aethiopien bereiste (Kap. 35. $ 6.), und aus beffen 
Schriften einige Nachrichten Über Aethiopiſche Stämme und 
Städte in diefes Bud (Kap. 35. $. 13.) übergegangen find. 

— Urruntius Aus feinem Werke über den Puni⸗ 
ſchen Krieg fcheinen mehrere Bemerkungen in dem Abſchnitt 
Diefes Buches, weicher ſich mit Africa befchäftigt, entnommen 
zu fon. 


— *Artemidorus. Nach. ſeinen Angaben beftimmt 


Plinius in diefem Buche die Größe des Eafpifchen Meeres 
(Kap. 15. $. 2), die Entfernung zwifchen dem Ganges und 
dem Fundus (Kap. 22. $. 7.), die Länge des rothen Meeres 
(Kar. 33. $. 1.), die Entfernung zwifchen Syene und Meroe 
(Kap. 36. $. 6.) und die Größe des mittelländifchen Mee⸗ 
red (Kap. 38. $. 2.). Auch ift,ihm eine Bemerfüng über 
den WUelanitifhen Meerbufen (Kap. 32. $. 13.) entiehnt. 
Aufidius. Diefem Schriftfleller, welher in dem 
Werzeichniffe der in diefem Buche benüsten Quellen fehlt, 
entnimmt Plinius die Beſtimmung der Größe Armeniens 
(Kap. 10. $. 2.). Da es aber mehrere Autoren dieſes Nas 
mens gibt, fo bleibt es ungewiß, welcher bier gemeint iſt: 
ob Aufidins Baſſus, deffen Geſchichte der Bürgerfriege Plis 


nins fortfegte (pgl. Einleitung, ©. 36), oder der Hiſto⸗ 


rider En. Auftding, welcher zu Cicero’s Zeit lebte und in 
Griechiſcher Spradhe fchrieb (Cic. Tusoul. Quaest. 1. V. o. 38.) 
Wahrſcheinlich ift jedoch die Rede von dem erfteren. 

— 1 Bäton, einer. der Wegmeffer, welche Alexander 
den Großen auf feinen Feldzügen begleiteten, und die Tage⸗ 
reifen des Heeres beftimmien (Athenaeus, 1. X. p. 442). 
Sein Amtsgenoffe war ein gewifler Diognetus, mit welchem 





“ 
584 €. Plinine chte. 

Reihe von Werken, * Pe ‚mehr vorbandenen-„Beftims 
rühme wird, m er, neh Aleranders“ (Zraguos 
gl. 8. €. 5 Rt zu haben ſcheint. Aus dies 
- zus mehrere Maßbeſtimmungen für 
und die falfche Behauptung, daß 
her in Indien der Polarftern zur 









ciens histor 
nius nahır 
richten b 


und 47 "zahre ſichtbar ſey (Rap. 22. 6. 6.). 
(Kap. Brieifher Geograph, deffen Lebenszeit 
füß bar —X —9 cin Werk über Indien in mehreren Bü— 


dire —* 1.1X. p. 390.), und machte eine Reife 
ss aien Rad. 35. $. 6.) , deſſen Größe er nach 
an mongen der einzelnen Orte von einander genau 
ven Oel en achte (vgl. Agatharchides ap. Photium, cod. 250.). 
igIis von Soli in Eilicien, Griechiſcher Hiſtoriker, 
aethiopien, welches er bereiste (Kap. 35. 5. 6.) 
der IM mehr vorhandenes Werk ſchrieb. Ihm find in dies 
Pr Buche die Aufzählung der Aethiopiſchen Gtädte an bei⸗ 
pen on Nitufern und mehrere Bemerkungen über Aethiopiſche 
Samme (Rap. 35. $. 1, 3. 15. 45.) entlehnt. 
— * Callimachus. Die Gtellen, welche aus ihm 
in diefem Buche genommen worden, find nicht näher bezeichnet. 
Elandius, der Kaifer, beſchäftigte ih gern mit der 
Literatur und verfaßte mehrere Werke, von denen Beines auf 
die Nachwelt gekommen ift. Als die bebeutendften nennt mar 
feine Selbſtbiographie in acht Büchern und eine Geſchichte 
Roms in einundvierzig Büchern, welde mit dem Brieden, 
den Auguſtus der Nömifhen Welt gab, begann (dgl. Buc- 
ton. in Claudio cap. 44. 42.). Dieſer Geſchichte vielleicht 
—  Diefem Buche die Beflimmungen der Länge, und 





—— Sechstes Bud. ‚587 
Breite Armeniens (Kap. 10. $. 2.) und der Größe der Land: 


ftredde zwifchen dem Eimmerifchen Bosporus und dem Eafpis 


fen Meer (Kap, 12. 6. 2.), fo wie eine Bemerkung über 


Die Flüſſe Arfanias und Zigrie (Kap 31. $. 3.) entnommen. . 


— * Clitarchus, ein wenig zupverläffiger Hiſtoriker, 
welcher Alexander den Großen auf ſeinen Feldzügen beglei⸗ 
tete. Plinius neunt ihn als Quelle der Behauptung, das 
das Caſpiſche Meer nicht kleiner ſey, als der Pontus 
(Kap. 45, $. 1.), fo wie einiger fabelhaften Nachrichten über 
mehrere Infeln des Wethiopifchen Meeres (Kap. 36. $. 4.) 

&orbulo (Cu. Domitius), ausgezeichneter Nömifcher 


Feldherr, weldyer unter der Regierung der Kaifer Elaudins 
und Nero lebte, und im J. 38 nah Ehr. Eonful war. Er 


erwarb ſich als Heerführer in @ermanien und im Orient 


— 


durch feine Umſicht und Tapferkeit großen Ruhm, und war 
auch als Geſchichtſchreiber ſeiner Feldzüge geachtet. Die 


Gegenden, wo er Krieg führte, wurden von ihm genau be⸗ 
fchrieben, und Situationskarten nah Nom geſchickt (Kap. 15. 
5.6). Aus feinem nit auf bie Nachwelt gekommenen 


— 
- ’ 
. * 


ne 


-.. 
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Werke nahm Plinius viele feiner Nachrichten über Armenien . 


und die angrenzenden Länder (Kap. 8.). 


— Cornelius Nepos Nah ihm wird in diefem 


Buche die Größe der Landfirede zwifhen dem Schwarzen 


— 
. 
. 


und dem Caſpiſchen Meere beftimme (Kap. 12. $. 2.), audy 
eine Bemerkung über die Inſel Gerne mitgetheilt (Kap. 36. :- 


6. 2.). Seine Behauptung, daß die Veneter in Italien von 


den Henetern in Paphlagonien abflammen, findet Plinius 


(Kap. 2. $. 1.), der Überhaupt die Glaubwürdigkeit diefes 
Schriftftellers nie. ſehr rühmt, bedenklich. 


' p 
686 €, Plinius Naturgefchichte. 
er auch gemeinſchaftlich Die nicht mehr vorbandenen-„Beftims 
mungen der Zagmärfche des Heeres Wleranders“ (Zraguos 
ens Alttardgov zogeias) verfaßt zu haben fcheint. Aus dies 
fem Werke fchöpfte Plinius mehrere Maßbeſtimmungen für 
Indien (Kap. 21. $. 6.) und die falfche Behauptung, daß 
in dem Lande der Guarer in Indien der Polarftern nur 
fünfzehn Tage im Jahre fihtbar fen (Kap. 22. 6. 6.). 
»Baſilis, Griechiſcher Geograph, deflen Lebengzeit 
ungewiß iſt, ſchrieb ein Werk über Indien in mehreren Bü⸗ 
chern (Athenaeus 1. IX. p. 390.), und machte eine Reiſe 
durch Wethigpien (Kay. 35. $. 6.), deſſen Größe er nad 
den Entfernungen der einzelnen Orte von einander genau 
zu beftimmen ſuchte (vgl. Agatharchides ap. Photium, cod. 250.). 
*Bion von Soli in Eilicien, Griechifcher Hiftoriker, 
der über Aethiopien, welches ex bereiste (Kap. 55. $. 6.), 
ein nicht mehr vorhandenes Werk fchrieb. Ihm find in dies 
fem Buche die Aufzählung der Aethiopiſchen Städte an beie 
den Nitufern und mehrere Bemerkungen über Aethiopiſche 
Stämme (Ray. 35. $. 1, 3. 15. 15.) entlehnt. 
— * Callimachus. Die Gtellen, weldhe aus ihm 
in diefem Buche genommen worden, find nicht näher bezeichnet. 
Claudius, der Kaifer, beſchäftigte ſich gern mit der 
Literatur und verfaßte mehrere Werke, von denen Beines auf 
Die Nachwelt gekommen ift. Als die bedeutendften nennt man 
feine Gelbfibiographie in acht Büchern und eine Gefchichte 
Roms in einundvierzig Büchern, weldhe mit dem Frieden, 
den Auguflus der Nömifhen Welt gab, begann (vgl. Sue- 
ton. in Claudio cap. 41. 42.). Diefer Geſchichte vielleicht 
find in Diefem Bude die Beflimmungen der Länge, und 








_ Sechstes Bud. 587 
Breite Armeniens (Kap. 10. $. 2.) uud der Größe der Lands 


ſtrecke zwifchen dem Eimmerifchen Bosporus und dem Eafpis 


fhen Meer (Kap. 12. $. 2.), fo wie eine Bemerkung über . 


Die Fläffe Arfanias und Zigrie (Kap 31. $. 3.) entnommen. 

— + Elitarchus, ein wenig zuverläfliger Hiſtoriker, 
welcher Alexauder den Großen auf feinen Feldzügen begleis 
tete. Plinius nennt ihn als Quelle der Behauptung, das 
das Caſpiſche Meer nicht Eleiner fen, als der Pontus 
(Rap. 45, $. 1.), fo wie einiger fabelhaften Nachrichten über 
mehrere Infeln des Wethiopifchhen Meeres (Kap. 36. $. 4.) 


Corbulo (Cu. Domitius), ansgezeichneter Nömifcher r;: 


Feldherr, welcher unter der Regierung der Kaifer Elaudins 


und Nero lebte, und im J. 38 nad) Ehr. Eonful war. Er 


erwarb ſich als Heerführer in Berımanien und im- Orient '. 


t 


durch feine Umſicht und Tapferkeit großen Ruhm, und war : 


auch als Gefchhichhtfchreiber feiner Feldzüge geachtet. Die 
Gegenden, wo er Krieg führte, wurden von ihm genau bes 
fchrieben, und Situationskarten nach Rom geſchickt (Kap. 15. 


9.6). Aus feinem nicht auf die Nachwelt gekommenen ;- 


Werke nahm Plinius viele feiner Nachrichten über Armenien 
und die angrenzenden Ränder (Kap. 8.). 


— Eornelius Nepos. Nah ihm wird in diefem 


— ” 
s . 


L, 


Buche die Größe der Landfirede zwifden dem Schwarzen - 
und dem Caſpiſchen Meere beftimme (Kap. 12. $. 2.), auch 
eine Bemerkung über die Inſel Gerne mitgetheilt (Kap. 36. : - 


$. 2.). Seine Behauptung, daß die Beneter in Italien von 


— 


den Henetern in Paphlagonien abſtammen, findet Plinius 


(Kap. 2. $. 4.), der überhaupt die Glaubwürdigkeit diefes 
Scyriftftellers nie. fehr rühmt, bedenklich. 


576 €. Plinius Naturgeſchichte ic. 


Header, Bithynien gegenüber, Thynias [Kirpe], welche 
die Barbaren Bithynia nennen. Berner find anguführen: 
Untiedia, Besbicos Kalolymno)]), die der Mündung des 
Rhyndacus gegenüber legt und einen Umfang von 18,000 
Schritten [5’/5 M.] hat; Elia, die beiden Rhoduſſa, Ere⸗ 
biuthodes [Prota], Megale, Ehalcitis Barki] und Pi: 
tyodes. 





Roͤmiſche Proſaiker 


in 


J s 


neuen Ueberſetzungen. 


Herausgegeben 


von 


8.2 8. Tafel, Peofefor zu Tübingen, 
ER. v. Dfiander, Proſeſſor zu Stuttgart, 
m G.Schwab, Deran zu Stuttgart. 





Einhundert fieben und ſechzigſtes Bändchen. 


a — — 
Stuttga et, 
Verlag der IB Meg ler'ſchen Buchhandlung. 
1842. 


| Cajus Plinius Secundus 


Naturgeſſchichte. 





ueberſetzt und erläutert 
vom 


Dr. Ph. 9. Rülb, | 


Stadtbibliothekar zu Mainz. 


Sechstes Bändchen. 





Stuttgart, | 
Berlag der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung, 
1842. 


Ninins Secundus Naturgefchichte, 
Schstes Bud. 


Ueber die Lage der Länder, ihre Bewohner, 
Meere, Städte, Häfen, Berge, Zlüffe, 
die Entfernungen der Orte voneinander, 
und über die Völker, welche noch da 
find, oder da waren. j 


Inhalt. 


Kap. I. Der Pontus und die Marpandiner, II Die Paphla⸗ 
zonen. III, Die Gappabocier. IV. Die Themiscyrifhe Lands 
Haft und die Wolksftämme in derſelben. V. Die Coliſche Lands 
haft und bie Stämme ber Acker, fo wie die Übrigen Volks⸗ 
lämme in demfelben Striche. VJ. Der Eimmerifche Bosporus, 
/U. Der Maͤotiſche See und bie um denfelben wohnenden Volksſtaͤm⸗ 
ne, VIII [&age @appabsciens]. 1X. Großs und Klein:Armenien. 
L Die Slſſe Eyrus und Araxes. XI. Albanien, Iberien 
mb Die daran flopenden Volkeſtäͤmme. XI, Die Kankafifche. 


582 €. Plinius Naturgefchichte, 


Pforte AT. Inſeln im Pontus. XIV. Die Wolksſtamme 
vom Gcythifhen Ozean an. XV. Das Eafpifhe und Hyrcanifche 
Meer. XVI, Adiabene. XVII. Medien und die Eafpifche Pforte. 
XVIII. Volksſtämme um dad Hyrcaniſche Meer... XIX. Die 
Seythifhen Stämme und ihre Lage vom öſtlichen Meere am. 
XX. Die Seren. XXI. Die Inder. XXI Der Ganges, 
XXIII. Der Indue. XXIV, Taprobane. XXV, [Die Gebros 
fiee und die angrängenden Satrapien). XXVI. Scifffahrt nach 
Indien. XXVII. Carmanien. XXVUI Der Perfiihe und 
der Arabifche Meerbufen. XXIV. Die Partberreihe. XXX. Mes 
fopotamien. XXXI. Der Tigris. XXXII. Arabien. XXXTL 
Der Bufen des rothen Meered. XXXIV. Troglodytice. XXXV. 
Aethiopien. XXXVJ, Inſeln des Aethioviſchen Meeres. XXXVIL, 
Bon den glücfeligen Infen. XXXVIII. Vergleichende Maaß⸗ 
befiimmung der Erbe. XXXIX. Gintheilung ber Erde nach 
Daralleltreifen und gleichen Schattenlängen. 
Summe ber Stäbte: 1195. 
3 der Volkeſtaͤmme: 576, 

der berſihmten Flüſſe: 115. 
der berühmten Berge: 38. 
der Inſeln: 108. 

s ber verfchwundenen Städte und Wolkäftämme: 95. 
Summealler Segenfiände, Sefchichten u. Bemerkungen: 2214. 


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(Römifhe): M. Agrippa, M. Varro, Barro von Atace, 
Corn. Nepos, Hyginne, 2. Vetus, Mela Pomponius, Domitius 
Corbulo, Licinius Mucianus, der Kaiſer Claudius, Arruntius, 
Seboſus, Fabricius Tuſscus, T. Livius, Seneca, Nigibdius. 


Fremde: Der König Jüba, Hecatäus, Hellanicus, Damass 
tes, Eudoxus, Dikäarchus, Bäton, Timoſihenes, Patroeles, Des 
modamas, Clitarchus, Eratoſthenes, Alexander der Große, Epho⸗ 
rus, Hivparchus, Pandtius, Callimachus, Artemidorus, Apollos | 

*. Ügathocies, Polybins, Cumachus, Timaͤus aus Sizilien, 











_ Sechstes Bud. 685 


Alexander der Polphifor, Iſidorus, Amometus, Metrodorus, 
Poſidonius, Dneficritus, Nearhus, Megaftbenes, Diognetus, 
Ariſtoereon, Bion, Dallon, Gimonibes der Tüngere, Baſilis, 
Zenophon von Lampſacus. 

% 


Bemerkungen über die in diefem Bude 
von Plinius benügten Quellen. *) 


— » Agathoeles aus Babylon wird nur in dem 
Dnellenverzeichniffe zu diefem Buche genannt; die Stellen, 
as welthen ihn Plinius benützte, laſſen ſich nicht nachweiſen. 

— Agrippa. Plinius benägt ihn fortwährend bei 
faft allen Maßangaben; fo beſtimmt er nach ihm die Breite 
des Schwarzen Meeres (Kap. 1. $. 3.) und der Bafpifchen 
See (Kap. 15. $. 2.), die Länge der Weſtküſte dieſer Gee 
Kap. 15. $. 5.), die Länge und Breite Indiens (Kap. 21. 
G. 2.) und Mediend, Parthiend, Perfiens und Mefopotas 
miend (Kay. 51. $. 11.), die Länge des rothen Merres 
(Kap. 33. $.1.), die Länge und Breite Aethiopiens (Kap. 35. 
©. 18.), die Größe des mittelländifhen Meeres (Kap. 38. 
S. 2.) und Africa's (Kap. 38. $. 3.). 

Alexander, der Große. Durch feinen Felding 
nady Indien wurde diefes Land bekannter (Rap. 21. $. 5.) 
und die ihmbegleitenden Berichterftatter verfaßten eine große 


”) Der Strih (—) vor einem Artifel zeigt an, daß don 
dem Schrififieler fchon bei einem ober mehreren der früs 
beren Bücher die Rede war. Die Griechiſchen Autoren - 

ſind mit einem Sternchen bezeichnet. 


584 C. Pinius Naturgeſchichte. 


Reihe von Werten, deren Glaubwürdigkeit nicht immer ſehr ges 
rühmt wird, und die bis auf wenige Bruchſtücke verloren ſind 
(vgl. G. E. J. de SainteCroix, Examen oritique des an- 
ciens historiens d’Alexandre le Grand. Paris. 1804. 4... Wis 
nius nahm aus fälchen zu Teiner Zeit noch vorhandenen Bes 
richten bei der Beſchreibung Perfiens und Mediend (Kap. 16. 
und 47.) mehrere Maßbeſtimmungen, fo wie die Bemerkung 
(Rap. 19. 6. 2.), daß das Wafler des Caſpiſchen Meeres 
füß ſey. Alexandern ſelbſt werden auch Briefe über feinen Ins 
difhen Feldzug zugeſchrieben; Pliniug, derfleeinmallKap. 21. 
$. 7.) als Beleg einer Behauptung anführt, fhein®nicht 
an ihrer Aechtheit zu zweifeln, 

— * Alexander, der Polyhiſtor, if in diefem Buche 
ebenfalls wohl häufig benüst ; die Bemerkungen, welche ihm 
entlehnt find, werden aber nicht näher bezeidmet. 

*Amometus, ein after Eihnograph , Über deffen Les 
bensverhältniffe wir nichts Näheres wiffen, und der, um Stoff 
zu feinen geographifchen Schriften zu fammeln, felbft Reifen 
gemacht zu haben fcheint (Antigoni Carystii Hist. Mirabil. 
0. 464.); er verfaßie, wie wie in dieſem Bude (Kap. 25. 
$. 3.) erfahren, ein Werk über die Attacoren, ein norböfts 
lid) von Indien wohnendes Vol. gl. Aeliani hist. ani- 
mal. XVII, 6. 

— * Apolloborus, weldyen Plinins bier nit näher 
bezeichnet, ift Derfeibe, von dem in der Einleitung zum 
vierten Buche (S. 380) die Rede war. Seine Parthiſche 
Geſchichte wurde wahrſcheinlich in dieſem Buche haupftſäch⸗ 
lich benützt. 

— Ariſtocreon, ein nicht näher bekannter Geograph, 


Sechstes Bud). ‚585 


welcher Yethiopien bereiste (Kap. 55. & 6.), und ans deffen 
Schriften einige Nachrichten über Aethiopiſche Stämme und 
Städte in diefed Bud (Kap. 35. $. 13.) übergegangen find. 

— Arruntius Aus feinem Werke über den Punis 
fdien Krieg Icheinen mehrere Bemerkungen in dem Abſchnitt 
dieſes Buches, welcher fidy mit Africa beſchäftigt, entnommen 
zu fon. 


— * Artemidorud Nach. feinen Angaben beſtimmt 


Plinius in diefem Buche die Größe des Eafpifcdyen Meeres 
(Kap. 15. $. 2), die Entfernung zwifchen dem Ganges und 
dem Fudus (Kap. 22. $. 7.), bie Länge des rothen Meeres 
(Kar. 33. $. 1.), die Entfernung zwifchen Syene und Meroe 


(Kap. 35. $. 6.) und bie Größe des mittelländifchen Mees - 


res (Kap. 38. 9. 2). Auch iſt ihm eine Bemerfung über 
den Aelanitiſchen Meerbufen (Kap. 32. $. 13.) entlehnt. 
Aufidius. Diefem Schriftfieller, welcher in dem 
Verzeichniſſe der in diefem Buche benüsten Quellen fehlt, 
entnimmt Plinius die Beſtimmung der Größe Armeniens 
(Kap. 10. $. 2). Da es aber mehrere Antoren diefes Nas 
mens gibt, fo bleibt es ungewiß, welcher bier gemeint if: 
ob Aufidins Baffus, deffen Geſchichte der Bürgerkriege Plis 


nius fortfegte cpgl. Einleitung, ©. 36), oder der Hiſto⸗ 


rifer Eu. Auſidius, welcher zu Cicero’s Seit lebte und in 


Griechiſcher Sprache ſchrieb (Cio. Tusoul. Quaest. 1. V. o. 38.). 


Wahrſcheinlich ift jedoch die Rede von dem erfteren. 

— * Bäton, eier. der Wegmefler, welche Alerander 
den Großen auf feinen Feldzügen begleiteten, und die Tages 
reifen des Seeres beflimmten CAthenaeus, 1. X. p. 442). 
Sein Amtsgenofie war ein gewifler Diognétus, mit welhem 


‘ 4 
686 C. Plinius Naturgefchichte. 


er auch gemeinſchaftlich die nicht mehr vorhandenen-„Beflims 
mungen der Zagmärfche des Heeres Alexanders“ (Zraguos 
ers Alttaröpov zrogeias) verfaßt zu haben ſcheint. Aus dies 
fem Werke fchöpfte Plinius mehrere Maßbeſtimmungen für 
Indien (Kap. 21. $. 6.) und die falfche Behauptung, daß 
in dem Lande der Guarer in Indien der Polarſtern nur 
fünfzehn Tage im Jahre fihtbar fey (Kap. 22. S. 6.) 
»Baſilis, Griechiſcher Geograph, deffen Lebenszeit 
ungewiß iſt, ſchrieb ein Werk über Indien in mehreren Bü⸗ 
chern (athenneus 1. IX. p. 390.), und machte eine Reife 
durch Wethigpien (Kap. 35. $. 6.), deſſen Größe er nad) 
den Entfernungen der einzelnen Orte von einander genau 
zu beftimmen ſuchte (vgl. Agatharchides ap. Photium, cod. 250.). 
* Bion von Soli in Eilicien, Griechiſcher Hiftoriker, 
der über Aethiopien, weldyes er bereiste (Kap. 35. 6. 6.), 
ein nicht mehr vorhandenes Werk ſchrieb. Ihm find in dies 
fem Bude die Aufzählung der Aethiopiſchen Städte an bei⸗ 
den Nilufern und mehrere Bemerkungen über Aethiopifche 
Stämme (Kap. 35. $. 1, 3. 15. 45.) entlehnt. 
— * Callimachus. Die Gtellen, weldhe aus ihm 
in diefem Buche genommen worden, find nicht näher bezeichnet. 
Claudius, der Kaifer, befchäftigte ſich gern mit der 
Literatur und verfaßte mehrere Werke, von denen eines auf 
die Nachwelt gekommen iſt. Als die bedeutendſten neunt man 
feine Selbſtbiographie in acht Büchern und eine Gefchichte 
Roms in einundvierzig Büchern, weldhe mit dem Frieden, 
den Auguflus der Römiſchen Welt gab, begann (vgl. Sue- 
ton. in Claudio cap. 41. 42.). Diefer Geſchichte vielleicht 
find in diefem Buche die Beſtimmungen ber Länge, und 





- 


—— Sechstes Bud. ‚587 


Breite Armeniend (Kap. 10. $. 2.) und der Größe der Land: 
ſtrecke zwifchen dem Cimmeriſchen Bosporus und dem Eafpis 
fen Meer (Kap. 12. $. 2.), fo wie eine Bemerkung über 


die Flüſſe Arfaniad und Tigris (Kap 31. $. 3.) entnommen. . 


— * Clitarchus, ein wenig zuverläfilger Hiſtoriker, 
welcher Alexander den Großen auf feinen Beldzügen begleis 
tete. Plinius nennt ihn ald Quelle der Behauptung, das 


das Caſpiſche Meer nicht Peiner fey, als der Pontus - 


(Rap. 15, $. 1.), fo wie einiger fabelhaften Nachrichten über 
mehrere Inſeln des Wethiopifchen Meeres (Kap. 36. $. 4.) 


Eorbulo (En. Domitius), amsgezeichneter Nömifcher r 
Zeldherr , welcher unter der Regierung der Kaifer Claudius PR 


und Nero lebte, und im J. 38 nach Ehr. Eonful war. Er 


erwarb fid als. Heerführer in Bermanien und im Drient '. 
durch feine Umficht und Zapferkeit großen Ruhm, und war -- 


auch als Gefchichtfchreiber feiner Feldzüge geachtet. Die 


Gegenden, wo er Krieg führte, wurden von ihm genau bes 
ſchrieben, und Situationskarten nad Rom geſchickt (Kap. 45. 


4 


$. 6). Aus feinem nicht auf die Nachwelt gekommenen 


Werke nahm Plinius viele ſeiner Nachrichten über Armenien 
und die angrenzenden Länder (Kap. 8.). 

— Cornelius Nepos. Nach ihm wird in dieſem 
Buche die Größe der Landſtrecke zwiſchen dem Schwarzen 


und dem Caſpiſchen Meere beſtimmt (Kap. 12. $. 2.), auch 


574 


eine Bemerkung über die Inſel Cerne mitgetheilt (Kap. 36. 
6. 2... Seine Behauptung, daß die Beneter in Italien von; 
Den Henetern in Papblagonien abflammen, findet Plinius . 


(Kap. 2. $. 1.), der überhaupt die Glaubwürdigkeit diefes 
Schriftftellers nie. ſehr rühmt, bedenklich). 


588 C. Plinius Naturgefchichte, 


Dalion, unbekannter Geograph, welcher auf feinen 

Breifen zuerſt weit über Meros hinauskam (Kap. 35. $. 6.), 

and deffen Schriften Plinius mehrere Nachrichten über das 

innere Africa's (Kap. 35. $. 16. 17.) entnahm. Ob der 
uch untefannte Botaniker Dalion (vgl. B. XX. Kap. 73.) 
on diefem Geographen verſchieden ift oder nicht, läßt ſich 
iht beflimmen. J 

— »Damaſtes. Plinius nennt dieſen Hiſtori ker 
nr in dem Schriftſtellerverzeichniſſe zu dieſem Buche, ohne 
ie Stellen, wo er ihn benützte, näher zu bezeichnen. 

« Demodamas, Zeldherr des Königs Eelencus und 
eines Gohnes Autiochns; überfchritt zuerſt den Jaxartes 
nd überzeugte ſich, daß dieſer Fluß von dem, Tanais ver⸗ 

iſchieden fty (vgl. Solin. Polyhiet. &. 49.). Plinius erzähle 
auch (Kap. 18. $. 4.) diefe Thatfache, und fügt hinzu, daß 
er dem Berichte tiefes Demodamas bei der Beſchreibung 
des Landes der Sogdianer folge. Demodamas ſchrieb außer⸗ 
em ein Werk über die Stadt Halicarnaſſus, weßhalb ihn 
anche Demodamas von Halicarnaſſus nennen (Athenaei 
!Deipnosoph. 1. XV. p. 682.). 

— + Dikäarchus. An welchen Gtellen des festen 
Buches die Schriften dieſes Geographen benüpt find, laͤßt 
‚ih nicht nachweiſen, ˖da er nur im Allgemeinen ats Quelle 
"bezeichnet wird. 
| Diognetus, einer der Wegmeller, weldye Alexander 
den Großen auf feinen Keldzügen begleiteten (Kap. 21. 
9.6) ©. Baͤton. . 

" * Dionyfins Plinins nennt öfter zwei:@eographen 
‚diefes Namens. Der Eine, nady feiner Vaterſtadt Dionpfins 


Sechstes Buch. 589 


von Eharar genannt (Kap. 31. 6. 12), fol von Auguſtus 
nach Armenien gefchickt worden feyn, um dieſes Land zu 
unterfucyen (Kap. 34. $. 14). Man legt Diefem gewöhn: 
lich die noch vorhandene metriſche Periegeſis bei, obſchon 
der Verfaſſer derſelben ſelhſt ſagt Av. 708 394.), daß er we 
‚Reifen gemacht habe. Das Lehrgedicht gehört alfo wahr: * 
ſcheinlich einem jüngeren Dionyſius au. Der andere Diond⸗ ie”, 
‚find begleitete Ulerander deu Großen auf feinen Zeldzügen -" * 
and wurde von Ptolemäus Philadelphus nah Indien ge 
ſchikt, um über bie Bewohner diefed Landes Nachrichten zu * 
ſammeln (Kap. 21. $. 3.). Val. die Bemerlungen zu den’; 
Quellen des vierten Buchs, ©. 385, 584. u) 
Domitius Eorbulo © Corbulo. rn 
— * Ephorns von Eumd. Aus einer feiner Schrifter 
nahm Plinius einige Bemerkungen über die Infeln im Ye 
tbiopifchen Meere (Kap. 36. $. 1. 2.). ir 
— Eratoſthenes. Auch in dieſem Buche far 
. eine der am häufigiten benügten Quellen. Plinius entlehn: -- 
ihm die Beſtimmung der Breite des Schwarzen Meere - 
(Kap. 1. 8. 3.), der Größe der Eafpifhen Eee (Kap. 15 
$. 4. Vgl. Strabo, 1. XI. e. 6., wo ſich die von Plinins - . 
erwähnte Stelle erhalten hat), der Länge der Wertküft: 
Borderindiens (Kap. 21. $. 1.), des. Umfangs des Perfiiher . 
Meerbuſens (Kap. 28. $. 1.), der Länge des rothen Mee 
res (Kap. 35. $. 4.) und der ‚Entfernung zwifchen Enen ° 
und Meroe (Kap, 35. $. 6.), fo wie eine Bemerkung übe 
Die Größe der Inſel Taprobane (Kap. 24, $. 2.): Eratoſthe 
nes war.aud) der Erſte, weidher aus der Bröße der Schatten 


» 


590 €. Plinius Naturgefchichte. 


an verfchiedenen Orten den Umfang der Erbe zu berechnen 
verfuchte. 

— * Eudorus wird in Diefem Bude nur einmal 
als Quelle einer Bemerkung über die Inſeln im Aet hiopi⸗ 
fchen Meere (Kap. 56. $. 4.) genannt. 

— * Eunmadnsı wird unter den bei diefem Buche bes 
nügten Quellen genannt ; die einzelnen. Bemerkungen, welche 
ans feinen Schriften gefloffen find, werden aber nicht näher 
bezeichnet. 

— Sabricins Tuscus. Diefer uns unbekannte 
Schriftfteller wird andy in diefem Bude benützt; Plinius 
madyt ihn aber nur in dem Quellenverzeichniffe, und nie 
bei irgend einer befonderen Bemerkung ald Gewährsmann 
namhaſt. 

— * Hanno. Plinius nennt zwar dieſen Reiſenden 
in dem Quellenverzeichuiffe zu dieſem Buche nicht, führt 
aber doch eine Bemerkung von ihm über Die Gorgoneninfeln 
(Kap. 56. $. 4.) an, welde man am Ende ber nody vor⸗ 
handenen Griechiſchen Bearbeitung ſeines Tagebuches findet. 

Hekataäus. Plinius ſcheint in dieſem Buche nicht 
den bekannten Hiſtoriker Hekatäus von Milet, von welchem 
bei dem Quellenverzeichniſſe zum vierten Buche (©. 886) 
die Rede war, ſondern einen andern Hekatäus von Abdara, 
weicher mit Alexauder dem Großen erzogen wurde, oder ihn 
nady Allen begleitete, zu bezeichnen. Denn er uennt ihn 
(Kap. 20. 8. 3.) als Verfaffer eines Buches Über die Hy⸗ 
perboreer (mens cüv Y'zrepßoptan), welches der Scholiaſt des 
Apollonius von Rhodus (LI, 677.) ausdrädlich dem Hetatäns 

a zuſchreibt (vgl. Aclian. XI, 4.). Derfelbe He⸗ 


| ’ 
Sechstes Bud. 594 


Batäus fell auch ein Werk über füdifde Alterthümer (rg: 
"Tovdaley Bıßllev Oder "Iovdalur sarogia, dgl. Origenes contra 
Celsum I. p. 13. Euseb. praepar. evangel. 1, III. p. 259. ed. 
Steph.), fo wie auch eine Schrift über Abraham nud Aegvp⸗ 
ten (Clem. Alex. Strom. 1. V. p. 717. ed. Potter. Diedor. ic. 
L, 47. Pietarch. de Iside et Osiride. Opp. ed. Reiske. T. VII. 
- p. 392.) verfaßt Haben. Die wenigen Bruchſtücke der Werke 


des Hekatäus von Ubdera, welche anf unfere Beitgefommen - 


find, Hat Petr. Sorn (Halae. 1750. 8.) herausgegeben. 
— * Hellanicns ans Mitylene. Er ſteht in dem 


VBerzeichniffe der in dieſem Buche benüsten Quellen; die °° 


ihm entichnten Bemerkungen find aber nicht näher bezeichnet. 
— Hipparchus. Wahrſcheinlich benüste ihn Pli⸗ 


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nins bei aftronomifhen Angaben, obfchon er ihn bei feiner. - - 


befonderen Bemerkung, fondern nur in dem Inhalts verzeich⸗ 
niffe im Allgemeinen als Quelle nennt. 
— Hyginus (E. Julius) wird auch nur im Quellen 


derzeichniffe angeführt... Wie Stellen, bei welchen er benũdt E 


wurde, laffen ſich nicht nachweiſen. 

— * Fridorns von Charax. Er wurde in diefem 
Bude wohl am meiſten bii der Beſchreibung Parthiens 
benũtzt. 

— * 9u ba. Eeine zahlreichen Schriften dienen als 
Hauptquelle bei dieſem Buche, welches uns über einige ders 
felben näheren Aufſchluß gibt. So erfahren wir. (Kap. 26. 
6. 1.), daß er den Bericht des Oneflcritus und des Near⸗ 
chus (dgl. diefe Art.) von der Fahrt der Flotte Aleranders 
des Großen von Indien nad dem Perſliſchen Meerbufen 
abkürzend bearbeitete; daß er ein Werk Über den Kt '"- 


592 C. Plinius Naturgeſchichte. 


des Kaiſers Elaudius nach Arabien ſchrieb (Kap. 31. $. 44.), 
und daß er wmehrere Inſeln (vielleicht Lancerota and Forta⸗ 
ventura) entdeckte, auf welchen er eine Purpurfärberei an- 
legte (Kap. 36. $. 4.). Die erwähnte Bearbeitung des Ber 
richts Des Queſicritus ſcheint, wie wenigſtens bie von Plis 
nius aus ihr mätgetbeilten wenig genauen Angaben vermu⸗ 
then laſſen, ſehr flüchtig und vielleicht uur nach einem un⸗ 
vollſtändigen Exemplar gemacht geweſen zu ſeyn. Bgl. 
P. F. J. Gosselin, Geographie des Gröcs analysee. Paris 1790. 
4. p- 25.). Plinins folgt Juba hauptſaächlich bei der Bes 
fhreibung Arabiens (Kap. 31. $. 14.), befonders an ber 
Küfte des Perfifhen Meerbufeus (Kap. 32. 5. 7. 8.), der 
Weſtküſte des rothen Meeres und Aethiopiens (Kap. 34. 
und 35.); auch entnimmt er ihm die Bemerkungen über den 


Aelanitifhen Meerbufen (Kap. 32. 6. 13.), Über die Stadt 


Charar und ihren Wiedererbauer Paſines (Kap. 51. 5. 13.) 
und über die glüdfeligen Infeln (Kap. 37. $ 2 3.)5 bie 
Beflimmung der Länge der Fahrt auf dem Euphrat von 
Eharar bis nad Babylon (Kap. 30. $. 7.) und des Umfangs 
Arabien (Kap. 32. $. 43.), fo wie endlich die bemerkens⸗ 
werthbe Behauptung, daß man Wfrica umſchiffen könne 
(Kap. 34. $. 6.). > 

— Licinius Mucianusd. Die Stellew, an welden 
Plinius diefen Geſchichtſchreiber benüste, ſind nicht näher 
bezeichnet. 

— Livius (Titus), Der dekannteſte aller Römiſchen 
Geſchichtſcoͤreiber, wird auch in dem Quellenverzeichniſſe 
dieſes Buchts genannt. Wäre nicht ein großer Theil feines 


Sechstes Buch. 695 


Werkes verloren, fo Tieße fi eine Nachweifung der ihm 
entiehnten Stellen verfuchen. 

— + Megaftbenes. Obſchon fi diefer Geograph 
mehrere Jahre in Indien, wohin er von dem’ Syriſchen 
Könige Seleucus Nicator zur Erneuerung des Bündniſſes 
mit dem Beherſcher der Praſier geichickt worden war, aufs 
bielt, fo wollen ihm doch Manche keine große Glaubwür⸗ 
digkeit zugeſtehen. Die Nachrichten, weldhe er in Indien 
an den Höfen mehrerer Fürften fammelte (Kap. 21. ©. 3.) 


legte er in einem nicht mehr vorhandenen Werke, weldes 


Den Titel ’Ivdına führte, nieder. Plinins entlehnt ihm mehr 
rere Bemerkungen über die Inſel Zaprobane (Kap. 24. 
$. 4.) und Die unwahre Behauptung ‚daß an mehreren Ors 
ten Indiens der Polarſtern nur fünfzehn Tage lang im. 
Fahre ſichtbar fey (Kap. 22. $. 6.). 

— Mela Pomponius. Uns feinem nod vorhande⸗ 


nen Werke geht hervor, daß Plinius es fortwährend vor 


Angen hatte. 

— 1 Metrodorns. Plinius benügte auch in tiefem 
Buche deſſen nicht mehr vorhandene Geographie, und viels 
Leicht andy deſſen nicht näher bekanntes Werk über Tigranes 
(zepi Tıygayıv. Schol. ad Apollon. Rhod. IV, 133.). 

Mucianus. ©. Licinins Mucianus. 


*Nearchus von Leite, ein Feldherr Alexauders des 


Sroßen, welder mit defien Zlotte von der Müntung des 
Fundus nadı dem Euphrat geſchickt wurde, um die Küfte 
Derfiens zu unterfahen. Ein Auszug feines Berichts über 


Diele Reife (Kap. 26. $. 1.) bat ſich in Arrian’s Indifcher 


€, Plinind Naturgeſch. 63 Bäche, 2 


\ 


594. C. Plinius Naturgeſchichte. 


Geſchichte erhalten. Plinins benützte ihn (oder vielmehr 
nur einen Anszug Juba's. ©. d. Art.) bei der Befchrei- 
bung von Sarmanien (Kap. 27.), und beflimmt nad) ihm 
die Wegfirede vom Indus bid nad Babylon zur See und 
auf dem Euphrat (Kap. 28. 6. 2.), fo wie auch die Entfer⸗ 
nung von Babylon bis zu dem Perfifchen Meerbuſen auf 
Demfelben Fluſſe (Kap. 30. $. 7.) 

Nepos Eornelind, S. Eornelius Repok. - 

Nigidius Figulus (Yublius), berühmter Nature 
forfcher und Aſtronom des Alterthums, lebte zu Eicero’s 
Zeit, und war Diefem bei der Unterträdung der Verſchwö⸗ 
rung Cetilina’s behülflich. Gellius (Noet. Ati. IV, 9.) nennt 
ihn ten gelehrteften Römer nad) Varro. Er war ein eifriger 
Anhänger der Pythagoreiſchen Philoſophie, und galt als der 
größte Aftrofog‘ feiner Zeit. Dem Anguſtus ſoll er am 
Zage feiner Geburt feine künftige Größe vorausgefagt Has 
ben (Cassius Dio XLV, 1. Sueton. Aug. 24.). Ron feinen 
zahlreichen Schriften („De animalibus,“ of. Macrob. Satarn. 
U, 22. Gell. N. A. VIE, 9. „De extis,“ cf. Gell. XVI, 6. 
„De sphaera Baıbarica et Graecanica,“ „De Auguriie ‚“ „De 
ventis,“ ef. Gell. II, 22. „Commentarii Grammatioi“) ift keine 
auf die Nachwelt getommen. Plinius entiehnt ihm eine 
Bemerkang Über die Dauer des längften Tages unter dem 
fechsten Himmelstreife (Kap. 39. $. 7.). 

— * Dneficritns, Befehlshaber des Admiratichiffe 
der von Nearchus geführten Flotte Wleranders des Großen 
auf der Fahrt vom Indus nad) dem Euphrat, fchrieb eine 
Geſchichte der Feidzüge Aleranderd, aus welcher Juba (vgl. 
DB. Art) bei Gecchichte der erwähnten Reife im Auszuge 





— 


Sechstes Bud). "596° 


bearbeitete (Kap. 26. $. 1... Die Bellimmung der Weg⸗ 
firede vom Indus bis nad) Babylon (Kap. 38. $. 2.) und 
der Entfernung von Babylon. bis zu dem Perfifchen Meer: 
bufen (Kap. 30. $. 7.) find diefem Anszuge entlehnt. 

— t Panätins. Was diefem Philofophen uud Hiftos 
riker in diefem Buche entlehut wurde, möchte ſchwer zu er⸗ 
rathen ſeyn. 

Patro ele s, Schiffführendes Königes Seleuens und 
feines Sohnes Untiochus; machte Unterfuhungsreifen auf 

dem Indiſchen Ocean. Gein Reiſebericht @in welchem er 
ante Nachrichten über den Indiſchen Handel nad) dem Pons 
ns Euxinus vermittelt des Oxus, und über das Eafpifche 
Meer und bie in es mündenden Klüffe mittheilt, wurde im 
Alterthum fehr gefhäpt. Die Nachricht des Plinius (Kap. 21. 
6, 3.) , daB Pasrocled zur See nm Indien herum in das 
Gafpifhe Meer gekommen fey, beruht auf einem Mißver⸗ 
ſtaudniſſe. 

— * Potobius. Die ihm entlehnten Bemerkungen 
über die Inſel Eerne (Kap. 36. 6. 2.) und über die Größe 
des Mitteländiihen Meeres (Kap. 38. $. 4.) finden (ich 
nicht in den noch ganz vorhandenen Büchern ſeiner Geſchichte. 

— Poſidonius, von Apamea. Seine in dieſem 
Bude (Rap. 24. $. 2.) mitgetheilte Anſicht, daß Indien das 
erfte Zand weſtlich von Gallien ſey, iſt um ſo beachtungswer⸗ 
ther, als ſie im fünfzehnten Jahrhundert wieder auftauchte, 
und eine der Urſachen der Entdeckung Amerika's ward. 

Seboſus. S. Statius Sehofus. 

Seneca (2. Annäus). Der Berſuch über ‚Indien, 

2 . ‚2° 


596 €. Plinius Raturgefchichte. 


ans welchem Plinius die Zahl der Flüſſe nud Bolksſtämme 
diefes Landes auführt (Kap. 21. $. 5.), befindet ſich nicht uns 
ter den auf unfere Zeit gekommenen Schriften des bekanuten 
Philoſophen. 

Simonides der Füngere, ein Geograph, von dem wir 
nichts wiſſen, als daß er fich fünf Jahre in Meros anfhielt, 
und ein Wert über Aethiopien ſchrieb (Kap. 35. 6. 6.). 

— Statins Seboſus. Aus den nicht mehr vor⸗ 
handenen Werken dieſes Gengraphen ſchöpfte Plinius feine 
Bemerkungen üger die Entfernung Syene's von Meros 
(Rap. 35. $. 6.), über die Infeln im Wethiopifhen Meere 
(Kap. 36. $. A.) und über die glüdfeligen Juſeln (Kap. 37. 
6. 1). 
—— *Timäns, aus Tauromenium in Sicilien, wurbe 
andy in diefem Bude benützt; die ihm entiehuten Stellen 
find aber nicht näher bezeichnet. 

— * Timofthened, Aus feinen geograpbifchen Schrif⸗ 
ten nahm Plinins Bemerkungen über die frühere Bedent⸗ 
famteit der Stadt Dioscurias (Kap. 5. $. 19, über bie 
Größe des Rothen Meeres (Kap. 33. 6. 1.), über die Ent⸗ 
fernung Enene’s von Meroe (Kap. 35. $. 6.) und über bie 
Inſeln im Wethiopifhen Meere (Kap. 36. $. 1). 

— Barro (M. Terentius). Plinius folgt ihm bei ber 
Beſchreibung des Caſpiſchen Meeres (Kap. 15. $. 3.), und 
entiehnt ihm-eine fehr wichtige Nachricht Über den Waaren⸗ 
srausport aus Indien bis zum Schwarzen Meere (K. 19.8. 2.). 

— Barro (9. Terentius) von Atace. Seine Weltbes 
fyreibung lieferte dem Plinius auch in diefem Bude Nach⸗ 
richten, die aber nicht näher bezeichnet find. 





Sechsſtes Buch. .897 


— Betus C(ucius). Auch in dieſem Buche werben 
die uns unbekannten Werke diefes Schriftſtellers nicht ges 
nannt, ſondern wir erfahren nur, daß ſie benägt wurden. 

* Kenopbon von Bompfacus. Ihm entlehnt Piis 
nins eine Stelle über die Borgomeninfeln (Kap. 36. $. 3.), 
und es wird dadurch wahrfcheinfich, Daß dieſer und unbe⸗ 
kannte Grieche ein Buch geographiſchen Inhalts fdyrieb. 





. Kap. IK). 1. Auch der Pontus Euxinus, *) früher 
feiner ungaftfreundlichen Wildpeit wegen Axenos [der uns 
gaftfreundliche] genannt, dräugt fi durch den auffallenden 


Neid der Natur , welche unaufhörlich der Gier bed Meeres . 


nachgibt, zwifchen Europa und Uflen. Es war dem Ocean 
nicht genug, die Erde umfhlungen und durch Bedeckung eis 
nes Theils derfelben den unbewohnbaren Raum vergrößert 
‚ zu haben; nicht genug, ſich durch zertrümmerte Berge Bahn 
gebrochen, und, nachdem er Galpe, [Gibraltar] von Africa 
Ioßgeriffen, weit größere Strecken, als er unberührt ließ, 
überfiuthet zu haben; nicht genug, durch fein Eindringen 
durch den Hellespont [Straße der Dardanellen], die Pros 
pontis [Meer vou Marmora] gebildet und hier ebenfalls 
Länder verſchlungen zu haben — audy noch von dem Bosporus 
[Straße von Konftantinopel] aus ergießt er ſich unerfättlich 





*) Wörtih: das gafffreundblihe Meer (jebt das 
Schwarze Meer): ungaflfreundiih hieß es wohl 
wegen ber Wildheit der es vor den Griechifchen Eolonien 
umwohnenden ogrtariſchen Ber. 


598° €, Plinius Naturgeſchichte. 


in’ ein anderes ungehenres Waſſerbecken [dad Schwarze 
. Meer], bis der Mäotifhe See [das Azoſ'ſche Meer] feinen 

Raub mit dem immer weiter um ſich greifenden vereinigt. 
2. Daß Diefes mur mit Widerfireben des Feſtlandes geidyab, 
beweifen.die zahlreichen Meerengen und die fo Bleinen Trens 
nungen bes widerflchenden natürlichen AZufammenbanges. 
Sso ift der Hellespont nur 875 Schritte [21 Minuten] breit, 
und über die beiden Bosporen [Straßen von Konflantinopel 
und Kaffa] können fogar Ochſen fchwimmend kommen; wos 
ber fie aud) beide ihren Namen *) haben. Ueberdieß beſteht 
trog der Trennung immer hod) eine innige Verwandtfchaft z 
denn man hört auf jeder Geite von, der anderen berüber 
den Gefaug der Vögel und das Gebell der Hunde, ja fogar 
die Laute der menſchlichen Stimme, und die Unterhaltung 
kann alfo > fo lange fie nicht der Wind verweht, zwifchen 
* beiden Welttheilen ununterbrodyen fortdanern. 3. Die Breite 
des Pontus vom Bosporus bis zum Mäotifhen See beſtimm⸗ 
ten Manche auf 4,438,600 Schritte [287 M,); Eras 
tofthenes nimmt 400,000 Schritte [20 M.] weniger an, nnd 
Agrippa zählt von Chalcedon [Kaditöi] bis zu dem Phafls 
IFax] 1,000,000 Schritte [200 M.] und von da bis zu 
dem Eimmerifhen Bosporus [Gtraße von Kaffa] 360,000 
Schritte [72 M.J. Wir wollen im Allgemeinen die Ents 
fernungen angeben, wie fle in unferer Zeit, als felbft au der 
Cimmerifhen Meerenge Krieg geführt wurde ,**) bekannt 





* Bon Roüg (Gtier) und wopos (Üebergang) : Gtierfurt. 

ee) In Folge des Krieges gegen Mithridbates kam das. Bobs 
voraniſche Reich unter, bie Kerrfhaft ber Römer, und 
Diefe beſetzten Phanagoria, die bedeutendſte Stadt anf ber 








— 
— 


Be EEE 2. SEE DEE 58 


Schstes Bud. 599 


.geroorden find. — Bon der Mündung bes [CThraciſchen] 


Bosporus an folgen der Fluß Rhebas [RHeba], den Mandye 
auch Rheſus nennen, fodbann der Billie, der Hafen Calpas 


‘ [Bufadsje] , der zu den berühmten Strömen gehörende Gas 


garis [Gafarja], welcher in Phrygien entipringt, große 
Blüffe, darunter den TZembrogius [Koismir] und den Gallus 
[Gatipo], aufnimmt und gewöhnlich auch Sangarius ge⸗ 


naunt wird. Hinter ihm beginnt der Mariandyniſche Bus 


fen [Solf von Sakarja] mit der Stadt Heradlea [Erekli], 
welche am Fluſſe Lycus liegt und 200,000 Schritte [a0 M.] 
von der Mündung des Pontus [Straße von Konflantinopel] 
entfernt if. Daun folgen der Hafen Ucone, berüchtigt durd) 
das Vconitifhe Gift, ) die Achernſiſche ‚Höhle, **) die 
Flüſſe Pädopides, Eallidhorus und Gonautes, tie Stadt 
Zium [Tilios], 38,000 Schritte [7%; M.] yon Heraclea, und 
der Fluß Billis [Falios]. 

U (u). 1. Jenſeits deſſelben wohnt das Paphlagoniſche 
Bolk, 94%, welches bei Manchen auch das Pylämeniſche 


‚beißt, and rückwärts von Galatien eingeſchloſſen iſt. Hier 


findet man die von den Mileflern-erbaute Start Maſtya und 
weiterhin Cromna, in’ defien Nähe Nepos Eovrnelius die 


Heneter ſetzt, von Denen, wie er und glauben machen will, 


Die namensverwandten Veneter in Italien abftammen follen. 


Aftetifhen Seite des Cimmerifhen Bosporus. Appian. 
Mithridat. c. rag Strabo vu, a. 

9 Bel. 8. XXVII. 

**, Yuf dem — 28 sei Heraclea, Man beirachtete fie 
ald Eingang zur Unterwelt, Bgl. Pomponius Mela I, 19. 

“++, In den heutigen Sandſchaks Kaſtamuni und Boli. 


dd 


600 C. Plinius Naturgefchichte. 


3. Dann folgen die Stadt Seſamum, welche jebt Amaſtris 
[Umaffra] beißt, der Berg Eytorus [Kydros], 63,000 Schritte 
[12% M.] von Tium, die Gtädte Eimolis (Kinoli] und 
Stephane [Fftifani], der Fluß Parthenius [Partine], und 
das VBorgebirg Carambis [Kerempe], welches ungeheuer 
weit in das Meer Hervorfpriugt und von der Mündung des 
Dontus 325,000 Schritte [65 M.], oder, wie Audere wollen, 
350,000 Schritte [70 M.] und eben fo weit, oder, wie 
Mandye behanpten, 312,500 Schritte [62% M.] von der 
Simmerifhen Meerenge entfernt if. Hier Tag früher aud) 
eine Stadt, welche denfelben Namen [Earambis] führte, 
und weiterhin eine andere, welche" Armene hieß; *) jetzt 
findet man dafelbft die Eolonie Sinope [Sinob], 164,000 
Schritte [32% M.] von [dem Berge) Eytorus. Dann fol⸗ 
gen der Fluß Evarchum, das Bolt der Eappabocier, Bie 
Städte Baziura [Turkal] und Sazelum [Affin], der Fluß 
Halys [Kizit Irmak], der von dem Buße des Taurus durch 
Sataonien und Bappadocien herfirömt, die Gtädte Gangre 
[Kiantri], Caruſa nnd das freie Amifus ſGamſun], 130,000 
Stritte [26 M.] von Sinöpe. 3. Hier zieht ſich ein gleich⸗ 
namiger Bufen **) fo tief in das Land hinein, daß er Kleine 
ofien faft zur Fufel macht, und der Weg von ihm quer über 
‚ das Beflland bie zu dem Iſſiſchen Bufen [Golf von Stan» 
deräan] in Eilicien nur 200,000 Schritte [40 M.] oder etwas 
mehr ***) beträgt. In dieſem gauzen Gtride foll man nur 





*) An der Stelle von Armene liegt jegt At liman. 
**) Der Amifenifne, jegt Golf von Gamfun. 
*), Die Entfernung beträgt wenigfiens 60 M. 








Sechstes Buch. 604 


drei wirklich Griechiſche Stämme finden, nämlidy den Doris 
ſchen, den Joniſchen und den Aeoliſchen; alle übrigen follen 

- Barbarifche feygn. Mit Amifus hing die Stadt Enpatoria 
zufammen, welche von Mithridates erbaut wurde;, nach der 
Beflegung deffelben erhielten beide Etädte deu Namen Poms 
pejopolis. 

AUl (ni). 4. Im Inneren von Cappadocien findet man 
Archelais [Akferaj], eine Eolonie des Kaiſers Elaudius, an 
weicher der Halys vorüberfirömt,, die Städte Comana [CI 
Boftan] am Sarus [Geihhan], Nevcäfaren [Rikfara] am 
Lyeus [Knlay- Diffar) und Amaſia *) am Iris ſ(Kaſal⸗mak)] 
in dem Gazaceniſchen Bezirke; in dem Kolopenifthen, Ges 
biete aber Sebaſtia ISiwas] und Gebaftopnlis Frifiejir}, 


Peine Städte, die jedoch den oben genannten gleich, Powmen, 


und in dem übrigen Theile des Landes das von der Gemis 
ramis erbaute Melita [Malatya] nis weit vom Enphrat, 
Divcäfarea, Tyana [Nikdeh], Eaflabata [Dfiakel], Magno⸗ 
polis [ISchekineh], Zela [Biel] und an dem Berge Argaͤus 
[Ardsiifh} Mazaca, welches jept Eäfaren [Kaiſarieb] ger 
nannt wird. 2. Der Theil Cappadociens, welcher fi an 
Großarmenien Hinziceht, Heißt Melitene ; der an Eommagene, 


Eataonien; der an Phrogien, Garfanritis, SGargaranfene 
und Eammanene; und der an Balatien Morimene. Hier 


bildet der Fluß Eappador, von welchem die Gingeborenen, 


welche früher Lencofprer hießen, ihren Namen erhielten, die 


Grenze; zwiſchen dem obengenannten Neocäfarea und Kieins 
armenien aber der Bluß Lycus. Im Inneren ift woch der 





2) Diefe Stadt führt noch ihren alten Namen, 





602 C. Plinius Naturgefchichte. 


Eerannns zu bemerken; an der Küfte aber folgen von Amis 
fus an Stadt und Fluß Ehadifla, Lycaſtum und weiterhin 
das Themiscyreniſche Gebiet [Dfianik]. 

IV. 4. Hier mündet auch der Fluß Iris, welcher den 
Lycus aufnimmt. Im Juneren liegt die Stadt Biela [Ris 
eh], berühmt durch die Niederlage des Triarius [67 v. C.] 
und’ den Sieg des G. Eäfar [a7 dv. E.]; *) an der Küfte der 
Fluß Thermodon [Termeh], der bei dem Kaftell, welches 
Dhanarda heißt, entipringt, uud an dem Fuße des Amazonis 
ſchen Gebirge heritrömt. Hier lag früher auch eine gleich⸗ 
namige Stadt, **) nebit fünf andern Städten, nämlich Amar 
zonium, Themischra, Gotira, Amafle, Eomana [®umenit] : 
jest findet man nur noch Manteium. ***) ' 

(m). 2. Dann folgen die Stämme der Geneter und Chaly⸗ 
ber, die Stadt Eotyorum [Drdu] , die Stämme der Tibarener, 
der Mofyner , welche ihre Körper mit Zeichen bemalen, der 
Stamm der Macrocephaler, die Stadt Ceraſus [Kerefün], 
der Hafen Chordule [Bojuk⸗Liman], die Stämme der Ber 
hiren und Buzerer, der Fluß Melas, der Stamm der Mar 
eronen, [die Landfchaft] Gidene und der Fluß Gidenus, ber 
die Stadt Polemoninm [Batfa] , welche 420,000 Soritte 





®) Bal. Appian. Mithrid. c. 89, Cassius Dio XXXV, 12, 
XLII 1067. 
x 9%) XTheruf@bon, von welder aber eein anderer Schriftſteller ſpricht. 
“.., Andere ziehen Manteium zu Comana , ald habe zur Zeit 
bes Plinius Comana biefen Namen geführt. Manche vers 
ftehen unter Manteium nur ein Orakel (uarreior). Uns 
fere Ueberſetzung fcheint dem Sprachgebrauche bed Plinius 
am augemeffenften zu ſeyn. 


— 





* 


Sechstes Bud. 605 


[24 M.] von Amifus entfernt ift, befpält. 3. Weiterhin - 
tommen die Flüfſe Jafonins und Melanthius, die Stadt 
Pharnacea , 80,000 Schritte [16 M.] von Amifus, Kaftell 
und Fluß Zripolis [Tereboli], deßgleichen *) Philocaläa 
[Ewloi), Liviopolis ohne Fluß, ferner 100,000 Schritte 
[20 M.] von Pharnacea, dad von einem ungeheuern Berge 
eingefhloffene freie Trapezus [Trabeſun], hinter diefem dee 
Stamm'der Armenochalyber, weicher 50,000 Schritte [6 M.] 
von Großarmenien entfernt ifl, vor Zrapezus aber an der 
Küfte der Fluß Pyxites, jenſeits deffelben der Stamm ber 
Heniochiſchen Sannier und der. Fluß Abſarus, mit einem 
gleihhnamigen Kaftelle [Gunieh] an feiner Mündung, 440,000 
Schritte [28 M.] von Trapezus. 4. In diefer Gegend im 
Rücken der Berge liegt Iberien [Gruflen]; an der Küfte 
aber findet man die Heniocher, die Ampreuten, die Lager, 
Die Flüſſe Acampfis [Bfcharäf], Is, Mogrus und Bathys 
[Batumi], die Colchiſchen Stämme, die Stadt Matium, den 
Fluß Heracleum, das gleichnamige Vorgebirg und den Pha⸗ 
fid [Bar], den berühmteften Fluß in Pontus. Er eutſpringt 
im Gebiete der Mofcher [Imerethi] und kann 38,500 Schritte 
[7’ıo M.] weit mit großen Schiffen, mit kleineren aber 


nody viel weiter aufwärts befahren werden. Ueber ihn füh⸗ 


zen 120 Brüden. 5. An feinen Ufern: biübten fonft mehs 
rere Städte, worunter Tyndaris, Eircäunt, Cyguus und das 
an feiner Mündung liegende Phafis [Yoti] die merkwürdig⸗ 
ften waren; am meiften berühmt war aber Aea, 15,000 Schritte 
[3 M.] vom Meere, an der Gtelle, wo die großen Slüffe 





*) Kaſtell und Flug, \ 


604 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Hippos [Tzcheniſtzquali] und Eyaneos in ihn fallen; jest 
findet man nur noch Surium [Asmuletij], welches von einem 
bier mändenden Nebenfinffe feinen Namen erhalten hat, und 
bis wohin, wie wir gefagt haben‘, der Phaſis große Schiffe 
trägt. Anch noch andere Flüſſe nimmt er anf, die durch 
ihre Größe und Zahl Bewunderung erregen, darunter den 
Glaucus [Rioni]: an feiner Mündung [liegen] mehrere nas 
mentofe Inſeln, *%) welche 70,000 Schritte [ia M.] von 
Abſarus entfernt find. 6. Weiterhin folgen der Fluß Cha⸗ 
rien [Mecu:Enguri], der Stamm der Salen, von den Alten 
Phthirophagen [Länfefreffer] genannt, und die Suaner, *) 
der Fluß Cobus [Tſchani], welcher vom Eaucafus her durch 
das Gebiet der Guaner fließt, ferner der .Rhoas, die Lands 
{daft Eerectice LLetſchgumi], die Flüſſe Singames [Langur], 
Zarfuras [Ozeild] , Aſtelephas [Mokoi], Chryſorrhoas, der 
Stamm der Abſiler, das Kaftell Bebaftopolis [Eoghumtata], 
400.000 Schritte [20 M.] vom Phaſis, der Stamm der Sans 
nigen, die Stadt Eyguns, Fluß und Stadt Penius und for 
dann die Stämme der Heniocher unter vielerlei Namen. 
vr. 1. Daran flößt die Pontiſche Landfchaft Eolica, 
in welder die Kette des Caucaſus ſich, wie fchon gefagt 
wurde, ***), nad) den Riphäifchen Bergen hinwendet, und 
fi auf der einen Geite nad dem Pontus Eurinus und dem 
Mäotifhhen See, auf der andern aber nady dem Caſpiſchen 





e) Jetzt die Safaneninfeln. 
25) Moch jegt führt dieſer in Imerethi und in einem Theile _ 
bed Eaucafus wohnende Boltstamm feinen alten Ramen. 

es.) B. IV. Kap. 27, 


Sechstes Bud. 608 


und Hyrcaniſchen Meere bin abdacht. Die übrigen Küſten⸗ 
fireden bewohnen wilde Bölker, wie die Melauchläner 
ſSchwarzröcke] und die Eorarer mit ber Colchiſchen Stadt 
Dioscurias [Fsgaur] an dem Fluſſe Anthemus [Marmari], 
die jest verödet ift, früher aber fo berühmt mar, daß, wie 
Zimoflhenes angibt, bier 360 Stämme mit verfchiedenen 
Sprachen ihren Bereinigungspunkt hatten 5 auch noch fpäter 
wurden unfere Geſchäfte dafelbft von 4130 Dolmetichern bes 
forgt. 2. Manche glauben, fie fey von Amphitns und Tel⸗ 


bins, den Wagenlentern des Eaflor und Pollur, von wel⸗ 


hen auch, wie man mit ziemlicher Bewißheit annehmen 
Tann, das Volk der Heniocher [Pferdeienter) abflammt, ers 
baut worden. Nach Dioscurias folgen die Stadt Heracleum, 
welche 70,000 Schritte [14 M.] von Sebaftopolis entfernt: 
it, die Achder [Awchaſen], Pie Marder, die Eerceten 
[Tſcherkeſſen], hinter diefen Die Gerrer und die Eephalotos 


mer [Kopfabfchneider]. Die überaus reihe Stadt Pityus 


[Pitfchinda] in dem Inneren diefes Landftriches wurde von - 
den Heniodyern geplündert. Im Rüden derfelben in der 
Bergketie des Eaucafus wohnen die Epageriten, ein Volks⸗ 
flamm der Sarmaten, und hinter diefem *) die Gauromaten. 
3. Zu dieſen hatte ſich Mithridates »e) ‘zur Seit des Kaifers 
Claudius geflüchtet, und erzählte [nady feiner Surüdkunft], 
daß an-fie die Thaller ***) fließen und bis zur Mündung t) 





- \ 
*, In dem nordöftlihen Xheile von Grufien. 
»*, Gin König von Iberien. Vgl. Tacitus, Jahre. VI, 32. 
=, In dem heutigen Aftrakhan. 
+ Die Alten dachten fich bie Eafpifche See ald einen großen 
Bufen des Nordmeeres, Bol. unten Kap. 15. 


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"606 €. Plinius Naturgefchichte. 


des Caſpiſchen Meeres, welche zur Zeit der Ebbe trocken 
ſey, wohnten. An der Küfte [des Pontus Enrinns] folgen 
neben den Gerceten der Fluß Icaruſa [Utrady], fammt der 
Stadt und dem Fluß Hieros [Stadt Sudfchußfale und Fluß 
Zemes] , 136 000 Schritte [27% M.] von Heraclenm, weis 
terhin das Vorgebirg Crunoe, deſſen fteile Kuppe die Tor 
reuten bewohnen, die Sindifche Gemeinde, 67,508 Schritte 
[1392. M.] von Hieros, und der Fluß Setheriet. 

(rı). Bon bier bis zur @infahrt des Cimmeriſchen 
Bosporus find 88500. Schritte [17*0/, M.]. 
VI. Die zwiſchen dem Pontus Euxinus und dem Mäos 
tiſchen See hervorfpringende Halbinſel ſelbſt ift nicht länger 
als 67,500 Schritte [131:M.] nnd ihre Breite beträgt nir⸗ 
gends weniger ald zwei Jucharte. Gie führt den Namen 
Eion [imutarakan]. Die Küfte des Bosporus felbft Erümmt 
fidy von beiden Seiten, von Europa und Aflen her, nad 
dem Mäotifhen See. Man findet hier die Städte Hermo⸗ 
naſſa, fogleidy an der Einfahrt des Bosporus, dann die Mi⸗ 
leſiſche Stadt Eepi, weiterhin Stratoflia, Phanagoris [Ta- 
man], das faft menſchenleere Ayaturos und am Ende der 
Meerenge Eimmerlium ,*) weldyes früher Gerberion hieß. 

(vi). Dann folgt der Mäotiſche See, von dem fchon 
bei Europa die Rede war. **) 

vl, 1. Bon Eimmerium an wohnen die Mäotiker,, Die 





*) "Drei Meilen weſtlich von der nörblihen Mündung des 
Kuban in ben Fiman ; von Temruk aus fieht man noch auf 
dem Hligel Tisſsdar die Ruinen be alten Eimmerium. 

») 8. 1V, Sap, 24. 





Sechsſtes Bud. . 607 


Baler, die Gerber, die Arrecher, die Zinger , die Pfeller *) 
and dann an dem durch eine doppelte Mündung in den See 
fallenden Tanais [Don] die Sarmaten, angeblich Abkömm⸗ 
linge der Meder und in viele Stämme zerfallend. Snerft 
fommen die Sauromaten, welde die Opnäcocratumenifchen 
[von Weibern übermwältigten] heißen, weil die Amazonen 
fie zur Begattung zwangen; **) dann die Evazen, die Cot⸗ 
ten, die Cicimener, die Meffenianer, die Coſtoboccer, die 
Ehoatren, die Zigen, die Dandarer, Die ZTuffageten, "die 
Zurcen [Türken] bis zu den durch walbbebedte Schluchten 
unmegfamen Einöden, und hinter diefen die Arimphäer, welche 
bis zu den Niphäifhen Bergen reihen. Den Tanais ſelbſt 
nennen die Schthen Silis, Den Maͤotiſchen Gee Temerins, 


vas ſo viel heißen ſoll als „Mutter des Meeres.“ Under 


Mündung des Tauagis lag au eine Stadt." Die Ums 
egend befaßen zuerft die Earer, dann die Clazomenier und 
Räonen, und nad) diefen die Panticapeer. 

2. Manche fesen um den Mäotiihen See bis zu den 
ergunifchhen Bergen bin folgende Völker: an bie Küfte 


imlich Die Napiten, über diefelde auf die Berghöhben die _ 


3 zu den Colchern reichenden Effedonen, dann die Carma⸗ 
1, die Oraner, die Autacen, die Mazacen , die Bantocaps 
1, Die digamathen, die Picer , Die Rhymozoler, die Asco⸗ 
rfer, und nad) der Caucafustetfe hin die Fcataten, die 





*) Alle dieſe Volksſtaͤmme wohnten an ber Oſtküſte bes 
Azof'ſchen Meeres. 


) Wal. Peripl. Ponti Eux. p. 1. Dionysii Perieg. v. 656. 


J_ Wahrſch einlich an der Steue, wo jetzt Azof liegt. 


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608 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Imaducher, die Ramer, die Anclacen, die Tydier, die Cara⸗ 
ſtafſeer, die Authianden; an den von den Catheiſchen Ber⸗ 
gen herabfommenden Fluß Lagons, in welchen der Opharus 
fältt, die Stämme der Eancaden und Ophariten; an die in 
den Eiffifchen Bergen eutfpringenden Flüffe Menotharus und. 
Imithys die Acdeer, die Sarnen, die Uscardeer, die Acciſer, 
die Babrer, die Bogarer , und um die Quelle des Imitys 
die Imityer und die Aparthener. *) 3. Andere behaupten, 
hier ſeyen die Scythiſchen Stämme der Aucheten, Atarneer 
und Ufampaten hereingebrochen, und bie Tanaiten und die 
Inapäer von ihnen Mann für Mann vertilgt worden. 
Manche jagen, der Fluß Ocharind komme durch das Gebiet 
der Eautecer und Gapeer; der Tanais aber habe das Land 
der Phatareer, Herticeer, Spondolicer, Syuhieten, Amaffer, 
fer, Eatazeter, Tagorer, Catoner, Meriper, Agandeer, 
Mandareer, Satarcheer und Gpalcer durchſtrömt. *) 

VII ((vin). Wir find nun mit ber inneren Küſte und 
allen ihren Bewohnern zu Ende, und gehen zu den-großen 
mitten im Lande liegenden Gtreden über, wobei ich Eeines« 
wegs in Abrede ftelle, daß ich Vieles anders, als ältere 
Schriftſteller behandeln werde, indem id) bei Gelegenheit 


*) Alle diefe Wölkerfiämme wohnten wahrfcheintich zwifchen 
dem Azoffchen und dem Eafpifchen Meere. 

»e) Ueber die in biefem Kapitel vorkommenden Barbarifchen 
Namen, welche zugleich in ben KHandfchriften auf mans 
cherlei MWeife entfiellt find, Wermuthungen zu wagen, 
wäre die undankbarſte Mühe. Vielleicht finden fid unter 
ben angeführten Tlüffen die Wolga und der Jaib. 


\ 





Schstes Buch. 609 
als Domitins Eorbulg *) die Staatsangelegenheiten in 


Diefer Gegend leitete, und Könige als Snabdefithende oder 
Kinder der Könige als Geifeln von dorther geſchickt wurden, - 


mit Angftliher Sorgfalt Nachforfhungen anftelite Wir 


wollen mit dem Bolke der Cappadocier beginnen. Bon ale - 


len Pontiſchen Bölkern erftredt ſich dieſes am weiteflem 
nach dem Inneren, zieht ſich auf feiner linken löſtlichen)] 
Seite an Klein» und Großarmenien, fo mie an Commagene, 
auf feiner rechten ſweſtlichen] aber an allen fchon genannten 
[Hein:) Aſtatiſchen Bolksſtämmen hin, und dehnt fid [füde 
lich] über zahlreihe Nationen aus, indem es fid) auf ein⸗ 
mal mit Macht gegen Aufgang der Sonne und die Taurus⸗ 
‚ 2ette erhebt, an Lycaonien, Pifldien und Eilicien hinläuff, 


Die Gegend von Antiochien berührt und mit feinem Landes⸗ 


theile, welcher Cataonia heißt, bis zu dem Cyrrheſtiſchen 
Bezirke in Antiochien reicht. **) Hier hat demnad, Aflem 
eine Länge von 1,230.000 Schritten [250 'M.] und eine 
Breite von 640,000 Schritten [1238 M.]. 
IX (1x). Großarmenien ***) aber, welches an den Pas 
egadrifhen Bergen [Agatſch-Baſchi] beginnt, wird (wie 
*) Mol. die Borbemertungen Über die in biefem Buche 
benügten Quellen. 
”o, Cappadocien begreift die heutigen Sandſchaks Akſerai, 
Nikde, Kirkfcheer, Kaifariceh und Bofut in fi. 
=, Großarmenien beftand -aus den jegigen Ejalets Tſchaldir, 
Kars, Erſerum, Wan und Diarbekr, einem Theil der 
Ruſſiſchen Provinz Gruſien und der Perſiſchen Provinz 
Irak Adſchemi. 


C. Plinius Naturgeſch. 68 Boͤchn. J 3 





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610 E. Plinius Naturgeſchichte. 


ſchon) geſagt wurde). durch den Fluß Euphrates [rat] 

von Cappadocien, und wo dieſer eine andere [weſtliche] Rich 
imnug nimmt, durch den nicht minder berühmten Fluß Tigris 

(Tigr] von Mefopotamyien getrennt. : Beiden gibt es den 
Urſprung und bildet den Anfang Mefopotamiens, welches 
ſich dann zwiſchen den beiden Flüſſen weiter fortzicht. Den 
hier liegenden Landftridh bewohnen die Dreifdyen Araber. ) 
So zieht ſich feine Grenze bis nach Adiabene hin, von dem 
es durch auer vor ihm liegende DBergrüden [Nimroddagh] 
abgeſchloſſen ift, und dehnt ſich links [nördlich) Über den 
Araxes [Arraſch] Hin bis zum Fluſſe Cyrus ſKhur] in bie 
Breite, in die Länge aber bie nady Kleinarmenirn hin, von 
welchem ed durch den in den Pontus fallenden Fluß Abfa- 
zus +) und die Paryadrifchen Berge, in welchen der Abfas 
zus entfpringt, geſchieden wird, 

X. 1. Der Cyrus [Khur] entfpringt anf den Heniochi⸗ 
ſchen Bergen [Auhileh], welche Andere die Coracifchen 
nennen, dev Araxes [Arraſch] aber auf demſelben Gebirge 
[Bingol], auf welchem aud, 6000 Schritte [1'/; M.] von 
ähm, der Euphrates feine Quelle hat, und fällt, nachdem .er 
den Fluß Muſis [Karaffu] aufgenommen hat, ſelbſt (wie 
‚Mehrere annehmen) in den Cyrus und mit diefem in das 
Caſpiſche Meer. 

' 2. Berühmte Städte in Kleinarmenien find Cãſarea 
IKalat ei Nede jur], Aza [Ezaz] und Nicopolis [Diwrigi], 





— 


*) S. B. V. Kap. 20. 6. 1. 
*e) S. B. V. Kap. 20, 5 2. Say. 21. $. 1. 
69) © oben Kay, 4, s3 . , 











".. Sechstes Bu, 611 


in Großarmenien Armoſata [Schemifat] ganz nahe am 
Enphrates, Earcathiocerta [Kartpurt] am Zigris, anf dem 
Hodlande aber Zigranocerta [Schikaran] und in der Ebene 
am Araxes Artaſata [Ardefihie]. Aufidius beflimmte die 
Größe von ganz Armenien auf 5,000,000 Schritte [1000 M.], 
der Raifer Elaudins die Länge von Dascuſa [Dengigin] bis 


zur Grenze am Eafpifhen Meer auf 1,300,000 Schritte . 


[260 M.)] und die Breite von Tigranocerta bis nach Iberien 
anf die Hälfte dieſes Maßes. Es wird (wie ‚man ganz. ges 


wiß weiß) in. 120 Gtatthalterfchaften oder fogenannte Stra⸗ 


tegien [Wilitärbezirke], die alle Barbariſche Namen führen, 
und von denen manche früher ferbftfländige' Neiche waren, 
eingetheilt. Im Often wird es von den Eeraunifden Ber: 
gen [3agros] begrenzt, an welche es aber eben fo wenig, als 
an die Landfchaft Adiabene [Kiurdiftan] unmittelbar ſtößt. 
Den dazwifchenliegenden Raum bewohnen die Sophener [in 
Diarbekr]; hinter Diefen folgen die Berge, und jenfeits der- 
felben wohnen die Adiabener. Auf den Abdachungen zunächft 
an Armenien findet man die Menobarder und Mofdyener. 
Adiabene iR vom Tigris und von unmegfamen Bergſchlnch⸗ 
ten eingefchloffen; zu feiner Linken L[öftlichen] Seite liegt 
das Gebiet der Meder und in der Berne ſieht man das 
Eafpifche Mer. Diefes ergießt fid) (wie wir an geeigneter 
Gtelle *) berichten werden) aus dem Dcean in das Land 


herein, und ift ganz von den Gaucaflfchen Bergen einges. 


ſchloſſen. Wir fommen jetzt zn den Völkern an der Grenze 
Armeniens. 





2) S. unten Kay, 15, Ä 


‘ 


612 8. Plinius Maturgeſchichte. 


AXIC(). Die ganze Ebene vom Eyrus an bewohnt das 
Bolt der Albaner, *) ferner das der Iberer, **) welches 
von jenem durch den Fluß Alazon [Mlafani), der von dem 
Baucaflfchen Bergen herab in den Eyrus firömt, getrennt 
wird. Die bedeutendften Städte find in Albanien Cabalaca 
[Rablasvar], in Iberien Harmaſtis ***, an einem Blaffe 
und Neoris. Dann folgen die Landichhaften Thafle und 
Triare +) bis zu den Parpadrifhen Bergen. Jenſeits ber 
felben folgen die Eolchifhen Einöden; ++) au der nach den 
Serannifhen Bergen +++) bin liegenden .Geite derfelben 
wohnen die Armenochalpber +%) und die Mofcher , +**), Des’ 
ven Gebiet ſich bis zu dem in den Cyrus fallenden Fluß 
Iberus [Diama] erftredt. Unterhalb derfelben folgen die 
Sacaffaner +°**) und dann die Macronen *H bis zum 
Fluſſe Abfarus. So verhält ed fih mit der Bevölkerung 


der Ebenen und Bergabbadungen [zwifchen dem ‚Schwarzen 





°, Sn bem jebigen aKhanat Schirwan. 
“+, In ber Ruſſiſchen Provinz Gruſien (Georgien). 
*.., Vielleicht Kupritent am Khzia. 
) Diefe Bezirke lagen wahrfcheinlich in der nördlichen Hälfte 
des Ejalets Tſchaldir. 
7) Die Heutige ruſſiſche Provinz Imerethi. 
477) Plinius verſtebt wahrſcheinlich einen Aſt des Ararat, wel⸗ 
cher ſich in bie Landſchaft Guria zieht. 
+) Wabhrſcheinlich in der Landſchaft Guria, welche zu ber 
Provinz Imerethi gehört. 
7°”) Im Ejalet Tſchaldir und dem nordoͤſtlichen Theile von 
Sruſi ien. 
+°"*) Im fühweftlihen Theile bes Ejalets aut. 
- "D Im Giater Trabeſun. 


* 








EGSechstes Bud). 7613 
and Eofpifhen Meere]. Wenden wir ung wieder nad) Al: 
banien hin, fo finden wir an der ganzen VBorderfeite der 
[Saucafifhen]) Berge hin die wilden Stämme ber Gilver 
und unter diefen die der Lubiener, fodann die Didurer und 
die Sodier. *) 

Al (x). 4. Nach diefen folgt die Caucaſiſche Pforte 
[Khewis:Kari], welche von Vielen fehr irrthümlich die Cas⸗ 
piſche genannt wird, ein ungehenres, durch plögliche Unter: 

bredyung der Bergkette entflandenes, Naturwerk. Das Thor 


der Pforte it mit eifenbefchlagenen Balken gefperrt; mike 


ten darunter ſtrömt ein übelriechender Fluß, **) und anf. 
einem Ddieffeitd liegenden Belfen erhebt fidy ein befeftigtes 
Kaftell (Cumania [Dariel] genannt), um unzähligen Völ⸗ 
fern den Durchgang zu verwehren. Hier alfo, zumeiſt der 
Iberiſchen Stadt Harmaflis gegenüber, ift ein Welttheil 


durch Thore abgeichloffen. Von der Caucaſiſchen Pforte am. 


in den Gordyäifchen Bergen **) wohnen die Waller [Dffes 
ten) und Suarner [Suanen), nnbändige Volksſtämme, die 
ſich jedody mit dem Goldgraben befchäftigen, und von diefen 


an bis zum Pontus mehrere Stämme der Heniocher und 


dann der Achder. +) So verhält es fidy mir diefem Land» 
ſtriche ++) im Juneren, weicher zn den berühmteften gehört. 


*), Alle biefe Volksſiamme wohnten in ber jegigen Rufrfcen 
» Provinz Dagheſtan. 
*°) Er Heißt jept Terek. 
2... Das Hochgebirg des Eautafud , ‚gemöhnlid das Schneege⸗ 
birg genannt. 
PD) Die Heniocher und Achaͤer find Stämme ber Awchaſen. 
IH en ve dem Schwarzen und dem Caſpiſchen Meere. 
Bol. ap. 8 


‘ 
— 


Nie, 


wo 1 1890» 2 
25 217 
—** ann 


.. 
rn 


614 C. Plinius Natutgeſqhichte. 


2. Einige geben den Raum zwiſchen dem Pontus und 
dem Caſpiſchen Meer auf nicht mehr als 375,000 Schritte 
[75 M.], Cornelius Nepos nur anf 250,000 Schritte 
[50 M.] an. So droht Aſien auch hier wieder durch Diefe 
Landenge Gefahr. *) Der Kaiſer Claudius rechnet dom 
Cimmeriſchen Bosporus bis zum Cafpifchen Meere 150 M. 
[30 M;] und erzählt, dag Nicator Selencus **%) die Durchs 
grabung diefer Strede im Ginne gehabt habe, zu - berfeiben 
"Zeit aber von Ptolemäus Eeraunus ermordet worden feb. 
Bon’ der Caucaſiſchen Pforte bis zum Pontus rechnet man 
mit ziemlicher Gewißheit 200,080 Schritte [a0 M.]. 

XIU (zı), Die Infeln im Pontus find die Plankten, 
aud die Eyaneen und die Symplegaden genannt; *°*) dann 
Apollonia, melde audy den Namen Thynias führt, H um 
‚ fie von einer gleichnamigen in Europa liegenden +4) zu une 
terfcheiden. Sie ift 100 Schritte [24 Minuten] vom Feſt⸗ 
Iande entfernt, und Hat einen Umfang von 3000 Schritten 
[72. Minuten]. Pharnacen gegenüber liegt die Iufel Chal⸗ 
ceritis, von den Griechen Aria genannt und bem Mars 


*) Naͤmlich au hier wäre es faſt zur Juſel geworden. 
Bol. Kap. 2. 9. 3. 
) Der Stifter bei Regentenhaufes der Seleuciden in Sy⸗ 
rien; er wurde von Ptolemäus Ceraunus, einem Sohne 
des Aegyptiſchen Königes Ptolemäus Lagi, im J. 282 
vor Ehr. ermordet. 
“ee, Bal. B. IV. Kap. 27. 5.1. 
P. Vol. B. V. Kap. 44, 
+9. Vol. B. IV. Kap, 27. — 1. 


Sechetes Buch. 616 


geheiligt, auf welcher Bögel mit Blügelfchlägen gegen die 
Anlandenden gefämpft haben follen. *) . 

XIV, 4, Nachdem wir nun die Länder, welche das In⸗ 
neze Afiens bilden, befprodyen haben , wollen wir im Geiſte 
die Riphäiſchen Berge überfleigen, und rechts au der Küſte 
des Dreans weiter fhreiten, Diefer befpält von drei Welt⸗ 


gegenden ber Aflen : im Norden heißt er der Scythiſche, im 


Oſten der Eoifhe und im Güden ber Judifche; außerdenz 
führt er. noch nad) feinen Bufen und nad) feinen Auwohnern 
mebrere verfchiedene Namen. 2. Auch ein großer Theil 
Aſlens, weldyer weit nad) Norden hin liegt, bat durch dem 
ungänftigen Einfluß des eifigen Simmelsftriches ungeheune 
Eindden. Vom Außerften Aquilo [Norboften] bis zum Ans 
fange des Sommerfonnenaufganges ſ[Oſtnordoſt] wohnen die 
Scythen. Noch über dieſe hinaus umd.jenfeits des Wendes 


punttes des Aquilo **) fepen Einige die Hpperboreer, von 


welchen ſchon bei Europa weiter die Rede war. ***) Von 
da an kommt man zuerft an das Eeltifche Vorgebirg Lytar⸗ 
mis T) und den Fluß Earambucis, FH wo die Riphäiſchen 
Berghöhen fammt der Strenge des Klima ermüdet aufhören. 
3. Hier wohnen, wie wir vernommen haben, zum Theil die 





» Gin Mahrchen aus dem Sagenereife der Argonauten 
(Apollon. Rhod. II, 1033 eqq.). Die jest wahrſcheinlich 
namenloſe Inſel muß in ber Nähe ber Stadt Kerefün 
liegen. 

se, Raͤmlich noch weiter nad Norden, 
“.., Bor. B. IV. Kap. 26. $: 11-14, \ 

7) Vielleicht Kanines No am Weißen Meere, 

+4) Bielleiht die Dwina. 


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22 


616 C. Plinius Naturgeichichte. 


Arimphaͤer, *) ein den Opperboreern nicht unähnliches Wort. 
Zum Aufenthalt dienen ihnen die Wälder, zur Nahrung Bee: 
ren; Haupthaar gilt bei Frauen und Männern als Schmach; 
ihre Sitten find mild und deßhalb werden fie, wie man er« 
zänıt, fogar von den wilden Nachbarvölkern für heilig und 
umverleglicy gehalten, und zwar nicht nur fie ſelbſt, fondern 
auch Alle,gwelche fih zu ihnen flüchten. Hinter dieſen [nad 
Dften hin] folgen fhon wieder Schthen, dann die Eimme 
vier, die Eiffianther , die Beorger und das Bolk der Ama⸗ 
zonen, welches bis zum Gafpifhen und Hyrcaniſchen Meere 
reicht. **) 

XV. 4. Diefes bricht ans dem Scythiſchen Ocean anf 
Ber Rückſeite Aſiens herein, ***) und führt bei den Anwoh—⸗ 
Bern mehrere Namen, von denen die beiden des Eafpifchen 
und des Hyrcauiſchen die befannseften find. Elitardhns glaubt, 
es fen, nicht Peiner als der Pontud Eurinus. Eratofthenes 
gibt auch eine Maßbeſtimmung, nämlid, von Morgen und 
Mittag her längs der Küfte Eadufiens +) und Albaniens 
5,400 Stadien [135 M.], von da durch das Gebiet der Ana⸗ 


*) Wahrſcheinlich die Argippäer des Herobot (IV, 23.) , der 

fie nur weiter öſtlich feßt. 

Ueber diefe Volker, welche in dem Aſiatiſchen Rußland 

wohnten, wußten bie Alten nichts Näheres, und es wäre 

vergebliche Mühe, . weitere Nachforfhungen Aber bloße 

Namen anftellen zu wollen, 

“+*, Diefe den meiften alten Beographen gewöhnliche Auficht 
it um fo auffallender, als ſchon Herodot (I, 202.) das 
Eafpifhe Meer für einen Blunenſee hält. 

T) Ungefähr bie heutige Perfifhe Provinz Ghilan. 


ws 


j Schstes Bud. 617 
riacer, Amarder und Hpyrraner *) bis zur Mündung des 
Fluſſes Oxus *%) 4,800 Stadien [120 M.] und von dieſer 
bie zur Mündung des Jaxartes ſSzyr] 2,400 Stadien 
[60 M.]; was zufammengenommen 1,575,000 Schritte [315 M.] 
ausmacht. 2, Artemidorns gibt 25,000 Schritte [5 M.] wer 
niger an. Wgrippa, welcher ald Brenze des Eafpifchen Mee⸗ 


zed und der ed umwohnenden Völker, Armenien wit einbe⸗ 


- griffen, gegen Often den Gerifchen Ocean, ***) gegen Abend 
die Bergkette des Cautaſus, gegen Mittag den Taurns und 
gegen Norden den Scythiſchen Deean beftimmt, ſchätzt, nady 


den befannt gewordenen Augaben, feine Länge auf 490,000 . 
Schritte [98 M.] und feine Breite auf 290,000 Schritte - 


[58 M.]. Es fehlt aber auch nicht an Andern, welche den 


ganzen Umfang dieſes Meeres von der Meerenge an anf - 


2,580,000 Schritte [500 M.] angeben. ' 

3. Es bricht durch eine enge, aber fehr lange Straße +) 
herein; fobald ws aufängt breiter zu werben, krümmt es ſich 
wie die Hörner des Halbmondes und gleicht da, wo es von 

*) Diefe Völker wohnten in ber fetigen Perfifchen Provinz 
Mafenderan. ” 
”*, Jetzt Amu oder Gihon. Diele Handfchriften des Plinius 
haben hier flatt Oxus den Namen Zonus, weicher einige 
Achnlichkeit mit der jegigen Benennung hat, Uebrigens 
münden der Oxus unb der Jaxartes jegt nicht In das Cas⸗ 
pifhe Meer, fondern in den Nralfee; die Alten betrach⸗ 
teten aber beibe als ein zufammenhängendes Wafferbeden. 
”.., Das Ehinefifhe Meer, weiches er fidy viel zu weit weſtlich 
bdachte. 
7) Dieſe Straße, durch welche das Caſpiſche Meer mit dem 
nördlichen Ocean in Verbindung ſtehen ſoll, iſt die Wer⸗⸗ 


0 
a 





618 C. Plinius Naturgeſchichte. 


der Mündung an ſich in der Richtung des Mäotiſchen 
- Sees hinzieht (um mit M. Varro zu reden), einer Sichel. 
Der erfte Bufen heißt der Schthiſche? denn auf beiden Geis 
ter beffelben wohnen Scythen, die über die Meerenge eine 
ſtete Verbindung miteinander unterhalten, und zwar auf 
‚Diefer [weftlien] Seite die Nomaden und Gauromaten' 
inter vielen verfchiedenen. Namen, auf jener [öftlihen] aber 
die Abzoer unter nicht weniger Benennungen. 9 Rechts 
von der Einmündung auf der Spige der Meerenge ift das 
Gebiet der Udiner, eines Scyhthiſchen Volkes. 4. Weiterhiu 
an der Küfte folgen die Albaner , welche nach der Gage von 
Jaſon abftammen; das vor ihnen liegende Meer heißt das 
Albaniſche. "+ Diefes Bote ift über die Caucaſiſchen Berge 
verbreitet und reicht, wie ſchon gefagt wurde, ***) bis zum 
Fluſſe Cyrus, der Srenzfcheide Albaniens und Iberiens, 
herab. Hinter dieſer Küſtenſtrecke und dem Volke der Udi⸗ 
ner ziehen ſich die Sarmaten, die Utidorſer und die Aroterer, +) 
and im Rüden derfelben bie ſchon ++) erwähnten Sauro⸗ 
matifhen Amazonen bin. 5. Die durch Wibanien in das 
[Caſpiſche] Meer flrömenden Fluͤſſe Ind der Caſius [Kuma] 
und der Albanus [Terek]; ferner der Eambufes [&umarga], - 
weldher auf dem Caucaſus, und weiterhin der Cyrus, wel 





e) Diefe Völker, fo wie auch bie Ubiner, wohnten iu ber 
jegigen Ruſſiſchen Statthealterfchaft Aftrakhan, 
°*), Der Theil des Caſpiſchen Meeres, welcher die Küften vom 
Schirwan und Dagheſtan beſpuͤlt. 
“, Bor, Kay. 11. ' 
+) Zfcherkeffifhe und Caueaſiſche Bolksſtaͤmme. 
ID Bel. Kap. 14. 5. 8° Die Aroterer Ceores Ackerer 


Sechstes Bud, 619 


her, wie gefagt 9, auf den Coraxiſchen Gebirgen entipringk. 
. Die Länge ber ganzen Küfle, welche vom Caſius an fehr 
fleile Zelfen unzugänglicdy machen, beträgt nad) der Angabe 
Agrippa’s 425,000 Schritte [85 M.]. Beim Eprus fängt 
das Meer an den Namen des Eafpifhen zu führen, und bier 
wohnen die Gafpier. *% 

6. Hier muß ein Irrthum, in welchem ſich Viele, ſogar 
ſolche, die an dem Feldzuge Corbulo's in Armenien *% 


Theil nahmen , befinden, berichtigt werben. Sie nennen 


nämlich die Pforte in Iberien, welde, wie wir geſagt has. 
beu , +) die Eaucaflfche heißt, die Caſpiſche, und auch auf 
den Gituationstarten, weldye von dorther eingefchickt wurden, 
iſt diefer Name eingetragen. ben fo wurde die Drohung 
des Nero ++) ale auf die Caſpiſche Pforte bezüglich gedens 
tet, da fie body jene meint, welche durch Iberien zu dem 
Garmaten führt, umd die dicht zufammenhängenden Berge 


Baum irgend einen Zugang zu tem @afpifhen Meer geflate 


ten. Allerdings gibt es eine andere [Caſpiſche] Pforte, +++) 


welche au die Caſpiſchen Völker ftöße, die man aber nur . 


durch Die Nachrichten, welche die Begleiter Alexauders des 


Herodot. IV, 17.) und die an biefer- Stelle genannten 
Georger (Gandsaner) find wohl daſſelbe Bolt. 
®) Kap. 10. $. " . 
*, In den verttäen Provinzen Shilan und Aſerbeibſchan. 
2, Val. oben Kap. 8 
+) Kap. 12. 6. 1 
Tr) &r wollte nämlich, Alerandern gleich, einen Serbfug gegen 
vie Aftatifhen Türften unternehmen (Sueton, in Nerone 


— 


19.). 
46 Ueber diefe Pforte ſ. unten Rap. 17. $. 1 


4 


Er 


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0: 
%s 
Lg 


620 €. Plinius Naturgefchichte. 
Großen auf feinen Feldzügen liefern, mit Beſtimmtheit aus⸗ 
mitteln kann. 

XVI. 1. Das Reich der Perſer, welches bekanntlich 
jest den Parthern gehört, erhebt ſich zwiſchen zwei Meeren, 
dem Perfifchen und dem Hprcanifchen, zu dem Caucaſiſchen Berg⸗ 
rücden. Zu beiden Geiten des Gebirge auf den Abdachungen 
tiegt, wie gefagt, ) an jenem Brenztheile Großarmeniens, 
welcher fid) nad) Eommagene binzieht, Sophene, und an bie: 
ſes ftößt Adiabene, **) der Anfang des Affyrifchen Gebietes, 
Den Syrien zunächſt liegenden Theil Adiabene's bilder Ar: 
belitis, *°*) wo Wierander den Darius beflegte. 2. Die 
Macedonier nannten diefe ganze Gegend +) wegen ihrer 
Aehnlichkeit [mit dem Mygdouniſchen Gebiete in Macedonien] 
Mygdonia. Man findet hier die Städte Alexandria, +) 
ferner Antiochia, welche gewöhulich Nifbis [Niſtbin] heißt 
und non Artarata lurdſchan] 750,000 Schritte [156 M.] 


*) Kap, 10. $. 3, 
2), Ungefähr das jegige Ejalet Schehrſor. 
“4, Sandfſchak Erbil. Die, Schlacht wurde im J. 331 v. Ehr. 
unweit der Stadt Arbeia (Erbih bei dem Flecken Gau⸗ 
gamela (Enkewat) geliefert. 
+) Nämlich Adiabene. 
+} Kein Anderer kennt in diefer Gegend eine Stadt Kies 
dria. Wir wollen jeboch deßhalb ihre Exiſtenz nicht bes 
fireiten ; vielleicht lag fie an dem Orte, wo Alexander ben 
Darius Thing. Sagte der Text nicht ausdrücklich „oppida,“ 
fa Fönnte man aus dem zwifchen Alexandria und Antios 
chia fiehenden „item“ nad, dem Plinianifchen Spradhges 
"brauche fchließen, Alesandria ſey auch eine Benennung 
für Niſibis. 


Gehstes Buch. 624 
entfernt iſt. Hier lag auch auf der weltlichen Geite ‚des 


Tigris die einft hochberühmte Stadt Ninus. *%) Weiters’ 


bin ftößt an die Grenze, da wo fie fid nad) dem Caſpiſchen 
Meere hinzieht, Atropatene, **) weldes von der Armenifchen 
Landfchaft Otene ***) Durch den Arares [Arrafch] getrennt 
wird, mit der Stadt Gaza [Tebrig], weldye 450,000 Schritte 
[90. M.] von Artarata und eben fo weit von Echatana im 
Rande der Meder, zu welchen die Atropatener gehören, ent» 
fernt if. 

| xvH (sv). 4. Ecbafana (Hamadan], die Hauptſtadt 
Mediens, welche von tem König Geleucus erbaut wurde, +) 
iſt von Großfelencia ++) 750,000 Schritte [150 M.], von 
der Caſpiſchen Pforte aber 2,000,000 Schritte (aoo M.} 
entfernt. Die übrigen Gtädte ber Dieder find Phazaca, 
Aganzaga und Apamia, weldyes den Beinamen NRhaphane 
führt. 147) Der Rame „Ihor“ Hat bier denfelben Grund, 
wie oben +*) [dee Name „Cancaſiſches Thor]; weil nam» 





*) Gie wurde fpäter wieder aufgebaut, und heißt jegt Moſſul. 
Nah Andern lag Ninus (Ninive) auf ber HOfifeite des 
Tigris, Mofful gegenüber, an ber Stelle, wo man jetzt 
dag Dorf Nunia findet. 

“©, Die jetzige Perfifhe Provinz Aferbeidfchan, 
ve) jingefähr die heutige Perfifche Provinz Aran. 

+) Nah Herodet (IT, 98.), dem man hier größeren Glauben 
ſchenken muß, ift Dejoces, der erfie Mebifche König ‚ibr 
Brünber, 

+r Madain, füdöfllich vor Bagdad. ' 

+9 Die Lage diefer Städte, deren Namen wahrſcheinlich auch 
ſehr vpungauget ſind, läßt ſi ich nicht beſtimmen. 

+”) Kay. 12, $. 


8 


LET 
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. 25 5 f 
* 
·.·7. 2 


624 C. Plinius Naturgefchichte. 

feiner Sruchtbarkeit wegen berühmte Ort Dareium, [Gari]; 
Weiterhin kommen die Volksſtämme der Tapyrer, Anaria⸗ 
ter, Staurer und Hprcaner, *) an deren Küfte, nämlich 
vom Fluſſe Sideris [Kurkan] an, das Caſpiſche Meer den 
Namen des Hprcanifchen zu führen anfängt. Dieffeits des 
Sideris find noch die Flüffe Mareras '[Mafenderan] und 
Stratos [Sefideud]. Alle Eommen von dem Gancafus *"). 
herab. Es folgt nun die Landichaft Margiane, ***) ihres 
milden Klimas wegen berühmt und tie einzige in diefer Bes 
gend, melde -Weinreben hervorbringt. Sie iſt in einem 
Umkreiſe von 1500 Stadien [37% M.) allenthalben von ans 
muthigen Bergen eingefchloffen, und der vor ihr ſich hinzie: 
henden, 120,000 Schritte [24 M.] großen, Sandwüſten wegen 
anr fehr ſchwer zugänglich. Sie liegt ‚gegen das Parthiſche 
Gebiet 7) bin, und in ihr hatte Alexander Alexandria er: 
baut. 2. Als diefe von den Barbaren zerfiört worden war, 
ſtellte ſie Antiochus, des Seleucus Sohn, an demfelben Orte 
nuter einem au Syrien erinnernden Namen wieder her. 
Da nämlich der Margus [Murghab)], deſſen Zweige ſich in 
[dem Gefilde von] Zotale vereinigen, fle durchſtrömt, fo zog 
er es vor, fie Seleucia zu nennen. Tr) Der Umfang der 


*) Diefe Volfsſtämme wohnten in den Beglerbegfchaften Ma⸗ 
fenderan und Aſtrabad. Won ben XZapyrern fol die Pro: 
vinz' Zaberiftan ihren Namen haben._ ft 

*"*, Nämlich von dem Zweige bdeffelben, welcher jetzt Wisurs 
beißt. a 

*rr, Das Land Mawer in der Provinz Khoraſſan. 

+) Ober vielmehr das eigentliche Parthiene, welches dem jeßi⸗ 

gen Diftrift Zus in der Provinz Khoraffan entfprict. 
TTV Jest Heißt fie Meru Shah Jehan. Die Stelle ift übri⸗ 


° 
⁊ 





Sechstes 628 


Stadt beträgt 70 Gtadien [1 M.]. Hierher führte Orodes 
die bei ber. Niederlage des Eraffus gefangenen Roͤmer. *) 
Bon den Berghöhen diefer Landſchaft über die Caucaſuskette 
bin. bis zu den Bactrern dehnt ſich das wilde, unabhängige 
Bolt der Marder **) ans. 53. Bon diefer Gegend am fol⸗ 
gen die Volksſtämme der Ochauer, Chomarer, Berdrigeer, 
Harmatropher, Bomareer, Eomaner, Marucier, Mandrue⸗ 
ner and Jatier; die Klüffe Mandrum und Gridinum; über 
denfelben die Chorasmier, die Candarer, die Attafiner, die 
Paritaner, die Garangen, die Parrhafiner, die Maratianer, 
die Nafotianer, die Aorſer, die Selen, welde die Griechen 
Sadufler nennen, und die Matianer , die von Alexander er⸗ 
baute Stadt Heraclen, weldye fpäter zerftört, aber von Ans 
tiohus wieder hergeflellt und Achais genannt wurde, Die 
Derbicen, deren Land der Oxus [Gihon], weicher aus dem 


See Oxus entfpringt, »*) in der Mitte durchſchneidet, die 


Syrmaten, die Oxydracen, Die Heniocher, die Batener, die 
Saraparen und die Bactrer, +) deren Stadt SZariaspe 


gend dunkel, namentlich was das Wort Zotale betrifft. 
Die Ueberfegung folgt ber gewöhnlichen Erklärung, daß 
nämlich Alexandria deßwegen Seleucia genannt worden 
. fey, weil fie von dem Margus gerade fo, wie das Syrifche 
Gelencia von dem Orontes, durchfirömt werde, 
”, Im J. 53 v. Chr. Vgl. Plutarh in ber Biographie 
bes Eraffus, Kap. 39—44, 
”, In dem zur Afghauiſtaniſchen Landſchaft Balkh gehörenden 
Diſtrikte Meimuuna am Kaffarigebirg. - 
", Er entipringt in Afghaniftan am Hindu⸗ Kuhs, nach der 
neueren Geographen aber nicht aus einem See. 
+) Alle Hier genanuten Volksſtäͤmme wohnten vom Eaſpiſchen 


E. Plininus Naturgeſch. 68 Bdochn. — 4 


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622 C. Plining Naturgefhichte, 


lich die Bergkette nur durch einen fo engen Weg unterbrochen 
wird, daß faum einzelne Wagen durchkommen können, *) 
Er iR 8000 Schritte [1% M.] lang und ganz von Mens 
fhenhänden gemacht. Rechts und Kinds hängen Felſen herz 
ab, die wie verbrannt ausſehen, und Die ganze Gegend if 
in einem Umkreiſe von 28,000 Schritten [33 M:] eine dürre 
Wüſte. Der Engpaß wird durch das aus den Felsſpalten 
fid) fammelnte und anf ihm abfließende Salzwaſſer noch 
unwegſamer. Außerdem iſt, wegen der großen Menge der 
fid) hier aufhaltenden Edlanzen, der Durchgang nur im 
Winter möglich. 

(xv). 2. An die Adiabener ſtoßen die Corduener, **) 
welche früher Carducher hießen und au deren Gebiet der 
Tigris vorüberſtrömt; an dieſe die Pratiten, welche auch „die 
am Wege“ (zap' ödov) genannt werden, weil ſie die Caſpiſche 
Dforte in ihrem Bellge haben. ***) Auf der andern ſſüd⸗ 
öftlihen] Seite derſelben folgen die Einöden Parthiens +) 
und die Bergkette des Cithenus. 74) Daranf folgt der 





- %, Diefer Paß heißt jest. Kharwar , und führt Über den Des 
mamend , eine Schneekuppe der Bergkette Alburs in ber 
Perſiſchen Provinz Taberiſtan. 

”*, In dem Ejalet Wan, um, ben See Ardiſch. 

”) Die Pratiter wohnten alfo viel meiter &filich als die Cor⸗ 
dumer, und Plinius kann beide Volker nur aus Verſehen 
neben einander geftelt haben ; man müßte denn bie nicht 
ſehr wahrfcheintiche Grelärung annehmen wollen, daß bem 
Pratitern von den Parthiſchen Königen bie Bewachung 
der Caſpiſchen Päffe anvertraut war. 

+) Die Wüfte Naubendan in ber Provinz Ssrar, 
Tr Die Verge von Luriſtan. 





Sechstes Bud). 6233 


angenehmfte Strich Parthiens, welcher Ehoara *) heißt. 
Hier find zwei Parthiſche Städte, die einft gegen die Meder 
erbaut wurden, anzuführen, nämlid, Ealliope und das nicht 
mehr vorhandene Iffatis anf einem Felſen. Hecatompylos 
[Damaghan], tie Hauptftadt Parthiens ſelbſt, if 133,000 
Schritte [26% M.] von der [Eafpifhen] Pforte entfernt. 
Auf diefe Weife if alfo and) das Parthifche Reich durch ein 
Thor abgefäyloffen. 3. Tritt man aus der Pforte herans, 
fo befindet man ſich fogfeich unter dem Gafpifchen Volk, wel: 
ches bis zur Küfte [des Caſpiſchen Meeres] reicht, und der 
Dforte ſowohl, als aud dem Meere feinen Namen gegeben 
hat. Links ift eine gebirgige Gegend. *) Der Weg rüds 
wärtsd [nördlich] von diefem Volke bis zum Fluſſe Eyrus 
wird auf 125,080 Schritte [25 M.], der Weg von diefem 
"Kinffe an aber bis zur Safpifchen Pforte auf 700,000 Schritte 
[130 M.] angegeben. Diefer Paß wird nämlich von allen 
Beichreibungen der Züge Uleranders des Großen als Aude 
gangspunkt angenommen, und man rechnet von hier biß zur 
Grenze Indiens 15,680 Stadien [392 M.] bie. zur Stadt 
Bactra [Balkh], welche gewöhnlich Zariaspa genannt wird, 
3,700 Stadien [92% M.] und von da bie zum Fluſſe Ja⸗ 
rarted 5000 Stadien [125 M.)]. 
XVIII (avi). 4, Dinter den Gafpiern nad) Oſten zu 
ſoigt ? die Landſchaft Apavortene, 29) und in berfelben der 


.*, In ber Provinz Khuſiſtan. Die Lage der Städte, welche 
Plinius angibt, laͤßt ſich nicht nachweiſen. 
., Die Gebirgskette Alburs. 
ee) In der Beglerbegſchaſt Maſenderan. 


& 
% 


£) 


. —34 
u 
Gr KERTETE D) 


624 C. Plinius Naturgeſchichte. 

feiner Fruchtbarkeit wegen berühmte Ort Dareinm [Gari]; 
Weiterhin kommen die Volksſtämme der Tapyhrer, Auaria⸗ 
ter, Staurer und Hyrcauer, *) an deren Küſte, nämlich 
vom Binfie Sideris ſKurkan] an, das Caſpiſche Meer den 
Namen des Hyrcaniſchen zu führen anfängt. Dieſſeits des 
Sideris find noch die Zlüffe Mareras '[Mafenderan] und 
Stratos [Sefideud]. Alle kommen von dem Eancdius *%L 
herab. Es folgt num die Landſchaft Margiane, ***) ihres 
milden Klimas wegen berühmt und tie einzige in dieſer Ge⸗ 
gend, weiche -Weinreben hervorbringt. Sie ift in einem 
Umkreiſe von 1500 Stadien [37% M.) allenthalben von ans 
muthigen Bergen eingefchloffen, und der vor ihr.fidy, hinzies 
henden, 120,000 Schritte [24 M.] großen, Sandwüſten wegen 
nur ſehr ſchwer zugänglich. Sie liegt ‚gegen das Parthifche 
Gebiet +) bin, und in ihr hatte Alexander WUlerandria er: 
baut. 2. Als diefe von den Barbaren zerfiört worden war, 
ftellte fie Antiocdhns, des Seleucus Sohn, an demfelben Drte 
unter. einem an Syrien, erinnernden Namen wieder her. 
Da nämlidy der Margus [Murghab)], deffen Zweige ſich in 
[dem Gefilde von] Zotale vereinigen, le durchſtrömt, fo zog 
er es vor, fie Selencia zu nennen. TH) Der Umfang der 


*) Diefe Bolfsftämme wohnten in ben Beglerbegichaften Mas 
fenderan und Aftrabad. Won ben Zapyrern fol die Pro⸗ 
vinz' Zaberiftan ihren Namen haben,_ rt 

”"*, Naͤmlich von dem Zweige beffelben, welcher jeut Mburs 
heißt. . 

“er, Das Land Mawer in der Provinz Khoraffan. 

+) Oder vielmehr das eigentliche Parthiene, welches dem jesi⸗ 

gen Difirift Zus in der Provinz Khoraffan entfpricht. 
TI) Jest heißt fie Mern Shah Jehan. Die Stelle if übrts 


\ 
° 











Sechstes Buch. 626 


Stadt beträgt 70 Stadien [1’ı M.]. Hierher führte Orodes 
die bei ber. Niederlage des Craſſus gefangenen Hömer. *) 
Bon den Berghöhen diefer Landſchaft über Die Caucaſuskette 
bin bis zu den Bactrern dehnt fidy das wilde, unabhängige 
Bolt der Marder **) and. 5. Bon diefer Gegend am fole 
gen die Volksſtämme der Dchaner, Chomarer, Berbdrigeer, 
Harmatropher, Bomareer, Comaner, Marucäer, Mandrues 
ner and Jatier; die Klüffe Mandrum und Gridinum; über 
denfelben die Chorasmier, die Saudarer, die Attaſiner, die 
Paritaner, die Garangen, bie Parrhafluer, die Maratianer, 
‘ die Nafotianer, die Aorſer, die Selen, welde die Griechen 
Sadutler nennen, und die Matianer, die von Alexander ers 
baute Stadt Heraclen, weldye fpäter zerftört, aber von Aus 
tiochus wieder hergeftellt und Achais genannt wurde, die 
Derbicen, deren Laud der Oxus [Gihon], weicher aus dem 


See Oxus entfpriugt, ***) in der Mitte Durchfchneidet,, die 


Syrmaten, die Oxydracen, die Heniocher, die Batener, die 
Saraparen und die Bactrer, +) deren Gtadt Sariaspe 


gend dunfel, namentlid, was das Wort Zotale betriffk. 
Die Ueberfegung folgt ber gewöhnlichen Erklärung, daß 
nämlich Alerandria deßwegen Seleucia genannt worden 
ſey, weil fie von dem Margus gerabe fo, wie das Syriſche 
Seleucia von dem Drontes, durchfirömt werde. 
*) Im J. 53 v. Ehr. Vgl. Plutarh in der Biographie 
- Deb Eraffus, Kap. 39—44. 
”., In dem zur Afghauifianifchen Londfchaft Baleh gehörenden 
Difirifte Meimuuna am Kafjfarigebirg. 
—* Er entſpringt in Afghaniſtan am Hindu⸗ Kuhs, nach der 
neueren Geographen aber nicht aus einem See. 
+) Alle hier genanuten Volksſtaͤmme wohnten vom Eaſpiſchen 


J €, Plinius Naturgeſch. 68 Boͤchn. . 4 





x 


ne WARE), 


626 C. Plinius Naturgeſchichte. 


[Balth], die fpäter Bactrum genannt wurde, von dem [an 
ihr vorüberfirömenden} Fluſſe *) ihren Namen erbielt. 
4. Diefes Bolt bewohnt die dieffeitige ſnordweſtliche] Ab⸗ 
dachung bes Berges Paropamifus [Hindu⸗Kuſch], auf deffen 
anderer [ſuͤdöſtlichen] Seite der Fundus **) entfpringt, und 
wird von dem Fluſſe Ochus [Tedſen] begrenzt. Jenſeits 
[der Bactrerjfolgen die Sogdianer, ***) ihre Etadt Panda +) 
und an ihter Außerflen Grenze Alexandria, +4) welches von 
Nerander dem Großen erbaut wurde. Hier wurden vom 
Hercules und dem Bater Liber Altäre errichtet, eben fo von - 
Eyrus, von der Semiramis und von Alexander; denn alle 
diefe [&roberer] ſetzten anf diefer Geite der Erde, welche 
von dem Jaxartes [Szyr], den die Scythen Sitis nennen nud 
weichen Alexander und feine Krieger für den Tanais hielten, 
begrenzt wird, ihren Beldzügen ein Sie. Demodamas, ++F) 
der Feldherr der Könige Seleueus und Autiochus, dem wir 
bier meift folgen, Üüberfchritt dieſen Fluß und errichtete dem 
Didymaiſchen Apollo Altäre. 

XIX (viy,. 4. Jeuſeits [des Jaxartes/ wohnen Scy⸗ 





Meere und dem Aralfee an In dem füblichen Theile des 
Dſchagatai bis zur Landfchaft Balkh. Die Sitze jebes eins 
zeinen auffuchen zu wollen, wäre wohl vergeblihe Mühe, 
e) Dem Zariaopes, weldyer. jeut Dehaſch heißt. 
2) Oder vielmehr Fluͤſſe, die dem Judus zuftrömen. 
) Im Tyale al Sogbh in dem zum Dſchagatai gehorenden 
Lande Mawarelnahar. 
+) Wahr:cheinlich das berühmte Samarkand. 
++) Vielleicht das heutige Koſchend am Szyr. 
td Bol. de Bemerkungen über bie im diefem Buche benügten 
wellen, 





4 


Sechstes Buch. 627 


thiſche Völker. Die Perfer nennen -biefe nad) dem ihnen 
zunachſt Tiegenden Welle ) im Allgemeinen Garen, die 
Alten aber Aramäder. Die Scythen ferbft nennen die Derfer 
EHorfarer und das ancafusgebirg Brovcafus, das heißt, 
das fchneebededte. Diefe Bolksſtaäͤnmnme, welche fat unzähls 
bar Hund, gleichen in ihrer Lebensweife den Parthern. Die 


berühmtelten derfelben find die Sacen, die Maffageten , die - 


Daben, die Effedonen, die Ariacen, die Rhymmicer, die Paͤſſ⸗ 
cen , die Amarder, die Hifter, die Edonen, die Samen, die 
Camacen, die Euchaten, die Cotierer, die Antarianer , die 
Pialen, die Arimafper, welche früher den Namen Eacidarer 
führten, und die Deteer. Hierher febt man auch die jest 
verfihwundenen Volksſtämme der Napder und Apelläer. 
3. Man findet bei diefen Bölkern die anfehnlihen Flüſſe 
Mandragäns und Caspafins, **). Ueber Leinen andern Erd⸗ 
theilt find die Nachrichten der Schriftfteller ſchwankender, 
wie ich glaube, der unzähligen und ſtets umherfchweifenben 
Bölkerflämme wegen. Nach der Angabe Alexanders bes 
Großen ift das Wafler bes Eafpifchen Meeres ſüß; auch M. 
Barro fagt, man babe Pompejus, ald er während des Mi⸗ 
thridatifhen Krieges in der Nähe deffelben befehligte,, das 
Namliche berichtet ; ohne Zweifel veriirt es durdy die Größe 





*, Die Gacen (Saten) wohnten in Turkeſtan, die übrigen 
: bier namhaft gemachten Volke ſtamme aber ubrdlich und 
nordbſtlich von den Sacen, und gehören zu den Tataren, 
Kalmükken und Mongolen. Die Sie ber einzelnen ans 
zugeben, if} unmögli. 
”) Vielleicht bie Steppenfäffe Sarafı und Tzui. 


4# 


2 BRRIE 


628 C. Plinius Naturg eſchichte. 


der ihm zuſtrömenden Zläffe den Salzgeſchmack. Derſelbe 
[Barro] fügt noch hinzu, wie man durch bei Pompejus 
Feldzug and) erfahren habe, daB man von Indien ans nach 
Bactrien in fieben Tagen bis zum Fluſſe Icarus , *) der in 
den Oxus fällt, reife, und daß bie Indifhen Waaren, nach⸗ 
dem fie vom Oxus ans durch das Cafpifche Meer in den 
Edgyrus gelangt ind, auf dem Landwege in nicht mehr als 
fünf Tagen zum Phaſis und in den Pontus gebracht wer⸗ 
den können. — Fu diem ganzen Caſpiſchen Meere liegen viele 
Juſeln: Die einzige allgemein bekannte ift Tazata ſ(Nephtenoi]. 
XX. 1 Bon dem Eafpiihen Meere und dem Scythi⸗ 
ſchen Dcean wendet ſich der Weg nad) dem öftlichen Meere, 
wo die Vorberfeite der Küfte dem Unfgang der Sonne zus 
gekehrt ift. Der zuerſt liegende Theil derfelben, vom Scy⸗ 
thiſchen Vorgebirg an, ift bed Schnees wegen unbewohnber, 
der zunächſt folgende ber Wildheit der Völker wegen unan⸗ 
"gebaut. Hier haufen die Scythiſchen Authropophagen, weldye 
Menfchenfleifch eſſen. Deßhalb find auch neben ihnen unges 
heure Einöden und eine Menge wilder Thiere, welche bie 
ihnen an Ungeſchlachtheit ähnliche Menſchen umlagern. 
Dann folgen wieder Schthen nnd darauf-wieder Wüſten mit 
wilden Thieren, bis Aı dem in das Meer hineinreichenden 
Bergrücken, welcher Tabis heißt. *) Auch/ iſt die ganze 


2) Wahrſcheinlich der Koktſcha, auch Badaktſchan genaunt. 
**, Vermuthlich ein Vorgebirg auf der Halbinſel Malacca, — 
Man flieht aus biefem Kapitel, wie unbeflimmt und mans 
-gelhaft bei ben Alten bie Kenninig des nörblichen und 
des norböftlichen Afiens war. Der nörblihe und Bfkliche 
39 Era einander um vielnäher gerädt, als wirklich 
er Fall 


x 


nn ee Buch. 62 


Länge diefer nady Gommerfonnenaufgang [Nofdoften] hin 
gerichteten Küfte erft ungefähr von der Mitte an bewohnt. 

2. Die Außerften Bewohner, weiche man kennt, find die 
Gerer, ”) berühmt durch die Wolle ihrer Wälder, **) ei⸗ 
zen weißen Ueberzug der Blätter, welchen fie, nadydem er 


mit Waſſer getränkt worden ift, abtämmen, wodurd unfern " 


Frauen die doppelte Arbeit erwädst, die Fäden zn entwirren 
and fie von Neuem zu weben. Go vielfadye Mühe, ein fo 
entferhter Welttheil muß in Unfprudy genommen werden, da⸗ 
mit eine Dame ſich öffentlich in durchſichtigem Gewande zei⸗ 
“gen könne! Die Gerer haben zwar mildere Sitten, gleichen 
aber doch darin den Wilden, daß fie Feine Verbindung mit 
den übrigen Wenfchen anknüpfen und warten, bis man des 
Handels wegen zu ihnen kommt. 5. Der erſte Fluß ihres 
Landes, weichen man kennt, iſt der Pfltaras, der. nächſte der 
Cambari und der dritte der Lanos ; ***) nad) diefem folgen 


das Vorgebirg Chryſe, +) der Buſen Cyrnaba, der Fluß 


Atianos, der Meerbufen und das Wolf der Altacoren, +?) 





2) Man hat dieſes Volr von der Bukharei und Mongolei 
bis zu dem Bengaliſchen Meerbuſen geſucht: wahrſchein⸗ 
lich wohnte es an der Grenze von Thibet und Shina, wo 
noch jetzt ber Seidenban ſehr ſtark betrieben wird. 

u) — meint die Seide. Bol. B. XL. K. 26. ®. XI, 


Kap 
2.) ——ãS Y Fluͤſſe, bie auf der Oſiſeite des Vengaliſchen 
Buſens münden. 
7) Bielleicht das Cap Negrais. 
++) Bielleicht in der Provinz Pegu und weiter nordweſilich. 
Die Adrigen Volksſtaͤmme find wohl weiter nördlich nach 
Thibet bin zu fischen, . GSewiſſes laͤßt ih nichts ſagen. 


. , —QRRR 


- ! 


60 C. Plinius Naturgefjichte, 


welches durch fonnige Hügel gegen jeden ſchädlichen Wind 
gerhägt, unter einem eben ſo mäßigen Himmelsſtriche lebt, 
wie die Hyperboreer. Aud).fchrieb über fie Amometus, wie 
‚ Hecatäus über die HOpperboreer, ein befonderes Wert. Nach 
den Attacoren Eommen bie Volksſtämme der Phrurer und 
Tocharer, und dann die ſchon zu den Indern gehörenden Ex 
firer, welche im Inneren des Landes nach den Scythen hin 
wohnen und Menſchenfleiſch effen. Auch in Indien reifen 
Nomaden umher, und Manche behaupten, daß fle nad dem. 
Aquilo [Nordofl] Hin bis zu den Ciconen und Brofagern 
reichen. 

XXI. 1: Da aber, wo die Nachrichten über die Biker 
beflimmter zu werden anfangen, erheben ſich die Emodiſchen 
"Berge, *) und beginnt das Wolk der Inder, weiches nicht 
nur am Öfllihen Meere liegt, fondern auch am füdlicdhen, 
welches wir das Jndiſche genannt haben, **) umd deren 
sad Oſten hin ‚liegender Landestheil ***) fich in gerader 
Richtung bis zur Bengung und zum Anfange des Judiſchen 
Meeres. in einer Länge von 4,855,000 Schritten, [367 M.] 
erſtreckt. Bon dem Punkte aber an, wo ſich die Küfte nah 
Süden wendet, bis zum Binffe Indus, der die weſtliche 
“ Grenze Indiens bildet, + beträgt die Länge, nach der Uns 
gabe des Eratöfthehes, 2,675,000 Schritte [535 M.]. 2. Mebs 


*, Die Dergtette bes Simalapı. 
e) Open Kay. 14. 6. 
er) Die —*5 des Bengalifgen Buſens. 
T) Die Weſtkuͤſte Vorderindiens. Die von Plinins mitge⸗ 
theilten Maße ſind zu groß, wenn man nicht ale Beu⸗ 
gungen her Kuſte mitrechnen wi 





Sechstes Buch. 631 


tere aber haben die ‚ganze Länge des Landes auf vierzig 
Tag» nnd Nachtfahrten eines Segelichiffes beſtimmt, und 
non Norden nad) Süden 2,850,000 Schritte [670 M.] ge: 
rechnet. Agrippa fept die Länge zu 3 300,000 Scdhritten 


[660 M. ], die Breite aber zu 2, 300,000 Schritten [460 M.] 


an. Pofidonius maß das Land von Eommerfonnenaufgang 
[Nordoſt] nach Winterfonnenaufgang [Südoſt] und ſtellte 
ed Gallien, welches er von Gommerfonnenuntergang [Nord⸗ 
wer] nah Winterfonnenuntergang [Südweſt] maß, gegen: 


. über. Da nun der Favonius [Weſtwind] gerade anf gang . 


Gallien zuweht, fo muß alfo, wie aus feiner Beweisführung 
klar einleuchtet, das Gallien gegenüber Tiegende Indien *) 

dur den Auhauch dieſes Windes ſehr begünfligt und ges 
fund fepn. 5. Hier hat der Himmel ein ganz anderes An⸗ 
feben, die Sterne einen andern Aufgang; hier find in jedem 
Fahr zwei Sommer und zwei Ernten, und während des 
zwiſchen beiden liegenden Winters wehen die Eteflen [Welle 
nordweftwinde],; zur Zeit unferes Fürzeften Tages aber bat 
“ man dort eine milde Luft, und das Meer ift ſchiffbar. Wollte 
Jemand alle Völker und Gtädte dieſes Landes namhaft 
machen, fo würde er fie unzählbar finden. Es wurde uns 
wohl nicht nur durch die Waffen Alexanders des Großen 
und der ihm nachfolgenden Könige, fo wie durch die Fahrt 

. | 


®) Diefe vielfach angefochtene Stelle findet wohl in ber An⸗ 
ſicht bed Pofidonins, daß das erfie Land weſtlich von 
Ballien Indien ſey (was noch Columbus glaubte), und 
daß alſo dieſes Land, eben weil von ihm ber der Weſi⸗ 
wind wehe, ſehr heilſam und fruchtbar ſeyn müffe, feine 
Erklaͤrung. 


Ey 


& 


ya 
- * ‘ 


2. 


652 C. Plinius Naturgeſchichte. 
des Selencas und Antiohus und ihres Flottenführers Dar 


trocles *) um baffelbe bis in das’ Hprkanifche und Caſpiſche 


Meer, fondern and) durdy andere Griechiſche Schriftfteller, 
Die fidy (wie Megafthenes und Dionyfius, welcher zu dies 
fem Zwecke von Philadelphus hingefendet worden war) läns 
gere Zeit bei den Indifhen Königen aufpielten und über die 
Kräfte diefer Völker Bericht erflatteten, befannt; die Mit: 
theilungen weichen aber alle fo fehr von einänder ab, und 
find fo unglanblich, daß fle Bein Fleiß zu fidten vermag. - 
4. Die Begleiter Alexanders des Großen berichten, daß 
in dem Kandftriche Indiens, welchen fie mit Baffengewalt 
unterwarfen, fünftaufend Städte, Fein? Bleiner als [die In⸗ 
fet] Eos, und neun Völkerſchaften geweſen feyen; daß In⸗ 
dien den dritten Theil aller Länder ausmache, und daß end» 
lich die Zahl der Volksmenge nit ausgemittelt werden 
könne, und das Ichtere aus einem gewiß einlenditenden 
Grunde: denn von allen Voͤlkern iſt das Indiſche faſt das 
einzige, welches noch nie über feine Grenzen hinausgewan- 
dert if. 5. Vom Vater Liber bis anf Alexander den Gr 
Ben, alfo in einem Zeitraume von 6451 Jahren und Brei 
Monaten zählt man bei ihnen hundertvierundfünfzig Könige. 
- Die Flüffe find wunderbar groß. Alexander foll auf dem 
‚ Indus Seinen Tag - weniger als 600 Stadien [15 M.) ge 
fahren feyn, und erft in fünf Monaten und einigen Tagen 


) Ueber Patrokles, fo wie fiber bie beiben ſogleich folgenden 
Schriftſteller Megafibenes und Dionyſius, vgl. die Bemer⸗ 
sungen über die im biefem Buche von Plinius benuß ten 

uellen, _ 





Sehsted ih. 688 


das Ende erreiht haben, *) und doch ifl Diefer Fluß bekannt⸗ 
Ha Heiner, als der Banged. Seneca, weldyer unfere Lite⸗ 
ratur mit einem Werfuche über Indien bereichert hat, zählt 
darin fechzig Zlüffe und hundertundachtzehn Boltsftämme. 
Die Berge namhaft machen zu wollen, wäre eine eben fo 
große Arbeit. Aneinander floßen der Imans , **) der Ems⸗ 
dus, der Paropamifus und der Gancafus, und von diefen 
Bergen dacht fid) ganz Indien in eineungehenre, Wegppten 
ähnliche, Ebene ab. . 

6. Um aber die Größebeſtimmung des Landes verfländs 
licher zu machen, wollen wir den Zußtapfen Alexanders des 
Großen folgen. Diognetus und Bäton, welche ihn ald Weg⸗ 
meller auf feinen Zügen begleiteten, rechnen von der Cats 
piſchen Pforte bis zu der Parthiſchen Stadt Decatompylon 
‚die ſchon oben ***) angegebene Meilenzabhl, von da bie zu 
der vom König Wlerander im Lande der Axier erbauten 


Stadt Alexandria [Herat] 566,000 Schritte [113 MI, _ 


von da bis zur Drangäifchen Grade Prophthaſia [Barang} 
499,000 Schritte [39% M.], von ba bis zur Stadt ber 
Arachofſer [Ehiri] 515,000 Schritte [103 M.], von da bis 
Ortoſpanum [Kanbahar] 250,000 Schritte [50 M.], von de 


bis zu Aleranders Stadt +) 50,000 Schritte [Io M.], ſwo⸗ 





*) Died gist die ungeheure Summe von etwa 2,300 Mei⸗ 


len. Der Lauf des JIndus beträgt aber nur ungefähr 
270. Meilen. 
**, Der Imaus if der Öftliche Theil des Himalapa. Von 
den Übrigen Bergen war oben bie Rede. 
65%) Ray. 17. $. 2. 
+) Bol. Kap, 25. $.. 4 


SUPPWIEY 


634 C. Plinius Naturgeſchichte. 


bei jedoch zu bemerken iſt, daß in einigen Abſchriften andere 
Zahlen fliehen und diefe Stadt an den Buß des Eancafas 
gefest wird], von bier bis zum Fluſſe Eophes [Kurram] 
und der Indiſchen Stadt Peucolaitis [Bunna] 227,000 
Schritte [45% M.], von da bis zum Fluſſe Indus und ber 
Stadt Zarila [Attok] 60,000 Schritte [12 M.], bis zu dem 
berühmten Fluſſe Hydaſpes [Gchelum] 120,000 Echritte 
[34 M.] und bis zu dem nicht minder befanuten Hypalls 
[Begab] 29,590 Gchritte [5% M.]. Diefer war das Siel 
‚der Feldzüge Wleranders ; body ſetzte er über den Fluß nnd. 
errichtefe am jenfeitigen Ufer Altäre. 7. Dit Diefen Uns 
gaben flimmen and bie Briefe des Königes felb überein. 
Den noch übrigen. Theil Indiens dürchzog Seleucus Nicator, 
und zwar brauchte er bis zum Heſidrus [Suteledj) 168 000 
Shritte [33% M.], bis zum Fluſſe Jomanes [Iumna] eben 
fo viel, [einige Abfchriften fügen jedoch nod 5000 Schritte 
Tı M.] Hingu], von da bis zum Ganges 112,000 Schritte 
[227% M.], dis Rhodapha [Ramgat] 119,000 Schritte 
(235% M.] [nad Undern aber fol die Entfernung 325,000 
Schritte [65 M.] betragen], bis zur Stadt Ealinipara (Ko⸗ 
noje] 167,500 Schritte [53% M.] [oder 265,000 Schritte 
[55 M.] nach Anderer Angabe], von da bis zur Wereintgung 
des Fluſſes Jomanes nnd des Ganges 265,000 Schritte 
[125 M.] [weldyer Gunime die, Meiften noch 43,000 Schritte 
[2% M.] zufügen], bis zur Stadt Palibothra [Patna] 
425,000 Schritte [85 M.] und bis- zur Mündung des Gans 
ges 658,000 Schritte [127% M.). 

8 Die Bolksſtämme von den Emodiſcheu Vergen an, 





— Sechstes Buch. 635 


deren Vorgebirg Imaus "5 heißt (was in ber GSprache ber 
Eingeborenen ſchneebedeckt“ bedeutet), welche genannt zu 
werden verdienen, find die Iſarer, die Eofprer, die Jzger, 
die auf dem Gebirge wohnenden Khiflotofager und die 
Brapfpmanen, weldher Name vielen Stämmen eigen ift und 
zu benen auch die Maccocalingen **) gehören. Godann find 
ju nennen die Flüſſe Prinas [Rinde] und Eainas [Keane], 
welcher in den Ganges fällt, ***) und die beide fchiffbar find; 
ferner die Volksflämme der Ealingen, welche dem. Meere 
sunächfl liegen, der Mandeer, die oberhatb derfelben wohnen, 
and der Maller, in deren Bebiet fid der Berg Mallus er: 
hebt. DD Die Grenze des ganzen Laudſtriches bildet der 
“ Ganges. 

XXII (). 4. Dieſer entfpringt nach Einigen aus 
unbekannten Quellen, wie der Nil, und bewäſſert gleich dies 
fem die ihm zunächſt liegenden Gegenden, nad) Andern aber 
auf den Sceythiſchen Bergen. +4) Er nehme, fagen fie, 
neungehn Zlüffe auf, von welchen, außer deu (chen genann- 
ten, +7) ‚der Condochates IGunduk], der Erannoboas 
R 

9) Der Sfifiche Theil des Himalaya. Diefee_Ranie bedeutet 

“ ia der Sanfkeritfpradye ‚Wohnung des Schutes, * 

“*, Yuf der Ofifeite bes Ganges, nad) der Mündung zu. 
+, Gr fällt in die Jumna, und durch biefe in den Ganges. 

7) Aue von Pliniud angeführten Woltsttämme wohnten at 

bem Linken Ufer des Ganges „von deſſen Mündung HE 
zum Indus. 
++) Der Sauges entſpringt am ſu dweſtlichen Mopange des 
‘ Himalaya. 
HP Kay. 21. 9.7. und 8. 





656 €. Plinins Naturgeſchichte. 


[Hamaonga], der Eofoagus [Kofa) und der Sonne [Gone] 
fchiffbar ſeyen. Andere behanpten, er bredhe fchon mit großem 
Getöfe aus feiner Duelle hervor, flürze fidy über Zelfen und 
Abgründe und vermeile, fobald er die ſich fanft abdachende 
Ebene erreicht habe, in einen Ger ; von da an fließe er rn - 
Big weiter; feine geringfte Breite betrage 8000 Schritte 
11%; M.], feine gewöhnliche 100 Gtadien [2'. M.); 9) 
nirgends fey er weniger als 20 Schritte kief, und das feiner 
Mündung zunächſt wohnende Bolk fen das der Gangaridi⸗ 
ſchen Calinger. 

(ui). Die Haͤuptſtadt derſelben heißt Varihalis; *% 
ihrem Könige ſtehen ſechzigtauſend Mann Fußvolk, eintau⸗ 
ſend Reiter und ſlebenhundert Elephanten, alle vollſtändig 
zum Kriege gerüſtet, zu Gebot. 

3 Die geſittetern Indifchen Völker führen eine viel⸗ 
fach verſchiedene Lebensweiſe. Dieſe bauen das Feld, Audere 
leiſten Kriegsdienſte und wieder Andere führen ihre Waaren 
aus; die Gtaatsangelegenheiten leiten die Beſten und Reichs 
fen; fie ſprechen Recht und figen im Rathe der Könige, 
@ine fünfte Klaffe widmet ſich der bier hochverehrten und 
faft zur Religion gewordenen Weisheit, and endigt lets Dura 
freiwilligen Tod anf einem mit eigener Hand angezündeten 
Scheiterhaufen fein Leben. 53. Außer Diefen befteht noch eine 
andere halbwilde, von ungehenrer Arbeit niedergedrückte 





*) Die Breite iſt Abertrieben hoch angefeht; re beiträgt nad 

den neneflen Angaben zwifchen -1/, und 3, Meilen, 

ee) Nah Männert (Geogr. ber Gr. und Rom. Bd. V. 
Abthl. I. Leipz. 1829. S. 83) Eutio (Eooloo), am Makas 
“abufufe, . 





Sechstes Buch. 687 


Kaffe, welcher die oben genannten ihre Erhaltung verdan⸗ 
ten, und bie fi mit der Jagd und ber Zähmnng der Ele⸗ 
shanten beſchaͤftigt. ) Mit diefen pflügen, auf diefen veis 
ten fie und mit der Zucht derfelben beſchäftigen fie fi faſt 
ausſchließend; mit ihnen ziehen fle in den Krieg und vers 
tbeidigen die Grenzen. Die Auswahl derfelben zum Kriegs 
diente wird durch Stärke, Alter und Größe bedingt. 

4. Auf dem Gänges liegt eine Infel von bedeutendem 
Umfange, “) anf welder ein einziges Volk, welches dem 
Namen Modogalingen führt, wohnt. Jenſeits [des Gans 
ges] folgen die Moduben, die Molinden, Die Uberen, mit 
einer gleihnamigen prächtigen Stadt, die Galmodroefer, Die 
Preter, die Ealiffen, die Safurer, die Paſſalen, die Coluben, 
die Orxulen, die Abaler und die Talucten.“) Der König 
derſelben Hat fünfzigtaufend Mann Fußvolk, viertanfend 
Reiter nnd vierhundert @fephanten unter den Waffen. Das weis 
terhin liegende noch ſtärkere Volk der Anbaren, +) mit zahl⸗ 
reihen Dörfern und dreißig Städten, die. mit Mauern und 
Thürmen befeftigt find, Fellt feinem Könige hunderttanſend 
Mann Fußvolk, zweitanfend Reiter und eintaufend Elephau⸗ 





*) Noch jetzt zerfällt die Indifhe Bevölkerung im fünf Kas 
fin: die Braminen (Weiſen), die Tſchetri (Krieger), 
die Waiſchi (Landbauer und Hanudelsleute), die Schuber 

(Handwerker und Künftler) und die Paria Pbobel). 

»e) Plinius meint dad Gebiet zwifchen den Gangesmündungen. 
”s“, Alle diefe Volesftämme wohnten in dem Theile des heutigem 
“ Bengalen, welcher am Tinten Ufer bed Ganges liegt, 

+ Vieleicht in der jegigen Provinz Aracan, 


⸗ 


‘ 


68 C. Plinius Naturgeſchichte. 
ten. Am reichſten an Gold ſind die Darden, an Gilber aber 
die Geten. u) N 

Alle übrigen Volksſtümme aber, nicht nur in biefem 
Landſtriche, fondern faft in ganz Indien übertreffen an Macht 
und au Reichthum die Prafler, **) mit ihrer überans gro⸗ 
hen und reichen Stadt Palibothra [(Patna], nad) weider 
auch Einige das ganze Volk Palibothrer nennen, ja fogar 
dem ganzen Landflrihe vom Ganges an dieſen Namen beis 
legen.. Im täglichen Golde ihres Königs. ſtehen fehhsmale 
hunderttaufend Mann Fußvolk, dreißigtaufend Weiter ‚und 
neuutaufend Elephanten, woraus man auf die @röße feiner 
Hülfsquellen fchließen kann. 5. Auf diefe folgen nad) dem 
inneren des Landes hin die Moneden und die Gnarer, ***) 
in deren Gebiet fi der Berg Malens [Vindhya) erhebt, 
auf dem die Schatten ded Winters nady Norden, im Gome 
mer aber ſechs Monate lang nad Süden fallen. +) Der 
aroße Bar ift, wie Bäton berichtet, in diefem Striche das 
ganze Fahr hindurch wur einmal, und zwar nicht länger als 
fünfzehn Tage fihtbar; nad) Megafthenes ift dieß an meh⸗ 
reren Orten Indiens der Fall. TH) Den Güdpol nennen 


*) Diefe beiden ziemlich fabelhaften Volker fegt man gewöhns 
lich an die Grenzen von Thibet. 
20) In den heutigen Provinzen Bahar, Allahabab, Duden. Agra. 
rr, Beide Volker wohnten in der Binnenpropinzs Malwab. 
mweldyer Name in der Sanferitfprahe Bergland bedentet. 
T) Da diefer Berg noch innerhalb des Wendekreiſes Tiegt, fe 
können zwar auf kurze Zeit die Schatten nach Süben 
fallen, nicht aber ſechs Monate lang, wie Überhaupt ni 
ht in Indien, bas den Aequator noch nicht erreicht, 
ieſes in falſch. Vol. B. Il, Kap, 75. 5. 8. 


4 


S . . - 
v 


Sechstes Buch. 639 


die Inder Dramaſa. Der Fluß Jomanes [Iumna] ſtroͤmt 
durch das Gebiet der Palibothrer zwiſchen deu Städten Mes 
thora und Elifobora *) in den Ganges. 7. In bem lid 
vom Ganges nah Süden bin ziehenden Gtriche werden bie 
Bewohner von der Sonne gefärbt; fie find fchon bräunlich, 
keineswegs aber verbrannt, wie Aethiobier. Ye näher fle 
dem Indus liegen, deflo mehr verräth ihre Farbe den Eins 
fluß des Geſtirns. Der Indus folgt ſogleich nach dem Volke 
der Drafler, in deren Bergen fid) Pogmäen aufhalten follen. 
Artemidorns gibt die Gerede zwifchen beiden Flüſſen auf 
2,1000,000 Schritte [420 M.] an. 

XXIU (xx). 4. Der Indus, welchen die Eingeborenen 
Eindus nennen, entipringt auf einem Berge der Cancaſus⸗ 
Bette, **) weicher Paropamifus heißt, ſtrömt zuerſt nady 
Sonnenaufgang hin und nimmt ebenfalls **% nennzehn 
Flüſſe auf. Die bedeutendften berfeiben find der Hpdafges 
[Schelum], in welchen vier andere, und ter Cantabras, +) 
in weichen drei andere fallen ; ferner dem Acefines ſKhenab] 


nnd den Hhphaſis [Beiab) , welche beide Ichiffbar And. Und. 


doch ift die Waſſermaſſe des -Intus nur fehr mäßig und 
> nirgends ift er breiter als fünfzig Stadien cder tiefer ale 
fünfzehn Schritte. Er bilder eine fehr umfangreiche Juſel, 


”) Eine biefer Städte ift das heutige Allahabad, welcher jest 
Beine andere gegenüberliegt. 

es) Seine Hauptquellen liegen in bem weſilichen Thibet. Pli⸗ 
nius nimmt als Hauptſtrom einen Nebenfluß (dem Kabul), an, 

ee) Wie der Ganges. Bol. Kap. $. 1. 


+) Wahrfcheinfih der Finß, welher bei Andern Hpbrafled. 


(jegt Rawi) heißt. Bat. Manneri’s Geogr. der Gr. und 
Nöm, Bd. V. Abthl. J. S. 54.: 


rs Di " ⁊ u», 


“2.9 *8 


‚640 C. Plinius Naturgefchichte. 
welche den Namen Draflane *) führt, und eine andere 
kleinere, weldye Patale **) heißt. 2. Er wird nad den 
geringſten Angaben, weldye man bei den Scriftftellern fins 
det, 4,240,000 Schritte [248 M.] weit befcyifit, wendet ſich, 
gleihfam won der Sonne begleitet, nad Weiten und fällt in 
den Dcean. Ich will die Maßbeſtimm ungen längs der Küſte 
‚dis zu feiner Mündung im Allgemeinen, wie ich fie finde, 
herfegen, obgleich Beine dexfeiben mit der anderen übereins 
fimmt. Von der Mündung des Ganges bis zum Borges 
birge der Balingen [Eap Godavery) und der Stadt Dandas 
gula [Eoringa] zähle man 625,000 Schritte [125 M.], bis 
nach Tropina [Cochin] 1,225,000 Schrite [245 M.J, bis 
zum VBorgebirge Perimula, %**) wo ber berühmtefte Sta⸗ 
pelplatz. Indiens ift, 750,000 Schritte [450 M.], und- bis zur 
Stadt Patala, +) anf der oben erwähnten laleichnamigen] 
Inſel, 620,000 Schritte [124 M.]. 

3. Zwiſchen dem Indus und dem Jomane⸗ wohnen 
Bergvölker, die Eefer, die in Wäldern haufenden Getribos 
ner, dann die Megallen, deren Könige fünfhundert Elephan« 
ten. und eine unbeflimmte Zahl von Fußvolk und Reitern 


l 
*, Vermuthlich die von Flüffen eingefchloffene fädliche Hälfte 
der Provinz Eahore, welche gewöhnlich ben Namen Pund⸗ 
ſchab (Pendſchab) führt, 
») Der Theil der Beludſchiſtanſchen Landſchaft Sind, welcher 
zwiſchen den Indusmündungen liegt. 
»s*) Die Laudſpitze ſudlich von der Inſel Bombay, welche noch 
jetzt einer ber bedeutendſten Stapelplätze iſt. 
Pr) Man hält dieſe gewöhnlich für dad heutige Tatta, welches 
jedoch nicht am Meere, fondern an einem Arme bed In⸗ 
dus liegt. 





Sechstes Buch. 641 


zu Gebot ſtehen, die Chryſeer, die Paraſangen und die 
Aſangen, *) bei' denen es von wilden Tigern wimmelt. Sie 
ſtellen dreißigtauſend Mann Fußvolk, dreihundert Elephauten 
und achthundert Reiter ius Feld. Der Indus bildet ihre 
Grenze, und eine Reihe von Berggipfeln und Wüſten ſchließt 
ſie 625,000 Schritte [115 M.] weit ein. Unterhalb der 
Wüſten folgen die Daren und die Suren; und dann wieder 
487, 000 Schritte [373 M.] weit Wüſten, **) deren Sand 
Die bewohnten Stellen meiſt gerade fo umgibt, wie das 
Meer die Inſeln. 4. Unterhalb diefer Einöden folgen die 
Maltecoren, die Singen, die Marohen, die Rarungen und 
die Moruner. **) Gie wohnen anf den Bergen, welche fidy 
in einer langen Kette an der Küfte des Oceans binzichen, 
find frei, haben Leine Könige uud befigen viele auf den Ans 
höhen liegende Städte, 5. Dann kommen die Nareen, 
weiche der Capitalia, +) der höchſte Berg Indiens, einfchließt. 
Die Bewohner der Rückſeite dieſes Berges befisen auf einer 
weiten Strede Gold: und Gilbergruben. Nach ihnen folgen 
Die Draturen, deren König zwar nur zehn Elephanten, aber 





*) Die hier genannten Völker bewohnten den nördlichen 
Theil ber Provinz Almeer, welche auch bad Band ber 
Naipoots (Radsbuten) heißt, 

*) Man Fann- in biefer Beichreibung die fi am oſtlichen 
Ufer des Indus hinziehenden Sandwüſten, welche ebenfalls 
zur Provinz Gujerate reichen, nicht verkennen. 

., Dieſe Vbolker wohnten in dem Striche, welcher von dem 
noͤrdlichen Theile der Provinz Gujerate bis nach Bombai 
hin reicht. 

+) Ein nicht näher zu beſtimmender Gipfel der Gats (Ghauts). 


€, Plinius Naturgefh, 68 Bochn. 5 


642 C. Plinius Naturgeſchichte. 


eine tüchtige Menge Fußoolk beſitzt; die Varetaten, welche 
unter einem Könige ſtehen und im Vertrauen auf ihre Reis: 
terei und ihr Fußvolk Peine Elephanten unterhalten; die 
Ddombören, die Galabuftren und die Horaten mit einer 
ſchönen Stadt, welche durch fumpfige Gräben nnd die darin. 
lebenden, nad) Menſchenfleiſch höchſt lüſternen Krokodile, die 
jeden andern Zugang, als anf einer Bräde, unmöglidy mas 
hen, geſchützt iſt. Man rühmt auch nod eine andere Stadt 
ihres Gebietes, Automela nämlich, *) weiche an der Küfte, 
an einer Stelle, wo fünf Ztüffe in einen zufammenftrömen, 
liegt, und ein bedeutender Handelsplas if. 6. Ihr König 
gebietet über fechzehnhundert Etephanten, hundertundfünfzig 
taufend Mann Fußvolk und fünftanfend Reiter. Weit ärs 
mer ift der König der Eharmen; er beflgt nur ſechzig Ele 
phauten und auch fonft nur geringe Streitkräfte. Nach dies 
fen kommt das Volk der Panden, das einzige in Indien, 
weldyed von Weibern beberrfcht wird. Herkules, erzählt Die 
Sage, habe nur tine einzige Tochter gezeugt; diefe fen ihm 
aber defto lieber gemefen, und von ihm mit einem vorzäglis 
chen Reiche befchenkt worden. Von ihr leitet Diefes Volk, 
welches über dreihundert Städte, hundertfünfzigeanfend Mann 
Fußvolk und fünfhundert Elephanten gebietet 5 feinen Urs 
fprung ab. Nach diefem dreihundert Städte befigenden Volke 
foigen die Syriener, die Derangen, die Pollngen, die Bugen, 
Die Bogiareer, die Umbren, die Nereen, die Brancofer, die 
Nobunden , die Boconden, die Nefeer, die Pebofriren, die 


*) Mieleiht Eochin. Die namhaft gemachten Volker wohn- 
ten alfo auf ber Küftenftredte von Bombal bis Cochin. 


Sechstes Bud. 643 


Solobriaſen umd die Klofiren, welche an Die Juſel Patale, 
von deren äußerſten Küftenfpipe bis zu der Eafpifchen Pforte 
der Weg 1.925.000 Schritte [385 M.] betragen foll, ftoßen. *) 

7. Bon bier an wohnen am Indus aufwärts, wie man, 
deutlich nachweifen kaun, die Amaten, die Bolingen, die 
Gallitalnten, die Dimurer, die Megarer , die Orbaben ; bie 
Mefen, nach diefen die Urer und die Silener; weiterhin fols 
gen 250,000 Schritte [50 M.] weit Wülten, dann am Ende 
Derfelben die Organaten, die Abaorten, die Gibaren und.die 
Suerten, nad) diefen wieder den früheren Ähnliche Einöden, 
Bann die Sarophagen, die Sorgen, die Baraomaten und die 
Umbritten, *%) welde in zwölf Stämme , deren jeder zwei 
Städte beſitzt, zerfallen. - 8. Daranf folgen die Afener, 
welche in drei Städten wohnen ; ihre Hauptftadt ift Buces 
phala , **") weiche zu Eyhren des Pferdes des Königs Ale⸗ 
xander, das dieſen Namen führte und hier begraben liegt, 
erbaut wurde. Oberhalb derſelben am Fuße des Caucaſus 
trifft man die Bergvölter der Soleaden uud Sondren, +) 
geht man Über den Fluß und folgt feinem Laufe, die Samas 





2) Plinim⸗ befindet ſich anf einmal wieder an ber Infel Par 
tale, nachdem er die Völker an der Oſtküſte und durch 
daB Innere des Landes genannt hat. ine nähere Bes 
fimmung der Sige derſelben if unmöglich. 

. 2*) Diefe Völker, Über bie fih Feine genauere Nachrichten fin⸗ 
den, wohnten wohl auf beiden Ufern des Indus Bis im 
die Gegend, wo große Nebenftäffe in biefen münden. 

+88), Man fucht diefe Stadt bei dem Fort Rotas, auf dem 
Wege von Attok nah Lahore. 
+) Um Hindukuſch, in der Afghaniſtan'ſchen Provinz Kabul, 


, 5* 


644 C. Plinius Naturgeſchichte. 


rabrier, die Sambrucener, bie Biſambriten, die Oſter, die 
Autixener und die Taxillen, mit ihrer berühmten, gleichna⸗ 
migen Stadt [Attok], welche auf einem ſich ſchon zur Ebene 
abdachenden Laudſtriche, der in ſeinem ganzen Umfange den 
Namen Amanda führt, liegt. Auf ihm wohnen vier Volks⸗ 
ftämme, die Pencolaiten, die Arfagaliten, die Gereten nnd 
die Aſoer. *) 

9. Sehr viele laffen den Indusſtrom nicht als welt 
liche Grenze [Indiens] gelten, fondern fügen noch vier Sa⸗ 
trapien,, **) nämlich die Gedrofer, die Arachoten, die Arier 
und die Paropamifaden, hinzu, und feben ale äußerften Grenz⸗ 
punkt den Cophes [AKuırrum). Nach Andern aber gehört 
dieſes ganze Gebiet den Ariern. 

(zur). Auch die Stadt Nyſa [Nugbz] rechnen die Mei⸗ 
ften zu Indien, fo wie audy den Berg Merus, welcher dem 
Vater Liber heilig ift, und woher. audy die Fabel, daß diefer 
aus der Hüfte ***) Jupiters geboren .fey, ſtammt, ferner Das 
Volk der Uftacener, +) in deffen Gebiete Weinreben, Lor⸗ 
beer , Bur und alle in Griechenland wachſende Obflarten 
vortrefflic) gedeihen. 10. Was noch Merkwürdiges, ja faſt 
Kabelhaftes von der Sruchtbarkeit des Bodens, von den 
Arten der Früchte und Bäume, fo wie Des Wildes, der 


*) Alle diefe Volksſtaͤmme fapen in ber Subifhen Provinz 
Lahore. 

**) Bon Diefen wird unten Kap. 25. die Rede fen, 
*e%) Im Griechifchen Moos. 

T) Vermuthli in der zu Afghaniftan gehörenden fruchtbaren 
Ebene von Pifhaur; wenn das Ganze nicht. eine von 
der Bacchusmythe entiehnte Sage ift. 

’ 








Sechstes Bud). 645 
Bögel und anderer Thiere erzählt wird, fell in den übrigen 
Theilen des Werkes an den geeigneten Gtellen angeführt 
werden. Bon den vier Satrapien wird etwas weiter unten 
Die Rede ſeyn: jept eilen wir im Geiſte zu der Infel Tas 
probane, 

41. Vorher jedody find noch einige andere Inſeln zu 
erwähnen. Patale erfiredt ſich, wie wir fhon *) bemerkt 
haben, zwifhen den Mündungen des Indus, bat eine dreis 
edige Geſtalt und ift 220,000 Schritte [at M.] breit. Aufs 
ferhalb der Inousmündung liegen Chryfe und Argyre, **) 
beide, wie id) vermuthe, reich an edeln Metallen: denn daß, 


—— 


wie Manche erzählen, der ganze Boden derſelben ans Gold 


und Silber beftehe, Bann ich nicht wohl glauben. Won dies 


fen iſt Erocala 20,000 Schritte [4 M.] entfernt; 412,000 - - 


Schritte [2% M.] weiter folgt Bibaga, ») welches Ueber⸗ 
fluß an Auftern uud Mufcheln hat; danı Zoralliba, 9000 


Schritte [1% M.] von der oben genannten, und enblidy - 


nody viele andere unbedeutende. 

XXIV (zu). 4. Zaprobane [Geilan] wurde lange für 
die andere Hälfte der Erde gehalten, und deßhalb das Land 
der Antichthonen [Begenfüßler) genannt. Erft die Seit und 
Die Thaten Alexanders des Großen haben zu der Gewißheit, 


*, Kap. 23. $. 1. 
“*) Andere feßen diefe Anfeln füdöfntiih von der Mündung 
ne Ganges; daß fe Phantafiebilder find, zeigen fchon bie 
amen, 
=04) Wanrfcheinlich Khurna bei ber Beludſchiſtan'ſchen Hafen: 
ſtadt Kuradſchi; Erocala und Xoralliba Tagen alfo gleich⸗ 
fans nahe an ben Indusmündungen, 


640 € Plinius Naturgeſchichte. 
weiche den Namen Praſiane *) führt, und eine andere 


kleinere, welche Patale **) heißt. 2. Er wird nad den 


geringften Angaben, welche man bei den Schriftftellern fins 
det, 4,240,000 Schritte [248 M.] weit beichifit,, wendet ſich, 
gleichfam von der Sonne begleitet, nach Welten und fällt in 
den Deean. Ich will die Maßbeflimm ungen längs der Küfte 
‚ dis zu feiner Mündung im Allgemeinen , wie ich fle finde, 
herfegen, obgleich Peine derfelben mit der anderen übereitts 
ſtimmt. Von der Mündung des Ganges bis zum Borges 
birge der Calingen [Eap Godavery] und der Stadt Dandar 
gula [Eoringa] zählt man 625,000 Schritte [125 M.], bis 
nach Tropina [Cochin] 1,225,000 Schrite [245 M.], bis 
zum Borgebirge Perimula, ***) wo der herühmtefte Sta⸗ 
pelplatz. Indiens ift, 750,000 Schritte [150 M.], und- bis zur 
Stadt Patala, 7) auf der oben erwähnten [gleichnamigen] 
Spiel, 620,000 Schritte [124 M.]. 

3. Zwifchen dem Indus und‘ dem Jomane⸗ wohnen 
Bergvölker, die Ceſer, die in Wäldern hauſenden Cetribo⸗ 
ner, dann die Megallen, deren Könige fünfhundert Elephan« 
ten. und eine unbeflimmte Sahl von Fußvolk und NReitern 


/ 
*) Vermuthlich die von Flüffen eingefchloffene füdliche Hälfte 
der Provinz Lahore, welche gewöhnlich den Namen Punbs 
ſchab (Penbſchab) führt. 
*) Der Theil ber Beludſchiſtanſchen Landfchaft Sind, welcher 
zwiſchen den Indusmündungen liegt, 
#4, Die Laudſpitze ſudlich von der Inſel Bombay, welche noch 
jetzt einer der bedeutendſten Stapelpläge ift. 
7) Man hält diefe gewöhnlich für das heutige Zatta, welches 
jeboch nicht am Meere, fondern an einem Arme bed In⸗ 
dus liegt. ! 


21 








Sechstes Bud. 641 


zu Gebot flehen, die Ehrpfeer, die Parafangen und die 
Afangen, *) bei’ denen es von wilden Zigern wimmelt. Gie 
ftellen dreißigtaufend Mann Fußvolk, dreifundert Elephanten 
und achthundert Reiter ind Feld. Der Indus bildet ihre 
Grenze, und eine Reihe von Berggipfeln und Wüften fchließt 
fle 625,000 Schritte [415 M.] weit ein. Unterhalb der 
Wüſten folgen die Daren und die Suren; und dann wieder 
487,000 Gchritte [375 M.] weit Wülten, *"*) dereu Sand 


die bewohnten Gtellen meift gerade fo umgibt, wie das ' 


. Meer die Infeln. A. Unterhalb dieſer Einöden folgen bie 
Maltecoren, die Singen, die Maroben,, die Rarungen und 
die Moruner. **) Gie wohnen auf den Bergen, welche fidy 
in einer langen Kette an der Küfte des Oceans binzichen, 
find frei, haben Peine Könige und befigen viele auf den Ans 
Höhen liegende Städte. 5. Dann kommen die Wareen, 
welche der Capitalia, +) der höchſte Berg Indiens, einſchließt. 
Die Bewohner der Rückſeite dieſes Berges beſitzen auf einer 
weiten Strede Gold: und Gilbergruben. Nach ihnen folgen 
die Oraturen, deren König zwar nur zehn Elephanten,-aber 





*) Die bier genannten Völker bewohnten ben nördlichen 
Theil der Provinz NAimeer, welche audy das Land der 
Rajpoots (Radsbuten) heißt. 

*) Man kann in dieſer Beſchreibung bie ſich am oſtlichen 
Ufer des Indus hinziehenden Sandwüſten, welche ebenfalls 

zur Provinz Gujerate reichen, nicht verkennen. 
eor) Diefe Bölter wohnten in dem Striche, welcher von beim 
nördlichen Xheile der Provinz Gujerate bis nach Bombai 
hin reicht. 
+) Ein nicht näher zu befiimmender Gipfel der Gats (Ghauts). 


€, Plinius Naturgeſch. 68 Boͤchn. 


UNTER 


* “rt 


642 C. Plinius Naturgefchichte. 


eine tüchtige Menge Fußvolk beſitzt; die Varetaten, welche 
unter einem Könige ſtehen und im Vertrauen auf ihre Reis 
terei und ihr Fußvolk Peine Elephanten unterhalten; die 
Dpdombören, die Galabuftren uud die Horaten mit einer 
ſchönen Stadt, welche durch fumpfige Gräben und die darin 
lebenden, nach Menſchenfleiſch höchſt lüſternen Krokodile, die 
jeden andern Zugang, als auf einer Brücke, unmöglich ma⸗ 
hen, geſchützt iſt. Man rühmt auch noch eine andere Gtabt 
ihres Gebietes, Automela nämlidy, *) welcde an der Küfe, 
an einer Stelle, wo fünf Flüſſe in einen zufammenftrömen, 
liegt. und ein bedeutender Handelsplas if. 6. Ahr König 
gebietet Über ſechzehnhundert Elephanten, hundertundfünfzig⸗ 
taufend Mann Fußvolk und fünftaufend Weiter. Weit ärs 
mer ift der König der Charmen; er befist nur ſechzig Ele 
Yhanten und auch fonft nur geringe Streitkräfte. Rad) dier 
fen kommt das Volt der Panden, das einzige in Indien, 
weldyes von Weibern beberrfcht wird. Herknules, erzählt die 
Sage, habe nur kine einzige Tochter gezeugt; diefe fen ihm 
aber defto lieber gemwefen, und von ihm mit einem vorzüglis 
chen Reiche beſchenkt worden. Von ihr leitet dieſes Volk, 
welches über dreihundert Städte, hundertfünfzigrauſend Mann 
Fußvolk und fünfhundere Elephanten gebietet ; feinen Urs 
fprung ab. Nach diefem breibundert Städte befigenden Volke 
foigen die Gyriener, die Derangen, die Pofingen, die Buzen, 
die Gogiareer, die Umbren, die Nereen, die Brancofer, die 
Nobunden, die Soconden, die Nefeer, die Pebofriren, die 


*) Vieleicht Eochin. Die namhaft aemachten Volker wohn: 
ten alfo auf der Küfienfiredte von Bombai bis Cochin. 


Sechstes Bud). 645 


Solobriaſen nnd die Hlofiren, welche an die Juſel Patale, 
von deren äußerſten Küſtenſpitze bis zu der Caſpiſchen Pforte 
der Weg 1.925.000 Schritte [385 M.)] betragen ſoll, ſtoßen. ) 

7. Bon bier an wohnen am Indus aufwärts, wie man, 
dentlih nadyweifen kaun, die Amaten, die Bolingen, die 
Gallitaluten, die Dimurer, die Megarer , die Ordaben, die 
Meſen, nach diefen Die Urer und die Silener; weiterhin fols 
gen 250,000 Schritte [50 M.] weit Wüllen, dann am Ende 
Derfelben Die Organaten, Die Abaorten, die Gibaren und die 
©uerten, nad) diefen wieder den früheren ähnliche Einöden, 
dann die Garophagen, die Sorgen, die Baraomaten und die 
Umbritten, **) welde in zwölf Stämme, deren jeder zwei 
Städte befigt, zerfallen. 8. Darauf folgen bie Aſener, 
weiche in drei Städten wohnen ; ihre Hauptſtadt if Buces 
phala , ***) weiche zu Epren Des Pferdes des Könige Ale⸗ 
Zander, das Diefen Namen führte und bier begraben liegt, 
erbaut wurde. Oberhalb derfelben am Buße des Caucaſus 
trifft man die Bergvölker der Soleaden und Gondren, 7) 


geht man Über den Fluß und folgt feinem Laufe, die Sama⸗ 





*), Plinims befindet fi) auf einmal wieder an der Inſel Par 
tale, nachdem er bie Völker an ber Oſtküſte und burch 
das Innere bed Landes genannt hat. Bine nähere Bes 
fimmung der Sige berfelnen if unmöglich. 

- 09) Diefe Biker, Über bie fich Beine genauere Nachrichten fin= 
den, wohnten wohl auf beiden Ufern bed Indus bis im 
die Gegend, wo große Nebenflüſſe in biefen münden, 

+28) Man fucht diefe Stadt bei dem Fort Notes, auf dem 
Wege von Attok nad) Lahore. 
+) Am Hindukuſch, in der Afghaniftan’ihen Provinz Kabul. 


’ 3* 


ANNE, 


u „e® 


644 C. Plinius Naturgeſchichte. 


rabrier, die Sambrucener, die Biſambriten, die Oſier, die 
Antixener und die Taxillen, mit ihrer berühmten, gleichna⸗ 
migen Stadt [Attok], welche auf einem ſich ſchon zur Ebene 
abdachenden Landſtriche, der in ſeinem ganzen Umfange den 
Namen Amanda führt, liegt. Auf ihm wohnen vier Volks⸗ 
ftämme, die Pencolaiten, die Urfagaliten, die Gereten nnd 
die Aſoer. *) 

9. Gehr viele laſſen den Indusſtrom nicht als welt 
lihe Grenze [Indiens] gelten, fondern fügen nody vier Sa⸗ 
trapien,, **) nämlich die Gedrofer, Die Arachoten , die Arier 
und die Paropamifaden, hinzu, nnd ſetzen ald äußerften Grenze 
punkt den Eophes [Kurrum]). Nach Andern aber gehört 
Diefes ganze Gebiet den Ariern. 

(xt). Auch die Stadt Nyſa [Nughz] rechnen die eis 
ften zu Indien, fo wie aud) den Berg Merus, welder dem 
Bater Liber Heilig ift, und woher. andy die Babel, daß diefer 
aus der Hüfte ***) Jupiters geboren ſey, ſtammt, ferner Das 
Bott der Aftacener, +) in deffen Gebiete Weinreben, Lors 
beer , Bur und alle in Griechenlaud wacfende Obflarten 
vortrefflich gedeihen. 10. Was noch Merkwürdiges, ja faft 
Babelhaftes von der Bruchtbarkeit des Bodens, von den 
Arten der Früchte und Bäume, fo wie des Wildes, der 





*) Alle diefe Volksſiämme fapen in ber Indifchen Provinz 
Labore. a 
»2) Bon Diefen wird unten Kap. 25. die Nebe ſeyn. 
*44) Im Griechiſcheu Mnpoc. 
+) Vermuthlich in ber zu Afghaniftan gehörenden fruchtbaren 
Ebene von Pifhaur; wenn das Ganze nicht. eine von 
der Bacchusſsmythe entlehnte Sage ift. 








Sechstes Bud. | 645 


I and anderer Thiere erzählt wird, foll in den übrigen 
en des Werkes an den geeigneten Gtellen angeführt 
en. Bon den vier Gaträpien wird etwas weiter unten 
tede feyn : jegt eilen wir im Geiſte zu der Infel Tas 
ine. 

11. Vorher jedoch find noch einige andere Inſeln zu 
hnen. Patale erfiredt ih, wie wir fhon *) bemerkt 
ı, zwifhen den Mündnngen des Indus, bat eine drei⸗ 
: Seftalt und ift 220,000 Schritte [as M.] breit. Aufs 
(db der Inousmündung liegen Chryſe und Argyre, **) 
‚ wie id) vermuthe, reich an edeln Metallen: denn daß, 


Manche erzählen, der ganze Boden derfelben aus Bold“. 


Sitber beftehe, kann ich nicht wohl glauben. Won dies 


ift Erocala 20,000 Schritte [a M.] entfernt; 12,000 - - 


itte [22/s M.] weiter folgt Bibaga, *”*) welches Ueber: 
an Auftern uud Mufcheln hat; dann Zoralliba, 9000 


— 


itte [15 M.] vom der oben genannten, und endlich 


viele andere unbedeutende. 

XXIV (zum). 4. Taprobane [Geilau] wurbe lange für 
ndere Hälfte der Erde gehalten, und deßhalb das Land 
Untichthonen [Gegenfüßler) genannt. Erft die Seit und 
Thaten Alexanders ded Großen haben zu der Gewißheit, 


) Kap, 23, . 1. 

) Andere fegen biefe Infeln füdöftrich von der Mündung 
des Ganges; daß ſie Phantafitebilder find, zeigen ſchon die 
Namen. 

) Wahrſcheinlich Khurna bei ber Beludſchiſtan'ſchen Hafen⸗ 
ſtadt Kuradſchi; Crocala und Toralliba lagen alſo gleich⸗ 
falls nahe an den Indusmundungen. 


646 C. Plinius Raturgefchichte. 


daß es eine Inſel fen, geführt. Snefleritus, der Flotten⸗ 
führer dieſes Königs, berichtet, daß ed daſelbſt größere und 
zum Kriege tauglichere Elephauten gebe, *) als in Indien. 
Megafthenes fagt, daß die Inſel in der Mitte von einem 
Fluſſe durchſchnitten werde, **) daB ihre Bewohner deu 
Namen Palädqonen führen, und daß diefe an Gold und 
großen Perlen reicher feyen,, als die Inder. 2. Eratoſthe⸗ 
nes gibt auch ihre Größe **", an, für die Länge nämlich 
‚7000 Stadien [175 M.] und für die Breite 5000 Stadien 
1125 M.]; nad ihm foll man auf ihr Beine Städte finden, 
wohl aber ſiebenhundert Dörfer. Gie beginnt am Goifchen 
Meere und zieht fih von Oſten nach Weſten vor Indien 
hin. Früher glaubte man, fle liege zwanzig Schifftagreifen 
von dem Volke der Praſier, weil man nur auf Gdiffen 
aus Papyrusftauden,, die auch nnr mit dem auf dem Nil 
gebräuchlichen Takelwerke vericehen waren, die Ueberfahrt 
machte; fpäter aber wurde die Entfernung nad) dem Laufe 
unferer Schiffe auf fieben Zagreifen geſchätzt. 3. Dazwiſches 
liegt ein ſeidtes Meer, das im Allgemeinen nicht über ſechs 
Schritte Höhe hat, in gewiffen Kandten aber fo tief if, daß 
fi) Bein Unter ſetzen läßt, weßhalb denn auch die beiden 
Enden der Schiffe als Vordertheile gebant find, damit man 


*) Der Elephant wird auf Seilan nicht fo hoch, wie im 
Bengalen; wohl aber ift er kühner und flärker. 
*, Megafthened meint den Mallvagunga oder ben Muliwabdby; 
Peiner berfelben aber durchſchneidet die Infel in der Mitte, 
”.*) Die Maße find viel zu groß. Die Länge von Norden 
nach Süden beträgt 58 M., die größte Breite von Oſten 
nad, Wellen 34 M. 





Sechstes Bud. 647 


deu Rumpf in dem ſchmalen Fahrwaſſer nicht au wenden 
braucht. Die Ladungsfähigkeit eines ſolchen Schiffes beträgt 
dreitanfend Tonnen. *) Von Beobachtung der Beflirue weiß 
man dort bei der Schifffahrt nichts, und der grpße Bär ift 
unfihtbar. Man nimmt Vögel mit ſich, fest deren öfter 
in Sreiheit, und folgt, da fle ſtets bem Lande zueilen, ihrem 
Aluge. Auch halten fie das ganze Jahr hindurch nicht mehr 
als vier Monate die See; am meiften ſcheuen fie die erften 
hundert Zage nad der Eommerfonnenwende, weil es um 
dieſe Seit auf jenem Meere wintert, 

4. Go weit reihen die von den Alten: mitgetbeilten 
Nachrichten; genanere Kenntniß haben wir unter der Res 
gierung bes Kaiferd Elaudins, als fogar Geſandte von jener 
Inſel zu und kamen, erhalten. Dieß geihah auf folgende 
Weiſe. Ein Breigelaffener des Anuins Plocamus, welcher 
die Abgaben am Rotbhen Meere von dem Fiscus gepachtet 
hatte, wurde, ald er Arabien umfegelte, von Norboftwinden **) 
an Carmanien [AUfgbaniftan] vorüber gefdrleudert und nach 
fünfzehn Tagen nad Hippuri, einem Hafen jener Infel, ger 
führt. Er wurde von dem Könige mit gaftfreundlicdher Güte 
aufgenommen, und erzählte, nachdem er in einem Jeitraume 
von ſechs Monaten der Landesfpracdhe mächtig geworden 
war, Diefem auf fein VBerlangen von den Römern und 
ihrem Kaifer. 5. Bon Allem, was er hörte, erregte nichts 





2) Gigentlih Amphoren. Cine Amphora beträgt 1,296 Pas 
rifer Cubikz oll. 
vo, Iſt ſchwer gu begreifen. Es müßten Nordweſtwinde ges 

weten ſeyn. i 


. * WU ., "m 


648 E. Plinius Naturgefchichte. 


fo fehr feine Bewunderung, ald die Gerechtigkeit der Ns 
mer, indem er wahrnahm, daß die bei dem in feine Haͤude 
gefallenen Beide befindlichen Denare alle von gleichem Ges 
wichte waren, da doch die verfchiedenen Bildniffe zeigten, daß 
fie von Mehreren gefchlagen waren. Dadurch am meiften 
zue Sreundfchaft bewogen, fchickte er vier Geſandte, an des 
ren Spise Radıia ſtand. 6. Bon Diefen erfuhr man, die 
Juſel habe fünfhundert Städte und gegen Süden einen Has 
fen bei der Stadt Paläfimunum [Colombo], der berühmte 
ften von allen, *) in welcher allein die Eöniglihe Reſidenz 
zweimalhunderttaufend Menfhen in fich faffe; im Inneren 
fiege der Sumpf Megisba , **) der 375,000 Schritte [75 M.)] 
im Umfange habe und mehrere Infeln, die aber nur Futter 
tragen, umſchließe; aus ihm ftrömen zwei Flüfſe, der Palä⸗ 
fimundus [Mnliwaddy], welcher bei der gleichnamigen Stadt 
in drei Armen, von denen der geringfte 5 Stadien [!/ı Sfunde], 
der bedeutendfte aber 15 Stadien [5. Stunde] breit ſey, in 
den Hafen münde, der andere aber nach Norden und nad) 
Indien hin feine Richtung nehme, und den Namen Eydara 
[Mativagunga] führe; der nächſte Punkt Indiens ſey das 
Borgebirg, welches Coliacum [Kap Eomorin] heiße; bie 
Entfernung befrage vier Zagreifen, und auf der Mitte bed 
Weges liege die Sonnneninfel [Ramanancor]; das Meer 





*) Zafnapatnam Pann nicht gemeint ſeyn. Denn diefe Stadt 
- liegt an der nörblihen Küſte. 

” Wahrſcheinlich if der Pabiwiel Colam, ber größte Bins 
nenfee Seiland, gemeint, Die erwähnten Fluſſe haben 
ſedog weder in dieſem, noch in einem anderen See ihre 

“. 





Sechstes Bud). - 649 
fey hier von dunkelgrüner Zarbe und fen mit Bäumen fo 
dicht bewachien, daß die Gtenerruder die Zweige derfelben 
zerknicken. 7. Der große Bär und das Siebengeſtirn an 
unferem für fie ganz neuen Simmel erregte das Erftaunen 
ber Geſandten. Gie erklärten ferner, daB and der Mond 
bei ihnen nur vom achten bis zum fechzehnten Tage über der 
Erde fihtbar fen, und daß bei Nacht der Canopus, *) ein 
großes helles Geſtirn, leuchte. Das Auffallendfte war ihnen 
aber,” daß ihre Schatten nach unferer und nicht nad) ihrer 
SHimmelsgegend fielen, fo wie daß die Sonne zu ihrer Lin⸗ 
ten auch auf und zu ihrer Rechten untergehe,, und nicht ges 
rade umgekehrt. **) 8. Diefelben erzählten, daß die Geite 
der Inſel, welche id) vor Indien hinziehe, nad Winterfons 
nenaufgang [Oftfüdoften]) hin liege, und 40,000 Stadien 
[250 M.] lang fey; ***) jenfeitd der Emodifhen Berge feyen 
ihnen and) die Seren zu Geſicht gefommen, und durdy den 
Handel bekannt geworden; der Vater des Rachia ſey aud) 
dahin gereist, und die Seren gingen den Antömmlingen ent: 
gegen, fie überträfen den gewöhnlihen Menfchenfhlag an 
Größe, hätten rothe Haare, meergrüne Augen, gäben einen 
widrigen Zon von ſich und wüßten ſich durch keine Sprache 
zu verfländigen. Uebrigens flimmten file mit unferen Kaufs 
leuten darin überein, daß dieſes Volk die neben ihre am 


*) gl. 8. II. Kap. 71. 5. 2 
+) Man braucht wobl nicht zu erinnern, daß Plinius bier 
Fabeln mittheilt, deren Unmöglichkeit jeder Anfänger 
" einfieht. 
°*, Diefes Maß it um mehr als drei Biertel der Summe 
zu hoch. ⸗ 


. 


650 | €. Plinius Naturgefchichte, 


jenfeitigen Ufer eines Fluſſes ausgekramten Berkaufsartitel 
gelegten Waaren binwegnehme, wenn ihnen der Tauſch bes 
hage. *) Sicher verdient die Meppiskeit ſchon deßhald Den 
gerechteften Haß, weil Der einmal von ihr umftridte Ginn 
ohne Unterlaß darauf finut, was er, wo er ed nud wozu er 
es begehren foll. 

9 Doch nicht einmal Zaprobane if, obſchon es bie 
Natur aus unferer Erdhälfte verbaunt bat, von unferen Las 
fern frei. Gold und Gilber haben auch dort Werth, ſchild⸗ 
Prötenartig geflicdter Marmor, Edellleine und Perlen wers 
den noch weit höher geachtet, und all unfere Ueppigkeit Aus 
det ſich dort wieder. Ihre Schätze, meinten die Geſandten, 
ſeyen weit bebentender, wir aber wüßten von unferem Reichs 
thume einen ausgedehnteren Gebrauch zu maden; N-emand 
babe einen Sklaven, Niemand fdylafe in den Tag binein 
oder bei Tage; die Gebäude hätten nur eine mäßige Höhe, 
das Betreide ſchlage niemals auf, von Berichten und Rechts⸗ 
häudein wifle man wichts; dem Herkules erzeige man gött⸗ 
lidye Verehrung ; Alter und Herzensgüte leite das Bolk bei 
der Wahl eines Königs, audy dürfe er Beine Kınder haben; 
würden ihm fpäter noch weldye geboren, fo müſſe er abdau⸗ 
Ben, damit die Herrfchaft nicht erblih werde; ibm würden 
vom Volke dreißig Räthe beigefellt, und Niemand könne ohne 
den einflimmigen Aueſpruqh bee Mehrzahl derſelben zum 





®) Die Seren, ven weligen die Geſandiſchaft erzählte, ſuchen 
Manche (und vielleicht mit Recht) an der ſaböſtlichen 
Küfe Vorderindiens, Andere in Thibet, und halten fie 
mit den oben (Kap. 20. 6. 2.) genannten Sum für ein 
und daſſelbe Wolk. 





— 


Sechstes Bud. 654 


Zode verurtbeilt werden; aber auch fo noch ſtehe ihm Nie 
Berufung an das Votk frei und es würden alsdaun fichens 
zig Richter gewählt ; fpräden diefe deu Beruriheilten fıei, 
fo gereihe Diefes. den Dreißig zur größten Schmach und ihz 
ganzes Anſehen fey dahin; ber König Lleide fid wie Bater 
Liber, das Volk wie die Araber; der König werde, wenn er 
ein Verbrechen begebe, zum Tode vernitheilt; Keiner tödte 
ihn aber, fondern Alle wendeten ſich von ihm ab und Nies 
mand würdige ihn weiter eines Wortes; Feſttage wüıd:n 
mit Jagen zugebradıt, am liebſten befhhäftige man Ad wit 
der Tigers und Elephantenjagd; die Weder würden fleißig 
beſtellt, Weinreben pflauge man nicht, an Obſt aber fey Lies 
berfiuß ; auch mit der Bifcherei vergnäge man id) fehr gern ; 
hbauptfählidy fange man Schildkröten, deren es von folder 
Größe gebe, daß unter ihrem Schilde ganze Familien woh⸗ 
nen Eönnten; hundert Jahre feyen im Durchſchnitte das 


Maß des Menſchenlebens. — Go weit reichen die Nachrich⸗ | 


ten über Taprobane. 

XXV, 4. Mit den vier Satrapien,, *%) deren Befdhreis 
bung wir bie bierher verfchoben haben, verhält es ſich, wie 
folgt. 

C(xiii). Nach den zunaãchſt am Indus liegenden Bölkern 
folgen Bergaegenden. In der Landſchaft Capiſſene **) Lıq 
Die Stadt Eapiffa, welche von Cyrus zesKört wurde; dann 


*) Bol. Kap. 23, $. 10. 
”*, Gin Theil ber jegiaen Afghanittan’fchen Provinz Kabul, 
Die heutige Stadt Pifhaur liegt vielleiyt an ber Sien⸗ 
bed alten Capiſſa. 


urn ,% a, 


652 C. Plinius Naturgeſchichte. 


folgt Aradhyofla *) mit einer Stadt und einem Fluſſe gleichen 
Namens; die Stadt nennen Einige Cophe, und fagen, fie 
ſey von Semiramis erbant; darauf kommt ber Fluß Erv⸗ 
manthus, **) weicher an der Arachoſiſchen Stadt Parabefte 
vorüberftrömt. Zunächſt nady diefen genen Güden hin und 
zum Theil neben die Arachoten feat man die Bedrofer, ») 
gegen Norden bin aber die Paropamiſaden, F mit ihrer 
Stadt Eartana ++) am Caucaſus, weldye fpäter den Namen 
Tetragoniserhielt. Dieferfandftrich liegt den Bactrianern +++) 
gegenüber ; ihm folgt der, deffen Hauptftadt nach ihrem Er» 
bauer Alexandria +”) heißt ; danıı kommen die Gpndracer, 
die Dangalen, die Parapianer, die Eantacen, die Macen +) 

und am Caucaſus die Cadruſen mit einer von n Alexander er⸗ 
bauten Stadt. +*9*) 





*, In der Beludſchiſtan ſchen Provinz Kutſch Gundawa. 
Die Stadt heißt jetzt Lhiri, der Fluß Nari. 
ec) Wahrſcheinlich einer der Steppenfiäffe Beludſchiſtans. Die 
Lage der Stadt Parabefte, die ſonſt nicht vorkommt, umb 
deren Namen in den Handfchriften auf verfchiebene Weiſe 
Hefchrieden wird, iſt unbekannt. 
**., In dem eigentlichen Beludſchiſtan, an ben Grenzen Afs 
ghaniſtaus. 
+) Im norblichen Theile der Provinz Kabul, 
++) Vieleicht bie Stabt Kabul, 
+45 Nämid Balkh. Harbouin hat mit Unrecht die alte In⸗ 
terpunktion diefer Stelle geändert. 
+*) Vielleicht Kandahar. 
+°*) Diefe Völker wohnten am Hindukuſch hin, in dem nörb- 
lichen heile der Afghaniſtan'ſchen Provinz Furrah. 
+7**) Vielleicht Bamjam, an der Haupifiräße, welche durch den 
4 Dunden nad Balkh führt. 


Sechstes Buch. | 653 


2. Unter allen diefen Ländern zieht ſich die Küſte vom 
Indus an fort; in dem von der Sonne verbrannten und von 
Einöden numgebenen, aber von vielen ſchattigen [fencdhtbaren] 
Stellen unterbrochenen Atianifchen Gebiete *) hat fi die 
Iandbauende Bevölkerung hauptfählih um zwei Blüffe, ben 
Zonderos und Aroſapes, **) zuſammengedrängt. Hier findet 
man die Stadt Artacoana [Fuſchenſch] und den Fluß Arins 
[Tedfen], weicher an dem von Alexander erbauten Alexan⸗ 
dria [Herat] vorüberfirömt. Diefe Stadt ift 30 Gtadien 
[ie Stunden] ‚groß; noch ſchöner und älter iſt Artaca⸗ 
bene, ***) weldyed von Antiochns wieder befefligt wurde, 
und einen Flächenraum von 50 Stadien [2'% Stunden] eins 
nimmt. 5. Dann folgen das Volk der Doriccer, +) die 
Blüffe Pharnacotis [Urghendab] und Opbradns [Kaſchrud], 
Prophthaſta [Dfchellatabad] , tie Hauptſtadt der Bariafpen, 
feruer die Drangen, die Evergeten, die Sarangen, die Ge 
droſer, ++) die Städte Peucolais und Lymphorta, +rr) die 


*) Das Arianifche Gebiet begriff alfo ben Tüdäftlichen Theil 

ber Iran'ſchen Provinz Khoraffan, bie Afghaniſtan'ſche 

Landſchaft Siſtan und den jest zu Afghaniſtan gehörenden 

Theil von Khoraffen. 

*0) MWahrfchein! der Hilmend und ber Furrahrud. Die 

Plinianiſche Befchreibung diefer Gegenden ifi fo oberflaͤch⸗ 

Nlich und ungenau, baß eine Vergleihung mit den neueren 
Benennungen faft unmöglich wird. 


.., Iſt wohl mit dem oben genaunten Artacoana eine und ' 


diefelbe Stadt, welche Plinius aus verfchiebenen Quellen 
zweimal anführt, 
PD Süpönlih vom See Lukh, gewöhnlich Zareh genannt, 
+4) Ule an den Ufern des Hilmend. 
+rH) Vielleicht Rodbar und Kykobad, am Hilmend. x 


® 


. 654 C. Plinius Naturgefhichte, 


Wüfte der Metoricer, ) der Fluß Manais, das Volk der 
Augutturen, der Fluß Boren , das Bolk der Arber , der 
foıfibare Fluß Pomarus au den Grensen der Panden, ber 
ebenfalls ſchiſſfſare Cabirus an den Grenzen der Guarer, 
Defien Mündung einen Hafen bildet, die Stadt Condigrams 
ma der Fluß Eophes, **) in weldyen die fchiffbaren Fıüffe 
Sadarus, Parofpus und Godinus fallen. ' 

4. Manche betrachten auch noch Daritis **®) als einen 
Beſtandtheil des Arianifhen Gebiets, und befimmen bie 
Länge beider Länder auf 1,950,000 Schritte [390 M.], die 
Breite aber auf die Hälfteder für Indien angenommenen. +) 
Andere rechnen für das Land der Gedröfer nud Pafiren 
4183 000 Schritte [30% M.], für das der Ichthyophagiſchen 
[ii effenden] Oriten, Tr) welde nit die Indiſche, fon: 
de n eine eigene Sprache ſprechen, 200,000 Schritte [a0 M.], 
nad nach diefen ſetzen fie das Bolk der Urbier +++) auf eine 


”", Jetzt Wüle von Beludſchiſtan genannt, . 

*., Miele halten ben Cophes für ben Flug, welchen Andere 
Arabis (jegt Purally) nennen. Das Land, welches Pi: 
nius bier fehr flüchtig befchreißt, umfaßte bie jegigen Bes 
ludſchiſtanſchen Provinzen Lus und Makran. Die von 
ihm genannten Flüſſe find wohl der Hub, der Agbor, ber 
Duft, ber Sudut und der PYurally, in weichen lepteren 
die Wulta und der Sangani fallen. Die lirber wohnten 
wahrſcheinlich in dem Difirifte Urbn (oder Arbud; Eon: 
digramma ift vieleicht das heutige Kedſche am Duft. 

09), Den weillichfien Theil von Beludſchiſtan und den Sftlich: 
fien von Iran, 
*) Bel. 8. 21.5 2. 
+ Sin der fchon erwähnten Provinz Matran. 
"u Ufern des Puralin. 


Sechstes Bud). | 655 


Strecke von 200 000 Schritten [40 M.]. Alerander verbot 
allen Idthyophagen, ferner von Fifwen zu leden. Hinter 
diefen folgen Wüſten, dann Earmunia, dann Perſlen und 
endiich Arabien. 

XXVI. 1. Ehe wir aber zur weiteren Beſchreibung die⸗ 
ſer Länder ſchreiten, wird es erſprießlich ſeyn, den Bericht 
des Dneflcritus, welcher anf der Flotte Alexanders von In⸗ 
din aus bis tief in den Perſiſchen Meerbufen fegelte, fo wie 
ihn Fuba vor nicht langer Zeit mittheilte, anguführen, und 
dann von dem Fahrwege zu fprechen, den man in den lebten 
Fahren entdedte, und der bis auf den heutigen Tag einges 
halten wird. Das Tagebudy des Onefltritus und des Nears 
Aus ”) gibt weder die Namen der Landungspläge, noch die 
Entfernungen an. **") und fon von vorn herein ift es nicht 
reht Bar, an welchem Fluſſe oder wo überhaupt das von 
Alerander erbante Eylenepolis, ***) vom wo bie Blotte auss 
lief, lag. 2. Der Bericht enthält jedody folgende bemers 
tenswerthe Einzelheiten. Zuerſt wird die von Nearchus auf 
diefer Fahrt erbante Stadt Arbis #) genannt, dann der Fluß 
Nabrus, Tr) welder Schiffe trägt, - ferner das an der Örenze 


*) Weber Nearchus, Oneficritus und Tuba vol. die Bemer⸗ 
Lungen zu. den in biefem Buche benützten Quellen. 
”°,) Daß bad Driginal fo ungenau geweien feyn foll, laͤßt ſich 
nicht wohl glauben ; biefe wefentlichen Punkte fehlten aber 
vielleicht in Juba's Bearbeitung. 
2, Man hält diefe Stadt flr das jeßige Lahara:Bunder am 
Indus, , in dem Beludfchan’fchen Diftrifte Tattah. 
+) Wielleicht das jenige Fort Babdi an einem Kanal be 
Indus. 
17) Bielleicht die weſtlichſte Muindung bed Indus, 


656 C. Plinius Naturgefhichte. 


diefes Küſtenvolks von Leonnatus auf Befehl Alexanders er⸗ 
baute und von einer gegenüberliegenden Inſel [Khurna] 
70 Stadien [3!/z Stunde} entfernte Alexandria [Kuraiſchi], 
Argenns, ) mit einem gefunden Hafen und der ſchiffbare 
Fluß Tuberus, ») an welchem die Paflren wohnen. 3. Dann 
folgen die Ichthyophagen, ***) auf einer fo langen Küften- 
firede, daß man zwanzig Tage brauchte, um an ihr vorüber 
zu fahren ; die Inſel, welche Sonneninfel oder auch Nym⸗ 
phenlager heißt; +) ſie ift von röthlicher Farbe und jebes 
Thier kommt durd) unbetannte Urfachen ſogleich auf ihr 
um; ferner das Volk der Orer und der Carmaniſche Fuß 
Hptanis, Fr) weldher einen Hafen an feiner Mündung bietet 
. amd Bold mit fidy führe. Bon diefem Fluß an, bemerken 
die Seefahrer, hätten fie zuerft den großen Bär gefehen; 
der Arcturus +++) ſey weder alle Nächte nody die ganze 
Nacht hindurch fihtbar gewefen. Bis hierher habe auch die 


*, Vieleicht Sonmeany an der Mündung bed Purally. 
**), Vielleicht der Hub, welcher in die Sonmeanybai fällt, 
**, An der Küfte der weftlichen Hälfte von Belubfchifian. 
pP Vielleicht Sungabip, wenn anderd die Sonneninfel kein 
Phantafiebild iſt. 
+7) Kein Anberer fpricht an biefem Küflenpunkte von Orern 
oder einem Fluſſe Hytanis. Irrt fih Plinius nicht, fo 
find Volk und Fluß nahe an dem Perfifhen Meerbufen 
zu fuchen, 
+tD Ein heller” Stern erfiee Größe zwifchen ben Knieen bes 
Bootes. Dünfte haben vielleicht ben Seefahrern biefe 
Gternbilder häufig unfichtbar gemacht. 








Sechstes Buch. | 657 


Herrfhaft der Achämeniden *) gereicht; bier grade man Erz, 
Eifen, Arſenik und Mennig. **) 

4. Weiterhin kommt das Vorgebirg ***) Earmaniens: 
die Ueberfahrt von diefem bid zu dem auf der gegenüberlies 
genden Küfte wohnenden Arabiſchen Volke der Macen bes 
trägt 50 000 Schritte [10 M.]; 25.000 Schritte [5 M.] vom 
felten Lande liegen drei Infeln, von denen nur Dracla 
[Kiſchmiſch] Waſſer hat und bewohnt wird; weiterhin ſchon 
in dem Meerbufen nnd vor Perflen. vier andere ,'+) bei des 
nen zwanzig Klafter lange Seeſchlangen herbeifhwammen 
und die Flotte in Schreden febten; dann die Inſel Acrota« 
dus, +H die Gauraten, ++} auf welden der Volkeſtamm 
der Ehianer wohnt; dann mitten im Perſiſchen Bufen der 
Fluß Hyperis [Darabin], weicher Laftfchiffe trägt ; der Fluß 
Sitiogagus [Sitaregan], auf dem man in fieben Zagen 
nad Pafargadae [Barabicherd] fährt; der fchiffbare Fluß 
Seratemis 79) [Khiſch] und eine namenfofe Infel. 5. Der. 


®) ©o heißen bie Perferkönige bis auf Darius, ald Abkömm⸗ 
Iinge des Perfifchen Könige Achaͤmenes. Vgl. Herodot, 
I, 125. VIII, 11. 
ee) Mol, ©. XXXũI. 8. 36. 37. Die Iran'ſche Provinz 
Kerman Hiefert noch diefe Produkte. 
*0) 88 führte den Namen Harmozon, und heißt jegt Jask. 
+ Srur, Bnmofe, Tunb und Funb Namin, am Cingange 
der Straße von Muffendom , welche ben Golf mit dem 
Bahr Drmian verbindet. 
++) BVielleicht Schech Surde. 
+rF) Bielleicht Buſcheab, Schittuar und Hinderabi. 
+9) Berbeſſerung Hardouin's. Die Hendſchriren leſen Phry⸗ 
ſtinus. 


E. Plinius Naturgeſch. 68 Bochn. 6 





nd 


668 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Fluß Granis [Righ], welcher Schiffe von Mittelgröße trägt, 
ſtrömt durch Suflane ; rechts von ihm wohnen die Deximon⸗ 
taner, welche Pech zubereiten. Weiterhin folgen der Fluß 
Zarotis [Tab], in deſſen Mündung nicht leicht Jemand, der 
des Ortes nicht Eyndig iſt einlaufen Bann, und zwei kleine In⸗ 
fein, *) von denen an dad Fahrwaſſer fehr feicht und ſumpf⸗ 
ähnlich wird; man bahnt fih aber durch einige. fdymale 
Strömungen den Weg; endlih kommen die Mündung des 
Euphrat, der Gee, welchen der Euläus [Karun] und der 
Tigris dei Charar **) bilden, und weiterhin om Zigris 
Sufa [Ecdhufter). Hier fanden fie Ulerander bei fefklichen 
Gelagen ,***) im fiebenten Monate nad) ihrer Trennung zu 
Patale und im dritten ihrer Seefahrt. Auf diefe Weife 
machte die Flotte Wleranders ihren Weg. Gpäter hielt: man 
es für das Sicherfte, von dem Arabiſchen Vorgebirge Sya⸗ 
grum [Bartaich] mit dem Weſtwind, weichen man bort Hips 
palus nennt. nach Patale zu Segeln, und ſchätzte die Entfers 
nung auf 1,532,000 Schritte [266?/; M ]. 

6. Die Folgezeit zeigte noch einen näheren und fiherern 
Weg, in der Richtung nämlich von dem erwähnten Borges 
birge-nach tem Indiſchen Hafen Sigerus. H Man blieb 
Iange Zeit bei diefem Fahrweqe, bi! einem Kaufmann eine 
voch ſchnellere Ueberfabrt glüdte, und Indien der Gewinne 





9 Wahrfcheintich ahareiſcd und Kargu. 
2 S. Kap. 31. S. 12, 
I Er feierte feine Hechzeit. 
8 Un ber Mündung des Indus. Bol, Kap. 23. $. 1. 


ıD ein unbefaunter Dst, = 











Sechstes Bud. 659 


fuht näher gerüdt wurde, ' Seitdem macht man tie Reife 
jedes Jahr, und nimmt Schaaren von Bogenſchützen an 
Bord, weil der Weg durdy Seeräuber höchſt unficher ges 
macht wird. Wir haften ed der Mühe werth, die ganze 
Reife von Aegypten aus näher zu befchreiben, da fie uns 
jegt erſt durch zuverläßige Nachrichten bekannt geworden 
it. Die Sache verdient Aufmerkfamkeit; denn in einem 
‚Zahre zieht Indien weniger als 50,000,0000 Geftertien 
[4,773,6141 Gulden] ans unferem Reihe, und fendet uns 
Waaren dafür, die um das Hundertfache verkauft werden. 

7. Zweitaufend Schritte [?/; M.] von Alerandria liegt die 
Stadt Juliopolis; *) von da fährt man auf dem Nil eine 
Gtrede von 303,000 Schritten [60° M.] bis nadı Eoptus 
[Ruft], welhen Weg man mit Weſtnordweſtwind in zwöl 
Tagen zurüdiegt. Von Coptus aus reist man zu Kameel 
weiter und zwar in Stationen, die durch die Wafferpläge 
bedingt werden. Die erfte heißt Hydreum, **) und beträgt 
52,000 Schritte [6° M:]; die zweite ift eine Tagreife weiter 
und auf einem Berge, die dritte an einem andern Hydreu⸗ 
ma, 95,000 Schritte [19 M.] von Eoptus, die folgende wies 
der anf einem Berge, die nächte bei Neuhydreum, 233,000 
Schritte [a6 M.) von Eopfus. 8. Es gibt aud ein 


' 





2) Vielleicht Nicopolid, ein Ort, welcher nahe an dem von 
Alexandria zum Nil führenden Kanale lag, und gewöhn: 

. Yich als eine Vorſtadt Alerandria’s galt. 
=*) Hydreum und Hydreuma heißt nichts Anderes ald Waſ⸗ 


ferplag. 
6 % 


660 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Alibydreum, welches das Troglodytifche heißt, und wo eine 
Bade von zweitaufend Mann in einem Blocdhanfe lagert; 
25 iſt von Neuhydreum 4000 Schritte [*; M.] entfernt. 
Bon bier fommt man zur Stadt Berenice, *) welde von 
Boptus 258.000 Schritte [513/; M.] entfernt if, nnd wo man 
ſich auf dem Rothen Meere einfchiffts da aber der größte 
Theil der Reife der Hitze wegen bei Nacht gemacht wird, und 
man den Tag auf den Ruhepläben zubringt, fo braucht man 
zu dem ganzen Wege von Coptnus nad) Berenice zwölf Tage. 
9. Die Geereife beginnt in’ der Mitte des Sommers 
vor dem Aufgaug des Hundgeſtirns, oder ſogleich nach dem 
Aufgauge deffelden. Am dreißigfien Tage ungefähr fommt 
man nad Ocelis **%) in Arabien, oder nah Caue [Keſchin] 
in einer weihrauchtragenden Landſchaft. Ein britter Hafen 
heißt Muza [Mauſchid], den aber nicht die Indienfahrer, 
fondern nur die Kaufleute, welche mit Weihrauch und andern 
Arabifhen Wohlgerüchen handeln, beſuchen. Weiter im Ins 
neren liegt die Hauptſtadt diefer Gegend, melde den Na⸗ 
men Gaphar, ***) und eine andere, weldye Save +) beißt. 
Für die nad) Judien Neifenden iſt die Abfahrt von Dcetis 
Die vortheilhaftefte. Von da fegelt man man mit dem Winde 
Hippalus [Weſtwinde] in vierzig Zagen nah Muziris 





*) Die Ruinen, welche man jegt Haboo (Kabu) Gray nennt, 
lagen an ber Foul⸗Bai (23° 50° N. Br.) 
) ag an der Straße Bab⸗el⸗Mandeb. 
+) Noch jetzt heißen bie Ruinen biefer Stadt Safar; fie lie⸗ 
— Jemen im Bezirke Scherim, bei dem Dorfe Ma⸗ 
raſſe. 


vag in Jemen, auf dem Berge Gabber, im Bezirke Tas. 


x 








Sechstes Bud). 668 


[Mangalore], dem erften Stapelplape Indiens, nad welchem 
man aber der Geeräuber wegen, die ſich in der Nähe an eis 
nem Drte, der Nitriä [Earwar] heißt, aufhalten, nicht geru 
fleuert, und wo man auch Beinen bedeutenden Waarenvorrath 
findet. 410. Außerdem liegt die Rhede für bie Schiffe zu 
weit vom Lande: man muß die Ladung auf Kähnen herbei» 
ſchaffen, und auf diefelbe Weife Löfdfen. Hier herrſchte, als 
ich Dieß ſchrieb, Eelebothras. Bei dem Volke der Necanis 
den findet man einen weig befferen Hafen, weldyer den Na⸗ 
men Barace [Biziadroog) führt. Hier herricht der König 
Dandion in einer weit von dem Gtapelplage nad) dem In⸗ 
neren hin liegenden Stadt, Modufa [Madura] genannt. 
Die Gegend aber, ans weldyer der Pfeffer in Kähnen, bie 
ans einem einzigen Baumflamme verfertigt ſind, nady Bas 
race gebracht wird, heißt Gottonara [Canara]. Alle dieſe 
Bölker s, Häfen: und Städtenamen findet man bei keinem 
der früheren Gchriftiteller, woraus erhellt, daß der Zuſtand 
der Orte Veränderungen unterworfen fey. 411. Aus Indien 
fit man zu Anfang des Aegyptiſchen Monats Todis, 


welcher unferem Dezember entfpricht, oder Doch ſpäteſtens 


am fechsten Tage des Aegyptiſchen Monats Medjir, nämlich 
während der Idus [pi zum dreizehnten Tage] unferes Jar 
nuars zuräd ; und jo kommt es, daß man nody in demfelben 
Fahre die Heimreife antritt. Man fegelt von Indien her 
mit dem Binde Bulturnus [Oſtſüdoſt), nnd wenu man in 
Das Rothe Meer eingelaufen ift, mit dem Africus ſSüdweſt] 
oder Auſter [Süd]. Kehren wir jetzt zu unſerer Aufgabe 


zu rück. ia 
XXVII. Die Küfte Carmaniens [Kerman], ſchr 


* 


m opugt vd vn, 


662 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Nearchus, iſt 1 260,000 Schritte [250 M.] lang.. Bon ihrem 
Anfangspunkte bis zum Fluffe Sabis *) find 400,000 Schritte 
[20 M.]. Von bier an bis zum Fluſſe Undauis [Rebe 
Ibrahim] werden auf einer Gtrede von 25,000 Schritten 
[5 M.] Weinberge und Selder gebaut. Die Gegend beißt 
Armuzia. Städte Carmaniens find Zethis und Alerandria. **) 

XXVIIU. 4. Auch in diefem Theile Aſſens bricht ein 
doppeltes Meer in das Land herein; unfere Landsleute nen⸗ 
nen es das Rothe, die Griechen aber das Ervytbräiſche, 
entweder von dem König @rpibras ‚”) oder von feiner 
rothen Zarbe, welche nad einer Meinung durch die Bre⸗ 
hung der Sonnenfirahlen, nad einer anderen von dem 
Sand und dem Boden hervorgebracht werden, nad einer 
dritten eudlich dieſen Waſſer von Natur eigenthämtich 
feyn ſoll. 

(xxiv). Es theilt ſich in zwei Bufen, von denen der 
nad Dften bin liegende der Perfifche heißt, und nad der 
Angabe des Eratoſthenes 2,500,000 Schritte [500 M.] im 
Umfang bat. Gegenüber liege Wrabien, deſſen Länge 
4,200,000 Schritte [240 M.] beträgt, und das auf feiner 
andern Seite von dem zweiten Meerbufen, welcher der 
Arabiſche genannt wird, umgeben iſt.“ 2. Der [in bie Bu⸗ 
fen] einfrömende Dcean heißt der Azaniiche. > Der Per 
ſiſche Meerbufen hat an feiner Mündung eine Breite von 


*, MWahrfcheinlich ein unbedeutender, jegt namenlofer Küs 
ſtenfluß. 
29) Die Lage dieſer beiden Stadte ut fi nicht beflimmen, 
u A. Eurtins, VIII, 9, 14. X. 1. 13, 
“das Urabifche Meer genannt. 


- 





Sechstes Bud. 663 


5doo, nach Andern von 4000 Schritten. %_ Den geraden 
Weg von der Mündung bis zum innerſten Winkel des Bus 
fens berechnet man mit ziemlicher Gewißheit auf 1.125 000 
Säritte [225 M.]. **) und vergieiht feine Geſtait mit der 
Form eined Menſchenkopfes. Nach der Angabe des Oueſi⸗ 
critus und des Nearchus beträgt die Entfernung vom Ziuffe 
Fudus bis in den Perfiſchen Meerbufen, und von da, die 
Eümpfebes Suphrates aufwärts dis nad) Babylon 2,500,000. 
Schritte [500 M.]. 

35. In dem änßerfien Winkel Carmaniens findet man 
die Chelenephagen [Scildfröteneffer] welche mit den Schea: 
len der Schitdtröten ihre Wohnhütten bededen, und das 
Fleiſch Diefer Thiere verzehren. ie wohnen vom Sluſſe 
Arbis [Eudfchi} an um Das Borgetirg [Fast] ſelbſt, And 
am ganzen Körper, das Antlitz ausgenommen, behaart und 
kleiden ſich in Fiſchhänte. 

(xsv). Auf dem Wege von ihrem Lande nach Indien Hin 


liegt im Ocean die wüſte Jaſel Baicandrus Laredſch)j, 


weiche 50,000 Schritte [to M.] groß ſeyn foll, und neben 
ihr, nur durch eine Meerenge ton ihr getrennt, Gtoidis 
ſHormus] mit einträgticher Pertenfiiherei. 9%. Bon dem 
Beorgebirge an greiizen an die Carmaner die Armozeer. 
Manche ſtellen -zwifchhen beide anf eine Küftenftrede von 





2) Hier fcheint fi ein Fehler in den Text eingefchlichen zu 
baven, wenn nicht Plinius felbft and Nachlaͤßigkeit einen 
foren beging. Denn bie Straße von Ormus iſt nicht 
1 M., fondern 10 M. breit, . 

⸗20) Diefe Zahl if viel su groß. Die Länge bed Periifchen 
Golfs beträgt höchſtens 140 M, 


NW 


or 


— 


664 C. Plinius Naturgeſchichte. 


402,000 Schritten [86°/; M.] die Arbier.*) Hier findet man 
den Hafen der Macedonier [Fast], auf einen Vorgebirge 
[Mubaruk)] die Altäre Alexanders, die Flüffe Saganos 
[Diwrud], Daras [Darabin] und GSalfos [Litaregan] ; nach 
diefem das Vorgebirg Themiſteas [Kenn] und die bewohnte 
Inſel Approdifiae [Kiſchm). Hier beginnt Perſis [Fars], 
und reicht bis zum Fluſſe Oroatis [Tab], welcher es von 
Elymais [Khuſſſtan] fcheidet. Vor Perſis liegen die Juſeln 
Philos [Buſcheab), Caſandra [Schittuar) und das dem 
Neptun geheiligte Aracia [(Hinderabi] mit einem ſehr hohen 
Berge. Perfis ſelbſt, weiches gegen Welten hin liegt und 
eine Küftenftrede von 550 000 Schritten [110 M.] einnimmt, 
ift bis zum Uebermaße reich, wird aber ſchon feit langer 
Zeit unter dem Namen des Reiches der Parther mitbegrif: 
fen. Ben der Herrſchaft der lepteren mäflen wir bier Ei⸗ 
niges faqen. 

XXIX. 1. & gibt: in Allem achtzehn Dortbifche Reihe: 
auf Diefe Weife bezeichnet man nämlich die Provinzen, 
welche (wie wir ſchon **) bemerkt haben) um zwei Meere, 
das Rothe gegen Süden und das Hprkanifde'gegen Norden, 
liegen. ilfederfeiben,, weiche die oberen heißen, beginnen 
an der Grenze Armeniens und den Befladen des Caſpiſchen 
Sees; fie liegen nah" den Schthen bin, deren Lebensweiſe 
man aud ſchon hier findet; die fieben übrigen werden 





*) Die Urmozerr unb Arbier mohnten alfo in bem jegigen 

Kerman’fhen Difiritte Moghiftan. UAn die Armozeer 
erinnert noch der Name ber Inſel Hormus. 

*.,, Kap. 16. $. 1. 


x 











untere Reihe genannt. 2. Was die Parther betrifft, fo war 
das eigentliche Partbien immer an dem Buße der ſchon öf⸗ 
ter genannten Berge, *) welche alle diefe Bölker umgeben. 
Es fößt gegen Dften an die Urier, gegen Süden an Car⸗ 
manien und an die Ariauer, gegen Welten an die Pratiti« 
fhhen Meder, gegen Norden an tie Hprcaner, und if allents 
halten von Wüſteneien umgeben. **) Die weiterhin [nady 
Dften zu] folgenden Parther nennt man Nomaden; dieffeits 
[rad Welten hin) liegen Wüſten. Ihre Etädte ſind im 
Welten Jffatis und Calliope, von deren ſchon ***) die Rede 
war ; im Nordoften Europum, +) im Südoſten Mania, ++) 
in der Mitte Hecatompylos Damaghan], die Neildenz des 
Arſaces, und das berühmte Nicäa [Nefa] in der Landſchaft 
: Barthyene, wo and) Alerandropolis liegt, welches nach ſei⸗ 
nem Erbauer benannt ift. 

(vi), 5. Es ift nothwendig, bier anch die Lage der 
Meder näher zu bereichnen, und die Vordergrenze des Lan⸗ 
des bis zum Perflihen Meere zn befchreiben, damit dann 
Das, Uebrige leichter überfehen werden könne. Medien tritt 
von Welten her in fchräger Richtung Parthien quer entgegen, 


e) Der Caucafiſchen. Kap. 16. $. 1. 

*o) Das eigentliche Partbien umfaßte alfo den bſtlichen Theil 
ber, Provinz Irak und den wefllihen ber Provinz Ehos 
raſſan. 

”.r. Kap. 17. $. 2. 

+) Gie bieß fpäter Rei; auch von diefer neueren Gtabt fins 
det man nur Trümmer, etwas füdöflid von Teheran. 

TYP) Diefe Stadt, beren Sant unbefannt if, Kommt fonft 
nicht vor, 


666 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und ſchließt die beiderlei Reiche *) ein. Es grenzt alſo 
öſtlich an die Caſpier und die Parther, ſüdlich an Sittacene, 
Suflane und Perſis, weſtlich an Adiabene und nördlich an 
Armenien. **) 4. Die Perfer wohnten von jeher am Rothen 
Meere, weßhalb diefer Bufen aud der Perfifhe genannt 
wird; die Küſtenſtrecke ſelbſt beißt Syrtibolos; ”**) die 
Stelle aber, wo fle ſich nach den Medern bin erhebt, Cli⸗ 
mar Megale [aroße Steige], weil man durch einen engen 
Zugang +) einen Berg bis nach Perfepolis [Ifacdır) , ter 
von Alerander [350 v. Chr.] zerflörten Hauptſtadt des Reis 
des, auf Stufen mühſam hinaufſteigt. Außerdem findel 
man noch an den äußerften Grenzen das von Antiochus ++) 
erbaute Laodicea. T1}) 5. Deftlid von da befigen die Ma: 
ger das Kaflell Paffagardä [Darabfcherd], in welchem ſich 
Das Grab des Eyrus +*) befindet; Echatana, eine andere 


*) Namlich die eilf oberen und bie fieben unteren Reiche oder 
Provinzen, von denen zu Anfang dieſes Kapitels die 
Rede war. 

ꝛ95) Medien umfaßte demnach eine bedeutende Strecke bed 
Merfifhen Reiches, nämlich bie heutigen Provinzen his 
Ian, Aferbeibfchan, den weillichen Theil von Maſanderan 
und die größere weltliche Hälfte von Irak. 
esey Bon Zuprs und Aulos, ein ſyrtenaͤhnliches Land (der 
jegige Bezirk Kobab). 

+) Der Engpaß Sufrab bei dem Schloffe Kalai Sefib. 

+4) Dem erfien dieſes Namend (282—262 vor. Ehr.), bein 
Sohne des. Seleucus Nicator. 

+7) Die Lage fowohl dieſer Stadt, als aud) des ſogleich fols 
genden Schatana (verfchieden von ber gleichnamigen Haupt⸗ 
ſtadt Mediens) ift unbekannt. 

+) Vgl. Arrianıs de exped. Alexandri, VI, 29, 





Sechsſtes Buch. - | 667 


Gtadt der Mager , wurde von König Darius nadı dem Bes 
birge hin verlegt. Zwiſchen den Parthern und Arianern zies 
den fi die Parätacener hin. *) Bon diefen Boltsttämmen 
und dem Euphrat werden die nnteren Reiche eingefchloflen. 
Auf die übrigen werden wir, fobald wir Mefopotamien (jes 
doch mit Ansnahme der Spitze defielben und der ſchon im 
Dem vorhergehenden Bude *%) beiprodhenen Arabiſchen 
Stämme) beſchrieben haben, zurückkommen. =) 

XXX. 4. Mefopotamien +) gehörte gang den Affyriern. 
Die Bevölkernug war, wenn man die- Städte Babylon +7) 
und Ninns HF) ausnimmt, in Dörfern zerfirent, wurde 
aber der Fructbarteit des Bodens wegen von den Mack 
doniern in Gtädte vereinigt, und man findet jept außer dem 
eben genannten noch die Städte Selencia, +*) Laodicen, t°*) 
Artemifta [Deftagerd], ferner bei dem Stamme der Araber, 
weiche Oreer und Mardaner beißen, Antiochia [&ftetlat], 
welches von Nicanor, einem Statthalter Mefopotamiens, ers 
bant wurde, und das Arabiſche heißt; daran floßen landeins 


» % dem füdliden Striche der Provinz rat, 
”*, B. V. Ray. 2l, 
59, Kay. 31. 
+) Die Ejalets Moſſul, Diarbefr und Ratte, 
++) Man findet die Ruinen von Babylon etwas nörblich vom 
der Stadt Hille am Frat. 
+++) Soll an der Stelle des heutigen Dorfes Nunia, auf ber 
Dftfeite des Tigr, Mofful gegenuͤber. geſtanden haben. 
+*) Ruinen ungefähr fünf Meilen füpdöftiih von Bagdad am 
Tigr, an einer Stelle, weldye AI Mobain beißt. 
+") Eine ber ſechs von Seleucus gebauten Städte dieſes Nas 
mens, deren Lage unbekannt ift, 


' 


668 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wärts die Eldamariſchen Araber, 2. Oberhalb derſelben am 
Fluſſe Pellaconta INehr Kutal] findet man tie Stadt Bara, *) 
die Salmanifchen und die Mafeifchen Araber. Un die Gor⸗ 
dyäer 9%) aber grenzen bie Aloner, durch deren Gebiet der 
Fluß Zerbis "N in den Tigris fällt, die Azonen, das Berg« 
vote der Silicer und die Oronten ; weſtlich von dieſen liegt 
die Stadt Baugamela [Enkewat], deßgleichen Sue in einer 
felfigen Gegend ; oberhalb derfelden folgen die Claſſſtiſchen 
Silicer, durch deren Gebiet der Lyeus [3ab] aus Armenien 
berfirömt , der Abfidris IAltunſu) nah Südoſten Hin und 
die Stadt Azochis; dann in der Ebene die Stätte Diospage, 
Polytelia, Stratonice, Anthemus ſDſcharmely], und in der 
Nähe des Euphrat Nicephorium [Rakka], weiches, wie wie 
ſchon +) gefagt haben, Ulerauder wegen der günfltigen Lage 
des Ortes zu erbauen befahl. 3. Won Apamea wurde 
ſchon ++) bei Zeugma geſprochen; geht man von hier nad 
Oſten hin, fo kommt man zu einer vorzüglich befefligten 
Stadt, welche einſt 70 o Stabien.[3' Stunden] im Umfange 





*, Diefe Stadt kommt ſonſt nicht vor; vielleicht muß man 
Dura leſen. 

*0) Oper Corbuener. Vergl. Kap. 17. 6. 2. Die Aloner, 
Azonen, Silieer und Oronten wohnten alſo in den Eja⸗ 
lets Schehrſor und Bagdad. 

°., Plinius macht hier aus einem Fluſſe zwei. Denn ber 
Zerbis ift Fein .anberer als ber Lycus Gab), welcher Bei 
den Eingeborenen jeut noch Barb heißt, Vgl. C. Mans 
nert Geogr. ber Er. u, Rom. Bd. V. Abthl. 2. (Reipz. 
32 8.), ©, 319. 

») B. V. Kay. 21. 4. 1. 

= V. Kap. 9 5. 2 





Sechstes Bud). 669 


hatte; fle hieß die Nefidenz der Satrapen und in ihr floßen 
Die Tribute zufammen: jett iſt fie zu einer Burg herabges 
funten. Im alten Sufaude findet man noch Hebata und 
Oruros, der. von Pompejus dem Großen beflimmte Grenz 
pundt des Römiſchen Reiches, 250,000 Schritte [60 M.] 
von Sengma. Manche behaupten, der Euphrat fey auf 
Betrieb des Statihaltere Gobares da, wo er fid) nach ums 
ferer früheren Bemerkung *) fpaltet, abgeleitet worden, bas 
mit er nicht durch feinen allzurafhen Lauf Babyionien 
Schaden bringe, Bei allen Affyrern führt er den Namen 
Armalchar, was fo viel als ?öniglicher Fluß heißt. Wu der 
Ableitungsftelle lag Wgranum, eine der größten Städte, 
welche aber von den Perfern zerftört wurde. 

4. Babylon, die Hanptfladt der Chaldäiſchen Stämme, 
bewahrte lange Zeit ihren über die ganze Erde verbreiteten 
Ruhm, weßhalb aud) der Übrige Theil Mefopotamiens nud 
Affyriens den Namen Babplonien erhielt. Ihr Umfang 
betrug 60,000 Schritte [12 M.], ihre Manern hatten eine 
Höhe von 200, und eine Breite von 50 Buß, wobei man 
nod) bemerken muß, daß jeder Fuß um drei Singer größer 
ift, als der unfrige; durch fle ſtrömte der Euphrat , deſſen 
&infaffung ein eben fo bewundrungswürdiges Werd war, 
als die Mauern. Jetzt ſteht nur nody der Tempel des Ju⸗ 
piter Belus, welcher der Erfinder der Sternkunde if. 5. Im 
Uebrigen ift fie eine Einöde geworden, indem das nahe Ges 
leucia ihre Bevölkerung an fi zog. Nicator *8) hatte 





*) B. V. Jap. 21. §. 4. 
2, Seleneus Nicator regierte von 312 bi8 282 vor ehr. ’ 


670 » C. Plinius Naturgefhichte. 


auch eine andere Abſicht, als er diefe Stadt nicht einmal 
ganz neunzig [Röm., 18 geogr.) Meilen davon an dem Zu⸗ 
fammenfiuffe eines Fünftlihen Euphrattanales und des Ti⸗ 
gris erbaute, Gie führt den Beinamen die Babyloniſche, if 
jeßt frei, hat ihre eigene Verfaffung und folgt Macedoni⸗ 
fher Sitte. Man gibt ihr eine Bevölkerung von ſechsmal⸗ 
hunderttanfend Seelen; ihre Mauern haben die Geftalt eis 
nes die Flügel ausbreitenden Adlers, und ihr Gebiet iſt das 
fruchebarfte ded ganzen Morgenlandes. 6. Um auch fie 
wieder zu entvölkern, erbauten drei Röm., °/; geogr.) Meilen 
von ihr in [der Landſchaft] EChalonitid die Parther Cteſi⸗ 
phon, *) welches nun die Hauptſtadt ihrer Reiche if. Da 
aber damit nichts ausgerichtet wurde, fo erbaute vor Kar⸗ 
zem der König Vologefus in der Nachbarſchaft die Stadt 
Bologefocerta,. **) Test findet man in Mefopotamien nod 
die Stadt Hipparenum [Naharda], eben fo wie Babylon 
durdy eine Schule der Chaldaͤer berühmt, am Fluſſe Nar: 
raga [Nehr Sarijer], welchen Namen auch die Stadt führt. **%) 
Die Mauern der Hipparener wurden von den Perſern zer 
flört. In diefelde Gegend, weiter nad) Süden hin, fept 
man auch die Ordiener, eine dritte Schule der Chaldaer, 
und nad) diefen die Notiten, die Orthophanten und Die 
Graͤciochanten. 

7. Die Fahrt auf dem Euphrat vom Perſiſchen Meere 


°, Die Ruinen dieſer Stadt findet man auf dem öSſtlichen 
Ufer des Tigris, den Ruinen Seleucia's gegenüber. 
**) Wenige Ruinen diefer Stadt liegen 1% M. Bftli von 
Meiched Alt, nahe am Frat. 
+2) E. Mannert, a. 0.0.8. V. Abthl. 2% 6, 283 








Sechstes Buch. 674 


aus bis nach Babylon beträgt nad) Nearchus und Oueſicri⸗ 
tus 412,000 Schritte [827% M.], nach fpäteren Schriftſtel⸗ 
Iern aber von Seleucia ans [bis zur Mündung] 440 000 
Schritte [83 M.], nad) Juba von Babylon bis Eharar *) 
475 000 Gtritte [35 M.). Nah Manchen ftrömt der Fluß 
unter Babylon, ehe er in Bewäflerungstanädfe vertheilt wird, 
in einem nnunterbrodyenen Bette 87,000 Schritte [17*1 M. ] 
weit; die Länge feines ganzen Laufes aber beflimmt man 
auf 1,000,000 Schritte [220 M.]. Die Verſchiedenheit des 
Maßes ift die Urfache diefer abweichenden “Hrigaben ; denn 
die Perfer rechnen andy nad) Schönen und Parafangen, **) 
Andere wieder nad) Andern Maßen. 8. Sobald der Eu» 
phrat aufhört durch fein Bett als Bollwerk zu dienen, näms 
tich in dem Landflriche, weicher bis an die Grenze von Chas 
rar reicht, machen auch ſchon die Attaler, ***) ein Arabi⸗ 
ſches Räubervolk, die Gegend unfiher. Hinter diefen folgen 
die Sceniten. HD Un der Beugung des Euphrat aber bis zu 
den Wüſten Syriens, wo er ſich, wie wir ſchon ++) gefage 
haben, nach Süden wendet und die Palmyreniſchen Einöden 
verläßt, haufen Arabifte Nomaden. tt Seleucia ift von 
der Hanptfladt Mefopotamiend auf der Waſſerſtraße des 





J 


*% ©. Rap. 31. 9. 12. 
”., Den Schönus fdhlägt man lendenna zu 11%, M., bie 
Perfifhe Parafange (Farfang) zu °ı M. an. 
“., In bem Theile der Bahia, wo ſich jegt die Stämme der 
Moualy und Tay aufhalten, 
) Val. unten Kap, 32. 6..2. 
++) 2. V. Rap. 21. S. 2. J 
+44) In dem Theile Arabiens, welcher jest Nabfched oder das 
Land der Wachabiten heißt, 


672 E. Minius Naturgeſchichte. 


Euphrat 1,125,000 Schritte [225 M.], vom Rothen Meere,) 
wenn man die Fahrt auf dem Tigris macht, 320 000 Edritt 
[105% M.] entfernt. Bon Zeugma bis zu dem an. unferer 
‚ Küfte **) liegenden Syriihen Seleucia [Kebfe] find ed 175 000 
Schritte (35 M.]. Dieſes if hier die Breite der Länder 
zwifchen den beiden Meeren ; ***) die Breite des Parthiſchen 
Reiches aber beträgt 944,000 Schritte [188% M.]. 

XXXI 4. Es liegt auch noch an dem Ufer des Tigris, 
bei feiner Vereinigung mit dem Euphrat, eine Mefopota- 
mifche Stadt, welche Digba [Korna) heißt. 

(kıvı). Bon dem Zigris felbit muß ebenfalls hier ger 
fprochen werden... Er eutipringe in einer Landſchaft Groß⸗ 
armeniens [Ejalet Diarbekr] aus einer in einer Ebene zu 
Tage liegenden Quelle. Der Ort führt den Namen legor 
fine [Palil. Der Fluß heißt, fo weit er langfam flrömt, 
Diglito [Difchlett] ; wo er aber feinen Lauf befchleunigt, ers 
Hält er von feiner Schnelligkeit allmälig den Namen Tigris, 
weldes Wort in der Sprache der Meder Pfeil bedentet. 
Er geht in den See Arethuſa [NafiE], welcher alle in ihn 
geworfenen Laften trägt und Galpeterdünfte aushaudht. 
Darin lebt auch nur eine einzige Art von Fifchen und diefe 
tommen eben fo wenig in das Bett des durchſtrömenden 
Tigris, als die Fiſche des Fluſſes in den See übergeben. 
Der Tigris unterfcheidet ſich durch feinen Lauf und feine 


*) Dem Perfifchen Meerbufen , welchen Plinius als einen 
Theil bes Rothen Meeres betrachtet. 
* Am Mittellänbifchen Meere. 


°*..) Dem Mittelländifhen Meere und dem Perfifchen Meer⸗ 
ufen, | 


ı 








Sechstes Bud. 673 


Zarbe von dem Ger, und nachdem ex dieſen verlaffen hat, 
fällt er da, wo ihm das Taurusgebirg entgegentritt , in 
eine Höhle, fließt unter diefem weiter, und bricht auf der - 
andern Geite deffelben an einem Orte, welcher Zorvauda 
[Betlis] Heißt, wieder hervor. Daß es der nämliche Fluß 
ſey, unterliegt Eeinem Iweifel; denn im ihn geworfene Be- 
genflände bringe er hier wieder mit ſich zu Tage. Darauf 
ftrömt er durdy einen andern Gee, weicher Thospites [Bus 
Ianitoei) heißt, verſchwindet zum zweitenmal in unterirdifche 
Gänge, und kommt 25 000 Schritte [6 M.] weiter bei Noms 
phäum wieder zum Vorſchein.*) 53. Er fließt, nad dem 
Berichte des Kaifers Claudius, in der Landſchaft Arrhene 
[&rferum] fo nahe au dem Wrfanias, "*) Daß beide, wenn 
fie anfchwellen,, zuſammenſtrömen, ***) ſich aber nicht mit 
einander vermifchen ; fondern der leichtere Arfanias ſchwimmt 
eine Strede von ungefähr 3000 Schritten [*; M.] oben, 
trennt fi darauf wieder von dem Tigris und fällt in den 
Euphrat. Der Zigris aber nimmt, nachdem er Armenien 
verlaffen, die bedeutenden Flüſſe Parthenias [Murad] und 
Nicephorio [Khabur].}) auf, trennt die Dreifchhen Araber 
von den Wdiabenern, bildet das von us ſchon befchriebene 


*, Plinius verwechfelt in feiner Beſchreibung mehr als eins 
mal die weitlihen und bie boſtlichen Quellen bes Xigris, 
”., Mor, B. V. Kap. 20. S. 1. 
ees) Hier kann nur ber weftliche Auellenfiup des Tigris ges 
meint ſeyn. 
F) Plinius betrachtet biefe beiden Zigrisarme ald Nebenflüſſe. 


€, Plinins Naturgeſch. 68 Bochn. 7 


662. C. Plinius Naturgefchichte. 


Mearchus, iſt 1.250,000 Schritte [250 M.] lang. Bon ihren 
Aufangspunkte bis zum Fluſſe Sabis *) find 100,000 Schritte 
[20 M.]. Bon Hier an bis zum Fluffe Undanis [Nehr 
Ibrabim] werden auf einer Gerede von 25,000 Schritten 
[5 M.) Weinberge und Belder gebaut. Die Gegend heißt 
Armuzia. Städte Sarmaniens find Zethis und Alexandria. *”) 

XXVIU. 4 Auchk in diefem Theile Aſiens bricht ein 
Doppelte Meer in das Land herein; unfere Landsleute nens 
nen es das Rothe, die Griechen aber das Ervtbraäiſche, 
entweber von dem König Ervthras, ”, oder von feiner 
rothen Zarbe, welche nad einer Meinung durch die Bra 
hung der Sonnenfirahlen, nad einer anderen von dem 
Sand und-dem Boden hervorgebracht werden, nad einer 
dritten endlich diefem Waſſer von Natur eigenthümlich 
ſeyn foll. 

(xxıv), Es theilt ſich in zwei Dufen, von denen der 
nad) Dften hin liegende der Perfifche heißt, und nad) der 
Angabe des Eratofthenes 2,500,000 Schritte [500 M.] im 
Umfang bat. Gegenüber liegt Wrabien, deſſen Länge 
41,200,008 Schritte [240 M.] beträgt, und das anf feiner 
andern Geite von dem zweiten Meerbufen, welder der 
Arabiſche genannt wird, umgeben iſt. 2. Der [in die Bu⸗ 
fen] einftrömende Ocean heißt der Azaniſche. H Der Pers 
ſiſche Meerbufen hat an feiner Mündung eine Breite von 


*, Wabrſcheinlich ein unbebentender, jetzt namenloſer Küs 
ſtenfluß. 
20) Die Lage dieſer beiden Städte get fi nicht befſimmen. 
“.. Mor. Eurtius, VIII. 9, 14. .1.13 
+) Ieut das Arabifce Meer —*8 


- 








Sechstes Bud. :665 


5000 , nach Andern von 4000 Schritten. %_ Den geraden 
Weg von der Mündung bis zum ınneıftlen Winkel des Bus 
fens berechnet man mit ziemlicher Gewißheit auf 41.125 000 
Schritte [235 M.].**) und vergieicht feine Geflatt mit der 
Form eines Menſchenkopfes. Nach der Angabe des Oueſi⸗ 
critas und des Nearchus beträgt die Entfernung vom Fluſſe 
Indus bis in den Perfiſchen Meerbufen, und von da, Die 
Sumpfe des Euphrates aufwärts bis nady Babylon 2,500,000. 
Schritte [500 M.]. 

3. In dem änßerfien Winkel Carmaniens findet man 
die Chelenephagen [Schildfröteneffer] welche mit den Scha: 
fen der Schitdfröten ihre Wohnhütten bededen, und das 
Fleiſch dieſer Thiere verzehren. Sie wohnen vom Ziuffe 
Arbis [Sudſchi]) an um das Vorgebirg [Fast] feibft, find 
am ganzen Körper, das Antlitz ausgenommen, behaart und 
leiden ſich in Fifchhäute. 

(xsv). Auf dem Wege von ihrem Lande nad) Indien hin 
liegt im Dcean die wüſte Juſel Baicandrus Laredſch)j, 
weiche 50,000 Schritte [10 M.] groß ſeyn foll, und neben 
ihr, nur durch eine Meerenge von ihr getrennt, Gtoidis 
ſHormus] mit einträgticher VPertenfiherei. 4. Bon dem 
Vorgebirge an greiizen an die Carmaner die Armozeer. 
Manche flellen -zwifchen beide anf eine Küftenfirede von 





,*) Hier fcheint fidy ein Fehler in den Text eingefchlichen zu 
baden, wenn nicht Plinius felbft ans Nachläßigfeit einen 
foihen beging. Denn die Straße von Ormus ift nicht 
1 M., fondern 10 M. breit, , 

”*, Diefe Zahl if viel au groß. Die Länge des Perſiſchen 
Golfs beträgt höchſtens 140 M. 


664 C. Plinius Naturgefchichte. 


402,000 Schritten [86?/; M.] die Urbier. *%) Hier findet man 
den Hafen der Macedonier [Fast], auf einem VBorgebirge 
[Mubaruk] die Altäre Alexanders, Die Flüſſe Gaganos 
[Diwrud], Daras [Darabin] nud Salſos [Litaregan) ; nach 
dieſem das Vorgebirg Themiſteas [Kenn] und Die bewohnte 
Inſel Aphrodifias ſKiſchm]). Hier beginnt Perſis [Bars], 
und reicht bis zum Fluſſe Droatis [Tab], weldher es von 
Elymais [Khuflftan] ſcheidet. Vor Perſis liegen die Infeln 
Philos [Bufheab], Eafandra [Edyittuar) und das dem 
Neptun geheiligte Uracia [Hinderabi] mit einem ſehr hoben 
Berge. Perfls feibft, weiches gegen Welten bin liegt und 
eine Küftenftrede von 550 000 Schritten [110 M.] einnimmt, 
ift bis zum Uebermaße reich, wird aber ſchon feit lauger 
Zeit unter dem Namen des Reiches der Parther mitbegrifs 
fen. Ben der Herrfchaft der letzteren müſſen wir hier Ei⸗ 
niges fagen. 

XXIX. ı. Es gibti in Allem achtzehn Parthiſche Reiche: 
auf dieſe Weiſe bezeichnet man nämlich die Provinzen, 
welche (wie wir ſchon **) bemerkt haben) um zwei Meere, 
Das Rothe gegen Süden und das Hprkanifche'gegen Norden, 
liegen. ilfederfeiben,, weiche die oberen heißen, beginnen 
an der Grenze Armeniens und den Geſtaden des Caſpiſchen 
Sees; fie liegen nach den Scythen bin, deren Lebensweife 
man auch ſchon bier findet ; Die fleben übrigen werden 





*) Die Armozeer und Arbier wohnten alfo in bem jetigen 
Kerman’fhen Difiritte Mogbiftan. An die Armozeer 
erinnert N der Name ber Infel Hormus. 

*®) ‚Rap. 16. 5. 1. 


\ 





Sechstes Bud. - 665 


untere Reihe genannt. 2. Was die Parther betrifft, fo war 
Das eigentliche Parthien immer an dem Buße der fchon öfs 
ter genannten Berge, ) welde alle diefe Völker umgeben. 
Es ſtößt gegen Oſten an die Arier, gegen Süden an Ears 
manien und an die Wrianer, gegen Wellen an die Pratiti⸗ 
ſchen Meder, gegen Norden au Lie Hprcauer, und iſt allents 
halden von Wüfteneien umgeben. °*) Die weiterhin [nad 
Dften zu] folgenden Parther nennt man Nomaden; dieffeits 
[rad Welten Hin) liegen Wüſten. Ihre Etädte find im 
Welten Ifſſatis und Ealliope; von deren ſchon *°*) die Rede 
war ; im Nordoften Europum, +) im Südoſten Mania, ++) 
in der Mitte Hecatempplos [Damagban], die Nefldenz des 
Arſaces, nnd das berühmte Nicäa [Neſa] in der Landfchaft 
Parthyene, wo auch Alerandropolis liegt, welches nach ſei⸗ 
nem Erbauer benannt iſt. 

(vi). 3. Es iſt nothwendig, bier auch Die Lage der 
Meder näher zu bezeichnen, und die Vordergrenze des Lan⸗ 
Des bis zum Perfiihen Meere zu befchreiben, damit dann 
Das, Uebrige leichter überſehen werden könne Medien. tritt 
von Welten her in fchräger Richtung Parthien quer entgegen, 


») Der Caucafiſchen. Kap. 16. 6. 1. 

”*o) Daß eigentlive Parthien umfaßte alfo ben Öftlichen Theil 
ber, Provinz Irak unb den weftlihen ber Provinz Ehos 
raſſan. 

”. Rap, 17. 6. 2. 

+) Sie hieß ſpäter Rei; auch von dieſer neueren Stadt fins 
det man nur Trümmer, etwas ſfüddſtlich von Teheran. 

TH Diefe Stadt, beren Lase unbekannt iſt, kommt ſonſt 
nicht vor. 


666 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und ſchließt die beiderlei Reiche *) ein. Es grenzt alle 
öftlich an die Eafpier und die Parther, füdlid an Sittacene, 
Suflane und Perſis, weltli an Adiabene und nördlid an 
Armenien. **) 4 Die Perfer wohnten von jeher am Rothen 
Meere, weßhalb diefer Buſen aud der Perfifhe genannt 
wird; die Küftenftrede felbft heißt Syrtibolos; "**) die 
Stelle aber, wo fie fi nad) den Medern hin erhebt, Cli⸗ 
mar Megale [große Steige], weil man durch einen engen 
Zugang + einen Berg bis nad) Perfepolis [Iſtacht], ter 
von Alerander [350 v. Chr.] zerflörten Hauptfiadt des Reis 
des, auf Stufen mühſam binauffleige, Ausßerdem findet 
man noch an den äußerſten Grenzen das von Antiochus +4) 
erbaute Laodicea. IF) 5. Deftlid) von da befigen die Mas 
ger das Kaſtell Paffagardi [Darabfcherd] , in welchem ſich 
Das Grab des Eyrus +*) befindet; Echatana, eine andere 


+) Nämlich die eilf oberen und bie fieben unteren Reiche oder 
Provinzen, von benen zu Anfang diefed Kapitels die 
Rede war. 

4) Medien umfaßte demnach eine bedeutende Strecke bed 
Merfifhen Reiches, nämtich bie heutigen Provinzen Ghis 
lan, Aferbeidfchan, den weillihen Theil von Mafauderan 
und die nrößere weftliche Hälfte von Irak. 

., Won Ziors und ABolos, ein furtenähnliches Land (ber 
jegige Bezirk Kobad). 

+) Der Engpaß Sukrab bei dem Schloffe Kalai Seſid. 

++) Dem erften dieſes Namens (282—262 vor. Ehr.), dem 
Gohne bed. Seleucus Nicator, 

4 Die Lage ſowohl diefer Stadt, als auch des ſogleich fol 
oruden Ecbatana (verfchieden von der gleichnamigen Haupt⸗ 
ſtadt Mediens) iſt unbekannt. 

1°) Bel, Axrianus de expod. Alexandri, VI, 20. 








Schstes Bud. - 667 


adt der Mager, würde von König Darius nach dem Ber 
ge hin verlegt. Zwiſchen den Parthern und Arianern zies 
fi) die Parätacener Hin. *) Bon diefen Boltshämmen 
, dem Euphrat werden die unteren Reiche eingeſchloſſen. 
f die Übrigen werden wir, fobald wir Mefopotamien (je⸗ 
) mit Ausnahme der Spitze deſſelben und der ſchon im 
ı vorhergehenden Bude *% beſprochenen Arabiſchen 
ımme) befehrieben haben, zurückkommen. ***) ' 
XXX. 4. Mefopotamien +) gehörte ganz den Affyriern. 
Bevölferung war, wenn man die- Städte Babylon +7) 

Ninns HF) ausnimmt, in Dörfern zerfirent, wurde 
: der Fruchtbarkeit des Bodens wegen von den Maces 
tern in Städte vereinigt, und man findet jent außer deu 
; genannten nod) die Städte Gelencia, +) Laodicea, **) 
emiſta [Deflagerd], ferner bei dem Gtamme der Araber, 
be Dreer und Mardaner heißen, Autiochia [&fetlat], 
bes von Nicanor, einem Statthalter Mefopotamiens, ers 
' wurde, und das Arabifche heißt; daran ftoßen landein⸗ 





) In dem füblihen Steige der Provinz Irak. 

) B. V. Kap. 21. 

ı Kap. 31. 

> Die Cjaletd Moful, Diarbekr und Rakka. 

> Man findet die Ruinen von Babylon etwas nördlich von 
der Stadt Hille am Frat. 

> Sol an ber Stelle des heutigen Dorfes Nunia, auf ber 
Dftfeite des Tigr, Mofful gegenüber. geftanden haben, 

> Ruinen ungefähr fünf Meilen ſuüddſtlich von Bagbad am 
Zigr, au einer Stelle, welche Al Modain heißt. 

>» Eine ber ſechs von Geleucus gebauten Städte biefed Mas 
mens, deren Lage unbekannt ift. 


' 


668 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wärts die Eldamariſchen Araber, 2. Oberhalb derſelben am 
Biuffe Pellaconta INehr Kutal] findet man tie Stadt Bura, *) 
die Salmaniſchen und die Maſeiſchen Araber. Un die Gor⸗ 
dyäer **) aber grenzen die Aloner, durdy deren Gebiet der 
Fluß Serbis*"H in den Tigris fällt, die Azonen, das Berg⸗ 
volk der Silicer und die Oronten; weftlich von dieſen liegt 
die Stadt Gaugaméla [Enfewat], deigleihen Eue in einer 
felfigen Gegend ; oberhalb derfelben fulgen die Claſſltiſchen 
Gilicer, durch deren Gebiet der Lycus [Bad] aus Armenien 
berftrömt , der Abfidris [Altunfu] nad) Südoften hin und 
die Stadt Azochis; dann in der Ebene die Städte Diospage, 
Polytelia, Gtratonice, Anthemus ſ[Dſcharmely], und in der 
Nähe des Euphrat Nicephorium [Rakka], weiches, wie wir 
ſchon +) gefagt haben, Alerander wegen der günftigen Lage 
des Ortes zu erbauen befahl, 3. Bon Apamea wurde 
fhon ++) bei Zeugma geſprochen; geht man von bier nad 
Dften Hin, fo kommt man zu einer vorzüglich befeftigten 
Stadt, welde einſt 70 o Stadien 13h Stunden] im Umfange 





*, Diefe Stadt kommt ſonſt nicht vor; vielleicht muß man 
Dura lefen. 

“, Oder Corduener. Vergl. Kap. 17. $. 2. Die Aloner, 
Azonen, Gilieer und Oronten wohnten alfo in den Eja⸗ 
lets Schehrſor und Bagdad. 

., Plinius macht hier aus einem Fluſſe zwei. Denn ber 
Serbis iſt Fein ‚anderer ald der Lyens Gab), welcher bei 
ben Eingeborenen jeut noch Barb Heißt. Bol. C. Maus 
nert Geogr. der Br. u, Rom. Sb. V. Abthl. 2, (Being. 
1829. 8.), ©. 319, 

) B. V. Kay. 21. 5. 1. 

1) B. V. Kap, 21 5. 2. 











Sechsſstes Bud. 669 


te; fe hieß die Nefidenz der Satrapen und in ihr floßen 
Tribute zuſammen: jept-ift fie zu einer Burg herabges 
Pen. Im alten Zuſtande findet man noch Hebata und 
ır08, der.von Pompeius dem Großen beflimmte Brenz 
kt des Römischen Reiches, 250,000 Schritte [50 M.] 
Sengma. Manche behaupten, der Eupbrat fey auf 
rieb des Statthaltere Gobares da, wo er fidy nach uns 
r früheren Bemerkung *) fpaltet, abgeleitet worden, bas 
er nicht durch feinen allzuraſchen Lauf Babylonien 
aden bringe. Bei allen Affprern führt er den Namen 
valdyar, was fo viel ale Töniglicher Fluß heißt. Un der 
titungsftelle Tag Agranum, eine der größten Gtädse, 
he aber von den Perfern zerflört wurde. 
4. Babylon, die Hauptfladt der Epaldäiichen Stämme, 
ahrte fange Zeit ihren über die ganze Erde verbreiteten 
m, weßhalb aud) der Übrige Theil Mefopotamiens und 
riens den Namen Babplonien erhielt. hr Umfang 
ug 60,000 Schritte [12 M.], ihre Mauern hatten eine 
e von 200, und eine Breite von 50 Buß, wobei man 
bemerken muß, daß jeder Fuß um drei Singer größer 
als der unfrige; durch fle ſtrömte der Euphrat, deſſen 
'affung ein eben fo bewundrungswürdiges Werd war, 
die Mauern. Jetzt ſteht nur noch der Tempel des Ju⸗ 
: Belns, welcher der Erfinder der Sternkunde iſt. 5. Im 
igen ift fie eine Einöde geworden, indem das nahe Ges 
a ihre Bevölkerung an ſich zog. Nicator **) hatte 


) 8. V, Say. 21. 9. 4. j 
) Geleuens Nicator regierte von 312 Bid 282 vor Ehr, - 


670 - C. Plinius Naturgefdhichte. 


auch feine andere Abſicht, als er dieſe Stadt nicht einmal 
ganz neunzig [Röm., 18 geogr.) Meilen davon an dem Zu⸗ 
fammenfiuffe eines Tüuftlihen Euphratkanales nnd des Ti⸗ 
gris erbaute, Gie führt den Beinamen die Babyloniſche, ik 
jegt frei, hat ihre eigene Verfaflung und folgt Macedoni⸗ 
fher Gitte. Man gibt ihr eine Bevölkerung von ſechsmal⸗ 
hunderttanfend Seelen; ihre Mauern haben die Geſtalt eis 
nes die Flügel ausbreitenden Adlers, und ihr Gebiet iſt das 
fruchtbarfte des ganzen Morgenlandes. 6. Um aud fie 
wieder zu entvölkern, erbauten drei Röm., ?°/, geogr.) Meilen 
von ihre in [dev Landſchaft] Chalonitis die Parther Cteſi⸗ 
phon, *) weiches nun die Hauptftadt ihrer Reihe if. Da 
aber damit nichts ausgerichtet wurde, fo erbaute vor Kar⸗ 
zem der König Vologefus in der Nachbarſchaft die Stadt 
Vologeſocerta. *8) Test findet man in Mefopotamien noch 
die Stadt Hipparenım [Naharda], eben fo wie Babylon 
durch eine Schule der Chaldaͤer berühmt, am Fluſſe Nars 
raga [Mehr Sarijer], weichen Namen auch die Stadt führt. ») 
Die Manern der Hipparener wurden von den Verfern zer 
flört. Im diefelde Gegend, weiter nah Süden bin, fept 
man auch die Orchener, eine dritte Schule der Ehaldäer, 
und nad, diefen die Notiten, die Orthophanten und Die 
Graͤciochanten. 

7. Die Fahrt auf dem Enphrat vom Verſiſchen Meere 


*, Die Ruinen dieſer Stadt findet man auf dem öſtlichen 
Ufer des Tigris, den Ruinen Seleucia’s gegenüber. 
**) Wenige Ruinen diefer Stabt liegen 1, M. bſtlich von 
Meſched Ati, nahe am Frat. 
=) E. Maunert, a. a. D. 8, V. Abthl. 2 6, 28% 








Sechstes Buch. 6 


aus bis nach Babylon beträgt nad) Nearchus und Oneſicri⸗ 
ins 412,000 Schritte [82% M.], nach fpäteren Scriftſtel⸗ 
lern aber von Seleucia aus [bis zur Mündung] 440 000 
Schritte [88 M.), nady Juba von Babylon bis Eharar *) 
175 000 Schritte [35 M.]. Nah Manchen ſtrömt der Fin 
unter Babylon, ehe er in Bewäflerungstanäfe vertheilt wird, 
in einem nnunterbrodyenen Bette 87,000 Schritte [17% M.} 
weit; die Länge feines ganzen Laufes aber beflimmt man 
nf 1,000,000 Schritte [220 M.]. Die Berfhiedenheit des 
Maßes ift die Urfacye dieſer abweichenden Augaben; denn 

vie Perfer rechnen aud nad) Schönen und Parafangen, ») 
Andere wieder nad Andern Maßen. 8. Sobald der En⸗ 
yhrat aufhört durch fein Bett als Bollwerk zu dienen, näm: 
ich in dem Landflriche, welcher bis an die Grenze von Chas 
ar reicht, machen auch ſchon die Attaler, ***) ein Arabi⸗ 
ches Räubervolß, die Gegend unficher. Hinter diefen folgen 
ie Sceniten. D Un der Bengung des Euphrat aber bis zu 
en Wüften Syriens, wo er fid, wie wir fhon ++) geſagt 
‚aben, nach Süden wendet und die Palmyreniſchen Einöden ' 
ertäßt, haufen Arabifte Nomaden. 744) Seleucia ift von 
er Hauptſtadt Mefopotamiens auf der Waſſerſtraße des 





*) ©. Ray. 31. $. 12. 
”., Den Schönus fchläpt man lendenn zu 11% M., bie 
Perfifhe Parafange (Farfang) zu °ı M. an. 
”., In dem Theile der Bahia, wo ſich jeyt die Stämme der 
Moualy und Tay aufhalten, 
+) Bol. unten Kay, 32, 9. 2. 
+4) 8. V. Rap. 21. 5.2. 
+) In dem Theile Arabiens, weicher jegt Nabfched ober das 
Land ber Wachabiten Heißt, 


672 C. Nlinius Raturgefchichte. 


Euphrat 1,125,000 Schritte [225 M.], vom Rothen Meere, °) 
wenn man die Fahrt auf dem Tigris madyt, 320 000 Edritt 
(105%: M.] eutfernt. Bon Zeugma bis zu dem am unferer 
‚ Küfte **) liegenden Syriſchen Seleucia [Kebſe] find es 175 000 
Schritte [35 M.]. Diefes if hier die Breite der Länder 
zwiſchen den beiden Meeren ; *°*) die Breite des Parthiſchen 
Reiches aber beträgt 944,000 Schritte (188%; M.]. 

XXXI 4. Es liegt auch noch an dem Ufer des Tigris, 
bei feiner Bereinigung mit dem Euphrat, eine Mefopota 
miſche Stadt, welche Digba [Korna] heißt. 

(xxvii). Bon dem Zigris ſelbſt muß ebenfalls hier ges 
ſprochen werden. Er entipringt in einer Landfchaft Groß: 
armeniens [&jalet Diarbekr] aus einer in einer Ebene zu 
Tage liegenden Quelle. Der Ort führt den Namen lego 
fine [Palil. Der Fluß heißt, fo weit er langfam ſtroͤmt, 
Diglito [Difchlett] ; wo er aber feinen Lauf beſchleunigt, er 
hält er von feiner Gchuelligkeit allmälig den Namen Zigris, 
welches Wort in der Sprache der Meter Pfeil bedeutet. 
Er gebt in den Gee Arethufa [NafiE] , weldyer alle in ibn 
geworfenen Laften trägt und Galpeterdünfte aushaucht. 
Darin lebt auch nur eime einzige Art von Fiſchen und Diele 
kommen eben fo wenig in das Bett des durchſtrömenden 
Tigris, als die Fiſche des Fluſſes in den See übergeben. 
Der Tigris unterfcheidet ſich durch feinen Lauf und feine 


*», Dem Perfifhen Meerbufen , welchen Plinius als einen 
Theil des Rothen Meeres betrachtet. 
) Am Mittelländifchen Meere, 
es.) Dem Mittelländifchen Meere und ben Verfifchen Meer 
ufen, 


’ 





Schetes Bud. 675 


ebe von dem Gee, und nachdem er dieſen verlaſſen baf, 
t er da, wo ihm dad Taurusgebirg entgegentritt , in 
e Höhle, fließt unter diefem weiter, und bricht anf der 
ern Geite deffelben au einem Orte, welder Zoroanda 
etlis] heißt, wieder hervor. Daß es der nämlihe Buß 
unterliegt Eeinem Iweifel; denn in ihn geworfene Ge⸗ 
ftände bringt er hier wieder mit fi zu Tage. Darauf 
mt er durch einen andern Gee, welcher Thospited [Bus 
koei] beißt, verfhwindet zum’ zweitenmal in unterirdifche 
ge, und kommt 25 000 Schritte [5 M.] weiter bei Nym⸗ 
am wieder zum Vorſchein. *) 3. Er fließt, nad dem 
ichte des Kaiſers Elandins, in der Landſchaft Arrhene 
ferum] fo nabe an dem Urfanias, "*) daß beide, wenn 
infchwellen, aufammenftrömen, ***) fid aber nidyt mit 


ander vermifdhen ; fondern der leichtere Arſanias (hwimme 


Strede von ungefähr 4000 Schritten [*; M.] oben, 
nt ſich darauf wieder von dem Tigris und fällt in den 
hrat. Der Tigris aber nimmt, nachdem er Armenien 
ıffen, die bedeutenden Flüffe Parthenias [Murad] und 
»phorio ſKhabur] P auf, trennt die Dreifhen Araber 
den Wdiabenern, bildet das von uns ſchon beſchriebene 





) Plinins verwechfelt in feiner Beſchreibung mehr als eins 
mal die mweftlichen und bie Öftlihen Quellen des Tigris. 

» Mor. 8. V. Kap. 20. S. 1. 

» Bier Bann nur der weſtliche Quellenſtuß des Tigris ge⸗ 
meint ſeyn. 

) Plinius betrachtet dieſe beiden Tigrisarme als Nebenflüſſe. 


Plinius Naturgeſch. 68 Boͤchn. 7 


674 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Meſopotamien, berührt bei der Stadt Apamia in Meſene 
Die Berge der Gorbyäer, und theilt ſich 125,000 Schritte 
(25 M.] oberhalb des Babylonifchen Gelencia in zwei Arme, 
von denen der eine Mefene durchſtrömt und feinen Lauf 
nad Güden nnd nach Selencia richtet, der andere aber ſich 
nah Norden hin abwendet, und im Rücken deffelben Bots 
kes *) die Cauchiſchen Fluren **) durchichneidet. A. Nach: 
dem ſich feine Gewäſſer wieder vereinigt haben, erhält er 
den Namen Pafltigris, nimmt dann den Ehoaspes [Karın], 
der aus Medien kommt, auf, und ergießt fih, nachdem er 
feinen Weg zwifchen Seleucia und Etefivhon Hin fortgeſetzt, 
wie ſchon ***) gefagt wurde, in die Ehaldäifhen Seen, 
welche er anf eine Gtrede von 70,000 Schritten [14 M.] 
mit feinem Waſſer anfüllt. Dann wälzt er ih in einem 
ungeheuren Bette weiter und fällt rechts von der Stadt 
Charar durch eine 10,000 Schritte [2 M.] breite Mündung 
in das Perſiſche Meer. Der Raum zwiſchen den Mündun⸗ 
gen beider Flüſſe Fdes Luphrat und des Tigris] betrug 
25,000 Schritte [5 M.],. oder nad) der Angabe Anderer 
7000 Schritte [12 M.], und beide waren fchiffbar; ſchon 
feit langer Zeit aber haben die Orchener und die Anwoh⸗ 
ner, um ihre Felder zu bewäflern, den Eaphrat gedämmt, 
und diefer gelangt nur nody durch den Pafltigris ine Meer. +) 


*, Bon Mefene, 
*, Oeſtlich von Seleucia. 
”.., Rap. 26. 5. B. 
+). ber von Plinins gegebenen Beſchreibung der Quellen, 
des Laufes umb ber Münbungen: des Euphrat und bed 
Zigris herrſcht die größte Verwirruns und Unſicherheit, 








Schstes Buch. "675 


5. Zunächſt am Tigris liegt die Landfchaft Parapotamia, 
u das ſchon *) erwähnte Mefene gehört. Hier Liegt 
‚ die Stadt Dibitach [Degel). Daran ſtößt Ehalonitis 
der Stadt Etefiphon, **) nicht nur durch feine Palm⸗ 
'e, fondern auch durdy feine Delpflanzungen , fein Oſt 
andere Baumgattungen berühmt. Bis Hierher reicht 

Berg Zagros [Taf], welcher fit aus Armenien ober: 
Parätacene ***) und Perfis zwifchen den Medern nnd 

ıbenern herzicht. Chalonitis ift 580,000 Schritte [76 M.] 
Derfis entfernt. Eben fp weit foll es, wie Manche’ ans 

n, auf einem kürzeren Bege vom @afpifchen Meere 
Affyrien feyn. 

6. Zwiſchen diefen Völkern +) und Mefene Tiegt Eitta- 
+4, and) Urbelitis und Paläfine genannt. Hier fin 

nan die Griechiſche Stadt Sittace und Gabata +44) im 

weil er verſchiedene Nachrichten, aͤltere und ſpaͤtere, mit 
einander vermeugt. Es würde ein größerer Raum, als 

dieſen Anmerkungen geftattet: ift, nöthig feyn, um biefes 

Chaos einigermaßen zu entwirren; wir verweifen deßhalb 

auf 8. Mannert a. a. O. Br. V. Abth. 2%. ©, 142 

bi8 150. 257 — 264. ' 

In biefem Kap. $. 3. 

Bol. Kap. 30. 6. 6. | . 

Begriff die jebige Beglerbegſchaft Jofahan. 

Nämli den Medern, Perfern und Adiabenern. 

, Der Striiy zwifhen Bagdad und der JIran'ſchen Provinz 
Khuſiſtan. 

) Ueber dieſe Städte läßt ſich nichts Beſtimmtes ſagen, da 
uns bie Gegend ſelbſt noch faſt unbekannt iſt. Sabata 
fon Feludſcha, Apamia aber Omara feyn. 

74 


676° C. Plinius Naturgeſchichte. 


Oſten, im Weſten aber Autiochia zwiſchen den beiden Flüſ⸗ 
fen Tigris und Tornadotus [Odorneh]; ferner Apamia, 
welcher Stadt Antiochus *. den Namen feiner Mutter 
[Apäme] beilegte. Sie ift vom Tigris umgeben nud vom 
Archous durchfloſſen. 

7. Unten daran folgt Suflane [Khnfiftan], worin Suſa 
[Schufter],die von Darius, **) des Hyſtaspes Sohn, erbaute 
alte Refldenz der Perſer liegt; fie it von dem Babplonifchen 
Seleucia 450,000 Schritte [90 M.] und eben fo weit auf 
der Straße über den Berg Charbanns ***) von dem Mer 
diſchen Echatana entfernt. An dem nörblidien Bette des 
Tigris liegt die Gtadt Babytace. Gie iſt 135 000 Schritte 
[27 M.] von Gufa entfernt und der einzige Ort in ber 
Welt, deffen Bewohner voll Haß das Bold einfammeln nnd 
ed vergraben, damit Niemand weiter Gebraud) davon mas 
dye. 8. An die Guflaner grenzen öftlidy die Oxier, ein Räu⸗ 
bervolk, und vierzig Stämme der freien, aber wilden Mi⸗ 
zäer. +) Oberhalb derfelben verbreiten ſich die Parthufer, 
die Marder, fo wie die Gaiten und Hyer, +r) die ſich über 
Elymais, weldyes wir an der Küfle ald Grenze von Perſis 
angegeben haben, 717) hinziehen. Suſa ift vom Perfifchen 


9 Der erfie, 282—262 vor Ehr. 
** König von Perfin, 522—486 vor Ehr, 
*), Dormamenb, ein Zweig bed Zagrus. 
+) Belde Voleer wohnten in der jehigen Iran'ſchen Provinz 
Luriſtau. 
td Diefe Bblker find in ber heutigen Provinz Kiurdiſtan zu 


fuchen 
110 Say. 28. 5, 4. 


| Sechstes Bud, 677 


- 


teere 250,000 Schritte [50 M.] entfernt. Da, wo die 
otte Wleranders anf dem Paritigris nad) diefer Stadt abs 
jelte, liegt an dem Chaldäiſchen Gee ein Flecken, weldyer 
ohle IDaurak] Heißt, und von wo die Fahrt nad Suſa 
‚000 Schritte [13!/i M.] beträgt. An die Euflaner grens 
ı zunädft öſtlich die Coſſäer; *) oberhalb der Coſſäer 
ch Norden hin folgt Mefabatene **%) am Berge Eambas 
us, ***) welder ein Zweig des Eancafus ift, und über 
ı ber bequemſte Weg zu den Backrern führt. 

9. Der Fluß Euläus +) ſcheidet Sufiana von Elymais. 
: entfpringt in Medien, verbirgt. fi) eine nicht fehr weite 
rede in einen unterirdifhen Bang, entfpringt daraus 
n zweitenmale, nimmt feinen Zauf durch Mefabatene und 
fließt die Burg von Sufa und den jenen Völkern hoch⸗ 
ligen Tempel der Diana; auch ihm ſelbſt wird große Ehr⸗ 
ietung bewieſen, wie denu die Könige von keinem andern 
affer trinken, und es deßhalb and auf ihren weiteften 
ifen mit fi führen. Er nimmt den Hedypnus [Dfdyes 
i], welcher neben dem Perſiſchen Afylum herkommt, und 
: aus dem Gebiete der Suſlaner zuftrönienden Aduna 
bfal] anf. An diefem liegt die Stadt Mafa, 15,000 
yritte [3 M.] von Charar. Manche ſetzen fie an die 
terfte Grenze Suflane’s ganz nahe an die Wüſte. ++) 





*, Am Oftrande der Provinz Khufiflan, deren Benennung 
vielleicht von den Eoffäern herzuleiten ift, 

”) Sin Theil der Provinz Luriſtan. 

*) Gin Theil bed Demawend. 

+) Ein und derfelbe Fluß mit dem Choaſpes, nämlich der Karum. 

"+ Vielleicht Jesd im Difrikte Iſtachr, nörblih_von Schiras: 


\ 


678 C: Plinius Naturgeſchichte. 


40. Unterhalb des Euläus folgt Elhmais, *) welches an der 
Küfte mit Perfid zufammengrenzt, und fidy vom Ziuffe Orvates 
[Tab] bis nad Charax, 240,000 Schritte [58 M.] weit, 
erfiredt. Seine Städte find Seleucia [Hawifa] nnd So⸗ 
firate [Dorak], am Berge Eaforus. Die Küfte, welche fidy 
vor ihnen hinzieht, ift, wie wir ſchon gefagt haben, **) gleid) 
ben Pleineren Syrten durch Moräfte unzugängli, indem 
die Flüſſe Briria und Ortacea **") viel Schlamm mit fid 
herbeiwälzen; und Eiymais felbft ift fo fumpfig, daß man es, 
‚wenn man nach VPerſis gehen will, umgehen muß. 11. Auch 
wird es durch Schlangen, weldye die Flüſſe mit fi führen, 
unficher gemadyt. Sein unwegfanfter Theil heißt Characene, 
[oon der Stadt Eharar], bei weldyer die Reiche Arabiens 
aufhören, und von der wir ſogleich, nachdem wir erft die 

°Anficht M. Agrippa’s mitgetheilt haben, Tprechen werden. 
Nach diefem nämlich haben Medien, Parthien und Perfls, 
welche Länder im Oſten vom Indus, im Wellen nom Tigris, 
im Norden vom Taurus und vom Gancafus, im Süden 
vom Rothen Meere begrenzt werden, eine Länge von 1,320,000 
Schritten [264 M.] und eine Breite von 840,000 Schritten 
[168 M.]; außerdem aber Mefopotamien, weiches öftlidy vom 
Zigris, weftlid vom Euphrat, nördlih vom Taurus und 
füdtihh vom Perfifhen Meere eingeſchloſſen wird, für fidy 





der bei bdiefer Stadt vorübergehende kleine Fluß beißt 
jegt Mehris. 
®), Der füblihe Theil der Provinz Khufiſtan. 
”, Rap. 29. 5. 4. 
.., Wahrſcheinlich Arme des Karun und des Dſcherahi. 


4 \ 








Sechstes Buch. 679 


genommen, eine Länge von 800,000 Schritten [160 M.] und 
eine Breite von 340,000 Schritten [68 M.). 

12. Die Stadt ECharar, *) ganz im Hintergeunde des 
Perflichen Dieerbufens, wo Arabien, welches den Beinamen 
das glüdfelige (Eudämon) führt, endigt, ift auf einem von 
Menſchenhänden aufgemorfenen Hügel, zwifden zwei zuſam⸗ 
menftrömenden Flüffen, dem Tigris rechts und dem Euläus 
links, erbaut, und nimmt einen Flächenraum von 5000 Schrit⸗ 
ten [s M.] ein. Sie wurde zuerft von Alexander dem 
Großen gegründet, welcher Eoloniften ans der königlichen 
Stadt Durine, weldye damals zu Grunde ging, dahin führte, 
und die untauglich gewordenen Soldaten hier zutückließ. Er. 
befahl fle Alerandria, und die Gemeinde, welche er eigens 
ans Macedoniern gebildet hatte, nad) feinem Baterlande die 
Pelläifhe zu nennen. Die Flüſſe [Tigrid und Euläus] ver- 
tarben die Stadt; Antiohus, der fünfte der [Sprifchen] 
Könige, **) baute fie jpäter wieder auf, umd legte ihr feinen 
Namen bei. 13. Als fle zum zweitenmale zu Grunde ging, - 
baute fie Pafines, ***, des Sogdonacus Sohn, ein König 
— — 

*) Die Stelle, wo bie Stadt Charax, welche, wie wir hier 
durch Plinius erfahren, ihre Lage Öfter veränderte, ftand, 
läßt fi nicht genau ausmitteln. Dad Altere Charax 
war wahrfcheinlich anf einer Inſel zwifhen dem Xigris 
und einem Arme bed Karum, nahe am Meere das neuere 
vermuthlih an der Mündung bes Karunarınd, welcher 
jegt Hafar heißt, in ben Tigris erbaut. Mielleicht ftand 
es an ber Stelle bed heutigen Kafaban Hafar. 

#4) Aunch ber große genannt ; er regierte von 224 bis 187 v. Chr. 

sr, Oper Spafines. Daher führte die Stadt fpäter den Nas 
men Charar Paſinu ober Charar Spafinu, 


} l 


u 6C. Plinius Naturgeſchichte. 


der benachbarten Araber, welchen Juba fäaͤlſchlich für einen 
Satrapen des Antiochus ausgibt, wieder anf, ſchützte ſle 
durch Dämme und benannte fie nach fi. Auch ließ er die 
Umgegend auf eine Länge von 3000 Schritten [?/; M.) und 
eine etwas geringere Breite erhöhen. Anfangs lag fie nur 
zehn Stadien [*; Stunde] vom Meere, und hatte deßhalb 
auch einen Sechafen; Juba aber gibt fchon ihre Entfernung 
dom Meere auf 50,000 Schritte [10 M.] an, und jept liegt 
fie nach der VBerfiherung der Arabiſchen Geſandten und un: 
ferer Kanfleute, welche dorther kamen, 120,000 Schritte 
[24 M.] davon; und nirgends bat wohl ein Land durch Uns 
fhwemmungen der Flüſſe größeren und fchnelleren Zuwachs 
erhalten. Noch weit mehr ift jedod, zu bewundern, daß der 
angefhwenmmte Boden nicht wieder durdy die weit über die 
Stadt hinauffteigende Fluth fortgeriffen wird. 44. An die 
ſem Orte wurde bekanntlich andy Dionyfins , *%) der nenefle 
Berfaffer einer Erdbefhhreibung, weldhen der göttlidyhe Augn⸗ 
ftus, als fein älterer Gohn **) zur Leitung der PartHifchen 
und Arabiſchen Angelegenheiten nad Armenien gehen follte, 
um Nachforſchungen Über Alles anzuftellen, nad dem Orient 
vorausfchhidte, geboren. Id) ‚weiß freilich wohl, und habe 
es keineswegs vergeflen, daß id) in der Einleitung zu diefem 
Werke ***) immer denjenigen Schriftſteller, welcher fein 
*) Gewöhnlich Perjegötes genannt. Mol. die Anmerkungen 

über die von Plinins in biefem Bude benügten Quellen. 
“e) Cajus, Adoptivfohn des Auguſtus, Sohn bes Marcus 


Agrippa und der Julia, ber Tochter bes Auguſtus. 
. "81, Einleitung, 6. 2% 











Sechstes Bud. 681 


eigenes Baterland befchrieb, ald den zuverläßigften benüßen 
zu wollen erklärt habe; bei dieſem Abſchnitte jedoch ziehe 
ich es vor, den Römiſchen Waffen und dem’ König Juba, 
weicher für denfelben Kaifer Cajus über denfelben Arabiſchen 
Feldzug mehrere Bücher. verfaßte, zn folgen. 

XXXI (xxvui). 4. Urabien, welches Eeinem anderen 
Lande nachgefent werden darf, hat einen fehr bedentenden 
Umfang, und zieht fi), wie fhon ”) gefagt wurde, vom.Berge 
Amanus [Almadagh] und den Landſchaften Eilicien und 
Commagene an herab , indem viele Arabiſche Stämme von 
Zigraned dem Großen **) in diefe Gegend verfebt wurden, 
andere aber, wie wir ſchon zeigten, ***) fid freiwillig an 
unferem Meer }) und an der Aegyptiſchen Küfte niederliehen, 
und die Nubeer, an welche die Ramiſer ftoßen, fogar in die 
Mitte Syriens bis zum Berge Libanus vorgedrungen find. 
2. Nach den Ramifern folgen die Taraneer nnd dann die 
Datamer. TH) Die Hatbinfel Arabien ſelbſt aber, welche 
zwifdyen zwei Meeren, dem Arabifchen und dem Perſiſchen, 
bervorfpringt, iſt durch eine künſtliche Einrichtung der Na- 
tur an Geſtalt und Größe Italien ähnlich, wie dieſes vom 
Meere umfloffen, und’ gleicht ihm andy durdy feine Richtung 
nad) demfelben Himmelsftrihe hin. Auch fle ift durch dieſe 
Rage glucklich. Die Volksſtämme derſelben von unſerem 


[3 





. V. Kap. 20. 5. 2. Kap. 21.5.1. 
—* Kain von Eyrien, 84—66 vor Ehr. 
”) 8. V. Kay. 12. 5. 1. 
+) Dem Mittellaͤndiſchen. 
++) Ale diefe Volksſtaͤmme wohnten in dem wuſten Arabien 
Madſched). | 


682 C. Plinius Naturgefchichte. 


Meere bis zu den Palmyreniſchen Einöden haben wir fchon *) 
‚genannt; von den Übrigen wollen wir jetzt fprechen. Un bie 
‚von dort an **) mwohnenden Nomaden und AUnfeinder der 
Chaldäer fchließen ſich, wie geſagt, ***) die Eceniten, bie 
ebenfalls felbft ein unſtetes Leben führen, und von ihren 
Zelten, die fie aus einem Zeuge von Biegenhaaren verfer- 
tigen, und, wo es ihnen gerade behagt, auffchlagen, ibren 
Namen erhalten haben. +) 3. Weiterhin wohnen die Naba= 
täer nm eine Stadt, welche Petra [Wadi Mufa] beißt, in 


 „ einem Thale, das etwas weniger ald 2000 Schritte [?/; M.] 


im Umfange hat, liegt, von unzugänglichen Bergen umgeben 
ift und von einem Fluſſe durchhichnitten wird. Sie it von 
der Stadt Baza an unferer Küfle 600,000 Schritte. [120 M.] 
und von dem Perfifchen Meerbufen 135,000 Schritte [27 M.] 
entfernt. Hier vereinigen fidy zwei Straßen: auf der eiuen 
tommen die Reifenden aus Syrien Über Palmira; die andere 
führt von Baza her. A. Bon Petra an his nah Eharar 
wohnten ++) fonft die Omaner und befaßen zwei berühmte 
von Semiramis erbaute Städte, Abefamis und Soractia. 
Sept ficht man dafelbft nur Einöden. Dann kommt an dem 
Ufer des Pafltigris eine dem Könige der Characener unters 
worfene Stadt, Forath [Basra] genannt, wo die von Petra 
her Reifenden fi fammeln, und von wo fie mit der Fluth 
*) B. V. Rap. 12.5.1. Kap. 21.51 2%. 
*5) Mon den Palmprenifhen Cindden an. 
”.”. In Hiefem Buche, Kap. 30. $. 8. 
+) Zxnvizas, Beltbewohner, Nomaden. 
ID In dem Theil.der Wuſte, welder jeut Bahia ober auch 
Barr Arab heißt. 








Sechstes Bud). 683 


eine Gtrede von 12,000 Schritten [2° M.] nad Eharar 
binabfahren; den and dem Parthiſchen Reihe Kommenden 
aber dient der Flecken Teredon unterhalb des Sufammens 
fluffes des Enphrat und tes Zigris als Ganımelplag. Auf 
dem linken Ufer des Fluſſes wohnen die Ehaldäer, auf 
dem rechten die nomadiſchen Eceniten. 5. Manche erzähs 
len, daß man noch an zwei anderen weit non einander lies 
genden Gtädten vorüberfchiffe, nämlich zuerft an Barbatia 
und dann an Thumata, welche letztere nach ber Ausfage 
unferer Kauflente zehn Schiffstagreifen von Petra entfernt 
und dem Könige der Eharacener unterworfen ift ; ferner daß 
Apamia da, wo fid) das austretende Wafler des Euphrat 
mit dem Zigris vereinigt, liege, und dad man bier die 
Darther, wenn fie mit einem Einfalle drohen, durch eine 
Ueberſchwemmung, die man durch Aufwerfung von Däm: 
men bewirte, zurückhalte. © 

6. Jetzt befchreiben wir die Küfle von Charax an, weldye 
zu erſt von Spiphanes *) untırfucht wurde. Es folgen nad) 
der Reihe die Etelle, wo fi fonft die Mündung des Eu: 
phrat befand, der Fluß Galfus, das Vorgebirg Chaldone 
[Mascat Saif], eine 50,000 Schritte [10 M.] lange Strede 
an der Küfte, welde eher einem Strudel als einem Meere 
gleicht, der Fluß Achana, eine 400,000 Schritte [20 M.] 
lange Einöde bis zur Inſel Ichara [Pheleſchei], der Ca⸗ 
peifche Bufen [Golf von Brän], an welchem die Baulopen 
und Ehatener wohnen, der Gerraifhhe Bufen [Golf von EI 


*, Antiochus Epiphanes, König. von Syrien, 176 — 164 
vor Chr, 


684 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Katif], die Stadt Serra [EI Katif], welche 5000 Sdritte 
ſ[1 M.] im Umfange hat, und deren Thürme aus viereckigen 
Salzblöcken erbant find. Hier liegt auch die Landſchaft 
Attene, 50,000 Schritte [10 M.] von der Küfte, dieſer ges 
genüber in einer Entfernung von eben fo vielen Gchritten 
die Inſel Tylos [Baprein], hochberühmt durch ihren großen 
‚ Meberfluß an Perlen, mit einer Stadt gleihen Namens 
[(Menaina], und daneben, 12,500 Schritte [2%/: M.] von 
ihrem Vorgebirge, eine andere Pleinere [rad]. . Weiterhin 
fol man noch andere große Infeln erbliden, zu welchen aber 
noch Niemand Pam. 7. Die Iehtere [kleinere] foll einen 
Umfang von 142,500 Schritten [22% M.] haben, noch weiter 
[als diefe Sdjrittezahl] von Perſis entfernt, und unr durdy 
einen fchmalen Kanal zugänglich feyn. Dann folgen die 
Inſel Asgilia [Suffor Sahwi], die Stämme der Nocheten, 
Zuracher, Borgoder, Catarder, "Nomaden und der Hnndes 
inf. *) Weiterhin wurde auf diefer Seite, der Klippen wes 
gen, die Schiffahrt noch nicht verfucht, wie Juba berichtet, 
der Übrigens Batrafabbe, eine Stadt der Omaner, welde 
auch Omana heißt und. die frühere Schriftfteller zu einem 
berühmten Hafen Carmaniens machen, fo wie auh Omna 
und Athana, welches nad den Ansfagen unferer Kaufleute 
jegt die berühmserten Städte am Perſiſchen Meere ſeyn fols- 
len, ») zu erwähnen vergeflen hat. 8 Nach dem Hunde: 





*), Flumen Cynos (Kuvös norauos), Flumen Canis, fo 
jegt Falg heißen. 

X Plinius ſpricht von hier an ſo anbeflionımt und verwirrt, 
doß man ihm nur muthmaßend ſolgen kann. Vielleicht 


\ 








Sechstes Bud. = 686 


ffe folgen, wie Juba berichtet, ein Berg, der wie vers 
anne ausficht, dann die Stämme der Epimaraniten, dar⸗ 
f die Ichthyophagen [Kifchefler], eine öde Inſel, der 
Aksſtamm der Bathymer, die Eblitäifchen Berge, ) die 
ıfel Omönus [Babhal] , ber Hafen Machorbe [Maskate], 
: Juſeln Etaralos und Duchobrice, der Volksſtamm der 
‚aldäer, viele Infeln ohne Namen, dann die befannteren 
fein Iſura, Rhimnea und diefen zunächſt eine, auf 
: man .feinerne Pfeiler mit unbekannten Schriftzügen 
det, der Hafen Gobäa, die Öden Infeln Braga, der 
AAksſtamm der Thaludäer, Die Landfchaft Dabanegoris, der 
rg Orfa nebft einem Hafen, der Dieerbnfen Duatus, viele 
fein, der Berg Zricorpphos, die Landſchaft Cardalena, die 
Hanideninfeln, die Infel Capina, ferner die der Ichthyo⸗ 
ıgen, dann die Blarer, die Hammäifche Küfte, woman 
ild anfrifft, die Landſchaft Cananna, die Boltsflämme ‚der 
itamer und der Gaſaner, die Infel Devade, die Duelle 
ralus, die Inſeln Caläu und Amnamethu, der Volks⸗ 
mm der Darren, die Juſel Chelonitis ») und viele Inſeln 
: Schthpophagen, die öde Infel Eodanda, die Inſel Ba: 
ı und viele Infeln der Gabäer ***). 9. Dann folgen die 
üſſe Thamar und Amnon, die Infeln Dolica, die Quellen 





ift Batrafabbe das jehige Adſchar. Nah K. .Mannert’s 
Anfiht (a a. O. 8b. VI. Abthl. 1. Nũurnb. 1799. 8 
©. 140) lagen die von Juba nicht erwähnten Orte nicht 
einmal im Perfifhen Meerbufen , fondern viel füdlicher, 

*) In der Landichaft Oman, 

‚., Mielleiht Mazeira, an ber Küfte von Oman, 

»e) Wahrſcheinlich au der Küfte von Mahra. 


686 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Daulotes und Dora, die Inſeln Pteros, Labatauis, Coboris, 
Sambracate.nnd anf dem Feſtlande eine Stadt gleichen Nas 
mens ; *) weiter nad) Süden hin viele Infeln, deren größfe 
Gamari heißt, der Fluß Myſecros, der Hafen Leupas, die 
Sabäifchen Sceniten, viele Infeln, Acila, ») der Gtapel: 
play des genannten Volks, von wo and man nad) Indien 
fährt, die Landichaft Amithoſenta, Damnia, die größeren 
und Eleineren Mizer und die Drimater. : Das WBorgebirg 
der Naumachäer ***) liegt Earmanien gegenüber, woron es 
60,000 Schritte [10 M.] entfernt iſt. Man erzählt von 
Diefer Stelle eine wunderbave Geſchichte. Es foll nämlidy 
Numenius, der Statthalter des Königs Antiohus in Mes 
fena, daſelbſt an einem und bemfelben Tage die Perſer in 
einer Seeſchlacht beflegt und dann nad) dem Zurücktritte 
der Fluth gegen dieſelben mit der Neiterei gekämpft und 
zwei Giegeszeichen an demfelben Orte dem Jupiter und dem 
Neptun errichtet haben. 

10. Gegenüber auf dem hohen Meere liegt die Infel Ogys 





*) MWielleicht die Infeln Sardy, Halaby, Deriaby und Halky 
und der Ort Habar Hub im Golf von Kuria Muria, an 
dem Küftenfiriche, welcher gewoͤhnlich Sebfchär heißt. 

”*, Wabrſcheinlich ein und berfelde Ort mit dem oben (SR, 26, 
$. 9.) erwähnten Ocelis. 
***) Plinius fchreitet auf einmal, um eine Erzaͤhlung anzu: 
- bringen, rüdmwärte. Denn dad VBorgebirg ber Naumas 
‚ hier (Seekämpfer) kann wohl nur dad Cap Muffendom 
feyn. Da nun Numenius fiahe Schiffe, wie men fie 
jegt noch an jener Küſte fieht, Hatte, in welchen man 
leicht eine bedeutende Anzahl Pferde mitführen Konnte, fo 
it die Thatfache nicht fehr wunderbar. 








Sechstes Bud). 687 


z, *) berühmt durch das daranf befindlihe Grab des Kö: 
8 Erpthras. Gie iſt vom Feſtlande 125,000 Scritte 
5 M.] entfernt, und hat einen Umfang von 112,000 Schrit⸗ 
ı [2275 M.]. Dioscoridu [Socotora], eine nicht weniger 
-ühmte andere Infel, liegt in dem Azaniſchen Meere, und 
von Syagrus [Bartafh], dem äußerſten Borgebirge, 
),000 Schritte [56 M.] entfernt. 

11. Auf dem Fefllande nady Güden hin es) find nun 
h zu nennen die Anfariten, von denen ans man in adjt - 
gen in die Gebirge ***) gelangt, die Bolksſtämme ber 
:endaner, Catabaner und Gebaniten mit mehreren Städ⸗ 
‚ von denen Nagia und Tamna +) ‚mit fünfundfechzig 
npeln, nad) deren Anzahl man hier den Umfang der 
idte ſchäzt, die größten find, ein Vorgebirg, +1) von 
chem man bis zum Zefllande der Troglodyten +7) 50 000 
ritte [10 M.] rechnet, die Zoaner, die Adciten, die Chas 
notiten, die Zomabeer, die Untidaleer, die Lerianen, die 
:äer, die Cerbaner und die Sabäer, welche des Weihrauchs 





e) Iſt das Vorgebirg der Naumachaͤer Say Muffenbom , fo 
ran (wenn auch die angegebenen Zahlen | unrichtig finb) 
Oqyris Beine andere Infel feyn, als Hormus, und man 
hält fie wohl mit Unrecht für Maceira, welche zu weit 
nad Süden Hin entfernt ift, ober gar für Socotora, von 
welcher ſogleich die Rede ſeyn wird. 

) Bom Say Fartaſch bis zur Straße Bab el Mandeb. 

*) Wahrſcheinlich der gebirgige Theil der Landſchaft Hadramaut. 

N) Sol Szanna in Jemen ſeyn. 

pH Bielleicht Cap Bogaſhua. 

5) Küfte Abel oder bad Land der Somaulis; vieneicht auch 
bie Küfte Ajan. 


688 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wegen die berühmteſten unter den Arabern find, und deren 
Stämme ſich bis zu beiden Meeren *) bin ausdehnen.” 

12. Am Rothen Meere befigen fie die Städte Marane, 
Marma , Eorolia und Sabatha [Schibam], im Innern aber 
die Städte Nascus, Cardava, Carnus und Tomala [Tajef], 
wohin fie die Räuncherwaaren bringen. Zu ihnen gehören 
auch die Atramiten, **) deren Hanptfladt Gabota [Sabbea] 
ſechzig Tempel in ihre Mauern einfchließt. Die- Nefldenzs 
ftadt aller iſt jedoch Mariaba [(Mareb]. Ihr Gebiet liegt 
an einem 94.000 Schritte [18% M:] großen Bufen, der 
mit Räucherwerk erzeugenden Juſeln angefült if. 43. Un. 
die Atramiten ftoßen im Inneren bes Landes die Minäer, **°) 
ebenfalls am Meere aber wohnen die Elamiten mit einer 
Stadt gleihen Namens; an fie grenzen die Sagulaten und 
Die Stadt Sibi, weldhe die Griechen Apate nennen; die 
Arfer, +) die Codaner, die Vadeer mit einer großen Stadt, 
die Banafafäer, die Lechiener, die Inſel Sygaros [Kubbet 
Dſchambo]: Hunde betreten fie nicht, und fept man foldye 
auf ihr aus, fo lanfen fie fid an der Küfte zu Zode. Dann 
folgt der innerfte Bufen [Golf von Ukaba], an weldyem die 
Zeaniten, die ihm auch ihren Namen gegeben haben, wohnen. 
Ihre Hauptſtadt iſt Agra [Akaba], und ebenfalls in dem 


*, Dem Arabifhen und bem Rothen Meer. Sie Semwohnten 
alfo die füblihe Spitze Arabiens (die Sanbfchaft Jemen). 
“ Bon ihnen hat die heutige Landſchaft Habramant ihren 
Namen erhalten. 
“20, In der Gegend von Mekka, 
+ In ber Gegend der Stadt Dſchambo. 











s 
N 


Sechstes Bud. . 689 


zuſen liegt Läana, oder, wie ed Andere nennen, Aelana. ) 
)er Bufen ſelbſt Heißt bei unfern Schriftftellern der Aela⸗ 
ittfche , bei andern der Welenatifhe, bei Artemidorus der 
fenitifhe und bei Juba der Länitifhe. Der ‚Umfang 
rabiens von Eharar bis Läanga wird anf 4,770 000 Schritte 
354 M.] angegeben: Juba rechnet etwas weniger als 
‚000,000 Schritte [800° M.]; am breiteften ift es im Nor- 
n zwifhen den Gtädten Heroompolis **) und Eharar. 
44, Nun wollen wir aud) das Junere des Landes bes 
yreiben. An die Nabatäer laſſen die alten Schriftfteller die 
himaneer grenzen; jest findet man dafelbft die Tavener, 
e Suellener, die Arracener, die Arener, wit einer Stadt, 
elche der Mittelpunkt des Handels ift, die Hemnaten, bie 
naliten mit ıden Städten Domatha- und Egra, die Thas 
udener mit der Stadt Badanatha, die Earreer mit der 
kadt Barriata, +) die Achoaler mit der Stadt Phoda, 
:d Die Minder, weldye (wie man glaubt), von Minos, dem 
Snige von Ereta, berflammen. 45. Bu ihnen gehören die 
yarmäer, eine Stadt, weldhe 14,000 Schritte [2% M.] im 
nfange hat, Mariaba Baramalacum, welches ebenfalls nicht 
bedeutend ift, ferner Earnon, Dann folgen die Rhada⸗ 





*) Die Ruinen diefer Stadt, welche nicht weit von Akaba 
liegen, führen noch ben Namen Ailah. 

+) Ruinen biefer Stadt findet man bei Sue. Der Drt, 
bei weichem fie liegen, heißt Aboukoͤqeid. 

) Bol. diefes Kap. 5. 3. 

D Vieleicht Karjathain, jegt auch Khebre genannt, in dem 
Wahabitiſchen Bezirke Kaſchim. 


. Plinius Naturgeſch. 68 Bochn. 8 


\ 


6” C. Plinius Raturgeichichte. 


mäer, weldye von Rhadamanthus, dem Bruder bes Minos, 
herſtammen follen, die Homeriten *) mit ber Stadt Maſſala, 
die Hamireer, die Gebraniten, die Ampren, die SFlifaniten, 
die Bachiliten, die Sammeer, die Amatheer mit den Städten 
Neſſa und Eenefleris, die Bamarener mit den Städten Gaiar, 
Scantate und Bacascamis, die Stadt Niphearma , weldyes 
Wort bei ihnen Gerſte bedeutet, die Auteer und die Raver, 
die Gyreer und die Mathatäer, die Helmodenen mit der 
Stadt Ebode. 16. Dann kommen die Agacturen, welche 
auf den Bergen wohnen, wit einer 20,000 Schritte [4 M.] 
großen Stadt, in der die Auelle Emifchabales, welches Wort 
Kameelftadt bedeutet, entfpringt, ferner Ampelone, eine Eos 
lonie der Mitefler, die Stadt Actrida, die Ealingier mit ber 
Stadt Mariaba, welches Wort fo viel als „Aller Herrn“ 
: bedeutet, die Städte Pallon, Brannimal an einem Fluffe, 
durch welchen der Euphrat wieder ans der Erde hervorkom⸗ 
men fol, die Volksſtamme der Agreer, der Ammonier, bie 
Stadt Athene, die Gaurananer, welches Wort „die Reichiten 
an Vieh” bedentet, die Eoraniten, die Cäfaner und die 
Choaner. Man fand. früher bier auch die Griechiſchen Städte 
Arethuſa, Lariſſa und Chalcis, die aber durch verfdiebene 
Kriege zerftört wurden. **) 

47. Der Einzige, welcher bis jeht die Römiſchen Waf⸗ 
- fen in diefes Land trug, war Welins Ballus ans der Klaffe 


*, Ein maͤchtiges Bold, deffen Hauptſtadt Saphar hieß. Bel. 
oben Kap. 26. S. 9, 


0) Wer auch nur einiges Licht in bi-fe chaotiſche Beſchrei⸗ 
“ng des uns faft unbekannten Inneren Arabiens brin⸗ 
wollte, würde ſich bid jegt vergeblihe Mähe machen. 


= ' 











\ 


Sechstes Buch. 691 


ver Ritter; denn Cajus Eäfar, des Anguſtus Bohn, ſah 
rabien nur ans ber Berne. Gallus zerftörte Städte, die - 
on den Autoren, die vor feiner Zeit fchrieben, gar nit 
enaunt wurden, wie Negra, Umneflrus, Nesca, Magnſa, 
ammacus, Labecia und das oben fchon genannte Mariahe, 
seiches 6000 Schritte [its M.] _im Umfange hat; ferner 
'aripeta , den Endpunkt feines Zuges. ) 18. Aus feinem 
uf eigene Erfahrung geftügten Berichte gebt übrigens her⸗ 
or, daß die Nomaden von Milch und dem Sleiſche wilder‘ 
‚biere leben; daß die Übrigen, wie die Inder, Wein aus 
Jalmen und Del and Gefam preffen; daß die Homeriten die 
ahlreichſte Völkerfchaft, daß die Gefllde der Minäer mit 
Yalmhainen und andern Fruchtbäumen bedeckt find, und daß 
yr Reichthum in Vieh befteht; daß die Eerbaner und Agräer, 
efonders aber die Chatramotiten, am beften mit den Waf⸗ 
en umzugehen wiflen; daß die Career die ausgebehnteften 
nd fruchtbarften Aecker haben, und daß die Gabärr durdy 
re Räucherwer? tragenden Wälder „ ihre Boldgruben, **) 
re gut bewäflerten Fluren und ihren Ueberfluß au Honig 





+) Aeliud Gallus, Auguſi's Statthalter in Aegypten, unters 
nahm den Zug mit einem bedeutenden Heere, landete au 
Diyambo, wurbe von einem Arabifhen Führer in’ wüſte 
. Gegendemgeleitet, und kam mit großem Verluſt und ohne 
ein Nefultat erzielt gu. haben, zurück. Ueber den Zug 
und die von den Romern eroberten Städte vgl, K. Mans 
wert a. a. O. Bb. VI, Abthil. 1. S. 113—119, - ‚ 
©, Sept kennt man Feine Golbgruben in Arabien; man barf 
aber bei der Liebereinfiimmung aller älteren Nachrichten 
an ihrem früheren Vorhandenſeyn nicht zweifeln. 
8 u 


692 C. Plinius Naturgefhichte. . 


und Wachs den größten Reichtum beflgen. Bon den Wohl⸗ 
gerüdyen werben wir in einem diefem Gegenſtande gewid⸗ 
meten Buche °) ſprechen. 19. Die Araber tragen Müpen 
oder laflen das Haupthaar wachſen. Der Bart wird abge: 
foren; nur auf der oberen Lippe bleibt er ſtehen; Andere 
ſcheeren ihn aber auch gar nicht. **) Merkwürdig iſt, daß 
die eine Hälfte diefer zahlreichen Stämme vom Handel , bie 
. andere vom Raube lebt. Im Allgemeinen find fie die reiche 
ſten Boͤlker, indem bie. größten Schätze der Römer und 
Parther fi bei. ihnen aufhäufen; denn fie verhandeln, was 
fle aus dem Meere und ans den Wäldern ziehen, kaufen 
aber Dagegen nichts ein. 

XXXHI, 4. Jetzt wollen wir die nod) übrige Arabien 
gegenüber liegende Küfte beſprechen. Timoſthenes ſchätzte 
Die Länge des ganzen Buſens auf vier und die Breite anf 
‚zwei Zagreifen zu Schiff, die Meerenge aber auf 7,500 
Schritte [ir M.]. Eratoſthenes rechnet anf beiden Seiten 
von der Mündung an :4,300,000 Schritte [260 M.], Arte 
midorns auf der Arabiſchen Seite 1,700,000 Schritte [310 M.], 

(zur) auf der Troglodytiſchen [Afrikaniſchen] aber bis 
nach Ptolemais 4,137,500 Schritte [227% M.} Agrippa für 
beide Seiten ohne Unterfcied 1,722,000 Särüte [344° M.]. 





*) Im gwölften, 
°. Noch jeut finb bei ben Arabern haar⸗ und Bart am 
meiſten ber Mode unterworfen. Ueberhaupt haben bie 
Araber ihre von Aelius Gallus beobachtete Lebensart wes 
nig geändert. 
”r, Diefes Verhaͤltniß ift falfh. Der Arabiſche Meerbuſen iſt 
etwa ſiebenmal ſo lang als breit, 











Sechstes Bud. 698 


Die Breite geben die Meiften auf 475,000 Schritte [95 M.] 
in; die Breite der nach Gädoften hin gerichteten Mündung 
iber ſchätzen Einige auf 6000 Schritte [1? M.], Andere’ 
uf 7000 Schitte [1% M.] und wieber Andere auf 12,000 
Schritte [2° M. *). . 
2. Seine Geſtalt aber iſt feigende. Nach dem Aelani⸗ 
iſchen Buſen [Golf von Akaba] folgt ein anderer [Golf 
Bahr el Kolſum], welchen die Araber Aeant nennen, und 
n dem die Stadt Heroonpolis [Aboukocheid) Liegt. Hier 
tand aud) zwiſchen den Relern und Marchaden **) die Gtadt 
Fambyſes, ***) mo man die Krauten des Heeres angeflebeit 
atte.. Dann folgen der Tyrifche Volksſtamm und der Has 
en Daneon, T) von wo aus zuerft Gefoltris, König von 
legypten, einen Tchiffbaren Kanal bis zu der Stelle des 
tits, wo er das fchon ++) beſchriebene Delta bildet, über 
ine Ötrede von 62,000 Schritten Ka M.] denn fo viel . 


) Nad) den Portugiefifchen Geefahrern, welche das Rothe 
Meer zuerfi genau unterfuchten, beträgt feine Länge 350, 
feine größte Breite 36 , die Mündung 6, bie eigentliche 
Ginfahrt aber zwiſchen der Arabiſchen Küſte und der Ins 
fel Mehum 1 M Bel. P. H. Külbb, Gedichte der 
Ontdetungsreifen. Grfie Abtheilung. Afrika. Sb, I, 
(Mainz, 1841. 8.) S. 267— 269, 

29) Arabiſche Stämme, 
o) Weber ben Feldzug bed Cambyſes nad) Aegypten vgl. He⸗ 
rodot, III, 1-29. 

7) Scheint ganz im ber Nähe (oder vielleicht an der Stelle) 

bes ii jüngeren, ſogleich zu neunenden, Arſinoẽ gelegen zu 


775 8. v. sp... 2. 


69. C. Plinius Raturgefchichte. 


befrägt der Raum zwifchen dem Fluſſe uud dem Rothen 
Meere) zu führen beabfichtigte. Denfelben Plan hatten 
fpäter der Perferkünig Darius uud, nad) ihm ber zweite 
Ptolemaͤus, 9 welcher auch wirkiih einen hundert Fuß 
breiten und vierzig - Buß tiefen Graben 37,500 Schritte 
[7% M.] weit bis zu den bittern Quellen **) führte. 
3. Bon der Fortſetzung fchredte ihn jedoch die Furcht vor 
einer Ueberfhwemmung ab, indem man die Erfahrung machte, 
Daß das Rothe Meer drei Klafter höher liege als der Boden 
Aegyptens. Manche meinen jedoch, die Ausführung fey nur 
deßhalb unterblieben, weil man befürchtete, das eindringendbe 
‚ Meer würde das Nilwaffer, das einzige trinkbare, welches 
man habe, verderben. ***) Nichts defloweniger wird die 
Reife vom Wegyptifchen Meere aus fehr häufig zu Buß ges 
macht und zwar auf einem dreifachen Wege. 4. Der eine 
‚zieht von Pelufium aus durch die Sandwüfte ; da aber hier der 
Wind jede Spur verweht, fo findet man ſich auf ihm nur zu 
recht, wenn er durch in den Boden geſteckte Rohre bezeichnet 
wird. Der andere läuft 2000 Schritte [?/; M.] hinter dem 


*) Ptolemäus Philadelphus, 285 — 246 vor Chr. 

**) Oder vielmehr bittern Seen. Sie liegen nörblidh von 
der Spitze des Rothen Meeres, und find von demfelben 
nur durch Sanbhügel getrennt, Spuren bed alten Kanals 
find nod) vorhanden, 

”. Der, Kanal wurde :von Ptolemäus vollendet , wie man 
aus zuverläßigen Quellen weiß, Plinius nahm feine 
Nachricht wohl ‚von gleichzeitigen Schriftftellern, weichen 


die gänzliche . Ausführung deſſelben unbekannt geblieben. 


war, Vol. K. Mannerta a O. BE. X. Abthl. 1. 
Ceipz. 1825..8.). ©, 503-518. . 











Sehstes Bud. 695 


Berge Gaflus hin, mündet aber nad) einer Gtrede von 
60,008 Schritten [12 M.] in die von Pelufium kommende 
Straße; an ihm wohnt der Araberflamm der Anteer. Der 
dritte führt von Gerrhum, N) welches man auch Abipfon **) 
nennt, aus, durch das Gebiet deſſelben Araberſtammes nnd 
60,000 Schritte [12 M.] näher, aber durdy eine rauhe, wafs 
ferarme Berggegend. Auf allen diefen Wegen kommt man 
nach Arſinos [Adsjernd]; es wurde von Piolemäus Phila- 
delphus an dem Meerbufen Eharandra erbaut und nad) feis 
ner Schwefter benaunt; derſelbe unterſuchte aud) zuerſt Tros 
glodytice genaner, und nannte deu an Arſinoẽ vorübergehen: 
den Fluß ***) Ptolemãus. 5. Nicht weit davon liegt die 
Beine Stadt Aennus, welches Andere Philotera }) nennen; 
daum folgen die Azareer, ein durch feine Bermiſchung mit 
den Troglodgten wild gewordener Araberfiamm , die Inſeln 
Sapirene und Scotala, ++) dann Einöden bis nad) Mybss 
hormos [Altcoffeir] , wo ſich die Quelle Tadnos [Derfani] 
befindet, der Berg Aeas [Gebel Umapr], bie Inſel Fambe - 
[Babuto], viele Häfen, Berenice, eine nach der, Mutter 
des Philadelppus benannte Stadt, wo, wie wir ſchon +Tr}) 


° 





*, Lag etwa 11, M. oͤſilich von Pelufium. 
*0) Das Durfiftillende; fpottweife, weil es kein Trink⸗ 
waſſer hatte, 
‚+9, Wahrſcheinlich eines der Flußbette, welche nur im Winter 
einiges Waffer haben. 
+) Andere Geograngen fegen das Städtchen ſůͤdlich von 
Myoshormos, eine Lage ift noch unbefannt. 
+) Vielleicht die Inſeln Jubal und Jaffatine. 
TID Kap. 26. 8. 8. 


696 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſagten, die von Coptus herführende Straße mündet, und die 
Araberſtämme der Auteer und Gebadeer. 

XXXIV. 4. Dann folge Troglodytice, ) welches die 
Alten Michbs oder Midoe nannten. Hier liegen der Berg 
Pentedactylos [RAS el Enf], mehrere -Infeln, welche Sten& 
deirä, und andere nicht wenigere, weiche Halonneſi beißen, 
Gardamine, Topazos, welde einem Edelfleine den Namen 
gab, ein Bufen, der mit Juſeln angefüllt ift, von beuen bie, 
welche mit Wafler verfehen find, Maren, die aber, welche 
feines haben, Eratonos heißen. ») Sie fanden nuter eis 
nem Pöniglichen Statthalter. Nach dem Inneren bes Landes 
hin wohnen die Candeer, weldye man Ophiophagen (Schlau⸗ 
geneffer) nennt, weil fie gewohnt find, Schlaugen zu eflen, 
an welchen ihr Gebiet reicher iſt, als irgend ein anderes. 

2. Zuba, deffen Befchreibung dieſer Gegend fehr genau 
zu feyn fcheint, vergaß bier (wenn es Bein Fehler der Ab⸗ 
ſchriften if), ein anderes Berenice [Salaca], welches den 
Beinamen Panchryſos [das ganz goldene). führt, und ein 
drittes, weldyes Epidires „zubenannt wird, und durch feine 
Lage ausgezeichnet if. Es liegt nämlich auf einem weit 
bervorfpringenden Bergrücken, wo die Breite des Meerbu⸗ 
ſens bis Arabien 7500 Schritte [1' M.] beträgt. Hier 
liegt andy die Infel Eytis, welche ebenfalls Topafe erzeugt. ***) 





*, Die Küfte von Nubien und Habeſch. 
+ Plinius beſchreibt bie gefahrvole Nubifche Küftenfiredie, au 
weicher eine Reihe flacher Infeln liegen. 
”.. P. fpringt auf einmal weiter nah Suden an bie Straße 
Bab:el:Mandeb ab; der Bergrüden fcheint Ras Beilonl, 
Berenice Afab und. bie Inſel Cytis Mehum zu feyn, 





Sechstes Bud), = 697 


3, Weiterhin folgen die Wälder, wo die Stadt Ptole⸗ 
3 [Ras⸗Ahehas] von Philadelphus am See Monoteus der 
hantenjagd wegen erbaut wurde, weßhalb fie aud dem 
namen Epitheras [Jagdſtadt] erhielt. Dieß ift bie ſchon 
jweiten Buche % von uns bezeichnete Gegend, in der 
undvierzig Tage vor und eben. fo viele nad) der Som⸗ 
onnenwende um die fechöte Stunde die Schatten ‚ver 
inden, in den andern Stunden aber gegen Mittag uub 
em übrigen Tagen gegen Mitternacht fallen; während in 
nice, weldyes wir zuerſt genannt haben, *) am Tage 
Sommerfonnenwende felbft um bie ſechste Stunde bie 
ıtten gänzlich verfhwinden. Wir wollen von diefer 
dt weiter nichts Neues anmerken, ald daß fie 602,000 
:itte [120 7% M.] von Ptolemais entfernt if, ein Ge 
tand von ungebeurer Wichtigkeit, und der ein Tummelplag 
 unermeßlidten Scharffinng geworden ift, indem man 
über die Geflalt der Welt ins Klare Tam, als Eras 
enes ans dem unbezweifelten Berhältniffe der Schatten 


Sröße der Erde zu berechnen unternahm. »e) a. Es 


n nun das Azanifche Meer, das Vorgebirg, welches 


ge Hifpalum nennen, der See Mandalum, die Yufel . 


caſitis [Maffouah) nud auf dem ‚hohen Meere ‚nody viele 
re Juſeln, auf denen es eine Meuge Schildkröten gibt, 
Stadt Suche [Arkiko], die Daphnisinſel [Dhalak] und 


» Rap. 75. 9 2. 

) In dieſem Kapitel, 5. 2. (Set Salaca.). 

) Berg. 8. Mannert a. a. O. Ds. x Mbthl. 1. 
©. 46—48, | 


698 €. Plinius Naturgeſchichte. 


die Stadt der Aduliten [Thulla]. Sie wurbe von Aegypti⸗ 
fen Sclaven, die ihren Herren entlaufen waren, erbaut, 
und ift der bedeutendfle Stapelplatz der Troglodyten, fo wie 
aud) der MHethiopen , von Ptolemais fünf Schifftagreifen 
entfernt. Man bringt defonders viel Elfenbein, Rhi⸗ 
noceroshörner , Flußpferdefelle, Schildkrötenſchalen, Drang: 
‚ outange *) und Sclaven dahin. -5. Oberhalb dieſer Stadt 
folgen die Aroteriichen [aderbauenden] Aethiopen, Daun bie 
Inſeln, welche Aliäu heißen, die Infeln Bachias und Anti⸗ 
bacchias und die Juſel des Straton. *") Der fid) von hier 
ans in die Aethiopiſche Küfte ziehende Bufen ***) iſt unbe: 
kannt, worüber wir uns wundern müffen, da die Haudels⸗ 
leute doc, die darüber hinausliegendeu Gegenden durchforſch⸗ 
ten. Dann folgt ein Vorgebirg, T) auf weichem ſich die von 
den Seefahrern häufig beſuchte Quelle Eucios befindet. Jens 
feits deffelben Hiegt der Hafen der FINE, Tr) weldhen man 
von der Stadt der Aduliten aus auf einem Ruderſchiffe in 
zehn Zagen erreicht. Hierher werden von den Troglodyten 
hauptſächlich Myrrhen gebraht. 3wei Inſeln von Ddiefem 
Hafen heißen Pſeudopylen [falſche Päfle], und zwei andere 
*) Sphingia Sim. Troglodytes L. 
- m) Wabefepetutich find einige der Eleineren Infeln bei Dhalac 
emeint, 
0**) —* die Bucht von Howakel. 
7) Vielleicht Gebel Serbb. 

+4) Vieleicht Douroro in ber Bai von Amphila. Die Ins 
fein würden dann bie Safety: Snfeln fern. Auf Koutto, 
der bedentenditen derfeiben , finden fih Ruinen und große 
Eifternen. Nach einer in diefer Gegend verbreiteten Gage 

ſollen hier die Perfer eine Anfiedlung gehabt haben, 


— 


GSehstes Bud. - | 699 


enfelben Prien [Päſſe]. Auf einer derfeiben ladet man 
erne Pfeiler mit unbekannten Schriftzügen. Weiterhin 
m der Abatlitifche Bufen, *) die Inſel des Diodorus **) 
andere öde Infeln, ferner auf dem Feſtlande ebenfalls 
Öden, die Stadt Gaza, *") dad Moflylifche Vorgebirg 
der Moffglifche Hafen, +) der Stapelplap des Zimmts. 
hierher führte Sefoftrie fein Heer, ' . 
6. Manche fepen weiterhin an die Küfle Baragaza 
eine Aethiopiſche Stadt. Juba behauptet, bei dem Moſ⸗ 
hen Vorgebirg begiune der Utlantifche Ozean, auf wels 
ı man mit Nordweft an feinem Mauritanien vorüber bie 
Gades fahren könne. +3), Wir wollen hier überhaupt 
ganze Anſicht Juba's nicht vorenthalten. Bon dem Bor: 
rge der Inder, Fir) welches Lepteacra, nad) Andern 
panum. heißt, T*) vechnet er in gerader Richtung an 
‚a vorüber bis zur Inſel Malchu 41,500,000 Gchritte 
, M.], von da bis zu einem Orte, welder den Namen 
neos führt, 225,000 Schritte [45 M.], von da bis zur 
el Adanı 450,000 Schritte [30 M.]; und fo betrage alfo 
ganze Strede bie zum offenen Meere 4,875,000 Schritte 
‚, M.1. 
) Wahrfcheinlich die Bai Afab, 
) Sie wirb jegt Perim, auch Mehum genannt. 
) Wahrſcheinlich Zeyla. 
pP Vielleicht der Hafenort Bunder Caſſim und das Cap Felis. 
5 Zune bepauptete alfo mit klaren Worten bie Umferifasteit 
tr) So nenut Tuba hier bie Aethiopier, 
') Der Berg Ghareb, an der Mäntung bes Meerbuſens 
von Suez. 


\ 


700 C. Plinins Naturgefchichte, 


7. Alle übrigen Schriftſteller glaubten, daß dieſes der 
Sonnenginth wegen nicht beſchifft werden köune. Ohnehin 
ſtören den Handel von den Inſein aus die Araber, welche 
Asciten *) heißen, weil fie je zwei Ochſenhäute durch eine 
Brüde verbinden, und auf dieſe Weiſe, mit giftigen Pfeilen 
bewaffnet, Seeräuberei treiben. Stämme ber Troglodyten 
find auch, wie derſelbe Juba berichtet, die Therothoen, **) 
welche ihren Namen von den Thieren, die fle jagen, haben, 
und ine wunderbare Schnelligkeit befigen ; ferner die Ich⸗ 
thyophagen, welche fo gut. wie die Geethiere fhwimmen; 
Dann die Bargener, die Zageren, die Chalyben, die Saxinen, 
die Syrecen, die Daremen und die Domazanen.. 8. Auch 
behanptet er, die Unmohner des Nils von Syene bis Meros 
ſeyen Beine Wethiopifche, fondern Arabifhe Stämme, und die 
Gonnenftadt , ***) welche wir in der Befchreibung Aegyp⸗ 
‘tens nicht weit von Memphis genannt haben, fey von Ara⸗ 
bern erbaut. Manche reißen andy das jenfeitige Ufer H 
. von Aethiopien los, und fchlagen es zu Afrika; auch feyen, 
meinen fle, banptfächlid nur die Ufer des Waſſers wegen 
bewohnt. Wir flellen dieſe Anſichten dem Belieben eines 
Jeden anbeim, und wollen nur die Städte an beiden Ufern 
nad) der Reihe, wie fie angefebt werben, nennen. 
XXXV, 4. Bon Syene an, und zwar zuerſt anf der 





*) Schlaucharaber, von aoxos (Schlauch). Sie wohnten um 
das Borgebirg Sartafch, an der Sudküſte Arabiens. 
2) Onoodoa, Schakaljäger. 
“.. Heliopolis. Bol. B. V. Kay. 9. $. 8. 
) Das dfitiche Nilufer. 








Sehstes Bud. 701 


eite Arabiens, folgen das Volk der Catadnper, *) dieGtädte 
acompfon **) (von Mancheu auch Thatice genannt), Ara⸗ 
um, Gefanium, Sandura, Nafaudum, Auadoma, Cumara, 
eta und Bochiana, ‚Lenphitorga, Tantarene, Möchindira, 
oa, Gophoa , Bpftate,. Megeda, Lea, Rhemnia, Nupfia, 
irea, Pataga, Bagada, Dumana, Rhadata, wo eine gols 
ne Kape als Gott verehrt wurde; Boron im Juneren des 
ındes, und Mallos zunächſt bei Meros. So ſetzt Bion die 
täbte an, 

2. Bei Juba folgen fie anders: nämlich zuerft anf 
nem Berge zwiſchen Aegypten nud Wethiopien die Stadt 


x 


tegatichos , **®) von den Arabern Myrfon genaunt, dann 


acompfon, Aranium, Sefanium, Pide, Mamuda, Eorams 
6, wobei eine Pechquelle, Hammodara, Prosda, Parenta, 
tama, Teffara, Ballaz, Zoton, Sraucome, Emeum, Pidis 
tä, Hebdomecontacometä, Nomaden, welche in Zelten 
ben, Epfte, Pemma, Gadagale, Palois, Primis, Nupfis, 
afelis, Pati, Bambdreres, Magafe, Gegasmala, Eranda, 
enna, Cadeuma, Thena, Batha, Alana, Macus, ‚Scamni, 
ora auf einer Infel, und nach diefen Abala, Aüdrocalis, 
ere, Mali und Agoce. 


*) Bol. B. V. Kap. 10. $. 4, 10. 
*0) Der Ort heißt jet Kobban, wo man.noch die Ueberrefte 


einer großen alten Mauer: and Biegelfteinen findet. "Die ' 


Lage ber Übrigen von Plinius namhaft gemachten Städte 
läßt fich nicht nachweiſen. 

eo) Bei der Nubifchen Stadt Gyrsha (23°, I’ N B.), nörds 
lich von Kobban, liegen die Muinen einer alten Gtadt 
von ben Umwohnenden Semagura genännt, Hier mag 
Megatichos gefianden haben. 


702 C. Plinius Naturgeſchichte. 


3. Auf der Afrikaniſchen Seite werden angegeben ein 
anderes Tacompſos, oder vielleicht ein Theil des ſchon ge⸗ 
nannten, *) Magora, Sen, Edoſa, Pelenaria, Pyndis, Mas 
guſa, Bauma, Linitima, Spintum, Sydopta, Genſora, Pin⸗ 
dicitora, Agugo, Orſima, Suaſa, Maumarum, Urdim, Mu: 
Ion, welche Stadt die Griechen Hypaton nannten, Pagoargas, 
Zamnes, wo man die erfien Elephanten finden fol, Mambs 
lia, Berrefa und Cetuma. Gräber lag andy noch Merve 
gegenüber die Stadt Epis, die aber fchon, ehe Bion ſchrieb, 
zerflört war. 

4. Diefe Städte werden bis Meroe hin angegeben ; von 
allen ift aber jetzt anf beiden Nilufern faft Beine einzige 
mehr vorhanden. Gewiß ift, daß die vom Kaifer Nero, der 
nebft andern Kriegszügen aud) einen nad) Aethiopien im 
Sinne hatte, zur Erforſchung diefer Gegend vor nidyt Tanger 
Zeit unter einem Tribun abgeſchickten prätoriauifdyen Sof: 
daten die Bkkſicherung, dort nur Einöden gefunden zu has 
ben, zurückbrachten. Uebrigens find doch andy bis ‘hierher 
die Römifhen Waffen zur Zeit des göttlichen Auguſtus nnd 
unter der Leitung des Ritters und Statthalters von Ye 
gypten, P. Petronins, vorgedrungen. **) 5. Er eroberte alle 





*) Das zweite Tacompfos ifk wirklich ‘ein Theil bed erfien, 
welcher auf dem weftlichen Ufer des Nil lag. Jetzt findet 
man an diefer Stelle Dakke, Kobban gegenüber. Es has 
ben ſich bis jegt mehrere Ruinen‘ der alten Stadt efbals 
ten, die zu ben ſchonſten Reſten bes Altertbums im Nils 
that gehören, 

**) Diefer Kriegszug [Alt in das Jahr 22 vor en. Bel. 
Caſſius Die, LIV, 5. ' 


f 


Sechstes Bud). 295 


lethiopiſchen Städte, die er in der Neihefolge, wie wir fle 
jee namhaft maden, vorfand, nämlich Pfelcis, *) Pri⸗ 
is, "*) Aboccis, ®**) Phthuris, +) Cambuſis, ++) Atteva+r}) 
nd Stadifls, +”) wo ſich der Nil mit ſolchem Getöſe herabs 
ürzt, daß er den Anwohnern das Gehör raubt. Er plün« 
erte auch Napata, +°*) und Fam auf feinem Zuge 970,000 
‚chritte [194 M.] Über Syene hinaus. Die Römifchen 
Daffen ſchufen jedoch hier Leine Einöde; fondern Yethiopien 
urde ſchon durd) die Kriegemit Aegypten, in denen es bald die 
)berhand behielt nnd bald unterlag, zu Grunde'gerichtet. °**) ' - 
zerühmt und mächtig war ed noch zur Zeit des Trojanifchen 
'rieges unter Memnon’s Regierung, und andy über Sprien 
nd unfere Küfte *+) hat ed zur Zeit des Königs Eepheus 


“ 





*) Iſt mit dem zweiten Tacompſos auf ber weftlichen Nils 
’ feite eine und biefelde Stadt. "Bol. K. Mannert, a, 
a. O. ®b. X. Abthl. 1. ©. 231— 233, 
”e) Bielleiht das Kaftell Ibrim im wady Nude. 
”.°, Mielleiht Handieh in Dongala. 
+) Ruinen bdiefer Stadt foll man bei Safef, fübrich von dem 
Kaftel Tinareh, im Wady Mahap finden, 
+7) Sol auf einem Telfen bei Hettan , ‘in Dongala, gelegen 
haben, 
rt) Bei Soleb, im Wady Mahaß, wo man noch (höne Tem⸗ 
pelruinen findet. 
*) Wahrſcheinlich Wady Dal, im Diſtrikte Sukkot. 
+**) Lag wohl uordlich von Merawe, am Berge Berkel, w 
ſich viele Ruinen finden. 
22) Hauptfählid durch ben Üegpptifchen König Seſoſtris, 
welcher Aethiopien verwüſtete. Herobot, II, 110. 
*+) Des Mittelländifchen Meeres. 
. 


708 C. Plinius Naturgeſchichte. 


geherrfcht, wie ans den Sagen von der Andromeda *) er⸗ 
beit. 

6. Auch über die Größe dieſes Landes Hat man vers 
ſchiedene Angaben. Zuerſt Bam Dalion weit über Meroe 
hinaus; ihm folgten Ariftocreon, Bion, Bafllid nnd der 
‚jüngere Simonides, welcher fünf Jahre in Meros vermeilte, . 
als er fein Werk Über Aethiopien ausarbeitete. Timoſthenes, 
der Flottenführer des Philadelphus, beftimmt, ohne die 
Entferuungen im @inzelnen anzugeben, die Reife von Syene 
nach Meros Überhaupt auf ſechzig Tage; Eratoſthenes zählt 
625,000 Schritte [125 M.]; Artemidorus 600,000 Schritte 
[120 M.]; Sebofus von der änßerften Grenze Aegyptens, 
von wo die fo eben genannten Schriftiteler **y nur 4, 250.000 
Schritte [250 M.] rechnen, 1,675 000 Schritte [335 M.]. 
7. Der ganze Streit hat jedod vor Kurzem fein Ende 
erreicht, - ald Nero's Kundfchafter die von Gyene and 
873,000 Schritte [47435 M.] betragende Entfernung anf 
folgende Weife im Einzelnen beredineten: von Syene bis 
nad) Hierafyeaminos **) 54,000 Schritte [10% M.], von 
da bis nach Zama 73,000 Schritte [14% M.], bis zur 
Laudſchaft der Evonymiten, T) der erſten in Aethiopien, 


*) Undromeba, des Königs Eephend Tochter, wurde nach ber 
Sage an ber Syrifhen Küfe an einen Fels bei Joppe 
"gefeffelt, um von einem Serungehtuer gefrefien zu werben. 
Bol. B. V. 8. 34. 6. 2. 

*P) Weber alle von Plinius angeführten Autoren vgl. bie 
Vorbemerkungen zu diefem Buche, . 

***) Große Ruinenhaufen biefer Stadt findet man bei Mehar⸗ 
raca (Nucharrage) im Wady el Kenous. 

rd) Im jebigen Diſtrikte Sukkot. 











GSechstes Bud. . 105 


),000 Schritte [24 M.], dis nad) Heine 55.000 Eihritte 
. M.], bis nad Pitara 25,000 Schritte [5.M.), bis 
h Tergedbum 106,000 Schritte [21% M.]. In der Mitte 
fes Striches fanden fle die Inſel Gagaude. ) Bon hier 
ſahen fle zuerfi Papageien ‚ von einer andern Inſel am, 
lche Artigula °*) heißt, zuerſt das Thier Drangontang®®®) 
> von Zergedum an zuerft Paviane. +) Von bier an 
nad Napata, weiche Pleine Stadt allein von den oben +) 
annten noch vorhanden war, zählten fle 80, 000 Schritte 
; M.], und von diefer bis zur Inſel Meros 360,000 
yritte [72 M.]. Um Meroe bemerkten fie an deu Kräu⸗ 
n ein frifheres Grün; aud wollen fle.&twas von Wäls 
n und Spuren von Nashörnern und @lephanten wahrs 
ommen haben. 8. Die Stadt Meros T+H ſelbſt iſt nach 
em Berichte vom Anfange der Inſel [Meroe] 70,000 
ritte [14 M.] entfernt, und daneben liegt, wenn man 
dem rechten Nilarme heranfährt , eine andere Inſel, 
u genannt, +*) welche den Hafen bildet. Die Stadt 
nur wenige Gebäude; die Regierung führt eine Fran, 
ıdace genannt, welcher Name ſchon feit langen Jahren 


) Wahrſcheinlich Argo in Dongola, 

*) MBielleiht Gartaoni in berfelben daudfchaft, 

) Sphingion. ©. Kap. 34. 6. 4, ' 

H Synocephalus (Hundekopſ). Wgl. B. VII, ‚Kap. 80, 

+) In biefem Kapitel, $. 4. 

+) Große Ruinen diefer Stabt findet man nod eine Tagreife 
nörblih von Shendy (16°, 337 33" N. B.). 

) Jetzt Kurgos. 


. Plinins Naturgeſch. 68 Bbchn. 9 


706 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ber dieſen Königinnen eigenthümlich if. Man ſindet auch 
bier einen hochheiligen Tempel des Hammon nnd in der 
ganzen Gegend Kapellen. Als übrigens die Aethiopen das 
berrichende Bolk waren, hatte dieſe Inſel eine große Bes 
rähmtheit. Gie war gewohnt, zweihunbertundfünfzigtaufend 
Bewaffuete zu ftellen und ernährte viermalhunderttanfend 
Künftier. Auch jest noch foll es fünfundvierzig Aethiopiſche 
‚ Könige geben. 

(xx). Das ganze Land hieß zuerſt Aetheria, dann Mts 
lantia und fpäter von Aethiops, des Bulcan Sohne, Aethiopien. 

9, Daß an den äußerſten Grenzen dieſes Landes aben⸗ 
teuerlihe Thiers und Menfchengeftalten erzeugt werden, ift 
durchaus nichts Wunderbares, da die bewegliche Feuerkraft 9) 
zur Körperfchaffung und Geflaltenbitdbung vorzüglich geſchickt 
it. Man erzählt wenigftens als gewiß, daß es am der 
änßerfien Oftgrenze-Bolksftämme ohne Nafen gebe, deren 
Antlis eine vollftändige Fläche fen; andere follen Feine 
Dberlippe und wieder andere Beine Sungen haben. 10. Eis 
nem Theile derſelben fol fogar der Mund zugewachſen ſeyn 
und die Nafe fehlen. Diefe athmen nur durch eine Oeff⸗ 
nung, in weiche fie auch durch Haferrohre ihren Trank zies 
ben, und die ihnen zur Nahrung dienenden Körner des wild 
wachienden Hafers einnehmen. inige erfeben den Mangel 
der Sprache durch Winte und Bewegungen der Glieder, und 
einigen war fogar vor der Zeit des Aegyptiſchen Königs 
Piolemäus Zathurus 9%) der Gebrauch des Feuers unbekannt. 





”) Des 'Aethivpifchen Himmels, 
o0) Regierte 116 — 106 vor Chr, 








Sechstes Bud. 707 


anche Schriftſteller ſetzen auch noch zwifchen bie Sümpfe, 
denen der Nil entſpriügt, das Vol der Pygmäer. 

11. Un der Küfle ) aber, wo wir ſtehen geblichen 
d, folgen fortlaufende Berge, welche ein glühend rothes 
fehen haben. Der ganze Landfirih von Meroe an liegt 
fhhen den Zrogiodyten und dem Nothen Meere. Auf 
ı Wege von Napata nach der Käfte des Rothen Meeres, 
der drei Tagereiſen beträgt, wird an mehreren Gtellen 

Negenwafler zum Gebraude aufbewahrt; übrigens ift 
€ Zwiſchengegend fehr reich an Bold. Das weiterhin 
ende Land **) befisen die Atabuler, ein Aethiopiſches 
e. Dann folgen Meros gegenüber die Megabarer, ***) 

Manchen auch Wdiabarer genannt; ihnen gehört die 
Moftadt. Ein Theil derfeiben find Nomaden, weldhe von 
phantenfleifceh leben. Ihnen gegenüber auf der Wfrikas 
hen Seite wohnen die Macrobier, +) und dann wieber 
der andern Geite nady den Megabarern die Memnonen 

Daveller, und nach einem Zwiſchenraume von zwanzig 
ereifen die Eriteufer. Hinter diefen folgen die Docher, 
n die Gymneten, welche ftetd nadt geben, weiterhin die 
eren, die Mathiten, die Mefageben und die Hipporeen, ++) 





) Aethiopiens. Kap. 34. $. 5. 

) Zwiſchen Napata und Meroe. 
>) Wahrſcheinlich in dem heutigen Sennaar, wenn die Ans 
Deutungen des Plinius richtig find, 

F) Vielleicht in dem heutigen Kordofan. 

PD Dieſe Wölter wohnten in Nubien und Habeſch. 


9 * 


708 G. Plinius Naturgeſchichte. 


weiche ihren ſchwarzen Körper mit Röthel bemalen. Auf 
der Afrikaniſchen Seite folgen die Medimner, dann die No⸗ 
maden, welche von der Milch der Paviane leben, die Ola⸗ 
ber und die Syrboten, *) welche acht Ellen groß ſeyn ſollen. 

13. Ariſtocreon erzählt, anf der Seite Libyens, fünf 
Zagereifen von Meros, liege die Stadt Tole und zwölf Tags 
reifen weiter @far , eine von den Aegyptern, die vor Pſam⸗ 
metich **) flohen, erbaute Stadt, in welcher fle dreihundert 
Sabre lang gewohnt haben follen; auch die auf der Arabi⸗ 
ſchen Seite liegende Stadt. gehöre ihnen. Bion aber nennt 
. die Stadt, welche bei jenem Efar beißt, Sape, welder 
Name nad feiner Behauptung nichts Anderes ald Fremd⸗ 
‚linge“ bedeuten foll. Ihre Hauptſtadt auf einer Infel nennt 
er Sembobitis, und eine dritte Stadt auf der Arabiſchen 
Seite Sai. ***) 414. Zwiſchen den Bergen und dem Nil 
wohnen die Symbarer und die Paluoggen, auf den Bergen 
felbft aber die zablreihen Stämme der Aſachen. Sie follen 
vom Meere fünf Zagreifen entfernt ſeyn, und leben von der 
Elephanteniagd. Die Inſel der Semberriten auf dem Nil 
ift eimer Königin unterworfen. Acht Tagreifen von da folgen 
die Wetbiopiihen Nubeer, deren am Nil liegende Stadt 
Zennpfls heißt, und nach dieſen die Sambrer, bei denen 
alle vierfüßige Thiere, fogar. die Elephanten, Beine Ohren 





” Negervölter, von denen bie alten Scheiftfieller nur Fabeln 
zu erzählen wiſſen. 
) Er regierte 670 — 616 vor Chr. 
=.) Ueber dieſe in Habeſch wohnenden Volksfiämme Chie wohl 
Arabifchen Urfprungs waren) und ihre Gtädte laßt fi 
nichts Näheres auffinden, 


+ 


Sechstes Bud. 708 


ben. Auf der Afrikaniſchen Seite wohnen die Ptoemba⸗ 
r, die Pioemphan en, welche einen Hund zum Könige ha⸗ 
1, and defien Beweg nungen fie die Befehle erratben, bie 
rusper mit einer weit vom Nil entlegenen Stadt, ſodann 
Achiſarmer, die Phaligen, die Marigerer und die Caſa⸗ 
ver.) - 

45. Bion gibt auf den. Inſeln nody andere Städte an, 
d fchäßt die ganze Wegitrede von Sembobitis bis Merss 
r zwanzig Tagreifen. Auf der [Merve] zunächſt liegenden 
je nennt er die Stadt der Semberriten, welche von einer 
nigin beherrfcht wird, und eine andere Stadt, Aſar ge 
ınt, auf einer zweiten Infel die Stadt Daron; eine dritte 
fel, auf welcher die Stadt Afel liegt, heißt Medoe, eine 
te Garode, mit einer Stadt, welche denfelben Namen 
rt. Bon da an liegen auf beiden Ufern die Städte Na⸗ 
„Modunda, Andatis, Secundum , Eolligat, Secande, 
vectabe, Eumi, Agrosni, Aegipa, Candrogari, Araba und 
mmara. 

16. Die Gegend oberhalb Sirbitum, **) wo die Berge 
yören, bewohnen nad, den Berichten @iniger bis zum 
ere hin ***) Aethiopen, nämlidy die Niflcaften und die 
ten, weldie Namen „Männer mit drei und vier Augen“ 
uten, nicht aber weil fie von Natur fo beſchaffen find, 
ern weil fie mit den Pfeilen vortrefflih zu zielen vers 


) Die Gige diefer in Nubien und Habeſch wohnenden Bol⸗ 
ger, an welche Plinins feine Kabeln Enüpft, näher nach⸗ 
weifen zu wollen, wäre ein vergeblichee Bemühen, 

) Vielleicht Sennaar. 

) Bermuthlich nach der Küfte Abel und Yan din, 


710 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſtehen. Von dem Theile des Nil an aber, welcher ſich 
‚oberhalb der großen Syrten und dem füdlichen Dcean bins 
zieht, *) findet man nach Dalion’s Bericht die Völker, 
welche Ciſorer und Longoporer heißen, und nur Negenwafler 
zu ihrem Gebrauche haben, fünf Tagreifen hinter den Oeca⸗ 
kicen **) die Uilbalcen, Iſueler, Pharuſer, Belier und Eid: 
pier, dann nur noch Sandwüſten und weiterhin if 
Alles fabelhaft. 17. Nach Welten hin follen die Nigrer d 
wohnen, deren König kur ein Auge auf der Stirne hat; 
dann die Ugriophagen, welche bauptfächlich vom Fleiſche der 
Löwen und Panther Ieben; die Pamphager, welche Alles ver: 
finden; die Anthropophagen, ' welche Menfchenfleifch eflen; 
die Cynamolger +) mit Hundeköpfen; die Artabatiten, 
welche wie vierfüßige Thiere umberirren; dann die Hesperier 
and bie. Perorfer, weiche wir ſchon +) an der Grenze 
Mauritaniens genannt haben. Ein Theil der Aethiopen 
jeben nur von Heuſchrecken, 1*) welde fie gefalzen und ge 


*, Alſo nad Bornu hin, Denn der Nkommt nad, bem 
Berichte bes Plinius (B. V. Kap. 10. $. 1.) aus Weſt⸗ 
Afrika. J 

e) In deren Land der Niger entſpringt. B. V. K. 8. §. 3. 

e*0) Diefe Volker wohnten wahrſcheinlich am Nordrande der 
großen Wärte, ſuͤdlich von ber Berberei. 

+) Diefe und die folgenden fabelhaften Völker kann mas 
etwa in Nigritien fuchen, . 

+4) Hundemelter. — Artabatiten, Leute, die auf allen Vieren 
gehen. Schon bie, Namen biefer Bbiker Deweifen, daß 
ihre Daſeyn auf Sagen beruht, 

DD» V. K. 14. 8. 10. Kap. 8. $. 1. 

+) Noch jest find gedbrrte Heuſchrecken vielen Negerſtaͤmmen 
eine angenehme Speiſe. 
4 


- 








4 


Sechsſstes Bud. 7144 


iuchert ein ganzes Jahr hindurch zur Nahrung aufbewahren; 
: überfchreiten nicht das vierzigfte Lebensjahr. 

48. Das ganze Land der Uethiopen fol, nach Agrippa’s 
chaͤtzung, mit dem Nothen Meere eine Länge von 2,170,000 
chritten [434 M.], und, Oberägppten mit eingerechnet, 
ne Breite von. 1,298,000 Schritten [259% M.] haben. 
ndere berechnen die Länge wie folgt: von Meros bis Sir⸗ 
tum zwölf Schifftagreifen, von hier bis zu ben Davellern 
enfalls zwölf, und von diefen bis zum Aethiopifchen Ocean 
HE Tagreifen. Faſt alle Schriftfteller ſtimmen darin übers 
2, daß die Entfernung von dem Dcean bis Merv& Übers 
upt 625.000 Schritte [125 M.] beirage, wie weit es von 
nad) Syene ſey, haben wir ſchon gefagt. *) 19. Aethiopien 
at von Südoften nad) Südweſten hin; an feiner ſüdlichen 
renze prangen die Wälder hauptſächlich mit Ebenholz; in 
ner Mitte ragt dicht an dem Meere ein hoher Berg hers 
r, aus welchem ein ewiges euer auflodert, und der bei 
n Griechen Theön Ochema (Bötterwagen) beißt; von hier 
ifft man in vier Tagen zu dem Vorgebirge, weldes den 
men Hesperifhes Horn (MWefthorn) führt, und an dem 
ındte, wo Afrika an die Hesperiſchen Wethiopen gremst, 
36. Mauche fegen auch in diefe Gegend eine Reihe mär 
ı ober, mit anmuthigen Gehölze bekteideter und von 
gipanen und Satyrn bemohnter Hügel, **) 

XXXVI (xxxi). 4. In diefem ganzen Meere follen nad) 





*) In dieſem Kapitel, 6. 6, 
»®) Leber bie bier angeführten Punkte der Weſtkuͤſte Afrika's 
vg. B. V. K. 1. 5 6. 10. 


- 


712 _ C. Plinius Naturgeſchichte. 


Den Angaben des Ephorus, des Eudoxus und des Timoſthe⸗ 
nes mehrere Juſeln liegen. Clitarchus erzählt, ‚dem König 
Alexander fey von einer, welche fo reich fey, daß die Be 
. woher Pferde gegen Talente Goldes austaufchten, und von 
einer andern, auf weldier man einen heiligen von einem 
Walde befinatteten Berg entdedt habe, wo von den Bäumen 
ein Weihrauch von wunderbarer Liebtichkeit träufle, Nach⸗ 
richt gebracht worden. *) In der Richtung des Perſiſchen 
Meerbuſens wird die Aethiopien gegenüberliegende Juſel 
Eerne **), angeführt; man Eennt aber weder ihre Größe, 
noch ihre Eutferuung vom SFefllande; fie folk nur von Yes 
thiopiſchen Bolksſtämmen bewohnt feyn. 2. Ephorus erzählt, 
‚daß die vom Rothen Meere aus Bahrenden wegen ber gro⸗ 
Ben Hitze, Die jenfeitd gewiffer Gäulen (wie man einige 
Juſeln ***) nenne) herrſche, nicht zu ihr gelaugen könne. 
Polybius erzählt, Gerne liege an dem Ende Mauritaniens 
dem Atlasgebirge gegenüber, acht Stadien [Y, M.] vom 


* Manche Halten ohne Hinreihenden Grund biefe Infeln für 
Abdal Curia und die beiden Brüder bei Socotora. 
+) Nach Einigen Mabagascar. Andere, weiche glauben, Plis 
nius bezeichne baffelbe Gerne, welches er weiter unten 
nennt, fuchen die Infel an ber Weſtküſte Afrika's, und 
ziehen die Worte „contra sinum Persicum“ zu dem vors 
hergehenden Sage ; was freilich unftatthaft fcheint. Webers 
haupt gewährt dieſes Kapiter einen unbefchränkten Tum⸗ 
melplag für die mannigfaltigfien Hypotheſen, die bier auch 
nur angedeutet werden Fünnen, Wir nennen bie neueren 
Namen nad ben verfchiebenen Angaben, ohne uns für 
eine derfelben zu verbürgen. . 
**) Sollen die beiden Sabedyna (ober weißen Selfen), 
ebenfalls bei Socotora, feyu. 


. 














! 


Sechstes Bud. 713 


Feſtlande.) Nach Nepos Cornelius Tiegt fie zumeiſt Kars 
thago gegenüber, **) 1000 Schritte [Ys M.] vom Feſtlande 
ınd bat nur 2000 Schritte [2/; M.] im Umfange Auch fol 
noch eine andere Inſel dem Atlasgebirge gegenüber liegen, 
ınd deßhalb Atlantis ***) heißen. 3. Bon ihr aus findet 
nan fünf Schifftagreifen weit nur Einöden bis an den Hes⸗ 
yerifchen Aethiopen und dem Vorgebirge, welches wir Hes⸗ 
erifhes Horn genannt haben, von wo ſich die Gtirnfeite 
es Landes zuerft nach Welten und das Utlautiihe Meer 
in wendet. Auch diefem Borgebirge gegenüber werben Ju⸗ 
ein angeſetzt, welche man die Gorgaden nennt, +) und bie 
inft der Aufenthalt der Sorgonen gewefen feyn follen. Sie 
iegen, wie Zenophon von Lampſacus angibt, zwei Schifftag⸗ 
eifen vom Laude. A. Hanno, der Feldherr der Karthager, 
yeldyer bis zu ihnen vordrang, erzählt, Daß die Weiber am 





2) Eerne, an ber Weſtküſte Afrikas, if nach Einige? bie 
Inſel Fedal, nah Andern Varel am Cap Geer. Undere 
Halten fie für Arguin und für eine ber unten vorkoms 
menden Gorgaben, u 

*e, In fübweftliher Richtung. Plinius will fagen, Gerne 
Liege eben fo weit von den Säulen bed Herkules nad 
San, al ‚ al Karthago dftlich von benfelben, Wol. B. kV. 

1.5. 4, 

») Mon ber vielbefprochenen Atlantid Plato’8 kann hier bie 
Rede nicht ſeyn. Vielleicht if eine der Eanarifchen Ins 
fein oder das ſchon erwähnte Varel gemeint, 

+) Man hält die Gorgaden für die Inſelgruppe Arguin. 
Daß Hefperifhe Horn wäre mithin das Weiße Vorgebirg. 
Andere verfichen unter den Gorgaben bie Infeln bes Grfis 
nen Vorgebirge, zu weichen aber die alten Seefahrer wohl 
nicht Bamen, 


74 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ganzen Leibe behaart geweſen, die Männer ihm aber durch 
ihre Schnelligkeit entwiſcht ſeyen. Er legte zum Beweiſe 
und der Seltſamkeit wegen die Häute zweier weiblichen 
Gorgonen 9 in dem Tempel der Juno nieder, wo fle noch 
bis zur Einnahme Karthago’d zu fehen waren. Jenſeits 
der Gorgaden fest man aud noch Die beiben Inſeln der 
Sesperiden *% an. Die Nachrichten über alle diefe Dinge 
find aber fo unzuvertäffig, daß Statins Seboſus die Fahrt 
von den Infeln der Gorgonen am Atlas vorüber bis zu ben 
Aufeln der Hesperiden auf vierzig Tagreiſen, den Weg von 
diefen bie zum Hesperifhen Horne nur auf eine Zagreife 
angibt. Auch Über die Infeln Manritaniends weiß man 
nichts Bewiffered; nur darüber ift man einig, daß etliche 
Snfeln dem Lande der Antololen **9% gegenüber liegen, }) 
weiche Juba entdedte, nnd auf denen er eine Auſtalt zum 
Färben des Getuliſchen Purpurs gegründet hatte, 

. XXXVII (zz), 4, Manche glauben, jenfeits derſelben 


*) Diefe Gorgonen darf man wohl für Affen halten, 
, Man bürfte fie eher am Grünen Vorgebirge ſuchen; viels 
leicht find e8 aber zwei der Canarifchen,' 
m) Vol. B. V. 8 1 |. 9. 
+) Nach Einigen die Canariſchen Inſeln Lancerota und Fors 
taventura ; nach Andern Madeira, Porto Santo und Las 
Defertas, und nad) den Geographen, welche die Kenntniß 
der Alten von den weftafrifanifchen Infeln in bie engſten 
Grenzen einfchränten, Fedal, Mogabore und Aſafi. Auf 
"allen biefen Infeln findet man das Bärbemoos, Orfeille 
(Lichen roooella) genannt, womit man noch jegt Pur⸗ 
yur färbt, 











Sechstes Bud. 715 


lägen die glüdfeligen Inſeln *) und noch einige andere, 
und der eben erwähnte Sebofus gibt fogar ihre Zahl und 
ihre Entfernung von einander an. Junonia **) fest er 
750,000 Schritte [450 M.] von Bades, und eben fo weit 
von diefer Infel nad Wehen bin Pluvialia 9°) und Ear 
praria. }) Auf Pluvialia fol man Bein anderes Waffer 
als Kegenwafler haben. Bon diefen find nach ihm die glüds 
feligeu Juſeln 250,000 Schritte [50 M.] entfernt, und liegen 
der linken [weſtlichen] Seite Mauritaniens gegenüber nach 
ber neunten Tagsſtunde ſSüdweſten] bin; die gine heißt 
Gönvallid Tr) wegen ihrer gebirgigen, die andere Planas 
ria +++) wegen ihrer ebenen Geſtaltung. Den Umfang von 
Eonvallis gibt er auf 300,000 Schritte [60 M.] an und 
fagt, die Bäume erreichten auf ihr eine Höhe von, hundert⸗ 
nudvierzehn Fuß. 

2. Juba bat über bie glüdfeligen Inſeln folgende Nach⸗ 
richten eingezogen : auch fie liegen in ſüdweſtlicher Richtung, 
625 000 Schritte [125 M.] von den Purpnrinfeln, fo daß 
man 250 000 Schritte [50 M.] nach Welten zu fchiffen, und 
daun 375,000 Schritte [75 A weit feinen Lauf wieder 





*) Man darf wohl nicht zweifeln, daß hier bie Kauarifchen 
Juſeln gemeint find. 
*) Junoinſel. Am wahrfcheinlichfien Gracioſa; nach Andern 
Mabeira, ober 2060, oder Fortaventura, oder Gomera. 
*, Regeninſel. Am wohrſcheinlichſten Ferro, nad Wadern 
Lancerota ober Palma. 
7) Ziegeninſel. Am wahrfcheinlichfien Gomera, nach Andern 
Fortaventura ober Palma. 
+) Thalinſel. Man nimmt diefe einflimmig für Tenerife. 
+9 Ebene Infel, Gie wird. allgemein für Canaria gehalten, 


716 €. Plinius Naturgefchichte. 


nady Often zu nehmen babe. *) Die erſte Heiße Ombrion; *% 
man finde anf ihr Leine Spuren von Gebäuben, fie habe 
aber zwifchen den Bergen einen Sumpf und ruthenähnlicdhe 
Bäume, aus. welchen man Waſſer prefle, nnd zwar aus dem 
ſchwarzen bitteres, aus den meißeren aber angenehm ſchme⸗ 
dendes. ‚Die zweite Infel fey Junonia, und auf ihr ges 
gewahre man nur ein and Steinen erbautes Tempelchen. 
Hinter ihr und ganz in ihrer Nähe fey eine andere Bleinere 
Inſel 9%) gleichen Namens. 

3. Dann folge Gapraria, weldhe von großen Eidechſen 
wimmle. In dem Geiſſchtskreiſe der erwähnten liege Riva: 
ria, F) welhe ihren Namen von dem flets auf ihr vorbaus 
denen Schnee Habe und in Nebel gehälit fey. Zunächſt nad 
ihr folge Canaria, +4) von der ungeheneren Menge ber anf 


*, Juba will fagen: wenn man bie glüdfellgen Iufeln vom 
ben Purpsrinfeln aus zuerit in der Richtung nad, Werten, 
dann zurfict nah Oſten umſchifft, fo beirägt ber Weg 
625,000 Schritte. Wirklich beträgt aud die Entfernung 
von Lancerota nad) Palına, ber weſtlichſten Inſel, unges 
fähr 250,000 Schritte und ber Ruͤckweg, wenn man alle 
übrigen Infeln berührt, 375,000 Schritte. Go erklärt 
man am watürlichiten dieſe Häufig mißverfiandene Stelle, 
und Hardonin's Aenderung der Baht 375,000 in 75,000 
war überfäffig. . 

*., Das Griechiſche Wort für Pluvialia. 
“, Wahrſcheinlich Lobos, nad, Undern Eilara, oder Graciofe, 
oder bie Salvages. 

+) Kann Being andere ald Teneriffa ſeyn. Denn nur auf 
dem Pie derfelben if Schnee anzutreffen. Nivaria uud 
Eonvallid find alfo verichiedene Namen derſelben Fuge, 

FEN Diefe allein Hat ihren Namen erhalten. 


Sechstes Bud. 717 


ihr befindlichen Hunde, von denen man Tuba zwei brachte, 
fo genannt. Auf ihr bemerte man Spuren von Gebäuden. 
Alle haben Ueberfluß an Obfibäumen und an Vögeln jeder 
Art; die zulept genannte fey aber auch reich an Dattelpals 
men und Fichtennüſſen. Honig ſey auf allen in Fülle, und 
in den Zlüffen treffe man die Papprusflaude und Belle; 
viel aber ‚hätten ſie durch die faulenden Seethiere, die fort⸗ 
während [vom Meere an ihken Küſten] ausgeworfen würden, 
zu leiden. 

XXXVII, 4 Da wir nun den Erdkreis nad Innen 
und Anßen genugfam befchrieben haben, fo fcheint andy eine 
gedrängte Ungabe des Maßes der Meere nicht überflüſſig 
zu ſeyn. 

(xx), Polybius beſtimmt die Strecke von der Gadi— 
anifchen Meerenge in gerader Richtung bis zur Mündung 
es Maotiſchen Sees auf 3,437,500 Schritte [687% M.], 
von demfelben Anfangspunkte ans in gerader öſtlicher Rich⸗ 
ung bis nad Sicilien auf 1,260,500 Schritte [252 Yıo M.], 
is nach Ereta auf 375,000 Schritte [75 M.], bis nad 
ſthodus auf 183,500 Schritte [3671 M.J, bis zu den Cheli- 
onifchen Inſeln [Khilidonian) auf eben fo viele, bis nad 
Spprus 322,500 Schritte [64/. M.], und von da nach Ges 
eucia Pieria [Kebfe] in Syrien 115.000 Schitte [23 MI, 
yeldye Berechnung zuſammen 2,440,000 Schritte [488 MI | 
usmacht. 2. Agrippa ſchatzt dieſelbe Entfernung von der 
zaditaniſchen Meerenge in gerader Richtung bis zum Ifa⸗ 
hen Buſen [Golf von Scanderuͤn] auf 3,440,000 Schritte 
588 M-]. Ic weiß nicht, ob ſich nicht vielleicht ein Zah⸗ 
nfebler eingeſchlichen hat, da bderfelbe Den Weg von der 


718 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Siciliſchen Meerenge bis nad Alexaudrien auf 1.250,006 
Schritte [250 M.] angibt. Der ganze Umfang des Meeres 
aber, alle genannten Bufen mitgerechnet, beträgt nach ihm 
von demfelben Anfangspunkte an bis zu dem Mäotifchen 
See 10.056.000 Schritte [2041% M.]. Artemidorus füge 
nod) 735,000 Schritte [150% M.] hinzu. Derfelbe beſtimmt 
das ganze Maß mit Inbegriff des Mäotifden Sees auf 
47,590,000 Schritte [3478 M.). Dies ift die Maßbeſtim⸗ 
mung wehrlofer, in gleidygältiger Kühnheit dem Gdyidfel 
trpgender Menſchen. *) 3. Run foll nod die Größe ber 
einzelnen Welttheile mit einander verglichen werden , To ber 
deutende Schwierigkeiten aud die Meinungsverfchiedenbeit 
der Schriftſteller bietet. Am leichteflen wird man eine Ue⸗ 
berficht erlangen, wenn man zu der Länge die Breite fügt. 
Nach diefem Berfahren beträgt Die Bröße Europa’s 8,294.,000 
Schritte [1658 5 M.]; Afrita Hat (wenn man aus der 
großen Berfhiedenheit der Angaben eine Mittelberedhnung 
zieht) eine Länge von 3,794,000 Schritten [758% M.]: feine 
Breite überfleigt, fo weites bewohnt wird, nirgends 250,000 
Schritte [50 M.]). Da aber Agrippa die Größe deffelben 
ſchon von einem feiner Theile, nämlich Eyrenaica, an, mit 
Inbegriff der Einödeu bis zu den Garamanten bin, fo weit 
man fie kennt, auf 94,000 Schritte [182 M.] beflimmt , fo 
muß das ganze Maß, weiches man berechnen faun, A,608,000 
Schritte [921% M.] betragen. 4. Die Länge Aſlens wird 
befanntlich auf 6,375,000 Schritte [1275 M.] beflimmt. Die 


ee ® 
*) Der Seeleute, welche anf ben Meere jeden Augeublick 
und ohne Ausficht auf Hülfe in Kobeögefahr fchweben, 


Schstes Bud). 749 


Breite kann wohl, wenn man fie vom Aethiopiſchen Meere 
an bid zu der am Nil liegenden Stadt Alexandria hin, ſo 
daß die Meffung über Meros und Gyene läuft, berechnet, 
4,875,000 Schritte [575 M.] betragen. Darans geht alfo 
hervor, daß Europa um etwas weniger als die Hälfte Aflens 
größer ald Allen, und daß es um ein und ein Sechstheil 
Afrika's umfangreicher fey als Afrika. Stellt man nun alle 
yiefe Summen zufammen, fo wird es fid) klar zeigen, daß 
Suropa ein Drittel und etwas Über ein Achtel, Allen ein 
Biertel und ein Vierzehntel und Afrika ein Fünftel und ein 
Sedyzigftel der ganzen Erde ausmacht. *) 

XXXIX. 4. Sulest wollen wir hier audy nad) eine von 
ıberans feinem Scharfſinn zeugende Lehre Griedifcher 
Frfindung beifügen, damit man bei der Betrachtung der 
‚age der Länder nichts vermiffe; und damit man nad der 
Infzählung der Gegenden erkenne, einmal mit welchen ans 
ern jede derfeiben in Verbindung ſtehe und rüädlihtlich der 
‚age und Nächte verwandt ſey; fodann welche derfelben 
leiche Schatten und gleiche Himmelswölbung mit einander 
emein haben. And, hierüber alfo wollen wir Re cyenfchaft 
eben, und alle Länder nad Himmelstheilen ordnen. Es 
ibt aber- mehrere ſolcher Himmelsabſchnitte, welde Die 
nfrigen Kreiſe und die Griehen Parallelen nennen. 

(zxsıv). 2. Den Anfang macht der nah Süden hin 
»gende Theit Indiens, und Diefer Kreis dehnt ſich bis nad 





*, Daß alle diefe Zahlen nicht genau ſeyn können, iſt nach 
ber Meffungdreeife der Alten begreiflih; man kann fie 
übrigens nad) jeder Landkarte berichtigen, 


- 


720 C. Plinius Naturgefchichte. 


Arabien bin und bis zu den Anwohnern des Rothen Meeres 
aus. Darin find begriffen die Gedroſer, die Perſer, die 
Carmaner, die Elymaͤer, Partäyene, Aria, Suſſane; Mefo: 
potamien, Gelencia, weldyes den Beinamen das Babytonifche 
führt, Arabien bis nach Peträ, Cölefprien, Pelufium, Un⸗ 
terägypten, das fogenannte Gebiet Alerandriens, die Käfte 
Afrita’s, alle Eyrenäifhen Städte, Thapfas, Adrumetum, 
Clupea, Karthago, Utica, die beiden Hippo, NRumidien, die 
beiden Mauritanien, das Atlantiſche Meer und die Gänien 
des Herkules. Unter diefem ganzen Himmelsſtriche wirft 
um die Mittagsftunde zur Seit der Tagundnachtgleiche ein 
fieben Zuß langer Souneunhrenzeiger', gewöhnlich Gnomen 
genannt, einen nur vier Fuß langen Schatten. Die Dauer 
der längfien Nadyt und des Tängften Tages beträgt vierzehn 
Yequinoctialftunden; der kürzeſte Tag und die kürzeſte 
Nacht dagegen haben nur zehn Stunden. 

3. Der folgende Kreis beginnt mit dem Theile Indiens, 
welcher nach Welten hin liegt umd zieht ſich mitten durch 
Parthien, Derfepolis, das dieffeitige Perſis, das dieffeifige 
Arabien, Judäa und die Anwohner des Berges Libanus 
bin. Er umfaßt Babylon, Idumäa, Samaria, Hierofolyme, 
Ascalon, Joppe, Cäſarea, Phönicien, Ptolemais, Sidon, 
Tyrus, Berytus, Botrys, Tripolis, Byblus, Antiochien, . 
Laodicea, Selencia, die Küſte Ciliciens, das ſüdliche Eypern, 
Creta, Lilybäulm auf Sicilien und die nördlichen Theile des 
eigentlichen Afrike und Numidiens. Ein fünfunddreißig 
Buß langer Gonneunhrenzeiger wirft zur Seit der Tagund⸗ 
nachtgleiche einen vierundzwanzig Buß langen Schatten. 


Sehstes Bud. 721 


Der längfie Tag und bie Iängfie Nacht haben vierzehn und 
in Fünftel Nequinoetialſtunden. 

4. Der dritte Kreis beginnt bei den zunähft am maus 
vohnenden Indern, und geht über die dicht an Medien lies 
enden Caspiſchen Paäſſe, Eataonien, Cappadocien, den 
taurnd, ben Amanıs, Iſſus, die Ciliciſchen Päffe, Soli, 
karfus, Eyprus, Pifidien, Side. in Pamphylien, Lycaonien, 
Yatara in Lycien, Kanthus, Kaunus, Rhodus, Eos, Hali⸗ 
arnaflus, Gnidns, Doris, Ehius, Deines, die mittleren Cy⸗ 
laden, Gythium, Malen, Argos, Laconien, Elis, Olympia, 
Reflenia im Pelopounes, Syhracus, Eatina, mitten über 
Sicitien, das ſüdliche Sardinien, Earteia und Bades. Ein 
Sonnenußrenzeiger von hundert Zheilen wirft einen Scyätten 
on fiebennndflebzig heilen. 9 Der längfte Tag hat 
iersehn nnd eine halbe und ein Dreißigftel Meauinoekial 
unden. 

5. Unter dem vierten Kreife liegen die Länder anf der 
ndern Seite des Imaus, das ſüdliche Eappadocien, Gala⸗ 
en, Myflen, Sarbis, Smyrna, Sipylus, der. Berg Tmolus 
Lydien, Carien, Jonien, Trallis, Eolophon, Ephefus, 
Niletos, Samos, Chios, das Jcariſche Meer, die nördlichen 
ycladen, Athen, Megara, Korinth, Sicyon, Achaja, Paträ, 
vr Iſthmus, Epirus, das nördliche Sicilien, die öſtlichen 
heile des Narboniſchen, Gallions und die Küfe Hiſpa⸗ 
end von Neukarthago an weiter weſtwärts. Einem 





e) D. 5. bie Länge bei Zeigers verhält fih zu ber Länge 
des Schattens, wie 100: 77. 


€. Plinins Naturgeſch. 68 Bbchn, . 40 


132 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Sonnenuhrenzeiger von einundzwanzig Fuß entſpricht ein 
Schatten von ſiebenzehn Fuß; der laͤugſte eg. hat vietiehe 
und zwei Drittst Aecquinoctialſtunden. 

6. In dem fünften Abſchnitte, der bei der Mündung °, 
Yes Caspiſchen Meeres begiunt, find begriffen: VBarine, 
Herten, Armenien, Myſien, Phrygien, der Sneltespangt, 
Troas, Tenrdus, Abydos, Seepſis, Ilium, der Berg Ihe. 
Cyzieum, Lampfacus, Sinope, Amiſas, Heulen in Vene 
ins, Paphlagonien, Lemnus, Imbrus, Thaſus, Eaffaudrie 
Dyheffalia, Maeedonien, Lariſſa, Amphipolis, Theſſalonice, 
Delta, Uedefla, **) Beröa, Pharſalia, Earyfium, das Böo⸗ 
tiſche Cuba, Ehalcis, Delphi, Acarnanien, Aetolien, Apol⸗ 
fonia, Brundiſtum, Tarentum, Thurii, Loeri, —* die 
Lucaner, Neapolis, Puteoli, das Tusciſche Meer, Corſica, 
Die Balearen und die Mitte Hiſpaniens. Ein Sonuen⸗ 
ubrenzeiger von fieben Fuß wirft einen Schatten von ſechs 
Buß. Die Dauer des längfien Tages ‚beträgt füufjehn 
Aequinociialſtuuden. 

7. Die ſechtte Abcheilung, in welcher die Stadt Rom 
mit eindegriffen it, umfaßt die Caſpiſchen Völker, dem 
Baucafus, das nörblihe Armenien, Apo llonie am Rbynda⸗ 
eus, Nicomedia, Nicka, Eha leedon, Byrantinm , Lyſimachio, 
den Eherſones, den Melaniſchen Weerbufen, Abdera, Gar 
mothracien, Maronea, Aenus, das Beſſiſche Gedier, Thracien, 





e) Der angeblichen. ©. Kap. 15. 9. 1 

ee) Jetzt Vodina, in Macedbonien. ©. Tafel; Theſſalonica, 
S. 307-310. O. Müller, Gdtting. G. M. 1840. 
S. 841. 





Sechstes Bud. 135 


taten, Väorien, die Ihiorien, Dyerachium, Tamuſtum, Die 
Seren Gebietsthdeile von Apulien, Eampanien, Etrurien, 
Hfd , una, Zum, Genua, Bigurien, Umfipeiid, Maſſilia, 
tarbon , Tarracon, die Mitte des 3 mischen Dips 
ien, ud Bufltawien in dieſer Kichtung bin. Bin nem Buß 
mger Gonnenubsenzeiger wirft einen act Fuß Fangen 
Schatten; Die Dauer des läungfien Tages beträgt fünfgehn 
nd ein Neuätel, oder Wie Nigidins wii) ein Büngtel 
keauinectöatfiumden. 

8. Der fiebente Unenitt beginnt an ber andern Kite 
16 Caſpiſchen Mesres, and gebt über Galatid, den Bospo⸗ 
us, den Borvſthenes, Tomi, ‚die andere ſnördliche] Geite 
ıhraciend, die Triballer, die übrigen Theile von Jllyrien, 
ad Adriatiſche Mer, Aquileia, Altinum, Benetia, Bicetia, 
Yatapium, Berona, Cremona, Ravenna, Mucona, Pieenum, 
ie Marſer, die Peligner, die Sabiner, Umbrien, Ariminum, 
zononia, Placentia, Mediolanum und alles Uebrige von 
em Apenninus an; ferner jenſeits der Alpen über das Aqui⸗ 
anifche Gallien, Bienna, die Porenden und Geltiberien. 
in fürfenddveißig FJaß Tanger GBonnenwärenzeiger wirft 
inen fehsunddreißig Fuß langen Stchatten; in der Gegend 
Benetia’s jedoch ift der Schatten einem Zeiger gleich. Der 
Angfte Tag Hat fünfzehn und drei Fünftel Aequinoctial⸗ 
funden. 

9. Bis dierher ſind wir den genauen Angaben der 
Alten gefolgt; die Zuverlaßigſten unter den Neueren haben 
ie noch Übrigen Länder in drei Abſchnitte ‚vertheilt. In 
em einen, welchen fie vom Tanais über den Mäotifchen 
See und die Sarmaten bis zum Boryſthenes und ferner 


724 €. Plinius Naturgeſchichte. 


über bie Daten und einen Theil Germaniens, über Gallten 
und die Küſte des Oceans reichen Laffen, geben fie dem 
Iängften Tage ſechzehn Stunden. Der audere geht über die 
Dpperboreer uud Britannien; der Tängfie Tag bat flebens 
zehn Stunden, Der legte ift der Scytbiſche, und reicht von 
den Riphäiſchen Bergen bis nach Thule; in ihm wechfelt 
(wie wir fchon *) gefagt haben) nur einmal [im Jahre] ein 
langer Zag mit einer langen Nacht. . Diefelden ſetzen auch 
vor den Kreis, den wir als den erften begeidmet haben, noch 
zwei Kreife. In dem’ erften, ber über die Juſel Meroẽ unb 
die Stadt Piolemais, welche der Elephantenjagd wegen am 
Rothen Meere erbaut wurde, reicht, geben fie dem längften 
Zage zwölf und eine halbe Gtunde, in dem zweiten, weldyer 
über Syene in Aegypten gebt, dreischn Stunden, **) Eben⸗ 
diefelben.haben in jedem Kreife bis zum. Welten bin ber 
Zageslänge eine halde Stunde angefügt: So weit von den 
Ländern. ' 


", B. IV, Kay. 26. $. 11. 
**, Die von Piinind mitgetheilten Angaben find offenbar gu 
Theil ungenau ober ganz falfch, 


Ende der erften Abtheilung. 


“ 
— — 








Roͤmiſche Proſaiker 


neuen Ueberſetzungen. 


Herausgegeben 
vog. 
G. 8. 5. Tafel, Profeſſor zu Täsingen, 
E. N. v. Dfiander, Prälst zu Stuttgart, 
und G. Schwab, Dekan zu Stuttgart. 


* 





Inudert zwei und ſiebenzigſtes Bändchen. 





’ 


‚Stuttgart, 
Berlag in der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1843. 


Eaius Plinius Secundus 


Yaturgefhidte. 





Ueberſetzt und erläutert 


‚von 


Dr.. Ph. 9 Kalb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz. 


Siebentes Bändden. 





Stuttgart, 
Berlag der I. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung, 
84 53 


un 


N 


Mining Secundus Naturgeſchichte. 


Siebentes Bud. 





n der Erzeugung und Der Beſchaffenheit 
Des Menfhen, und von der Erfindung 
ber Künfte. 


Inhalt. 


Kay. [EI. Bem Menſchen.! — II. Seltſame Körpergefials 
verſchiedener Menſchenſtämme. III. Wunderbare Goburten. 
Von der Erzeugung bed Menſchen. Ungewbhnlich merk⸗ 
ige Zeitdauer der Schwaugerſchaft; Beifpiele von ſieben bis 
reizehn Monaten. V. Zeichen bed Geſchlechts, der Frucht 
en Schwangeren vor der Geburt. VI. Eeltfame Geburten, 
Aus dem Mutterleibe gefchnittene Kinder. VIII Weiche 
er man Mopiscer gene. 1X. Von der Empfängnid und 
ung bed Menfchen. X, Beifpiele von auffallender Aehnlichkeit. 


730 C. Plinius Naturgeſchichte. 


XI, Weiche Menſchen zur Zengung fähig ſind. Beiſpiele ſehr 
zahlreiher Nachkommenſchaft. XII. Bis zu weichem Jahre bie 
Zeugungsfähigkeit währe. XIII. Wunderbare Sigenfchaften bes 
Monatfiuffed bei ben Weibern. XIV. Bebingung ber Ems 
pfaͤngniß. XV. Gefchichtlihes in Bezug auf bie Zähne. Ger 
fhichtlicheß in Bezug auf bie Kinder. XVI, Beifpiele unges 
mwöhnliher Größe. XVII. Frühreife Kinder, XVIIL Beſon⸗ 
dere Förperlihe Figenfchaften. XIX. Ausgezeichnete Stärke, 
XX. Vorzäglihe Schnelligkeit. XXE. Ausgezeichnetes Seh: 
vermögen. XXI, Wunderbare Schärfe bed Gehörs. XXII. 
‚Ausdauer bed Körpers. XXIV. Gedächtniß. XXV. Lebendig: 
keit des Geiſtes. XXVI. Milde und Seelengröße. XXVII. 
Hochſter Thatenruhm. XXVIII. Die drei Höchften Tugenden in 
einem und demſelben Menfchen vereint; bie höchfte Unſchuld. 
XXIX. Die Höchfte Tapferkeit. XXX. Vorzlgliche Geiftedan- 
Tagen. AXXI, Mer die weifeften Menichen waren, XXXII. Die 
erfprießlichfien Lebendregein. XXXIII. Bon dem Wahrfagungss 
vermögen. XXXIV. Welche für ben befien Mann gehalten wurbe, 
AXXV. Die ehrbarfien Grauen. XXXVL Beiſpiele ber höch⸗ 
ſten Anhänglichkeit und Liebe. XXXVI, In den Künften aus⸗ 
gezeichnete Menfchen : in ber Aftrologie,, Srammatit, Mebigin; 
XXXVII, in der Geometrie und Baukunſt; XXXIX. in der 
Malerei, der Bilbnerei in Marmor und Elfenbein und in ber 
Arbeit mit ben Grabflihel. XL. Hohe Sklavenpreiſe. XLI. 
Bon der höchſten Glückſeligkeit. XLII. Geltene Beifpiele forts 
dauernden Glückes in einer und berfelben Familie. XLIIL Wuus 
berbage Beifpiele der Unbeſtändigkeit des Glücks. XLIV. Wuns 
derbare Beifpiele Übertragener Ehrenſtellen. XLV. Vereinigung 
der zehmw oliclichiien Dinge in einer Perſon. XLVI. Wibrige 
Erfahrniffe des göttlichen Auguſtus. XLVII. Welche Menſchen 
die Gotter flir die glücklichſten hielten. XLVIII. Welchen Mens 
ſchen man noch bei ſeinem Leben als einen Gott zu verehren 
befahl, Ein wunderbarer Blitz. XLIX. Beiſpiele der laͤngſten 
Lebensdauer. L. Bon dem Einfluſſe ber verſchiedenen Zeit ber 
Geburt. LI. Verſchiedene BVeifpiele von Krankheiten. LII. Vom 
Tode, LIII. Beifpiere von Leuten, bie bei ihrem Leichenbegängs 


’ 








Siebentes Bud. 75L 


[2 


fe wieder ind Leben zurfdtehrten. LIV. Beifpiele eines piöge 
ben Todes, LV. Bon dem Begraäbniß. LVI. Bon den Geis 
rn ber Geflorbenen und von der Seele. LVII. Wer jedes im 
ben erfunden Habe, LVIII. In weihen Dingen hie Mölker 
erfi Abereinfiimmten. Bon ben alten Buchflaben. LIX. Wann 
erit die Bartfcheerer auftamen. LX. Wann suerfi bie Stun⸗ 
nzeiger (lihren) auffamen, 

Summe aller Segenfiände, Sefhichten und Bemerkungen: 747. 


J 





Dnellen 


[Romiſche]: Verrius Flaccuſs, Eneus Gellius, Licinius 
ucianus, Maſſurius Sabinus, Agrippina , die Gemahlin des 
audius, Marcus Cicero, Aſinius Pollio, Meſſala, Rufus, Cor⸗ 
lius Nepos, Virgilius, Livius, Cordus, Meliſſus, Seboſus, 
rnelius Celſus, Maximus Valerius, Trogus, Nigidius Figu⸗ 
s, Pomponius Attieus, Pedianus Asconius, Fabianus, Cato 
r Senfor, die Aecten, Fabins Veſtalis. 


Fremde: Herobot, Ariſteas, Bäton, Iſigonus, Crates, 
zatharchides, Calliphanes, Ariſtoteles, Nymphodorus, Apolloni⸗ 
3, Phylarchus, Damon, Megafihenes , Eteſias, Tauron, Eu: 
rus, Oneſikritus, Elitarhus, Duris, Artemidorus, ber Arzt 
ppocrates, der Arzt Asclepiades, Heftod, Anacreon, Theopom⸗ 
8, Hellanicue, Damaftes, Ephorus, Epigenes, Berofus, Peto⸗ 
is, Necepfus, Alexander der Polyhiftor, Eenophon, Callimachus, 
ımoeritus, ber Gejchichtfchreiber Diyllus, Strato, ber gegen 
> Ephorus „Erfindungen“ fchrieb, Heraclides aus Pontus, Abs 
piades, welcher fiber den Stoff in ben Trauerfpielen ſchrieb, 
jloftephann, Hegeſias, Arhimahus, Thuchbides, Mnefigiton, 
nagoras, Metroborus von Scepfid, Anticlided, Critodemus. 





732 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Bemerkungen über die in dieſem Buche 
von Plinius benützten oder angeführten 
Schriftſteller.“) 


— Acten (Acta). Bgl. die Bemerkungen zum zwei⸗ 
ten Buch. Daß dieſe Art Schriften, welche die meiſte 
Aehnlichkeit mit unſeren Zeitungen haben, ſich nicht aus⸗ 
ſchließend auf politiſche Thatſachen beſchränkten, ſondern ſich 
auch die Ueberlieferung anderer ungewöhnlichen Ereigniffe 
im Bamilienleben an die Nachkommenſchaft angelegen feyn 
ließen, bemeifen die beiden ihnen entnommenen Stellen in 
diefem Buche: Die erfte Stelle (Kap. 11. $. 2.), wo dieſe 
Schriften mit dem Ausdrude Ucten aus der Zeit des Au⸗ 
guftus (Acta .temporum Augusti) näher bezeichnet werben, 
erzählt ein Beifpiel zahlreicher Nachkommenſchaft; die andre 
(Kap. 54. $. 7.) rühmt die außerordentlihe Freundſchaft 
eines Wagenlenkers für feinen Kameraden. [Ueber die 
Acta der Römer vergl, hauptfählih Rein iv Pauly's 
Realencnctopäbdie der Haffifchhen Alterthumswiffenfhaft, Bd. J. 
©, 48 ff.) 

»Aeſchines von Athen, nad Demofthenes der erſte 
der GSriechifchen Redner; feine Anklagerede gegen Kteſiphon, 
der dem Demoſthenes feiner Verdienfte un den Staat wegen 


*) Der Strih (—) vor einem Artikel zeigt an, daß von den 
Schriftſieler ſchon bei einem ber vdrhergehenden Bücher 
die Rede war. Die Griechiſchen Autoren find mit einem 
Sternchen bezeichnet. 


- \ 





Siebentes Buch. 735 


goldne Krone wollte zuerkennen laſſen, wurde von Der 
henes fo glücklich widerlegt, daß fie als unbegründet. 
nden wurde und Wefchines fein Baterland verlaflen 
fe. Er ging nad Rhodnus, wo er ſelbſt, wie Plinius 
. 31. $. 4.) erzählt, dem überwiegenden Rebnertätente 
8 Gegners Anerkennung zollte Dede und Gegenrede, 
: Meifterftüde, find noch vorhanden. u 
»Aesculapins, ein Griechiſcher Aſtronom (wenn die 
le des Plinius, Kap. 50. $.2., nicht verborben iſt); von 
man nichts weiß, als daß er eine neue Schule fliftete. 
»Agatharchides von Knidus, ein Griedyifcher 
zraph des zweiten Jahrhunderts vor Chr., von deſſen, 
eihen Schriften, deren Titel Photius (BibL ood. 213.)- 
hrt, ſich keine erhalten hat.. Plinius fheint ihn in Die 
Buche häufig benüst zu haben, obſchon er ihn nur zweis 
namhaft macht. Die erfle Stelle (Kap. 2. 6, 5.), welche 
den Pſyllern in Afrika erzäplt, daß fie die Schlangen 
‚ einen ihnen angeborenen Geruch einfchläfern, ift viel 
dem Werke über das rothe Meer (mepi is ipvdoäs 
oons) in fünf Büchern, oder den fünf Büchern über: 
-roglodpten (zepi ‘ Towylodvrur) , Die zweite Gtelle 
. 2. $. 22.), welche über Burzlebende Menſchen in In⸗ 
welche Heufchredden eflen, berichtet, dem Werke über 
(z& sara ev ’Aciov) in zehn Büchern entnommen. 
— Agrippa (M. Pipfanius), der Freund des Aus 
8, deffen Verdienfte um die Geographie des Römifhen _ 
8 mehrmals von und hervorgehoben wurden, foll auch 
Ewürdigfeiten gefhhrieben haben., aus denen viel⸗ 
die in diefem Buche (Kap. 46: $ 1.) mitgetheilte ‘ 


734 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Nachricht, daß Auguſtus zur Zeit der Schlacht von Philippi 
an der Hautwafſſerſucht gelitten habe, entnommen iſt. 

Agrippina, die Tochter des Germanicus, im J. 46 
nad) Ehr. geboren, war zuerft mit Dem Senator En. Domi⸗ 
tins Ahenobarbug , fpäter mit dem Kaifer Claudius verhei: 
rathet. Sie wurde auf Befehl ihres Sohnes Nero im 
I. 59 ermordef, Der Berluſt der von ihr gefchriebenen 
Denkwürdigkeiten (Tacitus, Annal. B. A. 53.), in wel 
chen fie auch die in dieſem Buche (Kap. 6. $. 3.) mitge⸗ 
theilte Nachricht, daß ihr Sohn Nero mit den Füßen zuerft 
geboren worden fey erzählt, ift zu bedauern. 

— * Ylerander, Cornelius, der Polyhiſtor, iſt auch 
in dieſem Buche benügt, aber nur an einer Stelle (K. 49. 
8. 2,), wo von dem Illyrier Dando, der fünfhundert Jahre 
alt geworden feyn foll, Die Nede ift, namhaft gemacht. 

eAmphion. Diefer der Kabel angehörende Dichter 
und Mufiter fol nad Plinius (Kap. 57. $. 13.) die Ge 
fangbegleitung zur Eicher erfunden haben. 

* Anacreon, der befannte Griechifche Liederdichter, 
war im J. 559 vor Chr. zu Teos in Fonien geboren, und 
verließ, um dem Drude der Perfifhen Herrſchaft zu ent: 
gehen, fein Vaterland, und Tebte hochgeehrt zuerft an dem 
Hofe des Polycrates, Herrfhers von Samos, fpäter am 
Hofe des Hipparchus, Beherrſchers von Wehen. Er flarb 
im J. 474. Nach Plinins (Kap, 5. $. 3.) erflidte er an 
dem Kern einer Weinbeere. In feinen nod vorhandenen 
und oft herausgegebenen Gedichten findet ſich die in diefem 
Bude (Kap. 49. $. 4.) angeführte Bemerkung über das hobe 
Ulter mehrerer namhaft gemachten Männer nicht. 


e 





Siebentes Bud. | 735 


— Annalen. Aus“' dieſen die Hauptereigniffe eines 
en Jahres enthaltenden Regiftern entlehnt Plinius in 
fem Buche die Nachricht über die Verwandlung eines 
aädchens in einen Knaben (Kap. 3. $.3.), und ein Beifpiel 
gewöhnlicher Größe (Kap. 46. $. 2.), woraus fchon herr 
:gebt, daß in diefe Annalen auch Enrioiltäten aufgenoms 
n wurden. 

— *» Anticlides. Aus welhen Werke. diefed bei 
r vierten Buche befprochenen Schriftfiellers die Nachricht 
ap. 57. $. 3.9, daB Menon in Aegypten die Buchſtaben 
unden habe, genommen ift, läßt fi nicht beſtimmen. 

* AUntipater von Sidon, ein Griechifher Philofoph 
d Dichter aus dem letzten Jahrhundert vor Ehr., von 
'en &pigrammen fidy mehrere in der Briedifhen Antho⸗ 
ie erhalten haben, beſtand, wie Plinius erzählt (Kap. 52. 
2. Bol. Balerins Marimus, 4, 8.), jedes Jahr an feis 
ı Geburtätage das Fieber, und flarb auch an diefem Tage. 
war der Lehrer ' des Cato von Utica, und Eicero De 
t. IH, 50.) nennt ihn einen Improvifator. 

*A vol lo dorus, Griechiſcher Grammatiker, deſſen aus⸗ 
ichnete Leiſtungen Plinius (Rap. 36. 8. 4.) rühmt, über 
chen aber Peine nähere Nachricht vorhanden iſt. 
* Apollonides von Nicka, Griechiſcher Geograph 
hrſcheinlich aus der erſten Haͤlfte des erſten Jahrhunderts 
Chr.), von dem wir durch Strabo, der ihn (Geogr. 1. IL 
09.) anführt, nichts Genaueres erfahren. Gein vorzüg« 
tes Werk war nach dem Scoliaſten des Apollonius von 
dus (IV, 983. 41474) eine Küftenbefhreibung Europa’s 
irzkovs eis Evpaans), welcher Plinius ohne Sweifel die 


‘ 


736 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Bemerkung (Kap. 2. $. 8.) Über die Scythiſchen Weiber, 
die durch ihr Anſchauen beheren, entnahm. 
“Yrhilohus, berühmter Griechifcher Dichter, um. 
das J. 700 v. Ehr. geboren, fol den jambifchen Bers er. 
funden oder ausgebildet haben, Die wenigen Nefte feiner Dich⸗ 
tungen hat Ignatius Liebel (Lips. 4812. 8. neue Ausg. 
Viennse, 4819. 8.) gefammelt und W. Weber (in den 
„Elegiſchen Dichtern der Sellenen,“ Frankf. 1826. 8.) über» 
ſeßt. Gein Leben ift in viele Fabeln eingehüllt; auch fein 
Zod wird auf verfchiedene Weife angegeben, Nach Manchen 
fam er in einer Schlaht um; nad Audern wurde er ers 
mordet. Den letzteren ſtimmt Plinins (Kap. 30. 6. 2.) bei, 
und erzäblt, daß Apollo zu Delphi feine Mörder nambaft 
gemacht habe. 

* Arhimahus oder Archemachus von Eubda, 
Griechiſcher Hiſtoriker, deſſen Lebenszeit ſich nicht ermitteln 
läßt, ſchrieb eine Eubdiſche Geſchichte in mehreren Büchern, 
deren drittes Achendus (I. III. p. 463.) anführt. Plinius 
entlehnt -ihr Kap. 57. $. 16.) eine Bemerkung über die 
Erfiuduug der Ruderfciffe. 

— * Archimedes aus Syracus. Plinius erzäblt 
(Rap. 38.) von dieſem bekaunten Mathematiker, daB Mars 
cus Marcellusd bei der Eroberung von Syracus als ner: 
kennung feiner Verdienſte den Befehl gab, ihn allein nicht 
zu tödten, daß aber ein Soldat aus Unwiſſenbeit ihn nie 
derftieß. 

* Urdalns von Zrözen, ein Sehn Vulkans, fol die 
Flöte erfunden, oder vielmehr, wie Bllnins (Kap. 57. $. 15.) 
bemerkt, die Begleitung des Geſanges mit der Flöte zuerft 


⸗ 





Siebentes Buch. 737 


gelehrt haben. Bergl. DI ntarch, De musios, p. 1188. 
Daufanias, I, 31, 3. j 

"Arilleas aus Prokonneſus, ein Griechiſcher Dichter aus 
dem ſechsten Jahrhundert vor Chr., an deſſen Leben und 
Reiſen ſich zahlreiche Mährchen knüpfen. So ſoll er ſich, 
iachdem feine Seele in Geſtalt eines Raben aus feinem 
Munde geflogen (Kap. 553. $. 2.), fpäter wieder in Kyzikus 
ınd Sizilien gezeigt Haben. Er befchrieb in einem epifchen 
Bedichte, von dem einige Berfe auf unfere Zeit gelommen 
Ind, den Kampf der Arimaspen, eines Hpperboreifhen Vol⸗ 
'e6, mit den Greifen (Kap. 2. $. 2.) , welche Sage uns He: 
odot (IV, 43.) erhalten hat. Bgl.die „Realencyclopds: 
ie der Haffifchen Alterthumswiſſenſchaft von Panıy“, 
Stuttgart 1839. 8. Bd. I. ©. 754. 

— » Ariſtoteles. Plinius benüst diefen inhaltreis 
yen Schriftfteller,, deſſen von Philipp zgerftörte Baterſtadt 
Stagira in Macedonien Wlerander wieder aufbaute (R.30. 
. 4.), mehr ald irgend einen andern, wenn erihn auch wicht 
mmer ‘als Quelle nennt. Im diefem Buche entlehnt er 
m die Bemerkungen über Mannweiber (Kap. 2. $. 7.), 
ber die Pygmäen (Kap. 2. 5. 19. vgl. Aristot. Hist. ani- 
‚al. VII, 15.), über die Alteften Buchſtaben des Alphabets 
Rap. 57. $. 5.), über die Erfindung des Schmelzens und 
ärtens des Erzed (Kap. 57. $. 16.), Über die Erfindung 
er vierrudrigen Schiffe (Kap. 57. $. 16.), über die Erbauer . 
ꝛx erften Thürme (Kap. 57. $. 5.) und über die Erfindung 
2 Malerei (Kap. 57, $. 44.). Außerdem laſſen ſich viele 
tellen nachweifen, weiche dem Gtagiriten entnommen find. 


738 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Bol. Kap. 9. mit Hist. Animal. VII, 4. 5. 8., Kap. 10, mit 
H. A. VI,, 417. Kap. 41. mit H. A. VII, 8. 

— * AUrtemidorns von Ephefus. Plinius entlehnt 
in dDiefem Buche (Kap. 2. $. 23.) dem Griechiſchen Geogra⸗ 
phen eine Bemerkung über das lange Leben der Bewohner 
der Inſel Tuprobane. 

»Asclepiades von Prufa in Bithonien, berühmter 
Griechiſcher Arzt, welcher ſich im J. 110 vor Chr. in Rom 
niederließ und zu großem Anſehen gelangte. Plinius rühmt 
ſeine Berdienſte und feine Uneigennötzigkeit (Kap. 37. 6. 2.). 
Von ſeinen zahlreichen mediziniſchen Werken ſind wenige 
Bruchſtücke anf unfere Zeit gekommen, welche Chr. Gl. 
Gumpert (Weimar, 1794. 8.) heransgegeben hat. 

°Asclepiades, Gophift oder Brammatiter ans Tra⸗ 
gilum in Thrazien, Schüler des Iſokrates, fchrieb ein Wert 
in fehs Büchern (ra rpaypdovusva), worin er den Stoff 
und die Behandlung dDramatifcher Dichtungen erörterte. Die 
wenigen nody vorhandenen Fragmente diefer Schrift bat Er, 
Xav. Werfer (in den Act. Philolog. Monacens. Tom. II. 
Monachi, 18148. 8. p. 489 sq.) heransgegebei. Plinins 
nennt diefen Asclepiades nur im Allgemeinen in dem Ber: 
zeichniß feiner Quellen; es läßt ſich alfo nicht nachweiſen, 
an weldyer Stelle er ihn benützte. 

Asconins Pedianus. Der bekannte Erklärer Eis 
ceronifcher Reden, wahrfcheinlich kurz vor der rift. Seit: 
rechnung zu Padna geboren, fchrieb außer feinen Commen⸗ 
taren über Eicero’d Reden, von denen ſich einzelne Theile 
erhalten haben, ein Werk gegen die Tadler Virgiis und ein 
Zeben des Salluſtius, von denen nichts mehr vorhanden if. 


c 





° 


Siebentes Bud. 739 


38 welcher diefer Schriften Plinius die Bemerkung (Kap, 
.$. 6.) Über das hohe Alter der mimifchen Künſtlerin 
ımmula nahm, laßt ſich nicht beflimmen. 

— Aſinius Pollio. Plinius rühmt (Kap. 31. & 7.) 
fem ſchou beſprochenen Hiftoriker aus der Zeit des Augu⸗ 
s nad), daß er zuerft in Nom eine Bibliothek zum öffent⸗ 
ven Gebrandye eingerichtet habe. 

Atticus, 3%. Pomponius, ausgezeichneter Gtaatss 
un, Gelehrter und Freund Cicero’, ſchrieb Annalen, des 
Berlnſt zu bedauern iſt. Plinins benüste ihn in dieſem 
iche, deutet aber an Peiner einzelnen Stelle auf ihn bin. 

— * Bäton, Geinem Berichte über den Kriegszug 
rranders nad) Indien ift in diefem Buche (Kap. 3. 6. 5.) 
Bemerkung Über ein fabelhaftes Bott im Imausgebirg, 
en Füße nach hinten gedreht find, entnommen. 

* Berofus, ein Ehaldäer, aus dem dritten Jahrhun⸗ 
£ vor Ehr., war Priefter ded Belus zu Babylon, und 
:ieb nach den Notizen, welche er ans dem Tempelarchive 
Ipfte, ein Werk über Babplonifche oder Ehaldäifche Als 
thämer (Baßvlorıza 7 Xualdaina) in drei Büchern, von 
en noch Bruchſtücke vorhanden find, die J. D. W. Rich⸗ 

Gips. 1825. 8.) geſammelt bat. Er war in der Aſtro⸗ 
e erfahren, und die Athener errichteten ihm feiner Vor⸗ 
agungen wegen eine Statue (Rap. 37. $. 4.). Aus fei- 

nicht mehr vorhandenen Schriften über Aftronomie und 
rologie nahm Plinius wohl die Behauptung, daß der 
uſch nicht über 417 Jahre alt werden könne (Kap. 50. 
‚.) und die Nachricht, daß man anf gebrannten Steinen 


% 


740 C. Plinius Raturgefchichte. 


in Babylon aftronomifche Beobachtungen antreffe, die After 
feyen, als 490,000 Jahre (Kap. 57. $. 3.). 

eCadmus von Miet, der ältefte Griechiſche Hiferi- 
ker (Kap. 57. $. 14.) umd einer der Alteften Profaiker, wenn 
auch nicht der ältefte Profaiter, wie Plinius (B. V. K. 54.) 
meint, Er lebte im fehsten Jahrhnndert vor Epr., und 
ſchrieb eine Geſchichte feiner Baterſtadt (riss Milrrov nai 
«is OAns Iovias) in vier Büchern, welche nicht mehr dvor⸗ 
handen ift. 

@ifar, E. Julius, der Röomiſche Feldherr und Die⸗ 
tator. In feinen noch vorhandenen hiſtoriſchen Schriften 
findet ſich die Stelle nicht, an weldyer er lobend von feinem 
Feinde Eicero ſpricht, und auf welche Plinius (Kap. 31. 
§. 9.) hindeutet. 

—— t Callimachus. Das Gebicht, in welchem er 
von der durch den Blitz getroffenen Statue des Fauſtkäm⸗ 
pferd Enthymus fpricht und anräth, vor derfelben zu opfern 
Kap. 48.), iſt nicht mehr vorhanden, Vielleicht aber gab 
Callimachus nicht in einem Gedichte, fondern in feinem 
Werbe über Wunder (Havauacım) , welches nicht auf und ge« 
tommen ift, diefen Rath. 

— *» Ealliphanes. Aus dem Werke dieſes nicht 
näher befannten geographifchen Schriftftellere ift in dieſem 
Buche (Kap. 2. $. 7.) eine unbedeutende Bemerkung von 
Menſchen, tie beiderlei Gefchlechtes find, genommen. 

»Carneades von Eyrene, berühmter Griedhifcher 
Philafoph, ans dem zweiten Jahrhundert vor Ehr. Er war 
bei der Gefandtfchaft, welche die Üthener im 3.156 v. Ebhr. 
nach Rom ſchickten, und machte durch feine ſiegreiche 


Siebentes Bub. 74 


ereblamteit, womit ee Wahres und Falſches mit gleichem 
folge duschzuführen wußte, großes Aufſehen, aber einen 
ſchlimmen Eindrud auf den firengen Eato, daß Diefer 
th, die Befandten ſobald "als möglich zu entlaffen (K. 31. 

3.). 

EaffinsGeverns, T., berühmter Hömifcher Rebner, 
{dev unter Auguſtus und Ziberius lebte, und durd) das 
‚gehen von den ftrengen Regeln der Beredſamkeit zum 
weil den Berfall derfelben veranlaßte. Bon feinen Reden 
feine auf unfere Zeit gefommen. Plinins erzählt (K. 10. 
5.), daß man ihn Mirmillg genannt habe, wegen feiner 
hulichkeit mit einem Viehhändler, welcher diefen Namen 
ırte. 0 
— Eato, der Cenſor. Plinius nennt ihn in dieſem 
iche (Kap. 28.) den größten der Redner, und eutichnt 
ap. 52. $. 4.) feiner nicht mehr vorhandenen Schrift 
sr Die Redekunſt an feinen Sohn (De oratore ad fillum) 
Bemerkung, daß eine frühreife Jugend das Seien eis 

; frühzeitigen Todes fey. . 

Celſus. © Cornelins Celſus. 

Chilon, einer der ſieben Weiſen Griechenlands, von 
ſen Sprüchen Plinius in dieſem Bude (Kap. 32.) drei 
ührt. Er ſtarb im hohem Wlter vor Freude über ben 
eg feines Sohnes zu Olympia (Kap. 32. m. 44. $. 1.) 

— Cicero, M..-Tutlins Plinius hält ihm in dies 
ı Buche (Kap. 31. $. 8. 9.) eine glänzende Lobrete, und 
fehnt ihm mehrere DBeifpiele ungewöhnlicher Schärfe ber 
gen (Kap. 21.), fo wie die alberne Bemerkung (Kap. 2. 
5. Plinius Naturgefh. 73 Bdchn, 2 


742 E. Plinius Naturgeſchichte. 


$. 10.), daß alle Weiber mit doppelten Augäpfeln durch 
ihren Anblick fhaden. In den noch vorhandenen Schriften 
Eicero’d finden fidy diefe Stellen nit. Die ihm entnoms 
mene Nachricht aber (Kap. 44. $. 1.), daß der Zeldherr P. 
Ventidins früher Efeltreiber gewefen fen, liest man in 
feinen vermiſchten Briefen (X, 48. Bgl. Gellius N. A. 
I, 4.). 

— Elaudius, der Kaifer. Geinen nicht auf unfere 
Zeit gekommenen Werken ift in dieſem Buche (Kap. 3. $.2.) 
die Gage entichnt, daß in Theffalien ein Hipporentaur ge: 
boren worden, aber an demfelben Tage wierer geftorben ſey. 

* Eleombrotus von Ceos, ein nicht näher bekanuter 
Griechiſcher Arzt, weihen Ptolemaͤus mit hundert Tatenten 
belohnte, weil er feinem Bater, dem König Antiochns vos 
Svxrien (282-282 vor Ehr.), das Leben erhalten hatte 
(Kap. 37. $. 1.). Un einer andern Stelle (B. XXX. K. 5.) 
nennt Plinins den wegen diefer Heilung belohuten Wrzt 
Erafiflratus. - ’ 

— + Clitarchus aus Aeolis. Geiner ſchon im 
Alterthbum ihres fabelhaften-Inhaltes wegen nicht fehr ge 
rühmten Geſchichte ift in dieſem Bude die Frzählung von 
einem Volke in Indien, das von Heuſchrecken lebe (Kap. 2. 
6. 22.), und die Nachricht von Leuten in demfelben Lande, 
die nur Fiſche effen (Kap. 2. $. 23.), entlehnt. 

Cordus, Anlus Eremutıns, Römifchher Hiſtoriker, 
der die Geſchichte des Römiſchen Staates und beſonders ber 
legten Zeiten der Republik freifiunig ſchrieb, und befhalb 
bei dem Kaifer Ziberius angeblagt wurde. Da er tie Tor 
desftrafe mit Gewißheit vorausſah, fo wählte er einen freis 


s„ 








Siebentes Buch. 745 


lligen Tod durdy den Hunger (Tacitus, Annal. IV, 
. 35. Bgl. Suetonins, im Auguſtus, Kap. 35., und im 
berins Kap. 61.). Seine Gedichte follte auf Befehl des 
nats verbrannt werden, wurde aber von feiner Tochter 
ftedt und fpäter befannt gemadyt (Dio Caſſlus, 57, 24.). 
bedauern ift, daß nur wenige Bruchflüde derfelben auf 
ere Seit gekommen find. Plinius benügte fie in diefem 
che, ohne die Stellen, wo er Dieß that, zu bezeichnen. 
Cornelius Celſus, Aulus, bekannter Römiſcher 
it aus der Zeit des Angnflus, oder (wie Andere behaup⸗ 
) des Tiberins, Über deſſen Lebensverhältniffe wir nichts 
heres willen, fchrieb ein umfangreiches enchclopädifches 
rk über Philofiphie, Jurisprudenz, Medizin und Lands 
(De artibus) in zwanzig Büchern, von denen wir nur 
: (6—13) Über die Qrzneitunde befigen. An welden 
(len diefes Buches das erwähnte Werk benüst ift, läßt 
nicyt näher beilimmen, weil Plinins den Cornelius 
us in dem Inhaltsverzeichniffe: nur im Allgemeinen als 
feiner Quellen nennt. 
— Eornelius Nepos. Plinius bezeichnet die Stel: 
nidyt näher, an denen er ihn in diefem Buche benüßte, 
ern nennt ihn nur im Allgemeinen als eine feiner 
len. 
Eorvinus Meffala S. Meffala. 
» Srates aus Pergamus (Kap. 2. $. 5. Vgl. Yelian, 
rgefhhichten XVII, 9.), Griechiſcher, nicht näher befanne 
Schriftfteler, der im Bade der Länders und Völker⸗ 
e arbeitete, .und beſonders wunderbare Nachrichten 
9% 


- 744° €. Plinius Naturgeſchichte. 


gefammelt zu haben fcheiut, wenn man aus den ihm entlehn⸗ 
ten Bemerkungen über Leute, welche durdy Berührung den 
Schlangenbiß Heilen (Kap. 2. 6. 5.), über ungewöhnlidy 
große Menfchen in Indien (Kap 2. $. 21.) und über Lente, 
die ſchneller laufen ald Pferde (Kap. 2. $. 23.) auf den 
ganzen Juhalt feiner uns nicht einmal dem Titel nad näher 
bezeichneten Werke fchließen darf. 

Gremutind Cordus. ©. Eordus,. 

° Eritobulus, berühmter Griechiſcher Arzt, welcher 
das durch einen Pfeil "verlegte Ange des Macedonifchen 
Könige Philippus gefchicht heilte (Kap. 37. S. 2.). und auch 
Alerander dem Großen ald Wundarzt gute Dienfle leiſtete 
(&nrtius, IX, 5). Ober fi auch als Gchriftfteller ver⸗ 
fuchte, ift ungewiß. . 

—_ + Eritodemus. Plinius entichnt diefem ſchon 
erwähnten, aber nicht näher befannten, aftronsmifchen 
Schh:tftfteller in diefem Buche (Kay. 57.5. 3.) die Nachricht, 
daß man bei den Babpfoniern anf gebrannten Steinen aſtro⸗ 
nomifhe Bemerkungen aufgezeichnet finde, die Über viermals 
hundertundneungigtanfend Jahre alt feyen., ' 

— * Cteſias. Geinen mit zahlreichen Yabeln oriens 
taliſch üppig ausgefhmädten Geſchichtswerken find in Dies 
fem Bude entnommen die Nachrichten voa Lenten mit 
Hundeköpfen u. f. w. (Kap. 2. $. 15. Bgl. Photii Bibl. cod. 
73, wo man die hierher gehörende Stelle im Driginale fins 
det) , von ungewöhnlich großen Menfchen in Indien (K. 2. 
$. 21.), von Meufchen mit haarigen Schwänzen nnd unge 
beuer langen Ohren (Kap. 2.8.23. vgl. bei Photius a. a. O. 
die Griechiſche Stelle), ferner die Bemerkung (Kap. 57. 


Siebentes Buch. 746 


16.) , daß die Königin Semiramis ſich zuerft eines langen 
iffes (einer Felonque) bedient habe, 

— * Damaftee. Diefem alten, aber nit fehr glaubs 
digen Hiſtoriker aus der Zeit des Herodot, von deffen 
rken keines auf unfere Zeit gekommen ift, entlehnt dieſes 
h die Bemerkungen über das hohe Alter mancher Leute 
Hetolien (Kap. 49. $. 2.) und Aber die Erfindung der 
iruderigen Schiffe (Kap. 57. $. 16.). 

Damon aus Cyrene, Griechiſcher Schriftfteller, über 
n Leben und Werke wir Beine, nähere Nachrichten bes 
ı, fchrieb wahrſcheinlich über Länder» und Völkerkunde, 
n man nach der ihm von Plinius nacherzählten Bemers 
ı (Kap. 2. % 9), daß das Volk der Pharnacer in Ae⸗ 
vien durdy feinen Schweiß allen damit berührten Kör⸗ 
. die Schwindſucht verurfache, urtheilen will. Plinins 
it ihm fonft nirgends in feiner Naturgeſchichte. _ 
— »Democritus. Plinius fpottet (Kap. 56. 6. 2.) 
die Behauptung dieſes Philoſophen, daß die Körper 
dem Tode einmal wieder auferſtehen würden, uud über 
Begehren, daß man fie deßhalb aufbewahren folle, 
* Demofthenes. Diefer berühmtefle aller Griechi⸗ 
: Redner wird nicht als Duelle angeführt, fondern 
ins erzähft nur (Kap. 31. $. 4.), wie er die Anklage 
6 Gegners Aeſchines flegreidy widerlegt, und deſſen 
annung bewirkt babe. Val. Aeſchines. 
»Diodorns aus Jaſus in Carien, nad) Stilpo (©. 
et.) der bedeutendſte Philoſoph oder vielmehr Sophiſt 
der Megarifchen Schule, lebte gegen das Ende des 
en Jahrhunderts vor Ehr., und ſoll ans Schaam, weil 


748 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Eunius, Quintus, einer der älteſten Romiſchen 
Dichter, zu Rudiä in Campanien im J. 240 vor Chr. ges 
boren, diente lange nnter den Römiſchen Heeren, und lich 
fi dann zu Rom nieder, wo er im J. 169 vor Chr. farb. 
Scipio Africanus der ältere ließ die Statue des von ihm 
bochgeachtelen Dichters anf feinem. eigenen Grabmale auf« 
ftellen (Rap. 51. 9. 6.). Eunius, deſſen Verdienſte um die 
Römiſche Sprache anerkannt find, verfuchte fi in mehreren 
Zweigen der Poelle, im Epos, deflen eigentliher Schöpfer . 
er bei den Römern ift, in der Tragödie und in der Satyre. 
(Ueber die Titel feiner einzelnen Werke vgl. man 9. es. 
8 Bähr's Geſchichte der Römiſchen Literatur, Karlsr. 
1832. 8. S. 120 ff.). Sein Hauptwerk waren die Annales, 
ein Epos, welches der Grammatiker Quintus Vargontejus 
in achtzehr Bücher eintheilte. Die urſprüngliche Einthei⸗ 
lung ſcheint aber eine andere geweſen zu ſeyn; denn Plinius 
nennt (Kap. 29. $. 1.7 das fechzehnte Bud, als das lebte, 
Bon den Gedichten des Ennius find nur Fragmente auf 
‚ unfere Seit gekommen. 

— " Ephorus aus Kumd. Geiner Univerfalgeichidhte 
ift in diefen Buche (Kap. 49. 6. 2.) die Nachricht entlehnt, 
daß die Könige der Arcadier dreihundert Jahre alt würden. 
Da aber, wie Plinins an derfelden Stelle bemerkt, das 
Fahr der Arcadier nur ans drei Monaten befteht, fo redu⸗ 
ciren fi) die dreihundert Fahre auf fünfundfiebenzig. 

— * Epigenes von Rhodus. Plinius nennt dieſen 
Atronomen, welcher feinen Unterricht bei den Chaldäern 
erhielt (Seneca, Natur. quaest. 1. VII. o. 3.), einen ſehr 
glaubwürdigen Schriftfteller (Kap. 57. $. 3.), und entichnt 





t 


Siebentes Bud). 749 


m die Bemerkungen, daß der Menfd) nicht über huudert⸗ 
adzmölf Jahre alt werden könne (Kap. 50. $. 1.), und daß 
an bei den Babyioniern auf gebrannten Gteinen aftronos 
ifhe Beobachtungen finde, die ebenmalhundertzwanzigtaus 
ad Fahre alt feyen (Kap. 57. S. 3.) 

* Eptmenides von Bnoffus auf der Infel Exeta, 
elcher don Manchen, die Periander diefer-Ehre nicht werth 
Iten, den ſieben Weifen beigezählt wird, fol Gebichte über 
n Argonantenzug und über Minos und Rhadamanthus vers 
BE haben. Man fest ihn an das am Ende des fiebenten 
ihrhunderts. Nach der Gage fchlief er fiebenundfünfzig 
ıhre ohne Unterbrechung in einer Höhle, lebte nach feinem 
wachen noch lange und ward einhundertfiebenundfünfzig 
ihre alt (Kap. 69. $. 2.) 

— * Eudorus aus Knidnd. Unser feiner Stern⸗ 
nde, weldye Piinius im zweiten Buche benüpte, ſchriet er 
ch eine Erdumfchiffung (yis rregiodos Oder zegimiovs) in 
nigſtens ſechs Büchern (Athen..1. VII. p. 288.), weldyer 
inius wahrfcheinlid die Bemerkung über einen fabels 
ften Volksſtamm in Indien mit ellenlangen Füßen u. f. w. 
ap. 2. $. 17.) entnahm. ’ 

— Fabianus Papirins Plinins nennt biefen 
iturforſcher aus der Zeit des Kaifers Tiberins nur im 
Igemeinen nnter den in diefem Buche benügten Quellen, 
ne die ihm entlichnten Bemerkungen. näher zu bezeichnen. 

Babius Beftalis, ein nicht näher befannter Schrift: 
(ler, welchen Blinius in mehreren Büchern benügte, ohne 
8 über fein Leben oder feine Werke zn unterrichten. Im 


\ 


746 C. Plinius Naturgeſchichte. 


er ein von Stilpo an der Tafel des Königs Ptolemäns Go: 
ter ihm vorgelegtes Problem nicht löſen Fonnte, geftorben 
feyn (Kap. 54. 4. 1. Bgl. Diogenes Laert. TI. S. 111.). 


* Dionyfins der ältere, Tyrann von Spracys, hatte 


bekanntlich die Eitelkeit, ein großer Dichter feyn zu wollen, 
und wurde durch die fchlechte Aufnahme, welche feine nur 
von feinen Höflingen gepriefenen Machwerke an andern Or⸗ 
ten fanden, faft zur Verzweiflung getrieben. Endlich krön⸗ 
ten dieihm befreundeten, durdy reiche Geſchenke beftocdhenen, 
Athener bei dem Bacchusfeſte im J. 367 vor Ehr. eine feiner 
Tragddien, welde den Titel: Sektors Löfung (Auzem "Erro- 
eos) geführt haben foll (Tzepes, Chitiad. V. 180.) Die 
Zreude über dieſes Glück bradyte ihm den Tod, aber nidyt 
unmittelbar, vsie Plinins (Kap. 54. $. 1.) meint, Tondern 
dadurch, daß er ſich aus Entzüden der Völlerei hingab und 
fih in Folge derfelben eine heftige Krankheit zuzog, wäh⸗ 
renb welcher ihm fein Sohn Dionyſlus einen- Gifttrank bei⸗ 
bringen ließ, an dem er flarb. . 

’ Dipiius aus Athen, ein uns nicht näher befannter 
Schriftfteller, welcher zwei umfangreiche Werke über Srie: 
chiſche Geſchichte verfaßte. Das eine, in flebenundzwanzig 
Büchern, ſchloß mit dem Tode Philipps von Macedonien, 
alfo mit dem J. 356 vor Ehr. (vgl. Diodor von Gicilien, 
XXVI, 14. und 76.); das andere in ſechsundzwanzig Büchern 
reichte bis zum Jahre 598 vor Ehr. (vgl. Athenäus, 1. IV. 


p. 155. 1. XIH. p. 592.). Plinins nennt ihn nur im Allge- 


meinen unter den von ihm benüsten Schriftiellern, und es 
laſſen ſich mithin die Stellen, die er den beiden nicht mehr 
vorhandenen Werten entnahm, nicht nadhweifen. 


| 


Siebentes Buch. 747 


* Duris aus Samos, ein ſehr fruchtbarer, aber mit- 
mäßiger Griechiſcher Hiftoriter , war ein Nachkomme des 
sibiades (Plutarch, Alcib. 32.), und lebte im dritten Jahr: 
adert vor Chr. Sein bedentenbes Werk, die Briedhifche 
ſchichte (iorogia:), in mindeſtens dreiundzwanzig Büchern 
then. XII. p. 546.), begann mit dem Jahre 370 vor Chr. 
iodor. Sic. XV. 90.), und erzählte die Ereigniffe in den 
fdiedenen Zheilen Griechenlands, fo wie die Thaten 
:xanders des Großen und feiner Nachfolger. Aus diefer 
ſchichte, zu welcher die oft fälſchlich ald eine befondere 
jrift betrachteten Maxedora gehörten, nahm Plinius 
ap. 2. $. 23.) die Nachricht, daß ſich in Jadien Leute mit 
ieren begatten. Außertem wird Duris ald Verfaſſer fol 
der Werke genannt: Gedichte des Agathocles (nei 
aBorlin ioropias) in wenigſtens zehn Büchern (Athen. XII. 
541.); Annalen ‚der Samier (Zupior sp) in wenigſtens 
ölf Büchern (Athen. XV. p. 696. Schol. ad Kuripid. He- 
. 933.) 5; Libyſche Geſchichten (Aura) in wenigftend zwei 
ihern (Suid, 8. v. Aauia. Schol. ad Aristoph. Vesp. 
50.), in welchen auch eine Beichreibung der Pyramiden 
fam (Plinius, B. XXXVI Kap. 17.)5 über Euripides 
d Sophocles (megi Evginidov aa Zogoxidovs, Athen. IV. 
184.); über die Geſetze (eg: vonerv, Etymol. M. s. v. 
ont) und Über Wettkämpfe (eg: aywrur. Buid. s. v. 
ivar origavos). Won allen Schriften des Duris ift keine 
jige anf unfere Seit gekommen. — Er ift zu unter: 
:iden von einem audern Duris, der über Toreutik fchrieb, 
> welchen Plinius im Inhaltsverzeichniffe zu B. XXXIII. 
ührt. 


748 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Ennius, Quintus, einer der älteſten Romiſchen 
Dichter, zu Rudiä in Campanien im J. 240 vor Ehr. ge⸗ 
boren, diente lange unter den Römiſchen Heeren, und lieh 
fidy dann zu Nom nieder, wo er im J. 169 vor Chr. flark. 
Scipio Africanus der ältere ließ die Gtague des von ihm 
hochgeachteten Dichters anf feinem. eigenen Grabmale auf: 
ftellen (Kap. 51. 9. 6.). Ennius, deſſen Berdienfte um bie 
Römiſche Sprache anerkannt find, verfuchte fi ia mehreren 
Zweigen der Poefle, im Epos, deflen eigentlichher Schöpfer . 
er bei den Römern ifl, in der Tragödie und in der Satyre. 
(Ueber die Titel feiner einzelnen Werte vgl. man I. Ep. 
F. Bähr's Geſchichte der Römiſchen Literatur, Karlsr. 
1832. 8. S. 120 ff.). Sein Hauptwerk waren die Annales, 
ein Epos, welches der Grammatiker Quintus Vargontejus 
in achtzehn Bücher eintheilte. Die urſprüngliche Einthei⸗ 
lung ſcheint aber eine andere geweſen zu ſeyn; denn Plinins 
nennt (Kap. 29. $. 1.) das ſechzehnte Buch als das letzte. 
Bon den Gedichten des Enninus find nur Fragmente anf 
unſere Beit gekommen. 

— *»Ephorus aus Kumä. Seiner Unioerſalgeſchichte 
iſt in dieſem Buche (Kap. 49. 6. 2.) die Nachricht entlehnt, 
daß die Könige der Arcadier dreihundert Jahre alt würden. 
Da aber, wie Plinius an derfelden Stelle bemerkt, Das 
Fahr der Arcadier nur ans drei Monaten befieht, fo redu— 
ciren fich die dreihundert Jahre auf fünfundflebenzig. 

— * Epigenesd von Rhodus. Plinius nennt diefen 
Atronomen, welcher feinen Unterricht bei den Ehaldäern 
erbielt (Seneca, Natur. quaest. 1. VII. co. 3.), einen fehr 
glaubwürdigen Schriftftelleer (Kap. 57. $. 3.), und entiehnt 








Siebentes Bud. 749 


m die Bemerkungen, daß der Meunſch nicht Aber hunderte 
udzwölf Jahre alt werden könne (Kap. 50. S. 1.), und daß 
an bei den Babyloniern auf gebrannten Steinen aſtrond⸗ 
ifhe Beobachtungen finde, die iebenmalhundertzwanzigtaus 
nd Fahre alt feyen (Kap. 537. $. 3.) 

* Eptmenides von. Bnoffus auf der Infel Creta, 
eicher.von Rauchen, die Periander diefer-Ehre nicht werth 
Iten, den fieben Weifen beigezählt wird, foll Gedichte über 
n Argonantenzug und über Minos nnd Rhadamanthus vers 
Bt haben. Man fept ihn an das am Ende des fiebenten 
ihrhunderts. Nach der Gage fchlief er fiebenundfünfzig 
ihre ohne Unterbredhung in einer Höhle, lebte nad) feinem 
:wachen nody lange und ward einhundertfichenundfünfzig 
ihre alt (Kap. 69. $. 2.2. 

— * Eudorus aus Knidus. Außer feiner Sterns 
nde, welche Plinius im zweiten Buche benüste, fchrieh er 
dh eine Erdumfchiffang (vis zreglodos Oder zegimsdovs) in 
nigftens fechs Büchern (Athen..1. VII. p. 288.), welder 
inius wabhrfcheinlih die Bemerkung über einen fabel: 
ten Bolksſtamm in Indien mit ellenlangen Süßen u. ſ. w. 
ap. 2. $. 17.) entnahm. 

— Babianus Papirius Plinius nennt diefen 
‚turforfcher aus der Zeit Des Kaiferd Tiberius nur im 
‚gemeinen unter den in dieſem Buche benügten Quellen, 
ie Die ihm entlehnten Bemerkungen . näher zu bezeichnen. 

Fabius Beftalis, ein nicht näher befannter Schrift: 
ler, welchen Plinius in mehreren Büchern benüßte, ohne 
5 über fein Leben oder feine Werke zu unterrichten. In 


760. €. Plinius Naturgefchichte. 


dieſem Buche entlehnt er ihm (Kap, 60. $, 2.) die Nachricht, 
wer die erſte Sonnenuhr in Nom aufgeftellt habe. 

Figulus Nigidinsd S. Nigidius Fiqulue. 

- Slacend, Berriud S. Berrius Flaccus. 

Gellius, Enejus, Römiſcher Befchichtfchreiber aus 
der erftien Hälfte des lezten Tahrhunderts vor Chr., war 
ein Zeitgenoffe Barro’d. Seinen nicht auf unfere Zeit ger 
fommenen Annalen, die wenigftens aus fünfzehn Büchern 
beftanden (Macrobins, Saturn. I, 16. Bergl. U. Gellius 
N. A. XIII. 22), entlehnt Plinius in diefem Bude die 
Bemerkungen, daß die Buchflaben in Aegypten von Merkur 
erdacht worden fenen (Kap. 57. 8. 2.), dab Dokius, des 
Eälus Sopn, zuerft Häufer aus Lehm erbaut, und ſich da⸗ 
bei die Nefter der Schwalben zum Vorbild genommen habe 
(Kap. 57. $. 4.), und daß der Argiver Phidon Maaß und 
Gewicht, und Gol, des Oceaun Sohn, die Bereitung der 
erften Arznei aus Honig erfunden habe (Kap. 57. $. 6. 
und 7.). 5 . 

* Hegefias von Marones in XThracien, Griechiſcher 
Schriftſteller, über welchen keine weitere Nadrichten zu fin⸗ 
den find, als dab er über Landwirshichaft geſchrieben (Eos 
Inmella, 1. I. c. 1.) und Werke über Topographie und die 
Eigenſchaften und Kräfte des Waflers verfaßt habe (Bitrus 
vins, 1. VIM. c. A). Der lebten Schrift Hat Plinins viel 
feicht die Nachricht von der Erfindung der langen Gchiffe 
(Belouguen) entlehnt (Kap. 57. $. 16.) . 

— *Hellanicus. Diefem von Plinius in dem gens 
graphifchen Theile feines Werkes häufig benüsten Hiftoriker 





Siebentes Buch. 761: 


ſt in dieſem Buche (Kap. 49. 6. 2.), eiſſe Bemerkung über 
as hohe Alter mancher Leute in Aetolien entnommen. 

° Heraclides von Ddeffus in Pontus, weßhalb er 
uch den Beinamen „der Pontifche“ führt, ein fruchtbarer 
driechifcher Schriftfteller, wenn ihm alle Werke, die ihm 
Jiogenes von Laerte (V, 94.), der Übrigens mehrere Autos 
en deſſelben Namens zu verwechfein und zufammenzuwerfen 
heint, zufchreibt, wirklich angehören. Er war ein Schüler 
es Ariftoteled. Von feinen nicht mehr vorhandenen Schrif⸗ 
en haben wir hier nur die von Plinins (Kap. 53. $. 2.) 
ngeführte über eine amd dem Leben geſchiedene und durch 
mpedocles wiedererweckte Frau (zei is anvou, dgl. Dio- 
en. Laert. 1. VII. p. 226. 227. Galen. de loo. affedf. 1. 
TI. c. 5.) zu nennen, 

— * Herodot, dem Bater der Geſchichte, entlehnt 
Hinius in dieſem Buche (Kap. 2. 6. 2., vergl. Herodot, 
T. 416. IV. 43.) die Fabel von den Arimaspen und den 
jreifen, welche-Diefer aus Ariſteas von Proconnefus (dgl. 
» Art) nahm. 

e Heſiodus, aus Eumd in Aeolis, einer der älteflen 
wiechifchen Dichter, unter deffien Namen wir noch mehrere 
jedichte befigen,, wenn anch nicht in jhrer urfprünglichen 
jeftalt; denn die einjelnen in dem Munde der Gänger les 
nden Beftandiheile wurden erft jpäter künſtlich zufammens 
fügt, geändert und interpolirt, In den jetzt noch vorhans 
nen Bruchſtücken finden fid, die dem Heflodus von Plinius 
ıtlehnten Stellen über das hohe Alter der Krähe, bes 
irfhesnnd des Naben (Kap. 49. $. 1.), und über die erften 
ifenbergwerte auf der Juſel Ereta (Rap. 57. $. 6.) nicht. 


752 C. Plinius Naturgefchichte, 


* Hippocrafes der Begründer der wiſſenſchaftlichen 
Arzneikunde, anf der Infel Kos im %. 460 vor Ehr. gebo⸗ 
ten, ‚bildete ſich durch das Studium der Philofophie nnd 
durd Erfahrung, Zuerſt übte er feine Kunſt auf ber Thra⸗ 
ciſchen Infel Thafus und den ihr benachbarten Begenden, 
bielt fih dann zu Abdera auf, wo Ihm der Umgang mit 
dem Philoſophen Democritus förderli war, durchreiste 
einen großen Theil von Aflen, ließ ſich endlih auf Kas 
nieder und ftarb im J. 356 vor Ehr. Die meiften der unter 
feinem Namen auf und gekommenen Schriften find unächt 
oder doch fehr durch fpätere Zufäpe und Wenderungen vers 
dorben. Plinius benützt den Hippocrates in diefem Buche 
bei der Angabe ber Zeichen des nahen Todes (Kap. 52: $. 4., 
vgl. Galen. comment. in Hippoor. Aphorism. IV, 49.), und 
erzählte von ihm, daß er eine Geuche vorausgefagt habe 
(Kap. 37. $.1.). 

— * Homer. Alexander der Große bewies die Bor 
liebe und Achtang für die Werbe diefes Dichters dadurdy, 
Daß er fie in einem koſtbaren dem Perſerkönige abgenom; 
menen Käftcdren aufbewahren ließ (Kay. 30. S. 1.) Man 
fcheint übrigens auch mit diefen Gedichten mandyerlei Spie⸗ 
lereien getrieben zu haben, wie fpäter mit der Bibel; fo vers: 
fertigte Temand eine Ubfchrift der Iliade auf Pergament, 
die in eine Nußfchaale eingefchloffen werben konnte (HR. 21.). 
Plinius führt Homer in biefem Bude (Kap. 2. 8. 19., vgl. 
Il. UI. 3-6.) ald Gewährimann für die Erzählung, daß 
die Pygmäen mit ben Kranichen Krieg führten, ans; fagt 
ferner, diefer Dichter Plage fdon an vielen Stellen feiner 
Gedichte, daß die Menſchen feiner Seit viel Bleiner und 


x 


Siebentes Buch. | 753 


chwächer fegen als früher (Map. 16. $. 2.), und entlehnt 
hm die Bemerkung (Kap. 50. $. 5., dgl. Il. XVM, 249 bis 
152.) , daß Hebtor und Polydamas, zwei Männer, die ein 
sanz verſchiedenes Schickſal hatten , in einer und derfelben 
ſtacht geboren wurden. , 

° Ffigonns von Nicäa, ein nicht näher bekannter 
Schriftftellee, der ein Werk in mehreren Büchern über uns 
laubliche Dinge verfaßte (vgl. U. Bellius, .N. A. IX. 4.). 
Ins diefem entnahm Plinins die Nadıridten über Milde, 
ie aus Meunſchenſchädeln trinken ; über Leute, die von Ju⸗ 
end an graue Haare haben (Albino’s); über bie Gauromas 
en, die alle drei Tage nur einmal eflen (Kap. 2. ©. 4.); 
ber Leute in Afrika und Jilorien, welche durch Lob und 
Infhauen beheren (Kap. 2. 6. 8.) und.über Menſchen, die 
ugewöhnlich Tang leben (Kap. 2. S. 20.) Bon den Schrif⸗ 
en des Iſigonus if nichts auf unfere Zeit gekommen. 

« Ffocrates and Athen, der berühmtelle Lehrer der 
tedefunff bei den Griechen, im J. 436 vor Chr. geboren, 
‚öffnete, da feine Schüchternheit ihn verhinderte, öffentlich 
sfzutreten, eine Schufe, aus welcher die ausgezeichnetften 
tedner des Staates hervorgingen. Wenn er auch nid 
Ibft die Rednerbühne befieg, ſo verfaßte er doch viele 
‚edeu über politifche Angelegenheiten, von welden wir 
och einundzwanzig beſitzen. Für eine berfelben foll er 
vanzig Zalente Honorar erhalten haben (Kap. 31. $. 1.). 
r wollte das Ende der Freiheit feines Vaterlandes, weiche 
it ber Schladjt bei Chäronea verloren ging (338 v. Chr.), 
cht überleben, und wählte freiwillig den Hungertod. 

— Licinius Mucianus. Geinem nicht mehr vor: 


754 C. Plinins Naturgeſchichte. 


handenen Geſchichtswerke entlehnt Plinins in dieſem Buche 
die Nachricht von dem hohen Alter, welches die Bewohner 
des Berges Tmolus erreichen (Kap. 49. $. 6.), und bie 
einfältige Bemerkung (Kay. 3. S. 3.), daß ſchon öfter 
Mädchen in Anaben verwandelt worden fegen. 

* Linus von Chalcis, einer der Alteften Griechiſchen 
Dichter, deren Namen ung bie Gage aufbewahrt hat. Die 
wenigen noch vorhandenen angeblichen Bragmente feiner 
Gedichte find weit jünger. Er foll audy die either erfunden 
haben (Kap. 57. $. 13.). 

— Livins Plinius nennt den bekannten Hiftoriter 
nur in dem Inhaltsverzeichniſſe diefed Buches, ohne die 
Bemerkungen, die er ihm entiehnte, näher zu bezeichnen. 
Daß er ihn aber häufig benüpte, bemeifen mehrere Gtellen, 
Die auf die ihnen entfprechenden in den nod vorhandenen 
- Büchern er Geſchichte des Livius hindeuten. Vergl. 3. 8. 
Kap. 29. $. 2. mit Lidius, B. VI. K. 31. Kap., 29. 6. 5 
mit Livius, B. VI. K. 30. . ' 

Mäcenas, Cajus Eilnius, einer der angefehenften 
Römer ans der Zeit des Auguſtus und deſſen Freund, zeigte 
ſich als ein fo eifriger Förderer und Beſchützer der Willen: 
fchaft, daß fein Name mit dem Worte Gönner gleichbeden⸗ 
tend geworden ift. Obſchon der Leiter aller Gtaatsgefchäfte 
und von manchem häuslichen Mißgeſchicke geplagt, fand er 
doch Zeit und Luft, fi in der Voefle zu verſuchen. Er 
ſchrieb Zragödien , Epigramme und andere Gedichte, von 
denen aber nur einige wenige Fragmente auf unfere Seit 
gekommen find. Die Thätigkeit Diefed Mannes erregt Ers 
faunen, wenn man feine Körperſchwäche bedenkt; denn er 


Siebentes Buch. 756 


tt faſt beſtändig am Fieber und genoß in dem drei letten 
ahren "feines Lebens Beine Stunde lang eines foribauernden 
schlafes (Kap. 52. $. 23. Wenn ed wahr if, daß_er 
Remoiren über die gleichzeitige @efchichte ausarbeitete ® fo 
Inute dieſem Werke bie Nachricht (Kap. 46. $. 1.), daß 
uguftus zur Seit der Schlacht bei Philippi die Hautwaf: 
rſucht gehabt habe, entnommen: ſeyn. Bar. Ab. Lion 
Haecenatiana, sive de C. Cilnii Maecenatis vita et moribas 
‚ripsit atque operum fragmenta quae supersunt oollegit.“ 
‚öfting. 1824. 8. 

Mafurin s (oder Ma ſſuri us) Sabinus, berühms 
r Römiſcher Rechtsgelehrter aus der Zeit des Kaifers 
iberius, welcher mehrere nicht auf nnfere Zeit gekom: 


ene Schriften verfaßte. Am berühmteften war fein Werk 


ver das Eiilreht (Iibri tres juris ceivilisz vgl. U. 
ellius, N. A.IV, 1.), welchem Plinius wahrfcheinkid, einen 

diefem Bude (Kap. 4. $. 3.) erzählten Rechtsfall ents 
hm. Berner arbeitete er Denkſchriften (Memorialia) aus, 
wenigſtens eilf Büchern 4A. Selling, N. A. V. 6.) und eine 
chrift über die Zriumphe der Römer (Plinius, N. ©. 
V. 38.), aus welcher in diefem Buche (Kap. 44. $. 4.) als 
une des Schickſals der Fall angeführt if, daß der Conſul 
entidins früher zweimal als Stlave im Triumphe aufges 
het worden fey. 

Marimus, VBalerius, Nömifher Hiftoriter aus 
e Zeit des Kaifers Tiberius, weldyer bei dem NRömifchen 
:ere in Aſien diente und fidh fpäter zu Rom niederlieh. 
in noch vorhandenes Werk über merkwürdige Thaten und 
den (Faotorum dictorumgue memorabilium lihri. IX.) 


‘ 


754 " 6. Plinius Naturgeſchichte. 


handenen Geſchichtswerke entlehnt Plinius in dieſem Buche 
die Nachricht von dem hohen Alter, welches die Bewohner 
des Berges Tmolus erreichen (Kap. 49. $. 6.), und bie 
einfältige Bemerkung (Kap. 3. $. 3.), daß ſchon öfter 
Mädchen in Knaben verwandelt worden fegen. 

*Linus von Ehalcis, einer der älteſten Griechiſchen 
Dichter, deren Namen ung die Gage aufbewahrt hat. Die 
wenigen noch vorhandenen angeblihen Bragmente feiner 
Gedichte find weit jünger. Er foll audy bie Either erfunden 
haben (Kap. 57. S. 13.). 

— Livins. Plinius nennt den bekaunten Hifforiter 
nur in dem Inhaltsverzeichniſſe dieſes Buches, ohne die 
Bemerkungen, die er ibm entlehnte, näher zu bezeichnen. 
Daß er ihn aber häufig benüpte, beweifen mehrere Stellen, 
Die auf die ihnen entfprechenden in den noch vorhandenen 
- Büchern fer Gefhichte des Livius hindenten. Vergl. 3. ©. 
Kap. 29. $. 2. mit Living, B. VI. K. 31. Kap., 29. 6. 3 
mit Livius, B. VI. K. 30. . 

Mäcenas, Eajus Eilnins, einer der angefehenften 
Römer aus der Zeit des Auguſtus und deſſen Freund, zeigte 
ſich als ein fo eifriger Förderer und Beſchützer der Willen: 
ſchaft, daß fein Name mit dem Worte Gönner gleichbeden⸗ 
tend geworden ift. Obſchon der Leiter aller Staatsgeſchäſte 
und von manchem häuslichen Mißgeſchicke geplagt, fand er 
doch Zeit und Luft, fi in der Poeſſe zu verfahen. Er 
fchrieb Zragödien , Epigramme und andere Gedichte, von 
denen aber nur einige wenige Fragmente auf unfere Seit 
gefommen find. Die Thätigkeit dieſes Mannes erregt Er: 
flaunen, wenn man feine Körperſchwäͤche bedenkt; denn er 


Siebentes Bud. | 766 


tt faft beſtändig am Fieber uud genoß in den drei letgten 
ahren feines Lebens Peine Stunde lang eines forıdauernden 
schlafes (Kap. 52. $. 2.). Wenn es wahr if, daß er 
Remoirem über die.gleichzeitige Geſchichte ausarbeitete Pfo 
Innte dieſem Werke die Nachricht (Kap. 46. ©. 1.), daß 
uguftus zur Seit der Schlacht bei Philippi die Hautwaf: 
rſucht gehabt habe, entnommen ſeyn. Bgl. Abd. Lion 
Maecenatiana, sive de C. Cilnii Maecenatis vita et moribas 
‚ripsit atque operum fragmenta quae supersunt oollegit.“ 
‚öfting. 1824. 8. 

Ma furin 8 (oder Ma ifari us) Sa binus, berühm: 
r Römiſcher Rechtsgelehrter aus der Zeit des Kaifers 
iberius, welcher mehrere nicht auf tinfere Seit gekom⸗ 
ene Schriften verfaßte. Am berühmtelten war fein Werk 
ver das Civilrecht (Libri tres jurie eivilis; vgl. 9. 
ellius, N. A. IV, 1.), welchem Plinius wahrſcheinlich einen 

dieſem Bude (Kap. A. $. 3.) erzählten Rechtsfall ent⸗ 
ihm. Berner arbeitete er Denkſchriften (Memorialia) aus, 
wenigfiens eitf Büchern 4A. Gellins, N. A. V. 6.) und eine 
chrift über die Zriumphe der Nömer (Plinius, N. ©. 
V. 38.), aus welcher in diefem Buche (Kap. AA. S. 4.) als 
nne des Schickſals der Fall angeführt ift, daß der Conſul 
entidind früher zweimal ald Sklave im Triumphe aufges 
hrt worden ſey. 

Maximus, Valerius, Römiſcher Hiſtoriker aus 
r Zeit des Kaiſers Tiberius, welcher bei dem Römiſchen 
ꝛ»ere in Affen diente nud ſich fpäter zu Rom niedetließ. 
in noch vorhandenes Werd über merkwürdige Thaten und 
eden (Faotorum dictorumque memorabilium libri. IX.) 


fi A 


766 C. Plintus Naturgefichte. 


benügte Plinius fehr häufig, wenu er and die Bemerkun⸗ 
gen, welche er ihm entichnt, nicht näher-bezeichne. Man 
vergl. 3. B. in diefem Bude Kap. 20. mit Valerius Mas 
Maus, V. 5. Kap. 32. mit Bal. Mar. I, 8. Kap. 25. mit 
Bal,. Mar. II, 8. Kap. 24. mit Bal. Mau VIII, 7. 
Kap. 35. mit Bat. Mar. VII, 15. Kap. 56. mit Val. 
Mar. V, a. IV, 6. Kap. 47. mit Bal. Mar. VO, 4. 8.48. 
§. 2. mit Bat. May. VII, 15. Kap. 52. $. 2. mit Bal. 
Max. I, 7. und Kap. 53. $. 1. mit Bat. Mar. I, & 

— #1 Megaftbenesd. Seiner mit Fabeln angefüllten 
Indiſchen Geſchichte entichnt Plinins in diefem Bude bie 
aldernen Bemerkungen über Leute mit verkehrten Füßen, 
an deren jedem fie acht Sehen haben (Kap. 2. $. 14.); von 
Henichreckeneffern in Indien, die nicht alt werden (Kap. 2. 
$. 22.), und von andern nur inder Einbildung eriflirenden 
Bölkern (Kap. 2. $. 18.)4 

Meliffns Es gibt mehrere uns nicht näher bes 
Bannte Schriftfteller diefes Namens; bier fcheint aber der 
Sreigelafiene des Mäcenas, C. Meliſſus, ein geachteter Dicke 
ter und Grammatiker, gemeint zu feyn, welder als erſter 
Auffeher der von Auguſt in dem nad) feiner Schweſter Dc« 
tavia benanuten, durch ihn nen aufgebauten Porticns am 
Marcellustheater, genanut wird (Sueton. de illust. gramm. 
e. 21.). Plinins führt den Meliffus nur überhaupt in bem 
Quellenverzeichniſſe zu biefem Buche an, ohne ihn oder die 
Bemerkungen, welche er ihm entlehnte, näher zu bezeichnen. 
Einen andern Brammatiker, Lenäus Meliffus, nennt Suet. 
(De illast. gramm. c. 3.), ohne weitere Auskunft über ihn 
m aeben. Bon den Werken des C. Meliffus, welcher auch 


/ 


Siebentes Buch ‚757 


Erfinder einer eigenen Urt des nationalen Drama’s, der 
vedia traboata betradıtet wird (Bueten. de Illust. gramm. 
Ovid. ex Ponto, IV, 46, 20.), find nur einige Err 
e ans feinen Bemerkangen Über Birgit, weiche Angel 
» aus «einem Palimpiefe zu Verona in feinen „Inter- 
s veteres Virgliii Maronis“ (NModiolan. 1808. 8.) her⸗ 
geben Hat, erhalten. - | 
Menander og Athen, der berühmtefte und vor« 
hſte Dichter des neuen Griechiſchen Luſtſpiels, im 
12 vor Eher geboren, war ein Schuͤler des Theophraſt, 
ewährte feine philoſophiſche Bildung nicht nur in ſei⸗ 
Berker, fondern aud im feinem Leben. Plinius (K. 51. 
rühmt gauz beſonders feine Uncigennutzigkeit nnd er⸗ 
daß die Könige von Aegypken und Macedonien, von 
ı herrlichen poetifchen Leiſtangen begeiftert , ihn durch 
Blotte und Geſandte zu ſich entbieten Tießen; daß er 
ein ſtilles litetariſches Wirken in feinem WBaterlande 
zogen habe. Er foll im Piräus ertrunten feyn (292 
Spr.). Die auf uns gelommenen Fragmente feiner zahle . 
n 2uftfpiele hat U. Meineke am beften herausgegeben 
lin. 1823. 8.). 
Reffala. Man nennt mehrere Römiſche Schrift⸗ 
dieſes Namens, und hält es für nicht leicht, zu ents 
en, welchem derfelben. Plinius bie Bemerkung (K. 55. 
‚ über einen wiedererwedtten Todten entuahm. Nach 
er Auſſicht ift Alles, was von den verfchiebenen Mefe 
ſeſagt wird, anf einen einzigen zu beziehen, nämlich 
en Redner Meffala Gorvinus, welcher, wie Plinins 
Piinins Naturgeſch. 76 Bochn. 3 


| 


768: €, Plinius Naturgefihichte. 


erzählt (Rap. 24. 5. 2.), fein Gedächtniß fo gänzlich verlor, 
daß er fogar feinsn Namen vergaß. Er Ichte zur Zeit des 
Auguſtus und fchrieb mehrere nicht mehr vorhandene Werke, 


darunter ejnes Über die Auſpieien (De auspiciis, of. Gell. 


N. A. XIH, 15., oder De explanatione auguriorum, of. Fe- 
stus, 8. v. Marspedis), und ein,auderes Über Römifche 
Samilien (De familiis Romanis), weldyes Plinius öfter 
(B. XXXIV, 38. XXXV. 2.) anführt, uud auf da der auch in 
diefem Buche (Kap. 53. $. A.) wahrſcheinlich hindenset. Da 
er das letztere erft als Greis heransgab, fo hat man unbes 
denklich einen Meſſala Sener als VBerfafler angenommen. 
Eben fo wenig gibt es einen Meſſala Rufus, welcher der 
falſchen Lesart (Kap. .53. $. 4.): „Messala Rufus et pleri- 
que,“ flatt „Messala, Rufus et plerique“ fein Dafeyu ver: 
Danft. Bgl. den Art. Rufus. 
— * Metrodorns von Gcepfis. - Bon ihm wirb in 
diefem Buche (Rap. 24: $. 2.) berichtet, daß er die Me 
monik zur VBolltommenpeit gebeadıt babe. Da ihn Dlinius 


nuter den Quellen zu diefem Buche, anführt, fo muß er ihn 


x 


wohl aud, an mandyen Stellen , die freilich nicht näher zu 
beftimmen find, benügt haben. . 

* Mmuefigtton, ein uns völlig unbefannter Schrift: 
fteller, welchen Plinius unter feinen Quellen nenut, und dem er 
die Nachricht (Kap. 57. $. 16.) entlehnt, daß die fünſrude⸗ 
rigen Schiffe von den Salaminiern und die zehnruderigen von 
Alexander dem Großen erfunden worden ſeyen. 

Mucianus. S. Licinius Mucianus. 

— Necepſus. Auf welche Art und Weile dieſer 
in der Aſtrologie erfahrene Aegyptiſche König, deſſen Schriften 


= 





Siebentes Bud). 759 


ins aud im zweiten Buche benägt, tie Lebensdauer 
Menſchen aus den Geſtirnen beflimmte, erfahren wir 
50. $. A. ’ 
Nepos Eornelius: S. Cornelins Nepos. 
Nigidins Figulus, P., berühmter Mathematiker, 
nom und Aſtrolog ans der Zeit Cicero's, weichem er 
ver Hintertreibung der Verſchwörung Catilina’s gute 
ſte leiſtete, war ein Anhänger der Pythagoriſchen 
‚und wahrſcheinlich einer der wenigen Vertreter derſelben 
om. Er fell den Auguſtus fhon am Tage feiner Ges 
feine Fünftige Größe norausgefagt haben, und in den 
rwiffenfchaften vortrefflich bewandert gewefen fepn. 
feinen zahlreichen Schriften (De animalibus, De ventis, 
phaera barbarica et graecanica , De extis, De auguriis, 
nentarii grammatici) iſt Peine auf unfere Seit gekommen. 
der Schrift De animalibus , welche wenigftens aus vier 
ern beftand (Macrob. Saturnal. II. 22.), nahm Plinius- 
fheinfich die Bemerkung (Kap. 13. $. 4.), daB die Wei: 
weiche während der Schwangerſchaft menſtruiren, un: 
ıde Kinder gebären. 
ke Noumphodorns von Sorakus, Grichifcer Sarift⸗ 
r, deſſen Zeitalter ungewiß iſt, verfaßte eine Umſchif⸗ 
Aſtens CAcias neginlovs, vergl. Athen. VII p. 3219), 
vielmehr eine Beſchreibung ber ganzen Erde (Athen. 
p. 331.), ju welcher die Umfchiffung Aſiens als inte 
nder Theil gehörte, und ein Werk über die Merkwürdig; 
a Siciliens und Sardiniens (Helian, XI, 20. XVI, 37). 
Ertbefchreidung entlehnte Piinius (Kap. 2. $. 8.) die 
3 Er “ 


760 C. Plinius Naturgeſchichte. 


alberne Nachricht von Leuten (Hexen) in Afrika, deren Lob 
- tödte. Bon beiden Berten it nichts anf unfere Zeit ges 
- kommen. 

— * Ou efitritn 6. : Uns. feinem nicht ſehr glaub⸗ 
würdigen Werke Über bie Fetdzüge Alexanders des Großen 
in Aſten ift in diefem Buche (Kap. 2. $. 21.) «ine Bemer⸗ 
fung Über ungewöhnlid, große Menfchen in Indien enflehnt. 

* Drphens, ein in myſtiſches Dunkel gehüllter Did: 
ter Griechenlands, an deſſen Exiſtenz ſchon Griechen und 
Nömer mit Recht zweifelten. Jedenfalls find die unter ſei⸗ 
nem Namen noc vorhandenen Gedichte aus weit Ipäterer 
Zeit. Plinius nennt ihn (Kap. 57. $. 13.) unter den anı 
geblidyen Erfindern der Either. 

ı Papirins Babianus. ©. Fabianus Papirius. 

Pedianus Usconius. S. ASconius Pebtanus. 

— * Petoſiris. Plinius berichtet nnd (Kap. 50. 
F. 1.) die Urt und Weiſe dieſes Aegyptiſchen Aſtrologen, 
die Lebensdauer des Menſchen and den Geſtirnen vorguszu⸗ 
beſtimmen. 

*»Pherecydes von der Jaſel Schros, Sthuler des 
Anaximander, welcher in ber erſten Hälfte des ſechsten 
Jahrhunderts vor Chr. lebte und nach Plinins (Kap. 57. 
6. 14.) zuerſt in Profa (richtiger, in philoſophiſcher Profa) 
ſchrieb. Die wenigen noch vorhandenen Fraymente feiner 
Werke hat mit denen des Pherechdes von Leros Fr. With. 
Sturz gefammelt (Gera, 1789. 8. N. W. Lipsiae, 1824. 8.). 

* Ppilon, berühmter Architekt des Alterthums, wel: 
her das große Arſenal im Hafen von Athen erbaute (K. 58., 
dgl. Valerius Maximus, VOR. 12). Das Werk, worin er 


Siebentes Buch, 768 


hf beſchrieb Vitrur. xraet. lib. VL), iſt nicht mehr 
anden. 

Philoſte phanus von Eprene, Schuͤler des Dichters 
machnus, ein geachteter Griechiſcher Hiſtoriker, von def 
Berken Feines anf unfere Zeit gekommen ift. Er ſchrieb 
Lie Gtädte Afiend (Athen. VIL p. 297.), über die Ins 
(ag vqjou», ch. Harpocration,, v. Zegvan) und über 
dungen (zegi sdpnudrer, ch Clem. Alexand. Strom. I. 
)8.). Aus der lestern Schrift entlehnte Plinins. (KR. 57. 
3.) wahrfcheinlie die Bemerkungen über Die Erfinder der 
erfhhiffe überhaupt nud der Schiffe mit zwölf, fünfzehn, 
ig und vierzig Ruderbänken. 

*Phylarchus, Griechiſcher Hiſtoriker aus der andern 
te des zweiten Jahrhunderts vor Epr., ans Athen oder 
cratis, fehrieb ein großes gefchichtliched Werk in wenige 
‚ fünfunddreißig Büchern (Athen. IV. p. 144.), weldes 
Zeitraum vom Tode Aleranders des Sroßen bis zum 
: bed Gpartanifhen Könige Eleomenes III., alſo unge: 
ein Jahrhundert, umfaßte. Außerdem nennt Suibdas 
ald Werke des Phylarchus eine Geſchichte der Streis 
iten Autiochus des Großen und ded Enmenes (ra xara 
Aytiogov as zöv Ilsoyanuıvor Evnirm); eine Abhaudlung 
Erfindungen (megl eögnuaruv); einen Abriß der My⸗ 
gie (dmveoun uwußn) und eine Schrift über die Erſchei⸗ 
des Jupiter (mepi ns toũ Aros imgareias), Von als 
diefen Werken hat fidy Bein einziges erhalten. Aus feiner 
hichke, der dad Alterthum Partheilichkeit vorwarf, nahm 
ins (Kay. 2. $. 9.) wahrſcheinlich die Nachricht von einem 
e im Pontus, welches durch den Anblick kehext und 


> 


762 €. Plinius Naturgeſchichte. 


im Waſſer nicht untergeht. Bel. Plutarch, Aympos. 1. V. 
quaest. 7. 

*Pindar von Theba (522-442 vor Chr.), einek Der 

größten Inrifchen Dichter Sriehenlands, von defien Gedichten 
fidy mehrere erhalten haben. Plinius benützt ihn nicht als 
Duelle, fondern erzählt nur (Kap. 30.5. 1.), daß Alerander 
ber Große bei der Eroberung Thebens befahl, das Haus 
und die Familie des Didters zu fchonen. 
— 2Plato. Plinins erwähnt in diefem Bude (KR. 31, 
$. 1.) der Reife diefed Philoſophen nad GSicilien, wo er 
von dem Tyrannen Dionyflus mit großer Ehre und Pradt 
empfangen wurde. Damit glaubte aber auch Dionpflus ges 
nug getban zu haben; denn die phautaſtiſche Hoffuung Pla⸗ 
£0’6, daß der Tyrann feine philoſophiſche Idee vom Staate 
verwirklichen werde, zeigte ſich bald als Täufchung. 

Pollio Afinins. S. Aſinius Potlio. 

Pomponius Atticus. S. Atticuspomponins. 

— * Dofidonins von Apamea. Plixtius erzählt 
(Kap. 31. $. 3.), wie En. Pompejus nad) Beendigung des 
Mitpridatifdyen Krieges diefen Philofophen in feiner Woh⸗ 
nung befuchte und ehrte. 

Rufus, Publius Rutilins, Romiſcher Hiſtoriker, 
welcher im J. 125 vor Chr. dag Conſulat bekleidete und 

ſpäter Proconſul in Uflen wurde (Digest. I. tit. IL de regul. 
jur. $. 40,). Obſchon ein in hohem Grade biederen Mann, 
: wurde er doch von Sulla's Partei in's Exil geſchickt und 
hielt ih zu Smyrna anf, ohne wieder in fein undankbares 
Baterland zurückkehren zum wollen. @r brad, in der Ge 
ſchichtſchreibnng eine neue Bahn, und ſcheint den Uebergang 








Siebentes Bund. - , 763 


der ktrockenen Annalenform zu einer geſchmückteren und 
ſtreicheren Darſtellung vermittelt zu haben. _ Seine Ge⸗ 
chte Roms ſchrieb er in Griechiſcher, die Geſchichte ſei⸗ 
eigenen Lebens aber in Lateiniſcher Sprache (Athen. IV. 
168. VI. p. 274. XII. p. 545.). Außerdem verfaßte er 
jrere Bücher Über Das Theaterweſen, über die Tragödie 
Comödie, über Feſte, Spiele, Muflt und Tanz «Photii 
. c0d. 461.). Alle feine Werke werden von den alten 
riftftellern mit großem Lobe genannt. In der Juris pru⸗ 
z war er meiſterhaft bewandert, und ſuchte die Grund⸗ 
e der ſtoiſchen Philoſophie auf das Studium derſelben 
uwenden; eine noch unter feinem Namen vorhandene 
mmiung ron Kriegsgefeben (vonoı orgarwrxo:) wird ihm 
r wohl mit Unrecht beigelegt. Was Plinius in diefem 
he aus den Schriften des Rutilius Rufus nahm, läßt 
nicht nachweifen, da er ihn nur überhaupt unter feinen 
ellen yennt. Bel. den Art. Meſſala. 
SabinusMaffu rius. S. Maffurins6abinns. 
Gebofns. © Statius Seboſus. 

Severus Caſſius. S. Saffind Sebverus. 
»Simonides, einer der vorzüglichſten Dichter in der 
iE, in der Elegie und im Epigramm, 558 vor Chr. auf 
JInſel Ceos geboren, wurde von feinen Zeitgenoffen hochs 
tet, und lebte in großem Anfeben an verfchiedenen Hö⸗ 
‚ Bon feinen Gedichten haben fih nur Fragmente ers 
ten, die fehr oft, zulept von G. Gchneidewin (Branavic. 
5. 8.), heransgegeben wurden. . Simonides zeichnete ſich 
r nice nur als Dichter, fondern aud als Erfinder aus. 
erdachte er die Mnemonik (Kap. 24. 5. 2.), wenn man 


164 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Diefe Erfindung nick licher dem jüngeren Simonides von 
Eess zufchreiben will, verbefierte die Either (Kap. 57. 6. 13.) 
und vermehrte das Alphabet durch die Baihfaben d, nv 
und wo (Kap. 57. $. 2.). 

© Gocrates, der alibefannte Griechiſche Philoſoph, 
wird in dieſem Buche nickt als Duelle benüpt, denn er 
trat befanntlih nicht als Scriftfieller auf, ſondern Plinius 
erzählt nur von ihm (Kap. 51. ©. 10.), daß er durch einen 
Dratelfprud des Phthiſchen Apollo als ber weiſeſte der 
Gterblichen erklärt worden fcy (Ardoav anzaveur Zuxparg 
soguraros). Bgli. Balerins Maximus, III. a. 

Sophocles, der vorzäglihfie Griechiſche Tratö⸗ 
diendichter, im J. 498 vor Chr. geboren, brachte au han⸗ 
dert Stücke auf die Bühne, von denen wir aber nur ned) 
fieteu beiden. Er farb in fehr hohem Witer (im 3. 406 
vor. Ehr.) aus Frende über den Gieg feines neueſten Trauer: 
fpield (Kap. 53. 5. 1.). Lyfander, der König der Lacedame⸗ 
nier, welcher gerade Athen belagerte, machte Waffenſlill⸗ 
ſtand, bis dus Leikenbegängniß bes Dichters vorüber war 
(KR. 30. $. 2.). . 

— Gtatind Sebeſus. Diefen uns nicht näher 
befannten Geographen benügte Plinind and in diefem Bude; 
nennt ihn aber nur Überhaupt in dem WBerzeichmfle feiner 
Duellın, ohne die Bemerkungen, welche er ihm eninehen, 
genauer auzugeben. 

* Stilpo aus Megara , berühmter Griechiſcher Phir⸗ 
ſoph aus dem dritten Jahrbundert vor Chr., der von ſeinen 
Beitgenoffen feiner Keuntniſſe und feines edeln Charakters 

dätt wurde (vgl. Cicero, Deo fate. c. 5.). Die 








tr. ,Biebentes Bud, _ 765 


härfe feiner Dialektik kehrte er gern gegen die Gophiften, 
d der Sophiſt Diodorus (S. d. Urt.) ſoll ſich fogar zu 
de gehärmt haben, weil er ein von Stilpo bei einem Gaſt⸗ 
le des Königs Pislemäns I. aufgeftelltes Sophiema nicht 
löfen vermochte (Kap. 54: S. 1.). Bon Stilpo’s Werben, 
ſehr trocken und froflig gewefen, fenn follen (Diog. 
rt, IT. p. 60. 61.), iſt nichts auf unfere Zeit gekommen. 
* Strato von Lampfacrus, Schuͤler Theophrafl’s und 
ınzter Griechiſcher Philoſoph aus dem drirten Jahrhun⸗ 
vor Ehr., war der Lehrer des Piolemäus Philadelphus, 
erhielt den Beinamen Phoſiker, weil er den Urquell 
8 Daſeyns nicht in äinem höheren Wefen, fondern in 
Natur ſelbſt fuchte (Eicero, De natur. deor. I. 13.). Bon 
en zahlreichen Schriften (vgl. Diog. Laert. X. p. 128.): 
er tie Natur des Menſchen; Über ungewiffe und fabels 
e Thiere; über die Götter ; über den Staatsdienſt (zepi 
7); über die Erfindungen (negi eionudrar) , bat ſich 
ts erhalten. Welche dieſer Schriften Plinins in dieſem 


he benützte, iſt ungewiß; wahrſcheinlich war ed aber vor: · 


‚weife die Aber Erfindungen. 

* Tauron, -ein uns völlig nubekannter Schriftfleller, 
Plinins eine Nachricht Über haarige Menſchen mit 

Desähnen u. f. w. in Indien (Kap. 2. $. 47.) entichnt. 

re den Unführern des Heeres Aleranders des Großen in 

en wird ebenfalls din Tauron genannt; vielleicht iſt 

er hier gemeint. 

= Terpander von Antifa auf der Tafel Lesbos, ei⸗ 

Der ätteften Griechiſchen Dichter ans dem flebenten 

Hundert vor Ehr., weicher befonders für die Ausbildung 


— 


766 C. Plinins Naturgeſchichte. 


des Geſangs uud der Muſſk eifrig wirkte. Er verbeſſerte 
die Cither und dichtete Lieder dazu (Kap. 57. $. 13.) Bon 
feinen Gedichten bat. ih. nichts erhalten. 

* Zhbamyris von Odryſa in Thracien, Dichter aus 
der mythiſchen Zeit (Homer. I. II, 595.), welcher nach der 
Gage die Mufen zu einem poetifhen Wettftreite herausfor⸗ 
derte. Plinius nennt ihn (Kap. 57. $. 13.) den Erfinder 
der Do riſchen Weiſe. 

— * Theophraſtus von Ereſus, der Verfaſſer zabl⸗ 
reicher philoſophiſcher und naturhiſtoriſcher Schriften, wird 
von Plinius allenthalben ſehr fleißig denützt; im dieſem 
Buche entlehnt er ihm die Nachrichten über die erſten Stein⸗ 
brüche und die erſten Erbauer der Thürme (Kap. 57. $. 5.), 
über die Erfindung der Kunft, Erz zu fchmieden (Kap. 57. 
$..6.) und Über die Erfindung der Malerei (KR. 57. $. 44.). 
Ale diefe Bemerkungen ud wahrſcheinlich aus des Theophra⸗ 
us nicht mehr vorhandener Schrift über bie Erfindungen 
(mepb supnndrus) genommen. 

— » Theopompus von Epios. Aus feinen nicht auf 
unfere Beit gefommenen Geſchichtswerken ift in diefem Bude 
(Kap. 49. $. 1.) bie Nachricht entlehnt, daß Epimenides 
von Gnoffus (S. d. Art.) 157 Jahre alt geworden fey. 
Bgl. Valerind Marimus, VII, 13. 

— »Tbducydides. Dem bekannten Meiſterwerke 
dieſes vor züglichſten aller Griechiſchen Geſchichtſchreiber, 
welchen die Athener als Feldherrn verbaunten uud als Bi: 
ſtoriker zurüdriefen (Rap. 31. $. 3.), entiehnt Plinins die 
Nachricht Über die Erfindung der breisuderigen Gdiffe 
(Kap. 57. $. 46. vgl. Thuchd. I, 15.). 


€ 


Siebentes Buch. 767 


* Zimothens der Milefler , ein berühmter Griechi⸗ 
5 Muſiker und Dithyrambendichter (446-356 vor Ehr.), 
befferse die Either (Kap. 57. $. 15.). Ueber feine Ge⸗ 
‚te, die von mandyen alten Schriftfiellern froflig genannt 
den, Pönuen wir nicht urtheilen, da ſich keines derſelben 
alten hat. 

TrogusPompeius, Romiſcher Geſchichtſchreider aus 
Zeit des Auguſtus, deſſen Familie aus Gallien ſtammte, 
durch Pompejus den Großen das Bürgerrecht erhalten 
fe. Geine Geſchichte in vierundpierzig Büchern (Histe- 
> Philippieae et totius mundi origines et terrae situs) 
hte von Ninns bie zum I. 6 vor Epr,, und wurde von 
Ika in einen nody vorhandenen Auszug gebracht „ wos 
ch aber das urfprüngliche Werk für uns verloren ging. 

ſchrieb auch eine Naturgefhichte der Thiere, von 
der bei dem eilften Buche des Plinius bie Rede feyn 
d. In dem vorliegenden Budye entlehnt Diefer der 
dichte des Trogus die Nachricht (Kap. 3. $. 4), dab 
Hegpnten manchmal eine Mutter ſieben Kinder auf eins 

gebäre. 

Balerius Marimus ©. MariunsBalerius. 
— Barro (M. Terentius). Die Berbienfte dieſes 
e nne, in vjelen Bädern des Willens, fpudern auch durch 
> Tapferkeit anegezeichueten Römers wurden dadurch 
Panıt, daß fein Bildniß in der vom Aſinius Pollio ans 
zten öffentlichen Bibliothek aufgeftellt wurde und ihm 
peius der Große nach der Beendigung bes Geeräubers 
red durch die Schiffskrone anszeichnete (Kap. 31. $. 7.) 
ro muß als eine der am häufigften von Plinius benügten 


768 C. Plinius Raturgefchichte. 


Quellen betrachtet werden, und ſind auch die meiſten Werke 
Varro's verloren, fo haben ſich doch anf dieſe Weiſe manche 
Nachrichten aus ihnen erhalten. In dieſem Buche entiehnt 
ihnen Plinins die Erzählung von Leuten, weldhe den Schlan⸗ 
genbiß durch "ihren Speichel heilen (Kap. 2. $. 5. vergl. 
Priscian, VII. 2, wo wir ſehen, daß diefe Erzählung aus 
tem erften Bude von Varro's Antiquitates rerum humans- 
- rum genommen iſt); ferner die Nachrichten über zwei Rs 
Mer, die nur zwei Ellen groß waren (Kap. 16-8. 5.) ; Aber 
Scheintodte, bie wieder erwachten (Kap. 55. S. 3—5.); Aber 
die erffen Barbiere in Rom (Kap. 59. vgl. Varro, de re 
rast. 1. II. o. 14.); Über die erſte Gonnenahr in Rom 

(Rap. 60. $. 2); Beifpiele wunderbarer Körperkraft (K. 19. 
‘5.4. 8.) und Beifpiele ungewöhhlicher Gdärfe der Augen 
(Kap. 21.). 

Berrius Flaccus, berühmter Roͤmiſcher Gramma⸗ 
tiker, welchen Auguſtus zum Lehrer feiner Enkel Cajns und 
Lucins beſtellte, und der in hohem Alter zur Zeit des Kai⸗ 
ſers Tiberius farb (Sueton. de illust. gramm. co. 17.), Wat 
auch als Echriftfleller fehr thätig. Seine uns bekannten 
Werke, von denen ſich aber keines vollftändig erhalten hat, 
find: eine Schrift über die Bedeutung der Wörter (De ver- 
borum signifioatione) in wenigflens vier Büchern (U. Gel. 
N. A. V. 17.) ; ein Büchlein, welches den Titel „Gaturnuf“ 
führte (Macrob. Satarn. I, 4.) und eine Geſchichte (libri 
rerum memoria Aignarum, dgl. U. Gel, N. A. IV. 5.), Aber 
deren Inhalt wir Feine nähere Nachricht haben, aus welcher 
aber wahrſcheinlich Plinius (Kap. 54.) die mitgetbeilte Reihe 
von Beifpielen plöplicher Todesfälle zog. Man ſchreibt ihm 








Giebentes Bu. : 769 


b, aber mit Unrecht, bie fngenanuten Fasti Capitolini, 
he 1547, zu Rom entdeckt wurden, zu; dagegen gehören 
ı die Bruchſtücke eines im 3. 1770 gefundenen Römifchen 
Ienderd an. P. F. Foggini hat’ diefe fammt den noch 
igen Bragmenten der Werke bes Berrius Flaccus bekannt 
jacht (Rem. 1779. F) 

Beſtalis Fabins. ©. Fabins Bekalis. 

— Birgilins Plinins führt ihn in dem Inhalts⸗ 
eichniffe diefes Buches unter feinen Quellen an, benüsgt 
' Beine Gtelle aus feinen Gedichten , fondern erzählt nur 
p. 31. $. 6.), daß Auguſtus verboten habe, dieſe zu vers 
nen, obſchon es der Dichter in feinem Teftamense ders 
tet hatte, 

— * Tenagdrasd NWus feinen nicht mehr vorhande 
Schriften geographiſchen und hifterifchen Juhalts nimmt 
ius (Kap. 57. $. 16.) die Nachricht, daß die Syrakuſer 
echsruderigen Schiffe erfunden haben. 

— * Zenophon von Lampfacud. Aus feiner Erdums 
ang (neginlovs) entlehnt Plinins die Bemerkungen 
. 49. $. 2.) über das babe Alter bes Königs der Tpe 
und des Sohnes deſſelben. 





1 


Rap. I. 4. So verhält es ſich mit der Welt und mit den 
en, Völkern, Meeren, Inſeln und berühmten Städten 
rfeiben. Die Natur der in ihr lebenden Wefen bietet 
zetrachtung Keinen geringeren Stoff, als irgend ein 
er ihrer Theile, wenn überhanpt der menſchliche Werft" 


N 


\ 


70°. €, Pliniud Naturgeſchichte. 

fähig ift, Alles zu erfaffen. Der Vorrang gebührt wohl mit 
Hecht dem Menſchen, wegen deffen die Natur alles Andere 
hervorgebracht zu haben ſcheint, obſchon fie herzlos für ihre 
fo großen Wohlthaten auch einen fo hohen Lohn nahm, daß 
man nicht völlig darüber einig werden Bann, ob fie fid) dem 
Menfchen mehr als gütige Mutter, oder mehr als grämfidye 
Stiefmutter bewies. 2. Vor Allem hüllt fie ihn allein von 
ſaͤmmtlichen Geſchöpfen in fremdes @igenthum ; die übrigen 
verfah fie auf mancheriei Weife mit irgend einer Bedeckung, 
mit Schaalen, Schilden, Fellen, Stacheln, Zotteln, Borften, 
Haaren, Pflanm, Federn, Schuppen und Wolle; ja Stauden 
und Bäume ſchützte fle durch eine Rinde, und manchmal 
ſogar durch eine doppelte, gegen Froſt und Hitze; nur den 
Menſchen gibt fie nackt und auf nackter Erde ſogleich am 
Tage feiner Geburt dem Wimmern und Weinen, Kein ans 
deres von fo vieler Thieren aber überhaupt den Thränen, ®) 
und zwar ſchon bei'm Eintritt in das Leben, preis. 3. Uber, 
beim Himmel, das Lädeln, jenes vorſchuelle und höchſt 
flüchtige Lächeln, ift Keinem vor dem vierzigften Tage ver: 
gönnt, Nach diefer erften. Lebenserfahrung erwarten ihn 
Bande und Feſſeln an allen Gliedern, *) womit man dod 
feibft das unter und geborene wilde Vieh verfhont; und fo 
liegt er da der glücklich geborene, mit gefeſſelten Händen 


*) Rein Thier vergießt Thränen, der Menſch erſt vierzig Zag⸗ 

nad) feiner Geburt. Das frühere Geſchrei der Kinder in 

nicht von Thränen begleitet, Um biefelbe Zeit fängt das 
Kind auch erfi an zu laͤcheln. 

e*) ‚Nach der Geburt näht man ihn in Windeln, nad bem 

Tode nagelt man ihn in einen Sarg,” fagt I. I. Rouſſeaun. 


\ 








Siebentes Bud. 774 


Füßen, ein weinendes Thier, das doch einft die übrigen 
erden fol, und beginnt fein Leben mit Pein, wegen 
er anderen Schuld, als weil er geboren if. O bes 
huſinns Derer, weiche nach folchem Anfange wähnen, zum 
hmushe geboren zu fen! 

4. Die erfte Ausſicht auf Kraft, die erſt Gabe der 
macht ihn dem vierfüßigen Thiere ähnlich.) Wann 
gelingt ihm das Aufrechtgehen? Wann das Sprechen? 
ın erhält der Mund die zum Effen nöthige Feſtigkeit? 
lange dient der zuckende Scheitel **) zum Beweife, dab 
ıter allen Thieren das ſchwächſte ſey? Und nun fommen 
drankheiten nud eben fo viele gegen fle ausgedachte Heil⸗ 
I, die aber alsbald wieder felbft durch neue Uebel be: 
werden. Die übrigen Thiere fühlen ihre natürliche 
3e; diefe bedienen ſich ihrer Schnelligkeit, jene eilen 
Inge dahin, andere fchwimmen ; der Meufd) Fann nichts 
Unterricht, weder fprechen, noch gehen, noch effen, Eurz 
Ratur nichts als weinen. , Es gab daher Viele, welche 
28 DBefte hielten, nicht geboren zu werden , oder fo 
: als möglich wieder zu flerben. - 
. Ihm allein von allen Geſchöpfen ift der Kümmer, 
Hein die Ueppigkeit und zwar in unsähligen Geflalten 
iir jedes einzelne Glied, ihm allein die Ehrſucht, ihm 


D. h. die erſte Kraftäußerung des Menſchen iſt das Krie⸗ 
chen auf allen Vieren. 

Bol. B. XI. Kap, 49. Die Alten glaubten, nur bei dem 
Menſchen, nicht bei den Thieren, werbe der anfangs weidye 
und den Eindrücken nachgebende Hirnſchädel allwaͤlig hart 
und feſt. Aristotel. Hist. animal. VII, 10. 


1 


72 C. Plinius Naturgeſchichte. 


allein der Geiz, ihm allein die unmäßige Liche zum Leben, 
ihm allein der Aberglaube, ihm allein die Gorge um das 
Begräbniß und fogar nm die Zakunft nad dem Tode eigen. 
Keine hat ein leichter zerflörbares Leben, keines eine grö⸗ 
Bere Begierde nad) allen Dingen,’ keines eine rathloſere 
Furcht,, Deines eine heftigere Wuth. 6. Endlich leben bie 
übrigen Gefchöpfe mit ihrer Art in Eintracht: wir fehen fie 
znfammenhalten, und unr gegen ihnen unähnliche Arten 
kämpfen. Des Löwen Wuth richtet fi nicht gegen feines 
Bteihen; der Schlangen Biß zielt nicht nadı Schlangen, 
und felbft- des Meeres Ungeheuer und Fiſche wüthen nur 
gegen andere Gattungen. Uber, bei'm Himmel, dem Mens 
ſchen erwachfen Die meiften Uebel durch den Menfdyen. 

cn. 7. Bon dem Menſchengeſchlechte im Wülgemrinen 
haben wir fchon großentheils bei der Aufzählung der Bölker 
geiprochen ; *) auch wollen wir bier nicht die Sitten und 
Gebräuche, die unendlich verſchieden und eben fo zahlreich 
find, als die von den Menfchen gebildeten Befellfchaften, 
bebandeln, obfchon ich Einiges nicht mit Stilifchweigen übers 
gehen zu dürfen glaube, befondere was weit vom Meere 
wohnende Nationen betrifft, bei denen Manches, wie ich 
nicht zweifle, Vielen abentenerlich und unglaublich vorkom⸗ 
men wird, Wer glaubte an Aethopier, **%) che er (ah? 
Oder erregt nicht Alles, wann ed zum erflenmale zu unfe: 
rer Kenntniß Fommt, Berwunderung ? Wie Vieles hält man 
für unmögtid, bis es wirklich gefchehen in! Die Macht 





*) In den vorhergehenden vier geographifchen Büchern. 
2) Plinius verfieht hier die Schwarzen. 


U 


- Siebentes Bug. 773 


bie Erhabenheit der Natur wird aber immerbar unferen 
uben überfleigen, wenn wir fie, id will nicht fagen, in 
r Ganzheit, fanden auch nur in ihren einzelnen heilen 
fen wollen, 8. Ich will bier nicht die Pfauen, Die 
fen ber Tiger und Panther und den Barbenfhmud' fo 
7 Thiere erwähnen.. Ein eben fo gleichgültig erwähnter, 
für ‚die Betrachtung unerfchöpflicher Gegenſtand find die 
achen fo vieler Völker, die fo zahlreichen Mundarten 
die fo vielfad) verfchiedenen Redeweiſen, dab ein Aus: 
er einem ihm Fremden faft nicht mehr als Menfch ers 
1. Selbſt in Being auf unfer Aeußeres und unfer 
ip, Das doch nur aus zehn Gliedern oder einigen wes 
ı mehg befteht, gibt es unter fo vielen tauſend Menſchen 
zwei völlig gleiche, was Peine Kunft auch nur bei 
Feinen Anzahl zu ‚erreichen vermag. Uebrigens will 
ich für das Meifle, was ich erzähle, keineswegs vers 
en, fondern lieber auf die Schriftfteller hinweifen, welche 
(fen zweifelhaften Dingen ald Gewährsmänner gelten 
n, wenn man ed nur überhaupt nicht verfchmäht, den 
hen zu folgen, deren Sleiß größer und deren Forfhuns 
(ter find. 
I ca). A. Daß es Scythiſche Stamime, und zwar 
re gebe, welche Menfchenfleifc) effen, haben wir ſchon *) 
nt. Schon Diefed würde uns unglaublich vorkommen, 
wir nidyt bedächten, daß es. früher in der Mitte des 
eifes, in Bicilien und Italien, ebenfalld Völker von 
B. IV. Kap. 26. $. 10. ©. VI. Kap. 20, $. 1. 
Plinius Naturgefh, 78 Boͤcchn. 4. 


I 


\ 
774 C. Plinius Naturgeſchichte. W 


ſo ungebenrer Rohheit gab, nämlich die Cyelopen und die 
Läſtrygonen, und daß es jenſeits der Alpen noch vor ganz 
kurzer Seit bei den dortigen Bölkern *) Gebrauch war, 
Menschen zu opfern, was vom Eſſen nicht fo gar weit ent« 
fernt ift. 2. Neben den Schthen, weldye nach Norden bin 
wohnen, werden nicht weit von dem Urfpreunge des Aquilo 
[Nordoft] und der fogenaunten Höhle deſſelben, weldye Geis 
eliton **) heißt, die Arimasper angeführt, welche wir ſchon ***) 
genannt haben, und die ſich durch ein einziges Auge in der 
Mitte der Gtirne anszeichnen. Gie leben bei den Bergwer: 
Ben mit den Greifen, nach der gewöhnlichen Befchreibung, 
einer Art geflügelter Thiere, weiche mit wunderbarer Ber 
gierde das Gold aus den Gruben fürdern, in beſtäudigem 
Kriege, weil die Thiere das Gold bewachen, die Arimaſper 
aber es ihnen rauben, wie viele Schriftſteller, unter denen 
SHerodot +) und Ariftens von Proconuefus die berühmtelten 
find, erzählen. HH — 

3. Hinter andern Trr) menfchenfreffenden Scythen in 





” plinius fpielt maßefheintih auf die Sallier und ibre Drul⸗ 
den au. Bol, B. XXX. Kay. 4. 
*#) wahr chenu⸗ 475 — (Erbfchloß). 
,) 9,1 —R VI. K. 19. 6. 1 
+) B. I. 8. 116. 2 iv: 8. 13. Er (öpft felbfk bie 
Erzählung, welche er ald Fabel betrachtet, aus Arißeas. 
+ Die Sage hat wohl einen hiſftoriſchen Grund, umb follte 
vermuthlich ben wahren Sunbort des Bolbed verhfiflen. 
Bel. Ober bie Arimaspen Aberhaupt Groteſend in ber 
„Augemeinen Encpclopäbie ber Wiffenfchaften und Küng,” 
+Hp Weiter oſtlich vorhanden, 


1 — 


Siebentes Bud. 775 


m großen Thale des Imausgebirgs Liegt eine Gegend, 
be Abarimon heißt, ed in welcher wilde Meufdyen woh⸗ 
‚ deren Füße nach hinten hin *) gekehrt find, die aber 
ausgezeihhnete Schuelligkeit beflgen und allenthalden 
den wilden Thieren umherſchweifen. Sie“ follen unter 
m andern Himmelsftridhe leben können, und deßhalb 
? zu den benachbarten Königen, noch zu Alerander bem 
jen gebracht worden ſeyn, wie uns Bäton, der Maaß—⸗ 
nmer feiner Tagmärfche, erzählt. 
1. Die zuerſt genannten Menfchenfreffer, welche , wie 
gefagt haben, **) nad) Norden bin zehn Tagreifen 
r dem Fluſſe Borpfihenes [Dnepr] wohnen, trinken, 
Iſigonus von Nicka erzählt, ans Schädeln von Meus 
Eöpfen ***), und binden die Haut ſammt den Haaren 
Ihwifhtfüdher vor die Bruſt. Nach demfelben werden 
Ihanien +) Menſchen mit grünlihen Augäpfeln geboren, 
han von Kindheit an graue Syaare haben und bei Nacht 
ſehen als bei Tag. Nach demfelben nehmen die Baus 
ten zehn Zagreifen hinter dem Boryſthenes nur alle 


— 


Bol. U. Gell. N. A. IX, 4. Augustin. de civit. Dei 
XXVI, 8. Die Füße eines ſchnell Laufenden, von hinten 
gefehen, fheinen verkehrt zu fiehen. Die Gage beruht 
alſo wahrſcheinlich auf einer optifhen Taͤuſchung. 

Bd. IV. 8, 26. 8. 10. 

Diefe Sitte‘ roher Böolker iſt aus ber Geſchichte bekaunt. 
Nicht nur in Albanien, einem Theile des heutigen Geor⸗ 
gien, ſondern auch in allen engen Thaͤlern zwiſchen hohen 
Bergen findet man ſoiche Menſchen, Albino's genannt, 


4% 


776° C. Plinius Naturgeſchichte. 

drei Tage einmal Speiſe zu ſich. 5. Crates von Pergamus 
erzählt, am Hellespont, in- der Gegend von Parium [Ke⸗ 
mares], gebe es eine Art Menſchen, von ihm Ophiogenen 
[Schlangengeborene] genannt, welche den Biß der Schlangen 
dur Berührung zu heilen, und durch Auflegung Der Haud 
das Gift and dem Körper au zichen pflegen. Varro *) vers 
ſichert, dab man jetzt noch daſeibſt Einige finde, deren 
Gpeichel als Heilmittel gegen den Biß der Schlangen: diene. 
In Afrika mohnte, wie Agatharchides fchreibt, ein ähnliches 
Bolt, nämlich, die Pfplier, welche von dem König Pfplius, 
deſſen Grab ſich an einem Küflenorte der großen Syrte be: 
findet, ihren Namen haben. 6. Ihrem Körper war eine 
den Schlangen töbsliche Feuchtigkeit angeboren,. durch deren 
Geruch fie diefelben einfdhläferten. Bei ihnen herrſchte auch 
die Gitte, die nengeborenen Kinder den wildeflen derſelben 
vorzumwerfen, um fid auf diefe Weife von der Keufchheit 
ihrer Weiber zu überzeugen, indem die Schlangen vor dem 
im Ehebruche erzeugten nicht Entfloben. Diefes Wolf wurde 
beinahe ganz von den Nafamonen, welche jest feine Wohn⸗ 
fise inne haben, niedergemeselt ; feine Eigenfhaft bat id 
jedody durdy die, welche entflohen oder. während des Kampfes 
abwefend waren, bei Einigen bis jetzt erhalten. 7. Ebenfo 
verhält es ſich mit dem in Italien noch vorhandenen Bolks⸗ 
ſtamme der Marfer, welcheihren Urfprung von einem Sohne *% 








*) In dem erfien Buche von wmenfhlihden Dingen, wie 
Priscian B. VII 8, 2. bemerkt. 

**) Zelegonus, welchen bie Zauberin dem Ulyſſes auf ber 
Infel Aea gebar, Bel. U. A. Gell. N. A. „11. 
Was Plinins yon der Heilung des Schlangenbiſſes fagt, 


1 





‚ Giebentes Bud). 777 


Ciree herleiten, und von Natur diefe Kraft befiken follen. 
a Menfchen ift übrigens ein Gift gegen die Schlangen 
eboren, und man fagt, daß diefe, vom Speichel getroffen, 
: fo ſchnell entfliehen, alsı wenn .fie kochendes Waffer ber 
t; fie follen fogar ſterben, wenn dieſer in ihren Schlund 
st, befonders wenı ihn der Mund eines nüchternen 
iſchen auswirft. %) 

Hinter den Nafamonen **) und ihren Nachbarn, den 
hbiyen, wohnen, wie Calliphaues erzählt, die Androgpnen 
nnweiber] , weiche. beiderlei Geſchlechts find und ſich 
ſelweiſe begatten. Ariſtoteles fügt noch hinzu, daß ihre 
e Bruft männlich, ihre linke aber weiblid) fey. *°*) 

3. Ja demfelben, Afrika gibt ed nach Ifigonus und 
phodorus au einige Familien von Beherern, durch 
ı 2ob alles Belobte zu Grunde geht, die Bäume ver- 
n und Die Kinder flerben. Filgonns fügt hinzu, bei 
Triballern und Illyriern gebe es Lente derfelben Art, 
don durdy den bloßen Anblick behexen, und die, welche 
ugere Zeit, befonders mit zornigen Augen, anſthauen, 
13 7) hauptſaͤchlich ſeyen Erwachſene ihrem böfen 


iſt ein im vielen Ländern des Orients, beſonders in Aegypp⸗ 


ten, herrſchender Aberglaube, welchen herumziehende Gauk⸗ 
ler (Jongleurs) durch allerlei Kunſiſtucke zu ihrem Vor⸗ 
theil forgfältig unterhalten. 

Bon dieſer angeblichen Eigenſchaft des menfchlichen Spei⸗ 
chels wird wieder B. XXVIII. K. 7. die Rede ſeyn. 
Vasl. Aristoteles Hist. animal. VII, 29. 

Im heutigen Tripoki. 

Fest lacht man ber foldye Fabeln. 

Diefer Aberglaube, der ſich hauptſächlich vor Behexung, 


4, 


778 - €. PMinius Naturgefchichte. 


Einfluffe arsgefest, und noch merkwürdiger ſey, daß fle im 
jedem Ange zwei Augäpfel baden. In Scythien foll es nad 
Apollonides auch Weiber diefer Art geben, welche Bithyen 
heißen. 9. Phylarchus führt auch noch den Volksſtamm der 
Thibier *) in Pontus und piele Andere an, welchen dieſelbe 
Eigenſchaft angeboren iſt, und die nach ihm an dem doppel⸗ 
ten Augapfel in dem einen und an dem Bilde eines Pfer⸗ 
des **). in dem andern Auge zu erkennen find. Auch follen 
diefe Leute nicht unterfinten können, felbft wenu, fie mit 
Kleidern beſchwert find. **) Diefen nicht unähnlich iſt, 
nad Damon’s Erzählung, der Volksſtamm der Pharnacer 
in ethiopien, teren Schweiß allen damit berührten Körpern 
die Schwindfudht verurfadht. , 

10. Daß überall. alle Weiber, weiche doppelte Augäpfel 
haben, durch ihren Anblick fchaden, bat bei uns auch Ei- 
cero +) behauptet. So gefiel es alfo ber Natur, weldhe dem 





Lob (Berufen) und laͤngeres Anſchauen fürchtet, findet ſich 
unter dem Wolfe noch jegt häufiger, ald may glauben 
follte, \ 
*) pPlutarch (Sympos. 1. V. 7.) führt daſſelbe aus Phylar- 
chus an, 
Plinius ließ fi wahrfheintih durch bad Griechiſche Wort 
inros irre führen, weldyed nit nur ein Pferd, fonderm 
auch einen Seh ler (nämlich eine fortwährenbe gitterude 
Bewegung) des Auges bebentet. 
*#*) Diefer alte Aberglaube erhielt ſich bis auf bie neuere Zeit, 
und man warf deäbalb ber Hererei Verdächtige in's Waſ⸗ 
fer, um an ihrem linterfinfen oder Nichtunterfinken ihre 
Schuib oder Unſchuld zu. erkennen, 
D In feinen vorhandenen Schriften findet fi Diefed nicht. 


X) 


Sr 


7 








Siebentes Bud. 779 
Menſchen die Ehieriihe Gewohnheit, menſchliche Eingeweide 
zu verzehren, angeboren hat, auch in dem ganzen menfchlis 
hen Körper und fogar in den Augen Mancher Gifte zu ers 
zeugen, damit es ja nirgends etwas Böfes gebe, was man 
bei dem Menſchen nicht finde. J 
11. Nicht weit von der Stadt Rom, im Gebiete der 
Faliscer, findet man etliche Familien, welche Hirper heißen; 
dieſe gehen bei dem jährlichen Opfer, welches am Berge So⸗ 
racte [St. Oreſte] dem Apollo dargebracht wird, über einen 
angezündeten Holzftoß, ohne fid, zu verbrennen. *) Deßhalb 
ind fle auch durch einen unwiderruflichen Senatsbeſchluß 
vom Kriegsdienfte und allen andern bürgerlichen Laften 
befreit. 

: 42. Un Manchen haben einzelne Körpertheile von Nas 
ar für irgend etwas eine wunderthätige Kraft; fo an Kö⸗ 
sig Pyrrhus Die große Sche des rechten Fußes, durch deren 
Berührung Milzſüchtige ‚geheilt wurden. ») Sie Eonnte 
sicht, wie man erzählt, mit dem Übrigen Körper verbrannt 
verden, und wurde in einem Käftchen im Tempel, beigefest. 

15. Indien und die Landſtriche der Aethiopen find bes 
onders rei an Wunderdingen. Indien erzeugt die größten 
chiere, wie ſchon die Hunde, weldye weit größer, als’ die 





*) Auch in neuerer Zeit hat man biefes Kunſtſtück geſehen. 
Mauchen ift aber der Verſuch fchlecht bekommen, 

»e) Wem ifk nicht der Volksglaube, daß die Berfihrung bies 
ſes ober jenes Fürften irgend ein beſtimmtes llebel zu 
heiten’ vermöge, bekannt? So follen bie Könige von 
Englaud und Frankreich die Skrofeln heilen können, 


775 -€ Plinius Naturgeichichte. 


Einfluffe arsgefest, und noch merfwürdiger fey, daß Re im 
jedem Ange zwei Augäpfel baden. In Scythien foll es nad 
Apollonides auch Weiber diefer Art geben, welche Bithyen 
heißen. 9. Phylarchus führt auch noch den Volksſtamm der 
Thibier *) in Pontus und piele Andere an, welchen dieſelbe 
Eigenſchaft angeboren iſt, und die nach ihm an dem doppel⸗ 
ten Augapfel in dem einen und an dem Bilde eines Pfer⸗ 
des *"). in den andern Auge zu erßennen find. Auch follen 
dieſe Leute nicht unterfinten können, felbft wenn. fie mit 
Kleidern befchwert find. * *) Diefen nicht unäpnlich iſt, 
nadı Damon’s Erzählung, der Volksſtamm der Pharnacer 
in Aetbiopien, deren Schweiß allen damit berührten Körpern 
die Schwindſucht verurfacht. 

10. Daß überall alle Weiber, welche doppelte Augäpfel 
haben, durch ihren Anblick fchaden, bat bei uns auch Eis 
cero +) behauptet. So gefiel es alfo der Natur, welche dem 


Lob (Berufen) und längeres Anſchauen fürchtet, findet fi 
unter dem Volke noch jegt häufiger, ald may glauben 
ſollte. 
*) plutarch (Sympos. 1. V. 7.) führt daſſelbe aus Phylar⸗ 
chus an, 
Plinius ließ ſich wahrſcheinlich durch das Griechiſche Wort 
inros irre führen, welches nicht nur ein Pferd, ſondern 
auch einen Fehler (nämlid, eine fortwährenbe ste tternde 
Bewegung) des Auges bebeutet, ’ 
***) Diefer alte Aberglaube erhielt fidy bis auf bie neuere Zeit, 
und man warf beähalb ber Hexerei Verdächtige in’6 Wafs 
fer, um an ihrem Unterfinfen ober Nichtunterfinken ihre 
Schuld oder Unſchuld zu. erkennen, 
D In feinen vorhandenen Schriften findet ſich Diefes nicht. 


*a2 


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Siebentes Bud. 779 


enſchen die thieriſche Gewohnheit, menſchliche Eingeweide 
verzehren, angeboren hat, auch in dem ganzen menſchli⸗ 
n Körper und fogar in den Augen Mancher Gifte zu er⸗ 


gen, damit ed ja nirgends etwas Döfes gebe, was man ' 


dem Menſchen nicht finde. 

141. Nicht weit von der Stadt Rom, im Gebiete der 
iscer, findet man etlihe Familien, welde Hirper beißen; 
€ gehen bei dem jährlichen Opfer, welches am Berge 60; 
te [St. Oreſte] dem Apollo dargebradyt wird, über einen 
‚ezündeten Holzftoß, opne fi zu verbrennen. *) Deßhalb 
ı fle auch durch einen unwiderruflichen Genatsbeichluß 
ı Kriegsdienfte und allen andern bürgerlichen Laſten 
‚eit. 

12. Un Mandıen "haben einzelne Körpertheile von Na⸗ 
für irgend etwas eine wunderthätige Kraft; ſo an Kö⸗ 
Pyrrhus die große Zehe des rechten Fußes, durch deren 
rührung Milzſüchtige ‚geheilt wurden. ») Sie konnte 
t, wie man erzählt, mit dem Übrigen Körper verbrannt 
den, und wurde in einem Käftdyen im Tempel, beigefest. 
413. Indien und die Landftriche der Aethiopen find bes 
vers reich an Wunderdingen. Indien erzeugt die größten 
ere, wie ſchon die Hunde, weldye weit größer, als die 
») Auch in neuerer Zeit hat man biefes Kunfififit gefehen. 

Mauchen if aber der Verſuch fchlecht bekommen, 

e) Wem iſt nicht der Bolköglaube, daß die Berfhrung bies 
fe8 oder jenes Fürften irgend ein befiimmtes llebel zu 
heilen vermöge, befannt?_ So follen bie Könige von 
Englaud und Frankreich die Skrofeln heilen können, 


780° C. Pimius Naturgefchichte, 

anderer Länder find, beweifen. ) Die Bäume follen eine 

foide Höhe erreichen, daß fie mit einem Pfeile nicht zu 

überfihießen find. Die Fruchtbarkeit des Bodens, die Milde 
des Himmels umd der Ueberfluß an Wafler wirken fo bdeden⸗ 
tend ein, daß fid,, wenn man ed glauben will, unter einem 

Beigenbaume **) ganze Reiterſchwadronen bergen Lönnen ;. 

die Rohre ***) aber wachſen zu einer ſolchen Höhe emper, 

daß die einzelnen Stüde zwifchen den Knoten zu Bahrzeus 
gen, welche manchmal drei Menſchen tragen, hinreichen. 
44. Es ift bekannt, daß dafelbft viele Lente über Fünf 

Ellen hody werden, +) nicht ausfpeien, an Kopf, Zähnen 

und Augen nie, an den brigen Kötpertheilen aber nur fel- 

ten Schmerzen fühlen, +4) und diefe Ausdaner der mäßigen 

Sonnenhitze verdanken, daß ihre Philoſophen, welche man 

Gymnoſophiſten nennt, vom Morgen ‚bis zum Abend an 

einer Stelle bleiben und mit unbeweglichen Ungen die Sonne 

betradyten, und daß fie Yen ganzen Tag hindurch abwech⸗ 
felnd auf einem  Zuße im glühenden Bande ftehen. TIT) 

— € 

*) gl. 8. VIIL Kap. 61. 

**) Die Fious religiosa (Linn.) iſt hier gemeint, Die Aeſte 
diefeß Feigenbaumes fenten fi zur Erde, wurzeln darin 
und treiben neue Bäume, bie alle yufammenhäugen , fi 
auf dieſelbe Weife immer weiter fortpflanzen, und einen 
Fleinen Wald bilden, 

vr, Gine Bambusart (Bambus arundinacean), melde eine 

öhe von ſechzig Fuß erreicht. 
7) Fabel. Die Indianer haben bie gewöhnliche Menſchensroſe. 

TH Vorzüge eines jeden heißen Kimmelöfiriches. 


+H Man findet Biefen und ähnlichen Unfinn noch jeut yei den 
Indiſchen Fakirs. 


[4 








v \ 


Siebentes Buch. 781 


Daß auf einem Berge, welcher Rulus heißt, Menſchen mit 
erkehrten Füßen, an deren jedem fle adyt Sehen haben, le⸗ 
en, ”) erzählt Megaſthenes. . 

15. Auf vielen Bergen aber fdll es eine Gattang von 
Renfhen”*) geben, welche Hundeföpfe haben, fich in Felle 
on wilden Thieren Lleiden, flatt der Sprache ein Gebell 
ören laffen, mit Kianen verfehen Mad nnd von der Jagd 
nd vom Bogelfange leben, Cteſias berichtet, daß zur Zeit, 
ls er ſchrieb, jhrer Über huudert und zwauzigtauſend ger 
eſen ſeyen; ferner daß bei einem gewiffen Volke Indiens 
e Weiber nur einmal im Leben gebären,, und daß die Neu: 
borenen ſogleich grau werden. **%) 46. Ebenfo foll es 
nach ihm] eine Gattung von Menfhen geben, welche Mo⸗ 
ocoler ſEinfüßler] heißen: und nur einen Fuß haben, anf 
m fie aber mit wunderbarer Schnelligkeit dahinhüpfen, 
efelben follen auch den Namen Gtinpoden [Gchattenfüßier] 
ihren, weil fie bei großer -Hipe fi, rücklings auf der Erbe 
egend, mit dem Schatten ihrer Füße ſchützen. Sie follen 
ht weit von den Troglodyken wohnen, und wieder weftlich 
m Diefen einige Undere ohne Kopf, denen die Augen auf 
n Schultern figen, (eben. » 





*) Ich laſſe nicht unbemerkt, daß der Schauplatz aller folcher 
Wunderdinge von lügenhaften Neifenben gewöhnlich anf 
unzugänglihe Berge verfeut wird. 

“ Wahrſcheinlich Orangutangs. 
*%) Die Stelle des Eteſias, welche Plinius hier vor Augen hatte, 
findet fi in Photius (Bibl. cod. 13.). 

+) Vielleicht Menſchen mit ſehr hohen Schultern und dazwi⸗ 

fhen gedrücktem Kopfe, Uebrigens fiheint der Mühe nicht 


% y - e 
N 


782 C. PMinius Naturgeſchichte. 


17. Auch gibt: es auf den nad Oſten hin liegenden 
Bergen Indiens in dem Laube der Catharcluder Gatyra, *) 
äußert fchnelle Geſchöpfe, weit fie auf vier. Füßen und unh 
aufrecht Sanfen können; fie "haben eine menfchlide Geſtalt 
und find ihrer Geſchwindigkeit wegen, nur wenn fie alt aber 
krank werden, zu erhaſchen. Tauron ſpricht aud, von einem 
Volke der Choromanden mit behaartem Körper, grünen 
Augen und Hundezähnen, welches in Wäldern hauſe, Beine 
Sprache habe und nur ein abfchenliches Geziſch hören laffe. 
Nach Eudoras follen in den füdlichen Gegenden Indiens bie 
Männer ellengroße Füße, die Weiber aber fo Pleine haben, 
Daß man fie Struthopoden [Gperlingsfüße] nenne. 

48: Nach Megaſthenes fol ein Bott unter ben JIndi⸗ 
fhen Nomaden, welches man die Scyriten nenne, an der 
Stelle der Nafe nur Löcher and wie Schlargen gekrümmte 
Füße baden. Un den äußerften öſtlichen Grenzen Judiens 
um die Duelle des Bauges foll das Bolt der Aſtomer 
[Mundiofen] , welche keinen Mund haben, ihren durchaus 
behaarten Körper in Die Wolle von Blättern **) Beiden, 
and nur vom Athmen und vom Geruche, ten fie durch Die 
Naſe einzichen, leben. Gie bedürfen weder Gpeife ned 
Trank, fondern nur der mandherlei Gerüche der Wurzeln 
und Kleider, fo wie der Waldäpfel, welde fle auf weiteren 





werth zu ſeyn, dem hier von Plinius zufammengerafften 
Unfinn eine Dentung zu geben. 

*) Große Affen, fo wie auch die Ehoromanden. 

*) Seide. Bol. 8. VI. 8. 20. 5. 2. 


Siebentes Bud. 785 


S 


fen bei id) tragen, damit ihnen nie etwas zum riechen 
e. Ein etwas flarter Geruch fol fie leicht tödten. *) 
19. . Hinter Diefen in der Außerfieu Berggegend woh⸗ 
wie man angibt, die Zrispithamer [Dreifpannelangen] 
Pygmäer, weldye nicht größer find, als drei Gpaunen, 
heißt, dreimal, drei Viertel Buß, unter einem gefunden 
ımel, wo es ſtets Frühling if, da Berge gegen den 
dwind fchüsen. Sie werben, wie fon Homer beriche 
**) forbwährend von den Kranichen angefeindet; bie 
‚e erzählt, daß fie auf dem: Rüden von Middern nad 
en ſitzend und mit Pfeilen bewaffnet , zur Frühlingszeit 
ı dem Meere binabziehen und die Eier und Jungen der 
ihnten Vögel vertilgen; diefer Feldzug dauere drei Mos 
‚ und ohne Diefes würden fie den daraus entflchenden 
elheerden nicht mehr widerflehen können; ihre Hütten 
nen fle aus Koth, Federn und Eierſchaalen. Ariſtote⸗ 
**) fagt, daß die Pygmäer in Höhlen wohnen ;.im Lies 
en flimmt er über fie mit den andern Schriftſtellexn 
ein. 
20. Die Eprner, ein Indiſcher Volksſtamm, ſollen 
Iſlgonus hundertundvierzig Jahre alt werden; daffelbe 
bt er von den Aethiopiſchen Macrobiern und den Ges 
fo wie aud) von den Bewohnern. des Berges Athos, 
zwar von ten Lebteren, weil fie von Bipernfleifch 
‚und deßhalb andy fid) weder auf ihrem Kopfe noch 


Di ie Fabeln find bis jetzt keiner Erridrung fähig. 

St, 111, : 3-86. 

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* Sen S vr R 1”. * 


t. animal. m 15. ' 
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788 " €. Plinius Naturgeſchichte. 
in ihren Kleiderü, dem Körper ſchädliche Thiere aufhal⸗ 
ten. *) 

21. Ouefleritaus erzählt, daß in dein Gegenden Indiens, 
wo es Beine Schatten gibt, **) Die Menfchen eine Höhe von 
fünf Ellen und zwei Palmen ***) erreichen und hundertund⸗ 
- dreißig Sabre leben, dabei aber nicht altern, ſondern in den 
beſten Jahren erben. Crates von Pergamus nennt die 
Inder, welche über hundert Jahre alt werden, Gomn eten; 
viele Andere nennen fie Macrobier [Langleber]. Eteſtas 
Sagt, Ein Bolkeſtamm derfelben, welcher Pandore Heiße, - 
wohne in Thälern, erreiche ein Wlter von zweihundert Jah⸗ 
ren, und habe in der Jugend weißes Haar, welches im 
Alter fchwarz werde. 22. Dagegen gebe es andere, an die 
Macrobiek gränzeride Lente, welche das vierzigfte Jahr nicht 
Aberfchreiten, und deren Weiber nur einmal gebären. Aga⸗ 
tharchides erzählt Doffelde, und fügt hinzu, daß fie von 
Henfhreden leben und fehr fchnell ſeyen. Clitarchus legt 
ihten den Namen Mander bei, ebenfo Megafihenes , der 
ihnen dreihundert Dörfer zutheilt. Ihre Weiber follen ſchon 
im fiebenten Jahre gebären, 7) und mit dem vierzigften greis 
werden. x 
35. Artemidorus fast, daß die Bewohner der Inſel 


*) Mol. B. xxix. K. 38. Man gebraucht noch jetzt dad 
Vipernfleiſch in der Medizin als Mittel gegen bie Aus— 
sehrung, gegen Hautausſchläge u. f. w. 
“Bar. 8, IL 8. 76. $, 8. 
”) Bine Elle befieht aus ſechs Palmen (Hanbbreiten), ein 
Palmus aud vier Fingerdreiten (Zollen). Daß hier Un⸗ 
FR ee behauptet wird, braucht Pe bemerkt zu erden. 
\ n beißen Gegenden kommen Beiſpiele iü 2 








% 





4 


Giebentes Bu. | 785 


probane Ach «eines fehr langen Lebens, unb zwar ohne 
echheit des Körpers, erfreuen. Duris erzählt, daß manche 
der fich mit Thieren begatten und dadurch Bafarbe und 
Ihthiere_entfehen ; *) daß bei den Ealingern, ebenfalls 
em Indiſchen Wolke, fünfjährige Weiber empfingen,, *%) 
r nicht das achte Lebensjahr Üüberfchreiten, feruer daß an 
er andern Gtelle Menſchen mit seinem zottigen Schwanze 
oren werten, und daß Andere fid, mit ihren Ohren ganz 
een können. ***) Bon den Indern trennt ber Bine 
is die Driten. Diefe follen keine andere Speife kennen, 
Fiſche, welche fie mit den Nägeln zerlegen, am der 
ane dörren und auf diefe Weife Brod darans bereiten, +) 
Elitarchus berichtet. rates von Pergamus erzählt, 
die Troglodyten hinter Aethiopien fchneller, fayen , ats 
rbe, ferner daß ein Theil der Aethiopen über acht Ellen 
3 werde‘, und daß dieſer Volksſtamm den Namen Syr⸗ 
n führe +H 


sehnjährigen Müttern vor, von fi ebenjährigen aber "nicht; 

wie denn Alles, was Plinius hier sufammenfchreibt, theils 

nur halbwahr, theils fſalſch iſt. 

Die Begattung mit Thieren iſt eine in allen Ländern -vors 

kommende Unnatärlichkeit, hat aber wohl nie eine Schwäns 

gerung zur Folge. . 

Diefe liebertreibung ber Alten grenzt an bas Lädyertiche, 

) Fabeln, zu welchen wahrſcheinlich Affenarten Beraklaffung 
‚gaben, und bem Cteſias entlehut find, Bergl. Photii Bibl. 
cod. 73, 

) ‚Die Bewohner unfruchtbarer Serküflen leben von Fiſchen, 
bie fie auf mancherlei Axt gubereiten, 

) Minis hat diefe Fabel ſchon ©. VI. K. 35, s. 12, vors . 
getragen. 

29 ⸗ 





8* 


12 


ns, 


786 C. Plinius Naturgefchichte. 


24. Zu den Vethiopifhen Nomaden , welche am Fluffe 
Aſtragus nad Norden hin wohnen, gehört and) ber Volks⸗ 
ſtamm der. Menisminet, weldher zwanzig Tagreifen vom 
Meere entfernt ift und von der Mit der Thiere, welche 
wir Ennocephalen *) nenrien, leben. Sie weiden diefe in. 
ganzen Heerden, und tödten alle Männchen, die nicht zur 
Fortpflanzung nöthie find... 25. In den Einöden Afrika's 
tauchen manchmal Menfchengebitbe auf, und verfhwinden im 
demſelben Augenblide wieder. Diefes und Aehnliches vol: 
brachte die finnreiche Natur an dem Menfchengefchlechte, 
ſich zum Scherze, und aber zum Wunder, : Und wer wäre 
vermögend,, Alles, was fie täglich, ja ſtündlich ſchafft, eins 
zein aufzuzählen? Ihre Macht wirb wohl ſchon hinlänglich 
dadurch offenbar, daß fie ganze Bölker in die Reihe der 
Wunder ſtellte. 

Wir ſchreiten nun zu dem wenigen Zuverläßigen, was 
wir über den Menſchen wiſſen. 

HI cin). 4. Daß Drillinge geboren werden, iſt darch 
das Beiſpiel der Horatier and Curiatier **) erwieſen; mehr 
Kinder auf einmal werden unter die Wunderzeichen gerech⸗ 
net, nur nicht in Aegypten, wo der Trank aus dem Ziufe 
Nil fruchtbar macht. ***) Als in der neuften Seit, in dem 





*) ‚Hunbeköpfe, Paviane. 
ee) Bol, eins I, 2a ff. 
”., Das Niltwarfer bat Feine geftuchtende ‚, wohl aber eine 
ſtimulirende Kraft, wie neuere Reiſende verfidhern, Uebri⸗ 
/ gend brachten und. bringen bie Aegypterinnen nicht mehr 
Kinder auf einmal zur Welt, als die. Weiber anderer . 
Länder. 
« . “., 





GSiebentes Bud). 787 


sten Regierangsiahren des göttlichen Anguſtus, *) Fanſta 
a Weib ads dem Volke, zu Dflia zwei männliche und 
en fo viel weibliche Kinder auf einmal gebar, bedeutete eo 
ine Zweifel Hungersnoth, welde daranf folgte. Man 
eiß yon einer Fran im Peloponnes, die viermal Swillinge 
bar, und der größte Theil dieſer Kinder blieb am Leben: 
aß in Aegypten von einer Mutter auf einmal ficben Kir⸗ 
r geboren werben, erzählt Trogus. Es werden auch Mens 
yen von beiderlei Geflecht [Imitter) geboren, welche wir 
bt Dermapbroditen nennen und bie früher Audrogynen 
Rannweiber] hießen; man beiradytete fie-fonft als Wun⸗ 
rzeichen, jest aber als Gegenflände der Ueppigkeit. "9% 

2. Der große Pompejus brachte nuter den Berzierun- 
n des Schaufpielhanfes auch die Bildniffe durch den Ruf 
eitbetannt gewordener Perfonen an, welche zu diefem Zwecke 
n großen Künſtlergenies fleißig gearbeitet wurben; dar⸗ 
ıter findet man Eutychis, welche von zwanzig Kindern anf 


n Scheiterhaufen gelegt wurde, ***) und dreißigmal zu 


ralles niedergekommen war. }) Alcippe gebar einen Ele⸗ 





*) Er ſtarb im J. 14 nad) Chr, 

22) Was bie Römer Zwitter nannten, waren, wie man am 
den Statuen ber Kermaphrobiten ſieht, weibliche Weſen 
mit ungewöhnlich Tanger- Elitoris, weldye Abmormitäten 
auch jeut vorkommen, aber wenig beachtet werben. Uebri⸗ 
gens war ber fonberbare Geſchmack an ſolchen Aphrobiten 
auch in ber verberbtefien Zeit bes Nömifchen Voles nicht 

- allgemein, Vol. Martial. Epigr. UI, 72. 

., Jetzt würbe man fagen : welche zwanzig Kinder zu Grabe 

geleiteten. 
+) Beifpiele ſolcher Sruchtbarkeit find felten, Eommen aber -“- 


! 


ii 


788 C. Plinius Raturgefhichte. 


phauten, ) was jedoch ſchon au den Wunderzeichen gehört; 
wie denn auch eine Magd zu Aufang des Marſiſchen Krieges 
eine Schlange **) zur Welt hradyte. Die zur Welt kommen 
den Mißgeburten find auf mannigfache Weife vernnflaltek. 
Der Kaifer Claudius ſchreibt, daß in Thefſalien ein Hippo⸗ 
centaur * e) geboren worden, und an demfelben Zage geflor: 
ben fey. Auch wär fahen unter der Megienung diefes Gängen 
einen ſolchen, weldyer ihm aus Aeghpten in Honig T) zuge 
führt wurde. Man kennt fogar ein Beiſpiel, daß ein neu⸗ 
geborenes Kind- fogleicy wieder in den Mutterleib zuräds 
kehrte. Dieb geſchah zu Gagunt in: demfelben Jahre, als 
diefe Stadt von Hannibal zerftört ward. ++) 

(m. 3. Daß Weider in Mäuner verwandelt werden, +++) 





*) Mißbilbungen bed Gerichts, welche durch Austrocknung bed 
Dberkieferd entfiehen, wodurd bie Nafe über ben Mund 
herabgezogen wird, und das Kind Aehnlichkeit mit bem 
Thier bekommt, haben biefe und ähnliche Sagen veranlaßt. 

”*, Unwahres Gericht, — Der Marfiihe Krieg (Bundeöges 

wvoſſenkrieg) begann im 9. 91 vor Chr. 
) pferdemenſch. Durch Vertrocknung bed Oberkiefers 
Bann ber Kopf eines neugeborenen Pferbes einige (jeboch 

' Immer nur entfernte) Aehnlichkeit mit einem Menfchen: 
kopf erhatten. 

+) Um ibn vor Verweſung zu bewahren. 8. XXII. 8, 50. 
Phlegon von Tralles (De memorabil. c. 34.) beſchreibt 
dieſe Mißgeburt weitlaͤufig. 

++) Im J. 219 vor Ehr. 

+44) Vielmehr verwandelt zu werden fcheinen. Manchmal 
liegen die männlichen Geſchlechtstheile in ber Haut vers 
ftedt, und kommen erfi fpäter zum Vorſchein. Bon 
einer wirklichen Verwandlung kann bie Rede nicht feyn. 





Siebentes Buch. 2239 


ft keine Fabel. Wir finden in den Jahrbüchern, daß unter 
em Conſulate des P. Licinius Crafſſus und C. Caſſius 
onginus [171 vor Ehr.] zu Caſinum [Caſino] ein Madchen 
unter den Augen feiner Eltern in einen Knaben verwandelt - 
nd auf Befehl der. Wahrfager auf eine öde Infel gebracht 
‚urde,. Licinius Mucianus erzählt, er habe zn Argos einen 
ewiffen Arescon gefehen, der früher Arescuſa geheißen und 
uch einen Mann gehabt, bei dem ſich aber bald Bart und 
Raunheit gezeigt, und der dann ein Weib genommen habe; 
ruer fen ihm zu Smyrna ein Knabe zu Geſicht gekommen, 
elcher daſſelbe Schickſal gehabt habe. Ich felbft fah in 
frita den 2. Coſſicius, einen Bürger von Thysdrus [et 
ſchemme], welcher am Tage feiner Vermählung in einen 
daun verwandelt worden war. 

4. Bekannt iſt's, daß nach der Geburt von. Zwillingen 
Iten der Wöchnerin und den Kindern, oder doch nur jener 
er diefen, das Lehen erhalten wird; daß aber, wenn die 
r Welt gebommenen Zwillinge zweierlei Geſchlechts find, 
e Rettung beider, der Mutter und der Kinder, nod) fels 
ner ift;®) daß die Mädchen fchneller geboren weyden **) 
3 Die Knaben, wie fle denn and) fchneller altern; daß die 
naben ſich häufiger im Mutterleibe bewegen, und daß fie 





*) Scheint unrichtig zu,fenn. Wenigfiens iſt die Erhaltung 
der Mutter fammt den Zwillingen nichts Seltenes, was 
man vielleicht auch zum Theil den Fortfchritten der Ges 


burtöhülfe ya hat. 
..) unerwieſen / — * u⸗ ur Am 


E. Plinius m SS 78 Bochn. uf 


77 


7% C. Plinius Naturgeſchichte. 


faſt immer auf der rechten Seite getragen werden, Pie 
Mädchen‘ aber auf der linken. 

IV (v.) 4. Die übrigen Befchöpfe haben zum Gebären und 
zum Tragen ber Frucht eine beflimmte Seit; *) der Menſch 
wird das ganze Jahr hindurdy und nad) einem ungewilfen 
Zeitraume, der eine im fiebenten Monate , der andere im 
achten und fofort bis zum Anfange des zehnten und eilften 
Monats, geboren. **) Kein Menſch ift vor dem flebenten 
Monat lebensfähig; im flebenten werden nur folde geboren, 
welche am Tage vor oder nad dem Bollmonde oder zur 
Zeit des Neumondes empfangen find. » 0) Ian Aegypten 
find Geburten im achten Monat gewöhnlich; and) in Ita⸗ 
lien find jetzt foihe Kinder lebenſfähig, obſchon Die Alten 
das Gegentheil behaupten. 2. Uebrigens geſtalten ſich dieſe 
Dinge auf mannigfaltige Weiſe. Beſtalia, des C. Herdi⸗ 
cius, ſpaͤter des Pomponius und dann des DOrfitus, dreier 
fehr bekannten Bürger, Gemahlin, kam von Diefen mit vier 
Kindern jedesmal im fiebenten Monat nieder, darauf gebar 
fie im eitften den Gnilins Rufus und wieder ; im flebengen 
den Corbulo, welche beide Conſuln +) waren, und dann im 





*%), Kann nur von wilden Thieren behauptet werben; bie 
Hausthiere werben auch zu jeber Zeit geboren. 

*#) Ueber bie Iängfie Zeit ber Schwangerfchaft ift man noch 
nicht im Reinen. Gewoͤhnlich nimmt man breihundert 
Tage als die äußerfie Frift an. 

53 Alter en m Ara 


De Im Dinge vi a ” vor Chr. Cor⸗ 
” —ER iſt derſelbe. we J —X — K. 8.) als Seas 
we a Herr Ned —* wurde. 


N . 
U We san NEL 
Du 


© 
Giebentes Bud. 9 


hten Eäfonia, die Gemahlin des Kaifers Elaudius. Alle 
a den angegebenen Monaten Geborene ſchweben bid zum 
ierzigften Tage in der größten Gefahr, die Schwangeren 
ber im vierten und achten Monate, nnd in diefen And uns 
eitige Geburten tödtlih. 3. Maſurius erzählt, daß der 
\rätor 2. Papirins, obſchon ein Erbe des zweiten Grades 
ach tem Gefepe feine Anſprüche geltend machte, dennod) 
en Büterbeflb zu deflen Nachtheil einem Kinde, welches 
ie Mutter dreischn Monate lang getragen zu haben bes 
auptete, zufprach, weit ihm Leine beffimmte Zeit der Nies 
erfunft feftsuftehen ſchien. 

V nm). 41. Am zehnten Zage nad der Empfängniß 
nd Kopffchhmerzen, Schwindel, Duukeln vor den Augen, 
kel vor den Speifen und Aufſtoßen aus dem Magen An: 
sichen eines entflandenen Menichen. Bine beffere Farbe 
nd and) eine leichtere Niederkanft hat die mit einem Kna⸗ 
en Schwangere; die erfie Bewegung in ber Gebärmutter 
ürt fie am vierzigfien Tage. Bei dem andern Geſchlecht 
ndet von allem Dem das Begentheil ſtatt: die Bürde ift 
erträglich, Schenkel und Weichen leiden an einem leichten 
eſch wulſte, und die erfte Bewegung erfolgt am neunzigften 
age. 2. Die meifte Mattigkeit ift bei beiden Geſchlechtern 
hibar, wenn der Leibesfrucht das Haar keimt, und bei’'m 
olfmonde, welche Zeit hanptiähli auch ſchon geborenen 
indern gefährlich if, Gogar der Gang und überhaupt 
led, was man nur nennen will, hat beieiner Schwangeren 
nfluß. So betommen Die, weldye Hark gefalgene Speiſen 
en, Kinder, denen die Nägel fehlen ; fo gebärenfie fchwerer, 

\ 5 * R 


..9 | Ä 
792 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wenn fie dabei athmen; auch das Gähnen während der Ge⸗ 
burt iſt tödtlich, ſo wie das Nießen ſogleich nad) dem Beis 
ſchlafe den Abgang der Leibesfrucht verurfacht. *) 
vn). 3. Mit Mitleid und auch mit Schaam wird man 
erfüllt, wenn man bedenkt, von welchen Sufällen die Ent⸗ 
ftehung des flolzeften der Befhöpfe abhängt, da häufig fogar 
der durdy das Auslöſchen einer Lampe verurfadhte Geruch 
den Abgang der Leibesfrucht bewirkt. Aus ſolchen Anfängen 
entfliehen die Tyrannen,.ans folchen ber Henkergeiſt. Du, 
der du auf Körperkraft pochft, du, der du nad) den Gaben 
des Glücks gierig haſcheſt, und dich nicht nur als einen Pfleg⸗ 
fing, fondern als ein Kind deffelben betrachteft, du, beffen 
Geiſt ſtets nur nad Blut dürfte, du, der du, von irgend 
einem Erfolge aufgebläht, dic) ein Gott dünkft, du Ennnteft 
durch einen fo geringfügigen Zufall zu Grunde gehen und 
kannſt ed nody jept durch einen weit unbedeutenderen, von 
dem winzigen Zahne einer Schlange verlept, oder, wie der 
Dichter Unacreon, durch den Kern einer getrodneten Wein: 
beere, oder, wie der Senator und Prätor Babins, durch ein 
einziges Haar in einem Trunke Milch erflidt! Ja wahrlich 
nur Der wird das Leben auf gerechter Wage wägen, der 
ſtets ter menfchlihen Schwäche eingeben? ift. 
VI CGeni). 4. Mit den Füßen zuerst zur Welt zu Toms 
men, ift gegen die Natur, weßhalb man foldde Kinder auch 
Agrippen, das heißt, ſchwer Gedorene, **) nannte, Go fol 





*) Diefe Zufälle find möglich: Regel ift Feine, 
**) Aegre parti. Die Herleitung bes Namens Agrippa vom 
dieſen Worten wird Venigen genügen, 





Siebentes Bud. - 793 


. Agrippa *) geboren ſeyn, faft das einzige Beifpiel eines 

tlichen unter fo vielen auf. diefe Weile Beborenen. ») 

dauch er hat, wie man behanptet, durch ſtetes Leiden an 
Süßen, durch eine elende Jugend, durch ein von Waf⸗ 

ärm und Todesgefahr gequältes Leben, durch fein nur 
ı Unheil auefchlagendes Glück, durch feine ganze ber 
It verderblihe Nachkommenſchaft, befonders aber durch 
beiden Agrippinen, welche die Kaifer Cajus [Caligula] 
ı Domitind Nero, ***) diefe zwei Beifeln des Menſchen⸗ 
hlechts, geboren, ferner durch ein Eurzes Leben, indem er 
n im einumndvierzigften Jahre dahingerafft wurde , durch 
ihm von feiner ehebrederifchen Gemahlin verurfachte 
n und dur das hart drüdende Sklavenverhältniß zu 
em Gchwiegervater die VBorbedeutung feiner verkehrten 
urt erfüllt. 2. Auch Nero, welcher nody vor kurzer 
: regierte und fi während feiner ganzen Regierung als 
nd des Menfchengefchledts zeigte, wurde, wie feine 
tter Agrippina fchreibt, mit den Züßen zuerft geboren. 
ch dem gewöhnlichen Kaufe der Natur pflegt ‚der Menſch 
dem Kopfe zuerſt geboren, und mit den Füßen zuerſt zu 
ıbe getragen zu werden. 

°y Der Schwiegerſohn Auguſrs. 

») Die Geburtshülfe weiß Hier Rath zu ſwoßen. 

) Die ältere Aarippina war bie Tochter Agrippa's von ſei⸗ 
ner zweiten Gemahlin, Julia, der ausſchweifenden Tochter 
Auguſt's. Sie heirathete Germanicus und gebar ben Ca⸗ 
ligula. Die jüngere Agrippina war Caligula's Schwe⸗ 
ſter, heirathete den Senator Cnejus Domitius Ahenobar⸗ 
bus, gebar dieſem ben Domitius Nero, und warb fpäter 
die vierte Gemahlin bed Kaiſers Claubius. 





794 C. Plinius Raturgefchichte. 


VIE ux). Mit einer weit glädlicheren Borbebeutuug 
kommen Die zur Welt, bei deren Beburt die Mutter flirbt, 
wie Scipio der Afrikaner der ältere und ber erſte der Gäs 
- farn, welcher von dem in dem Leib feiner Mutter gemachten 
Schnitte*) fo genannt wurde, ») woher auch die Eäfonen ***) 
ihren Namen erhielten. Auf ähntiche Weile wurde Manis 
lins +) geboren, welder mit dem Heere in Carthago eindrang. 

VIII (x). Bopiscus Heißt ein Zwillingskind, ++) wel⸗ 
des, nachdem das andere durch eine Fehlgeburt zu Grunde 
gegangen war, im Mutterltibe bis zur [gewöhnlichen] Zeit 
der Geburt zurückblieb. Auch in diefer Beziehung weiß 
mon fehr große, aber feltene Wunderdinge. 

IX can. Außer dem Weide dulden wenige Thiere, wenn 
fie traͤchtig ſind, die Begattung. Eines oder das andere 
höchſtens wird überfruchtet. 4) Ans den Schriften der 
Aerzte und Anderer, weiche ſich mit der Erforſchung ſolcher 
Dinge befaßten, erhellt, daB durch eine Behlgeburt (dem 
zwölf Leibesfrüchte abgingen. 1%) Wenn aber zwifden zwei 





*) plinius fpricht vom Kaiſerſchnitte. 
»**) GSäfar und Edfo, von cnedere, ſchneiden. 
”., Wie der Conſul Caſo Fabius, im J. 481 vor Ehr. 
+) Wahrſcheinlich Manius Manilind, wilder im J. 149 
vor Chr, als der britte Punifche Krieg ausbrach, Eons 
ful war, 
++) Ein ſolches war der Hiſtoriker Flavius Vopiscus, welder 
zur Beit des Kaiſers Diocletian lebte Man leitet das 
Wort von orlow (orionos, Öxomioxog), zur (ber zus 
rhdgeblieben ift), ab. Iſidor. Orig. IX, 5. 
+tr) 3. 8. der Hafe, Vol. B. VIII. 8, 81. 5. 3, 
+”) Uuy'in neueren Schriften findet man folde Beiſpiele, 


Siebentee Bud. 796 


Empfängniffen einige Seit verfloſſen iſt, ſo kommen beide 
Früchte zur Reife. Sum Beweiſe dienen Hercules und fein 
Bruder Iphicles ; jenes Weib, welches Zwillinge, von denen 
er eine dem Maune und_der andere dem Ehebrecher glich, 
ebar; ferner jene Proconneſiſche Magd, welche von einem 
oppeiten Beifhlafe an einem und demfelben Zage eim 
‚rem Herrn und ein deffen Verwalter ähnliches Kind, *) 
) wie jene, welche eines zur gewöhnlichen Zeit und ein ans 
eres von fünf Monaten zur Welt brachte, und endlich jene, 
elche, nachdem fie ein Kind von fieben Monaten geboren 
ıtte, in einem der folgenden Monate mit Swillingen nie 
rfam. 

x. 1. Allgemein bekannt iſt's, daß von Wohlgeftalteten 
rüppel und von Krüppeln Wohlgeftaltete, aber auch an 
:nfelben Theilen Erüppeitafte Kinder erzeugt werden, und 
6 ſich manche Zeichen, Flecken und fogar Narben fort 
langen. Der Daciſche Urfprung ift durch ein Mal am 
rme noch im vierten Gliede bemerkbar. **) 





*, Cine Fran zu CharledsTomn, in Eüibcarolina, gebar im 
J. 1744 Swillinge, von benen ber eine weiß und ihrem 
Manne ähnlich, der andere ſchwarz war und einem Ne: 
gerfllaven ihres Mannes gli. Andere dem bier anges 
führten entfprechende neuere Fälle von leberfruchtung 
findet man in 8. 5, Burbad’s Phyſiologie, Bd. I. 
(8eipg. 1826. 8.), S. 489—491. 

*) Diefe Stelle ift dunkel, weil man nicht weiß, ob fich die 
Dacier durch irgend ein Zeichen am Arme kemntlich mach⸗ 
ten. Vielleicht hat man „Deoiorum“ zu leſen, und es 
wäre von ber Familie der Decier die Rebe; wie denn 
auch fogleich von der Familie der Lepider geſprochen wirb: 


v 


796 C. Plinius Naturgefchichte. 


au). Yu der Bamilie der Lepider wurden, wie wir 
gehört haben, drei, jedoch nicht in ununterbrochener Reiben 
folge, mit einem Belle anf dem Auge geboren. Mandhe 
fehen dem Großvater aͤhnlich, von Swillingen oft ber eine 
dem Vater und der andere der Mutter; WBefchwifter ,. von 
denen eines ein Jahr ſpäter geboren ift als das aubere, gleis 
chen fid) zuweilen wie Zwillinge. Mandye Weiber gebären 
Kinder, die ihnen, andere, die ihrem Manne, andere, die 
Beinen von Beiden ähnlich find, und nod, andere Mädchen, 
die dem Bater, und Knaben, die ihnen gleiden. Ein unde— 
zweifeltes Beifpiel liefert Nicäus, ein berühmter von By⸗ 
zantiam gebürtiger Fauſtkämpfer: feine Mutter war im 
Ehebruche mit einem Wethiopier [Schwarzen] erzeugt, in 
der Farbe jedoch durchaus nicht von andern Lenten verſchie⸗ 
den, in ihm aber war fein Aethiopiſcher Großvater wieder⸗ 
geboren. 

2. Die Urſache der Aehnlichkeit tft in der Seele zu 
fuchen, *) in welcher vieles Sufällige , Geſicht, Gehör, Er⸗ 
innerung und bei der Smpfängniß ſelbſt auffleigende Bilder, 
mächtig wirken follen ; fogar eiu Gedanke, der plötzlich an 
dem Geifle eines oder des anderen der ſich Begattenden 
vorüberfliegt, foll Wehntichkeit oder Vermiſchung derfelben 
besvorbringen. Deßhalb findet man andy bei dem Menfchen 
mehr Berfchiedenheit, ald bei allen andern Thieren, weil die 





*) Die milgetheilten Bemerkungen über die Aehnlichkeit bes 
Gezeugten mit dem Erzengenden gehören nicht zu ben 
ſchlechteſten ; höhere Anfichten der neueren Zeit findet man 
in K. F. Burd ach's Phyfiologiee B. I, 6, 506547. 





Siebentes Buch. 197 


Hüdytigteit der Gedanken, die Schnelligkeit des Geiftes und 
ie Beweglichkeit der Einbildungskraft mannigfaltige Eins 
rüde zurüdlaffen, bei den übrigen lebenden Weſen aber der 
Beift unbeweglich ift, und jedes allen und jedem feiner Gat⸗ 
ung gleiht. 3. Dem König Antiochns von Syrien war 
in Mann ans dem Volke, Nanıens Urtemon, fo tänſchend 
hulich, daß Laodice, ded Königs Gemahlin, nachdem fle den 
lutiochus ermordet hatte, durch ihn den Betrug, durch 
yeichen fie fidh dem Volke empfahl, und die Nachfolge im 
er Herrſchaft verſicherte, fpielen ließ. *) Bibius, ebenfalls 
n Mann aus dem Bolke, und Publicius, der fogar ein 
eigelaffener Sklave war, glidhen dem großen Pompeins 
ſehr, und hatten fo ganz fein biederes Untlis und feine 
hrfurchtgebietende edle Stirne, daß fie faft niche von ihm 
ı unterfheiden waren. Aus derfeiben Urfache erbielt and) 
in Water, welcher fchon von der Geſtalt feiner Augen den 
Jeinamen Gtrabo [der Gcielende] hatte, den Namen feis 
es Koches Menogenes, weil diefer Sklave an bemfelben 
eher kitt) nnd Geipio den Beinamen Gerapio von dem 
enden Gllaven eines Schweinhändlers. *e) a. Ein fpäterer 





©, Nachdem Laobice Antiochus den Großen ermordet hatte 
(187 vor Chr.), legte fie den erwähnten Artemon (wel⸗ 
cher nad andern Nachrichten zur Eöniglichen Familie ges 
hörte) in das Bett des Königs, ald ſey Diefer fchwer 
erkrankt, und Tieß fich, nachdem das Volk berbeigerufen 
morben war, von bem ben ſterbenden Antiochns fpielenden 
Artemon ald Thronerben empfehlen BRBal,. Mar. IX, 14. 

*®) Die lieberfegung folgt bei dieſer in allen KHanbfchriften 
und Ausgaben verfchieden geftalteten Gtelle ber von 3. 


798 ‚E. Plinius Naturgeſchichte. 


Scipio aus derſelben Familie bekam den Beinamen Galüutio 
von einem Schauſpieler, und die gleichzeitigen Conſuln Len⸗ 
tulus und Metelus [ım 3. 57 vor Ehr.] erbielten die Nas 
men Spinther und Pamphilus von Schanfpielern zweiter nnd 
Dritter Rollen, wobei nody ber nngelegene Zufall in’s Spiel 
tam, daß man die Ehenbilder der beiden Conſulu zugleich 
auf der Bühne erblidte. Umgekehrt gab der Rebuer 8 
Plancus feinen Namen dem Gcaufpieler Rubrius.” Dage 
gen erhielt wieder Eurio, *) der Bater, den Namen Burda 
feine, uud der Genfor Meſſala *°) den. Namen Mendgenes 
von Scaufpielern. 5. Dem Procanful Sura war ein Fi 
fer in Sicilien nicht nur in der Geſichtsbilduyg, fonbern 
auch im Mundanfiperren bei'm Reden, in der Gchwerfällig 
keit der Zunge und in der flotternden Sprache aͤhnlich. Dem 
Bafiins Severus, ***) einem berühniten Reduer, warf man 
feine Achntichkeit mit dem Viehhirten Mirmillo vor. Der 
Sblavbenhaändler Toranins verkaufte dem Antonius, als er 
ſchon Zriumpir war, +) zwei ausgezeichnet ſchöne Knaben, 
von denen, ber eine in Aſien und ber andere jenfeits der 
Alpen geboren war, als Zwillinge ; fo vollkommen faben fe 





Sillig in feiner Recognition bed Plinind (1832) ange 
nommenen Lesart, 

*) Der Vater bed Volkstribuns C. Seribonius Curio, wel⸗ 
cher ein eifriger Anhänger Caſar's war, und am Cicero 
mehrere Briefe (Ad Divers. II, 1-7.) ſchrieb. 

”, Im J. 61 v. Chr. Conſul. 
ee) Bol. die Benggkungen über die in dieſem Buche benfigten 
Quellen, 

DH Das Triumvirat des Octavius, M. Antonius und Lepi⸗ 

gann im J. 38 vor kbr. 


4 


Siebentes Buch, ‘ 799 


ch einander gleih. 6. Als man nachher durch die Gprache 
er Knaben den Betrug enttedte, und er von dem wüthen- 
m Antonius, ber fid) unter auderu über. den hohen Preis 
r hatte ſie nämlih um zweipundertfaufend Geftertien 
9,098 Bulden] erhandelt) beklagte, angefahren wurbe, ers 
iederte der geiftesgewandte Sklavenhändler, daß er Te ihm 
rade deßhalb fo theuer verkauft habe, weil die Aehnlichkeit 
difdyen zwei in demfelben Mutterleibe Getragenen nichts 
Wunderbares, daß aber der Fund ſolcher Kinder, die ver⸗ 
ſiedenen Völkern angehören und fih doch fo volllommen 
miich fehen, über alle Preisbeflimmung erhaben fey. Das 
wc) erregte er gerade. zur rechten Zeit eine ſolche Bewun⸗ 
rung , daß Jener mit der Achterklärung nie zögernde 
tann, der noch vor einem Augenblicke über den ihm ange: 
gten Schimpf müthete, fortan unter allen feinen Glücks⸗ 
itern Beines in höherem Werthe bielk. 

XI (am). 41. Mandye Körper haben auch eine gang 
fondere gegenfeitine Abneigung, nnd Leute, die miteinans 
r unfruchtbar ſind, erzeugen Kinder, wenn fie fi mit 
dern verbinden, "wie Anguftus und Livia.*) Eben fo 
jeugen manche Gatten nur Mäddyen, andere nur Knaben; 
eiſt aber wechſeln fie ab. So wechſelte die Mutter ber 
racchen **) zwölfmal, und Agrippina , die Gemablin des _ 





*), Yugufius und Livia erzeugten keine Kinder miteinander, 
da doch Auguſtus mit feiner erſten Gemahlin, Seribonia, 
eine Tochter (Julia) und Livia mit ihrem erſten Gemahl, 
Ziberius Nero, zwei Söhne (Tiberins und Drufas) hatte, 

+) Die bekannte Eornelia. 


a 


800 C. Plinius Naturgeſchichte. 

Germanicus, nennmal, ä) Manche find unfruchtbar in der 
Jugend, Andere haben in ihrem Leben nur einmal das 
Glück zn gebären. Mauche tragen nie eine Frucht aus, und 
wird Dieb mandymal durdy Arznei und Sorgfalt bewirkt, 


ſo bringen fie faſt immer Mädchen zur Welt. 


. Der göttliche Auguſtus (um gerade Diefen von ben 
andern feltenen Beifpielen anzuführen) fah einen Enkel feis 
ner Enkelin, der in demfelben Jahre, wo ex farb [14 nad 
Epr.], zur Welt kam, den M. Silanus nämlich, weldyer, 


. ald er nach feinem Eonfulat [55 nad) Epr.] Aſien verwal⸗ 


\ 


tete, nach der Thronbefteigung bes Kaifers Nero [54 nad 
Ehr.] und anf deffen Geheiß durch Gift getödtet wurde. *% 
Q. Metellus, der Macedonifche, ***) hatte ſechs Kinder und 
bintertich eitf Enkel, an Gchwiegertöchtern und Schwieger⸗ 
föhnen aber, fo wie überhaupt an foldyen, die ihn mit dem 
Namen Bater begrüßten, fiebenundzwanzig. In den Fahr 
büchern aus der Seit des göttlichen‘ Auguſtus findet man, 
daß unter feinem zwölften Bonfulate Lim J. 5 vor Ehr.J, 
in weldyem er Lacius Sylla zum Collegen hatte, am dritten 
Zage der Idus [Leilften Tage] des April C. Erispus Hila⸗ 
zus aus einer freigeborenen Plehbejer⸗Familie zu Yäfutä 
[Biefote] mit neun Kindern (worunter zwei Töchter waren), 
achtundzwanzig Enkelin, neunundzwanzig Urenkeln nnd acht 


*) Bol. Sueton, Vit. Caligul. cap. 
**), Nach Tacitus (Annal.' Xımı, 1.) —— dieſes Verbrechen 
der Agrippina, Mutter Nero’s, zur Lafl. 
***) Er erhielt diefen Namen , nachdem er ben dritten Mace⸗ 
donifhen Krieg glüdlih zu Ende gebracht Hatte (140 
vos, Ehr.). Dal, Florus II, 14, 


GSiebentes Bud). | . 804 


elinnen einen feierlichen Aufzug gehalten und boun mit 
ı auf dem Kapitol geopfert habe. . 

XxII av). Das Weib gebiert nicht mehr nad) dem 
zigften Jahre, und bei der Mehrzahl. hört ſchon im viers , 
en Jahre der die Sengungsfähigkeit beurkundende Auss 
auf.) Was den Mann betrifft, ») fo iſt befannt, 
der König Maffinifla ***) nad) feinem ſechsundachtzigſten 
re noch einen Sohn erzeugte, welchen er Methymathuus 
ıte, und daß der Cenſor Cato +) in feinem achtzigften 
re ebenfalls noch einen von der Tochter feines Schutzge⸗ 
n Salonidd befam. Deßhalb heißen and) die Nach⸗ 
men feiner andern Kinder Licinianer, bie feines lebten 
nes aber Solonianer, zu denen auch der Uticenſer ++) 
rt. Bor nicht langer Seit wurde befanntlich audı dem 
Boluflus Saturninus, weicher als Präfekt der Stadt 
ı ftarb, nach feinem zweiundſechzigſten Jahre 747) von 





) Die Menſtruation erliſcht gewöhnlich gegen das Ende der 
vierziger Jahre; fünfzigjährige Frauen werben als un⸗ 
fewchtbar betrachtet. Doc hat man Beiſpiele, daß Wei⸗ 
ber noch fpäter menfiruirten und Kinder bekamen, 

) Die Zeugungskraft bed Mannes erlifcht in der Negel um 


das fiehenzigfie Jahr. Doc find Beiſpiele fpäterer Beus - 


gungsfähigkeit nicht außerordentlich felten. 
) Bon Numidien, der bekannte Römerfreund, 
) Gewöhnlich Eato_der ältere, gertannt (214—148 v, Ehr.). 
) So genannt, weil er fi) nach der Niederlage. der republis 
kaniſchen Partei durch Cäͤſar's Macht zu utica freiwillig 
den Tod gab (46 vor, Ehr.). 
) Der Mann muß um diefe Zeit noch Präftig heweſen ſeyn, 
da, er ein Alter von dreiundneunzis Jahren erreichte. 
dit. Ann. XHI, 30, 


—RX ande“ we \son Yo 


- 802 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Eornelia, ausder Familie der Scipionen, Bolufius Gaturni⸗ 
nus, der fpäter [56 nad Shr.] Eonful wurde, geboren. Und 
fo findet man häufig bei Leuten aus den niederen Gtänden 
„eine bis zum fünfandfiebenzigften Jahre fortdauernde Zeu⸗ 
” gungsfähigteit.' 

xHI (cv). 4. Das einzige Thier, bei welchem ſich ber 
Monatfluß zeigt, ift das Weib; *) deßhalb finder man auch 
nur in feiner Gebärmutter, die fogenannten Mondkälber. **) 
@in ſolches Mondkalb ift ein unförmlicher, lebloſer Fleiſch⸗ 
klumpen, welcher dem Stiche und Schnitte des Eiſens wider⸗ 
ſteht. +9), Es bewegt ſich nad unterdrückt den Monatfiuß: 
entweder wird es wie eine wirkliche Leibesfrucht geboren 
und Tann den Tod verurſachen; oder ed altert mit dem 
Weide; zumellen geht ed auch bei einem heftigeren Durd« 
falle ab. Etwas Wehnliches, wad man Scirrhos F) nennt, 
entfteht in dem Leibe der Dfünner, wie zum Beifpiel bei 
dem ehemaligen Präter Oppius Capito. 3. Nicht leicht 
mag man wohl Etwas finden, was fo feltfame Wirkungen 14) 


*, Bei den Affenweibchen des alten Continents findet man 
eine ähnliche Erfheinung. Der Biutabgang iſt aber wicht 
fo ſtark und nicht fo regelmäßig. 

*) Mola (Mondkalb, Ufterbiirde) nennt man eine faliche 
Frucht, die nicht Lebendfähig iſt, und auch felten Gpuren 
von menfchlicher Bsftalt zeigt Sie bewirkt jeboch manche 
Zufaͤlle, die nicht felten mit der wirklichen Schwangerfhaft 
große Aehnlichkeit haben. 

*., Unwahre Behauptung. 

+) WBerbärtete Geſchwulſt; eine foldhe Bann aber mit einem 


Mondkalbe wicht verglichen werden. J 9 
+3) Gie beſtehen nur in ber einblidun⸗ der Alten. auf 


ind anafina he Inn 


Siebentes Bud. 803 


bervorbringt, als der Monatfiuß der Weiber. Der oft, 
bem fie in-diefem Zuftande zu nahe kommen, wird ſauer; 
bie von ihnen berührten Fruchtkörner Leimen nit mehr; 
vie Seplinge fterben ab ; die Gartenpflanzen verborren und 
vie Früchte der Bäume, an welche fie ſich ſetzen, fallen ab; 
er Glanz' der Spiegel wird ſchon durch ihr Hiutinbtidden 
natt ; das Eiſen vertiert feine Schärfe und das Elfenbein 
eine Weiße; die Bienenftöde fterben and; Erz fogar nnd 
Sifen werben fogleih vom Roſte angegriffen und nehmen 
inen widrigen Geruch an; Hunde, weldye von diefem Blute 
ecken, werden wüthend und ihrem Biſſe wird dadurch eitı 
inheilbares Gift mitgetheilt. 3. Ja fogar das ih von 
Ratur gern anhängende und zähe Pech, welches zu einer 
‚eftimmten Seit des Jahres auf dem Gee Yudäa’s, welder 
er Asphaltſee Heißt, herumſchwimmt, Bann, da es fi an 
Alles, womit man es berührt, feſtklebt, une durch einen 
nit folder Jauche geiräntten Baden voneinandergeriffen 
verden. *) Auch tie Ameife, dieſes fo winzige Thierchen, 
ol den Mongifluß wittern, die Sruchtkörner, welche es 
rade trägt, hinwegwerfen und fie nie wieder holen. Und 
iefes fo arge nnd fo große Uebel tritt bei dem Weibe alle 
reißig Tage und immer im dritten: Monate flärker **) ein. 
. Bei. Mauchen tritt ed jedoch öfter in einem Monate, fo 
sie bei Mauchen' gar nicht ein; die Lepteren befommen' 
ber feine Kinder. Denn dieſes Blut ift der Stoff zur Er⸗ 





°) es if wohl unndthig , das bier über bad Pech Mitge: 
theilte als Unfinn der Alten zu bezeichnen. - 
©), Unwahre Behauptung, 


) 


0 €. Plinius Naturgefichte. 


zeuguug des Menſchen, indem es durch den Gaumen des 
Mannes wie durch ein Lab gerinnt, und im Laufe der Zeit 
Leben und Geſtalt erhält. % Wenn alfo Schwangere den 
Monatfluß behalten ‚2 ſo gebären fie, wie Nigidins fagt, 
ſchwaͤchliche, oder nicht Icbensfähige, ober von bölen Säften 
ſtrotzende Kinder. 


(sv). Derfelbe glaubt auch, daß Die Milch einer Fran, 


weldye ihr Kind fillt, nicht verdorben werde,. wenn fie von 
demfelden Manne ’*) wieder empfängt. 

- XIV. Sowohl bei dem Beginne ald auch bei dem Auf⸗ 
hören dieſes Zuſtandes ***) ſoll die Empfängniß am leich⸗ 
teſten ſeyn. Ein ſicheres Zeichen der Fruchtbarkeit eines 
Weibes ſoll, wie wir gehört haben, ſeyn, wenn eine Arznei, 
mit der man ihre Augen beftreicht, fid) bem Speichel mit 


theilt. 7) 


*), Eine Zengungstbeorie , die nicht viel beſſer und wicht viel 
ſchlechter iſt, als mande neuere. Daß aber das Mens 
ſtrualblut nicht Erzeugungsſtoff if, fondern nur zur Nah⸗ 

‚zung ber Frucht dient, wird jegt angenommen, 
= Ob fie von demſelben Manne oder von einem anderen 
fhwanger wird, ift wohl Yleichgältig, Daß aber bas 
Ernähren bed Säuglinge und der Leibesfrudht zugleich 
ſowohl biefen, als ber Mutter nachtheilig ſeyn muß, be⸗ 
"darf Feines Beweiſes. 
”.., Dies Monatfluſſes. Ob bei dem Anfang befielben bie 
: Empfängnis leichter iſt, laͤßt fi nicht behaupten. Das 
aber unmittelbar: nady ber Menſtrnation bie Weiber am 
Veichtefien empfangen, ift befannt. 
Diefer Aberglaube war im Alterthum fo fehr verbreitet, 
daß ſich die Weiber felbft die Augen mit irgend einer 
farbigen Salbe (gewöhnlich mit Safran) beſtrichen, um 


+ 


— 


Giebentes Bub. 886 
XV. 4. Meiter unterliegt es keinem Zweifel, daß ben 
Rindern die erſten Sähne im flebenten Monate *) hervor⸗ 
ommen, und zwar gewöhnlich zuerſt die oberen; daß diefe 
m flebenten Jahre ausfallen und andere nahfchieben, und 
aß Mauche auch mit Zähnen geboren **) werden, wie 
MNanius Enrius, der deßhalb den Beinamen Dentatus [der 
nit Zähnen Geborene] erhielt, und En. Papirius Carbo, 
Zeide berühmte Männer. ***) 2. Bei den Mädchen hielt 
aan diefe Erfheinung für eine üble Vorbedeutung, wie ein 
Zeifpiel aus den Breiten der Könige beweist. Als Baleria 
» geboren wurde, verfündete der Ausſpruch der Wahrfager, 
aß fle der Stadt, wohin man fie bringe, zum Verderben 
ereichen würde. Man führte fie nach Guefle Pomekia, 
iner damals höchſt blühenden Stadt, +) und.der vorausge⸗ 
ıgte Untergang derſelben erfolgte. Manche Mädchen wer⸗ 
en mit zugewachfenen Geburtötheilen. + geboren; aud) 


nachher am dem gefärbten oder nicht gefärbten Speichel, 
zw ſehen, 0b fie fruchtbar fenen oder nicht. Vgl. Ari- 
: stotel. de Gener. Anim. Il, 7. Hippocrat. de mat, 
Mulier. 0. 94. En 

. ·Pom sechsten bi8 zum achten Monate! 

22) Auch An der neueren Zeit fehlt es nicht an Beifpielen. 
Wir nennen Ludwig XIV., welcher mit den beiden oberen ' 
Schneidezähnen geboren war. 

* *) M. Eurius war im J. 290 vor Chr, Eonſul; Papirius 
Carbo, weicher eine Schlacht gegen bie Cimbern verlor, 113, 
7) Im Latium, wahrfdeinlih an der Stelle ded heutigen 
Torre Petrara ; fie wurde von Tarquinius Superbuserobert, 
+7) Diefer Fehler (hymen imperforatus) wird bei der erfien ' 
Menftruation leicht durch chirurgifche, Hfilfe gehoben, 


E. Plinius Naturgeſch. 726 Bichn. 6 


806. C. Plinins Naturgeſchiche. 


Dieſes ig von unglücklicher Borbedenfung, wie Cornelia, *) 
die Mutter der Sracchen, beweist. Manche haben ſtatt 
der Zähne einen, 'zufammenhängenden Knochen: **) die 
obere Kinnlade des Sohnes des Königs Pruflas von Bithy⸗ 
nien war fo gebildet. 

3. Die Zähne allein widerfiehen dem euer umd ver 
brennen nicht ***) :mit dem übrigen Körper ; obfchon fie 
aber in der Flamme unverfehrt bleiben, ſo werben fie doch 
durch die Jauche des Schleimes: ausgehöhlt. Weiße erhalten 
fie durd) ein, gewiſſes Arzneimittel... Durch den Gebraud) 
nügen fie fi ab, und bei Manchen find fie das Erſte, was 
zu Brunde geht. Se find nicht nur zum Effen und zur 
Nahrung nöthig, fondern. die Vorderzähne lenken aud) 
Stimme, und Rede, indem fie auf eine gleichmäßige Weile 
den Stoß der Zunge auffangen, und fowohl durch Die Ord⸗ 
nung ihres Baues, als auch durch ihre Größe die Töne 
drehen, abfcdhleifen und dämpfen; fehlen fle, fo ift auch alle 
Dentliqhkeit der Ausſprache dahin. 

4. Auch an ihnen glaubt man Vorbedentnngen wahr⸗ 
zunehmen. Man, findet gewöhnlich (mit Ausnahme. bes 

*) Gie erlebte die Ermordung ihrer Söhne Tiberius und 

Cajus Gracchus. 

**%, Mauchmal bilden zwei ober drei Bähne eine zuſammen-⸗ 
hängende Maſſe; daß aber alle Zähne zu einem Knochen 

zuſammenwachſen, darf man bezweifeln. 

9), Die Zähne mwiberfiehen durch ihren Schmelz; länger als 
die Übrigen Knochen dem ‚Teuer, werden aber dach von 
bemfelben aud) verzehrt, 








Eiebentes Bud. 807 


kes der Turbüler) *) zwetunddreißig Zähne bei dem 
aue: wer deren mehr hat, ſoll ſich gine laͤngere Lebens⸗ 
verſprechen können. Bei dem Weibe findet man eine 
tgere Anzahl. **) Wer. auf der rechten Geite der oberen 
nlade zwei fogenannte Hundezähne befommt, darf auf 
Gunſt ded Glüuͤcks rechnen‘, wie man an Xgrippine, 
»'s Mutter, erficht; wer fie aber auf der linken Seite 


Bann auf dad Begentheil gefaßt feyn. Einen Menfeen,- 


noch Feine Zähne hat, zu verbrennen, ift gegen bie 
e aller Völker. Doch Davon weiterhin mehr, wenn die 
hichte fi mehr mit dem Einzelnen befaßt. ***) 

5. Sorvafter T) foll, wie man erzähle, der einzige 
iſch geweſen ſeyn, weicher an demfelben Tage, wo er 
ren wurde, lachte ; auch foll fein Gehirn fo geichlagen 
n, daß es die aufgelegte Hand zurückſtieß, eine Vorbe⸗ 
ung feiner künftigen Weisheit. - 

XVI. 4. Daß Jeder in feinem dritten Lebensjahre die 
te feiner künftigen Größe erreicht habe, ift gewiß; ++) 


» Sn Spanien. Die Wahrheit der Ausnahme verblirgt 
Niemand. 

Das Weib bat gerade fo viele Zähne als der Mann, obs 
fhon Manchen die vier Iegten Zähne (bie fogenannten 
MWeieheitäzähne) fehlen, was auch bei Männern der Fall ift. 

ı Wal. 8. Xxviu Kay. 9. 11. 

Der Berfaffer des Zend Aveſta, de? Wieberherftieller des 

Senerbieufies und ber Religion ber Magier; er wurde, 

sach der gewöhnlichen Annahme im 5. 589 vor Chr. 

geboren. - 

Dieſe Ragel ſteht nicht fo ganz ſeſt. 


ersten ar — —8 Int —E 
rt a Kan an Ca nee 


— 


— 





Fı: 


808 €. Plinius Naturgeſchichte. 


im Allgemeinen bemertt man aber, daß fie bei dem ganzen 
Menſchengeſchlechte, abuehme, indem die Söhne felten größer 
feyen als die Väter, da der Einfluß der Verbrenuungsperiode, 
der fich unfere Seit nähert, die Fruchtbarkeit des Gaamens 
vermindert. *) Auf Greta fand man in einem durch ein 
Erdbeben geborftenen Berge einen Körper, ber aufrecht ſte⸗ 
hend fecheundvierzig Ellen maß nnd den Einige für den des 
Drion, Andere für den des Otus *") hielten. Der Körper 
des Dreftes, welcher auf Befehl des Orakels wieder aus 
gegraben wurde, T”) war, wenn man Ueberlieferungen 
Glauben fchenten will, fieben Ellen groß. 9 2. Schon vor 
faft tanſend Fahren Elagte der Dichter Homer - fortwährend, 
daß die Menfchen viel winziger feyen, als in älterer Zeit. 
Die Größe des Nävius Pollio geben die Jahrbücher nicht 
an; da er aber durch ben Sudrang des Volkes beinahe er 
drüdt uqurbe, fo muß fie an das Wunderbare gegrenst ba 
ben. +H) Den längften Menfchen fah unfere Seit unter der 
Regierung des göttlichen Clandins; er führte den Namen 
Gabbara, war and‘ Arabien gebradit morden und maß 





*) Nach ber Anficht alter Aftronomen und Philoſophen wird 
die Erde durch Feuer Wagen Plinius hielt dieſe Zeit 
für nicht ſehr ſern. Val. II. K. 10. 5. 1. 
»e) Orion und Otus find faberhafte Niefen, 
*.., Bol, Kerobot, I, 68. A, Gellius, N. A. IH, 40. 
+) Wie diefe Nänrichten von —— Rieſenrs wern be⸗ 
ruhen auf einem Irrthume, indem das in der Oſteologie 
unerfahrene Alterthum die ſoſſilen Knochen von Elephau⸗ 
ten, Maſtodonten und Wallfiſchen für Menſchenknochen hielt. 
74) Er fol einen Fuß größer, als die größten Menſchen ſer 


ner Zeit 2 ſeyn. Columella d rast. TU, 
ua va Sl Ray ap 


*.5 wieher all Pi 








Ä Siebentes Buch. 809 


Fuß und eben fo viele Zolle. *) Unter dem göttlichen 
aftns lebten zwei Leute, die noch um einen halben Fuß 
er waren, und.deren Körper der Seltſamkeit wegen in 
Bruft der Salinftianifchen Gärten aufbewahrt warden. 
hießen Poſio und GSecundilla. 

5. Der kleinſte Mann zur Zeit des nänticheh Fürken 
Canopus; 3z er maß zwei Fuß. und eine Handbreite, **) 
gehörte zu den Lieblingsgegenftänden Julia's, der En⸗ 
des Kaiſers. -Diefelbe Größe hatte ein Weib, welches 
someba’ hieß, und eine Breigelaffene der Julia Auguſta 

M. Barro erzählt, daß die Römiſchen Ritter Manins 
'imus und M. Tullius nur zwei Ellen ***%) groß ger 
n fepen, und wir feibft fahen fie in ihren Särgen. Daß 
je Kinder bei ihrer Geburt eine. Größe von anderthalb 
‚ and manchmal nody mehr haben, und daß diefe fchon 
witten Jahre ihr Leben beſchieten, h iſt eine nicht un⸗ 
unte Sache. 


) Auch in der neueren Zeit gibt ‚e8 ungewoͤhnlich lange 
Körper. Doc, Überfiieg felten einer das Maag von fieben 
Parifer Sup. Da der Römifche Fuß Eleiner ift, fo mag im 
biefer Beziehung zmifchen der älteren und neueren Zeit 
feine fehr große Werfchiedenheit obwalten. 

Auch die neuere Zeit liefert Beifpiele folder Zwerge. 
Nicolaus Ferri, gemwöhnlid, Bebe genaunt, welder im 
J. 1764 zu Nancy farb, wurde nicht größer ald ein 
vierjähriges Kind In feinem fechöten Jahre war er 
fünfzehn Bolt groß. Ein Holzſchuh hatte ihm zur Wiege 
gedient. 

Die alte Elle (enbitus) war kleiner als bie nenere, und 
maß etwa 17 — 

) Unerwie N N 


— 18 — W —“ 





Nur 


Nuss 





y 


530 €, Plinius Naturgeſchichte. 


XxVII. 1. Wir finden in ſchriftlichen Ueberlieferungen. 
daß auf Salamis der Sohn des Euthymenes in feinem drit⸗ 
ten Fahre ſchon eine Größe von drei Ellen; aber einen lang: 
fomen Bang und einen ſchwachen Berſtand gehabt habe, 
und daß ex, nach feiner ſtarken Stimme zu urtheilen, ſdon 
mannbarfgewefen fen, als er nad) Zurücklegung feines drite 
ten Lebersjahres ſtarb. Wir felbft fohen vor geraumer Zeit 
faft alles Diefee, die Maunbardeit ausgenommen, an eine 
Sohne des Römischen Ritters Cornelius Tacitus, *) welhe 
die Gtaatögefälle im Belgifhen Gallien verwaltete. DE 
Griechen nennen ſolche Kinder ’Exrodrrelo [vom Gemöbali 
hen Abweichende]; . in Latium baden fie keinen befonderts 
Namen. 

av). 2. Man hat die Beerbachtung gemacht, daß de 
Größe des Menſchen von der Fußfohle bis zum Schritel 
dem Raume zwifchen den beidın längſten Singern, wenn « 
die Arme ausſtreckt, gleich iſt; ferner, daß die meiſte Kraft 
der rechten Seite einwohnt ; daß diefe jedoch bei Mandın 


‘auf’ beiden Geiten gieich vertheilt if, und bei @inigen 


bauptfählich in ter linken Haud liegt, daß aber Dieſes pie 
bei den Weibern der Ball iſt; . 
XVIII. 41. daß die Männer mehr wiege Lats die 


die Beiber], fo wie auch die. Körper aller Thiere, wenn fe 


todt find, als die Icbendigen, und die fchlafenden mehr ad 





°) zaten ded berühmten Hiſtorikeré. Bal. die Einleituss⸗ 


17, 
* Diefe Andnahme kann bei dem’ einen Weſchlechte ſtait⸗ 


ee 











GSiebentes Buch. 811 


wachenden; daß die Leichname der Männer auf dem 
ten ſchwimmen, die der Weiber aber auf dem' Gefichte, *) 
wolle die Natur die Schaam des Weibes auch noch nach 
en Tode achten. 

(av) ‚2. Bir haben erfahren, daß auch Menſchen 
durchans feſten Knochen ohne Mark leben, **) und daß 
n fle daran erkenne, daß fie. Leinen Durk fühlen und 
ve ſchwißen. Wir willen freilich, daß man auch mit fe⸗ 
a Willen den Durft überwinden könne, und daß der 
miſche Nitter Julius Biator von dem verbünbeten Volke 
Bocontier, welchen, als er in feinen Knabenjabren au 
Hautwoferfuct litt, alles Naſſe von den Aerzten vers 
en wurde, Dit Gewohnheit zur andern Natur gemacht 
im Alter. des Trankes entbehrt habe. au Andere 
en fid) ‚iu Bielem ſelbſt beherrſcht. | 
(m. 3. Eraffas, der @roßyater des im Wartberlande 
ſordeten Craſſus, ***) foll nie gelacht und deßhalb Age⸗ 
as [der Nichtlacher] geheißen haben. Go füllen auch 
fe nie geweint haben, und den durch feine Weisheit bes 
mten Gotrates will mau ſtets mit demfelden Geſichts⸗ 
Drude und nie mit einem ſroblicheren oder beträßferen 
—e 
» Falſche Behauptung, Männliche und weibliche Leichname, 

weiche, wenn fie ſich aufzulöfen anfangen, auf dem Waſſer 
fchwimmen, machen in ihrer Sage Beinen Unterfchieb, 

>) Plinius behauptet eine Unmdglichkeit. 

»3 Welcher mit Efar und Pompejus Triumvir war, und 
von den Parthern, gegen welche er aus Gelbgier einen 
ne unternaben 4 geſchlagen un getödtet wurde (53 
vor r.). 


⸗ 


812 €. Plinius Naturgeſchichte. 

geſehen haben. Solcher Gleichmuth ſchlaͤgt manchmab in eine 
gewiſſe Härte und in ſchroffen, unbeugfamen Charaktertrotz 
um, und hebt alle menſchlichen Gemüthdbewegungen anf. 
Die Griechen nennen ſolche Leute anadeis [leidenfchaftlofe}; 
es gab deren viele unter ihnen, und dazu gehören, was 
wunderfam ift, gerabe bie größten Männer in der Well: 
weisheit , wie Diogenes der Eyniter, Pyrrhon, Heraclitus 
und Timon, welcher Leptere es fogar bis. zum Haſſe bei 
ganzen Menſchengeſchlechtes brachte. Aber and) verfihiedene 
geringfügige Auszeichnungen der Natur bemerkte man au 
Bielen. So foll Antonia, die Gemahlin des Druſus, vie 
audgefpieen, und der Dichter und frühere Eonful Yampe 
nins ) nie gerülpst haben. Man nennt foldie Menſchen 
mit durdjaus feſten Knochen, die übrigens höchſt felten Aud, 
Hörnerne (coraei). 

XIX ax). 1. Daß Tritanuns, ein in der Sammnitifchen 
Waffengattung **) berühmter Bechter von ſchmächtigem Kör⸗ 
per, aber von ausnehmender Kraft, und fein Sohn, welcher 
unter dem großen Pompejns diente, am ganzen Leibe, ſogar 
an den Armen und Händen, längs und quer mit Sehnen, 
wie mit einem Bitter, bededt waren, erzählt Barrp unter 
feinen Beifpielen wunderbarer Kraft, und fügt noch hinzu, 
daß der Letztere einen Feind, der ſich zum Sweilampfe ftellte, 
mit unbewaffneter Rechten und mit einem Finger befiegte, 
ihn dann ergriff und ine Lager truͤg. 2. Binnius Valens 





*) Deffen Leben Plinins beſchrieb. Wal. die Einl., ©, 33. 
*) Livius (IX, 40.) beſchreibt ausführlih Die Samnitiſche 


° — 


U Siebentes Bud. - 813 
er, welcher als Centurio in der Leibwache des göttlichen 
iguſtus diente, pflegte Wagen, die mit Schlaͤuchen beladen 
ıren, fo lange, bis man dieſe ansgelcert hatte, in die Höhe 
halten, Kutfdjen zu ergreifeit, nnd indem ex ſich dem 
ch der andern Geite Hin zichenden Scham? entgegen⸗ 
mmte, mit einer Hand zurückzuhalten und andere Wun⸗ 
edinge zu verrichten, die auf feinem Denkmale eingehauen 
dv. Bafins hob feinen &fel iu Die Höhe, und wurde deß⸗ 
Id, wie M. Varro fagt; der Bauernherkules genannt; 
alvius trug zweihundertpfünbige Gewichte an den Süßen, 
m fo viele an den Händen und zwei zweihunbertpfünbige 
f den Schultern eine Leiter hinauf, 3. Auch wir fahen 
en gewiffen Athanatus Erfkaunliches zeigen, und. mit einem. 
ıfhundertpfündigen Harnifdy. angethan, und mit fünfhun⸗ 
-tpfündigen Cothurnen beſhuht, auf der Bühne einhergehen. 
m Athleten E. Milbebrachte Niemand, wenn er feſtſtand, 
n der Gtefle, und Niemand bag ihm, wenn er einen 
rel in der Hand hielt, einen Finger gerade. -' - 

IX. Daß Philippides die eilfhundert nnd vierzig Sta⸗ 
n [28% M.] detragende Strecke von Athen nad) Lacedäs 
m in zwei_ Tagen durchlaufen hatte, hielt man für etwas 
:oßes, bier Lacedaͤmoniſche Länfer Anyſtis, und Philos 
ed, 7) der Läufer Nieranders des Großen, den zwölfhun- 
t Stadien [30-M.] beiragenden Weg von Sicyon nad) 
is in einem Zage liefen. Wir willen, daß auch jetzt 
anche im Circus 460,000 Schritte [32 M.] weit aushalten, 
d daß neulich unter dem Conſulate des Bontejus und 


*) Bol, 8. II. Kap. 73, 5, 2, 


he 






814 €. Plinins Naturgeſchichte. 


Bipfanius [59 nad) Chr.] ein achtjähriger Knabe von Mit⸗ 
tag bis Abend 75,000 Echriite [15 M.] weit lief. Man 
wirb das Wunderbare dieſer Sache erſt recht vollkommen 
begreifen, wenn man. bedenkt, daß Tiberius Nero die in 
einem ige und einer Nacht mögliche weiteſte Reife mit 
dreimal‘ gewechfelten Pferben ‚surüdiegte, ald er nad) Ber: 
manien’ zu feinem Franken Bender Druſus eilte: *) Der 
Weg betrug 200,000 Schritte [a0 M.]. 

XXI (x). Am meiften überfieigen jedoch die Beifpiele, 
weiche fi von ungewöhntiher Schärfe der Augen finden, 
allen Stanben. Eicero erzählt *9)- von einem anf Perga 
ment gefchriebenen Exemplar deu Iliade Hamers, weldes 
in\.einer. Ruß eingefdyloffen war; ferner. von einem Maut, 
welcher .135,000 Schritte [27 M.] weit ſah. M. Narıı 
gibt auch feinen Namen an; er hieß Gtrabe, und pflegte 
während des zweiten Puniften Kritges, wann eine Flotte 
den Hafen Karthago’d verlieh, von dem Siziliſchen Borge⸗ 
birge Lilybäum [Capo M Boco] aus **%) fogar die Zahl der 
Schiffe. anzugeben. Callicrates arbeitete aus Elfenbein 





9 Bol. Caſſius Dio, R. 6. LV, 2. * Maximus 


ga einem feiner nicht mehr vorhandenen Werke, 
***, Die Entfernung beirägt etwa 46 M. Nach den Berichten 
neuerer Reiſenden fieht man zu gewiſſen Zeiten von ber 
Süpfpige Gieiliens die gegenfiberliegende Afritanifche Küft. 
Dieſe Erfiheinung wirb aber durch eine beſtimmte Vil⸗ 
dung der Dunſte am Horizont, in welchen ſich bie Afri⸗ 
kaniſche Küfte abſpiegelt, bedingt. Man ſieht alſo die 
“ne felon nicht, fondern nur das Bild berfelben, 


Ale Salahı Nut 





Siebentes Bud). 8it 


neffen und ſonſtige fo Pleine Thiere, daß ihre Theile An« 
rm nicht ſichtbar waren. Myrmecides war in derfelben 
t von Arbeiten berühmt; er verfertigte aus demſelben 
:offe einen vierfpännigen Wagen, welchen eine Mücke mit 
eu Blügelu bededen, und ein Schiff, welches "ein Bien- 
a unter feinen Flügeln verbersen konnte, *) 

XXII Exni). Was das Gehör betrifft, fo hat wan uur 
5 einzige wunderbare Beiſpiel, dab man bie Schlacht, 
rch welche Sybaris zu Grunde ging, an demſelben Tage, 
fle geſchlagen wurde, zu Olympia hörte ;**)., denn bie 
ichricht von. dem Siege über die Eimbern, »*) fo wie bie. 
foren, weldye zu Rom den Eieg über Perfeus +) au 
nfelben Tage, wo er erfochten wurde, verfündeten, waren 
undererfcheinungen und Anzeigen der Götter. 
XXUl (mr). Von der Ausdauer des Körpers im 


*) Bel. B. XXXVI. Kay. 4. Aelian. Var. Hist. I, 17. 
Beispiele ähnlicher und noch größerer Kunfifertigkeit fins 
det man in neuerer Zeit. Boverid, ein Englifcher Uhr⸗ 
macher, verfertigte einen Spieitifch , einen Eßtiſch, einen 
Trinktiſch, einen Spiegel, zwolf Stühle mit Lehnen, ſechs 
Schuͤſſeln, zwölf Meſſer, zwölf Gabeln, eben fo viele Löffel, 
zwei Salzkannen, nebſt einem Herrn, einer Dame und 
einem Diener. Alle zuſammen, in einen Kirſchkern ge⸗ 
than, fuͤllte erſt die Hälfte deſſelben. 

*) Plinius erzfahlt wieder Unglaubliches. Beide Stadte find 
über fechzig Meilen von einander entfernt, und durch ein 
weites Meer getrennt. Val. Über biefed ganze Kapitel 
Plutarch (Paul. Aemil. 25. 26,) und Eicero (de natura 
Deorum II, 2.), welde Dafferbe erzählen. 

*, Durch Marius, Bor. Florns 1I, 3, 

+) König von ' Macebonien, Bol. Fiorus II, 12. 


a eG 





86 - ©. Plinius Raturgefchichte. 


Schmerze gibt es, da unglückliche Schickſale ſehr Häufig "find, 
unzählige Beiſpiele. Das berühmteſte beim weiblichen Ge⸗ 
ſchlechte iſt das Freudenmäbchen Leäna, welches auf der 
Folter die Tyrannenmörder Harmodins und. Uriflogiton -*) 
nicht verrieth, und bei dem männlichen Anaxarchus, weicher, 
als er aus einer- Ähnlichen Urſache gefoltert wurde, fidy die 
Zunge abbiß und dieſe einzige Hoffnung der Ungabe dem 
Tyrannen **) ins Geſicht fpie. 

XXIV (axiv). 4: Wer das Gedähtmiß, dieſes im Leben 
nöthigfte Gut, im höchſten Grade defaß, läßt ſich nicht Feicht 
beftimmen, da. Biele dieſen Ruhm erlangten. Der König 
Eyrus nannte jeden Soldaten feines Heeres beim Ramen. 
2, Scipio alte Römiſchen Bürger; und Eineae, der Gefandte 
des Königs Pyrrhus, jeden Genator und Nitter zu Nom, 
und zwar Schon am Tagg nach feiner Ankunft. Mithridates, 
welcher über zweiundzwanzig Bölker berrichte, fprady jedem 
derſelden in feiner Sprache Recht, und redete in der Ber⸗ 
ſammlung jedes ohne Dolmetſcher and. Ein gewiffer Char⸗ 
madas in Griechenland fagte den Inhalt aller Bächer, 
welche man in den Bibliotheken verlangte, ber, als ob er 
fie vorleſe. 2. Man machte zuletzt/ aus dieſer Sache eine 
Kunft, nämlich die, das Gehörte mit denfelben orten wies 
derzugeben [Mnemonif]; fie wurde von dem Liederbichter 
Simonides erfunden, und von Metrodborus von Scepfis zur 
Bolltommenheit gebracht. Es gibt aber and) an dem Menſchen 





*) Eie hatten Hipparch, din Tyrannen von Athen, ermorbet 
(513 vor Chr.). Vgl. 8. XXXIV. Kap. 19. 
*+) Nicocreon ven Eypern. Vol. Balerins Marimus III, 3, 


* 





Giebentes Buch. 817 


chts, was leichter zerflörbar , und was bald zum Theil, 
Id ganz den böfen" Folgen der Krankheiten, eines Balles 
d fogar der Furcht mehr ausgefept wäre, als das Ges 
chtniß. Ein von einem Steine Getroffener vergaß nur 

: Buchftaben ; Einer, der von einem ſehr hoben Dache 
abgefallen, war, erfannte Mutter, Familie und Anvers 
ındte, «ein Anderer nad): einer Krankheit feine Sklaven 
ht wieder, der Redner Meſſala Corviuns aber vergaß - 
nen Ramen. Ja ſogar bei völlig rnhigem und gefunden 
be fucht uud firebt es zu entſchwinden; auch, wenn uns 

: Schlaf beichleicht, entwiſcht es uns, fo daB die inhalts⸗ 

e Seele nadyfinnt, wo fle ſich befinde. 

AXV (sv), Mit der ausgezeichnetſten Geiflestraft 
jſabte, glaub’ ich, die Natur den Dictator Edfar, Ich 
ehe hier weder von feiner Tapferkeit und Beharrlichkeit, 
dh von der Ueberlegenheit feines. Berſtandes, welcher 
es umfaßte, was unter dem Himmel if, fondern von ber 
1 eigenen Schnellkraft und wie Feuer um ſich greifenden 
gſamkeit. Er war, wie uns berichtet wurde, gewohnt, 
gleicher Zeit zu-fchreiben oder zu lefen, zu diktiren und. 
ſuhören, fo wie in den wichtigften Angelegenheiten vier 
iefe, oder, wenn. er nichts Anderes that, deren fleben auf 
mal Teinen Schreibern zu diktiren. Gr Bänpfte in fünfs 
Schlachten und war alfo der, einzige, weicher den M. 
rcellus, der in neunundbreißig focht, überteaf. Die Siege 
dem Bürgerkriege nicht mitgerechnet, fielen durch ihn in 
lachten 4,192,000 Menſchen, welche "große, wenn aud 
hgedruugene, dem Menfchengefchlechte zugefügte Unbill 
ihm übrigens keineswegs zum Ruhme anrechnen will; 


— 


818 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wie er denn ſiiſch auch ſeibſt ſchon baburch, daß er die in dem 
Bürgerfriegen Umgekommenen nicht mitzählte, zu dieſer 
Weberzeugung bekannte. 

‚XXVI Mag man mit mehr Recht den großen, Don 
peine rühmen, weil er den Geeräubern achthundertſechsund⸗ 
vierzig Schiffe abnahm: tem Eäfar bleibt außer den ſchon 
erwähnten Borzügen noch ein anderer ganz befonders eigen, 
nämlich die Mitde, in der er Bis: zur Reue Alle übertraf. 
Auch gab ef ein Beifpisl von Großsmuth, dem Fein anderes 
an die Seite geftellt werben. kann. Die von ihm veranflaß 
teten Schauſpiele und verfhwenbeten Schätze, oder feine 
prachtvollen Werke hier zum Beweiſe anfzählen zu wollen, 
hieße Der Ueppigkeit das Wort reden; die wahre und unvets 
gleichliche Erhabenheit feines unüberflügeken Stiftes be: 
währte fich vielmehr dadurch, daß er die Briefichaften des 
großen Pompejus, welche ihm bei Pharſalia, und die des 
Scipio, welche ihm bei Zhapfus in die Hände,fielen, ehrlich 
verbrannfe und na las. b 

XXVE (xxvı). 4. Über zur Ehre des Römifchen Ne: 
ches und nicht - allein zur Berherrlichung eines einzelnen 
Mannes gehört es, alle Auszeichnungen und Triumphe des 
großen Pompeind hier anznführen, indem er an Thatenglanz 
nicht nur Wlerander dem Großen, fondern. faſt au dem 
Herkules u. d dem Vater Fiber gleich Fam. Nach der Wie 
dereroberung Giziliend, womit er als Anhänger der politi⸗ 
fhen Partei Gulla’s feine Laufbahn begann, und nachdem 
er ganz Afrika bezwirigen und der Roͤmiſchen Herrſchaft 
unterworfen hatte, woburd, ihm der Name des Großen ats 
Beute zu Theil wurde, kehrte er als Römifcher Ritter (was 








| Siebentes Buch. 19 
ihm Niemand geftattet war) *) auf dem Zriumphmagen 
id, begab ſich dann ſogleich nach Welten, bezeichnete 
den in den Pprendien errichteten Trophäen die Untere 
fung von achthundertſechsundſlebenzig Städten von den 
em bis zu den Grenzen des jenfeitigen Hifpaniens als 
ebniß feined Sieges, wobei er jeboch hochherzig den 
torins mit Stillſchweigen überging, ») und: 309, nach⸗ 
er dem Bürgerfriege **°) (durch welchen alle Auswär- 
1) angeregt wurden) ein Ende gemacht hatte, zum 
itenmal als Ritter auf dem Triumphwagen in Nom 

So bewährte ex fidh- wiederholt ale Felbherr, ohne vor⸗ 
als Soldat, gedient zu haben. 2. ‚Daun wurde er nad 
ı Meeren und daranf nach dem Morgenlande gefendet, und 
)te auch von bier feinem Baterlande Ehrentitel zurüd, 
nach der Weifeder in den heiligen Kämpfen Giegenben ; ++) 
dieſe erwerben ſich nicht ſelbſt, fondern ihren Batırz 
e die Krone Allen Ruhm trug alfo audy er in dem 
pel der Minerva, weichen er von der gemadıten Beute 
folgender Juſchrift] weihte, anf die Stadt [Rom] über: 





). Nur einem Conſul ober Praͤtor Eonnte geſetzlich der 
Triumph zu Theil werben. 


us 


nicht rühmen wollte, 
Welchen Sertorius, Garbo and Einna sea Sulla und 
Pompejus führten, 

3. B. der Mithridatifche. 

In den Olympifchen, Nemeifchen, Pythiſchen und Iſth⸗ 
miſchen. Wie die Sieger in diefen Kämpfen nicht ſowobhl 
fih, als ihre Geburtsſtadt verherrlichten, fo erwarb Poms 
pejus wicht nur fich, ſondern auch feinem Vaterlande Ruhm, 


J 


ws; 


ww 


Weil er fih eines im Bürgerfriege erfochtenen Sieges 


820 €. Plinius Natürgefdichte. 


„Der Keldherr En. Pompejus der Broke löst 
„nad Beendigung eines dreißigjährigen Kries 
„ges, nachdem er zwölf Millionen hundert 
„Brei und acdhtzigtaufend Menfhen gefhlagen, 
„getödtet oder unferworfen, ahthundert ſechs 
„und vierzig Schiffe verfentt oder genommen, 
„tauſend fünfhundert acht und dreißig Gtädte 
„und Burgen zur Uebergabe gezwungen und 
„die Länder vom Mäotiſchen See bis zum ro 
„eben Meere unterjioht bat, nad Gebühr fein 
„Belübde der Minerva.“ 3. Dieb ift die kurze Auf: 
zaͤhlung feiner Thaten im Morgenlande, Bei dem Zriumphe 
aber, weldhen er vor dem dritten Zag der Kaleuden des 
Oktober [28. September] unter dem Eonfulate des M. Pife 
und M. Meflala [61 vor Ehr.] feierte, Iautete die voraus⸗ 
getragene Inſchrift: „Als er die Seeküſte von den 
„Räubern befreit und dem Römiſchen Bolke die 
„Herrſchaft über das Meer wieder errungen 
„hatte, trinmphirte. er über Afien, Pontus, 
„Armenien, Papblagonien, Eappadocien, Cili⸗ 
„eien, Syrien, die Seythen, Inder, Albaner, 
„Zberien, die Inſel Creta, die Bafterner, und 
„außerdem noch über die Könige Mithridates 
„und TZigranes.“ 4. Der kurze Jubegriff feines Ruh⸗ 
mes war (wie er felbft in ber Volksverfamminng, als er 
über feine Thaten fprach, fagte), daß er Allen, welches man 
ihm als äußerfte Provinz des Reiches Übertragen, zum 
Mittelpunkte feines Vaterlandes gemacht hatte, Wollte 
Zemand auf der andern Seite in ähnlicher, Weife die Thaten 








Siebentes Bad" 270 
ar's, welcher "ta noch größer als jener erwies, namhaft 
hen, ſo müßte er wahrijch alle Länder ber Erde anfı 
en, und nröchte" damit wohr nicht fit as Ende kommen 
xy Gevin.: - Im andern ten der Zugend Hader 
Biele anf mannigfache Weiſe ansgezeicinet. Cato, der 
dieſes Namens aus den Porciſchen Geſchlechte, vet: 
zte nach der allgemeinen Meinung drei der vorzuͤglich—⸗ 
Gaben des Menſchen in fich, dent er war der befte 
ner, der’ beite Feldherr und der befte Seuator; doch 
nen mir alle diefe Eigenfchaftent, wenn auch nicht frü⸗ 
doch glänzender an Scipio Aemikliauus *), geſtrahlt zu 
n, und außerdem muß man bei Dieſem noch den Haß 
reicher Menfchen, gegen weldien Cato anzukampfen Yatte, 
chnen. Cato mag alfo der befoubere Ruhm bleiben, daß 
ierundvierzigmal vor Bericht feine Vertheidigung führen 
te, und daß Bein Anderer öfter vorgrladen und“ flet# 
efprodden wurde, 

XXIX awvım), 4. In welchem Menſchen die Tapfer⸗ 
am meiften hervorleuchtete, ift eine nicht zu 'erledigende 
te, befonders wenn man die Dichterifhe Fabelei berück⸗ 
gen will. Q. Ennins bewunderte am meilten T. Eds 
3 Denter **) und feinen Bruder, und fügte ihretwegen 
) Welcher fpäter den Beinamen bed Afritaners erhielt, und 
Karthago und Numantia zerfiörte, — Die Strenge Eato’s, 
welche ſprichwoͤrtlich geworben ift, 308 ihm Veindſchaft zu, 
Er fiel bei Arrezzo in einer Schlacht gegen bie Gallier 
(285 vor, ‚Ehr.),. Vgl Orofins, UI, 22. 


Plinins Naturgefh, 78 Vichn. 7 


823 C. Plinius Naturgeſchichte. 


feinen Annalen noch ein ſechzehntes Buch hinzu. 2. Siccius 
Dentatus, welcher unter dem Eonfulate des Sp. Zarpeius 
und des U. Aterius [454 vor Epr.], nicht fange nady der 
Bertreibung der Könige, Volkstribun war, hat wohl die 
zahlreichften Stimmen für ſich. 2. &r kämpfte Hundert 
‚undzwanzig Schlahten mit, fiegte achtmal im Zweikampfe, 
prangte mit fünfundvierzig Narben an dem VBorderkörper, 
ohne eine einzige auf dem Nüden zu haben, nahm ferner 
vierunddreißigmal dem Feinde die Rüftung ab, erhielt zweis 
undzwanzig unbefdylagene Gpeere, *) fünfundzwanzig Span: 
gen, dreinndachtzig Ketten, bundertundfechzig Armbänder, 
ſechſsundzwanzig Kronen, nämlidy vierzehn Bürgerkronen, 
acht goldene, Drei Mauerkronen und eine Belagerungstrone, *®) 
einen Beutel mit zehntanfend Affen, ***) Kriegsgefangene 
und dazu zwanzig Ochſen als Belohnung, war im Gefolge von 
neun, hauptſächlich durdy feine Anftrengung triumphirenden 
Feldherrn, und überwies außerdem (was ich für feine vors 
züglichfte That halte) den T. Romilius, einen der Heerfüh⸗ 
rer, nachdem er Das Eonfulat niedergelegt hatte, vor dem 
Volke der fchlechten Führung des Oberbefehls. + 

3. Der Kriegsruhm des Manilius Eapitolinus wäre 


*) Eine Auszeichnung, welche Denen, die einen Feind außer 
der Schlachtordnung erfchlugen, zu Theil wurbe. 
“*) Mon der Befchaffenheit biefer Kronen wird unten (B. XVI. 
8. 3. B. XXI. 8. 4.) die Rede ſeyn. 
*, Etwa breihundertfünfundbdreißig Gulden. 
7) Romilins war im J. 455 vor Ehr, Conſul. Gr wurde 
} angeklagt, baß er nach einer Schlacht mit den Aequern 
bie Kriegsbeute verkauft Hätte, Vgl. Livius, III, 81. 





| Siebentes Bud. | 825 


nicht geringer, wenn er ihn nicht am Ende feines Lebens 
yerloren hätte. ») Schon vor feinem flebzehnten Jahre 
yatte er zwei feindliche Rüſtungen erbeutet ; er allein von 
Allen hatte als Ritter die Mauerkrone, ferner ſechs Bür⸗ 
jerfronen und flebenunddreißig Ehrengeſchenke erhaltens er 
onnte dreiundzwanzig Narben au der Vorderfeite des Körs 
ers anfweifen, hatte P. Gervilius , den Befehlshaber der 
Teiterei, obgleich felbft an Schulter und Hüfte verwundet, 
ereftet, und, was über Alles geht, allein das Bapitol und 
amit den ganzen Staat, von den Galliern errettet, hätte 
e fid) nur nicht zum Gebieter deſſelben zu machen getradys 
et. Bei allem Diefen that fiherlich die Tapferkeit viel, 
18 Glück aber noch weit mehr. 

4. Dem M. Gergins wird wohl Niemand, wie id 
lanbe, irgend einen andern Menfchen vorziehen , obfchon 
in Urenkel Catilina (*) diefem Namen den guten Klang 
ahm. Auf feinem zweiten Beldzuge verlor er die rechte 
and, bei zwei Feldzügen wurde er dreiundzwanzigmal vers 
undet und konnte deßhalb von Leiner Hand und von kei⸗ 
m Fuße genugfamen Gebrauch machen; dennoch diente er 
8 Krüppel, nur von einem einzigen Diener begleitet, fpäter 
‚ch in vielen Kriegen. Zweimal wurde er von Hannibal 
fangen (denn er band nicht mit jedem [nnbedeutenden] 
:inde an), und zweimal entfloh er deſſen Keffeln, nachdem 





*, Er wurde, weil er nach der Alleinherrſchaft ſtrebte, von 
dem Tarpejſiſchen Feld geſtürzt. Livius, VI, 20. 
ee) Der Verſchwoͤrer 8. Gergind Catilina. 


7% 


833 C. Plinius Natuegefhiäte, 


ar zwanzig Monate ohne Ausnahme eines einzigen. Tages 
imdFletten und Banden bewacht worden war. 5. Wiermal 
bhmpfte er mit der linken Hand. allein, und zwei Perde 
wurden ihm unter dem. Leibe erftochen.. Er ließ ſich eime 
rechte: Hand aus Eifen verfertigen, befefligte fie an den 
Arm and kämpfte damit; er entſegte Cremona, beſchirmte 
Placentia und eroberte in Gallien zwölf feindliche Lager, 
wieo nalles Dieb and feiner Nebe hervorgeht, die er, als ihn 
feine Collegen in die Prätar als Krüppel von den heiligen 
Brreichtungen ausſchloßen, hielt. *) Welche Hanfen Kronen 
haute: ſich Diefer einem anderen Geinde gegenüber erworben ? 
Deuts kommt wohl am meitten darauf an, in welche Zeit 
die Tapferkeit eines Mannes: füllt. Welche Bürgerkronen 
gewührten Zrebia, der Tieinns und derſSee] Trafpmenus ? 
Beide Krone wurde zu Eannd, wo man, um zn entkom⸗ 
men,:die größte Tapferkeit nöthig hatte, verbient ? *) Ja 
wahrtich, Andere errangen nur Siege über Menſchen; Ger 
gins aber befiegte fogar das Gläck. 

:  KAX (azız), 4, Mer vermöcte aber im Gebiete des 
Geiſtes, bei fo vielen Zweigen des Wiffend und bei fo gror 
Ber Maunigfaltigkeit des Stoffes und der Behandlung , die 
des Ruhmes Würdigften hervorzuheben, wenn man ſich nicht 
dbwa dahin vereinigen will, daß es noch kein glüdlicheres 
Genie gab, als deu Griechiſchen Dichter Homer, mag man 
nun die Ausführung des Werkes, oder den Stoff felbft er⸗ 





*) Ein Priefter mußte nach bem Geſetze unverfehrten Leibes ſeyn. 
”®, ar diefen Orten wurben bie Romer von Hannibal ges 


Siebentes Buch. 2 838 


ägen ? Als daher Akerander der Eroße denn auf bodp 
yende, über allen Neid erhabene Richter Hüst fi wohl an 
yeften ein fo keckes Urtheil) unter der dem Perſerkönige 
Darins abgenommenen Beute ein: wit. Bois, Edelſteines 
md Perlen koſtbar verziestes Salbenkaͤſtchen vorfand uup 
eine Freunde fidh. über den verſchiedenartigen Gebrauch, 
ſen mau dadon machen könne, änßerten (denn Balken vu 
dymähte der Krieger und im Felddienſte Abgehärtete), zinf 
r: „3a, beim‘ Herkules, es foll den Büchern Homers zum 
Schwein Bienen ;* wodurch er feine Uebergeugumg, daß daß 
öſtlichte Werk des menſchlichen Geiſtes in einem möglich 
eichen Kunſtwerke aufbewahrt werden müſſe, ausſwach 
luch befahl er, die Familie und das Hans des Dichtenß 
indar zu fchomen, als ex Theben einnahm; bie Baterßedt 1 
eb Ariſtoteles bante er wieder auf und vpereinigte wit fie 
em MP großen Thatenruhm eben fn ſchone Aenterungen 
er Güte, 

3; Die Mörder 2 Dichters Arqhitechus gab Apeio 
u Delphi. anz. den Kehdmam des Sophokles, des Fürſten 
er tvagiſchen Dichter, befahl. der: Vater Liber zu. begraben, 
sährend  Bie Rackbämpniek die Mauern beiageiten, indem 
e Ypfander , den Konig derſelben, im Schlaft wie der boſt 
rmahnte, ſeinen Liebling ») Seerdigen zu Infien. Der Aö⸗ 
ig forſchte nach, wer gu Athen gehor ben: (es; er fend wacht 


— —⸗ 
ey Stagira, in Macedonien, weiches pH * Ategubes Dir 
ter, zerftört hatte, Tzetzes Chiliad, 
ws, Man vbetrachtete Baechus als den —28 we tragifchen 
Dichter, weil die Tragödie der Sriecen den deſten diefes 
Gotdes ihren Urſprungz verbanft.. 46* 


826 €, Plinius Naturgeſchichte. 


ſchwer Den berans, welchen der Bott gemeint hatte, umd 
hielt während des Leichenbegängniffee Friede. 

XXXI (zıx),. 4. Plato, dem Meifter in der Welt 
weisheit, ſchickte der Thrann Dionyſius, welchem doch Grau⸗ 
ſamkeit und Stolz angeboren waren, ein bewimpeltes Schiff 
entgegen und empfing ſelbſt den an's Land Steigenden mit 
einem weißen Viergefpann. Iſokrates verkanfte eine ein⸗ 
zige Rede für zwanzig Zalente, *) Als Aeſchines, einer 
der vorzüglichften Atheuiſchen Redner, die von ihm vorges 
brachte Anklage den Rhodiern vorgelefen hatt , und ihnen 
dann aud) die Bertheidigung des Demoſthenes, weldhe feine 
Verbannung nad Rhbodus zur Folge hatte, vorlas, uud 
Diefe ihre Verwunderung äußerten, erwigderte er, daß fie 
fidy nody weit mehr verwundert haben wärden, weun fle den 
Redner felbft gehört hätten, und ward auf diefe Weife ferbft 
im Unglül ein gewidtiger Seuge für feinen Gegner. 
3. Die. Uthener ſchickten Thucydides als Feldherrn in bie 
Berbannung, und riefen ihn als Darfteller ihrer Thaten zu» 
rück, indem fle die Beredſamkeit deffeiben Mannes, deſſen 
Mangel an Muth fie verbammten, bewnnderten. Auch dem 
Menander bewiefen die Könige Aegyptens und Maceboniens 
große Anerkennung feined Eomifchen Talents, als fie ibn 
durch eine Flotte und durch Befandte zu fi einluden; er 
ſelbſt legte aber noch ein fchöneres Zeugniß dadurch für ſich 
ab, daß er den beſchanlichen Umgang mit den Wiſſenſchaften 
der königlichen Gunſt vorzog. 

5. Und, hochſtehende Römer zollten Ausländern ihre 





*) Aweiundfänfzigtaufendzweihundertfechöundfechzig Buben. 


: 


Siebentes Bud). 827 


erkennung. Als En. Pompejus nach Beendigung des 
thridatiſchen Krieges das Haus des als Lehrers der Welt⸗ 
sheit berühmten Poſidonius betreten wollte, unterfagte 
yem Lictor ®. nach der üblichen Sitte an die Thür zu 
‚fen, und fo beugte Der, vor dem fih das Morgenland 

das Abendland gebengt hatten, die Fasces vor der 
iv der MWiffenfchaft. Us der Genfor Eato bei jener 
ihmten, aus drei Meiftern der Weltweicheit beftehenden 
enifhen Gefandtfhaft den Carneades gehört hatte, rieth 
dieſe Sefandten möglichſt bald wieder zu entlaffen, weil 
ı bei der DBeweisführnng jenes Mannes nicht leicht, 
wahr fen, unterfhheiden könne. 4. Wie fid doch die 
ten geändert haben! Fener rieth fletd, alle Griechen ans 
lien zu vertreiben, und fein Urenkel Cato von Utica 
hte ſchon einen Philofophen, als er von feinem Krieges 
unafe, **) und einen zweiten, ald er von feiner &es 
tſchaft nad Cypern **") zurüdkam, mit. Merkwürdig 
ılfo an den beiden Catonen, daß eine und diefelbe Sprache 
Jenem verfhmäht, von Diefem aber eingeführt wurde. 
Dody wir wollen nung jest auch mit dem Ruhme unſerer 
zBoleute befchäftigen. 





*%, Ein Sffentlicher Diener, welcher ben höchſten Romiſchen 
Magifiratöperfonen einen Stäbebiindel (fasces), das Seis 
hen der Macht und Würde, vortrug. Wenn ber Magis 
firat in ein Haus, ed mochte fein eigenes (Livind, VI, 34.), 
oder ein frembes ſeyn, treten wollte, fo fchlug der Lietor 
zuerft mit einer Ruthe an die Ihr. 

>) Das er in Macebonien bePleibete. 

) Bel. B. XXXIV. 8. 19, 5. 41. 


828 €. Plinige Noturgeſchichte. 
; 8. Dex ältere Afritauer. ), befahl. die Bildſaule des 
, Eunins auf, fein, Grabmal⸗zů ſeßen, ‚aub, wollte. ſonach 
einen fo berühmten, ja als Beute in dem hristen Waltthe ile 
errunganen Beinamen auf. feinem. Afcenfruge mit, Dem. Na⸗ 
men des Dichters vereint gelefen, wiſſen. 
6. Der. göttliche Yugufug verbot, bie, Gedichte Bin 
gils, ſelbſt geaen die feinem Teſtamente ſchaldige ‚Achtung 
au ‚verbrennen; und anf diefe Beife wurde dem Dichter ‚eine 
weit größere Anerkennung zu Theil, alß wenn.er leibn See 
Werke angerühmt htte. 

7. In der Bibkiothek ., welche „juenft: ‚von allen. in. der 
Welt von Aflnjug Pollio zu Rom non der gemarhten. Bepke 
sum Öffentiihen Bebrange, eingerichtet, wurde, ..kefand id 
unter den aufgeſtellten Btakyen, nur sine, einige eineg Je 
benben Mannzs, nämlich die des M. Parxo; und, ba,.de 
erſte Redner and ‚Bürger, bei der damals vorhandenen Menge 
hochhegabter Männer, Aha: alleiß dieſe Krene anerkannten, (0 
wuͤrde ‚er, ‚na, meinem Dafukkaken, Prund-pt weniger 
auggepeifhngt., als durch Die Schittekrong weſche ähm ‚Res 
große Pompejus nad) dem ‚Eerränberkriegingstich, *%) Man 
würde in der Römiſchen Gefchichte nad) unzählige ähnliche 
Beifpiele finden, wehn man fie anführen wollte, .da dieſes 
et. eg in an vod 

j .. 7 Sehin melden, ‚Diefen einig nad‘ feinen Siese ber 

annibat in Ai frika erhielt 

— je‘ "Schiff bene wurde Dim’ eykaͤnnt ‘be 


id) 
non a in ein Karen En ve a; je be 
Bemühungen din‘ ömiihen' w Klo pate 


fih unter Pompells —5 Geerd gap „gu afaıden 


Bol, Appian, Krieg gegen Mit "Rap, 





nn u .. 62 


ne Volk ‚in jedan, Aut. mabe,undsrseihutte Männer. ho vor⸗ 

racht has, als alle übrigen Käauder. 

8. Über, wie könute jch es perantworten, wenn ich Die, 
ons Tıllius [Cicexo], ‚mit Stillſchweigen Abergingee 
xch welche Anszeichnung ſoll ich Dich, kedad) am ‚würdigr 
ı preifen? Kann ich es baſſer, as wmenn id. das ein⸗ 
mige Zeygniß des geſammten Römiſchen Bolkes anführe, 
. von Meinem gayzen Leben nur, die Ahaten Meines Son⸗ 
its *) herporhebe? Du ſprachſt, amd Dir Tribus antſagten 
Ackergeſeehe, *) das heißt, Ihren Nahrung. Du riedäfl, 
ſle verziehen Rosciuſs, **%9 Dem Urheber des Eheater⸗ 
bes, und erduldeten gigichmüthig Die Ernisdriginng Durch 
Unseriheidung der Bisnläne. . Du batſt, mad Die Kinder 
Berbannten:t),.ichämten.Hcd.; mach Mhrenfiellen zu ha⸗ 
n; vor Deinem; Geiſte floh Catilina, M. Autonius ſchack⸗ 
Du in die Verhannung. O. Sey wis. gegrüßt, Bu 
8 non Allen mit dem Namen⸗,Vater des Baterlandea 
hrter, der. Du. zuerſt in der Tagaſcht) den uiumoh un 
Macht des Wortes den Eorbeer errangft,. Du Vater der 
—* 

% Kirn: ‚mar —8 Fe nor en. ECanfau. 

*) Durh, ‚meiches ‚hen . Baltötrikum . P,. Eernitips. "urn 
C(vgt. B.ꝰ ‚8. 78.) die Vertheilung der ‚eroberte 
Bändereien unter dad Volk beantragte, 

) 2, Rescue‘ Orho vraͤchte yet el Gen wilches die 

Bolektoruffen tn Theater durch Trennung 7% ‚Sigpläge 
unterfchied, in Anregung ; es verurſachte —* ging 
aber durch ca Berebſamreit durch. 

H) Durch Sylla. ae 

) Im Frieden namuch, nicht Gh alhethatenen 


850 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Bergpfamteit und der Lateiniſchen Literatur, der Du (wie 
der Dictator Eäfar, fonft Dein Feind, von Dir fchrieb) 
einen alle Triumphe fo weit überragenden Lorbeer erwarb, 
als es mehr werth ift, das Gebiet des Römiſchen Willens 
fo bedentend erweitert zu haben, als durch andere Geiſtes⸗ 
vorzüge die Grenzen des Reiches. *) 

(zxzı), 410. Solche Lente, welche die übrigen Menfchen 
an Weisheit übertrafen, führten deßhalb bei den Römern 
Die Beinamen Catus [Edylau] und Corculuns [Klug]. **%) 
Unter den Griechen wurde Sokrates durch einen Orakelſpruch 
des Pothifhen Apollo allen Andern vorgezogen. 

XXXII (xx), Berner gefellten die Menfchen den La⸗ 
eebämonier Ehilo »ery den Orakeln bei, und weihten zu 
Deiphi in goldenen Buchftaben feine drei Sprüche, welche 
lauten: „Jeder kenne fidy felbft ;" „Werlange nichts zu ums 
„Hetüm,“ und „Schulden und Gerichtshändel begleitet Elend.“ 
And) beging, als er vor Freude über den Sieg feines Soh—⸗ 
nes zu Olympia geftorben war, ganz Griechenland feine 
Leichenfeier. 

XXXIU (sm), Vorherſehungsgabe und eine gewiſſe 
höchſt ehrenvolle Gemeinſchaft mit den Himmliſchen hatte 
unter den Weibern Sibylla, unter den Männern Melams 





*) Ueber die in biefem und dem vorbergebenben Kapitel ges 
nannten Schriftſteller vergl. bie Bemerkungen vor dieſem 


Buche, 
**) B. » Catus Aelius Sertus und Seipio Naſica Eors 
”..) Finen der fieben Weiſen. - 








Siebentes Bud. | | 851 


a8) bei den Griechen und Marcius ») bei den Rs 
nern. . 

XXXIV (am). Als der rechtſchaffenſte Mann wurde 
om Unfange der Welt an nur einmal einer erklärt, näms 
ich Seipio Nafica durch einen Eid des Genats. ***) Und 
od) mußte Diefer in ber weißen Zoga +) eine zweimalige 
urädweifung durdy das Volk erfahren; überhaupt war es 
hm nicht einmal vergönnt, in feinem Baterlande zu ſter⸗ 
en: tr) wahrlich, den Kerker abgerechnet, kein befleres 
008, als Jenem vou Apollo für den Weifeflen der Men⸗ 
hen erklärten Sokrates widerfuhr. 

XXXV (zxıv), Als das keuſcheſte Weib wurde einmal 
urch den Ausſpruch der Matronen Eulpicia, des Pateren⸗ 
as Tochter und Gemahlin des Fulvins Flaceuns, erklärt, 
nd aus hundert vorgefchlagenen ausgewählt, um nady dem 
Inhalte der Gibyllinifchen Bücher das Standbild der Ber. 
us zu weihen, TtH nnd dann wieder Claudia durch 





D Er lebte vor ber Belagerung Zroja’d, und fol ein fo 
wunderbares Gehbr gehabt haben, daß er ben Gefang ber 
Wögel verſtand. gl, Apollodor's Bibl. II, 2. Pauſa⸗ 
nias II, 18, IV, 3, 

**) Bon feiner Weiffagungsgabe fprechen Eicero (De divin. 

- 1, 40.), Livius (XXV, 12.) und Macrobins (Saturn. 


I, 17.). 

.., Im J. 204 vor Ehr. Bol. Valerius Maximus VIII, 15. 

+) Als Bewerber um Ehrenſtellen. ECinmal wurbe er zus 

rſickgewieſen, als er fid) um das Eonfulat bewarb (Livlus 
XXXV, 24.); sum zweitenmal, als er Genfor werden 
wollte (Livius XXXIX , 40.) 

+) Man weiß nicht, wo Scipio Nafica geflorben iſt. 

+tH Bel. Valerius Marimus VIII, 15. 


850 €. Plinius Naturgeichichte. 


Bergpfamteit und der Lateinifchen Literatur, der Dir (wie 
der Dictator Cäſar, fonft Dein Feind, von Dir fchrieb) 
einen alle Zriumphe fo weit überragenden Lorbeer erwarb, 
als ed mehr werth ift, das Gebiet des Römiſchen Willens 
f9 bedentend erweitert zu haben, als durch andere Geiſtes⸗ 
vorzüge die Grenzen des Reiches. *) 

(xx), 40, Solche Lente, welche die übrigen Menfchen 
an Weisheit übertrafen, führten deßhalb bei den Nömern 
die Beinamen Catus [Schlau] und Corculus [Klug]. *9 
Uuter den Griechen wurde Sokrates durdyeinen Orakelſpruch 
des Pothiſchen Apollo allen Andern vorgezogen. 

XXXII (xxx). Ferner gefellten die Menſchen den La⸗ 
eedämonier Ehilo »eey den Orakeln bei, und weihten zu 
Delphi in goldenen Buchſtaben feine drei Sprüche, welche 
lauten: „Jeder kenne fidy ſelbſt ;* „Werlange nichts zu ume 
„geſtüm,“ und „Schulden und Gerichtshändel begleitet Elend.“ 
Auch beging, als er vor Freude über den Sieg feines Soh⸗ 
nes zu Olympia geflorben war, ganz Griechenland feine 
Leichenfeier, 

XXXIU (ax). Vorherſehungsgabe uud eine gewiſſe 
höchſt ehrenvolle Bemeinfhaft mit den Himmliſchen hatte 
unter den Weibern Sibylla, unter den Männern Melams 





*) tieber die in diefem und bem vorbergehenben Kapitel ges 
nsen Schriftfieller vergl. bie Bemerkungen vor biefem 


°.) 3. ©. Eatus Aelius Gertus und Gcipio Naſiea Eors 
”..) dinen der fieben Wellen; 


Siebentes Bud. i ssi 


08°) bei ben Griechen und Marcius ») bei den, Rs 
nern. 

XXXIV (av). Als der rechtſchaffenſte Mann wurde 
om Anfange der Welt an nur einmal einer erklärt, näms 
ch Geipio Naflca durch einen Eid des Senats. *%*) Und 
od) mußte Diefer in ber weißen Zoga +) eine zweimalige 
ſurückweiſung durch das Volk erfahren; überhaupt war es 
hm nicht einmal vergönnt, in feinem Baterlande zn ſter⸗ 
en: +) wahrlich, den Kerber abgerechnet, Bein beſſeres 
008, als Fenem von Apollo für den Weifeften der Men⸗ 
hen erBlärten Sokrates widerfuhr. 

XXXV (zııv), Ws das keuſcheſte Weib wurde einmal 
urch den Ausfprud der Matrouen Enipicia, des Paterchs 
5 Tochter und Gemahlin des Fulvins Flaceus, erklärt, 
nd aus hundert vorgefchlagenen ausgewählt, um nad) dem 
mhalte der Sibylliniſchen Bücher das Standbild der Ber. 
us zu weihen, t44) und dann wieder Claudia durch 


+ Er lebte vor ber Belagerung Troja's, unb fol ein fo 
wunderbare® Gehbr gehabt haben, daß er ben Geſang ber 
Vöogel verfiand. el. Aponobor’s Bibl. II, 2. Pauſa⸗ 
nias II, 18. IV, 3, 

**), Bon feiner Weiffagungsgabe fpredhen Eicero (De divin. 
I, 40.), 2ivius (XXV, 12.) und Macrobins (Saturn. 


I, 17.). 

re) Im I. 204 vor Ehr. Bol. Valerius Marimus VIII, 15, 

+) Als Bewerber um Chrenfiellen. Einmal wurbe er zus 

rũckgewieſen, als er fi) um das Eonfulat bewarb (Livius 
XXXV, 24.); sum grreltenmal, ald er” Eenfor werden 
wollte (iviu⸗ XXXILX, 40.) 

+ Man weiß nicht, wo Eis Naſica geftorben if. 

nm Bol. Balerius Maximus VIII, 16. 





wm C. Plinins- Naturgeſchichte. 
göttliche Entſcheidnug, als ſſe die Böhteemntber ı Ha Rem 
brachte. ® 
KAXVI cum). 4. In⸗ber ganzen Melt Audet man 
zwar nınäblige Beiſpiele liebender Oingebung, : zu: Kom 
eines, wit: dem vlle ͤbrigen Beinen Bergleich aushalten. 
Eine dem gemeinen Bolde augehörende und: deßhnlb uhbe 
kannte Wörhnerin, weiche die Erlaubniß, ihre Mutter, aueiche 
zum Hungertode verursheitt in einen Herber eingeſperrt war, 
zu :befuchen erhalten hatte, jedesmal aber, damit ſie feine 
bendmitte] :einfdablirze, von dem Pförtner davchſucht wurde, 
ertappte man endlich, wie fe ihre Mutter Mit den Brükften 
nährte. Dieſes unerhörten Falles wegen wurde biz Kistbliche 
Siebe der Tochter durch Die Begnadigung Ber Mutter be 
lohnt, und Meibe erhielten tedemslängliih chven Usteshalt; 
der Ort ſeibſt wurde der Eehttin ber dindlichen Siehe :[Yie 
tas] geweiht, und dieſer umber dem Eonſulate des E. Quin⸗ 
tius und M. Acilins [130 vor Chr.J an der Stells jene 
Kerkers, wo jetzt das Theater des Marcellus ſteht, ein Tem: 
nel erbaut 2. Als ber Water der Gracchen in feinem 
Haufe zmei Schlangen fand, und ihm verkündet wurde, daß 
er fein Leben erhalten könne, wenn er die weibliche Gchlange 
tödte, erwiederte er: nicht doch, Het vielmehr:die maͤnn⸗ 





9 Das Schiff, auf wolchem Dad: Bildader Mölitrmanttiet Ey⸗ 
bole von Reiſtu us in "Wien: nuch Nom⸗gaafuͤhnt wurde, 
hatte ſich anf —— bi der Tinte aſtgafetzt, und 
Kante nur Surch sein Vbilig keuſches Weib von Ler Gtelle 
‚ bewegt werben. Candia Ag 8; mit ihrem: Sñrtel weis 
ten Bieind KXIK, 10, f1.'18..  Buttemink im Besen 
des Tiberius, Asp. Wi. 1: hr Ausndt n t 


Sisbent⸗s Buch. 838 


che! Eornelia iſt noch jung und kann ned. Kinder go⸗ 
iren.“ Das hieß doch, ſeiner GSattin ſchonen und für das 
eſte des Staates ſorgen. Und ſein Wille ging auch bald 
wanf im Erfüllung. *) WE Lepidus ſtarb aus Liebe zu 
mer: Gemahlin Apuleja, nachdem er von ihe geſchicden 
ar.). P. Rutilins, welcher au einem umbebeutenden Un⸗ 
rhiſeyn litt, ſtarb augenblicklich, als er vernahm, daß fein 
ruder bei der Bewerbung um das Conſulat durchgefallen 
). PB Cacienus Plotinus liebte feinen Herrn fo ſehr, daß 
KU, obgleich er zum Erben aller Güter eingeſeßt worden 
ır, auf den Scheiterhaufen deſſelben ſtürzte. 

XXXVII ar. 41. In den verfdiebenen Küuften 
ben. fich Unzählige hervorgethan, und wir müſſen fie. hier, 
wir die Blüthe der Menfdyheit often, ebenfalls berühren: 
asgezeichnet in der Sterndeutekunſt iſt Beroſus, weichem ' 
Athener feiner göttlichen Borausfagungen wegen auf 
taatskoften in dem Gymnaflum ein Staudbild mit vergol⸗ 
ter Zunge errichteten; in der Sprachkunde Apollodorus, 
ichem die Amphictyonen Griechenlands Chrenbezeugune 
n zuetkannten; in der Arzneikunde Dippocrates, der: 
e von Jllyrien herfommende Gendie vorausfagte und 
ne Schäfer zur Hülfeleiſtung in die Gtädte umherſchickte, 
liches Verdieuſtes wegen ihm Griechenland Diefelbe Ehre, 
e dem Hercules, zu bezeugen befhloß. Daſſelbe Wiſ—⸗ 





*) Bol Valeriud Maximus, IV, 6, 
20) Er ließ ſich von ihr fcheiden, weil er ſich durch einen in feine 
Hände gefallenen Brief von ihrer Untreme Überzengt hatte, 
Plutarch, Leb. des Pomyeiud, R. 5, ’ 


3 7 €. Plinius Naturgeſchichte. 


fen belohute der König Ptolemäus an Eleombrotus_ von 


Ceos bei den Megatenfifchen Feſtlichkeiten hit hundert Tas 
lenten [zweimalhundertundviertaufend Gulden], weil er dem 
König Antiochus das Leben gerettet hatte. *) 2. Großen 
Ruhm erwarb ſich auch Sritobulus, weicher dem König Phi⸗ 
lippus einen Pfeil aus dem Auge zog, und bie Erbiindung 
ohne Entftellung des Geſichtes heilte. ») Die größte Uns 
zeichnung gebührt aber dem Asclepiades von Pruflas, nidt 
nur, weil er eine nene Schule gründete, die Geſandtſchaft 
und die Verfprechungen des Könige Mithribdates zurückwies, 
Die Methode, Krante mit Wein zu heilen, erfand, einen 
Menſchen, welchen man ſchon zur Erbe beftatten wollte, zu 
rücbringen ließ und wieder ins Leben rief, fondern baupts 
ſaͤchlich deßwegen, weil er felbft mit dem Schickſal die Wette, 
dag man ihm Für Peinen Arzt halten fole, wenn er je ir 
gendwie Fran? würde, einging und auch gewann, indem er 
im höchſten Alter am Falle von einer Treppe ſtarb. 
XXXVIL, Große Anerkennung ward auch den Kennt 
niffen des Archimedes in der Geometrie und Mechanik dard 
M. Mareellus zu Theil, indem Diefer bei der Einnahme 
von Syrakus ihn allein zu ſchonen gebot, obſchon ein Sol⸗ 
dat gus Unwiffenheit den Befehl Übertrat. Berner werben 
gerähmt Etefiphon ***) von Gnoffus, welcher den bewunder 





*) Bol. 8. XXIX, 8, 3,, wo biefer Arzt Crafiftratus ge 
nannt wirb, 
* Nor, Eurtine IX, 5, 
°.., Plinius nennt an einer andern Stelle (XXXVI, 21.), 
übereinftimmend mit Strabo (XIV, 1), biefen Bau⸗ 





Siebentes Bud). 5 855 


sungswürdigen Tempel der Diana zu Ephefus, und Phis 
Ion, #7 weldyer zu Athen das Zenghaus für tanfend Schiffe 
erbaute, Cteſibius, welcher die Pumpe und die Wafferorgel 
erfand, **) und Dinoerates, welcher den Plan der Stadt 
Alexandria, welche Alexander in Aegypten erbaute, entwarf. 
Derfelbe Feldherr befahl, daß ihn kein Anderer als Apelles 
malen, Bein Underer als Pyrgoteles in Stein hauen und 
ein Anderer als Lyſippus in Erz bilden folle. In allen 
diefen Künften laſſen fidy viele Beifpiele berühmter Meifter 
nachweifen. 

XXXIX axwın), 4 Ein einziges Gemälde * des 
Thebaniſchen Malers Ariſtides erſtand der König Attalus 
für hundert Talente ſzweimalhundertundviertauſend Gulden); 
zwei des Timomachus, eine Medea undeinen Ajax, +) Banfte 
der Dictator Cäſar für achtig Talente [hundertdreiundfechs 
zigtaufendzweihundert Gulden], um fie in den Tempel ber 
Venus Benitrir zu fliften; der König Candaules wog ein 
Gemälde des Bularchus von nicht geringem Umfange, wel⸗ 





meifter Eherfi phron, weiches wohl auch der richtige Name 
feyn mag. 
*) ©, die literarifchen Bemerkungen vor diefem Buche, 

9) Nach) Athendäus (IV. p. 174.) war Cteſibius von Alerans 
dria, und lebte zur Zeit bed Ptolemaͤus Euergetes II, 
(146—115 vor Chr.). In dem Zephprustempel zu Ales 

. xandria erregte eine von ihm verfertigte Wafferorgel große 
Bewunderung, 
se, Welches einen im ee liegenden Kranken barfiellte, 
- Bol B. XXXV 8, 36, . 
+) Rol. B. XXXV. 8 3 40. 
77) Vgl. B. XXXV. 8 34. 


‘ 


6 C. Plinius: Naturgeſchichte. 


ARE die Berſtoruug Magnefta’d darſlellten? mit at anf; 
König Demetrins; genaue’ der Stadkeeinnehmer ‚-zändete 
Rhodus uicht an; : um ehm'an dem erftürintöh Ühelle der 
Maitsr befinbliches Gemaͤſde ded Protogenesnicht zit dere 
breanen. *) 2; Einen großen Namen erwarb" fich Pekriter 
les durch) Arbeiten in Marmor und dureh die Gnidiſche Ve⸗ 
uns, welche beſonders darch bie wahnſinnige Liebe: eiües 

Sünglings und durch die Wetthſchatzung des Miebmebet, 
weicher dafür die ſehr bedeuntende Staͤatsſchuld der Gridier 
tilgen wollte, merkwürdig ifl. Der Ruhm des Phidius er⸗ 
neuert ſich täglich durch den Olympiſchen Jupiter “hy. und 
der des Mentor durch den Capitoliniſchen Jupiter und die 
Epheſiſche Diaua, welchen Arbeiten von feiner kunſtreichen 
Hand +) geweiht waren. 

XL (asım), 4. Der hoͤchſte Preis eines in Sklaverei 
geborenen Menfchen bis auf den heutigen Tag wurde (fo 
viel ich weiß) für den Sprachtennet Daphnus bezahlt: M. 
Scaurus, der erſte Magiftrat ded Staates , erfand ihn don 
dem Pifaurer Snatins, welcher ihn zum Verkaufe ausbot, 
für fiebenmalhundertsaufend Seftertien [nenunmfdfünfzigtens 
fendachthundertunddreißig Gulden], Diefen Preis haben zu 
unferer Zeit die Schaufpieleer um ein Bedeutendes übers 
fhritten; fle erkauften ‚aber dafür ihre Freiheit. Schon bei 
unſern Borfahren verdiente, wie man angibt, ber Schaͤu⸗ 
fpieler Roscius jährlich fünfmalhunderttaufend Seſtertien 

*%) Mol, B. XXXVI 8, 36, 

e*) Mol, B. XXXVI. K. 4 
os) Bol, B. XXXVI. 8 a, 
7) %on getsiesener Arbeit, - Bol B. XXXIII. : 66. 





Siebentes Bud. 837 


[fiebenundvierzigtaufendflebenhundertfehsundpreißig Bulden]; 
wenn man bier nicht lieber den Bahlmeifter in dem vor nicht 
langer Beit wegen Ziridates geführten Krieg, welchem Nero 
für dreizehn Millionen Seftertien [Leine Million sweihunderts 
einundoierzigtaufendeinhundertfehsunddreißig Gulden] die 
Freiheit gab, als Beifpiel angeführt willen will. 2. Dod) 
war Dieß nicht fowohl der Preis des Mannes, als des im 
Kriege gemachten Gewinnes; wie denn wahrlidh auch E. 
?korius Priscus *) die Summe von fünfzig Millionen Se⸗ 
tertien [vier Millionen flebenhundertdreiundficbenzigtaufends 
echshundert Gulden] für Päzon, einen der Verfchnittenen 
Sejaus, nicht der Schönheit, fondern der Wolluft wegen 
ahlte. Diefe Schmach ging ihm and, ungeftraft hin, weil 
r in einem für den Staat traurigen Zeitpunkte, **) wo 
Niemand zu einer Anklage Muße hatte, den Kauf abichloß. 

XLI (zı\, 4. Alle Völker der Erde hat unftreitig das 
Kömifhe an Mannhaftigkeit übertroffen; welcher Menſch 
ıber der glüdfeligfte war, kann menſchliches Urtheil nicht 
eſtimmen, da Jeder das Blüd auf eine andere Weife und 
ach eigener Einbildung fidy vorftellt. Wollen wir aber ein 
sahres Urtheil fällen, und, oßne uns von den Verſuchungen 
es Glücks bleuden zu Saflen, entfcheiden,, fo it Bein Sterb⸗ 


*) Reicher Nömifcher Ritter, ber unter Xiberius (21 n. Chr.) 
des Hochverrathe angeklant und im Kerker ermordet 
wurde. Tacitué, Jahrb. II, 49-51. 

**) Als Tiberins nach Sejans Tob durch alle Arten von 
Grauſamkeit die Bürger in Furcht und Trauer verfegte, 
Suetonius im Leben des Tiberius, Kap. 61, - 


E. Plinius Naturgeſch. 78 Boͤchn. 8 


838 €. Plinius Naturgefchichte. 


licher glücklich. 2. Herrlich Sreibt’S und vom Glüde ſehr 
gütig behandelt iſt alfo Der, weicher wirklich nicht ungläds 
lid) genannt werden kann. Denn fällt auch durchaus nichts 
Anderes vor, ſo ift doch jedenfalls die Furcht, das Glück 
möge nachlaffen, vorhanden ; und hat ſich dieſe einmal feſt⸗ 
geſetzt, fo iſt die Glückſeligkeit nicht mehr volltommen. Und 
gibt es denn wirklich einen Gterblichen, der zu jeder Stunde 
weife ift?*) Möchten doch recht Viele diefe Behauptung 
als fatfch, und nicht als den Ausſpruch eines Orakels erken⸗ 
nen! Die eitle und in der Selbſttänſchung erfinderifche 
Sterblichkeit rechnet nad der Weife des Thraciſchen Volkes, 
weiches Steinchen von verfchiedener Farbe je nıd) den Er: 
fahrungen eines jeden Tages in eine Urne wirft, und am 
Sterbetage eines Jeden diefe fondert und zählt, um auf diefe 
Weile über den Hingeſchiedenen ein Urtheil zu fällen, *®) 
3. Wie? wenn felbft jener durch ein weißes Steinchen aufs 
gezeichnete Tag den Keim des Unglüds in fidy trägt ?. Wie 
Viele bat die errungene Herrſchaft elend gemacht! Wie 
Viele haben fhon Glücksgüter zu Grunde geridtet und in 
den tiefſten Jammer geſtürzt; wenn man nämlih Das 
Glücksgüter nennen wll was Einem eine Stunde Vergnüs 
gen gewährt! Go ift es wirklich: ein Tag entfcheidet über 
den andern, über alle abet der lebte, und deßhalb fol man 





*, Plinius will fagen : auch die Marime, „nur ber MBeife if 
gluͤcklich,“ greift nicht dur. Denn Niemand iſt Immer 
weife, alfo auch nicht alucklich. 

o*2) Man hielt ihn für gluͤcklich oder unglücklich, je nach ber 
Mehrzahl der weißen und fhwargen Steinchen. Wergl. 
Zenobius, Epitome proverb, VE, 13, 








” Siebentes Bud, 839 
seinem trauen, Ja glüctihe uud unglüdliche @reigniffe ind - 
id) nicht einmal bei gleiher Anzahl einander gleih; und 
ält wohl irgend eine Freude dem geringften Kummer die 
Bage? O eitles und thörichtes Bemühen, die Tage der 
zahl nach mit einander zu vergleichen, da man file doch gegen 
Inander abwägen follte ! ‚ 

XLU (un. Die Lacedämonierin Sampido gilt als das 
inzige Weib aller Seiten, weldyes eines Königs Tochter, 
ines Könige Bemaplin und eines Königs Mutter, *) Be 
enice ald das einzige, weldyes Tochter, Schwefter und Muts 
er Olympiſcher Sieger war; **) die Familie der Eurionen' 
[8 die einzige, in welcher in einer Reihe drei Redner, und 
ie der Fabier ale die einzige, in welcher drei Zürften ***) 
es Senats, nämlih M. Babins Ambuftus, fein Sohn Ba: 
ins ARullianus und fein Enkel Q. Fabius Burges, eben» 
ills in ununterbrochener Reihe auf einander folgten. 


— 





e) Sie war Tochter bes Leotychidas, Gemahlin des Archida⸗ 
mus, Mutter des Agis, welche alle zu dem Stamme ber 
Eurppontiden gehörten, und von 491 bis 600 vor Chr. 
herrſchten. — Plinius irrt fih, wenn er Lamyido als 
einziges Beifpiel diefer Art betrachtet. Man findet im 
Altertum anbere Beifpiele ; ; in ber neueren Zeit find fie 
nicht felten, 

2*) Bol, Aelian Var. Mist. X, 1. 

“re, Fürft Erſier) des Senats hieß ber Senator, welchen der 
Cenſor bei der Mufterung bed Senats zuerſt nannte, 
Diefe Würde war eine ber köchften im Staate: in früs 
berer Beit Bam fie dem älteften,, fpäter dem wärbigften 
Senator zu. 

g * 


840 C. Plinius Natinrgefchichte. 


XIAN (sun). Die Beifpiele der Unbeländigkeit des 
Gtädes (Ind unzählbar. Und macht es nicht eben dadurch 
die Frende groß, daß es fie auf Unglück, und das Ungläd 
dadurch unermeßlich,, daß es dieſes auf die größte Freude 
folgen läßt? 

«rum, Es erhielt den von Sylla verbanuten Senater 
M. Fiduſlins fehsnnddreißig Jahre lang; aber er wurde 
zum zweitenmal verbannt. Er überlebte zwar den Gplla, 
aber nur bis zur Zeit des Antonius, und von Diefem wurde 
er, wie man mit Bellimmtheit weiß, aus Peiner anderen 
Urfadye verbannt, ale weil er ſchon früher verbannt gemefen 
‚ war. 

XLIV. 4. Es ließ den P. .Bentidins allein über bie 
Parther triumphiren, nachdem es ihn jedoch erfi als Knaben 
im Asculanifhen Zriumphe *) des En. Pompeius Strabe 
aufgeführt hatte. Nach der Angabe des Mafurius foll er 
fogar zweimal im Triumphe aufgeführt worden ſeyn, und nad 
Cicero **) war erder Efelstreiber eines Mebllieferanten für 
Das Lager ; die Meiften kommen darin überein, Daß er feine 
Jugend in ärmlichen Umfländen unter den gemeinen Solda⸗ 
ten verlebt habe. ***) Auch Balbus Cornelius wurde Eonful 





*) Wegen der Einnahme ber Picçeniſchen Colonieftadt Aöcas 
Ium im Bunbetgenoffenfriege (89 vor Ehr.). Wellejus 
Paterculus IE, 21, 

*®) Epist. ad Divers. X, 18. 

“os, Mol, Gellius N. A. XV, 4. Ventibius ſtammte ans 
einer vornehmen Samilie, wurde aber bei der Froberung 
feiner Baterfiabt Aſculum zum Oefangenen gemacht uud 

8, bis Edfar fein Talent erfannte und der Brfns 





Giebentes Buch. 841 


[40 vor Ehr.], aber erft nachdem er vorher augeklogt worden 
war, und ſich Die richteriiche Unterſuchung, ob er mit Ruthen 
geitrihen werden dürfe, *) hatte müffen gefallen laffen. Er 
war der erfte Ausländer, der erfte auf dem Ocean Gebo 
vene, **) welcher Tiefe Würde bekleidete, die unfere Vor⸗ 
eltern fogar den Bewohnern Latiums verweigerten. Zu den 
merkwürdigen Beifpielen gehört auch 2. Fulvius, der Eon- 
fol der Qusceulanifhen Empörer, welcher fogleih, als er 
überging, von dem Römiſchen Volke. mit derfelben Würde 
beffeidet wurde [322 vor Ehr.], und ter Einzige if, weicher 
in demfelben Jahre, in dem er ald Beind auftrat, zu Rom 
über Die, deren Eonful er gewefen, trinmphirte, 

2. Bis auf den heutigen Tag if Sylla der einzige 
Menſch, welcher fid) den Beinamen des Glücklichen aumaßte, 
ven er Tod nur auf Bürgerblut und Unterdrüdung des 
Baterlandes gründete. Und aus welchen Gründen nannte 
r ſich glücktich? Weil er fo viele tauſend. Bürger zu ner. 
annen und zu morden vermochte? O fhändliche und für 
ie Bolgezeit unbeilfhwangere Anſicht! Hatten nicht die das 
ıal® zu Grunde Gegangenen ein befferes Zoos, da wir fie 





der feines Glückes ward, Ventidius wurde im J. 38 vor 
Ehr. Eonful, Wd triumphirte Aber die Parther, bie er 
durch Muth und Umficht bezwungen hatte (39 v. Ehr.). 

+) Kein Römifcher Bürger durfte auf biefe Weiſe beftraft 
werden. Balbus Eornelius war von Pompejus mit dem 
Bürgerrecht befchenet worden; man machte ed ihm aber 
fireitig.. Die für feine Sache gehaltene Rede Eicero’s iſt 
noch vorhanden, 

+) Sr flammte von Babes. Mol. B. V. 8, 5. 6 


®. 


32 6. Plinius Naturgeſchiqte. 


noch heute bebanern, während Sylla von Jedem verabſchent 
wird? 3. Und war bas Ende feines Lebens nicht ſchrecklicher, 
als das Unglück aller von ihm Berbaunten, intem fein Körs 
per Ach ſelbſt aufzehrte, und fich feihft feine Strafe erzeugte? *) 
Mag er Dieß audy verhehlt haben, und wollen wir auch fei- 
nem legten Zraume (in welchem er gewiffermaßen ftarb) 
glauben, daß nämlich er allein den Neid durch feinen Rahm 
befiegt habe, fo hielt er Body nach feinem eigenen Cinge 
Aäudniffe feine Glückſeligkeit deßhalb nicht für vollkommen, 
weil er das Capitol nicht eingeweiht habe. **) 

XLV. 4. Quintus Metellus hat in der Lobrede, welde 
er bei der Leichenbeflattung feines Vate.8 2. Metellus, wels 
cher DOberpriefter, zweimal Conſul, ***) Dictator , Befehls: 
haber der Reiterei und einer der zur Bertheilung der Aecker 
erwählten Fünfzehnmänner war, nnd nad) dem erflen Pu: 
nifhen Kriege zuerft Elephanten. im Triumphe aufführte, +) 
hielt, dee Nachwelt überliefert, daB Diefer die zehn höchſten 
und vorzüglichſten Dinge, zu deren Erlaugung die Weifen 
ihr Leben verwenden, in ſich vereinigt habe. Er habe näms 
lich der erfle Krieger, ber befte Redner, der tapferite Feld⸗ 





e) Sylla fiarb an ber Läuſeſucht. „Bol, B. XL 8. 39. 
Valerius Maximus IX, 4. 9 

°*) Er hatte die Wiebererbauung des abgebrannten Kapitols 
fibernommen, ſtarb aber vor der Einweihung. Tacitus 
Hist. III, 72. 

er.) In den Fahren 251 und 247 vor Ehr. 

+) Nach) einer andern Stelle des Plinius (VIII, 6.) wurden 
fhon nad dem Kriene mit den König Pyrrhus die ers 
fien Elephanten im Triumph aufgeführt. 











Giebentes Bud. 845 


herr ſeyn, unter feiner Leitung die wichtigſten Dinge volls 
bringen, das höchſte Anfehea genießen , die größte Weisheit 
beflgen, für den vorzüglichſten Senator gebalten feyn, ein 
großes Vermögen auf qute Art ſammeln, viele Kinder bin: 
terloffen und als der Berühmteſte im Staate gelten wollen. 
Dieb ſey auch nur ihm und Leinem Andern feit ter Er⸗ 
baunung Roms gelangen. 2. Es wäre zu weitläufig und 
and berflüſſig, dDiefe Behauptung zu widerlegen, da fie 
durch eine einzige Thatſache fhon zur Genüge widerlegt 
wird. Denn diefer Metellus brachte fein Alter in Blind⸗ 
heit bin, nachdem er feine Angen bei einer Feuersbrunſt, 
als er das Palladium *) and dem Tempel der Beta holte, 
verloren hatte: freitidy ein rühmlicher Beweggrund, aber von 
unglüdlihem Ausgange. Man kann ihn deßhalb, obgleich 
er nicht gerade unglüdlich genannt werden darf, doch auch 
nicht glädlidy nennen. Das Römiſche Volk ertheilte ihm 
die noch feinem Andern feit dem Beginne des Staates ges 
währte Belohnung, daß man ihn, fo oft er den Genat bes 
ſuchen wollte, auf einem Wagen nach dem Rathhauſe fuhr — 
ein großes und herrliches Vorrecht, das er aber mit dem 
Verluſte feiner Angen erfaufte, 

(zum), 5. Auch der Sohn diefes D. Metellus, welcher 
das Angeführte von feinem Bater fagte, wird zu den feltenen 
Beifpielen menſchlicher Gtüdfeligkeit gezählt. Denn er bes 
Bleidete nicht nur die höchſten Ehrenftellen, und erhielt den 


9) Ein Bild der Minerva, wie man fagt, an beffen Erhaltung 
> die Religion der Nömer die Wohlfahrt bed Staates Infpfte, 


7 


Br €. Plinius Raturgefchichte. 


Beinamen „ber Muacedonifte;“*) fondern wurde überdieß 
von vier Söhnen auf den Scheiterhaufen gelegt, von denen 
einer Drätor und drei Conſuln geweien, zwei trinmpbirt 
hatten und einer Cenſor war, welche Auszeichnungen, and) 
einzeln genommen, nur ‚Wenigen zu Theil werden. Und 
doch wurde er in der Blüthe feines Anſehens von dem 
Volkstribun E. Attinius Labeo, mit dem Beinamen Maceı 
rio, den er als Cenſor aus dem Genate geftoßen hatte, ald 
er zur, Mittagszeit, wo Forum und Eapitolium menfchenleer 
waren, von dem Marsfelde zurückkehrte, zum Xarpejifchen 
Belfen gefchleppt, um herabgeftürzt zu werden. Zwar cite 
jene zablreihe Scaar, die ihn Vater nannte, aber (mie eb 
bei einem fo unvorhergefehenen Balle nicht anders fepn 
konnte) zu fpät, und gleichſam mur zu feinem Leichende 
gängniffe herbei, da men nicht das Recht hatte, der gehei⸗ 
ligten Perfon eines Tribduns Widerſtand zu leiten; nnd er 
wäre ein Opfer feiner Rechtſchaffenheit und des Cenſoram⸗ 
tes geworden, wenn man nicht nad vieler Mühe einen 
Zribun, der Einfprache that, aufgefunden und ihm fo von 
der Schwelle ded Todes zurückgewiefen hätte. Später lebte 
er von fremder Unterflügung, da der von ihm früher ver: 
urtheilte Zribun and feine Güter einer Gottheit geweiht 
batte, **) als wenn er nicht ſchon genug dadurd), daß man 





*) Beil er Macebonien beswungen, und zur Römifcdhen Pro⸗ 
vinz gemacht hatte (148 vor Ehr.). 

es, Der Tribun hatte fi nicht nur der Perfon bed Metelind 

bemächtigt, fondern auch feine Gitter feierlich der Golt⸗ 

- heit geweiht (vgl. Cicero, pro demo sun, c. 47.). Eis 

anderer Zribun vermochte nun zwar bie Perfon bes Ge 


s 


Giebentes Bud. 84 


ihm bie Kehle zufchnürte, und das Blut and den Ohren 
preßte, gemißhandelt worden wäre. 4. Zu feinem Unglüde 
möchte ich ferner rechnen, daß er des zweiten Afrikaners *) 
Beind war, und er, der Macedonifhe, geſtand Diefes ſelbſt 
ein, ald er zu feinen Kindern ſprach: „gehet hin, meine 
Söhne, erweilet ihm die letzte Ehre; denn mie werdet ihr die 
Leiche eines größeren Bürgers’ fehen." Und Dieß fagte er 
zu feinen Söhnen, als dieſe ſchon die Beinamen „der Balea⸗ 
rifche“ und „der mit dem Diadem Gefhmädte“ **) führten, 
und er felbft ſchon der Macedonifhe hieß. Wer möchte aber, 
wenn er auch nur dieſe einzige Schmach in Auſchlag bringen 
will, Den wirklich glücklich neunen, der in der Gefahr 
ſchwebte, nad dem Gelüſten eines Feindes, der bei weitem 
fein Afrikaner war, fein Leben zu verlieren? 5. Konnte 
die Belegung, irgend eines Beindes dieſe Schmad aufwies 
gen? Hat nicht das Schickſal dur diefe feine Gewaltthat 
alle Ehrenbezeugungen und Triumphzuge in den Hintergrund 
gedrängt ? Ein Eenfor durch die Mitte der Stadt gefchleift 

(und doch war Dieß das einzige Mittel, um Zeit zu gewins 


mißhandeiten zu retten; bie &üter aber Tonnten der 
SGottheit nicht wieder entzogen werben, und waren unwies 
berbringlich verloren, 
*).9. Cornelius Scipio, weicher Kartbago zerfißrte, 

*., Der Eine, weil er die Bewohner biefer Infel beftegt hatte 
(Sicero, pro Roscio Amer. co. 56. De Divin. I, 2.); 
der Andere, weil er bie durch ein Geſchwür verunftaltete . 

Stirne mit einer biabemähnlichen Binde umwunden hatte 
(vgl. Plutarch, im Leben Koriolan’d Kap. 11). Diefe 
legte Urfache Bann freilich Feinen Ehrennamen begründen ; 


846 €. Plinius Naturgefchichte. 


sen, °) nad jenem Gapitolium gefcleift, in welches er 
ſelbſt nicht einmal die Gefangenen, mit deren Beute er im 
Triumphe einzog, auf dieſe Weife gefchieift hatte! Der 
Srevel wird noch durch das fpätere Glück des Metellus ge: 
hoben, da er durch ihn Befahr lief, einer fo herrlichen und 
feitenen LZeichenfeier verluftig zu werden, bei welcher er von 
Kindern, die bereits triumphirt hatten, auf den Gcheiters 
haufen getragen wurde, und fo gleihfam noch bei feiner 
Beftattung triamphirte. WBahrli keine Glückſeligkeit if 
vollkommen, weiche einmal im Leben irgend eine Schmach, 
und wenn ed aud) Beine fo bedeufente ift, unterbricht. Ues 
brigens weiß ich nicht, ob es den Sitten jener Zeit zum 
Ruhme gereihen, oder ob ed nicht vielmehr den Schwerz 
der Entrüftung fleigern foll, daß bei der zahlreichen Familie 
der Metelle die fo abſcheuliche Brechbeit des C. Attinius 
ungeahudet blieb. 

XLVI (zıv), Wach bei dem götttichen Auguſtus, den 
doch die ganze Welt unter die vom Blüde Begünſtigten 
zählt, zeigt fich, wenn man Alles genauer erwägt, eine große 
Unbefläntigteit des menfhlihen Schidfals. Hierher gehören 





Hoch darf man im Text nicht „Diadematis“ in „Dalms- 
.tieis“ („ber Dalmatifhe”) ändern, ba man durch Eicere 
(Or. post. red, ad Quirit. o. 3.) mit Beſtimmtheit weiß, 
daß Mehrere aus der Familie der Meteller den Beinamen 
Diadematus führten, wenn nnd auch bie wahre Urfache 
Diefer Benennung, unbefannt ift, 

Wenn’ er ohne. Widertand mit auf dad Kapitolium ges 
gangen wäre, fo wärbe ber rettende Xribun gm fpät ges 
tommen ſeyn. 


Giebentes Buch. 847 


die Ahweifung durch feinen Dbeim, *) als er fid um den 
Dberbefehl über die Keiterei bewarb, und der Vorzug , der 
gegen fein Gefady dem Lepidus gegeben wurde; der Haß, 
welchen ihm die Berbaunungen *®) angezogen; feine Berbin⸗ 
dung mit den ſchlechteſten Bürgern währeud des Triumvirats, 
wobei ihm nicht einmal gleiter Machtantheil, fordern der 
weit überwiegende dem Antonius zukam; feine Krankheit 
während der Echlacht bei Philippi; die Blucht und ter breis 
tägige Verluft des Erkrankten und (wie Agrippa und Mä—⸗ 
cenas geftehen) durch die Hautwaſſerſucht Aufgefhwollenen 
in einem Sumpfe; ***, fein doppelter Schiffbrud, bei Sici⸗ 
lien, +) und fein zweiter Verſteck daſelbſt in einer Höhle; 
die an feinen Freigelaffenen Proculejus gerichtete Bitte, ihm 
den Zod zu geben, ald ihn auf der Flucht nah dem Ger 
greffen die feindlihe Macht hart beträngte; ++) feim Abs 
mühen bei dem Perafinifhen Handel; +++) feine Angft in 


°, Julius Edfar’ Dieb, gefhah im J. 46 vor Ehr. 
””) Während des Zriumviratd mit Antonius und Lepidus. 
s.., Als nämlich in dem erfien Treffen fein Lager erobert 
wurde, und er kaum noch auf feiner Flucht den Flügel 
des fiegenden Antvnius erreichte. Sueton, im Leben des 
Augufins 16. 
+) Im Kriege gegen Pompejus. Sueton, a. a D. 8. 16. 
+7) Demochares und Apollophaned , Felbheren bed Pompeiut, 
verfolgten ihn, und er ehtfam mit einem einzigen Schiffe. 
Sueton, a. a. D. 8. 16. 
++H Der Conſul €, Antonius, Bruder des Trinmvir, hatte 
Unruhen erregt, umd fih in Peruſia fefigefegt. Mit Mühe 
wurde ge Stadt zur Uebergabe gezwungen. Sueton, a⸗ 
a. O. 14. 


848 C. Plinins Naturgefchichte. 


der Schlacht bei Actium; *) ſein Fall von einem Thurme 
während der Pannoniſchen Kriege; **) fo viele Empörungen 
feiner Goldaten; ***) fo viele lebensgefährlie Kraukhei⸗ 
ten; +) die verbädtigen Wünſche des Marcellus; tr) bie 
ſchi pfliche Gelbftverbannung Agrippa's; +r}) die fo oft 
wiederholten Anfcyläge auf fein Leben; +’) die ibm zur Lafl 
gelegte Ermordung feiner Kinder +°*) und der dadurd) nody 
geeigerte Schmerz über den Bertuft derfelben, der Ehebruch 
feiner Tochter [Julia] und die offenkundig gewordenen vas 
termörderifchen Anfchläge Derfelben ; +***) die für ihn ſchmäh⸗ 
liche Entfernung feines Stiefſohnes Nero; *+) der Ehebruch 





") Gegen Antonius, wo der Audgang lange zweifelhaft wer. 
°.. Als er bei der Belagerung ber Stadt Metulum (35 vor 
Ehr.) von einem Thurm auf pie Mauer fpringen wollte, 
Die Cafiius, R. ©. XLIX, 35. 
9) GSueton, a, a. D. Kap. 17. Geneca, de clement. I, 9, 
FT) Sueton, a. a. D. Kay. 80—82, 
+H Seines Schwefterfohnes , welcher in den Verbadht Fam, 
als firebe er nad) der Herrſchaft, und fehr jung, wahrs 
fheinfih an Gift, das ihm Livia, Augufs Gemahlin, beis 
zubringen wußte, farb. Tacitus, Ann. I, 3. II, 41. 
tr) Seines Schwiegerfohne®, ber ſich, meil er den Verdacht 
beste, ald werde er von Auguſtus nicht gerne geſehen, 
und Ihm Marcellus vorgesogen, nach Mitylene entfernte, 
ESueton, a. a, O. Kay 
+") Bol. Sueron, a. a. © Kar. 19. 
2°) Seiner Enkel Cajus und Lucius, die er aboptirt hatte, 
and welche Livia aus dem Wege geräumt haben fol, um 
Ihrem Sohne Tiberius bie Nachfolge zu fichern. 
—8 Sueton, a. a. O. Kap 
) Welcher fih aus Biderwillen gegen feine Gemahlin Ju⸗ 
"nach Rhodus entfernte, was bem Water derſelben Peine 








‚ Siebentes Bud. 849 


feiner Enkelin; *) dann die Hänfung fo vieler anderer Un⸗ 
glücsfälle; der Mangel an dem zur Befoldung des Heeres 
nöthigen Gelde; die Empörung Illyriens; **), die Anwer⸗ 
bung der Skladen; der Mangelan waffenfähiger Jugend; ***) 
Die Peſt in der Stadt; +) die Hungersnoth und Dürre in 
Italien; +7) fein Vorſatz zu Sterben und fein viertägiges 
Sieber, wodarch er bereitd den Keim des Todes in feinen 
Körper gelegt hatte; außerdem nody Die Niederlage des Bas 
rus; T+r) die gemeine Beftimpfung feiner Würde; 78) die 
Berttoßung des Poſthumus Agrippa,, nachdem er ihn an 
Kindesftatt angenommen hatte; +**) feine Sehnſucht na 
Demfelben, ald er verbannt war; T***) dann von der einen 
Seite der Verdacht gegen Fabius *+) und die Furcht, Die 





Freude machen konnte. Sueton, im Leben des Tiberius, 
Ray. 10— 12. | 
*) Der jüngeren Julia, einer Tochter der Julia und des 
Agrippa. Sueton, im Leben des Augufius, Kap. 65, 
°., Im 3. 35 vor Ehr. Dio Caſſins, R. ©. XLIX, 35—37, 
.r, Haupifählic nad der Niederlage bed Varus. ' 
+) Im 3. 22 vor Ehr. 
+7) Sueton. a. a. D. Rap, 16. und 42. 
+++) Durch den Cherusterfürften Hermann, 
7’) Durch Shmähfchriftn. Sueton, a. a. D. Kap. 55. 
+°*) Wegen feiner eben fo niedrigen, als wilden Gemäthöurt, 
Sueton, a. a. D. Rap. 65. Bol. Tacitus, Ann. I, 3, 
+°*+*) Er fol ihn fogar an feinem Verbannungsorte auf der 
Inſel Planafia heimlich befucht haben, Tacitus, Ann. I, 4. 
*+) Fabius Marimus, welcher. den Kaifer Augufius allein auf 
die Infel Planafia begleitet. hatte. Die Furcht, er 
möchte das Geheimniß ter Kaiferin verrathen, und Diefe 
dadurch) aus Liebe zu ihrem Gohne Tiberius zu eines 
verzweifelten Schritte verleiten, quälte ihn unaufhbrlich. 


. 850 C. Plinius Naturgeſchichte. 


fer möge feine Geheimniſſe verrathen, und endlich von der 
audern die Rinke feines Weibes und des Tiberius; feine 
legte Sorge. Mit einem Worte, diefer Gott, welcher den 
Himmel, id) weiß nicht 05 ich fagen foll, verdient oder viels 
mehr glücklich erhafcht hat, hinterlich ben Sohn feines Fein⸗ 
des *) als Erben. 

XLVIF (xıvı). Bei dieſer Betrachrung ſallen mir auch 
noch die Orakelſprüche ein, welche von dem Gotte gleichſam 
zur Beſchämung der menſchlichen Eitelkeit ertheilt wurden. 
Es ſind deren zwei, nämlich: „Phedius, welcher kürzlich für 
fein Vaterland gefallen, ſey der glücklichſte Menſch.“ und 
daun die Antwort, welche Gyges, der damals mächtigſte 
König der Erde, auf ſeine Aufrage erhielt: „Aglaus von 
Pſophis **) ſey glücktider als er.“ Dieſer Letztere war ein 
Greis, welcher in einem unbedentenden Winkel Arkadiens 
ein kleines, aber für ſeinen jährlichen Unterhalt vollkommen 
hinreichendes Landgut bebaute. Er hatte daſſelbe nie vers 
lafſen und (wie ſchon aus ſeiner Lebensweiſe hervorgeht) bei 
fehr wenigen Wünſchen im Leben auch nur fehr wenig Uns 
glück erfahren. #"*) | 

XLVIII (xıvi). Anuf Befehl deffelben. Orakels und mit 
@iuwilligung Jupiters, des höchſten der Götter, ‚wurde ber 
Sanftlämpfer Euthymus, ber ſtets zu Dlympia geflegt hatte, 





*) Tiberius Nero, welcher während beB Bürgerkrieges auf 
der Seite bes M. Antonius fand, Gueton, im Xiber, 


Kay 
.., Eine Zart Arecadiens. . B. IV. K. 10. 81. 
vo, Bal. Valerius Maximus Yır, 1. 











Siebentes Bud. | 851 


and nur einmal beflegt worden war, *) während er nody auf 
der Erde wandelte und ed mitanfchen Bonnte, vergöttert. 
Grin Vaterland war Locri in Skalen. Das fein bafelbft 
befindliches Stantbild und ein anderes zu Diympia an einem 
und demfelden Tage vom Blitze getroffen wurde, fepte dem 
Callimachus, **) wie ic) fehe, mehr als fonft irgend Etwas, 
in Erſtaunen, und er gab daher den Rath, ihm Opfer dar⸗ 
zubringen, was auch während feines Lebens und nad) feinem 
Zode mehrmals gefhah; und richte ift wohl wunderbarer, 
als daß ſich die Götter Diefes gefallen ließen. 

XLIX (zıvan, 4A. Ueber die Dauer und Länge des 
menfchlichen Lebens läßt Mich nicht nur der verfchiedenen Lage 
der Zänder, fondern audy der verfhiedenen Beifpiele und des 
Jedem bei feiner Geburt zugetheilten Loofed wegen nichts 
Beſtimmtes fagen. Heſſodus, welcher zuerft Einiges fiber 
diefen Gegenſtand ſchrieb, ***) erzählt nach meinem Dafür⸗ 
halten viel Babelhaftes von dem Leben des Menfchen, und 
behauptet, die Krähe lebe nenum fo lange als wir, der 
Hirfdy viermal fo lange ald die Krähe, und der Nabe dreimal 
fo lange ald der Hirſch. +) Was er weiter von dem Phönix 
und den Nymphen fagt, ift noch viel fabelhafter. Der Dichter 
Anacreon gibt Arganthonias, dem Könige der Tarteffler, 





*) Und zwar nur durch Lift und Betrug. 
”) Den. Dichter, Val. bie literariſchen Bemerkungen vor 
dieſem Buche. 
99°) In einem feiner nicht mehr vorhandenen Werte, 
+) Diefe Uebertreibung verdient wohl Beine Berichtigung. 
Vieleicht and hat Piinins bie worte Heſiods mißver⸗ 
ſtanden. 


— + 


852 C. Plinius Naturgeſchichte. 


hundertundſünfzig Jahre; Cinyras, dem Könige der Cyprier, 
noch zehn mehr, und dem Aeginius zweihundert, Theopom⸗ 
pus dem Epimenides von Gnoffus hundertiichenundfünfzig 
Jahre. 2. Hellanicus berichtet, DaB Manche von dem Stamme 
der Epier in Netolien zweihundert Fahre alt würden; ihm 
Aimmt Damaftes bei und erwähnt, daß unter ihnen Picto⸗ 
rens, ein durch Größe und Stärke ausgezeichneter Mann, 
ein Alter von dreihundert Jahren erreicht habe. Nach Epho⸗ 
rus lebten die Könige von A:cadien dreifundert Jahre; nad) 
Alerander Eornelins erreichte ein gewiſſer Dando in Jäps 
zien ein Alter von fünfhundert: Jahren. Xenophon erzäblt 
in feiner Reifebefhreibung , der König der Inſel der hp 
nier *) ſey fechshundert, und, als wenn Diefes noch zn wes 
ig gelogen wäre, fein Sohn achthundert Jahre alt gewor—⸗ 
den. Wlles Diefes kommt von der linfenntniß der Zeitrech⸗ 
nung. Denn Manche rechneten den Sommer für ein Jahr 
und den Winter wieder für eines; "Andere machten aus eis 
nem Jahre vier, wie die gfrendier, deren Fahr nur aus drei 
Monaten beftaud, und Einige ſchloßen fogar das Fahr mit 
jedem Mondwechfel, wie die Aegypter, und auf diefe Weile 
können denn auch bei ihnen Manche tauſend Jahre alt ge⸗ 
worden ſeyn. 





°) Nach der Lesart „Thynorum ‚* welche allein annehmbar 
if, da bie Thyner In Bithynien am ſchwarzen Meere 
wohnten. Denn Zenophond Reifgbefchreibung befchiftigt 
fit) nue mit ben an biefem Meere gelegenen Ländern 
(vgl. bie Iterarifchen Bemerkungen vor biefem Buche). 
Die gewöhnliche Lesart „Tyriorum“ ſch int jedenfalls uns 
ſtatthaft zu feyn. | 








_ 


Siebentes Bud). 853 


5. Berner, um jept auf Superläßigeres Überzugehen, 
ift faft gewiß, daß Urganthonius zu Gades achtzig Jahre 
regiert habe, obſchon er, wie man glaubt, die Regierung erft 
in feinem vierzigften Jahre antrat. Daß Mafiiniffa*) fedh: 
zig Jahre regierte, und der Sictlianer Borgias **) ein Alter 
von hundertundacht Fahren erreichte, unterliegt Prinem Zwei: 
fe. D. Fabius Marimus war dreiundfechzig Jahre Augur; 
SM. Perpenna und nod vor Kurzem 2% DBouflue Saturni⸗ 
nus überlebten Alle, welche fie während der Bekleidung des 
Eonfulats um ihre Meinung befragt hatten, ***) und Per⸗ 
penna hinterließ wur fieben von Denen, +) die er als Eenfor 
gewählt hatte; er ward achtundneungig Fahre alt. A. Bei 
Diefer Belegenheit mag and) nody die Bemerkung mit unters - 
Iaufen, daß nur ein einzigesmal ein Seitraum von fünf 
Fahren [Luftrum] verging, in welchem kein Senator farb, 
nämlidy von der Seit, ald die Eenforen Flaccus und Wibis 
nns;das Luftrum feierten, im fünfhundertacunundflebeniige 
fien Fahre der Stadt [175 vor Chr], bis Algden nächſten 
Ceuſoren. M. Valerius Corvinus ward hundert Jahre alt, 
und zwiſchen feinem erſten und ſechsten Conſulate verfloſſen 
ſechsundvierzig Jahre. Auch ſaß Derſelbe öfter als irgend 
sin Anderer, nämlich einundzwanzigmat, auf dem Eurulifchen 





” 


* Bol. oben Kay. 12. 
e0) Der Lehrer ded Rebners Iſokrates und anderer serühmten 
Männer. Balerius Marimus, VIII, 13. 
+) D. h. alle Senatoren, welche zur Zeit ihres Conſulats 
vorhanden waren. - 
T) Bon ben Senatoren naͤmlich. 


€, Plinius Naturgeſch. 78 Bbchn, 9 


x 


864 €. Plinius Nakurgeſchichte. 
Gtuhle. D Ein eben fo hohes Alter, erreichte der Dberprie: 
ſter Metellus. 

5. Unter den Frauen wurde Livia, des Rutilius Ge: 
mahlin, über flebenundneunzig, Gtatilia aus einem vorueh 
men Haufe unter der Regierung des Claudius neunundneun⸗ 
. zig, Terentia, Eicero’d Gemahlin, hundertunddrei und Clo⸗ 

dia, die Battin des Oftlius, hundertundfünfzehn Jahre alt. 
Die Letztere gebar auch fünfjehnmal. Die mimifche Künft: 
lerin Lucceja ſprach noch in ihrem hundertften Jahre auf der 
Bühne, und die in den Swifchenfpielen'auftretende Tänzerin 
Galeria Eopiola erſchien in ihrem hundertundvierten Jahre 
unter dem Conſulate des C. Poppäus und Q. Sulpicins 
[9 nach Chr.], als die zus Erhaltung des göttlichen Angu⸗ 
ſtus gelobten Spiele gefeiert wurden, wieder auf der Bühne, 
auf welcher ſie der Volksädil M. Pomponius einundneungig 
Jahre früher unter dem Conſulate des T. Marius und En. 
Carbo [82 vor Ehr.] ihren erſten Verſuch hatte machen laſ⸗ 
fen, und anf melde ſinſchon von dem großen Pompejus bei 
der Einweißing feines großen Gchaufpielhaufes als alte 
Fran zu Aller Erſtaunen wieder gebracht worben war, 
6. Daß aut) Gammula **) Hundert Fahre gelebt Habe, 








2) Ein Stahl ohne Lehne, welcher zufammengelegt werben 
Eonnte, und den hoͤchſten Magifiraten (Gonfaln, Yrätoren, 
Aedilen) nachgetragen wurde. Valerius Corvinus beklei⸗ 
dete alſo ſehr oft babe Stellen. 

2) Embollaria. Andere halten dieſes Wort, welches außer 
dieſer Stelle auch noch in einer Infchrift (Muratori p. 660, 
4.) vorkommt, mit Unrecht für einen Eigennamen. 

909) Moni auch eine Schaufpielerin oder Tänzerin, 





Siebentes Buch. 885 


erzählt Asconius Pedianus. Weniger wundert es mich, daß 
Stephanio (welcher zuerſt Römiſche Nationaltänze einführte) 
bei zwei Säcularfeſten tanzte, einmal bei dem des göttlichen 
Augufins [17 vor Ehr.] und bei dem, welcher der Kaiſer 
Claudius während feines vierten Conſulats [A7 vor Chr.] 
veranftaltete; denn zwifchen beiden Liegen nicht mehr als 
dreiundſechzig Fahre, obſchon Stephanio auch noch Lange 
nachher lebte. Auf der Spitze des Berges Smolus, welche 
Teinpſis heißt, ſollen, wie Mucianus exzählt, die Lente hun⸗ 
dertundfünfzig Jahre alt werden. Als eben ſo alt wurde 
bei der Volkszählung des Kaiſers Clandius der Bononier T. 
Fullonius angegeben, was ſich auch, als man die Angaben, 
die er bei früheren Zählungen machte, und andere beweis⸗— 
Präftige Lebensumflände (über welche der Kaifer ebenfalls 
Erfundigungen einzog) damit verglich, als richtig erwies. 
L aux). 4. Hier ift wohl auch der ſchicklichſte Ort, 
um die Anſicht der Sterndentefunft mitzutheilen. Epigenes 
behauptete, daB die Lebensdaner nicht volle hundertundzwölf 
Jahre währe; Berofus, daß fie die Zahl von hundertundfich- 
zehn Fahren nicht Überfchreiten könne. Die Beſtimmungs⸗ 
meife, weldye Petoſiris und Mecepfos einführten, und bie 
nach der Eintheilung [des Thierkreifes] in je drei Zeichen 
Viertheil Eetartemorion) heißt, iſt immer uoch die gewoͤhn⸗ 
liche, *) und ans ihr "erhellt, daß das Menſchenleben in dem 





*) Dieſe Verechnungsweiſe beruht auf dee Eintheiluung ber 
zwölf Zeichen des Thierkreiſes in vier Theile, alfo in je 
drei Beihen. Nach ber Lehre ber Aſtrologen Bann ein 


9% 


856 


€, Plinius Naturgeſchichte. 


Striche Italiens hundertvierundzwanzig Jahre danern könne. 
Jene längneten, daß irgend Jemand das Aufgangsmaß von 
neunzig Graden *) (von ihnen Auaphora [Aufſteigung] ges 
nannt) überſchreiten könne, und daß ſelbſt Dieſes durch die 
Dazwiſchenkunft unheilbringender Geſtirne oder auch nur 
durch ihre und der Sonne Strahlen durchſchnitten werde, **) 
3. Später kam die Schule des Aesculapius wieder. in Auf: 
nahme, wilde ebenfalls lehrt, daß die Lebensdauer von den 
Sternen abhängig fey, aber nichts Gewiſſes über die äußerſte 


Menſch, welcher bei dem Aufgange des erſten dieſer brei 
Zeichen geboren iſt, nicht mehr Jahre leben, als durch 
dieſes und die beiden folgenden Zeichen beſtimmt ſind. 


.Dieſe Jahrbeſtimmung der Zeichen bes Thierkreiſes iſt aber 


nicht Überall dieſelbe, ſondern richtet ſich nach ber Lage 
der von den alten Aſtronomen gezogenen Parallelkreife 
(vgl. 8. VI. 8. 39.) und der verhiedenen Neigung bes 
Himmeld. In Rom war nah Zulins Firmicus Maters 
nus (Mathes. II, 13.) vie Zahlbetimmung ber Zeichen 
folgende: Widder = 17 Jahren; Stier — 22; Zwillinge 
— 17; Krebs — 22; Löwe — 37; Jungfrau — 43; 
Wage —. 42; Storpion — 37, Schüge = 32; Stein⸗ 
bo@ — 275; Waffermann — 22; Fiſche — 17. War 
nun Jemand in Italien z. B. beim Aufgange ded Löwen 
geboren, fo galt es für einen glücklichen Fall; benn für 
ihn war eine Lebendzeit von 37 4 42 + 42 = 121 
Fahren möglich. Un diefer Stelle möchte deßhalb ſtatt 
der im Texte ſtehenden Zahl 124 richtiger 121 zu leſen 


ſeyn 
°) Der drei Zeichen bes Thierkreiſes, da auf jedes Zeichen 


dreißig Grade kommen. 


”*, Weßhalb die meifen Menschen die ihmen von dem bei ih⸗ 


* Geburt aufgehenden Zeichen beſtimmte Zahl von Jahren 
eben. 


Siebentes Buch. 8687 


Friſt feſiſezt. Ein längeres Leben iſt nach ihnen Thon 
Bewegen felten, weil eine große Menge Menfdten , welche 
in den entfcheidenden Stunden der Mondtage, nämlich in 
der fiebenten und vierzehnten Stumde (ed mögen diefe nun 
Nacht: oder Tagſtunden feyn) zur Welt kommen, durch das 
Geſet der Stufenjahre *) (welche fie climacterifdie nennen) 
dem Tode verfallen, und die auf diefe Weife Geborenen felten 
dag vierundfünfzigfle Fahre überfchreiten. 

3. Das Schwanken diefer Kunſt ſelbſt zeigt übrigens 
ſchon, wie ungewiß die ganze Sache ift. Dazu fommen noch 
die Erfahrungen und Beifpiele der letzten Volkszählung, 
welche die Kaifer und Cäſarn Befpaflan,’ Vater und Sohn, 
vor vier, Fahren [74 nad) Chr.] anftellten. Man braucht 
deßhalb noch nicht einmal alle Schagungsbüder durchzuge⸗ 
hen, und wir wollen nur aus dehen, welcke den mittleren 
Theil Italiens zwifchen dem Apenninus und dem Padus 
betreffen, Beifpiele anführen. Zu Parma gaben drei huns 
dertundzwanzig, zu Brirelum [Bregella] einer hundertfünf: 
undzwanzig, zu Parma zwei huudertunddreißig, zu Placen⸗ 
tia [Piacenza] einer hunderteinunddreißig, zu Faventia 
[Baenza] ein Weib hundertfünfunddreißig, L. ZTerentius, des 
Marcus Sohn, zu Bononia [Bologna] und M. Aponius zu 
Ariminum [Rimini] hundertfünfzig und Tertulfa ebenda: 
ſelbſt hunderffiebenumdbreißig Jahre an. 4. Auf den Hü- 





®) Anni colimacteres oder scansiles find ſolche, deren Zahl 
von zwei mit einander multiplicirten Sahlen gebildet wird. 
Das vierundfänfzigfie Sahr if ein Stufenjahr; denn bie 
Zahl 54 iſt — 69. 


1 
® 


858 €. Plinius Naturgefhichte. 


geln in der Umgegend von Placentia liegt die Stadt Bele- 
jacintn, *) in welcher ſechs hundertzehn, vier hundertzwan⸗ 
zig, und einer, nämlih M. Marcius Felix, des Marcus 
Sohn, aus der Gaterifchen Bürgerbfaffe,. hundertuierzig Fahre 
alt wurdın. Um uns aber nicht länger bei einer audges 
machten Sache aufzuhalten, fo bemerken wir, daß in dem 
achten Bezirke Italiens vierundfünfzig Leute "von hundert, 
vierzehn von hundertzehn, zwei von hundertfünfundzwarig, 
vier von hnybertdreißig ‚ eben fo viele von, hHundertfünfunds 
dreißig oder hundertfiebenunddreißig und drei bon hunderts 
vierzig Fahren eingetragen ind. 

5. Noch eine andere Laune des menihlihen Schidfals ! 
Hector und Polydamas, deren Loos fo verfchieden war, **) 
wurden nach Homer ***) jn einer und derfelben Nacht ges 
boren. M. Cäcilius Rufns und E. Licinius Calvus kamen 
an einem und demſelben Tage, nämlich am fünften vor den 
Calenden des. Fun; [28. Mai], unter dem dritten Conſulate 
des C. Marius und En. Garbo [82 vor Ehr.] zur Welt: 
Beide waren zwar Redner, + aber mit fehr verfchiedenem 
@rfolge. Das Nämliche ereignet ſich täglich in der ganzen 
Welt bei Solchen, die in denfelben Stunden ihr Dafeyn ers 
hielten; denn zu gleicher Zeit werden Herren und Sklaven 
Könige und Bettler geboren. 





*) "Ruinen diefer Stabt findet man bei dem heutigen Mazineſſo. 
. **) Hektor war ein tapferer Krieger, Polydamas ein guter 
Redner in ber Verſammlung. 
+, Il. XVII, 249—252, 
N Der Erfte ein ſchlechter, - der Andere ein fo vorzüglicher, 
daß man ihn Eicero gleichſtellte. 


x 
/ 








Giebentes Bud. , 859 


LI a). 4. Publius Gornelius Rufus, welcher das 
Eonfulat mit Manius Eurius [290 vor Chr.] bekleidete, . 
verlor das Augenlicht im Schlafe, als er träumte, daß ihm 
Diefed widerfahren würde; Jaſon von Pheräa *) Dagegen, 
weicher, als ihn die Aerzte eines Blutgeſchwüres wegen ſchon 
aufgaben, den Ted in der Echlacht fuchte, fand feine Hei⸗ 
Iung durch eine ihm vom Feinde beigebrachte Bruſtwunde. 
Der Conſul Q. Fabius Morimus [121 vor Ehr.] wurde 
in der Schlacht, welde er am fechsten der Idus [achten 
Tag] des Auguſt bei dem Fluffe Iſara gegen die Volkes 
ſtämme der ffllobroger und Arverner fchlug, und die huns 
dertdreißigtaufend Menfchen das Leben Eoflete, wahrend des 
Kampfes vom viertägigen Fieber befreit. 

2. Allzu ungewiß und gebrechlich ift dieſes Geſchenk 
der Natur, in welchem Maße es uns auch zu Theil wird; 
aber fpärlich und kurz erfcheint es aud) bei Denen, welchen 
es in höchſter Fülle zugetheilt iſt, wenn wir nur die Ge⸗ 
ſammtzeit eines Menſchenlebens näher betrachten wollen. 
Verliert nicht, wenn wir den nächtlichen Schlaf abrechnen, 
ein Feder ſchon die Hätfte feiner Lebenszeit? Die eine Hälfte 
wird alfo- in todesähnlichem Suftande zugebraht, oder in . 
Dein, wenn uns der Schlaf flieht. Dabei kommen weder 
die Fahre der Kindheit, wo der Berftand noch mangelt, noch 
die des Alters, welche dem lange Lebenden zur Dual werben, _ 


+, Ein berühmter Felbherr, welcher ſchon als Jungling feine 
Vaterſtadt unterjochte, ſich fpäter ganz Theſſalien unter⸗ 
warf, und viele Kriege mit GA führte, Er ſtarb im 
Fahr 371 vor Ehr. 


U 


860 €, Plinins Naturgefhichte. ' 


in Anſchlag. Go vielartige Gefahren, fo viele Krankheiten, 
fo viel Furcht, fo viele Gorgen veranlaffen fo oft die Auru⸗ 
‚ fung des Todes, daß fein Wunfd) häufiger iſt. Die Natur 

bat alfo dem Menſchen nichts Beſſeres gegeben, als die 
Kürze des ‚Lebend, 3. Die Ginne werden flumpf, die Glie⸗ 
der ſtarr: Geflht, Gehör, Bang, ja fogar die Zähne nnd 
die Berdanungewerkzenge ſchrinden vor uns dahin; und 
doch wied diefe Zeit and noch zum Leben gezählt! Als Wun⸗ 
der umd als einziges Beiſpiel kann es Daher gelten, daß der 
Tonkünſtler Zenophilus *) ein Alter von hundertundfünf 
Jahren ohne irgend ein körperliches Unwohlfeft erreichte; 
denn wahrlich allen übrigen Menfchen dringt fortwährend, 
was bei feinem andern Thiere der Fall ift, *%) durch eins 
zeine Theile der Glieder zu gewiffen Stunden eine verberks . 
liche Diße oder Kälte,. und nicht nur zu gewiffen Stunden, 
fondern auch jedesmal rad) Verlauf von drei oder vier Tas 
gen nnd Nächten, ja fogar eines ganzen Jahres. A. Mber 
deßhalb aus Vorfag ***) zu fterben, ift ebenfalls eine Krank: 
heit; dein Die Natur hat andy die Krankheiten gewiffen Ges 





*) Nach Walerius Marimus (VI, 13.), welchem Plinius 
bier flüchtig nachfchreibt, mar Tenophilus von Chalcis Fein 
Tonkünſtler, fondern ein Pythagoräer. Die Geſchichte 
feloft entnahm Valerius Maximus dem Zonfünftler Ari: 
fiorenug, 

+), Die neuere Arzneifunde behauptet, daß auch alle Thiere 
mit rotbem und warmem Biute biefen Bufällen unters 
worfen feyen. - 

***) Um nämlich allen biefen Uebeln, welche nach den Geſetzen 
der Natur einmal auch von felbfi aufhören mölfen, durch 
freiwilligen Tod .zu eütgehen. 








Giebentes Bud). | 861 


ſetzen unterworfen. Das viertägige Wechſelfleber nimmt nie 
zur Zeit des kürzeſten Tages und in den Wintermonaten 
feinen Anfang ; nach dem ſechzigſten Lebensjahre bleibt man 
von manchen Krankheiten völlig verſchont; andere hören mit 
der Maunbarkeit, befonders beim weiblichen Gefchlechte, auf, 
und am feltenftlen werden Greife von der Peft befallen. *) 
Auch gibt es Krankheiten, welche ganzen Völkern, andere, 
weldye nur den Sklaven oder den Vornehmen, nnd wieder 
andere, welche den übrigen Ständen eigen find. Ebenfo hat 
man die Erfahrung gemacht, daß die Peſt faft nie einen ans. 
dern Weg nimmt ald von Mittag gegen Abend ; daß fie nie 
im Winter erfcheint,, und daß. file nie über drei Monate 
Danert. ” . 

LIE (1). 4. Als Zeichen des herannahenben Todes gels 
ten bei Krankheiten, die mit Irrereden verbunden find, Las 
chen ; bei folhen, in denen das Bewußtſeyn allmählig dahin: 
ſchwindet, ftetes VBefchäftigen mit den Franzen des Bettes 
und Sufammenfalten der Dede, Nichtbeachten Derer, welche 
aus Diefem ſchlafähnlichen Zuſtande erweden wollen, und 
Ausflug nicht mit Anſtand zu nennender Unreinigreit aus 
Dem Körper; die am wenigften trügenden, Merkmale aber 
find das veränderte Audfehen der Augen und der Nafe, ſo 
wie auch das beftändige Liegen auf dem Rücken, der ums 
gleihmäßige und kriebelnde Puls und was fonft noch Dips - 
pocrates, der Fürſt der Aerzte, beobachtet hat. Obſchon 


*) Eine nicht gang unwahre Behauptung, ba das faftl 
Alter anftedenden Krankheiten nicht fo leicht anheimfä 
“als bie friſche Jugend. ' 


t 


i 


862 C. Pinius Naturgeſchichte. 


aber unzählige Zeichen des Todes gibt, fo hat man durchaus 
Beine für Lebensdauer und Wohlſeyn, und der Eeufor Cato 
macht deshalb auch Über Befunde feinem Sohne, *) gleich 
fam als ein Orakelſpruch, die Bemerkung: eine frühreife 
Jugend fey das Zeichen eines frühzeitigen Todes. 2. Die 
Schaar der Krankheiten ift wahrlich unzählbar; fo figrb 
Pherechdes von Syros an einer Menge ihm aus dem Körs 
per hervorfommender Wärmer ; **) Manche leiden an einem 
fortwährenden Bieber, wie C. Mäcenas, welchem in feinen 
drei letzten Lebensjahren kein Stündchen Schlaf vergönnt 
war. Der Dichter Untipater von Sidon wurbe jedes Jahr 
einmal, nnd zwar immer nur au feinem Geburtstage vom 
Bieber, ergriffen, und flärb aud) daran an biefem Zage in 
ziemlich hohem Alter. 

LIII (un. 4. Die Conſular Aviola ***) kehrte auf 
dem Scheiterhaufen in's Leben zurück; da man ihm aber der 
ſchon zu mächtig gewordenen Flamme wegen nicht zu Hülfe 
kommen EZonnte, fo verbrannte er lebendig. Derfelbe Kal wird 
von dem-geweienen Prätor 2. Lamia 7) erzählt. Daß E. 
Yelind Tubero, welcher ebenfalls die Prätur bekleidet hatte, 


2) In einer nicht mehr vorhandenen Schrift, Wgl. die fir 
terarifchen Bemerkungen vor biefem Buche, 
°*) An der Laͤuſeſucht. Aelian. Var. Hist. IV, 28. 

“..) Welcher (19 nah Chr.) bie Andecaver und Turonen im 
Gallien ſchlug (Xacitus, Ann. III, 41.), nicht aber deſſen 
Sohn Aviola, der die Confulmürbe im 3. 54 nad) Ehr. 
bekleidete. Eonfulare hießen zur Kaiferzeit bekanntlich 
Viele, ohne vorher Conſuln gewefen zu ſeyn. 

+ Er bekleidete die Prätur im J. 42 vor Chr, 
9 





Siebentes Bud). .863 


von dem Scheiterhaufen zurüdgetragen wurde, berichten 
Meffala, Rufus *) und viele Andere. Dieß ift das Loos der 
Sterblichen! Zu ſolchen nnd ähnliten Launen des Schickſals 
werden wirgeboren, daß man in Betreff des Menſchen nicht 
einmal dem Tode frauen darf, Als Beifpiel findet man auch 
angeführt, daß des Hermotimus von Clazomenä Geele den 
Körper zu verlaffen und herumzufchweifen pflegte, und daß 
fie von ihren Irrfahrten aus weiter Ferne viele Nachrichten 
mitbrachte die nur ein Nugenzenge wiffen Bonnte ; unterdefs 
fen habe der Körper wie todt dagelegen, bis endlich einmal 
feine Beinde (welche Eanthariden*N hießen) ihn verbrannten, 
nnd fo der zurückkehrenden Geele gleihfam die Scheide raub⸗ 


ten. 2. Auch will man gefehen haben, wie die Seele des. 


Ariftead auf Proconnefus in Geſtalt eined Raben aus feinem 


runde flog. und erzählt dabei noch viel Babelhafles, wozn- 


id andy die Gage von Epimenides von’ Guoſſus rechne. 
Diefer, ſagt man, fey ald Knabe, von der Hibe und Reife 
ermüdet, in einer Höhle in einen flebenundfänfzigjährigen 
Schylaf gefunken, und bei feinem Erwachen, da er nur eine 
einzige Nacht geruht zu haben glaubte, über die veränderte 
Geftalt der Dinge nicht wenig verwundert gewefen; darauf 
fey er in .einer gleichen Anzahl Tage ***) ein Greis geworden, 


*») Der Tert bietet Meſſala Rufus, Ein Schriftſteller dieſes 


Namens iſt unbekannt. Dagegen findet ſich ein Meſſala 
und ein Rufus, Bol, bie literariſchen Bemerkungen vor 
dieſem Buche. 


Cantharus. 
⸗e⸗) Aie er namlich Jahre geſchlaſen hatte. 


| 
| 
i 


\ 
”) Söhne oder Nachkommen eines nicht näher bekannten 


856 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Striche Italiens hundertvierundzwanzig Jahre dauern könne. 
Jene längneten, daß irgend Jemand das Aufgangsmaß von 
neunzig Graden *) (von ihnen Auaphora [Auffleigung] ges 
nannt) Überfchreiten Fönne, und daß ſelbſt Diefes durch die 
Dazwiſchenkanft unhellbringender Geſtirne oder auch nur 
Durch ihre und der Sonne Strahlen durdhfchnitten werbe. **) 
9. Später kam die Schule des Aesculapius wieder: in Auf: 
nahme, welche ebenfalls lehrt, Daß die Lebensdauer von den 
Sternen abhängig fey, aber nichts Gewiffes über die äußerſte 


Menſch, weicher bei dem Aufgange ded erfien biefer drei 
Zeichen geboren tft, nicht mehr Jahre leben, als durch 
diefed und Die beiden folgenden Zeichen beſtimmt find. 
‚ Diefe Jahrbeftimmung ber Zeichen des Thierfreifes ift aber 
nicht Überall diefelbe, fondern richtet ſich nach ber Lage 
der von den alten Aftronomen gezogenen Parallelkreife 
(vgl. B. VI. K. 39.) und der verfhiedenen Neigung des 
Himmeld, In Rom war nad Zulius Firmicus Mater 
nus (Mathes. II, 13.) tie Zahlbeſtimmung ber Zeichen 
folgende : Widder —= 17 Jahren; Stier — 22; Zwillinge 
— 97; Krebs = 223; Löwe =-37; Sungfran. = 42; 
Wage —. 42; Seorpion = 37; Schüge — 32; Gteiss 
bot — 275 Waffermann — 22; Fiſche = 17. War 
nun Jemand in Italien 3. B. beim Aufgange des Löwen 
geboren, fo galt es für. einen glücklichen Fall; denn für 
ihn war eine Lebenszeit von 37 4 42 + 43 = 131 
Sahren möglich. An diefer Stelle möchte deßhalb flatt 
der im Texte fiehenden Bahl 124 wichtiger 121 zu lefen 
‘ ſeyn. 

*) Oder drei Zeichen des Thierkreiſes, da auf jedes Zeichen 

dreißig Grade kommen. 
“0, Weßbalb die meiſten Menſchen bie ihnen von dem Bei ih⸗ 
zer Geburt aufgehenden Seichen beſtimmte Zahl von Jahren 

eben. 





Giebentes Bud. 2 857 


Srift feſiſezßt. Ein längeres Leben ift nach ihnen Thon 
Deßmwegen felten, weil eine große Menge Menſchen, welche 
in den entfcheidenden Stunden der Mondtage, nämlich in 
der fiebenten und vierzehnten Stunde (es mögen diefe nun 
Nachts oder Tagffunden feyn) zur Welt Fommen, durch das 
Geſetz der Stufenjahre *) (welche fie climacterifche nennen) 
Dem Zode verfallen, und bie anf diefe Weiſe Geborenen felten 
dag vierundfünfzigfle Fahr überfchreiten. 

3. Das Schwauken diefer Kunſt felbft zeigt übrigens 
fon, wie ungewiß die ganze Sache if. Dazu fommen noch 
die Erfahrungen und Beifpiele der letzten Volkszählung, 
welche die Kaifer und Cäſarn Veſpaſian,? Vater und Gohn, 
vor vier Fahren [74 nad Chr] anftellten. Man braucht 
deßhalb noch nicht einmal alle Schagungsbüder durchzuge⸗ 
hen, und wir wollen nur aus denen, welche den mittleren 
Theil Italieus zwiſchen dem Apenninus und dem Padus 
betreffen, Beiſpiele anführen. Zu Parma gaben drei huns 
dertundzwanzig, zu Brixellum [Bregella] einer hundertfünf: 
undzwanzig, zu Parma zwei hundertunddreißig, zu Placen⸗ 
tia [Piacenza] einer bunderteinunddreißig, zu Yaventia 
[Faenza] ein Weib hundertfünfunddreißig, L. Terentius, des 
"Marcus Sohn, zu Bononia [Bologna] und M, Aponius zu 
Ariminum [Rimini] hundertfünfzig und Tertulla ebenda⸗ 
ſelbſt hundertfiebenunddreißig Jahre an. A. Auf den Hü- 





*) Anni climaoteres ober scansiles find foiche , deren Zahl 
von zwei mit einander multiplicirten Zahlen gebildet wird. 
Das vierundfänfzigfie Jahr iſt ein Stufenjahr; denn die 
Zahl 54 iſt — 6X 9 


858 C. Plinius Naturgefchichte. 


geln in der Umgegend von Pfatentia liegt die Stadt Vele⸗ 
jacintn, *) in welcher ſechs hundertzehn, vier hundertzwan⸗ 
zig, und einer, nämlih M. Marcius Belir, des Marcus 
Sohn, ans der Galeriſchen Bürgerbfaffe,. hundertvierzig Fahre 
alt wurdın. Um uns aber nicht länger bei einer ausge⸗ 
machten Sache aufzuhalten, fo bemerken wir, daß in dem 
achten Bezirke Ftaliens vierundfünfzig Leute -von hundert, 
vierzehn von hundertzehn, zwei von hundertfünfundzwargig, 
vier von hngdertdreißig , eben fo viele von, hundertfünfunds 
dreißig oder hundertfiebenunddreißig und drei von hundert 
vierzig Fahren eingetragen ind. 

5. Noch eine andere Laune des menſchlichen Schickſals! 
Hector und Polydamas, deren Loos fo verſchieden war, *°) 
wurden nach Homer ***) in einer und desfelben Nacht ges 
boren. M. Eäcilius Rufns und C. Licinius Calvus kamen 
an einem und demſelben Tage, nämlich am fünften vor den 
Ealenden des Junj [28. Mai], unter dem dritten Eonfulate 
des C. Marius und En. Carbo [82 vor Ehr.] zur Welt: 
Beide waren zwar Redner, +) aber mit fehr verfchiedenem 
@rfolge. Das Nämliche ereignet fidh täglich in der ganzen 
Welt bei Golden, die in denfelben Stunden ihr Dafeyn ers 
hielten; denn zu gleicher Zeit werden Herren und Sklaven, 
Könige und Bettler geboren. 


*) Ruinen biefer Stabi findet man bei bem heutigen Mazineſſo. 
*) Hektor war ein tapferer Krieger, Polybamad ein guter 
Redner in der Verfammlung, 
+, Il. XVII, 249— 252, 
7) Der Erſte ein ſchlechter, - ber Andere ein fo vorzüglicher, 
| daß man ihm Cicero gleichftellte. j 


4 


Giebentes Bud. |, 859 


LI (0). 4. Publius Gornelind Rufus, welder das 
Conſulat mit Manius Eurius [290 vor Chr.] bekleidete, . 
verlor das Augenlicht im Schlafe, ald er träumte, baß ihm 
Dieſes widerfahren würde; Jaſon von Pherä *) Dagegen, 
weicher, als ihn die Aerzte eines Blutgeſchwüres wegen fhon 
aufgaben, den Tod in der Echladyt fuchte, fand feine Hei⸗ 
Iung durch eine ihm vom Feinde beigebrachte Bruſtwunde. 
Der Eonful Q. Fabius Morimus [121 vor Chr.) wurde 
in der Schlacht, welde er am fechsten der Idus [achten 
Tag} des Auguſt bei dem Kiuffe Iſara gegen die Volks⸗ 
flämme der lllobroger und Arverner ſchlug, und die huns 
dertdreißigtaufend Menichen das Leben Eoftete, während dee 
Kampfes vom viertägigen Fieber befreit, 

2. Allzu ungewiß und gebrechlich iſt dieſes Geſchenk 
der Natur, in welchem Maße es uns auch zu Theil wird; 
aber ſpärlich und kurz erſcheint es auch bei Denen, welchen 
es in höchſter Fülle zugetheilt iſt, wenn wir nur die Ge⸗ 
ſammtzeit eines Menſchenlebens näher betrachten wollen. 
Verliert nicht, wenn wir den nächtlichen Schlaf abrechnen, 
ein Jeder ſchon die Haͤlfte feiner Lebenszeit? Die eine Hälfte 
wird alſo in todesähnlichem Buftande zugebracht, oder in 
Dein, wenn uns der Schaf flicht« Dabei kommen weder 
die Jahre der Kindheit, wo der Verſtand noch mangelt, noch 
die des Alters, welche dem lange Lebenden zur Dual werden, _ 


*, Ein berühmter Feldherr, welcher ſchon als Tüngling feine 
Vaterſtadt unterjochte, fich fpäter ganz XTheffalien unters 
warf, und viele Kriege mit SINE führte. Er farb im 
Jahr 371 vor Ehr. 


’ 


860 €, Plinius Naturgeſchichte. 


in Uufchlag: Go vielartige Gefahren, fo viele Krankheiten, 
fo viel Furcht, fo viele Gorgen veranlaffen fo oft die Anrus 
‚ fung des Todes, daß fein Wunfc häufiger if. Die Natur 
bat alfo dem Menſchen nichts Beſſeres gegeben, als bie 
Kürze des ‚Lebend 3. Die Sinne werden flumpf, die Glie⸗ 
der flarr: Geſicht, Gehör, Bang, ja fogar die Zähne und 
die Berdanungewerkzenge fehrinden vor une dabin; und 
doc) wird diefe Zeit auch noch zum Leben gezählt! Als Wun⸗ 
der und ats einziges Bıifpiel kann es Faher gelten, daß der 
Tonkünſtler Xenophilus *) ein Wlter von bundertundfünf 
Fahren ohne irgend ein Lörperlides Unwohlſeyn erreicdte; 
denn. wahrlich allen übrigen Menfchen dringt fortwährend, 
was bei feinem andern Thiere der Fall ift, *%) durch eins 
zeine Theile der Glieder zu gewiſſen Stunden eine verderb⸗ 
liche Hiße oder Kälte, und nicht nur zu gewiffen Stunden, 
fondern auch jedesmal rach Verlauf von drei oder vier Tas 
gen und Nächten, ja fogar eines ganzen Jahres. A. Uber 
deßhalb ans Vorſatz ***) zu flerben, ift ebenfalls eine Krank: 
heit; dein die Natur hat and) die Krankheiten gewiffen Ges 





*, Nach Valerius Maximus (VII, 13.), welchem Plinius 
bier flüchtig nachſchreibt, war Zenopbilus von Chalcis kein 
Tonkünſtler, ſondern ein Pythagoräer. Die Geſchichte 
ſelbſt entnahm Valerius Maximus dem Tonkuünſtler Ari⸗ 
ſtoxenus. 

**) Die neuere Arzneikunde behauptet, daß auch alle Thiere 
mit rotbem und warmem Biute biefen Bufällen unters 
worfen ſeyen. - 

***) Um nämlich allen biefen Uebeln, welche nad) den Geſetzen 
der Natur einmal auch von felbft aufhören muſſen, durch 
freiwilligen Tod .zu eütgehen., 








Giebentes Bud). | 861 


ſehen unterworfen. Das viertägige Wechſelfleber nimmt nie 
zur Beit des Fürzeflen Tages und in den Wintermonaten 
feinen Anfang ; nach dem ſechzigſten Lebensjahre bleibt man 
von manchen Krankheiten völlig verfchont ; andere hören mit 
der Mannbarkeit, befonders beim weiblichen Gefchlechte, auf, 
umd am feltenften werden Greife von der Peſt befallen. *) 
Aud) gibt es Krankheiten, welche ganzen Völkern, andere, 
weiche nur den Sklaven oder den Vornehmen, und wieder 
andere, welche den übrigen Ständen eigen find. Ebenfo hat 
man die Erfahrung gemadyt, daß die Peſt faft nie einen ans. 
dern Weg nimmt als von Mittag gegen Abend ; daß fie nie 
im Winter erfcheint , und daß. file nie Über drei Monate 
danert. 

LII (1). 4. Als Zeichen des herannahenden Todes gel⸗ 
ten bei Krankpeiten, die mit Irrereden verbunden find, Las 
chen ; bei folden, in denen das Bewußtfenn allmählig dahin⸗ 
fchwindet, fteted VBefchäftigen mit den Franzen des Bettes 
und Zufammenfalten der ‘Dede, Nichtbeachten Derer, welche 
aus diefem fchlafähnlichen Zuſtande erweden wollen, und 
Ausfluß nicht mit WUnfland zu nennender Unreinigrfeit aus 
dem Körper; die am wenigften trügenden Merkmale aber 
find das veränderte Ausfehen der Augen und der Nafe, 10 
‚wie auch das beftändige Liegen auf dem Rücken, der ums 
gleichmäßige und Friebelnde Puls und was fonft noch Hips 
pocrates, der Fürft der Aerzte, beobachtet hat. Obſchon es 


”) Eine nicht ganz unmwahre Behauptung, da das faftlofe 
Alter anfiedenden Krankheiten nicht fo leicht anheimfänt, 
—als die frifche Jugend. 


t 


“ 


862 C. Plinius Naturgefchichte. 


aber unzählige Zeichen bes Todes gibt, fo hat man durchans 
Beine für Lebensdauer nnd Wohlſeyn, und der Eenfor Gato 
macht deßhalb and Über Befunde feinem Sohne, *) gleidys 
fam ale ein Orakelſpruch, Die Bemerkung : eine frühreife 
Jugend fey das Zeichen eines frühzeitigen Todes, 2. Die 
Schaar der Krankheiten ift wahrlich unzählbar ; fo ſtarb 
Pherecydes von Gyros an einer Menge ihm aus dem Körs 
ver hervorfommender Wärmer ; **) Manche leiden an einem 
fortwährenden Bieber, wie €. Mäcenas, welchem in feinen 
drei lepten Lebensjahren Bein Stündchen Schlaf vergönnt 
war. Der Dichter Untipater von Sidon wurbe jedes Jahr 
einmal, nnd zmar immer nur an feinem Geburtstage vom 
Bieber ergriffen, und flarb auch daran an diefem Tage in 
ziemlich hohem Alter. 

LII cum, 4. Der Conſular Aviola ***) kehrte auf 
dem Scheiterhaufen in's Leben zurück; da man ihm aber der 
ſchon zu mächtig gewordenen Flamme wegen nicht zu Hülfe 
kommen konnte, ſo verbraunte er lebendig. Derſelbe Fall wird 
von dem geweſenen Prätor 2. Lamia +) erzählt. Daß E. 
Aelins Tubero, welcher ebenfalls die Prätur bekleidet hatte, 


») In einer nicht mehr vorhandenen Schriſt. Wgl, die Kir 
terarifhen Bemerkungen vor biefem Buche, 
°*) An ber Läuſeſucht. Aelian. Var. Hist. IV, 28, 
°) Welcher (19 nad Chr.) bie Andecaver und Turonen in 
Gallien flug (Xacitus, Ann. III, 41.), nicht aber beffen 
Sohn Aviola, der de Conſulwürde im J. 54 nad) Ehr. 
bekleidete. Conſulare bießen zur Kaiſerzeit bekauntlich 
Viele, ohne vorher Conſuln gewefen zu ſeyn. 
+ Er bekleidete die Prätur im J. 42 vor Chr, 
® 








Giebentes Bud). Ä .863 


von dem Sceiterhaufen zurüdgetragen wurde, berichten 
Meffata, Rufus *) und viele Andere. Dieß ift das Loos der 
Sterblichen! Zu folchen nnd ähnlichen Launen des Schickſals 
werden wirgeboren, daß man in Betreff des Menſchen nicht 
einmal dem Tode frauen darf, Als Beifpiel findet man auch 
angeführt, daß des Hermotimus von Clazomenä Gele den 
Körper zu verlaffen und herumzufchweifen pflegte, und daß 
fie von ihren Jrrfahrten aus weiter Ferne viele Nachrichten 
mitbrachte die nur ein Augenzeuge wiffen konnte ; unterdef: 
fen habe der Körper wie todt dagelegen, bis endlich einmal 
feine Zeinde (weiche Canthariden?*) hießen) ihn verbrannten, 
and fo der zurückkehrenden Geele gleihfam die Scheide raub⸗ 
fen. 2. Auch will man gefehen haben, wie die Seele des 
Ariſteas auf Proconneſus in Geſtalt eines Raben aus feinem 
Munde flog. und erzählt dabei noch viel Zabelhafles, wozu. 
id andy die Gage von Epimenides von’ Snofins rechne, 
Diefer, ſagt man, fey ald Knabe, von der Hige und Weife 
erntüdet, in einer Höhle in einen fiebennndfünfzigjährigen 
Schlaf gefunten, und bei feinem Erwachen, da er nur eine 
einzige Nacht geruht zu haben glaubte, Über die veränderte 
Geftalt der Dinge nicht wenig verwundert gewefen; darauf 
fey er in .einer gleichen Anzahl Tage ***) ein Greis geworden, 


*) Der Tert bietet Meffala Rufus. Ein Schriftſteller dieſes 
Namens ift unbekannt, “Dagegen findet fih ein Meſſala 
und ein Rufus. Wgl. bie literarifhen Bemerkungen vor 
diefem Buche. 
+) Söhne oder Nachkommen eined nicht näher bekannten 
Santharus. 
e00) Als er nämlich Jabre geſchlaſen Hatte, 


m 


864 C. Plinius Naturgeſchichte. 


habe aber als ſolcher ein Alter von ‚hundert und ſiebenund⸗ 
fünfzig Fahren erreiht. Das weiblihe Geſchlecht ſcheint 
diefem Uebel *) am meiften durch, die Umflülpung der Ges 
bärmntter unterworfen zu feyn; wird Diefe aber wieder in 
ihren natürlichen Zufland gebracht, fo kehrt and) der Athem 
zurück. Hieher gehört auch Bas bei den Griechen hochbe⸗ 
rühmte Buch des Heraclides **) über eine Fran, welche nad) 
einem fieben Tage dauernden todähnlichen Zuſtande wieder 
in's Leben gerufen wurde. 

3. Auch Varro erzählt, daß zu der Zeit, als er das 
Amt eines Swanzigmannes bei der Vertheilung der Aecker 
zu Gapua #**) verfah, Ener, welhen man hinaus getragen 
batte, fid zu Fuß wieder nad) Haus begeben habe. Nach 
ihm ift derfelbe Fall zu Aquinum vorgefommen, und audy zu 
‚Rom ift Corfidius, der Gemahl feiner Mutterſchweſter, als ſchon 
die Leichenbeflattung angeordnet war, wieder in’s Leben zurück⸗ 
geführt worden, und hat fpäter feinen Leichenbeflatter begraben. 
Er fügt nody andere wunderbare Dinge hinzu, Die hier volls 
fländig angeführt werden dürften. Bon den beiden Brüdern 
Eorfidius aus dem Ritterſtande war der ältere ſcheinbar ge: 
florben, und der jüngere, welcher nad Eröffnung des Teſta⸗ 
mentes fid) als Erben eingeſetzt ſah, befchäftigte ſich mit der 


*), Dem Sceintode, 

er) S. die literarifchen Bemerkungen vor biefem Buche 

”**, Nach einem von Caͤſar während feines erfien Confulates 
(59 vor Ehr.) vorgefchlagenen und angenommenen Ges 
fege wurden zwanzigtaufend Koloniften nad Capua ges 
führt, und unter Diefe durch zwölf dazu Bevollmächtigte 
ns Eampanifche Ackerland vertheilt. Florus R. ©. 

I, 44. 


Siebentes Buch. 865 


Beforgung des Leichenbegängniffes; unterdeffen rief ber, 
welher todt fchien, durch Händeklatſchen die Dienerfchaft 
zufammen und erzählte, daß er von feinem Bruder komme, 
. der ihm feine Tochter empfohlen, ihm ferner angezeigt, wo 
er ohne irgend Jemandes Vorwiſſen Gold vergraben, und 
ihn gebeten habe, ihn mit dem von ihm feibft vorbereiteten 
Reichengepränge zu beftatten. a. Während der Erzählung 
verfündeten die herbeieilenden Diener feines Bruders, Daß 
Diefsr geflorden fen; auch das Gold fand man an ber bes 
- zeichneten Stelle. Die Welt ift voll von andern ähnlichen 
Dffenbarungen, die aber nicht gefammelt zu werden verdie 
nen, da fie-fehr häufig falih find, wie wir durch ein auf: 
fallendes Beifpiel zeigen wollen. Im Siciliſchen Kriege 
wurde Gabienus, einer der tapferften Seefoldaten, Eäfar’s, 
von Sertus Pompejus gefangen und auf deffen Befehl ent: 
hauptet; der Kopf hing noch kaum mit dem Numpfe zufam: 
men, und in diefem Zuftande lag er einen ganzen Tag 
an der Küfte. 5. Als es Abend geworden war, verlangte 
er in Gegenwart der um ihn verfammelten Volksmenge, 
Pompejus möge zu ihm kommen, ober einen feiner Vertrau⸗ 
ten fenden; denn er fey aus ber Unterwelt zurückgeſchickt 
worden, und babe etwas zu verfünden. Pompejus ſchickte 
‚mehrere feiner Freunde, welhen Gabienus erklärte: die 
Sache und die frommen*) Abſichten des Pompeins gefielen 
den unterirdifhen Göttern, und der Erfolg würde feinen 
Wünfhen entſprechen; **) ihm ſey befohlen worden, Diefes 


*), Weil er feinen Vater, den großen Pompejus, rächen wollte, 
*20) Was nicht der Fall war. Denn Gertus Pompeins wurde 
nach mancherlei Schickſalen ermorbet, 


‘ 


866 €. Plinius Raturgeichichte. 


zu verkünden, und ald Beweis der Wahrheit feiner Ausſage 
diene, daß er fogleid) nad) Ausrichtung des Auftrages ſter⸗ 
ben werde; was denn and) wirklid) eintraf. Man hat auch 
Beifpiele, daß Lente nad) ihrem Begräbniffe wieder geſehen 
wurden ; dody wir wollen uns nur mit den Werfen der Na⸗ 
tur, Beineswegs aber mit Wunderdingen befaffen. 

LIV (cu). A. Bor allem aber erregen Bälle eines plöß- 
lichen Todes (der dody eigentlich das höchſte Glück des Lebens 
zu nennen ift), fo häufig ſolche aud) vorfommen, unfer &r: 
ftannen, obſchon es fidy damit, wie wir zeigen werden, ganz 
natürlidy verhält. Die meiſten erzählt Berrius: wir werden . 
eine mäßige Auswahl treffen. Bor Freude flarben, außer 
dem ſchon erwähnten Ehilo, *) Sophokles **) und Dienys 
fins., ***) der Tyrann von Gicilien, beide, ald man ihnen 
den Sieg, welden ihre Zrauerfpiele davongetragen hatten, 
. verkündete; ferner jene Mutter, welche nad) der Schlacht bei 
Cannä ihren Sohn, defien Tod ihr eine falfhe Nachricht 
gemeldet hatte, unverfehrt wieder fah, HD Bor Scham ftarb 
Diodorns, ein Lehrer der Dialektik, weit er bei einer fcherp 
haften Streitfrage die Einwürfe bes Stilpo ++) nicht ſogleich 
löſen konnte. 

2. Ohne alle ſichtbare Beräntafung ftarben des Morgens 


*.) Bol. Balerius Marimus IX, 12, 
eer) ©, die literarifhen Bemerkungen vor Hefe Buche, 
+ Bol. A. Gellius, N. A. IH, 16. 
+r) Ueber Diodorus und Stilyo uwei tm Altertum bes 
sühmte Diöputanten, vergleiche mon bie literariſchen Bes 
mertungen vor diefem Buche. 





Giebentes Bud. 867 : 


beim Schubanziehen zwei Cäfarn, *) der wirkliche Prätor 
‚nämlich und der Vater des Dictators Cäſar, welcher früher 
ebenfalls dieſes Amt bekleidet hatte: Diefer zu Pila und 
Jener zu Rom. 3. D. Fabius Marimus, weicher während 
feines Eoufulats **) am Tage vor den Kalenden bed Jannar 
[34. Dezember] flarb, und an deffen Stelle fih um die nur 
noch einige Stunden dauernde ***) Würde Rebilus bewarb, 
fo wie den Seyator C. Vulcatius Gugges raffıe der Tod 
bei völigem Wohlſeyn und ganz unverfihet, als fle gerade 
an’d Ausgehen dachten, dahinz Q. Aemilius Lepidus aber, 
als er, im Ausgehen begriffen, mit der großen Zehe an bie 
Schwelle des Zimmers ich, und C. Aufuſtins, welcher Be 
reits, um in den Senat zu gehen, das Haus’ verlaffen hatte, 
als er an dem Berfammlungsorte +) mit dem einen Fuße 
firanchelte. 4. Eben fo plöslidh flarb der Geſandte, weis 
cher die Angelegenheit der Rhodier ‚mit großem Beifall im 
Senate vorgetragen hatte, als er ſich eben entfernen wollte, 
auf ber Schwelle des Rathhauſes; En. Bebius Tamphilus, 
welcher ebenfalls die Prätur bekleidet hatte, als er gerade 
feinen Diener nad) der Stunde fragte; Aulus Pompeins auf 
dem Gapitolium, ald er den Göttern feine Huldiguug dar« 
brachte; der Eonful Manius Juventius Thalna, ale er 
opferte; ++) C. Servilius Panfa, als er, au feinen Bruder 


*) Lucius Edfar und Cajus Eaͤſar. 
”., Im J. Ab vor Ehr. 
“26, Beil am erſten Jänner bie neuen Conſuln gewählt wurden. 
+) Auf dem Foruw. 
+7) Bel. Balerius Maximus (IX, 12.), welcher bie näheren 
Umfäube feines plöglichen Tobeb im Jahre 163 vor Ehr., 
wo er dad Conſulat bekleidete, angibt. 






868 C. Plinius Naturgeſ chichte. 


P. Panſa gelehnt, um die zweite Stunde des Tages auf 
dem Markte vor einer Bude fland; der Richter Bebius, als 
er gerade einen Termin zu verlängern befahl; M. Terentius 
Eorar, während er auf dem Borum. ein Briefhen ſchrieb, 
und erft im verfloffenen Fahre ein Römifcher Nitter, wäh 
rend er einem Eonfular etwas in's Ohr fagte, vor der elfen⸗ 
beinernen Statue Apollo’8 auf dem Forum des Auguflusz 
- ferner, was gewiß, merfwürdig ift, der Arzt C. Julius, 
während er bei'm Eihfalben fid) die Sonde durdy das Auge 
309; der’ gewefene Conſul Aulus Manlius Zorauatus, als er 
bei einem Mahle gerade nach einem Kuchen griff; der Arzt 
Lucius Tuccius Balla, während er einen Trunk Meth zu fl 
nahm; Ap. Saufeins, als er nath der Zurückkunft aus dem 
Bade Meth getrunken hatte und eben ein Ei ausſchlürfte; 
P. Quinctius Scapula, während er bei Aquilius Gallus zu 
Mittag fpeiste, und der Staatöfefretär Decimus Gaufeine, 
während er zu Haufe frühſtückte. 5. Der gewefene Prätor 
Eornelins Gallus und der Römiſche Ritter DO. Haterins 
farben während bes Beiſchlafs, und, um aud) ein Beifpiel 
aus unferer Seit anzuführen, zwei Ritter in den Armen des 
damals durch feine Schönheit berühmten Pantomimen My⸗ 
ſticus. *) 6. Die nnglaublichfte Ueberrafhung durch den Tod 





*) Unſere Ueberfegung, welche ein arges Bit auf die beiden 
Nitter wirft, ift durch den Sufammenhang der Stelle und 
die einflimmige Lesart der Handfdyriften geboten, Har⸗ 
douind Werbefferung „mythicus“ if faft. in alle fodtere 
Ausgaben Übergegangen. Die Erklärung aber: „zwei 
Ritter flarben bei der Darftellung derſelben mythiſchen 
Pantomime,” erſcheint gegwungen, wenn mau auch wur 








Siebented Bud. | 869 - 


aber erzählen uns die Alten von M. Dfilius Hilarus. Diefer, 
ein komifcher Schaufpieler, veranflaltete, als er an feinem 
Geburtstage dem Volke fehr gefallen hatte, ein Gaſtmahl; 
während. des Schmauſes verlangte er eine Schale warmen 
Geträußs, und als dabei zufällig fein Blick auf die von ihm 
an dieſem Tage getragene Maske fiel, nahm er den Kranz 
von feinem Haupte und ſetzte ihn berfelben auf; in diefer 
©tellung erflarrte ex, ohne daß irgend Jemand es bemerkte, 
bis ihn fein nächſter Tiſchgenoſſe mahnte, daß fein Tran? 
kalt werde, 

7. Dieß find Beifpiele glücklicher Todesfälle; die unglüds 
lichen dagegen find unzählbar. Als L. Domifius, welder 
einem fehr berühmten Gefchlechte angehörte, *) bei Maffilia 
von Eäfer gefchlagen und von Demfelben bei Eorfinium ges 
fangen worden war, nahm aus Ledensüberdruß einen Gifte 
tranf, wandte aber, ale er ihn verfchluckt hatte, alle Mühe 
an, um fidy das. Leben zu erhalten. **) Man findet in den 
Staatsakten, daß bei der Beflattung des Zelir, eines Wa⸗ 
genlenkers von der Partei der Rothen, ***) ſich einer ſeiner 





‚den Nachſatz „tum forma praecellente,“ der gewiß auf 
„Pantomimo“ bezogen werben muß, betrachtet. Bezöge 
er ſich auf bie Ritter, fo würde es wohl „praecellentes“ 
heißen, 

*) Er war der Urgroßvater des Kaiferd Tiberius Nero. 

”e) Beil man ihn, nachdem er bad Gift genommen hatte, vom 
der Großmuth Caſars gegen feine Feinde überzeugte. n 
Bol. Seneca, de Benef. Il, 24. Suetonius im Leben 
Nero’, Kap. 2. 

*9°) Die Wagenienter waren nach der Farbe ihrer Kleidufig 


€, Plinius Naturgeſch. 78 Wbcn, 40 


_ 


- 


"870 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Gönner auf ſeinen Scheiterhaufen ſtürzte, freilich eine läp⸗ 
piſche Geſchichte; und doch verbreiteten, damit man Dieß 
nicht zum Ruhme des Künſtlers dente, die Gegenparteien 
mit allem Eifer die Nachrede, nur die Menge von Wohlge⸗ 
rüchen habe Jenen dazu verführt. Als vor nicht langer Zeit 
M. Lepidus, ein Mann von fehr vornehmem Herkommen, 
der, wie wir ſchon gefagt haben, ) vor Kummer über feine 
Eheſcheidung flarb, durch die Gewalt der Flamme von dem 
Sceiterhaufen herabgeworfen wurde, und der Gluth wegen 
nicht wieder hinaufgebradyt werden Eonnte, wurde er neben 
Demfelben nadt auf anderem Gehölze verbrannt. 

LV (uv). Es war bei den Römern früher nicht Sitte, 
die Todten zu verbrennen: man begrub fie. Als aber auf 
fernen Kriegszügen die Erfahrung zeigte, daß die Begrabe⸗ 
nen wieder herausgefcharrt wurden, führte man das Ber: 
brennen ein. Biele Familien folgten jedod) immer nody dem 
alten Gebrauche. So foll in der Eornelifhen vor dem Dit: 
tator Sylla Niemand verbrannt worden feyn, Diefer es 
aber verlangt haben, weil er den Leihnam des C. Marius 
hatte ansgraben laffen, und Vergeltung fürchtet. — Begra⸗ 


in vier WÜbtheilungen (Parteien) gefchieben: die weiße 
“(factio alba, albata), die rothe (russata), die blaue 
(veneta) und bie grüne (prasina); zu welchen unter 
Domitian nod die goldne (aurata) und die purpurme 
(purpurea) kamen. Die Iufchauer erflärten ſich, je nach 
den Leiftungen, bald für biefe, bald für jene Partei, und 
2. es bebarf Beined Beweiſes, daß bie Parteien einander mit 
tödtlichem Kaffe verfolgten, 
*) Rap. 36. 9. 2 





Siebentes Bud). 874 


ben heißt Jeder, der auf irgend eine Weife beigefebt ift; be: 
erdigt aber der, welchen wirklich die Erde bededt. 

LVI (ıv). 1. Nach dem Begräbniffe kommen wir an vie‘ 
verfhhiedenen Meinungen über die Geiſſer der Geftorbenen 
[Manen). Aus Allen wird nach dem leuten Tage das, was [ 
fie vor dem erften waren, und nad dem Tode haben Kör⸗ | 
per fowohl als Seele eben fo wenig irgend eine Empfindung, 
als vor der Geburt. Nur die menfchlihe Eitelkeit pflanzt 
fih auch in die Zukunft fort, und lügt ſich ſelbſt für die Zeit: 
des Todes Leben vor, indem fle bald Unfterblichkeit der Seele, 
bald eine Umgeftartung *) und bald ein Leben in der Unter: 
welt annimmt, die Geifter verehrt, umd aus dem, der fogar | 
aufgehört. hat ein Menſch au feyn, einen Gott macht, als 
wenn das Leben des Menſchen in irgend einer Weiſe von | . 
dem der Übrigen Thiere verfchieden wäre, oder als wenn ſich | 
auf der Welt nicht viele andere ‚länger dauernde Dinge | 
fanden, denen doc, Niemand eine ähnliche Unfterblichkeit . 
-vorausbeftimmt. 2. Was hat aber die Seele, an und für | 
fid) genommen, für einen Körper? Aus welchem Gtoffe be: | 
fleht fie? Wo hat fie ihr Denkvermögen? Wie fieht, hört 
und fühlt le? Worin befteht ihre Thätigkeit? Oder was 
ift, ohne diefe Eigenfcdhaften, ihr Glück? Wo ift endlich der '. 
Gib, und wie groß die Zahl der feit fo vielen Jahrhunderten . 
abgefchiedenen Seelen, fo wie der Schatten? *) Alles dieß : 





*) Prinius deutet wahrſcheinlich auf bie Lehre von der Sees 
lenwanderung. 
**, Gere und Schatten ber Werfiorbenen find nad) der Meis 
nung der Alten zwei verfchiebene Dinge, ge Seele 
40 * 


—8 


| 
| 


872 €. Minius Naturgeſchichte. 


find Ausgeburten kindiſcher Vertröftung und der nad) ewi⸗ 
ger Fortdauer begierigen Sterblichkeit. ine ähnliche Thor⸗ 
heit ift die Aufbewahrung der menfdlichen Leichen und die 
Wiederauferſtehung, welche Demokritus, der doch ſelbſt nicht 
wieder auferftand, verbieß. *) 3. Iſt denn, zum Henker! 
ber Glaube, daß man nad dem Tode wieder auflebe, nicht 
ber größte Wahnfinn? Wie kann der einmal Beborene je 
wieder zur Ruhe. fommen, wenn Die Seele in der Oberwelt 
und der Schatten in der Unterwelt ihr Bewußtſeyn bebal- 
ten? Wahrlich diefe füße Selbſttäuſchung, diefe Leichtgläus 
bigkeit zerfiören die größte Wohlthat der Natur, den Zop, 


und verdoppeln die Todesangft, indem fle uns aud noch mit 
I dem Gedanken an die Zukunft plagen. Und wenn es füh 


ift, zu leben, wie kaun es für Jemand FÜR ſeyn, gelebt zu 
haben? **) MWie viel leichter und fidherer iſt's, nur feiner 
| eigenen Ueberzengung zu trauen, und von unferem vorgeburt- 


| lichen Zuftande auf unfere Ruhe nach dem Tode zu fdhlies 


Ben! u) 
LVII (vr). 1. Es ſcheint uns zweckgemaͤß, bevor wir 


- die Naturgefchichte des Menſchen fließen, auch noch Die 


verfchiedenen Erfindungen, und Diejenigen, welchen wir fle 


weilt in der Oberwelt; der Schatten muß feinen Aufent⸗ 
halt in der Unterwelt nehmen, 

*) Er gab deßhalb den Rath, bie Leichen in Honig Cheffen 
ſich die Alten Matt bed jegt gewöhnlichen Weingeiſtes bes 
dienten) aufzubewahren, 

<*) D. H nicht mehr zu leben, 

”., Nämlich von dem Nichtſeyn vor ber Geburt auf Das 
Nichtſeyn nach dem Zobe, 





Siebentes Bud. 875 


zu verdanden haben, namhaft au machen.“) Kauf und Vers 
kauf Ichrte Bater Liber; Derfelbe führte auch das Diadem 
als Abzeichen der Königewürde und den Triumph ein, und 
Gered das Betreide; denn vorher nährte man fi von Eis 
bein. Diefelbe Ichrte das Mahlen uud Baden beffelben in 
Attika und anderes dazu Bchörige in Gicilien, weßhalb fie 
auch ald eine Göttin betrachtet wurde. Sie gab auch zuerſt 
Geſetze, was Andere jedoch dem Rhadamanthus zufchreiben. 
2. Die Buchſtaben waren, nad meinem Dafürhalten, in Aſ⸗ 
forien ſtets einheimifch; Andere aber, wie Gellins, glauben, 
fie feyen in Aegypten von Mercurius, und wieder Andere, 
fle feyen in Sprien erfunden. Jedenfalls foll fie, und zwar 


ſechzehn an der Sahl, Cadmus aus Phönizien nad Griechen⸗ 


land gebracht, diefen während des trojanifchen Krieges Pas 
(amedes vier, nämlih 9, Z, D, X, und nach ihm der Lie 
derdichter Simonides noch vier andere, nämlich Z, H, W, 2, 
hinzugefügt haben. Die Laute aller diefer Buchſtaben finden 
fi auch in den unſrigen. Wriftoteles behauptet, ed habe 
urſprünglich achtzehn Buchſtaben gegeben, nämlich A, B, T, 
4, E,2Z,I, K,A,M,N,O0,DO,P, 2, T, Y, db, und dieſe 


— 


habe Epicharmus, nicht aber Palamedes, mit zwei, nämlich 


8, X, vermehrt. *s) 3. Anticlides behauptet, ein gewiſſer 


*) Wir müffen bei diefem Artikel gleich, jegt bemerken, daß 
man ben darin enthaltenen Angaben nicht unbebingten 
Glauben fchenten darf. Die Erfindung und Ginführung 
der Hanptfädylichften Lebensbebürfniſſe fallen in die vorhis 
ftorifhe Zeit, und felbft fpätere Erfindungen Iaffen fich 
nicht immer an eine befiimmte Perfon anknüpfen. 

**) Die Stelle, weiche Plinind vor Augen hatte, finder fi 
nicht in den vorhandenen Schriften bed Ariſtoteles. 


- , % 
‘ 


J 


874 C. Plinius Naturgefchichte. 


Menon in Aegypten babe fie fünfzehn Fahre vor Phorso⸗ 
nens, ) dem älteſten Könige Griechenlands, erfunden, und 
ſucht Diefes aus Dentmälern zu beweifen. Dagegen bemerkt 
Epigenes, einer der glaubwürdigften Schriftfieller, Daß man 
bei den Babploniern Nebenmalhundert und zwanzigtaufend 
Fahre alte aftronomifhhe Beobachtungen auf gebrannten Zies 
gelfteinen eingegraben finde; auch Berofus und Eritsdemus 
geben diefen Beobachtungen ein Alter von wenigſtens viers 
malhundert und neunzigtaufend Jahren.“) Daraus erbelt, 
Daß der Gebraud der Buchſtaben ſchon vor undenklichen 
Zeiten eingeführt war. Nach Latium bradten fie bie Pe; 
lagger. 

4. Ziegelbrennereien und Häuſer erbauten zuerft bie 
Brüder Euryalus und Hpperbius zu Athen. Nach des Gel: 
lius Anſicht war Dokius, des Cälus Gohn, der Erfinder ber 
Lehmgebäude, und die Schwalbennefter dienten ihm dabei zum 
Borbilde Die eritie Stadt gründete Cecrops *"*") an der 
Stelle der jegigen Burg von Athen, und nannte fie nach ſich 
Cecropia. Manche glauben, Argos fey nody früher vom 
Könige Phoroneus erbaut; Undere halten Sicyon für älter. 
Die Negyptier aber fagen, ſchon lange vorher fey in ihrem 
Lande Divspolis erbaut geweſen. Cinyras, des Agriopas 
Sohn, erfand die Dachziegel und die Bearbeitung des Er⸗ 


*) Er trat um dad J. 1807 vor Ehr. bie Regierung an. 
*”*) Sp muß man, um ber Stelle einen vernänftigen Sinn 
zu geben, die Zahlen Iefen, nicht 720 und 490. Wal, £. 
Ideler, Handbuch ber Ehronologie. Berlin 1825. 8, 
9.1. ©. 216, 217, 
eee) Gr führte im J. 1556 (nach Andern 1586) vor Ebr. 
eine Aegyptiſche Solonie nach Athen, und berrfchte daſelbſt. 








Giebentes Bud. 875 


zes, beides auf der Infel Eypern; ferner die Zange, den 
Hammer, den Hebel und den Ambos. 5. Brunnen legte zu⸗ 
erſt Danaus an, ald er aus Uegnpten in die Gegend Grie 
chenlauds, weiche Argos Dipfion [das burftige Argos] hieß, 
Pam, Gteinbrücdhe zuerft Cadmus zu Theben, oder, wie Iheos 
phraftus will, in Phönizien ; die erftien Mauern wurden von 
Thraſon, die erften Thürme nach Ariftoteled von den Cyclo⸗ 
pen, nach Theophraftus aber von den Zirpnthiern erbaut. 
Das Wirken erfanden die Aegyptier, das Zärben der Wolle 
die Lyder zu Sardes, die Spindel zum Wollfpinnen Sios 
fter, der Arachue Sohn, bad Leinweben und Nepftriden 
Aradıne, die Walkkunſt Nicias von Megara, die Schuhma- 
herei der Böotier Tychius. Die Erfindung der Heilkunde 
ſchreiben ſich die Aegypter zu; nah Andern wurde fie von 
.Arabus, dem Sohne des Babylon und des Apollo, die Kräu⸗ 
terfunde aber nud die Heilmittellehre von Ehiron, dem 
Sohne des Saturnus und der Philyra, erfunden. 

6. Das Erz zu fchmelzen und zu härten foll nad Ari- 
fioteled von dem Lyder Seythes, nach Theophraftus von dem 
Phrygier Delas, die Verarbeitung deffelben aber nad Eini⸗ 
gen von den Ehalybern, nad) Andern von den Enklopen zuerft 
gelehrt worden ſeyn. Eiſen wurde nad, Heflodus zuerft von 
den Bewohnern Ereta’s, welde die Idaͤiſchen Dactyler hie 
Sen, Silber zuerft von dem Atheuer Erichthonius, nad) 
Andern von Aeacus gegraben; die Gewinnung und dag 
Schmelzen des Boldes von tem Phönizier Cadmus am Berge 
Dangäus, nad) Antern von Thoas und Eackis in Pandyaia, *) 


*) Welchen Berg Pangäus unb welches Land Panchaja Plis 


4‘ 


376 : C. Plinius Naturgeſchichte. 


oder von Sol, des Dceanus Sohne, welchem Gellius auch 
die Bereitung der erften Arznei aus Honig zufchreibt, ge⸗ 
zeigt. 7. Blei holte von der Juſel Eafflteris *) zuerſt Mi⸗ 
dacritud. Die Verarbeitung des Eiſens wurde von den Ey- 
eiopen erfunden; dad Töpferhandwerk erfand der Athener 
Choröbug, die dabei nöthige Scheibe der Scythe Anacharils, 
nach Andern der Eorinther Hpperbius, Die Bearbeitung Des 
Holzes und die Dabei nöthigen Werkzeuge, die Säge, die 
Art, das Blerloth, den Bohrer, den Leim und den Fiſchleim 
- Dädalus, das Winkelmaaß, die Sepwage, das Drechfeleifen 
and den Riegel aber Thedborus von Samos, Maß und Ber 
wicht der Argiver Phidon, oder, wie Gellius annimmt, Pas 
lamedes. Feuer aus Kirfel zn ſchlagen Ichrte Pyrodes, des 
Cilix Sohn; es in dem Gtedentrautftenge eee) zu erhalten, 
Nromethens. 

8. Der vierräderige Wagen wirde von den Phrpgiern, 
der Handel von den Phöniziern erfunden. _ Den Beinbau 
und die Baumzucht Ichıte der Athener Eumolpus, Bein 
mit Waſſer zu mifchen Staphylus, des Silenus. Sohn, den 


nius hier meint, läßt fih nicht ermitteln. Wielleicht hat 
man ben Berg in Abyffinien und das Land in Thraciem 
zu fuchen, ‚ 

*) S. B. IV. Kap. 36, 6. 1. 

**) Unbekannter Name. Nah Hyginus (Fab. -274.) und 
Eaffiodorus (Var. III, ep. 31.) holte der Phrygifhe Kb⸗ 
nig Midas zuerft Blei, und Hardouin's Vorſchlag, „Mis 
bad Phrygins” flatt „Midacritus“ in den Text aufzunch⸗ 
men, verdient daher Beruͤckſichtigung. 

"+, Ferula, vap&n&; ferula communis (Linn.). In dem 
Marke dieſer Pflanze kann man wie im Gchwamme 
Tener glimmend erhalten, . 








Siebentes Bud: 877 


Anban und bas Breffen des Oels, fo wie die Gewinnung 
des Honigs, der Athener Arifläus, Ochſen auznſchirren 
und zu pflügen ber Athener Buzoges, oder, nach Andern, 
Triptolemus. 

9. Die königliche Regierungsform führten die Aegypter, 
die Bolksherrſchaft die Athener nach Theſeus «in. Der 
erſte Thrann war Phalaris zu Agrigent. Die Sclaverei 
findet man zuerſt bei den Lacedämoniern. Das erſte Todes⸗ 
urtheil wurde von dem Areopag ausgeſprochen. Die Africa⸗ 
ner kämpften zuerft gegen Die Aegypter mit Kenlen, weiche 
Phatangen heißen. Die Schilde erfanden Prötus und Acris 
fing, als fie ſich einauder befriegten, oder Chalcus, dae Atha⸗ 
mas Sohn, den Bruftharuifch der Meflenier Midiad, den 
Helm, das Schwert und den Speer die Lacebämonier, 
die Beinfchienen und Federbüfhe bie Carier. 10. Bo⸗ 
gen und Pfeile follen von Scythes, nad Andern aber 
die Pfeile von Perfes, des Perfens Sohn, die Lanzen von 
den Aetolern, der Wurfipieß fammt Schwungrienen von 
Aetolus, ded Mars Sohn, der Spieß der leichten Truppen 
von Tyrrhenus, der Wurffpieh des Fußvolks von der Amas 
zone Ventheſilea, die Gtreitart von Pifäns, von den Eretern 
die Fagdfpieße und unter ben Belagerungsgefchoffen der - 
Scorpion , von ben Syrern die Catapulte, die Ballifte und 
Schleuder von den Phöniziern, die eherne Trompete von dem 
Tyrrhener Piſäus, die Schildkröte von dem Clazomenier 
Artemon, das Pferd Ciegt Widder genannt) zur Zertrüm⸗ 
merung der Mauern *) von Epens vor Troja, das Neiten 


") Ueber die genannten Belagerungsmafchinen geben bie 
Handbücher der Romiſchen Alterthämer Austuuft. 


— 


Cd 


878 €. Plinius Naturgeſchichte. 


anf dem Pferde von Belleropbon, Zügel und Gattel ber 
Pferde von Pelethronius, der Kampf zu Pferd von den 
Theflaliern, welche Eentanren hießen. und an dem Berge 
Delion hin wohnten, erfunden worden feyn. 14. Zwei Pferde 
fpannte zuerft dad Volk der Phrogier, vier zuerft Srichtho⸗ 
nius nebeneinander; die Schlahtordnung,; das Zeichen zum 
Angriff, die Lofung und die Wachen erfann Palamedes im 
trojauifhhen Kriege, die Signalkunſt Sinon zu derſelben 
Zeit, den Waffenflilltand Lycaon, die Bündniffe Thefeus. 

12. Nach den Bögeln wahrfagen lehrte Car, von wel 
hem Earien"feinen Namen bat, nach den übrigen Thieren 
Drpheusp aus deu Eingeweiden Delphus, aus dem Fener 
Ampbiarand, aus dem Vögelfluge der Thebaner Tireflas. 
Die Auslegung der Wunderzeihen und Träume wurde von 
Amphictgon, die Sterndentekunft von Atlas, dem Sohne der 
Libya, nach Manchen aber von den Aegyptern und nadı An⸗ 
dern von den Affyriern, die Himmelstugel von dem Milefier 
Anarimander, die Eintheilung der Winde von Aeolus, dem 
Sohne des Hellen, erfounen. 

15. Die Muſik erfand Amphion, die Nohrpfeife und die 
Hirtenflöte Pan, des Mercurius Sohn, die Dnerflöte Midas 
in Phrygien, die Doppelflöte Marfpas in demfelben Lande; 
die Indifhe Weife Amphion, die dorifche der Thrazier Tha⸗ 
myras, die phrygifche der Phrygier Marfyas, bie Either Am: 
phion, nad) Andern Orphens oder Linus; mit fleben Saiten 
beipaunte fie Zerpander, eine achte fügte Gimonides, eine 
neunte Timotheus hinzu. Auf der Either ohne Gefangbes 
gleitung fpielte zuerſt Thamyras, mit Gefangbegleitung Um: 
phion, nach Undern Linus; Lieder füs die Either componirte 





Giebentes Bud. 879 


zuerft Zerpander; ben Geſang mit der Flöte begleiten lehrte 
der Zrözenier Ardalus; den Waflentanz zeigten zuerſt bie 
Cureten, den Pyrrhichiſchen ) Porrhus, beide auf Creta. 

414. Den heroiſchen Vers verdanken wir dem pythiſchen 
Orakel. **) Ueber den Urfprung der Gedid;te herrfcht große 
Meinungsverfchiedenheit; gewiß iſt, daB es deren fon vor 
dem trojanifchen Kriege gab. In ungebundener Rede zn fchreiben 
lehrte Pherechdes von der Infel Syros, zur Zeit des Könige 
Cyhrus, die Geſchichtſchreibung der Milefler Cadmus, die. 
gymnaſtiſchen Spiele Lycaon in Arcadien, die Leichenfpiele 
Acaſtus in Folcos, nady ihm Thefeus auf dem Iſthmus, die 
Ringkunſt Herkules zu Olympia, das Ballfpiel P ‚ die 
Malerei der Lydier Gyges in Aegypten, in Griechentdnd aber 
Euchir, ein Verwandter des Dädalus, wie Ariftoteles ans 
nimmt, nach Theophraftus jedoch der Athener Polygnotus. 

15. Auf einem Schiffe Fam zuerfi Danaus aus Aegypten 
nady Griechenland; früher fahr ‚man auf Klößen, die zur 
Verbindung der Infeln des rothen Meeres von dem König 
Erpthras erfunden wurden. Manche glauben jedoch, daß fie 
von ben Myflern und Trojanern fchon früher auf dem Hel⸗ 
lespont, ald Diefe über denfelden gegen die Ihrazier ziehen 
wollten, erfonnen worden feyen. Noch jebt beftehen auf dem 
britannifchen Dyean die Kähne aus Weidengeflechten, Die 


mit Leder überzogen find; auf dem Nil aus Papyrus, aus -- 


Binfen und aus Rohr, 16. Auf einem langen Schiffe ***) 
fuhr zuerft Jaſon, wie Philoftephanus angibt, nach Hegeflas 
*) Yuc einen Eriegerifchen Tanz. 


vr, Meiches feine Sprüche in Herametern gab. 
*s⸗) Wahrſcheinlich ein Schiff mit einer Muderbant. 


880 €. Plinius Naturgeſchichte. 


aber Paralus, nad, Cteſias Semiramis und nach Archema⸗ 
Aus Aegäon. Das zweiruderige Schiff foll nah Damaſtes 
zuerſt von den Ergthräern, bas dreiruderige nach Thucydides *) 
von dem Corinthier Aminocles, das vierruderige nach Ari⸗ 
ſtoteles von den Carthagern, das fünfruderige nach Mneil: 
giton von den Salaminiern, das mit ſechs Ruderbänken nach 
Zenagoras von den Spracufiern erbaut worden ſeyn. Die 
Ruderbänke foll nad) Mneflgiton Alexander der Große bis 
anf zehn, nach Philoftephanus Ptolemäus Soter bis anf 
zwölf, Demetrins, des Antigonus Gohn, bis auf fünfzehn, 
Diolemägs Philadeiphus bis auf dreißig, uud Ptolemäns 
Philop mit dem Beinamen Tryphon bis auf vierzig ver⸗ 
mehrt haben. 17. Das Laſtſchiff wurde von dem Tyrier 
Hippus, der Lembus [Rutter] von den Epyrenäern,- bie 
Eymba [Barke] von Phöniziern, der Celes [des Jachtſchiff] 
von den Rhodiern, der Eercurus **) von den Eppriern, Die 
Kunft, ſich auf der Seefahrt nach den Geflirnen zu richten, 
von den Phöniziern,, das Nuder von den Copern, die gehö⸗ 
rige Breite _Deflelben von den Platäern, das Segel von Ica⸗ 
rus, der Maft und die Gegelftange von Dädalus, das Schiff 
zum Transport der Pferde von den Gamiern oder von dem 
Uhener Pericles erfunden. Schiffe mit: -ganzem Verdecke 
bauten zuerft die Thaflerz. früher kämpfte man nur von dem 
* Border: und Hintertheil. Die Schiffſchnäbel fügte der Tyrr⸗ 
hener Pifäus, den Anker Eupalamus, den zweizadigen Anker 
Anacharſis, die Enterhbaten oder Hände der Athener 


*) I, 13, 
*., Gin Seeſchiff der größten Urt, deſſen Form ſich nicht ge⸗ 
nau beſtimmen laͤßt. 2. 





Siebentes Bud. 8 - 


Dericleg, das Stenerruder Tiphys hinzu. Der erfte, welcher 
mit einer Flotte Krieg führte, war Minos; der Erſte, wels 
cher ein hier tödtete, Hyperbius, des Mars Gohn; der 
Erſte, welcher einen Ochſen erfchlug, Prometheus, 

LVIII (uva). Die erſte ſtillſchweigende Uebereinkunft 
aller Völker war die, ſich der joniſchen Buchſtaben zu bedienen. 

(wu). Daß die alten griehifhen Buchſtaben faſt eben 
fo geftaltet waren, wie jebt die lateiniſchen, beweist bie del⸗ 
phifhe Tafel von altem Erze, welche ſich jebt als ein von 
den Zürften der Minerva gemeihtes Geſchenk in der Bib⸗ 
Liothet des Palatium befindet, mit folgender Inſchrift: 
„AAYZIKPATHZ ANEOETO TH, AIOE KOPH, THN 
AEKATHN AIA AdEZION AIRNA“ Adyſikrates weihte 
der Tochter des Zeus den Zehenten für ein glückliches Alter.“*) 

LIX (x). ine andere Uebereinftimihung der Völker 
fehen wir in den Barticheerern, die jeboc, bei deu Römern 
erft .fpät Eingang fanden. Nach Italien Bamen file im vier 
‚bhundersvierundfünfzigfien Jahre nach Erbauung der Stadt 
[300 vor Ehr.] durch P. Ticinius Mena, welcher fie, wie 
Barıo **) angibt, aus Sizilien mitbrachte. Zrüher ſchoren 
fid) die Römer nicht. “Der zweite Afrikaner *9*) führte zus 


*), Die Infchrift iſt bier nach der von J. Gillig in feine 
Recognition des Textes aufgenommenen WBerbefferung 
mitgetheilt. In ben "Ausgaben Liest man gewöhnlich: 
„Navamparns Teoandvov "Adnvaios arbdnser.” [Advo- 
snearns iſt Beine Griechiſche Form. Man lefe, wie früher: 
Navomgarn. Reb.] > 

. ®®) De re rustioa, H, 11. 
*.., Scipio Aemilianus, der jüngere, Zerſtörer Carthago's. 


32 . €. Plinius Naturgefhicte. 


erft den Gebrauch ein, fi täglich den Bart abnehmen zu 
faffen. Der göttliche Auguftus bediente fid, ſtets des Scheer: 
meflers. 

LX (1x). 4. Eine dritte, fhon mehr von Weberfegung 
zeugente Uebereinflimmung fand im ber Gtundeneintheilung 
ftatt. Bann und von wem Diefe erfunden wurde, haben 
wir ſchon im zweiten Bude *), angegeben. Auch von ihr 
madte man zu Rom erft weit fpäter Gebranch. Auf den 
zwölf Tafeln ift nur von Gonnenaufgang und Gonnenunter 
gang die Rede; fpäter Fam noch der Mittag hinzu, indem 
ein Diener der Conſuln es ansrufen mußte, wann er DIR 
dem Rathhanfe aus tie Gonne zwiſchen der Nednerbühnt 
nnd dem Standorte der auswärtigen Gefandten **) fab. 
Neigte fid) die Sonne von der Mänifhhen Säule ***) nad 
dem Staatdgefängniffe hin, fo verkündete er den Abend. 
Dieb geſchah aber nur an heiteren Tagen bis zum erften 
punifhen Kriege. 2. Die erfte Sonnenufr ließ den Römern 
eif Zahre vor dem Kriege mit Pyrrhus [293 vor Chr.) 
2. Papirins Eurfor bei dem von feinem Bater gelobten, von 
ibm aber eingemweihten Tempel des Quirinus errichten: fo 
erzählt Fabins Veſtalis. Er gibt aber weder die Beſchaffen⸗ 
heit diefer Sonnenuhr oder den Verfertiger Derfelben atı 
nody ſagt er, woher man fie gebracht, oder bei welchem 
Schriftſteller er dieſe Nachricht gefunden habe. 3. M. Barro 





®) Ray. 78. 
**) Graecostasis. Bol. B. XXXIII. Kap. 6. 
eec) Sie hatte ihren Namen von E, Manius, welchem fit 
vom Wolke errichtet worden war, Bol. B. XXXIV. 
Kap. 11. 6. 1. 





‚ Siebentes Bud. 883 


Werichtet, die erfle Sonnenuhr habe der Conſul M. VBalerins 
Meſſala auf dem öffentlihen Platze nahe bei der Redner⸗ 
bühne an einer Gäule angebradyt, und zwar im erften punis 
ſchen Kriege, nad) der Einnahme der ſiziliſchen Stadt Catina, 
von wo fie dreißig Jahre fpäter als die [fo eben erwähnte] 
Papirianifhe Sonnenuhr, nämlich im Jahr 494 nad) der 
Erbauung der Stadt [265 vor Ehr.], herbeigeholt wurde. 
Obſchon ihre Strihe nicht mit den Stunden übereinflimm: 
ten, *) fo richtete man ſich doc, neunundneunzig Jahre lang 
nad) ihr, bis Q. Marcins Philippus, welcher mit 2. Paulus 
‚Eenfor war, eine genauer eingerichtete neben fle feute, welche 
Gabe unter allen feinen Cenſorarbeiten beſonders dankbar 
aufgenommen wurde. 4. Bei bewölktem Himmel wußte man 
aber immer die Stunde noch nicht; dieß dauerte bis zum 
nächſten Luſtrum, um welche Zeit Scipio Naſlka, der College 
des Länas, zuerſt durch Waſſer **) eine gleiche Eintheilung 
der Tagſtunden ſowohl, als auch der Nachtſtunden herbei⸗ 
führte. Er ſtiftete dieſe Uhr nebſt einem Dache darüber im 
Jahre 595 nach Erbauung der Stadt [159 vor Ehr.], Bis 
Dahin hatte für das Römifhe Volk der Tag Feine Ein- 
theilung. 

Wir kehren jetzt zu den übrigen Thieren, und zwar zu⸗ 
erft zu den Landthieren zurück. 


* 
LU 


.) Weil Catina fat um vier Grabe dem Aequator näher lag, 
als Rom, 
©), Durch eine Waſſeruhr. 


® h 
— ER 


Romiſche Brofaikfer 


neuen Ueberſetzungen., 


Herausgegeben ' ‚ 
von 


C. N. v. Oſiand er, Praͤlaten zu Ulm, 
und 
G. S bw ab ‚, Dber-Sonfiforial- und Stubienrath zu Stuttgart. 


Hundert vier und fiebenzigftes Bändchen. 





Stuttgart, 
Berlag der 3. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1850, 


eı 


x 


Eajus Plinins Secundus 


Naturgefhidte 


⸗ 





Ueberſetzt und erläutert 


on 


Dr. Ph. H. Külb, 


Stadtbibliothekar zu Mainz. 


ahte-8 Bid dem 





\ Stuttgart, 
Berlag der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
41850. 








Plinius Serundus Raturgefhirhte. 


Achges Bud. 


— ——— — 


Beſchaffenheit der Landthiere. 





Inhalt. 


Kap. I. Bon den Elephanten und ihrem Verſtande. IT. Wann 
ſie zuerſt angeſpannt wurden. FI. Don ihrer Gelehrigkeit. IV. 
Wunberbared in ihren Handlungen V. Bon dem Inſtinkt der 
Thiere, die ihnen drohenden Gefahren zu erfennen. VI. Um welde 
Zeit man in Italien die erften Elephanten ſah. VIEL Ihre Kämpfe. 
VIVI. Auf welche Weife fle gefangen werden. IX. Wie man fle baͤn⸗ 
dig. X. Don ihrer Geburt und ihren übrigen Eigenfchaften. XL. 
Wo fle einheimifch find. Zwietracht zwifchen ihnen und den Drachen. 
XII. Bon der Klugheit der Thiere. XIII. Bon den Drachen. XIV. 
Schlangen von wunderbarer Größe. XV. Bon ben feythifchen Thies 
zen; von den Urochſen. XVI. Bon den Thieren des Norbens, dem 
Elenn, der Achlis und dem Bonaſus. XVII. Don den Löwen und wie 
fie zur Welt kommen. XVII. Arten derfelben. XIX. Ihre eigenthünts 
liche Beichaffenheit. XX. Mer zuerft einen Löwenfampf zu Rom 
gab und wer die meiften Löwen auf einmal kämpfen ließ. 
Wunderbare Haublangen von Löwen. XII. Ein von einem Ora⸗ 


890 C. Plinius Naturgeſchichte. 


hen erfannter und geretteter Menſch. XXIM. Bon den Panthern. 
xXXIV. Senatsbeichluß und Geſetze, die -afrifanifchen Thiere betref⸗ 
fend. Wer die erften und wer die meiften afrikanifchen Thiere [Ban 
tHer] nad Rom brachte. XXV. Bon den Tigern. Wann ber erſte 
Tiger zu Rom gefehen wurde. Bon ihrer Beichaffenheit. XMVI. 
Bon den Kameelen. Arten derſelben. XXVIL Bon dem Kameel- 
parder und wann er zuerſt zu Nom gefehen wurde. XXVIII. Bon 
dem Chama und den Kepen. , XXIX. Bom Nashorn. XXX. Bom 
Luchfe iind von den Sphinren; von den Erofoten ; von den Gercopi- 
ihecen. XXXI. Lanbthiere Indiens. XXXII. Landthiere Aethio⸗ 
piens. Ein Thier,. welches durch den Anblick toͤdtet. XXIII. Bor 
den Bafllisfen. XXXIV. Bon den Wölfen. Woher die Sage von 
den Wechfelbälgen (Wehrtwölfen) omme XXXV. Schlangenarten. 
XXXVI Bon dem Schneumon. XXXVI. Bon dem Krobkodil. 
XXXVMNI. Bon dem Scineus (Waran). XXXIX. Bon dem Fluß 
pferde. XL. Wer es und den Krokodil zu Rom zuerft zeigte. 
XLI. Bon den Thieren erfundene Heilmittel. XLU. Borausan- 
Deutungen der Gefahren durch Thiere. XLIII. Bon Thieren ver 
tilgte Volker. XLIV. Bon den Syänen. XLV. Bon den Corocu⸗ 
ten und Mantichoren. XLVI. Bon den wilden Eſeln. XLVII. Bom 
Biber; von Thieren, die ſowohl im Wafler als auch auf_dem Lande 
leben; von den Fifhotten. XLVIH. Bon den Brombeerkroͤten. 
XLIX: Bon dem Meerfalb; von den Bibern; von den Sterngädern. 
L. Bon ven Hirſchen. LI. Bom Chamäleon. LII. Don den üb 
zigen Thieren, welche die Farben wechfeln; von dem Tarandus 
(Rennthiere), Lycaon (Iagdleoparde) und Thos (Schakal) LIU. 
Dom Stachelfchwein. LIV. Bon den Bären und ihrer Brut. LV. 
Bon. den pontifchen und Alpen-Mäufen. LVI. Bon ben Igeln. 
LVII. Bon dem Löwentöbter; von dem Luchſe. LVIH. Die 
Dachſe; die Eichhörnchen. LIX. Bon den Bipern und Schneiden. 
LX. Bon den Eidechfen. LXI. Eigenfchaften der Hunde; Bei⸗ 
fpiele von Treue gegen ihre Herren; wer- Hunde zum Gebrande 
im Kriege hielt. LXII. Bon ihrer Erzeugung. LXHI. Mittel 
gegen bie Hundswuth. LXIV. Gigenfchaft der Pferde. LXV. Bon 
den Bähigfeiten der Pferde. Wunberbares von DBiergefpannen. 
LXVI Die Erzeugung der Pferde. LXVII. Bom Winde befruch⸗ 


- ® 





+ 


Achtes Bus. 84 


tete Stuten. LXVII. Bon den Gfeln; ihre Erzeugung. LXIX. 
Gigenfchaft der Maulefel und der übrigen Zugthiere. LXX. Don 
den Ochſen und ihrer Erzeugung. LXXI. Der Apis in Aegypten. 
LXXU. Eigenfchaft der Schafe und ihre Erzeugung. LXXIII. Arten 
und Farben der Wolle. LXXIV. Kleiderarten. LXXV. [Bon der 
Geſtalt der Schafe’und vom Muflon.] LXXVI. Gigenfchaft der 

jegen und ihre Erzeugung, LXXVII. Dergleichen ber Schweine. 

XXVIII. Bon den Wildfchweinen. Wer zuerft Thiergärten an⸗ 
legte. LXXIX. Bon den Halbwilden Thieren. LXXX. Bon den 
Affen. LXXXL Bon den Hafenarten. LXXXII. Bon den Thies 
ren, welche weder zahm noch wild find. LXXXIII. An welden 
Drten es gewifle Thiere nicht gibt. LXXXIV. An welchen Orten 
ee Thiere nur den Fremden und wo fle nur den Gingeborenen 

aben. . 
Summe aller Gegenftände, Gefchichten und Bemerkungen: 787. 





Duellen. 


[Römische]: Mucianus, Procilius, Verrius Flaccus, 2. Pifo, 
Corn. Valerianus, Sato der Cenſor, Feneftella, Trogus, die Acten, 
Eolumella, Virgilius, Varro, Lucilius, Metellus Scipio, Corn. 
Eelfus, Nigibius, Trebius Niger, Boınponius Mela, Mamilius Sura. 


Fremde: Der König Juba, Polybius, Herodot, Antipater, 
Ariftoteled, Demetrius ver Phyſifer, Democritus, Theophraſt, Cvan⸗ 
thes, Agriopad, der über die olympifchen Sieger ſchrieb, der König 
Hiero, der König Attalns Philometor, Cteſias, Duris, Philiftus, 
Archytas, Phylarchus, Amphylochus von Athen, Anaripolis von 
Thaſus, Apollovor vom Lemnus, Ariftophanes von Miletus, Anti⸗ 
gonus von Cyme, Aguthocles von Chius, Ayollonius von Pergamus, 
. Ariftander von Athen, Bacchius von Miletus, Bion von Soli, 
Chaereas von Athen, Diodor von Priene, Div von Colophon, Epi⸗ 

genes von Rhodus, Evagon von Thafus, Euphronius von Athen, 
Hegefiad von Maronen, die beiden Menander von Priene und Heraclen, 
der Dichter Menekrates, Androtion, Aefchrion, Lyſimachus, welche 


er) C. Plinius Naturgeſchichte. 


drei fektere über den Ackerban ſcheieben, Dionyfius, ber den n 
Werſegte, Diophanes, ber aus dem Diongfkıs einen Auszug 
der König Archelaus, Nicander. 


- 





: - 


Bemerkungen über die in dieſem Bude von 
Plinius benügten oder angeführten Särift 
fteller.Y) 


— Acten (Acta vopali romani). Daß dieſe Volksberichte, 
welche waͤhrend der Republik ſehr wichtig waren, zur Zeit der Mo⸗ 
narchie nur Merkwürdigkeiten aus dem ſocialen Lehen enthielten und 
politifche Greigniffe wenig oder gar nicht berührten, läßt ſich ſchon 
leicht vermuthen. Zur Gewißheit wird diefe Vermuthung aber durch 
die Berufungen der Schriftfteller auf diefe Acten erhoben. Vollks⸗ 
fefte, Luſtbarkeiten, Brodſpenden, Naturmerfiwürbigfeiten, Wunder⸗ 
geſchichten und Curioſitaͤten jeder Art bildeten den Inhalt. So 
führt Plinius in dieſem Buche (Kap. 61, 8. 3) aus den Acten des 
Jahres 28 nach Chr. ein Beiſpiel der Treue eines Hundes an. — 
Das nähere Berhältniß der Acten, Annalen und anderer öffentlicher 
Berichte zum Staate fowohl, als zu einander ſelbſt, entwickelt Ab. 
Schmidt trefflih in der gediegenen Abhandlung: „das Staates 
zeitungswefen der Römer“, in der „Zeitfchrift für Geſchichtswiſſen⸗ 
Schaft“, Berlin 1844. 8. Bd. I, S. 303—355. Ä 

* “ef chrion, ein griechiſcher Schriftſteller, deſſen Vaterland 


9 Der Strich (—) vor einem Arkifel eigt an, daß von dem 
Schriftſteller ſchon bei einem der —— Bücher bie 
rer die griechifchen Autoren find mit einem Sternchen 

6 


d 











Altes Buch. 83 


und Lebenszeit uns unbekannt find. Wir willen nur, baß er über 
Landwirihſchaft ſchrieb Tvergl. Varro, de re rast. I, 1.9). Plinius 
nennt ihn nur im Allgemeinen als eine feiner Quellen, ohne das 
Entlehnte näher zu bezeichnen. 

’ Agatbocles von Chins, ein eben fo "wenig bekanntet 
Schriftſteller, der ein Werk über die Landwirthſchaft verfaßte (vergl. 
Barto de re rust. I, 1), aus dem Plinius manche Bemerkungen, 
(wahrſcheinlich Kap. 6478) nahm, ohne feine Quelle näher ans 
zugeben. 

* Agtiopag, ein und völtig unbekannter Schriftfteller,, ver 
über die Sieger in den olyumpffchen Wettkämpfen fchrieb (qui OAvg- 
suorina;). In vielen Handſchriften heißt er Copas ober Acopaß, 
weiche Nomen aber offenbar entſtellt find. Faſt in allen neueren 
Ausgaben des Plinius von Harbuin an fteht in dem Quellenver⸗ 
zeichnifle vor biefem Buche durch einen Drudfehler Agrippa, flatt 
Agriopa. Plinius entlehnt ihm die alberne Erzaͤhlung, daß ein 
Athlet in einen Wolf verwandelt worden fey. 1 

Amphilochus von Athen, über deſſen Lebensumflände Feine 
Nachrichten auf und gekommen find, fchrieb Aber Landwirthſchaft 
(vergl. Barro, de re rust. I, 1. 8). Die Stellen dieſes Buche, wo 
er benuͤtzt wurde, find nicht näher bezeichnet. 

* Anaripolis von Thaſus, ebenfalls ein Schriftfteller im 
Fache der Lanbwirthfchaft (vergl. Varro, de re rust. I. 1. 8), deſſen 
Lehen und Werke wir ebenfo wenig Tennen, als die Stellen dieſes 
Buches, an denen ihn Plinius benützte. 

* Androtion, deſſen Lebenszeit ſich ebenſo wenig beſtimmen 
laͤßt, ſchrieb ein Werk über den Ackerbau (vergl. Theophraſt hist. 
plant. I, 8. Athenaͤus, 3, p. 75. Varro de re rust. I, 1. 9). Pli⸗ 
nius benügte ihn, fo wie bie meiflen andern Schriftfleller über Land⸗ 


X 


‚898 C. Plinius Naturgeſchichte. 

wirthſchaft, wahrſcheinlich nicht unmittelbar, ſondern nach den Aus⸗ 
zügen, welche Varro feinem Werle über die Landwirthſchaft ein⸗ 
verleibte. 

— Annalen. Dieſe werben zwar bei den vor dieſem Buche 
verzeichneten Quellen nicht genannt, Plinins entlehnt ihnen aber 
doch mancherlei Bemerkungen, fo die Nachricht (Rap. 54, 6. 5), baß 
man.im Jahr 61 v. Chr. numibifcge Bären in den Circus gebracht 
habe (was jedenfalls die Verfafjer der Annalen als fchlechte Natur: 
forfcher bezeichnet, da es befanntlich in Afrika feine Bären gibt), *) 
ferner (Kap. 69, $. 3) daß Maulefeliftien trächtig geworben feyen, 
daB während der Belagerung Cafllinums durch Hannibal eine Maus 
zweihundert Denare gefoftet habe (Kap. 82, $. 3), dag das Pfeifen 
der Spitzmaͤuſe eine unglüdliche Vorbedeutung fey (Kap. 82, $. 3) 
und wer zuerfl ein ganzes Wildſchwein auf.bie Tafel gebracht Habe. 
(Kay. 78, $. 2.) Vergl. Acten. 

* Antigonus von Cyme, ein nicht näher befannter Schrift: 
fteller im Sache der Landwirthſchaft (Varro de re rast. E, 1. 8), ber 
nur im Allgemeinen unter den Auellen biefes Buces ohne Angaben 
befonderer Stellen genannt wird. 

* Antipater aus Rhodus, ein griechiſcher Naturforfcher, ber 
im zweiten Sahrhunbert vor Chriſti Geb. lebte und ein Werk über 
die Naturgefchichte der Thiere (nee! wor, vergl. Schol. ad Apollon. 
Rhod, II. 89) fegrieb, dem in diefem Buche (Kap. 5, $. 3) die Be 
merfung, daß die Elephanten auf die Namen hören, welche man 
ihnen beilegt, entnommen if. | , 


*) Uebrigeng fpricht auch Invenal von „Numidiſchen Bären“ 

in dem albanifchen Cirkus der Domitian, Sat. IV, 4100, wo 

freilich die Ausleger geneigt find, einen Big im Ahtorud 
Römwen) zu fehen. Red. 








W Achtes Buch. 895 
»Abpollodorus von Lemuns. Von ben zahlreichen griechi⸗ 
ſchen Schriftſtellern dieſes Ramens iſt er nur durch feinen Geburts⸗ 
ort zu unterſcheiden. Plinius führt ihn in dem Inhaltsverzeichniſſe 
mehrerer Bücher. an, ohne etwas Naͤheres über ihn mitzutheilen. 
Aus Vygrro (de re rust. I, 1.) wiflen wir, daß er über Landwirth⸗ 
Tchaft geichrieben. 

“.Apollonius von Vergamus, ein berühmter griechiſcher 
Arzt und Naturforſcher, von welchem wir aber nur wiſſen, daß er 
nach dem in das alexandriniſche Zeitalter fallenden Arzte Bacchius, 
deſſen Commentar über Hippocrates er in einen Auszug brachte, 
lebte, und daß er über die Pflanzen und ihre Heilkraͤfte, und über 
die Landwirthſchaft fchrieb (Varro de re rust. I, 1. 8). Das lehte 
Werk iſt das in dieſem Buche benükte. 

*Archelaus, der lebte König von Cappadocien unter Auguft 
‚und Tiberius, welcher. im Fahr 17 nach Ehr. ftarb, wird auch ale 
Schriftſteller im Fache der Naturwifienfchaften angeführt. Seine 
naturhiſtoriſchen Kenntniffe ſcheinen übrigens nicht fehr bedeutend 
geweſen zu feyn, wie bie ihm von Plinius entlehnten albernen Bes 
merkungen, daß die Ziegen nicht durch die Nafe, ſondern durch bie 
Ihren. athmen und nie vom Fieber frei feyen (Rap. 76, $. 3), und 
daß der Hafe ein Zwitter ſey (Kap. 81, 8. 3), Hinlänglich beweifen. 

* Arhytas von Tarent, ein berühmter Staatsmann, Jeld⸗ 
berr und Schrififteller aus der erfien Hälfte des vierten Jahrhunderts 
vor Chr. Die meiften auf ung gefommenen Bruchſtücke angeblich 
von ihm verfaßter philofopkifchen und mathematifhen Werke 
feinen unaͤcht zu feyn (vergl. Real⸗Encyclopädie der claſſtſchen 
Alterthumswiſſenſchaft, Br. I, ©. 692—694). Daß er derfelbe 
Archytas fey, per über Landwirthſchaft (Barro, de re rust. I, 1) 


896 G. Plinius Naturgeſchichte. 
ſchrieb und ven Plinins in feinem Autsrenregiſter neunt, wird 
von Ranchen behauptet, von Andern beſtritten. 

»Ariſtander von Athen, über deſſen Zeitalter ums wide 
befannt ift, ſchrieb Aber Landwirthſchaft (Barre, de ro rast. L 1.8). 
Sein Werk war, wie Plinius ſelbſt ſagt (B.. XVII. Kap. 38), mit 
Wunderdingen angefüllt. Sollte er vielleicht eine und diefelbe Per⸗ 
fon feyn mit dem Ariſtander, der ſich ald Wahrfager bei dem Heere 
Alexanders befand (Eurtius, IV, 2. 14)? 

* Ariftophanes von Byzanz, einer der berühmteften griech⸗ 
fchen Grammatifer, welcher unter Ptolomäus N. und PBtolomäns TIE 
zu Alerandrien lebte und der dortigen großen Bibliothek vorfland. 
Plinins fagt von ihm (Kap. 5, 6.5), daß er eine Blumenhaͤndlerin 
liebte. 

* Ariftopbanes von Miletus, ein nicht weiter befannter 
Schriftfieller im Fache der Landwirthſchaft, weichen nur Blinins 
unter den Quellen des achten Buches nennt. Wahrſcheinlich if er 
aber eine Berfon mit Ariftophanes von Nallos, den Varro (de re 
rast. I. 1. 8) unter den Schriftftellern über Landwirihfchaft anführt. 
Entweder bat ſich Barro oder Plinius geirrt; das letztere if jeboch 
wahrfcheinlicher. Der Scholiaſt des Theokrit (Idyll. I. 48) weist 
ebenfalls auf.des Ariftophanes Werk über den Aderbau (dv zoi; 
seopyois) Hin, deutet aber deflen Baterland nicht am. 

— Ariſtoteles. Er ift in dieſem Buche Die Hauptquelle 
‚des Blinius, welcher auch jelbft (Rap. 17,$. 3) fagt, daß er Die fünfzig 
Bücher des Ariftoteles über die Naturgefchichte der Thiere (von denen 
wir jegt nur noch zehn befiten) in einen Auszug gebracht und das 
ihm Unbekannte Hinzugefügt habe. Er nennt ihn noch beſonders bei 
ſchichte des Elephanten (Kap: 10, vergl, Hist. animal, 

3. IX, 2), des Löwen (Rap. 17. 18, vergl. Hist. animal, 








Achtes Bug. 87 


vn, 31. VIE, 9, IX, 39), dee Hyaͤne (Kap. 44, vergl. Hist. animal, 

VI, 32. Be Generat. animal. HI, 6) und des Scorpion (Kap. Sb, 

vergl. Hist. animal. VIII, 39). Außerdem laͤßt ſich aber hie Bes 

nügung. des Ariſtoteles durch das ganze Buch, auch wo er nicht nam⸗ 

haft gemacht iſt, nachweiſen, ſo bei der Beſchreibung des Bonaſus 

(Rap. 16, vergl. Hist. animal IX, 45), des Kameels (Kap. 26, 

vergl. Hist, animal, II, 1), des Hirfches (Ray, 50, vergl. Hisk. 

animal. VI, 29. IX, 6), des Chamäleon (Ray. 51, vergl. Hist - 
animal, II, 11), des Pferdes (Kap. 66, vergl. Hist. animal. VI, 13. 

17. 22), des @feld (Kap. 69, vergl. Hist. animal: VI, 23. 24) ıc. 

* Attalus I. Philometor, König von Pergamus (138 
bis 133 vor Chr.) beichäftigte fi mehr mit den Künften, als mit 
der Regierung. Nach Plinius (Kap. 74, $. 2) erfand er die Kunft, 
Gewaͤnder mit Gold zu durchwirken. Auch foll er über Mehizin, 
Botanik und Landwirthfchaft (Columella, de re rust. I, 1) gefchries 
ben Haben. Wahrfcheinlich wird er des letzteren Werkes wegen bei 
den Quellen dieſes Buchs genannt. J 

Bacchius von Miletus, ein nicht nher bekannter Schrift⸗ 
ſteller im Fache der Landwirihſchaft (Varro, de re rust. I. 1. 8), 
Yan Plinius in den uellenverzeichniff en mehrerer Bücher nennt. 

— * Bion aus Soli, ben wir fehon im fechöten Buche (Kap. 35) 
als Ethnographen fennen lernen, wird auch unter ben Quellen dieſes 
Buches genannt, wo fein Merk über bie Sanbiwiriäfähaft (vergl. 
Varro, de re rust. I, 1) benüpt iſ. | 

— Cato der Senf. Aus feinen Annalen (Annales, bie aber 
den: Titel Origemas führten) ſchopft Plinius (Ray..d, 8. 3) vie Ber 
merfung , daß Vie Clephanten Namen hatten, auf die ſie Hörken. 
Auch feine za Cicero's Zeiten noch großentheils vorhandenen Heben 
(oratiomen). werben ſehr gerühmt, Plinius jagt (Rap. 78, 8. 1). 


896 6. Vlinius Naturgeſchichte. 


ſchrieb und den Plinius in feinem Autorenregiſter nennt, wich 
yon Nanchen behauptet, von Andern beſtritten. 

»Ariſtander von Athen, über deſſen Zeitalter und michte 
bekannt iſt, ſchrieb Aber Landwirthſchaft (Barre, de re rust. L 1.8). 
Sein Werk war, wie Plinius ſelbſt ſagt (B.-XVII. Kap. 38), mit 
Wunderdingen angefüllt. Sollte er vielleicht eine und diefelbe Per⸗ 
fon feyn mit dem Ariſtander, der ſich als Wahrfager bei dem Heere 
Alexanders befand (Curtius, IV, 2. 14)? 

* Ariftophanes von Byzanz, einer der berühmteften griechi⸗ 
fchen. Grammatiker, welcher unter Ptolomäus H. und Ptolomäus IE 
zu Alexandrien lebte und der dortigen großen Bibliothek vorfland. 
Plinius ſagt von ihm (Kap. 5, 6. 5), daß er eine Blumenhaͤndlerin 
liebte. 
*Ariſtophanes von Miletus, ein nicht weiter befannter 

Schriftfieller im Fache der Landwirthfchaft, welchen nur Blinins 
unter ven Quellen des achten Buches nennt. Wahrſcheinlich if w 
aber eine Berfon mit Ariftophanes von Mallos, ven Varro (de re 
rast. I. 1.8) unter den Schriftftellern über Landwirihſchaft anführt 
Entweder hat ſich Varro ober Plinius geirrt; dad letztere iſt jeboch 
wahrſcheinlicher. Der Scholiaſt des Theokrit (Idyll. I. 48) weist 
ebenfalls auf. des Ariſtophanes Werk über den Ackerban ( rox 
zsopyols) hin, deutet aber deſſen Vaterland wicht an. 

— * Ariſtoteles. Er if in dieſem Buche die Hauptquelle 
‚des Plinius, welcher auch felbft (Kap. 17, $. 3) fagt, daß er die fünfzig 
Dücher des Ariftoteles über die Raturgefchichte der Thiere (von benen 
wir jest nur noch zehn beftgen) in einen Auszug gebracht unb das 
ihm Unbekannte hinzugefügt habe. Er nennt ihn noch beſonders bei 
‚ver Naturgefchichte des Blephanten (Rap: 10, vergl. Hist. animal. 
VII, 12, V, 13. IX, 2), des Löwen (Rap. 17. 18, vergl. Hist. animal, 








Achtes Bu. 897 


VI, 31. VIE, 9. IX, 39), bee Hyaͤne (Kap. 44, vergl. Hist. animal, 
VI, 32. Be Generat. animal. HI, 6) und des Scorpion (Kap. Sh, 
vergl. Hist. animal. VIII, 39). Außerdem laͤßt ſich aber die Bes 
nũutzung bed Ariftoteles durch bad ganze Buch, auch wo er nicht nam⸗ 
haft gemacht iſt, nachweiſen, fo bei der Befchreibung des Bonaſus 
(Kap. 16, vergl. Hist. animal IX, 45), bed Kameels (Kap. 26, 
vergl. Hist. animal, II, 1), bed Hirfches (Kap. 50, vergl. Hit. 
animal. VI, 29. IX, 6), des Chamäleon (Rap. 51, vergl. Hist, 
aninal. IE, 11), des Pferdes (Kay. 66, vergl. Hist. animal. VI, 13. 
17. 22), des @feld (Kap. 69, vergl. Hist. animal: VI, 23. 24) ıc. 

* Attalus II. Philometor, König von Pergamus (138 
bis 133 vor Chr.) befchäftigte fig mehr mit den Künften, als mit 
der Regierung. Nach Plinius (Kap. 74, $. 2) erfand er die Kunft, 
Gewänder mit Gold zu durchwirken. Auch foll er über Medizin, 
Botanik und Landwirthſchaft (Columella, de re rust. I, 1) geſchrie⸗ 
ben Haben. Wahrſcheinlich wird er des letzteren Werkes wegen bei 
den Quellen dieſes Buchs genannt. | 

Bacchius som Miletus, ein nicht miher Sefannter Schrift: 
ſteller im Fache der Landwirihſchaft (Varro, de re rust. I. 1. 8), 
den Blinius in den uellenverzeichnifl en mehrerer Bücher nennt. 

— * Bion aus Soli, ben wir fehon im fechöten Buche (Kap. 38) 
als Ethnographen fennen lernen, wird auch unter ben Quellen dieſes 
Buches genanws, wo fein Werk über. bie Landwirthſchaft (vergl. 
Varro, de re rust. I, i) benübt il. 

— Cato ver Genf. Aus feinen Annalen (Annales, bie aber 
ben Titel Origemas führten) fhöpft Plinius (Ray.,5, 8. 3) die Ber 
merkung, daß die Clephanten Namen hatten, auf bie ſie hoͤrien. 
Auch feine za Cicero's Zeiten nach; großentheils vorhandenen Reben 
(oratienen) werben ſehr gerühmt. Plinius fagt (Rap. 78, $. 1). 


898 C. Plinlus Naturgeſchichte. 


daß er darin gegen bie Ueppigkeit der Mmer, befonders gegen die 
aus Wildſchweinen bereiteten Leckerbiſſen, vie fle auf ihre. Tafeln 
brachten, eiferte. 

Gelfus, f. Cornelius Celſus. 

Chaereas von Athen, ein griechifcher Schrififteler, von 
dem wir nichts weiter wiſſen, als daß er ein Werk über Landwirth⸗ 
ſchaft verfaßte (Barro, de re rust. I, 1. 8) und daß ihn Plinius 
unter den Quellen dieſes Buches nennt. 

Columella, Lucins Junius Moderatus, aus Cadirx, lebte in 
der erſten Hälfte des erften Sahrhunderts nach Chr. und ſchrieb ein 
Werk über den Landbau (de re rust.), welches wir noch Befigen. 
Die Stelle, welche Plinius (Kap. 63, $. 2) aus ihm anführt und ein 
Mittel gegen die Hundswuth enthält, findet ſich B. VII, Kay. 12. 

— Eornelius Gelfus. Auch in diefem Buche benüpte 
Plinius deſſen nur noch zum Theil vorhandenes Werk über Philojos 
phie, Iurisprudenz, Medizin und Landwirthichaft (de artibus) , br 
zeichnet aber die ihm enslehnten Bemerkungen Mlcht genauer. 

— Gornelius Valtrianus, ein und völlig unbelaunter 
und nur von Plinius angeführter Schriftſteller, der kurz nach dem 
Roifer Tiberius gelebt zu Haben ſcheint. 

Eoruncanus. Wir finden nirgends eine Nachticht über bies 
fen Schriftfteller ; wahricheinlich ift aber Titus Coruncanius, ber 
im Jahr 280 vor Chr. Conſul war und als’ ein durch Religiofltät, 
Geſetzeskunde und Erfahrung andgezeichneter Mann genannt wird, 
gemeint (vergl. RenlsEneyclopädie der Hafflfchen Alterthumswiſſen⸗ 
haft, Br. II, S. 722). Diefe Bermuthung wird dadurch noch 
wahrfcheinlicher,, daß Coruncanius Oberpriefler war, und vielleicht 
auch über die Obliegenheiten feines Berufes ſchrieb, denn Pliniaa 


k \ 


Achtes Bud. 899 

entiehnt ihm (Kap. 77, $. 2) die Benerfung über bie Zeit, warn 
bie wieberfäuenden Thiere rein feyen und geopfert werben bürfen. 
- 7 — * Gtefiad. Einem feiner an üppigen und weit von der 
Wahrheit abfchweifenden Auswuͤchſen reichen Hifturifchen Werke ift 
in dieſem Buche (Kap. 30, $. 3) die Befchreibung des fabelhaften 
Thieres Mantichora entnommen. . - 

* Demetrius, der Phyſiker (physious), ein nicht näher be⸗ 
fannter Naturforfcher, dem Plinius in dieſem Buche (Kap. 21, $. 6) 
eine Erzählung von der Großmuth des Panthers entlehnt. — 
Harbouin Hält diefen Demetrius für einen und denfelben mit dem 
berühmten athenienflfcgen Staatsmann Demetrins aus Phalerum 
(vergl. Real: Encyclopädie- der claffifden Alterthumswifienfchaft, 
Bd. II, S. 938—940, vergl. ©. 942), ohne jedoch irgend einen 
Beweis für diefe ſchwer zu glaubende Behauptung beizubringen. 

— * Democritus. Diefem berühmten Philofophen erzählt 
Plinins in dieſem Buche (Kap. 22) eine wunderbare Gefchichte von 
einer Schlange nach, deutet aber das Werk nicht an, dem er fie 
entnommen. 

* Div aus Colophon, ein von Plinius bei ven Quellen dieſes 
Buches angeführter, aber nicht näher befannter Schriftſteller, der 
ein Werk über die Landwirthſchaft verfaßt hat (vergl. Varro de re 
rust. I, 1. 8). a 

*.Diodorus von Priene, ein ebenfalls unbefannter Schrift: 
ſteller im Fache der Landwirthſchaft (vergl Eolumella, de re rust. 
I, 1), der bei ven Quellen dieſes Buches nur im Allgemeinen nam⸗ 
haft gemacht iſt. = 

* Dionyfius Caſſins aus utica, lebte in der ‚weiten 
Hälfte des letzten Jahrhunderts vor Chr. und überfebte das große 
Werk des Carthagers Magon über die Landwirthſchaft ind Griechifche 





8900 C. Plinius NRaturgefchichte. 


(Meagonem transtulit, fagt Plinius). Varro, de re zust. I, 1. Ans 
biefer Ueberſetzung machte 

* Diophanes von Nicaͤa (vergl, Barro, den re rast. I, 1), 
ein wicht genauer bekannter Schriftſteller, der. zur Zeit Cicero's Ichte, 
einen Auszug, ex Dionysio epitomen feeit, wie ſich PBlinins aud« - 
drückt). 

— Duris. Ginem feiner zahlreichen Werke (vergl. oben 
©. 747) entlehnt Plinius (Kap. 61, $. 2) ein Beijpiel der Anhängs 
lichkeit eines Hundes au feinen Herrn. 

— * Epigenes von Rhodus. Wenn er mit dem bei bem 
zweiten und fiebenten Bude ——— Epigenes dieſelbe Berfon 
iſt, was jedoch Manche bezweifeln, fo hat ex außer ſeinen aſtronomi⸗ 
fihen Schriften auch ein Werk über die Landwirthſchaft (Barro, de re 
rast. I, 1. 8) verfaßt, welches Plinius bei.den achten und mehreren 
anbern Büchern benügte, 

* Eyagon von Thafus, ein in dem Quellenverzeichniſſe dieſes 
Buches namhaft gemachter, aber, was feine Lebensverhaͤltniſſe bes 
trifft, völlig unbekannter Schriftfteller im Fache der Landwirthſchaft 
(Barto, de re rust. 1, 1). 

Evanthes von Miletus (Diogen. Laert. Thal. o. 29), ein 
epifcher Dichter (Athenseus 1. VII, p. 296), der hauptſaͤchlich mythi- 
ſche Stoffe behandelt zu haben ſcheint (Schol. Apollon. Rhod. I, 
1065), war im Alterthum fehr geachtet, aber kein Schriftfteller gibt 
uns bie Zeit, worin er lee, an. Plinius entlchnt ihm (Kay. 3, 
$. 3) die Sage von einer Familie, von welcher immer ein Mitglied 
in ber Geſtalt eines Wolfes neun Jahre zubringen mußte. 

* Euphronins von Athen, ‚ein von Plinius in mehreren 
Büchern benägter Schriftfteller im Fache ber Landwirthſchaft (Varro, 
de re rust, I, 1. 8), über den wir aber nichts Näheres wien. 


’ 





Achtes Buch. 901 


Jabins, ein nur von Plintus (Kap. 34, $. 3) genannter und _ 


wegen feiner Leichtgläubigfeit getadelter Schriftfteller, wenn. übers 
haupt diefe Stelle nicht verdorben und flatt Fabins nicht falsius 
oder ein ähnliches Wort”) zu Iefen ift, was mir fehr wahrfcheinlich 
dünkt, da Plinius von ber griechifchen Leichtglänbigkeit fpricht und 
Fabius doch ein roͤmiſcher Name ift, der auch in dem Quellenver⸗ 
zeichniffe nicht angeführt wird. 

Feneftella, ein römifcher Hiftorifer, der unter Auguſtus und 
Tiberius blühte und im Jahr 21 nach Ehr. ſtarb. Seine Annalen, 
die wenigftens 22 Bücher umfaßten, find nicht auf unfere Zeit ges 
fommen. Blinius nimmt in biefem Buche ‚aus ihnen die Angabe, 
wann zuerſt Blephanten zu Rom im Circus kämpften (Kap. 7, $. 2) 
und die Bemerkung (Kap. 74,8. 1), daß zur Zeit des Kaiſers Auguftu® 
ſowohl die feingefchornen, als auch die friesartigen Tücher auffamen. 

Flaceus Berrius, f. Berrius Flaccndr 

Germanicus Eäfar, der Sohn des Drufus und Enfel des 
Auguftus, deſſen früher Tod von Tiberius herbeigeführt worden feyn 
foll (vergl. Kap. 71,9. 2), wird als ein ſehr geiftreicher Mann und 
talentvoller Dichter und Redner von den alten Schriftftellern aus⸗ 
"gezeichnet. Die noch vorhandenen Gtüde feiner metrifchen Ueber⸗ 
feßung der Phaͤnomena, bes Aratus und der Diofemeia (oder Pro- 
gnoflica) eines andern griechifchen Dibaktiferd und einige Epigramme 
find öfter gebrudt. Plinius erwähnt (Kap. 64, $. 3) eines nicht 
auf unfere Zeit gefommenen Gedichtes bes Germanicus Caͤſar auf 
ein Pferd des Auguſtus. 

— ? Hegeſias von Maronea. Sein Werk über die Lands 
wirthſchaft (Varro, de re rust. I, 4) dient in biefem Buche als 





*) ton in fabulis? fabala? fabulone? Red. 
C. Plinius Naturgeſch. 80 Bohn. 2 


N 


.902 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Quelle, die ihm entnommenen Bemerkungen find aber nicht näher 

bezeichnet. | 

— * Herobot. Plinius führt ihn bei einer Bemerkung über 
pie Elepantenzähne an (Kap. 4, $. 1), die betreffende Stelle findet 

ieh aber nicht in feinem vorhandenen Geſchichtswerke. Auch was 

. Blinins über ben Apis fagt (Kap. 71), ift ihm großentheild entnom⸗ 

men (Hist. III, 28), obſchon er nicht genann? wird. 

* Hiero, Rönig von Syrakus, wahrfcheinlich ber zweite dieſes 
Namens , welcher im Jahr 214 vor Chr. ſtarb, wird von Varro (de 
re rust. I, 1) und nad) biefem von Plinius ald Schriftkeller im 
Fache ver Landwirthſchaft und als eine feiner Quellen angeführt. 

— * Homer. Plinius führt ihn in dieſem Buche als Zeugen 
an, daß dte Teppiche ſchon in fehr alter Zeit im Gebrauche waren 
(Ray. 73,8. 3, vergl. Il. X, 156. Odyſſ. IV, 124) und daß ſchon 
Helena gebilvetes Zeug verfgrtigte (Kap. 74, $. 2, vergl SI. IH, 
425. 126). 

— * Zuba. Seinen zahlreichen Schriften (vergl. oben ©. 
485 und 591) entlehnt Plinius in dieſem Buche mehrere Bemerkun⸗ 
gen über ie Elephantenzähne (Kap. 4, $. 1), über das Gedaͤchtniß 
des Elephanten und feine Liebe zu den Menfchen (Kap. 5, $. 5. 8), 
über. Schlangen mit Kaͤmmen (Kap. 19), über das fabelhafte Tier 
Mantichora, das in Aethiopien die menſchliche Stimme nachahme 
(Kay. 45) und die Sage, daß die Königin Semtramis ein Pferb Bis 
. zur Begattung mit ihm geliebt habe (Kap. 64, $. 3). 

— Licinius Mucianus. Dem leiber nicht mehr vorkans 
denen Geſchichtswerke dieſes berühmten Staatsmannes, ber dreimal 
Conſul war (Kap. 3) entlehnt Plinius in dieſem Buche mehrere 
Beiſpiele von der Klugheit des Elephanten (Kap. 3) und der Ziegen 
Ray.?6, 8. 2) und von, ber Geſchicklichkeit ver Affen (Rap. 80,6. 1). 








Achtes Buch. | 908 


— Lucilius. Plinius bemerkt (Rap. 74, $. 1), daß diefer 
Satyrifer die glänzenden Kleider eined gewiſſen Torquatus rügte. 
Diefe Stelle des Lucilius wird zwar nicht woͤrtlich angeführt, doch 
ſcheinen ihr die Ausdrůcke „orebrae papavoratae“ (dichte mit Mohn 
zubereitete glänzende Kleider) entnommen zu feyn. 

*Lyſimachus, ein fonft völlig unbekannter, nur von Varro 
(de re rust. I, 4) und von Plinius.in dem Verzeichniſſe feiner 
Duellen genannter Schriftfleller im Fache der Landwirthſchaft. 

Mamilius Sura, ein römifcher Schriftfleller,, über deſſen 
Lebenszeit man nirgends eine Nachricht findet, der aber nach Varro 
(de re rast. I, 1) ein Werk über Landwirthſchaft ſchrieb. Plinius 
nennt ihn bei mehreren Büchern unter feinen Onellen. 

— !Megaftbenes. Plinius führt ihn zwar beiden tn bies 
ſem Buche benügten Quellen nicht an, entlehnt aber doch feiner 
inbifchen Gefchichte die Bemerfung (Kap. 14, $. 1), daß es in In⸗ 
dien fo ungeheure Schlangen gäbe, daß fle Hirfche und Stiere ver- 
ſchlucken. 

— Mela Pomponius. Diefer von Plinius vielbenützte 
Geograph wird zwar nur im Allgemeinen im Ouellenverzetchniffe 
diefes Buches genannt und bei Feiner Stelle befonverd angeführt, 
offenbar ift ihm aber die Bemerkung (Kap. 70, $. 3), daß die Ochſen 
im Lande der Garamanten rückwaͤrts gehend weiben, entnommen. 
(Bergl. Mela, 1, 8.) 

"Menander Plinius nennt zwei Schriftfteller diefes Nas 
mens unter den Duellen dieſes Buches und unterſcheidet fle durch 
ihr Vaterland, denn. der eine war von Heraklea, ber andere von 
Priene. Varro (de re rust. I, 1) zählt fie unter den Schriſtſtellern 
über tät eu. Weitere Nachrichten über fie finden ff} 


q« 


904 8. Plinius Naturgeſchichte. | 

* Menecrates von Ephejus, ein nicht näher befannter Schrift: I 
fteller, der in einem @ebichte den Landbau befang (Warro, dererust. | 
3,1), weßhalb ihn Blinius in dem Quellenverzeihnig Menektates 
den Dichter nemnt. 

- Metellus Seipio, D. Eäcilind Pins, ein ebenfo ehrgeiziger 
als intriguenvoller Mann, der feine der, Tugenden feiner Vorfahren, 
der Scipionen, befaß. Er gab feine jüngſte Tochter Cornelia dem 
großen Pompejus zum MWeibe und wurde von diefem , ald der Kampf 
zwiſchen ihm und Gäfar ausbrach, als Proconful nach Syrien geſchickt, 
um da alle ‚Truppen der öftlihen Provinzen zu verſammeln und 
fglagfertig zu machen. Er entlevigte ſich dieſes Auftrags mit ſolcher 
Graufamfeit und trieb feine Erpreffungen fo fehr ins Unverfchämte, 
daß ihm allenthalben der bitterfte Haß folgte. Nach der Niederlage 
bei Pharſaͤlus feßte er nach Afrika über und ftellte ſich an die Spike 
des dort gegen Gäfar verfammelten Heeres. Nachdem auch bier 
Alles verloren war, ‚endete er buch Selbſtmord (45 vor Chr.). 
Scipio Metellus hatte häufig Streitigkeiten mit Cato und warf 
dieſem fogar Verſchwendung und Ueppigkeit vor ( Kap. 27, 8. 3). Dieſes 
ſcheint er in irgend einem Werke gethan zu Haben, weil ihn Plinius 
unter ben Quellen dieſes Buches nennt. Nähere Nachrichten über 
die fohriftftellerifche Thätigfeit diefes Scipio finden fich jedoch nicht. 

— Metrodorus. Seinen Schriften, über deren Titel und 
Inhalt das Alterthum uns nichts überliefert hat, entlehnt Plinius 
in dieſem Buche (Rap. 14, 8. 1) die Nachricht von Schlangen, bie 
durch ihren Athem Vögel anziehen und verfchlingen. 
Mucianus, f. Licinius Mucianus. 
* Nicander aus Colophon (nach Anvern aus Aetolien) ein 
beruͤhmter Dichter, Sprachforſcher und Arzt, der in der Mitte bes 
weiten Jahrhunderts vor Chr, blähte, Er ſchrieb eine Heiße 








BT." _ 


Achtes Buch. 905 


epiſcher und bibaktifcher Gedichte, von denen zwei, nämlich eines von 
giftigen Tieren und den Heilmitteln gegen ihren Biß (Onguaxd) 
und ein anderes von den Heilmitteln gegen vergiftete Speifen und 
Getränke (Alskıpapuaxa), auf unfere Zeit gefommen, aber nicht 
von großem bichterifchen Behalt find. Seine Werke fcheinen in- 
defien bei den Römern fehr beliebt gewefen zu feyn, denn Birgil 
nahm fich wenigftens zum Theil fein Gedicht über den Landbau 
(Teapyıra) und Ovid feine Berwanvlungen (Erspaovaera) zum 
Vorbild; über die Art und Weife, fo wie über die Grenzen der Nach⸗ 
ahmung läßt ſich aber nichts fagen, da die Driginalwerfe nicht mehr. 
vorhanden fin Inter feinen übrigen verlorenen Werfen werben 
noch genannt, die europfifchen, ätolifchen,, böotifchen , colophonifchen 
und flzilifchen Gefchichten mytbifch-hiftorifchen Inhalts (Athenaeus, 
1. VI, p. 295. 1. VII, p. 329. 1. XI, p. 496 ; Schol. ad Apoll. Rhod. 
IV, 57), ein Buch, welches den Namen Hyacinth (Tanırdos, vergl. 
Schol. in Nicand. Theriac. p. 28). führte, u. ſ. w. — Plinins bes 
nüste in dieſem Buch wahrſcheinlich vorzugsweiſe das Gedicht über 
den Landbau. 

Niger Trebius, ſ. Trebind Niger. 

— Nigidius Figulus. Geinen nicht mehr vorhandenen 
naturbiftorifchen Schriften entnahm Plinius in diefem Buche bie 
Bemerkungen, daß die Ferkel’ zur Zeit der Winterfonnenwende mit 
den Zähnen zur Welt fommen (Kap. 77, $. 1) und daß bie Spig- 
mäufe und Schlafragen fi im Winter verbergen (Kap. 82, $. 3). 

* Philiſtus aus Syracus, wo erim Jahr 431 vor Ehr. ger 
boren wurde, galt im-Alterthume als einer ber vorzüglichften Ges 
ſchichtsſchreiber und wurde fogar mit Thucydides verglichen (Cicero, 
de divinat. I. 20. Epist. ad Quint. fr. II, 13). @r war ber Ver⸗ 
traute, Minifter und Feldherr des älteren Dionyflus, dem er zur Gr⸗ 


906 G. Plinius Naturgeſchichte. 


langung ‚der Alleinherrſchaft wit Rath und That beiflanb. Als er fi 
aber heimlich mit der Nichte des Tyrannen verheiratete, wurde er 
mit der Berbannung gefttaft, aus der ihn erft Dionyfius der Jüngere 
zurädtief. Er befehligte deſſen Flotte in der unglücklichen Sees 
ſchlacht gegen die Syrafufaner, wurbe gefangen und vom Bolfe zer- 
riſſen (538 vor Ehr.). Seine bis zum Jahr 446 vor Chr. reichende 
Geſchichte Siziliens in elf Büchern, feine beiden Biographien bes 
älteren umd jüngeren Dionyfins, die erfle in vier, die andere in 
zwei Büchern, führten zufammen den Titel Sizilifge Gefchichten 
(Zinsrına), deren Verluſt fehr zu bedauern ift, obfchon fie ver Stel. 
Iung des Berfaflerd nach unmoöglich unpartheiifh geweſen ſeyn 
tönnen. Plinius zog aus diefem Werfe die Bemerkungen über die 
Treue eines Hundes des Tyrannen Gelon von Syracus (Kap. 61, 
$. 2) und von der Anhänglichkeit eines Pferdes an ben Tyrannen 
Dionyſius I. (Kap. 64, $. 5) Das Legtere erzählt auch Cicers 
(de divinat. I, 33) und nennt ebenfalls Philiſtus feine Duelle. Ueber 
diefen Hiftorifer vergleiche mar Sevin, Recherches sur Ia vie et leo 
eorits de Philistus (in ben Memoires de P’Academie des Inserip- 
tions, Tom. XIII, p. 1 sqqg.) und Fr. Goͤller, De Philisti vita et 
seriptis (in deſſen Werf: de ortu et origme Syracusarum, Lips. 
41818. 8. p. 101 bis 142), welcher auch die noch erhaltenen Frag⸗ 
mente (ebend. p. 143—176) forgfältig zufammengeftellt hat. 

— * Phylarchus. Welchem feiner zahlreichen Werke Pli⸗ 
nius die Erzählung von der Anhänglichkeit eines Pferdes an ben 
König Antiochns I. von Syrien (Kap. 64, $. 5) entnommen bat, 
läßt fich nicht mit Beſtimmtheit ermitteln, doch darf man auf bie 
„Geſchichte“ der Streitigkeiten Antiochus des Großen und bes Eu- 
menes (vergl. oben ©. 761) fchließen. 

— PBiſo, 2 Galpurnins Aus feinen Annalen fchöpfte 











Achtes Buch. 2 907° 


Pinins die Bemerkung uͤber Elephanten, die man in den Circus 
brachte (Kap. 6, 8. 2). 

— Polybius. Die ihm entnommenen Nachrichten über bie 
afrifantfchen Löwen (Kap. 18, $. 2) und dag die Umzäunungen der 
Häufer und Ställe im Innern Afrika's aus Blephantenzähnen ge 
macht feyen (Kap. 10, 8. 4) finden ſich in ben noch vorhandenen 
Büchern femer Geſchichte nicht. 

Pomponius Mela, ſ. Mela Pomponius. 

Procilius, ein roͤmiſcher Grammatiker und Hiſtoriker, der 
zur Zeit Varros lebte und in nicht geringer Achtung geſtanden zu 
haben ſcheint (Gicero, ad Attic. IE, 2). Weber feine Werke Haben 
wir feine weitere Nachrichten nnd man Tann alfo nicht vermuthen, 
aus weichen derſelben Plinius die ihm entlehnte Bemerkung über die 
Glephanten (Kap. 2) nahm. 

Seipio, ſ. Metellus Scipio. 

Sura, ſ. Mamilius Sura. 

— * Theophraſtus. Man muß dieſen trefflichen Natur⸗ 
forſcher, deſſen Werke bekannter zu ſeyn verdienten, als eine der 
Hauptquellen dieſes Buches betrachten und nur bedauern, daß Pli⸗ 
nius den Sinn ſeiner Worte nicht immer ganz richtig auffaßte oder 
bei der Zuſammenſtellung ſeines Werkes verdrehte. In dieſem Buche 
wird ihm nacherzaͤhlt, daß die Rhoetienſer vor Aſſeln die Flucht er⸗ 
greifen mußten (Rap. 43), daß die Excremente der Sterngäder Heil⸗ 
Träfte enthalten (Kap. 49), vergl. Theophrafts Fragment „Bon dem 
angeblichen Neid der Thiere” (nspl To» Acpoubvov kuav yioveis); 
wie das Fleifch des Bären während des Winterfchlafs deſſelben bes 
Schaffen ſey (Kap. 54, $. 3), daß es in Cappadocien Halbefel gebe 
(Kay. 89, $..3) und daß die Mäufe Eifen und Gold freffen und deß⸗ 
halb in den Bergwerfen aufgefchnitten würden, um das: letztere wie⸗ 


908 C.. Plinius Naturgefchichte. 


der zu gewinnen (Rap. 82, $. 2), vergl. Theophrafls Fragment 
„Bon ben Thieren, die ſich plotlich zeigen“ (nee zor addon 
guvoniväb Eoor). 

Trebius Niger, ein romiſcher Geſchichiſchreiber, von dem 
m nichts weiter wiſſen, als daß er im Jahr 150 vor Chr. deu 2. 
Lucullus nad Spanien, wohin biefer als Proconful ging, begleitete. 
Plinius nennt ihn nur im Allgemeinen unter feinen Quellen, ohne 
das, was es. ihm entnahm, näher zu bezeichnen. 

. — Trogus Pompejus. Seine Geſchichte iſt in dieſem 
Buche benützt; der noch vorhandene Auszug derſelben läßt jedoch 
nicht errathen, an welchen Stellen. i 

Valerianus Cornelins, ſ. Cornelius Valerianus. 

— Varro, M. Terentius. Plinius entnimmt ſeinen zahl⸗ 
reichen Schriften in dieſem Buche die Bemerkungen, wie Voͤlker und 
Städte oft von Thieren zu Grunde gerichtet worben jeyen (Kap. 43), 
über den hohen Preis eines Eſels (Kap. 68, $. 1, vergl. Barro de 
re rust. III, 8) und daß man noch zu-feiner Zeit Roden und Spin⸗ 
del der Königin Tanaquil und ein von ihr-verfertigtes Kleid in Rom 
gehabt habe (Kay. 74, $. 1). 

— Berrius Flaccus. Blinius entnimmt feiner Geſchichte, 
die mit vielen Curiofltäten durchflochten geweien zu feyn feheint, eine 
Bemerkung über Elephantenkämpfe im Circus (Kap. 6, $. 2). 

— Virgilius. Plinius rühmt in dieſem Buche ganz bes 
. fonders (Kap. 65, $..3) die Stelle aus dem britien Buche über den 
Landbau (v. 72.8qq.), welche die Pferbezucht betrifft. 


un — — 





Altes Bu. 909 


1m. 1. Gehen wir nun zu den übrigen Thieren über und 
zwar zuerfi zu bet Landthieren. Das größte verfelben und das dem 
Menfchen an Berftand zunächft ſtehende iſt der Glephanf, denn er 
verſteht die Landesiprache, gehorcht den Befehlen, vergißt Ki sig 







leiſtungen nicht, die man ihn gelehrt Hat, zeigt Empfängli 
für Liebe und Ruhm, ift fogar (was man nicht einmal immer bei 
Menfchen findet) ehrlich, klug, gerecht, verehrt die Geſtirne und befet 
die Sonne und den Mond an.“) 2. In den Forſten Mauritaniens 
kommen ſie, wie Manche berichten, beim Schimmer des Neumondes 
herdenweiſe an einen gewiften Fluß, der Amilo heißt, reinigen ſich 
dafelbft, indem fie feierlich Wafler umherfprengen und Fehren dann, 
nachbdem fie dem Geſtirne auf,diefe Weife ihre Ehrfurcht bezeugt 

haben, ihre ermübeten Jungen vor fich hertragend, in die Wälder 
zuruͤck. Auch fremde Religionsgebräuche verftehen fle und’ follen, 
wenn fie über das Meer gebracht werben müflen, nicht eher das 
Schiff befteigen, als bis ſie ihr Führer durch die eidliche Verficherung, 
daß ‘er fie wieder zurücdhringe, dazu bewege 3. Man fah auch 
bon, daß von Unmwohlfeyn befallene Elephanten (denn auch diefe 
Fleiſchmaſſen werden von Krankheiten geplagt) fich rückwärts beu⸗ 
gend Kräuter gegen Himmel frhleuderten, gleich als wollten fie bie 
Erde zu ihrer Fürbitterin machen. — Was nun ihre Gelehrigkeit 
betrifft, jo beten fle ven König an, beugen bie Kniee und reichen 
Kronen dar. Die Indier pflügen mit ben Heineren, welche fe Baftarde 
nennen.. 





*) Auch die neueren: Naturforſcher rühmen dem Verſtand und bie 
Geſchicklichkeit des Elephanten, ftellen ihn aber in dieſer Be⸗ 
ziehung doch nicht Höher, ald den Hund und das Pferd. Die 
Behauptung der Alten, daß er Religionsgebräuche ferne und 
beobachte, ift Unfinn, wie wohl laum bemerkt zu werden braucht. 


910 C. Plinius Naturgeſchichte. 


N cm. Zu Rom wurden fie zuerſt bei dem afrikaniſchen 
Triumphe*) ded großen Bompejus neben einander an den Wagen 
gefpannt, {as auch früher ſchon bei dem Triumphe des Vaters Liber 
nach der Belegung Intiens der Hall geweien feyn fol. Proeilius 
FR: in Abrede, daß fie bei dem Triumphe des Pompejus neben ein- 
ander gefpannt durch das Thor kommen fonnten. Bei den Fechter⸗ 
fpielen des Germanicus Gäfar machten Elephanten einige tanzähıs 
liche, wenn gleich auch ungefchicfte Bewegungen; ganz gewöhnlich war 
ed, daß fie Waffen mit folcger Kraft in die Luft warfen, bag ber 
Wind ihre Richtung nicht zu verändern vermochte, daß fle nach Art 
der Fechter mit einander fämpften ober im muthwilligen Waffentange 
mit einander fpielten ; fpäter gingen fle auch auf dem Seile, trugen 
je vier einen fünften, ber eine MWöchnerin vorfteflte, in einer Säufte 
und begaben ſich in mit Menfchen angefüflten Speifefälen mit fo 
abgemefienen Schritten über die Polfter in ihre Bläge, daß fie feinen 
ber Trinfenden berührten. 

IN am. Gewiß iſt's, daß man einen, der, weil er das, was man 
ihn lehren wollte, etwas ſchwer begriff, öfter mit Schlägen gezüchtigt 
wurde, des Nachts mit der Wiederholung feiner Lektion befchäftigt an: 
traf. Höchft wunderbar iſt's, daß fle auf Seilen aufmärts fchreiten, noch 
wunderbarer aber iſt's, daB fle auf benfelben auch wieder herabgehen. 
Mucianus, der dreimal Conſul war, erzählt, daß einer auch die Züge ber 
griechiſchen Buchftaben erlernte und öfterin diefer Sprache Die Worte: 
„sch ſelbſt Habe Dieſes geſchrieben und celtifche Beute 
geweiht”, nieberfchrieb, umd daß er felbft zu Buteoli [Pojanoli] ge: 
fehen habe, wie eben angefommene Elephanten, die aus beng- Schiffe 
gehen ſollten; und Durch die Länge ber weit vom Ufer hinausreichenben 





*) Im Jahr 81 vor Chr. 


t 











Achies Bud, m 


Brürle in Schrecken gerietben, ſich umdrehten und ruͤckwärts gingen, 
um fich felbft in der Meinung über die Weite bes Weges zu täufchen. 
IV. 1. Sie felbft wiſſen, daß ihre Waffen [Hauer], welche 
Juba Hörner, der weit ältere Herobot*) aber und der Sprachgebrauch 
richtiger Zähne nennen, die einzige Beute find, die man bei ihnen 
ſucht, weßhalb fle diefe, wenn fle ihnen durch irgend einen Zufall 
oder im Alter ausfallen, vergraben. Nur diefe find Elfenbein, alle 
übrigen Gebeine aber und felbft jene Zähne, foweit fie im Fleiſche 
ſtecken, gewöhnliche Knochen, obfchon man vor nicht langer Zeit 
angefangen hat, auch diefe aus Mangel in Tafeln zu ſchneiden, denn 
große Zähne werben jetzt nur noch felten außerhalb Indiens gefuns 
den, bie der übrigen Länder find bereits der Heppigfeit zur Beute 
geworden. 2. Man erkennt ihre Jugend an der Weiße ber Zähne. 
Für diefe tragen die Thiere die größte Sorgfalt; die Spike bes 
einen ſchonen fle, damit er im Kampfe fcharf fey, den andern ges 
brauchen fie als Werfzeng, um Wurzeln audzugraben und Laften fort- 
zuwälzen. Werben fle von Sägern umringt, fo ſtellen fie die, welche 
die Heinften Zähne haben, voran, als hielten fle den Kampf wicht der 
Mühe werth; find aber ihre Kräfte erfchöpft, fo ftoßen fe die Zähne 
in einen Baum, brechen fle ab und retten fich durch die Zurücklaſſung 
dieſer Beute. **) | 
va. 1. Wunderbar iſt's, daß die meiften Tihiere wifien, 
weßhalb fie verfolgt werben, alle aber, mwovor fe ſich zu hüten 
haben. Der Elephant, erzaͤhlt man, fey gegen einen Menfchen, ber 





*) In dem noch vorhandenen Gefchichtswerfe Hergdot's findet 
ſich diefe Bemerkung nicht. * 

”) Mas hier von ber Sorge der Clephanten für ihfee Zähne und 
von ihren Borflchtsmaßregeln bei dem Kampfe erzählt wird, 
find alte Fabeln, die jept Niemand mehr glaubt. 


92 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ihm zufällig in der Einoͤde begegne und ſich nur verirrt habe, voll 
Schonung und zeige ihm fogar gefällig den Weg; bemerke er aber 
eher bie Spur bed Menichen als den Menſchen ſelbſt, fo zittere er 
aus Furcht vor Nachftellungen, mache fogleich bei ver Witterung 
Halt, fpähe umher, ſchnaube vor Wuth und beirete Die von Menfchen 
betretene Erde nicht, ſondern nehme fle auf, reiche fle dem nächflen 
hinter ihm und dieſer wieder vem Folgenden, Bis auf dieſe Weiſe die + 
Nachricht zu dem legten gelange ; darauf wenbe ſich die ganze Schaar, 
fehre um und ſtelle ſich in Schlachtordnung; fo andauernd ifl jener, 
größentheild nicht einmal’ von nadten Füßen herrührende Dunft, 
daß er die ganze Reihe durch feinen Geruch behält. 2. So foll-aud 
der Tiger, der doch allen übrigen Thieren fchrerlich.ift und fogar bie 
Spuren bed Elephanten verachtet, wenn er bie eines Menfchen ſieht, 
fogleich feine Sungen fortitagen. Woran erfennt er Diefe aber? 
Wo hat er früher Den gefehen, welchen er fürchtet? Solche Wälder 
werben doch gewiß gar nicht befucht. Die Seltenheit‘ einer ſolchen 
Spur mag fie wohl überrafchen, woher wiften fie aber, daß ſie Dies 
felben zu fürchten Haben? Ja, warum fcheuen fie überhaupt den 
Anbli des Menfchen, da fle biefem doch an Kraft, Größe und 
Schnelligfeit fo weit überlegen find? Eben dadurch bewährt fi 
gerade die Macht der Natur, daß die wildeften und größten Thiere, 
ohne je daß, was fie fürchten follen, geſchenz zu haben, ſogleich wiſſen, 
warum fie fich fürchten müffen. 

M 3. Die Elephanten gehen immer ; herbenweife; ber bes 
jahrtefte führt ben Zug, der ältefte nach dieſem fchließt ihn. Wollen 
fie über einen Fluß ſetzen, fo ſchicken fle die Fleinften voraus, weil, 
wenn bie größeren durch ihren Tritt das Bett vertiefen wollten, bas 
Waſſer in der Furth zu hoch fleigen würde. Antipater erzählt, daß 
ber König Antiochus zwei zum Kriegsdienſte abgerichtete Clephanten 








Achtes Bud. 913 


befeflen Habe, die auch burch ihre Beinamen, welche fle fehr wohl 
Tannten, berühmt waren. Ja, Cato, welcher doch in feinen Fahr: 
büdern die Namen der Heerführer verſchwieg, bemerkt, daß ber 
Glephant,, welcher in ven Schlachtreihen der Römer Fämpfte, Surus 
geheißen habe, weil er an dem einen Zahne verflümmelt gewefen 
fey.*) 4. Als Antiochus die Furth eines Fluſſes unterfuchen wollte, 
weigerte fich Ajar, der fonft immer die Schaar anführte, hinein zu 
gehen. Es wurde darauf befannt gemacht, daß der, welcher zuerft 
über den Fluß feße, Tünftig ben Vorrang haben folle. Patroclus 
wagte e8 und wurbe deßhalb mit filbernem Geſchirr, woran fle fehr 
großen Gefallen haben, und mit allen Vorzügen eines Anführers 
beſchenkt. Der andere, auf diefe Weife gebrandmarkte, zog den 
Hungertod der Schmach vor, denn fle beflken ein wunderbares Zart- 
‚gefühl und der Beſiegte flieht vor der Stimme des Siegers und reicht 
Grpoe und Eiſenkraut dar. **) . 
5. Aus Schambaftigteit***) begatten fle fi nur im Berborgenen, 
das Männchen zuerft im fünften, das Weibchen im zehnten Jahre. +) 
Die Begattung findet alle zwei Jahre flatt }}) und zwar, wie man 
fagt, immer nur während fünf Tage und nicht mehr; am fünften baden 
) Surus Heißt ein Pfahl, Strunf. 
**) Ueber diefen Gebrauch der Beflegten vergl. B. XXII, Kap. 4. 
+) Gin Borurtbeil, welches in neuefter Zeit durch die Clephanten 
im Parifer Mufeum der Naturgefhichte und durch andere Ele⸗ 
phanten hinlänglicy widerlegt wurbe. 
7) Die Elephanten begatten ſich nach genauer Beobachtung nicht 
vor dem fünfzehnten ober fechszehnten Jahre, und zwar bie 

Mänuchen nicht früher als die eibehen. 

-: FI) Das Weibchen, wirft gewöhnlich im einundzwanzigften Mo⸗ 
nate ; entzieht man ihm fein Junges, fo kann es wohl noch im 
zweiten Sabre wieder trächtig werden. Was hier yon ben 

nf beſtimmten Tagen gefagt wirb, ift Zabel, 


+ 


2 


9A C. Plinius Naturgeſchichte. 


fle ſich, Bevor fie zur Herde zurückkehren, in einem Fluß. Sie wiſſen 
weder etwas von Chebruch, noch von den allen übrigen Thieren fo ver- 
derblichen Kämpfen unter fich, der Weibchen wegen, und zwar keines⸗ 
wege, weil ihnen ver Stachel der Liebe fehlt: denn man erzählt, daß 
einer ein in Aegypten Blumenfränze verfaufendes Maͤdchen geliebt 
habe, und damit man nicht glaube, Daß feine Wahl auf etwas Gewoͤhn⸗ 
liches gefallen fey, fo muß man wifien, daß auch Ariflophaned, ber in 
der grammatifchen Kunft berühmteſte Mann, an demfelben Mädchen 
fehr großes Gefallen Hatte; ein amberer liebte den Syrakuſaner 
Menander, einen in dem Heere des Ptolemäus bienenden Jtingling 
und bewies, fo oft er ihn nicht fah, fein Verlangen nach ihm dadurch, 
dag er nichts fraß; auch eine Salbenhändlerin full einer, wie Juba 
erzählt, geliebt haben. 6. Ihre Suflimmung äußerten alle durch 
Freude beim Anblicke, durch ungefchiette Liebkoſungen und dadurch, 
daß fle die Geldſtücke, welche ihnen das Volk gab, aufhoben und in den 
Schooß ſdes geliebten Gegenſtandes] warfen. *) Diefe Liebe iſt 
übrigens bei ihnen nichts Wunderbares, da fle Gebächtniß beflgen. 
Derfelbe Schriftfteller erzählt, daß einer einen Diann, der als Jüng⸗ 
ling fein Führer war, nach vielen Jahren ala Greif wieder erkannt 
habe. Auch ein gewifles: Gerechtigfeitägefühl wohnt ihnen bei. 
Als der König Bocchus dreißig Elenhanten dreißig andern, an wels 
chen er feine Wuth auszulaffen gedachte, an Pfähle gebunden, vor 
werfen und Leute, die fle reizen follten, unter ihnen herumlaufen 
ließ, waren fie nicht dahin zu bringen, daß fle ald Werfzeuge fremder 
Grauſamkeit dienten. 
) Das Volk fcheint ſich gewöhnlich damit beluſtigt zu Haben, 
daß es die Glephanten kleine Gelbflüde, die man ihnen bars 


. „zeihte, mit dem Rüffel nehmen ließ. Sueton im Leben des 
Auguſtus. Kap. 53. Macrobius, Saturnol. 1 IL, 0.4, 








Achtes Auch. 45 


View. 1. Die erften Elephanten fah Italien im Kriege mit 
dem Könige Pyrrhus, im vierhundertundzweiundfiebenzigſten Jahre 
der Stabt [282 vor Chr.], und nannte fie, weil es fie zuerſt in Luca⸗ 
nien ſah, Iucanifche Ochfen; Rom fah die erften fleben Sabre fpäter 
[275 0. Chr.] im Triumphe aufführen, im fünfhunbertundzweiten Jahre 
[252 vor Ehr.], aber ſehr viele, welche durch den Sieg des Pontifer 
2. Metellus über die Carthager in Sieilten erbeutet worden. Hundert⸗ 
unbzweiundvierzig machten auf Flößen, die man auf Reihen zufanıs 
mengefügter Faͤſſer gelegt hatte, vie Meberfahrt. 2. Berrius er: 
zählt, man habe fle im Circus Fämpfen laflen und dann mit Wurf: 
fpießen getödtet, weil man nicht wußte, was man mit ihnen anfangen 
foüte, veun man hatte weber Luft, fle zu füttern, noch fle an Könige 
zu verfchenten. Lucius Piſo jagt, man habe fie zwar in den Circus 
gebracht, aber nur durch Tagloͤhner mit Spießen, die an der Spige mit 
Ballen verfehen waren, darin herumtreiben lafjen, um die Gering⸗ 
fehäßung berfelben [bei dem Volke] zu vermehren. Was darauf aus 
ihnen geworben ſey, geben die Schriftfleller, welche läugnen, daß 
man fie getöbtet habe, nicht an. 

VII om. 1. Berühmt ift der Kampf eined Roͤmers gegen 
einen Elephanten, damals ald Hannibal unfere gefangenen Krieger 
mit einander zu kämpfen zwang. Er flellte nämlich den einzigen 
noch übrig gebliebenen einem Elephanten gegenüber und verfprach 
ihm die Freiheit, wenn er ihn toͤdten würde. Diefer band allein auf 
dem Kampfplage mit dem Elephanten an und tödtete ihn zum großen 
Herger ver Barthager. Da Hannibal aber einfah, daß das Belannts 
werben dieſes Kampfes die Thiere in Verachtung Bringen würde, 

ſchickte er dem Entlaffenen Reiter nach, um ihn zu ermorden. 2. Daß 
der Rüfiel des Elephanten fehr Teicht abgehauen werben koͤnne, hat 
die. Erfahrung in den Schlachten gegen Pyrrhus bewieſen. Zu Rom 


916 €. Plinius Naturgefchichte. 


im Eireus Tampften fle nach Fcneftella’s Bericht unter dem curulifchen 
Aedil Claudius Pulcher und den Eonfuln Marcus Antonius und Aulus 
Poſtumius, im fechähundertfünfundfünfzigften Jahre ber Stadt 
[99 vor Ehr.], und fodann zwanzig Jahre fpäter [79 vor. Eyr.], als 
die Lucnlle curulifche Aebile waren, gegen Stiere. Auch unter dem 
zweiten Conſulate des Pompejus [55 vor Ehr.] kämpften im Circus 
zwanzig, nach Andern ſiebenzehn Elephanten gegen mit Wurfipießen 
bewaffnete Gaͤtuler, wobei befonders einer duch feinen Kampf 
Staunen erregte. Als ihm nämlid die Füße durchbohrt waren, 
feoch er auf den Knieen in die Reihen der Angreifer, riß ihnen die 
Schilde hinweg und warf fie in bie Höhe, welche dann beim Herab⸗ 
fallen zur Beluſtigung der Zuſchauer ſich im Kreife drehten, glei 
als wenn fie die Kunft- und nicht die Wuth des Thiers gefchleubert 
hätte. 3. Bei einem andereh mar e8 wunderbar, daß er durch einen 
einzigen Stich getöbtet wurde; der Wurffpieß Hatte ihn unter dem 
Auge getroffen und war ihm in's Gehirn gebrungen. Endlich ver 
fuchten alle vereint, zum Schreden bes Bolfes, das eiferne Gitter, 
in welches fie eingefchloffen waren, zu durchbrechen. Der Dictator 
Caͤſar ließ deßhalb, als er fpäter ein ähnliches Schaufpiel veran- 
falten wollte, den Kampfplag mit Waflergräben umgeben, welche 
aber der Katfer Nero wieber zuwarf, um mehr Pläße für die Ritter 
zu getvinnen. Als aber die Glephanten, welche Pompejus Fämpfen 
lieg, Feine Hoffnung zur Flucht mehr ſahen, erflehten fie durch un⸗ 
befchreibliche Gebaͤrden, wodurch fie ſich einander wehflagend ihr Leib 
fund gaben, das Mitleiven des Volkes, welches auch dadurch fo ſehr 
bewegt wurde, baß es, bes Feldherrn und bes von dieſem ihm zu Chren 
veranftalteten Feſtes vergefiend, insgeſammt ſich erhob und gegen 
. den Pompejus Verwuͤnſchungen, die auch bald darauf an ihm in Er⸗ 
füffuna gingen, ausſtieß. 4. Auch der Dictator Gäfar ließ während 











Adhtes Buch. 917 


ſeines dritten Conſulats 146 vor Ehr.] zwanzig Elephanten gegen 
fünfhundert Fußgänger, und dann 'wieder ebenſo viele, welche Thürme 
mit ſechzig Vertheidigern trugen, gegen eine gleiche Zahl Fußgaͤnger 
und eben fo viele Reiter kaͤmpfen. Später unter den Kaiſern Claudius 
and Nero kämpften ſie einzeln zum Beſchluß der Fechterſpiele. — 
Die Schonung dieſes Tieres ft, wie man fagt, fo groß, daß es 
beim Begegnen einer Herde die ihm in den Weg laufenden Stüde 
mit dem Rüſſel auf die Seite hebt, um feines unwillkürlich zu zer⸗ 
treten, *) fle richten überhaupt nie Schaben an, wenn man fle nicht 
reizt; auch gehen fie ſtets herdenweiſe und fchweifen von allen Thieren 
am wenigften einfam umher. Werben fle von Reiterei umringt, fo 
nehmen fle die Franfen , ermũdeten und verwundeten in bie Mitte und 
kaͤmpfen, wie nach Befehl oder Meberlegung , abwechfelnd. Die ge- 
fangenen werben am ſchnellſten durch Gexſtenſaft gezaͤhmt. | 
VIII wım. 4. In Indien werben fie auf folgende Weife ge- 
fangen: Ein Führer reitet einen zahmen, welcher, wenn er einen 
allein umherſchweifenden oder von der Herde verirrten wilden. an= 
teifft, ihn [mit dem Rüffel] fchlägt ; ift diefer ermüdet, fo befleigt ihn 
der Führer und lenkt ihm ebenfo leicht, wie den andern. In Afrika 
. fängt man fie in Gruben. Fällt einer in eine foldhe, fo ſchleppen 
die übrigen fogleich Baumäfte zufammen, wälzen Steine hinab, bauen 
Damme und fuchen ihn- mit aller Gewalt herauszuziehen.. Früher 
trieb man des Fanges wegen ganze Herden burch Reiterei in ein 
Fünflich gemachtes, durch feine Länge trügendes Thal, wo fie, von 
Waͤllen und Gräben ringsum eingeſchloſſen, durch Hunger gebändigt 


*) Der Elephant hat diefes mit dem Pferde gemein. Der Ueber⸗ 
feger dieſes ſah Elephanten, welche auf Jahrmaͤrkten herum 
geführt wurden, Knaben und Hunde, ‚die ihnen in. den, Meg 
kamen, forgfältig auf die Seitg heben, um fe nicht zu zertreten. 


C. Bliniue Naturgeſch. 88 Bdehhn. 





918 €. Plinius Natnrgeſchichte. 


wurden. ) 2. Das Zeichen ber erfolgten Zähmung war, wenn ſie 
einen ihnen von einem Menfchen bargereichten Baumzweig ruhig aus 
nahmen. Jetzt durchfchießt man, um bie Zähne. zu erhalten, ihre 
Füße, welche die weichften Theile an ihnen. find. Die an Jethiopien 
grenzenden Troglodyten, welche einzig und.allein von dieſer Jagd leben, 

befteigen Bäume, an. denen zunächft der Weg der Elephanten vorüber 
führt. Hier erfehen fle ſich den legten der ganzen Schaar, ſpringen 
ihm auf die Hinterbaden, ergreifen mit der linfen ben Schwanz und 
ſtemmen die Füße gegen den linfen Schenke. So ſchwebend durch⸗ 
bauen fie mit einer zweilchneidigen Art das eine Knie und durch⸗ 
ſchneiden, wenn diefer Fuß gelähmt iſt, auf der Flucht die Sehne des 
anbern Knies; was jedoch alles mit ber größten. Schnelligkeit. ges 
ſchieht. 3. Andere fangen’fie auf eine mehr fichere, aber weniger 
auverläfftge Art, indem fle große gefpannte Bogen in weiter Entfer⸗ 
nung auf dem Boden .befefligen. Starke Jünglinge Halten fle jet, 
andere fpannen fie mit gleicher, Kraftanftvengung und fchießen mit 
Jagdſpießen nach den vorübergehenden, welche fle dann nach ben 
Blutfpuren weiter verfolgen. Die Elephanten weibligen Geſchlechts 
ſind viel furchtſamet. 

IX (m). Die wůthenden werden durch Hunger und Schläge 
und durch andere neben fle geſtellte Clephanten, die ben tobenden an 
Ketten fefthalten müſſen, gebänbigt ; am häufigften werben fle um bie 
Brunftzeit wild und zertrümmern mit ihren Zähnen die Hütten ber 
Indier, weßhalb diefe auch die Brunft zu verhindern fuchen und bie 
Herben ber Weibchen „ deren fie eben fo gut wie andere Viehherden 
yhaben, abfondern. Die gezähmten leiften Kriegsdienſte, tragen 





9 Diehz age ganze Serie zu fangen ‚iR jetzt noch in Inbien 








Achtes Buch. -99 


Thürme.mit Betwaffneten gegen den Feind und entfcheiden im Orient 
meiftend die Schlachten. Ste durchbrechen die Reihen und treien 
die Bewaffneten nieder, durch das geringfte Grungen eines Schwein 
aber gerathen fie in Schreien und find fie einmal verwundet und 
- Ichen, fo laufen fe ſtets rüdwärts, zu nicht geringem Verderhen 
ihrer eigenen Leute. Die afrikaniſchen fürchten ſich vor dem inbis 
ſchen und wagen ihn nicht anzuſehen, denn die indiſchen ſind weit 

größer. *) 
Xm 1. Rad dem Volksglauben trägt das Weibchen zehn 
Jahre, nach Ariſtoteles nur zwei **)-und zwar nie mehr als ein Jun⸗ 
ged. Der Elephant fol zweihundert, nach Andern dreihundert Jahre 
alt werben. **) Ihre ISugenpblüthe beginnt mit dem fechszigften 
Sabre. Sie lieben ſehr die Flüffe und flreifen ſtets an ihnen umher, 
obfchon fle der Größe ihres Körpers wegen nicht ſchwimmen fünnen. +) 
Die Kälte Fönnen fie nicht vertragen, fle ift ihre größte Dual; auch 
find fie Blähungen und dem Durchfall, fonft aber Teinen andern 
Krankheiten unterworfen. }) 2. Ih finde bemerkt, daß Pfeile, 
die in ihrem Körper haften, durch Oeltrinken abfallen, daß fle durch 
*) Dies mag von den Elephanten ber Berberei, welche in den 


Heeren ber Karthager und Römer dienten, wahr feyn, die 
en des fühliheren Afrika's aber kommen den indiſchen 


eich 
*r) Bist, animal. 1. V, 0.13. Nach ven neueften zuverläffigen 
Beobachtungen zwanzig Monate. 

**) Aristotel. Hist. animal. 1. VIII, o. 12, vergl. LIX, 0.42. 
Neuere Raturforfcher göen bem Glephanten nur eine Lebens 
dauer von 125 bis 150 Jahren. . 

9 de⸗ voͤllig falſche Behauptung; der Elephant ſchwimmt 


gut. 
7 Ebenfalls unwahr; Guvier anatomirte fetöft drei Glephanten, 
die an andern Krankheiten Rasben, _ 
3* 
4 


920 @. Plinius Naturgeſchichte. 


Schweiß aber ſich noch feſter ſtecken.) Erde zu freſſen, if für flever- 
derblich, wenn fie ſolche nicht gewöhnlich freſſen. Sie verſchlucken 
aber auch Steine. Banmäfte find ihr liebſtes Futter; Höhere Palmen 
Grechen fle mit dem Kopfe nieder und pflüden dann, wenn biefe um⸗ 
liegen, die Früchte ab. Sie freffen mit dem Munde, atbmen, 
teinfen**) und riechen aber mit dem -Rüffel, den man nicht unpaſſend 
Hand nennt. Bon allen Thieren haſſen fle am meiften die Mans, ***) 
und wenn fle fehen, daß eine folche ihr in der Krippe liegendes Kutter 
berührt, fo, frefien fle es nicht mehr. Den größten Schmerz verur- 
facht ihnen ein beim Trinken mit eingefchlürfter Blutegel, den man 
jetzt allgemein, wie ich bemerfe, Blutfanger 7) zu nennen anfängt. 
Wenn ein folcher fich in der Luftröhre feftgefept hat, fo verurſacht 
er ihm eine unerträgliche Bein. 3. Sein Fell ift auf dem Mücken am 
härteften, am Bauche weich und nirgends mit Borften bedeckt; nicht 
einmal der Schwanz dient ihnen zum Mittel, die läfligen liegen 
(denn auch gegen dieſe ift das fo ungeheure Thier empfindlich) abzu- 
wehren ; feine Haut aber iſt gitterformig und lockt durch ihre Aus: 
dünftung diefe Art Thiere an; wenn nun biefeö ausgefvannte Gitter: 
werf ganze Schwärme aufgenommen hat, fo zieht es fich plöglich in 


*), Alles, was Plinius hier ſag it Aberglaube oder Mißverſtaͤnd⸗ 
niß der von ihm benügten Quellen. 

) Sie ziehen nur das Waſſer in den Rüſſel, bringen es aber 
dann mit diefem in den Mund. 

“ Diefe Bemerkung des Blinins, die man früher in Abrede ftellte, 
iſt volllommen war ; die Glephanten im Thiergarten zu Paris 
zittern, wie Euvier fagt, beim Anblick einer Maus, 

T) Sanguisuge. Das Wort kam alfo zur Seit des Plinius auf; 
früher Heißt der Blutegel allgemein Hirudo. — Zu bemerfen 
gene noch, daß auch biefe Angabe des Plinius vöflig 

ng in. Ä 








Achtes Bud. 9241 


Zelten zufammen und erbrüädt bie gefangenen.*) Dieß dient ihnen 
ſtatt des Schwanzes, der Mähne und der Wolle. 4. Die Zähne haben 
einen ungehenren Preis und geben beu prächtigftien Stoff zu Götter: 
bilden. Die Neppigfeit hat noch einen andern Borzug [an den 
lephanten] entdeckt, indem fle den Geſchmack der Enorpelichten Theile 
des Rüffels vortrefflich findet, ans feiner andern Urfache jedoch, glaub 
ih, als weil fie Elfenbein zu efien glaubt. Die größten Zähne 
feinen fich zwar in ven Tempeln zu finden; an dem äußerften Ende 
Afrika's aber, da wo es an Nethiopien ftößt, vertreten fle in ben 
Hänfern die Stelle der Pfoſten, und die Umzäunungen derfelben fo 
wie der Viehftälle find, wie Polybius nach der Angabe des Königs 
Guluſſa berichtet, **) ſtatt aus Pfählen, aus Elephantenzähnen ger 
macht. 

XI am. In Afrika gibt e8 jenfeits der ſyrtiſchen Einoͤden und 
in Rauritanien, ferner, wie ſchon gefagt wurde, ***) bei den Aethio⸗ 
pieen und Troglodyten, Glephanten, Indien aber bringt die größten 
hervor, ſowie auch die in befländigem Kampf mit ihnen liegenden 
Draden, welche ebenfalls von fo ungeheurer Größe find, daß fie 
leicht einen Elephanten völlig umfchlingen und durch Schürzung des 
Knotens würgen. Der Kampf bringt aber beiden den Tod, denn der 


% 


) Neuere Naturforfcher haben dieſe Art, die Fliegen zu ver 
treiben, noch nicht beobachtet; fle fahen nur, daß der Elephant 
häufig Erde auf ven Rücken wirft, ſowohl um fich zu erfrifchen, 
als auch um läflige Inſekten zu verfcheuchen. 

*) Das Buch des Polybius, worin fich diefe Angabe findet, ift 
nicht mehr vorhanden. — Gulufla war der Häuptling eines 
Nomadenftammes und lebtezur Zeit der Eroberung Karthago's. 

“*) Oben Kap. 8, $. 2. 





922 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Beſtegte erdruͤckt, wenn er fällt, durch fein Gewicht den ihn ums 

fcplingenben. *) | Ä 
XII am. 1. Jedem Thiere ift eine eigenthümliche Klugheit 
angeboren, fo auch diefen. Dem Drachen fällt es ſchwer, fih zu 
dem hohen Elephanten zu erheben, er fpäht alfo einen Meg ans , wo 
diefer auf die Wide gebt, und flürzt ſich von einem hohen Baume 
aufihn herab. Diefer weiß, daß er gegen den ihn umſtrickenden 
Drachen den kürzern zieht und fucht ſich an Bäumen oder Felſen zu 
reiben. **) Die Drachen fuchen dieß zu verhindern und umfchlingen 
auerft feine Füge mit ihrem Schweife, und ba er mit dem Rüſſel bie 
Schlingen zu loͤſen ſich bemüht, fo Friechen fle ihm mit dem Kopfe 
in die Nafe, benehmen ihm ven Athem und zerfleifhen ihm zugleich 
bie zarteften Theile. Werben fle auf dem Wege von einem Glephan⸗ 
ten überrafcht, fo ftellen fle fi vor ihm auf und richten ihren An- 
griff Hauptfächlich auf die Augen, weßhalb man fo häufig Elephanten 
blind und von Hunger und Traurigkeit abgezehrt findet. 2. Wer 
vermöchte wohl eine andere Urfache einer jo großen Zwietracht auzu⸗ 
geben, als die Natur, welche ſich das Schaufpiel eines Zweifampfes 
bereiten will? Es geht auch noch ein anderes Gerücht von biefem 
Kampfe um. Die Elephanten hätten nämlich Außerft Ealtes Blut 
und es würde ihnen deßhalb bei glühenber Hite von ben “Drachen 
nachgeftrebt; diefe lauerten ihnen baher in ben Flüffen unter dem 
Mafler verborgen beim Trinken auf, feflelten ihn dadurch, daß fle 
feinen Rüffel umfchlingen und. bißen fich in dem Obre, dem einzigen 
Orte, ven ber Rüſſel nicht vertheidigen koͤnne, fe. Die Drachen 
*) Man weiß in Indien jet nichts von ſolchen Drachen und 
ihren Kämpfen mit den Eleyhanten. Die Phantafie ver Alten ' 
ſchwelgte gern in ſolchen abenteuerlichen Sagen, die auch in 

die Naturgefchichte des Mittelalters übergingen. 
li den Drachen: zu erbrüden. 








Achtes Buch. | 03 


ſeyen fo groß, daß fle alles Blut in fich aufzunehmen vermögen; bie 
Glephanten / wurden alſo von ihnen völlig ausgetrunken und flürzten 
dann blutlos zufammen, wodurch denn auch bie überfüllten Drachen 
erdrückt würben und zugleich ihren Tod fänben, *) 

XIII am. Aethiopien bringt ebenfalls Schlangen hervor, 
die den indischen gleich und zwanzig Ellen groß find.**) Sonberbar 
aber ift e8, daß Juba meint, fie jenen mit Kämmen verfchen. ***) 
Die meiften gibt es bei ven Aethiopiern, welche Afachäer heißen. 
Man erzählt auch, daß an ber Seeküſte ſich vier bis fünf folcher 
Schlangen wie Hürden zufammenflechten und mit in bie Höhe ge- 
richteten Köpfen, bie ihnen als Segel dienen, auf den Fluthen nad 
Arabien ſchwimmen, um beſſeres Futter zu ſuchen. 

XIV (sw). 1. Megaſthenes ſchreibt, daß in Indien bie Schlan⸗ 
gen zu einer ſolchen Groͤße heranwachſen, daß ſie ganze Hirſche und 
Stiere verſchlingen, +) und Metrodorus, daß fie am Fluſſe Rhye⸗ 
dacus ſLubad] in Pontus, die, wenn auch noch fo hoch und ſchnell 


*) Der Unſinn der bier mitgetheilten Sage iſt offenbar ; ; zum 
erften hat der Elephant eben fo warmes Blut, wie die übrigen 
. Quabrupeden, die Schlange bagegen kaltes, zum andern kann 
der Elephant mit feinem Rüffel feine Ohren eben fo gut, wie 
die übrigen Körperteile vertheibigen. 
») Es gibt wirklich in Indien, Afrika und Amerifa Schlangen 
von dreißig Fuß und noch barüber, 

***) ‚Keine befannte-Schlange hat einen Kamm, dagegen gibt es 
eine Givechfenart mit Kämmen (Hypsilophus, Iguana, Kamm-⸗ 
Eidechſe), die Juba vielleicht hier meint. 

+) Wahrſcheinlich eine Art ver Rieſenſchlange (Python). Man 
weiß, daß dieſe größere Thiere verſchluckt, nachdem fle ihnen 
die Knochen zerbrochen und fle am ganzen Körper mit einem - 
ſchmierigen Speichel überzogen bat. Daß fie aber einen Stier 
verfchlingen Tann, ift nicht leicht zu glauben. 


924 E. Plintus Naturgeſchichte. 


über fie hinfliegenden Voͤgel durch ihren Algen anziehen unb ver- 
fchluden.*) Bekannt if jene Schlange von 120 Fuß Länge, **) welche 
im puniſchen Kriege von dem Feldherrn Regulus am Fluße Bagraba 
[Mevfjerta] durch Wurfgefchoffe und andere Belagerungsmafchinen 
gleich einer Stabt bezwungen ward. 2. Ihre Haut und ihre Kinnladen 
erhielten fi zu Rom in einem Tempel bis zum nınmantinifchen Kriege. 
Das Gefagte wird auch durch die Schlangen beſtaͤtigt, welche man 
in Italien Boa’3 nennt und die zu einer folden Größe geveihen, *") 
daß man unter der Regierung bes göttlichen Claudius in bem Bauche 
einer auf dem Vatikan gelöbteten ein ganzes Kind fand. Ihre erfle 
Nahrung ift Kuhmilch, +) woher fle auch ikren Namen haben. +t) 
Die Geftalt der übrigen Thiere, welche allenthalben hergebracht wur: 
den und öfter nach Italien kamen, genau zu befchreiben, gehört nicht 
zur Sache. . 


*) Die Zauberkraft, welche man ‚mehreren Schlangenarten zu: 
ſchreibt, iſt nichts anderes, als die Angft, welche die ihnen nahe 
Iommenden Thiere fo lähmt, daß fie nicht mehr zu entfliehen 
vermögen. Daß aber .hochfliegende Vögel dieſem Ginflug 
unterliegen, ift eitel Fabel. j 

**) Die neuere Naturgefchichte kennt keine Schlangen von folder 

d 


Größe. | 

*e) Die größten Schlangen in Italien find die Aesculapſchlange 
(coluber Aesculapii) und die vierftreifige Schlange (coluber 
quadrilineatus) , welche nicht über ſechs Fuß groß werben. 
wie kam aber die Riefenfchlange nad) Italien? Plinius deutet 
im folgenden Sage darauf hin, daß Häufig fremde Thiere in 
Stalien eingefchleppt wurden. 

T) Daß die Natter (coluber) die Milch liebt, iſt befannt; der 
Glaube, daß fie fih an die Kühe hänge und ihnen die Mid 
ausziehe, ift ziemlich allgemein. 

AM Pämlic yon bos (Kuh). 


Achtes Bub. - ‚925 

XV av. Die wenigften bringt Scythien Hervor, wegen feines 
Mangels an Geſtraͤuchen, ebenfalls wenige dad an jenes grenzende 
Germanien; doch erzeugt. dieſes ausgezeichnete Arten wilder Ochſen, 
nämlid die Biſamochſen (Bisond) mit Mähnen und die überaus 
ſtarken und ſchnellen Ure, ) welchen das unkundige Volk ven Namen 
Büffel (bubakıs) beilegt, obfchon diefer nur in Afrika heimiſch ift, **) 
und eher einem Kalbe oder Hirfche gleicht. 

XVI. Der Norden bringt auch Herben wilder Pferde, ***) 
fowie Aften und Afrika Herden wilder Ejel+) hervor, ferner das 
Elenn ++), welches, wenn man die Länge der Ohren und des Halfes 
abrechnet, einem Zugthiere gleicht; ihm ift die auf der Infel 
Seandinavien einheimifche, in unferem Reiche noch nie gefehene, 


.*) Diefe Stelle Hat zu vielen Muthmaßungen Beranlaflung ges 
geben, indem manche Naturforfcher daraus auf zwei, ehe⸗ 
mals in Deutfchland vorhandene Arten wilder Ochfen fchließen 
wollten, andere aber (und wie es fcheint, mit Recht) glauben, 
Pliniud Habe aus einer und berfelben Art zwei verichiedene 

Arten gemacht, venn ber Ur heißt offenbar wegen feines Biſam⸗ 
geruchs an ber Stirne Biſamochs (bison). Der Ur iſt jetzt 
in Europa nur noch in dem Bialowieſer Forſt in Litthauen 
zu finden. Cuvier haͤlt den Biſon für den eigentlichen Ur, 
den Urus aber für den gemeinen Ochfen, der damals im 
Schwarzwalde noch wiln gelebt habe. 

**) Plinius meint hier wohl die berberifche Kuh (antilope bubalis). 

***) In der Tartarei gibt e8 jet noch Herden wilder Pferde. 

+) Herden wilder Eſel findet man in der ſuͤdlichen Tartarei, in 

Berflen und in. Syrien. { 

+7) Alces, cervus alces. Was Plinius nori ber Länge des Halfes 

bemerkt, ift richtig; unter den Ohren verfteht er vieleicht das 

von ihm gar nicht erwähnte Geweih, welches faft ganz ohne 

Stange ift und eine große breiediige Schaufel mit fehr vielen 
Enden bildet. 





| 


926 E. Plinius Naturgeſchichte. 


aber von vielen erwähnte Achlis ) ähnlich, hat jedoch au den 
Füßen feine Gelenke, ““), weßhalb fie ſich auch nicht zum Schlafe nie⸗ 
derlegt, ſondern an einen Baum lehnt und ihrer bekannten Schnellig⸗ 
feit wegen auch auf biefe Weile durch Lift, indem man nämlich 
den Baum durchfägt, gefangen wird. Sie hat eine fehr große Ober⸗ 
lippe und geht deßhalb beim Waiden rüdwärts, bamit ſich dieſe nicht 
durch Die Bewegung vorwärts umfchlage. In Päonien ***), erzählt 
man, gäbe ed ein wildes Thier, welches Bonaſus +) heiße, mit 
Pferdemähne, übrigens aber einem Stiere ähnlich, und mit fo fehr 
einwärts gebogenen Hoͤrnern, daß fie zum Kampfe untauglich feyen; 
es fuche deßhalb fein Heil in der Flucht und laſſe auf diefer einen 
Koth von ſich, der zumweilen brei Jucharte lang fey und durch deflen 
Berührung feine Verfolgen wie durch Feuer verbrannt würden. 
XVII. 1. Es ift merfwärbig, daB die Parbel, Panther, Löwen 
und ähnliche Thiere beim Gehen die Spite ihrer Klauen in gewiffe, 


2) Die Achlis ift offenbar nichts anders als das Elenn, und Pli⸗ 
nius macht bier wieder aus von ihm mißverftandenen Nach⸗ 
richten zwei Thiere. (Noch im jehnten und elften Jahrhundert 
heißt das Glenn in Urkunden Elg). 

**) Man findet diefe Fabel noch in vielen der neueften Handbücher 
der Naturgefchichte; die Glennthiere follen übrigens fehr häufig 
an einem gichtähnlichen Zuftande leiden und daher mag auch 
die Fabel fommen. 

») Vergl. oben B. IV, Kap. 17. , 

D Auch diefes Thier ift wahrfcheinlich Fein anderes als der Ur. 
Plinius nimmt diefe Erzählung aus Ariftoteles (Hist. animal. 
1. IX, o. 45), ſchmückt fie aber mehr aus, denn Ariſtoteles 
ſpricht nur von der Schärfe des Kothes, der drei Schritte 

(nicht Jucharte) lang fey.und die. Haare der es verfolgenden 


Trinns abbeize. 


Achtes Buch. 927 


an ihrem Körper befinbliche Scheiden zurückziehen, *) damit fle nicht 
zerbrechen oder flumpf werben, und baß fie beim Laufen pie Krallen 
einziehen und biefe nur, wenn fie nach etwas hafchen, hervorſtrecken. 
(2. Das edelfte Anfehen bat der Löwe, befonderd wann 
Mähnen feinen Hals und feine Schultern befleiden, was erſt in vor⸗ 
gerückterem Alter und nur bei ſolchen, bie von einem Loͤwen erzeugt 
find, der Fall ift; die von Pardeln erzeugten **) entbehren ſteto biefes 
Schmudes, fo wie auch die Weibchen. 2, Sie find fehr geil in ber 
Brunft und deßhalb die Männchen fehr grimmig. Afrifa ift am 
Meiften Zeuge folder Dinge, da des Waflermangels wegen ſich die 
wilden Thiere nur an wenigen Zlüflen verfammeln. Aus biefer 
Urfache kommen dort auch mannigfaltig geftaltete Thiere zur Welt, “ 
da fi die Mänuchen mit Gewalt oder aus Wolluft bunt mit den 
Weibchen jeder Art begatten. Daher auch das griechiſche Sprich⸗ 
wort: „Immer was Neues aus Afrika“. Der Löwe merkt durch 
den Geruch an ber untrenen Loͤwin bie Begattung derfelben mit dem 
Barvel und erhebt fich mit ganzer Kraft zur Rache; deßhalb wafcht 
fie ihre Schul in einem Fluſſe ab oder folgt ihm nur von fern. Sie 
fol aber nach dem gewöhnlichen Volksglauben, wie ich finde, nur ein⸗ 
mal werfen, weil ihre Gebärmutter durch die Schärfe der Krallen 
bei der Geburt zerriffen werde. **) Das Gegentheil fagt Ariftoteles, 
und da ich diefem Manne in diefen Dingen größtentheils folgen 
werde, fo halte ich es für gut, etwas über ihn vorauszuſchicken. 
3. Ald der König Alexander der: Große, von ber . Begierde, bie 








*) Das ganze Katzengeſchlecht hat zurückziehbare Krallen. 
++) Daß die Bermifchung bes Pardels mit der Löwin, aus welcher 
nad) der Meinung der Alten der Leopard entfteht, eine Fabel 
ſey, bedarf wohl feiner weiteren Auseinanderſetzung. 
+), Vergl. Herodot. B. III, Kap. 108. 


. 
. 
. 
* 





928 €. Plinins Naturgeſchichte. 


natürliche Beſchaffenheit der Thiere zu fennen, entflammt, den Ariſto⸗ 
teles, einen in jedem Fache der Gelehrjamfeit höchſt ausgezeichneten 

Mann, mit diefen Forſchungen beauftragte, erhielten einige tanfend 
Menfchen im ganzen Umfange von Aflen und Griechenland, welche 
ſich alle mit der Jagd, dem Vogelfange und der Fifcherei ernäßrten, 
oder über Thiergärten, Herden, Bienenſtoͤcke, Fiſchteiche und Vogel⸗ 

haͤuſer die Aufficht führten, den Befehl, feinen Wünfchen zu ent⸗ 
ſprechen, auf.daß Fein lebendes Wefen ihm unbefannt bleibe. Nach 
ihren Berichten arbeitete ex jene vielgepriefenen, ſich auf fünfzig Bes 
laufenden Bücher über die Thiere, *) welche ich mit Hinzufebung des 
ihm Unbefannten in einen Auszug. gebracht habe, den ich die Leſer, 
welche demnach vermittelft unferer Sorgfalt raſch duxch das Wer 
fammigebiet der Werfe der Natur und mitten durch alle, was ber- 
berühmtefte aller Könige kennen zu lernen twünfchte, wandern koͤnnen, 
gütig aufzunehmen bitte, 4. Der erwähnte Schriftfteller alfo fagt, bie 
Loͤwin werfe bei der erften Geburt fünf Junge, dann in jedem der fol 
genden Jahre eined weniger, bis fie endlich, nachdem fie nur eines 
geworfen, unfruchibar werde; *”) die Jungen feyen unförmliche, 
winzige Fleiſchllumpen und Anfangs nicht größer, als Wieſeln; erfi 
nach ſechs Monaten könnten fie laufen und. nur erfi nach zwei Mo⸗ 
naten fi) bewegen ; ***) in Europa gebe ed nur zwilchen ben Flüſſen 





*) Der größte Theil diefes Werkes ift nicht auf unfere Zeit ge 
fommen. ©. die Einleitung zu biefen Buche. 

*") Ariſtoteles (Hist. animal. 1. VI, ec. 31) fagt biefes nur von 
ber ſyriſchen Löwin, übrigens Tann es weber von ihr, noch von 
ber Löwin überhaupt gelten. Sie wirft gewöhnlich zwei 

a0 Junge, manchmal eines, nie aber. mehr als feche. 

) Alle dieſe Angaben find falſch. Die Zungen, welche mit offe⸗ 
nen Augen und vollig wohlgefisitet geboren werben, haben 





Eu adies Buch. 929 


Achelons [Afpropotamo] und Neſtus [Rarafu] Löwen, N dieſe über- 
träfen aber an Stärfe weit diejenigen, welche Afrika aber Syrien 
erzenge, , 

XVIII. 1. es gäbe zwei Arten Loͤwen: unterſetzte, kae, mit 
frauferen Mähnen, **) diefe feyen furchtfamer als die Iangen mit 
glattem Haare, welche Wunden nicht achteten; den Urin ließen bie 
Männdien mit aufgehobenem Beine ,***) wie die Hunde, und diefer 
babe, fo wie auch ihr Athem, einen feharfen Geruch; fie füffen nur 
felten, nähmen immer nur über den andern Tag Futter zu ſich und 
entbehrten, wenn fie gefättigt jeyen, zuweilen drei Tage der Nah⸗ 
rung; beim Fraße verfchlängen fie alles, was fie koͤnnten, ganz, und 
wenn ihr Bauch das gierig Verſchluckte nicht faſſe, fo reichten fle 
mit den Kyallen in ven Schlund und zögen es heraus, damit fie, 
wenn fie nad) ihrer Sättigung fliehen müßten, fortfämen. 2. Daß 
fie ein hohes Alter erreichen, beweist er, }) aus der Thatfache, daß 
man fehr viele finde, denen die Zähne ausgefallen feyen. Polybius +), 
der Gefährte des ſCornelius Scipto] Aemilianus, erzählt, im Alter 
griffen fle ven Menſchen an, weil fle alsdann zur Verfolgung wilber 





Anfangs die Größe ausgewachſener Kaben und laufen ſchon 
vor dem Ende des zweiten Monate. 

*) Serobot. VII, 125. 126.’ Ariftoteled (Hist. animal. 1. VI, 
6. 31,1. VIII, o. 33). Als Xerres mit feinem Heere durch 
Macedonien zog, fielen Löwen über die Kameele her, welche 
das Gepaͤck trugen und zerriſſen fle. Um welche Zeit die Löwen 
in Europa völlig verſchwanden, ift unbefannt. 

+, Wir Tennen jeht Feine Löwen mit fraufen Mähnen. 

xe) Der Löwe laͤßt das Waſſer nach Hinten. 

7) Hist. animal. 1. IX, o. 39. 

Tr Bergl. die Bemerkungen vor dieſem Bude Aber bie von Plis 
nins benübten Quellen, 


30 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Thiere nicht mehr Kraft genug hatten, alsdann lagerten fie fi vor 
pie Städte Afrifa’s und er felbft Habe daher nebfl dem Scipio ge 
fehen, wie man folche Löwen gefreuzigt habe, um die andern durch bie 
Zurcht vor ähnlicher Strafe von ihrem gefährlichen Beginnen abzu⸗ 
ſchrecken. | . 

XIX. 4. Bon allen wilden Thieren hat der Zöwe allein &nade 
für Bittende; er ſchont den vor ihm Nieberfallenden und wenn, er 
wüthet, fo läßt er feinen Grimm mehr gegen Männer ald gegen 
Weiber aus und gegen Kinher nur bei großem Hunger”) In Libyen 
glaubt man, Haß fle den Sinn ber Bitten verſtehen. Sch Habe we⸗ 
nigſtens von einer aus Bätulien zurückgekommenen Gefangenen ge: 
hört, daß fle viele in den Wäldern auf fie losſtuͤrzende Löwen durch 
Zureben befänfligte, indem fle ihnen vorzuftellen wagte, fle fey eine 
Frau, flüchtig und krank, eine Bittende vor dem großmüthigſten und 
über alle andern herrſchenden Thiere, eine feines Ruhmes unmwärbige 
Beute. Man ift darüber nicht einig,‘ ob die wilden Thiere in Folge 
einer in ihnen liegenden natürlichen Eigenſchaft oder nur eines Zu 
falls fich durch Zureden erweichen laflen; fo wie denn auch die Er 
fahrung bis jetzt noch nicht dargethan hat, ob die allbefannte Mei: 
nung, daß bie Schlangen durch Geſang Herbeigelodt und zum un 
willfürlichen Tode gezwungen werben, wahr oder falfch ſey. ) 


*) Die Großmuth des Löwen iſt in der hier angegebenen Aus: 
behnung eine Babel, die ſich auf feine Beweiſe zu flüßen 


vermag. 

) Die Erfahrung Hat allerdings gezeigt, daß dieſe Kunſt, welche 
jegt noch geübt wird, Feine Lüge ſey. Man lodt die Schlans 
gen, jedoch nicht durch Geſang und Zauberformeln, ſondern 
durch "Nachahmung des eigenthümlichen Tones, welchen 
fle von ſich geben. 








Achtes Buch. 931 


2. Die Gemuthsſtimmung des Löwen verräth ſich durch den 
Schwanz, fowie die des Pferdes durch die Ohren, denn die Natur 
hat die evelften Thiere auch mit dieſen Merkmalen begabt. Bewegt 
er ben Schwanz nicht , fo ift er fanftmüthig, gnädig und faft ſchmei⸗ 
chelnd; dies kommt jedoch nur-felten vor, denn weit häufiger ift bei 
ihm der Zorn; er fchlägt dann zuerft mit dem Schwanze die Erde | 
‚und peitfcht damit, bei fleigender. Wuth, gleichfam um ſich dadurch 
noch mehr zu reizen, ben Rüden. Seine größte Stärfe hat er in 
der Bruſt. Aus jeder Wunde, er mag fie num mit ver Kralle ober 
mit ven Zähnen verfegt haben, flägßt ſchwarzes Blut, If er fatt, 
fo fügt er Niemand ein Leid zu. 3. Seine Großmuth bewährt fich 
Hauptfächlich in Gefahren, und zwar nicht allein dadurch, daß er, die 
Pfeile verachtend, ſich lange nur durch bie Furcht, die er einflößt, 
ſchützt und gleichfam zu exfennen gibt, man zwinge ihn [zum Kampfe)] 
und daß er ſich nicht der drängenden Gefahr wegen, ſondern gleichſam 
aus Zorn über die Tollkühnheit [feiner Angreifer] erhebt, noch weit 
ebler zeigt fich fein Muth darin, daß er, wenn ihn eine auch noch fo 
große Menge Hunde und Jäger verfolgen, fi auf offenem Felde 
und wo man ihn fehen Tann, mit Verachtung und öfter flehen blei- 
bend, zurüdzieht, ſobald er aber ein Geſtraͤuch ober einen Wald er- 
reicht, im ſchnellſten Laufe dahinſtürzt, weil der Ort gleichſam feine 
Zeigheit verbirgt. A, Wenn er eine Beute verfolgt, fo fpringt er 
mit einem Sabe auf fle, auf der Flucht thut er dieſes aber nie. 
Wenn er verwundet wird, fo erkennt er durch feine bewunberungds 
würbige Beobachtungsgabe fogleich den Waͤter und geht in einer 
noch ſo großen Schaar gerade auf dieſen los; einen, der einen Pfeil 
auf ihn abgeſchoſſen, ihn aber dadurch nicht verwundet hat, ergreift 
er zwar, ſchüttelt ihn und wirft ihn zu Boden, verwundet ihn aber 
nicht, Die Loͤwin fol, wann ſie für Ihre Jungen kaͤmpft, ben Blid 


L 
[| 


932 C. Plinius Naturgeſchichte. 


‚ auf ven Boden heften, um nicht vor ben Jagbipießen zu erſchrecken. 
Uebrigens find die Löwen frei von Lift und Argwohn; fle ſchauen 
nichts mit fcheelen Augen an und wollen auch nicht fo angefehen 
feyn. 5. Man glaubt auch, daß fle beim Sterben in die Erbe beißen 
und über ihren Tod Thränen vergießen. Und biefed fo ftattliche, 
fo grimmige Thier, fürchtet ſich wor laufenden Näbern , var leeren 
Mögen, vor dem Kamme und noch mehr vor dem Krähen der Hähne, 
am meiften aber vor dem Feuer. Die einzige Krankheit, welche ihn 
befaͤllt, if der Ekel, von welcher ihn aber Unzucht heilt, indem ihn 
bie Geilheit zufammenhängendey, Affen in Wuth Bringt. Koſtet ex 
darauf Blut, fo ift er wieder genefen. *) | 

XX. Zu Rom ließ zuerft Quintus Scävola, des Publins 
Sohn **), während er curnlifcher Aebil war, mehrere Löwen zugleich 
fämpfen, Hundert mit Mäbnen auf einmal zuerft L. Sylla, welcher 
fpäter Diktator wurde, während feiner Prätur [im Jahr 93 v. Ehr.], 
nad) ihm der große Pompejus im Circus fechöbundert, worunter 
breihundertfünfzehn mit Mähnen, und ber Dictator Gäfar vierhundert. 

XXL 1. Sie zu fangen, war früher eine ſchwere Arbeit und 
es geſchah meiftens mittelft Gruben. *"") Unter der Herrſchaft bes 
Claudius Ichrte der Zufall eine Fangart ,. die für ein fo gewaltiges 
Thier faft fchimpflich ift, indem namlich ein gätulifcher Hirte einem 
ihn ungeftäm anfallenden Löwen feinen Rod entgegenwarf, welches 


*) Es if wohl kaum nöthig, zu bemerfen, daß in Diefem Kapitel 
Fabeln auf Fabeln gehäuft find. Daß des Löwe fich vor bem 
Beuer fürchtet, wie dies überhaupt bei den fleifchireffenden 
Thieren der Fall ifl, möchte die-einzige Bemerfung ſeyn, welche ' 

. in der Erfahrung ihre Beftätigung findet. 
3 Er begleitete ſpaͤter (95 vor Ehr.) das Conſulat. 
)Indem man dieſe mit Beifig und Erde leicht bedeckt. 


Achtes Buch. 933 


Schauſpiel man auch bald auf dem Kampfplatze nachahmte, indem 
dieſes ſo wilde Thier, wenn ihm mit einem auch nur leichten Ueber⸗ 
wurfe der Kopf bedeckt wird, auf eine faſt unglaubliche Weiſe in 
Beſtürzung geraͤth, daß man es ohne Widerſtand binden kann, weil 
nämlich feine ganze Kraft in den Augen liegt. Es iſt deßhalb gar 
nicht wunderbar, daß Lufimachıts *) den Löwen, mit welchem er auf 
Alexanders Befehl eingefperrt wurde, erivürgte. 

> 2. Unter das Joch gebeugt und an den Wagen gefpannt wurden 
fle zuerfl zu Rom von M. Antonius, und zwar während des Bürgers 
Trieges, nach der Schlacht auf den pharfälifchen Feldern, nicht ohne eine 
gewiſſe vorbebeutende Beziehung auf die Zeitverhältnifle, indem dieſes 
under die Unterjochung edler Geifter anzeigts; daß er aber auf 
diefe Weife mit der Schaufpielerin Eytheris fuhr, überfteigt ſogar 
die Wunderbinge jener unglückſeligen Zeit. Der erſte Menſch aber, 
welcher einen Löwen an der Hand zu leiten und in zahmem Zuſtande 
zu zeigen wagte, full Hanno, einer der berühmteften Karthager, ges 
wefen ſey. Died wurde aber auch der Grund feiner VBerurtheilung, 
denn man glaubte, daß ein Mann von fo Funftreichem Geifte zu 
Allem überreden Tünne und daß ihm, tem felbft die Wildheit fo 
ganz zu Willen hätte ſeyn müſſen, die Freiheit nicht wohl anzuver⸗ 
trauen ſey. 


3. Man hat aber auch zufaͤllige Beiſpiele von der Sanftmuth 


des Löwen. Der Syracuſaner Mentdr war, als ihm in Syrien ein 
Löwe winfelnd entgegenfroh und ihm allenthafben, wohin er ent» 
fliehen wollte, den Weg verfperrte und frhmeichelnd feine Fußtabfen 
leckte, zuerſt vor Schrecken ſtarr, bemerkte aber dann an dem Fuße 


*) Derfelbe, welcher nach Alexanders Tod König von Thrazien 
würde. 


G. Blinins Naturgeſch. 88 Vdchn. 4 


| 


9 €. Plinius Naturgeſchichie. 


des Thieres eine Geſchwulſt und eine Wunde und befreite es durch 
die Herausziehung eines Splitters von ſeiner Dual. Ein Ge 
mälde zu Syrafus bezeugt biefen Vorfall. Aehnliches begegnete 
dem Samier Elpis, der. zu Schiffe nach Afrifa Fam und am Strande 
einen Löwen mit grimmig aufgefperrtem Rachen erblickte; ex flüchtete 
ſich auf einen Baum und rief den Pater Liber an, wie man denn 
Hauptfächlich nur dann Gelübde thut, wann alle Hoffnung ver 
fchwunden if. Das Thier ſetzte dem Fliehenden, obſchon es dies 
gefonnt häfte, nicht nach, fonvern legte fich unter den Baum und 
ſuchte durch den aufgefperrten Rachen, wodurch es ihn exrfchredt hatte, 
fein Mitleid zu erregen. 4. Es war ihm bei einem allzugierigen Biſſe 
ein Knochen zwilchen ven Zähnen ſtecken geblieben und von Hunger und 
der Strafe an feinen eigenen Waffen gepeinigt, ſah es zu Elpis hin⸗ 
auf und bat ibn gleihfam mit ſtummem Flehen. Diefer traute 
nicht aufs Gradwohl dem Thikre und überdieß hielt ihn bie Bers 
wunderung noch weit länger, als die Furcht zurück. Endlich ſteigt 
er herab und zieht dem Löwen, ber den Rachen barreicht umb bie 
nöthige bequeme Stellung annimmt, den Knochen heraus. Man 
erzählt, daß diefer, fo lange das Schiff noch am Ufer lag, feine Dank⸗ 
barkeit durch Herbeifchleppung der von ihm auf ber Jagd gemachten 
Beute bewiefen habe. 5. Elpis ftiftete Deshalb auf der Juſel 
Samos dem Vater Kiber einen Tempel, den die Griechen wegen 
diefer Begebenheit ven Tempel des rachenaufiperrenden Dionyfos 
(xexyvörog Arovvoov) nannten. Sollen wir und nun noch wundern, 
daß die wilden Thiere-die Spur des Menfchen erfennen, wenn fie 
fogar von diefem einzigen unter allen Thieren Hülfe Hoffen? Warum 
nehmen fle ihre Zuflucht nicht zu andern? Ober woher if ihnen 
bie heilende Kraft ber De nſchenhand bekannt? Wenn nicht vielleicht 


\ Achtes Bud. - 935 


bie Macht des. Uebels auch noch die wilden Thiere zwingt, alles zu 
verſuchen. 

avım. 6. Etwas gleich Merkwürdiges erzählt der, Naturforſcher 
Demetrius von einem Panther, der in der Mitte des Weges lag und 
einen Menſchen erwartete, und auf welchen ploͤtzlich der Vater eines 
gewiſſen Philinus, eines der Weltweisheit Befiffenen), ſtieß. Er⸗ 
ſchrocken ſing dieſer an zurückzuweichen, das Thier aber kroch um ihn 
mit unverkennbaren Schmeicheleien und mit ſo deutlichen Zeichen des 
Schmerzes, daß man ſie auch an einem Panther wahrnehmen konnte. 
Es war Mutter und ſeine Jungen waren nicht weit davon in eine 
Grube gefallen. Das erſte Werk des Erbarmens war, ſich nicht zu 
fürchten, das naͤchſte, dem Thiere Hülfe zu leiſten. Er folgte ihm 
alfo, wohin es ihn durch leichtes Feſthalten mit der Klaue am Kleide 
führte, und zog, als er die Urſache des Schmerzes und zugleich den 
Igeforderten] Lohn für die Schonung ſeines Lebens wahrnahm, die 
Jungen heraus. Mit dieſen folgte ihm die Mutter und begleitete 
ihn bis über die Einoͤde hinaus mit Luſt und Springen, woraus leicht 
zu erkennen war, daß ſie ihm ihren Dank bezeugen und nichts von 
ihrer Seite anrechnen wollte, *) was ſogar bei den Menſchen ſelten iſt. 

XXII. Dies laͤßt uns auch dem Democritus Glauben ſchenken, 
welcher. erzählt, daß Thoas in Arcadien von einem Drachen gerettet 
worben fen. Der Knabe hatte ven vielgelichten großgezogen, der 
Vater aber die Schlange, deren boͤſe Eigenſchaft und Größe er fürch⸗ 
tete, in eine Einöbe getragen, in welcher fie dem Thoas, der in einen 
Hinterhalt der Räuber fiel, als fle feine Stimme erfannte, zur Hülfe 
eilte. *) Was man übrigens von Kindern erzählt, die ausgeſetzt 





33 Nämlich bie Song feines Lebens. 
Vergl. Aelian, Bist, animal. ], VI, c, 63, 


4* 


936 C. Plinius Naturgeſchichte. 


und von wilden Thieren, wie die Gründer unſeres Staates von einer 
Woölfin geſäugt wurden, iſt nach meiner Meinung mit weit weht 
Grund der großartigen Fügung des Schickſals als der natürlichen 
Eigenfchaft ver wilden Thiere zugufchreiben. 
XXIU. Der Panther) und der Tiger erſcheinen faft allein vor 
allen Thieren bunt geflecft, die übrigen Haben eine einzige und eime 
jeder Gattung eigenthämliche Farbe ; nur in Syrien iſt Die Farbe der 
Löwen ſchwarz. Die Panther haben auf weißen Grunde Furze 
Augenflecken. Durch ihren Geruch follen alle übrigen BVierfüßfer 
auf wunderbare Weife angezogen,**) durch die Abfcheulichfeit ihres 
Kopfes aber abgefchreckt werden. Sie verbergen. deßhalb denſelben 
und erhafchen die Thiere, welche fle durch das andere Meizmittel her⸗ 
beiloden. Manche erzählen, fle Hätten auf dem Vorderbug einen 
dem Monde ähnlichen Flecken, der in Nebereinftimmung mit biefem 
zu einer Scheibe anwachfe und fich wieder zu Hörnern aushoͤhle. 
Man nennt jept bei dem ganzen Gefchlechte, welches in Afrifa und 


8 


+) Der Panther iſt ohne Zweifel eines der beiden afrikauiſchen 
Thiere, welche jetzt Panther und Leopard heißen, vielleicht ver⸗ 
flanden die Römer darunter beide, denn der Name Leoparb 
Tommt erſt am Ende des dritten Jahrhunderts vor. 

») Diele dem Ariftoteled (Hist. animal. I. V, o. 40) entichnte 
Fabel hat Manche verleitet, den Banther des Pliniud für bie 
Bibethfage zu halten, obſchon weder Ariftoteles noch Blinius 
behaupten, daß ber Geruch des Panther gerade ein dem Men- 
ſchen angenehmer fey. Uebrigend paßt auch die bei den griefgis 
fen und römifchen Naturforfchern vorfommende Beſchrei⸗ 
bung nicht auf die Zibethfage, die ben Alten überhaupt nicht 
asranne geivefen 5 an Moe Der ab: w zunehmenbe Beten 

e orberbuge Der er gehoͤr ben Bhantafles 
"den des Alterthums. arther geh ” Pbanteſ 


Achtes Buch. 937 


in Syrien fehr haͤufig ift, die [weiblichen] Banther Varia [Seedte] 
uud die Männchen Parder. Manche unterfcheiden bie Panther von 
diefen- nur durch die weiße Farbe und- bis jetzt habe auch ich noch 
feinen andern Unterfchied gefunden. 

XXIV. Es beſtand ein alter Senatsbeſchluß, welcher verbot, 
afrilaniſche Thiere*) nach Italien zu bringen. Gegen diefen brachte 
der Bolfstribun En, Aufidius einen Antrag an das Volk [84 vor 
Chr.] und erwirkte die Exlaubniß, daß fle für die eircenflfchen Spiele 
eingeführt werben durften. Zuerſt aber ſchickte Scaurus während 
feiner Aebilwärbe [58 vor Chr.] Hundertundfünfzig Variä, dann der 
große Pompejus vierhunbertundzehn und ber göttliche Auguftus 
vierhundertundzwangzig. 

XXV. Derfelbe zeigte unter dem Couſulate des Q. Tubero 
und Fabius Marimus [11 vor Ehr.] am vierten Mai hei der Ein- 
weihung des Theaters des Marcellus zuerft von allen Rom einen ' 
gezaͤhmten Tiger **) in einem Käfig, ber göttliche Claudius aber 
vier anf einmal. 

awvum. Hyrcanien und Indien bringen den Tiger hervor, ein 
Thier von fürdhterlicher Schnelligkeit, die man hauptſächlich dann 
erfährt, wann ihm feine ganze Brut, die ſtets zahlreich iſt, hinweg⸗ 
gesommen wird. Der Rashfteller entführt fie auf einem möglichft 





9 ander werben bier wohl nur Panther und Leoparden vers 
anden 

*) Nämlich ein Exemplar bes indiſchen mit ſchwarzen Quer⸗ 
ſtriemen. Die Behauptung daß ſchon Tiger gezaͤhmt worden 
ſeyen, wurde früher von den meiſten Naturforſchern, ſelbſt von 
Büffon, beſtritten. Cuvier bewies durch mehrere gezaͤhmte 
Tiger im Muſeum zu Paris die Wahrheit derſelben und der 
viel getadelte —* erſcheint alſo auch hier gerechtfertigt. 


al 





938 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſchnellen Pferde und wechſelt dieſes oͤfter mit friſchen. Wenn nun 
die Mutter (die Männchen kümmern ſich nämlich nicht um die Sans 
gen) das Neft leer findet; fo flürzt fie eilend fort und fucht die Spur 
durch den Geruch. Der Räuber wirft, wenn er das Gebrüll nahe 
Iommen hört, eines der Jungen hinweg. Ste faßt es mit dem 
Rachen, läuft, durch bie Laſt noch mehr zur Schnelligfeit angefenert, 
zurück, beginnt dann wieder die Verfolgung und fo fort, bis der 
Räuber das Schiff beſtiegen hat und fie am Ufer mit vergeblichem 
Grimme wüthet. i 
XXVI. 1. Die Kameele zieht man im Morgenlande herden⸗ 
weife und es gibt deren zwei Arten, das bactrifche *) und das arabi⸗ 
ſche **) Kameel. Sie unterfcheiven ſich dadurch, daß jenes zwei 
Höder auf dem Rücken hat, Diefes aber nur einen. Das Iebtere hat 
aber noch einen andern an der Bruft, ***) auf welchen es ſich niever- 
legt. Beiden Arten fehlt, wie dem Rindvieh, die obere Zahnreihe. }) 
Afle verfehen mit ihrem Rücken die Dienfte von Laſtthieren und 
werben auch in Schlachten zum Reiten gebraucht. An Schnelligkeit 
fommen fle den Pferden gleich, bock ift bei beiden Thieren das Maß, 
fo wie bie Kraft verfchieven; dad Kameel geht nie weiter, als die 
gewohnte Strecke und trägt nie mehr als die ihm einmal beftimmte 
Laſt. 2. Gegen die Pferde haben fie einen angebornen Haß. +}) 
Durſt ertragen fle fogar vier’ Tage lang. Wenn fie Gelegenheit 


_*) Camelus,Bactrianus, Trampelthier. Ge 
„.) Camelus Dromedarius, arabicus, das gemeine Kameel. 
) Die Schwiele auf der Bruft ‚haben beide Arten mit einander 


emein. 
‚DD Cs fehlen ihnen nur die mittleren Vorderzaͤhne. 
1) Die unrichtigkeit diefer Anſicht beweist Iche Karawane, wo 
Kameele und Pferde neben einander gehen. 


Tr 











Aa 939 


zum Trinken bekommen, fo fättigen fie fich für den vergangenen und 
für den künftigen Durſt, vachdem fle jeboch zuvor das Waſſer durch 
Stampfen trübe gemacht haben, denn anders trinfen fle nicht mit 
Luft. Sie leben fünfzig Jahre, manche auch hundert; werben jedoch 
and) von ber Wuch befallen. Man Hat eine Art, fogar die Weib⸗ 
chen, welche zum Kriege abgerichtet werben, zu caftriren, erfunden, 
fie werben fo, wenn ihnen die Begattung unmöglich ift, muthiger. _ 

XXVU. Mit ihnen haben zwei andere Thiere Aehnlichkeit; 
das eine nennen die Nethiopier Nabun.*) Es gleicht am Halſe 
dem Pferde, an den Füßen und Schenfeln dem Rinde und am 
Kopfe dem Kameel; feine Grundfarbe ift röthlich mit weißen Flecken, 
weßhalb es auch Kameelparder heißt.” Bei den circenflichen Spielen 
des Diktators Cäfar [46 vor Ehr.] wurde es gm erſtenmale zu 
Rom gefehen. Seitdem flieht man es von Seit zu Zeit, und es ift 
mehr feiner Geftalt ald feiner Wildheit wegen merfwürbig, weßhalb 
es auch den Namen wildes Schaaf erhalten bat. 

XXVIII. ax). Die Spiele des großen Pompejus [61 vor 
Ehr.] zeigten zum erflenmale das Chaͤma, **) welches die Gallier 
Rufins nennen; es iſt geflaltet wie ein Wolf und geflect wie bie 
Boarder. Bei denfelben Spielen fah man auch die Thiere aus 
Acthiopien, welche man Kepen [xzmoı] nennt,***) deren Hinterfüße 
menſchlichen Füßen und Schenfeln und deren Borberfüße Hunden 
gleichen. Später ſah Rom dieſes Thier nichtmehr. 

XXIX (xx). Bei denfelben Spielen erfchien auch dad Nashorn 
. {Rhinoceros) mit einem Horn auf der Nafe, wie man ed oft gefehen 
) Die Giraffe (Camelopardalis giraffa). Erſt in neuefter Zeit 

bat man diefes Seltene Thier wieber öfter in Europa gefehen. 


.. =) Der Luchs (felis Iynx). 
*5 Wahrſcheinlich der rothrůcige Affe (imia pyrrhonota). 


. An. 





940 C. Plinius Naturgeſchichte. 


bat. Es iſt der zweite geborene Feind des Elephanten; ) wenn es 
ſich zum Streite anſchickt, wetzt es das Horn an einem Steine und 
während bes Kampfes zielt: es hauptſaächlich auf den Bauch, weil es 
weiß, daß diefer am weichſten if. Es hat gleiche Länge mit dem 
Elephanten, aber weit Fürzere Beine und bie Farbe des Luchfes. 
XXX xun, 1. Die fehr haufig vorfommenden Luchfe **) und 
Sphingen ***y mit dunfelbraunem Haare und zwei Bien auf ber 
Bruft bringt Aethiopien hervor, fo wie auch viele andere ähnliche 
wunderbare Thiere, als geflügelte, mit Hörnern verfehene Pferde, ) 
welche man Pegaſen nennt, Erocotten, +}) die von Hund uud Wolf 
abzuftammen feheinen, alles mit den Zähnen zermalmen und bad 
Berfchlungene fogleich verdauen, Cercopithecen FF) mit fchiwarzem 
Kopfe, Eſelshaaren und einer von der aller übrigen Thiere vers 
ſchiedenen Stimme, indiſche Rinder +*) mit einem und brei Hoͤrnern, 
das Leucrocot, ein überaus ſchnelles Wild, welches ungefähr bie 
Größe des Eſels, die Beine des Hirfches, ven Hals, den Schweif 
und die Bruſt des Löwen, ben Kopf des Dachfes, einen gefpaltenen 
Huf, ein ‘bis an die Ohren*aufgeriffenes Maul und ſtatt der Zähne 
einen zufammenhängenden Knochen hat, Diefes Wild foll die menſch⸗ 
Vergl. oben Kap. 11. 12. | 
ee) Hoͤchſt wahrscheinlich der fünliche Luchs (felie oaracal). 
»ee) Pielleicht Hat man darunter den Schimpanfe oder afrikaniſchen 
Orang⸗Utang (Simia troglodytes) zn verſtehen. 
+) Bhantaflegebilde der Alten. 
Tr) Vielleicht der Tigerwolf (Hyaena ervouta). 
TID Eine Affenart, vielleicht der Malbrouc (Simia faunus) ober 
der weiße Affe (Simia entellus). 
7°) Diefe, fo wie das Leucrocot in der neueren Naturgeſchichte 
finden zu wollen, wäre vergebliche Mühe. Unter bem —** 
m ebenfalls das —*— (antilope gnu) vermuthen. 








Achtes Buch. 944 


liche Stimme nachahmen. 2. Cbendaſelbſt gibt e8 auch das Thier, 
weiches Gale ‚Heißt, die Größe bes Flußpferdes, ven Schweif des 
Glephanten, eine ſchwarze oder gelbe Farbe, die Kinnbacken eines 
Ebers und über eine Elle lange bewegliche Hörner hat, welche es 
im Kampfe abwechſelnd vorſtreckt und entweber gegen den Feind oder 
auf die Seite richtet, je nachdem es fein Bortheil erheifcht.*) Man 
findet daſelbſt auch überaus grimmige wilde Stiere, die größer als 
die Ackerſtiere find und an Schnelligfeit alle Thiere übertriffen, von 
gelber Farbe, mit blauen Augen, nach vorn hin gerichteten Haaren, 
einem bis zu den Ohren Haffenden Rachen, beweglichen Hörnern 
daneben und einem Fefelfteinharten Rüden, dem feine Wunde bei- 
zubringen iR. **) Sie machen Jagb auf alles Wilb, find aber felbft 
nicht anders als in Gruben zu fangen, worin fle ihrer Unbändigfeit 
wegen flet3 umfomnen. 3. Daffelbe Land bringt auch, wie Cteſias 
berichtet, dad Thier hervor, welches er Mantichora nennt; *”*) es 
hat drei Reihen fammförmig in einander greifender Zähne, das 
Antlig und die Ohren des Menſchen, graue Augen, eine blutrothe 
Farbe, den Körper bes Löwen, den Schweif des Scorpions, womit 
«8, wie mit einer Stachel flieht, einer Stimme, die dem Zufammens 
Hange der Schalmey und der Pofaune gleicht, eine große Schelligfeit 
und eine ganz befonbere Lüfternheit nach Menfchenfleifch. 


*) In dieſer Befchreibung Tann man wohl trotz manchen Un⸗ 
richtigkeiten das afrikaniſche Nashorn (Ahingceres africanus), 
deſſen Hürner bekanntlich beweglich find, nicht verfennen. 

”) Mahrfcheinlich ebenfalls eine Beichreibung bes afrifanifchen 
Nashorns, die Plinius einer andern Duelle entlehnte. 

*r, Diefes Ungethäm verbankt feinen Urfprung der Furcht vor 
wilden Thieren. Ariſtoteles (Hist. animal. II, 11) zweifelte 
ſehr an feiner Ecxiſtenz. Plinius nimmt fie aber, wie alles 
Mährchenhafte, bereitwillig an. 


A 





. 


942 €. Plinius Naturgefgiäte. 


XXXI. In Indien gibt‘ auch Rinder mit ungefpaltenen 
Klauen und einem Horne *), und ein Wild, welches Arts heißt, **) 
das Fell eines Hirfchkalbes, nur mit mehr und weißeren Flecken, hat 
und gewöhnlich dem Vater Liber geopfert wird. Die orfäifchen 
Inder jagen auch Affen, die am ganzen Körper weiß find,***) mb 
ein überaus grimmiges Wild, das Einhorn, welches am Abrigen 
Körper dem Pferde, am Kopfe aber dem Hirfiye, an den Füßen dem 
Elephanten und am Schweife dem Eher gleicht, flarf brüllt und ein 
ſchwarzes, zwei Ellen weit hervorragendes Horn an der Stimme 
trägt. Man behauptet, dieſes Wild koönne nicht lebendig gefangen 
werden.) _ 

XXX. Bei den weftlichen Aethiopiern ift die Duelle Rigris, 
aus welcher, wie die Meiften annehmen und wie auch die von mir 
beigebrachten Orhnde ++) darthun, der Nil entfpringt; "an ihr lebt 
ein Wild, Katoblepas 7177) genannt, welches zwar nur von miltel- 


*) Man findet diefes fabelhafte Thier, fowie auch das Mantichora 
unter ben Hieroglyphen von Perfepolis. 

) Ohne Zweifel das Gangesreh (Cervus axis). 

**) Symia atys, wie ihn Audebert in feiner Histoire naturelle 
des singes et des makis (Par. 1800, F.) nennt. 

7) Bis jept hat fich die Eriftenz des vielbefprochenen Einhorus 
nicht erweifen laflen. Gab etwa zu der uralten Kabel eine 
wenig befannte Antilopenart, vielleicht die mittelafrifanifche 
‚Antilope (Antilope beisa) , welche man quf egyntifchen Denfs 
mälern fehr ſchlecht von einer Seite mit zwei Füßen und 

einem Horne abgebildet findet, Veranlaſſung ; ' 

ID S. oben B. 5, Kap. 10. 

TED Das zur Erde ſchauende. Mahrfcheinlich.ift das Gnu ge 
meint, an welches fich fo viele Kabeln knüpfen und deſſen aben⸗ 
teuerliche Geſtalt auch wirklich auf den Beichauenden einen 
unangenehmen Eindruck macht. 





+ 


Pr 











Achtes Bud. 0.0.9483 


mäßiger Größe und an den übrigen Gliedern elenb iR, aber einen 
überaus ſchweren Kopf mit Mühe fortſchleppt, dem es ſtets zur Erbe 
berabhängen läßt, weil er fonft dem menſchlichen Geſchlechte zum 
Verderben gereichen würde, denn alle, welche feine Augen fehen, 
fterben auf der Stelle. 
| XXX. Diefelde Kraft wohnt dem Bafllisf bei. Diefe 
Schlaftge, weldhe die cyrenaiſche Provinz hervorbringt, ift nicht 
größer ald zwölf Finger [9 Zoff] und Hat'einen weißen Fleden auf 
‚dem Kopfe, wodurch fle, gleihfam wie mit einem Diabem, ) ge- 
fhmüdt wird. Durch ihr Sifchen verfchencht ſie alle übrigen - 
Schlangen und ſchiebt nicht, wie diefe, durch vielfache Windungen - 
ihren Körper fort, fondern geht, zur Hälfte aufgerichtet, geſtreckt 
einher. Sie verdirbt die Geſtraͤuche nicht nur durch ihre Berührung, 
fondern fon durch ihren Hauch, verfengt die Kräuter und zerfprengt 
Steine. Cine ſolche Stärfe hat das Gift. Man nimmt als gewiß 
an, daß einſt, als ſie vom Pferde herab mit einem Speere getoͤdtet 
wurde, das Gift ſich an dieſem fortleitete, und nicht nur den Reiter, 
ſondern auch das Pferd toͤdtete. Und dieſes gewaltige Ungethüm 
(denn häufig wünfchten es Könige todt zu ſehen) wird durch die Aus⸗ 
dünftung der Wiefel umgebracht; fo forgfältig bemühte fich die Na⸗ 
tur, nichts ohne Gegenkraft zu Yaflen. Dan: wirft die Wiefeln in 
Höhlen, die man leicht an dem ausgeborrien Boden umher erfennt. 
Sie tödten durch ihren Geruch, ſterben aber zugleich ſelbſt und ſomit 
iſt der Kampf der Natur abgethan. 
XXXIV axm. 1. Aber i in Stalien hält man auch den Anblick 


*) Daher hat fie auch ihren Namen (von Basıdevg, Konig) weil 

das Diadem .ber Schmud der Koͤnige iſt. Daß dieſes ge⸗ 
fürchtete Thier nur eine Ausgeburt der Phantafle, braucht 
wohl Taum bemerkt zu werben, \ 


⸗ 


x 


En 


ME. Plinius Naturgeſchichte. 


der Wölfe. für ſchädlich und ſie ſollen den Menſchen, welchen ſie zu: 
erſt anfehen, auf den Augenblick der Stimme berauben. Afrika und 
Egypten bringen nur feige und Fleine hervor, ber Tältere Himmels⸗ 
ſtrich wilde und grimmige.”) Daß ſich Menſchen in Wölfe vers 
wandeln und ihre frühere Geftalt wieder annehmen, müflen wir zus 
serfichtlich für falfch Halten oder afle Lügen, die aus fo vielen Jahr⸗ 
Hunderten auf ung gefommen find, glauben. 2. Woher übrigens 
diefe Sage fo fehl bei dem großen Haufen eingewurzelt ift, baß er 
den Namen Wechfelbalg (Währwolf) ald Berwünfhung braucht, 
foll mitgetheilt werden. Cuanthes, ein nicht gering genchteter grie⸗ 

chiſcher Schriftfteller erzäglt: die Arkadier berichten, daß aus dem 

Geſchlechte eines gewiffen Aethus immer einer durch Das Loos von 

der Familie gewählt und zu einem Teiche jener Gegend geführt 

werde; über diefen ſchwimme er, nachdem er feine Kfeider an eine 

Eiche aufgehängt, und laufe dann in die Einöde, wo er in einen 

Wolf verwandelt werbe und neun Jahre in der Befellfchaft ver übri⸗ 

gen Thiere diefes Gefchlechts zubringe. 3. Habe er während biefer 

Zeit fi von ven Menfchen entfernt gehalten, fo Tchre er zu dem⸗ 

felben Teiche zurüd und nehme, wenn er barüber geſchwomwen fey, 

feine frühere Geflalt wieder an, nur fey er in feinem Aeußern neun 

Sabre älter geworden. Yabius fügt noch Hinzu, Daß er auch daſſelbe 

Kleid wieder anziehe. Es ift wunberbar, mie weit. die griechiiche 

 Reichtgläubigfeit geht. Es gibt feine fo unverfchämte Lüge, für 
welche fich Fein Zeuge beibringen ließe. So erzählt Agriopas, welcher 

über die olympiſchen Sieger fchrieb, Demänetus von Parrhafla 

[Firina] habe bei einem Opfer, welches damals die Arkabier noch 

*) Die Wölfe Afrika's find eben fo groß, als die anberer Bänder; 


linius meint vielleicht den Schafal (canis aureus), welder 
nicht viel größer ift, als der Fuchs. 





Lu 


N. __ 


Achtes Buch. 945 


durch Abfchlachtung eines Menfihen dem Incälfchen Jupiter (Wolfs⸗ 
jupiter) brachten, von den Eingeweiben des geopferten Knaben ge 
koſtet und Sich In einen Wolf verwandelt; im zehnten Jahre fey er 
wieder in feinen Mihletenftand zurückgekehrt, im Fauſtkampfe anf- 
getreten und ald Sieger von Olympia heimgegangen. , 4. Das ges 
meine Volk glaubt auch, daß ein Liebesſaft an dem Schwanze dieſes 
Thieres in einem kleinen Haarbüſchel ſtecke und daß er dieſen, wenn 
ex gefungen werde, fallen laſſe, daß er aber, wenn man ihn ihm nicht 


He lebendigen Leibe nehme, unwirkfam fey. Er fol ſich im gangen 


Jahre nur zwölf Tage begatten, und wenn er hungrig ift, Erbe 
frefien. Unter allen Borbeveutungen ift feine vorzüglicher, als wenn 
er dieſes zur Rechten bes Reifenden mit vollem Munde thut, nach⸗ 
dem ex erſt vor ihm über den Weg gelaufen ifl. Bei dieſem Thier- 
gefchlechte gibt es welche, die Hirfchwöälfe heißen; einen folchen aus 
Gallien fah man, wie wir ſchon gefagt haben, *) bei den Kampf⸗ 
Tpielen des großen Pompefus. Diefes Thier fol auch bei großen 
Hunger, wenn es ſich während des Freſſens umfleht, ſogleich feinen 
Fraß vergefien und davon Inufen, um anderen zu fuchen. 

XXXV (xıım. 1. Was die Schlangen betrifft, fo ift befannt, 
daß die meiften die Farbe der Erdart annehmen, in welcher fie ſich 
aufhalten, daß es unzählige Arten gebe, daß ven Hornottern**) am - 





*) Berg. oben Kap. 28. 

**) Die Horhotter (cerastes, vipera cerastes) hält ſich in Aegyp⸗ 
ten und in dem noͤrdlichen Afrika auf und hat über jedem Auge 
einen ſpitz zulaufenden Auswuchs, der einem Some nicht uns 
aͤhnlich iſt. Das Anloden der Vögel und die Vermehrung 
der Hörner bis auf vier, find Fabeln. Cuvier befaß eine | 
lebendige Hornſchlange ımb beobathtete oft, wie fle ſich gern 
in den Sand einwühlte ; die Hörner ragten dann nur noch ein 


. =. _ 


946 € Plinius Naturgeſchichte. 


Kopfe kleine Hoͤrner, nicht ſelten vier an der Zahl, hervorragen, durch 
deren Bewegung ſie, nachdem ſie die übrigen Körpertheile verſteckt 
haben, die Voͤgel an ſich locken, daß die Amphisbaͤne zwei Köpfe 
babe, nämlich audı einen am Schwanze, als wenn es nicht genng 
wäre, aus Einem Rachen Gift auszuſchütten, ) daß fle zum Theil 
ſchuppig und zum Theil Bunt gefleckt, alle aber mit einem töbtlichen 
Geifer verfehen ſeyen, ) daß die Pfeilfeglange*"*) von den Baum⸗ 
äften herabfchieße und man alfo die Schlangen nicht nur für feine 
Füße zu fürchten haben, fondern daß fie auch gleich einem Wurf- 
gefchofle vaherfliegen,, daß den Nattern}) der Hald anfchwelle [mern 
fie gereizt werben] und daß es fein anderes Heilmittel gegen ihren 
Biß gäbe, als fchleuniges Abloͤſen der. angeſteckten Theile. 2. Diefes 
fo unbeilvolle Thier kennt nur Gin Gefühl ober vielmehr nur Eine 


Beniß über bie Oberfläche hervor, wodurch die Sage entflanden 
eyn mag. ' . 

*) Es gibt wirklich mehrere Arten von Amphibaͤnen, b. 5. 
Schlangen, die vors und rückwärts friechen können, in Amerifa, 
und auch die Portugiefen nannten bie Gürtelfchlangen,, welche 
biefe Cigenfchaft Haben und vom und Hinten gleich dick find 
Cobras de duas cabecas (Schlangen mit zwei Köpfen). An 
zwei Köpfe ift natürlich bei dieſen ebenfo wenig zu benfen, 
als bei den Ampbibänen ver Alten, welche darunter wahr- 
fheinlih die Rüſſelſchleiche (typhlops) mit kaum fihtbaren 
Augen verftanden. 

*) Die Meinung, daß alle Schlangen giftig feyen, ift befanntlich 
falſch. Auch die Rüflelfchleiche ift unfchädlich. 

**) Jaculum. Plinius meint die Baumfchlangen (Dryophis). 

1) Aspis. — Die Aspis der Alten iſt die vielberühmte ägyptifche 
Hutſchlange (coluber haje) , weldye von Moſis Zeiten Bis jegt 
bei den fogenannten ägnptifchen Zauberern eine wichtige Rolle 


fpielte, 


\ 


- 








+ 


Achtes Buch. 947 


Leidenfchaft. Sie fchweifen faft nur paarweife umher und können 
ohne Gatten nicht leben ; wirb alfo eine von ihnen getübtet, fo er⸗ 
wacht bei der andern eine unglaubliche Rachgierde. Sie verfolgt den’ 
Mörder, greift ihn allein unter einer noch fo großen Volksmenge, 
aus welcher fie ihn herauszufinden weiß, an, überwältigt alle Schwie⸗ 
tigfeiten, legt weite Strecken zurüf und nur Flüffe oder überaus 
ſchnelle Flucht fiihern vor ihr. Es laͤßt ſich übrigens- wirklich nicht 
Yagen, ob die Natur die Nebel oder die Mittel dagegen in richtigesem 
„Maße ſchuf; denn einmal gab fie diefem fchlimmen Thiere fchlechte 
Augen und feßte diefe nicht zum Borwärtöfchauen an die Stirme, 
fondern an die Echläfe, *) fo daß es häufig eher durch einen Fußtritt, 
als durch den Anblick aufgefchreckt wird ; 

xx) ſodann lebt e8 in einem fortwährenden Bertilgungsfriege 
mit dem Ichneumon. **) 
XXXVI. Diefes Thier ift Hauptfächlich durch dieſe rühmliche 
Eigenſchaft bekannt und ebenfalld in Aegypten einheimifh. Gs 
waͤlzt fich Häufig im Lehm und trocknet fich an der Sonne. Nachdem 
es fich auf diefe Weife mit mehreren Häuten gepanzeıt Hat, fchreitet 
ed zum Kampfe. Während beffelben erhebt es feinen Schwanz, 
und fängt abgewendet die vergeblichen Biffe auf, bis es mit ſchraͤg⸗ 
gerichtetem Kopfe den Augenblick erlauert Hat, bem Gegner an bie 
Kehle zu fahren. ***) Nicht einmal damit zufrieben, befriegt ed auch 
noch ein anderes nicht zahmeres Thier. | 


*) Die Hutfchlange hat, wie die Mehrzahl der Schlangen über- 
haupt, die Augen an den Seiten des Kopfes. Ä 
**) Viverra ichneumon, Pharaonsratte. 
**) Man hat früher über den Kampf bed Ichneumon mit der 
Hutfchlange gelacht; neuere Beobachtungen haben aber bie | 
Wahrheit deflelben bewieſen und wieder gezeigt, daß die Alten 


948 C. Plinius Naturgeſchichte. 


XXXVN ECXV. 1. Im Nil nämlich lebt ver Krokodil, ein 
böfes, anf dem Lande und in dem Fluſſe gleich gefährliches Thier. 
Bon allen Landihieren ift e3 das einzige, welches feine Zunge nicht 
gebrauchen fann;*) das einzige, welches nur mit der oben beweg⸗ 
lichen Rinnlade beißt, **) ver Bi aber it fürchterlich, ba tie Zähne- 
reihe fammartig gedrängt fließt. Er wird gewöhnlich größer ala 
achtzehn Elfen, legt Eier, die fo groß find, wie Gaͤnſeeier und brütet 
fle in Folge eines gewiflen Ahnungsvermögens etwas über ber 
Stelle, welche in dieſem Sahre der Nil bei. feinem höchſten Wafler- 
flande erreichen wird, aus. 2. Kein anderes Thier wächst von einem 
fo geringen Anfange zu einer fo bebeutenden Größe; auch ift es mit 
Klauen bewaffnet und feine Haut bietet jedem Stiche trotz. Der 
Tag bringt es anf dem Land, die Nacht im Wafler zu, beides ber 
Märme wegen. Wenn er von Fifchen gefüttigt und mit ſtets von 
Speifereften gefüllten Rachen ſich am Wafler dem Schlafe bingibt, 
reizt ihn ein Feiner Vogel, welcher dort Trochilus, in Italien aber 
Bogelfönig ***) Heißt,-zum Maulaufſperren, reinigt ihm erſt hüpfend 

in manchen Dingen noch mehr mußten, ald wir. Nur das 
abſichtliche Wilzen im Schlamme muß in Abreve geftellt 
werben, denn ber Schneumon geht fait immer in den Bewäfles 
rungsgräben umher und ift deßhalb ftets mit Koth bebedt. 

*) Sie ift an den Unterkiefer angewachfen und unbeweglich. 

**) Der Unterkiefer des Krokodils ift zwar ebenfalls beweglich, 
fentt fich aber beim Aufthun des Rachens nicht herab, fondern 
bleibt in horizontaler Lage, wodurch die feit Herodot (MI, 88) 
verbreitete Anficht der Alten, daß der Unterfiefer unbeweglich 

ſey, entftanden feyn mag. — 
»9 Hier wäre demnach der. bekannte Zaunkönig (silvia regolus, 
roitelet) gemeint; es ſcheint aber ein Irrihum obzuwalten, 
denn nach der Angabe neuerer Naturforſcher iſt der Vogel, 
welcher den Rachen bes Krofodild reinigt, ber — e 
Regenpfeifer (charadrius aegyptius). 


/ 





Achtes Buch. | 99. 


ven Rachen, dann die Zähne und auch das Innere des Schlundes, 
welchen er bei dieſem wohlthnenden Picken fo weit ala möglich auf- 
ſperrt; erblidt ihn nun, während er durch biefes wollüſtige Gefühl 
“in Schlaf verfunfen ifl, der Ichneumon, fo ſchießt er ihm wie ein 
Pfeil durch den Schlund und frißt ihm die @ingeweide heraus. *) 
XXXVIH. 4. Dem Krokodil aͤhnlich, aber noch Meiner al® 
der Ichnenmon und ebenfalls im Nil einheimifch ift der Scincos ‚**) 
ein vorzüglicdes Mittel gegen Gift und zur Anfladhelung des Ge . 
fehlechtötriehs bei den Männern. — Der Krofobil verurfacht aber 
viel zu großes Unheil, als daß die Natur mit Einem Feinde deflelben 
“zufrieden feyn follte. Es gehen demnach auch die Delphine,***) auf 
deren Rüden ſich, wie es fcheint, zu dieſem Zwecke ein meflerartiger 
Stachel befindet, in den Nik, verfchenchen bie fih in threm Fluſſe 
gleichſam als Alleinherrſcher Geberdenden von ihrer Beute und 
tödten fle, obgleich fie ihnen an Kraft bei Weiten nicht gewachfen 
find, durch Liſt; denn darin find alle Thiere klug und wiflen nicht 


[4 


*) Die bier dem Ichneumon zugeſchriebene Eigenſchaft iſt eine 
Fabel; man weiß nur mit Gewißheit, daß er bie Eier des 
Krofobils auffucht und gerne frißt. 

“) Die Wüfteneidechfe, Waran el hard (varanus seincus, moni- 
tor terrestris) , und nicht, wie man gewöhnlich annimmt , die 
. gemeine Glanzeidechſe (scingus offleinalis), Die Aegypter 
halten noch jet den Waran für ein Tleines, auf trodenem 
Boden ausgekrochenes Krokodil. 

+) Der gewöhnliche Delphin Tann hier wicht gemeint fern, deun 
er hat keinen Stachel auf dem Rücken, und Cuvier hat gewiß 
Recht, wenn er den hier von Plinius angeführten Delphin 
unter die Hhayen zählt. ——— is bat man Hier den 
Stachelhay (squalus ventrina) ober ben Dornhay (squalas 
acanthias) zu verfichen. 

C. Plinins Naturgeſch. 88 Ban. 5 





- 950 €. Plinius Raturgefhiäte. 


nur, was ihnen vortheilbaft, fondern auch, was dem Feinde nach⸗ 
theilig iſt; ſie kennen ihre Waffen, fie kennen die günftige Gelegenheit 
und die fehwachen Seiten ihrer Biegner. 2. AmBanche bes Krokobils 
it Die Haut weich und dunn; bie Delphine tauchen alfo, als feyen fle 
erſchrocken, unter und reißen ihm den Bauch, von unten her kommend, 
auf. Ja, auch ein Volksſtamm iſt dieſem Ungeheuer auf dem Mil ſelbſt 

gefährlich, nämlich die Tentyriten, welche von der Infel, *) bie fle be⸗ 
wohnen, biefen Namen führen. Sie find von Eleiner Geſtalt, aber 
von wunderbarer Geiſtesgegenwart, wenigflens in’ der Ausübung 
diefes Geſchaͤfts. Das Ungeheuer ift dem Fliehenden fchredlich, 
flieht aber-felbfl, wenn es verfolgt wird, doch nur diefe Leute wagen 
auf e8 Ioszugehen. 3. Ja, fle ſchwimmen fogar im Fluſſe, ſetzen 
fich wie Reiter auf den Rüden ber Krofobile, fchieben ihnen, wenn 
fle mit rückwaͤrts gebeugtem Kopfe den Rachen zum Biffe aufreißen, 
einen Prügel in dad Maul, ergreifen benfelben an beiden Enden mit 
der rechten und linken Hand und treiben fie damit, wie an einem 
Zügel, gefangen auf das Land; ja, ſchon allein duch ihre Stimne 
jagen fle ihnen Furcht ein. und zwingen fle, die friſchverſchluckten 
Körper. wieder auszufpeien, um fle begraben zu Tönnen. 4. Die 
Krokodile ſchwimmen daher nie zu diefer Infel und werben ſchon 
durch den Geruch diefer Art Menfchen, fo wie die Schlangen durch 
den Geruch der Pfyller **) verſcheucht. Im Waſſer follen die Augen 
diefes Thieres blöde feyn, außerhalb deſſelben aber fehr fharf fehen, 
und im Winter fol e8 immer vier Monate ohne Nahrung in einer 
Höhle zubringen. Manche glauben auch, es fey das einzige Thier, 
welches fo lange wachſe, ald es lebe; es lebt aber fehr lang. 





:#) Kentyris, jeßt Dendera. Berl. B. V, PR/R 
B. Vu, Rap. 2, 8. 5.- 


- 


Achtes Buch. 951 


IXXIX. Dos PFlußpferb, *) ein noch größeres Ungeheuer, 
wird ebenfalls in nem Mil erzeugt ; es Hat zweifpaltige Klauen, wie 
da8 Rinbvieh, den Rüden, die Maͤhne und bie wiehernde Stimme 
des Pferdes, eine aufwärts gebogene Schnauze, ven Schwanz und. bie 
Zähne des Gbers, doch find die letztern nicht fo geiäßrlich ; feine zu 
Schilden und Helmen taugliche Haut ift undurchdringlich, fo lange 
fie nicht von Näffe purchweicht wird. Es weidet die Saaten ab und 
fol dies, wie man vorgibt, an einem von ihm voraus dazu beſtimmten 
Tage thun und rückwaͤrts nach dem Adler gehen, damit ihm auf dem 
Rückwege kein Hinterhalt gelegt werde. **) 

XL axvo. 63 und fünf Krokodile zeigte zu Rom zuerft M. 
Staurus bei den Spielen während feiner Aebilwürbe, in einem nur 
zu diefem Zwecke gemachten Waflergraben. Das Flußpferd ift auch 
in einem Punkte der Heilfunft unfer Lehrmeifter gewefen. Wenn es 
nämlich durch fortwährende Ueberfättigung zu feift geiworben iſt, 
geht es and Ufer und fucht nach frifch abgefchnittenen Rohren; an 
das ſpitzigſte, welches es flieht, drückt es feinen Körper, öffnet ſich 
dadurch eine Ader an dem Beine, erleichtert fo durch den Blutverluft 
den fonft flech werdenden Körper und überzieht die Wunde mit 
Schlamm. *9 U 

*) Hippopotamus (Hippopotamus amphibius). Die Beſchrei⸗ 
bung dieſes Thieres, welches die Alten doch genau hätten be⸗ 
obachten koͤnnen, iſt mit Ausnahme deſſen, was von ven Zäh- 
nen und der Haut gefagt wird, falfch, wie man aus jedem 
Handbuche der Naturgefsbichte erfehen Tann. - 

#9) Es will nämlich dadurch den Auflauerer zu dem Glauben vers 
leiten, es fey nicht mehr in dem Saatfelve, fondern ſchon wie⸗ 
ber in das Waffer zuruͤckgegangen. 

*) Was in diefem und in den beiden folgenden Kapiteln von den 
durch Thiere erfunbenen Heilmitteln und Künften gefagt w’ 
gehört zu den alten Fabeln, vie jebt Niemand meht glau⸗ 


952 C. Plinius Naturgeſchichte. 


XLI (xxvm. 1. Etwas Aehnliches zeigte und ebenfalls in 
Aegypten ein Bogel, welcher Ibio) Heißt unb der mittel feines 
feummen Schnabels ſich durch denjertigen Theil," durch welchen zar 
Grhaltung der Geſundheit die überfläffige Speife abgeht, aus⸗ 
ſpühlt. *) Und vieles find nicht bie einzigen von verſchiedenen 
Thieren erfundenen Dinge, bie auch dem Menſchen zum Nuten ges 
reichen follten. Daß das Diptamfraut***) zum Ausziehen der Pfeile 
‚gut ſey, zeigten die Hirſche, welche von dieſem Gefchoffe getroffen, 
fih durch den Genuß des erwähnten Krautes davon befreiten. Dies 
ſelben heilen ſich, wenn fle vor dem Phalangium, +) einer Spinnens 
art, ober einem ähnlichen Thiere gebiffen werben, durch das Freſſen 
von Krebien. 2. Auch ift gegen den Schlangenbiß dad Kraut ++) fehr 
gut, womit fich Die @idechfen, wenn fleim Kampfe mit den Schlau⸗ 
gen verwundet werben, wieder aufhelfen. Daß das Schoͤllkraut +t}) 


*) Die neueren Naturforfcher Haben lange bald biefen, Kalb 
jenen Vogel für den Ibis der Alten gehalten, ohne Gewißheit 
erlangen zu Tünnen, bis Cuvier mehrere aus Aegypten ge 
brachte Eremplare genauer unterfuchte und ben Ibis für einen 
Grüel (numenius, courlis) erklärte und ihn numenius ibis 
nannte. In Aegypten nennt man ihn jeßt gewöhnlich Abu 
Hannes (Vater Johannes). 

“) PB linius will fagen, der Ibis habe das Clyſtieren erfunden. 

”*) Diotamnus == origemum diotammus, Diptamboſten. Vergl. 
Behrficnli iR Hier ie gemeine Walgenfyinne (halangiam 

+) inlich i die gemeine Walzenſpinne i 
araneoidas), welche ſehr giftig iſt, gemeint, 

ID Vermuthlich der gemeine Knorpellattich (abendrilla juncen), 

\ Berg). DB. XXU, : 45, j 

Tr) Celidonia ( Schwalbenkraut) = chelidonium maps, das ges 
meine Schoͤllkraut. Vergl. B. XXV, Kap. 50, 











Achtes Bud. _ | 953 


für us tät fehr-zuträglich fey, Haben die Schwalben gelehrt, 
welche damit bie kranken Augen ihrer Jungen heilen. 8. Die Schilb- 
kroͤte ftellt durch den Genuß des Krautes Cunila,“) welches auch 
Bubula heißt, ihre Kräfte gegen die Schlangen wieder her, und bie 
MWiefel, wenn fie mit diefem auf der Mäufefagd in Kampf geräth, 
durch die. Raute; **) der Storch Hilft ſich mit Doften ***) und bie 
Eber Heilen ſich durch Epheu oder durch das Verzehren von Krebfen, 
beſonders folchen, Die vom Meere ausgeworfen werben. Die Schlange 
ſtreift, wenn ſich Sie Haut ihres Körpers während der Winterruhe 
mit Schmuß überzogen hat, diefe Hülle durch den Saft des Fenchel 
ab und erfcheint im Frühlinge in friſchem Glanze. 4. Sie flreift 
fie aber zuerſt vom Kopfe ab und bringt mit dem Zuruͤckwickeln ber 
felben nicht weniger als einen Tag und eine Nacht zu, fo daß zulekt 
die Seite, weiche inwendig war, nach außen gefehrt iſt. Hat ſich in 
dem winterlichen Verſtecke ihr Geſicht verdunfelt, fo reiht fle fih an 
Senchelfraut ,}) beflreicht damit die Augen und flärkt fle dadurch 
wieder; find aber die Schuppen Hart geworben ,. fo fragt fle ſich an 
ben Nabeln des Wachholders. Der Drache ftillt das ‚im Frühlinge 
ihn befallende Erbrechen durch den Saft des wilden Lattichs. ++) 
Die Barbaren fangen die Panther mit Fleifch, das mit Gems⸗ 





*) Bergl. B. XIX, Kap. 50. B. XX, Kap. 61. Der Mangel 
an näheren Angaben geftatiet nicht die genaue‘ Beflimmung 
- dieſer Pflanze, wahrſcheinlich ift fle ein Pfefferfraut (sutureja). 
**) Outa (vergl. B. XX, Kap. 51) = ruta graveolens. 
**) Origeanum. Wahrſcheinlich origanum onites L., Syracufer- _ 
doften. Vergl. B. XXx, Kap. 67. : _ 
+) Marathron ; das griechiſche Wort für foeniculum. 
TT) Laotuca silvestris — laotuca soariola L. \ 


‚954 C. Plinius Raturgeſchichte. 


wurz, ) einem Giftkraute, beſtrichen iſt. Sie fühlen augenblicklich 
ein Würgen in dem Schlunde, weßhalb von Manchen dieſe Gift⸗ 
pflanze auch Pardalianches ſPardelwuͤrger) genannt wird. 5. Das 
Thier Hilft ſich dagegen durch Menſchenkoth, wonach ed ohnehin ſo 
begierig iſt, daß ihn die Hirten abſichtlich in einem Gefälle Höfer 
aufhängen, als es zu fpringen vermag und nach welchem es fo lange 
Hüpft und fehnappt, bis es erfchöpft ift und zuletzt ſtirbt; übrigens 
hat es ein fo zaͤhes Leben, daß es oft, wenn ihm ſchon die Eingeweibe 
herausgerifien find, noch lange fortfämpft. Hat der Elephant mit 
dem Laubwerk ein Chamäleon, **) welches ſich von dieſem in ber 
Farbe nicht unterfcheibet, verſchluckt, jo wirkt er biefer für ihn gif⸗ 
tigen Speife durch ben Dfivenzeidel ***) entgegen. 6. Die Bären 
lecken, wenn fie Alraunäpfel +) gefrefien Haben, Ameiſen. Der Hirſch 
hilft fich gegen vergiftetes Futter durch Artiſchockenkraut. +7) Bon 
dem jährlich eintretenden Uebelbefinden befreien fich die Ringeltauben, 
die Kraͤhen, die Amfeln und die Nebhühner durch Lorbeerblätter, 
die Tauben, die Turteltauben und Hühner burch ein Kraut, welches 
Helxine +7}) Heißt, die Enten, bie Gänfe und die übrigen Waller 
‚ vögel durch Gliedkraut, 79) die Kraniche und ähnliche Vögel 


*) Aconitum = doronicum pardalianches L., gemeine Gems⸗ 
wurz. 
e0) Von ihm wird weiter unten (Kap. 51) die Rebe ſeyn. 
***) Oleaster (wilder Delbaum) — elaeagnus angustifolia, ber 
- gemeine Ölivenzeibel, 
7) Mandragorae mala, Beeren des giftigen Alraun (atropa 
mandragore),. | Bi 
77T) Herba oinara. Es gibt mehrere Arten. 
110) Wahrſcheinlich eine Gitterbiftel (acarna). . 
1°) Rideritie, Wahrſcheinlich sideritis hirsuta L. _ 


‚ 








Achtes Bud. . 955 


durh Sumpfbinſen. Wenn der Rabe ein Chamäleon, das ſelbſt 
feinen Beſitzer ‚gefährlich ift, getöbtet hat, fo zerflört er den Giftſtoff 
durch Lorbeer. 

XLII xVvm. 1. Außerbem gibt es noch tauſende ſolcher Dinge; ; 
fo hat die Natur ja auch fehr vielen Thieren die Gabe, ven Himmel 
zu beobachten und Wind, Regen und Ungewitter vorauszufagen, und 
aubern wieber andere igenichaften gegeben, welche aber eben fo 
wenig hier eingeln’erörtert werben koͤnnen, als die übrigen Beziehun- 
gen, in welchen fle zu den einzelnen Menfchen fiehen. Sie verfünden 
nämlich die Gefahr vorher, nicht nur durch ihre Musfeln und Ein- 
geweide, um welche fich ein großer Theil der Sterblihen befümmert, 
fondern auch durch fonflige Anzeigen. 2. If ein Gebäude dem 
Einſtürzen nahe, fo wandern die Mäufe vorher aus und bie Spin 
nen fallen mit ihren Geweben zuerft herab. Aus dem Vogelſchauen 
bat man bei den Römern eine Kunft gemacht und das Prieſter⸗ 
Collegium genießt ver höchften Verehrung. In Thrazien bringt ber 


. Buchs, ein fonft durch feine Schlauheit gefährliches Thier, Vortheil, 


und man gebt erft dann über die zugefrorenen Flüffe und Seen, 
wenn er den Weg darüber Hin und zurück gemacht hat. Man beobs 
achtete, daß er fein Ohr an dag Eis legte, um bie Stärke der Cis⸗ 
decke zu erforfchen. 

XLIM exxıx). uch Hat man nicht minder merfwürbige Bei⸗ 
jpiele von Unheil, welches fogar ganz verächtliche Thiere verurfacht 
haben. M. Varro erzählt, daß eine Stadt in Spanien durch Kanin⸗ 
chen, eine andere in Theffalien von Maulwürfen untergraben‘, daß in 
Gallien eine Gemeinde von Fröfchen und eine andere in Afrika von 
Heuſchrecken verfcheucht, daß die Bevoͤllerung der Inſel Gyarus 
[Sura], einge der Cycladen, von Maͤuſen vertrieben und Amyelä 
[Terre di ©. Anaftaflo] in Italien von Schlangen zerftört worben 


956 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſey. Dieſſeits der eynamolgiſchen Aethioper ) dehnt ſich weit und 
breit eine oͤde Gegend aus, deren Bewohner durch Scorpione und 
Solipugen **) vernichtet wurden und die Mhätienfer ***) mußten nor 
Afleln 3) die Flucht ergreifen. — Doch kehren wir jetzt wieder zu 
den übrigen Thieren zurück. | 
XLIV axs). 1. Daß die Hyaͤnen beiderlei Geſchlechts feyen, 
‚abwechfelnd in einem Jahre Männchen, im andern Weibihen wer⸗ 
den, ++) glaubt nur ber große Haufen, Ariftoteles +17) aber fielli es 
in Abrede. Der Hals fammt der Mähne läuft mit dem Rückgrade im 
einem Stüde fort und kann fich nicht anders, als durch Umbrehung 
des ganzen Körperd wenden. 1”) Außerdem erzählt man noch viel 
Wunderbares 7**) von der Hyäne, befonbers aber, daß ſie zwifchen 
den Ställen der Hirten die menfchliche Stimme nachmache, ben Na⸗ 
men eines ober des andern lerne, und den vor bie Thüre Gelodten 
zerreiße; 2. ſodann, daß fle das Erbrechen des Menſchen nachahme, 
am bie Hunde berbeizuziehen und dann über fie hergufallen, daß nur 





*) Vergl. B. VL Kav. 35. 
»2) Gehören die Solipugen nicht zu den fabelhaften Thieren der 
j Alten, wie man faſt annehmen möchte, fo find fie vielleicht 
eine Art Heuſchrecken, welche, bie Saaten zerftörten und da⸗ 
durch die Landesbewohner zur Auswanderung zwangen. - 
») Vergl. B. V, Kap. 33. 
+) Scolopendrae, Bandaſſeln, Hundertfüße. 
71) Der Drüfenfad am Hinterleibe der Hyäne kann fehr leicht zu 
biefem Glauben Beranlaffung gegeben haben. 
it?) De generat. animal. III, 6. Hist. animal. VI, 32. 

1”) Diefer Irrtum mag in der dichten Muskelmaſſe des. Halfes 
der Hyäne, wodurch er ein etwas ſteifes Anfehen erhält, feinen 
Grund haben. 

Mas aber mit Ausnahme deſſen, was von dem Ausſcharren 
ber Leichen gejagt wird, unwahr if. ' 








Achtes Buch. ir 


allein dieſes Thier die Gräber aufwühle, um nach Leichen zu fuchen, 
baf dad Weibchen- felten gefangen werbe, daß in den Augen ber 
Hyäne die Karben auf taufenberlei Weiſe wechfeln und fpielen, ferner, 
daß die Hunde fehon durch die Berührung ihres Schattens verſtum⸗ 
men und daß durch gewifle Zauberkünſte jebes Thier, welches fle drei⸗ 
mal gemuftert hat, auf die Stelle fefigebannt fey. 

XLV. Durch. die Begattung mit diefer Tierart gebiert bie 
Athiopifche Löwin das Crocut, welches ebenfalls die Stimme bes 
Menfchen und des Viehs nachahmt. Es hat feſtſtehende Augen, anf 
beiden Geiten des Mundes Fein Zahnfleifch,, fondern einen fort- 
laufenden Zahnknochen, welcher , damit er nicht durch den Gegenſtoß 
abgeftumpft werbe, in eine Art Kapfel eingefchloffen if. — Daß 
auch das Mantichora in Aethiopien die menfchliche Stimme nach⸗ 
ahme, erzählt Saba. *) 

XLVI. Die meiften Hyänen gibt es in Afrika, welches auch 
eine Menge wilder Ejel**) hervorbringt. Bei dieſer Thierart ges 
bieten einzelne Männchen über ganze Heerden von Weibchen; fie 
fürchten die Rebenbuhler in ihrer Luft, bewachen deßhalb die Traͤch⸗ 
tigen und. entmannen durch einen Biß die männlichen Sungen. Die 
Trächligen begeben ſich dagegen in Schlupfwinfel, fuchen heimlich 
zu gebären und freuen ſich des Zumwachfes für ihre Kufl. ***) 


*) Ueber die fobelhaften Thiere Grocuta und Mantichora, von 
welchen weiter oben (Kap. 21 und 30) anderer Unfinn erzählt 
wurbe, ift feine. weitere Bemerkung nöthig; es müßte denn bie 

feyn, daß Plinius biefen aus verſchiedenen Echriftftellern ohne 
Prüfung genommenen Unflun an wehreren Stellen mit Mo- 
Diffetionen vorbringt und ſich dadurch ſelbſt widerſpricht. 
**) Asinus silvestris = Onager. 
+) Meil naͤmlich auf dieſe Beife mehr zur Befriedigung ihrer 


958 C. Plinius Naturgeſchichte. 


XLVII. Dieſelben Theile reißen ſich die pontiſchen Biber *) 
bei draͤngender Gefahr ſelbſt ab, denn fle wiſſen, daß fie deßhalb ver⸗ 
folgt werden. Die Aerzte nennen es Bibergeil. Uebrigens hat das 
Thier ein ſchrecklich ſcharfes Gebiß, faͤllt damit, wie mit einem eiſer⸗ 
nen Werkzeuge, die Bäume an ven Flüſſen und läßt ein Glied des 
Menſchen, wenn es daſſelbe einmal gefaßt hat, nicht cher ans ven 
Zähnen, ale bis die zerbrochenen Knochen frachen. Es hat einen Fiſch⸗ 
ſchwanz und im übrigen die Geftalt ber Fiſchotter.“) Beide find 
Waflertbiere und beide haben ein Haar, das weicher ift als Flaum. 

ILVII xxx. uch die Brombeerfröten, ***) welche auf dem 
Lande fowohl als im Waſſer leben, tragen fehr viele Heilmittel in 
fih, fie follen dieſe täglich von fich geben und durch ihre Nahrung 
wieber erfeßen, das Gift aber ſtets bei ſich behalten. 

XLIX. Das Meerfalb, +) welches ſich ebenfalls im Meere 


Luft tangliche Männchen aufwachfen. — Der Inhalt diefes 
Kapitels if übrigens mit Ausnahme der Entmannung wahr. 
*) Fiber = Castor fiber, der gemeine Biber. Daß der Biber, 
wenn er verfolgt werde, fich die Befchlechtstheile abbeige, um 
dem Jäger dad Bibergeil (Castoreum) zurückzulaſſen, ift eine 
Zabel. Wohl aber mag fich dieſes Thier öfter von biefer 
ihm läftig werdenden Subſtanz, die ſich in einem an der Bor: 
baut Hängenden Beutel befindet, durch Reiben an Steinen und 
Baumſtämmen befreien, wodurch ed Veranlafiung zu ber lang⸗ 
geglaubten Babel gab. Was übrigens fonft bier von -bem 

Biber gefagt wird, ift Wahrheit. “ 

**) Lutra == mustela lutra, gemeine Fiſchotter. 
*%) Rana rubeta, Regen: ober Brombeerkroͤte, Teine eigene Gat⸗ 
fung, wofür man fle hielt, fondern nichts anders, als eine junge 

gemeine Kröte. 

7) Vitulus marinus — Phoca monachus, Moͤnchsrobbe, welche 
allein ſich im Mittelmeer aufhält und ben Griechen und Roͤmern 


‘ 





Achtes Buch. 959 


and auf dem Lande aufhält, hat eine ähnliche Lebensweiſe und gleicht 
auch durch feinen Naturtrieb dem Biber. Es bricht feine Galle, 
welche zu vielen Arzneien dienlich iſt, und ein Lab, welches gegen die 
Fallſucht Hilft, aus, weil es weiß, daß es deßhalb verfolgt wirh. 
Theophraft”) erzählt, daß auch die Sterngäder **) ihren alten Balg 
abſtreifen und ihn fogleich verfchfingen, um und dadurch ein Heil 
mittel gegen die Fallſucht zu entziehen, ferner , daß der Biß derſelben 
in Griechenland töbtlich, in Sizilien aber unſchaͤdlich fey. 

L xxxm. 4. Auch die Hirfche find nicht frei von Neid, ***) 
obſchon dieſes Thier das fanftefte von allen if. Werben fie. von 


Hunden bebrängt,, fo nehmen fle fretwillig zu den Menfchen ihre Zu- . 


flucht; ebenfo vermeiden ſie, wenn fle werfen, weniger die von Mens 
fchen betretenen Wege , als abgelegene, von wilden Thieren befuchte 
Orte. 7) Sie begatten ſich nach dem Aufgange des Arctur, T}) 
tragen acht / Monate und werfen zuweilen auch zwei Junge. Die 
Hindinnen trennen ſich, fobalb fie trächtig geworden find, von ben 





‘am beften befannt war. Was in diefem und den folgenden ' 


- Kapiteln von den Heilmitteln der Kröte, des Meerkalbs und 
anderer Thiere gefagg wird, ift alter Aberglaube. 
*) In der noch vorhandenen Schrift „Bon bem angeblichen Neide 
der Thiere“ ; vergleiche die Einleitung zu diefem Buche. 
) Stellio = Laoerta mauritanion Tarantola, Gecko, gemeiner 


Sterngaͤcker. Dieſes harmloſe Thier iſt uͤbrigens nirgends 


giftig 
Beil fle nämlich, wie weiter. unten gefagt wirb, das rechte 
Geweih, welches nad dem alten Aberglauben das Fieber 
heilt, verfcharren, was übrigens eine Fabel if. 
7) Eine durchaus falſche Meinung. 
+44) Der Arctur geht nach Plinius og. XVIII. Ray. 74) ungefähr 
a Tage vor der Herbftiaguntmachigleiche (23. Sept.) auf. 


4 


0 E. Plinius Naturgeſchichte. 


Männchen; verlaffen toben dieſe in wüthender Luft und wühlen 
Gruben ; ihre Schraube wirb alsdann ſchwarz, bis Regen fie wieber 
abwaͤſcht. ) 2. Die Hindinnen reinigen ſich, bevor fle werfen, mit 
einem gewifien Kraute, welches Sefel**) heißt, weil ihnen dadurch 
die Geburt erleichtert wird, Nach der Geburt freffen fle zwei andere 
Kräuter, Zehrwurz ***) und Sefel genannt, und Tehren danng zu 
ihrer Brut zurüd; mit diefen Kräutern wollen fie ans irgend einer 
Urſache die erſten Milchfäfte fchwängern. Die Jungen üben fie 
alsbald im Laufe und Ichren fie, ſich zur Flucht anſchicken, führen fle 
an Abgründe und zeigen ihnen den Sprung. Sind die Männden 
yon der Brunſt frei, fo gehen fle gierig dem Geäfe nach; fühlen fle 
ſich zu fett, fo fuchen ſie Schlupfiwinfel auf und geben dadurch zu er- 
Fennen, daß ihnen bie Beleibtheit laͤſtig ſey. 3. Uebrigens ruhen fle 
auch oft auf der Flucht aus und ſchauen ftilfiehend zurüc; Tommi 


*) Die Färbung der Schnauge ift Folge der innern Gluth und 
verliert fich ſobald die Brunftzeit vorüber iſt und der Hirſch 
wieder dem Geaͤſe nachgeht. . 

**) Seselis — Seseli tortuosum L., Büfchelblättriger Sefel, ver: 
drehter Berafenchel (vergl. B. X2y Kap. 18). Man gebraucht 
ibn jept noch zur Beförderung ver Berbauung und der Geburt. 
— Daß fich übrigens die Hindinnen vor und nad) dem Werfen 
mit Kräutern reinigen, ift eine alte Fabel. 

***) Aros — Arum maculatum, gemeine Zehrwurz, Aronsflab, 
Magenwurz. — „Wenn die Hindin, fagt Krifoteles (Hist. 
animal. IX, 6) geworfen hat, frißt fle zuerft die Nachgeburt 
(xde10r), dann fucht fie Seffel und frißt davon, worauf fie zu 
ihrer Brut zurüdfehrt.“ Plinius, behaupten manche Erflärer, 
babe offenbar dieſe Stelle vor Mugen gehabt, fle aber miß- 
verfianden und das Wort "yogıov für einen Pflanzennamen 
genommen. . 








) 


Achtes Bud. * 861 


man ihnen aber nahe, ſo ſuchen ſie ihr Heil wieder in der Flucht. 
Die Urſache des Stillſtehens iſt ein Schmerz im Eingeweide, welches 
ſo ſchwach iſt, daß es ſchon durch einen leichten Stoß inwendig zer⸗ 
reißt.“) Sie entfliehen, wenn ſie Hundegebell hören, ſtets mit dem 
Winde, damit mit ihnen auch die Spur verſchwinde. Durch Schal⸗ 
meyenton und Geſang werben ſie Firte; recken ſie die Ohren, ſo haben 
fie das feinſte Gehör, laſſen fie dieſelben aber herabhaͤngen, ſo find 
ſie taub. Im Ganzen iſt der Hirſch ein einfaͤltiges Thier, das jedes 
Ding als ein Wunder angafft, das ſogar, wenn ein Pferd oder eine 
Kuh in ſeiner Nähe ſteht, den neben ihm jagenden Menſchen nicht 
ſieht, oder wenn es ihn ſieht, auch noch Bogen und Pfeile anſtaunt. 
4. Ueber das Meer ſchwimmen die Hirſche herdenweiſe, und zwar in 
einer langen Reihe, indem jeder den Kopf auf das Hintertheil des 
vor ihm befindlichen legt und die vorberen dann abwechſelnd immer 
wieber hinten hin kommen. Man bemerkt dieſes beſonders an denen, 
weiche von Cilicien nach Cypern überſetzen.“) Sie fehen das 
Land nicht, fondern ſchwimmen dem Germche befielben nach. Die 
Männden haben Geweihe und allein von allen Thieren ***) werfen 
fie diefe jeves Jahr im Frühlinge zu einer beftimmten Zeit ab; deß⸗ 
halb fuchen fie: auch zu dieſer Frift möglichft einfame Orte, wo fle 
nach nem DVerluft ihres Geweihs gleichwie Waffenlofe flch verbergen. 
Aber auch fle gönnen uns ihr Gut nicht, denn das rechte Geweih, 


*) Eine ver vielen unbegründeten Behauptungen in der alten 
Naturgeſchichte. 
**) Bergl, Arllans Thiergeſchichte, B. V, Kap. 56. 
eee) Verfrunde bier Plinius die so Battung der Hirſche (vervi), 
wozu auch der Damhirfſch, das Rennthier u. ſ. w. gehören, fo 
Hätte ex wohl Recht, ba er aber ı nur ben eigentlähen Hirſch 
(oervus elaphus) meint, fo iſt er im Rrthame. 





962 C. Plinius Naturgeſchichte. 


welches mit einer gewiſſen Heilkraft begabt iſt, ſoll man nie ſinden, 
worüber man ſich um fo mehr verwundern muß, als, fie auch in ben 
Tpiergärten jährlich ihr Geweih abwerfen; man glaubt, daß fle es 
vergraben. 5. Durch den Geruch beiver Geweihe läßt fih, wenn 
man fle anzünbet, die Fallfucht erkennen”) An ihnen tragen fle 
auch die Kennzeichen ihres Alters; indem fe jebes Jahr ein Ende 
anſetzen, bis fie ſechs Jahre alt find. **) Bon diefer Zeit an ers 
neuern fle fich in gleicher Anzahl und man kann daran das Alter nicht 
mehr wahrnehmen; ein hohes Alter verräth fich aber au den Zähnen, 
denn fle haben alsdann deren nur wenige oder gar keine, auch fehlen 
ihnen an bem unteren Geweihe die Zinfen, welche gewöhnlich den jünge- 
ren an ber Stirne hervorragen. Berfchnittenen fallen die Geweihe nicht 
ab, es wachfen ihnen aber auch Feine foldhe. *"*) 6. Wenn biefe 
übrigens aus den frifch entſtehenden Beulen hervorbrechen, fo gleichen 
fie zuerſt duͤrrer Haut, und wachfen dann zu zarten Kolben heran, 
die gleich Rohrrifpen mit einer weichen Wolle bekleidet ſind. So 
lange ihnen biefe fehlen, gehen fie nur des Nachts dem Geaͤſe nach, 
während des Wachſens härten fle diefelben an der Sonnenhige und 


2) Daß fie alten Nachrichten über das Bemühen bes Hirfches, 
fein rechtes Geweih zu verbergen, fo wie über die beiden Ges 
weihen einwohnenden Kräfte aller Wahrheit entbehren, bebarf 
wohl faum einer Bemerkung, 

»N Erſt nach ben achten Jahre feßt der Hirfch Feine Enden mehr 
an. Nach dem erften Jahre fproflen ihm blos einfache Spieße 
hervor, nach dem zweiten die erflen Enden (Gabel), dann 
fommen nach jedem Jahre gewöhnlich zwei neue Enden Hinzu, 

. bis zum achten Jahre, in welchem die Zahl unbeſtimmt wird. 

ID. 5., wird der Hirſch verfchuiften, wenn er ſchon ein Geweih 
bat, fo verliert er dieſes nicht, fehlt ihm aber noch das Ge⸗ 
weih, fo bekommt er auch feines, 


‘ 


Achtes Bud. 963 


prüfen fie zuweilen an den Bäumen; dunkt ihnen ihre Stärke hin⸗ 
reichend, fo fommen fle wieder aus ihrem Verſtecke hervor. Men 
hat deren fchon gefangen, welchen Epheu an dem Geweih blühte, 
der, fo lange ed noch weich war, durch das Reiben an den Bäumen 
beim Verſuchen, tn demfelben, wie in Holz, Wurzel gefchlagen hatte.) 
7. 88 finden ſich manchmal auch weiße Hirfche; biefe Farbe fol auch. 
vie Hinbiun bed Q. Sertorius gehabt haben, welche diefer Bei den 
Volkern Spaniens für eine Wahrfagerin ausgab.“) Auch diefe 
Thiere leben im Streite mit den Schlangen; fie fpüren bie Löcher 
verſelben auf und ziehen ſie, ſo ſehr ſie auch widerſtreben, durch das 
Schnuͤffeln ihrer Naſe heraus. Deßhalb iſt auch der Geruch von 
gebranntem Hirſchhorn ganz beſonders gut zur Vertreibung der 
Schlangen; gegen den Biß derſelben aber iſt ein Haupimittel, das 
Lab eines im Mutterleibe getöbteten Hirſchkalbes.“) Die Hirſche 
haben⸗ anerkannt ein langes Leben, wie denn hundert Jahre fpäter 
deren einige mit goldenen Halsketten gefangen wurden, die ihnen 
Alexander der Große angelegt, und die bereits, da ſich unterdeſſen 
viel Fett angefebt hatte, von der Haut bedeckt waren. }) 8. Diefes 


.?) Dürfte ſchwer zu beweiſen fenn. 
*9) Er full fle von einem Lufitanier (Portugiefen) erhalten haben, 
berebete aber die Spanier, fle ſey ihm von den Göttern zus 
geſchickt worden und theile ihm durch Eingebung der Diane, 
welher ber Hirfch heilig war, die Zufunft und Was er und die 
Spanier thun follten, mit. Bergl. Aul. Gallius, XV, 22. 
Valer. Maximus, I, 3. 
) Alte Fabeln, bie feiner Widerlegung bedürfen. 
+) Das lange Leben des Hirfcheg ift eine auf unrichtigen Vor⸗ 
ausſetzungen beruhende Annahme, bie ſchon Arifioteles (Hist: 
Sa. h 8) bezweifelte.. Das Thier wird hochnens vierzig 
ahre a 


— 


964 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Thier bleibt von Fieberkrankheiten verſchont, ja es heilt ſogar bie 
Furcht vor denſelben; wenigſtens wiſſen wir, daß einige vornehme 
Frauen, welche täglich des Morgens Hirſchfleiſch zu eſſen gewohnt 
waren, während ihres langen Lebens nie vom Fieber befallen wurben ; 
doch foll dies Mittel nur dann zuverläffig feyn, wenn ber Hieſch 
durch eine einzige Wunde getöbtet worden ifl. *) 

axxxar. Bon hleicher Geſtalt, mur durch einen Bart und Zoten 
am Vorderbuge unterſchieden, iff der fogenannte Tragelaphus (Bork- 
hirſch), welcher. nirgends als am Fluffe Phafls [Bion] einheimifih 
if. .) . f 

LI. 1. Faſt nur allein Afrika bringt feine Hitſche hervor, **) 
Dagegen hat es den Chamäleon, 7) obſchon diefer in Indien noch 
haͤufiger if. Er Hat die Geſtalt und die Größe einer Cidechſe, nur 
finb die Beine gerade und höher... Die Seiten find mit dem Baudhe 
verbunden, +}) wie Bei ven Fiſchen, und wie bei dieſen ragt ber 
Rückgrath hervor. Der Rüffel iſt im Kleinen dem eines Schweines 


*) Auch diefen Unfinn glaubt jetzt Niemand mehr. 

*) Der Tragelaphus, von Ariftoteles (Hist. animal. II, 5) Gips 
pelaphus (Pferdhirſch) genannt , ift entweder ber noch in Ben 
galen einheimifche Cervus hippelaphus Cuo., oder noch wahr: 
fiheinlicher der Cervas Aristotelis Cuo., weldyer noch in den 
Gebirgen des nörblichen Indiens angetroffen wirb und recht 
wohl von da bis zum Phafls gefommen feyn kann. Bergl. 
G. Guvier’3 Recherches sur les ossemens fossiles, Paris. 
1835. 8. Tom. VI, p. 77—85. 

9 Afrika hat wirklich den eigentlichen Hirfch nicht, Die Berberei 
aber den Damhirſch. Wenn Reifeberichte über Afrika von 
Hirſchen veben, jo Hat man barımter Gazellen zu verſtehen. 

„D Lacerta chamaeleo ; Rolleidechſe. 

D. 5, feine Rippen bilden ganze Zirkel. 
’ . 0 


1 ⸗ 








nicht maͤhnlich, der Schwanz ſehr groß, dünn auslaufend und widelt 
ſich wie bei den Schlangen in Kreiſe zufammen. Gr hat einwaͤrts 
gebogene Krallen, einen Irägen Gang, wie bie. Schildktote, und 
einen. rauhen Körper, wie ber Krokodil. Die Augen liegen in einer 
hohlen Bertiefung, nur wenig von einander, find fehr groß und haben 
mit dem Körper gleiche Farbe. Er fchließt fle nie und kann nicht 
durch die Bewegung des Augenſterns allein, fonbern nur durch das 
Drehen des ganzen Auges umfehen.”) 2. Er trägt den Kopf hoch, 
mit fiets offener Schnauze und naͤhrt ſich allein von allen Thieren 
nicht von Speife und Tranf, fondern einzig und allein von Luft. **) 
In der Nähe wilder Feigenbäume***) if er bösartig, fonft aber 
unſchaͤdlich. Noch wunderbarer ift er durch die Gigenfchaft feiner 
Farbe, denn er wechfelt dieſe Häufig an den Augen, am Schwanze 
und am ganzen Körper und zeigt ſtets die Farbe, die er zunaͤchſt be⸗ 
rührt, +) die rothe und weiße jedoch ausgenommen. Nach feinem Tode 


*) Statt der beliebig zu hebenden und zu fenfenden Augenbrauen 
bedeckt ein koͤrniges Fell die Augen des Chamäleond und folgt 
alten Bewegungen derfelben. In dem Zelle ift eine Horizontale 
Spalte, durch welche man einen lebhaften, glänzenden und wie 
mit Gold eingefaßten Augenftern erblidt. Plinius nimmt 
hier Def dieſes Fell für bad Auge ſelbſt. Gin ſehr verzeihlicher 


29 Diele! Meinung wurbe wohl durch die ungeheuer große Lungen - 
des Ehamäleons veranlaßt. Er lebt von Infeften. 

»ee) Diefe Erklärung der Worte eirca coaprificos ift wohl die nafürs 

lichſte, obſchon bie Behauptung ſelbſt falſch if. Hardouins 

Auslegung, nad) welcher ciroa capriflcos fo viel heißen foll, 

als circa onprifiontionem (um die Jeigenreife) laͤßt ſich weder 

ſprachlich 10% natur hiſtoriſch rechtfertig en. 
+) Der Chamäleon wechſelt, wie die übrigen Eidechſen mit groben 
Lungen, die Garde, je nach feinem Bemäthöynfanke, feineds 


€. Blinins Naturgeſch. 80 Bhan. 





966 €. Plinius Naturgeſchichte. 


iſt er bleich. Nur am Kopf, an den Kinnbacken und au der Schwanz⸗ 
wurzel bat ex einiges wenige, an dem übrigen Körper aber kein 
Sleiſch.) Blut Bat er nur im Herzen, und um bie Augen") 
unter den Eingeweiden findet fich Feine Milz.) In den Winter⸗ 
monaten hält er flch verborgen, wie bie Cidechſen. 

LIE). 4. Die Farben werhfelt auch der Tarandus ber 
Scythen, +) fonf aber von ben behaarten Thieren weiter feines, als 
der Lycaon in Indien, tr) deffen Hals mit einer Maͤhne verfehen 


wegs aber nach dem Gegenſtande, welchen er berührt: Er 
nimmt nach Cuvier, welcher ihn wiederholt beobachtete, eine 
gelbe, grüne, braune und ſchwarze Färbung an, nie aber eine 
vollfommen rothe oder vollfommen weiße. 

*) Die Musfeln des Chamäleons find fehr winzig, doch bat er 
beren an allen Körpertheilen, wo fle ſich auch bei ben übrigen 
Eidechfen finden, nur find fle an den angegebenen etwas bider 
als an den übrigen. 

**) Der Chamäleon hat zwar wenig Blut, aber überall; nad 
feinem Tod fammelt es fih um dad Herz. _ — 

“e) Auch eine Milz hat der Chamäleon, ſie ift aber nicht groͤßer 
als eine Linfe und entging deßhalb der Wahrnehmung der 
‚alten Naturforfcher. _ Ä 

+) Plinius wirft bier Gigenfchaften des Rennthiers (cervus 

"  tarandus) und des Elenthieres mit alten Fabeln zufammen ; 
nimmt man aber die Größe des Ochfen und die zu vielfältige 
Sarbenänderung von der Befchreibung hinweg, jo kann man 
das Rennthier nicht verfennen. Die Färbung des Rennthiers 

iſt im Sommer braun, im Winter weiß. _ 

TI) Wahrfcheinlich der Lycaon, der Jagdleoparbe (felis jubata), 
welcher eine Art Mähne auf dem Halfe hat, fein fähler Belz 
vol ſchwarzer Tüpfeln mag zu der Sage vom Farbenwechfel 
: Beranlaflung gegeben haben. . | 








Achtes Dub. 887 
ſeyn foll; denn die Thos ) (eine Wolfart, welche Sich. jedoch durch 
einen Tärzeren Körper und kuͤrzere Beine unterſcheidet, ſchnell ſpringt, 
vonder Fagh lebt und dem Menfchen-unfchäblich iR) ändern die Bes = 
Heidung, aber nicht die Jarbe und find. im Winter behaart, im Som⸗ 
mer aber nackt. 2. Der Tarandus hat die Größe eines Ochſen; 
fein Kopf ift dem des Hirſches nicht nnaͤhnlich, aber größer, Hörner 
äftig, Klauen gefpalten,,. Haare fo groß wie beim Bären. Geine 
eigenthüntliche Farbe, wenn es ihm beliebt, biefe anzunehmen, gleicht 
der be feld. Sein Rückenfell ift fo heart, daß man Bruſtharniſche 
daraus macht. Er nimmt die Farbe aller Baͤume, Straͤuche Blumen 
und Orte an.wo er furchtſam verſteckt liegt und wird deßhalb ſelten 
gefangen. Eine fo vielfältige Veränderung des Ausſehens wäre 
fchon an dem Körper wunderbar, noch wunderbarer aber iſt es, wenn 
dieſes auch mit dem Haare der Fall iſt. 

LIII xxxv. Stacheiſchweine bringt Indien und aAfrika her⸗ 
vor; ſie find mit Stacheln bedeckt und gehören zum Geſchlecht der 
Igel; die Stachelichtweine haben jedoch längere Stacheln und können 
diefe, wenn fle die Haut anfpannen, losſchießen. Es durchbohrt 
damit die Schnauze ber es bebrängenden Hunde. und fihlenbert fie 
auch noch etwas weiter. **) In den Wintermonaten verbirgt es ſich; 
welche Bigenfchaft viele Thiere haben, vor allen aber bie Bären. 


*) Der Thos kann wohl Fein auderes Thier feyn, als der Schafal 
(anis aureus), auf welchen die Befchreibung am Beften paßt. 

* Das Stachelſchwein (hystrix cristata) ſtraͤubt, wenn es ver⸗ 
folgt wird, ſeine Stacheln, welche es aber nicht Yon fich ſchießen 
kann; da ſie ihm übrigens leicht ausfallen und oft in der Haut 

der angreifenben Hunde ſtecken bleiben, jo kann man ſich dieſe 
Meinung der Alten leich erklären. 


J 





968 C. Plinius Naturgefhihte. 


IAV axxım. 1. Die Begattung der letzteren geſchieht zu Ans 
fang bed Winters, jedoch nicht auf die gewöhnliche Weile der vier 
füßigen Thiere, ſondern indem beide Liegen und ſich umfaßt Kalten. 
Sie leben darauf getrennt in befonderen Höhlen, worin fle am 
breißigfien Tage hoͤchſtens fünf Junge werfen.) Diefe find ein 
weißer unförmlicher Fleiſchklumpen, etwas größer als eine Mans, 
ohne Augen und Haar, an ber nur die Klauen hervorragen und bie 
fie allmälig durch Lecken geftalten.**) 2. Nichts iR feltener, als 
eine Bärin werfen zu fehen. **) Die Männchen bleiben nämlich 
vierzig Tage, die Weibchen aber vier Monate verborgen. Wenn ſie 
feine Höhle finden, fo erbauen ſie fi folche aus aufgefchichteten 
Heften unb Sträuchen fo gut, daß der Regen nicht durchdringen fan, 
und befireuen fie mit weichem Laub. In den erften zweimal fleben 
Tagen liegen fle in einem fo feflen Schlafe, daß fie nicht einmal 
durch Verwundung geweckt werben können. Während biefes langen 
Schlafes werben fie erſtaunlich fett, dieſes Fett ift zu Arzneien brauch⸗ 
bar und wirkfam gegen das Ausfallen der Hagre. +) Nach biefen 





*) Die Bären paaren ſich im Juni gerade fo, wie andere Thiere 
und werfen nach 7 Monaten 1 bis 3 Junge. Uebrigens fommt 
in dieſem Abfchnitt über die Bären (ursas arctos) auch Mans 
ches vor, was früher bezweifelt, von Naturforfchern ver neue⸗ 
ften Seit aber volllommen richtig befunden wurde, wie aus den 
folgenden Bemerkungen zu erfehen if. 

*) Die jungen Bären find bei der Geburt nur acht Sof lang, 
ua, ber vollkändig ausgebildet. 
*) Da bie Bärin während bes Winters, wo fie verborgen If, 
wirft, fo iſt dieſe Behauptung fehr wahr; nur in Menagerien 
. man fie biö jet werfen fehen. 
1) Berg. weiter unten 8. XXVIiI, Rap. 46. Noch Beutzuiage 


ird in Paris Pomade aus Bärenfett feilgeboten. 








Achtes Bud. 969 


Kagıs ſthen fie und leben vom Sangen an ven Borberisgen.*) Die 
frierenden Jungen erwärmen fie durch Andrücken an ihre Bruft und 
brüten fle gerade fo, wie die Bögel ihre Bier. 3. Theophraſt glaubt, 
was gewiß wunderbar iR, daß um dieſe Zeit fogar gekochtes Bärens 
Heifch , das man aufbewahre, wachſe, **) daß man dann feine Ans 
zeichen von Speife und nur aͤußerſt wenig Feuchtigkeit im Magen . 
Funde und nur wenige Tropfen Blut um das Herz, in dem übrigen 
Körper aber feines antreffe. Im Frühjahre kommen fle wieder zum 
Vorſchein, die Männchen aber aͤußerſt fett, wofür fich feine Urſache 
angeben läßt, da.fie ſich nicht einmal während des Schlafes, der, wie 
gelagt, ‚nur vierzehn Tage bauert, mäften koöͤnnen. Wenn fie bie 
‚Höhle verlaffen ‚ fo freflen fle, um ihre zufammengezogenen Einge⸗ 
weide zu erweitern, ein Kraut, welches Aron ***) heißt, und finmpfen 
zuerſt ihre Sahufpipen an jungen Baumſtaͤmmen ab. 4. Ihre 


» °) Die Bären fangen Ziruich ſehr hänfig an ben Borbertaßen, 
aber fie leben nicht davon 

e) Der Glaube Fheophraf, wenn Plinius dieſen witklich richtig 
verſtanden hat (vergl. die Ueberſicht der in dieſem Buche be⸗ 
nützten Schriftſteller), bedarf wohl keiner Widerlegung; richtig 
iſt —— daß der Magen des Baͤren am Ende ſeines Winter⸗ 
ſchlafes leer iſt. 

***) Arum, Zehrwurz. Vergl. B. XXIV, Ray. 92. 

3). IH folge Hier nicht der gewöhnlichen Interpretation, die mir 
gegen den Sinn der einzelnen Worte zu ſtreiten ſcheint. Wenn 
man lange nichts gegeſſen hat, ſo ſcheinen die Zaͤhne eher 
laͤnger und ſpitzer zu ſeyn, als ſtumpf und an ein Schaͤrfen iſt 

alſo nicht zu denken. — Der Glaube, daß die Büren ihre 
. Zähne abflumpfen, mag übrigens darin feinen Grund haben, 
dag dieſe Thiere bei der ‚erfien fehmerzuollen Entledigung des 
Unraths im Srühjahre ſich an bie Bäume Hammern, and man 
daher viele eberfelben zerkratzt findet, 


970 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Augen werben leicht bloͤde, ans welcher Urſache hauptfaͤchlich fie auch 
bie Honigwaben auffuchen, damit ſie von ven Bienen an der Schzanze 
verwundet unb durch die Blutentleerung von jener Beichwerbe befreit 
werben. *) Das Schmwächfte am Bären iſt ber Kopf, was am Löwen 
daB Staͤrkſte iR; fie bedecken ihn daher, wenn fie fich bei draͤngender 
Gefahr von einem Felfen heradflürzen wollen, im allen mit ben 
Tagen; und oft flürzen fie auf dem Kampfplatz durch einen einzigen 
Sauftfchlag tobt nieder. In Spanien glaubt man, ihr Gehirn ent 
Halte Giftſtoff und verbrennt die Köpfe der bei den Kampfipielen ges 
töbteten, in der feſten Ueberzengung, daß ein daraus bereiteter Tranf 
die Baͤrenwuth verurfache. **) . Sie gehen auch auf zwei Füßen une 
flettern rüdllings die Bäume. herab, ***) "Den Stieren Gängen fie 
fih mit allen Vieren an Maul und Hörner und überwältigen fie fo 
durch Ihe Gewicht; wie denn fein anbexes Thier In feiner Dummheit 
zur Schadenzufügung geichiekter if. — In den Annalen if aw 
gemerkt, daß unter dem Konfulate des M. Pifo und des M. Meffala 
461 vor Chr.] am vierzehnten Tage vor ‚den Kalenden des Oklobers 
[18. September] der curuliſche Aedil Domitius Ahenobarbus Hundert 
mmidiſche Bären und ebenfo viele äthiopifche Jäger in ben Cireus 
gebracht habe. Ich wunbere mich über den Zuſatz „numibifche”, ba 
es doch feſtſteht, daß der Bär in Afrika nicht einheimifch IR. +) 

*) Die Bären leiden nach Cuviers Beobachtung wirklich Häxfig 
an Angentranfheiten und werben nicht felten Blind; daß fle 
aber zur Abhülfe diefes Uebels den Bienenſtöͤcken nachgehen, 

iſt eine grundlofe Behauptung. 

*®) Gine lächerliche Fabel, 
**) Gine auch von neueren Naturforfcehern gemachte Beobachtung. 

1) Man bat bis auf die nenefte Zeit noch feine Gewißheit, ob es 

. in Afrifa Bären gibt, oder nicht. Vielleicht ift hier der Dabuh 
Oder Dubbah (Gyäne), der an Größe und Geſtalt am meiſten 
em Wolf gleicht, gemeint. : 


\ 








ag Bug, E 971 


. .LVaxivım... Im Winter verbergen ſich auch bie yontifchen 

Mänfe; diefe find nämlich weiß; woher aber die Schriftfleller wiflen, 
ba fle den feinſtſchmeckenden Ganmen haben, beareife ich nicht. *) 
Auch die Alpenmaͤuſe, welche die Groͤße des Dachies haben , verber: 
gen ſich, jeboch erſt, nachdem fie Futter in ihre Höhle gebracht haben, 
und zwar, wie man erzählt, indem ſich Mäunchen und Weibchen 
eines um das andere, auf dem Rüden liegend unb einen Büſchel 
Gras über fi feftyaltend, mit den Zähnen am Schwanze faflen und 
wechfelfeitig nach der Höhle ziehen laflen, weßhalb auch zu jener Zeit 
ihr Rüden abgerieben fey. **) — Huch in Heäypten gibt es gleiche 
Mänfe; fle ſitzen ebenfalls auf den Hinterbaden, geben auf zwei 
Füßen and gebrauchen die vorderen wie Hände. ***) - 

LVI 4. Auch die. Igel fehaffen ſich für den Winter Futter 


herbei; fe wälzen ſich auf ven abgefallenen Baumfrüchten , fpießen - 


fie mit ihren Stacheln auf, +) nehmen dann noch eine in ihre 
Schnauze und tragen fie in hohle Bäume. Wenn fie ſich in ihr. 
Bager verbergen, zeigen fle dadurch bas Umfpringen des Windes aus 





Die pontiſche Dans iſt obn⸗ Zweifel das gemeine Zieſel (aroto- 
mys oitellus), welches in Rußland Susht heißt. Sein Pelz 


iſt übrigens nicht ducchauaveiß , fondern braun, mit weißen _ 


Dupfen und Streifen. 

») Mus alpinus Plin. — arotomys alpine, „gemeine Murmel⸗ 
thier, Harmotte. Es hat aber weder die Größe des Dachſes, 
noch trägt es das Futter auf die angegebene Weile in feine 


öhle 
) —— meint bie aͤgyptiſche Springmaus (dipus aegyptius), 


Jerboa. 
) Buffon en Art und Beil, die Lebensmittel einzuſam⸗ 


melnu, in 


” 


972 C. Plinius Naturgeſchichte 


Norden nach Süben au, *) Merken ſie aber einen Jäger, ſo ziehen 

fie Kopf, Züße und ben ganzen untern Theil, der nur mit eimer 

dünnen und unfchäblichen Wolle verfehen if, ein und vollen ſich im 

Geſtalt eines Balls zufammen, fo daß man nicht als Stacheln jaflen 

fann. 2. In der Verzweiflung laffen fie auch einen beizenden Hcrn, 

der ihr Fell und ihre Stacheln, weßhalb fie, wie fle wohl willen, ges 
fangen werben, verdirbt. -Die Kunft beſteht demnach darin, fie erfi 
dann zu jagen, wenn fie vorher den Harn ausgeleert Haben. Nur fo 
ift fein Zell von vorzüglichem Werthe, fonft aber verborben un) uns 
haltbar, mit faulenden und ausfallenden Stacheln,, ſelbit wen ex, 
durch bie Flucht gerettet, fortlebt; darum übergießt ex ſich aur, wem 
alle Hoffnung dahin ift, mit biefer fepäblichen Jauche, deun er verab⸗ 
ſcheut felbft fein eigenes Gift und erwartet aus Schonung für ſich 

fo lange deu entjcheidenden Augenblick, daß er gewöhnlich vorher m 

Befangenfchaft geräth. 3. Der in einen Knaͤuel zufanınengerolite Igel 

öffnet ſich durch Anfprengen von heißem Waſſer; **) darauf nimmi 

man ihn an einem ber Hinterfüße, hängt ihn auf und luaͤßt ihn Hau⸗ 
gers flerben; anders Tann man ihn, wenn man fein Kell ſchonen 

will, nicht tüdten. Das Thier ift nicht, wie wir meift glauben, im 

menfchlichen Leben überflüfflg, wären jene Siacheln nicht, fo wäre 

bie weiche Wolle der Schafe. dem Menfchen vergebens gefchenkt, 
denn mit diefem elle bürſtet man Me Kleider. **) Der Betrug Hat 

) Newere Naturforfcher haben diefe Beobachtung nicht gemacht. 

: *°) Nach Buffon iſt e8 gleichgültig, ob man ihn in heißes ober 
faltes Wafler wirft. 

.*. Ich kann ber Meinung Buffons und Anderer, daß die Alten 
ſich der Igelfelle zum Karben der Wolle bebienten, wozn wir 
jebt die Karbeudiftel (diepacus fullonum) anwenden, wicht 
theilen, denn Plinius fpricht von ber verarbeiteten Wale, von 








Achtes Bub. 973 


auch hierin durch den Alleinhandel einen großen Gewinn gefunben ; 
über keinen Gegenfland liegen häuflgere Senatsbeſchlüſſe vor und 
fein Kaiſer blieb mit Klagen barüber aus den Provinzen unbeflürmt. 
LVI axıvım. 1. Auch der Harn zweier andern Thiere bat 
eine wunderbare Beſchaffenheit. Lowentoͤdter heißt, wie ich Höre, 
ein Heines Thier, welches fonft nirgends vorkommt, als wo auch der 
Löwe einheimifch if; es hat eine ſolche Wirkung, baß auch ber Bes 
herrfcher ber-übrigen Vierfüßer, wenn er davon genießt, fogleich 
Rechen muß. Die „welche auf den Löwen Jagd machen, roͤſten deß⸗ 
yalb das Wleifch jenes Thieres, befireuen damit anderes Yleifch und 
öbten ihn fo noch durch bie Aſche; fo fchäblich iſt ihm biefes Gift, 
dicht mit Unrecht verabfcheut der Löwe biefed Thier und zermalmt 
nd töbtet ed, wo ed ihm zu Geſicht kommt, jedoch ohne es zu beißen, 
nes dagegen ſpritzt ſeinen Harn aus, weil es weiß, daß dieſer auch 
m Löwen ben Tod bringt. *) 
2. Der Harn, welchen bie Luchfe**) da, wo fie einheimifch find, 
fen, gefriert ober verhärtet zu Cdelſteinen, welche dem Carfunkel“ ) 
alich find, einen fenerfarbenen Glanz haben und Luchsſtein (Lyn⸗ 





Kleidern. Die Kleider der Reichen beſtanden aus Tüchern 
mit fangen Haaren (vestes pexae), welche gekaͤmmt und glatt 
gebürftet wurben (Martial. II, 58. VII, 45/-Horat. Epist. I, 
. 95. Seneon de vit. beat. o, 25). Zu biefem Zivede nun 
—8 wohl die Igelfelle gebraucht. 
Daß der Löwentödter (loontophonus) und alles von ihm 
®efagte Sirugefpinnfte find, braucht wohl kaum bemerkt gu 
werden. 
Felis Iynx. Auch das über den Luchs hier Mitgetheilte iſt 
eine abgeſchmatkte Fabel. 
Vergl. B. XXXVIL un 25. 


974 €. Blinius Naturgeſchichte. 


curium) ) genannt werben; weßhalb auch die Neiſten vorgeben, ver 
Bernftein entſtehe auf diefelbe Weiſe.““) Die Luchſe Tonnen um 
wiſſen dieß und bedecken deßhalb neibifch ihren Harn nit Erbe, wo⸗ 
durch er aber nur um ſo ſchneller verhaͤrtet. 

LVIII. Eine andere Lift brauchen in der Augſt bie Dachſe, ) 
inbem fle durch die Ausbehnung ihrer aufgeblähten Haut die Schläge 
ber Menfchen und die Biſſe der Hunde abwehren. — Auch die Eichhoͤrn⸗ 
then +) fehen das Unwetter voraus; fle ftopfen ihre Höhle auf ber 
Seite, woher ver Wind wehen wird, zu und machen auf der andern 
das Loch auf; übrigens dient ihnen ihr langhaariger Schwanz als 
Decke. — Binige Thiere alfo fehen fih für den Winter mit Futter 
‚ bor, aubern dient der Schlaf ſtati Nahrung. 

LIX. 1. Bon den Schlangen follen fi allein bie Vipera +f) 
in dje Erde verbergen, bie übrigen aber i in Baum⸗ und Felſenloͤchern. 
nebrigens kounen fle fogar einen jahrelangen Hunger überbauern, 
wenn nur bie Kälte hinwegbleibt. Alte find zu der Zeit, während 
fle in der Berborgenheit ſchlafen, giftlos. 

2. Auf gleiche Weiſe fchlafen auch die Schnecken und ſogar auch 
noch einmal im Sommer, indem ſie meiſt an Steinen haͤngen und 
ſelbſt, wenn man ſie mit Gewalt zurückbeugt und losreißt, nicht her⸗ 
auskommen. Auf den baleariſchen Infeln kriechen die fogenaunten 
Hößlenfäneiten nicht aus den Erdhoͤhlen heraus, leben auch nicht 


*) Bergl. B. XXXVII, Ray. 11. 
*) Ueber den Bernftein vergl. B. XXXVIL, PR 11. 
) Meles — meles taxus. Die hier dem Dadıfe und bem @ich- 
hoͤrnchen beigelegten Eigenſchaften find alte Babeln. 
T) Selurus — seiuras vulgaris. 
TI) Man hält die gemeine Biye (rigera red#i) für bie ben Alten 
a meiften belaunte. 








\ 


Adhtes Buch. 878. 


vom Gus, ſondern Hängen tranbenattig an einander. 6 gibt auch 
eine andere minber gewöhnliche Art, vie ſich mit einem an ihrer 
Ohaale befindlichen Deckel einfchließen ; *) fle ſiecken flets in ber 
Erbe und wurden früher nur in der Gegend der Seealpen ausges 
graben ; jeht fängt man auch au, deren im Beliternifchen Velletriſchen] 
zu Tag zu fördern ; die Gepriefenften von allen gibt es aber auf der 
Infel Aſtypalaͤa [Stampalia]. 

LX. Die Eidechfen, das ven Schneden feindfeligfte Gefchlecht, 
ſollen ihr Leben nicht über ein halbes Jahre bringen. Die Eidechfen 
Krabiens find eine Elle lang ;**) auf dem Berge Nyfa ***) in Indien 
ıber erreichen fie eine Länge von vierundzwanzig Fuß +) und Haben 
ine gelbe, roͤthliche oder blaͤnliche Farbe. | 

LXI ıxı,. 41. Auch von denjenigen Thieren, welche mit une 
eben, find viele werth, näher gefannt zu werben, befonders bie vor 
en dem Menſchen getreueften, der Hund und das Pferd. Gin 
and Fämpfte, wie wir erzählen hörten, gegen Räuber für feinen 
eren und wich, felbft von Streichen niedergeſchmettert, nicht- von 
m Leichnam, fondern verfcheuchte die Raubvögel und wilden Thiere. 





) Plinius meint die helix neritoiden,, welche befonders in der 
Umgegend von Nizza fehr häufig ift und ſich wie unfere Wein⸗ 
bergsfchnede (helix pomatia) dedelt. Der Deckel bildet ſich 
aus einem Talfhaltigen Schleim, den fle beſonders aus dem 
Mantelrande fahren läßt und der fobann verhärtl. 

) Die Sumpfeidechſe (möniter), welche Hier gemeint iſt, wird oft 
noch Länger. 

) Bei der gleiönamigen Stadt. Bergl. 3. VI, Kap. 23, $. 9. 

) Keine Eivechfenart erreicht diefe Länge und Plinins erzählt 
wahrſcheinlich nach dem fehr übertreibenden Berichte eines 

Reifenden: 0 


976 C. Vuinius Naturgeſchichte 


Qin anberer iu Cpirus erlannte bei einer Berfammlıng den ⸗Möorber 
feines Herrn *) und zwang dieſen durch Beißen und Bellen fein Ber 
brechen einzugefiehen. Den Rönig der Garamanten *") brachten 
zweihundert Hunde aus ber Verbannung zurüd und fämpften gegen 
bie, welche fich widerſetzten. Zum Kriegsgebrauch Hielten vie Ges 
Iophonier, ***) fo wie bie Caſtabalenſer 1), Schaaren von Huuben ; 
diefe Fämpften in der erfien Schlachtreihe,, ohne ſich je zu weigern; 
fle waren bie getreueſten Hülfstzuppen und beburften feines Soldes. 
2. Qunde vertheibigten nach der Niederlage der Cimbern +t) bie 
auf Wagen fiehenden Häufer derfelben. Nah der Srmorbung bes 
Lyciers Jaſon +rr) wollte fein Huub Feine Speife zu fich nehmen und 
Hungerte fih zu Tode. Der aber, welchem Duris ben Namen Hyrcau 
beilegt, fprang, als ter Scheiterhaufen des Königs Lufimachns 1°) 
[feines Herrn} angezündet war, in die Flamme, eben fo ber bes 
Königs Hiero. +) Philiftus erwähnt auch des Pyrrhus, eines 


9 Des Königs Pyrrhus. Bergl. Tzetzes Chil. IV. Hist. 131. 


v. 211. 
*) Bergl. B. V, Kap. 5, 8. 6—8. ü 
e) Vergl. B. V, Kap. 31, $. 5 
+) Vergl. B. V, Rap. 22,6.3. 3. VI, Kay. 3, $. 1. 
+}) Durch Marius im Jahre 102 vor Chr. Daß die Cimbern 
ihre Wohnungen auf Karren mit ſich führten, ift Befannt. 
71) Näheres über ihn findet ſich nicht. 
7°) Bon Thrazien, einer der Nachfolger Alexanders des Großen, 
' welcher im Jahr 282 vor Chr. in einer‘ Schlacht gegen ben 
König Seleucus I. von Syrien fiel. 
Weldyer der beiden Könige von Syrafus, bie biefen Namen 
. führen, gemeint fey, ob Hiero I. (487—467) oder Hiero I. 
(269 — 214 vor Chr.), läßt ſich nicht angeben.. - 








r 


Achtes Buch. 977 


Hundes des Tyrannen Gelon.*) Angeführt wirh ferner der Hund 
bed Koͤnigs Nicomedes von Bithynien, welcher deſſen Gemahlin 
Eonfingis wegen eines muthwilligen Scherzes zerriß. *) 3. Bet 
und wurde ber befannte Volcatius, welcher den Gafcellins ***) das 
bürgerliche Recht lehrte, ald er Bei einbrechender Nacht auf einem 
Zelter von feinen Laudgute heimritt, von feinem Hunde gegen einen 
Straßenräuber vertheibigt ; ebenfo der kranke zu Placentia [Piacenza] 
von Bewaffneten überwältigte Senator Caͤlius; }) er erhielt nicht 
Aher eine Wunde, als bis fein Hund nievergemacht war. Mlles 
aber übertrifft ein durch bie Acten des römifchen Volks beglaubigter 
Fall unferer Zeit. As nämlich unter dem Gonfulate des Appius - 
Innius und des P. Eilins [28 nach Chr. in Folge der den Nero, 
ded Bermanicns Sohn, betreffenden Rechtsſache Titus Sabinus und 
feine Diener zur Strafe gezogen wurden, ++) konnte der Hund eines 
berfelben nicht vom Kerker hinweggebracht werben; auch wich er nicht 
von feinem Herrn, als biefer auf die Gemitoriſchen Stufen 777) ges 


2) Bon Syrafus (484-477 vor Sr.) Bergl. Aelian, Hist. 
animal. VI, 62, Var. hist. I, 13. 
**) Micomedes I. (278—249) if hier gemeint. Die Königin, 
welche Tzetzes (Chil. II. Hist. 115, v. 965) Ditizele nennt, 
ſchlug im Scherze ihren Gemahl. 
+) A. Cascellius, ein tächtiger tömifcher Juriſt, deſſen auch 
Horaz (Tpist. II; 3, 371) erwähnt, lebte in dem Zeitalter des 
Auguftus. Seinen Lehrer nennt Pomponius (Dig, 1. I. tit. 2, 
$. 45), vielleicht unrichtig, DO. Mucius Bolufius. 
+) Bergl. Aelian, Hist. animal. VII, 10, wo der Senator Calvus 
genannt wird ; vielleicht hieß er Caelius Calvus. 
+) Ueber die Ermordung Nero’3 und bie Hinrichtung des T. 
Gabinus vergl. Tacitus, Annal. IV, 68— 70. Eueton, Tiber. 


0. 54. 
1m) Gradus gemitorii ober gemonil (Geufzerireppe). Eo hieß 


s % 


978 €. Plinius Naturgeſchichte 


. worfen wurde: und ſtieß im Beiſeyn einer großen Meuge roͤmiſchen 
Bolles ein jämmerliches Geheul and. Als ihm einer ans beffen 
Mitte Speife vorwarf, trug er es zum Munde bes Entfeelten, aub 
als der Leichnam in den Tiber geſtürzt wurde, ſchwamm er ihm nach 
und fuchte ihn oben gu halten, wohei eine große Menfchenmafle zus 
ſammengeſtroͤmt war, um bie Trene bes Thieres zu ſehen. 

4. Die Hunde allein erfennen ihren Heren und wiſſen es auch, 
wenn er ungefannt und unverfehens kommt; *) fle allein kennen ihre 
Namen und die Sprache des Haufeg; Wege, unb wenn fie auch lang 
find, merken fie ſich, und außer den Menfchen Hat fein Thier ein 
befieres Gedaͤchtniß. Ihre Angriffe und ihre Wuth Hält der Meunſch 
don ſich ab, wenn er fich auf den Boden feßt. 

5 Noch viele andere Cigenſchaften hat die Erfahrung a ihnen 
entdeckt; befonderd ausgezeichnet aber ift bie Geſchicklichkeit und der 
Spuͤrſinn des Hundes auf der Jagd. Er ſucht die Spur und ver- 
folgt fle, indem er den ihn begleitenden Waidmann an dem Riemen 
zu dem Wilde hinzieht; und wenn er es erblickt, wie fill unb ver- 
fiohlen und doch wie bedeutungsvoll iſt das Zeichen, welches er zuerſt mit 
den Schwanze und dann mit der Schnauze gibt! Man trägt deß⸗ 
halb auch altersſchwache, blinde und eleude Hunde auf den Armen 
mit fich, weil fie den Wind und die Witterung auffangen und durch 
die Schnauze das Lager des Wildes anvdeuten. 6. Die Inder gehen 
darauf aus, fle.von Tigern belegen zu laſſen und binden deßhalb die 
Weibchen zur Brunftzeit in den Wäldern an. Die Jungen des erften 
und zweiten Wurfes halten fie für allzuwild und ziehen erſt Die des 

ein Ort, wohin man bie im Kerfer Hingerichteten warf, um 
fle ſodann an einem Hafen in die Tiber.zu fehleifen. 


I Die gewöhnliche Auslegung: fle wiſſen es, wenn ein Fremder 
"Iöglich fommt, feheint mir unrichtig. 





Altes Buch. " 999 - 


veitten auf. *) Die Gallier ˖ laſſen daffelde von Wölfen thun, ) 
umb von ihren Menten Hat jebe einen Hund zum Leiter und Anfährer; 
ihn begleiten fie auf der Jagd, ihm gehorchen fie; denn fle Haben 
auch Befehlshaberämter unter ſich. — Gewiß iſt's, daß fie am Nils 
fuſſe nur laufend ſanfen, damit fie der Vegierde der Krofobile nicht 
anbeimfallen. 7. Einen Hund von ungewöhnlicher Größe hatte der 
König von Albanien **”) Klexander vem Großen, als ex nadı Inbien 
z0g, zum Geſchenk gemacht. Ueher feine Stattlichkeit erfreut, befahl 
dieſer, Bären, dann Eher und darauf Damgemfen +) vor ihm loszu⸗ 
laſſen; ex blieb aber voll Verachtung unbeweglich Hegen. Der hoch⸗ 
berzige, Feldherr, den biefe Trägheit. in einem ſo gewaltigen Körper 
verbroß, ließ ihn toͤdten. Der König erfuhr biefes und. ſchickte einen. 
andern, jeboch mit beigefügten Bedeuten: er möge ihr nicht an 
Heinen Thieren verfuchen, fondern an einem Löwen oder einem Ele⸗ 
phanten; er habe nur zwei folder Hunde gehabt, und würde auch 
dieſer getoͤdtet, ſo fen Feiner mehr vorhanden. 8. Alexander zoͤgerte 

nicht und alsbald fah ereinen Löwen niedergeſtreckt. Daranf befahl 
er, einen Blephanten vorzuführen und nie freute er ſich mehr über. 
irgend ein anderes Schaufpiel. Zuerſt erhob der Hund, während 
ſich an feinem ganzen Körper die. Haare firäubten, ein ungeheures 


*) Die Begattung eines Tigers mit einer Hündin kann nicht 
fruchtbar feyn. Der gefleckte indifche Jagdhhund hat wahr: 
ſcheinlich zu dieſer Fabel Beranlaffuug gegeben. 

“) Die Begattung des Wolfes mit ver Hündin wird von manchen 
Naturforſchern für fruchtbar gehalten und Cuvier iſt foger 
nicht. abgeneigt, zu glauben, daß der Schaäferhund, der bie 

- meifte Achnlichfeit mit dem Wolfe hat, aus einer. folchen Ver⸗ 
mifchung entflanden feyn möge, \ 
+) Vergl. B. VI, Kap. 11 u Kay. 15, 8. 4. 
‚D Vergl. weiter unten Kap. 79, $. 2. \ 


n 


980 €. Plinius Naturgefchiäte. 


Gebell, forang dann mit wachfendem Muthe heran, und brang bald 
von biefer,, bald von jener Seite auf dad Thier ein, indem er es im 
geſchickten Rampfe, ber hier vor allem nöthig war, bald angriff und 
bald ihm auswich, bis er es durch fortwührendes Drehen im Kreife 
nieberwarf und der Boden bei feinem Falle zitierte. 

LIDO. Das Hundegefchlecht wirft zweimal des Jahre. Sie 
werben fchon, ſobald fle ein Jahr alt find, reif zur Fortpflanzung, 
tragen fechzig Tage und bringen blinde Junge zur Welt; und je 
reichlicher diefe mit Milch genährt werben, deſto fpäter erhalten fle 
ihr Beflcht, nie jedoch nad) dem einundzwanzigften und nicht vor dem 
fiebenten Tag. Manche geben vor, ) wenn nur Ein Junges geworfen 
werde, fo komme das Geflht mit dem neunten ‚ ſeyen es aber zwei, 
mit dem zehnten Tage, und, fo viel einzelne Junge noch Hinzufämen, 
um fo viel Tage verzögere fldh das Sehendwerden. Huch foll eine 
Hündin, die von einer zum erſtenmal Gebärenden geworfen wirb, 
Befpeufter ſehen. Das beſte Sunge eines Wurfs if das, welches 
zuletzt zu fehen anfängt, oder welches bie Mutter zuerſt auf’8 Lager 
trägt. 
LXII. 4. Die Hundswuth ift, während der Sirius [Humbe: 
tern] gläht, dem Menfchen verberblidh, indem wie wir ſchon ) gefagt 
haben, die auf dieſe Weile Gebiſſenen eine töntliche Waflerfchen be: 
faͤllt. Man begegnet ihr deßhalb während biefer dreißig [Hundes] 
Tage mit Hühnermif, den man unter das Futter der Hunde miſcht. 
oder, wenn bie Krankheit ſchon ausgebrochen iſt, mit Nießwurz.) 





*) Alle Eingaben „ bis zu Ende des Kapitels, finb unverbürgte 


Auna 

) 8, vol, 1, Rap. 13, 8.2. 

) D. 5. mit meißer Riegwurz, Bermer . (veraträn), guiät mit 
ber eigentlichen Nießwurz Celleborun). Berg. B. XXV, 








x 


x 


et u 98 


win. 2, Erſt neulich wurde das einzige Heilmittel gegen ven _ 
Biß durch eine göttliche Gingebung entdeckt, ) nämlich die Wurzel 
der wilden Rofe, welche Cynorrhodos (Hundsroſe) genannt wird. **) 
Eolumella***) bemerkt: wenn man dem Hunde am vierzigften Tage 
nach der Geburt durch einen Biß den Schwanz. verfchneide, indem 
man das aͤußerſte Glied deſſelben wegnehme und ben nachfolgenden 
Rev abreiße, jo wachſe weber der Schwanz, noch werde der Hund 
süthig. 7) — Unter den Wunderhingen (was ich ausbrüdlich bes 
ierke) finden wir auch, daß ein Hund geſprochen und, ald Tarquinius 
on feinem Koͤnigsſitze vertrieben wurbe, eine Schlange gebellt habe, 
LXIV uım.. 1. Demfelben Alexander ward auch eine große 
eltenheit von einem Pferd zu Theil. Man nannte ed Bucephalus 
Stierhaupt], entweder wegen feines grimmigen Anſehens oder wegen 
3 ihm auf den Vorderbug eingedrückten Zeichens eines Stierhaups 
. Es foll um dreizehn Talente [26,520 Gulden] aus der Herbe 
; Philonicus von -Pharfalus F+) erfanft worden ſeyn, da Alerander 
n als Knabe von feiner Schönheit eingenommen war. Mit bem 
iglichen Reitfchmude bedeckt ließ ed Niemand, ald ihn auffiken, 
rend es. ſich ſonſt auch von Anderen befteigen ließ. 2. Man ers 
t auch, daß es in den Schlachten denkwürdige Dienfte leiftete und 





) fe B. XXV, Rap. 6, 8.2, genauer erzählt wied 

) Rosa canina L,, Hedenrofe. Auch in neuerer Zeit wurde fle 
a Mittel gegen die Hundswuth gepriefen, aber ohne allen 

rund 

) De de Trustica, 1. vü,e 

Das Bolt glaubt in manchen. Gegenden noch jetzt an bie Wirk- 
famfeit dieſes Verfahrens, aber fehr mit Unrecht. 
Jetzt Farſa. Auf der fhönen Ebene bei dieſer Stadi ſcheint 
man im Alterthum beveutende Pferdezucht getxier m zu haben. 


Plinius Naturgeſch. 88 Bdchn. 


982 E. Plinius Naturgeſchichte. 


bei ver Belagerung von Thebä, *) obgleich ed verwundet war, nicht 
zuließ, daß Alerander ed mit einem andern vertaufchte, und vieles 
Andere der Art, weßhalb der König ihm nach feinem Tode ein Leichen⸗ 
- Kegängniß hielt und um fein Grad eine nach ihm benannte Stavt**) 
erbaute. — Auch das Pferd des Dictators Cäfar foll keinen Audern 
auf ſeinem Rüden geduldet Haben; auch follen feine Borberfüße 
Menfchenfügen ähnlich gewefen feyn, ***) wie ed auch im Bilde vor bem 
Tempel der Benus Genetrix [Benus Mutter] aufgefteflt iſt. 3. Auch 
der göttliche Auguftus errichtete feinem Pferbe, über das ein Gedicht 
bes Germanicus Cäfar +) vorhanden ft, ein Grabmal. — 3n Agri⸗ 
gentum [irgenti] Haben die Gräber mehrerer Pferde Pyramiden. 
Juba erzählt, Semiramis habe ein Pferd bis zur Begattung geliebt 
— Die feythifche Reiterei ift ihrer Pferde wegen fehr berühmt. As 
ihr König bei einer Herausforderung im Rampfe fiel und der Sieger 
zur Ausplünderung des Gegners ſchritt, wurbe er von bem Pferbe 
defielben durch Schläge und Biſſe getöbtet. — Ein anderes Pferb 
fol, als ihm die Binde von den Augen genommen wurde und es 
erfannte, dag es ſich mit feiner Mutter begattet hatte, an einen Abs 
grund gerannt und fein Leben geendet haben. 4. Wir finden auch, 
daß in dem Neatinifchen [Rietfyen] Bebiete aus berfelben Urs 


! 


\ 


9 Im Jahr 335 vor Chr. Bergl. Arrian, Feldz. Aller. I. 7—9. 
Diodor v. Sizil. Geſch. XVII; 8—14. 

Bucephala; vergl. B. VI, K. 23, 8. 8. 

**) Vergl. Sueton, Jul. Cäſar, Kap. 61. — Wahrſcheinlich 
waren die Hufe an den Vorderfüßen dieſes Pferdes etwas 
auögefehweift ; das Weitere fügte die Phantafle des Bildhauers 


nu. . 
D Bergl. das Schriftſtellerverzeichniß vor dieſem Buche. 


‘ 





.. Achtes Buch. 983 


ſache ) der Beſchaͤlknecht einer Stute zerriffen wurbe; denn biefe 
Thiere haben einen Begriff von Verwandtſchaft, und in der Heerbe 
iſt das Stutfüllen lieber von feiner ein Jahr älteren Schweiter, 
als von feiner Mutter begleitet. Ihre Gelehrigkeit ift fo groß, daß, 
wie man angegeben findet, die ganze Meiterei des Sybaritifchen 
Heeres **) fi nah dem Spiele der Mufll tanzend zu bewegen ges 
wohnt war. 5. Sie merfen die Schladht voraus, beiranern ihre 
verlorene Herrn und vergießen zuweilen vor Sehnſucht Thränen. 
Als der König‘ Nicomebes ***) ermordet war‘, Hungerte ſich fein 
Pferd zu To. Phylarchus berichtet, Centaretus, ein Galater, habe, 
nachdem er in ber Schlacht den Antiochus F) getöbtet, ſich des Pfer⸗ 
des deſſelben bemächtigt und es flegprangenb beftiegen. “Diefes aber 
fey von Unwillen entbrannt und habe fich, nachbem ed des Zügels 
Meiſter geworden und nicht mehr gelenkt werben ionnte, in einen 
Abgrund geftärzt und mit dem Reiter fein Leben geendigt. Philiſtus 
erzählt, daß ein von Dionyflus tr) zurücgelafienes Pferd, welches 
im Morafte ſtecken geblieben war, ſich Heraus gearbeitet habe und 
ber Epur feines Herrn mit einem an ber Mähne hängenden Bienen- 
ſchwarme gefolgt fey; auf dieſes Wunderzeichen bin habe ſich Dio⸗ 
nyflus der Herrfchaft bemächtigt. 
LXV. 1. Ihre unbefchreiblichen Fähigfeiten erproben ſchon 


*) Weil er nämlich einen Hengſt zur Begattung mit feiner Matier 
bringen wollte. 

») Ueber Sybaris vergl. B. III, K. 15, $. 2. 

Nicodemes II. von Bithynien (148—89 vor Chr.). 

7) Antiohus J., Soter von Syrien, welcher im Jahr 261 vor 
Chr. in einer Schlacht negen die Galater (Gallier) fiel, Dal. 
Aelian, Hist. animal. VI, 44. 

D Dionyflus L., Tyrann von Ehraens wos —a08) 


% 


5 


084 C. Plinius Naturgeſchichte. 


die Wurffpießſchleuderer an ihrem Gehorſam, indem fie fhwierige 
Wagniſſe felbf durch ihren Körper und ihr Bemühen veranlaflen. 
So reihen fie auch Die auf bem Boden gefammelten Geſchoſſe tem 
Reiter dar. Im Circus an den Wagen gefpannt, heurkunden fle 
einen unbezweifelbaren Sinn für Aufmunterung und Ruhm. Wi 
während der Säfularfeier. unter Claudius Cäfar [im Jahr 47 nad 
Chr.] bei ven Spielen im Eircus zu der Partei der Meißen *) ge 
hörende Wagenienfer Corax ſchon in den Schramfen **) herabflürzte, 
gewannen fie dennoch den Borfprung und behielten ihn, indem fle 
die übrigen aufhielten, umwarfen und überhaupt gegen ihre Mit 
bewerber Alles thaten, was fle unter der Leitung des gefchicfteken 
Wagenführers hätten thun müffen ; und während man noch darüber, 
daß die Kunftfertigfeit des Menfchen non Pferden ükertroffen werbe, 
beſchaͤmt daſtand, hielten fle nach vollbrachtem regelrechten Laufe an 
der Kreidelmie, ***) 2. Als eine fehr große Vorbedeutung betrach⸗ 
teten es die Alten, daß bei den plebeifchen Spielen im Circus }) 
Pferde, nachdem der Wagenlenfer herabgeftürgt war, gerade als 





*) Lieber die verfchievenen Parteien der Wagenlenker vergl. die 
Bemerkung zu B. VIL, 8.54, 8.7. 

**) Garceres; fo hießen die mit Deffaungen. verfehenen Schranfen 
an dem einen Ende des Circus, von wo auß die Pferde und 
Waͤgen losgelaſſen wurden. 

e) Creta; fie bezeichnete Das Ende des Laufs; wer ſie zuerſt er⸗ 
reichte, war Sieger. 

) Welche von den plebeiſchen Aedilen gegeben wurden, im Gegen⸗ 
ſatze zu den patriciſchen, welche die Kaiſer, Confuln und curu⸗ 
liſchen Aedilen veranſtalteten. Die letzteren fanden nur bei 
verſchiedenen Gelegenheiten. und zuar im Cirens maximus 
Ratt, während die erfterem jedes Jahr am 20. Oftober im 
Circus Flaminfas gehalten wurden. I 











Achtes Bud. | 085 


ſtünde er noch darauf, nach dem Capitolium vannten und dreimal um 
ben Tempel liefen, als die größte aber, daß ebendahin Pferde von 
Beii*) mif Palme und Krone kamen, nachdem [ihr Wagenlenfer] 
Ratumena, der dort geflegt hatte, herabgeworfen worven war, weß⸗ 
halb auch ein Thor den Namen beffelben erhielt. 

3. Wenn die Sarmaten *") weite Reifen unternehmen wollen, 
fo bereiten fie ihre Pferde dadurch, daß fle ihnen fchon am Tage vors 
ber nichts mehr zu frefien und nur wenig zu faufen geben, datanf 
vor und legen dann auf ihnen in ununterbrochenem Ritte eine Strecke 
son 150,000 Schritten [30 M.] zurück. Manche Pferde leben 
ünfzig Jahre; die Stuten werden jedoch weniger alt; fle hören im 
ünften Jahr auf zu wachſen, während dieß bei ben Hengften ein 
Jahr länger fortdauert. Die Beichaffenheit ver Pferde, welche man 
auptfächlich wählen foll, hat der Dichter Birgilius**") am fchön- 
en dargeſtellt; auch wir haben darüber in unferem Buche tiber das 
peerwerfen der Reiterei F) geſprochen, und ich finde, daß faſt Alle 
dieſer Sache mit einander übereinflimmen. Gin abweichenber 
rundſatz wird jedoch im Circus befolgt, denn man läßt fie daſelbſt 
Ht vor dem fünften Jahre zum Wettfampfe, während man fle ſchon 

ziveiten Sabre zu anderem Gebrauche abrichtet. 

LXVI 1. Die Thiere biefer Gattung fragen die Frucht elf 
onate und werfen im zwölften. Die Begattung findet bei ber 
ihlingstagundnachtgleiche ftatt, gewöhnlich im zweiten Jahre Bei 
‚en Gefchlechtern; geſchieht dies aber erft im dritten Jahre, T}) 
*) Berg: B. II, 8. 23, $. 3. nr 
) Bergl. B. IV, 8. 25, $.1. 

) Vom Landbau, II, 72 ff. 

) Bergl. die Einleitung zur Naturgefchichte des Plinius, ©. 33. 

) Nach der gewöhnlichen Anficht muß die Stute fünf, der Hengft 
wenigftens ſechs Jahre alt feyn. 





‘ 


986 C. Plinius Naturgeſchichte. 


fo wird das Junge kraͤftiger. Die Hengſte bleiben zeugungsfſhig 
bis zum dreiunddreißigſten Jahre,) wie man fle denn aus dem 
Circus nach dem zwanzigſten Jahre noch als Beichäler entlaäͤßt. Zu 
Opus *) fol einer bis zum vierzigſten ausgedauert haben, nur mußte 
man ihm durch Emporhebung des vorbern Theile feines Körpers 
behülflih feyn. Nur wenige Thiere zeigen in ber Begattung ſo 
geringe Fruchtbarkeit, weßhalb man fle auch kur von Zeit zu Zeit 
zuläßt, und doch vermögen fie nicht zu fünfzehn Befruchtungen ans: 
qureichen. **) 2. Die Brunfl der Stuten verliert ſich durch Abſchee⸗ 
rung ber Mähne; fle werfen jedes Jahr bis zum vierzigften. ) — 
Ein Pferd fol fünfundfiebenzig Iahre alt geworben feyn. — Bei 
diefer Thiergattung wirft die Trächtige ſtehend, und liebt mehr als 
irgend ein anderes Thierwweibchen fein Sunges. Sicher bringen bie 
Pferde an der Stirne ein Lieheögift, Hippomanes (Pferdewuth) ges 
nannt, von der Größe einer Zeige und von ſchwarzer Farbe mit zur 
Melt, welches die Mutter foßleich nach der Geburt verfchlingt ober 
[wenn fle varan gehindert wird] das Junge nicht faugen läßt. IR 
man fehnell genug, es zu erhafchen, fo kann man fehon allein durch 
den Geruch deflelben diefe Thiere in Wuth verfeßen. 17) 3. Ber 


*) Nach Buffon hoͤchſtens bis zum dreißigſten. 
+), Mergl. B. IV, 8. 12, $. 3. 
**), Bin Hengft reicht für zwanzig Stuten Bin. - 
+) Nach Buffon felten länger, als bis zum achtzehnten. 
+7) Die Alten haben über vieles Fiebesgift Hippomanes viel ge 
fabelt und aus einer ganz natürlichen Sache ein Wunberbing 
mit Wunderfräften gemacht. Das Füllen. fommt wie bie 
' Übrigen Thiere mit dem Kopfe zuerſt zur Welt, indem es feine 
Hüllen durchbricht. In dem aus biefen Hüllen ſtroͤmenden 
Wafler findet ſich nach Guviers Bemerkung manchmal eine 


x 








Achtes Buch. . 987. 


liert ein Füllen feine Mutter, fo ziehen die übrigen ſaͤugenden Stuten 
das verwaiste anf, Man behauptet, daß ed vor bem dritten Tage 
nach feiner Geburt nicht den Boden mit dem Maule berühren könne. 
Je muthiger ein Pferd if, defto tiefer taucht es die Nafe beim Sau⸗ 
fen unter. Die Scythen *) bedienen ſich im Kriege lieber der Stuten, 
weil fie ben Urin lafien koͤnnen, ohne dadurch im Laufe aufgehalten 
u werden. 

LXVII. Es ift gewiß, daß in Rufltanien [Portugal] in ver 
Gegend ber Stabt Dliiipo [Kiffabon] und des Fluſſes Tagus [Tajo} 
ie Stuten, indem fie fih, wenn der Favonius [MWeftwind] weht, 
iefem entgegenftellen, einen belebenden Hauch empfangen, trächtig 
oerden und auf diefe Weife die fehnellften Jungen werfen, die aber 
hr Leben nicht über drei Safe bringen. *) In demfelben Hiſpa⸗ 
ien bei dem gallaieifchen und afturifchen Volke if eine andere 
ferdbeart einheimifch, welche man Zelter (thieldones), und wenn 
: ffeiner find, Afturier (asturcones) nennt; fie haben im Laufe nicht 
n gewöhlichen Schritt, fondern einen fanften Paß, indem fie ab⸗ 
chfelngg die [beiden] Füße [einer Seite] vorfegen, weßhalb man 
ch die anbern Pferde fünftlich abrichtet, im Zeltgange einherzus 
reiten. — Das Pferd ift faft denfelben Krankheiten, wie der 
enfch, unterworfen, und außerdem noch der Harnblafenumftülpung, 
e das ganze Zugviehgeſchlecht. 


* 


dichte Maſſe, welche die Stute gerade fo, wie die Weibchen ber 
- meiften vierfüßigen Thiere die Nachgeburt, verfchlingt. Alles 
Weitere ift lächerlicher Aberglaube. 
*) Bergl. B. IV, $. 25. $. 1. 
*) Die zahlreichen und fehr fehnellen Pferde Luſſtaniens mögen 
zu dieſer im Alterthume allgemein geglaubten Babel Verans 
Iaflung gegeben haben, 


oss C. Plinius Naturgeſchichte 


LXVMI aım. 1. @inen Eſel faufte der Senator D. Artus ' 
für 400,000 Sefterzien [38,189 Gulden], wie M. Varro erzühft, 
und ich weiß nicht, ob je für ein amberes Thier ein fo hoher Breis 
bezahlt wurde. Bewundernswerthe Dienfte leiſtet ohne Zweifel diefe 
Thiergattung, fogar im Pflügen,, die bedeutendſten aber durch bie 
Hervorbringung der Maulefel. Man nimmt bei ihnen auch auf 
das Baterland Rüdficht und zieht in Achaia [Griechenland] die arfa= 
bifchen, *) in Stalien die reatinifchen Friefi’fegen] vor. Dieſes Thier 
iſt am meiften gegen die Kälte empfindlich und pflanzt ſich deßhalb in 
Pontus **) leicht fort; auch läßt man fle nicht, wie das übrige Bich, 
bei der Frählingstagundnachtgleiche, fonbern bei der Sommerſonnen⸗ 
wende zur Begattung zu. 2. Die Männchen werben, wenn fe nicht 
anhaltend arbeiten, ſchlechtet. Die Lfelin wirft früheflens vom 
breißigfien Monate an, regelmäßig aber nach dem britten Jahre, 
und zwar eben fo oft, nach eben fo viel Monaten und auf biefelbe 
Weiſe, wie bie Stuten; nur gibt ihre nicht leicht feſthaltende Gebaͤr⸗ 
mutter den beftuchtenden Samen wieber von fi, wenn man fie nich 
nach der Begattung durch Schläge zum Lanfen zwingt. O Seiten 
wirft fie Zwillinge. Wenn fle werfen will, flieht fle das ˖Tageslicht 
and fucht einen bunfeln Winkel, um nicht von den Menfchen geichen 
zu werden. 3. Sie ift ihr ganzes Leben hindurch, weldyes fle bis auf 
dreißig Jahre bringt, fruchtbar. — Für ihre Jungen haben fle eine 
ungemein große Liebe, aber eine noch größere Schen vor dem Waſſer. 
Zn ihren Jungen laufen fle durch's Zener, iſt aber nar der kleinſte 
Bach dazwifchen, fo entfeßen fie ſich fo fehr,. daß fle ſich wohl hüten, 





*) Bergl. B. IV, Kap. 10, 8.1. Noch jetzt gibt e3 in Arfadien 
zu, ehr viele und gute Eſel, fo wie auch in der Gegend von Kieti. 
) Bergl. 3. II, Kap. 48, $. 1. .. 








Achtes Bud. 989 


auch nur bie Füße zu benetzen. Gbenſo ſaufen vie auf den Waiden 
befindlichen nur ans den Brunnen, an die fie gewöhnt ſtud, und wenn 
Re anf trodenem Pfade zur Tränfe gelangen koönnen; auch gehen fie 
nicht über Brücken, deren fehlechte Sufammenfügnng den Fluß durch⸗ 
ſchimmern laͤßt. Man muß fich wirklich wundern, wie ſehr fie Durkt 
leiden und buch, wenn die Tränfe- verändert wird, mit Gewalt obev 
Bitten zum Sanfen gebracht werben müffen. Sie legen fi nur an 
einen gkräumigen Ort, benn fie fehen im Schlafe mancherlei Traum⸗ 
gebilde, wobei fie hanfig mit ven Füßen ausſchlagen; geht ein Schlag 
nicht durch die Luft, fondern fährt wider einen härteren Körper, fd 
yerurfacht er fogleich Lähmung. 4. Ste werfen größeren Gewinn 
ıb als fruchibare Güter und es ift bekannt, daß in Geltißerien ) eins 
eine Gfelinnen durch ihre Jungen 400,000 Sefterzien [38,189 Sul 
en] einbrachten. Bei den Jungen der Maulthiere foll es hauptſaäͤch⸗ 
ich auf bie Haare ber Ohren und Augenbrauen ber letzteren ans 
mmen, denn bie Jungen erhalten ebenfo wiele Farben, als ſich da⸗ 
Ihft vorfinden, wenn auch ber übrige Körper ber Alten einfarbig 
ar. Maͤcenas brachte zuerſt die Sitte, &felsfüllen zu eflen, m 
ang und damals zog man fle den wilden &feln **) weit vor, nach 
m verlor auch diefe Geſchmacksſache ihre Geltung. — Steht ein 
el einen andern fterben, fo geht es auch mit ihm fehe balb zu 
de. *) ' 
LXIX xım. 1. Bon dem Üfel und der Stute faͤllt im drei⸗ 
nten Monate das Maulthier, weiches durch feine Kraft ganz vor⸗ 





) Vergl. B. III, Ray, 4, $.9. 

) Welche im Alterthum zu den Lederhifien gehörten. 

) Diefe Behauptung bevarf des Beweiſes; übrigens iſt die vor 
Blinius gegebene Naturgefchichte bes Eſels ſehr gemau. 


890 C. Plinius Naturgeſchichte. 


züglich-zur Arbeit geeignet iſt. Zu ſolcher Zucht wählt man Stuten, 
die nicht jünger ald vier und nicht älter als zehn‘ Sahre find; bie 
Thiere beider Gattungen meiben ſich, wie man erzählt, wechfelfeitig, 
wenn fe nicht in der Jugend bie Milch derjenigen Gattung, welde 
fle befpringen follen, getrunken haben; weßhalb man auch die heim⸗ 
lich Hinweggenommenen Gfelfüllen im Dunkeln an bie Zitzen der Stuten 
and die Hengfifüllen an die der Sielinnen legt. 2. Bon dem Hengſt 
und der Efelin fällt bie Maulefelin, die aber unbändig und von 
unbezwinglidher Trägheit und in allem langſam iſt, wie ein altes 
hier. Die Befruchtung durch den Hengſt verbirbt der Cſel durch 
einen fpäteren Sprung zur Fehlgeburt, nicht fo der Hengft bie Bes 
fruchtung durch den Efel. Man hat bemerkt, bag die Weibchen am 
fiebenten Tage nach Sem Wurfe am beſten empfangen und die Männden, 
. wann fle mübe find, befler befruchten. Diejenige Gfelin, welche nicht 
früher, als fle die fogenannten Milchzähne verliert, empfängt, wird 
als unfruchtbar betrachtet, ebenfo bie, welche nicht bei dem erfien 
Sprunge fogleich trächtig wird. 3. Maulefel (hinni) nannten bie 
Alten bie von einem Hengfle und einer Eſelin, Maulthiere (muli) 
Dagegen die von Eſeln und Stuten erzeugten männlichen Jungen. 
Man Hat die Beobachtung gemacht, daß die von zivei verfchiebenen 
Gattungen erzeugten Jungen eine dritte Gattung bilden und feinem 
ihrer Aeltern ähnlich find, ebenfo, daß in dem ganzen Thierreiche bie 
auf diefe Weife erzeugten ſich nicht fortpflanzen und deßhalb auch die 
Maulefelinnen nicht fruchtbar find.” In unfern Jahrbüchern ſteht 
zwar, daß fle häuflg geworfen haben, man betrachtete dies aber als 
Wunderzeichen. Theophraſtus erzählt, in Gappaborien”) fey das 





Vergl. B. V, Rap. 42. 











vv ı - 
\ Achtes Buch. 91 


Berfen verfelben etwas ganz Gewoͤhnliches, dort büde aber dieſes 
Thier eine eigene Gattung. *) 4. Das Hintenansfchlagen der Maul 
efelin verhindert: man, wenn man ihr öfter Wein zu trinfen gibt. 
In den Schriften mehrerer Griechen findet'man, daß durch die Ber 
gattung des Maulthiers mit der Stute ein Iunges falle, das man 
Ginnus, das heißt Kleines Maulthier, nenne. Don der Stute und 
gezämten wilden Eſeln entſtehen Maulefelinnen, die einen fehr ſchnel⸗ 
len Lauf und ausnehmend harte Füße, aber einen magern Körper 
und einen unbändigen Sinn haben. Ein von einem wilden Gel 
und einer Gfelin erzeugter Befchäler übertrifft alle andern. 5. Die 
vorzüglichften wilden Eſel gibt es in Phrygien und Lycaonten, **) 
Afrika rühmt die Wilvefelfüllen, welche Laliflonen heißen, als ein 
ſehr ſchmackhaftes Gericht. — Daß ein Maulthier achtzig Jahre alt 
vurde, erhellt aus den Denktmälern der Atbenienfer; denn dieſe 
reuten ſich über bafjelbe fehr, daß es, als man es fchon des Alters 
segen aufgegeben hatte, bei dem Tempelbau auf ver Burg, bie hin⸗ 
uffteigenden Zugthiere durch fgine Begleitung und Anftrengung er> 
unterte, und Mießen ein Dekret, daß die Fruchthaͤndler es nicht 
n ihren-Ständen hinwegtreiben follten. 
LXX «ıv) 4. Dieindifchen Rinder. follen fo Hoch wie Kameele 
yn und ihre Hörner eine Breite von vier Fuß einnehmen. In uns 
em Welttheil werden die ebirofifchen ***) am meiſten gepriefen, 


) Blinius meint hier den Halbefel (equus hemionus), ber aber 
feineswegs ein Baftard if. Er heißt in der Mongolei Dſchigge⸗ 
tei (Langohr) und war bis vor ungefähr Hundert Jahren ben 
Naturforſchern der neueren Zeit völlig unbekannt. 

*) Bergl. B. V, Kap. 41 und 25. 

) Bergl. 9. IV, Kap. 1, $. 2. 


992 6G. Plinius Naturgeſchichte. 


’ 
feltdem, wie man fagt, der König Pyrrhus ) ſich mit ihrer Zucht 
befaßte. Er erreichte dieß dadurch, daß er flo nicht vor bem vierten 
Sabre zur Begattung zuließ; fle wurden deßhalb ſehr groß and noch 
jet beftehen Ueberbleibfel diefer Stämme. Jetzt aber verlangt man 
von einjährigen, ober hoch Höchfteng zweijährigen Kühen Fruchtbarkeil 
und von vierfährigen Stieren den Sprung. Jeder befruchtet in 
demfelben Sahre zehn Kühe.) 2. Nach der Sage gibt es, wenn 
die Stiere nach der Begattung ſich nad der rechten Seite hin ent⸗ 
fernen, männliche, wenn fle aber links abgehen, weibliche Kälber.) 
Die Befruchtung erfolgt durch einen Sprung , ift fle aber etwa fehls 
gefhlagen, fo verlangt die Kuh nach dem zwanzigften Tage wieder 
nach dem Stiere. Sie werfen im zehnten Monate; was früher 
fällt, taugt nichts. Nach manchen Schriftftellern werfen fle gerade 
am lebten Tage des zehnten Monats. Selten bringen fie Zwillinge 
zur Welt. Die Springzeit dauert vom Anfange des Delphine am 
Tage vor den Nonen des Iannard [4. Sannar] an, dreißig Tage; 
bei manchen tritt fie auch im Herbſte ein und iſt bei den Völkern, 
welche von Milch Ieben, fo eingerichtet, daß biefeF® Nahrungsmittel 
zu jeder Jahreszeit vorräthig bleibt. 3. Die Stiere fpringen nicht 
öfter als zweimal des Tags. — Bon allen Thieren waidet das 





*) Diefen Namen führen mehrere Könige von Epirus; wahr: 
fiheinlich ift aber Hier der befanntefte von allen (300—272 ver 
- Ehr.), welcher gegen die Römer Krieg führte, gemeint. 
*) Ein, Stier reicht, wenn er guf gehalten wird, für eine Heerde 
von fünfzig Kühen Hin. 

**) Der Berfafler einer in neuerer Zeit gefchriebenen Anleitung, 

bei der Ergengung ber Kinder, das Geſchlecht derſelben nach 

Belieben zu beſtimmen, hat biefe unfinnige Behauptung feiner 
Theorie zu Grund gelegt. . 


Achtes Bud. 993 


Rindvieh auch im Rüdwärtögehen, und zwar bei den Garamanten *) 
nie andere. Die Kühe bringen ihr Leben hoͤchſtens auf fünfzehn, 
die Stiere auf dreißig Jahre; ihre. volle Kraft haben fie im fünften 
Sabre, Durch Waſchen mit heißem Waſſer und wenn man ihnen 
durch einen Hauteinfchnitt mittelft eines Rohres Luft. in die Einge⸗ 
weide bringt, follen fle fett werben. Man darf fle indeflen nicht für 
ausgeartet halten, wenn fie auch ein weniger ſtattliches Ausſehen 
haben. 4. Die Alpenfühe, welche von der kleinſten Axt find ; geben 
die meifte Mil, ertragen die meifte Arbeit und werben mit dem 
Kopfe und nicht mit dem Halfe angefpannt. Die fyrifchen haben 
keine Wammen, aber einen Höder auf dem Nüden.”*) Die caris 
ſchen ***) in einem Theile Aflens, von häßlichem Anfehen, mit einem 
vom Halſe über den Borberbug hervorragenden Auswuchfe und lofen 
Hörneen, 7) ſollen in ihrer Dienflleiftung vortrefflich feyn; übrigens 
Hält man die von ſchwarzer oder weißer Farbe nicht für fehr tauglich 
zur Arbeit. }}) Die Stiere haben Eleinere und dünnere Hörner als 
die Kühe. Die Abrichtung der Ochſen geſchieht in ihrem dritten 
Sabre, nachher ir es zu fpät, vorher zu frühe, am Beſten wird ein 





9 Vergl. 8. V, K. 5, 8. 48. — Wenn ſie vormärkagehenb 
waideten, fagt Romponius Mela (B. I, Kap. 8), würden fie 
mit ‚ihren großen Hörnern an den Boben anftoßen. 

* Det Zebu (bos taurus indicus), den Plinius hier meint, {ft 
in Afrika und in den meiften Theilen Aſiens einheimiſch und 
dort dag gemeine Rindvieh; er hat einen. detthocer und iſt 
meiſt grau oder weiß. 
“) Bergl. B. V, 8.29, 8. 6, 

D Die Hörner einer Sebuart gaben feine Hornzapfen und ſitzen 
ſo wenig feſt, daß ſie wackeln. 

71) Diefe im Alterthume ſehr verbreitete Anſicht (vergl Varro, 
de re rast, U, 5) ift durchaus falſch. 


Mi 





994 G. Plintus Naturgeſchichte. 


junger Ochſe mit einem ſchon abgerichteten eingeübt. Wir Haben 
alfo an diefem Tiere einen’ Gefährten bei der Arbeit und dem Acker⸗ 
bau und unfere Vorfahren trugen für baffelbe fo große Sorgfalt, daß 
fogar ein Fall vorliegt, wo einer, weil er für feinen frechen Beifchläfer 
anf bem Lande, ber noch Feine Kuttelflecke gegeflen zu Haben vorgab, 
einen Ochſen gefchlachtet Hatte, von dem römifchen Volke vorgelaben, 
verurtheilt und des Landes verwiefen wurbe, gerade ald wenn er 
feinen Aderömann getödtet hätte. *) 

6. Der Stier Hat ein ſtolzes Anfehen, eine drohende Stirne, berflige 
Ohren und ſtets fampfluftige Hörner ; feine Drohung liegt jedoch allein 
in ‘ben Borberfüßen ; wenn er in Zorn geräth, fteht er ſtill, hebt dieſe, 
einen nach dem andern auf, ſchleudert damit ven Sand gegen feinex 
Banch und fleigert allein von allen Thieren durch dieſes Reizmittel ſei⸗ 
nen Grimm. Wir fahen welche, bie auf Befehl kaͤmpften und deshalb 
gezeigt wurden, bie fih im Kreife drehten, ſich im Fallen mit ben 
. Hörnern erhielten und wieber erhoben, ober Taum liegend von bem 
Boden auffpratigen und fogar auf einem ſchnellfahrenden zweiſpaͤnni⸗ 
gen Wagen wie Wagenlenfer flanden. 7. Es iſt eine Erfindung 
des theffalifchen **) Volkes, zu Pferd daneben herjagend, die Stiere 
am Home zu faflen und duch Umdrehung ded Halfes zu tödten; 
zuerft gab zu Rom diefes Schaufpiel der Dictator Caͤſar. Der Etier 
dient zum feiften Opfer und zur würbigften Verföhnung der Götter. 
Der Ochſe ift das einzige Thier mit längerem Schwanze, bei welchem 
diefer nicht, wie es bei den übrigen der Fall ift, fogleicy bei ber 
Geburt feine volle Länge hat, fonbern wächst, bis er ganz herunter 
zur Ferſe reicht. 8. Deßhalb muß er bei dem Kalbe, das zum Opfer 





*) Berg. Balerind Marimus, v1. 
N Bergl. B. IV, 8. 15. 














Achtes Buß. 995 


tauglich befunden werben fol, dem Kniebuge gleich feyn; iſt er kürzer, 
fo opfert man es nicht. Noch wird bemerkt, daß Kälber, welche auf 
den Schultern des Menfchen zum Altare gelragen werben, Fein ziem⸗ 
liches Opfer find, fo wie ſich auch die Bötter weder durch ein hinken⸗ 
des, noch durch ein ihnen nicht zufommendes, ) noch Durch ein ſich 
vor dem Altare fträubendes Opferthier befänftigen Iafien. inter 
den Wunderzeichen findet man häufig, daß ein Ochſe geſprochen habe 
und daß auf eine ſolche Nachricht ver Senat unter freiem. Simmel 
"gehalten zu werben pflegte. 

LXXI aıw. 1. Sn Hegupten wird auch ein Ochſe, der Apis 
heißt, als Gott verehrt.“) Sein Abzeichen iſt ein weißlicher Sied 
auf der rechter Seite, der ben Hörnern bes frifch zunehmenden Mon⸗ 
des gleicht, und ein Wulft unter der Zunge, den man Küfer nennt. 
Er darf eine beftimmte Anzahl von Jahren ***) nicht überleben und - 
wird in der Priefterquelle verfentt und getöbtel, worauf man vol 
Betrübniß einen andern fucht, um ihn an feine Stelle zu ſetzen, und 
bis man ihn gefunden Hat, mit gefchorenem Haupte trauert. Das 
Suchen dauert jedoch nie lange. 2. Hat man ihn gefunden, fo wirb 
er von ben Prieftern nach Memphis +) geführt. Er Bat zwei Tem⸗ 





*) In den Religiondvorfchriften der Alten war beſtimmt, welches 
Thier jedem Gotte geopfert werben ſollte und welches nicht; 
fo durfte man dem Jupiter feinen Stier opfern, wahrfcheinlich, 
weil er einmal die Geftalt eines folhen angenommen hatte. 

**) Ueber den Apiödienft vergl. F. Creuzers Symbolif und My⸗ 
rn (Neuft. Ausg. Darmft. 1840. 8), Br. IE, ©. 202 
8 20 
0) Nämlich 25. Man mannke diefen Cyclus die Apisperiode. 
©. Crenzer a. a. O. ©. 169, 
) Vergl. B. V, K. 9, 8. 5. 


06 €. Plinius Naturgeſchichte. 


pel, melde Schlafgenrächer heißen und ben Völkern als Wahrfaguug 
dienen. Gebt er nämlich in das eine, fo iſt Freudiges zu erivarten, 
in bem andern aber bebeutet er Schlimmes. Auch Einzelnen ertheilt 
er Antwort, indem er aus der Hand ber Anfragenden Futter nimmt. 
Bon der Hand des Cäſar Germanicus wandte er ſich ab, nnd vieler 
ſtarb nicht lange nachher.) Wenn der fonft abgeſondert lebende 
Aupvis ſich unter dem Volke zeigt, fo fehreitet er unter dem Vortritt 
platmachender Liltoren einher, und eine Schaar Knaben begleitet 
ihn, die zu feiner Ehre ein Lied fingen; er fiheint dies zu verfehen 
und angebetet feyn zu wollen. Diefe Schaaren gerathen ylöklich 
außer ſich und verfündigen die Zufunft voraus. 3. Ginmal im Jahre 
wird ihm eine Kuh gezeigt, welche ebenfalls ihre Abzeichen, obfchon 
andere, als er hat; fie foll ſtets an dem Tage, an welchem fie gefun- 
den wird, auch ſterben. Zu. Memphis if eine Stelle im Nil, weldge 
ihrer Geſtalt wegen Phiala (Schale) Heißt; hier verfenfen fie jebed 
Jahr an ben Tagen, welche zur Geburtsfeier des Apis beſtimmt 
find , eine goldene und eine fülherne Schale; diefer "Tage find ſieben, 
und merfwürbig ift, daß waͤhrend derſelben Niemand von den Kroko⸗ 
dilen gefährdet wird und daß am achten Tage nach der ſechsten 
Stunde diefem Thiere feine Wildheit wiederfehrt. **) 

LXXU aıvm. 1. Auch das Schafvich fleht in Hoher Gunft, 
forwohl als Sühnopfer für die Gätter , als auch wegen der Brand: 
barkeit feiner Wolle. So wie die Ochſen die Lebensmittel bes 


*) Im Jahr 21 nah Ehr. Ueber die Reife bed Germanicus 
nad Aegypten, welche die Urfarhe feines Todes wurbe, vergl. 
Tacitus, Annalen, B. II, Kap. 59—61. 69— 73. 

M Entweder eine.alberne Sage, oder ber Kıpfobil hat eine bes 
ſtimmte Zeit im Jahre, wo er ruhig liegt und unſchaͤdlich iſt, 
vielleicht wann der Nil zu wachfen beginnt. 














‘ 


Achtes Bud. 997 


Menſchen bauen, fo verbantt man dem Schafvieh die Beſchirmung 
bes Körpers. Die Zeugungsfähigfeit beider Gefchlechter dauert 
vom zweiten bis zum neunten Jahre, bei manchen auch bis zum 
zehnten. Die zum erfienmale werfenden haben Fleinere Junge 
Ihre Begattungszeit beginnt beim Untergang des Arcturus, daB 
Heißt, mit dem dritten Tag vor dem Idus bed Mai [13 Mai] und 
endet beim Untergange bed Adlers, nämlich am zehnten Tage vor 
ben Kalenden des Auguft [23. Juli]. Sie tragen die Frucht hundert⸗ 
undfünfzig Tage; die fpäter empfangenen Jungen werben ſchwach; 
die nad der beftimmten Zeit geworfenen nannten bie Alten Corbi 
(Spätlinge). 2. Biele ziehen die Winterlämmer den Krühlingsläme 
mern vor, weil mehr daran Liege, daß die Laͤmmer Yor der Sommers 
fonnenwende, als daß file vor der Winterfonnenwende flark würden 
und es alfo allein für diefes Thier vorteilhaft fey, bei der Winters - 
fonnenwende geboren zu werben. *) Dem Widder iſt e8 von Natur 
eigen, daß er die Laͤmmer verachtet und ben alten Schafen nachgeht: 
er felbft iR im Alter beffer und auch mit geflugten Hörnern brauch⸗ 
barer; feine Wildheit wird gebrochen, wenn man ihm das Horn neben 
bem Ohre durchbohrt. Wird ihm die rechte Hode unterbunden, fo 
srzeugt er Weibchen, gefchieht dieß aber mit der linfen, Männchen.) 
Der Donner bewirkt Bei vereinzelien Schafen Fehlgeburten; ein 
Mittel Dagegen if, wenn man fle zufammentreibt, damit fie Dutch, 
hre Menge ermuntert werben. 3. Beim Wehen des Nordweſtwindes 
ollen Männchen, beim Südwind Welbchen empfangen werben. ***) 

— — — 
*) Weil nach der Anſicht mancher alten Thierzüchter die Schafe 

eher, Kälte ald Hite ertragen koͤnnen. 


» Huch jeht noch haben viele Landleute dieſe lächerliche Anficht. 
**) Gin eben fo laͤcherliches Borurtheil, 


G. Plinius Naturgeſch. 88 Bhihn. 8- 


998 C. Plinius Naturgeſchichte 


Dei dieſer Thiergattung achtet mau hauptjächlich auf die Mänler ber 
Mipder, deun hie Farbe, welche bie Adern unter der Zunge berfehber 
haben, befommt auch die Wolle der Jungen ; bunt wird dieſe, wenn 
ſich dort mehrere Karben finden; auch der Wechſel des Waſſers und 
Der Tränfe verändert die Färbung.*) Es gibt zwei Hauptarten von 
Schafen, das bebedte**) unb das Landfchaf;***) jenes ik zärter, 
dieſes im Futter wähliger, denn dad bebedie jrißt Brombeerſtauden 
Die beſten DEen deſſelben ſind die arabiſchen. 

LXXIHI aLvım. 1. Die geprieſenſte Wolle iſt die apuliſche +) 
und die, welche in Italien griechiſche 7). Schafwolle, anderwärts 
- aber italifche heißt; den dritten Hang behaupten bie mileſiſchen tHF) 
Schafe. Die apwlifigen Haben kurze Wolle, welche nur den daraus 
verfertigten Feldmänteln }*) ihren Ruf verdankt. Die höchſte Ber 
‚edelung ‚hat biefe Art um Tarentum [Taranto) und Canuſium [Sa- 
noſa], in Aften aber gu Laodicea [Latafio] erreicht. Keine weiße 
Wolle wird jener der circumpabanifchen +**) Schafe vorgezogen, und 
ver Breis eines Pfundes Wolle überflieg bis auf den heutigen Tag 
. nicht die Summe von hundert Seferzien r Gulden 39 Kreuzer]. 


9 Ale dieſe Behauptungen ſind unerwieſen. 
*) Sp genannt, weil es zur Schonung feiner feinen Holle in 
eine Dede gehüllt wurbe. 
***) Oris colonica, rustion, —— oder Bauern-Schaf. 
+) Vergl. B. I, Kap. 16, $. 1 
up) Beil ein heit Süd-Staliens Groß⸗ Griechenland genannt 
wurde ‚ 
+9 Penulas ; "fe 35. adhlich auf Reifen und im Selbe 


getrag 
**) An u üfern des Pe. 








ir 


Achtes Buch. * 999 
‚2. Die Schafe werben nicht überall gefchoren, in manchen Gegenden 
beſteht noch die Sitte, fie zu rupfen. Es gibt fehr viele Arten far- 


biger Wolle und es fehlt und fogar an Namen, fle näher zu begeich- 
‚nen. Einige Schaferten mit fogenannter Naturfarbe beflst Hifpa- 


«nen, ſehr vorzügliche mit ſchwarzer Wolle Bollentia [Polenza] an pen 


Alven, die fogenannten Erytgrätfegen mit röthlicher Wolle Aflen und 
auch Bätica, mit gelblicher Canuſium und mit einer eigenthämlichen 
ſchwarzen Tarentum. Alle Ifriichabgefchorene] Wolle mit ihrem 
Schweiße hat Heilkraft. In Iſtrien und Libuenien*) gleicht bie 
Schafwolle mehr dem Haare als ver Wolle; fie tangt nicht zu lang⸗ 
haͤrigen Kleidern; Salacia [Mlacer do Sal] in Lufltanien [Bortugal] 
"macht ſie aber durch ein rautenfürmiges ober neßförmig gewebtes 
‘(& resenux) Gewebe beliebt. 3. Achnlich if die Wolle um Pifcens 
IPezenas] in der narbonenflfchen Provinz, ebenfo in Aegypten; bie 
daraus verfertigten Kleider werben, wenn fie abgetragen find, ge 
färbt und halten dann noch lange Zeit. Die firuppige Wolle mit 
rauhem Haar nahm man fchon in den älteften Zeiten gern zu Teppi- 
ben; daß fich febenfalld vie Alten ſchon der letzteren bebienten, 
fagt Homer. *) Auf andere Weife bilden ») fle die Gallier 
und wieder auf andere Weiſe die parthifchen Völker +) bunt. Die 


*) Vergl. B. TIL, K, 23 und 26. 

**) Yliade X, 156. Odyſſee, IV, 124 und an andern Stellen. 
“ee, Sch glaube das lateinifche pingere am beſten mit dem in Güb- 
— gebraͤuchlichen, ganz entſprechenden techniſchen 
Ausdrucke „bilden“ (mit Strichen oder Muſtern durchweben), 
und vestis piota mit „gebildetes Kleid“ zu uͤberſezen. Dan 
fagt auch Häufig geblämtes Seng, felbft wenn feine Blumen, 
ondern nur Striche eingewirkt find. ' 

+) Betgl. B. VI, Kap. 28. 


2 ð 
30 


100 + €. Plinius Naturgeſchichte. 


Wolle bilbet ſchon au und für fi *) ein Filzkleid; fügt man Gig 
Hinzu, fo widerfteht fle auch dem Eifen, **) ja ſogar, wenn fe bie 
letzte Reinigumg erhalten Hat, dem Feuer; ***) deßhalb Brandt mar 
fle auch, wenn fle aus den Kefleln der Säuberer herausgezogen if, 
zur Bereitung von Polftern, was, wie ich glaube, eine Erfindung ver 
Gallier if; jebenfalld unterfcheibet man fle jeht noch Durch gallifche 
Namen, und es möchte nicht leicht zu beflimmen feyn, zu welchet 
Zeit fle auffamen; denn hei den Alten befand das Bett ans Stroh, 
wie auch noch jebt in den Belblagern. Die Friefe (gausapa) famen 
zu meines Baterd Zeit, die auf beiden Spiten baarigen Zeuge 
(amphimalla) zu unferer auf, fo wie auch die zotigen Bauchgurte 
(ventralia), und erfi jept fängt man an das Unterfleid mit breitem 
Streifen +) friesartig zu wehen. Die ſchwarzen Wollarten nehmen 
feine Farbe an; von dem Faͤrben der übrigen werben wir au ben 
paſſenden Stellen, wo von ben Seeſchnecken oder ber Eigenfchaft ber 
‚Kräuter die Rebe ift, fprechen. Ft) 

‚LXXWV. 1. Die Wolle an Roden und Spindel der Tanagutl, 
welche au) Caia Caͤcilia Tt}) hieß, war, wie M. Barıo erzählt, 


*) indem man ſie nur zufammenpreßt (daher (coaota vestis, 
Filzkleid) ohne fie zu weben. 
**) Bine Behauptung, die jegt wohl Niemand glauben wird. 
**e) Auch diefes ift nur in fo fern richtig, als die gut von Fett ge 
reinigte Wolle nicht Leicht brennt. 
2) Tunica lati olavi. Die Senatoren haben ald Abzeichen ihrer 
— einen breiten Purpurſtreifen auf dem Bruſtſtücke ihrer 
unica. 
11) Vergl. B. IX, Kap. 62—64. B. XXI, Kap. 22. 
111) In biefen römifchen Namen änderte die Gemahlin des Königs 
Targuinius Priſcus ihren etrnfeifchen Namen Tanaguil um. 





— ur 


Achtes Buch. 1001 


noch zu ver Zeit, wo er ſchrieb, im Tempel des Sangus *)'und ein 
von ihre verfertigtes, Tönigliches Mohroberkleid, *) das Servius 
Zulins**) getragen hatte, im Tempel der Fortuma vorhanden. Da⸗ 
her Tommt es, daß den Iungfrauen bei ver Verheirathung ein aufs 
gewickelter Moden und eine Spindel nebft Faden nachgetragen wurde. 


Ste webte auch zuerſt das gradſtreiſige Unterkleid, }) das die Jüng⸗ 


linge und neuvermaͤhlten Frauen mit dem ſchmuckloſen Oberkleide 77) 
anziehen. Das Mohrkleid gehoͤrte zuerſt zu den geprieſenſten, aus 
ihm entſtand das gekoͤperte. FIT) Daß bie geſchorenen und friess 
artigen Oberfleiver T*) in ber letzten Zeit des göttlichen Auguftus 
auffamen, fchreibt Feneſtella. Die dichten, mit Mohn zubereite⸗ 
ten 1**), Haben einen älteren Urſprung, da fle ſchon zur Zeit des 
Dichters Lucilius an Torquatus gerügt wurden. 2. Die verbrämten 





* 8 Ri ein famnitifcher Gott, welcher der römifche Herfules 
eyn foll 

”) Toga undulata, von gewäflertem Zeug; ih halte es für daſ⸗ 
felbe, was jest Mohr (moire) Heißt. 

***) Der Nachfolger der Tarquinius Priſcus. 
7) Tunica reota, woran die Fäden gerade herunterliefen; ohne 
Deflein, wie man jebt fagen würde. 
+) Toga pura, weil fle nicht bunt, Ionbern ganz weiß war. 
+17) Soriculata oder sororiculata. Man ift noch über die Ablei- 
tung diefes Wortes nicht einig; ich Leite ed von cogos (Haufeh, 
- Erhöhung) ab und Halte es Für das Zeug, welches wir jetzt 
geföpert nennen. 

79 Toga rasae (mit abgefchorehen Haaren, wie unfer jetziges 
Tuch) und Phryxianae (kraus, friesartig, wie dad Vließ des 
befannten Widders des Phryxus). 

7) Papaveratae. Um bie Zeuge glänzend zu machen, bebiente 
men 1 einer Miofnatt, Vergl. Plinius, B. XIX, Kap. 
XX, Ray. 78 | 


1002 G. Plinins Naturgeſchichte. 


Kleider *) nahmen bei ven Etruskern **) ihren Urfprung. Ich finde auch, 
daß fchon die Könige das gefreifte Staatöfleib ***) irugen und ſchon 
bei Homer +) gebildete Kleider (f. ob. 8.73, $. 3) vorkommen, wors 
and die Triumphfleiver ++) entftunden. Diefed mit der Nabel zu mar 
hen Tt}) erfanden bie Phrygier; 79 ſolche Kleider Heißer vefhalb 
phrygioniſche [geftichte]). Bold in fle einzuwirfen erfand ebenfalls 
in Aflen der König Attalus, +**) weßhalh ſolche ben Namen attafifdfe 
führen. Durch das Cinwirken der Mufter mit bunten Farben machte 
ſich Hauptfähli Babylon berühmt und legte diefer Arbeit feinen 
Namen bei. . Mit: vielen Fäden die Zeuge, welche Bolymita pP8) 
heißen, weben, lehrte Alexandrien, fie rantenförmig*}) abiheilen 
Gallien. 3. Metellus Scipio **+) zählt es unter den Berbrechen 
Gato’8 auf, daß ſchon damals babyloniſche Teppiche anf Syeiſernhe⸗ 
Betten 800,000 Sefterzien [76,378 Gulden] gefoftet hätten, welche 


*) Praetextae, mit einem Purpurftreifen befepte Kleider, welche 
fowohl die Magiftrate als auch die Jünglinge bis zu ihrem 
fiebenzehnten Jahre und die Mäbchen bis zu ihrer Verheira⸗ 
thung trugen. ' " 

N) B. III, Kap. 8. 
“) Mrabea ; mit Purpurſtreifen (trabibus) verfehen. 

+) Iliade III, 125, wo von Helena gefagt wird, daß fie in ihr 
Gewebe die Kämpfe der Griechen und Troer eingewirkt Habe, 

Tr) Welche von Burpur und mit Gold durchwirkt waren. 
71f) Nämlich die Kleider zu ſticken. 
1”) Berg. B. V, Kap. 41. 
1) Attalus IN. von Pergamus,(138—4133 vor Chr.). 
1’) Bon nord (viel) und wirog (Faden); bei dem alfo mehrere 
Hüben zum Ginfchlagen genommen wurben, wie etwa beim 
Mich. 
1) Bergf. oben Kap. 73, $. 2. 
1) Vergl. die Bemerkungen über die Quellen dieſes Buche. 





Achtes Buch. 41003 


doch den Kaiſer Nero anf 4,000,000 Seſterzien [381,888 Gulden] 
zu. ſtehen kamen. Die verbrämten Gewaͤnder des Servius Tullius, 
womit das Bild der von ihm geweihten Fortuna bekleidet war, hiel⸗ 
ten bis zum Sturze des Sejanus,“) und es iſt gewiß zu verwundern, 
daß ˖ fie in einem Zeitraume von 560 Jahren weder abfielen noch 
darch die Motten Schaben litten. Wir haben auch ſchon an leben⸗ 
digen Schafen die Wolle mit Purpur, Scharlach und Veildyenblau, 
und zwar fo, daß auf einen halben Fuß Raum ein Pfund Farbe 
ging, gefärbt gefehen, als ob die Ueppigkeit fle zwingen wolle, fo zu 
wachſen. 

LXXV. 1. Die Güte des Schafes zeigt ſich dinlangiich, an 


den kurzen Füßen und dem mit Wolle bedectten Bauche; die Schafe, 


Bei welchen dieſer nackt iſt, nannte man Kahlbäuche”*) und verwarf 
fle. In Syrien haben die Schafe ) ellenlange Schwänze und daran 
die weite Wolle. Die Laͤmmer zu verſchneiden, ehe fe fünf Jahre 
alt find,. Hält man für zu fräße. +) 

ur). Auch in Spanien und haupftſaͤchlich auf Eorflca gibt 
es ein dem Schafe nicht fehr unähnliches Thier, das Muflon, +7) 
deſſen Bließ aber mehr dem Ziegenhaar ald der Schafwolle gleicht. 
Die von diefer Thierart und dem Schafe erzeugten Iungen nannten 


) Aelius Sejanus, lange der allmaͤchtige Guͤnſtling bes Kaiſers 
Tiberius, wurde im Jahr 31 nach Chr. als Anſtifter einer 
Berfhtwstung eingeferfert und erdroſſelt. 

*%) Apicae, von @ und rtdnog, ohne Bließ. 

») Plinius meint das langſchwaͤnzige Schaf (ovis dolichura), 
welches man in Tfcherfefflen, am Kaufafus, in Kleinrußland 
und in Syrien findet, 

7) Man macht jetzt ſchon im zweiten Jahre Hammel. 

jr) Oris musmon, Muflon, auf Eorflca Muffolo genannt, das 
europaͤiſche oder ſardiniſche Schaf. 


/ 


1004 C. Plinius Raturgeſchichte. 


die Alten Umbrer.) 2. Das Schwaͤchſte am Schafe iſt der Korf, 
weßhalb man es auch zwingen muß, den Rüden gegen bie Gonne 
gewendet zu waiden. Die wflletragenden Thiere find die Dünmfen 
son allen, wenn fie fi fürchten, wohin zu gehen, fo nimmt man 
nur eines beim Horne und alle folgen.. Sie ‚werben hoͤchſtens zehe 
Sahre alt, **) in Aethiopien dreizehn, die Ziegen ebenfalls elf Jahre, 
in den übrigen Ländern meiftens nur acht. Beide Schafarten wer 
den beim vierten Sprunge frächtig. 
LXXVI (1). 4. Die Ziegen werfen fogar vier Junge, aber 

doch felten, und tragen fünf Mondte, wie bie Schafe. : Sepen fe 
zuviel Fett an, fo werden fie unfruchtbar. Bor ihrem dritten Jahre 
iR das Trächtigwerben von geringerem Vortheil, eben fo im ihrem 
Alter nach dem vierten Sabre. ***) Sie werben. fihon im flebenten. 
Monate, wanz fie noch: fangen, reif. Mit geſtutzten Hörnern find 
beide Gefchlechter nüglicher. Der erſte Sprung bes Tages macht 
nicht trächtig, der zweite ift wirffamer, und fo weiter. Sie empfan- 
gen im Monat November, damit fle im März, wann die Geſtraͤuche 
ausſchlagen, werfen, und zwar manchmal in ihrem erflen Jahr , Reis 
aber in ihrem zweiten; ift Diefes bis zum Dritten nicht der Wall, fo 
find ſie unbrauchbar. Sie werfen acht Jahre lang; Fehlgeburten 
werben durch Kälte" verurfaht. 2. In die unterlaufenen Augen 
Richt die Ziege mit einer Binfe, der Bod mit einem Brombeerbome 
und befreit fle fo vom Blute. Mucianus erzählt ein Beifpiel von 
der Klugheit diefes Thieres, wilches er ſelbſt auf einer ſehr ſchmalen 


2 — Miſchlinge, Baſtarde. 
Deiter doch auch mehr, und zwar bis zu vierzehn; fle liefern 
au. aber nur fleben Sahre lang Nutzen. 
I Die Gaife ift 7, der Bocks Sabre gut. 











. ben Haare hefleivet.+}) 4. Wenn die Sonne ſich zum Untergange 


Achtes Buch. 1005 


Brüde, wo zwei Ziegen von verſchiedenen Seiten her ſich begegneten, 
mitanſah. Da der enge Raum weder dad Umdrehen, noch die Länge: 
des ſchmalen Stegs, unter dem ein reißenber Gießbach drohend da⸗ 
Hincaufchte, das blinde Buräcigehen geflattete, fo legte ſich die eine 
nieder und bie andere giug über bie unter ihren‘ Füßen hingeſtreckte 
Hiumeg. Die Voͤcke mit äußerft platter Nafe, Iangen herabhängens 
den Ohren und fehr zotigem Vorderbug hält man für die beften. 
Die Güte der Gaiſen zeigen zwei an der Kehle herabhängenbe: 
Fleiſchtrotteln. Nicht alle haben Hörner, bei denen aber , die damit 
verfehen find, verräth die Zunahme der Knoten die Jahre ihres 
Alters. Mit geſtutzten Hörnern gehen fie reichlichere Mildh. 3. Daß. 
fie durch die Ohren und nicht durch Die Naſe athmen, fo wie, daß 
fie nie frei von Fieber find,*) behauptet Archelaus; fle Haben deßhalb 


vielleicht einen heißeren Athem als die Schafe und find hitziger bei 


der Begattung. Sie follen auch bei Nacht nicht weniger gut fehen 
als am Tage, und deßhalb auch die fogenannten Nachtblinden **) am 
Abend ihr Geſicht wieder erhalten, wenn fle Stegenleber efien. In 
Gilicien ***) und um die Syrten +) find die Ziegen'mit einem ſcheer⸗ 


*) Schon Ariftoteled- (Hist. animal. I, 9) verlacht diefen Unſtun. 
**) Nyotalops. Das Uebel, welches jetzt Hemeralopia (Nahte 
Blindheit, Hühnerblindheit) heißt, befteht darin, bag der Kranfe 

nach) Uinterga@® der Sonne und ſelbſt am Tage an ſchattigen 
Drten ende oder nichts ficht. — Daß übrigens das Gier an= 
egebene Heilmittel nur vom thörichten Aberglauben als wirk⸗ 

am betrachtet werden Tonnte, braucht wohl Taum bemerkt zu 
werben. .. 
”) Vergl. B. V, Kap. 22. 






© +) Berl. B. V, Ray. 4. 


" L 
tr) Plinias meint die in Kleinaflen auch jetzt ſehr häufige und 


1006 6. Plinius NRaturgefchichte. 


neigt, ſollen bie Ziegen ſich nicht mehr anſehen, ſondern von eimanher 
abgewenbet baliegen, während fle fich zu ben übrigen Giunben ein⸗ 
ander zuwenden und nach Verwandtſchaften ſchaaren.) Allen haͤngt az 
dem Kinn eine Zote herab, die man Ziegenbart) nennt; wenn mans 
eine von ber Herde an dieſem ergreift und fortzieht, fo fehen bie übtigen 
verblüfft zu. Daſſelbe foll auch der Fallfeyn, wenn eine Yon ihnen im 
ein gewifies Kraut **") beißt. Ihr Biß ift dem Baume verderblich 
und den Delbatım machen fle fogar ſchon, wenn fle daran lecken, uns 
fruchtbar, weßhalb fie auch ber Minexva-t) nicht geopferf werden. 
LXXVII cn. 1. Die Schweine läßt man vom Aufipringex 
bes Weſtwindes ++) bis zur Brühlingstagundnachtgleiche zur Be 
gattung zu. Das dazu tangliche Alter reicht vom achten, in mans 
chen Gegenden auch vom vierten Monate bis zum achten Jahre. Sie 
werfen zweimal des Jahres, +FF) fragen vier Monate und find fe 
fruchtbar, daß ſich die Zahl ihrer Jungen bis auf zwanzig 79 be 
läuft; fie können aber fo viele nicht aufziehen. Nigivins fagt, daß 
fie in den der Dinterſo menwende naͤchſten zehn Tagen mit den Zähnen 


Ey 





geihäpte age Ziege (capra hircas angorensis) mit ſei⸗ g 
denartigen Haaren. 
*) Auch Ariſtoteles (Hist. animal, IX, 4) erwähnt biefes alten 
. Aherglaubene, site 
) Aruncus, das griechiſche ovyyoc. 
**) Eryngion (Nannstreu) genannt. Manindet dieſe alberne 
Meinung auch noch in neueren Kraͤnterbůchern. 
I) Welcher der Oelbaum heilig i 
Tr) Bon der Mitte des Februare, 
112) ebog nicht immer, fondern regelmäßig nur einmal im Fräfs 


7”) Die gap Zahl iſt etwas übertrieben ; man rechnet gemöhzlih* 
VER unge. 


> 











r 


b Achtes Bud. 1007 


zur Belt kommen. *) Gie werben durch Cine Begaktung trächtig,. 


man laͤßt fle dieſe aber wiederholen, weil fie leicht fehlgebären. Ein 
Mittel dagegen ift, wenn die Begattung nicht fogleich bei der erfien 
Bruuſt, und ehe die Ohren herabhängen, flatt findet. 2. Die Eher 


find uicht über das dritte Jahr hinäus zeugungsfähig, die alters⸗ 


ſchwachen Sauen laflen ſich liegend belegen. Daß dieſe ihre Jungen 
Treffen, gehört nicht zu den Wunderdingen. Das Ferkel ifl am fünfs 
ten, das Lamm am achten und das Kalb am breißigften Tage zum 
Dpfer rein. Coruncanus ) ſtellte in Abrebe, daß Die wiederfäuen« 
ben Opferihiere cher, als fie zwei Zähne hätten, rein ſeyen. Ein 


Schwein, glaubt man, flerbe alsbald, wenn es, ein Auge verliere, 


ſonſt bringt es fein Leben auf fünfzehn, manchmal auch auf zwanzig 
Zahre.}) Sie werben aber wild und find auch fonft eine den Krank⸗ 
heiten ‚befonders der Bräune und ben Finnen, unterworfene Thiers 
art. 3. Daß ein Schwein Frank ift, zeigt das Blut an ber Wurzel 


“ einer auf dem Rüden ausgerifienen Borſte und die fehiefe Haltung 


des Kopfes beim Gehen. Bei allzufetten trilt Mangel an Milch 
ein unb bei ihrem erſten Wurfe find die Jungen minder zahlreich). 
Das Välzen im Koth iſt diefer Thierart Vergnügen. Sie haben 
einen gewundenen Schwanz; auch hat man bemerkt, daß fle leichter 
ein glüdliches Opfer werben, wenn der Schwanz zur Rechten, als 
wenn er zur Linfen gedreht if. Sie werden in fechzig Tagen fett 


und zwar am beften, wenn man die Mäftung mit einem dreitägigen 


*) Was aber Niemand leicht glauben wi 
**) BVergl. bie Bemerkungen übex bie —E dieſes Buchs. 
eꝛe⸗) Gin lächerlicher Glaube. 
+) Das wilde Schwein sieh 20 bis 25 Jahre alt; bad zahme 
* wird weit jünger gefchlachtet, fonft würbe es wahrfeheinlich 
ebenfo ‚alt werden, 


- 


1006 C. Plinius Nqturgeſchichte. 
neigt, ſollen die Ziegen ſich nicht mehr anſehen, ſondern von einander 
abgewenbet daliegen, während fie fich zu ben übrigen Stunden eins 
anber zuwenden und nach Verwandtſchaften fchaaren.”) Allen hangt an 
dem Kinn eine Zote herab, die man Ziegenbart *°) nennt; wenn mars 
eine von der Herde an biefem ergreift und fortzieht, fo fehen bie übrigen 
verblüfft zu. Dafielbe foll auch der Fall ſeyn, wenn eine von ihnen in 
ein gewifles Kraut ***) beißt. Ihr Biß iſt dem Baume verberblich 
und den Delbaum machen fle fogar fchon, wenn fle daran Ieden, uns 
fruchtbar, weßhalb fle auch ver Minerva-}) nicht geopferf werben. 
LXXVII cn. 1. Die Schweine läßt man vom Aufipringen 

des Weſtwindes ++) Bis zur Frühlingstagundnachtgleiche zur Bes 
gattung zu. Das dazu fangliche Alter reicht vom achten, in mans 
chen Gegenden auch vom vierten Monate bis zum achten Jahre. Sie 
werfen zweimal des Jahres, ++) fragen vier Monate und find fe 
fruchtbar, daß ſich die Zahl ihrer Jungen bis auf zwanzig 79 bes 
läuft; fie können aber fo viele nicht anfziehen. Nigidins fagt, daß 
fle in den ber Binterfonnenwende nächften zehn Tagen mit den Zähnen 


geſchätzte angorifche Ziege (capra hircas angorensis) mit fiir g 
vennigen Haaren. | 
*) Auch Ariſtoteles (Hist. animal. IX, 4) erwähnt biefes alten | 
erglaubens. 
) Aruncus, das griechiſche Jovyyoc. 
**+) Eryngion (Nannstreu) genannt. ManNindei dieſe alberne 
Meinung auch noch in neueren Kräuterbüchern.. 
7) Welcher der Oelbaum heilig if. _ 
TT) Bon ver Mitte des Februars. 
7tt) Ieboch nicht immer, fondern regelmäßig nur einmal im Fruͤh⸗ 


ahre. 
7°) Diefe Zap iſt etwas übertrieben; man rechnet gewöhrlih* . 


- 


\ Achtes Bun. 1007 


zur Belt Tommen. *) Sie werden durch Bine Begattung traͤchtig, 
man läßt fle dieſe aber wiederholen, weil fte leicht fehlgebären Gin 
Mittel dagegen ift, wenn die Begattung nicht fogleich bei ver erfien 
Bruuf, und Ehe die Ohren herabhängen, flatt findet. 2. Die Eber 
find nicht über das 'dritte Jahr hinäus zeugungsfähig, die alters⸗ 
ſchwachen Sauen laflen ſich liegend belegen. Daß biefe ihre Jungen 
Treffen, gehört nicht zu den Wunberbingen. Das Ferkel iſt am fünfs 
ten, das Lamm am achten und das Kalb am breißigften Tage zum 
Dpfer rein. Goruncanus ) ſtellte in Abrede, daß die wieherfäuen« 
ben Opferthiere eher, als fie zwei Zähne hätten, rein feyen. Gin 
Schwein, glaubt man, fterbe alsbald, wenn es, ein Auge verliere, **). 
Tonft bringt es fein Leben auf fünfzehn, manchmal auch auf. zwanzig 
Sabre. }) Sie werben aber wiln und find auch fonft eine den Krank⸗ 
heiten ‚befonders der Bräune und den Finnen, unterworfene Zhiers 
at. 3. Daß ein Schwein frank ift, zeigt das Blut an ber Wurzel 

" einer auf dem Rüden ausgerifienen Borſte und die fehiefe Haltung 
des Kopfes beim Gehen. Bei allzufetten tritt Mangel an Mil 
ein und bei ihrem erſten Wurfe find bie Jungen minder zahlreich. 
Das Waͤlzen im Roth if diefer Thierart Vergnügen. Sie haben 
einen gewunbenen Schwanz; auch hat man bemerkt, daß fle leichter 
ein glüdliches Opfer werben, wenn der Schwanz zur Rerhien, als 
wenn er zur Linken gedreht ifl. Sie werden in fechzig Tagen fett 
und zwar am beften, wenn man die Mäftung mit einem breitägigen 


*) Was aber Niemand leicht glauben wird. 
Vergl. bie Bemerkungen über bie Quellen dieſes Buchs. 
*ee) (Sin lächerlicher Glaube. 
+) Das wilde Schwein wird 20 bis 25 Jahre alt; das zahme 
3 wird weit jünger gefchlachtet, ſonſt würde es wahrfcheinlich 
ebenfo alt werden, 


1008 C. Blinins Naturgeſchichte. 


Faſten beginnt. Dieſes Thier if von allen das Dümmſte, und nidgt 
unwigig ift der Einfall, daß ihm die Seele nur flatt bes Sales *) 
diene. 4. Man weiß indeflen, daß Schweine, welche auf diebiſche 
Meile fortgebracht wurden, als fle bie Stimme ihres Hirten hörte, 
das Fahrzeug dadurch, daß fie ſich auf die eine Seite brängten, une 


"warfen und zurüdliefen.**) Die Leitſchweine lernen fogar in ber 


Stadt ven Marktplatz und ihre Häufer ſuchen; und auch die wilden 
Schweine ſind klug genug, ihren Urin in Pfützen zu laſſen und ſich da⸗ 
durch Die Flucht zu erleichtern.) Man caftrirt auch bie Sauen, wie 
die Kameele, indem man fle nach zweitägigem Falten an den Border 
ſchinken aufhängt und die Gebärmutter ausſchneidet; fle werben fo 
ſchneller fett. 

5. Man wendet bei der Leber der Sauen diefelbe Kunſt an, 
wie bei ver Leber der Gänfe, indem man file nach einer Erfindung des 
M. Apicius +) mit getrodineten Feigen mäftet und wenn fie fett find, 
nachdem man fle zusor mit Meth getraͤnkt Hat, ploͤtzlich abſchlachtet. 
Kein Thier liefert der Garfüche einen-fo reichlichen Stoff; man Bes 
reitet aus ihm an fünfzig Lederfpeifen, aus ben übrigen aber nur 
einzelne. Daher rühren bie Stellen in den Gefetzen der Genforen TT) 





*) Damit es nicht verfaule, 
**) Aelian (Hist. animal. VIII, 19) erzählt diefe Befchichte etwas 
umftändlicher. 
+) Se fie auf biefe Weile den Jägern und Hunden ihre Spur 
entzie en. 
+) Eines berühmten Schlemmers, welcher zur Zeit des Kaifers 
Tiherius lebte und fich, nachdem er fein Bermögen verpraft 
hatte, vergiftete. Das noch unter feinem Namen vorhandene 
— a übrigens nicht von ihm, fondern fällt in eine weit 


foat 
{DD Weide dV ſachlich über die Sitten zu watheꝛ hatten. 


J 





Achtes Beh. —. 1009 
und bie Verbote, den Schmeerbaudh, die Drüfen, die Hoden, die Ges 
bärmutter und die Kinnbacken ber Schweine auf die Tafel zu bringen, 

‚und doch gab der Mimendichter Publius, *) nachdem er ſich aud dem 
Sklavenſtand befreit hatte, fein Gaftmahl ohne Schmeerbauch, wel: 
chem er auch den Namen Sumen (Suter) beilegte. 

LXXVIII. 1. Auch an den wilden Schweinen fand man Be 
Hagen’und ſchon die Neben bes Cenſors Cato eifern gegen den Wilb- 
ſchweinsrücken. Man theilte dieſen jevoch in drei Teile ; das Mittel- 
ſtück wurde aufgetragen und hieß Wildſchweinslenden. Gin ganzes 
Wildſchwein jegte von den Römern zuerft P. Servilius Rullus , der 
‚Bater jenes Rullus, der unter dem Conſulate Eicero’s [63 vor. 
Ehr.] den Borfchlag zu: einem Ackergeſetze machte, ) bei einem 
.Schmaufe vor. 2. So nahe liegt der Urfpeung einer jebt alltaͤg⸗ 
‚lien Sache. Huch diefes bemerken unfere Annalen, offenbar um 
jene Sitte zu rügen, nach welcher nicht einnial während der ganzen 
‚Mahlzeit, fondern fchon fogleich beim Anfange zwei und drei Wild⸗ 
ſchweine auf einmal verzehrt werben. | 


*) Der berühmtefle Mimendichter, Publius Syrus,, lebte zur 
Zeit des Auguftus. Ob er mit dem bier erwähnten eine und 
Diefelbe Perfon ift, Täßt fich nicht mit Beſtimmtheit ermitteln. _ 
Der Charakter des Publius Syrus wird von feinen Zeitges 
noffen fehr gerühmt, während Blinius den bier erwähnten 
Publius als einen Schlemmer zu bezeichnen ſcheint. — Mimen 
find Dramen, deren Stoff aus dem römifchen Volksleben ges 
nommen war, 

*) Der. Tribun Rullus machte den Antrag, die Staatölänbereien 

zu Gunften der Plebejer zu verlaufen, welchen aber, Cicero 

bintertrieb, wie man aus deſſen noch vorhandenen Neben über 

. diefen Gegenfiand (de Jege agraria in Servilium Rullum) 
erſehen kann. 


410 GC. Pliniub Naturgeſchichte. 


am. Thiergärjen für dieſes und anderes Wiln brachte von 
den römifchen Bürgern zuerſt Fulvius Lupinus auf, der im Tarıık 
niſchen Gebiete *) die Fütterung wilder Thiere veranflaltele. 2. Eu 
cullus und D. Hortenfins faumten nicht, ihm nachzuuahmen. **) 
3. Die wilden Schweine haben nur einmal im Jahre Junge. 
Während der Begattungszeit zeigen die Cber bie meiſte Wildheit; 
fie kämpfen alddann mit einander, indem fie fich die Selten ber 
Keiben an Bäumen härpten uud fich mit Koth panzern. Die Bachen 
find, wenn fle geworfen Haben, wilder, was faft bei allen Arten des 
Wildes der Fall if. Die Eher werben erſt, wann fie ein Jahr alt 
find, zeugungsfähig. Im Indien wachen ihnen zwei ellenlange 
gebogene Zähne and dem Hüffel and ebenfo viele aus der Stirne, ) 
wie bem Kalbe die Hörner. Die Vorſten der dortigen Wilbfepweine 
"find fupferfarbig , die der andern ſchwarz. In Arabien gibt es 
Teine Schweine. . 
LXXIX au. 4. Bei keinem Thiere iſt die Mifchung mil der 
wilden Art fo leicht; die auf ſolche Weife erzeugten Jungen nannten 
die Alten Hybriden, +) gleichfam Halbwilde, und man übertrug 


) Bergl. B. IL, Kay. 3,8. 3. 
») Bergl. Barro, de re rast. IH, 12. 13. 
ee) Blinius meint bier offenbar den in den ſumpfigen Waͤlbern ber 
indifchen Inſeln ſich ſindender und erſt in ben letzten Jahr⸗ 
zehnten in Europa genauer bekannt gewordenen Hirſcheber (sus 
babyrussa). Seine langen oberen Hauer, die nach oben 
wachfen, dringen bioweilen ſelbſt in das Fleiſch der Stirne ein 
und moͤgen den Glauben der Alten, daß ihm auch auf der 
9 —* zwei — 5 — wachſen, enagt haben. m 
nge, Baſtarde, yon vpeig, weil fle gleichfam t 
gegen bie Natur find, Bei fe gleichfa are 





Achtes Buß. 1011 


Diele Benennung au auf Menfchen, wie auf ven C. Antonius,” 
der mit Cicero das Conſulat bekleidete. Nicht nur von den Schwei⸗ 
nen aber, fondern überhaupt von allen Thieren, von denen es eine 
zahme Art gibt, hat man auch eine wilde, wie denn ſchon früher **) 
von fo vielen Stämmen wilder Menfchen gefprochen wurde. 2. Die 
waeiften Spielarten liefern jedoch die Siegen. Es gibt Rebe, **") es 
gibt Gemſen +) und gibt Steinböcke; T}) die letztern beſitzen eime 
bewunderungswuͤrdige Schnelligkeit, obfchon ihr Kopf mit breiten, 
Schwertericheiden ähnlichen Hörnern belaftet if; auf biefen bringen . 
fie fih in Schwung, um fich wie durch ein Wurfgeſchütz auf die 
Belfen zu fchnellen, befonbers wenn fle von einem Berge zum andern 
überjeben wollen, und fpringen jo durch das Anprallen immer fchneller, 
wohin es ihnen beliebt. +7}) Es gibt auch Spießgemfen, +”) die 
alfein, wie Manche angeben, mit verfehrtem und nad) dem Kopfe 
hinſtehenden Haare befleivet find. Auch gibt es Damgemfen, +**) 


) Gewöhnlih E. Antonius Nepos genannt. 

=‘) B. VII, Rap. 2. 
**%) Caprea — Cervus eapreolus, gemeined Reh. 

+) Rupicapra — Antilope rupicapra, gemeine Gemſe. 
}}) Ibex — Capra ibex, der europäifche Steinbod. 

771) Die Meinung, dag ſich der Steinbock beim Springen auf feine 
Hörner flüge, it gänzli falfh; bei feiner Schwere würde 
ihm. diefes fehr fchlecht befommen.. 

+*) Oryges. Die Spießgemfe (antilope oryx) ift vom Kreuze 
bis zum Scheitel widerborftig. | 

4°") Damae. Dan ift immer noch zweifelhaft, welches Thier Pli⸗ 
nius mit dem etwas vagen Namen Dama bezeichne. Wahr: 
ſcheinlich meint er aber die afrilanifche Damgemfe (antilope 
dama). Andere wollen barunter die arabifche Gazelle (antilope 
arabica) verſtehen. Ä . 


1012 G. Plinius Naturgeſchichte. 


Blaͤßbode, ) Schraubengemfen **) und noch viele andere diefen nicht 
unähnliche Arten; aber jene ***) ſchicken die Alpen und biefe F) dr 
überfeeifchen Gegenden. 

-LXXX cum. 1. Auch die Affenarten, welche ber menfchlichen 
Geſtalt am nächften fommen, unterfcheiven ſich von einander durch 
die Schwänze. Sie befipen eine wunderbare Geſchicklichkeit und 
follen ſich, weil fle die Jäger in allem nachahmen, mit Bogelleim 
befireichen und die Füße in Schlingen fleden. $}) Mucianus ex 
zählt, daß fie fogar Schach frielten und die aus Wachs gebilbeten 
Figuren durch die Hebung unterfcheiben lernten. Die gefchwänzten 
Arten find bei abnehmendem Monde traurig und verehren ben Rens 
mond. buch Iuftige Sprünge. Bor der BVerfinfterung der Geſtirne 
fürchten ſich indeſſen auch bie übrigen vierfüßigen Thiere. +77) 
2. Das Affengefchlecht Hat eine überaus große Liebe zu feinen Jun⸗ 
gen... Die zahmen Weibchen; welche. in den Wohnungen ber Men 
fchen geboren haben, tragen ihre Jungen auf den Armen, zeigen fie 
Sedermann und freuen fih, wenn man fie ſtreichelt, gleich ald wenn 
fie dieß als eine Beglücwünfchung betrachteten ; deßhalb erfliden fie 
Diefelben auch fehr oft durch ihre Umarmungen. Wilderer Natur 
find die Hundsföpfe +”) und Satyın. 7°) . Durch ein faft ganz 

*) Pygargus — antilope pygarga. Die Benennung pygargus 

(mit weißem Bürzel) paßt übrigens aufmehrere Gazellenarten. 
**) Strepsiceros — antilope. addax. Vergl. B. XI, Kap. 45. 
“s“) Die Rehe, Gemfen und Steinböde. . 
7) Die Damgemfen, Bläßböre und Schraubengemfen. 
77) Woburd fie in die Hände der Jäger gerathen. 
tir) Die lebte Bemerkung ift richtig; Was aber von ber Trauer 
| und Freude ber Affen bei dem Wechſel des Mondes gefagt 
wird, müßiges Gerede. - 
‚?°) Cynocephalas — simia hamadryas, arabifcher Affe. 
Trus = simia satyrus, Orang⸗Utan. 


- 








RR. 1948 


anderes Anfehen unterſcheiden ſich die Callitrichen; *) fle haben einen 
Bart im Geſichte und einen am Anſatze fehr breiten Schwanz. "Dies 
fes Thier ſoll unter feinem aubern Himmelsſtriche, ald unter dem 
Aethivpiens, wo ed zu Haufe ift, fortlommen. 

LXXXI av). 1. Auch von ben Hafen gibt e8 mehrere Arten z 
in deu Alpen find fie weiß *") und hier dient ihnen, wie man glaubt, 
während ber Wintermonate ber Schuee ald Nahrung; gewiß if’s, 
Daß fie jebes Jahr, wenn diefer ſchmilzt röihlich werden; übrigens 
gedeiht dieſes Thier auch bei einer unerträglichen Kälte, — Zu dem 
Haſengeſchlecht gehört auch bie Art, welche man in Hifpauien Kr 
ninchen ***) nennt; fle vermehren ſich ind Zahlloſe und verurſachen 
auf den Balearifchen Infeln-}) durch Verheerung der Erndten Huns 
gersnoth. 2. Die aus dem Mutterleibe geſchmittenen oder von ber 
Bruſt genommenen Jungen ſpeist man, ohne fle vorher von ben, Eine 
geweiden zu reinigen, als fehr große Leckerbiſſen und nennt fie Lau⸗ 


rices. tr) Gewiß if, daß die Bewohner der Balearen gegen bie 


Ueherhandnahme derſelben von dem goͤttlichen Auguſtus Truppenbei⸗ 
Rand exhaten, ‚Su großer Gunft fliehen die Frettchen +44) wegen. 
ber Jagd ber Kaninchen. Man wirft ſie in die unter der Erbe bes 
ſindlichen und mit vielen Ausgängen verfehenen Höhlen, wovon auch 
das das Kaninchen feinen Namen hat, 1°) und fängt bie auf dieſe Weiſe 


5 Eqꝙ Schoͤnhaarige; fle find eine Spielart des arabiſchen Affen. 

Der Alpenhafe (lepus variabilis) if im Winter weiß und im 
Sommer grau ; baß der Farbenwechſel aber nicht vom Schnees 
freflen herrühre, braucht wohl faum bemerkt zu werden. 

*#) Lepus euniculus, fpanifch oonejo, conejille. - 
3 Mo nad) jegt die Kanindjen ſehr Häufig find. 
+) Ein ung unverftändlicheg, wahrſcheinlich ariſches Wort. 
) Viverra = müstela furo. 

Canioulus Heißt auch ein aenleritdiſcher Bang. 


G. Blinius Naturgeſch. 86 Bdchn. 


1014 G. Puntus Naturgeſchichte. 


heraudgetriebenen. — Archelaus behauptet, ſo viele Behälter für 
ben Roth ber Safe im Leibe habe, fo viele Jahre fey er alt. Jene 
finden fich wirklich nicht immer in gleicher Anzahl. ) 3. Derfelbe 
fagt auch, daß jeder Haſe das Zeugungsvermögen beider Geſchlech⸗ 
ter habe und ich ohne Zuthun eines Maͤnnchens fortpflanze. *) Die 
Natur zeigte ſich darin gütig, daß fle unfchähliche und efhare Tiere 
fruchtbar ſchuf. Der Hafe, zur allgemeinen Beute geboren, R auf 
anfer dem Daſypus 9 das einzige Thier, welches überftuchtet 
wird; ein Junges zieht er auf und im Leibe trägt er zugleich ein 
ſchon mit Haaren befleibetes, ein unbehnartes und ein erſt entfinnves 
need. Man bat auch aus dem Haſenhaar Kleider zu verfertigen ge 
ſucht; es fühlt ſich aber dann nicht mehr fo weich an, wie au dem 
Kelle, und bie Kleider tragen fi) wegen ber Kürze des Haares 
ſchnell ab. ‘ 

LXXXII (vo. 1. Die Hafen werben felten zahm, obſchon 
man fle eigentlich auch nicht wild nennen Tann; denn viele Tiere 
find weber zahm och wild, fondern Halten ſich ihrer Eigenſchaft nach 
zwifchen beiden in der Mitte, wie bei ben Vögeln die Schwalben un 
Bienen, und im Meere bie Delphine. 





*) Neuere Naturforfiher Haben biefe Bemerfung nicht gemacht. 

*) Die bis in die neuere Zeit reichende falſche Anflcht, daß vie 

. Hafen Switter feyen, wurde durch die Bildung der Zeugungk⸗ 

theile des Hafen veranlaßt; die Eichel an der weiblichen Ruthe 

ift nämlich faft eben fo ftarf und eben fo weit hervorragend, 

als an der männlichen, und die Rammler haben in ber Jugend 
außen weber Beutel noch Geilen. 

) Der griechifche Name für Kanindden, was aber Blinius über⸗ 

SR er mashte — ben pahe zu einem befonbeen 

ere. e Ueberfruchtun 8 uron em en⸗ 

geſchlechte nichts Seltenes. 8 j as f 





Au · 1015 


\ 
wvın. 3u diefer Gattung zählen Biele auch unfere Hausges 


noſſen, bie Mäufe,”) ein fogar Bei den Staat betreffenden Vorbeden⸗ 


tungen nicht au verachtendes Thier. Dem marflfchen Krieg.**) zeige 
ten fie au, als fle zu Lanuvium ***) die ſilbernen Schilder, und den 
Tod des Feldherrn Carbo, +) als fle zu Elnflum [&hiuff] die Riemen, 
welche diefer zu feiner Befchuhung brauchte, annagten. 2. Mehrere 
Arten berfelben gibt es in dem cyrenälfchen Gebiete, FT) einige mit 
breiter, FF) andere mit fpißer Stine +*) und wieber andere mit 
ſtachlichtem Haare 1**) nach Igelart. Theophrafus erzählt, daß 
fie auf der Infel Gyarus [Iura], nachdem fle die Einwohner vertries 
ben, fagar das Eiſen angenagt hätten, daß fle dieß auch aus einem 


natürlichen Triebe bei den Chalyben 4***) in den Gifenfchmienen 


ihun, und daß man ihnen deßhalb auch in den Goldgruben ven Bauch 
auffchneide und bafeldft fletd das Geſtohlene finde, fo weit gehe ihre 
Luſt zum Diebflahle. 3. Die Annalen berichten, daß während. der 
Belagerung Gafllinums [Rovacagliad} durch Hannibal”}) eine Maus 
für 200 Denare [76 Gulden] verkauft wurbe, und daß der Berfäufer 
Hungers flarb, der Käufer aber am Leben blieb. Wenn meiße Mäufe 
zum Borfchein kommen, fo gelten fle als eine glückliche Borbebeutung, 


*) Mus musoulus, die Hausmaus. 
*) Zewohnlich der Bundesgenoſſenkrieg genannt, Bol. 2. II. 


ee) FEN 7 ein Tempel der Juno befand. gJetzt Civita Lavinia. 
7) €. Papirius ( Garbe war im I. 120 nach Chr. Eonful. 

Ri Bel. B. V. Kay. 5 
m) Die gewöhnlichen Mänfe und Ratten. 

+1’) Die Spitzmaus (sorex araneus). ' 

+°°) Die Hleinere Ratte (echimys nilotious, mus oahiranus). 
4) Bol. B. VI, Kay. 4,$.2. B. VII, Kap. 57, $. 6, 

*+) Bl Living, 2. "Ex, Kap, 19. 


v 





⸗ 


wois C. Pliniud Maturgefigiäte. 


Dagegen ſtad unſere Annalen voll davon, vaß durch das Pfeifen ber 
Spitzmaͤnſe die Auſpicien aufgelöst wurden. Nigidius bemerkt, daß 
auch die Spigmäufe fi im Winter verbergen; ebenſo wie bie Schlaf⸗ 
zagen *), welche bie @efege der Genforen **) und der Prineps JErſte 
des Senats] M. Scanrus während feines Konfulats ſ115 vor Ehr.] 
eben fo von ven Mahlzeiten ausſchloßen, wie hie Schaltgiere und bie 
aus einem andern Welttheile eingeführten Bögel. **) 4. Auch die 
fes Thier ift Halbwild, und feine Fütterung in Fäffern veranſtaltete 
derfelbe, F) welcher zuerſt Wildſchweine hegte. Man hat dabei die 
Bemerkung gemacht, daß nur die aus einem und demſelben Walde 
ſtammenden beiſammen gut thun und daß ſie, wenn man fremde, vie 
durch einen Fluß oder Berg davon getrennt waren, unter fie bringt, 
einander tobt beißen. Ihre alterſchwachen Eltern näbren fle mit ans: 
gezeichneter Zärtlichfeit. Das Alter enbigt mit dem Winterfchlafe, 
denn auch fle liegen im Winter verſteckt und werben mit dem Sommer 
wieder jung, wie bie Sichelmänfe, ++) bie eine aͤhnliche Winterruht 
halten. on 
LXXXIH <(ivm. · 4. Es iſt wunderbar, daß die Ratur nicht 
‚nur andern Ländern andere Thiere gegeben, fondern daß fle in bems 


*) Glis = Seirus glis, gemeine Schlafratze, Siebenfchläfer. 
9) Bel. Kap. 77, $. 6. 
eee) Diefes von M. Aemilius Scaurus gegebene Geſetz hieß Lex 
Aemilia cibarla und beflimmte die Art und die Anzahl ber 
Speifen bei den Gaftmahlen. — Das unter dem Namen bed 
Apicius vorhandene Kochbuch befchreibt (3, VIIL, Kap. 9) die 
Zubereitung ber Schlafragen. 
7) Suloins Lupinus; vgl. Kap. 78, $. 2. 
11) Nitela — glis nitela, mus quereinus, Gichelmaus, große Ha⸗ 
ſelmaus. Das Wiederfungwerben diefer Thiere gehört zu den 
alten Iebeln. 


"a 





Achtes Bu. 1017 


felben Lundſtriche gewilen Drien manche verfagt Hat. Im möflichen 
Balve [Bosco di Baccano] in Italien finvet man dieſe Schlafragen 
ine an @iner Stelle; in Lycien *) gehen die Bagellen N nicht über 
bie an Syrien Roßenben Berge und bie wilden @fel nicht Aber den 
Berg, welcher Cappadocien von Eilicien ***) ſcheidet. Am Helless 
pont überfchreiten die Hirſche die fremden Grenzen nicht; bei Argi- 
hufla +) gehen fie nicht über den Berg Elaphus [Hirfchberg}-hinaus 
und haben auf biefem Berge gefpaltene Ohren. 2. Auf.der Infel 
Borofelene laufen die Wiefeln nicht über ven Weg; in Boͤotia ficken 
vie nach Lebadia [Linabia] gebrachten Maulwuͤrfe dirfen Bopen, waͤh⸗ 
rend fle zu Orchomenus [Üurfocgeri] bie ganzen Geſilde unterwäh- 
Yen; wir haben auch aus den Fellen dieſer Thiere verfertigte Bett: 
Deren gefehen ; fo wenig vermag die Heilige Schen vor Scheußlichem 
über bie Meppigkeit! Auf Ithaca [Thiali] erben die Hafen ſogleich 
wenn fle die Küfte berühren, und anf Cbuſus [Iriga] ebenfalls auf 
der Kuͤſte Die Kaninchen, während biefe nicht weit davon in Hispanien 
wid auf den Balearen wimmeln. In Eyrene +++) waren bie Froͤſche 
ſtumm, und dieſe Art dauerte fort, als auch von dem Feſtlande qua- 
ckeude vahin gebracht wurden. Auch auf der Iufel Seriphus [Serfol _ 
ſind ſie ſtumm, quacken aber, went fle anderswohin verſetzt werben, 
was auch bei denen im See Sicendus in Theſſalien +*) der Fall — * 
5 Bol. B. V, Rap. 27. 
») Doreas — antilope dorcas, geneine Gazelle. 
”*) ae Eappabocien vgl, B. V ‚ Kap. 41; über Eilicien B. V, 
. Ka 
7) Dal. Fr v, Kap. 39, $. 3 
Tr Bgl. B. V, Kap. 38, $. 2. 
+) Ba. B. V, Rap. 5, $. 1. Vgl. Aelian, Hist, animal. III, 35. 
1°) Bel. B. IV, Rap. 15. Der See Sicendus fommt fonk nir⸗ 
gende vor; in manchen Handfihriften wirb ber Name Sicander 
geſchrieben. 
& 


106, -  E. Plinius Naturgeſchichte. 

Dagegen find unfere Annalen voll davon, vaß durch das Pfeifen ver 
Spitzmaͤuſe die Aufpicien aufgelöst wurden. Nigibius bemerkt, daß 
auch die Spigmäufe fi im Winter verbergen; ebeufo wie bie Schlaf: 
sagen *), welche bie Geſetze der Genforen **) und der Princeps [Erle 
des Senats] M. Scanrus während feines Gonfulats [115 vor Chr.] 
eben fo von ven Mahlzeiten ausſchloßen, wie hie Schalthiere und bie 
aus einem andern Welttheile eingeführten Bögel. ***) 4. And die 
fes Thier iſt halbwild, und feine Fütterung in Fäſſern veranftaltete 
derfelbe, +) welcher zuerſt Wilbfchweine hegte. Man hat dabei die 
Bemerkung gemacht, daß nur die aus einen: und demſelben Walde 
ſtammenden beifammen gut ihun und daß fie, wenn man fremde, vie 
durch einen Fluß oder Berg davon getrennt waren, unter fie bringt, 
einander tobt beißen. Ihre alterſchwachen Eltern nähren fle mit aus⸗ 
gezeichneter Zärtlichfeit. Das Alter enbigt mit bem Winterfchlafe, 
denn auch fle liegen im Winter verſteckt und werden mit bem Sommer 
wieder jung, wie bie Cichelmaͤuſe, ++) die eine ähnliche Winterruhk 
halten. ‚ . 

LXXXII (Lv. . 1. Es if wunderbar, daß die Natur wicht 
‚nur andern Ländern andere Thiere gegeben, fondern daß fle in bems 


x 


*) Glis = Seiras glis, gemeine Schlafrage, Siebenfchläfer. 
6) Pol. Kap. 77, 8. 5. 

**) Diefes von M. Aemilius Scaurus gegebene Geſetz hieß Lex 
Aemilia cibaria und beflimmte die Art und die Anzahl der 
Speifen bei den Gaftmahlen. — Das unter dem Namen des 
Apicius vorhandene Kochbuch beſchreibt (B. VIIL, Rap. 9) bie 
Zubereitung der Schlafragen. 

1) Sulvins Lupinus; vgl. Kap. 78, $. 2. 

17) Nitela — glis nitela, mus quereinus, Eichelmaus, große Ha⸗ 
felmaus. Das Wiederjungwerden diefer Thiere gehört zu den 
alten Tabeln. 

de 


Achtes Buch. 1017 


felben Lundſtriche gewiſſen Orten manche verſagt Hat. Im moͤſtſchen 
Walbe [Bosco di Vaccano] in Italien ſinvet unan dieſe Schlafrapen 
nar an Einer Sielle; in Lycien *) gehen die Bagellen N nit über 
die an Syrien Roßenen Berge und bie wilden @fel nicht Aber den 
Berg, welcher Cappadocien von Cilicien ***) ſcheidet. Am Helless 
pont überfchreiten die Hirſche die fremden Grenzen nicht; bei Argi⸗ 
nuſſa +) gehen fle nicht über den Berg Glaphus ſHirſchbergh hinaus 
und haben anf diefem Berge gefpaltene Ohren. 2. Anf.der Infel 
Borofelene Inufen vie Wiefeln nicht über den Weg ; in Boͤotia fliehen 
vie nach Lebadia Livabdia] gebrachten Maulwurfe diefen Bopen, wäh- 
rend ſie zu Orchomenus Turkochori] die ganzen Geſilde unterwaͤh⸗ 
len; wir haben auch aus den Fellen dieſer Thiere verfertigte Bett⸗ 
decken geſehen; fo wenig vermag bie heilige Schen vor Scheußlichem 
über die Veppigkeit! Auf Ithaca [Thiali] ſterben die Haſen ſogleich 
wenn ſie die Kuͤſte berühren, und auf Cbuſus [Iriza] ebenfalls auf 
der Kuͤſte Die Kaninchen, während diefe nicht weit davon in Hispanien 
suid auf den Balearen wimmeln. In Eyrene F}}) waren die Froͤſche 
Hamm, und biefe Art dauerte fort, als auch von dem Feſtlande qua⸗ 
ckende dahin gebracht wurben. Auch auf.der Iufel Seriphus [Serfo] 
ſind fle ſtumm, quaden aber, went fle anderswohin verfegt werben, 
was auch bei denen im See Sicendus in Theflalien +*) der Fall jeyn 
9) Bel. B. V, Kap. 27. 
*) Dorcas = antilope dorenas, gemeine Gazelle. 
Per Eappadocien vgl. B. V, Kap. 41; über Eilicien B. V, 
. Ka 
5 EU & v Rıy. 39, $. 3 
+7) Bol. B. V, Kay. 38, $. 2. 
+ıtt) Ba. 3. V, Kap. 5, $. 1. Bol. Xelian, Hist, animal. II, 35. 
1°) Bel. B. IV, Kap. 15. Der See Sicendus kommt fonft nir- 
gende vor; in manchen Handſchriften wirb der Name Sicander 
geſchrieben. 
& 


1018 G. Punius Naturgeſchichte. 
ſoll. 3. In Italien iſt der Biß der Spitzmäͤuſe giftig; in dem Laube 
ſtriche jenfeltö der Apenninen findet man fle nicht; fie fterben, wo fie 
ſich auch aufhalten, wenn fle durch ein Wagengleis laufen. *) Auf 
dem Berg Olympus [Lada] in Macedonien gibt es feine Wölfe, uud 
auch nicht auf, der Iufel Greta. Ebendaſelbſt finket man weber Fuͤchſe, 
noch Büren, noch irgend ein anderes ſchaͤdliches Thier aufer der Wal⸗ 
zeufchiene,, von welcher Spinnenart wir an ber betreffenden Stelle") 
ſprechen werben. Noch wunderbarer ifl, daß es auf derfelben Inſel, 
mit Ausnahme des Gebietes der Eyboniaten [Ranea], Teine Hirſche 
und auch ‚eine Wildſchweine, Hafelhühner und Igel, in Africa aber 
weber Wildfchweine, noch Hirſche, noch Rebe, noch Bären gibt. *") 

LXXXIV (us). Auch gibt e8 einige Tiere, welche den Landes⸗ 
bewohnern unſchaͤdlich find, Frenide aber töbten, wie die Heinen 
Schlangen zu Tirynth, +) welche die Erde hervorbringen foll. Cbenſo 
gefährden in Syrien, befonderd an ben Ufern des Cuphrat, bie 
Schlangen bie ſchlafenden Syrer nicht, und beißen fie diefelben auch, 
wenn fle von ihnen getreten werben, fo fihabet das Gift nichts, waͤh⸗ 
rend fie alle Andere, welchem Volke fie auch angehören, anfeinben 
und ihnen mit großer Luſt und Dual das Beben nehmen, weßhalb bie 
Syrer fie auch nicht tobt fchlagen ; Dagegen werben, wie Ariftotele® 
erzaͤhlt, auf dem Berge Latmus +1) in Carien von den Scorpionen 


*) Alles hier von der Spitzmaus Orfagte ift falſch. 
) B. XI, 8. 25 und B. XXIX, 8.2 

*) So richtig der in diefem Rapitel aufgefllite Sak ift, daß ans 
dern Himmelsſtrichen auch andere Thiere eigen find, fo wen 
barf man die hier gegebene fcharfe Abgrenzung und die d 
verbundenen albernen Babeln glauben. | 
N Re, B. IV, Ray. 9, $. 1 

i. B. IE, Rap. 31, 8.3. 


» 





Achtes Bud. 1019 


bie Fremden nicht verleßt, die Cingeborenen aber getoͤdtet. — 
Doch wir wollen jetzt auch von ben übrigen Thierarten und dann von 
den andern auf ber Erbe befindlichen Dingen ſprechen. 


°) Bir brauchen wohl faum zu bemerken, daß ber Inhalt dieſes 
—— aus altem Aberglauben beſteht und Feine Widerlegung 





Römiſche Profaifer 
in 


„ neuen Ueberſetzungen. 
Herausgegeben 
von 
C.N. v. Oſiander, Rrälaten zu Stuttgart, - 
ur | und 
G. Schwab, Ober⸗Conſiſtorial⸗ und Studienrath zu Stuttgart. 





Hundert ſieben und ſiebenzigſtes Bändchen. 
— — —— —— —— 
Stuttgart, 

Verlag der J. B. M etlerfchen Buchhandlung. 

1853, 


Cajus Blinius' Secundus - 


\ 


Naturgefdidte 


Ueberfegt und erläutert 
| von 


Dr. Ph. 9. Külb, 
| Stadtbibliothekar du Mainz. 


Neuntes Bändchen. 





Stuttgart, 
Verlag der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1853. 


Plining Serundus Naturgefchichte. 





Neunte8 Bud. 


v 


Naturgefhichte der Wafferthiere. 





NEE ‚ Inhalt, 


Kay. L Warum im Meere die größten Thiere find. IT. Thiere 
des indifchen Meeres. III. Welche in jedem Ozean die größten find. 
IV. Bon den Geftalten ver Tritonen und Nereiden. Bon den Geftalten 
ber Seeelephanten. V. Bon den Malen; von den Schwertwalert. 
VI. Ob die Fiſche athmen; ob fie fchlafen. VII. Von ven Delphinen. 
VIII. Wen fie geliebt haben. IX. An welchen Orten fie in Gefellfchaft 
mit den Menſchen fiihen. X. Was man fonft Seltiames von ihnen 
weiß. XI. Bon den Meerfchweinen. XI. Bon den Schildkröten; was 
für Arten von Mafferfchildfräten es gibt und wie fie gefangen werben. 
XII. Wer zuerft die Echilpfrötenfchale zu fchneiden erfand. XIV. Ein⸗ 
theilung der Fiſche in Gattungen. XV. Von ven Seefälbern ober Rob⸗ 
ben; welche Seethiere [mit Haar.befleivet find oder] Fein Haar haben 
und wie fie gebären. XVI. Wie viele Arten Fifche es gibt. XVH. 
Welche Zifche die größten find. XVIII. Die Thunne, Cordylen, Pela⸗ 
miren, Einſalzung derfelben in einzelnen Etüden, Melyandrien, auser= 
Iefene Stüde [Apolekten], Würfel [Eybien]. XIX. Die Bonite; bie 


1026. G. Plinius Naturgeſchichte. 


Makreelen. XX. Welche Fiſche fih nicht im Pontus finden; welche 
hineingehen und welche anberwärts zurüdfehren. XXI. Warum bie 
Fiſche aus dem Waſſer herausipringen.e XXI. Duß die Fifche zu Vor⸗ 
beventungen dienen. XXIII. Bei welcher Fifchgattung es Feine Männ⸗ 
hen gebe. XXIV. Welche einen Stein. im Kopfe haben; welde im 
Winter verborgen liegen; welche im Minter nur an beftimmten Tagen 
efangen werden. XXV. Welche im Sommer verborgen bleiben; welche 

File durch den Einfluß des Hundfterns leiden. XXVI. Bon ber Meer 
äfche. XXVI. Bon rem Stör. XXVIII. Bon dem Wolfsbärſch; 
von der Meertrüfhe. XXIX. Bon dem Papageifilche ; von der Trüſche. 
XXX. Arten der Meerbarben;, [ihr Begleiter,] ber Geißbraffe. . 
Wunderbare Preife der Fiſche. XXXII. Daß nicht Überall‘ dieſelben 
Gattungen beliebt ſeyen. Die Rabenfiſche. XXXIII. Bon den Kiemen; 
von den Schuppen. XXXIV. Fiſche, welche einen Laut von fich geben 
und feine Kiemen haben... XXXV, Welche auf das Land herausgeben. 
Zeiten des Fanges. XXXVI. Eintheilung der Sifche nach der Geſtalt 
des Körpers. Unterſchied zwiſchen den Dornbutten und Blatteiffen. 
Bon Tangen Fiſchen. XXXVH. Don den Finnen der Fiſche und ihrer 
Art zu Schwimmen. XXXVIII. Die Flußaale. XXXIX. Die Mu- 
ränen. XL. Gattungen der platten Fiſche. XLI. Der Schiffshalter; 
Sapbertränfe aus bemfelben. XLII. Welche Fifche die Farbe ändern. 
XLIII. Bon der Seeſchwalbe; von dem Fiſche, welcher bei Nacht leuch⸗ 
tet, von dem Horneocdhen;, von ber Queiſe. XLIV. Bon ven Fifchen, 
welche fein Blut haben; welche von den Fiſchen weiche heißen. XLV. 
Bon der Dintenfchnede; welche Fiſche aus dem Waſſer fliegen; von ber 
Seefage, von den Scanımmufcheln. XLVI. Bon ven Armirafın. XLVH. 
Von dem fchiffenden Armkraken. XLVIII. [Arten der Armkraken und 
ihre Klugheit] XLIX. Von dem fchiffenden Nauplius. L. Die mit 
einer Kruſte bedeckten Wafferthiere; von den Heuſchreckenkrebſen. LI. Krebs⸗ 
arten, von dem Einſiedlerkrebſe; von den Geeigeln; von den Schnecken; von 
ten Kimmen. LII. Mufchelarten. LIII. Wie vief Stoff zur ieppigfeit fich im 
Meere finde. LIV. Bon den Perlen, wie ınd mo fie entftehen LV. 
Mie fie ggefinten werben. LVI. Was für Arten von Perlen es gebe. 
LVII. Was an ihnen zu bemerken iſt; welche Befchaffenheit fie haben. 
LVIN. Auf fie bezügliche Betfpiele. LIX. Wann fie zu Rom zuerft in 
Gebrauch gefommen. 1X. Befchaffenheit ver Leiſtenſchnecken und ber 
Purpurfchneden. LXI. Welche Gattungen von Purpurfchneden es ‚gebe. 
LXII. Wie man Wolle damit färbt. LXIM. Mann man fich zu Rom 
ze Purpurs bediente, wann des breiten Auffchlages und ber verbrämten 
naa TXIV. Bon ben Fonchylienfarbenen Kleidern. LXV. Bom 

vom tyriſchen Purpur; vom Karmefin; vom Kermes. 


an 








Neuntes Buch. - 1027 


LXVI. Bon der Binne und dem Pinnenhüter. LXVII. Bon dem Sinne 
der Wafferthiere, der Krampfrochen, der Stachelrochen, die Bandaſſeln, 
ver Glanis; vom Widderfiihe. EXVIH. Bon denjenigen Wefen, welche 
eine von den Thieren und Pflanzen entlicehene dritte Natur haben. Bon 
den Nefieln. LXIX. Bon den Schwämmen; was für Arten es gebe 
und wo fie wachſen; daß fie Thiere feyen. LXX. Von ben Hunde 
hayen. LXXI. Bon den Thieren, welche in eine fteinharte Schale ein⸗ 
geicloften find; welche im Meere ohne alle Empfindung find, von ven 
brigen Schmugthieren. LXXII. Bon den giftigen Seethieren. LXXIII. 
Bon den Krankheiten der Fiſche. LXXIV. Bon ihrer Erzeugung. 
LXXV. Wunderbares bei ihrer Erzeugung. Welche in ſich ſowohl Eier 
als auch Zunge gebären. LXXVI. Welchen bei ver Geburt der Xeib 
berftet und ſich dann wieder fchließt. LXXVIE Welche Bärmuttern 
haben; welche fich mit fich felbft begatten. LXXVIII. Welches das 
längfte Leben ver Fiſche ſey. LXIX. Wer zuerft Aufternbehälter er- 
dachte. LXXX. Wer zuerft Behälter für die übrigen Fiſche einrichtete, 
LXXXI Wer Behälter für die Muränen einrichtete. Merkwuͤrdiges von 
Kifchteihen. LXXXII. Wer zuerft Behälter für Schneden einrichtete. . 
LXXXIII. Erdfiſche. LXXXIV. Von den Mäufen im Nil. LXXXV. 
Wie die Anthiasfifche gefangen werten. LXXXVI Bon den Meer> 

ernen. LXXXVII Bon wunderbaren Eigenfchaften der Fingermuſcheln. 

XXXVIII. Bon den Beindichaften der Waſſerthiere unter einander und 
von Ihren Sreundfchaften. 

Summe aller Gegenflände, Gefchichten und Bemerkungen : 650. 


4 


Duellen 

- [Rdmifchel: Turranius Gracilis, Trogus, Mäcenas, Alfins 
Flavns, Eornelins Nepos, Laberius der Mimenſchreiber, Fabianus, Fe⸗ 
neſtella, Mucianus, Aelins Stilo, Statius Seboſus, Melifſſns, Seneca, 
Cicero, Macer Aemilius, Meſſala Corvinus, Trebius Niger, Nigidius. 


Fremde: Ariſtoteles, der König Archelaus, Callimachus, Demo⸗ 
eritus, Theophraſtus, Thraſyllus, Hegeſideinus, Sudinas, *) Alerander 
der Polyhiſtor. 


Ss 


*) Qgl. die nachfolgenden Bemerkungen unter vem Namen: Subines. 





108. C. Plinius Naturgeſchichte. 


Bemerkungen über die in dieſem Buche von 
Plinius benützten over angeführten Schrift 
- fteller.*) 


Aelius Stilo, Lucius, ein gelehrter Sprachforfcher und 
Varro's und Cicero's Lehrer in der Rhetorik, von Lanuvinm, fland, 
obgleich ſelbſt von nieberer Herkunft, doch bei den höheren Stänben 
Roms wegen feines Willens und des gebiegenen Unterrichts, welchen 
er ertheilte, in großem Anfehen. Seine Blüthezeit fällt in die zweite 
Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor Chr. Bon feinen grammatifchen 
Schriften, aus denen Blinius (Kap. 59, $. 2) eine Bemerkung über 
die Benennung. der Perlen entlehnt, hat fich Feine erhalten. Vergl. 
3.4. C. van Heusde De L. Aelio Stilone disquisitio (Traject. ad 
Rhen. 1839, 8.), wo man auch die Fragmente feiner verlorenen Schrif⸗ 
ten gefammelt findet. 

Aemilius Macer von Berona, ein didaktiſcher Dichter, wel: 
cher im Jahr 17 vor Chr. flarb; von feinen beiden Gedichten über 
die Vogel (Ornithogonia) und über die Schlangen (Theriaca), welche 
Plinius in diefem Buche benützt zu haben fiheint, ift nichts auf unfere 
Zeit gefommen; das noch unter feinem Namen vorhandene Gedicht 
de virtutibus herbarum ift ein Machwerf ver carolingifchen Seit. 

— Agatharchides von Knidus wird von Plinius in dies 
fem Buche benügt, ohne daß er ihn in dem Quellenverzeichniſſe an⸗ 
führt, wenigſtens ift die Bemerkung über bie Größe und ben Fang 





) Der Strich (—) vor einem Artifel deutet an, daß von bem 

. Schriftfteller ‚Thon bei einem ber vorhergehenden Bücher bie 

mar, bie griechifchen Autoren find mit einem Sternchen 
eichnet. 


⸗ 





Neuntes Bub. 1029 


Der Salldkröten (Kap. 12, 8. 1) demſelben woͤrtlich entlehnt, wie 
die von Photios (Cod. 250, p. 1349) mitgetheilte Originalſtelle 
beweist, 

— * Alexander Polyhiſtor. Aus einer ſeiner nicht mehr 
vorhandenen Schriften, vielleicht aus der Sammlung von wunder⸗ 
baren Erzählungen (Havunsiov avvaeyoyn), entlehnt Plinius in dies 
fem Buche (Kap. 56, $. 4) eine Bemerfung über die Perlenmufcheln. 

Alfius Flavius, ein Redner und Gefchichtfchreiber aus der 
Zeit bes Kaifers Tiberius. Ueber feine nicht mehr vorhandenen 

"Schriften, aus denen Plinius (Kap. 8, $. 2) die Erzählung von ber 

Liebe eines Delphine zu einem Knaben entlehnt, willen wir nichts 
Näheres. 

Apicius, M. © avius, ein berühmter Schlemmer, der zur 
Zeit der Kaiſer Auguſtus und Tiberius lebte und den Plinius in dieſem 
Buche (Kap. 30, $. 3) einen in allen Gegenſtaͤnden der Schwelgerei 
wunderbar erfinderifhen Kopf nennt, und von dem er insbefondere 
anführt, daß er eine eigene Art, Die Meerbarben zu töbten, erbachte, 
um fie recht ſchmackhaft zu machen. Das unter dem Namen des 
Apicius noch vorhandene Werk über bie Kochkunſt (de re culinaria) 
verräth durch feinen Styl eine weit fpätere Zeit. ü 

— * Archelaus, der legte König von Kappadocien unter Au⸗ 
guſtus und Tiberius, ſchrieb ein Werk über die Edelſteine (nsgi Io), 
welches Plinins in dieſem Buche (wahrſcheinlich in dem Abſchnitte 
über die Perlen) benützte. 

— Ariſtoteles ift auch in diefem Buche die Hauptquelle 
und das aus ihm Entlehnte laͤßt ſich faft in jedem Kapitel nachweiſen. 
Plinius nennt ihn ausdrücklich nur an einigen Stellen, fo bei feinen 
Bemerkungen über das Athmen der Seethiere (Kap. 6, $.1, 2, vergl. 
Hist. Animal. VI, 2), über die Muränen (Kap. 39, $. 1, vergl. 


’ 


1030 . &. Plinius Naturgeſchichte. 


Hist. An. V, 10), über bie Knorpelfiiche (Kap. 40, vergl. Hist. Au. 
V, 5) und über ben Schifföhalter (Kap. 40, $. 1, vergl. Hist. An. 
1,17); außerdem find jedoch unzählige Stellen nur Ueberfetzungen 
oder Umfchreibungen des griechifchen Origimals, wie 3. B. über bie 
Luftroͤhre der Wale (Kap. 6, $. 3, vergl. Hist. An. I, 5), üßer bie 
Delphine (Kap. 9 und 10, vergl. Hist. An. L, 74. IV, 13. IX, 48 
and 74), über die Schildkroͤte (Kap. 12, vergl. Hist. An. V, 28, 33. 
VII, 3), über die Robben (Kap. 15, vergl. Hist. An. V, 2. VI, 11), 
über die Thunne (Kap. 18 und 20, vergl. Hist. An. VL, 16. VIII, 16), 
über bie @intheilung der Wafferthiere in Mollusfen, Cruſtaceen uud 
Teftaceen (Kap. 44, vergl, Hist. An. IV, 1), über die Pinne (Kap. 
66, vergl. Hist. An. V, 14), über die Klugheit mancher Waſſerthiere 
(Rap. 67, vergl. Hist. An. IX, 48), über die Schwämme (Kap. 69, 
vergl. Hist. An. V, 15) u. f. w. 

— Callimachus: ı Welche feiner zahlreichen Schriften in 
diefem Buche benügt find, läßt fich nicht nachweifen, da ſich Feine Hin⸗ 
beufung auf eine derfelben findet, doch darf man muthmaßen, baß 
fein Buch über die veränderten Namen der Fifche (neol kerovoneania; 
iXdvov) beſonders berückſichtigt wurde. 

— Cicero. An welchen Stellen ihn Plinius vor Augen hatte, 
dürfte ſich ſchwer angeben laſſen, da er feine beſtimmte Stelle aufuͤhrt, 
ſondern nur auf das Jahr ſeines Conſulats flüchtig hindeutet (Kap. 
63, 8. 2). | | 

— Cornelius Nepos. Plinius hat in dieſem Buche (Rap. 
63) eine Stelle diefes Hiſtorikers, der unter ber Regierung bes Kai⸗ 
ſers Auguſtus flarb (Kap. 63, $. 1), über den Gebrauch und bie 
Preife der verfchiedenen Purpurarten zu Rom wörtlich mitgetheilt, 
welche entweder der Chronik (Chronica, Annales) oder dem &rempels 
büchern (Eixemplorum libri) deſſelben, die beide nicht mehr vorhanden 





J 
* 


Neuntes Buch. 1031 


find, entnommen zu ſeyn ſcheint; einem dieſer Werke iſt auch wohl 
die Bemerkung (Kap. 28), daß die Wolfsbärfche und die Meertrüfchen 
bei den Römern fehr beliebt waren, entnommen. 

Coroinus Meffala, f. Meffala Eoryinus. 

— *Democritus. Diefer befannte Philofoph fchrieb auch 
über Landwirthfchaft und Arzneikunde; Plinius nennt aber weder die 
Schriften, welche er in diefem Buche benübte, noch bezeichnet ex die 
Stellen, wo er e8 that. 

— Fabianns Aus den Schriften diefes nicht näher be⸗ 
kannten Naturforfchers und wahrfcheinlich aus feiner Naturgefchichte 
der Thiere entnahm Plinius in diefem Buche die Bemerkung (Kap. 8, 
$. 2) über die Zuneigung eined Delphins zu einem Knaben. 

— Feneftella, Lucius. Die nicht mehr vorhandenen Ans 
nalen diefes Schriftftellerd , welche in großem Anfehen flanden, ent, 
hielten wohl nicht ausfchließend Gefchichtliches, fondern auch andere 
Merkwürdigkeiten, wie fehon die in diefem Buche ihnen entlehnten 
Bemerkungen, woher die Barben ihren Namen haben (Kap. 30, $. 2) 
und zu welcher Zeit zu Rom die Perlen in Schwang famen (Kap. 59, 
$. 2), beweifen. 

Figulus Nigidius, f. Nigivius Figulus. 

Gracilis Turraniuß, ſ. Turranius Öraciliß. 

” Hegefidemus. Ein fonft unbefannter griechifcher Schrift⸗ 
ſteller, auf welchen ſich Plinius hei der Erzaͤhlung von der Liebe eines 
Delphins zu einem Knaben (Kap. 8, $. 6) beruft. In den Aus⸗ 
gaben des Plinius ſteht in dem Quellenverzeichnifle zu dieſem Buche :’ 
„Hegesidemo Oythnio*, und Segefldemus wäre bemnag von Cythnos. 
- Ich leſe aber nach einigen Handfchriften (in I. Silligs neuefter Aus⸗ 
gabe, Hamburg und Gotha 1851. 8.) : „Hegesidemo, Sudine“ ; auch 
wird Subines in diefem Buche (Kap. 56, $.4) ausprüdlich angeführt. 


— 


1032 ' C. Plinius Raturgeſchichte. 


— * Juba. Plinius entnimmt einer feiner zahlreichen Schrif⸗ 
ten, vieleicht feinem Werke über ben Feldzug des Kaiferd Claudius 
nach Arabien (vergl. Bd. VI, Kap. 31, $. 14), im biefem Buche 


ı (Rap. 56, 8. 4) eine Stelle über die arabifchen Perlenmuſcheln, weldje 


offenbar auch Melian (Hist. animal. XV, 8) vor Nugen hatte. 

Laberius, Decimus, ein berühmter Mimenbichter (poeta 
mimorum, mimographus), welcher im legten Jahrhundert (106 Bi 
144) vor Chr. lebte und von Cäfar genöthigt ward, ſelbſt in feinen 
Mimen ald Schaufpieler aufzutreten, obgleich er dem Ritterflande ans 
gehörte. Don feinen zahlreichen Mimen befigen wir nur nod eins 
zelne Derfe, welche öfter, am beten von C. Orelli (Poetarum lati- 
norum carmina sententiosa, Lips. 1822. 8. I, 68 ff.) und C. Zel 
in feiner Ausgabe des P. Syrus (Stuttgart 1829, 8.), gefammeli 
find. Ueber die Mimen und Dimendichter vergl. I. Chr. F. Dähr, 
Gefchichte der römifchen Literatur (Carlsruhe 1844. 8.), Bo. L 
©. 199 ff. Plinius entlehnt dem Laberius, welcher wahrfcheinlich ir 
einer feiner Mimen die Feinſchmeckerei feiner Zeitgenoflen gegeißelt 
hatte, die Bemerkung (Kap. 28), dag die Wolföhärfche und die Meer- 
trüfchen bei den Römern beliebt waren. _ 

— Licinius Mucianns. Plinius ſchoͤpft aus den von ihn 
häufig benügten, aber nicht näher befannten Schriften dieſes dur 
feine politifcge und literarifche Thätigfeit unter Nero und Vespaflan 
ausgezeichneten Mannes in diefem Buche die Mittheilungen, baß die 
Delphine dem Dienfchen beim Fifchfange Beiſtand Ieiften (Rap. 10) 
und daß, man im rothen Meere einen Barben von achtzig Pfund ge: 
fangen habe (Kap. 31), ferner einige Bemerfungen über bie Gigen⸗ 
Ihaften der Keiftenfchnede (Kap. 41), über den Bapinonantilus 
(Kap. 49), und über den Fiſch Anthias (Kap. 85, $. 3). Die leider 
bis auf die legte Spur verlorenen Werke des Mucianus, welder 


.. 


Nenntes Bud. | 1033 


während jeines Helbewegten Lebens und ſeines Aufenthaltes in Sy⸗ 
rien Gelegenheit genug hatte, einen reichen Stoff zu ſammeln, müffen 
fehe mannigfaltigen und anziehenden Inhalte gewefen feyn, wie 
ſchon aus den verfchiedenartigen geographifchen und naturhiftorifchen 
Nachrichten, die ihm Plinius verdankt, hervorgeht. Vergl. H. M.. 
Stevenfon de M. Licinio Crasso Muciano dissertatio historica, 
Erlang. 1841. 8. 

— Mäcenad Nah biefem geiftreichen Staatsmanne, der 
fi in verfchienenen Gattungen der Poeſie verfnchte und auch eine 
Geſchichte feiner Zeit gefchrieben haben foll, wird in diefem Buche 
(Kap. 8, $. 2) die Erzählung von der Anhänglichkeit eines Delphine 
an einen Knaben mitgetheilt.' 

— Meliffus Plinius führt diefen gelehrten Grammatifer, 
welcher bei Auguftus und Mäcenas fehr beliebt war und auch eine 
Sammlung von Scherzreden (Ineptiarum oder Jocorum libri, vergl. 
Suetonins de illust. Gramm. o. 21) verfaßte, und in dem PVerzeich- 
niffe feiner Quellen an, ohne ihn an den Stellen dieſes Buches ‚an 
denen er ihn benüßte, ausdrücklich zu nennen. 

— Meffala Eorvinus Wir beflgen nur äußerft wenige 
Fragmente von den Werken dieſes in der zweiten Hälfte des letzten 
Jahrhunderts vor Chr. berühmten Redners und Hiſtorikers und es 
laͤßt ſich nicht beſtimmen, welche Bemerkungen in dieſem Buche ihnen 
entnommen ſind. 

Mucianus, ſ. Licinius Mucianus. 

Niger Trebius, ſ. Trebins Niger. 

— Nigidus Figulus. Die naturhiſtoriſchen, philoſophi⸗ 
ſchen und grammatiſchen Schriften dieſes vieſeitig gebildeten Roͤmers 
ſind nicht mehr vorhanden und hatten, wie es ſcheint, wenigſtens zum 
Theil ihre Vernachlaͤſſigung durch die allzudunkle Schreibart ver⸗ 


1034 @. Plinius Naturgeſchichte. 


ſchuldet. Die Bemerkung, daß der Wolfsbärſch der Meeräfche ben 
Schwanz abbeiße (Kap. 88, $.1), it wahrſcheinlich feinem Werlke 
über Zoologie (de animalibus) entnommen. 

Seboſus Statiuß, f. Statins Seboſus. 

— Seneca, L. Annäus. Plinius benügt die Werke dieſes 
Bhiloforhen und Naturforfcherd fehr häufig; die Bemerkung über 
das hohe Alter der Ziiche, welche er ihm (Kap. 78) entlehnt, findet 
fig nicht in den’anf unfere Zeit gekommenen Schriften. dagegen ift bei 
andern Gelegenheiten aus den noch vorhandenen geſchöpft, ohne daß 
Seneca ausdrüdlich genannt wird; fo Hatte Plinius bei ber Bemer⸗ 
fung (Kap. 30, $. 3) über die Art und Weife, wie die Schlemmer 
die Barben flerben laſſen, offenbar eine Stelle Seneca's (Quaest. 
natur, III, 17 und 18) vor Augen. 

— Statius Sebofus. Aus den nicht mehr vorhandenen 
indifchen Merkwürbigfeiten dieſes faf nur dem Namen nach befann- 
ten Schriftftellers wird wohl in diefem Buche (Kap. 17, $. 3) die 
Bemerkung von großen Würmern im Ganges entnommen feyn. 

*Subdines, ein griechifcher Schriftfteller, von welddem man 
nichts weiter weiß, ald daß er ein Werf über Erelfteine (nsor Aldor) 
ſchrieb. Aus diefem ift wahrfcheinlich eine Turze Bemerkung über 
Perlenmuſcheln (Kap. 56, $. 4) geſchoͤpft. 

— Theophraſtus. Ein Abſchnitt dieſes Buches (Ray. 83) 
über fonderbare Eigenſchaften mancher Fifche, welchen Plinius diefem 
berühmten Philofophen und Naturforfcher nacherzählt, findet ſich in 
dem auf unfere Zeit gefommenen Werke deſſelben, welches die Ueber: 
ſchrift: „Bon den Filchen, welche außerhalb des Waſſers ausbauern“ 
(negi tar IxIVov run Ev 15 Enog Ötausvorzov) führt; eine andere 
Stelle aber (Kap. 8, $..6) über die Liebe eines Delphins zu einen 
Knaben, welche Gellius (N. A. VII, 8) ebenfalls aus Theophraſtus 





@ ä 


Neuntes Buch. 1035 


anführt, ifl einer feiner zahlreichen, nicht meh vorhandenen natur⸗ 
hiſtoriſchen Schriften entlehnt. 

* Thrafyliusvon Mendes, ein Philoſoph und Aftrolog aus 
dem erfien Jahrhundert nach Chr., welcher dem Nero die Kaiferwürde 
weiflagte (Tacitus, Annal. VI, 22), beichäftigte ſich beſonders mit 
‚ Der Ordnung und Erklärung der Schriften Plato's und verfaßte auch 
mehrere Werke philoforhifchen, geographiichen und naturhiftorifchen 
Inhalts, von welchen aber Feines auf unfere Zeit gefommen ift, fo 
nennt man Commentäre zum Demofritus, Abhandlungen über Muflf, 
ein Werk über Aegypten und eine Schrift über Steine (nepi Aidor). 
Aus der legteren bat Plinius in diefem Buche wahrfcheinkich gefchöpft, 
ohne jedoch die Sfeflen näher zu bezeichnen. Vergl. Sevin, Recher- 
ches sur la vie et sur les guvrages de Thrasylie, in den Me- 
moires de l’Aoademie des Inseriptions et Belles-Iettres, vol, x. 
p. 89 ff. 

Trebius Niger, ein römifcher Schriftiteller, von welchem 
nichts weiter befannt ift, als daß er zu dem Gefolge des Proconfuls 
2. Lucullus in Spanien (151—149 vor Chr.) gehörte (Kap. 48, 
$.,1) und diefe Gelegenheit benüßte, um Stoff zu einem Werke 
zu fammeln, das und nicht einmal dem Titel nad, befannt iſt, aber 
meift naturhiftorifchen Inhalts gewefen zu feyn fcheint, wenn man 

nach den in diefem Buche aus ihm gefchöpften Bemerkungen über die 
" Eigenfchaften der Leiftenfihnede (Kap. 41, $. 2) und über ungeheure 
große Armfrafen (Kap. 48) urtheilen darf. _ 

— Trogus, BPompejus. Blinius benübt in dieſem Buche 
wahrfcheinlich deſſen Werk über Zoologie (de animalibus), deutet aber 
nicht näher an, wo dieß gefchieht. 

— Turranins Graecilis. Plinius entnimmt Mefem in 
Spanien geborenen Schriftfteller, der wahrſcheinlich ein hiſtoriſch⸗ 


1036 ws Plinius Naturgeſchichte. 


Jeographiſches Werk über ſein Vaterland verfaßte, die Nachricht 
(Kap. 4, $. 3) von einem an bie agditaniſche Küſte geworfenen 
großen Wale. | 

— Barro, M. Terentiud Aus dem noch vorhandenen, 
aber leider fehr verunftalteten Werke dieſes fruchtbarften aller roͤmi⸗ 
ſchen Schriftflefler über den Landbau (de re rustica) zieht Plinius 
(Kap. 82) einen Abſchnitt (8. III, o. 14) über die Näſtung ber 
Schneden. 

— Verrius Flaccus.-Welchem Werfe diefes zur Zeit des 
Auguftus berühmten Grammatikers die Bemerkung (Kap. 39, $. 2), 
daß die Schulfnaben mit Aalhaut gezüchtigt wurbeg, entlehnt iſt, läßt 
fich nicht beftimmen. 

* Kenocrated von Aphrodiſias, ein Arzt und Naturforſcher, 
welcher nach Einigen (wie Sprengel) in dem letzten Jahrhundert vor 
Chr. lebte, deſſen Blüthezeit aber nach Andern mit größerer Wahr⸗ 
fcheinlichfeit in die erfte Hälfte des erften Jahrhunderts unferer Zeits 
rechnung gefeßt wird. Don feinen Schriften Hat ſich nat ein Abs 
ſchnitt aus feinem Werfe über den aus den Thieren zu ziehenden Vor⸗ 
{heil (neol tig and zav iuov apsisıag), welcher den Titel führt: 
„über bie Nahrungömittel, weiche von Wafferthieren hergenommen 
find” (feel tg ano evvöplov: zpopnc) erhalten. Der Iepteren 


(e. 35) entlehnt Plinius (Kap. 18) die Bemerkung über ben Werth, , 


welchen man ben einzelnen Theilen bed Thunfiſches beilegt. 





Kad Ih. 1. Die Befchaffenheit der Thiere, welche wir ale 
auf dem Lande und mit dem Menfchen in einer gewiffen Gemeinſchaft 


‘ 


| 


' Neunted Buß. | 1037 


lebend bezeichnet Haben, ift num geſchildert; von den übrigen find, wie 
befannt, die DBögel die Hleinften, weßhalb zunaͤchſt von benen der 
Meere, Zlüffe und Seen gefprochen werben foll. 
cm. Unter diefen find aber viele fogar noch größer als die Land⸗ 
thiere, was offenbar von dem Ueberfluffe an Feuchtigkeit herrührt; 
ein anderer Fall iſt e8 mit ven Vögeln, welche ihr Leben ſchwebend 
hinbringen. 2. In dem ſich fo weithin erſtreckenden, zarte und frucht⸗ 
bare Nahrung bietenden Meere aber, welches feine erzeugenben Keime 
von der erhabenen und ſtets fruchtbaren Natur empfängt, wirb auch 
das meifte Abenteuerliche gefunden, da die Samen und Urftoffe fi 
vermifchen und auf andere. und wieder andere Weife bald durch den 
Wind, bald durch die Fluth mit einander verbinden; ) fo daß die Mei⸗ 
nung des Volkes: im Meere fey auch alles, was in jedem andern Ge⸗ 
biete der Natur entftehe ‚ und außerdem noch Vieles, was fonft nir⸗ 
gends vorhanden, anzutreffen, als wahr erſcheint. 3. Und daß es da⸗ 
ſelbſt Nachbildungen nicht nur von Thieren, ſondern auch von andern 
Dingen gebe, kann Jeder wahrnehmen, wenn er die Traube, ») das 
Schwert, “*) die Eöget) und die Gurfe, Fr) welche der wirklichen: 
ſowohl an Jarbe als an Geruch gleicht, betrachtet; um ſo weniger 


*) Ueber dieſe Anſicht vergl. B. II, Ray. 3, $. 2. 

**) Vielleicht find hier die Gier der Dintenfchnede (sepia of- 
ficinalis Linn.) gemeint, welche traubenartig zuſammen⸗ 
hängen. 

e) Den Schwertfifch (xiphias gladius Linn.). 
+) Den Sägefifch (squalus pristis Linn.). 

77) Den Eprigwurm, befonders den fünfreihigen (holothuria pen-_ 
taota Linn.), welcher, wenn er ſich zufammenzieht, ein® Surfe 
gleicht und den man daher noch jet Meergurfe nennt, 


€. Plinius Naturgeſch. 9. Bdchn. 2 


% 


1038 C. Plinius Naturgefhicte. 


dürfen wir uns alſo wundern, wenn Pferdeföpfe an fo winzigen Mus 
ſcheln Heroorragen. *) 

II cam. +1. Die meiften und größten Thiere find aber im inbi⸗ 
ſchen Meere, unter denen ed Wale von vier Suchart [960 Fuß] und 
Schwertfiiche von zweihundert Ellen gibt, wie denn daſelbſt Heufchres 
ckenkrebſe vier Ellen und im Gangesfluffe auch Aale dreißig Fuß fang 
werben. °*) ‚2. Am häufigfien laſſen ſich jedoch die Ungelhüme im 
Meere zur Zeit der Sonnenwenbe fehen; alsdann toben dort Wir: 
belwinde und Plabregen, alsdann wühlen bie von den Berggipfeln 
herabftürzenden Stürme dad Meer bis zum Grunde auf und wälzen 
die aus ber Tiefe emporgefchleuberten Thiere mit den Wogen fort; 
und auch fonft ift die Menge ver Thunne***) daſelbſt fü bedeutend, daß 
die Flotte Alexanders des Großen, nicht anders als ob ihr ein Feind 
in Schlachtordnung gegenüberſtünde, ihre ganze Maſſe in geſchloſſcner 
Linie gegen ſie richten mußte, da ſie getrennt nicht durchkommen 
konnte; denn ſie laſſen ſich weder durch Schreien, noch durch Lärmen, 
noch durch Schlagen, ſondern nur durch ein krachendes Getoͤſe er⸗ 





*) Hier iſt ohne Zweifel der pferdfoͤrmige Nadelfiſch (syngaathus 

- hippocampus Linn.), gewöhnlich, auch Meerpferbchen genannt, 

zu verftehen, da er mit vielen Schienen und Hoͤckern bebedt ift, 

fo hielten ihn die Alten für ein Mufchelthier; nach dem Tode 

frümmt fi fein Kopf nach unten und wird einem Pferbefopf 
ſehr ähnlich. 

**) In allen biefen Maßangaben berrfcht ftarfe Uebertreibung; die 
Male werden wenigfteng jebt felten über 100 Fuß Jang, der 
Schwertfifh mißt gewöhnlich nur 4 Fuß, Heufchredtenfrebfe gibt 

u von 3 und Yale von 6 Fuß, gewöhnlich find fle aber Kleiner. 

*") Scomber thynnus Linn. ; er zieht befanntlich in Schaaren von 
vielen Tgufenden und veranlaßt bei feinem Erfeheinen gewoͤhn⸗ 
ich unter den Fifchern ein allgemeines Aufgebot. i 
. e 


v 





Neunted Bud. 1039 


ſchrecken und nur durch einen auf ſie ſtürzenden Gegenſtand in Ver⸗ 
wirrung bringen. 3. Cadara heißt eine große Halbinfel des rothen 
Meeres; )) durch ihr Hervortreten wird ein weiter Bufen gebildet, 
aus welchem der König Ptolemäus [Philadelphus] Faum in zwölf 
Tagen und Nächten mit Hülfe der Ruder herausſchiffte, weil fein 
wehendes Lüftchen dort Zugang findet. In der ungeflörten Ruhe 
biefer Gegend wachfen die Seethiere zu einer unbeweglichen Größe 
heran. 4. Die Gedrofer, welche am Fluſſe Arbis [Purally] woh⸗ 
nen,**) machen, wie die Slottenführer Alexanders des Großen berich⸗ 
teten, die Thüren an ihren Häufern aus ven Kiefern ber Seethiere 
and fügen aus ben Knochen berfelben, unter denen fich viele von vierzig 
Ellen Länge fanden, die Dächer Zufammen.**) Die Seethiere }) 
gehen auch dort gleich dem Viehe an’& Rand, fättigen ſich mit ven 
Murzeln der Geſträuche und kehren dann zurück; manche von ihnen 
Haben auch Köpfe wie Pferde, Efel und Stiere +7) und meiden bie 
Saaten ab. ' | Fa 
| II av). Die größten Thiere im indifchen Meere find ber Säge: 
Rich und der Wal, im gaflifchen Deean der Sprigwal, +F}) welcher 
fich gleich einer ungehenern Säule erhebt und über die Segel ber 
Schiffe emporragend eine Waflerfluth ausftößt. In dem gaditanifchen 


*) Die Lane lägt ſich nicht näher beftimmen. 
“*) Vergl. B. VI, Kay. 25, $. 3. 
“er, Noch jest richten die Küftenbewohner der noͤrdlichen Länder aus 
ben Kiefern der Wale Balfen und Pioften zu, 
+) Befonders die Seefühe. 
jr) Alte Volfömährcen. \ 
+tr) Physeter; man bat bier darunter überhaupt große Wale zu 
‚ verfiehen, welche in alter Zeit an der Küfte von Frankreich nicht 
felten waren. 


x 2* 


1040 E. Plinius Naturgefehiäte. 


Ocean breitet bee Baum) feine geivaltigen Achte fo weit aus, baf 
er deßhalb, wie man glaubt, nie in die Meerenge gefommen if. Auch 
Näder, **) fo genannt von ihrer Geftalt, laſſen fich fehen, an denen 
man vier Speichen unterfcheidet und an deren Naben auf beiden Sets 
ten Angen figen. 

IV (V). 1. Dem Kaifer Tiberius verfünbete eine ihm deßhalb 
zugeſchickte Geſandtſchaft von Olyſippo (jet Liſſabon), daß maz 
einen Triton von der bekannten Geſtalt geſehen und in einer Hoͤhle cu 
einer Muſchel habe blaſen hören ; auch die Geſtalt der Nereiden iſt nicht 
erbichtet, nur ſtarrt ihre Körper felbft da, wo fle menſchliche Bildung 
haben, von Schuppen. 8 ließ ſich nämlich eine folge an derſelben 
Küfte bliden und als fie farb, hörten Die Bewohner weithin ihr Fläge 
liches Gewimmer ; auch dem göttlichen Auguflus ſchtieb der Legat in 
Gallien, daß mehrfach tobte Nereiden an ber Küfte vorfämen. 2. Bor 
ausgezeichneten Männern aus dem Nitterftande habe ich die Der 
ficherung , daß fie in dem gaditanifchen Ocean einen Meermenfchen, 
der am ganzen Körper vollfommen einem wirklichen glich, fahen und 
daß diefer zur Nachtzeit die Schiffe befteige und den Theil derfelben, 
woranf er fich feße, fogleich niederbrüde und, wenn er länger. verweile, 
auch verfenke.***) Unter dem Kaifer Tiberius ließ auf einer ber 





*) Arbor; wahrfcheinlich irgend eine Art von Meerfternen (aste- 
rias); daß die Größe hier auf lächerliche Weife übertrieben if, 
braucht foum bemerkt zu werden. BE 

**) Rotae; man barf wohl annehmen, daß Quallen gemeint find, 
2. obgleich fich feine Spur von Augen an denfelben findet, rum 
) Alle diefe albernen Sagen von Meerweibchen u. dergl. tauchen 

— von Zeit zu Zeil immer wieder auf und finden auch ſtets noch 


. „dei bem unwillenden Volke Glauben. > * 
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Neuntes Bud. 1041 


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Küfte der Tugbunenflicien . ‚Provinz gegenüberliegenden Infel*) ber 
Ocean bei ver Ebbe auf einmal mehr als dreihundert Seethiere von 


wunderbarer Verſchiedenheit und Größe zurüd, und nicht weniger an _ 


der Küfte der Santonen,**) unter andern auch Clephanten ***) und 
Widder, +) die jedoch flatt der Hörner nur ähnliche weiße Flecken 
zeigten, und viele Nereiven. 3. Turranius berichtet, daß ein Sees 
thier F}) an die gabitanifche Küfle geworfen worben fey, deſſen 
Schwanzende zwifchen den beiden Finnen fechzehn Ellen gemeflen 
habe und von deffen hundertundzwanzig Zähnen bie größten breis 
viertel, die Heinften einen halben Fuß lang gewefen feyen. M. Scaus 
rus zeigte während feiner Verwaltung bes Aebilenamts zu Rom unter 
andern Wunderdingen auch die aus Joppe [Iaffa], einer Stadt Zus 
däas, gebrachten Knochen des Seeungethüms, ++}) welchem nach ber 
Sage Andromeba ausgeſetzt gewefen feyn\foll; es war vierzig Fuß 
ang, die Rippen überragten an Höhe die indifchen Elephanten und 
der Rückgrad hatte eine Dicke von anderthalb Fuß. 

Vem. 4. Die Wale dringen auch bis in unfere Meere. *T 


*) Das Iugbunenfiihe Gallien umfaßte zur Zeit des Tiberius das 
Land zwifchen der Loire, dem Dcean, der Seine und der Marne; 


die nicht näher bezeichnete Infel ift vielleicht eine der norman⸗ 


niſchen. 
**) Saintonge (Deyart Niever-Charente). 
+) Vielleicht dad Walroß (trichechus rosmarus Linn. )»- welches 
in alter Zeit wohl weiter nach Süden fam, als jegt. ' 

. DD) Der Butzkopf oder Echwertwal (delphinus — welcher 
wirklich über jedem Auge einen wie ein Horn gebogenen weißen 
Bleden hat. 

Tr) Wahrfcheinlich ein Pottwal (physeter macrocephalus Linn.). 
+rr) Bermuthlich nichts weiter als das Skelett eines großen Wald. 


*}) In das mittellänvifche Meer nämlich, in welchem übrigens jest 


. 


L } 
t 


1042 C. Plinius Naturgeſchichte. 


In dem gaditaniſchen Ocean ſollen ſie ſich nicht vor dem kürzeſten 
Tag ſehen laſſen, ſich aber zu beſtimmten Zeiten in einem ruhigen und 
geräumigen Buſen verbergen, da ſie außerordentliches Gefallen baran 
finden, bier zu gebären: dieß wiſſen die Schwertwale,*) ein ihnen 
feinbliches Seethier, deſſen Ausfehen man nicht anders fchilvern kann, 
als daß man es einem ungehenren, die Zähne fletfchenden Fleiſchklum⸗ 
pen vergleicht. Diefe brechen alſo in die Schlupfivinfel herein, 
zerfleifchen die Jungen oder die Mutter, oder auch die Trädtigen 
duch Biſſe und durchbohren fie gleich Schiffsſchnaͤbeln durch ihren 
- Anlauf. 2. Jene, zu unbehülflih zum Answeichen, zu träge zum 
Widerſtand, durch ihr eigenes Gewicht erdrückt und jegt auch träde 
tigen Leibes oder durch Geburtsſchmerzen entfräftet, Eennen nur eine 
Hülfe, indem fie fi nach der hohen See flüchten und den ganzen 
Deean zu ihrer Bertheidigung benügen. Die Schwertiwale ſuchen 
dagegen bieß zu verhindern, ſich ihnen entgegenzuftemmen und bie in 
bie Engen eingefeilten zu zerfegen, auf. Untiefen zu brängen und an 
Felſen zu zerfchellen. Dieſe Kaͤmpfe Iaflen fich anfehen, als wenn 
das Meer gegen fich ſelbſt zürne, da in der Bucht Fein Wind weht, 
bei dem Schnauben und den Stößen aber ſich folche Fluthen erheben, 
wie felbft Stürme fle nicht emporwälzgen. Auch in dem Hafen Oflie 
wurbe ein Schwertwal**) gefehen und von dem Kaifer Claudius ans 
‚gegriffeny ***) er war, als biefer damals den Hafen ausbaute, darch 
nur noch fehr felten Wale erfcheinen , ba fie fih immer. mehr 
nach ben Polarmeeren zurüdziehen. 
*) Orca, auch, delphinus aries ober gladiator, von den Wallfſiſch⸗ 
fängern Mörder (Killer) genannt. 
*) Scheint, nad) feiner Größe zu urtheilen, fein Schwertwel, 
fondern ein Pottfiſch gewefen zu feyn. 
Vergl. die Einleitung zu diefer Ueberfegung ©. 12. 


+) 





— 


Neuntes Buch. 1043 


ven Schiffbruch einer Ladung aus Ballien gebrarhter Hänte gelockt, 
hereingefommen und- hatte, während er fich mehrere Tage hindurch 
fättigte, eine Furche in den Grund gewühlt, fo daß er, von den Wo⸗ 
‚gen überfchüttet, fich auf feine Weife umwenden fonnte und, während 
er feinen Fraß verfolgte, durch die Fluthen an bad Ufer geworfen 
wurde, wo er gleich einem umgebrehten Schiffsfiele weit Aber das 
Waſſer hervorragte. Der Kaifer befahl vielfache Nee zwifchen bie 
Mündung des Hafens zu fpannen, brach ſelbſt mit den prätorianifchen 
Eohorten auf und gab dem römifchen Volke ein Schaufpiel, indem 
Die Soldaten ihre Speere aus den angreifenden Fahrzeugen ſchleu⸗ 
derten, von denen wir eines, durch das Gegenblafen des Thiered mit 
- Wafler gefültt, ſinken fahen. 

v1. 1. Die Wale haben Deffnungen [Naslöcher] an der Stirne, 
weßhalb fle, wenn fie auf der Oberfläche des Meeres ſchwimmen, 
Waſſerwolken in die Hoͤhe blaſen. 

wm. Sie athmen aber nach der Uebereinſtimmung Aller, fo wie 
auch noch fehr wenige andere Seethiere, welche bei ihren Bingeweis 
‘den eine Lunge haben, *) weil ohne. biefelbe, wie man glaubt, Fein 
Thier athmet. Diejenigen, welche diefer Meinung find, nehmen auch 
an, daß weder die ınit Kiemen verfehenen Fiſche abwechſelnd Athen 
aushauchen und wieder fehöpfen, noch auch viele andere Arten, denen 
die Kiemen fehlen, welcher Anſicht, wie ich fehe, auch Ariftoteles **) 
beipflichtete und durch viele gelehrte Unterfuchungen Eingang vet⸗ 
ſchaffte. 2. s verhehle nicht, daß ich nicht geradezu dicſer Meinung 


. Alle nämlich, die zu dem Geſchlechte ver Wale gehören. 
“) In feiner Naturgefehichte der Thiere VIII. 2. Plinius wider⸗ 
8 übrigens dieſer Anficht mit Recht und mit guten 
ründen. 


⸗ 


1044 C. Plinius Neturgefhiäte. 


huldige, da ſich ja in manchen Thieren ftatt der Zungen andere zum 
Athmen geeignete Eingeweide befinden fönnen,*) wenn ed die Mater 
fo will, wie denn aud viele flatt des Blutes eine andere Flüffigfeit 
haben.) Wer möchte fich indefien wundern, daß diefer Lebens: 
hauch in dad Wafler eindringt, wenn man wahrnimmt, daß er auch 
aus demfelben ausflrümt und fogar in die Erbe, einen um fo Bieles 

dichteren Naturtheil, eindringt, wofür die Thiere zum Beweife dienen, 

welche ſtets darin vergraben leben, wie die Maulwürfe? 3. Dazu 

fommt bei mir jedenfalls noch Anderes, was mich zu dem Blauben 

beftimmt, daß im Wafler Alles, je nach der Befchaffenheit feiner 
Natur athmet, einmal nämlich). die oft gemachte Beobachtung eines 
gewiffen Keuchens ber Fiiche während der Sommerhige und gleichſam 
eines Bähnens bei ruhigem Weiter, ferner das Eingeflänpniß ber: 
jenigen,, welche entgegengefegter Meinung find, daß die Fiſche ſchla⸗ 
fen, denn wie könnte ohne Athmen ein Schlaf fattfinden, ***) außer: 
dem das Aufblähen des brudelnden Waſſers und die Körperzunahme 
fogar der Schalthiere durch den Einfluß des Mondes; +) über Alles 
geht aber die nicht zu bezweifelnde Bewißheit, ++) dag die Fiſche Ges 
hör und Geruch haben, beides Durch ben Luftfloff, denn ben Geruch 


9 Die Kiemen find.eden fo gut Athemwerkzeuge ald die Lungen 
und die Inſekten haben an den Teibesringen Luftlöcher, welche 
durch Spiralröhren zu den Eingeweiden gehen. 

) Mie die Mollusfen (Weichthiere). . 

»5 Die Fifche athmen mittelft der Luft, welche mit dem Wafler 
verbunden iſt oder die fie an der Oberfläche veflelben fchöpfen. 

7) Nach ber Anficht, daß der Mond die Feuchtiafeit auflöfe und 

vermehre (B. II, Kap. 6, $.'14 und Kay. 104, 6. 3); das 

Athmen alfo erleichtere und das Wachsthum beförbere. 
TI) Die Beweife folgen B. X, Kap. 89 u. 90, 


, 


Ed 





Neuntes Buch. 1045 


wentgftens kann man für nichts anderes als verfeßte*) Luft an- 
fehen; Jeder mag übrigens davon halten, was ihm beliebt. — Weber 
die Wale, noch die Delphine haben Kiemen; dieſe beiden Mattungen 
athmen durch Röhren, welche bis zur Lunge reichen und fich bei den 
Malen an ber Stirne, bei den Delphinen auf dem Rüden befinden; **) - 
andy die Seefälber, welche man Phoken nennt, athmen und frhlafen 
auf dem Lande; ebenfo die Schildfröten, von denen bafd mehr. ***) 
VII wm. 1. Das fchnellfie nicht nur von den Seeihieren, 
fondern von allen if der Delphin; f) er if rafcher als der Vogel, 
ſchärfer als der Pfeil, und wenn er nicht dad Maul weit unter der 
Schnauze, faft mitten auf dem Bauche hätte, fo würde fein Fiſch 
feiner Gefchwindigfeit entfommen; die Vorſicht der Natur jeboch ſetzt 
bier ein Hinderniß, denn fie koͤnnen nur auf dem Rüden liegend und 
umgedreht haſchen, welcher Umftand befonders ihre Schnelligfeit be 
weist, denn wenn fie vom Hunger getrieben, eimen fliehenven Fiſch 
bis auf den tiefen Grund verfolgen und längere Zeit den Athem an 
fih gehalten haben, fo fchnellen fle, um zu athmen, wie von einem 
Bogen abgefchoffen empor und fpringen mit folcher Gewalt auf, daß 
fie meift über die Segel der Schiffe hinwegfliegen. 2. Sie ſchweifen 
gewoͤhnlich in Paaren umher, gebaͤren zur Sommerzeit im zehnten 


*) Mit fremdartigen Steffen heſchwängerte. 

**) Die Delphine haben die Nasloͤcher weiter hinten am Kopfe als 
bie Wale, feineswegs aber auf tem Rüden. 

+) Kap. 12; von den Phofen f. Kap. 15. 

+4) Delphinus delphis. Plinius verwechfelt übrigens in feiner 
Beichreibung öfter den Delphin (Tümmler), welcher weder das 
Maul auf dem Bauche, noch Stadheln an den Finnen hot, mit 
bem Dornhay (squalus acanthias) und dem Stachelhay (squa- 
Jus centrina), welchen diefe Gigenfhaften aufommen. 


N 
- S 


1046 C. Plintud Naturgeſchichte 


Monat Junge, zuweilen zwei, nähren fle durch Euter, wie der Wal, 
und tragen auch ihre Sprößlinge, fo lang fie Hein und ſchwach find, 
ja begleiten fogar noch lange die erwachſenen aus großer Liebe zu 
ihrer Leibesftucht. Sie wachfen ſchnell, follen in zehn Jahren ihre 
volle Groͤße erreichen und leben dreißig Sabre, was man baburdh 
wahrgenommen hat, daß man, um es zu erfahren, ihnen ben Schwanz 
abfchnitt.*) Sie verfihwinden um bie Aufgangszeit des Hundöfterng 
und verbergen fich auf eine unbefannte Weife, was um fd mehr aufs 
fallend ift, wenn fle im Wafler nicht‘ athmen können. Cie pflegen 
auch aus einer ungewiflen Urfache auf das Ufer zu flürzen,**) flerben‘ 
indeflen nicht ſogleich, wenn fle das Land berühren, viel ſchneller aber, 
wenn man ihnen bie. Luftröhre verfchließt. Ihre Zunge ift, abmwer 
hend von der Beichaffenheit der Waſſerthiere, beweglich, kurz und 
breit und von der Zunge des Schweines nicht verfchieden; ihre Stim= 
me gleicht dem menfhlichen Aechzen, der Rüden ift auswärts ge 
bogen und die Schnauze platt, weßhalb fle auch alle wunderbarer 
Weiſe auf den Namen Simo ***) (Siumpfnafe) hören und fo bar 
diefen Laut fich gerne herbeiloifen laffen. Ä 

‚ VAL. 1: Der Delphin ift nicht nur ein Freund des Menfchen 
fondern auch der Tonkunſt; er ergoͤtzt fih an mehrflimmigem Geſange 
und ganz befonders am Klange der Waflerorgel. Er fürchtet ven 
Menfchen nicht als ein ihm fremdes Mefen, kommt den Schiffen ent: 
gegen, umfpielt fie fpringend, wetteifert auch mit ihnen und überholt 
fie beim ſchnellſten Segeln. 2. Zur Zeit des göttlichen Auguflus 


) Wenn fie noch Hein waren, und bann ſie wieder in's Waſſer ließ. 
) Wenn fle entweder allzueiftig ihre Beute verfolgen oder wenn 
Yon fle von gewiflen Infeften bis zur Verzweiflung geplagt werben. 
) Bon simus platt. Die Delphine hören auf diefen Namen, weil 
er einem zifchendpfeifenden Tone gleicht. 


‘ 








Neuntes Buch. ie 1047 


liebte einer, ber in den lucriniſchen See gekommen war, den Knaben 
ejnes armen Mannes, welcher aus dem Bajaniſchen nach Puteoli in 
bie Schule ging,) nachdem dieſer ihnen während feiner Mittagsraſt 
. öfter mit dem Namen Siwo gerufen md mit Stücken Brod, das 
er deßhalb bei fich trug, ſie herbeigeloct Hatte, mit wunderbarer. Ans 
Hänglichfeit. Ich würde mich ſcheuen, weiter zu erzählen, wenn hie 
Thatſache nicht in den Schriften des Mäcenad, bes Fabianus, des 
Flavius Alfius und vieler Anderer aufgezeichnet wäre. 3. Zu wels 
her Zeit des Tages er von dem Knaben angerufen wurbe, flog er, fo 
verſteckt und entfernt er auch feyn mochte, aus der Tiefe herbei, fraß 
aus feiner Hand, bot ihm, während er dic Stacheln der Finne wie in 
einer Scheide barg, den Rürfen zum Aufſitzen und trug ben aufge⸗ 
nommenen.burdh die weite See nach Buteoli in die Schule und brachte 
ihn auf gleiche Weiſe zurüd mehrere Jahre lang; nachdem der Knabe 
durch eine Krankheit hingerafft worden war, Fam er noch fortwährend an 
ben gewohnten Ort, betrüht und einem Trauernden ahnlich, und flarb 
dann, wie'Niemand zweifelte, felbft aus Sehnſucht. — 4. Ein ans 
derer, welcher in den lebten Jahren an der afrifanifchen Küfte zu Hippo 
Diarchytus [Den Zert] auf gleiche Weife den Menfchen aus der 
Hand frag, fich betaflen ließ, die Schwimmenden umfpielte und die 
fich auf ihn Setzenden trug, mied, als er von Flavianus, dem Pros 
fonful Afrika's, mit Salbe befirichen und, von der Neuheit des Ge⸗ 
ruchs, wie es fchien, betäubt, wie tobt herumgeflößt wurde, einige 
"Monate, als wäre er durch die Mißhandlung verfeheucht, den Um⸗ 
gang mit den Menſchen; als er zurüdfehrte, erregte er bald wieber 
diefelbe Bewunderung, aber die Ungerechtigfeiten der Herıfchaften, 
welche, um ihn zu fehen, herbeifamen, gegen ihre Wirthe, nöthigten 


*) Ueber die Sofalitäten vergl. B. HL, Kap. 9, 8. 9. 


1048 C. Plinius Naturgeſchichte. 


die Hipponenſer, ihn zu toͤdten. — 5. Aehnliches wird aus früherer 
Zeit von einem Knaben in. der Stadt Jaſſus ) erwähnt, welchen 
ein Delphin lange Zeit feine Liebe bewährte, bis er einmal, als er 
dem fich nach dem Ufer wegbegebenden haſtig folgte, auf der Sand 
gerieth und flarb. Alexander der, Große machte den Knaben zum 
DOberpriefter des Neptun zu Babylon, da er jene Liebe ald das Zei⸗ 
en einer gnädigen Gottheit veutete. 6. Hegeſidemus fcreibt, daß 
in derfelben Stadt Jaſſus ein anderer Knabe, Namens Hermiad. auf 
ähnliche Weife dad Meer durchritten habe und, nachdem er durch bie 
Zluthen eines plöglichen Sturmes umgelommen, zurückgetragen wor⸗ 
den, ber Delphin aber, welcher fich als die Urfache feines Todes bes 
- trachtete, nicht wieder in das Meer gegangen, fondern. auf dem Trode 
nen geftorben fey. Theophraftus berichtet, daß daſſelbe auch zu Nau⸗ 
pactus**) norgefommen. Und ſolcher Beifpiele gibt ed eine Unzahl.) 
Daflelbe erzählen die Amphilochier 7) und Tarentiner von Knaben 
und Delphinen. 7. Wodurch man fich bewogen fühlt, zu glauben, 
daß auch Arion, der Zitherfpieler , nachdem er von ben Schifferm, bie 
ihn, um fich feinen Erwerb anzueignen, auf bem Meere tübten woll: 
ten, die Erlaubniß, noch vorher auf der Zither fpielen zu dürfen, er- 
ſchmeichelt, von ben durch fein Spiel herbeigezogenen Delphinen, fo 
wie er fi in's Meer geftürzt hatte, aufgenommen und von einem 
derſelben nach der tänarifchen Küfte ++) gebracht worden fey. 

IX. 41. In der narbonenfifchen Provinz im Gebiete von Res 


7) In Catien, ſ. B. V, Kap. 29, $. 5. 
) Iept Ainabachti im Golf von Lepanto. 
**) In neuerer Zeit fennt man fein einziges, 
- 7) In Afarnanien, vergl. B. III. Kap. 2, $. 2. 
TI) Bei dem Vorgebirge Taͤnatum, f. B. IV, Kap. 7. 
J 


21 





Neunted Buch. 1049 


mauſus [Nimes] iſt ein See, Latera genannt, wo bie Delphine in: 
Gefellſchaft mit dem Menfchen fifchen.*) Eine unzählige Menge von 


Meeräfchen bricht zur beftimmten Zeit aus den engen Mündungen des 
See's in das Meer hinaus und beobachtet tabei den Zurücktritt derFluth, 
weßhalb fich auch feine Netze vorfpannen laffen, da diefe auf feine 
Meife ten Andrang der Wucht aushalten würden, wenn auch vie Lift 
Ger Fiſche) die Zeit nicht gut wählte. 2. Mit gleicher Klugheit 


gehen fle fofort nach der Tiefe, welche durch einen nahen Strudel ges 


bildet wirb, und beeilen fi} von. der. einzigen zur Ausbreitung ber 
Rebe geeigneten Stelle wegzufommen. Sobald die Fifcher (welche, 
da fe der Zeit Fundig und noch mehr, weil fle nach dieſem Bergnügen 


begierig find, in Menge zufammenftrömen) dieß bemerfen und das 


ganze Bolf vom Ufer aus mit. möglichft ſtarkem Geſchrei den Simo 


zum Ausgange des Schaufpiels herbeilockt,“) erhören die Delphine- 


ſchnell den Wunſch, wenn der wehende Nord die Stimme fortleitet, 
während der entgegengefegte Süd fle ihnen fpäter zuführt; aber auch 
dann fliegen fle unvermuthet zur Hülfe herbei. 3. Offenbar eilt die 
Schlachtreihe, welche fich fogleich an der Stelle ordnet, wo der In: 
fammenftoß des Kampfes iſt; fie flemmen fich von der See her ent⸗ 
gegen und brängen bie furchtfamen auf bie Untiefen. Alsdann ziehen 


die Fiſcher ihre Nepe herum und heben fle-mit Gabeln in die Höhe; 


) Noch jebt if in dem Gtang de Lattes ber Bang ber Meeräfchen 
(mugil cephalus), welche früher die gewoͤhnlichſte Faftenfpeife in 
Südfranfreich waren, fehr bedeutend; von der Hülfe, der Del- 


⸗ 


phine, welche ſich in älterer Zeit vielleicht in größerer Anzahl 


hier aufhielten und durch ihre Verfolgung die Fiſche in die 
Netze jagten, weiß man heut zu Tage nichts. 

) Etwas pretioͤs ausgedrückt, ſtatt: mit dem Lockrufe Simo den 
Delphin herbeizieht. 


1050 C. Plinius Naturgeſchichte. 


nichtsdeſtoweniger ſpringen die hurtigen“ Meeraͤſchen darüber, die 
Delphine aber nehmen fle in Empfang und ſich damit begnügend, fle 
zu töbten, verfchieben fie die Ayınng bis zum Siege. 4. Durch bie 
Anftrengung wird das Treffen hitzig und fle laflen fi, während fie 
aufg Tapferfle andrängen, gert in die Netze einſchließen; damit fle 
aber nicht eben dadurch den Feind zur Flucht ſtacheln, ſchlüpfen ſie 
zwiſchen den Schiffen, den Netzen und den ſchwimmenden Menfchen 
fo unvermerkt durch, daß fie feinen Ausweg-öffnen; durch Springen, 
was ihnen fonft das Liebfte iſt, ſucht fich Feiner Ios zu machen, wenn 
nicht grabe die Nebe unter ihn fommen ; ift er berans, fo fämpft er 
fogleich wieder vor der Umzäunung. Iſt der Fang auf biefe Wrife 
vollbracht, fo nehmen fle diejenigen, welche fle getöbtet haben, hin⸗ 
weg; ba fle aber überzeugt find, daß ihrer angeſtrengten Arbeit mehr 
als für einen Tag Belohnung gebührt, fo warten ſie bis zum folgen- 
den und werben alddann nicht nur mit Fiſchen, fondern auch mit in 
Wein eingebrodtem Brode gefüttert. 

X. Was Mucianus von derfelben Art des Fiſchfangs im jaffl- 
fehen Meerbufen erzählt, ift in fo fern verſchieden, daß fle freiwillig 
und ungerufen zugegen find, ihren Antheil aus der Hand empfangen 
und jeder Kahn einen befonderen Delphin zum Begleiter hat, obſchon 
man bei Nacht und Fadelfchein fifcht. Sie haben auch unter fi eine 
gemeinfame Verbindung ; als einer von dem Könige von Carien ges 
fangen und im Hafen [von Jaffus] angebunden wurde, famen bie 
übrigen in fehr großer Menge herbei und baten mit einer gewiſſen 
nicht zu verfennenden Traurigfeit um Mitleid, bis der König ihn 
loszulaſſen befahl. Ja die Fleineren begleitet ſtets ein größerer als 
Beſchützer und man fah fie ſchon einen todten tragen, bamit er nicht 
von den Seeungelhümen zerrifjen würde. 

"Tax. Mit den Delphinen Haben bie fogenannten Meere 


⸗ 





. x | 
Neuntes Bub. 1051 


fchweine*) Aehnlichkeit; indeſſen unterfcheiden fle ſich, da ihnen jene 
Munterfeit fehlt, durch die Traurigkeit ihres Ausſehens und gleichen 
Doch. durch ihre Schnauzen am meiften ben bösartigen vunds⸗ 
hayen. **) 

XII (X). 1. Schildkroͤten wirft das indiſche Meer von folcher 
Größe aus, daß man mit den Echilden der einzelnen bewohnbare 
Hütten bedacht und die Infeln beſonders des rothen Meeres auf ihnen 
wie auf Kähnen befchifft.***) Sie werden wohl auf viele Arten ge: 
fangen, meift aber, wenn fie bei Tieblicher Bormittagszeit auf die 
Oberfläche des Meeres fteigen und mit völlig hervorragendem Rüden 
auf dem ruhigen Waffer treiben, bei welchem Vergnügen, frei zu 
athmen, fie fich fo fehr felbft vergefien, daß fie, wenn ihre Schale 
durch die Sonnenhige ausgetrocknet ift, nicht mehr untertauchen koͤn⸗ 
nen und wider Willen ſchwimmen müffen ‚ den Jaͤgern eine bequeme 
Beute. 2. Sie ſollen auch, wenn ſie des Nachts heraus auf die 
Weide gehen und ſich gierig ſättigen, müde werben und ſobald fie des 
Morgens zurückkehren, auf ber Oberfläche des Waſſers einfchlafen, 
was durch ihre Schnarchen verrathen wird, worauf zu je einer brei 
Leute leife heranfchtwimmen; zwei wenden fle auf den Rüden, ber 
dritte wirft der rüclingsliegenden einen Stri um und mehrere ziehen 
fie vom Land her herbei. Im phönizifchen Meere werben fie ohne 
alle Schwierigfeit gefangen und’ fie kommen zur beftimmten Jahres⸗ 


— — 


*) Tursio, Delphinus phocaena. 
**) Canicula, vergl. unten Kap. 70. 
*++) Da wir dag, indifche Meer jebt genau fennen, fo fann von die⸗ 
* fen lächerlichen Uebertreibungen weiter feine Rede ſeyn; das 
Schild der größten bis jetzt befannten Schildkroͤten ift hoͤchſtens 
5 Buß lang und 4 Fuß breit, 


, 


L 


⸗ * 


1052 €. Plinius Naturgeſchichte. 


zeit in übermäßiger Menge von ſelbſt in den Fluß Elentherus.) 
3. Die Schildfräte Hat feine Zähne; aber die Ränder der Schnauze 
ind fcharf und der obere Theil fchließt den unteren, wie an einer 
Buͤchſe. Im Meere leben fle, da ihr Maul fo hart ift, daß fle Steine 
zermalmen, von Mufcheln, wenn fle aber an’d Land gehen, von Kräus 
tern. Sie legen @ier, welche ven Vogeleiern gleichen, bis hundert 
an ber Zahl, vergraben fle außerhalb des Waſſers und bebrüten fle, 
nachdem fle Erde darüber gedeckt und biefe mit der Bruft fegenrudt 
und geebnet haben, ded Nachts. Die Jungen bringen fie in Jahres⸗ 
friſt Jum Vorſchein.“) Manche glauben, daß die Eier von ihnen 
mit den Augen und durch Anbliden ausgebrütet werden und bie Weib: 
chen fo lange die Begattung fliehen, bis das Männchen von Hinten 
einen Halm auf fie legt. 4. Bei ven Troglodyten***) gibt es aud 
gehörnte, an denen, wie an einer Leyer, Breite aber beivegliche Hoͤrner 
ſitzen, die fle beim Schwimmen als Ruder zur Hülfe nehmen; ihre 
Schale, die man Chelyon +) rennt, ift ausgezeichnet, aber felten, 
weil die fehr fcharfen Felſen die Chelonophagen +7) zurüdjchreden ; 


*) Vergl. B. V, Kap. 17, F. 4. 

**) Nach der Behauptung der neueren Naturforſcher bebrüten die 
Schildkroͤten ihre Gier gar nicht, fondern überlaflen dieſes 
Gefchäft der Sonne; die Eier follen fich in etwa ſechs Wochen 
entwideln. Daß das übrige von ber Bebrütung und Bes 
gatfung Geſagte Fabel.ift, braucht wohl kaum bemerft zu 
werden. ' N 

») Vergl. B. VI, Rap. 34. Bon gehörnfen Schildkröten weiß 
"die Naturgefchichte nichts; man Hielt wahrfcheinlich die fangen 
Vorderfüße ber Meerfchildfröten für Hörner. j 

T) Xeivov, Schildfrötenfchale; chelyon testadinum fagt Plinins 
B. VI, Kap. 34,$. 4. 

1) Schilofrötenefler (vgl. B. VI, Kap. 28, $. 3); fle gehen wegen 
der fpigen Felſen im Meere nicht gern auf den Fang aus, 


- 





, Neuntes Bud. | 1053 


die Troglodyten aber, zu denen fle ſchwimmen, verehren ſle a" Heilig. 
68 gibt auch Lanbfcilbfröten, welche deßhalb an den Schildkrotarbei⸗ 
ten Eherfinä*) heißen, in den Wüſten Afrika's, da wo dieſe am meis 
fen mit dürrem Sande bedeckt find, und leben, wie man glaubt, 
von ber Feuchtigfeit des Thaus; auch kommt daſelbſt kein anderes 
Thier fort. 

XIII ıxn., Die Schalen der Schildkroöten in Blättchen zu zer- 
fehneiden und damit Ruhebänfe und Schüſſelringe **) zu befleiten, ers 
fand Garvilius Pollio, ***) ein für Geräthichaften der Meppigfeit ver: 
ſchwenderiſcher und erfindungsreicher Geift. 

XIV un. Die Bekleidung der Waſſerthiere iſt verſchieden; 
einige ſind mit Haut und Haar bedeckt, wie die Seefälber und die _ 
Blußpferbe, andere nur mit Haut, wie die Delphine, mit einer Schale, 
wie die Schilbfröten, mit einer fleinharten Hülle, wie, die Auflern und 
Müfheln, mit Kruften , wie bie Heuſchreckenkrebſe, 7), mit Kruſten 
und Stacheln, wie die Meerigel, mit Schuppen, wie bie Fiſche, mit 
einer rauhen Haut, wie der Engelhay, +4) womit man Holz und El⸗ 
fenbein glättet, mit einer weichen, wie die Muränen, tm) oder mit 
‚gar Seiner, wie die Armfraden. *+) 

XV xım. 4, Diejenigen, welche mit Haar Beffeibet find, ges 
bären lebendige Junge, wie der Site, ber Wal und das Sees 


x 


‚*) Kogamvan, auf dem feſten Lande lebente. 
*5 m die Schüßeln auf dem Tifche darauf au Belle. 
“ee, Vergl. B. XXXIII. Ray. 49 und 51. 
+) Locustae, vergl. weiter unten Kap. 50, $. 1, 
+7) Squatina, vergl. weiter unten Kap. 40 und B. xxxu, Kap. 
» ⸗ 7. 
717) Veral. weiter unten Kap. 39. 
- *4) Polypi vergl. weiter unten Kap, 46 ff. 


. &. Plinius Naturgeſch. 9. Bochn, 3 


1054 C. Plinius Naturgeſchichte. 


kalb; ) dieſes wirft auf dem Rande, gibt: wie die Vierfüßler, eine Nach⸗ 
geburt von ſich, haͤngt bei der Begattung, wie die Hunde, zuſammen, 
gebiert zuweilen mehr als zwei Junge, ernährt die Brut an den Brü⸗ 
fen und führt fle nicht vor dem zwölften Tage in das Meer, gewöhnt 
fle ober von da an aflmälig daran. Sie find fh wer zu töbten, wenn 
man ihnen nicht den Kopf zerfchmettert; ihr Gefchrei if eine Art 
Blöcken, weßhalb fie auch Seefülber genannt werben. Ste laſſen ſich 
indeffen abrichten **) und begrüßen mit Stimme und Blid zugleich 
das Volk; bein Namen gerufen, antworten fie mit einem garfligen 
Brummen. Kein Thier verfinft in einen tieferen Schlaf; auf ben 
Finnen, deren fie ſich im Meere bedienen, Friechen fie auch auf dem 
Lande, wie auf Füßen. Ihre Selle follen, auch wenn fle vom Körper 
abgezogen find, eine Empfindung vom Meere bebalten und beim 3x 
rüc:veichen der Fluth ſich borften; außerdem ſoll die rechte Finne 
eine fehlaferregende Kraft enthalten und, unter ven Kopf gelegt, ben 
Schlaf herbeizichen. ia 

av.) Bon den haarloſen Waſſerthieren gebären in Allem nur 
zwei lebendige Sunge, der Delphin und die Viper. ***) 

XVI. Es gibt vierundfiebenzig Arten +) Fiſche, ohne die mit 





— — 


*) Der Sägefiſch und der Wal haben feine Haare; was Plinins 
von dem Seefalbe fagt, ift (die Eigenfchaften der Haut und der 
Floßen freilih ausgenommen) ziemlich genau und richtig. 
Das Seefalb (vitulus marinus) iſt die Moͤnchsrobbe (Phoca 
monachus). ® 
**) Auch in neuerer Zeit hat man’ in Menagerien abgerichtete 
Robben gefehen, welche auf Befehl ihrer Wärter mancherlei 
Kunſtſtücke machten. 
**) Die Biper hat Eier, aus denen ſich aber ſchon vor dem Legen 
. ,, die Jungen entwideln. Vergl. B. X, Kap. 82. 
- DD Die naturhiftoriiche Sammlung in Paris beflst deren an 6000. 





Neuntes Bub. 41055 


Kruſten bebeitten Seethiere, deren es dreißig gibt. Von den einzel⸗ 

nen werten wir anderswo ſprechen, bemm jetzt ſoll nur die Beſchaffen⸗ 
heit der bedeutendſten erörtert werden. 

XVII (xv). 1. Bon. befonderer Größe find die Thumne;*) wir 
finden, daß ein felcher fünfzehn Talente [772 Pfund] gewogen md 
fein Schwanz eine Breite von zwei**) Een und einer Hand [3*/, 
Buß] gehabt habe.***) Es gibt auch in einigen Flüſſen Fifche, vie 
nicht Feiner find: der Wels 7) im Nil, der Efor im Rhein, der Ats 
tilus }}) im Padus [Po], welcher Tegtere durch feine Trägheit fu fett 
wird, daß er eine Schwere von taufend Pfund erreicht, F}F) in einem 
mit Ketten verfchenen Depe gefangen werben. muß und nur dureh 





*) Der gemeine Thunn (svomber thynaus); hauptſaͤchlich im 
Mittelmeer. 

») Nach der Uekereinftimmung faft aller Handſchriften; Harbuing 
Aenderung des Zablworts duo in quingue, weil bei Ariſtoteles 
(Bist. Animal. VII, 34), add welchem Plinius Hier fchöpft, 
tövee fteht, fcheint nicht Sinlänglich begründet, ba ja Plinius 
eine beſſere Handſchrift des Artſtoteles, worin bie richtige und 
der Wirklichfeit entfprechende Lesart ftand, benügt haben fann. 
Ein Schwanz von fünf Ellen B:eite würde einen Fifch von 
wenigſtens 25 Fuß Länge vorausſetzen. 

+) Der Thunn iſt gewoͤhnlich zwei Fuß lang und fleben Pfund 
fchwer, doch foll es im Mittelmeere noch jegt ungeheure Thunne 
von 15 bid 18 Fuß Fänge unb und 10 bis 18 Gentnern Gewicht 
neben. 
+) Siluras gladis L.; ber Wels (oder die Schilbe) des Nils ift 
von dem europäifchen etwas verichieden. 

+) Ih halte vem Efer und den Attilus für den ſelben Fiſch und 
zwar für ven Stör (acipenser stario), weicher im Rhein und 
‚im Bo vorfommt und nur verfchiedene Namen führt. 

+9 dech une hoͤchſt feifen, oft wiegt aber ber, er ‚einige 
Gentn wo 


’ \ ⸗ 


3% 


1056 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Joche Ochſen herausgezogen werden kann. 2. Und doch koͤdtet ihn 
ein winzig kleiner Fiſch, welcher Duerber *) heißt, indem biefer mil 
wunderbarer Gier auf eine Arer an feinem Schtunde losfährt. Der 
Wels reift, wo er ſich auch befindet, verfolgt jedes Thier und zerrt 
oft ſchwimmende Pferde unter dad Wafler. Er wird Hauptfächlich im 
Main, einem Fluſſe Germaniens, mit Ochfengefpannen und in der 
Donau mit Hafen..herausgezogen und, iſt dem Meerfchweinhen ſehr 
ähnlich; auch eines Fifches im Boryſthenes [Dnieper] von beionderer 
Größe **) geichieht Erwähnung , in welchem ſich feine Knochen over 
Graͤten befinden und ber ein fehr ſüßes Sleifh Hat. 3. Plataniften 
nennt man Fiſche im Ganges, welche die Schnauze und ven Schwan 
bes Delphins, aber eine Länge von fünfzehn Ellen Haben. ***) Sm 
vemſelben Fluffe find, wie Natius Seboſus zu nicht geringer Ber: 
wunterung.-berichtet, Würmer mit zwei Kiemen, fech8 Elfen lang und 
von bläulicher Farbe, welche ihren Namen von ihrer Gefalten er: 
halten haben; fle follen von ſolcher Stärfe feyn, daß fie die zur Tränfe 
kommenden Blephanten mit einem Biffe am Rüffel ergreifen und hin⸗ 
abziehen. +) 

XVII. 41. Die männlichen Thunne haben feine Floßen unten 
am Bauche; tr) fie geben zur Frühlingezeit in Schaaren aus dem 


*) Clupen = petromyzon branchialis L. - 
*) Des Haufen (accipenser huso). 
eee) Mohricheinlich ift hier der gangetifche Delphin (deiphines 
gangeticus), von den Bewohnern der Gangesuier Eufu ges 
nannt, gemeint: er wid aber nur fieben Schuh lang. 

1) Kteflae (ind. 27) erzählt aͤhnliche lächerliche Kabeln von 
einem Wurme (Hate). über deren Entſtehung nachzuforſchen 
überflüffig if. 

iD) ar falfche Bemerkung; ber Augenfihein beweist das Gegen⸗ 





Neuntes Buch. 1097 


großen [miftelländifchen] Meere in den Pontus [das ſchwarze Meer] 
und feichen anderwärts nicht. Die Jungen, welche im Herbfte die in's 
„Meer zurüdtehrenden Mütter begleiten, heißen Cordylen, ) im Frühe 
linge nennt man ſie Schlämmlinge oder Pelamiden, **) was daſſelbe 
bedeutet, und wenn fie über ein Jahr alt find, Thunne. Man fchneidet 
diefe in Stüde und preist beſonders den Hals und den Bauch an, 
wohl auch vie Kehle. fo lange fie nämlich friſch iſt, obgleich fie auch 
fo ſchon ſchweres Aufſtoßen verurſacht; bie übrigen Theile werben in 
ganzen Fleifchflumpen im Salze aufbewahrt. 2. Man nennt fie Mes 
landryen, ***) weil fle aus der Eiche gehauenen Bohlen ſehr ähnlich 
find; als die fchlechteflen derjelben gelten die nach dem Schwanze hin, 
weil fle fein Wett Haben, als die vorzüglichften die nach dem Schlunbe 
bin, während bei andern Fifchen gerade bie Schwanzſtücke am meiſten 
gefucht find. Die Belamiden werden in auserlefene Stüde +) und, 
theilweife zerichnitten, in würfelartige Stüdichen +7) zerlegt. 

XIX. Das gefammte Fifchgefchlecht wächst mit ausnehmender 
Schnelligkeit, befonders im Pontus; die Urfache liegt in der Menge 
der ihm füße® Waſſer zuführenden Flüſſe. Bonittrt) heißt ber 
Fiſch, deſſen Wachsthum an jebem einzelnen Tage wahrzunehmen iſt; 


*) Bielleiht von nogduiy (Reule), wegen ihrer Geſtalt. 
**) Bon anAög, Schlamm; limosae, . 
*) Vom gelag (ihwarz) und Sovs (Eiche); ueravögıoy nennen 
bie Griechen den inneren Theil (das Mark) der Eiche. 
+) Apolecti, anzudexros (nämlich Töne). Plinius nennt auch 
(B. 32, Kap. 53) die arößeren Pelamiden ſelbſt Apoleeti, 
weil fie fi) beſonders eignen, um in Stüde gerfchnitten zu 
werben. 
+f) an xußia. Diefe Würfel hatten ungeführ bie Dide eines ° 


ers. 
+) Ani ber mittellänbifche Bonit (scomber sarda), 


1058 C. Plinius Naturgeſchichte. 


er und die Pelamiden ziehen mit den Thunnen in Schaaren, jede mit 
ihren Führern, zur ſüßeren Nahrung in den Pontus und allen voran 
die Makreelen,) welche im Waſſer ſchwefelgelb ausſehen, außerhalb 
deſſelben aber wie die andern. Dieſe füllen die Fiſchbehaͤlter Hispas 
niend, da die Thunne nicht bis dahin gehen. 

XX. 1. Sn den Pontus aber fommt außer Seefälben und 
fleinen Delphinen kein den Fiſchen ſchädliches Thier; die Thunne 
gehen am rechten Ufer hinein, am linfeu heraus, weil fie, obgleich 
ihre beiden Augen von Natur blöde find, doch am rechten befler fehen. 
In der Straße des thrazifchen Bosphorus [Meerenge von Konflens 
tinopel], welche vie Propontis [pad Marmormeer] mit dem Gurimb 
[ſchwarzen Meere] verbindet, gerade in ber Enge des Europa und 
Aften trennenden Sundes ift bet Chalcedon [Kadifdi] auf der Seite 
Aftens ein Felfen von wunderbarer Weiße, der vom Grunde bis zum 
Maflerfviegel durchleuchtet. 2. Durch den Anblick deflelben crfchreit, 
wendet fi immer ver Zug etligft nach dem gegenüber liegenden Vor⸗ 
gebirge von Byzantium, welches daher das goldene Korn **) heißt, 
deshalb ift auch der ganze Bang zu Byzantium und u Chalcedon 
großer Mangel, obgleich nur eine Straße Von taufend Schritten das 
zwiſchen hinzieht. Sie warten aber auf das Wehen des Norbofled, 
am mit günftiger Strömung den Pontus zur verlaffen, und werben 
erft, wenn fie in den Hafen von Byzantium kommen , gefangen. 
3. Im Winter. ziehen fle nicht und wo ſie von bemfelben uͤberraſcht 
werben, ba überwintern fie bis zur Tagundnachtgleiche. Man ffeht 
ihnen oft vom Steuerruder aus mit befonderem Vergnügen zu, wie 





*) Scomber — Scomber Scombrus L. Maquereau. 


) Das maraebirg, auf welchem Konſtantinopel liegt; vgl. B. IV, 
Kap. 18, 6. 8 


x 





* ⸗ 


Reunted Vuch. 1059 


fe einige Stunden lang und einige taufend Schritte weit die unter 
Segel befindlichen Bahrzeuge begleiten, ohne ſich ſelbſt durch einen 


wiederholt nad ihnen geworfenen Dreizack abſchrecken zu laſſen. 


Ginige nennen’ die Thunne, welche dieß than, Lootſen.“) Viele 
überfommern in der. Propontis und gehen nicht in den Pontus; fo 
auch die Zungenfehollen ,**) während bie Dornbutten *) hinein⸗ 


gehen; auch iſt die Dintenſchnecke +) nicht darin, während man bie 


Eeefage Tr) dafelbft findet. A. Bon den Klippenfiſchen 77) fehlen 
die Meeramfel*}) und die Seemerle,**F) fo wie auch die Mufcheln, 
während die Auftern im Ueberfluffe vorhanden find, alle aber übers. 
wintern im agaͤiſchen Deere [Archipel] und von den in den Pontus 
gehenden Fehren nur die Trichien ***+) (Spraiten) nicht zurüd. (E84 
bürfte angemefien feyn, bier meiſtens griechifche Benennungen zu ges 
brauchen, da man denfelben Fiſchen in. verfchienenen Gegenden andere 


und wieder andere Namen beigelegt hat). 5. Aber diefe (Trichien) 


allein gehen den Fluß Ifter [die Donau] hinauf und ſchwimmen aus 
ihm durch feine unterirdifche Gänge in das abriatifche Meer; t*) deß⸗ 
halb fieht man ſie auch dort herabfommen , aber nie aus dem Meere 





‘*) Pompili (IToumiroı), Begleiter; der wahre Lootfe (pompilus) 
x der Alten heißt jegt gasterosteus duetor (Lootsmann). 
*2) Solene — Pleuronectes solga L. 
***) Rhombi — Pleuronectes maximus L, Turbot. 
+) Sepia — Sepia officinalis L., gemeine Dintenfchnede. - 
tt) Loligo —  Sepia loligo L. ‚ tautenförmige Dintenfchnede; 
Salmar. 
Tr) Saxatiles, die an Klippen und Geflein ſich aufhalten. 
) Turdus — Labrus turdus L. 
**7) Merula — Lacrus merula L, 
+) Trichiae ⸗ elupea sprathus L. 
1°) Cine Annahme, vie fich nicht leicht beweifen laſſen dürfte. _ 


N 


' 


1060 C. Plinius Naturgeſchichte. 


herauffteigen. — Der Bang ber Thunne findet ſtatt vom Aufgange 
des Siebengeflirns bia zum Untergange des Arcturus; ) während 
der übrigen in den Winter faflenden Zeit liegen fle in den tiefften Ab⸗ 
gründen verborgen, wenn nicht laued Wetter ober ber Vollmond fle 
herauslockt. Sie werben fo fett, daß fie berfien; ihre Längfle Lebens⸗ 
zeit Dauert zwei Jahre. 

XXI 68 gibt ein Heined Thier**) von ber Geftalt des Scors 
piond und der Groͤße der Spinne; dieſes heftet fih dem Thunn un 
dem fogenannten Schwertfifche, ***) welcher nicht felten den Delphin 
an Größe übertrifft, mit feinem Stachel unter die Finne und verur⸗ 
fact ihnen einen ſolchen Schmerz, daß fie häuflg in die Schiffe aufs 
fpringen; was auch fonft die Filche thun, wenn fie die Gewaltthaͤtig⸗ 
feit anderer fürchten, am meiften aber die Meeräfchen +) und mit fo 
außerorbentlicher Springfraft, daß fle zuweilen über die Fahrzenge 
binmegichnellen. J 

XXI (Xxvij. Auch in dieſem Theile der Natur gibt es Vorbe⸗ 
beitiungen ‚und auch bie Bifche Haben Ahndungen. Als Augufus 
während bes fleilifchen Krieges am Ufer Iuftwandelte, fprang ein Fifch 
aus dem Meere'zu feinen Füßen; auf welches Zeichen Hin die Wahr: 
fager, da damals Sertus Pompejus fih ven Neptun zum Bater an 
nahm (fo groß war fem Ruhm im Seewefen), den Ausspruch thaten 
daß die, welche zu jener Zeit die Meere beberrfchten, unter Cäfars 
Füße fommen würben. +}) | 


2 Alſo vom Mai bis zum November. 
) Die Seefedern (pennatula), beſonders die Pennella. Oken's 
Naturgeſchichte V, 5R4, 
) Gladius — xiphias gladius L. , ” 


MD Mugiles; veral. weiter. unten Kan. 28. 
Tt) So wie ver Fiſch als ein Kind des Meeres au den Füßen bes 





Neunted Buch. 1061 


XXI. 1. Die Weibchen ver Fiſche find größer als die Maͤm⸗ 
chen: in einer gewiſſen Gattung gibt es gar feine Männchen, dahin 
gehören vie Buchftabenfifche*) und die Saͤgbarſche; **) venn alle wer⸗ 
den mit Biern trächtig gefangen. ***) Die Schuppenfifche far jeder 
Gattung ziehen ſchaarenweiſe; man fängt fie vor Sonnenaufgang, 
aledann trägt das Geflcht die Fifche am meiften; bei Nacht ruhen fle 
und bei heitern Nächten fehen fle eben fo gut wie am Tage. 2. Man 
behauptet, daß es zum Fange vienlich fey, wenn man die Tiefe aufs 
rühre, und daß daher bei dem zweiten Zuge mehr gefangen werten, 
als bei dem erfien, Am meiften lieben fle ven Giſchmack des Dels 
und dann mäßige Regen und nehmen baburch zu, wie denn auch bie 
Rohre, obgleich fie Sumpfgewächfe find, ohne Regen nicht gebeihen, 
und die Fiſche, ſtehen fogar überall ab, wo fle in demfelben Wafler 
bleiben und kein anderes zufließt. 

XXIV. Einen ſehr falten Winter ſpuͤren alle, am meiſten aber 


Auguftus fprang , fo werde Bompejus, der damals die Ober⸗ 
Hand zur See hatte und nach feinem Siege im flcilifchen Kriege 
(34 vor Chr.) fih übermüthig einen Sohn des Neptuns nannte 
(vgl. Appian, von den Bürgerfriegen, V, 100), alsbald ebens 
falld dem Auguſtus unterworfen feyn. 

*) Erythinus (von feiner fehönen rothen Farbe) = perca scriba; 
der Scheitel, ift feuerroth mit hHimmelblauen Wellenftrichen, wie 
Schriftzüge, woher er auch feinen Namen hat. 

**) Channe (von gaivsıv gäbnen, weil erimmer mit offenem Maule 
ſchwimmt) = peroa cabrille, gemeiner Sügbarich. 

**) (a ift wirklich fonderbar, daß man bis jetzt nur Roogper ges 
funden hat. Naturforfcher der neueren Zeit, welche an einigen 
Fiſchen von der Gattung der Sägbarfche unten an dem Cier⸗ 
ſtocke einen Milchlappen bemerften, glauben, daß Ieber einzelne 
Gier Hervorbringe und fle auch befruchte. 


x 


1062 C. Plinius Naturge ſchichte. 


diejenigen, welche einen Stein im Kopfe haben’ follen, *) wie bie 
Molföbärfche,**) die Seeraben,***) vie Bartumbern, }) die Roths 
braſſen. +) Nach ſtrengen Wintern werben viele blinde gefangen; 
auch liegen fle während diefer Monate in Höhlen verborgen, welche 
Bemerkung wir bereits 171) bei dem Gefchlechte der Landihiere ges 
macht haben. Am feltenften werden im Winter. der Etugfepf*+) 
und der Rabenflich **7) gefangen, einige wenige Tage, welde immer 
biefelben find, ausgenommen, ebenfo die Muräne *7) und ver Rälhs 
ling, t*) der Meeraal, }**) die Sägbärfhe r*’*) und alle Klippen 
ſiſche; der Krampfrochen, *$) der Gtatibutt**g) und die Zungen 
feholte ***S) follen fich während des Winters in der Erde, d. h. in dem 
ausgehöhlten Meeresgrunde, verbergen. 

XXV. Andere dagegen bleiben, weil fie die Hige nicht vertra- 
gen füntten, in der Mitte des Sommers ſechszig Tag lang verkedt, 





*) Die Ohrſteine finden fich bei allen Fiſchen, find aber bei eini⸗ 
gen Gattungen, beſonders bei den Schattenfifchen, größer und 
bemerkbarer. 

**) Lupus Peroa labrax L. 
***) Chromis — Sciaena nigra L. 
+) Scinena —= eirrosa L. 0. 
+) Pagrus = Sparus erythrinus L. 
+tt) 3. VIIL Kap. 54 und 55. 
*?) Hippurus =? Coryphaona hipparus L. Dorabo. 
**+) Coracinus = Sparus chromis L. ” 
**+) Muraena — Muraena helena L. 
t°) Orpheus =? Labrys anthias L. 
t**) Conger = Muraena conger L. 
7T?7) Perone, vergl. Ray. 23, $. 1. 
„s) Torpedo — Raia torpedo L. 
...9) Psetta — Pleuroneotes rhombus L. 
©) Salea, vergl. Kap. 20, 8. 93, 


— 


Neuntes Buch. | " 4063 


wie der Shhalenfiſch, 2) die Meertrüfchen, **) die Solbbraffen. ., 
Bon ben Flußfiſchen erfranft der Wels beim Aufgange des Hundes 
ſterns, auch wird er ſtets vom Blige betäubt. Daſſelbe foll auch im 


Meere dem Karpfen }) widerfahren. Und überhaupt fpürt das ganze . 


Meer den Aufgang diefes Geſtirns, was ſich am meiften im Bosphos 
rus [Ranal von Konſtantinopel] fund gibt, denn dad Seegras und-bie 
Fiſche fommen herauf und Alles wird vom Grund aus umgewühlt. - 

XXVI. Cine läherliche Eigenfihaft haben tie Meeräfchen, 177) 
welche, wenn fle fich fürchten, den Kopf verſtecken und fo ganz vers 
Borgen zu ſeyn glauben ; die Geilheit derſelben ift übrigens fo groß, 
daß in Phönizien und in ber narbonenfifchen Provinz Fr}) die Weib⸗ 
hen zur Zeit der Begattung einem Männchen, welches man einer 
langen durch die Schnauze und die Kiemen gezogenen Schnur. in’s 
Meer läßt und an ihr wieder anholt, bis zum Ufer folgen; zur Leich⸗ 
zeit dagegen folgen die Männchen dem Weibchen. 


XXVII. Der Stör,*+) welcher bei den Alten als der edelſte 


- 


*) Glaucus — Sciaena aquila Cuv. 
**) Aselli = Gadus mustela L. 
***) Auratae —— Sparus auratae L. 
» Der Karvfe (eyprinus) befindet fih nur im fügen Waffer und 
hoͤchſtens am Strande, nicht aber auf dem Hohen Meere. 
+1) Die hier angeführten Sigenfchaften ver Meeräfche (mugil ce- 
phalus L. haben neuere Praturforfiger noch nicht beobachtet. 
711) Vergl. oben Kap. 9, $. 1 


- 


*7) Acipenser. Hier ift indeffen keineswegs der gemeine Stoͤr | 


(acipenser sturio), ſondern der feltenere Sterlet (adipenser 
ruthenus) oder Scherg (aCipenser stellatus, helops) gemeint. 
Uebrigens find fo wenig hei dem Stör, als bei allen übrigen 
Fiſchen die Schuppen nach dem Kopfe hin nefehrt, aber die 
Störe haben nicht ziegelartig übereinanverfchlagende, fonbern 


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Neuntes Buch. „1065 


Meber das Vorgebirg Leeton [Ray Baba] in Troas ) geht er nicht 
feeiiwiflig hinaus. Bon daher brachte folche unter dem Kaifer Tis 
berius der Beichlehaber ter Flotte, Optatus Elipertius, und vers 
fheilte fle bie und an ver Küfte zwifchen Oſtia und Campanien [Terra 
Di Savoro]. 2. Fünf Jahre lang forgte man dafür, daß die gefan⸗ 
genen wieder in's Meer geworfen wurden; fräter findet man fle 
häufl an dem Geſtade Italiens, wo nıan vorher Feine fing. So hat 
die Echlemmetei durch Verpflanzung von Fifchen ihre Leckerbiſſen 
vermehrt und dem Meere einen neuen Bewohner geneben; verwundere 
ſich alfo Niemand, vaß fremte Vögel zu Mom fich fortpflanzen. — 
Den nächften Rang anf der Tafel behauptet ficher die Leber der Trüs 
ſchen,“) welche, wunderbar genug, auch zwiichen den Alpen der bris 
gantiniſche See [Bodenfee] in Rhätien ebenfo vorzüglich, wie das 
Meer hervorbringt. 
XXX. 1. Bon den übrigen im Rufe ftehenden Fifchen find 
die Meerbarben ***) die belichteften und haͤufigſten; fle find nur von 
mäfiger Groͤße und wiegen felten mehr ald zwei Pfund; auch wache 
fen fle in Behältern und Teichen nicht. Der Diean bringt fle nur in - 
feinem nördlichen und zunächſt nach Welten hin liegenden Theile her: 
vor: übrigens gibt es mehrere A.ten derſelben, denn fie nähren ſich 
fowobl von Seegras, als von Auftern, von Echlamm und von dem 
Fleiſche anderer Fifche. Gin doppelter Bart an der untern Lippe 
macht fie kenntlich. 2. Die geringfle Act derfelben nennt man 


9 Val. B. V, Kap. 32, 6. 2, Kay. 33, $. 1. 

' ) Mustela = gadur lota; Piirius ver vechfelt Hier dieſen Fiſch, 
weicher in * Flüſſen und See'n Curopa's lebt, mit ver Meer⸗ 
"trüfche (gadus mustela). 

m) Mullus == mullus barbatus L. 


1064 ° C. Plinius Naturgeſchichte. 


ver Fiſche galt und bei dem allein die Schuppen nach der Schname 
hin gefehrt find, fo daß er im Schwimmen gegen biefelben geht. findet 
jetzt feine Beachtung mehr, worüber ich mich wundere, ba er felten 
angetroffen wird ; manche nennen ihn Elops. *) 

XXVIH. Gpäter flanden, wie Cornelius Nepos und der Mi⸗ 
menbichter Laberius berichten , der Wolfsbärich*") und die Meerirüs 
fen ***) im befondern Anſehen; unter den Molfsbärfchen find bie, 
“welche wegen der Weiße und ber Zartheit ihres Fleiſches vie wols 
ligen }) beißen, die beliebteften. Don den Meertrüfchen gibt es zwei 
Hirten, die Gallarien, welche Feiner find, und die Bacchen, ++) welche 
nur auf der hohen See gefangen und deßhalb den erfteren vorgezogen 
werden; von den Wolfsbärfegen aber zieht man bie im Fluſſe gefan⸗ 
genen vor. 

XXIX. 1. Jetzt gibt man dem PapageifiihetTrt) den Worraug, 
welcher unter ven Fiſchen allein wieberfäuen, Kräuter und feine andere 
Fiſche freſſen ſoll und im karpathiſchen Meere*}) am hänfigften if. 


— — 
zerſtreute, ſehr verdickte und oben zugeſpißte Schuppen (Nägel), 
dydurch bei fluͤchtiger Anſicht der Irrthum mag entſtanden 
eyn. 

*) Bon Fadou, ſtumm; man bezeichnet im Griechiſchen mit dieſem 
Worte überhanpt einen Fiſch. 
*) Vergl. oben Kay. 24. 
++) Vergl. oben Rav. 25. 
+) Lanatj; wahrſcheinlich ift bier der Mittling oder Weißling 
(gadus merlangus)-gemeint. 

TD Es dürfte nicht leicht zu beftimmen feyn, welde Arten bier ges 
meint; vielleicht ift der Callarias qudacoiac) der Zwergdorſch 
(gadus minutus) und ber Bacchus (Acixxot) der Etvckfiſch 

(adus merlucius): beide Arten fommen im Mittelmeere vor. 

T1T) Soraus — 'ecarus cretious, scarus antiguorum. 


H Bel. Bo. 0, Kap. 112, 9.2, 8, V, Kap. 28, 8. 3. 


Neunte Buch. ‚1065 


Meber das Vorgebirg Leeton [Ray Baba] in Troas*) geht er nicht 
freiwillig hinaus. Bon daher brachte ſoiche unter dem Kaiſer Ti⸗ 
berins der Befehlshaber der Flotte, Optatus Elipertius, und vers 
theilte fle hie und an der Küſte zwiſchen Oſtia und Campanien [Terra 
di Lavoro]. 2. Fünf Jahre lang forgte man dafür, daß die gefan⸗ 
genen wieber in's Meer geworfen wurden; fräter findet man fle 
häufiz an dem Geſtade Italiens, wo man vorher feine fing. So hat 
die Echlemmerei durch MVerpflanzung von Fifchen ihre Leckerbiſſen 
vermehrt und dem Meere einen neuen Bewohner geneben; verwundere 
fich alfo Niemand, daß fremte Bögel zu Mom ſich fortpflanzen. — 
Den nächften Rang anf der Tafel behauptet ficher die Leber der Trüs 
ſchen,“) welche, wunderbar genug, auch zwifchen den Alpen ber bris 


nantinifhe See [Bodenfee] in Rhätien ebenfo vorzüglich, wie da6 


Meer hervorbringt. 

XXX. 1. Bon ten übrigen im Rufe ftehenden Fiſchen find 
die Meerbarben ***) die belichteften und häufigften; fle find nur von 
mäfiger Größe und wiegen felten mehr als zwei Pfund; auch wach⸗ 


fen fle in Behältern und Teichen nicht. ° Der Ocean bringt fle nur in 


feinem nörplichen und zunächft nach Welten Hin liegenden Theile Herz 
vor; übrigens gibt es mehrere A ten derfelben,, denn fie nähren ſich 
fowobl von Seegras, als von Auflern, von Echlamm und von dem 
Fleiſche anderer Fifche. Ein doppelter Bart an der untern Lippe 
‚ madt fie fenntlih. 2. Die geringfle Ach derfelben nennt man 


8 


*) Val. B. V, Rap. 32, 6. 2. Kap. 33, $. 1. 

' 9) Mustela — gadur lota; Pirius ver vechfelt Hier diefen Fiſch, 
welcher in Ran Blüffen und See'n Europa’s Iebt, m mit der Meer⸗ 
trüfche (gadus mustela). 

**) Nuilus mullus barbatus L. 


1066 C. Blintus Naturgeſchichte. 


Schlammbarben; dieſen begleitet ſtets ein anderer Fiſch, welcher 
Geißbrafſen ) heißt und, wenn jener im Unrathe wühlt, bie aufge 
ſtoͤrte Atzung verſchlingt. Die am Ufer ſich aufhaltenden liebt man 
nicht; am Meiſten gefucht find bie, melche einen Muſchelgeſchmack 
haben. Ihren Namen erhielten fie, wie Feneſtella glaubt, von ber 
Farbe ver rothen Schuhe. *') Sie leihen dreimal im Jahre; fo oft 
wenigfiend erfcheint ihre Brut. 3. Der fterbende Meerbarbe zeigt, 
wie Haupiſchlemmer verfihern, wenn er nämlich in einem Glaſe ein- 
gefchlofien betrachtet wird, ein buntes und oft fich aͤnderndes Karben 
Spiel und die rothen Schuppen werden nach vielfachen Wechfel weiß.“) 
M. Apicius, ein in allen Gegenfländen der Schwelgerei wunderber 
erinderifcher Kopf , hielt ed für das Befte, fie in Bundesgenoſſen⸗ 
garum +) (denn auch diefe Sache fand einen Beinamen) zw töbten, 
und forderte auf, eine Tunfe tt) aus ihrer Leber zu ervenfen. Dieb 
AR indeſſen leichter zu berichten, alö wer den Sieg davon trug. 
XXXI. Aftnius Geler, ein gewefener Conſul +++), welcher für 
diefen Fiſch viel verſchwendete, bezahlte unter der Regierung des Ca⸗ 
jus [Caligula] einen folgen mit achttaufend Sefterzien [660 Guldenl, 
welche Rechnung ven Geiſt zu einem Seitenblide auf Diejenigen vers 
anlaßt, welche bei ihren Klagen über die Ueppigfeit jammerien, daß 
man einzelne Köche theurer Taufe als Pferde, denn jetzt koſten bie 








”) Sargus — sparus sargus L. 

**) Mullea caleiamenta, wie fie bie Magiftrat&perfonen trugen; 
diefe Schuhe jcheinen übrigens eher ihren Namen von ber ſchoͤ⸗ 
nen Purpurfarbe ded Barben zu haben, ald umgelehrt. 

3 zul Seneca, Quaest. natur. III, 17, 18, . 

'T) Ueber dad Garum (eine Fifchbrühe), feine Bereitung u. fi w. 

vgl. B. XXXT, Kap. 43. “ vo u 
TP) Mlec, ebenfalls eine Fifchbrühe, wol, B. XXXL Kap. 44. 
TIr) Die Zeit feines außergewöhnlichen Conſalats ift unbekmet: 





! 


PA EEE... . 


Neuntes Bud. i . 1067. 


Köche fo viel wie Triumpfe und die Fiſche fo viel wie die Köche, und 
faſt wird bereits kein Menſch höher geichägt als der, welcher bag Vers 
mögen feines Heren vergeubet. - - 

(xvm.) Licinius Mucianus erzählt, daß im voten Merre ein 
Barbe von achtzig Pfund gefomgen worden fen; wie thener wuͤrde 
biefen die Schmelgerei bezahlt Haben‘, wenn er an ber Küfte in der 
Nähe der Stadt erhafcht worden wäre. 

- KXXIL: Eine natürliche Erſcheinung ift es auch, dag an ae 
Bern Orten andere: Fifche den Vorrang haben, fo der Nakenfifch* in 
Aegypten, ver- Sonnenflfch,, auch der Schmid genannt, **),.zu Gades 
[Kadix], bei Ebufus [Iviza] der Goldſtriemen, “) welcher ander 
wärts garflig iſt und ſich nirgends gar kochen läßt, wenn man ihn 
nicht erſt mit einer Ruthe fchlägt; in Aquitanien +) wird der Fluß 
ſalm allen Seeflfchen vorgezogen. 

XXXIII. Einige Fiſche Haben vielfache, andere einfache, an⸗ 
dere doppelte Kiemen; +7) durch diefe laſſen fie das mit ber Schnauze 
eingeſchluckte Wafler wieder fort. Gin Zeichen des Alters. ift vie 
Härte der Schuppen, welche aber nicht bei allen gleich find. In 
Stalien am Fuße der Alpen find zwei Seen, welche der larifche [Lago 
di Eomo] und der verbanifche LLago maggiore] heißen, in denen jedes 
Sahr beim Aufgange des Siebengeſtirns 1717) Fiſche zum Vorſchein 


*) Nämlich der weiße Rabenfiſch ober Bolty (labrus niloticus). 
**) Zeus idem faber. appellatus = Zeus faber L. Schmid oder 
Meerfchmid heißt er noch, weil man in der Geſtalt feiner Kno⸗ 
chen alle Werfjeuge eined Schmides finden fol. ., 
***) Salpa = sparus salba L. 
4) Bol. Bo. IV, Kay. 31, 8.1. 
+r) Dan kennt feinen Fiſch, welcher weniger ale drei Kiemen bat. 
+tr) Beim main bed Sommers, Vgl. DB. XV u, 8.68, 8. 1. 


. 1066 - €. Plinius Naturgeſchichte. 


Sälammbarben; viefen begleitet fletd ein anderer Fiſch, welcher 
Geißbraffen*) heißt und, wenn jener im Unrathe wühlt, tie aufge 
ſtoͤrte Atzung verfchlingt. Die am Ufer ſich aufhaltenden liebt man 
nicht; am Meiften gefucht find die, melde einen Muſchelgeſchmack 
haben. Ihren Namen erhielten file, wie Beneftella glaubt, von der 
Farbe der rothen Schuhe. **) Sie leichen preimal im Sahre; fa oft 
wenigflend erfcheint ihre Brut. 3. Der flerbende Meerbarbe zeigt, 
wie Hauptſchlemmer verfichern, wenn er nämlich in einem Glaſe ein⸗ 
gefchloffen betrachtet wird, ein buntes und oft ſich aͤnderndes Yarben- 
fpiel und die rothen Schuppen werden nach vielfachem Wechfel weiß.“) 
M. Apicius, ein in allen Gegenfländen der Schwelgerei wunberber 
erinderiicher Kopf , hielt e8 für das Befte, fie in Bundesgenoſſen⸗ 
garum +) (denn auch diefe Sache fand einen Beinamen) zw töbten, 
und forderte auf, eine Tunketr) aus ihrer Leber zu erdenken. Dies 
iſt indeſſen leichter zu berichten, ald wer den Sieg davon trug. 
XXXI Aſinius Eeler, ein geweſener Conful Fr), weldger für 
diefen Fiſch viel verſchwendete, bezahlte unter der Regierung des Ga⸗ 
jus [Caligula] einen folgen mit achttaufend Sefterzien [660 Gulden]. 
welche Rechnung den Geift zu einem Seitenblicke auf Diejenigen vers 
anlaßt, welche bei ihren Klagen über die Ueppigfeit jammerten, daß 
man einzelne Küche theurer kaufe als Pferde, denn jetzt koſten die 








) Sargus = sparus sargus L. | 
**) Mullea oalciamenta, wie fie dig Magiftrat&perfonen trauen; 
diefe Schuhe fcheinen übrigens eher ihren Namen von ber ſchoͤ⸗ 
nen Purpurfarbe des Barben zu haben, ald umgelehrt. 
Val. Seneca, Quaest. natur. IIE, 17, 18. · 
7) Ueber dad Garum (eine Fiſchhrühe), feine Bereitung u. w. 
vgl. B. XXXI, Kap.43. . 
TT) Aliee, ebenfalls eine Fiſchbrühe, wat. B. xxxi Kay. 4. 


++) Die Zeit feines außergewähntichen Confalats ift nbehwmat: 


* 





Neuntes Bud. . 1067. 


Köche fo viel wie Triumpfe und die Fifche fo viel wie Die Köche, und 
faſt wird bereits ein Menſch höher geichägt als der, welcher bad Vers 
mögen feines Heren vergendet. — 

ixvm Licinius Mucianus erzählt, daß im rothen Merre ein 
Barbe von achtzig Pfund gefangen worden ſey; wie theuer wuͤrde 
dieſen die Schwelgerei bezahlt Haben, wenn er an der Küfle in der 
Nähe der Stadt erhafcht worden wäre. 

XXXIL ine natürliche Erfcheinung ift es auch, daß an am 
dern Orten andere Fifche den Vorrang haben, fo ber Rabenfiſch“ in 
Aegypten, der Sonnenfifch, auch der Schmid genannt, **),.zu Gades 
[Sadir] , bei Ebufus [Iviza] der Goldſtriemen, ) welcher auder- 
warts garflig iſt und ſich nirgends gar Tochen läßt, wenn man ihn 
nicht erft mit einer Ruthe fchlägt; in Aguitanien +) wied ber Fluß 
falm allen Seefiſchen vorgezogen. 

XXXIII. Einige Fiſche Haben vielſache, andere einfache, an⸗ 
dere doppelte Kiemen; +7) durch dieſe laſſen ſie das mit der Schnauze 
eingeſchluckte Waſſer wieder fort. Gin Zeichen des Alters iſt vie 
Härte der Schuppen, welche aber nicht bei allen gleich find. In 
Stalien am Fuße der Alpen find zwei Seen, welche der larifche [Lago 
di Eomo] und der verbanifche [Lago maggiore] heißen, in Denen jenes 
Jahr beim Aufgange des Siebengeſtirns Fr) Fiſche zum Borfchein 


*) Mämlich der weiße Rabenfiſch ober Bolty (labras niloticus), 
**) Zeus idem faber appellatus — Zeus faber L. Schmid oder 
Meerfchmid heißt er noch, weil man in der Geſtalt feiner Kno⸗ 
‚hen alle Werkzeuge eined Schmides finden foll. 
***) Salpa = sparas salba L. 
+) Bel. Br. 1V, Kap. 31, 8. 1. 
+r) Dan kennt feinen Fiſch, welcher weniger ald drei Kiemen hat. 
+t7) Beim Beginn des Sommers, Vgl. B. XV, 8,66, 8.1. 


1068 C. Plinius Naturgeſchichie. 


kommen, welche durch Ihre dichten und ſehr ſcharfen, den Schuhnageln 
Shnlichen Schuppen *) auffallen und fich nicht weiter, als um biefen 
"Monat fehen laſſen. 

XXXIV. xX. Auch Arcadien *) bewundert feinen Crocoetus 
[Auswärtsfchläfer] , welcher deßhalb fo genannt wird, weil er des 
Schlafes wegen auf bad, Trodene geht; ***) in ber Gegend des 
Elitorius [Garbifi] ſoll er einen Laut von fi) geben und keine Kies 
men haben; ) bei einigen heißt er Adonis. 

XXXV. Die fogenannten Sremäufe T}) gehen ebenfalld auf 
das Land, fo wie guch die Armkraken F}}) und bie DMiuränen;*+) auch 
in ben Zläflen Indiend thut dieſes eine gewiſſe Gattung von Bis 
fchen **+) und fpringt dann wieder [ind Wafler] zurüd, denn bie meis 
ſten haben offenbar feinen andern Beweggrund, warum fle in die 
See'n und Flüffe gehen, als daß fle ihren Laich in Sicherheit legen, 





*) Mehrere Karpfenarten, beſonders aber das Rothauge (oypri- 
nus rutilus), in Italien Pigo nenannt, befommen zur Laichzeit 
auf den Schuppen wizllich ſpitzige Knötchen. 

e) Val. Bd. 1 ‚ Kap. 10. 

..) Wahrfcheinlich ein Schleimfiſch GBlennius) oder eine Meer⸗ 
grundel (Gobius), welche Gattungen einige Zeit im Trockenen 
aushalten, aber keineswegs des Schlafes wegen. 

+) Alle Fiſche Haben Kiemen, aber bei manchen iſt die Deffnung 
derſelben eng. 

++) Marini mures; ; wahrfcheinlich bie Lederſchilokröte (Ephargis 
coriacen). 

+) Bolypi, vol. weiter unten Kap. 46, $.1. 

*+) Dal. Kap. 24. 

*4) Die Schlangenföpfe (ophicephali) , ben Karpfen: ähnliche Fi⸗ 
fche, welche an ber Küfte von Malabar in fügem Waſſer leben, 
dag fie zu Seiten verlaffen, um über’ Land zu reifen, wobei fle 

den Kindern und Gauklern zum Spiele dienen. 





Neuntes Bud. Ä 1069 


weil fich baſelbſt keine Thiere finden, die ihre Brut verſchlingen und 
die Fluthen weniger toben. Daß ſie dieſe Gründe kennen und den 
Wechſel der Zeiten wahrnehmen, wird man noch mehr bewundern, 
wena man erwägt, wie viele Menfchen denn wiflen, daß der Fang am 
ergiebigften ift, wenn die Sonne durch das Zeichen der Fiſche geht. 

AXXVI (xx) Bon ben Eeefifchen find einige glatt, wie bie 
Dornbutten , die Zungenfchollen,* die Platteige,**) welche ſich von 
den Dornbutten nur durch die Lage bed Körpers umterfcheiden; jene 
beugen ſich auf bie rechte, ber Platteis auf die linke Seite; ***) andere 
find lang, wie die Muräne, der Meeraal. }) 

XXXVI. Daher finden auch Berfchienenheiten in den Finnen 
ſtatt, welche den Fifchen ſtatt der Füße gegeben find; Feine haben 
mehr ald vier, einige zwei, manche gar Feine; +7) nur in dem fucinis 
ſchen See [ago di Celano] iR ein Fiſch, INt) der mit acht Finnen 
ſchwimmt; zwei Haben indgefammt die langen und fhlüpfrigen, wie 
die Flußaale und die Meeraale; Feine z. B. die Muränen, denen auch 


bie Kiemen fehlen; *+) alle dieſe bewegen ſich durch ſchiebende Kruͤm⸗ 


mung ihres Körpers im Meere ebenfo, wie bie Schlangen auf bem 


Lande; fig kriechen zugleich auf dem Trocknen; auch haben folche veß- 





. *) Rhombi, soleae, vgl. Kap. 20, $. 3. 
* Passer = pleuronectes platessa L. 


“) Die Scholten haben beide Augen auf einer Seite, und zwar 


die Dornbutten auf der linken und die Platteiße auf ber rechten; 
biefe ſchwimmen auf der linfen und jene auf ber rechten. 
+) Conger, vgl. Kap. 24. 
Tr) Blinius zählt nur bie Bruß- und Bauchfloßen, und in biefer 
Beziehung ift feine Bemerkung richtig. 
+9 en Fiſch kann es nicht feyn‘, wohl aber ein weia⸗ pber 


+) Bäl. d Be Bemerkung zu Rap. 17 u N | 
G. Plinius Naturgeſch. 9. Bdqhn. 4 


1070 „G. Plinlus Naturgefhiäte. 


Halb ein zäheres Leben. Bon den platten haben einige ebenfalls: 
feine Finnen, wie bie Stechrochen,*) denn fle ſchwimmen ſchon 
- burdh ihre Breite, ferner die fogenannten Weichthiere , wie die Arm⸗ 
£rafen, weil bei diefen die Füße die Stelle der Finnen vertreten. *) 
XXXVIII. axı) 4. Die Flußaale***) leben acht Jahre, auch 
bauern fe ſechs Tage ohne Wafler aus, wenn ber Morboft weht, beim 
Süpdwinde nicht fo lange; den Winter aber halten fie weder in fpär- 
lichem, noch in trübem Wafler aus, deßhalb werben fle auch meift beim 
Aufgange des Siebengeftiend }) gefangen, weil alsdann die Flüſſe 
beſonders trühe find; fle fuchen des Nachts ihre Nahrung und treiben 
allein von allen Fifchen, wenn fle todt find, nicht auf dem Waſſer. 
axır.) 2. In Italien, im veronenfifchen Gebiet, liegt der bena- 
cifche See [Lago‘di Garda}, durch welchen der Fluß Mincius Min⸗ 
cio] firömt; nach der Stelle hin, wo biefer heraustritt, werben fe 
jährlich ‚ etwa im Monat Oftober, wenn e8, wie befannt, durch ben 
Einfluß des Herhfigeflivne +}) auf dem See wintert, durch die Fluthen 
lumpenweife hingewälzt, und zwar in fo erfiaunlicher Menge, daß 
man fe in ven zu dieſem Zwecke im Fluſſe heigerichteten Aalfängen 
in Anäueln von taufend Stüd findet. 
XXXIX. axım) 1. DieMuräne tft) laicht in jedem Monate, 
während die übrigen Fifche nur in einem Bbeflimmten laichen; ihre 
Gier wachfen Außerft fchnell; da fie auf das trockene Ufer fpringen, fo 
*) Pastinaca = Raja pastioa L. Die breiten Bruftfloßen liegen 
fo dicht an dem Leibe, daß fle bei flüchtiger Beobachtung nit 
vorhanden zu feyn fcheinen. 
**) Sp nennt Plinius bie großen Fühlfaͤden der Armfrafen. 
.***) Anguilla — Maraena anguilla L. 
+) Vgl. oben Kap. 23. ° " . 


TP) Der untergehenden Pleiaden. Vgl. 3b. I, Kap. 47, $.4. 
'nena helena L. u ' 


Neunted Buch. 4074 


llentt dad Volk, daß ſie durch die Begattung mit Schlangen be⸗ 
fruchtet werden. Ariſtoteles *) nennt dad Männchen, welches zeugt, 
Smyrus;“) der Unterſchied ſoll darin beſtehen, daß die Muräne bunt 
und ſchwach, der Smyrus aber einfarbig. und ſtark iſt und die Zähne 

außerhalb der Schnauze hat.***) Im.nörblichen Gallien Haben alle 
Muränen auf der rechten Rinnlade fieben Flecken Son der Geftalt des 
großen Bären, +) welche, fo lange fle leben, in Goldfarbe ſchimmern, 
aber. zugleich ‘mit dem. Athem erlöfchen. 2. Der römifche Ritter 
Vedius Pollio, einer der Freunde des göttlichen Auguſtus, ) ent 
deckte in dieſen Thieren ein Mittel, feine Grauſamkeit zu beweifen, 
indem er in ihre Behälter verurtheilte Sklaven verfenkte, nicht als ob 
dad Wild des Landes dazu nicht ausgereicht Hätte, fondern weil man 
bei Feiner andern Thieratt den ganzen Menfchen zugleich zerreißen 
fehen konnte. FF) Ste follen befonderd durch den Genuß tes Eſſige 
in Wuth verfegt werden. Eie haben eine äußerſt dünne Haut, bie 
Aale dagegen eine dickere, und man pflegte damit, wie Verrius be 
richtet, die Bürgersfinder zu fchlagen und «8 war deßhalb nicht e einge⸗ 
führt, ihnen Geldſtrafe aufzulegen. 


‘*) Histor. Animal. I, V, o. 10. 
*) So und nicht Myrus beſe ich mit beſonderer Rüuckſicht auf 
B. XXXIL, Kap. 53, 6.7. 

e) Man nahm wahrfcheinlich eine größere Muränenart (vielleicht 
bie muraena christini, welche durchaus braun ift und flärfere 
Zähne hat) für das Männdyen der gewöhnlichen Muräne. - 

+) Diefed an fleben hellen Sternen Eenntliche Geſtirn wird. auch 

- mit einem Wagen verglichen. An den Muränen ſucht man 
übrigens dieſe Flecken ner bene. - 

+7) Welchem er aber wenig Ehre machte; vgl. Dio Gaffut LIV, 

23. Tacitus Jahrb. IL, 10; XII, 60, 

+rd Dal. Senesa, de ira IH, 48; de elementia I, 18. un 


4* 


1072 E. Plinius Naturgeſchichte. 


. XL. (axıv.) Tine andere Gattung bilden die platten Fiſche, 
welche flatt der Gräte Knorpel haben, mie die Rochen, ) die Stech⸗ 
zothen, **) vie Engelhayen, ***) der Krampfrochen, +) und viejenigen, 
welche die Griechen mit dem Namen Ochs, +7) Here, +++) Abler*}) 
und Zrofch""+) bezeichnen. Dazu werben auch Die Hayen*""f) ges 
zählt, obgleich‘ fle nicht platt find. "Alle zufammen Hat Arifloteles 
zuerft im Griechifchen mit dem für fie erdachten Namen Selahät*) 
bezeichnet, wir Eönnen fle nicht unterfcheiden, wenn wir fle wit 
Knorpelfliche nennen wollen. Alle ſolche aber find fleiſchfreſſend und 
nehmen ihre Nahrung auf dem Rücken liegend zu ſich, wie wir Bei 
den Delphinen bemerkt haben, +*”) und während die übrigen Fifche 
Eier legen, gebiert dieſe Gattung allein, fo wie die, welche Wale +***) 





*) Die Gattung der Rochen (rajae) überhaupt. 
**) Pastinaca — Raja pastinaca L. 
***) Squatina = Squalus squatina L. 
+) Torpedo = Raja torpedo L. | - 
ir) Bos; wahrfcheinlich der Hornroche (raja sephaloptern), wegen 
feiner wie Hörner vor dem ſtumpfen Kopfe hervorragenden 
Brufiflogen auch Meerteufel genannt; Plinius verſteht 
(B. XXXII, Kap. 53, $ 3) unter cornuta benfelben Fiſch. 
+4) Lamia, bei den Alten eine Here, die junge Leute verlodt und 
mit Haut und Haar auffrißt ; wahrfcheinlich ift der nach leben- 


ben und todten Menichen ſehr Tüflerne Menichenhay (equalus 
.esrcharias L.) gemeint. - 


*}) Der Adlerrochen (raja aquila). 
9 Der Frofchfifch (lophius piscatorius L.). 
) Squali, befonbers die norpelfifchartigen Hayen. | 
1°) Zeiayg, von oéaac und Eyeır, Glanz Haben, weil ihre Haut 


bei ver Nacht glänzt; Kriftoteles Hist, animal V, 5. 
en Shen ’ 


ıte, cetacka, vgl. Rap. 74, 5,1. 








Neuntes Buch. 1073 


Heißen, lebendige Iunge, mit Ausnahme des fogenannien Fro⸗ 
ſches.) 

XLI. sy.) 1. Es gibt einen ſehr Heinen Fiſch, ver gewoͤhn⸗ 
lich an Felſen lebt und Schifföhalter**) heißt; wenn er ſich an die 
Kiele der Schiffe anhängt, fo gehen diefe, wie man glaubt, langfamer, 
woher er auch feinen Namen befommen hat; and derfelben irfache***) 
iſt er auch bei Zaubertränten und Verfchleifang der Rechtshaͤndel und 
Streitfachen übel berüchtigt, welche Schänblichkeiten ex aber durch die 
einzige loͤbliche Eigenfchaft ausgleicht, daß er den Blutfluß der 
‚Schwangeren ftillt und die Leibesfrucht bis zur Niederfunft fefthält; 
unter die Speifen nimmt man ihn übrigend nicht auf. 2. Ariftoteles 
‚glaubt, daß er Füße habe, weil feine Finnen auf ähnliche Weile ges 
ftellt find. }) Mucianus fpricht von einer Leiſtenſchnecke ++), melde 
Breiter fen als bie Purpurfchnede , und die weder einen rauhen, noch 
zunden Mund, noch eine in Winfeln vortretenbe Schnauze, fondern 
eine einfache, auf beiden Seiten ſich fließende Schale habe; als 
folche-fi) an das mit vollem Winde ſegelnde Schiff fefthängten,, wel- 
ches von Periander geſchickte, eble Knaben, die. verfchnitien werben 


*) Der Froſchfiſch legt alferbinge Gier, aber keineswegs gebären 
alle übrigen Knorpelfiſche lebendige Junge. 

**) Eoheneis — Echeneis remora L. Daß die ihm hier beige- 
legten Gigenfchaften Maͤhrchen find, Braucht Taum bemerkt zu 
werben. 

“er, Meil er nämlich Alles aufhält. 

+) Arifoteles (Hist. anim. II, 17) glaubt viefes nicht, ſondern 
fagt nur, daß Andere ed faiſchli glauben. Die Finnen des 
————— gleichen auch nicht im entfernteſten Füßen. 

+}) Murex. Nah Anden foll Plinius bier unter Murex eine 
Borcellainefchnede (erpren) verfiehen; jedenfall? ift das über: 
R Mitgetheilte Babel. . 


‘ 


1074 €. Plinius Naturgeſchichte. 


follten, *) trug, habe es ſtille geſtanden und die Mufcheln, welche dieß 
bewirkt hätten, würden bei der Venus der Gnidier verehrt. Trebus 
Niger ſagt: fle ſey einen Fuß lang und fünf Finger dick und halte die 
Exhiffe auf; außerdem wohne ihr felbit dann noch, wenn fie im Salze 
aufbewahrt werde, eine folche Kraft bei, daß ſie Gold, welches in bie 
tiefften Brunnen gefallen, fo wie man fie baran bringe, herausziehe. 
XLII (xxvn. Ihre weiße Farbe verändern die Larierfiiche *) 
und werden im Sommer fhwärzer; auch vie Meergrundel*"*) vers 
ändert fie und während fie zur übrigen Seit weiß if, wird fie im 
Herbfte bunt; diefelbe macht fich aflein von ben Fiſchen ein Neft aus 
Seegras und leicht in dem Nefle. 
XLIII. Die Seefchwalbe,T) welche wirklich der Landſchwalbe 
fehr ähnlich if, fliegt, eben fo der Meerweih. ++) 
(xx). DerFifch, welcher wegen feiner Eigenſchaft Leuchteftt) 
heißt, fteigt auf die Fläche des Meeres und leuchtet mit feiner aus 
der Schnauze. hervorgeſtreckten feurigen Zunge in ruhigen Nächten; 


*) Periander, Tyrann von Korinth, fchickte um das I. 580 vor 
Ehr. preihuntert Knaben, Sühne.der erften Männer von der 
ihm unterworfenen Infel Corcyra (Gorfu) an Tlyattes, König 
von Sardes, zur Verfchneidung. Herodot III, 48. 

:**) Maena = eparus maena L. R 
.. %°%) Phycis = Gobius L. Die von ihr hier mitaetheilten Cigen⸗ 
fhaften hat man befonderg an ber ſchwarzen Meergrundel (go- 
bius niger L ) beobachtet. _ 

+) Hirundo — Trigla volitans I.., ber fliegende Seehahn. 

7TDh Milvus = Trigla hirundo L., der große Seehahn. 
7TTT) Lucerun. Da die Fiiche nur im Zuftande der Faͤulniß leuch⸗ 
ten, fo ift bier wohl eine Krafe, vielleicht die Feuerſcheide 
(Pyrosema) gemeint; von dem Hervorſtrecken einer fenrigen 
Bunge fann natürlich feine Rede ſeyn. " 


4 


— 


! 








Neuntes Bud. 1075 


ein anderer *) erhebt aus dem Meere feine faft ſechs Fuß lange Hörner 
und hat davon Namen befommen ; dagegen wühlt der Seebracdhe, *”) 
- wenn er gefangen und auf den Sarıd geworfen wird, fich in wunder: 
barer Schnelligfeit mit der Schnauze ein Loch. 

XLIV «xxven. Ginige Fiſche haben Tein Blut; von diefen wol⸗ 
len wir jetzt ſprechen; es gibt deren drei Arten; zuerſt kommen die, 
welche weiche heißen, dann die mit dünnen Kruſten bedeckten und zus 
legt die in harten Schalen eingefchloffenen ***) Weiche find bie Sees 
Tage, ) die Dintenfchnede, rt) die Spruttettr) und die übrigen 
dieſer Art. Der Kopf liegt bei ihnen zwifchen den Füßen und dem 
Bauche; alle haben acht Füßchen.*+) Bei der Dintenfchnede und 
der Seekatze fin zwei von biefen Füßen fehr lang und rauh; fie fühs 
‚ xen damit bie Nahrung zum Munde und Iegen ſich an ihnen in ben 
- Zluthen, wie an Anfern, fehl; die übrigen find Fäden, deren fie fich 
‚zum Fange bevienen. 

f XLV xxıx), Die Seefape fliegt auch, indem fie fich über das 

Waſſer erhebt; daſſelbe thun die Kemmmuſchein *+) mit ber Schnel⸗ 


) Der Horntochen (raja cephaloptera), welcher an einer andern 
Stelle (B. XXXII. Kap. 53, $. 3) unter feinem Namen Cor- 
nata vorfommt. Dal. auch weiter oben Kap. 40. 

**) Draco marinus — Trachinus draco L. Dueife. 

***) Alſo nach der jehigen Ausdendömeile Mollusken, Cruſtaceen 
"und Teſtaceen. 

») Loligo, vgl. oben Sad 20, $. 3. 

77) Sepie, vgl. a. demſ. O 

ttr) Polypus; bie große Sprutte (sepia ootopedia L). 

*4) Die zehn Fangarme find Hier gemeint, von denen die zwei groͤ⸗ 
Beren (pedes) die Fuhlfaͤden vorfteflen,, die andern acht (pedi- 
euli) aber Eleiner find und Bartfäden (cirri) heißen. 

*+) Pectunculi, noch Petongles an der Weſtküſte von Frankreich 





1076 CGC. Plinius Naturgeſchichte. 


ligkeit des Pfeiles. Die Maͤnnchen von dem Geſchlechte der Dinken⸗ 
ſchnecken find bunt und ſchwaͤrzer, fo wie auch von größerer Stand⸗ 
haftigkeit; fie fommen dem vom Dreizade verwundeten Weibchen zur 
Hülfe, dad Weibchen aber flieht, wenn dad Männchen getroffen iR; 
Heide indeften laffen, wenn fle merfen, daß fle erhaſcht werben follen, 
eine ſchwarze Flüfftgkeit von ſich, die bei ihnen die Stelle des Blutes 
vertritt, *) und verbergen fich in dem baburch verbanfelten Wafler. 
XLVI. 1. &86 gibt viele Arten von Armfrafen;; **) die am Lande ſich 
aufhaltenden find größer als die des hohen Meeres; alle bedienen ſich der 
Bangarme flatt der Füße und Hände, des Schwanzes aber, welcher ges 
fpalten und ſpitz ift, ***) zur Begattung. Die Armkraken haben auf ven ' 
Rüden eine Roͤhre, }) wodurch ſie das Seewaſſer gehen laffen und die ſie 
bald auf die rechte, bald auf die linke Seite bringen. Sie ſchwimmen 
fchräg mit dem Kopfe, welcher, fo lange ſie leben, durch Aufblaͤhung ſehr 
hart iR. Mebrigens hängen fie ſich mittelft einer Art von Näpfen, 
die über die Arme zerfireut find, durch ein gewiſſes Schluden an und 


genannt, fie ſchwingen ſich durch einen eigenthümlichen Mecha⸗ 
nismus in bie Höhe und befchreiben eine furze Wurfkrümmung. 

*) Diele Schwärze ift weder Blut noch, wie andere meinten, Galle, 
fondern eine in einer an der Leber liegenden befonderen Drüſe 
entſtehende Abſonderung. 

*9) Polypi (Vielfüßler). Die Alten verſtehen darunter nur bie 
Armfrafen; jegt hat man mit Unrecht diefen Ramen den Darm 
thieren beigelegt. 

**) Die neueren Beobachter wiffen nichts von dieſem Körbertheile 
ber Sprutten. . . 
+) Die trichterförmige Röhre, durch welche das Thier beim Athmen 
. das Waſſer einzieht und wieder von ſich gibt, liegt nicht auf 
dem Rüden, fondern zwifchen Bauch und Mantel und oͤffnet 
ſich oorn unter dem Haiſe. 





Neuntes Buch. 1077 


4 
‘ 


Halten rüdlings fo fe, daß man fie nicht losreißen kann. Auf Uns 
tiefen”) fallen fie nicht an, auch haben die größeren geringere Halt: 
kraft. 2. Bon: den Weichthieren gehen fle allein auf den trockenen 
Boden, vorausgefept, daß biefer rauh ift; die Glaͤtte haften fie. Sie 
‚nähen ſich von dem Fleiſche der Muſcheln, deren Schalen fle durch 
Umfpannung mit ihren Fühlfäden zerbrechen, weßhalb ſich auch ihr 
LEager durch bie davorliegenden Scherben verräth. Und obgleich man 
dieſes Thier fonft für dumm hält, weil es zu der Hand des Menfchen 
heranſchwimmt, fo ift e8 doch gewiffermaßen in feinem Haushalte 
Hung; es trägt Alles in feine Wohnung zufammen, dann fehafft e& Die 
Schalen, nachdem es das Fleifch Herausgenagt hat, hinaus und fängt 
die zu ihnen heranfchwimmenden Fifche. Die Farbe wechfelt es nach 
der entfprechenden des Ortes **) und befonders in der Angſt. Daß 
es feine Arme abnage, iR eine irrige Meinung, denn dieß widerfährt 
ihm von den Meeraalen, daß fle ihm aber wieder wachſen, wie ben 
Sterngätern***) und Cidechſen die Schwänze, ift nicht irrig. 
XLVIL Zu den Hauptwundern gehört aber der fogenannte 
Nautilus, }) welcher bei andern auch Pompilos [Rootfe] heißt. Rück⸗ 
wärts liegend kommt er auf den Meeresipiegel, indem er fich allmälig 
fo erheBt, daß er alles Waſſer durch eine Möhre von ſich läßt und 
gletchfam der Grumbbrähe ledig leicht daherſchifft. Alsdann beugt 
er die beiben erſten Arme zurüd und ſpannt zwifchen denſelben ein 


*) Wo Sand oder Schlamm iſt. 

*) Der Farbenwechſel wird nicht durch den Aıtfenthaltsort, ſon⸗ 
bern durch eine Menge in ver Haut fipender Heiner Höder, 
welche fich beflänbiy erweitern und verengern, hervorgebracht. 

+) Oolota — stellio, Geo, Tarantola.' Bl. B. XI, Kap. 31. 

+) Gewöhnlich Bapiernautilus (argonauta argo) auch Slasboot 
und Schiffsboot genannt. 


x 


1078 C BPlinius Naturgeſchichte. 


Haäutchen ) von wunderbarer Dünne aus. Waäͤhrend er damit vor 
dem Binde ſegelt, rudert er mit ben übrigen Armen und lenkt ſich mit 
dem mittleren Schwange, **) wie mit einem Steuer. So gleitet er, 
in feinem Spiele den Jachtfchiffen ähnlich, auf dem Meere hin unb 
taucht, wenn irgend Furcht ihn anwandelt,- indem er Waffer ſchluckt, 
‚unter. . 1r 
XLVIII xxx). 1. Zu dem Geſchlechte ber Armkralen gehört 
auch die Ozäna,***) fo genannt von dem flarfen Geruche ihres Kos 
pfes, weßhalb fle auch Hauptfächlich von den Muränen verfolgt wird. 
Die Armkraken }) verbergen ſich zwei Monate hindurch; fie leben 
nicht über gwei Jahre und zwar gehen fie immer durth Verweſung zu 
Grund, die Weibchen ſchneller und gewöhnlich, nachdem fle geboren 
Gaben. Auch die unter 2. Lucullus, F}) dem Proconful in ber bätis 
ſchen Provinz, +4) über die Armfrafen gemachten Beopachtungen, 
welche Trebius Niger, einer feiner Begleiter, mitgetheilt Hat, dürfen 


) Nicht zwifchen den beiden Armen (Fühlfäden), fonbern au der 
Spitze eines jeden derfelben. 

) Oper vielmehr Fühlfaden. " 

***) Ozaena (ofama), die riechende, vielleicht die Bifamfprutte 
(sepia moschata). j 

7) Die hier über die Armfrafen mitgetbeilten. Bemerfungen haben 
fih durch neuere Beobachtungen noch nicht beflätigt, doch darf 
man bie Nichtigfeit derfelben deßhalb nicht in Abrede Aellen, 
\ weil die Alten diefe an den Küften des Mittelmeeres häufigeren 
Thiere und.ihre Lebensweife genau kennen zu lernen Gelegen⸗ 

heit hatten. 

17) Diefer durch feine Habſucht berüchtigte Feldherr ging im 
Jahre 151 vor Ehr. nad) Spanien. und Fam ungefähr drei 
Jahre fpäter, mit der Beute der verheerten Städte bereichert, 
nach Rom zurüd. | 

Tr) Bol. B. III, Rap. 3, $. 1. 





.v 


Neuntet Buch. 4079 


! 


nicht äbergangen werden: fle feyen nämlich Außerit luſtern nach Mu⸗ 


Segeln; dieſe aber ſchloͤßen ſich bei der Berührung, ſchneiden ihnen die 


Arme ab und gewinnen fo überbieß von dem bentegierigen Atzung. 
2. Die Mufcheln entbehren des Geſichts und jebed andern. Sinnes, 


als des für Nahrung und Gefahr; die Armkraken fiellen deßhalb ven 


offenen nach und legen ein Steinchen hinein und zwar außer dem Bes 
reiche des Körpers, damit es nicht durch das Zappeln befielben Her: 


ausgeworfen, werde ; fo greifen fie ficher an und ziehen tas Fleiſch 
heraus jene fuchen zwar ſich zu fchließen, aber vergebens, ba fie vons 


einander gefeilt find. Eine ſolche Klugheit zeigen felbft die Rumpffinnige 
ſten der Thiere! Außerdem ſtellt er [Trebiud Niger] in Abrebe, daß 
irgend ein anderes Thier graufamer den Menfchen Im Wafler um: 
bringe. 3. Denn unternimmt er auf Schiffhrüchige ober Taucher 
einen Angriff, fo umſpannt er fle wie im Ringkampfe und ſchlürft fle 


aus, während er fie fortzerrt,. mit feinen Näpfen und durch vielfaches 


Saugen.?) Wenn man ihn aber umdreht, erfchlafft feine Kraft, 
denn auf den Rücken gelegt ſtrecken fie Alles von ſich. Was derfelbe 
ſonſt noch erzählt, dürfte an das Abenteuerliche zu grenzen ſcheinen. 


Sn ven Tiſchteichen zu Carteia**) pflegte naͤmlih einer aus dem . 


Meere in die offenen Behälter zu gehen und daſelbſt das Eingefalzene 


zu plündern (wie denn merfwürbiger Weife alle Geethiere dem Ge⸗ 


ruche deſſelben nachgehen, weßhalb man auch die Reuſen damit be⸗ 


ſtreicht) und zog ſich durch feine unausgeſetzte Dieberei den Unwillen 
der Auffeber zu. Man errichtete vor den Behältern unmäßige Ver⸗ 
zaͤunungen; er überftieg aber biefelben mittelft eines Banmes und 


fonnte nicht anders als durch die Spurkraft der Hunde entdeckt wer⸗ 
. a.‘ * 


*) Daflelbe behaupten jetzt noch die hiſcher und Taucher. 
=) Bol. B. III, Kap. 8, 8.2. . 


1080 u C. Plinius Naturgeſchiche. 


den. 4. Diefe umringten ihn bed Nachts, als er zurückkehrte, med 
die zufammengerufenen Wächter entfegten ſich vor der neuen Erſchei⸗ 
nung; vor Allem war bie Größe unerhört, dann die Farbe bes Salz⸗ 
lacküberzugs und der abicheuliche Getuh! Wer hätte da einen Arm⸗ 
frafen erwartet oder fo erfannt? Mit einem Ungehener glaubten fle 
zu fämpfen, denn er trieb auch die Hunde durch feinen entießlichen 
Hauch von ſich, während er fie bald mit den Enden feiner Fühlfähen 
peitfchte,, bald mit den flärferen Armen wie mit Keulen ſchlug, und 
man fonnte ihn nur mühfam und mit vielen Dreizaden erlegen. 
5. Man zeigte dem Lucullus feinen Kopf, welcher die Große eines 
fünfzehn Ampboren [drei Ohm] haltenden Faſſes hatte, und (um wich 
ber eigenen Worte des Trebius zu bevienen) bie Bärte,*) welche kaum 
mit beiden Armen zu umfpannen, knotig wie Keulen und dreißig Fuß 
lang waren, mit Näpfen oder berfenartigen, eine Urne [zwei Maaß] 
fafienden Bechern;**) die Zähne entiprachen feiner Größe. Die 
Ueberbleibfel, welche ald Merkwürdigkeit aufbewahrt wurden, wogen 
fiebenhunbert Pfund. ***) Daß auch Dintenfchneden und Seefagen 7) 
von derſelben ae an jenes Ufer geworfen wurden, berichtet der⸗ 





— 


*) Die um ben Mund ſitzenden Fangarme, 
**) An Irem Arme befinden fich über Hundert Paare ſolcher Saug⸗ 
naͤpfe 
““) ahnen von ſolchen ungeheueren Armkraken findet man 
auch noch in der neueren Zeit; man erinnere ſich nur an den 
eigentlich ſogenannten Krafen, welcher ſich bisweilen an der 
Küfte von Norwegen wie eine große, mit Geſtrüpp bewachſene 
Inſel aud dem Meere erheben und fich, wenn die Fifcher Fener 
barauf anmachen,, wieder fenfen fol. — Die große Sprutte 
(sepia octopedia) wird ſo lang und did mie ein Mann und 
hat bei diefem Umfange armödidke, zwölf Fuß Tange Fangarme. 
I Bol, weiter oben Kap 4 44. 








Neunted Buch. | 1081 


felße; in unferem Meere werben nur Seekatzen von fünf, und Dintens 
ſchnecken von zwei Ellen gefangen. Auch diefe leben nicht länger als 
zwei Jahre. 

XLIX. ine andere hiffähnfiche Erfcheinung behauptet Mus 
cianns in der Propontis [im Marmormeert] gefehen zu haben, näm⸗ 
fich eine wie der Kiel eines Paketbootes gewölbte Mufchel, mit ges 
bogenem Hintertheil und gefchnäbeltem Vordertheil, in welche ſich 
der NRanplius,*) ein der Dintenſchnecke ähnliches Thiet, berge, bloß 
um fich in Gefellfhaft zu vergnügen; dieß gefchehe auf zweierlei 
Weiſe, denn bei ruhigem Wetter 'arbeite ber Faͤhrmann mit den her⸗ 
abgelaffenen Haͤndchen“) wie mit Rudern; fen aber der Wind eins 
ladend, fo ſtrecke er dieſelben aus, um den Dienft des Steuerd zu vers 
fehen, und Breite die Backenhoͤhlen ber Mufchel dem Windzuge ents 
gegen; diefer mache ed Vergnügen zu tragen, jenem zu Ienfen, und 
fo werde daſſelbe zwei ver Bernunft ermangelnden Weſen zu Theil; 
wenn nur nicht auch Hier wieber dadurch, daß fie den Seefahrern, wie 
befannt, von trauriger Vorbedeutung find, *’”) das menfchliche Blend 
im Spiel iſt. — 

L. 4. In derjenigen Gattung, welche des Blutes entbehrt, find 
die Heuſchreckenkrebſe +) mit einer zerbrechlichen Krufte verſehen; fle 





*) Ein und daſſelbe Thier mit dem Nautilus (Kap. 47); Plinius 
betrachtet es hier nicht als Bewohner, ſondern ale Lenker der 
Muſchel; diefer Irrthum, welcher dadurch entfland, daß es leicht 
aus der Schale gefchleudert und dieſe allein gefunden wird, hat 

ſich auch bis auf die neuere Zeit fortgepflanzt, man findet aber 
nie den Nautilus in einer andern Mufchel. 

) Den Enden der Arme. 

***) Wenn nämlich der Nautilus auf der Meereöfläche Reuert, tollen 
fürchterliche Stürme im Anzuge ſeyn. 
. 2) Locusta = Palinurus quadricornis; Langouste, 


\ 


2 


1082 C. Plinius Naturgeſchichte. 


bleiben fünf Monate verſteckt; eben fo die Krebſe, welche zu derſelben 
Zeit verborgen liegen; beide flreifen mit dem Beginne des Frühlings 
durch Erneuerung der Rückenbedeckung das Alter ab. Die übrigen 
Waſſerthiere fhwimmen in den Wogen, die Heufchredenfrebfe aber 
treiben daher, als ob fle fröchen, und zwar, wenn feine Furcht fle ans 
wandelt, in arader Richtung, indem fle bie Hörner, welde vorn auf 
eine eigenthümliche Weife wie Ballen abgerundet find, nach ven Geis 
ten ausſtrecken; in der Angft richten fle dieſe empor und bewegen fi 
ſchief nach der Seite voran. 2. Mit den Hoͤrnern fämpfen fie unters 
einander. Bon allen Thieren hat dieſes allein, wenn es nicht lebendig 
in ſiedendem Waffer gekocht wird, in feinem flüffigen: Fleiſche nichts 
Derbes. . \ 

(xxxi. Sie leben an fleinigen Orten, die Krebſe an weichen. 
Im Winter ſuchen ſie fonnige Ufer, im Sommer ziehen fe ſich in den 
Schatten ver Tiefen zurück. Alle Thiere dieſer Art leiden durch den 
Winter; im Herbſte und im Frühling werben ſie fett und meiſt beim 
Vollmonde, weil dieſes Geſtirn fie bei der Nacht mit feinem lazen 
Scheine erweicht. *) 

LI. 1. Krebsarten find die Krabben, **) die. Sunmer,***) bie 
Spinnenfrebfe, +) die Tafchenkrebfe, 177) die herakleotiſchen, tt) bie 


*) Vgl. über dieſe Anſicht B. II, Kap. 41. 

**) Carabus (xdoaßos) ift nichts andere als die ſchon beichriebene 
Locusta (der Heuſchreckenkrebs) wie aus der hier benüßten 
Stelle des Ariftoteles (Hist. Animal. IV, 2) Elar hervorgeht. 

***) Astacus = astadus marinus, gammarus L. 
T) Maia = Maja sginado. J 
7T) Pagurus — oancer spinifrons. " 
TI So genannt von der Stadt Heraklea; nach Ariſtoteles (de part. 
"nimal. IV, 8) haben fle fürgere Füße als die Epinnenfrebfe; 





Neuntes Buch. 108883 


Löwenfrebfe ) und andere minder befannte. Die Krabhen underſchei⸗ 
den fich von den übrigen Krebien durch den Schwanz ; in’ Phönizien 
heißen fie Reuter, **) weil ſie fo ſchnell ſind, daß ihnen nicht nachzu⸗ 
kommen iſt. Die Krebſe haben ein langes Leben und acht Füße, die 
alle ſchief gebogen find; bei dem Weibchen iſt der erſte Fuß doppelt, 
bei dem Männchen einfach. Außerdem haben fle zwei Arme mit ge⸗ 
zahnten Scheeren; der obere Theil an diefen Vorderarmen bewegt 
ſich, während der untere unbeweglich if; der rechte Arm ift größer 
als die übrigen. Manchmal verfammeln fie ſich afle; die Mündung 
des Pontus [fchwarzen Meeres] vermögen fle nicht zu überwältigen, 
weßhalb fle zurückkehren, um biefeibe [zu Land] zu umgeben, wie benn 
der.von ihnen betretene Weg ſichtbar if. — 2. Der fogenannte Ein 

ſiedlerkrebs »e) indeſſen iſt der kleinſte ber ganzen Gattung und deß⸗ 
halb Angriffen ausgeſetzt; er hat aber die Klugheit, ſich in leeren 
Aufterfchalen zu bergen und, wenn er größer wird, in geräumigere 
überzuziehen. — 3. In der Angft gehen die Krebfe mit gleicher 
Schnelligkeit auch ruͤckwaͤrts; fle kämpfen mit einander, indem fie, 
wie die Widder, mit vorgeftrediten Hörnern anlaufen. Gegen: die: 
Biſſe ver Schlangen bieten fie ein Heilmittel.}) Wenn die Sonne 
durch das Zeichen des Krebſes geht, foll, wenn fle tobt find, ihr Körper 





vielleicht if die gemeine Seeftabbe (portunus maenas) dar⸗ 
unter zu verſtehen. 
*) Leo — Galathea leo. 

**) Innsic. Ohne Zweifel if bier der an ber afrifanifchen und 
ſyriſchen Küſte häufige Krebs, welcher jegf noch Reuter (ooy- 
pode curtor) genannt wird, gemeint. 

”) Pinnotheres = Pagurus. Blinind verwechſelt hier den Ciu⸗ 
 fleblerfreb8 (oamcellus) mit dem Mufchelwächter (pinnotheres). 

+) Bgl. B. XXX, Kap. 19. 


108 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ſich auf dem Trocknen in Scorpione umgeftalten.*) — 4. In der⸗ 
ſelben Gattung gehören die Seeigel, welche ſtatt der Füße Stacheln 
haben ;**) gehen iſt bei ihnen fo viel als im Kreite fich fortwälgen, 
deßhalb werben fie auch häufig mit abgenügten Stacheln gefunden. 
Diejenige von ihnen, welde die laͤngſten Stacheln und die fleinfen 
Bälge haben, heißen Igelmütter. **) Nicht alle find von gleicher 
glasägnliher Farbe, um Torene 7) gibt es weiße mit kleinen 
Stacheln. 74) Alle haben bittere Eier-und fünf an ber Zahl; ver 
Mund fist in der Mitte des Körpers nach der Erde hin. Men 
fagt,, daß fie rad Wüthen des Meered voraus anzeigen nub fih 
mit zufammengerafften Steindyen bedecken, indem fle durch dieſes 
Gewicht ihre Beweglichkeit hemmen und die Stacheln durch Umwäl: 
zung nicht abreiben wollen. Wenn die Schiffer diefes fehen, legen 
fie fonleich mehr Anfer vor. die Fahrzeuge. 

. (zn). 5. Bei berfeiben Gatiung find die Waffer« und Lands 
ſchnecken, welche ſich aus ihrem Haufe herausfireden und gleichſam 
zwei Hörner vorfchieben und wieder einziehen; fie enibehren bes Au⸗ 
gen t}7) und unterfuchen aljo mit den Hörnchen vorher den Weg. 

cxzuum., 6. Zu derſelben Gattung zählt man die Kämme im 


5) ine vielverbreitete alte Babel, vgl. B. xx, Kap. 48. Ovid, 

Verwandl. XV, 369 
e) Nicht Fie Stacbeln dienen ihnen als Füße, fondern die Fühl⸗ 
fäven, welche länger find, als die Stacheln. 

***) Echinometrae (exvoujroa); wahricheinlich die Meerturbane 
(oydaris). welche fehr ange Stacheln und fleine Körper, bie 
Blinius bier Bälge oder Hüllen (calyces) zent, baben. 

PD In Maceronien; val. B. IV, Rav. 17, 6.4 
tr) Wie der Rofenigel (echiaus epatangus L). 
tr —e— ; die Augen ſiben an der nie ober = Bwgelder 
üblfäven. 


J 


Neuntes Vuch. 1085 


Meere, ) welche fich ebenfalls bei großer Kälte und großer Hitze vers 
bergen, umb bie Fingermufcheln,**) welche im Dunfeln wie Feuer 
Leuchten, fogar im Munde der fie Speifenden. 

LAII. 1. Eine ſchon feftere Schale haben bie Leiſtenſchnecken ) 
und die Mufchelarten, an denen die fpielende Natur eine große Mans 
nigfaltigfeit zeigt; wie verfchieden find die Karben, wie vielerlei bie 
Geſtalten! — platt, hohlrund, lang, halbmondfoͤrmig, zirfelrund ges 
dreht, im Halbkreiſe gefhnitien, budelartig echaben, glatt, gerhngelt, 
gezahnt, gerieft, mit Leiflenfehmedenförmig gewundenem Wirbel, mis 
fpig vorſtehendem, nach außen hängendem oder einwärts gefaltetene 
Rande; 2. auch fcheiben fie fich. in geflsiemte, ſtrackhaarige, krauſe, 
ſtollenartig oder kammartig abgeiheilte , wellenfürmig abgebadhie, 

dnetzfoͤrmig gegittexte, ſchief oder grad gedehnte, gedrungene, geſtreckte, 
gebogene, ferner mit einem kurzen Knoten verbundene, an der ganzen 
Seite zuſammengeheftete, wie zum Klatſchen geoͤffnete, wie zur Pos 
ſaune gefrümmte. Von dieſen fchiffen die Bennsmufcheln?) und 
fegeln,, indem fle ihren hohlrunden Theil jehen laflen und dem Luft⸗ 
‚zuge entgegenftellen, über bie Meeresfläche.+}) Die Kammmufchelat 
foringen aus dem Waſſer und fliegen darüber Hin; +17) auch machen 
fie füch ebenfalls zu Fahrzeugen. 


- 





. *) Die Kammmuſcheln (pectines). 
**) Ungues, auch dactyli (Kap. 87) = Pholas. - 


***) Murices, auch Felſenſchnecken genannt. “ 
y) Venerias; vielleicht die Porzellanfchnede (oypraca, concha " 
veneren 


+4) Biele einfchalige Mufcheln ſchwimmen auf dem Waſſer; aber 
nur von dem Nautilus kann man- eigentlich Tagen, daß er 


chifft. 
+47) Bgl. weiter oben Kap. 45. \ 
&. Plinius Naturgefh, 9. Bon. | 5 


1086 C. Plinius Naturgefchichte. 


LIN axım. : 1. Doch warum eriwähne ich diefer fo lleinlichen 
Dinge, da die Sittenverberbniß und die Ueppigkeit durch nichts mehr 
gefördert werben, als durch das Mufchelgefchlecht? Zwar bringt vor 
dem ganzen Naturreiche das Meer ſchon durch fo viele Arten, fo viele 
Gerichte, fo viele Leckereien von Fifchen, deren Preiſe ver mit dem Fauge 
verbundenen Gefahr entfprechen, ben meiften Schaben ; 

(xxxv). aber was will dieß beveuten, wenn man die Purpur⸗ 
arten, die Konchylienfarben,) die Perlen in Erwägung zieht?! Es 
war keineswegs genug, das Meer. die Kehle hinabzufagen, es mußte 
auch an den Händen, den Ohren, dem Kopfe und dem ganzen Körper 
son Frauen ſowohl ald von Männern getragen werben. 2. Was bat 
as Meer mit den Kleidern zu Ihun, was bie Wogen und Fluthen 
mit dem Wollenzeuge? Nimmt uns doch diefer Theil der Natur in 
ber Regel nur nat auf. Mag immerhin ber Bauch fich mit dem 
Meere fo eng verbündet Haben, muß es auch die Haut? Gs iſt freie 
lich nicht genug, daß wir und mit Gefahren nähren, wir müflen uns 
auch damit bekleiden, and fo gefällt am ganzen Körper das am mei⸗ 
Ken, was mit Lebensgefahr des Menſchen Herbeigefchafft wird. 

: LIV. 1. Den Vorrang alfo und bie erſte Stelle von aller 
werthvollen Dingen behaupten die Perlen. Meiſt ſchickt dieſe ber 
indiſche Dcean, woher fle mitten durch jene fo gewaltige und große 
Seeungethüme, von benen wir gefprochen haben, **) über fo viele 
Meere, durch eine fo weite Länberfirede und aus einer fo großen 
Sonnengluth fommen; und auch bie Inder fehon holen fle auf Inſeln 





» ) Man verfieht unter conchylium eine von der Achten, aus bem 
= Safte der Purpurſchnecke bereiteten Purpurfarbe verſchiebene, 
durch Miſchung hervorgebrachte Farbe. Vgl. unten Kap. 61. 
"Reiter oben Kap. 2. 


IN 





Neunted Bud. 1087 


und zwar nur auf wenigen... Die erglebigften find Taprobane [Cey⸗ 
Kon] und Etoivis ſHormus], wie mir in der Meberficht der Welt‘) 
‚gefagt haben, ferner Berimula, **) ein Borgebirg Indiens; hauptfaͤch⸗ 
lich aber werben die in dem. perfifchen Bufen des rothen Meeres *) 
um Arabien herum gefifchten gepriefen. — 2. In der Entſtehung und 
Zeugung ift die Mufchel }) nicht viel von den Auflermufcheln verfchies 
den. Diele öffnen fh, twie man fagt, ſobald die zur Zeugung geeigs 
nete Stunde bes Jahres fle flachelt, durch ein gewiſſes Gähnen, em⸗ 
pfangen durch das Zuthun des Thaues, gebären dann nach der 
Schwangerſchaft und die Frucht ver Mufcheln find die Perlen, welche 
der Befchaffenheit des empfangenen Thaues entſprechen; floß er rein 
ein, fo zeichnen fle fich durch Weiße aus, war er aber-trübe, fo wirb 
auch die Brut ſchmutzig; diefe iſt bfeich, wenn die Empfängniß bet 
drohendem Himmel ſtattfand, wodurch es dann auch feſt ſteht, daß fle 
"mehr Gemeinſchaft mit dem Himmel Haben als mit dem Meere, wer 
Halb fie je nach der Heiterfeit des Morgens eine wolfige oder eine klare 
Barbe erhalten. 3. Wenn fle rechtzeitig gefättigt werden, fo wird 
auch die Frucht groß; wenn es bist, fo fchließen ſich bie Muſcheln 
und nehmen nach dem Grabe des Faftend ab; wenn es aber donnert, 
fo fchließen fie fich furchtfam und fchnell und bringen die fogenannten. 
Mindperlen, von Luft aufgeblafene Hüllen ohne Kern, hervor; dieſe 
find die Fehlgeburten der Mufcheln. 7) Die gefunden Erzeugniffe 


*) B. VL Kap. 24, 7 und Kap. 28, 6.3, 
*) Bol. B. VI, KappPꝛa, $. 2. 
see) Die Alten betrachten ben perfifchen Golf als einen Theil bes 
rothen Meeres; vgl. B. VI, Kay. 28, 6. 1. 
7) Nämlich die Berimufihel (mytilus margaritifera). Die Berls 
muſchel und die Aufter gehören Beide zu der Zunft der Hüfte 
muſcheln ohne Athemlächer. 
Tr) Diefe ganze Theorie der Verlenerzeugung iſt, wie man kaum iR 
5° 


. 
— 


1088 €. Plinius Naturgeſchichte. 


aber befiehen aus einer vielfachen Haut, die man nicht uneigentlih 
als eine Schwiele betrachten fünnte, und deßhalb werden fie au von 
Kundigen gereinigt. 4. Mich wundert es, daß fie fich fo fehr bed 
Himmels erfreuen und doch durch die Sonne rot werben und ihre 
Weihe verlieren, wie der menfchliche Körper, weßhalb die im hohen 
Meere fi aufhaltenden diefe am beften bewaßren, weil fietiefer unter 
Waſſer liegen, als daß bie Strahlen zu ihnen dringen fünnen. — 
Doch auch fle vergilben im Alter und flarren von Runzeln, und wur 
in der Jugend bleibt ihnen jene Srifche, welche gefucht wird. Im 
Alter werben fie auch dick, hängen ſich am die Mufcheln und man fann 
fie von denfelben nur mit ver Felle ablöfen; fie haben nur eine Ant- 
ligfeite und find nur auf diefer rund, auf der entgegengelepten aber 
flach, weßhalb fle Paufenperlen heißen. Wir fahen: folche, bie noch 
in Nufcheln fefthingen, worin man wegen biefer Mitgabe Salben 
aufbewahrte. Webrigens ift die Perle im Waſſer weich, wirb aber, fo . 
wie fie herauskommt, hart. *) ‘ 

LV. 1. Die Mufchel felbft ſchließt fi, wenn fle eine Hand 
gewahrt, und verbirgt ihre Schäße, wohl wiſſend, baß ihr wegen der⸗ 
felben nachgeftellt wird; kommt fle der Hand zuvor, fo kneipt fle bies 
felbe durch ihre Schneide ab und Feine Vergeltung ift gerechter; übers 
Dieß wird fle noch durch andere Strafmittel geſchüͤtzt, ba fle ſich größe 
tentheils nur zwifchen Felſen findet; aber auch auf dem hohen Meer 


bemerken braucht, Phantaſie; pie Pllen find eine Ergiefung 
bes zut inneren Bekleidung und zur Vergroͤßerung der Mu: 
ſchel Beflimmten Saftes, mithin eine Krankheit: alle Mufcheln 
x Eömen alfo Perlen enthalten, fie find aber nicht fo ſchon und 
verthvoll, wie bie ber eigentlichen Berimufcheln. \ 
9 —* anrietige Behauptung; bie Perle wird in ber Ruſchel 
ubart. ' 





Neuntes Bud. 1088 


begleiten fie Seehunde*) und doch koͤnnen die Ohren der Frauen fie 
nicht eutbehren. 2. Manche erzählen: wie den Bienen, fo dienten 
aud den Schwärmen ber Mufcheln einzelne buch Groͤße und Alter 
andgezeichnete gleichiam als Führer und wüßten ſich mit wunderbarer 
Klugheit in Acht zu nehmen; dieſe fuchten die Taucher zn hafchen, 
weil, wenn fle gefangen ſeyen, die andern umherirrten und leicht in 
Die Netze gebracht würden; alsdann überfcätte man fle in irdenen 
BGefäßen mit vielem Salz, und wenn alles Fleiſch abgebeizt ſey, fo 
fielen. gewifle Körperferne, d. h. Perlen zu Boben, 

LVI. 1. @8 unterliegt feinem Zweifel, daß fle durch den Ge⸗ 
Hrauch abgenügt werden und durch Bernachläßigung die Farbe ändern, 
Ihr ganzer Werth befleht in der Weiße, Größe, Rundung, Bläfte 
und Schwere, Dingen, die fo wenig vorfommen, daß nie zwei völlig 
gleiche gefunden werben; weßhalb ihnen auch die römifche Taͤndelei 
den Namen „Einzige“ **) beigelegt hat, denn bei den Griechen kommt 
diefer nicht vor und auch hei ven Barbaren, welche file finden, fein 
anderer als Margariten, 2. Auch in der Weiße felbft iſt ein großer 
Unterſchied; bei den im rothen Meere gefundenen iſt ſie heller, den 
indiſchen, welche übrigens durch ihre Größe den Vorrang behaupten, 
ähnelt die Schuppe ber Spiegelſteine; ***) kann man fie alaunweiß 
nennen, fpendet man ihrer Farbe daB hoͤchſte Lob. Auch bie längs 
lichen finden Beifall; Elenchen }) heißen diejenigen, welche oben ſich 


*) Der Hundshay (squalus galeus), fonft von Plinius canioula 
genannt, iſt wohl bier gemeint. 
**) Uniones; nrargarita ift das indifche manäaritä (die reine). 
») Vgl. B. XXXVE Rap. 45. 
D) Elenchi von Eisyyog (Beweis); wahrfcheinlich,, weil fle ale 
* Zeichen des Anſehens und Reichthums getragen wurden; C.A. 
Boͤttiger (Sabina IL, 131, 156) nennt fle Refpeftövermelver, 
Reſpeltsperlen. 


10% € Blinlus Naiurgeſchichte. 


Yänglich zuſpihen uud unten eine vollere Rundung, wie bie Salben- 
Yüchschen, [zeigen. Diefe an die Finger und je zwei unb brei an bie 
Ohren zu hängen, ift der Stolz der Frauen. 3. Mir fallen wohl bie 
Namen diefes Aufwandes ein, find mir aber zum Gfel, da eine heil⸗ 
lofe Verſchwendung fle erfonnen hat; denn diejenigen, welche biefen 
Schmuck tragen, nennen ihn Klapperchen, als ob fie fich auch an dem 
lange und an dem Sufammenfchlagen der Perlen ergögten; auch 
vie Armen fireben bereits darnach, indem fle fagen, bie Berle ſey 
auf der Straße ber Lictor der Frau.) Sa man bringt fie fogar an ben 
Füßen und zwar nicht nur anden Sohlenbänbern, fondern an der ganzen 
SBeſchuhung an, denn man begnügt fich nicht damit, die Perlen zu 
tragen, fondern will auch auf ihnen gehen und zwifchen ben „Eins 
zigen“ wandeln. — 4. Man pflegte in unſerm Meere, am häufigfen 
än ber Begend des thrazifchen Boophotus [ver Straße von Konflans 
*inopel], in den Mufcheln, welche Miesmufcheln**) heißen, rothe, 
Heine Perlen zu finden; in Acarnanien ***) aber erzeugt fle die foge- 
naunte Pinne, }) woraus erhellt, daß fie nicht in einer Mufchelart 
allein entſtehen; wie denn auch Juba berichtet‘, daß die Mufchel der 
arabifchen einem gezinkten Kamme ähnlich und wie die Meerigel 
ſtachlicht FF) und die einem Hagelforne ähnliche Perle ſelbſt in dem 


Ä 


*) Die man nämlich an dem vortretenden Lictor (Platzmacher) die 
hohen Staats beamten erkenne, fo erkenne man an den Perlen 
die vornehme und reiche Dame. 
**) Mya — mytilus; vielleicht die Schwalbenmufchel (mytilus 
hirundo). 
») Dem weßlichften Theile Griechenlands von ber Mündung bes 
Aspropotamo bis zum Golfe von Arta. 
T) Pinna, aud Stedmufcel genannt. 
717) Warſcheinlich eine Klappmuſchel (spondylus). 





Neuntes Bud. . - 104 


-Zleifche ſey. Soldye Muscheln werben nicht zu uns gebracht. Auch 
in Acarnanien werben feine preidwürdigen Perlen gefunden; fie find 
angefchlacht und roh und haben eine Marmorfarbe ; befier find bie 
aus der Gegend von Actium [Azio], aber ebenfalls Hein, fo wie auch 
Die von den Küften Mauritaniend.*) Alexander der Polyhiſtor und. 
Subines glauben, daß fie altern und die Farbe einbüßen. 

LVII. Daß ihr Kern feft fey, geht daraus hervor, daß fle durch 
Leinen Fall zerbrechen. Sie werben aber nicht immer mit im Pleifche 
geiunden, fondern auch an andern und wieder andern Stellen und wir 
-fahen deren fogar ſchon am äußerften. Rande, als wollten fie and der 
Mufchel heraus und bisweilen je vier und fünf beifammen. Bis auf 
die Jetztzeit haben nur wenige. dad Gewicht einer halben Unze um ein 
Sctupel überftiegen. . Daß ed Heine und matte in Britannien gebe, 
iR gewiß,**) weil der göttliche Julius ***) einen Brufiharnifch, den 
er der Mutter Venus in ihrem Tempel weihte, ald ein Machwerk von 
britanniſchen Berlen betrachtet wiſſen wollte. 

LVIII. 1. Lollia Paulina, }) die gewefene Ehefrau des Kaiſers 


Bal. B. V, Kap. 1, $. 2, 

*) Sn ber Flußperlmuſchel margaritifere L.), welche ſich 
auch in verſchiedenen Bächen Mitteldeutſchlands findet; die 
Perlen ſind aber klein und unanſehnlich. 

ee) (C. Julius Caͤſar ſoll ſogar in der Abſicht, Perlen zu erhalten, 
nach Sitennien „gegangen feyn. Sueton in der Biographie 
deffelben Kap. 4 

DD Die Enfelin dee Teuine Paulinus, von dem ſogleich die Rede 
ſeyn wird, war zuerſt mit Memmius Regulus verheirathet, 
wurde aber mit der Einwilligung ihres Mannes die Gemahlin 
Caligulas, der ſie jedoch bald wieder verſtieß. Als ſpaͤter 
Glaubins fie heiraten wollte, wurde fie von ihter Nebenbubs 
lerin Agrippina ermordet. Tacitus Jahrb. XII. 1, 22, 


\ 


1092 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Cajus [Cafigula], ſah ich, und zwar nicht bei irgenb-einem ernfles 
_ umb feierlichen Feſtgepränge, fondern nur bei einem gewößmlichen 
Berlobungsichmaufe mit Smaragden und Berlen bedeckt, welche abe 
wechſelnd an einander gereibt am ganzen Körper, in ben Haaren, um 
.Sopfgewinde, an den Ohren, am Halſe, an ben Halsbaͤndern und au 
den Fingern glänzten und einen Gefammiwert von vierbunbertmal 
Hunderttanfend Seflerzien [3,570,000 Gulden] hatten; welden Kauf⸗ 
preis mit den Mechnungen zu befegen, fle fogleich bereit war. Cie 
waren feine Bejchenfe des verſchwenderiſchen Fürften , fondern groß 
väterliche, und zwar durch tie Plünderung ber Provinzen erlangte 
Schaͤtze. 2. Das iſt das Loos des Raubes! Darum trank M. Lol⸗ 
lius, nachdem er durch die Geſchenke ber Könige im ganzen Morgens 
Lande in übeln Ruf gekommen war und ihhm Kajus Eäfar, der Soßn 
des Auguſtus, die Freundſchaft gefünbigt hatte, @ift,*) damit feine 
Enfelin fi mit vierhundertmal hunderttauſend Seſterzien bededt 
beim Lampenfchein fehen laflen fonnte! Erwaͤgt nun Einer auf ber 
einen Seite, was Curius oder Fabricius**) bei ihren Triumpfen au 
ſich trugen, vergegenwärtigf er fich die mitgeführte Beute, und auf der 
andern Seite die Lollia, ein einziges Weiblein des Reiches, bei Tiſch— 
möchte er dann nicht wünfchen,, daß jene lieber vom Wagen herabge⸗ 
zifien worben wären, als daß ihre Siege zu ſolchem Biele gefkhrt 
hätten. — 3. Und diefes find nicht einmal die hauptfächlichften Beis 
fpiele von Ueppigkeit; zwei Perlen galten von jeher als die größten; 


) M. Lollius Baulinus, im Jahr 21 vor Chr. Conſul, begleitete 
im Jahr 2 ald Hofmeilter ven zum Statthalter des Drients 
ernannten Cajus, Adoptivfohn des Auguſtus, nach Armenien, 
a wo er ſich durch unerſättliche Habfucht in's Verderben flürzte. 
J Iwei durch ihre Siege berühmte romiſche Feldherrn aud dem 
dritten Sahrhundert vor Chr. 


Meuntes Buch. 1093 


Beide beſaß Cleopatra, die letzte der Königinnen Aegyptens, an welche 
fie durch die Hände der Könige des Morgenlandes gelangt waren. 
Diefe antwortete dem Antonius, der ſich täglich mit ausgefuchten 
Speifen mäftete und beflen ganze Pracht und Herrlichkeit fle.mit eben 
fo flolgem als frecdem Mebermuthe, wie eine fönigliche Hure, befpäts " 
telte, auf feine Trage, was denn feinem Glanze noch Jugefügt werden 
Tönne, ſie wolle bei einer einzigen Mahlzeit Hundertmal hunderttaufend 
Sefterzien [951,028 Gulden] verzehren. 4. Antonius wünfchte ſich 
zu überzeugen, glaubte aber nicht an die Mögkichfeit ver Ausführung; 
es wurde älfo eine Wette eingegangen und am folgenden Tage, an 
welchem die Schlichtung des Streites flattfand, ſetzte fle dem Anz 
tonius eine, um den Tag nicht unbenügt vorühergehen zu laflen, zwar 
prächtige, aber alltägliche Mahlzeit vor, worüber biefer lachte und die 
Rechnung verlangte; fle aber verſicherte, dieß fey nur eine Beigabe, 
die Mahlzeit werbe die feſtgeſetzte Summe foften und fie allein hun⸗ 
dertmal hunderttaufenb Seßerzien verfpeifen,, worauf fle den Nach⸗ 
tiſch aufzutragen befahl. Nach ihrer Weifung fleflten die Diener 
nur ein einziges Gefäß mit Eſſig ihr vor, deflen Schärfe und Kraft 
die Berlen in Siüffigfeit auflöfen. 8. In ihren Ohren trug fle jene 
überaus feltene und wirklich einzige Schöpfung der Natur; während 
alfo Antonius in Grwartung war, was fle thun würde, 308 fle die 
Eine Berle aus, tauchte fle ein, Tieß fle zergehen und verfchlucte fle. 
An die andere, welche fle auf gleiche Weile zu verzehren fich anſchickte. 
legte, L. Plancus,*) der S hiederichter bei biefer Wette, die Hand und 


ı 9)8% Munetius Plancus, ein durch ſeine Bedenbaftigfeit und 
mehriache Aenrerung feiner volitiſchen Anflchten befännter 
Mann, weldier noch vor ver Beflegung des Antonins dieſen 
verließ und zu Oet avian üderging. 


“ 
4 


1094 - €. Plinius Naturgeſchichte. 


erklaͤrte ben Antonius für beflegt, — eine Vorbebeutung, bie ſich be⸗ 
wäßrte.*) Zur Berühmtheit gelangte auch das Gegenſtüͤck zu biefer 
Berle, welches nach ber Befangennehmung jener in einer fo wichtigen 
Ftage flegreichen Königin **) zerfehnitten wurde, um in bie beiden 
Ohren der Benus im Bantheon zu Ron bie Hälfte vom ver Mahlzeit 
diefer Menfchen zu hängen. 

LAX. 41. Und doch werden fle nicht einmal diefen Preis davon⸗ 
tragen und fogar des Ruhmes der Berfchwendung verluftig geben, 
denn daſſelbe hatte vor ihnen ſchon zu Rom mit Berlen von hohem 
Werthe Clodius, der Sohn des Tragoͤdienſpielers Aeſopus, ) von 
dem er als Erbe bebeutender Schaͤtze hinterlaſſen worden mar, ge⸗ 
Shan; Antonius poche alſo nur nicht zu ſehr auf fein Triumpirat, bs 
ex faft einem Boflenreiffer gleich ſteht, der nicht einmal durch eine 
Weite dazu veraulaßt wurbe, wodurch ex noch mehr königlich erfcheint, 
fondern nur, weil er zum Ruhme feines Gaumend erfahren wolle, 
wie Perlen fchmeden, und der, als fie ihm wunderbar behagten, auch, 
um ed nicht allein zu willen, feinen Bäften einzelne Perlen zu ver⸗ 
ſchlucen gab. 2. Daß fle zu. Rom nach der Unterjochung Mexans 
driens in allgemeinen und häufigen Gebrauch gekommen feyen, zuerft 


*) Durch den Berluft der Seefchlacht bei Actium (31 vor Chr.), 
die feine gänzlihe Niederlage und feinen Tod zur Yolge 
"hatte j 


») Cleopatta gerieth nach dem Tode des Antonius in die Gefan⸗ 
genfchaft Detapiand und tödtett ſich, nachdem fle diefen ver 
gebens in ihre Nepe zu ziehen verfucht hatte, (in Jahr 30 vor 
&hr.) dur Gift. - So 
»9 Eines berühmten Zeitgenoffen Cicero's, der mit ihm in freund: 
fchaftlichen Berhältnifien ftand; die unſinnige Verſchwendung 
feines Sohnes erwähnen auch Horatius (Satyr. I, 3, 239 f) 
und Balerius Marimus, IX, 1,2. 





J Neuntes Buch. 1095 


aber um bie Zeit Sulla’8*) nur Heine und geringe den Anfang ges 
macht hätten, berichtet Feneſtella, offenbar irrthümlich, da Aelius 
Stilo erzäpft, daß man im ipguribinifchen Kriege **) hauptſaͤchlich 
den großen Perlen ven Namen „Binzige“ beigelegt habe. 5 
LX. 1. Und fie find doch noch Gegenftand eines faſt ewigen 
Beſites— der auf ben Erben übergeht und zum Berfanfe kommt, wie 
irgend ein Gut; die Konchylien⸗ und Purpurfarben aber, für welche 


dieſelbe Mutter, die Ueppigfeit, beinahe eben fo Hohe Preiſe, wie für 


die Perlen angelegt hat, nüßt jede Stunde ab. 


cxxvi. Die Burpurfchneden leben hoͤchſtens fleben Jahre. 
Sie bleiben, wie die Leiſtenſchnecken, ***) beim Aufgange bed Hunds⸗ 


ſterns dreißig Tage verborgen; zur Frühlingszeit kommen fle zuſam⸗ 
‚men und geben durch wechfelfeitige Reibung einen wachsartigen kle⸗ 
berigen Speichel von ſich; auf ähnliche Weife auch die Leiſtenſchnecken. 
2. Die. PBurpurfchneden ) aber: haben jene zum Färben ber Kleider 
gefuchte Blüthe mitten im Schlunde; ++) Hier befindet fle fich in einer 
weißen Ader als eine äußerſt fpärliche Flüſſtgkeit, woraus jene koſt⸗ 
bare, wie eine fchwärzliche Roſe ſchimmernde Farbe gerogen wird; 
der übrige Körper liefert nichts. Man fucht fie lebendig zu fangen, weil 


*) Sulla’8 Blüthezeit fallt in bie legten Sabrießenhe des erften 
Jahrhunderts vor Ehr.; er farb im Jahr 78 vor Ehr. 

**) Gr dauerte vom Jahr 111 bis 106 vor Chr. 

“) Vol. Rap. 41,6. 2, Kap. 52, 8. 1. 

PD Man kennt jegt vie Schueckenarten, woraus bie Alten die Pur⸗ 
purfarben zogen, nicht genau, boch ift gewiß, daß fle unter ben 
Leiſtenſchnecken und Kinkhörnern zu ſuchen ſind; man kümmert 
ſich jetzt nicht mehr um die wenigen Burpurtropfen dieſer 
Sbregepaten da die Schildlaͤuſe einen weit reichlicheren 

Faͤrbeſtoff liefern. 
Tr) Keineswegs, fondern in den Mantelraͤndern. 


— 


106 E. Plinlus Raturgeſchichte 


fie mit dem Leben dieſen Saft von ſich geben; und zwar nimmi man 
ihn den größeren Purpurfchneden , nachdem man ihnen bas Gehaͤns 
abgeftreift bat, tie fleineren aber zerdrückt man mit der Schale und 
laͤßt fie fo diefen Thau ausfpeien. — 3. Am vorzüglichkien if er in 
Aften zu Tyrus, in Afrifa anf Meninx [Dijerbi] und am gätulifchen 
Ufer des Dceand,*) in Burova im Lafonifchen.**) Ihm bahnen bie 
xömifchen Fasces und Beile den Weg, ***) auch gibt er dem Knaben⸗ 
alter Anfeben ; +) er unterfcheidet ben Rath von dem Ritter, +) wird 
zur Hülfe genommen- bei ber Berfühnung bes Bätterttr) und ziert 
jedes Kleid ; am Triumphgewande gejellt er fi zum Golve.*}) Dep 
halb mag auch noch die Sucht nach Purpur entfchulbigt werden, we 
ber haben aber die Konchylienfloffe ihren Werth, mit ihrer fcharfen 
Jauche in der Färbung und ihrem dunfelgrauen, dem tobenven Meere 
ähnlichen Anfcehen? — 4. Die Purpurſchnecke hat eine fingerlange 
Zunge, womit fle ihre Nahrung fucht, indem fle andere Mufcheln 
durchbohrt, ſo hart if der an berfelben befindliche Stachel. Im füßen 
Waſſer flerben fie, ebenfo, wo ein Fluß mündet, fonft leben fie in ber 
Betangenfiatt fünfzig vi von ifrem Speichel. Alle Ruſchela 


*) An ber fadlichen Küſten trede von Marocco; vgl. B. VL, Kap. 
38, $. 4, wo die Bemerfüng über das Färbemoog zu reichen 
ift, da nur von der Rurpurſchnecke die Rede ſeyn kann. 

“Bel. B. IV, Kap. 8. 
“) Die Toga.der Sonfuln, vor denen die Lictoren hergingen, war 
mit Purpur verbrämt. 

1) Auch die Knaben trugen bis atwa zu ihrem fechzehnten Jahre 
ein mit einem Purpurſtreifen verbrämtes Kleid. 

+) Die Magiſtratsperſonen trugen breitere Purpurſtreifen an ber 
Tunica als die Ritter. 
mM Wenn die Confuln oder Priefter Sühnopfer Barbringen. 
1.3. VI, Ray. 74, $. 2. 


, 








Neuntes Buch. 1097 


warhfen äußerft ſchnell, beſondets die Purpurfehneden; fie erreichen 
im einem Jahre ihre völlige Größe. 

LXI. 1. Ginge bier die Darftellung zu einem andern Gegen⸗ 
Mande über, fo fönnte ſich in der That bie Ueppigfeit. beeinträchtigt 
glauben, und und der Nachlaͤßigkeit bezüchtigen; deßhalb wollen wir 
auch die Werfflätten- betrachten, damit, fo wie man im gewöhnlichen 
Leben mit der Befchaffenheit ver Früchte vertraut ift, auch alle, welche 
an ſolchen Dingen Gefallen finden, die Genüſſe ihres Lebens lennek 
lernen. Die Mufcheln zu den Purpurs und Kondylienfarben (ber. 
Stoff ift nämlich derfelbe und nur durch die Miſchung verfhieden) 
aerfallen in wei Arten: bie Heinere Mufchel iR dad Rinfforn, *) ahn⸗ 
lich demjenigen, worauf der Hömerton hervorgebracht wird, wodurch 
auch, da es am Ranbe einen runden munbartigen Einſchnitt Hat, fein 
Name entſtand; 2. die andere Heißt Purpurſchnede und bat einen 
zöhrenartig Hervortretenden Schnabel und an der Eeite ber Röhre 
nach innen hin einen Gang zum Herauöftredten der Zunge; **) außer⸗ 
dem if fle bis zum Wirbel benagelt, fo daß auf die Windung etwa 
fieben Stacheln fonmen, welche dem Kinkhorn fehlen; beide aber 
Haben eben fo viele Windungen, als fle Jahre alt find.) Das 
Kinfyorn Hängt nur an Geflein und wirb bei Klippen gefammelt, 







*) Buceinum. Die angegebenen Kenneichen paſſen auf mel 
Buccinumarten, vielleicht ift aber in&befonbere dad Knotei 
(buceinum echinophorum) gemeint; Andere wollen Kiel 
Duallenboote (janthina) Barunter verftchen. 

) Was Plinind für die Zunge Hält, ift nach Cusier 
längerung bes antele, welche das zum Atmen 
u ju den Kiemen führt. 

=) Die — haßt am beten auf bad Ban A 

brandaris), Vgl. unten bie Anmerfung zu Kal, - 





1098 €. Plinius Naturgeſchichte. 


aAuxm. 3. Die Vurpurſchneden heißen mit einem andern Na: 
men Hochmeerfchneten ;*) eö gibt deren mehrere Arten, bie ſih durch 
Mahrang und Boden unterfcheiden; bie Kothvarpurſchnece, welde 
von faulem Schlamme und die Tangpurpnifchnedte, meldye von Tang 
lebt, find die fehlechteften, beſſer ift bie Riffpurpurfchnecte, welche man 
anf den Riffen im Meere einfammelt, doch ift dieſe immer noch zw 
ſchwach und blaß; die Geroͤllpurpurſchnecke, fo genannt von dem Ge⸗ 
rolle ꝰ) des Meeres, eignet ſich vorzüglich zu Konchylienfarben, un 
die Dei weitem beſte zu Burpurfarben in bie Wanderpurpurfehneie, 
d. h. diejenige, welche ſich von verſchiedenen Bobenarten näfrt. 
4. Gefangen werben aber bie Purpurſchnecken in fleinen, mweitläufg 
geflochtenen Reufen, die man auf dem hohen Meere auswirft; barin 
befinden ſich ald Köder Muſcheln, welche, wie wir ed an den Mick 
enufcjehn***) fehen, zuflappen und kneipen; fle find halbtodt, wenn fe 
‚aber in’8 Meer zurücfommen und mit gierigem Klappen wieber aufs 
deben, fo haſchen bie Purpurſchnecken nach ihnen und feinden fe mit” 
Hervorgeftredtten Zungen an; jene aber, durch ten Stachel gereizt, 
fögliepen fh und preffen ihr Beißwert zufammen; fo durch ihre Gier 
Vefthängend werben bie Purpurſchneden heransgezogen. 

LXIL (axıvım. 1.. Sie nach dem Anfgange des Gunböferne 
ober vor der Frühlingöpeit zu fangen, iR am vortheiffafteften, beun 
ſobald fle geſchleimt haben, }) zerfließt ihr Saft, Die Färberwer- 


®) Pelagine; weil fie fih auf dem hohen Meere aufhalten: 
**) Worauf fle ih aufhält. — Die ganze Stelle, weldie bie ver: 
fehiebenen Arten der Purpurſchnechen (lutense, 
niense, onloulense, dialutense) aufzählt, it in ben Danbfi 
ten ſehr verdotben; bie Ueberſehung folgt —— 
Yas ober Mytilus. 
Rap. 60, $.1. 


D 





Neuntes Bud. 1099 


ſtaͤtten wiſſen dieß wicht, obgleich es in der Hauptſache darauf anlommt. 
Ban nimmt alsbald die Ader, von welcher wir geſprochen haben, ) 
Heraus, muß dann Salz dazuthun, etwa ein Sextarius [1/, Pfunb] 
auf Hundert Pfund, läßt fle genau drei Tage beigen, weil ihre Kraft 
um fo größers je frifcher fie if, 2. dann in Blei fleden und je hundert 
Amphoren [20 Ohm] bis zu fünfgunvert Pfund Saft eingehen und 
bei mäßiger Hige und deshalb in ber Möhre eines langen Ofens 
ſchmoren. IR dann fo das Fleiſch, welches nothwendig an den Adern 
Hängen blieb, abgefchäumt und Hat ſich am zehnten Tage etwa das 
Gebräu geflärt, fo wird ausgewafchene Wolle zur Probe eingetaucht 
nub die Brühe, bis fle der Erwartung entfpricht, fortgefoht. Die 
Hochrothe Farbe it ſchlechter ald die in, das Schwarze fpielende. Die 
Wolle weicht fünf Stunden und wird bann, nachdem fle gefrämpelt 
iſt, wiederholt eingetaucht, bis fie die ganze Jauche ansfangf” 3. Das 
Kinthorn für ſich taugt nichts, da es bie Farbe läßt, mit der Hoch⸗ 
meerſchnede hält es feſt und gibt ber/allguftarfen Schwaͤrze derſelben 
jenes Duntkel und den Scharlachglanz, wie man ihn verlangt; fo heben 
‚ober milbern ſich beide. durch die Miſchung der Kräfte wechfelfeitig. 
Zur Saftmenge für fünfig Pfund Wolle gehören zweihundert Pfund 
Kinthorn und Hundert und zehn Pfund Hocneerfchnesten; fo echält 
man jene ausgezeich e 


in Hochmeerſchnecke, ſol 
unreifift, eingebränft ı 
Lob wird ihr q 
Anblide ſchwaͤr 








1100 C. Blinius Naturgeſchichte. 


LXUI (xxxıx, 1. Ich ſehe, daß. der Purvur zu Rom immer 
getragen wurbe, von Romulus jeboch nur an ber Trabea, *) denn Daß 
Tullus Hoſtilius ſich zuerſt unter den Königen nach der Beflegung der 
Giruöfer der verbrämten Toga.**) und des breiteren Aufihlags ***) 
bediente, ift fottfam bekannt, Nepos Cornelius, welcher während der 
Gerrſchaft des göttlichen Auguſtus Rarb, fügt: „in meiner Jugend 

war ber veildenblaue Purpur, von dem das Pfund Hundert Denare 
137 Gulden] Foftete, im Schwange, und nicht lange nachher ver hoch⸗ 
zothe tarentinische. 4) 2. Auf dieſen folgte der Doppeltgetunfte 
fyrifche, von welchem das Pfund noch nicht für taufend Denare [370 
Gulden] gefauft werden fonnte. Man ihvelteden curulifchen Aedil 71) 
3. Lentulus Spiniher, welcher folchen zuerft an ber verbrämten Toga 
trug; wer,” fagt derfelbe Schriftſteller weiter, „bedient ſich deffelben 
jeßt nice zu Speifeteppichen?" — Spinther war Aedil im Jahre 
691 nad) Erbauung der Stadt [63 vor Ehr.] unter Cicero's Conſu⸗ 
late; doppelt getunkt hieß damals der Purpur, welcher, gleichfam mit 





7) Ein purpurgefizeifter Umwurf,, der von den Königen, Rittern 
und Augurn getragen wurde. 
) Tota praetexte, weiße Toga mit einem Purpurſtreifen verbrämt. 

:#°%) Clavus latior, ber breite Purpurftreifen, welcher vorn im ber 
Mitte der Tunica vom, Halfe bis zum untern Saume herablief. 

+) Der Monte teftaceo bei Tarent beſteht fah ganz aus zertrüms 
merten Gehaͤuſen des Brandhornd (murex brandaris), woraus 
I man fihließt, daß bie Färbereien zu Tarent aus ihm den Pur⸗ 

- purſaft zogen. \ 

71) Die curuliſchen Kedile fanden wahrſcheinlich in höheren Ans 
ſehen als die plebejifdden. und die sella eurulis wer ihnen vers 
gönnt, Doch wurden fie feineswegs zu den Höheren Magiſtrats⸗ 
perfonen gezählt, weßhalb man ben Lentulus Spinther wegen 
F Jumaßuns eine mit Purpur verbraͤmte Toga zu tragen, 

delte. 





Neunted Bub. - 1101 


großthueriſchem Aufiwande zweimal gefärbt war, wie jept faſt alle 
gefälligeren Burpurfloffe gefärbt werden. 

LXIV. Zu einem fonchylienfarbenen Kleide braucht man außer 
dem Kinkhorn alles Andere; überdieß wird bie Brühe mit Waffer und 
zu gleichen Theilen mit menſchlichem Harne verdünnt, auch wird noch 
einmal bie Hälfte Saft beigefügt; fo entReht, nachdem man das 
Dunfel verringert Hat, jene gepriefene Bläffe, welche nm fo matter 
witd, fe mehr fich die Wolle fättigt. 

at). Die Preife des Saftes find poar je nach ber Ergiebigfeit 
ver Geſtade geringer, daß jedoch hundert Pfund Hochmeerſchnecken nie 
weht als fünfzig Sefterzien [4*/, Gulden], und eben fo viel Kinthorn 
nie mehr als hundert [9 Gulden] foften, mögen fidy diejenigen mer⸗ 
Ten, welche dergleichen zu ungeheurem Preife Faufen. 

LXV. 1. Kaum ift aber Eines zu Ende, fo nimmt ſchon wie⸗ 
der etwas Anderes feinen Anfang; man liebt mit dem Aufwande zu 
fpielen und die Spielereien durch Miſchung zu verdoppeln. und ſelbſt 
die Faͤlſchungen der Natur noch einmal zu fälfchen; fo färbt mar 
Säilefrötenfhalen,*) ſchmilzt Silber mit Gold zufammen, daß es 
Glecttum, **) und fügt Erz Hinzu, daß es corinthiſches Gr} ***) gebe. 

wur. Nicht zufrieden damit, einem Edelfteine den Namen Am 
thyſt entzogen zu haben, tränft man biefe fertige Farbe +) noch AM 
mal mit tyrifcher, fo daß aus beiden ein verborbener Name +F)) 
eine doppelte Verſchwendung erwächst, und macht vorher. Kouc 
farbe, weil diefe, wieman glaubt, beffer in die tyrifche übergeht, 
— 

Bol B. XYL Kap. 84, $. 3. — 
—* Fr B. XXX, Ray. 23. 
“) Bol. 8. XRXIV, Rap. 3.8.2. 
3) Die Amethyſtfarbe namlih. Bol, Ray. 62, $.: 
FI) Tyriamethyũ. 
@. Plinius Naturgiſch. 9. Boqhn. 6 


4100 €. Plinius Naturgeſchichte. 


LXU (xxx. 4. Ich ſehe, daß der Purpur zu Rom immer 
getragen wurde, von Romulus jedoch nur an der Trabea,”) denn dab 
Tullus Hoſtilius ſich zuerſt unter den Königen nach der Belegung der 
Giruäfer ber verbrämten Toga.**) und des breiteren Anfihlags ***) 
Sediente, ift fattfam befannt. Nepos Cornelius, welcher während ber 
Herrſchaft des göttlichen Auguftus Rarb, fagt: „in meiner Jugend 
war ber veildenblane Burpur, von dem das Pfund hundert Deuare 
137 Bulden] Foftete, im Schwauge, und nicht lange nachher ber hoch⸗ 
zothe tarentinische. +) 2. Auf diefen folgte der Doppeltgetuntte 
tyriſche, von welchem das Pfund noch nicht für faufend Denare [370 

Gulven] gekauft werben fonnte. Man tüdelteden curulifchen Aebiltt) 
3. Lentulus Spinther, welcher folchen zuerft an der verbrämten Toga 
trug; wer,“ fagt derfelbe Schriftſteller weiter, „bedient ſich veffelben 
jet nice zu Speifeteppichen " — Spinther war Aebil im Jahre 
691 nach Erbauung der Stadt [63 vor Ehr.] unter Eicero’s Conſu⸗ 
late; doppelt getunft hieß damals der Purpur, welcher, gleichfam mit 





- ..*) @in purpurgeftzeifter Umwurf,, der von den Königen, Ritiern 
und Augurn getragen wurde, 

+", Tota praetexte, weiße Toga mit einem Purpurftreifen verbrämt. 
#**) Clavus latior, der breite Burpurftreifen, weicher vorm im der 
Mitte ver Tunica vom, Halfe bis zum untern Saume herablief. 
+ Der Monte teflaceo bei Tarent befteht fat ganz aus zertrüms 
merten Gehäufen ded Brandhorns (murex brandaris), woraus 
ik man fließt, daß die Färbereien zu Tarent aus ihm den Pur⸗ 

- purfaft zogen. \ 
+7) Die curuliſchen Kedile flanben wahrſcheinlich in Höheren Ans 
fehen als die plebejiſchen und bie sella aurulis war ihnen vers 
gönnt, doch wurden fie keineswegs zu den Höheren Magiſtrats⸗ 
perfonen gezählt, weßhalb man ven Lentulus Spinther wegen 
ve Dinmaßung eine mit Purpur verbrämte Toga zu fragen, 

elte. 





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z 
‘ ! 


Neuntes Bud. | 1101 


Molthuctiſdem Aufwande zweimal gefaͤrbt war, wie jetzt faſt alle 
gefaͤlligeren Purpurſtoffe gefärbt werden. 
LXAIV. Zu einem konchylienfarbenen Kleive braucht man außer 
dem Kinkhorn alles Andere; übervieß wird die Brühe mit Waller und 
zu gleichen Theilen mit menfälidhem Harne verdünnt, auch wird noch 
einmal die Hälfte Saft beigefügt; fo entſteht, nachdem man bad 
Dunkel verringert hat, jene gebriefene Bläffe, welche um fo matter 
wird, je mehr ſich die Wolle fättigt. 
: 0). Die Breife des Saftes find zwar je nach der Ergiebigfeit 
Der Beftade geringer, daß jedoch Hundert Pfund Hochmeerfchnerken nie 
mehr ala fünfzig Sefterzien [4*/, Gulden], und eben fo viel Kinkhorn 
nie mehr ald hundert [9 Gulden] koſten, mögen fich diejenigen mer⸗ 
Ten, welche dergleichen zu ungeheurem Preife faufen. 

LXV. 1. Raum ift aber Eines zu Ende, fo nimmt ſchon wie⸗ 
Ber etwas Anderes feinen Anfang; man liebt mit dem Aufwande zu: 
fpielen und die Spielereien durch Miſchung zu verdoppeln. und felbft 
die Fälfchungen der Natur noch einmal zu fälfhen; fo färbt man 
Schildkrötenſchalen,) fhmilzt Silber mit Gold zuſammen, daß ed 
Blecttum, **) und fügt Erz hinzu, daß es corinthifches Erz ***) gebe. 

Aui). Micht zufrieden damit, einem Evelfteine den Namen Ames 
thyſt entzogen zu haben, tränft man biefe fertige Farbe }) nöch ein⸗ 
mal mit tyriſcher, fo daß aus beiden ein verdorbener Name tt) und 
eine boppelte Verſchwendung erwaͤchst, und macht vorher Konchylien⸗ 
farbe, teil diefe, wie man glaubt, befler in die tyrifche übergeht. 2. Die 





) Bol B. XVL Rap. 84,8. 3. 
+) Bol. B. XXX, Kap. 23. 
*) Bol. 8. XXKIV, Kap. 3. $. 2 
-+) Die Amethyftfarbe nämlich, Dal, Kap. 82, $. ‘3. 
- +7) Tyriamethyſt. 
C. Plinius Naturgeſch. 9. Bohn. Bu 


1102 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Neue muß dieß zuerſt erfunden haben, indem ein Künftler, was ihm 
mißflel, umändert; fo entſtand eine Berfahrungsweife; auch machten 
feltfame Köpfe aus dem Fehler einen Begenfland bed Verlangens, 
und ber Verfchwendung wurde dadurch ein doppelter Weg gezeigt, 
baß man eine Farbe durch die andere verdeckte, weil fle fo vorgeblich 
angenehmer und fanfter werben follte. 3. Ja man miſchte auch Er⸗ 
zeugnifle des Landes bei und färbte das mit tyrifcher Farbe Gefärbte . 
mit Kermes, um Karmefln*) zu erhalten. Der Kermes ift, wie wir 
bei den Landgewächfen darthun werben, **) ein röthliches Kom, ***) 
welches in Balatien +) und bei Emerita [Meriva] in Luſitanien am 
vorzüglichften gedeiht; aber, um Hier zugleich Alles über die berühm⸗ 
ten Färheftoffe beizubringen, dad einjährige Korn gibt einen matten 
Saft, der vor dem vierjährigen verblaßt und es hat alfo weber das 
friſche noch das alternde Kraft. — Zur Genüge ift jetzt die Verfah⸗ 
wungsweife behandelt, wodurch Männer fowohl ald Frauen ihre Ge 
Melt am anfehnlichften zu machen glauben. . 
LXYI xım. Zu dem Mufchelgeflecht gehört auch bie Pins 
" ne;tt) fle waͤchſt an ſchlammigen Stellen immer grabe empor 11) 


*) Hysginum (voyıvov). Toyn ift der galatifhe Name der Ker⸗ 
meseiche (quercus coccifera), auf deren Blättern bie Kermes⸗ 
ſchildlaus (coccus ilieis) lebt. Vgl. Pauſanias (X, 36), 
welcher fchon wußte, daß das Karmefin nicht aus Pflanzen: 
ftoffen, fondern aus dem Blute Kleiner Infelten gewonnen wird, 

**) 3, XVL Kap. 12. B. XXII, Rap. 3. B. XXIV, Kap. 4. 

“+, Mir werben an den angeführten Stellen auf diefen Irrtum 
des Pliniug, welcher den Kermes für einen Pflanzenſtoff Halt, 
zurüdfommen. 

al. DB. V, Kap. 42. , 
'nna, auch Stedmufchel und Schiufenmufchel genannt. 
ie ftedit fenfrecht im Schlamme, 


Neuntes Buch. 1108 


und iſt nie ohne einen Begleiter, der Pinnenhüter, bei Anbern Pins 
nenwaͤchter heißt; diefer iſt ein. Heiner Goger,“) zuweilen auch ein 
Krebs, welcher der Nahrung nachgeht. Die Pinne thut fich auf und 
Hietet inwendig den augenlofen Körper den Heinen Fifchen bar; dieſe 
Tommen fogleich herbei und füllen fie, fo wie durch die Erlaubniß bie 
Kühnheit wählt, an; diefen Zeitpunft nimmt der Aufpafler wahe 
und deutet ihn durch einen leichten Biß an; jene tödtet durch Zuſam⸗ 
mendrücken, was fle eingefchloffen bat, und gibt dem Gefährten 
feinen Theil.**) 

LXVII. 4. Ich wundere mich deßhalb um fo mehr, daß Rande | 
geglaubt haben, die Waflerihiere entbehrten jeded Sinnes. Der 
Krampfrochen ***) kennt, obgleich er felbf feinen Krampf fpürt, feine 
Kraft und im Schlamme verfenft, verbirgt er ſich und haſcht bie 
Fiſche, welche, während fie forglos über ihm hinſchwimmen, vom 
KRrampfe.ergriffen werben; nichts übertrifft feine Leber an Zartheit. 
Nicht geringer ift die Klugheit des Froſches, welcher der Fifcher im 
Meere heißt; }) er ſtreckt feine unter den Augen hervorragender 


*) Rquilla; es gibt mehrere Arten; wahrfcheinlich ift der gemeine 
Goger (squilla mantis) gemeint. 
“) Man hat diefe Erzählung bis auf die neuere Zeit nacherzaͤhlt 
und weiter ausgemalt; nach ſorgfaͤltigen Beobachtungen ver⸗ 
bergen ſich nicht nur in die Pinne, ſondern auch in Auſtern, 
Mies: und Gienmuſcheln, Rrebschen, grade fo wie in den Loö⸗ 
chern der. Schwämme und Steine, ohne daß das Kreböchen ber - 
MuihA nützt oder ſchadet, denn die Mufchel frißt weder Fleiſch 
noch Fiſch, fondern lebt von dem, was fle durch das Waſſer 
einzieht, und laͤßt das Krebschen ungefldrt in der Schale, 
eee) Torpedo; auch Zitterrochen genannt; feine elektriſche Kraft iſt 
in neuefler Zeit genügend unterfucht und beftätigt worden. 
7) Rana piscatrix = Lophius pisoatorius L., Froſchfiſch. 


N 6* \ 


1104 C. Blinius Naturgefihichte. 


Hornchen ) aus dem aufgerührten Schlamme heraus und zieht bie 
6 um ihn tummelnden Fiſchchen an, bis fie ihm fo nahe fommen, 
daß er ſich auf fie Hürgen faun. 2. Auf ähnlid,e Weiſe bewegen ber 
Gugelhay*’) und die Dorabuite***) verborgen liegend die hervorges 
getreten Finnen wie Würmer; befgleichen auch die fogenannten 
Nochen, +) denn ber Stechrochen ++) treibt von ſetnem Verſtecke aus 
Mänberei, indem er die vorüberſchwimmenden Fifche. mit feinem Stas 
bel, den ex als Geſchoß gebraucht, ſpießt. +++) Als Beweis vieler 
Klugheit dient, daß man dieſe ſchwerfälligſten afler Fifche mit einer 
Meeraͤſche, *}) die doch der fAhnellfte von allen iſt, im Bauche findet. 

(un). 3. Die Bandafleln,”*+) welche den Landthieren, die mar 
Hundertfüße neunt, ähnlich find, brechen, wenn fle eine Angel ver: 
ſchluckt haben, alle Eingeweide von ſich, bis fie die Angel herand- 


Zwei hornige Fäden, welche er wie Würmer fpielen läßt, wenn 
er im Schlamme liegt und auf Beute lauert. 
») Dal. Kap. 14, 6. 1. Kap. 40. 
**e) Bel. Kap. 20, $. 3. Kap. 36, $. 1. 
+) Bal Kay. 40. 
+1) gl: Kap. 37 und 40, 
td Der auf der Mitte des Schwanzes ſitzende doppelzaͤhnige Stachel 
vermunbert gefährlich, weil er das Fleifch zerreißt. Vergl. 
Kap 


) Bil. Pe 21 und 26. 

**+) Soslopendrae.' Man hat bartınter teineswege die Thiere, wel- 
eben man jept diefen Namen beilegt und die nicht-3u den Waſ⸗ 
ferthieren gehören, zu verfleben, —* Nereiden, Deren fuß⸗ 

ahnliche —2 und Freßzang are dem Irrihnme leicht 

. Beranlaffung geben konnten. reiden fhieben nach Bes 
lieben ihren Schlund ge einen Küffel vor und ziehen ihn 
vieder ein, wodurch Die Meinung entftand, daß fle ihre Einge⸗ 
deide herausbtechen und wieder verſchlucken. 


Reunted Bud. 4105° 


Bringen, und würgen dann biefelben wieder hinunter; bie Sees 
füfe*) aber ſchlinzen bei ahnlicher Gefahr die Augelſchnur weiter 
Yinab bis zu ſchwachen Stellen, wo fle biefelbe leicht durchnagen 
tönnen, Noch vorſichtiger verfährt der fogenannie Blanis;*) er 
Beißt an der Angel von hinten an und verfhlingt le nit, fondern 
ſchnappt ben Köder weg. - 

RLIV. Der Widder ***) reicht herum, wie ein Räuber, und 
Hald lauert er. im Schatten größerer anf bem Meere liegender Schiffe 
verborgen, bis Jemand die Luft zu ſchwimmen anwanbelt, bald hebt 
er den Kopf aus dem Waſſer empor, um nach Fifcherfähnen zu fpäßen, 
ſchwimmt verborgen zu ihnen Hin und verfenft Re. 

LXVIN «xın. 1. Ich bin fogar der Anſicht, daß eine Empfins 
dung ſelbſt denjenigen Weſen beiwohne, welche weber die Beſchaffen- 
heit der Thiere,'noch die der Pflanzen, fondern eine britte von beiden... 
‚entließene haben ; +) ich meine die Neſſeln und die Schwaͤmme. Die 
Neflelntt) ſchweifen des Nacht umher und verändern des Nachts 
ihren Ort. Sie beſtehen in einem feifdigen Gezweige und nähren 
FG von Fleif. +r}) Gie-beflpt die Kraft, darch Jucken zu beiſſen. 
grade fo wie bie Sandneflel; fle zieht ſich demnach fo flarr als möglich 
aufammen, breitet, wenn ein Fiſchchen vor ihr ſchwimmt, ihr Gezweig 
_— 

*) Valpis marina, jedenfalls eine Hayart, vielleicht di 
hay (equnlus oentrine). = 

Son eine Weldart feyn. - 
=") Aries, Schwertwal, vgl. Kan. 4, $. 2. 
+ -Die Zoophyten, wie ſich die Naturforicher 

. +) Urtiene. Blinius vermengt hier bie ig 
weiſe ber feftfigenden Meernefjel (Actinin) 

den Wurzelqualle (Bizostoma). 

+1) Rur die ſchleimigen Theile des Waſſere 


tung bienen, 








1106 €. Plinius Naturgeſchichie. 


aus, umfpanat es damit und verſchlingt es. 2. Gin anderes Mat 
Acht fie welt aus, Läßt ſis gleich dem Zange von den Fluthen umher- 
werfen *) und fällt die von ihr berührten Tiſche an, während biefe 
durch Reiben am Geſtein das Juden abkrahen; auch fucht fie des 
Nachts nach Kammmuſcheln und Seeigeln. Spürt ſie, daß eine 
Sand ihr nahe fommt ſo ändert fle die Farbe und zieht fd zufams 
men ; berührt verurſacht fle ein Brennen, und geminnt fle dadurch eim 
wenig Seit, fo verbirgt fie fih. Den Mund foll fie an der Baryk, 
Haben **) und den Umath ganz oben durch eine bünne Röhre ***) vor. 
ſich geben. 

LXIX. 1. Bon Schwämmen find und drei Arten befannt,}) 
eine feRe und dabei feht Harte und rauhe welche Tragos, +4) eine 
fefte und zartere, welche Manon ++) und eine feine und dichte, woraus 
man bie Bäufcgchen *+) macht, welche die achilleiſche **+) heißt. Sie 
entfiehen alle an Felſen und naͤhren ſich mit Mufcheln, Fiſchen und 
Schlamm. Daß ihnen Empfindung beiwohne, erhellt daraus, daß 
le, wenn ſie einen, der. fle abreißen will, merken, ſich zufammenzichen 
und bann viel ſchwerer abzulöfen find; baffelbe thun fie beim Ans 


*) Befonders bie Mebufe und die Kammauolle. 

**) Der Stiel der Wurzelqualle endigt in gezäßnelte Blätter und 
jeber Zahn Hat ein Hanes Loch, worurc das Thier feine Rabs 
rung einfaugt. weßhalb es auch das Murzelm 


re) Gin Ringgefäß am Hute der Dualle, in well 
welche den Rabrungsfaft aus den Magen rd 
2) @o.gibt weit mehe Arten, Blin’- 


im Haus halte vorfommenben. 

+1) Teayos, Boll, Del. 8. XXI 
HN Man uawög, 7, 67, nicht dicht, 
li, vgl. B. XXXI. RO 

wird nirgends gefagt 








J Neuntes Buch. 1107 


prallen der Fluthen. 2. Daß ſie von Epeife leben, zeigen offenbar 
vie in ihnen gefundenen Heinen Mufcheln.*) Bei Torone'**) follen 
fle, auch wenn fle losgeriſſen find, noch ſolche freſſen und aus dem 
guräcdgeblichenen Wurzeln wieber hervorwachſen. An den Bellen - 
Haftet aud ein Blutanftrih von ihnen, beſonders von ben aftifanis 
fen, welche auf den Syrien ***) warfen. Am größten, aber um 
weichſten werben bie Manät) um Lycien; tt) an tiefeh unb bem 
Binde nicht ausgeſetzten Stellen finb ſie jedoch immer weicher, im 
Gelleöpont [der Strafe bet Dardanellen] rauf und um Mala +}49 
dicht; an fonnigen Orten faulen fle, deßhalb find bie beften in den 
Abgründen. 3. So lange fte Icben, Haben fle diefelbe ſchwärzliche 
Farbe, wie wenn fie eingeweicht werben. Sie Hängen weber bloß an 
einem Zeile noch durchaus feft, denn dazwiſchen find einige leere 
Nöhren, etwa vier ober fünf, durch welche fle, wie man glaubt, ihre 
Nahrung zu ſich nehmen; es find auch noch andere Röhren vorhanz 
den, aber oben geſchloſſen; auch bemerft man, daß ſich unter ihren 
Wurzeln ein Häutchen befindet; daß fle fange Zeit Ieben,*t) feht 






Schwaͤmme werben nur durch das Seewaſſer ernäßtt, bie 
ie ifmen gefundenen Mufcpeln gerathen nur zufällig in fie 
nein. 
=) gl. B. IV, Ray. 17, 8. 4. 
Bl. B. V, Rap. 4. 
Manae nämlich spongine; val. den Anfang diefes Kapitels, wo 
Mich auf genus bezieht. 
‚3. V, Kay. 27 und 28. 
va ernien, dent Spathi. 
f °r Zeichen von thierifchem Lebe 
Y . am müßte denn ben beftändigt 
= » Aue mit bem Atmen zufar 


J 











1108 G. Plinius Naturgeſchichte. 


feR. Als die ſchlechteſte Art von allen gelten diejenigen, welche 
Aypinfien*) beißen, weil fie fi nicht auswaſchen laflen ; fle Haben 
große Röhren und die übrige Mafle ift feft. 

LXX (xıvn. 1. Sanytfädlicg bebroßt die Menge ber Hunbẽe⸗ 
haye **) die nach ihnen fuchenden Taucher mit ſchwerer Gefehr; biefe 
ſelbſt geben vor, daß ſich über ihrem Haupte auch eine Art Thiers 
wolfe wie uon platten Fifchen ***) zufammenziehe, welche fie nieder⸗ 
Drüde und am Wiederherauffommen hindere; fle führten veikatk 
äußerfi Scharfe, an Leinen befekigte Pfriemen Bei fich, meil die Wels 
fen nur, wenn man fle damit burchfleche, zurückwichen; wohl nur, wie 
ich glaube, eine Wirkung der Dunfelheit und des Angſt, beuu eine 
Wolke oder einen Nebel, wie man biefe Plage nennt, bat noch Mies 
mand unter ben Thieren wahrgenommen. 2. Der Kampf mit ben 
Hundehayen aber ift entfeplich; fle ſchnappen uach den Weichen, bem 
Zerfen und jebem weißen Theile des Körpers ; das einzige Reitunge- 
mittel it, ihnen entgegenzugehen und fie wegzufchreden, deun ber 
Hundehay fürchtet ven Menfchen ebenfofehr. als er ihn ſchreckt. In 
der Tiefe iR der Vortheil gleich, wenn man .aber nach ber Ober⸗ 
flaääͤche des Waſſers kommt, wird die Gefahr doppelt, denn dem 
Taucher iſt, während er anfzufteigen fucht, die Auskunft, darauf 
loszugehen, genommen; fein Heil hängt ganz von den @efähr- 
ten ab; dieſe ziehen an bem ihm um bie Schultern gebundenen 
Strick, welchen er, fo wie er fich in Noth befintet, mit der linfen 
ſchüttelt, während er mit der rechten ben Kampf führt. 3. Beim 
Ziehen ift ſonſt fachte zu verfahren, fobald er aber in die Nähe bes 


*) Bon a (nicht) und nAuves (malen). 
**) Canicula — squalus galeus. Dgl. Kap. 11. 
”) Dal. oben Kap. 36 und 40. 





Neuntes Bud. 1109 


Schiffoklieles gelangt iſt, müflen fle ihn mit überaus fegneller Kraft 
plöglich heransreigen, wenn fie ihn nicht umfommen fehen wollen, oft 
wurden fogar bereitd herausgezogene aus den Händen weggefchnanpt, 
wenn fle nicht felbR die Bemühung der Ziehenden dadurch unterſtütz⸗ 
ten, daß fie den Körper gleich einem Balle zufammenfnäuelten. Andere 
ſtrecken zwar Dreizade vor, aber das Ungethüm hat die Klugheit, 
anter das Schiff zu gehen und fo and dem Verſtecke zu Tämpfen. Alle 
Sorgfalt geht demnach dahin, den Feind zu erfpähen. 

. av. Am gewifleften iR die Sicherheit, wenn man platte 
Fiſche fleht,, weil diefe ſich nie da aufhalten, wo bösartige Thiere 
ins, *) weßhalb die Taucher fie heilig nennen. 

LXXI. Daß den in fleinharter Schale eingefchloflenen Wieren, 
wie den Aufiern, feine Empfindung beiwohne, muß zugeſtauben wer⸗ 
"ven; viele Haben mit ber Pflanze eine und dieſelbe Beſchaffenheit, wie 
Die Holothurien, **) Lungen und Sterne.) Es gibt miihin nichts, 


*) Die Schollen (pleuronectes), welche hier gemeint feyn können, 
halten ſich, weil fie nicht mit De heibin naöwaflen verfehen 
find, wirklich nicht in der Nähe von Raubfifchen auf. 

) Mas die Alten unter Holothurien verſtehen, iſt nicht recht far, 
feinenfalld aber die Würmer, welche wir jebf Holothurien 
(Sprigwürmer) nennen, denn Arifiotelee (Hist. animal. I, 1) 
fagt, daß fie ſich nicht bewegen fünnien, obgleich fie nicht fch= 
hängen und an.einer andern Stelle (de part. animal. IV, 5) 
unterfiheibet er die Holothurien und bie Lungen durch dieſe 
Binentebaft von den Schwämmen. Vielleicht find. die Meerz 
forfe (aleyonium) gemeint; bie Eungen (paulmones) fünnten 
dann wohl ver lappige Meerforf (aloyonium lobatum) feyn. 

—* Stella, Meerſtern (asterias). Weder die Holothurien und 
eungea noch die Meerſterne find Pflangen, ſondern haben eine 
thieriſche Natur. 


„ri 


1110 - &. Plinius Naturgeſchichte. 


was ſich nicht auch im Meere erzeugt, wie denn ſogar die Tihierchen, 
welche während des: Sommers in den Herbergen durch behendes 
Springen läftig werben, und bie, welche hauptfächlich das Haar birgt, 
ih vorfinden und Häufig um ben Köder gebaflt herandgezogen wer: 
den; ) fie gelten auch als die Urfeche, welche des Nachts den Schlaf 
der Fische im Dieere ftört; einigen berfelben find fle jedoch eigenthüm⸗ 
ch und zu deren Zahl rechnet man die Binte. **) 

LXXI uvm. Auch gräuliche Gifte fehlen nicht. wie bei dem 
Meerhaſen, welcher im inbifchen Meere fchon durch die Berührung 
verberblih wirkt und Erbrechung und Grichlaffung bes Unterleib⸗ 
verurfacht; in unferem Meere iſt er ein unförmlicher Klumpen unb 
gleicht vem Hafen nur an Farbe, in Indien aber fowuhl an Größe 
als am Haare, welches nur härter ift; auch wird er dort nicht lebendig 
gefangen. Gin eben fo verberbliches Thier iſt die Spinne, +) melde 
durch die Spitze ihres Rückenſtachels ſchadet; aber nichts iſt abſcheu⸗ 
cher, als der fünf Zoll große Dorn, weldyer auf dem Schwanze des 
Trygon, der bei uns Paſtinaca +r) heißt, hervorragt; die Bäume 
macht er Durch einen Stich in die Wurzel abſtehen; durchbohrt Waf⸗ 


*) Dieſe Thierchen, welche Plinius mit den Floͤhen und Läufen 
vergleicht, find die Fiſchwürmer (lernaea) , die Meerfiſchlaus 
(ealigus) und das Cinauge (monoculus pediculas), 

**) Chaleis — clupen fiota L. 

®**) Lepus == Aplyain L., auch Hafenfchnede genannt. 
+) Araneus, wahricheinlich daflelbe Thier, welches meiter oben 
(Kap. 43) draco marinus (Seedrache) Heißt, die Queife (tra- 
‚ohinus drace). 
TI Der Stechrochen (veral. Kap. 67, 6. 2), daß die kö'en Cigen⸗ 
ſchaften vefielben Hier bis zum Lächerlichen vergrößert And, 
braucht faum bemerkt zu werben. 
s 


r 














Neuntes Buch. 411t 


fen, wie ein Geſchoß, da er bie Kraft des Ciſens und bie Bödartigteit 
des Giftes Hat. 

LXXIII aux). Ob ganze Gattungen von diſchen von Kranke 
heiten befallen werben, wie die andern und ſelbſt die wilden Thiere, 
Haben wir nicht in Grfahrung gebracht, *) daß aber einzelne Fränfeln, 
beweist ſchon die Magerkeit mancher, während andere von berfelben 
Gattung fehr fett gefangen werben, 

LXXIV 1.) 1. Auf welche Weife fie ſich fortpflangen, Darf ich 
der Wißbegierde und Verwunderung ber Menfchen nicht länger vor⸗ 
enthalten... Die Fiſche begatten ſich, indem fle ihre Baͤuche aneinans 
der reiben, mit folder Schnelligkeit baß fle unjere Augen täufchen, **) 
die Delphine und Wale auf gleiche Weife, nur etwas länger. *") 
Zur Begattungdzeit folgt das diſchweibchen dem Männchen und-Rößt 
mit der Schnauze an deſſen Bauch, beim Leichen folgen die Maͤnnchen 
den Weibchen und freflen deren Gier. t) »2. Zur Boripflanzung ifk 
aber bie Begattung für ſich allein nicht genügend, wenn nicht die 
Männchen die gelegten Gier, ziifchen diefen hin- und Hertanbelnb, 
mit ihtem belebenden Samen befprigen. Dieß fann bei der fo großen 
Menge ber Gier nicht alle treffen, fonft müßten Meere und Seen volle 
gepfropft fein, ba jeder Mutterleib deren unzählige empfängt. +1) 


*) 8 find allerdings ſolche Seuchen unter ven Fifchen 8 vor⸗ 
gekommen. 

Di Fifche ſchwimmen beim Laichen neben einander 
zend bag Männchen die Milch unt das Weibchen 
ins Wafferlät, wo beide er miteinander in Berührum 

*) Daß die Delphine und Wale zu den Eäugethieren 
fi wie diefe egaften, weiß jet Jeder, 

+) Natürlich nur zum Theil, 

41) Der Roogen eines einigen Haufen enthält am fe 
Gier, der eines Kabeljaus an neun Mill 







1112 C. Blinius Naturgefgiäte. 


an. Die Fiſcheier ) wachten im Meere, manche mit der größten 
Schnuelligkeit, wie die der Muränen, manche etwas langfamer. 3. Die 
platten Fifche,**) welche keinen flacheligen Schwanz haben, fs mie 
auch die Schilpfeöten, **°) fleigen bei der Begattung auf einauter;t) 
bie Urmisaken hängen fih mit einem Fühlfaden an die Rafe des 
Weibchens, die Dintenſchnecke und die Seelatze an bie Zunge, indem 
fie die Arme ineinander fihlingen und gegeneinander Schwimmen ; +7) 
fie laichen auch mit dem Munde; bie Armfrafen aber begatten fig mit 
nach, dem Boden gefehrtem Kopfe, die übrigen Weichthiere FH) rad 
wärs, wie bie Hunde; ebenfo die Henfchredenfrebfe*t) und die 
Goger, *7) die Krebſe mit vem Munde. **+) Die Bröiche Reigen 
aufeinander, indem das Mänuchen mit ben vorderen Fußen tie Ach⸗ 


*) Sie haben feine Schalen, fonbern nur ein bünnes Häntden 
und wachfen durch die eindringende Feuchtigfeit, bis das zeitige 
Zunge ausgeht. 

“Mol Kap. 39, - 
***) Ich lefe; quibus cauda non est aculeata aeque et testadines. 
+) Die Bemerkung if, was die Schilofröten betrifft, richtig ; über 
die anderen Fifche, weiche fich auf diefe Weife begatten follen, 
fehlen noch genauere Beobachtungen. 
+4) Neuere Beobachtungen haben biefe Ariftofeles (Mist. Animal. 
V, 6) entnommene Behauptung noch nicht beſtätigt, wahrs 
ſcheinlich iſt ſogar, daß die Armkraken, Dintenfchneden und 
Seekatzen (val. Kay. 44-46), wie die meilten Fiſche, laichen. 
TIP) Diele Bemerkung iſt zu allgemein: bie Begattung ver Weich⸗ 
thiere gefhieht auf verſchiedene Weiſe. 
*) Dal. Kap. 5 
4) Pol. Rap. 8* 
**7) Ariſtoteles (Hist anim. V, 9. welchem Plinius hier * 
— ſchreibt, ſagt dieß nicht, ſondern nur: mit dem Vordertheile, im 
Gegenſahe zu der Begattung rüchwärts. 











Neuntes Buch. 1118 


feln und mit. den Hinteren die Keulen des Weibchens faft. 4. Cie 
gebären äußerft Kleine fchwarze Bleifchktäde ,*) welche man Kaul⸗ 
quappen nennt und, woran mut bie Augen und ber "Schwanz tennt- 
Yich find; alsbald bilden fich auch die Füße, indem fich der Schwanz in 
Hinterbeine ſpaltet.*) Wunderbar ik, daß fie ſich nach einem halb⸗ 
jährinen Leben, ohne daß ed Jemand wahrnimmt, in Schlamm auf 
Lõſen ***) und im Frühlingswafler wieder in ihrer früheren ‚Gehalt 
entſtehen: wobei die Natur fehr geheim verfahren muß, da es doch 
jedes Jahr Ratıfindet. — 5. Auch die Miesmufcheln und bie Kamm⸗ 
muſcheln entfliehen von ſelbſt an fandigen Stellen, +) die Thiere mit 
Härterer Schale, wie bie Reiftenfchneden und Die Pupurfchneden, aus 
einem fpeichelartigen Schleime, ebenfo die Schnafen aus faner ge- 
wordener Flüfftsfeit, die Anſchovis 7) aus erwaͤrmtem Meerſchaum, 
wenn Regen dazu kommt, die in eine ſteinharte Bedeckung gehüllten 
aber, wie die Auſtern, aus fanlendem Schlamme oder aus dem 
Schaume um bie länger flillliegenden Schiffe, eingerammte Pfähle und 
Hol; tr) überhaupt. 6. Bor Kurzem hat man in den Auſtern⸗ 


*) Die Bröiche legen Eier und aus diefen fommen die Kaulquap⸗ 
pen (gyrini) hervor. 
ee) Reineswegs, fondern wenn bie Hinterbeine gewachſen find, loͤst 
ſich der Schwanz ab. 
»9) Um Winterſchlaf zu halten, graben ſich die Froͤſche in ben 
Schlamm, löfen fid aber nicht in ſolchen auf. 
+) Kein lebenved Wefen entfteht von felbft; die Miesmufcheln 
.(val. Kay. 56, $. 4) und die Kammmuſchein (vgl. Kap. 51, 8. 6) 
legen Gier, fo wie auch bie Leiftenfchnedten, die Purpurſchnetken 
(oa Kap. 60, $. 1) und die Schnafen (eulices). 
+7) Apua = Engraulis L.; auch die Anſchovis laichen. 
ft) Die Auſtern u. ſ. w. laichen gern’ in der Rohe ſolcher Stoffe, 
entſtehen aber keineswegs aus denſelben. 


1114 €. Plinius Naturgeſchichte. 


Gehältern die Wahrnehmung gemacht, daß aus ihnen eine befrnd 
tende milchartige Feuchtigkeit herausfließt. *) Die Aale reiben ſich 
an Felſen und dieſes Abſchabfel wird lebendig; eine andere Fortpflan⸗ 
zung gibt es bei ihnen nicht. **) Fiſche von verſchiedenen Arten be⸗ 
gatten fich nicht, der Engelhay und der Rochen ausgenommen, trorans 
ein Junges entfieht, welches am Borbertheile dem Rochen gleicht, 
und bei den Griechen einen aus beiten zufammengefesten Ramen 
Führt.) — 7. Wie auf dem Lande, fo werden auch im Waſſet 
einige Arten zu einer beſtimmten Jahreszeit erzeugt, im Frühling die 
Kammmuſcheln, die Schneden,}) die Seefchwalben; tr) dieſelben 
verſthwinden auch zu einer beflimmten Zeit. Bon ben Fifchen ge: 
bären der Wolfobaͤrſch 447) und ber Spratt *F) zweimal im Jahre, 
Jo wie andy alle Klippenflfche, die Meerbarben **}) dreimal, wie bie 
Binte,***+) der Karpfen }*) fechemal, die Sforpione zweimal, ebenfo 
die Geißbraſen ++") im Srühling und im Herbſte; von ben platten 


*) Zur Laichzeit ift dieß nicht unmöglich. 

**) Man ift über die Fortpflanzuug der Aale noch nicht im Reinen, 
wahrſcheinlich legen ſie aber Cier. 

**o) Pivoſciroc (Squatinoraia). Der Engelhay (vgl. Kap. 14u. 40) 
und der Rochen (Kap. 40) begatten ſich ebenſowenig, wie ans 
dere Fifche verfchiedener Art und der ‚angebliche Zwitter if der 
Engelrochen (raia rhinobatos L.), eine befondere Gattung. 

+) Limaces, Landfchnecen. 
tr) Bol. Kap. 43. Manche wollen hirudines (Biutegel) leſen. 
+rr) Bal. Kav. 24 und 28, 

*+) Dal. Kap. 20, 8. 4. . 

*) Dal. Kay. 30, - 1 

c4) Mol. Kay. 71. om 

1’) Dal. Kap. 25. 

1") Dot. Kap 30, s 2. 





Reuntes Buch. 1115 


Fiſchen ber Wagelhay zweimal, die Sungenfigofle *) im Herbſte beim 
Untergange der Bergilien, 8. die meiflen Fiſche in den Monaten 
April, Roi und Suni, die Goldftriemen”*) im Herbſte, die Geiß⸗ 
braſſen, der Krampfrochen, ***) die Hayen um die Tagunbnachtgleidhe, 
Die Weichthiere im Frühling, bie Dintenfohnedet) in jedem Monat; 
. ihre durch einen ſchwarzen Leim in Geſtalt einer Tranbe zufammens 
Hängenden Gier begleitet dad Männchen mit feinem Hauche, fon 
bleiben fle unfruchibar. Die Armkraken begatten fi im Winter, 
Legen im Frühling ihre zu einer gewunbenen Raule gefräufelten Eier 
uund find von folcher Sruchtbarkeit,, daß fle, wenn man fle töntet, bie 
Menge der Gier nicht mehr in der Höhle des Kopfes faflen innen, 
worin fle Diefelben während der Schwangerfchaft trugen;. fie brüten 
diefelben am fünfzigften Tage aus, aber viele davon gehen wegen der 
großen Zahl zu Grund. 9. Die Heufchredenkrebfe und übrigen 
Thiere mit bünnerer Kruſte legen Eier auf Gier und bebrüten fie 
f0.+}) Das Armfrafenweibchen ſitzt bald auf den @iern, bald fchliegt 
es die Höhle durch gitterförmige Verflechtung der Arme. Die Dins 
tenſchnecke laicht auf dem Lande zwifchen Rohren oder wo Tang her⸗ 
vorwaͤchſt und brütet am fünfzehnten Tage aus. Die Seekatzen legen 
auf dem hohen Meere zuſammenhaͤngende Eier wie die Dintenſchne⸗ 
den; die Purpurſchnecken, die Leiftenfchnecden und andere dieſer Gat⸗ 


N ke leſe la vgl. Kap. 20 und 24. 
“) 
) Bi rg 87. $. 1. 
+) Bol. Rap. 20 und 4. 
Fr) Die Kreböweibchen haben am Schwanze kurze, nach innen ge⸗ 
fchlagene Füße, woran bie Gier zu hängen pflegen, daher d der 
Glaube, daß ſie bieſelben d bebrüten, 


1116 C. Plinius Naturgeſchichte. 


tungen laichen im Wrühling ; die Seeigel ) bekymmen ihre Gier im 
Binter ; auch die Schnecken ) entfliehen zur Winterzeit: 

LXXV. Den Krampfrochen findet mar mit achtzig Jungen; 
er legt in ſich ſelbſt ſehr weiche @ier, bringt fie dann an eine andere 
Stelle der Baͤrmutter und brütet fle daſelbſt aus; Gleiches findet bet 
allen Thieren ſtatt, die wir Knorpelthiere genannt haben, ) und je 
kommt es, daß fie. allein fowohl Junge gebären ale auch Eier em⸗ 
pfangen. Das Welemänuchen hütet allein von allen bie gelegten 
@ier, oft fogar fünfzig Tage lang. damit fle nidyt von andern vertilgt 
werben; bie übrigen Weibchen brüten am britten Tage, nachdem fie 
bad Männchen berührt hat, auk. 

LXXVI. Der Nadelfikh +) ober die Belone laicht allein vor 
deu Fifcheh, während ihre wegen der Menge der Eier die Bärmutier 
berftet; nach der Geburt Heilt die Wunde wieder zu, was auch bei ben 
blinden Schlangen der Ball ſeyn fpll. Die Seemaus Pſ) legt ihre 





*) Bol, Ray. 14, 51, 56-ınıd 68. Ä 
**) Cochlene, Waflerfhnedn. © 
“) Die Knorpelfiiche haben außer den Eierſtoͤcken noch Gierleiter, 
deren unterer Theil ſich in eine Bärmutter erweitert, in welche 
die Gier, wenn fle ihre nehörige Größe erreicht Haben, herab⸗ 
fleigen und wo fle auch audgehen, wenn der Yifch, dem fle ans 
gehören, lebendige Junge gebiert. 
7) Acus — Syngnathus acus L. Die griehifche Benennung 
Berdvn heißt ebenfalld Nabel. Der Nadelfifch trägt den Roos 
n unter dem Schwanze in einer mit bünnen Klappen vers 
chloffenen Furche, in welcher er fle auch ausbrütet, worauf 
diefed Organ wieder bis zur naͤchſten Laichzeit zuſammen⸗ 
ſchrumpft. Der Mangel an genauer Beobachtung lieg den 
Blauben vom Berſten und Wieverheilen der Bärmmtter ats 


| Reben. 
TH) Bgl. Kap. 36. 





‘ 


Reunied Dub. ' 41117 


Ber in eine auf dem Lande gemachte Grube und bedeckt fie fohamı 
zurit Erde; amı dreißigſten Tage gräbt fle dieſelben wieder aus, feet 
fie uud führt die Brut in’d Wafler. | 
LXXVH (um. Die Buchſtabenſtiſche und die Sägbarfche ſollen 
sine Baͤrmuiter Haben; ) ber Fiſch, welcher bei den Griechen Tro⸗ 


chos) Heißt, fall fich mit ſich ſelbſtbegatten. Die Jungen aller 


Maſſerihiere enthehren in der erften Zeit des Geſichts. 
LXXVIH cum. Bon dem Alter der Fiſche haben wir. fine 
Lich ein bemerkenswerihes Beifpiel erfahren. Pauftlypum [Bofllips] 


iſt ein Landgut in Campauien nicht weit von Neapel; hier farb, wie 
Annaͤus Seneca ſchreibt, in des Kaiſers Fifchteichen ein von Bebins 


Bolio***) eingeſetzter Fiſch nach dem ſechzigſten Jahre, während 
zwei andere gleich alte von derſelben Gattung damals noch lebten. 
Diefe Erwähnung der Fiſchteiche mahnt mich, noch etwas mehr über 
diefen Gegenfland zu fagen, ehe wir von den Fifchen ſcheiden. 
LXXIX (um). 1. QAufternbehälter erbachte zuerft von Allen 
Sergius Orata +) im Bajaniſchen tr) zur Zeit des Redners L. Craſ⸗ 


Naͤmlich alle Roogner ſeyn; vgl. Kap. 23. 
*") Tooyog heißt Kreifel und auch Dachs; welches Waſſerthier hier 
Plinius meint, laͤßt ſich ſchwerlich ermitteln: ; baß aber von 
einer Selbftbegattung nicht die Rede feyn koͤnne, verfteht fich 
von ſelbſt. 
**) Bol. Kay. 39, $. 2. Er vermachta bem Auguſtus den größten 
Theil feines Beſitzthums. 

° +) Ein berühmter Feinfchmeder (Cicero de fin. II, 22, 70), wels 
cher den Beinamen Drata oder Aurata von feiner befonderen 
Liebhaberei für die Goldbrafſen (auratae, vol. Rap. 25) er- 
balten haben foll (Benczobins IH, 1.16) 

-+4) Bol. oben Kay. 8, $.2 


C. Plinius Naturgeſch. 9. * | 7 


1118 €. Plinius Naburgeſchichte. 


ſus) vor dem marſiſchen Kriege?) und zwar nicht der Schlemmerei 
wegen / ſondern aus Habſucht, indem er von feiner fo großen Grin 
dungögabe beveutenbe Einkünfte 309, wie er denn and) zuerſt Die hän⸗ 
genden Bäder***) erfand und bie fo zugeflugten Lanbgüter wieber 
verkaufie. 2. Derſelbe erfannte zuerſt den heften Geſchmack den lakri⸗ 
niſchen Auſtern }) zu, da biefelben Gattungen von MWaflertbieren ax 
Diefem und jenem Orie beſſer ud, fo die Wulfsbärfche in dem Tiber- 
fiufle zwiſchen ven Heiden Brüden, die Dornbutte F) zu NRavema, 
die Muräne in Sicilien,, der Elopo +ir) zu Rhobus und ebenſo iR 
ed, um bier fein Küchengericht zu halten, auch mit den anberen 
Arten. Noch waren bie britannifchen Küſten nicht dienſtbar, al 
Drata die lucriniſchen Auſtern in Ruf brachte; ſpaͤter ſchien es der 
‚ Mühe werth, die Auſtern am Ende Italiens gu Brunbuflum [Bris- 
Dirt] zu Holen, und damit fein Streit über ven Geſchmack beider eis 
fiehe, kam man Fürzlich auf deu Einfall, bie auf der Iangen Fahrt von 
Brunduflum ber auegehungerten im lucriniſchen See mit den andern 
am füttern. 

LXXX. Noch vorher in derſeiben Zeit erdachte Lieinius Ru- 
‚räna*}) die Behälter für bie e übrigen Bifge und feinem Betipiele 


) Der berühmteſte 9 Redner v vor Cicero; er lebte vom J. 240 -91 
vor Chr. Von ſeinen Schriften iſt nichts mehr vorhanden. 
*) Er begann im J. 91 vor Chr 
e) Deren Fußboden auf Heinen Pfeifern ruhte, fo baß unter dem⸗ 
. felben bin bie Hitze ſich verbreiten fonnte. 
+) Aus dem Incrinifchen See, sel 3. III, Kap. 9 s 9. 
.Yr) Bgl. Kap. 20 und 35, 
+) Del. Kap. 27. 
*7) Er war im 3. 113 vor ae Bräter und erhielt den Beinamen 
. Muväna wegen feiner kiethaberei für diefſen Fiſch. 





Nenmntes Buch. . 4119 
folgte darauf der Mel, die Philippus, die Hurtenftus *); Lucullus ) 
durchſtach fogar einen Berg bei Neapel mil‘ größerem Koſtenaufwande, 
als der Bau feines Landhauſes verurſacht hatte, um einen Kanal und 
vas Meer dahin zu führen, weßhalb ihn der ‘große Bompefus ben 
romiſchen Xerxes nannte. Nach feinem Tode wurben bie Fiſche dieſes 
Behälters für vierzigmal handerttauſend Gefterzien [371,090 @uls 
ven] verfauft. e 

LXXXI (v. Einen Mur anenbehalter erfann vor Anbern zu 
feinem eigenen Gebrauch C. Hirtius, welcher für den Triumph⸗ 
ſchmaus des Diktators Caͤſar ſechſtauſend Stuck Muränen leihweiſe 
darwog, venn er wollle ſie weder gegen Geld noch gegen andern 
Werth verhandeln. Die Fiſchteiche halfen ihm einige Zeit darauf 
fein’ Laudhaus für vierzigmal hunderttauſend Seſterzien verfanfen. 
Hernach riß die Liebhaberei für einzelne Fifche ein. Bei Bauli [Bas 
colo] im bajanifchen Gebiete Hatte der Redner Hortenfius **) einen 
Fiſchteich ⸗ und darin eine Muräue, welche er fo ſehr lichte, daß er 
über ihren Tob geweint ‚haben fol. Auf demſelben Landgute zog 
Antonia, die Gemahlin des Drufus,t) einer Muraͤne, die fle liebte, 


9 Die gens Marein, wozu bie Philippus gehörten, und Die gens 
Hortensia zählten zu ben bebeutendften romiſchen Geſchlechtern 
und lieferten viele berühmte Männer. 

**) Befannt durch feine Siege über Mithridates und durch ſeine 
verſchwenderiſche Ueppigkeit. 
ꝛe) N, Hortenfius Hortalus, ein berühmter und einflußreicher 
Redner und Staatsmann lebte vom J. 114 bis 50 vor Ehr. 
und benüßte die erworbenen Reichthümer zu großem Auf 
wande. Bon feinen Reden haben fi nur einige wenige 
Bruchſtuͤcke erhalten. 
DD. et B. VI, Rap. 18, J 3; Sie war eine Tochter bes Trlam⸗ 


[4 


1120 C. Plinius eugeigiäte. 


Ohrgehaͤnge an, anf welches Geruůcht hin manche Luſt bekamen, 
Banli zu befuchen. 

' LXXXII (uvm. Behälter für Schnecken richtete Fulvins Gir⸗ 
pinus im Tarquinienſiſchen ) kurg ‘vor dem Bürgerktiege, ber mit 
bem großen Pompejus geführt wurde, ein und ſchied auch die einzelnen 
Arten derſelben, fo daß die weißen, weiche auf dem reatiniſchen Ge⸗ 
biete *) wachfen, beſonders und die illyriſchen, welche ſich durch ihre 
Größe, die afrifanifchen, welche ſich durch ihre Fruchtbarfeit, uns We 
folitanifchen, **) welche ſich durch ihre Vorzäglichkeit auszeichnen, 
ebenfalls beſonders waren. Ja er erfann fogar für fle eine Maſt vor 
eiugelochtem Moft +) und Schrot und dergleichen mehr, fo daß jept 
auch gemäftete Schneden zu einem vollkommenen Schmaufe gehörten, 
und ber Ruhm in diefer Kunft gelangte zu einer folden Höhe, baf 
Gehaͤuſe einzelner Schneden achtzig Duabrans [2 Maae] faßten 
So erzählt M. Varro. 

LXXXIII VMD. 1. Wunderbare Fiſcharten ſollen nach Theo⸗ 
phraſtus auch an den Marſchen Babylons beim Fallen der Flüffe in 
den mit Waffer gefüllten Loͤchern zurückbleiben und von da aus einige 
auf ihren Finnen mit Hülfe des ſich raſch bewegenden Schwanzes 
nach Futter gehen, vor den fle verfolgenden Jägern in ihre Löcher 
fliehen und fich daſelbſt zur Wehr flellen; an den Köpfen Hätten fe 


virs M. Antonius und der Oktavia, einer Schwefter bed Au- 
guſtus und wurbe im J. 38 2a Ehr. vergiftet. 
*) Bol. 2. VIII, Kap. 78, 8. 2 
**) Bol. B. U, Rap. 96,5.1. 
**) Bon dem Promontorium Solis (Sonnenvorgebirg, B. V, Kap. 
u N in Afcite Mal. B. XXX, Kap. 16, 8. 2. 
Vai. 2. XIV, Kap. 11, 8.1. 


Neuntes Bug, 1121 


% 
Aahnlichkeit mit dem Seefroſche,) an den übrigen Theilen mit den 
Meergrundeln,“) die Kiemen feyen wie bei den andern Fiſchen; 2 


bei Heraflen [Erefli] und Eromna,***) am Lykus ) und an vielen 


Orten in Pontus tr) fey eine Art, welche dem äußerten Waflerrande 
Dex Alüffe folge und fich Löcher in ben Boden mache und in denfelben 
lebe, auch wenn durch das Zurückweichen des Stromes das Ufer 
trocden werde; man grabe fie deßhalb aus und fie bewiefen dann erſt 
Durch die Bewegung des Körpers, daß fie Ichendig feyen; bei dem⸗ 


felben Heraflen und bei dem Fallen deſſelben Eyfugflu fies entſtaͤnden 


aus zurüdgebliebenen Eiern im Schlamme Fifche, * welche, um 
SH ihre Nahrung zu verſchaffen, nur mit den Kiemen zappelten und 
deßhalb keiner Feuchtigkeit bedürften, und daß ans derſelben Urſache 
auch die Aale, nachdem ſie aus dem Waſſer genommen ſeyen, noch 
längete Seit lebten ; die Cier aber zeitigten, wie die ber Schildkroͤten, 
anf dem Trocknen; 3) in derfelben Gegend im Pontus würben Fiſche, 


*) Dal. Kap. 67, 8.1. 
*) Gobius oder gobio. Der Fiſch, welcher hier beſchrieben wird, iſt 
wohl der zur Sippfchaft der Meergrundeln gehörende Schlamms 
*  fpringer (periophthalmus); er läuft mit Hülfe feiner harten 
, en in den Bauchfloffen auf dem Strande wie eine 
ide 
» gl. 2. VL Kar. 3. 
++) Die Landſchaft Bontus in Kleinaflen erſtreckte ſich längs ber 
Nordküſte vom Halys bis Trapezunt. 
+r}) Hier faun wohl nur der Schlammpeißger (cobitis fossilis L.) 
hemeint feyn, welcher bei ablaufendem oder vexdunſtendem 
Bafler im Schlamme zurückbleibt, wo er nicht ſelten von den 
Schweinen ausgewuͤhlt wird. Kommt er nach mehreren Mos 
naten wieber in’8 Waſſer, fo wird er fogleich munter. . 


& 
% 


— — —4 


1122 C Blinkos Natugeffigte. 


meift Meergrunbeln, vom Eiſe eingeſchloſſen und verriethen erft auf 
warmen Schüffeln ein Lebenszeichen. — Diefe Dinge haben indeſſen 
irgend einen, wenn andh freilich wunderbaren ESrund.) — Derfelbe 
(Barro) erzählt, daß man in Paphlagonien ) äußert angenehm 
ſchmeckende Erdſiſche in Hefen,Bruben an ſolchen Orten, mo feine 
Gewaͤſſer übertreten, ausgrabe, und während er fidh ſelbſt wunbert, 
daß fle ohne Begattung enifichen, glaubt ex, dab hier wohl ber Feuch⸗ 
tigkeit eine andere Kraft beimohne, als in deu Brunnen, gleich ib 
wenn ſich nirgends in denfelben Fiſche fanden. - Wie ſich diefe Sache 
ber auch verhält, fo läßt fle doch gewiß das Leben der Mauliwärfe, 
dieſes unterirbifchen Thieres, weniger wunderbar erfcheinen, wem’ 
wicht vielleicht auch jene diſche die Ligenſchaft der Erbwärmer 
haben. 
LXXXIV (avım. alle dieſe Dinge aber macht bie Ueberſchwem⸗ 
mung des Nils durch ein alles Andere überragenbed Wunder glaubs 
würbig, denn man finbei, wenn er ben Boden wieder fehen läßt, 
Mäufe, bei denen die Schöpfungskraft des Waſſers und der Erbe erſt 
ihr Werf begonnen hat, indem fle au einem Theile des Körpers ſchon 
leben, während die jüngfte Bildung noch aus Erde befteht: ***) 
LXXXV qux). 1. Auch barf ich, wad, wie ich bemerfe, bie 


*) Die meiften Fiſche, welche nur eite ſehr kleine Kiemenoͤffnung 
und zur laͤngeren Aufbewahrung des Waſſers geeignete Or⸗ 
aane haben, wie die Aale, die Schlammſpringer, die Kroͤten⸗ 
flche; die Schlangenkoͤpfe und bie Kletterſiſche, koͤnnen laͤngere 

Seit auf dem Trodenen ausbauern. 

) Diefe alberne Kabel Äindet man auch bei Bomponiud- Mel 
“ a9) und Ovidius (Berwanblangen I, — ). Bal. Diodor 
zilien L,7 . , 


® 
% 





Reuntek Bu. 1128 


Bike won bem Fiſche Anthiee geglaubt haben, nicht mit Stil, 
ſchweigen übergeben. Wir haben von ben helivonifchen Inſeln im 
Dfen, welche in einem Elippenteichen Meere vor einem Vorgebirge 
Liegen, geſprochen; ) hier if biefer Fiſch Häufig und wird nur anf 
eine Weife ſchnell gefangen. **) In einem Heinen Fahrzenge und 
gleichfarbigen Kleide und.zu berfelben Stunde ſchifft der Filcher einige 
Tage nacheinander eine beffimmte Strede weit Binaus und wirft 
Köder aus. Was von ihm auch gereicht wird, gilt feiner Beute als 
verdaͤchtiger Betrug, bis endlich irgend ein Anthias, wenn das, was 
ex aus Furcht meidet, oft geſchieht, durch die Gewoͤhnung gelockt, 
nach dem Köder ſchnappt. -2. Man merkt ſich dieſen mit genauer 
Sorgfalt, als den Begründer der Hoffnung und den Vermittler bes 
Ganges, was auch micht ſchwer fällt, ba er einige Tage hindurch allein 
Herbeizufommen wagt. Gnblich findet er noch einige, wird allmälig 
von mehreren begleitet und führt zuletzt unzählige Heerden herbei, 
während die älteften insgefammt ſchon fu zahm find, daß fie den Fi⸗ 
‚jeher erkennen und Atzung aus jeiner Hand’ haſchen. Diefer wirft 
jetzt ein wenig über feinen Fingern in dem Köder eine Angel aus 
und packt fie einzeln mehr als er fle fängt, indem er fle, fo daß es bie 
übrigen nicht merken, mit einem kurzen Rucke im Schatten des Schiffes 
herausreißt ‚ währenb ein anderer in demſelben ben Raub in Lappen 


* 


*) 8. v Kap. 35, 8. 3. 

*) Der Anthias (Blumenfiſch) wird gewöhnlich für den Roth⸗ 
ling Cabrus anthias L.) gehalten; bie Beichreibungen der 
alten Raturforfcher feheinen jedoch eher. auf einen Thun und 
namentlich auf den Langfiuner (soomber ala longa) zu beuten, 
welcher in ungehenerer Menge zur beflimmten Zeit gefangen 


wird, wenn auch nicht auf bie von Plinius angegebene fonders 
bare Beife, , 


1124 6. Plinius Raturgeſchihte. | 


auffaßt, damit fein Zappeln ober Gerauſch die übrigen verſcheuche. 
3. Dabei iſt es erſprießlich, den Vermittler zu kennen, damit: men 
ihn nicht fängt, weil ſonſt die Heerde für immer die inf ergreifen 
würde. Man erzählt, daß einmal ein uneinig geworbener Theilgaber 
dem Führer nachgeftellt und ihn in böslicher Abſicht gefangen, ber 
andere Theilhaber aber, welchem das Unrecht geſchehen war, ihn auf 
dem Speifemarfte erfannt Habe; Mucianus ſetzt hinzu, daß eine 
Klage wegen Befchädigung erhoben und der Thäter zur Zahlımg ver 
abgefchätten Erſatzſumme vernrtheilt wurde, - Diefelben Anthiet 
follen, wenn fle einen an ver Angel fefthängen fehen, mit den fäge- 
förmigen Strahlen, die fle anf dem Rüden haben, bie Schhnur zer: 
ſchneiden, während ber, welcher feſthängt, fle anfpannt, damit fie 
purchfchnitten werben fann; bei den Geißbraflen*) aber reibt der- 
jenige, welcher fefthängt, felbft die Schnur an den Klippen durch. 

. LXXXVI ıx. Ferner fehe ich, daß durch Verſtand ausge⸗ 
zeichnete Schriftſteller ſich über den Stern im Meere wundern, denn 
es gibt eine folche Geſtalt mit einem gar winzigen Fleiſche inwenbig 
und einer härteren Schwarte auswendig. 9 Er foll eine fo glühende 
Hitze in fich Haben, daß er Alles, was im Meere mit ihm in Beräß- 
rung fommt, verbrennt und jede Speife fogleich verbaut. Durch 
welche Beobachtungen man dieß erfannt habe, dürfte ich nicht leicht 
angeben können, auch möchte. ich das bei weitem merkwürdiger nennen, 
was man täglich zu beobachten Gelegendeit hat. 


) Bol. Kay. 30, $. 2, Kap. 74, 6.7. 

*) Der Meerftern (asterias) hat inwendig fa nur @ingemweibe 
und Gierflöde, Musfeln find nicht ſichtbar. Was übrigens 
nr feinen oenſcheſuer hier geſagt wird, iſt alberne 


— 








Neunted Bud. 1125 


"LXXXVU xy. Zu dem Muſchelgeſchlecht gehören auch die 
Daktylen [Finger] , welche diefen Namen von ihrer Achnlichkeit mit 
Den meufhlien Nägeln führen.) Sie haben die Gigenfchaft, daß 
fle im Finftern , wenn man das Licht entfernt, felbft ala ſolches hell 
glänzen, je nach der in ihnen befindlichen Feuchtigkeit im Munde der 
fie Derfpeifenden leuchten und daß auf den Händen, ja fogar auf dem 
Boden und auf den Kleidern die herabfallenden Tropfen leuchten, fo 
"Daß ohne Zweifel feffteht, daß auch dem Safte jene Eigenſchaft beis 
wohne, die wir fchon am Körper bewundern mußten. 

LXXXVIII ax. 1. Es gibt and Wunberbinge fowohl von 
Feindſchaften als von Eintracht; die Meeräfche**) und der Wolfs⸗ 
Bärfch "*) brennen von wechfelfeitigem Haſſe, ver Meeraal }) und die 
Muräne 17) beißen einander die Schwänze ab; vor dem Arm⸗ 
kraken tr) Hat der- Heuſchreckenkrebs“7) eine ſolche Angſt. daß er 
ſchon ſtirbt, wenn er ihn nur in der Nübe fleht; ben Heuſchrecken⸗ 
krebs fürchtet der Meeraal, dagegen zerfleifchen die Meeraale den 
Armkraken. Nigidius bemerkt, daB der Wolfsbaͤrſch der Meeräfche 
den Schwanz abnage und daß beide in gewiflen Monaten wieder einig 
feyen, daß aber alle, denen die Schwänze fo verftümmelt würden, 


*) Die Fingermuſcheln (vgl. aap. 51, 8. 6, wo ſie Vngues heißen) 
leuchten wirklich im Dunfeln und zwar nicht nur, wenn fle ganz 
find, fondern jedes Stüd, das man abſchneidet, und jeber Tro⸗ 
pfen, der ausfließt, leuchte. 
»*) Mol. Kap. 9, 21, 26 und 67. 0 
*9) Dal Rap. 24, 28 und 74. _ 
+) Bgl. Kap. 24 und 37. 
11) Be. Kap. 14,35, 39, 74 und 79. 
+7) Bol. Kay. 14 35, 37, 46 und 74. 
*}) Bol. Kap. ? | 
C. Plinius — 9, Bobn. 7 


1126 C. Plinius Naturgefchiähte. 


fortlebten. 2. Auf der andern Seite ſind (außer denjenigen, von 
deren Zuſammenleben wir bereits geſprochen haben) der Wal und ber 
Musculus”) Beiſpiele von Freundſchaft; wenn nämlich jenem durch 
das allzugroße Gewicht ber Brauen die Augen zufallen, zeigt ihm 
diefer voranfchwimmend die feiner Größe gefährlichen Untiefen und 
verttitt ihm die Stelle ver Augen. — — Nun foll von den Cigen⸗ 
ſchaften der Bögel gefprochen werben. 


*) Welchen Fifch Plinius unter diefer Benennung hier verficht, 
dürfte um fo ſchwerer zu ermitteln feyn, da die neuere Natur⸗ 
geihichte von einem ſolchen Führer red Wales, w nach 
anderen alten Naturforſchern (ogl. Aelian, Hist. animal. II, 13) 
ein kleiner Fiſch feyn fol, nichts weiß und Plinius an andern 
Stellen B.X, Kap. 62, $.3 und B. XXXII, 8.53, $.2) unter 
Musculus einen Wal und zwar den Rorqual (Calaena Eoope), 
welcher oft noch größer als ber gemeine Wal if, verficht. Eß 
muß alfo bier eine bei ben alten Naturforfchern und befonders 
Par Plinius nicht feltene Berwirrung der Nomenklatur flatts 

nden. un 


Drud ber J. B. Metz ler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. 





[X 


Römifhe Proſaiker 
| | in _ | 
neuen Meberfegungen. 


Herausgegeben 
von 


ER. v. Dfiander, Prälaten zu Stuttgart; 


und Pe 
G. Schwab, Ober⸗Confiſtorial⸗ und Studienrath zu Stuttgart. 
! ' . 


— — 


Hundert acht und ſiebenzigſtes Bändgen. 


x 





Stuttgart, 
Verlag der J. B. Metz le r'ſchen Buchhandlung. 
1853, | 


) 
\ 











u 


Cajus Plinius Secundus 
Naturgeſſchichte. 


— 


Ueberſetzt und erläutert 
von 
J 


Dr. Ph. H. Külb, 


Etadtbibliothekar zu Mainz. 


8 


Zehntes Bäaändchen. 





Stuttgart, 
Verlag der 3. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
| 1853, 


Plinius Secundus Raturgefchichte. 


Zehntes Bud. 


. Raturgefhihte der Bögel. 


Inhalt. 


Kap. I. Bon dem -Straufe. TI. Bon dem Phönir. IT.. Die 
Arten ver Adler. IV. Beichaffenheit derſelben. V. Wann fie anfingem 
Renionszeichen zu werden. VI. Won einen Adler, der fich auf. den 
Scheiterhaufen einer Jungfrau ſtürzte. VII. Dom Geier. VII. Der 
Vogel Sanqualis und der Jumuſſulus. IX. Die Habichte, der Busaar. 
X. An welden Orten die Habichte und die Menſchen in Gemeinſchaft 
Vogelfang treiben. XI. Welcher Vogel allein von feiner Art umge 
bracht werde; welcher Vogel immer nur ein Ei lege. XI. Die Weihen. 
xml. Eintheilung dee Vögel nach Arten. XIV. Bon ven Vögeln von 
unglüdlicjer Vorbedentung. "Die KHrähen. In welchen Monaten fie 
nicht von unglüflicher Vorbedeutung ſeyen. XV. Bon den Raben. 
XV. Von dem Uhu. XVII. Vögel, vie jegt nicht mehr vorhanden 
oder unbekannt find. XVIII. Welche mit dem Schwanze ‚uerfl aus⸗ 
friechen. XIX. Bon den Sumpfeulen. XX. Don dem. Marsfpecht. 
XXL Bon den Vögeln, welche Frumme Klauen haben. XXI. Don 
beuen, welche Zehen haben, Bon den Pfauen. XXIE Wer zuerſt 


y 
\ 


132° €. Plintus Naturgeſchichte. 


den Pfau tödtete, um ihn ale Speife zu verwenden, wer Abn flopfen 
lehrte. XXIV. Von den Hähnen. XXV. Wie fie gefappt werben. 
Bon einem fprechenden Hahne. XXVI. Die übrigen vom Gefchlechte 
der Breitfüße. Bon der Gans. XXVI. Wer zuerft die Gänſeleber 
einführte. XXVIII. Vom Commagenum. XXIX. Die Ghenalopeben 
Fuchsgänſe], Cheneroten [Röffelenten], Birfhühner und Otis [Trappen]. 
Le Die Kraniche. XXXI. Bon den Störhen. XXXIL Bon ben 
Schwänen. XXXIII. Bon den fremden Vögeln, welche aus der Berne 
herbeikommen. Die Wachteln, die Pfuhlfchneppen, der Gartenammer, 
sie Obreule. XXXIV. Die Schwalben. XXXV. Von unfern Vögeln, 
welche fich entfernen und wohin fie geben; die Drofieln, die Amieln, 
die Staare. Von den Vögeln, welche In ihrem Berftede bie Federn 
verlieren; die Turteltaube, bie Ningeltaube. Der Flug der Staare und 
der Echwalben. XXXVI. Welche Vögel das ganze Jahr da’ find, welche 
ein halbes Jahr und welche ein Blerteljahr; die Goldammer und bie 
Wiebhopfe. KXXVH. Die Memnoniven [Rampfhähne]. XXXVM. 
. Die Melengriven [Perkhühner]). XXXIX. - Die Seleuciben [Rofen- 
droffeln]. XL. Der Ibis. XLI Welche Vögel fih an beftimmten 
Drten nicht finden. XLII. -Welche Farbe und Stimme ändern. Vom 
Gefchlechte der .Singuögel.. XLII. Bon den Nachtigallen. XLIV. 
Bon den Dielaneoryphus [Schwarzköpfen], Erithaeus | Schwanzichnels 
lern] und Phönicurus ſRothſchwänzen). XLV. Die Denanthe [Bart- 
meife] , der Ehlorio [die Goldamſel). [Die Amfeln; der Sbis.] XLVI. 
Hedzeit ver Vögel. XLVN. Die Eisvögel; Tage verfelben, an denen 
bag Meer Khifhar iſt. XLVIII. Andere aus dem Gefchlechte ver 
Waſſervögel. XLIX. Gefchieklichfeit der Vögel im Nefterbasen.- Wun- 
derbare Merke ver Schwalben. Die Uiferfihwalben: L. Die Acanthyllis 
[der Diftelvogel]. LL Der Immenwolf. ‚Bon ven Felbhühnern. LIE 
Bon den Tauben. LEI. Ihre wunderbaren Werke und ihre Preiſe. 
LIV. Unterfchten tm Fluge und Gange dee Vögel. LV. Die Fußloſen 
ober Lochſchwalben. LVI. Bon ver Nahrung ber Vögel. Die Geih- 
melfer. Der Löffelreiher. . LVII. Von ben Naturtrieben ber Wögel. 
‚Der Diftelfint, ver Stier, der Anthus. LVIII. Bon den nögeln, weilche 
fprechen. Die Papageien. LIX. Die Geber. LXI. Ein Aufruhr des 
römifchen Volkes wegen eines fprechenden Naben. LXI. Die diomedi- 
ſchen Vogel. LXII. Welche Thiere nichts lernen. LXIII. Vom Trinfen 
der Vögel. Vom Porphyrio. LXIV. Die Hämatopoden [Blutfäße]. 
LXV. Bon der Nahrung der Vögel. LXVI. Die Kropfgänfe. LXVI. 
Don fremden Vögeln. “Die Phaleriden, die Faſanen, die Perlhühner. 
LXVIIT. Die Slammbarte, die Hafelhühner, die Waflerraben, die Alpen⸗ 
ohlen. die Hafenfüße. LXIX. Von den nenen Vögeln. Die Bipient.- 








| gehntes Bu. 4198 


LXX. Bon fabelhaften Bögeln. LAXI Wer die Hühner $ mäften 
Jehrte und welche Genforen dieß zuerſt verboten. LXXII. Wer zuerſt 
Bogelhäufer einrichtete. Bon der Schüffel des” Aeſopus LXXIII. Die 
Fortpflanzung der Vögel. Welche Thiege außer ven Vögeln Gier legen. 
ILXXIV. Arten um Beichaffenheit der Eier. LXXV. Drängel der 
DBrütenden. und Mittel dagegen. LIXVI. Vorherſagung einer Kaiferin 
aus Eiern. LXXVIL Welche Hühner die beften find. LXXVIII. Ihre 
Krankheiten und Heilmittel dagegen. LXXIX. [Wann und wie viel 
Eier die Vögel legen.] Reiherarten. LXXX. Was Hundsfchwanzeier, 
was-Windeier find, wie man am beften die Eier aufbewahrt. LXXXI. 
Welcher von den Wögeln allein lebendige Junge gedient und mit Mildy 
nähe. LXXXII. Welche von ben Lanpthieten Eier Iegen. Fortpflau⸗ 
um ber Schlangen. LXXXIH. Erzeugung aller Landthiere. LXXXIV. 
Ihe Rage die Thiere im Miutterleibe haben. LXXXV. Welcher 
Thiere Urforung noch ungewiß if. LXXXVI. Von den Erbmolchen. 
LXXXVII Melche Thiere von nicht gegeugten Weſen entfteben, melde 
girn werben, aber felbft nichts zeugen; welche Fein Geſchlecht haben. 
XXXVIH. Bon ven Sinnen der Thiere; daß alle Gefühl und auch 
Geſchmack haben; welche fich durch ihre Geſicht, durch ihren Geruch oder 
durch ihr Gehör auszeichnen. Bon den Meaufmwürfen. Ob die Auftern 
Gehör haben. LXXXIX. Welche Fifche am genauften hören. XC. Welche 
Tische den beften Geruchsfinn haben, XCH Berfchievenheit der Thiere 
in ber Nahrung, XCH. Welche von Giftkräutern leben, CXIII. welche 
von Erde; welche durch. Hunger oder Durſt nicht umfommen. CXIV. 
Bon dem Unterfchiede im Trinken. XCV. Welche Thiere mit einander 
in Feindſchaft leben, daß es auch Freundfchaft unter den Ihieren gebe 
und daß die Thiere Triebe haben. XCVI. Beifpiele von Zuneigung ber 
Shlangen. CXVII. Vom Schlafe der Thiere. XCVII. Welche 
men. 
Summe aller Gegenſtände, Geſchichten und Bemerkungen: 794. 


> 


⸗ 


Quellen. 


‚ [Rödmifche]: Manilius, Cornelins Valerianus, die Acten, Um⸗ 
brieius Melior, Maſſurins Sabinus, Antiſtius Laber, Trogus, Cremutius, 
M. Varro, Macer Aemilins, Melifſus, Mucianus Nepos, Fabius Pil⸗ 
tor, T. Lucretius, Cornelius Celſus, Horatius, Deculo, Hoginus, die 
Saſerna, Nigidius, Mamilins Sura. 


13a C. Plinius Naturgeſchichte. 


Fremde:? Homer, Phemonoe Philemoe, Boeus, welcher über bie 
Fortpflaugung der Voͤgel, arlas, welcher über die Dogelbeutungen fchrieb, 
Ariftoteles, Theophraftus, Callimachus, Aefchylus, der König Hiero, ver Kö⸗ 
nig Philometor, Archytas von Tarent, Amphilochus son Athen, Anaripolis 
yon Thafus, Apollodorus von Lemnus, Ariftophanes von Miletns, An 
tigonus von Eyme, Mgathociee vor Chios, Apollonius von Pergamum, 
Ariftander von Athen, Bacchius von Miletus, Bion von Soli, Chäreas 
von Athen, Diodorus von Priene, Div von Colophon, Demscritus, Dio⸗ 
phanes von Nicäãa, Epigenes von Rhodus, Enagones von Thafus, Eu⸗ 
rhronius von Athen, Suba, Androtion, welcher über ven Ackerbau ſchrieb, 

efchrion veßgleichen, Lyſimachus deßgleichen, Dionyſius, welcher ver 
Mago überfehte, Diophanes, welcher einen Auszug aus dem Dionyfins 
machte, Nicander, Onefieritus, Phylarchus, Hefiodus. 


iii 


Bemerkungen über die in diefem Bude von 
Plinius benügten oder angeführten Schrift 
fteller.” 


— Acten (Acta); vergl. die Bemerkungen zum zweiten and 
fiebenten Buch. Ans viefer Tageschronif, welche faſt unſern foges 
nannten Intelligenzblättern entſprochen zu haben fcheint, ift Die Nach⸗ 
richt (Kap: 2, $. 3) entnommen, da ein angeblicher Phönix zu Rom 
gezeigt worden fey. ER . ’ 

— Aemilius Macer! Diefer didaktiſche Dichter, welcher 
über Bögel, Schlangen und Kräuter fihrieb und im 3. 17 vor Ehe. 
ftarb, wird nur in dem DVerzeichnifle der benuͤtzten Schriftfleller ange: 
führt, ohne Bezeichnung der ihm entuommenen Bemerkungen. 


*) Der Strich (—) vor einem Artikel deutet an, baß von dem 
Schriftſteller ſchon bei einem der vorhergehenden Bücher bie 
ee bie griechifchen Autoren find mit einem Sternen 

etchnet. 


* 


Zehntes Bud. 1135 


— Aeſchrion, ein griechifcher Schriftfteller, von dem nichts 
sueiter befannt ift, ald daß er über ven Aderbau ſchrieb, auch wirb 
Das ihm Eutlehnte an keiner Stelle naher bezeichnet. | 

»Aeſchylu s, der befannte griechifche Tragoͤdiendichter, wel⸗ 
cher von 525 bis 456 vor Chr. lebte und nach einer auch von Plinius 
(Rap.-3, $. 2) angeführten Sage durch eine Schildkröte, welche ein 
Adler aus der Höhe auf feinen Kahlkopf herabfallo, ließ, getödtet 
worben feyn foll, wird in dieſem Buche (Kap. 44) ald Gewaͤhrsmann 
für die Bemerfung angerufen, daß der Wiebhopf feine Geſtalt ver⸗ 
ändere. Die betreffende Stelle des Dichters findet fich bei Ariftoteles- 
(Hist. animal. IX, 49), aber ohne Bezeichnung der nicht mehr vors 
Handenen Tragödie, der fle entnommen ifl. 

— Agathocles von Ehios, ein griechifcher Schriftfteller, 
veſſen nicht mehr vorhandenes Werk über die Landwirthſchaft im 
Alterthume ſehr geſchätzt war, wird auch in dieſem Buche nur in 
dem Quellenverzeichnifle ohne nähere Angabe des ihm Entnommenen 
genamnt. 

— Amphilochus von Athen, von welchem mit mehr zu 
bemerfen ift als von dem vorhergehenden. 

— Anaxipolis von Thafog, ein ebenfalls nur durch Barro, 
Bolumella und Plinius dem Namen nach befannter griechifcher Shrift⸗ 
ſteller über bie Landwirthſchaft. 

— * Androtion, ein griechiſcher Schriftſteller über Land⸗ 
wirthſchaft, welcher im Alterthume eines großen Rufes genoß von 
deſſen Schriften aber nichts mehr vorhanden iſt, weßhalb wir auch 
nicht beurtheilen Finnen, wie und wo ihn Plinius benuͤßte. 

— Annalen; vgl. die Benierfungen zum zweiten Buch und 
die Realencytiopäbie ber. Haffifchen Alterthumswiſſenſchaft (Stuttgart 
1839, 8.), Bo. IL, ©. 485 f. Diefen Annalen ſind in diefem Buche 


FE 


1136 C. PBlinius Naturgeſchichte. 


die Bemerknngen entlehnt, daß die Stadt gereinigt worden ſey, weil 
ſich ein brandſtiftender Vogel oder ein Uhu habe ſehen laſſen (Kap. 17, 
$. 1) und daß ein Hahn geſprochen habe (Kap. 25). 

— * Antigonus von Eyme in Xeolis, ein nicht näher be⸗ 
kannter Schriftfteller über die Landwirthſchaft; die ihm entlehnten 
Bewertungen lafien ſich nicht nachweiſen. 

Antiftig@kader, f. Laber Antiftius. 

— Apicins (vgl. die Bemerkungen zum neunten Buche), „unter 
allen Praffern das größte Leckermaul,“ wie. Plinind (Kap. 68, 8. 9) 
fagt; von ihm if an des erwähnten Stelle die Bemerkung, daß die 
unge des Flammbarts von ganz vorzüglichem Geſchmacke fey. 

— *Apollodorus von Lemnus, ein nicht näher befannter 
Schriftſteller über Landwirthfchaft, welchen Plinius auch bei dieſem 
Buche unter feinen Quellen nennt, ohne an ben Stellen, wo er ihn 
benüpte, auf Ihn hinzudeuten. 

— Apollonius von Pergamum, ein griechiſcher Arzt, wel⸗ 
her über bie Heilfräfte der Kräuter und über den Landbau (vergl. 
Barro, de re rust.],1,8) fchrieb; dad letztere Werk benüste Plinius 
wahrfcheinlich in diefem Bude, obfchon er das ihm Entlehnte nit 
näher bezeichnet. 

— Archytas von Tareni. Welche Stellen in dem vors 
liegendem Buche biefem Herühmten Schriftſteller und Feldherrn zu 
verbanfen find, läßt ſich nicht angeben ‚ ba jede nähere Vezeich⸗ 
nung fehlt. | 

— *Ariftander von Athen, von welchem nichts weiter be⸗ 
kannt iſt, als daß ex über Landwirthſchaft ſchrieb; Plinius benützt ihn 

/  Än mehreren Büchern, ohne ihn jedoch bei den einzelnen Bemerfungen, 
bie er feinen Schriften entnimmt, zu nennen. 

— * Ariſtophanes von Miletus (ober vielmehr aus Rallus 


’ 








Zehntes Buh. . = 4197 


in Eilleien, vgl. Varro de ro rust. I, 1,8), ein nicht näher befannter 
Schriftſteller, der über den Ackerbau fehrieb (Bchol. ad Theooriti 
Ydyll. 1, 48). Plinius, welcher die Bemerkungen, die er ihm vers 
Danft, nicht näher bezeichnet, ſcheint fih in der Angabe feines Bater« 
Landes geirrt zu haben. 

— * Ariſtoteles. Seine Naturgeſchichte der Thiere muß 


auch bei dieſem Buche als die Hanptquelle betrachtet werben, obgleich . 


Plinius ihn nur felten nennt; dieß gefchieht bei den Berufungen auf 
feine Gewährfchaft, daß die Raben ebenfowenig mit dem Schnabel 
Iegen ober ſich begatten, wie ber Ibis in Aegypten (Kap. 15, $. 2, 
vgl. De generat. animal. III, 6), daß bie Cidechſen nicht mit dem 
Manule legen (Kap. 85, $. 2, vgl. Hist. Animal. V, 4)-unb über bie 
Kortpflanzumg der Mäufe (Kap. 85, $. 1, vgl. Mist. An. VI, 37). 
Außerdem aber laſſen fih die von Ariflofeles geborgten Bemerfungen 
faft bei jevem Kapitel nachweilen, fo über die Adler (Rap. 3, 4, vgl. 


H. A. IX, 32, 41, 45. VI, 6), über die Geier (Kap. 7, vgl. H. A. 


VI, 6. IX,'15), über den Habicht (Kap. 9, vgl. H. A. IX, 22, 47), 
über den Guckguck (Kap. 11, vgl. H. A. VI, 6. IX, 37, 75), über 
die Raben (Rap. 15, vgl. H. A. IX, 40), über den Ktanich (Kap. 30, 
vgl. H. A. IX, 14), über den Eisvogel (Kap. 47, vgl. H. A. V, 9. 


VIII, 7. IX, 21), über vie Feldhühner (Kay. 51, vgl. H. A. V, 5. 


VI, 3. IX, 12), über die Eier (Rap. 74, vgl. H. A. VI, 1-4), über 
das Legen und Brüten ver Vögel (Kap. 79, vgl. H. A. VI, 2,5—7), 


‘ 


x 


über die Windeier (Kap. 80, vgl. H. A. VL, 2) u. ſ. w. Die Stelle - 


über die Kreuzung und Entartung der Adler (Kap. 3, $. 6) ift dem 


Buche de mirab. auscult. (c. 61), welches: gewöhnlich Ariftoteles zus 


gefchrieben wirb, enfnommen, 
— Attalus LII. Philometor, König von Pergamus (138 


bie 183 vor Chr.), fein Werk über Gärtnerei wurde in,biefem Buche: 


1138 _ 6. Plinius Naturgeſchichte. 


benũtzt, hoch ſind bie ihm entnommenen Bemerfungen nicht näher be⸗ 
zeichnet, 

— Bacchius von Miletus, einer ber vielen von Plinius 
nur dem Namen nach angeführten nicht näher befannten Schriftieller, 
welche über Landbau fehrieben. 

— *Bion von Soli, ein ‚Hiftorifer, welcher au über bie 
Raturwiffenichaften und den Landbau (vgl. Varro de re rust. I, 1) 
fegrieb. Welches feiner Werke Plinius in diefem Buche benükte, 
laͤßt ſich nicht ermitteln. Ueberhaupt möchte es faft fcheinen, als habe 
er bie vielen in dem Quellenverzeichniſſe genannten Schriftfteller über 
Landwirthfchaft nicht alle felbft vor Augen gehabt, fonbern nur in 
for fern benüßt, als der von ihnen behandelte Stoff in Varro's Werk 
von der Landwirthſchaft überging, wo man am Anfang alle dieſe 
griechifchen Autoren aufgezählt findet. | 

Boeus, ein griechifcher Schriftfiellen, über deſſen Vaterſtadt 
und Lebenszeit wir nichts wiſſen. Er ſchrieb ein von andern alten 
Autoren öfter angefuͤhrtes und geruͤhmtes Lehrgedicht über bie Fort⸗ 
pflanzung der Voͤgel (opvı3oyorıak, Athenaei Deipnosoph. 1. IX, 
p. 393, Antonii Liberalis Metamorph. 3, 7, 11). Plinius entlehnt 
ihm in diefem Buche (Rap. 3, $.2) eine Bemerkung über eine 
Adlerart. 
— Callima Su 8. An welchen Stellen dieſes Buches sie 
Werke diefes fruchtbaren Dichters und Hiſtorilers als Quelle dienen, 
laͤßt ſich nicht beſtimmen. 

Calvinus Egnatius, ſ. Eanatins Calbinus. 

Caſſius Dionyſtus, ſ. Dionyfius Caſſtus. 

Eelfus Cornelius, ſ. Cornelius Celſus. 

Chäreas von Athen, ein in dieſem Buche benützter ober 
“Mit nur im Ouellenderzeichniſe genannter Schriftſteller, von 











Zehntes Buch. 1139 


welchem wir nichts weiter wiſſen, als daß er über Landwirthſchaft 
ſchrieb (vgl. Barro de re rust. I, 1). " 

— Cordus Eremutius Aus feiner Gefchichte bed römis 
ſchen Staates nimmt Plinius in diefem Buche (Kap. 37) die Bemer⸗ 
fung, daß gewifle Bögel alle fünf Jahre in Aethiopien bei der Sof 
Burg des Memnon fümpfen.. 

— Cornelius Celſus. Die ihm entlehnte Bemerkung 
. (Kay. 74, 8. 6), daß die Hühner zuweilen Zwillinge ausbrüten, findet 
ſich nicht in den noch vorhandenen Büchern (613) des encyklopaͤdi⸗ 
schen Werfes de artibus biefes berühmten römifchen Arztes und fland 
wohl in den fünf. erfien Büchern, welche won ber Landwirthſchaft 
handelten. 

— Cornelius Nepos. Seinen Schriften ſind in dieſem 
Buche die Bemerkungen über das Mäften der Drofleln und daß man 
die Störihe ben Kranichen zum Effen vorzog, entuommen (Rap. ‚30, 
$. 3). 

— Eorneliud Valerianus. Aus den naturhiſtoriſchen 
Werken dieſes nicht näher bekannten Schriftſtellers iſt die Bemer⸗ 
kung (Rap. 2, $. 3). über bie Berfüngungöperiobe des Pointe ge 
nommen. - _ 

Cremutius, f. Cordus Cremutius. 

Deculo, ein Kunſtkenner (vgl. B. XXXV, Kap. 36, 5) und 
vielleicht auch Hiſtoriker, wie es ſcheint, aus der Zeit des Tiberius. 
Der Name kommt ſonſt nirgends vor, ſteht aber in den beſten Hand⸗ 
ſchriften. Die gewoͤhnliche Lesart iſt Decius Eruleo, Harduin und 
nach ihm Chr. G. Heyne (Sammlung antiquariſcher Aufſaͤtze, Leipz. 
4778, 8, II, 99) halten die Verbeſſerung Decimus Aeuleo für rath⸗ 
ſam; aber auch dieſe Namen finden ſich fonſt nirgends, 

— Demoecritus. Den naturwiſſenſchaftlichen Schriften 


1140 C. Plinius Naturgeſchichte 
dieſes Philoſophen, von denen keine anf uniere Zeit gefommen if, 


wird (Kay. 70, $. 2) das alberne Mährchen von Leuten, melde bie 


Sprache ver Bögel verfiehen, entlehnt. 

* Dino, „ber Bater bes gefeierten Schrififiellers Clitarchus 
(Kap. 70, 6. 1), ein Zeitgenoſſe Philippe vor Macebonien, ſchrieb 
eine perflfche Geſchichte (Hepoınz, vgl. Diogened Laertius IX, 50, 
Gicero de divin. I, 23) in mehreren Abtheilungen, von denen die erſte 
aus minbeßens 5 Büchern befand (Athen. Deipnosoph. X111, 9.808), 
von welcher fich aber nichts erhalten bat. Wan rühmt feine Grün: 
lichkeit und Glaubwürdigkeit, Eigenfchaften, die wenigſtens durch die 
ihm von Plinins (Rap. 70, $. 1) entlehnte Bemerfung ‚ baß bie 
Sirenen wirkliche, i in Indien vorhandene Voͤgel ſeyen, nicht beftätigt 
werden. 

— Diodorns von Priene, welcher über Landwirthſchaft 
ſchrieb⸗ wird auch bei dieſem Buche i in dem Quellenverzeichniſſe nur 
genannt. 

Dioun von Colophon ‚ ein nicht näher befannter Schrift⸗ 
ſteller, von weichem wir nur wiflen, vaß er über den Landban ſchrieb 
(Varro de re rust. 1,1, 8). Plinius benũtzt ihn in mehreren Büchern, 
führt ihn aber bei feiner einzigen Stelle ausdrücklich an. 

— *'Dionyfins Caffius aus Utice, ein nicht näher be⸗ 
kannter Schriftfieller des legten Jahrhunderts vor Chr., welder das 
Werk des Karthagers Mago über die Landwirthſchaft aus ber punis 
hen Sprache in die griechifche überſetzte, aber dabei auch abfürzte. 

— !Diophanes von. Nicka, vielleicht ein Zeitgeneffe Ci⸗ 

cero's, brachte bie Neberſetzung des Dionyflus Cafflus in einen Aus⸗ 
zug von ſechs Büchern. Plinius nennt ihn in dem Quellenverzeich⸗ 
niffe zu dieſem Buche zweimal. . Weber. das vollfländige Wert, noch 
ber Auszug Hat fich erhalten. 


Zehntes Buch. 4141 


— Disciplin (Hetrusciſche), vgl. bie Bemerkungeh zum 
zweiten Buche. In den Schriften der Hetruscifchen Disciplin waren, 
wie Plinius (Kap. 17, $. 2) fagt, die Vogelarten, die zur Wahr⸗ 
ſagung dienten, abgebildet (depiota); man hat dieß gewiß in eigent⸗ 
lichen Sinne des Wortes zu nehmen, wie auch K. O. Müller, („die 
Etrusker“ (Berlin 1828, 8), Bb. II, ©. 30 behauptet. 

G@culeo, Decinß, f. Deculo. 

Bognatins Calvinue, M., in der erfien Zeit bes Kaiſer⸗ 
reiche Bräfekt in den Alpen (pnaefectus Alpium), fehrieb auch, wie 
es ſcheint, ein Werl über biefe Gegend, worin er, wie es in dieſem 
Bache (Kap. 68, 8. 2) Heißt, berichtet, daß er in den Alpen ben in 
Aegypten einheimifchen Ibis geichen habe. 

Epigenes aus Rhodus, ein nicht näher bekannter Schrift 
ſteller über Landwirthſchaft (Varro de re rast, I, 1, 8), welcher von 
dem Aſtronoinen Epigenes ans Rhodus (vgl. die Bemerkungen zum 
zweiten und fliebenten Buche) verfchieden zu feyn ſcheint. 

— Cuagoras von Thafus, ein Schriftfleller über Lands 
wirtäfthaft, von welchem wir ebenfoiwenig wiſſen. 

— *Euphronind von Athen, von weldgem ebenfalls nichts 
weiter zu fagen ift, als daß er über Landwirthſchaft ſchrieb. 

Fabins Pictor, Quintus, ber ältefte unter den roͤmi⸗ 
ſchen Hifloritem (Livius I, 44, 55. IL, 40), diente im gaflifchen 
Kriege (225 vor Ehr.) und flarb wahrſcheinlich um das J. 167 vor 
Chr. Seine in griedifcher Sprache (Dionys. Halicarn. Ant. rom. 
1, 6) gefchriebene roͤmiſche Befchichte begann mit der Ankunft des 
Aeneas auf italifchem Boden und reichte bis auf feine Seit, welche 
wohl ausführlicher behandelt war. Die jebt noch vorhandenen 
und am beflen von E, Baumgart (De Q. Fabio Pietore, antiquiss. 
Rom. hist, Wretislav. 1842, 8) gefammelten Fragmente find zu 


6 


1142 C. Plinius Naturgeſchichte. 


unbedeutend, als daß ſich ein richtiges Urtheil über den Werth dieſes 
Geſchichtwerkes darauf gründen ließe. Plinius führt es (Kap. 34, 6.2) 
umter dem Titel Annales an und entlehnt ihm bie Nachricht, daß ber 
Berfafler deſſelben einer belagerten römifchen Befagung durch Knoten 
. in einem au den Juß einer Schwalbe gebundenen Faden den Tag des 
Entſatzes angezeigt habe. 
FigulusMigibius, f. Nigivius Figulas. | 
— Heſiodus. Seinem Gedichte „Werke und Tage“ (586) 
iſt bie e Bemerkung (Kap. 83, & 1) entlehnt, daß Die Männer im 
Winter, die Weiber aber im Sommer mehr zu Wolluſt geneigt ſeyen 

— *Hiero Il, König von Sicilien (289 — 215 vor Ehr.), 
wandte dem Aderbau, der Hauptquelle des Reichthums ber von ihm 
beberrfchten Infel, große Aufmerffamfeit zu und verfaßte mehrer: 
- Schriften über Landwirthſchaft. Plinius nennt ihn in dem Quellen⸗ 
verzeichniſſe zu dieſem Buche, ohne bei irgend einer Stelle näber auf 
ihn hinzudeuten. 

—Homer. 86 wird in biefem Bude bemerkt, daß der 
Morphnos (dunfelbraune Adler) bei Homer auch Berfnos (ſchwarz⸗ 
gefleckt) Heiße (Kap. 8, $. 1, vgl. Il. XXIV, 316) und daß Bei ihm 
die Bögel, welche man Scopen (Spötter) nennt, vorfommen (Kay. 
70, $.'2, vgl. Odyſſ V, 66). 

Horatins Flaccus, Duintus. Plinius nennt dieſen 
berühmteften aller römischen Lyrifer, über welchen wir hier nichts 
weiter zu fagen brauchen, in feinem ganzen Werke nur einmal bei 
ber Bemerkung ‚. daß bie Iänglichen Gier einen feineren Geſchmack 
Haben (Kap. 74, $. 2, vgl. Satyr. IL, -4, 12 f.), ald feinen Ge 
währsmann. ! 
— Hyginus, C. Inline Diefer berühmte Grammatiker | 
ans ber Zeit des Auguſtus ſchrieb auch. über Landwirthſchaft (Tolu⸗ 








gehntet Buch. 1143 


| mella I, 1, 13. IX, 2, 1 und 13, 8) und auf tee Werk fcheint in 


dieſem Buche Rückſicht genommen zu ſeyn. 
—Hylas, ein ſonſt völlig unbekannter Schriftflefler, der über 
Bogeldeutungen fehrieb und zwar, wie Plinius (Say. 18) fagt, am 
gründlichften. Plinius führt von ihm an ber erwähnten Stelle die 
unfinnige Behauptung an, daß manche Bögel mit dem Schwanze zus 
erit ang dem, Ei Friechen. 

— Juba (vgl. die Bemerkungen zum fünften Buche). Welcher 


feiner zahlreichen Schriften in biefem Buche (Kap. 61, $. 1) die Bes“ 


merfung über die biomedifchen Vohet: entnommen iR, dürfte nicht leicht 
zu beſtimmen ſeyn. 

Laber Antiſtius, Q., ein berühmter roͤmiſcher Mechtoge⸗ 
lehrter und Schriftſteller aus der Zeit des Auguſtus, welcher es zur 


Praͤtur brachte, aber die ihm angetragene Conſulwurde ausſchlug. 


&r lebte abwechſelnd ſechs Monate in Rom, wo er feine Geſchaͤfte 
beforgte, und ſechs Monate auf dem Lande, wo er ſich bloß mit wiſſen⸗ 
ſchaftlichen Arbeiten befaßte. Von feinen vielen Schriften, deren 
Zahl ſich ſogar auf vierhundert belaufen haben ſoll, ſind nur noch 
Fragmente in den Digeſten vorhanden, Auch die Vogeldeutungen 
fcheinen Gegenfiand ſeiner Forſchungen geweſen zn ſeyn, denn Plinius 
(Kap. 17, 8. 2) ſagt, daß Laber den Vogel Clivia den, Verhinderer 
nenne. 

— Licinius Mucianus. Die Stellen, wo die Schriflen 
dieſes berühmter Staatsmannes und Geſchichtforſchers benägt wur⸗ 
den, find nicht bezeichnet. 

Zucretius Carus, Titns, der berühmte philoſoephiſch 
didaktiſche roͤmiſche Dichter, welcher in bem legten Jahrhundert vor 
Chr. (95—51) blühte, über deſſen Lebensverhältniſſe aber faft nur 
Sabelhaftes bekannt if, Sein noch vorhandenes Geditt uvon der 

G. Blintus Maturgeſch. 10. Bochn. 


S 
⸗ 


1144 | C. Plinius Naturgeſchichte. 


Natur der Dinge“ hatte Plinius vor ſich, bezeichnet aber die von ihm 
berädfichtigten Stellen nicht näher. Hierher [gehört vielleicht bie 
Bemerkung (Kap. 62), daß die Gemfen und Krähen von Giftfräutern 
fett werben (vgl. de nat. rer. IV, 642). 

— Lyſimachus, ein Schriftfleller, von welchem wir nichts 
weiter wiflen, als daß er über Landwirthfchaft fchrieb; daß ver Bota- 
nifer Lyſimachus (B. XXV, Kap. 35). eine und diefelbe Perſon mit 
ihm if, wie Manche glauben, dürfte nicht leicht zu beweifen feyn. 

Macer Memilius, |. Aemilius Macer. 

Mago, f. Divnyfius Caſſins. 

— Mamilius Sura, ein nicht näher befannter Säriftfele 
über Landwirthſchaft, über deſſen Namen man nicht einmal gewiß iR, 
vielleicht iſt es verfelbe, welcher bei Duintilian (Instit. or. VL, 3,54. 
xı, 3, 126) Mallins Sura Heißt. 

Manilins, ein Senator und gelehrter Hiſtoriker, welcher 
wahrſcheinlich zu Anfang des erſten Jahrhunderts vor Chr. lebte; ob 
er eine und diefelbe Perfon mit dem Senator T. Manilius ift, wels 
cher in dem Prozefle des Schaufpielers Roscius ald Zeuge auftrat 
(Eicero, pro Roscio Com, 14, 43 ff.), fo wie mit demjenigen, wel: 
cher Inhaltöverzeichnifie über die Luftfpiele des Plautus anfertigte 
(Gellius, N. X. IN, 3), Laßt ſich nicht mit Deftimmtheit begaupten. 
(Bgl. A. Kraufe Vitae et Fragmenta veterum historicorum Roma- 
norum, Berolin. 1833, 8., p. 297 sq.) Plinius entlehnt ihm (Kap. 2) 
einige Bemerkungen über ben Tod und bie Miedererzeugung bed 
Vogels Phönix und die damit in Verbindung flehende Phönixperiode. 
— Haffurius Sabinns Aus welcher Schrift diefes an⸗ 
gefehenen Rechtsgelehrten in biefem Buche (Ray. 9) die Bemerfung 
über die nicht näher befannten Vögel Sanqualis und Immuſſulus 

enbinmen iſt duͤrfte ſich nicht leicht beſtimmen laſen. 


4 





I Zehntes Buch. 1145 


Melior Umbriciug, ſ. Umbricius Melior. 

— Meliffus (vgl. die Bemerkungen zum ſiebenten Buche), 
Die Stellen, an welchen er in biefem Buche berůcſchtigt wurde, ſind 
nicht naͤher bezeichnet. 

Mucianus Licinius, ſ. Licinius Mucianus. 

Nepos Cornelius, ſ. Fornelius Nepos. 

— Nicander. Plinius nennt ihn nur im Onellenverzeich- 
niſſe, ohne in diefem Buche ſelbſt anzugeben, wo er ihn benützte. 

— Nigidius Figulus Den Schriften dieſes berühmten 
Naturforſchers und Philofopken find einige Bemerfungen über den 
Vogel Subis, welcher die Bier des Adlers zerbricht (Kap. 17, 8. 2), 
über die Sampfeulen (Ray. 19) und über bie Ringeltaube (Kap. 62, 
$..4) entlehnt. 

— *"Dneficritud. Nur im Quellenverzeichniſſe aufgeführt: 
wahrſcheinlich iſi ihm irgend eine Bemerkung über bie Naturgeſchichte 
Indiens entnommen. | 

Pictor Fabius, f. Fabius Pictor. 

"Bhemonve, „Apollo’8 Toter genannt“ (Kap. 3, 6 2) 
und beflen erſte Priefterin zu Delphi, foll den Herameter erfunden 
haben (Paufanias X, 5) und ſchrieb eine Abhandlung über die Zucht 
der Bögel (opveosogıoy), welcher in dieſem Buche einige Worte über 
die Eigenfchaften einer Adlerart (Kap, 3, $. 2) und über die. Vorbe⸗ 
beutungen durch den Habicht (Kap. 9, $. 1) entlehnt find. ' 

— Philemon (vgl. die Bemerkungen zum vierten Buche). 
Er wird nur im Quellenverzeichnifie angeführt und es laͤßt ſich 
nicht beſtimmen, an welcher Stelle viefes Buches Plinins Ruaſcht 
“auf ihn nahm. | 
— Bbilometor,f. Attalns, ne 

’ 3 hilarchus sl. die Bemerkungen zum fiebenten Bude). 
y . 2 ® 


. 
J 


1146 GC6C.. Plinius Naturgeſchichte. 


Ihm entlehnt Plinius in dieſem Buche eine wunderbare Geſchichte 
von einer Viper (Kap. 96) und wohl auch die Erzaͤblung (Rap. 6) 
: 9on einem Mbler, der ſich auf den Scheiterhaufen einer Sungfran 
ftürgte, denn Tzetzes, welcher (Chiliad. IV, hist. 134 v. 288) dieſelbe 
Geſchichte mittheilt, nennt ven Phylarchus als feine Duche. 

Sabinus Mafurius, ſ. Mafurius Sabinus, 

Saferna, Bater und Sohn, fchrieben beide über Landwirth⸗ 
ſchaft (Barro de re rust. I, 2) und lebten im zweiten Jahrhundert 
vor Chr. Man weiß von ihnen nichts weiter, als daß ihre Arbeiten 
in großem Anfehen fanden und ven ben ſpaͤteren Schriftſtellern in 
dieſem Fache fleißig benuͤtzt wurden. 

Sura,f. Mamilius Sura. \ 

— Theophraſtus. Plinius benützt die Werke dieſes Natur⸗ 
forſchers ſehr fleißig, nennt ihn aber ein einziges Mal bei ver Be 
. merfung (Kap. 41, $. 4)-über die Voͤgel, welche in Aſien einge⸗ 
führt ſind. 
— Trebin 8 Ni 8 er. Rlinius nennt diefen Raturforfcher, 
von welchem ſchon bei dem vorhergehenden Buche geſprochen wurde. 
in dem Quellenverzeichniſſe zu dieſem nicht, entlehnt ihm aber eine 
einfaͤltige Bemerkung (Kap. 20, $. 1) über bie Spechte. 

— Trogus Pomp ejus. Seiner Naturgeſchichte erzaͤhlt 
Plinius in dieſem Buche (Kap. 51, 8. 3) nach, daß ſich die Maͤnuchen 
der Feldhühner und Wachteln und die Hähne einander felbft treten. 

Umbricius Melior, einrömifcher Sarusper, welchen Blinius 
ben erfahrenfien Zeichendenter feiner Zeit nennt und dem er eine alberne 
Bemerfung (Kap. 7) über die Beier entlehnt. Ob es derfelbe Ha⸗ 
rusper iſt/ welcher dem Kaiſer Galba ſeinen nahen Tod vorausfagte 
acitus Hist. I, 27) un® welchen O. Müller (Etrusker II. 14) für 
mn Eiruöfer Bält, Tapt ns nicht ermitteln: 


- 





Zehntes Bud. 1147 


PBalerianne Cornelius, f. Cornelius Balerianns. 
Barro, Marcus Terentius. Plinins benüpt in biefem 
Bude vielfach deffen Werl über die Landwirihfchaft, vennt aber dem 
Berfaffer nur eiimal (Kap. 53), wo von dem hohen Preifeder Tauben 
bie. Rede ift, ald Gewährsmann (de re rust. II, 7), doch laſſen ſich 
auch andere benüßte Stellen nachweifen,, fo über die Bebrütung der 
Hühnereier (Kap. 75; vgl. de re rust. III, 9) und über das Brüten 
der Sänfe (Kap. 79, $. 4, 5; vgl. de re rust. IM, 10). 


Ä 





La) .1. 68 folgt nun die Naturgefchichte der Vögel, unter 
denen bie afrifanifchen oder vielmehr äthiopifchen*) Strauße; welche 
die größten und faft zu den Säugethieren zu zählen find, **) einen zw 
Pferd fipenden Reiter an Höhe überragen und an Schnelligfeit über⸗ 
treffen; die Bebern find wohl nur eine Zugabe, um fle beim Laufen zu 
unterflüßen; übrigens find fie fein eigentliches Geflügel und erheben 
ſich auch nicht von dem Boden. 2. Ihre wie bei dem Hirſche geftals 
teten Klauen, womit fie kaͤmpfen, find gefpalten und ihnen zum Er⸗ 
greifen der Steine dienlich, die fle auf der Flucht mit den Füßen gegen 
ihre Berfolger ſchleudern. Ihre Cigenſchaft, alles ohne Unterfchieb 


*):Der Strauß (struthio camelus) findet fi nicht an der Nords 
küſte von Afrifa (dem eigentlichen römifchen Afrifa), fondern 
nur weiter nah bem Innern im wilden Zuftande, deßhalb er: 

- Härt fih Plinius genauer. 

») Diefe Bemerfung ift richtig, denn der Strauß nähert ſich wirk⸗ 
li in Manchem, was aber hier nicht weiter aufgeführt werden 
kann, dem Säugethiere. ' oo 





1148 C. Plinius Naturgeſchichie. 


Verſchlungene zu verbauen, ) iſt wunderbar, nicht weniger aber ihre 
Dummheit, indem ſie bei einer ſolchen Hoͤhe ihres übrigen Koͤrpers 
ſich ſchon für verſteckt halten, wenn ſie nur ben Hals im Geſtraͤuche 
verborgen haben. Der Hauptgewinn von ihnen find die Gier, welche 
man ihres Umfanged wegen zu manchen Gefäßen verweubet, **) 
und die Federn, womit man die Kriegehelme und Bidelhauben 
ſchmuͤckt. 

II cm. 1. Die Aethiopen und Inder haben meiſt verſchieden⸗ 
farbige und unbeſchreibbare Vogel und Arabien den vor allen be 
rühmten Phönix, der — ob ‚nur nach der Sage, weiß ich nicht — 
einzig auf der ganzen Erde und nicht oft gefehen worden ifl. Er Hat, 
wie man erzählt, die Größe des Adlers, einen Goldſchimmer um ben 
Hals, ift fonft purpurfarben, rofenrothe Federn zeichnen den bläulichen 
Schwanz, Kämme die Kehle aus und ein Flaumbuſch ſchmückt dem 
Kopf.) Bon den Römern berichtet zuerfi und am fleißigfien Das 
nilius, jener ohne Hülfe eines Lehrers durch überaus große Belehr= 
famfeit auögezeichnete Nathöherr, von ihm: noch Niemand habe ihn 
freſſen fehen, in Arabien ſey er der Sonne geheiligt, er lebe fünf- 


*) Die Strauße verfchlingen, was ‚ihnen vorfommt, Gifen, 
Steine, Glas, verbauen diefe unverbaulichen Gegenftände 
aber keineswegs. | 

*) Kin Straußenei enthält fo viel als dreißig Hühnereie und 
bietet eine fehr wohlſchmeckende und nahrhafte Speife. 

*#) Vergleicht man diefe Befchreibung mit der Herodots (II, 73), 
fo kann man nicht Yeicht auf einen andern Vogel fchließen.. als 
auf ven Boldfafan (Phasianus piotus), deſſen Vaterland China 
if. — Der Name Phonix ſoll übrigens nichts weiter ſeyn als 
das Agyptifche Pi⸗Gnech oder Fenech (Zeit, Zeitalter). " 


n: 
J 














Zehntes Buch. 1149 


Hundert und vierzig Jahre, *) baue, wenn er allere,. aus Zweiglein 
von Mutterzimmet*’) und Weihraud ein Neft,-fülle e8 mit Wohlges 
rüchen und flerbe auf demſelben; 2. aus feinen Knochen und aus feinem 
Marke entftehe zuerſt eine Art Würmchen, daraus werde dann einjuns 
ger Vogel; diefer erweife vor Allem feinem Vorgänger bie gebührende 
letzte Ehre, trage das ganze Neft bei Panchaia in die Sonnenftabt “) 
und lege es daſelbſt auf dem Altare nieder. Derfelbe Manilius bes 
richtet, daß mit dem Leben diefes Vogel auch die Ummwälzung des 
‚großen Jahres) flattfinde und biefelben Bedeutungen der Zeitab⸗ 
fchnitte und Geſtirne wieder zutüdfehren; 3. daß dieß aber an dem. 
Tage, an welchem die Sonne in das Zeichen des Widder trete, um 





*) Diefe Zahl Haben die meiſten Handfehriften, andere haben 511 

und 560; da man über die Phoͤnixveriode nicht im Klaren ift, 

| 4 —* ſich ſchwer beſtimmen laſſen, welche Saht, die rid⸗ 

ige i 
**) Casia, vgl. B. XII, Rap. 43. | 

"+, Heliopolis in Unterägypten an ber Grenzen von Arabien und 

an dem Theile dieſes Landes, welcher Panchaia (Sandwüſte) 

heißt. Die Stadt, von welcher man jetzt noch Ruinen bei 

dem Dorfe Matarah findet, war als. Sig des ägyptifchen Sons 
nenbienftes berühmt. 

+) Ueber die Dauer giefed großen Jahres uber der Bhönirperiode, 

welche jebenfalls ein Symbol eines großen Zeitkreifes, der mit 

dem Laufe der Sonne in irgend einem Zufammenbange fand, * 

ſeyn foll, iſt man nicht einig, obſchon Herodot (II, 73) fle nach 

ber von ihm felbft in Heliopolis eingezogenen Erfundigung zır 

fünfhundert Jahren anfebt und Tacitus (Jahrb. VI, 28) mit 

ihm übereinftimmnt. ine Zufammenftellung der verfchiedenen 

Anfichten. findet man in 2. Ideler's Handbuch der mathema⸗ 

| ülden und technifchen Chronologie (Berlin 1825, 8.) Bd. I, 

.183—191. . 


4 








1150° E. Plintus Naturgeſchichte. 


Mittag beginne und daß das Jahr, in welchem er unter dem Conſu⸗ 
late des P. Licinius und des En. Cornelius [97 vor Ehr.] ſchrieb, 
das zweihundertundfünfzehnte dieſer Umwälzung gewefen fey. Cor⸗ 
nelius Balerianus berichtet, daß der Phoͤnix unter dem Confulate des 


D. Plautius und des Ser. Bapintus [36 nach Ehr.] nad; Aegypten 


geflogen fey. Es wurde auch einer im Sabre 800 ber Gtabf [47 
nach Ehr.], während der Jürſt Claudius dad Cenforamt befleivete, 





in die Stadt gebracht und auf dem Berfammlungsplage *) ausgeftellt, 
wie die Acten bezeugen, „Niemand zweifelte. aber, daß es ein fal⸗ 


fer war. 


IH cam. 1. Bon den Vögeln, welche wir fennen, bat ber Adler 
das gröftte Anfehen und auch die größte Kraft. Es gibt ſechs Ar 
ten: *”) der Melanaetos [Schwarzatler] , wie er bei den Griechen 


heißt, auch Baleria [ver Starke] genannt, ***) ift der am wenigfien 


- große, der vorzüalichfte an Kräften und von ſchwaͤrzlicher Farbe; allein Ä 
von den Adlern füttert er feine Brut auf, während bie übrigen, wie 





*) Comitium, ein Platz zwifchen dem Forum und der Curia, für 


- bie Bolfsverfammlungen beftinmt. 


**) Nach der nicht hinlänglich genauen Beichreibung des Ariflo= 
teled (Hist. Animal. IX, 32) und veggihn benügenden Plinius 

u laffen fich die hier namhaft gemachten Aolerarten um fo weniger 
mit Zuyerläßigfeit beflimmen, als die Naturforſcher erfl in der 





neueren Seit die Entdeckung gemacht haben, daß bie Adler mit 


bem Alter die Farbe ändern und. daß man befhalb eine und 


dieſelbe Zettung faͤlſchlich für verſchiedene Battungen ge⸗ 


halten hat. 
— Wahrſcheinlich ber Entenadler (falco naevius, Aquila ana- 
| Bee welcher um ein Dritttheil kleiner iſt als der Stein- 
er, — . j 


% 
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Zehntes Bud... 1158 


wir bemerken werben, *) fle fortfcheuchen ; er allein laͤßt fein Geſchrei, 
fein Gemurmel hören und Hält ſich in den Gebirgen auf. Die zweite 
Art, der Pygargus [Weißfteip],**) haust in den Städten und auf 
den Felder und hat einen weißlichen Schwanz. Die dritte Art, der - 
Morphnos [dunfelbraune], welcher bei Homerus***) auch Percnos 
Iſchwarzgefleckt), bei Cinigen auch Plancus [Plattfuß] und Enten» 
flößer. beißt, ſteht zunächſt an Größe und Kraft und Iebt in der Um⸗ 
gegend von Seen. 2. Phemonoe, Apollo's Tochter genannt, bes 
richtet: er habe Zähne, fey jedoch ſtumm und entbehre der Zunge; 
auf fey er der fchwärzefte der Adler und fein Schwanz mehr. hervor- 
zagend; damit flimmt auch Boeus überein. Ihm wohnt der Naturs 


"trieb bei, die geraubten Schildkroͤten dadurch, daß er fle aus der Höhe 


herabwirft, zu zerbrechen, und ein folcher Iufalk tödtete den Dichter 
Aeſchylus, während er einem ihm (wie man 'fagt) von, dem Schickſale 
auf benfelben Tag vorausverfünbeten Einſturze im ficheren Vertrauen 
auf den Himmel ausweichen wollte. }) 3. Sur vierten Art gehört ber 
Perenopterus [Schwarzfchedfittig], auch Dripelargug [Bergftorch] 
genannt; ft) er-ift geierartig, mit fehr Heinen Flügeln, obgleich fonft 


durch Groͤße hervorragend, aber feig und entartet, ſo daß ihn der 


Rabe Ichlägt, auch kenntlich an feiner ftetd nüchternen Freßgier und 


*) Ray. 4,$. 2 

%) Wahrfcheinlich iſt hier die Gattung der Waſſeradler (Haliastos) 

- überhaupt gemeint. 

ee) SL. XXIV, 316, 

: 7) Daburh daß er unter freien Simmel ging. Der Adler hielt 
den Kahlfopf des Dichters für einen Stein. Vergl. Aelian 
Hist. anim: VH, 16. Balerius Marimus IX, 12,” 

a eintig der große weißföpfige Adler (falco leucocepha- 
us L.). N 


[3 


4152 €. Plinius Naturgefichte. 


an feinem Häglichen Semurmel, Er allein von.den Ablern trägt bie 
Veblofen Körper davon, die übrigen bleiben, wenn fie etwas "getötet 
haben, dabei ſitzen. Bon ihm kommt es, daß man die fünfte Art 
Gneſion [bie ächte] nennt”) als fey fie bie wahre und allein von unvers 
faͤlſchtem Urfprung;; fle ift von mittlerer Größe, von röthlicher Farbe 
und felten zu ſehen. 4. Noch ift zu nennen ber Haliäelos [Meers 
adler]; *) mit überaus klarer Schärfe der Augen wiegt er ſich aus 

der Höhe herab und fo wie er einen Fifch im Meere fleht, Runter 

ſich mit dem Kopfe voran auf benfelben und raubt ihn, indem er taß 
Waſſer mit der Bruſt theilt. Sener, den wir als den britten bezeichnet 
haben, flellt an den Teichen den Waflervögeln nach, welche fortwäh: 
rend untertauchen, bis er fle, wenn fie betäubt und müde find, raubt. 
Der Kampf ift fehenswerth, wenn ber Vogel an den Ufern, befonders 
wenn bafelbft das Rohr dicht iſt, Zuflucht fucht, der Adler ihn von 
da mit dem Schlage der Flügel vertreibt und, während er nach ihm 
haſcht, in den See fällt, dadurch vom Ufer aus feinen Schatten dem 
unter dem Wafler ſchwimmenden Vogel zeigt, und biefer in anderer 
Richtung und wo er am wenigften erwartet zu werden glanbt, wieder 
auftaudt. 5. Die Vögel ſchwimmen deßhalb ſchaarenweiſe, weil 
. mehrere zugleich nicht angegriffen werben, da fie burch das Sprigen 
der Federn den Feind Blenden; oft finfen auch die Adler ſelbſt, wenn 
fle Die ergriffene Laſt nicht tragen koͤnnen, mitunter. Nur der Haliaͤetus 
zwingt fogleich feine noch unbefleberten Jungen, indem er fle fchlägt, 
grade in die Sonnenftrahlen zu. ſchauen, und bemerft er eines, welches 
blinzelt oder näßt, fo flürgfer es gleichfam als unaͤcht und entartet aus 
dem Neſte, dasjenige aber, deſſen Augenſcharfe feft bagegen aushielt, 





*) Der Goldadler (falco chrysaëẽtos eint emeint au ſeyn. 
. **) Falco albicella L. 7 ) 1 8 ’ ſey 








Zehntes Bud. 1153 


zieht er auf. 6. Die Haliaͤetus bilden keine eigene Art, ſondern ents 
ſtehen and ber Begattung verfchiedener Adler; das aber, was ans 
ihnen entſteht, aehört zur Art der Knochenbrecher; von diefen werben 
die Heineren Geier erzengt und von diefen bie großen, welche ſich gar 
nicht fortuflanzen.*) Manche fügen noch eine Molerart hinzu, welche 
fle den bärtigen, bie Tuscer aber den Knochendrecher nennen. **) 

IV. 1. Bon den drei erflen Arten und ber fünften wird der 
Adlerftein,***) von Manchen auch Gangites genannt, welcher zu vie 
Ien Heilmitteln dient und durch das Feuer nichts verliert, in dag Neſt 
eingebaut. Es ift aber dieſer Stein geſchwängert und wenn man ihn 
rüttelt, klappert inwendig, wie im Mutterleibe, ein anderer. Nur 
die jedoch haben Heilkraft, ‚welche man aus dem Nefle nimmt. Die 
Adler niften auf Felſen und Bäumen, legen. drei @ier und brüten zwei 
unge aus; zuweilen hat man auch drei bemerft. 2. Das eine wers 
- fen fie, weil ihnen beflen Ernährung zu viel ifl, heraus, denn zu biefer 
Zeit Hat ihnen felbft die Natur die Nahrung verfagt, aus Vorſicht, 
daß nicht die Brut aller wilden Thiere geraubt würde, Auch ihre 
Klauen kehren fih in diefen Tagen um, ihre Federn werden durch 
Faſten weiß, fo daß fie mit Recht ihre Sprößlinge haflen; die von 


U 
. 





) Die neueren Naturforfcher laſſen dieſe Anfichten von Kreuzung 
und Entartung nicht zu. 

Ohme Zweifel ber Laͤmmer⸗ oder Bartgeier (falco barbatus) ; 

er trägt feine Bente in die Höhe und wirft fie herab, um fie 

zu, zerfchmettern, weßhalb er mit Recht der Knochenbrecher 


heißt. 

***) Lapis actites (devteng Aöoc). Schaliger Thoneiſenſtein 
(Eiſenniere); vol. B. XXXVI, Kap. 39 und B. XXX, Kap. 
44. Diefe, Steine gerathen übrigens nur ‚zufällig in die 
Adlerneſter. 


1154 C. Plinius Naturgeſchichte. 


ihnen berausgeworfenen nimmt jedoch das verwandte Geſchlecht der 
Knochenbrecher auf und erzieht fle mit den ſeinigen, doch auch bie er: 
wachſenen verfolgt noch der Erzeuger und fcheucht fie ald Nebenbußler 
um ben Raub weit hinweg. 3. Uebrigens braucht auch ein einziges 
Adlerpaar, um fich zu fättigen, eine große Etrecke zum Plündern > fie 
grenzen alſo die Räume ab und gehen felbft in dem nächften nicht auf 
Beute aus. Das Beräubte tragen fie nicht fogleich tavon, ſondern 
legen ed vorher nieder und erſt bann, wenn fle dad Gewicht geprüft 
haben, entfernen fie ſich. Sie kommen nicht durch Alter und auf 
nicht durch Rrankheit um, fondern durch Hunger, indem Per Ober 


ſchnabel fo fehr anwaͤchſt, daß die Umkrümmung nicht mehr geöffnet 


werben fann. Erf von der Mittagszeit, an find fie befehäftigt und 


fliegen, in ben früheren Tageöftunden fipen fie müßig, bis fich bie 
Märkte durch das Zufammenkommen der Menfchen füllen. Die 
Adlerfedern verzehren bie ihnen beigemifchten Federn der übrigen 
Bögel. Man flellt in Abrebe, daß dieſer Vogel je vom Blitze getörtet 
worben ſey, weßhalb auch das Herfommen ihn zum Waffenträger 
-Supiterd erflärt Hat. 

V av. 1. Den römifgen Legionen beftimmte ihn eigend E. Mas 
rind während feines zweiten Gonfulats fim 3. 104 vor Ehr.]. Auch 
früher hatte er nebft vier andern Thieren den Borrang und Wölfe, 
Minotauren, Pferde und Eber gingen vor den einzelnen Reihen Her. 
Schon einige Jahre vprher fing man an, ihn allein in die Schlacht 
zu tragen und ließ bie übrigen im Lager zurüd; Marius ſchaffte diefe 
gänzlich ab, Fortan hat man bemerkt, daß faſt nie eine Legion in 
einem Lager überwinterte, wo fich nicht auch ein Molerpaar befand. 
— 2. Der Abler ber erfteu und zweiten Art raubt nicht nur kleinere 
Bierfüßler, fondern Fämpft fogar mit Hirfchen; indem er ſich auf ihr 
Beweis fegt, ſchüttelt er ihnen eine Menge Staub, ben er durch 


- 


Zentes Bug. | 4155 


Wotjen aufgeſammelt hat, in die Augen nub peitfcht ifnen mit den 
Flügeln dad Geſicht, bis er fle in die Felfen hinabſtürzt. Doch ein 
Feind genügt ihm nicht einmal; fein Kampf mit vem Drachen ift noch 
heftiger und, obgleich er in ver Luft ſtattfindet, weit ungewifler: dieſer 
ſtrebt mit boshafter Gier den Ciern des Adlers nach, jener aber faßt 
ihn deßhalb überall, wo er ihn zu Geſicht bekommt; dieſer feſſelt jenem 
Durch yielfache Umſchlingung die Flügel und verwickelt fi fo, daß er 
zugleich mit ihm herabfaͤllt. 

VI.) Bei der Stabt Seftoß*) io der Ruhm eines Aplers ſehr 
gefeiert; von einer Jungfrau erzogen, bewies er ſeinen Dank dadurch, 
daß er ihr zuerſt Vogel und bald auch Jagdbeute zutrug; ads ſie end⸗ 
lich ſtarb, ſtürzte er ſich auf ihren Scheiterhaufen und verbrannte mit 
ihr; weßhalb die Bewohner an rerſelben Stelle ein ſogenanntes 
Herdum [Heldendenkmal] errichteten und es dad Heroum Jupiters 
und der Jungfrau nannten, weil, man, dieſen⸗ Gotte den Vogel 
zutheilt. 

VII cm. : Unter den Geiern behaupten die ſchwarzen“) deu 
Vorzug. Zu ihren Neftern ift noch Niemand gelangt; deßhalb bben 
Manche geglaubt, daß fie von ber entgegengefepten Seite der Erde F 
herbeiflogen, aber fäljchlich, denn fle niften auf ben-Höchtien Selfen, 
wie ja oft Sunge, gewöhnlich zwei, gefehen werden. Umbricius, ber | 
erfahrenfte ber Zeichendeuter unſerer Zeit, bemerkt, daß fle dreizehn 
Bier legen, mit einem berfelben die fibrigen Bier und das Neſt rei⸗ 
nigen und es dann wegwerfen, daß ſie aber drei vorher dahin 
Biegen, wo es Leichen geben wird. ".). . 


| alfe iz Er 
*) Bol. B. W. Kap. 18, $. 11. 


**) Der graue Beier (vultur einereus) iR hier gemeint. 
”) Der Seitjenbenter berichtet hier kob ſeiner Erfahrung uf. 


1156 C. Plinius Naturgefhläte. 


VII m. Der Vogel Sanqualis und der Immuſſulus ) find 
den roͤmiſchen Auguren Gegenſtand einer großen Streitfrage; einige 
halten den Immuſſulus für Dad Junge des Geiers und den Sanqualis 
für das des Knochenbrechers. Mafiurius fagt, der Sanqualis ſey 
ein Knochenbrecher, der Immuffulus aber das Junge Des Ablers, ehe 
fein Schwanz weiß werde. **) Mande behaupten, daß keive nad 
denm Zeichendenter Mutius nicht mehr zu Rom gefehen worden feyen ; 
ich aber halte dafür (mas auch wahrfcheinlicher if), bag man fie bei 
der Bleichgültigfeit gegen Alles nicht erkannt bt... 

IX vım. 1. Wir finden fechzehn Arten von Habichten, Darunter 
den Aegithus, welcher an dem einen Fuße hinkt, und von der günflig: 
fen Vorbedentung bei Heirathsangelegenheiten und bei ber Viehzucht 
iß,***) und ben Triorches foreihodigen], fo genannt von ber Zahl 
feiner Hoden, welchen Phemonoe den Vorrang bei den Borbe 
beutungen einräumtd; die Römer nennen ihn Buteo }) unb von 
ibm Hat auch eine Familie ihren Beinamen, F}) weil ex ſich als 
gänftiges Anzeichen auf das Schiff ihrers Führers ſetzte. Epileusttt) 


’ 


®) Weber beide Vögel Täßt fich nichts Beftimmtes fagen; der Sans 
qualis fol feinen Namen von dem Gotte Eancus (Herkules), 
dem er geweiht war, haben (vgl. B. VIIL, Kay. 74, $. 1), ber 
Immuſſulus fo genannt feyn, weil er plöglich und unvermuthet 
herbeifomme (se immittat). — 
»e) Der braungefleckte Schwanz des Meeradlers (falco albicella) 
wird, wenn der Vogel altert, weiß. 
») Man kennt keinen Habicht und überhaupt keinen Vogel, welcher 
von Natur hinkt. 
1) Die deutſchen Busaar (faleo buteo); bie brei Hoden find aber 
als abgefchmadte Fabel zu betrachten. 
‚19 Die Familie Buteo- gehörte zu dem Fabiſchen Gefchlecht. 
? Diefes Wort Tommt ſonſt nirgends vor; vielleicht darf man es 


x 


‘ 
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Behntes Bud. 5 1157 


nennen bie Griechen‘ benjenigen, welcher aflein zu jeder Zeit erfcheint; 
die übrigen entfernen ſich während des Winters. 2. Die Unterfchei- 
dung der Arten richtet fich nach ihrer Freßgier; einige rauben ben 
Bogel nar von der Erbe, andere nur, wenn er um bie Bäume flatterk, 
andere, wenn er in ber Höhe ſitzt, und einige, wenn er im Freien 
fliegt. Die Tauben femnen deshalb die ihnen von venfelben droßens 
den Gefahren und wenn fie einen fehen, ſetzen fie fich nieder over 
fliegen auf und helfen fich fo gegen den Naturtrieb deſſelben. Auf 
der afrifanifchen Infel Gerne *) im Deean hecken die Habichte von 
ganz Mafäfylien**) und pflanzen ſich anderwärts nicht fort, ba fie 
an jene Voͤlker gemöhnt find. 

X.. In einem Theile Thraziens jenfeitd Amphipolis * be⸗ 
treiben die Menſchen und die Habichte gewiſſermaßen in Gemein⸗ 
ſchaft ven Vogelfang. +) Jene ſcheuchen die Bögel aus den Wäldern 
and Rohrdickichten auf, diefe drängen fle darüber hinfliegend wieber 
herab und dann theilen die Vogelfteller die gefangenen mit ihnen. 
Es wird erzaͤhlt, daß fle diefe, fobald man fle ihnen in bie Höhe werfe, 
auffaffen und daß fie, wenn die Fangzeit da fey, durch Gefchrei und 
eine eigene Art Flug zur Benügung der Gelegenheit einladen. Etwas 
Aehnliches thun die Wölfe am maͤotiſchen Sumpfe [afowfchen Meere], 
denn wenn fle von den Fifchern nicht ihren Antheil erhalten, zerreißen 





(wenn ed. überhaupt richtig if) als eine anbere Benennung 
des Busaars, welchen man ebenfalls zu jeber Zeit fieht, 
nehmen. 

9 Bol. B. VI, Kap. 36, 8. 2. 
“2 Bol. DV. Rip. 1.8.19. 
,27 Bil. 3. IV, Kap. 17, $.5 
= +) Bir fehen bier die Anfänge» ber im, Mitte fo ſehr ausge⸗ | 
bildeten Falknerei. 


\ r\ 0 ) 


4158 G. Plinius Naturgeſchichte 


fie die von denſelben ausgeſpannten Netze. Die Habichte freffen 
nicht die. Herzen der Dögel.*) Der Nachthabicht **) Heißt Cymindis, 
iſt ſelbſt in den Wäldern felten und fieht bei Tag fchlechter; er führt 
mit dem Adler einen mörberifchen Krieg und oft werben beide in eins 
anber verbiſſen ertappt. — + 

XI ax. 1. Der Gudaud***) ſcheint aus dem Habicht zu ewts 
ſtehen und nur eine zur beftimmten Jahreszeit veränderte Gehalt 
deffelben zu ſeyn, weil alödann die andern, mit Ausnahme fegr we 
niger Tage, nicht zum Borfchein fommen ; auch er felbft iR nur wäh 
rend einer kurzen Zeit des Sommers ſichtbar und wird fpäter nicht 
mehr wahrgenommen. Er hat aber allein yon den Habichten Feine 
frummen Krallen, noch gleicht er ihnen aın Kopfe oder an fonft etwas 
als an Farbe und hat vielmehr den Schnabel bed Taubers; ja er 
wird fogar von dem Habicht, wenn einmal beide zuſammen erſcheinen, 
mweggefangen und ift alfo der einzige von allen Bögeln, der von feiner 
eigenen Art getödtet wird. 2. Er ändert aber auch feine Stimme, 
kommt im Frühling zum Vorfchein und verbirgt fich beim Anigange 
des Hundeſterns; +) er legt immer in fremde Nefler, meift in die ber 


*) Angeftellte Verfuche beweiſen das Gegentheil. 
**) Habichtseule (strix uralensis). 
***) Coccyx — cuoulus canorus. Der bei den Landleuten nod 
niicht völlig verfchwundene Wahn, daß der Guckguck nur ein 
verwandelter Habicht fey, hat feinen Grund darin, dag das 
Erſcheinen des Guckgucks grade in bie Brütezeit des Habichts, 
ber ſich befanntlich dann in das Innere der Wälder zuräd- 
zieht, fällt. | " 
7) Der Guckguck kommt im April bei ung an und zieht ſchon ın 
- ynfang bed Auguſts über das Mittelmeer na Hiriia 
ur m P = . ' 
, an Nee ma Be! wur Im —B 9 
6 nm ). ‘ EN 





Zehntes Bud. 1159 


Ringeltauben,*) größtenteils einzelne Eier, was fein anderer Vogel 
thut, felten zwei. Man ift der Meinung, daß er deßhalb feine Jungen 
unterfchiebe, weil er weiß, daß er allen Vögeln verhaßt ift und biefe 
auch feine Kleinen anfeinden; er glaubt fonach, daß feiner Art die 
Nachlkommenſchaft nicht geflchert fey, wenn ex feinen Betrug übe; ex - 
baut deßhalb Fein Neft und ift überbieß wein -fcheued Thier. 3. Das. 


Weibchen zieht alfo nach ter in ihrem Nefle verübten Faͤlſchung den 


Untergeſchobenen auf. Diefer, gierig von Natur, ſchnappt den übrigen 
Zungen die Akung weg, wird auf biefe Weife fett und macht durch 
fein glänzendes Ausfehen die Pflegemutter auf ſich aufmerffam; fle 
freut ſich über feine ®eftalt, bewundert ſich ſelbſt, daß fle einen ſolchen 
Sprößling erzeugt hat, vernachläffigt ihre eigenen Jungen wie frenide 
und duldet fogar, daß er fie unter ihren Augen umbringt, bis er, ſo⸗ 
bald er fliegen fann, auch fle ſelbſt packt.“) Zu viefer Seit iſt das 
Fleiſch Feines Vogels mit dem feinigen an Eüßigfeit zu vergleichen. 
XH (x). Die Weihen gehoͤren ebenfalls zu vem Gefchlechte der Ha⸗ 
bichte, unterfcheiden ſich aber durch ihre Größe; in Bezug auf fle wird ans 
gemerkt, daß diefer äußert räukerifche und immer Hungrige Vogel nie 
etwas Gßbares weder von den Leichengerichten noch von dem Altare 
zu Olympiaraubt, und ebenfowenig ausden Händender Darbringenden, 
es müßte denn dieß als traurige Vorbedeutung für Die opfernden Muni⸗ 





® 


*) Bol, Kay. 52. $.3. Die Lebensweiſe der Ringeltaube widers 

Spricht diefer Annahme, denn der Guckguck legt feine Eier in 
die Nefter Infe'tenfreffiender Vogel, beſonders der Grasmücke 
und der Bachftelze. 

**) Die Undanibarfeit des Guckgucks gegen feine Pflegemutter ift 
nur fcheinhar, denn nur zuweilen geräth, wenn fle flein ift, ihr 
Kopf bei per Agung in ten weiter Rachen des geiräßigen Bud: 
gucks und wird zerquetfcht. 


_G. Plinius Naturgeſch. 10. Bochn. 3 


- 


1160 C. Plmius Naturgeſchichte. 


eipalſtaͤdte geſchehen. — Sie ſcheinen auch Durch die Beugungen ihres 
Schwanzes die Steuerkunſt gelehrt zu Haben, indem bie Natur im ber 
Luft zeigte, was man auf dem Meere thun ſolle. Die Weiher ver- 
bergen fich ebenfalls in den Wintermonaten, verfchwinden jedoch nicht 
vor der Schwalbe; von ben Sonnenwenden an follen fle auch mit der 
Fußgicht behaftet ſeyn. 

XII h. Die zunaͤchſt liegende Unterſcheidung der Bögel be⸗ 
ruht Hauptfächlich anf den Füßen, denn entweder haben fle iramme 
Klauen oder Zehen oder gehören zu dem Geſchlechte der Breitfüße, 
wie die Bänfe und fat ſammtliche Waflernögel; vie, welche frumme 
Klauen haben, nähren ſich großentheild nur von Fleifch, 

XIV (xm. bie Krähen*) auch von anderm Futter, wie fie dem 
wenn die Härte einer. Nuß ihrem Schnabel wiberfieht, ſich im bie 


Höhe ſchwingend, dieſelbe einigemal und öfter auf Steine oder Dad: 


ziegel werfen, bis fie zerſchmettert if und fich zerbrechen läßt. Diefer 
Vogel hat eine unheilbedentende Befchwägigfeit, wirb jedoch vor 
Binigen gepriefen. Es wird bemerkt, daß er vom Aufgauge des Arc 
turus bis zur Anfunft der Schwalben **) in ben Hainen und auf ben 
Tempeln der Minerva felten, und an manchen Orten, wie zu Alben, 
gar nicht zu ſehen fey. Außerdem füttert er.allein feine Jungen noch 
eine Weile, wenn fie ſchon fliegen koͤnnen, und ift von ber ufiglädlichs 
fien Borbebeutung zur Hedzeit, nämlich nad} der Sonnenwende. 

XV. 4. Alle übrigen Bögel von derfelben Gattung ***) ſtoßen 
ihre Jungen aus dem Neſte und zwingen ſie zu fliegen, ſo wie auch 


2) Cornix, beſonders bie Rabenkraͤhe oder gemeine Kraͤhe (dorvus 


ooronso. 
ee) Alſo vom 5. September bis zum 22, Februar. Bel B. XVIII, 
Kap. 65 und 7 
»NBD. 5. welde Fromme Klauen haben. 


| 


Zehntes Bud. — 


die Maben,*) welche ebenfalls ſich nicht allein von Fleiſch naͤhren, 
ſondern auch ihre Brut, ſobald ſie kraͤftig genug iſt, weit fortſcheuchen; 
es befinden ſich deßhalb in kleinen Flecken nicht mehr als zwei Paare, 
in der Umgegend von Eranon**) in Theſſalien fogar immer nur eines, 
va die Alten ihrer Nachlommenfchaft das Feld räumen. 2. Bei bie 
fem Bogel!ift Manches anders als bei dem vorhergenannten. Die 
Raben hecken vor der Sonnenwende; auch Fränfeln fie, meift vor 
Durſt, Sechzig Tage bevor die Feigen im Herbfte reifen; bie Kraͤhe 
wird von biefer Zeit an von Krankheit befallen. Die Raben habey 
meiſt fünf Junge. Das Volk glaubt, daß fle mit dem Schnabel legen 
oder fich begaiten, und daß deßhalb Schwangere, wenn fie ein Rabenet 
eflen, die Frucht durch den Mund von ſich geben, und überhaupt 
ſchwer gebären, wenn man ſolche in's Haus bringe. Ariftoteles ***) 
behauptet, daß dieß bei ihnen in Wahrheit ebenfowenig ber Ballfey,T) 
als bei dem Ibis ++) in Hegypten, daß aber jenes Schnäbeln, welches 
man häufig bemerfe, +77) fich grade fo verhalte, wie bei den Tauben. 
Die Raben fcheinen bei ver Vogelſchau allein Binficht in ihre Bedeu⸗ 
tung zu haben, denn als die Baflfreunde ded-Mediad*T) ermorbet 


®) Corvus = corvus corax, Rolftabe. 
*) Bol. B. IV, Kap. 15, 8. 1. 
eee) De generät. animal. III, 6. 
+) Daß fle mit dem Schnabel legen oder fich begatten. 
+) Bon ihm wird weiter unter (Kap. 40) die Rede feyn. Vergl. 
Selian, Hist. Animal X, 29. 
+1) In neuerer Zeit hat man diefe Beobachtung noch nicht gemacht, 
auch ift der Schnabel des Raben ganz anders. befchaffen, als 
jener ber Taube, 
*4) Bines fonft nicht näher befannten Mannes zu Pharfalus, Ari⸗ 
ftoteles, Hist, anim, IX, 40. 


3° 


- 41162 C. Plintus Naturgeſchichte. 


wurden, flogen fle fämmtlich aus dem Peloponnes und dem 'attiſchen 
Gebiete fort. Ihre fchlimmfte' Borbedentung ift, wenn file, wie ges 
"würgt, ihre Stimme verfehlacten.‘”) 

XVI. Krumme Klauen haben auch die Nachtvögel, wie bie 
Sumpfeulen, **) der Uhn,***) die Waldenlen;t) fte alle fehen am 
Tage fchlecht. Der trauerverfündende und am.meiften, beſonders bei 
Sffentlicher Bogelfchau verabfgeute Uhu bewohnt einfame, und zwar 
nicht nur oͤde, fondern auch granenvolle und unzugängliche Orte; ein 
Unbold ver Nacht, wird er nicht Durch irgend einen Gefang, fondern 
nur dur Stöhnen laut. Er gilt deßhalb, wenn er fidh in Städten 
oter überhaupt am Tage fehen läßt, als eine fchredliche Vorbeden⸗ 
tung, doch weiß ich, daß er fich fehr oft auf Privathäuſer fepte, ohne 
einen Sterbfall anzuzeigen. Er fliegt nie dahin, wohin er will, fon: 
dern wirb quer fortgetrieben. Unter dem Gonfulate des Ser. Bal: 
pellus Hifter und L. Pebanius ++) flog er fogar in das Heiligthum 
des Capitoliums, weßhalb in demfelben Jahre an den Ronen bed 
Märzes [7. März] die Stadt gereinigt wurde. +F}) 

XVII ıxım. 3. Von ungfüdlicher Vorbedentung ift auch ber 


Brandftiftende Bogel,*}) wegen beffen, wie wir in den Jahrbüchern | 


. 


*) Bgl. 3. XVII, 87, 
**) Noctua — strix brachyotos Gmel. 
***) Bubo — stryx bubo L. 
7) Ulula = stryx alaco L. 
Tr) Das Jahr dieſer ſubſtituirten Conſuln ift unbefannt. 
TT7) Die Reinigungen gefchahen bekanntlich durch feierliche Umzüge, 
Opfer und Gebete, ” 
*7) Incendiaria avis; vielleicht bie Beradohle (corvus pyrrho- 
corax), welche ein: fo feltfames Gelüſte zum Feuer bat, daß fle 
. ‚brennende Dochte aus den Lampen zieht und Papier, Lappen 








Zehntes Buch. 1163 


finden, man bie Stadt Häufig reinigte, fo unter dem Conſulate des 
2. Gafflus und C. Marius. [107 vor Chr.], in welchem Jahre fie 
auch, weil ein Uhn.fich fehen ließ, gereinigt wurde. Was jener für- 


ein Vogel fey, fagt uns weder fhriftliche noch mündliche Ueherlies 


ferung. Manche erflären es fo, daß jeder ein brandfliftender fey, ven 
man eine Kohle von Opferheerden oder Altären forttragen ſehe. 


2. Andere nennen ihn Spinturnir [Bunfenfprüher], aber ich habe 


ebenjowenig Jemand gefunden, der wiflen wollte, welcher Vogel dar⸗ 
unter zu verſtehen fey. 

cxıv). Ich bemerfe, daß auch ber Dogel, welcher bei ven Alten 
den Ramen Clivia [Berbieter] führt, nicht weiter befannt fey; Manche 
nennen ihn Schteier, Laber Verhinderer, und bei Nigivius heißt ein 
Vogel, der die Gier der Adler zerbricht, Subis. 


(xy). Außerdem find noch mehrere Arten in dem etruskiſchen 


Lehriyftem*) abgebildet, aber nie hat fle Jemand gefehen; es ift wun- 
derbar, daß dieſe jegt ausgegangen find, da man doch an benjenigen, 
‚unter welchen die menfchliche Schlemmerei Ver heerungen anrichtet, 
Ueberfluß Hat. 

XVIII (vn. Don ten Auswärtigen ſoll ein gewiſſer Hylas 
am gründlichſten über die Vogeldeutungen geſchrieben haben; dieſer 
berichtet, daß die Sumpfeule, der Uhu, der Specht, welcher die Baͤume 
aus hoͤhlt, die Turteltaube und die Kraͤhe mit dem Schwanze aus 


und Epyaͤhne i in glhende Kohlen trägt, um fih an der aufs 
lodernden Flamme zu ergößen. 

) Ueber das betrudffche Lehrſyſtem (Etrusca discipline) vergl. 
die Borbemerfungen zum zweiten Buche, ©. 81, und zu dieſem 
Buche unter Disciplin. 

) — ſo heißt wenigſtens die Turteltaube im Grie⸗ 
chiſch 


w 


1164 ° C. Plinius Naturgefhichte. 


dem @ie kriechen, ) weil bie durch das Gewicht ber Köpfe umgelehr⸗ 
ten Gier den hinteren Theil der Körper der Mutter zum Bebrüten 
darbieten. 


"XIX (wvır) Die Kampfweiſe der Sumpfeulen gegen die andern 
Voͤgel ift gefchickt; von einer größeren Menge umgeben, wehren fie 
fi, auf dem Rüden liegend, mit den Füßen und decken ſich, eng zu⸗ 
fammengebrängt, ganz mit dem Schnabel und den Klauen. Der 
Habicht fteht Ihnen gemäß einer natürlichen Freundſchaft bei wd 
nimmt Theil an dem Treffen. Daß die Sumpfeulen im Winter fechzig 
Tage ſchlafen ) und daß fle neun verfchiedene Stimmen haben, be 
richtet Nigidius. a 

XX wvım. 1. &8 gibt auch Heine Bögel mit Frummen Klauen, 
wie die Spechte, welche mit dem Namen Marsfpechte ***) bezeichnet 
und bei der Vogelſchau wichtig find. Zu diefer Gattung gehören die 
Baumaushöähler, +) welche nad) Art der Katzen fchleichend Binauf: 
fleigen und rückwaͤrts hängend an dem Klange ber angefchlagenen 
Rinde merken, ob Futter darunter if. Allein von den Vögeln erziehen 


‘ 


*) Diefer Unfinn gibt genügended Zeugniß von den Kenntniffen 
des Auguren in den Naturmwiffenfchaften: ebenfo einfältig iſt, 
was Plinins in den beinen folgenden Kapiteln den Anguren 
nacherzaͤhlt. 

"**) Sie ziehen nach Süden. 

»ee) Meil fie dem Mars geweiht waren; unter pious martius ver- 
fieht man jet den Schwarzfpecht. 

7) Zunaͤchſt ift wohl der Grünfyecht (picus viridis) gemeint; das 
bier Ditgetheilte gilt aber von ven Spechten überhaupt, da fie 

: alle an den Bäumen bHinauffletiern und mit dem Schnabel 
klopfend ſuchen, bis fle eine hohle Stelle finden, welche fle dann 
aufhämmern, um bie Zargen herauszuhoien. 

, 


[4 





Bu Zehntes Buch. 1465 


fie ihre Jungen in Baumlöchern.*) Keile, welche etwa-ein Hirt in’ 
ihre Höhlen treibt, fallen, wie man gewöhnlich glaubt, heraus, wenn 
fle ein gewifled Kraut daran halten. Trebius bemerkt, daß ein mit 
jeder möglichen Kraft in einen Baum, worin ein folcher fein Neft hat, 
eingetriebener Nagel oder Keil fogleicy herausfpringe, fobald der 
Vogel fi) auf den Nagel oder Keil ſetze. 2. In Latium fpielen fie 
feit dem Könige,**) welcher ihnen feinen Namen gegeben bat, die 
Hauptrolle. Gine Borherfagung derſelben kann ich nicht übergehen. 
Huf das Haupt des Stadtprätors Aelius Tubero ſetzte ſich, als er auf 
dem Forum vom Tribunale Recht ſprach, einer fo ruhig, daß er mit 
Der Hand ergriffen wurde. Die Wahrfager gaben den Befcheib, daß 
er, wenn man ihn fortlafle, dem Reiche, wenn man ihn aber töbte, 
dem Prätor Verberben bedeute; biefer zerriß fogleich den Vogel und 
nicht lange nachher ging die Voransfagung an ihm in Erfül⸗ 
Yung. ***) = 
XXI wıx). Viele Bögel diefes Gefchlechts freffen auch Eicheln 
und Obſt, jedoch nur bie, welche nicht allein von Fleifch leben, mit 
Ausnahme der Weihe, mas ebenfalls wieder bei ven Bogelveutungen 
unbeilbringend ift.}) Die, welche frumme Klauen haben, ſchaaren 
fich nie, fondern jeder beutet für ſich; faft afle aber, außer den Nacht⸗ 
vögeln, fliegen, hoch und beſonders bie größeren. Alle haben große 
Flügel‘ und einen Eleinen Körper; das Gehen fällt ihnen ſchwer 


*) Und ohne Neft. 
»e) Picus, der Sohn des Saturnus und König ber Latiner „war 
zugleich ein berühmter Bogelveuter. 


*#) Er verlor fiebenzehn tapfere Eeute feiner Zamilie in der Schlacht 
bei Bannd. Balerius Marimus V, 6. 
+) Wenn nämlich die Weihe Obſt frißt. 


1166 €. Plinius Naturgeſchichte. 


und auf Felfen ſetzen fle fi felten, weil ibnen bie Krümmung ber 
Klauen hinderlich if. 

IXII. 1. Nun wollen wir von dem zweiten Geſchlechte ſpre⸗ 
chen,*) welches in zwei Gattungen, die Singvoͤgel und die Flug⸗ 
vogel ) zerfällt; bei jenen bedingte ver Geſang ber Kehle, bei dieſen 
die Groͤße den Unterschied; deßhalb mögen auch die Tebteren im ber 
Reihenfolge vorangehen, | 

(xx). unter ihnen aber allen übrigen das Gefchlecht der Pfanen, 
ſowohl wegen ihrer Schönheit, als auch weil fle Diefelbe fennen und 
barauf ftolz find. 2. Wird er gelobt, fo entfaltet er feine gleich @pels 
feinen funfelnden Farben und zwar meift der Sonne gegenüber, weil 
fie noch glaͤnzender ſtrahlen; zugleich bewirkt er durch feinen muſchel⸗ 
fdrmig ausgebreiteten Schwanz für die übrigen, welche im Halbbnnfel 
noch heller ſchimmern, einige Schlagfchatten und zieht alle Federn⸗ 
angen, die er gerne ſehen läßt, in ein Bündel zufammen. Wenn ihm 
bei dem jährlichen Wechſel mit ven Blättern der Bäume der Schwanz 
ausfällt, fucht er vol Scham und Trauer einen Schlupfmwinfel, bis er 
ihm wieder mit den Blüthen wäh. 3. Er lebt fünfundzwanzig 
Fahre; im dritten fängt er an feine Farben zu zeigen. Wie bie 
Sans als verfchämt, fo wird dieſes Thier von den Schriftftellern nicht 
nur als ſtolz, fondern auch als boshaft gefchildert, weßhalb auch 
Manche diefe Merfmale, die mir nicht ald erwiefen gelten, bei ifnen 
hinzugeſetzt haben. - F 


*) Bon benen, melche Zehen haben; vgl: Kap. 13. 

*) Die Eintheilung der Vögel in Eingvögel (osoines), deren 
Stimme, und in Flugvögel (alitee), deren Klug vorbebentend 
war, rührt von den Auguren her. Vgl. O. Müller, die Ctrue⸗ 
fer, Br. II, ©. 189. 





Zehntes Vuch. 1167 


XXI. Den Pfau töbtete zuerfi, um ihn als Speife zu ver⸗ 
wenben, zu Rom der Rebner Hortenflus”), als er beim Antritte des 
Prieſteramtes einen Schmaus gab; zu mäften lehrte ihn zuerft zur 
Beit ded legten, Seeräuberfrieged *) M. Aufivins Lurco ***) und zog 
aus biefem Geſchaͤfte ein Einkommen von fechzigtaufend Sefterzien 
15729 Gulden]. | 

XXIV ıxxn. 1. Sunächft fühlen auch Stolz unfere nächtlichen 
Wächter, welche die Natur gefchaffen hat, um die Sterblichen zum 
Tagwerk aufzuweden und ben Schlaf zu bredien. Sie fennen bie 
Geſtirne und untericheiden bei Tag je.drei Stunden durch ihr Krähen; 
fie begeben fich mit der Eonne zur Ruhe und rufen bei der vierten 

Lagerwache 7) wierer zu Sorgen und Arbeit. Cie dulden nicht, 
daß die aufgehende Sonne uns unvorbereitet befgleiche, und kündigen 
den fommenden Tag durch Krähen, das Krähen aber ſelbſt dadurch, 
daß fie fih die Seiten fchlagen, an. 2. Sie gebieten ihrem Gefchlechte 
und üben in jedem Haufe, wo fie find, die Herrſchaft; diefe wird auch 
unter ihnen felbfi durch Kampf errungen, gleichfam als wüßten fie, 
daß deßhalb ihren Füßen Waffen angeboren find, und oft laſſen fle 
nicht nach, Bis fie zufammen flerben. SIR die Oberhand erlangt, fo 
krähen fle fogleich im Eiegesgefühl und erflären ſich ſelbſt als Herr⸗ 
ſcher; der Beflegte verbirgt fich fchweigend und fügt fi mit Unmuth 
in die Dienſtbarkeit. Doch auch das Volk ift gleich ſtolz, fehreitet 
*) Bol. B. IX, Kap. 81. 
**) Welchen Vompejus im I. 67 vor- Chr. mit dem günftigften 
Brfolge führte. 
**) Er war im I. 60 vor Chr. Bolfätribun. 
7) Die Römer zählten vier Nachtwachen, jede zu etwa drei Stun 
den ; fie begannen mit Sonnenuntergang und waren im Soms 
mer "fürger, 


168 . 6. Plinius Naturgeſchichte. 


mit emporgereeftem, durch den Kamm gehobenen Kopfe einher unb 
ſchaut allein von allem Geflügel häufig nady dem Himmel, wäßrend 
es zugleich feinen ficheliöymigen Schwanz in die Höhe richtet, unb fo 
find fe fogar den Löwen, den großmächtigften ber wilden Thiere, zum 
Schrecken. Manche von ihnen find ſchon nur zum Kriege und zu 
fteten Kämpfen geboren und haben dadurd) auch ihrem Baterlanbe, 
Rhodus oder Tanagra,") Ruhm gebracht. 3. Den zweiten Rang tium! 
man den melifchen **) und chalcipifchen ***) ein und dieſes Gefkgel 
iR alfo durchaus würdig, daß ihm der römifche Burpur}) fo große 
Ehre erweist, Bon ihnen Hat man ben rollländigen Bobenfchlag; 17) 
fie leiten täglich unfere Obrigfeiten und verfchließen ober entriegeln 


*) Rhodus und Tanagra (vgl. B.IV, Kap. 12, $.2) lieferten die 
muthigften Streithähne, wie Culumella (de re rust. VIII, 2) 
und Barro (de re rust. IE, 9) berichten. 

**) Von der Inſel Melos (vgl. B. IV, Kap. 23, $. 3); nad Eo- 
Iumella (a. a. DO.) aber fol es „mebifche” heißen und nur das 
unwiflende Volk das Wort verunftaltet haben. 

»ee) Vgl. B. V. Kap. 19, 8. 1. 

+) D. 5. die hoͤchſten roͤmiſchen Magiſtrate, welche Purpurſtreifen 
an ber Toga trugen. 

+4) Man verzeihe diefe Berbeutfchung bes bei der Vogelſchan üblis 
hen Kunflausbruded tripudium solistimum. Sollten bei 
wirhtigen Angelegenheiten, bei Kriegderklärungen,, bei ber 
Lieferung einer Schacht, die Hühner befragt merden, fo öffnete 
der Wüärter ven Behälter und gab ihnen Futter; ließen fle das 
‘von etwas auf den Boden fallen, fo hieß dieſes tripudiam (ent: 
ftanden aus terripavium, Bodenfchlag) und war ein nünftigeö 
Zeichen, fiel das ganze Stüd bes aus einem Teige beftehenten 
Futters dem Hubne aus dem Schnabel, fo war ed ein tripadium 
solistimum (vollftändiger Bodenſchlag) und von hoͤchſt günfiger 
Vorbedeutung. Bgl. Cicero de divin. 1,11. IE, 34. - 


a 


GZehntes Buch. \ 1169 


it nen ihre eigenen Haͤuſer; ſie treiben die roͤmiſchen Fasces an oder 
Halten ſie zurück, ſie befehlen oder verbieten Schlachten und ſind die 
Votausverkündiger aller auf der ganzen Erbe errungenen Siege, ſie 
Hhauptſachlich beherrfchen das Weltreich und fogar ihre Cingeweide 
and Fafern ſind den Göttern nicht minder angenehm als bie fetteften 
Dpferthiere. Auch ihr Krähen zur unrechten Zeit und am Abend 
Hat feine Bedeutung, denn als fie ganze Nächte hindurch Frähten, 
Tagten fle den Böotiern jenen herzlichen Sieg über die Lacedämonier*) 
voraus und man fihloß anf eine ſolche Auslegung, weil biefer Bogel, 
wenn er beflegt iſt, nie kraͤht. 

XXV. Sie hören auf zu krähen, wenn man fle kappt, was auf 
zweierlei Weife gefchieht, indem man fie mit einem glühenben Eifen 
an den Lenden oder unten an den Schenteln brennt**) und alsbald 

‘Die Wunde mit Töpferton überftreicht ; fo werben fle leichter fett. Zu 
Pergamum ?“) wird. jedes Jahr äffentlich ein Schaufpiel mit Hähe 
nen, wie anderwaͤrts mit Fechtern, gegeben. }) Man findet in den 
Jahrbüchern, daß unter dem Confulate des M. Lepidus und O. Ca⸗ 
tulus [78 vor Chr.] in dem ariminifchen Gebiete tt) auf dem Lands 


gute des Galeriug ein Hahn geſprochen. habe, der einzige Fall, ſo viel 
ich wenigfend weiß. 





*) Bei Beuchra (374 vor Chr) Val. Gicere, a. a. O. I, 34. 
**) Jetzt kappt man die Hähne auf eine ganz andere Weiſe, indem 
. man ihnen die Hoden aus ber Bauchhähle nimmt. Vergl. €. 
W. &. Butfche, Gnchfiopäbie ber Landwirthfchaft (Leipz. 1830, 
. 8), Bd. Xx, ©. 827 f. 
**) Vgl. DB. V, Kap. 33, $. 3. 
».Wie fehr man jetzt noch in China, Indien und England die 
Hahnenfämpfe liebt, ift befamnt. 
+7) Del. 2. I, Kap. 20, & 1. ' 


1170 G. Pliniud Naturgeſchichte 


XXVIıxxm. Aunch der Gans iſt eine wache Sorgſamkeit eigen, 
wie die Vertheidigung des Capitoliums zu einer Zeit, wo ber Staat 
durch das Schweigen ber Hunde bereits verraten war,) bezeugt, 
weßhalb die Genforen vor Allem das Gaͤnſefuttet verdingen.) Das 
Gerücht erzählt ſogar von der Liebe einer Gans zu Aegium***) zu 
einem oleniſchen Kraben von ausgezeichneter Schönheit und zu Olauce, 
der Zitherfpielerin des Königs Ptolemäus, welche zu gleicher Zeit 
auch ein Widder geliebt haben fol, +) Es fönnte fcheinen, als ob fie 
auch Sinn für Weisheit Hätten; fo foll eine als Gefährtin dem Phi⸗ 
loſophen Lacydes beftänbig zur Seite geweſen und nirgenbs, weber 
auf der Straße, noch in den Bädern, weder bei Nacht, noch bei Tag, 
von ihm gewichen feyn. ++) 

XXVII. 4. Unfere Leute find klüger und kennen fle nur durch 
die Guͤte ihrer Leber; diefe wächft den geflopften zu einem großen 
Umfange an und wirb, wenn fle herausgenommen iſt, noch burd 
Milchmeth aufgetrieben. 447) Nicht ohne Grund wurde die Frage 
aufgeworfen,, wer vier eine fo ‚große Berferei erfand, ob Ecipio 


*) Als die Gallier ſchon bie Stadt erobert hatten umb des Nachts 
das Gapitolium überrumpeln wollten. Livins V 
*) Zum Andenken an das merfiwürbige Creigniß wurben auf bem 
Capitolium Gaͤnſe auf Staatskoſten gefüttert. Cicero pro 
» Sex. Rosscio, 20. 

eee) Giner Stadt in Achaia; ebenſo Olenenum; vgl. B. IV, Rap. 6, 

$. 1 und 2. 
+) Diefe Geſchichtchen erzaͤhlt auch Aelian (Hist. animal. V, 29); 
der Knabe hieß Amphilochuß. 

iD Ge ließ fie deßhalb auch nach ihrem Tode ebenfo glänzend wie 
einen Blutsverwandten begraben. Melian a. a. O. VII, 41. 
Der Bhllofopb ſelbſt ftarb im J. 257 vor Ghr.. 

N Böttiger’s Sabina, U, 45 f. 














Zehntes Bud. m 


Metelius, geweſener Gonful,*) ober M. Seins, *") ein römifcher 
Ritter aus derfelben Zeit; daß aber Meffalinus Cotta, der Eohn des 
Redners Meflala, ***) die Erfindung machte, die Batichen ihrer Füße 
zu braten und in Schüfleln mit Hahnenkämmen anzmichten, ſteht fer 
und ih will getreulich der Küche eines jeden die ihr gekührende Balme 
zeichen. 2. Wunderbar ift an diefem Geflügel, daß es von den Mos 
rinern }) bis nah Rom zu Fuß kommt. Die müben werben voran 
zu den erflen gebracht und bie übrigen fchieben fle durch ein ihnen an⸗ 
geborenes Drängen fort. - Ein anderer Ertrag ber weißen beſteht in 
. ben Federn. An manchen Orten werden fie ded Jahres zweimal ges 
rupft und beffeiden fich wieder mit Flaum; der dem Körper zunächkt 
befindliche ift weicher, der aus Germanien ber gepriefenfte. 3. Sie 
find daſelbſt, weiß, aber. feiner, und heißen Ganten; 77) ter Preis 
ihres. Flaums beträgt fünf Denare+rt) für das Pfund. Daher 
meiſt die Vorwürfe welche fd bie Befehlshaber ber Hülfatruppen 


) Er war im g. 53 vor Chr. Conſal mit ſeinem Tochtermanne 
Pompeius, an deſſen Schickſal er gefnüpft blieb, bis er nach 

dem Verluſte der Schlacht, Bei Thapſus (46 vor Chr.) fein 
Leben durch Selbſtmord endete. 

**+) Gin Freund Eicero’8 und Varro's, welcher hei Oſtia ein Land: 
gut befaß und Schweine, Fifche und Vögel mättete, wodurch 
& einen bedeutenden Gewinn zog. Varro de re rust. III, 


.7. 

eee) Eines Zeitgenoſſen Eicero’s, von defien Reden nur noch wenige 
unbedeutende Bruchflüde übrig find. Sein leiblicher Sohn, 
Eotta Meflalinus, war ald Schlemmer berüchtigt und genoß 
auch fonft feines guten Rufes. 

P Bal. B. VL, Kap. 31, 9.2. 
7) Offenbar das deutfche Wort. Bond, 
‚ttr) Sinen Gulden und vierundfünfzig Kreuzer. 


1172 €. Plinius Naturgeſchichte. 


auzogen, weil fle ganze Gohorten von, dem Wachpoſten anf biefen 
Bogelfang ausfchidten, und fo weit ift bie Weichlichkeit gebichen, daß 
der Nacken ſelbſt der Männer ohne biefes Seräth *) nicht mehr aus⸗ 
balten fann. 

XXVII Etwas Anderes erfand der Theil Syriens, welcher 
Commagene *°) Heißt, nämlich das Bänfefett, nachdem es 'nebf 
Zimmt in einem ehemen Gefäße in vielen Schnee vergraben durch 
eiflge Kälte geronnen if, als ein berühmtes Heilmittel zu be 
nügen, welches von feinem Bereitungsorte Commagenum beißt. ***) 

XXIX. 1. Zum Guaͤnſegeſchlecht gehören die Chenalopefen 
ſFuchsgaͤnſe] }) und die Cheneroten FF), welche letztere etwas Fleiner 
find ald die Gans, aber ein vorzüglicheres Bericht kennt Britannien 
nit. Die Birkhühner tr) verichönert ihr Glanz, Die vollfom:- 
mene Schwärze und das Scharlachroth an den Augenlievern. ine 
andere Sattung berfelben*+) übertrifft die Geier an Größe und zeigt 
auch ihre Farbe. Kein anderer Vogel, den Strauß ausgenommen, 
fällt mit jeinem Körper fo fehr in’d Gewicht und er nimmt fo zw, 
bag er fi auch auf dem Boden nicht mehr bewegen kann und gefangen 
wird, 2. Ihr Baterland find, die Alpen und die nörhliche Gegend. 


*) Ohne Feberfifien auf dem Bette; vgl. W. A. Becker's Gallus 
(Reipz. 1849, 8.), Bo. 11, ©. 241. 
N) Bol DB. II, Kay, 108. B, V, Kay. 13 und 20. 
+) Bon dem Gommagenum wird B. XXIX, Kap. 13 ausführlicher 
gefprochen. 
1) Die Nilgand (anas aegyptinca); Fuchegans heißt fie wegen 
ber Lift, womit fle ihre Jungen vertheibigt (Aelian, Hiet. anim. 
V, 30); bie Aegypter hielten fie für heilig (Herobot IE, 72). 
Tr) Die Löffelente (anas olypeata). ‚ 
it) Tetrao = Tetrao tetrix L. 
1) Der Auerhahn (tetrao urogallus L.). 


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Zehntes Buch. 1173 


In den Bogelbehältern verlieren fie den Geſchmack und flerben, indem 
fie vorfäglich den Athem am ſich halten. Ihnen zunaͤchſt ſtehen die 
Wögel, welche in Spanien träge Vögel, in @riechenlond Otis hei⸗ 
Ben*) und ald Speife verrufen find, denn fobald dad Mark aus den 
Knochen fommt, entfleht augenblicklich ein efelhafter Geruch. **) 
XXX (axın. 1. Das PBygmäenvolf bat nach dem Abzuge ber 
(wie wir”) erzählt Haben) mit ihnen fämpfenden Kraniche 7) Waf- 
Tenftilifiand. Die Stredte, welche fie zurüdlegen, iR unermeßlich, 
wenn man bebenft, daß fie vom öfllichen Meer kommen. Gie 
einigen ſich, wann fie abreifen wollen, fliegen, um weithin fehen zu 
köonnen, hoch, wählen einen Führer, dem fle folgen, und haben am 
Ende des Zuges abwechſelnd einige vertheilt, welche den andern zu⸗ 
fehreien und die Heerbe durch ihren Ruf zufammenhalten. 2. Zur 
Nachtzeit ſtellen fie Wachen aus, welche in der Klaue ein Steinchen 
tragen, bamit, ed, wenn ed beim Ginfchlafen loder wirb und herab» 
fällt, die Nachläffigfeit verrathe; die übrigen fchlafen mit unter dem 
Flügel verborgenem Kopfe und abwechfelnd auf dem einen und dem 
andern Beine fiehend. Der Führer Hält mit emporgeſtrecktem Halfe 
Umſchau und ordnet an. Im zahmen Zuftande gebärben ſie fidh- 
muthwillig und treiben fich, felbft wenn fle vereinzelt find, mit unge: 
bührlihem Laufen öfter im Kreife herum. +7) Gewiß ift,.daß fie, 





*) Avis tarda, der Trappe (otis tarda L.). 
*) Da die Knochen der Vögel hohl und ohne Marf find, fo kann 
fein folches ausfließen, auch wird das Fleiſch des Trappen als 
| wohlichmedend gerühmg, 
“) 9, IV, Kap. 18, 69.6. B. VII, Rap. 2, $. 19. 
+) Grus = Ardea grusL. 
+}) Das muthwillige, närrifche Treiben gezähmter Kraniche wird 
" auch durch neuere Beobachtungen befätigt. 


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. - 


1174 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wenn fie über den Pontus fliegen wollen, ſich vor Allem nach ber 
Meerenge zwifchen den beiden Borgebirgen Griumetopon und Gerams 
bi8*) begeben, fi dann mit Ballaſt befchweren ; wenn fle über bie 
Mitte gelommen find, die Steinchen aus den Klauen , und wenn fie 
das Feftland erreicht haben, den Saub aus dem Schlunde fallen 
laflen. **) 3. Cornelius Nepos, welcher während der Regierung beö 
göttlichen Auguflus farb, fügt da, wo er fchreibt, daß man karz vor⸗ 
ber Drofieln***) zu mäften angefangen habe, hinzu, daß bie Störche 
mehr behagen als die Kraniche }). während jetzt biefer Bogel zu ven 
beliebteften gehört, jenen aber nicht leicht Semand berühren mödhte. 
XXXI. 1. Woher die Störche tr) kommen und wohin fie fi} 
. wiieder begeben, bat man noch nicht in Erfahrung gebracht; feinem 
Zweifel unterliegt e8, daß fle weit berfommen, auf Diefelbe Weite, 
wie die Kraniche, doch erfcheinen jene im Winter, biefe im Sommer. 
Wenn fle abziehen wollen , verfammeln ſie ſich an einem beftimmten 
Orte, und wenn fie alle beifammen find, fo bag feiner, der nicht ges 
fangen ober gezaͤhmt iſt, won dem ganzen Gefihlecht fehlt, entfernen | 
fie fi, gleich als wäre ihnen ber Tag durch ein Geſetz vorgefchrieben. 





*) Vgl. B. IV) Kap. 26, 6.7. 

*) Man glaubte, fle verſchluckten Sand und nähmen Steinden 
in die Klauen, um ſich bei Gegenwind im Gleichgewicht zu 
halten, obaleich Schon Ariftoteled (Hist. anim. VIII, 15) dieſe 
Eage in Abrede ftellt. 

***) Turdas, befonder& wurde bie Beitofbertrofie ober ber Kram⸗ 
metövogel (turdus pilaris) gemäftet. 

7) Der Kranich gilt im oͤſtlichen Gropa, wo er fig Häufig findet, 
als eire gute Speife. 

+7) Ciconia — Ardea ciconia L. Sie finden fih, England and: 
genommen, in ganz Europa und stehen | im Winter nach Italien, 
Griechenland und Afrika. 


- 


Zehntes Bud. ' 1175 


Niemand ſieht den Zug ſcheiden, obſchon es merkbar iſt, daß er ſchei⸗ 
den wird; auch ſehen wir nicht, wie ſie kommen, ſondern nur, daß ſte 
da find, denn beides geſchieht zur Nachtzeit; und ob fle hin⸗ oder her⸗ 
fitegen, fo follen fle doch noch nirgends anders als hei Nacht angefom- 
men feyn. 2. Pythonoscome [Schlangendorf] Heißt in den weiten 

Gefilden Aftens der Ort,*) wo fie, wenn fle ſich verfammelt haben, 

unter fih Happern, ben, welcher zuletzt kommt, zerreiſſen und dann 
abziehen. Man bat die Bemerfung gemacht, daß fie daſelbſt nicht 
Leicht mehr nach den Idus des Auguſts [13. Auguſt] zu fehen find. 

Manche behaupten, die Störche hätten Feine Zungen. **) Ste ges 

nießen wegen ber Bertilgung der Schlangen eine ſolche Achtung, daß 

man in Theſſalien den Kopf wagte, wenn man einen töbtete, und 

in den Gefegen eben fo große Strafe darauf fand, wie auf Mens 
Tchenmorb. 

XXXIMI. Auf ähnliche Meife zicheh auch die Gänfe und 
Schwäne, ***) doch flieht man, wie diefe fliegen. Sie fchweben, nach 
Art der Jachtichiffe mit dem Schnabel andringend, daher, weil fie fo 
Leichter die Luft durchſchneiden, ald wenn fle mit der Borberfeite grabe. 
gegen dieſelbe ſtießen; rückwaͤrts dehnt ſich der Zug in einen aflmälig 
zunehmenben Keil aus und bietet ſich in ber Breite dem forttreibens 
ven Winde dar. Die Hälfe legen fle auf den vorayfliegenden und 
nehmen dann. die ermübenden Führer Hinter ſich. Die Störche fachen 
diefelben Nefter wieder auf und füttern ihrerfeits ihre Erzeuger im 


*) Man hat Schlangendorf mit fehr, überflüffiger Gelchrfamfeit 
- in Sibirien geſucht; die Auffindung, deſſelben dürfte ebenfo 
fchwierig ſeyn, als die Beweisführung, daß die Störche den 
zulegt kommenden zerreißen. 
*) Bom Gegentheil kann man ſich Teicht überzeugen. 
+) Olor = cygnus olor, der flumme Schwan. 


C. Plinius Naturgeſch. 10. Bohn, ‚4 


176° €. Plinius Naturgeſchichte. 


ter. Man erzählt nach einigen Beobachtungen (aber irrthümlich 
wie ich glaube), daß. die Schwäne beim Tobe einen kläglichen Ge 
fang hören laffen.*) Sie frefien auch wechfelfeitig unter ſich ihr 
Fleiſch. — 

XXXIII. 4. Doc dieſe Wanderäng ber über Meere und Län: 
ber ziebenden Dögelerlaubt nicht, die fleineren länger unberührt 
zu laffen, denen ein ähnlicher Raturtrieb beiwohnt, obgleich Größe 
und Körperkräfte uur die obengenannten bazu einzuladen ſcheinen 
koͤnnten. Die Wachteln**) langen fogar immer noch eher an als die 
Kraniche; es find Feine Bögel, die fich, wenn fie zu und fommen, 
lieber auf der Erbe als in der Höhe aufhalten. Auch fie fliegen auf 
gleiche Meife herbei und nicht ohne Gefahr für die Schiffer, wenn fie 
ſich dem Lande nähern, denn fle fallen oft und zwar immer des Nachts 
in die Segel und verfenfen die Fahrzeuge. 2. Auf der Reiſe haben 
fie ihre beftimmten Raſtorte; mitdem Süd fliegen fle nicht, weil dieſer 
Wind feucht und ſchwer ift, und doch wollen fle von dem Luftzuge ge 
tragen feyn, wegen der Laft ihres Körpers und ihrer geringen Kräfte; 
‚ daher auch jenes Klaggefchrei, welches ihnen die Anſtrengung beim 
liegen auspreßt. Sie fliegen daher meift mit dem Nordoſt unter 
Anführung der Wachtelmutter. ***) Die erſte von ihnen, welche ih 


%) Diefee wirklich bei dem wilden Schwane (anas cygaus) 
- der Fall. | 
**) Coturnix — Tetrao ooturnix L. Man hat früher gezweifelt, 

ob die fehwerfälligen und ungern fliegenden Wachteln wirklich 
Ana ervögel feyen,. neuere Beobachtungen ſcheinen dafür zu 
preden. un 
*") Ortygometra; wahrſcheinlich if eine Wachtel, die größer als 
bie übrigen iſt, darunter zu verſtehen, nicht aber, wie man 
glaubt, der fogenannte Wadhtellönig (rallus orex), deſſen Flügel 
zu einem weiten Fluge über das Meer zu furz find. 














Zehntes Bud. | 1177 


bem Lande naht, erhaſcht der Habicht; deßhalb fuchen fle immer, 
wenn fie zurückkehren, Begleitung und von ihnen verleitet ziehen die 
Pfuhlſchneppe,) die Ohrenle**) und die Gartenammer ***) zugleich 
ab. — 3. Die Pfuhlſchneppe (Glottis) ſtreckt ihre Zunge ſehr lange 
heraus, woher ſie auch ihren Namen Hat.) Sie zieht, du die Wan⸗ 
derung fie ergögt, Anfangs begierig mit, während bed Fliegens bes 
Schleicht fle jedoch mit ver Müdigkeit tie Reue und es ift ihr ebenfo 
verdrießlich, ohne Begleitung zurlidzufchren ale zu folgen; auch ſetzt 
fie den Weg nie länger als einen Tag fort und macht fih am naͤchſten 
Raſtorte davon; doch hier findet fich eine anbere, welche im vergan- . 
genen Jahre zurückgeblieben iſt, und auf gleiche Weiſe auch an jedem 
folgenden Tage. Die beharrlichere Gartenammer eilt dagegen nad) 
den erſehnten Ländern zu kommen; fie weckt deßhalb des Nachts die 
Wachteln auf und mahnt zur Abreife. 4. Die Ohreule ift Heiner als , 
der Uhu und größer ald die Sumpfeulen, mit heroorragenden Feder⸗ 
ohren, woher fie auch den Namen hat; manche nennen fie im Latei- 
nifchen Aſio; übrigens ıft fie. ein nachäffender, fchmarogender und 
gewifiermaßen tanzluftiger Vogel. Sie ift, wie die Sumpfeulen, 
nicht ſchwer zu fangen und während fle auf einen ihre Aufmerkfamteit 
richtet, ‚umgeht fie der andere. Wenn etwa ein entgegenwehenber 
Mind die Schaar aufzuhalten beginnt, fo ergreifen ſie Fleine Stein- 
laften oder” füllen den Schlund mit Sand und geben dadurch ihrem ° 
Zluge Feſtigkeit. Den Wachteln ift Giftſaame das angenehmſte 





*) Glotiis — = s0olopaz glottis; fie zieht weit nach Süben und bis 
nah A 
*) Otus — otus L., auch Horneule. 
9) Cychramus = Emberiæa hortulana; Ortolam. Sie zieht 
ebenfalls im Winter nach Süben, j 
»Er Aorzig, unge. . 


4* 


1178 6. Plinius Naturgeſchichte. 


Butter, ) und fle ſind ſowohl deßwegen von den Tafeln verbauni,) 
als auch wegen der Fallfucht, vor der man auszuſpeien pflegt") 
und au der fle außer dem Menfchen allein von allen Thieren leiben. 
XXXIV am) 41. Auch die Schwalben,.}) der einzige fleiſch⸗ 
freſſende von den Bögeln, welche feine krummen Klauen haben, ziehen 
in den Wintermpnaten fort, fie ziehen aber nach nahen Orden une, 
folgen den fonnigen Bergfeßluchten, wo man fle auch ſchon nedt und? 
federlos gefunden hat. Zu Thebä follen fie igren Aufenthalt nit» 
nehmen, weil biefe Stadt öfter eingenbmmen wurbe, auch nicht zw. 
Bizya in Thrazien wegen den Schandthaten des Tereus. ++) 2. Eäs 
eina, ein Ritter von, Volaterraͤ [Bolterra] und Beflper eined Biers 
gefpannes, +++) fing welche, nahm fie mit fich i in die Stabt”’F) 
ſchickte fie, da fie ſtets in daſſelbe Neft zurüdfehren, mit der Yarbe 
des Siegeö**r) beftlichen , feinen Freunden als Siegesboten. Auf 
Fabius Pictor erzählt in feinen Jahrbüchern, daß man ihm, als eine 
zömifche Befagung von ven Ligufinern"**}) belagert wurde, eine 










*) Nämlich der Saame von Mieſewurz, Schierling und Wolfs⸗ 
kraut, wie die Alten behaupten. Man theilt jetzt dieſe Anficht 
nicht und betrachtet die Daqhteln als eine egelunbe ledere Speife. 

*) Vgl. B. XXVIN, Kap. 7 

“), Ebendaſelbſt. 
+) Hirundo. Sie bleiben aber feineötwegg i in der Nähe, fondern 
ziehen nach Afrifa, und zwar bis zum Gap. 
+) Bol. B. IV, Kay. 18, $.9. 
tr) Wahrfcheinlich derfelbe, von welchem B. XI, Kay. 77 die Rebe 
ifl. Bol. K. O. Müller, die Etrusker, B. I, S. 416. 
*4) Su den Wetitennen nach Rom: 
**) Der flegenden Partei; vgl. B. VIL, Kap. 54, $. 7. 
*) Galliern; Fabius Victor diente im galliſchen Kriege; vgl. die 
Bemerkungen über bie in biefem Due benübten Ouellen. 





_ gehntes ud. 1179 


Don ihren Jungen genommene Schwalbe gebracht habe, damit ex an 
einem. an ihren Fuß gebundenen Faden durch Knoten andeuten möge, 
am wie vielften wage t man bei Ankunft der Hülfe einen Ausfall 
machen folle. 

XXXV. Auch die Amſeln,“) die Droſſeln“) und bie Staare ee) 
ziehen auf dieſelbe Weiſe nach nahen Orten, ſie verlieren aber die 
Federn nicht und verbergen ſich auch nicht, denn man fieht ſte dort 
oft, wo ſie ihr Winterfutter ſuchen; deßhalb werden auch in Germa⸗ 
nien die Drofjeln meiſt im Winter wahrgenommen. Wohl aber vers 
birgt fich die Turteltaube F) und verliert Die Federn; auch die Ringel- 
tauben +) entfernen fih, wohin, ift ebenfalls unbefannt. Das 
Staarengefchlecht Hat das Gigenthümliche,: daß fie ſchaarenweiſe 
fliegen und fich wie ein Freifender Ball drehen, indem alle nach der 
Mitte des Haufend drängen. Bon allem Gefieder zeigt allein bie 
Schwalbe im vielgefrümmten Fluge eine reißende Schnelligkeit, weß⸗ 
Halb fie auch den andern Vögeln nicht zur Beute wird; endlich ift fie 
der einzige Bogel, welcher nur im Fluge frißt. 

XXXVLexwv) In der Zeit der Anwefenheit der Vögel herrſcht 
große Verſchiedenheit; fle find das ganze Jahr ta, wie bie Tau⸗ 
‚ben, ttt) ein halbes Jahr, wie bie Schwalben, ein Vierteljahr, wie 


! ı 





9 Merula = turdus merula L. 
*) Bol. Kap. 30, $. 3. 
**) Stummus = sturnus vulgaris L. 
+) Turtur — columba turtur L. 
+r) Palumbes — eolumba palumbas L. Die Turteltaube und die 
Ringeltaube ziehen nach. Afrika. 
1) Fe bie zahmen oder ſogenannten gel und Hof 


s 
r 





1480 - €. Plinius Naturgeſchichte. 


die Droſſeln und Turteltauben, und ziehen fort, ſobald fie ihre Jungen 
ausgeführt haben, wie die Bolbammer *) und die Wiebhopfe. **) 
XXXVI awı. Man findet bei Schriftftellern, daß jedes Jahr 
Vögel aus Aethiopien nach Ilium fliegen und am Grabmale des 
Memnon***) fämpfen, weßhalb fle Memnonident) heiten. Das fie 
daflelbe afle fünf Jahre in Aethiopien bei der Hofburg des Mem- 
non ++) tun, will Cremutius in Erfahrung gebracht Haben. 
. XXXVIII. Auf gleiche Weife Fämpfen in Böotien bie Melea- 
griben, 717) eine Höcferige mit bunten Federn gefprenfelte Hühnerart 
aus Afrifa; fie wurden wegen ihres unangenehmen Geruch zulegt 
von den fremden Vögeln zu ben Tafeln zugelaffen, aber das Grabmal 
des Meleager*+) hat fie berühmt gemacht. 


XXXIX (xxvm: Seleuciven **r) heißen die Bögel, deren Ar: 





*) Galgulus (Ixregos, vgl. B. XXX, Rap. 28); Gelbling (em- 
beryza citrinella). 

**) Vpupa — upupa epops 

**) Er hatte dem Priamus Bütfevstter zugeführt und wurde von 

Achilles getöbtet. - 
+) Wahrſcheinlich der Kampfhahn (trynga pugnax), welcher fü 
im gemäßigten Europa, Aſien und Afrika findet. 

4) Bol 8. V, Kap. 11, 9.1... VI, Kap. 35, $. 5. | 
+++) Meleagris, das Perlhuhn (Mumida meleagris). | 
» Gines Helden aus dem älteften griechifchen Sagenfreife; an 

feinem Grabe weinten feine Schmeftern fo lange, bis fle Ar: 
temis in Bögel (Berlhühner) verwandelte, deren Berlen ale 
Spuren der Thränen gelten. 
*1) Kann nicht wohl ein —** Vogel ſeyn als die Rofendrofiel 
..  (turdus roseus), a Heufchredtenvogel genannt; er wirb als 
Halten ber Heufehreden von den Türken faſt für Heilig ges 


.- 














Zehntes Bug. U 1181 


funft die Bewohner bes Berges Gaflıs *) vom Jupiter durch Gebete 
erflehen, wenn die Heufchreden ihre Feldfrüchte zu Grund richten; 
man weiß weder woher fle kommen, noch wohin fie ziehen, da ſte ſich 
nur dann ſehen laſſen, wenn man ihrer Hülfe bedarf. 
XL (xxvnni. Auch die Aegypter rufen ihre Ibis **) gegen die: 
 anfommenden Schlangen an und die Elger***) ihren Gott Myiagros 
[Tliegenfänger], wenn die Menge der Fliegen Seuchen bringt; fle. 
kommen um, fobald man dieſem Gotte geopfert hat. }) 
"XLI axız). 1: Beim Abzuge der Bögel ſollen fich jedoch auch 
bie Suinpfeulen einige wenige Tage verbergen; ihr Gefchlecht findet 
fich nicht auf der Infel Creta, und wenn man elwa eine einführt, 
ftirbt fle.4}) Auch hierin zeigt nämlich die Natur eine wunderbare 
Mannigfaltigkeit und einem Orte verfagt-fle Diefed, einem andern 
Jenes; daß Arten ſowohl von Früchten und Sträuchen, als aud) von 
Thieren irgendwo nicht vinheimifch find, fällt nicht auf, daß fie aber, 
wenn fie eingeführt werben, abfterben, if wunderbar. Woher dieſes 
Widerſtreben gegen das Gebeihen einer Art? Wohet hiefer Neid ber 
Natur? Oder warum find den Bögeln Ländergrenzen angewiefen ? 
2. Rhodus hat den Adler nicht; Stalien jenfeits des Padus [Po] 


*) Zwei Berge biefes Namens werben von Plinius erwähnt, ber 
eine in Unteränypten (8. V, Kap. 14, $. 1), der andere in 
Syrien (Rap. 18,$.3) in ver Nähe der Stadt Seleucia, woher 
vielleicht die Vögel ihren Namen haben. 

**) Ibis — Tantalus sacer (Ibis religiosa), der heilige Sichler. 

ee) Die Bewohner von Elis, vgl. B. IV, Kap. 6, $. 3 

7) Dal. B. XXIX. Kap. 34. Der Sliegengott ift wahrſcheinlich 

nur ein perſonificirter Vogel, vielleicht eine Droſſel. 

+1) Es fehlt an neueren Unterfuchungen, um die in biefem Kapitel 
zufammengeftellten Merkwürdigkeiten zu beflätigen oder zu 
widerlegen. 


\ 


1182 C. Plinius Naturgeſchichte. 


führt feinen durch bie ihn umgebenden Beaumſtũcke teizenben See 2a: 
zius [Lago di Como] am Fuße der Alpen an, zu welchem die Stoͤrche 
ebenſowenig kommen, als bis zum achten Meilenſteine von ihm die 
ſonſt im benachbarten Landſtriche ber Infubrer*) unzähligen Schwärme 
von Steinfrähen**) und Dohlen, ***) welcher Ießtere Vogel allein ein 
überaus wunderbares Diebögelüft nach Gold und Silber zeigt. Der 
Marsſpecht }) fol fich im tarentinifchen Gebiete nicht finden. Bor 
Kurzem ließen fi, jedoch noch felten, vom Apenninus bis zur Stedt 
hin Yelfternarten tt) fehen, welche an ihrem langen Schwanze fennt- 
lich find und gefcheekte genannt werden. 3. Sie haben das Eigen⸗ 
thuͤmliche, daß fie flch jedes Jahr, wenn bie Müben gefäet werben, 
manfen. +}}) Die Repphühner*+) fliegen in Attika nicht über bie 
Grenzen Böotiens und Fein Vogel auf der Infel im Pontus, wo 
Achilles begraben ift,**}) über den bemfelben geweihten Tempel bins 
aus. Im Fidenatifhen Gebiete***+) befommen in der Nähe ber 
Stabt die Störche weder Junge, noch machen fie ein Nefi; dagegen 
fliegt jebed Jahr eine Menge Ringeltauben von dem Meere her in 
das Volaterranifche Gebiet. In den Herkuledtempel auf dem Ochſen⸗ 
‚ marfte}”) zu Rom kommen weder Tliegen noch Hunde. 4. Anker 


*) Del, B. III, Kap. 21, $.2. 
**) Graoulus = corvus graculus L. 
***) Monedula = corvus monedula L. 
+) Vgl. oben Kap. 201 
+}) Pica = oorvus pica, and) Atzel. 
1m Bel. 3. XVII, Kap. 35. 
*t) Dgl. unten Kap. 51. 
*4) Bol. B. IV, Kap. 26, $. 2 Kap. 27, 8. 1. 
) Bol. B. TIL Rap. 17, 8. 1 
+9 Dgl. B. XXXIV, Rap. 5. 


- Zehntes Buch. 4183 


biefem gibt es noch viel Achnliches bei den einzelnen Gefchlechtern, 
was ich aber fortan übergebe, um Ueberdruß zu erfparen; fo berichtet 
Theophraftus, daß in Aflen auch die Tauben, die Pfanen und die 
Raben, und im Cyrenäiſchen die fehreienden Froͤſche eingeführt 
feyen. *) , | 

XLII: Bei den Singvögeln erregt Anderes Bewunderung; fle 
ändern faft alle. bie Farbe und die Stimme zu. einer beſtimmten 
Jahreszeit und werben plößlich umgeftaltet, was jedoch bei ber groͤ⸗ 
Beren Art von Vögeln nur von den Kranichen gilt, denn dieſe werben 
im Alter ſchwarz. Die Amfel geht aus dem Schwarzen in's Roͤth⸗ 
liche über, fingt im Sommer, fiammelt im Winter und ift zur Zeit 
der Sonnenwende flumm. Much der Schnabel gefaltet ſich bei den 
einjährigen, jebach nur bei den Männchen, in Elfenbein um.”*) 
Die Drofieln find im Sommer am Halfe bunt, im Winter eins 
farbig. 

XL. 1. Die Nachtigallen ***) laſſen, wenn das fprofiende 
Laub dichten wird, fünfzehn Tage und Nächte nach einander ohne 
Unterbrechung einen fchmetiernden Sefang Hören und biefer Bogel 
hat nicht den lebten Anfpruch auf Bewunderung. Vor Allem dieſe 
Stimme, diefer ausdauernde Athem in einem fo Kleinen Koͤrperchen, 
dann der Schlag, welcher ſich, wie mit einer volllommenen Kenntniß 
der Mufll durchgeführt, entwidelt und bald duch Aushalten bes 
Athems in die Länge gezogen, bald durch Trillern gewechlelt, balp 
duch Abſetzen gebrochen, durch Schleifen yerbunben, durch Einziehen 
gebehnt und unvermuthet gedämpft wird; zuweilen if es nur ein 


) 2gl. 3. VII, Kay. 83, $. 2. 
“) Nimmt die Farbe des Elfenbeins an, 
+) Luscinia — Sylvia luscinia, 


1184 C. Plinius Naturgeſchichie. 


Zwiiſchern, dann voll, kräftig, gellend, ſchnell, langſam, nach Bes 
lieben ſchwirrend, ganz hoch, die Mitte haltend, ganz tief; kurz, in 
einer fo winzigen Kehle ift Alles, was die Kunſt der Menfihen au 
den vorzüglichften Pfeifenwerfen erbacht hat, und ed unterliegt dem- 
nach feinem Zweifel, daß dieſe Anmuth durch eine bewaͤhrte Borbes 
deutung vorausgefagt wurde, als auf dem Munde des Steſichorns, *) 
ba er noch ein Kind war, eine Nachtigall fang. 2. Und damit Nie 
mand zweifle, daß Kunft babei fey, fingt jede einzelne mehrere Weiſen 
und diefe find nicht bei allen dieſelben, fondern jede Hat ihre eigenen. 
Sie flreiten miteinander und ihr hartnädiger Kampf findet äffentlidy 
fatt; nur durch den Tob beflegt, endet oft ihr Leben, da ihr ber Atem 
eher als ber Geſang ausgeht.”*) Die andern jüngeren lernen ***) 
und erhalten die Lievabfäße, welche fie nachahmen follen; die Schü: 
Ierin Hört mit großer Aufmerkfamfeit zu, fingt nach, und fo ſchweigen 
fie abwechfelnd fill. Man merkt der zurechtgewieſenen an, daß fle 
verbeffert, und der lehrenden, baß fie tadelt. 3. Sie flehen deßhalb 
mit deu Sklaven in gleichen Preifen und fogar noch in höheren, als 
fon für die Waffenträger bezahlt wurden. Mir it befannt, daß 
eine, welche übrigens, was faft nie vorfommt, weiß war umb ber 
Agrippina , ver Gemahlin des Fürften Claudius, zum Geſchenke ges 
macht wurbe, ſechstanſend „Sefterzien [572 Gulden] foftete. Man 
hat ſchon oft gefehen, daß fle auf Befehl zu fingen anfingen mb mit 
der Mufif abwechfelten; fo wie ſich auch Leute fanden, welche igren 





*) Er war befanntlich einer ber ausgezeichneten Dichter Griechen⸗ 
ß. “ 


J land 
) Auch nach neueren Beobachtungen ſuchen fle ich im Belange fo 
barinädig zu überbieten, daß fle oft Blutgefäße zerreiffen und 
u nie vom Schlage gerührt niederfallen. 
) Man fagt jet, fle fangen an gu dichten. 





Zehntes Bud. | 1185 


Schlag dadurch, daß fie in eine Duerrohrpfeife Wafler goſſen und 
während fie in das Loch Bliefen, der Zunge irgend ein Feines Hinder⸗ 
niß entgegenſetzten, bis zur täufchenden Aehnlichkeit nachahmten. *) 
4. Aber viefe fo große und fo kunſtreiche Zungenfertigfeit hört nach 
fünfzehn Tagen allmälig auf, ohne daß man Mübigfeit oder Ueber⸗ 
drug vorausfepen fünnte. Bald wird bei zunehmender Hitze bie 
Stimme eine völlig andere und ift ohne Wohlklang und Mannigfals 
tigfeit; auch ihre Farbe ändert fih und im Winter endlich läßt die 
fi nicht mehr fehen. Die Zunge ift bei ihnen vorn nicht fo dünn, 
wie bei den übrigen Nägeln. Zu Anfang des Frühlings legen fle 
und zwar höchftend ſechs Gier. | 

XLIV. Anders verhält es fich mit den Feigenpickern, **) denn 
diefe verändern Geſtalt und Narbe zugleich; fie führen diefen Namen 
im Herbfle, fpäter aber nicht und heißen alddann Melancoryphus 
[Schwarzföpfel.*) So Heißt auch ein und derfelbe Vogel im 
Minter Erithakus [Schwanzfchneller] und im Sommer Phönifurue 
[Rotbfehtwang], ) Es verändert ſich auch, wie der Dichter Aeſchylus 


*) Solche Leute aibt es noch und ſie bedienen ſich dabei einer 
ee irlenrinde geſchnittenen ſogenannten Klutter (Bogel: 
pfeife 

.**) Ficedula = Sylvia fioedula, Garten-Örggmücte. 

“) Plinius läßt ſich hier wieder durch den Glaͤuben, daß ſich Vögel 
verwandeln, irre führen. Der Schwarzkopf iſt der Fliegen⸗ 
ſchnapper (muscicapa atricapilla), welcher dadurch, daß er ſich 
zweimal, im Frühjahre und im Herbfie, mandt, zu der Ber: 
wechſelung der beiden Vögel Veranlaſſung gab. 

+) Hier waltet wieder derſelbe Irrthum ob; der Grithafus ift der 
Haus-Rothfchwanz (sylvia erithacusL. ), welcher beftänbig ben 
Schwanz ſchnellt, und der Phoͤnikurus ber Garien⸗Rothſchwanz 
(eylvia phoenicurus L.). 


Eu 


1184 C. Plinius Naturgefhiäie. 


Zwiiſchern, dann voll, kräftig, gellend, ſchnell, langſam, nach Bes 
lieben ſchwirrend, ganz hoch, die Mitte haltend, ganz tief; kurz. in 
einer fo winzigen Kehle ift Alles, was die Kunft der Menſchen an 
den vorzüglichfien Pfeifenwerken erbacht hat, und es unterliegt dem- 
nach feinem Zweifel, dag dieſe Anmuth burch eine bewährte Vorbe⸗ 
deutung vorausgefagt wurde, ald auf dem Munde des Steftherns, *) 
da er noch ein Kind war, eine Nacktigall fang. 2. Und damit Rie⸗ 
mand zweifle, daß Kunſt dabei ſey, ſingt jede einzelne mehrere Weilen 
und biefe find nicht bei allen biefelben , fondern jede Hat ihre eigenen. 
Sie fireiten miteinander und ihr Hartnädiger Kampf findet öffentlich 
ftatt; nur durch den Tob beflegt, endet oft ihr Leben, da ihr der Athem 
eher als ber Gefang ausgeht. **) Die andern jüngeren Iernen**") 
und erhalten die Lievabfäbe, welche fie nachahmen follen; die Schi: 
lerin ört mit großer Aufmerkfamfeit zu, fingt nad), und fo fehweigen 
fie abwechfelnd Hill. Man merkt der zurechtgewiefenen an, baß fle 
verbeflert, und der lehrenden, baß fie tabelt. 3. Sie ftehen deßhalb 
mit deu Sklaven in gleichen Breifen und fogar noch in Höheren, als 
font für die Waffenträger bezahlt wurben. Mir it befaunt, daß 
eine, weldhe übrigens, was faſt nie vorfommt, weiß war nub der 
Agrippina , ver Gemahlin des Fürften Claudius, zum Geſchenke ges 
macht wurde, fechstaufend „Sefterzien [572 Gulden] foftete. Han 
bat ſchon oft gefehen, daß fle auf Befehl zu fingen anfingen mb mit 
der Muſik abwechfelten; fo wie ſich auch Leute fanden, welche ihren 





*) Gr war befanntlich einer ber außgezeichneten Dichter Griechen⸗ 
ande. ” 
**) Much nach neueren Beobachtungen fuchen fle fich im Belange fo 
bartnädig zu überbieten, daß fle oft Blutgefäße zerreiffen und 
ua wie vom Schlage gerührt nieberfallen. 
>) Man fagt jest, fie fangen an zu dichten. . 





j Zehntes Bud. - 18 
Schlag dñ fe in eine Duerroßepfeife Waffer goflen und 
weälhrenb fie in bad Loch blicfen, der Zunge irgenb ein Meined Hinbers 
iS entgegenfepien, bis zur tünfehenden Mchnlichfeit nechahınten. *) 
4. Aber viele fo große und fo Eunftreiche Zungenfertigkeit hört mach 
Fürmfzchn Tagen elmilig anf, ofae haf man Mütigfeit ober Uebers 
wrmß voramöfegen fünnte. Bald wird bei zuuchmenter Hide bie 
Stimme eine völlig andere and iR ohne Wofltiang und Mannigfals 
tüigfeit; amd ihre Farbe ändert ſich und im Winter endlich läßt die 
5 wicht miche fehen. Die Zunge if bei ihnen vorn nicht fo dünn, 
wie bei ben übrigen Bögeln. Zu Anfang des Prüßlings legen fie 
und zwar hoͤchſtens ſechs Gier. 

XLIV. Anders verhält es fich mit den Feigenpidern, *) dem 
Diefe verändern GeRalt und Farbe zugleich; fie führen diefen Ramen 
im Herbſte, fpäter aber nicht und Heißen alddann Melaucorpphas 
1Schwarzföpfel."") So Beist aud cin und berjelbe Mi 
Winter Grithalas [Schwanziäneller] und im Sor 
IEothſchwani]. Es verändert ſich auch, wie der 
















Solche Leute gibt es noch und fie bediene 
ann ionie geſchnittenen fogenannte: 


**) Ficedula = Sylvia ficcduln, Garten-Or, 
5 Blinins läßt ſich Bier wieder vurch den Ol 
verwandeln, irre führen. 6 
— (muscioapa atricapi 
‚im Srähjahre md 
Beelung der Biken Alcal 
7) Hier waltet wieder derfeibe 


—8* *— 
— Cl in 


(eylvia phoenicarus L.). 


fänellt, und der P 





1186 -6. Plinius Naturgeſchichte. 


ſagt, der Wiedhopf,“) ein übrigens in feiner Nahrung unſauberer 
Bogel, **) doch feheyswerth wegen feiner biegfamen Haube, bie er 
nach der ganzen Ränge des Kopfes zufammenzieht und aufrichtel, 

XLV. Die Denanthe ***) hat zwar auch ihre beſtimmten Ber- 
ftedtage, indem ſie ſich bei dem Aufgange bed Hundsſterns verbirgt 
und mit dem Untergange befielben wieder herbeifommt, verwunbern 
müflen wir und aber, daß beides grabe an benfelben Tagent) ges 
fhiebt. Der Ehlorion, +}) welcher ganz gelb ift, läßt ſich ebenjals 
im Winter nicht fehen und .erfcheint zur Zeit der Sonnenwenben. 

xxx). Nur um den Eyllene+tt) in Arkadien und fonft nirgends 
gibt ed weiße Amfeln.*}) Der Ibis ift nur bei Belufium [Tinieh] 
fehwarz,*"+) an allen übrigen Oxten weiß. 


*) Bol. oben Kap. 36. 
ee) Er fucht Infekten und Larven aus dem Mifte und Maden aus 
dem Aafe. 
+), Woͤrtlich Weinblüthe; Plinius nennt denfelben Vogel weiter 
- unten (Kap. 50, $. 1) vitiparra und (B. XVII, Kap. 69, 
6. 11) parra, befchreibt ihn aber nirgends genauer; ba oısardy 
auch der fprofiende Sünglingsbart heißt und die Bartmeiſe 
(parus piarmious) durch ihren fonderbaren Backenbart auffällt, 
fo iſt wohl dieſe gemeint. ‚ 
+) An welchen der Hundsflern aufs und untergeht. 
+) Woͤrtlich Grihling, Tann aber Fein anderer Vogel feyn als bie 
Goldamſel (oriolus Iuteus), denn der Grünling (loxia chloris) 
ift nicht größer als der Sperling, der Chlorion hat aber nad 
Ariftoteles (Hist. anim. IX, 28) bie Größe der Turteltaube. 
t1t) Pol. 8. IV. Kay. 10, $. 1. 
*T) Die Amfeln werben nur durch Krankheit weiß, es fünnen alfo 
überall folche vorfommen. ' _ 
) Der ſchwarze Ibis ober Sichler (scolopax faloinellus), welcher 
im füdlicden @uropa lebt und im Auguf mit feinen Jungen 


x 


Zehntes Buch. | 1187 


XLVI xxyi. Alle Singvögel, außer ven bereits ald Ausnahme 
genannten,*) befommen nicht leicht vor der Frühlingsnachtgleiche 
ober nach der Herbfinachtgleiche Zunge; vor der Sonnenwenbe ift 
ihr Aufkommen zweifelhaft, nach ber‘ Sonnenwende bleiben ſie am 
Leben. 

XLVII axım. 1. Hierin find die Eisvögel**) ganz befonders 
merkwürdig. Ihre Hecktage kennen die Meere und die, welche fie bes 
fchiffen. Der Vogel ſelbſt if ein wenig anfehnficher als der Sper⸗ 
ling, hat eine größtentheils waflerblaue, nur mit purpurnen und 
weißen Federn untermifchte Farbe und einen dünnen, langen Hals. 
Eine Art derfelben unterfcheivet fich durch Größe und Gefang; die 
Heineren fingen im Rohrbidicht. Man befommt äußerſt felten einen 
Eisvogel zu fehen ***) und nur beim Untergange des Siebengeflirnd 
und bei ben Sonnenwenden ober am fürzeften Tage, wenn er zuweilen 
ein Schiff umflattert und ſich dann fogleich nad feinen Schlupfwin: 
keln entfernt. 2. Sie hecken an den fürzeften Tagen, }) welche Eisvogel⸗ 
tage heißen und während welcher bad Meer, befonders das ſiciliſche, 
ruhig und ſchiffbar iſt. [Auch an andern Orten ift die See ftiller, die 
fteilifche jedoch am beften zu befahren] Sie bauen Nefter +F) in ben 


nad) Aenypten geht, if von dem weißen. oder heiligen Ibis 
(Kap. 40) völlig verfchieden. 
*) Nämlich den Lerchen, Kay. 43, $. 4. 
**) Halcyon = Alcedo hispida L. 
**) Er ift im ganzen gemäßigten Europa an ben Flußufern und am 
Geſtade des Meeres häufig anzutreffen. Die ſich an ihn knũͤ— 
pfenden Fabeln, welche Plinius mittheilt, bebürfen Feiner 
Widerlegung. 
7) Keineswegs, ſondern im Mat. 
+47) Sie baden mit dem Schnabel Löcher In die Ufer und machen 
darin ein Neft von den Fifchgräten, welche fie auswuͤrgen. 


+ 


18 6. Blinius Naturgeſchichte. 


fieben Tagen vor dem fürzeflen und legen in ben fleben folgenden. 
Ihre Nefter, welche die Geſtalt eines etwas nad) oben verlängerten 
Balles, eine fehr enge Oeffnung und Aehnlichfeit mit großen Schwän- 
men haben, erregen Bewunderung; fle laſſen ſich mit Gifen nicht zer⸗ 
fihneiden, wohl aber durch einen Eräftigen Schlag zerbrechen, wie 
teodener Meerſchaum.“) Woraus fie Diefelben formen , if nicht zu 
- ermitteln, man glaubt, aus flacheligen Gräten, denn fie leben von 
Fiſchen. Sie gehen auch in Sie Flüſſe. Sie legen fünf Eier. 

XLVII. Die Möven**) niften auf ben Felfen, Die Taucher ***) 
auch auf den Bäumen; fle legen meift drei Gier, aber die Moͤven im 
Sommer, bie Taucher zu Anfang des Frühlings. 

XLIX aaxımm. 4. Die Geſtalt des Eisvogelneſtes erinnert and 
an bie Geſchicklichkeit der übrigen Vögel und in feinem andern Stüde 
verdient der Kunfttrieb derfelben mehr Bewunderung: Die Schwal: 
Bent) bauen mit Koth und befefigen mit Strob; if etwa Mangel 
an Roth, fo machen fie ſich mit vielem Waſſer naß und befprigen mit 
den Federn den Staub. Das Neft felb aber füttern fie mit weichen 
Federn und Flocken aus, damit die Gier warm bleiben und damit es 
auch für die Fleinen Jungen nicht zu hart fey. 2. Bei der Fütterung 
der Brut halten fle mit der hoͤchſten Gewifienhaftigfeit bie Reihe; 
den Auswurf der Jungen fehaffen fie mit bemerfenswerther Meinlichfeit 
hinaus und lehren diefe, ſobald fle größer geworben find, ſich herum 


*) Maß Blinins Gier als Eisvogelneft beſchreibt, ift offenbar ein 
Meerforf (aloyonium), denn die Gißnögel bauen feine für ſich 
beſtehenden Nefter. 

**) Gavin — Larus. 
**) Mergus — Colymbas. 

) Hier iſt bie Rauchſchwalbe (hirundo rustion) gemeint; fle baut 
mit Schlamn und Stroh, 


, Behntes Bud. ° 1189 


sbrehen und ben Unrath herauslaſſen. Eine andere Art find die Land⸗ 
und Feldfchwalben*), welche ihre Nefter felten in den Haͤuſern und in 
verſchiedener Geflalt, aber aus demſelben Stoffe bauen und zwar ganz 
rückwärts bängend, mit eng zulaufendem Cingang, geräumigem 
Bauche und mit wunderbarer Einficht fo eingerichtet, Daß fle zur Ber: 
Bergung der Jungen und zum weichen Lager berfelben dienen. In 
Aegypten an der berakleotifchen Mündung ey) ſtellen fie durch Aneinan⸗ 
derbauen ihrer Neſter dem austretenden Nil einen unüberwindlichen 
Damm von der Länge faſt eines Stadiums J' /.Meile] entgegen, 
was durch menſchliche Arbeit nicht vollbracht werden könnte. In dem⸗ 
ſelben Lande ift bei der Stadt Coptos [Ruft] eine ber Iſis heilige 
Sufel, welche fie, damit derfelbe Flug fie nicht zerreifie, durch ein 
Bollwerk ſchützen, indem fie beim Beginne der Frühlingätage bie 
Spibe derfelbeg mit Spreu und Stroh befeftigen und damit brei 
Tage und drei Nächte mit folcder Anfirengung fortfahren, daß, wie 
man ſicher weiß, viele bei der Arbeit ſterben, und mit jedem Jahre 
kehrt ihnen dieſer Frohndienſt wieder. Es gibt noch eine dritte Art 
Schwalben, ***) welche bie Ufer aushöhlen und fo bazwifchen niften. ' 
Ihre Jungen, gu Afche verbrannt, heilen cin töbtliches Halsübel und 
viele andere Krankheiten des menfchlichen Körperd.}) Diefe machen 
. Teine Nefter und wandern, wenn zu erwarten fteht, daß ber anſchwel⸗ 

lende Fluß ſie erreiche, viele Tage vorher fort. 
L. 1. Zu dem Geſchlechte der Bartmeiſen t}) gehoͤrt ein Vogel, 


) Die Fenſterſchwalbe (hiraudo urbioy); fie bauen bloß mit 
Schlamm. . , 
“) Bol. B. V, Kap. 11, $. 5. 
*) Die Uferſchwalbe (hirundo riparia L). 
7) Bol. B. XXX, Kap. 12, 8. 1. 
11) Vitiparra; vgl, oben Kap. 45. 


’ 


t \ 


1190 €. Plinius Naturgeſchichte. 


welcher fein Neſt aus trockenem Mooſe zu einem fo vollkommenen 
Balle ausarbeitet, daß man den Eingang nicht finden kann; Acan⸗ 
thyllis) heißt ein anderer, welcher es in derſelben Geſtalt aus Flachs 
zufammenflicht; einer von dem Spechtgeſchlechte ) hängt es becher⸗ 
artig an einen Zweig vorn an bie Aeſte, fo daß fein Vierfüßler baran⸗ 
kommen kann; die Goldammern ***) ſchlafen ſogar ſelbſt, wie man vers 
fichert, an den Füßen hängend, meil fle ſo ſicherer zu feyn hoffen. 
2. Bekannt ift aber von allen, daß fle die Aeſteverbindungen zur Sti- 
gung des Neſtes vorfihtig auswählen, fle gegen den Regen über 
wölben oder durch dichtes Laub ſchützen. Ein Bogel in Arabien, 
welcher Ginnamologos [Zimmtiammler] heißt, baut fein Neft aus 
Zimmtzweiglein; bie Gingeborenen fchießen biefe des Gewinnes 
wegen mit bleiernen Pfeilen herab. }) - Im Scythenlanbe brütet ein 





Vogel von der Größe eined Trappen tr) immer in einem an ben 


| Spipen der Aefle hängenden Hafenfelle zwei Junge and. Wenn bie 
Eiftern bemerken, ++}) daß ihr Neſt aufmerkſam von einem Menſchen 


-*) Diſtelvogel; iſt wohl derſelbe, gzelcher weiter unten (Kap. 95, 
6. 3) Acanthis (Diftelfink) Heißt. 
++), Die Soldamfel (oriolus galbula) fann hier nur ‚gemeint fen. 
Man fleht, fagt man in Sranfreich aweibeutig, ein Goldamſel⸗ 
neft nur hängen. 
*#) Galgulus; vgl. oben Kap. 36. 
+) Man fuchte durch diefe Zabel (vgl. Herodot IN, 111) wahr: 
ſcheinlich das Vaterland des Zimmts, welcher von Eeylon aus 
über Arabien in ben Handel fam, zu verheimlihen. Bol. 4. 
H. 8. Heeren, Ideen u. f. w. (Göttingen 1815, 8.) 3b. L 
Abthl. 2, ©. 111 u. 231 ff. 
Tr) Otis; vgl. oben Kap. 29, $. 2. Cine Erflärung biefer Sage 
läßt fich nicht auffinden. 
"Bel. weiter oben Rap. 41, $.2. 


Zehntes Buch. 111901 


Betrachtet wird, fo bringen fle tie Gier anderswohin. Dieß ſoll bei 
denjenigen Vögeln, deren Zehen zum Umfaflen und Kortfchaffen der 
Eier nicht geeignet find, auf eine wunderbare Weile gefcheben, indem 
fle auf je zwei Eier ein Zweiglein legen, es durch ihre zaͤhe Aus⸗ 
leerung daran feflffeben, dann den Ropf in der Mitte darunter ſtecken 
und es, wenn bas Gewicht auf beiden Seiten gleich ift, anderswohin 
tragen. \ 


LI. 1. Nicht geringer aber ift die Gefchicflichkeit derjenigen, 
welche ihr Lager in den Boden machen, da die Echwere ihres Körpers 
fie hindert, in die Höhe zu fliegen. Der fogenannte Immenwolf, *) 
welcher feine verborgenen Alten füttert und deſſen Federn an ber uns 
tern Eeite blaß, an der obern waflerblau und an der Spige roͤthlich 
find, niftet in einer fech8 Bug tief gegrabenen Höhle. 2. Die Feld⸗ 
hühner**) befeftigen ihren Aufenthaltsort fo ehr mit Dornen und 
Geſtraͤuch, daß fie hinlänglich gegen die wilden Thiere verſchanzt find. 
Zür die Gier häufen fle ein weiches Lager von Staub auf; fle be- 
brüten fle nicht, wo fie diefelben gelejt haben, und tragen fie, damit 
Niemand ihr häufiger Verkehr verdächtig werde, anderswohin. Sie 
Hintergehen auch ihre Männchen, weil diefe aus ungezügelter Wolluft 
ihre Gier zerbrechen, damit fle nicht durch das Brüten von ihnen ab⸗ 
gehalten werden. Die Münnchen kämpfen alsdann unter ſich aus 
. Mangel an Weibchen und das beſiegte läßt fich, wie man ſagt, treten. . 


*) Merops = merops apiaster L. Die Jungen bleiben [ehe fange 
bei den Alten und_daher mag der Glaube entflanden feyn, daß 
die erften die legteren füttern. 

. ) Perdix. Man hat hier hauptfächlich das Rothhuhn (tetrao 
rufus L.) darunter zu verſtehen; vgl. weiter unten Kap. 69, 
» . 
C. Plinius Naturgeſch. 10, Born, 5 


1192 C. Plinlus Naturgeſchichte. 


3. Trogus berichtet, dieß fen ebenſo der Fall bei den Wachteln und 
zuweilen auch bei den Haͤhnen, von den zahmen Feldhühnern aber 
würden die wilden, neu angekommenen und beflegten ohne Unterſchied 
getreten. Sie werben auch durch ihre Rampfhegierbe wäßrend dieſer 
Wolluſt gefangen, indem ber Anführer ber ganzen Schaar gegen den 
Leithahn des Vogelers in den Kampf geht; ift diefer gefangen, fo 
tritt ein zweiter vor und fo einer nad) dem andern. Die Weibchen 
Dagegen werben um bie Tretzeit gefangen, weil fle alsbann auf va 
Meibchen des Bogelers losgehen, um es burch Habern zu verfchenden. 
4. Auch äußert fich bei feinem andern Thiere die Brunft auf gleiche 
Weife. Wenn die Weibchen den Männchen gegenüberftehen, werben 
fle durch die von diefen herwehende Luft fchwgnger und um diefe Zeit 
fperren fle vor Hiße den Schnabel auf und ſtrecken die Zunge herane. 
Sie empfangen aud) ‚durch ven Anhauch der über fle Binfliegenden 
und oft ſchon, wenn fle nur die Stimme des Männdyens hören. Sa 
die Wolluft bekommt fo fehr die Oberhand über die Liebe zu der Nach⸗ 
Tommenfchaft, daß die heimlich und im Verborgenen brüfende, wenn 


fie bemerft,, daß das Weibchen des Vogelers ſich ihrem Männchen 


nähert, bafjelbe zurücklockt und herbeiruft und ſich freiwillig ſeiner 
Begierde preisgibt. Auch werten fie von ſolcher Wuth Hingerifien, 
daß file ſich, vor Beforgniß ganz blind, auf den Kopf des Bogelers 
fegen. 5. Wenn diefer ſich anſchickt, nach dem Nefte zu gehen, fo 
läuft die Mutter vor feine Füße, ftellt ſich, als fey fie übermübet ober 
gelähmt, füllt nach plößlichem: Fortlaufen ober einem furzen Fluge 
nieber, läuft dann wieder fort, entfchlüpft ihm, wenn er fle ſchon zu 
ergreifen glaubt, und täufcht. feine Hoffnung , bis fle ihn nach einer 
dem Refte entgegengefepten Richtung führt. Iſt fie der Furcht ledig 


und von ber mülferlihen Sorge befreit, fo legt ſie ſich rücklings in 


eine Furche, ergreift mit ben Füßen eine Erdſcholle und bebeitt ſich 





Zehntes Buß. 1193 


damit. Man glaubt, dag die Feldhühner ihr Leben bis auf fechezehn 
Jahre bringen. R 
L III caxım). 1. Nach ihnen äußern fich hanptfächlich bei den 
Tauben auf gleiche Weife biefelben Sitten, doch geht dieſen Schams - 
Haftigfeit über Alles und feinem Theile ift Unzucht befannt, Die 
eheliche Treue verlegen fle nicht und bewohnen ein gemeinſchaftliches 
Haus; feine verläßt anders als ehelos oder verwittwet das Nefl. Die 
Männden, fagt man, feyen herrfihfüchtig und demnach auch unge: 
recht, denn fie hegen den Verdacht des Ehebruchs, obgleich die Anlage 
dazu fehle. Alédann if die Kehle voll Klage und es folgen heftige 
Schläge mit dem Schnabel, bald aber zur Genugthunng Schnäbeln 
und bei häufigem Umdrehen auf den Füßen Schmeicheln um die Gunſt 
der Liebe. 2. Bei beiden ift die Liebe zur Nachkommenſchaft gleich 
und oft findet aus diefer Urfache eine Züchtigung flatt, wenn das 
Weibchen träger die Jungen beſucht; der legenden wird von bem 
Männchen Troft und Dienflleiftung zu Theil. Den Jungen flößen 
ſie zuerft eine im Schlunde gefammelte falzige Erde in den Schnabel, 
um fo die Berbauung des Futters vorzubereiten. Cine Eigenthüm- 
lichkeit dieſer Gattung, ſo wie auch der Turteltauben *) iſt, daß fie, 
wenn fie frinfen, den Hals nicht zurückbeugen, fondern reichlich trin⸗ 
fen, wie das Zugvieh. 

(xxxvy. 3, Mir haben Gewährdmänner, daß die Ningeltauben 
an dreißig ,, manche fugar an vierzig Jahre leben, ohne eine andere 
Unbequemlichkeit ald an ven Klauen, die deßhalb auch ihr Alter ver= 
vathen, aber ohne Gefahr yerfchnitten werben Können. Der Gefang 
ift bei allen gleich und derſelbe beſteht aus drei Abfägen und ühber- 





) Leber die Bnennungen ver verfchiebenen Taubenarten, vergl 
weiter oben Kap. 35 und 36, 


5* 


- 


119 €. Blinius Naturgeſchichte. 


dieß einem Seufzer zum Schluſſe; im Winter find fle ſtumm, mit bem 
Frühling werben fie laut. Nigidius glaubt, daß die Ringeltaube, 
während fle ihre Bier bebrüte,, ihr Neft verlaffe, wenn man ihr im 
Haufe zurufe. 4. Sie legen aber nach der Sonnenwende. Die Tauben 
und Zurteltauben leben at Jahre. 
(xxxvi. Dagegen ift dem Sperling, *) der gleiche Geilheit be: 
fißt, ein äußerft kurzes Leben beſchieden; man behauptet, daß die 
Männchen nicht über ein Jahr auspauern und führt ald Beweis au, 
daß von der Schwürze des Schnabele, welche mit dem Sommer be: 
ginnt, zu Anfarig des Frühlings nichts mehr zu fehen ift; die Weib: 
chen haben eine etwas längere Zrift. — 5. Den Tauben wohnt aber 
auch ein !gewifler Einn für Ruhm bei; man follte glauben, fie 
Tennten ihre Farben und die bunte Bertheilung berfelben; ja auch 
beim Fluge fuchen fle in der Luft zu klatſchen und biefe in verfchie: 
dener Richtung zu durchfurchen, bei welchem Gepränge fle fi mie 
gebunten dem Habicht überliefern, ba durch das Geräufch, welches 
nur durch die Schultern der Flügel hervorgelockt wird, ſich die Federn 
verwirren, während fie fonft bei loſem Fluge bei weiten fchneller 
find. Der Dieb lauert im Laube verftedt und hafcht fie, wenn fle 
fich grade ihres Ruhmes freuen. 


(xxxvm). 6. Man muß deßhalb mit ihnen den Vogel halten. 
welcher Wanrenweher**) heift, denn er vertheibigt fie und ſchreckt die 
Habichte durch die ihm angeborene Macht fo fehr, daß ſte ſchon feinen 


4 


*) Passer — Tringilla de mertica L. 

**) Tinnunculus — Falco tinnunculus L., auch Thurmfalfe ges 
nannt. Plinius nennt ihn weiter unten (Kap. 73) cenchris, 
wie er bei ven Griechen heißt. Der Wannenweher ſtößt nicht 
auf Tauben, weil fie ihm zu ſchnell find, alles Uebrige if Fabel. 


- 


Zehnted Bud. 1195 


Anblick und feine -Stimme fürchten. Aus diefer Urſache find die 
Tauben ihnen mit befonderer Liebe zugethan und man fagt, daß, wenn 
man folche in ven vier Ecken in neuen verfchmierten Toͤpfen ver 
grabe, die Tauben ihren Aufenthaltsort nicht wechfeln, was Andere 
Dadurch zu bewirken fuchten, daß fie ihnen in die Gelenke ber 
Flügel mit einem goldenen Werfzeuge (denn fonft find die Wunden 
wicht ungefährlih) Einſchnitte machten. Webrigens fchweift dieſer 
Wogel gern üherall herum, denn fle verftchen die Kunft, einander zw 
ſchmeicheln und andere zu verführen und dann heimlich mit großer Bes 
gleitung zurüchzufehren. 

LIII. Sie dienten fogar auch ald Boten in wichtigen Angelegen⸗ 
heiten und Decimus Brutug ſchickte während der Belagerung von 
Mutina [Modena] an ihre Füße gebundene Briefe in das Lager ber 
Conſulũ.) Was nügten da Wall, wachfame Einſchließung und noch 
überbieß in ven Fluß geſpannte Netze dem Antonius, wenn ber Bote 
durch die Luft ging? Diele treiben auch ihre Liebhaberei für fle bis 
zum Unfinn, bauen ihnen Thürme auf die Dächer und zählen den 
Adel und den Urfprung der einzelnen ber, wie man fchon alte Bei- 
fpiele bat. Der römifche Ritter 2. Arius verkaufte vor dem pom⸗ 
pejanifchen Bürgerfriege, wie Barro erzählt, einzelne Paare zu vier: 
Hundert Denare 452 Gulden] , ja die in Campanien einheimifchen, 
welche als die größten gelten, haben ihr Vaterland berühmt gemacht. 

LIV Xxxvmyj. 1. Ihr Flug veranlagt und, auch den der übrigen 
Dögel zu erwaͤgen. Alle anderen Thiere haben einen beſtimmten, ein⸗ 


*) Diefe im Bürgerkriege nach Gifars Tede berühmte Belage: 
tung dauerte vom December 44 bis zum 14. April 43 vor Chr. , 
aber ohne Erfolg. 

*) Gin fonft unbefannter Mann. 


4196 C. Plinius Naturgeſchichte. 


förmigen und ihrer Gattung eigenthümlichen Gang; nur die Böge 
bewegen ſich fowohl auf der Erbe als in der Luft auf verſchiebene 
Meife. Ginige fchreiten, wie die Krähen, andere hüpfen, wie die 
Sperlinge, die Amfeln, laufen, wie die Felphühner, die Walnfchnes 
den, werfen die Füße von einander, wie die Stördhe, die Kraniche; 
andere breiten die Flügel und ſchwingen fie ſchwebend in langen Zwi⸗ 
fehenräumen, andere häufiger, aber doch and) nur an ben -Wnben des 
Gefieders, andere wieder entfalten fie in ihrer ganzen Breite; andere 
prefien fie beim Fluge größteniheils zufammen , durchichneiden mit 
einem, manche mit doppeltem Schlage die Luft und fehnellen ſich glei: 
fam durch den Druck der eingefchloffenen Luft fort, in fenfrediter, 
wagerechter oder geneigter Richtung; bei manchen fdheint es fa, als 
würden fle fortgefloßen, bei diefen wieder, als fielen fie von oben her: 
ab und bei jenen, als hüpften fie. 2. Nur die Enten und was zu 
ihrem Befchlechte gehört, erheben fich fogleich fenfrecht und fleigen 
von der Stelle, fogar aus dem Wafler, in die Höhe, weßhalb fle auch 
allein, wenn fle in die Gruben, worin wir dad Wild fangen, fallen, 
wieder entkommen. Der Beier und die ſchwereren Raubvögel Riegen 
nur nach einem Anlaufe oder von einer höheren Stelle anfepend fort 
und Ienfen ſich mit bein Schwanze. 3. Ginige fehen ſich um, anbere 
beugen den Hals, manche verzehren, was fle mit ben Füßen geranbt 
haben. Biele fliegen nie ohne Sefchrei ober fchweigen während des 
Fluges immer ſtill. Sie ſchweben aber aufrecht, geneigt, quer, mit 
ter Seite oder bem Kopfe voran, manche auch auf dem Rücken liegend, 


— — 





*} Rusticula — Scolopax rustioula L. 
) Anas; es gibt drei Haupfformen: bie eigenffichen @Gnten, die 
Ganſe und die Schwäne.  ° 


⸗ 





Zehntes Bud. 1197 


fo daß, wenn man mehrere Arten zugleich beobachtet, fle ſich nicht in 
demſelben Elemente zu beivegen fcheinen. 


LV (xxx. Am meiften fliegen diejenigen, welche, weil fie ihre 


Füße nicht gebrauchen fönnen, Yußlofe,*) von Andern wegen ihrer 
Hehnlichfeit mit den Schwalben Lochfehmalben**) genannt werden 
Sie niften auf Klippen. Sie find e8, welche man auf dem ganzen 
Meere wahrnimmt und entfernen fich die Schiffe auf ihrer Fahrt noch 
fo weit und noch fo lange vom Lande, fo find fie doch von Fußloſen 
umflattert. Die andern Gattungen feßen ſich nieder over ftellen ſich; 
dieſen ift Feine andere Ruhe als im Neſte vergönnt; fle ſchweben oder 
liegen. — 

LVI (X. Auch if fonft der Naturtrieb ver Vögel ebenfo vers 
fchieden, am meiften jedoch in Bezug auf die Nahrung. Die foge: 
nannten Geißmelfer,***) welche wie eine größere Amfel auefehen, 
fehlen bei Nacht, denn bei Tag fehen fle nichts. Sie gehen in bie 
Ställe der Hirten und fliegen an die Euter der Geißen, um die Milch 
auszuſangen, durch welche Gewaltthätigfeit dad Guter abflirht und 
die Geißen, welche fie auf diefe Weife gemolfen haben, von Blindheit 
Ppefallen werden. Der fogenannte Loͤffelreiher +) fliegt auf bie Vögel, 
welche in das Meer tauchen und hält ihnen fo lange durch Beißen die 


*) Apodes. Die Mauerſchwalbe (hirundo apee) iſt geeint; ihre 

- kurzen Füge find faſt ganz in den Federn verſteckt, ſo daß fie 
auf ber Erde kaum gehen fünnen. Alles Hebrige iſt Ueber⸗ 
reibung. 


) Cypsellus (xuwsAog), weil file in Mauerlöchern. niftet. 


**) Caprimulgus = Caprimulgus europaeus L. Die Sage, daB 


er den Geißen und Kühen die Milch ausfange, fcheint ſehr alt | 


au ſeyn. 
- 7) Platea — Platalex lemorhodia L. 


1198 €. Plintus Naturgeſchichte. 


Köpfe fe, bis er ihnen den Fang abjagt. Derſelbe bricht die ver 
fhlungenen Muſcheln, nachdem fle durch die Hige bes Magens er: 
weicht find, wieder von fich, furht fo das Eßbare heraus und fondert 
die Schalen ab. 

LVIL <xıy. Den Hofhühnern?) ift auch eine gewille Frommig⸗ 
feit eigen; ſte ſchaudern, wenn fie ein Ei gelegt haben und ſchütteln 
ſich, und indem fle ſich herumdrehen, reinigen fle ſich und putzen ſich 
und die Gier'mit irgend einem Halme. 

(XLV). Die Diftelfinfen.**) die Fleinften unter den Vögeln, than, 
was man ihnen befiehlt und nicht nur mit der Stimme, fondern auf 
mit den Füßen und mit dem Schnabel, die ihnen flatt Der Hände 
dienen. Im Arelatiſchen Gebiete ***) gibt es einen Vogel, welder 
das Gebrüll ver Ochfen nachahmt und deßhalb, obichon er Hein ifl, 
Stier genannt wird. Gin anderer, welcher Anthus 7) heißt, ahmt 
auch dad Wichern der Pferde nach, wenner durch die Ankunft derfelben 
von feinem Grasfutter vertrieben wird, und rächt fih auf dieſe Weife- 

LVIH. Bor Allem ahmen die Vögel tie menfhlihe Stimme 
nach und die Papageien 71) ſchwaben fogar. Indien ſchickt dieſen 


*) Gallina villaris, Saushuhn (phasianus gallas). 

**) Carduelis = Tringilla carduelis L. 

***) Bei der jegigen Stadt Arles. Plinius fann nur bie Rohr⸗ 
dommel (ardea stellaris), welche ein dumpfes, fchauerliches 
Gebrüll hören läßt, meinen; obfchon biefer Vogel grade nicht 

| Hein, fondern faft drei Schuh lang ift; am Bodenſee heißt er 
0:Rind. 

+) Wörtlic „Blüte“ foll die graue Bachſtelze (motacilla boarula 
eulphurea) ſeyn: das Wiehern ift jedenfalls eine Nebertreibung. 

17) Psittacus, befonders if der Aleranderspapagei (prittacns ale- 
xandri), welcher durch Alexander des Gropen Züge aus Inbien 
zuerſt nach Europa fam, gemeint. Der indifhe Name ift sukäs. 


Zehntes Bud. - 14199 


amı ganzen Körper grünen und nur mit einem zinnoberrothen Ring 
um den Hals gefhmücten Vögel und nennt ihn Sittace. Er grüßt 
die Kaiſer und fpricht die Worte, welche er lernt; befonders muth⸗ 
willig macht ihn der Mein. Sein Kopf bat dieſelbe Härte wie fein 
Schnabel und man klopft ihm, wenn er fprechen lernt, mit einem 
eifernen Stabe darauf, denn anders fühlt er Heinen Echlag. Menn 
er ſich im Fluge nieberläßt, fängt er fi mit dem Schnabel, ſtützt 
fich auf denfelben und Eommt dadurch der Schwäche feiner Füße 
zu Hülfe. 

LIS. 1. Weniger Berühmtheit, weil es nicht aus der Ferne 
kommt, aber eine beutlichere Redefertigkeit hat dad Geſchlecht ber 
Eifern: Sie gewinnen die Worte lieb, welche fie fprechen follen ; 
fie lernen nicht nur, fondern haben auch Gefallen daran, und wenn fle 
ſich bei fish üben, fo ift an der Sorgfalt und an dem Nachdenken ihre 
Anftrengung nicht zu verkennen. Es iſt gewiß, daß fie fterben, wenn 
fle die Schwierigfeit eines Wortes überwältigt, daß fie, wenn fie nicht 
fortwährend daſſelbe hören, dad Gedaͤchtniß verläßt und daß fie fich, 
wenn file dad Wort, welches fie fuchen, indeſſen hören, auf merkwür⸗ 
dige Weife freuen. 2. Ihre Geſtalt, obgleich nicht auffallend, iſt doch 
auch nicht gemein und Zierde genug für fie ift ver Schmud ver menſch⸗ 
fichen Sprache. Man behauptet jedoch, daß nur diejenigen fle lernen 
tönnen, welche zum Geſchlechte der Eichel frefienden gehören, *) und 
unter diefen weit leichter die, welche fünf Zehen an den Füßen haben, 
aber felbft diefe nur in den beiden erften Lebensjahren. Sie haben 
‚eine breitere Zunge, fo wie alle in jeder befonderen Gattung, welche 


*) Nämlich der fogenannte id oder Heher (corvus glandarias); 3 
er letnt Worte ſprechen, aber die fünf Zehen, welche ohnehin 
nur eine ſehr feltene Ausnahme find, tragen nichts dazu bei. 


x. 


1200  &. Plinius Naturgeſchichte. 


die menſchliche Sprache nachahmen, obgleich dieß faſt kei allen Gav 
tungen der Fall iſt. 3. Agrippina, die Gemahlin des Claudins 
Caͤſar hatte eine Droſſel, welche (was früher nie geſchah) zur Zeit, 
alsich dieß ſchrieb, die Reden der Menfchen nachahmte; auch Die jungen 
Gäfaren*) hatten einen Staar, ferner Nachtigallen, welche die grie⸗ 
chiſche und lateinifche Sprache begriffen; außerbem übten fle ſich von 
Tag zu Tag und fprachen befländig Neues und fogar in längerem 
Zufammenhange. Sie werden an einem abgefonderten Orte und we 
fi keine andere Stimme einmifcht, gelehrt, indem Jemand bei ihnen 


figt, der häufig, was er behalten wiſſen will, fagt und ihnen mit | 


Futter fchmeichelt. 


LX xuM). 1. Auch ven Raben muß ihr Verdienſt eingeräumt 


werben, da es nicht nur durch die Anerfennung. fondern auch nur durch 
den Unwillen des römifchen Volkes bezeugt wird. Unter der Sen: 
fchaft des Tiberius flog ein junger Rabe von einer auf dem Tempel 
der Caftoren**) ausgefchlüpften Brut herab in eine gegenüber befinb: 
liche Schuſterei und war alſo dem Herrn der Werkſtätte ſchon durch 
die Religion empfohlen. Frühzeitig an's Sprechen gewöhnt, flog er 
jeden Morgen nach dem Forum auf die Rednerbühne, grüßte den Ti⸗ 








berius, ferner bie Caͤſaren Germanicus und Druſus bei ihren Namen, 


darauf auch das vorübergehende römifche Volk, begab fich dann wieder 
nach der Bude zurüd und erregte durch die mehrere Jahre fortwäh- 
rende Erfüllung diefer Obliegenheit Bewunderung. 2. Ihn töbtete, 
entweber aus Nachbarneid oder, wie er wollte glauben machen, im 
Jaͤhzorn, weil er durch feinen Mnrath einen Flecken auf die Schuhe 


*) Britannicus und Nero. 


: %) Des Gaftor und Pollur; ber Tempel lag an ber füblichen Seite 
des Sorumß. 





Zehntes Bud. | 1201 


gemacht hatte, der Inhaber der nächften Schufterei; zu folder Bes 
Hürzung des Volks, daß er zuerfi aus diefer Stadtgegend vertrieben 
and bald darauf ermordet, die Beftattung des Vogels aber mit einem 
unũberſehbaren Leichenzuge gefeiert wurde, wobei zwei Mohren dad 
für ihn zubereitete Bett unter Bortritt eines Flötenfpielers und mit 
Kränzen jeder Art auf ven Schultern bis zum Scheiterhanfen trugen, 
welcher zur rechten Seite des appiſchen Weges am zweiten Meilen- 
feine auf dem fogenannten Felde des Rediculus*) errichtet war. 
3. Die Naturgabe eines Mogels ſchien alfo dem römischen Volle ein 
hinreichend gerechtfertigter Beweggrund zu Beltattungsfeierlichfeiten 
ober zur Hinrichtung eines römifchen Bürgers, in derfelben Stadt, 
wo für viele audgezeichnete Männer Niemand einen Leichenzug ver: 
anflaltet, wo wirklich Niemand den Tod des Scipio Aemilianne, **) 
der doc; Barthago und Numantia zerftörte, gerächt hatte. Dieß ge⸗ 
ſchah unter dem Confulate des M. Servilius und C. Ceſtius [im 
3.35 nach Chr.] vor dem fünften Tage der Kalenden des April 
f27. März]. Auch jest, während ich dieſes fchreibe, befindet ſich in 
der Stadt Rom im Beflge eines römifchen Ritters eine Krähe aus 
der bötifchen Provinz, ***) welche erſtens durch ihre überaus fchwarze 
Farbe Berwunderung erregt und dann mehrere Worte im Zufammen: 
hange ausfpricht und Häufig andere dazu lernt. 4. Auch lief noch 
jüngft das Gerücht um, ein gewiffer Craterus mit dem Beindmen 


*) Des Gottes der Umkehr, von redire, weil Hannibal an diefer 
Stelle umkehrte. 
**) (ir wurde, wahrſcheinlich auf Antrieb der ihn ale entfcjiebenen 
ı + Gegner des Adergefeßes haſſenden Voltopartei, im Jahre 129 
vor Chr. ermordet. 
») Pol. B. II, Kap. 3, 8. 1. 


1202 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Monoceros [Ginhorn] babe in dem Erizeniſchen Gebiete") in Aflen 
mit Hülfe der Raben gejagt, indem er biefelben auf feinen Hoͤruchen **) 
und Schultern ſitzend in die Wälder führte, wo fle nachipürten und 
auftrieben, und durch burch die Gewohnheit ſey ed dahin gefommen, 
daB ihn, wenn er wieder berausging, auch die wilden Raben begleis 
teten. Man hat auch der Nachwelt überliefern zu müſſen geglaubt, 
daß ein Rabe gefehen wurde, ber von Durft getrieben, in die Urne 
eines Denfmale, worin Regenwafler Rand, das er aber nicht erreichen 
fonnte, Steinchen trug und es, da er fih fürchtete Hinabzufleigen, 


durch Anhäufung derſelben fo weit in die Höhe brüdte, bis es ihm 


hinreichenden Trank bot. 

LXI (ıxv). 1. Auch die diomebifchen Vögel er.) will ich nicht 
übergehen; Juba nennt fle Catarracten }) und fagt: fie Hatten Zähne 
und Augen von feuriger Farbe, ſeyen fonft aber weiß; man fehe bei 
ihnen ſtets zwei Führer, von denen ber eine die Schaar anführe, ber 
andere fie fchließe; fie hoͤhlten mit dem Schnabel Löcher aus, legten 
eine Hürde darüber und bedeckten fie mit ber Erde, tie fle vorher ber: 
ausgeſchafft, und darin heckten fte; Alle Löcher hätten zwei Ausgänge, 
ber eine, durch welchen fie ſich zu den Futterplaͤtzen begäben, liege 

aa B. V, Kap. 32. $. 2 
3 Die gewoͤhnliche Frilerung daß darunter Hoͤrnchen am Halme 
zu verſtehen feyen, will nicht recht einleuchten; vielleicht hatte 
Craterus auf dem Kopfe einen Stor mit Zacken, worauf bie 
Raben. faßen und ‚von welchem er auch leicht den Beinamen 
@inborn befommen haben fünnte. 

***) Diomedene aves; obgleich die Beichreibung nicht vollſtaͤndig 
paßt, fo fann man doc nur bie Höhlen: oder Brand⸗Ente (anas 
tadorna) darunter verſtehen. 

7) Herunterfallende; vielleicht‘ weil fle auf ihre Beute von oben 
verabfipießen, 


| 
d 





Zehntes Buch. 1203 


gegen Morgen, der andere, durch welchen fle zurückkehrten, gegen 
Abend; wollten fie ſich des Unrathes entledigen, fo flögen fle immer 
aufwärts und gegen den Wind. 2. Rur an einem Otte der ganze 
Erde, nämlich auf der Inſel, welche duch das Grabmal und den 
Tempel bed Diomedes berühmt ift und der Küfte Apuliens gegenübers 
Liegt,*) laſſen fich diefe den Blaßhühnern“) ähnliche Vögel fehen. 
SBarbarifche Ankoͤmmlinge feinden ſie mit Gefchret an und zeigen ſich 
und den Griechen hold, gleichfam als zollten fle durch eine wunderbare 
Anterfcheidungsgabe nur dem Geſchlechte des Diomedes diefe Rück⸗ 
ſicht; auch den Tempel deſſelben waschen und reinigen fie täglich mit 
vollem Kropfe und triefenden Federn, woher die Fabel entftand, daß 
Die Gefährten des Diomedes in ihre Geftalt verwandelt worden 
feyen. ***) . | 

‚LXH (1. Da wir von den Naturgaben handeln, fo ſoll nicht 
unerwähnt "bleiben, daß unter ven Vögeln die Schwalben und unter 
den Landthieren die Mäufe ungelehrig find, F) während doch die Ele⸗ 
phanten das ihnen Befohlene thun, die Löwen fi unter das Joch 
beugen und die Seefälber F7) und fo viele andere Fiſcharten zahm 
werben. 

LXIII xLvim. Die Vögel trinfen ſaugend und diejenigen von 
ihnen, welche lange Hälfe haben, in Abſätzen und ſich mit zurückge⸗ 
beugtern Kopfe das Wafler gleichfam eingießend ; das Purpurs 
huhn rt) allein trinkt beißend; es hat auch die befondere Eigenſcheft 





9) Vgl. B. IN, Ray. 30, 8. 1. 

*e) Fulica — Fulica chloropus. 

— Bol. Virgil, Aen. XI. 271 ff. 

7) Beides iſt bekanntlich unrichtig. 

71) Val. B. IXx, Kap. 13. | 
ttt) Porphyrio —Falica porphyrio, auch Sultanbhenne ger 


124° 6. Plinius Naturgeſchichte. 


daß es alle Speife öfter in's Waffer taucht und dann mit dem Fuße, 
wie mit einer Hand, nach dem Schnabel führt. Die gepriefenften 
gibt ed in Kommagene;*) ihre Schnäbel und fehr langen Beine 
find roth. 
LXIV uvm. Eben ſolche Hat auch der Hämalopus [Blut- 
fuß]. **) welcher viel kleiner ift, obzleich feine Füße eben fo hoch find. 
Er ift in Aegypten einheimifch,, ſteht auf drei Zehen und nährt Ed 
hauptſaͤchlich von Fliegen; in Italien lebt er nur wenige, Tage. 
LXV. Alle fchwereren Vögel freffen Früchte, die hochfliegenden 
nur Fleifch; unter den MWaffervögelh find die Taucher bemüht, das zu 
verfehlingen, was die ändern von ſich geben. ***) 


LXVI. Mit den Schwänen haben die Kropfgänfe +) Aehnlich⸗ 
feit und man würbe gar feine Verschiedenheit finden, wenn fich nicht 
in ihrem Schlunde eine Art zweiter Bauch befände. Darin fammelt 
das unerfättliche Thier Alles, fo daß die Geräumlichfeit Bewunderung 
erregt. Bon da fihiebt es, fobald es feinen Raub vollbracht Hat, 
allmälig @inzelnes in den Schnabel zurüct und ſchlingt es dann nach 
Art der Wieverfäuer in den wirklichen Magen. hinab. Das an den 
nördlichen Ocean grängende Gallien ſchickt dieſe Vögel. 


LXVII. Bir haben auch von ungewöhnlichen Bögelarten im 


— 


= 


*) Bol. oben Kap. 28. " 
“) Wahrfcheinlich ein Negenpfeifer (charadrius); nach Andern 
ber Aufternfammler (haematopus ostralegus) ; beide haben einen 
- rothen Schnabel undırothe Füße. 
***) Befunders glaubte man dieß von den Raubmöven und fie beißen 
deßhalb Etruntjäger (Kothjäger); fle jagen aber den andern 
‚_ Meervögeln ihren Fang ab. 
* Onocrotalus = Pelecanus onocrotalas L. 





Zehntes Bub. 1205 


hercyniſchen Walde) in Germanien gehört, deren Gefieder des 
Nachté wie Feuer’ leuchten fol, von denen aber übrigens aufer der 
durch ihre Entfernung erlangten Berühmtheit nichts Merkwürdiges 
vorfommt. 

xy. Die Paleriven**) find in der Partherſtadt Geleucia*"*) 
und in Aſien die gepriefeniten unter den Waflervögeln ; Dagegen ſenken 
und heben in Colchis }) die Faſanen F}) ihre beiden Ohrbüfchel und 
in Numidien, einem Theile Afrika's, gibt es Perlhühner ; Ttr) alle 
aber hat man bereits in Stalien. | / 

LXVIII. 1. Daß die Zunge des Flammbarts 7) von vorzũg⸗ 
lichem Geſchmacke ſey, hat Apicius, unter allen Praſſern das größte 
Leckermaul, gelehrt. Am meiſten rühmt man das joniſche Haſel⸗ 
huhn, 3 welches, obgleich es fonft feine Stimme Hören läßt, in der 
Gefangenfhaft verftummt und früher zu den feltenen Bügeln gezäplt 
wurbe; jebt fängt man es auch in Gallien und Hisyanten und fogar 
in den Alpen, wo ſich auch die Wafferraben, **+) den balearifchen - 


2) Vgl. B. IV, Kap. 25, $.1. Der Bogel, auf welchen Plinius 
bindeutet, full der Seidenſchwanz (ampelis garrulus) feyn; 
das hornartige Blättchen am Ende der hintern Schwungfedern 
iſt ſcharlachroth und kann wohl bei Nacht leuchten, doch keinen⸗ 
falls wie Feuer. 

*5) Soll die Mandarin⸗Ente (anas galericulata L.) ſeyn. 
) Vgl. B. V, Kap. 21, 8. 3. 
4) De. Bd. VI, Kap. 4, $. 4. 
+7) Phasiana — Phasianus colchicus L. 
+}7) Numidioa = Numida meleagris L. 
*}) Phoenicopterus (Rothflügel) = Phoenicopterus ruber; Bi 
mingo, Schartenfchnäbler. 
*) Attagen — Tetrao bonasia L. 
"et, Phalacrocorax (Kahlrabe) = Pelecanus graculus I. Bol. 
B. XL, Rap, 47, 8. 1. 


1206 8. Plintud Naturgeſchichte. 


Snfeln angehörende Vögel, finden, fo wie auch die Alpendohle, *) mi 
gelblichem Schnabel, fonft aber von ſchwarzer Farbe, und der vorzüg: 
lich fihmedtende Hafenfuß,**) welcher dieſen Namen von dem Hafen- 
Baare an feinen Büßen ***) bat, übrigens aber weiß und von der 
Größe der Taube if. 2. Man befommt ihn außerhalb des Landes 
nicht leicht zu efien, denn lebendig wird er nicht zahm, und wenn er 
getödtet iſt, verbirbt fein Körper fogleih. Es gibt auch noch einen 
andern Vogel deſſelben Namens, +) der fih von den Wachteln nu 
durch die Größe unterfcheidet und mit einer Safranbrühe eine ſeht 
angenehme Speife if. Egnatius Galvinus, der Präfekt ber Alpen, | 
berichtet, daß er dafelbft auch den in Aegypten einheimiſchen Ibis ge⸗ 
feßen habe. ++) 

LIVXIX (u). Während ber bebriacenſiſchen Bürgerkriegett) 
kamen auch die neuen Voͤgel“) (denn fo heißen ſie immer noch) über 
den Padus [Bo] nach Italien; fie gleichen den Droffeln, find etwas 
tveniger groß als die Tauben und von angenehmen Geſchmacke. Die 
balearifchen Inſeln liefern ein Burpurhuhn, das noch edler iſt als dat 


*) Pyrrhocorax — Corvus pyrrhocorax L. 
*) Lagopus — Tetrao lagopus L. ‚am haͤufigſten Schneehuhn 
enannt. 
*r) Die Füße fammt den Zehen find befiedert. 
+) u. ift derſelbe Vogel in feinem graulich roſtgelben Eommer⸗ 
eide. | 
+4) Cr fah nicht den eigentlichen ober heiligen Ibis, fondern ven 
fhwarzen; vgl. Kay. 45. - 
Tr) Zwiſchen den Anhängern der Begenfaifer Otho und Biteflius; 
ber erfle wurde im Jahr 69 nach Chr. bei Bebriacum (Ganeto) 
. nelchlagen. 
Reprhübner (tetrao perdix L.). ' 














Zehntes Buch. 1207 


oben*) genannte. Daſeclbſt tft auch der Buteo,*”) eine Habichtert, 
auf den Tafeln beliebt, ebenfo der Vipio, wie man einen fleineren 
Kranich nennt. 

LXX.. 1. Die Begafus, Bögel mit einem Bferbefopf, und bie 
Greife mit einem ohrförmig eingebogenen Schnabel, jene in Scy⸗ 
thien, dieſe in Nethiopien, Halte ich für fabelhaft; deßgleichen den 
Tragopan [Bockpan], von welchen Manche behaupten, er-fey größer 
als der Adler, habe gefrümmte Hörner an den Schläfen und fey roſt⸗ 
farben und nur am Kopfe purpurroth. Auch die Sirenen dürften 
feinen Blauben verdienen, obgleih Dino, ber Vater des gefeierten 
Schrififtellerd Clitarchus, nerfichert, daß fie in Indien vorhanden 
feyen und die Leute durch ihren Gefang bezauberten, um fle, fobalb 
fie vom Schlafe befallen würden, zu zerreißen. 27 Wer dieſes glaubt, 
“ wird auch nicht in Abrede ſtellen, daß die Drachen wirklich dem Mes 
lampus dadurch, daß fle ihm die Ohren leckten, die Gabe verliehen, 
die Sprache der Vögel zu verftehen, ober was Democritus von nam= 
Haft gemachten Bügeln behauptet, daß nämlich aus der Vermiſchung 
ihres Blutes ſich eine Schlange erzeuge und daß Jeder, welcher dieſe 
verſpeiſe, die Unterredungen des Gefieders verſtehe, und was er noch 
insbeſondere von einem Haubenvogel***) erwähnt, da doch ſchon ohne⸗ 
dieß in Beziehung auf die Vogeldeutung des Räthfelhaften. im Leben 
fein Ende it. — Auch Homer fpricht von einer Bögelgattung,, den 
Scopen [Spöttern]; weder vermag ich aber die von den Meiften er⸗ 
wähnten fpöttifchen Gebärden berfelben, wenn ihnen nachgeftellt wird, 


⸗ 


Kap. 63 

e) Bol. 9,8.1 

***) Avis galerita, vielleicht die Haubenlerche (alandr oristata L.). 
%. Plinius Naturgeſch. 10. Bochn. ‚6 


1208 C. Plinius Naturgeſchichte. 


mit meinem Geiſte zu faſſen, noch find die Vögel ſelbſt jetzt bekaunt;) 
weßhalb es beſſer ſeyn durfte, von Zuverlaͤßigem zu handeln. 

LXXI cn. 1. Das Mäften der Hühner begannen die Delier; ) 
daher ſtammt die Sucht, fette und mit ihrem eigenen Schmalze be: 
tränfelte Bögel zu verfchlingen. Ich finde, daß in den alten Gaſterei⸗ 
verboten ſchon durch ein Geſetz des Conſuls C. Fannind elf Jahre 
vor dem dritten punifchen Kriege [161 vor Ehr.] vornehmlich uuters 
fagt wurde: „irgend welches Geflügel aufzutifchen, außer einem 
Huhne, das nicht gemäftet fey,“ welcher Abſchnitt dann immer über: 
tragen murbe, und durch alle Geſetze fortlief. 2. Um fie ju umgehen, 
hat man den Ausweg erfonnen, auch die Hähne mit Futter, welches 
man in Milch einweicht, zu nähren und fie bewähren ſich fo weit 
fhmadhafter. Zum Mäften nimmt man jedoch nicht alle Henuen, 
fondern nur die, weldde im Naden eine fette Haut haben. Dann 
fommen bie Küchenkünſte, daß ihre Keulen in die Augen fallen, daß 
man fie längs des Rückens zerlegt und daß fie, wenn man fie au einem 
Fuße audeinanderzieht, Sie Auftragtefler ganz einnehmen. Auch den 
Köchen Haben die Barther ihre Sitten mitgeteilt; ») doc gefällt 
bei diefer Zuftugung nicht ein für alle Mal daſſelbe, indem man hier 
nar bie Keule und anderwärts nur die Bruſt anpreist. 

LXXU. Bogelhäufer richtete zuerft ein und verfchloß darin 
Bögel jeder Art M. Länius Strabo, ein Ritter von Brundaflum 


*) Homer (Obyff. V, 86) meint wahrfcheinlich den roten Kauz 
(strix otus), deffen fonderbare Gebärden allgemein befaunt 
find; baber die Redensarten: närrifcher Kauz und faire ia 
ohouette (einen verhöhnen). . 

) Bel. B. IV, Kap. 22, 8. 2. 
Amlich ihre überfeine Ueppigkeit. 


\ 
Zehntes Bu. | 1209 
IBrindiſi]; ſeitdem fingen wir an, die Thiere, welchen die Ratır bie 
Zuft angewiefen hat, in Kerfer einzufperren. 
cum. Hauptſaͤchlich ift aber in diefer Rüdficht bie auf hundert⸗ 
taufend Sefterzien [8042 Gulden] gefhägte Schüſſel des tragifchen 
. Scthaufpielers Clodius Aefopus merkwürdig, worin er Vögel, die ſich 
durch einen befondern Gefang oder durch Nachahmung der menfch- 
lichen Stimme anszeichneten und von denen er einzelne für ſechsſstau⸗ 
fend Seflerzien [492 Gulden] gekauft hatte, auftifchte, von feinem. 
andern Reiz verleitet, als um in ihnen eine Nachahmung des Menfchen 
zu verfpeifen ; und fo vergeubete er ohne Schen feine fetten Einfünfte, 
die er doc; auch mit der Stimme verdient hatte, ganz feines Sohnes 
würbig, ber, wie wir erzählt haben,*) Perlen verfchlang. 8 dürfte 
jedoch, um die Wahrheit zu geſtehen, nicht leicht zu entfcheiden feyn. 
wer von beiden die größte Schänblichfeit beging, es müßte benn 
weniger auf fich haben, die größten Schäße der Natur zu verzehren, 
ald Menfchenzungen. **) 
LXXIII im. Die Fortpflanzung der Vögel fcheint einfach zu _ 
ſeyn, obgleich fie ebenfalls ihre Wunder Hat, denn auch Bierfüßler 
legen Eier, wie die Chamäleone, ***) die Eidechſen 7) und die, welche 
wir bei ven Echlangen genannt haben. ++) Bon dem Gefieder iſt 
das, welches krumme Klauen bat, nicht fruchtbar, nur allein der 
MWannenweher rt) legt über vier Bier. Die Natur Hat es bei dem 





) B. IX, Kap. 59. 
*) Dögelzungen, welche dadurch, daß fie die menfchliche Stimme 
nachahmen, gleihfam Menfchenzungen werben. 
“*) Bol. B. VIII, Kap. 51. 
4) Bgl. 8. VII, Kay. 60. BE \ 
.D ® VIIL Rap. 37. 
+41) ‚Cenohris; vgl. Kap. 52, $. 6. 


6° 





1210 €. Plinlus Naturgeſchichte. 


Voͤgelgeſchlechte fo eingerichtet, daß bie ſcheuen fruchtbarer find ale 
die tapfern. Am meiſten legen die Strauße, bie Hühner und bie 
Feldhühner. Bei ven Bögeln findet die Begattung nur auf zwei Arten 
flatt, indem nümlich das Weibchen auf dem Boden hockt, wie bei ben 
Hühnern, oder indem es fteht, wie bei den Kranichen. 

LXXIV. 41. Bon den Biern find manche weiß, wie bei ben 

.Zanben und Felbhühnern, andere blaß, wie bei den Waffernögeln, 

andere bepunftet, wie ‘bei dem Perlhühne, und andere von rother 
Farbe, wie bei ven Fafanen und dem Wannenweher. Inwendig aber 
iſt jedes Vogelei zweifarbig. In Yen MWaflervögeleiern iſt mehr 
Gelbes ale Weißes und dieſes Gelbe ſelbſt matter als in den andern; 
die Fiſcheier Haben nur eine Farbe und es iſt nichts Weißes darin. 
2. Die Eier der Vögel find wegen ihrer Hiße zerbrechlich, bie ber 
Schlangen wegen ihrer: Kälte zäh und bie ber Fifche wegen ihrer 
Feuchligkeit weich; die ber Waſſervoͤgel find rund, die übrigen meiſt 
nach oben zugeſpitzt. Beim Legen freien fle mit ihrer ganz runden 
Seite zuerft hervor und ‚haben eine weiche Schale, welche aber fogleich 
hart wird, fo wie fle theilmeile zum Vorſchein fommen. Die längs 
lichen Gier find nach der Meinung des Horatius Flaccus*) von an 
genehmerem Gefchmade. Die mehr abgerundeten geben ein Männ- 
Ken, die übrigen ein Weibchen... Der Nabel**) befindet ſich oben in 
der Spige der Gier, wie ein in ber Schale hervorragender Tropfen. 

uıv). 3. Einige begatten fich zu jeber Zeit, wie die Hühner 


*) Satyr. II, 4,12 ff. = | 
.) Bas Plinius für den Nabel hält, ift das gallertartige Bänd⸗ 
en, Durch welches ber Dotter an den beiden Bolen des Eies 
bängt; der Nabel wird in bemfelben exft ſichtbar, wenn es einige 
aae bebrütet ift. v u 


4 








Zehntes Buch. 1211 


und legen nur während ber beiden Wintermonate, in welche bie kuͤr⸗ 
zeften Tage fallen. nicht. Die jungen Hühner legen mehr Gier, aber 
ffeinere, eben fo find bei derſelben Brut bie erſten und letzten Heiner. 
Ihre Fruchtbarkeit ift aber fo groß, dab manche fogar fechzig legen, 
manche täglich, manche zweimal des Tages und mandye fo oft, vaß fe 
erſchoͤpft fterben. Am meiften werben bie abrianifchen*) geichäßt. 
A. Die Tauben legen des Sahres zehnmal, mandje auch elfmal, in 
Aegypten fogar auch im Winterfonnenwendemonat. Die Schwalten. 
die Amfeln, die Ringeltauben und vie Turteltauben legen zweimal 
des Jahres, die übrigen Vögel meift nur einmal, Die Drofleln, 
welche in den Gipfel der Bäume ihre Nefter aus Koth und fall zus 
fammenhängend bauen, hecken im Verborgenen. 5. Zehn Tage nad 
der Begattung reifen die Eier in der Bärmutter, bei einer Henne aber 
oder Taube, welche durch das Ausreiffen einer Feder ober durch eine 
ähnliche Berlegung geängftigt wird, dauert e8 länger. In jedem 
Gie befindet fich in der Mitte des Dotters eine Art. Kleiner Bluts⸗ 
tropfen, **) den man für dad Herz des Vogels Hält, weil man glaubt, 
daß diefes in jenem Körper zuerft entſtehe; gewiß ift, daß diefer Tro- 
pfen im Gie fpringt und Schlägt. Das Thier felbft entfieht aus dem 
Meißen, und zieht feine Nahrung aus dem Belben des Gies. ***) 


*) Die Hühner aus der Stadt Adria (vergl. B. III, Kay. 18, 8. 1) 
tollen ſehr Hein gewefen feyn, aber des Tages zweimal gelegt 
asen. . 
**) Diefer Tropfen, gewöhnlich das Auge oder ber Hahntrikt ge 
nannt, von welchem die Entwiclung des Keims ausgeht, zeigt 
fih in dem ie erſt dann, wenn es bebrütet wird. 
**) Die Entwicklung des Reims beginnt oben auf dem Dotter, aus 
welchem vorzüglich der Darm auswaͤchſt, die anderen Organe 
entfiehen aug dem Eiweiß. 


⸗ 


1212 C. Plinius Naturgeſchichte. 


Bei allen iſt, ſo lange ſie darin ſind, der Kopf größer als der ganze 
Körper und bie zufammengebrüdten Augen find größer als ber Kopf. 
So wie das Iunge wählt, zieht ſich dad Weiße nach der Mitte und 
das Gelbe fliegt um daffelbe herum. Am zwanzigſten Tage läht fh, 
wenn das Ei bewegt wird, ſchon die Stimme des innerhalb der 
Schale lebenden Küchleins hören; von berfelben Zeit an befommt «3 
Federn und liegt fo, daß es den Kopf über dem rechten Fuße, den 
zechten Flügel aber über dem Kopfe Hat. Der Dotter verſchwindet 
alfmälig.*) 6. Alle Bögel fommen mit den Füßen zuerfl zur 
Melt, **) während bei den übrigen Thieren grade dad Gegentheil der 
Fall iſt. Manche Hühner legen lauter Imillingdeier und brüten zu⸗ 
weilen auch, wie Gornelius Celſus berichtet, Zwillingäfiichlein aus, 
von denen das eine größer if. Manche flellen in Abrede, daß je 
Zwillinge ausgebrütet werden.“) Man will nit, daß man mehr 
als fünfundzwanzig Eier ten Hühnern zun Bebrüten unterlege. +) 
Sie fangen nach dem fürzeflen Tage an zu legen. Die beſte Brut ift 
vor der Frühlingstagundnachtgleiche; was nach der Sonnenwende 
ausſchlüpft, erreicht Die gehörige Größe nicht und zwar um fo weniger, 
je fpäter es andfommt. ' 

LXXV ııv). 1. Am vortheilhafteften if es, bie Gier Änner- 
halb der erften zehn Tage, nachdem fie gelegt find, bebrüten zu laffen, 
alle oder frifchere find unfruchtbar; fle müflen in ungrader Zahl unter= 


*) Er tritt vielmehr in ben Darm, weßhalb die Küchlein in den 
erfien Tagen nichts zu freſſen brauchen. 
) Keineswegs, ſondern mit dem Kopfe, wie bie übrigen Thiere. 
*) Mit Unrecht, denn folche Zwillinge fommen wirflidy vor. 


7) Nach der Anſicht guter Landwirthe fol 'man nur 15 bie 20 
unterlegen. ' j 





a Zehntes Buch. - 1213 


gelegt werden. Schimmert, wenn man am vierten Tage nach dem 
Beginne des Bebrütens die Eier mit der einen Hand an der Spipe 
gegen das Licht Hält, eine reine, gleichartige Farbe durch, fo werben 
fie als taub betrachtet und find durch andere zu erfeßen. Man fann 
fie auch im Wafler prüfen; ein leeres ſchwimmt, man foll alfo die 
unterfinfenden, das heißt die vollen, unterlegen. Die Prüfung durch 


Schhütteln dagegen verwirft man, weil fle, wenn die Lebensabern fich 
verwirren, nichts erzeugen. Mit dem Brüten läßt man nad) dem 


Neumond den Anfang machen, denn wenn man früher damit beginnt, 
gelingt ed nicht. 2. Bei warmen Tagen werben die Bier ſchneller 
ausgebrütel und fie bringen deßhalb die Küchlein im Sommer am 
einundzwanzigfien, im Winter aber am fünfundzwanzigften Tage. 
Donnert es während des Brütens, fo find die Bier verloren, auch vera 
derben fie, wenn fich die Stimme eines Habichts Hören laͤßt.) Ein 
Mittel gegen den Donner ift ein eiferner Nagel, unter das Strohneſt 
der Bier gelegt, ober Erde von einem Pfluge. Manche Eier aber erzeugen 
auch ohne Bebrütung von felbft, wie in den Miftgruben Aegyptens.’*) 
Bon einem Manne zu Syracus findet fich die Merfwürbigfeit, daß 
er fo lange, zu trinfen pflegte, bis Eier, die man mit Erde bebedite, 
die Brut hervorbrachten. ü " 
LXXVI civo. 1. Sa auch vom Menfchen werben fie zur Reife 

gebracht. Als die Kaiferin Livia in ihrer frühen Jugend mit dem 
Cäfar Tiberiug vom Nero fhwanger ging und fehr einen männlichen 


s 


*) Unwahre Behauptungen; über die abergläubifchen Gegenmittel 
ift Fein Wort zu verlieren. 
») Die fünflliche Ausbeutung der Eier findet jebt noch in Negyps 
“ten un, anderwärts flatt und man bedarf dazu nur einer Wärme 
von 30°, 


1214 C. Plinius Raturgefchichte. 


Nachkommen zu gebären wünſchte, nahm fie zu einer maͤbchen haften 
Vogeldeutung ihre Zuflucht, indem fie ein Ei in ihrem Bufen baäͤhete 
und es, wenn fie es weglegen mußte, einer Amme in den Buſen gad, 
damit die Srwärmung nicht unterbrochen würde, und fie joll Ah in 
ber Deutung nicht betrogen haben. *) Daber vielleidzt die neue Er 
findung, die Gier an einem warmen Orte in Spreu gelegt mit mäßi: 
gem Feuer in bähen und von einem Menfchen wenden au laflen, wo⸗ 
durch zu gleicher Zeit und an einem beflimmten Tage die Brut auf 
riecht. 2. Man erwähnt der Kunft eines gewiflen Hühnerwärters, web 


s 


her fügen fonnte, von welcher Henne jedes Bi gelegt war. Es wird 


auch erzählt, daß man fehon gefehen habe, wie nach bem Tode einer 
Henne die Hähne ſich werhfelfeitig ablösten, auch im Uebrigen ſich 
wie eine Brütende gebäbrdeten und fich des Kraͤhens enthielten. Bor 
Allem erregt es Bewunderung, wenn eine Henne, welche ihr unter⸗ 


gelegte Enteneier ausgebrütet hat, zuerſt die Nachfommenfhaft nicht 


recht anerkennen will, alsbald die zweifelhafte Brut bekümmert zu⸗ 
ſammenruft und zuletzt an dem Rande des Teiches Klaggeſchrei er⸗ 
hebt, wenn die Kuͤchlein nach ihrem Naturtriebe untertauchen. 


LXXVH (Lvin. Die Borzüglichfeit der Hühner zeigt fih an dem | 


aufgerichteten, zuweilen doppelten Kamme, ben ſchwarzen Flügeln, 
dem rohen Schnabel, den ungraben Sehen und manchmal aud an 
einer quer über bie vier andern liegenden Zehe. Zum gottesdienſt⸗ 
lichen Gebrauche werben die Hühner mit gelbem Schnakeb und gelben 


*) Da fie ein Hähnchen ausbrütete und einen Cohn gebar. Livia 

Druſilla war die Gemahlin des angefehenen Feldherrn und 

Staatsmannes Tiberius Claudius Nero, wechem fle Tiberius, 

ben fyäteren römifchen Kaiſer gebar; im Jabhr 39 vor Chr. 

‚wurde fle von ihrem Gemahl an den Triumvir Octavian abge- 
treten. Vgl. Suetonius im Leben des Tiberius, Kap. 14. 











Zehnted Bu. ‚1215 


Füßen, zum Geheimbienfte*) die ſchwarzen nicht als rein betrachtet. 
Bei ihnen ift auch das Zwerggeſchlecht nicht unfruchtbar, was bei 
feiner andern Battung von Vögeln yorfommt, da aber ihre Frucht: 
Barkeit felten. zuverläßig ift, fo fchabet ihr Brüten den Eicrn.t*) 

LXXVIH uvm. Am verberblichften jedoch ift allen Gattungen 
Der Pipps, befonders während der Zeit ter Ernte und der Meinlefe, 
Heilmittel find der Hunger und das Liegen im Rauche, befonders 
wenn biefer mit Lorbeer oder Sevenfraut***) gemacht wird, eine Fe⸗ 
‚ber quer durch die Naſe geſteckt, welche man jeden Tag rüdt, Sutter 
entweder aus Knoblauch mit Mehl, oder mit Wafler angefeucdhtet, 
worin eine Sumpfeule eingeweicht worden ift, pder mif dem Samen 
der weißen Zaunrübe }) gefocht und manches Andere. ++) 

-LXXIX (um. 4. Die Tauben fehnäbeln fi nach einer ihnen 
eigenthümlichen Gewohnheit vor der Begattung; fle legen gewöhne 
Lich zwei Gier, da es die Natur fo eingerichtet hat, daß bei einigen 
Pögeln die Brut häufiger und bei andern zahlreicher if. Die Ringel 

tauben und bie Turteltauben legen meift trei und zwar nicht mehr als 
zweimal im Frühjahre und auch dieß nur, wenn bie erfte Brut umge⸗ 
kommen iſt, und obgleich ſie drei legen, ſo bringen ſie doch nie mehr 
als zwei aus; das dritte, welches taub ift, nennt man Windei. Das 





*) Der guten Göttin (bona den);, deren Feſt befanntlich im Ge: 
heimen und nur von Frauen mit Ausfchluß eines jeden Mannes 
am 1. Mai gefeiert wurbe. 

+) Meil fie nicht alten Eiern gleihe Wärme mitteilen und fle 
deßhalb auch nicht gleichmäßig ausbrüten. 

***) Herba Sabina; yal. B. XXIV, Kap. 61. 
+) Vitis alba, ogl. B. XXXIII, Kap. 16. 
+7) Das einfachſie Mittel ift die Ablöfung der verhärteten Haut, 
welche fich bei dem Pipps an der Spitze der Zunge bildet. @& 


> 


1216 C. Plinius Naturgefihichte. 
Weibchen ber Ringeltaube ſitzt vom Nachmittage bis zum Morgen, 


während ber übrigen Zeit das Männchen. 2. Die Tauben brüten 


immer ein Männchen und ein Weibchen aus, zuerfi das Mämden 
und ani nächften Tage das Weibchen. Bei diefer Gattung figen beide, 
am Tage dad Männchen und bei Nacht dad Weibchen ; fie brüten am 
zwanzigften Tage aus. Sie legen am fünften Tage nach ver Begat: 
tung. Im Sommer bringen fie zuweilen in zwei Monaten drei 
Paare aus, denn fie brüten am achtzehnten Tage and und empfangen 
fogleich wieder; weßhalb fh auch oft Gier unter ven Küchlein finden 


und einige von dieſen fortfliegen und andere erfi außfriechen. Sc: | 


dann hedfen die Jungen, wenn fle fünf Monate alt find, ſchon feld. 
Die Weibchen aber treten, wenn fein Männchen vorhanden iſt, einan⸗ 
“ ber auch felbft und legen taube Eier, aus denen nichts entficht und 
die bei den Griechen Winbeier*) heißen. ° 


X). 3. Der Pfau legt won feinem dritten Jahre an, im erſten 


Sabre ein ober zwei Gier, im nächfien vier ober fünf, in.den folgenden 
zwölf und nicht mehr; er Legt in Zwifchenräumen von zwei ober drei 
Tagen und dreimal ded Jahres, wenn man feine Bier Hennen zum 
Bebräten unterlegt. - Die Männchen zerbrechen diefelben aus Be: 
gierbe nach den Brütenden, weßhalb diefe bei Nacht und in Schlupfs 








winfeln oder in der Höhe fipenh legen; daher zerbrechen bie Gier, 


wenn fie nicht in einem weichen Mefte aufgefangen werben. Jedes 
einzelne Männchen reiht für fünf Weibchen hin und wenn ed nur 
eines oder zwei hat, fo wird die Fruchtbarkeit durch die Geilheit zer⸗ 
fört, Die Brut ſchlüpft nach Dreimal neun Tagen and ober ſpäteſtens 


'*) Blinius gebraucht zur Bezeichnung der fogenannten Windeier | 


verichiedene griechifche Yusbrüde (ova urina, eynosura, hype- 
nemia, zephyria), welche aber alle diefelbe Sache bebeuten. 


4 








\ 
Zehntes Bud. a 1217 


camt dreißigſten. 4. Die Gaͤnfe begatten ſich im Waſſer und legen im 
Frühjahre ober, wenn fie ſich zur Zeit der kürzeſten Tage begattet 
Haben, etwa vierzig Tage nach ber Sonnenwende, und zweimal des 
Jahres, wenn Hühner\ihre erfle Brut ausbringen, übrigens hoͤchſtens 
fechzehn und wenigftens feben Gier. *)' Wenn man fle ihnen meg- 
ſtiehlt, fo legen fie fo lange bis fie berften ; fremde brüten ſie nicht 
aus. Am räthlichften ift, ihnen neun oder elf zum Bebrüten unterzu- 
Tegen.® Nur die Weibchen brüten und zwar dreißig, und wenn fle 
Higiger find, fünfundzwanzig Tage. 5. Ihren Jungen ift die Be⸗ 
rührung der Neffel töbtlich**) und nicht weniger bie, Freßgier, mag es 
nun durch Moberfättigung ſeyn ober durch ihre Anſtrengung, indem 
fie oft, wenn fie eine angefaßte Wutzel mit Beißen loszuziehen fire 
ben, ſich cher den Hals abreigen. Gin Mittel gegen die Nefiel if 
Die Wurzel derfelben beim Beginne des Brütens unter das Strohneſt 
gelegt. 
ax. 6. Man hat drei Arten von Reihern, den Silberreiher, in 
ven Sternreiher }) und den grauen Reihen. }) Diefe quälen fich bei 
der Begattung ab und den Männchen trieft fogar unter Gefchrei Blut 
aus den Augen; nicht weniger mühfam legen bie Trächtigen. Der 
Adler brütet dreißig Tage, wie faft alle größeren Voͤgel, die Fleineren, 
wie ber ri und ber Habicht, nur zwanzig. Gr heit meift ein 
Junges und nie mehr als brei, der Vogel, welcher Schleier: 


*) Die Gänfe legen, wenn fie zwei Jahre alt find, zwölf bis vier⸗ 
undzwanzig Eier. 
**) Unfere Landwirthe füttern die jungen Gänfe fogar mit Neffeln! 
*#) Leucon — arden alba L. Weißer Reiber. 
7) Asterias = ardes stellaris L. auch Robröommel. 
ir). Pellos — ardea oineren L. Gemeiner Reiher. 


1218 C. Plinius Naturgeſchichte. 


eule*) heißt, vier, der Nabe zuͤweilen auch fünf; fie brüten eben fe 

viele Tage.”*) Die brütende Krähe füttert das Männden. 7. Die 

Gifter Hedkt neun Junge, der Schwarzfopf***) über zwanzigt) und 

immer in ungrader Zahl, Fein anderer Vogel aber mehr; um fo viel 

größer iſt die Fruchtbarkeit der Kleinen! Die. Iungen der Schwal: 
ben und faft aller übrigen Vögel mit zahlreicherer Brut ſind Anfangs 
blind. 

LXXX. Die tauben Gier, welche wir Winteier genamt 
haben, ++) empfangen die Weibchen entweder Durch. eingebildete Be: 
friebigung der Wolluſt unter ſich oder duch den Staub, und zwar 
nicht nur die Tauben, fondern audy die Hühner, die Feldhühner, die 
Pfauen, bie Bänfe, die Fuchsgaͤnſe. +r}). *Sie find aber unfruchtbat 
unb fleiner, fo wie von weniger angenehmem Geſchmacke und mehr 
wäflerig.. Manche glauben, daß fle durch ben Wind erzeugt würden, 
weßhalb fie auch Zephyreier heißen; diefe fommen jedoch nur im 

Frühjahre vor,*}) wenn die Brütende Dad Neft verläßt, und werben 
von Andern Hundsſchwanzeier *7) genannt. — Gier mit Eſſig ge: 
beizt, werben fo weich, daß fie burch Fingerringe geben. Am beften 


*) Aegolios —-stryx fammea L. Sie it ohne Zweifel Die Eule 
—5 von welcher die Alten ſo viele abergläubifige Dinge 
erzählen 

*.) Nämlich warzi, ie alle kleinere Bögel. 
*) Bol. oben Kay. 4 
+) Unrichtig; er legt nur ſechs Gier. 
+r) Im vorhergehenden Kapitel $. 2. 
16) Bol. Kap. 29, $. 1. 
*7) Weil im Srübjahre der Zephyr (Weſtwind) weht. 
**7) Bermuthlich brachte fle der Aberglaube mit dem Geſtirne, wels 
ches Hundsſchwanz (oynosura), gewöhnlich aber der kleine Bär 
beißt, in irgend eine Verbindung. 


#6 


- 


nn) 


Zehntes Bud: | 1219 


ew ahrt man fle in Bohnenmehl, oder im Minter in Spren, im Som: 
ner in Kleien auf; im Salze, glaubt nlan, werben fle leer. 

LXXXI (ı.xın. Bon den Bögeln gebiert nur die Fledermaus *) 
ebendige Junge und nur fie. hat Häutige Flügel; fle nährt allein von 
»en DVögeln mit Mil und reicht die Brüfte. Die Mutter umfaßt 
beim Fluge ihre beiden Jungen unb trägt fie mit ſich fort. Sie ſoll 
nux ein Hüftbein haben und als Speife find ihr die Müden am 
lĩe bſten. 

LXXXH cıxun. 1. Dagegen legen unter, den Landthieren die 

Schlangen, , von denen noch nicht gefprochen worden ift, Gier, Sie. 
begatten fi durch Umfchlingung und wickeln fich fo um einander her: 
um, daß man fie für eine einzige mit zwei Köpfen halten Tönnte. Das 
Mäunnchen der Biper ſteckt ihr den Kopf in das Maul und ſie nagt ihn 
in der Süßigfeit der Wolluſt ab.“) Sie allein von den Landthieren 
Legt in fich ſelbſt einfarbige und weiche Eier, wie die Fiſche. 2.- Am 
dritten Tage bringt fle innerhalb der Bärmutter die Jungen aus und 
gebiert dann an jedem Tage eines und gewöhnlich zwanzig an der 
Zahl; die legten durchbrechen deßhalb, des Wartens überbrüßig, bie 
Seiten und tödten dadurch ihre Mutter. ***) Die übrigen Schlangen 
bebrüten ihre zufammenhängenden Eier auf der Erbe +) und bringen 
die Brut im folgenden Jahre aus. Bei den Krofodilen brüten Männ⸗ 
chen und Weibchen abwechfelnd. — Doch wir müſſen auch die Fort: 
pflanzung der Übrigen Landthiere darthun. 





) Sie gehört bekanntlich nicht zu den Vögeln. 
**) Alte Babeln, die feiner Widerlegung betürfen. 
++) Neuere Natürforfcher haben von diefer gewaltfameh Selbſt⸗ 
entbindung noch nichts bemerkt. 
+) Die Schlangen und. die Krokodile überlaſſen bekanntlich das 
Ausbrüten ihr ter Gier der Sonne und der Wärme ber Luft. . 


* 


1220 G. Plinius Naturgeſchichte. 


LXXXIII (CLAN). 1. Bon den Zweifißlern gebiert der SZenſcq 
- allein lebendige Zunge. Nur der Menſch fühlt nad, der erſten Be: 
gattung Reue und eine Borbeveutung für dad Leben if wahrlich ſchon 
ver bereuungdtvürbige Urfprung deffelben. Die übrigen Thiere begat- 
ten ſich nur zu beflimmten Zeiten des Jahres, der Menſch, wie ſchon 
* bemerft wurbe,”) zu jeder Stunde bed Taged un) der Naqht: auch 
findet bei ihnen eine Sättigung in der Begatiung flatt, Bei dem Ben: 
fchen faft feine. Meflalina, die Gemahlin des Claudius Cäſar. wel&e 
die Siegespalme hierin einer Fürſtin würdig erachtete, mwäglte ſich 
zum Wettlampfe unfer den Luſtdirnen die berüchtigtſte Lohnhurenmagd 
und beflegte fle, indem fie während des Zeitraumes einer Nacht un: 
eines Tages fünfundziwanzigmal den Beifchlaf aushielt.**) Bei dem 
Menichengefchlecht Haben die Männer Abwege in der Liebe, und zwar 
alle zum Hohne ber Natur, die Weiber aber die Abtreibung ber Lei⸗ 
besfrucht erbacht. Um wie Vieles find wir in diefer Beziehung Aral: 
licher als die wilden Thiere? Daß die Männer im Winter, die 
Weiber im Sommer begieriger nach dem Liebeöwerfe find, berichte: 
Heflodus. ***) — Rückwaͤrts begatten ſich die Elephanten, die Ka: 
meele, die Tiger, bie Luchfe, dad Nashorn, der Löwe, der Hafe und die | 
Kaninchen, weil ihre Zeugungstheile rückwärts gelehrt find. Tu 
Kameele fuchen auch Cinöden oder wenigftend abgelegpne Orte und 
ohne Gefahr ift nicht dazu zu Tommen. }) Ihre Begattung dauert 


*) B. VIE, Rap. 4. | ' ' 
..**) Die Audfchweifungen diefer Kaiferin,, einer Tochter ded Eon: 
ſuls Meſſala Barbatus, fchildert Juvenal (Satyr. VI, 116 f.) 
mit den grellften Karben. Sie wurde im Jahr 48 vor Ehr. 
Hingerichtet. 
***) Werke und Tage, 586, \ 
) Die Kameele find bekanntlich während ber Brunſtzeit fehr 


. 


— — 


Zehntes Bub. 1221 


irren ganzen Tag und dieß iſt bei ihnen allein von allen Thieren mit 
asıgefpaltenem Hufe der Fall. Bei dem Geſchlecht der Vierfüßler 
-eizt die Männdyen der Geruch. ' Die Hunde, die Robben und bie 
283 51fe drehen ſich mitten in der Degattung um und bleiben auch wiber 
ihren Willen zufammenhängen. Bei den meiften ber oben genannfen 
Thiere mahen bie Weibchen beim Befpringen den Anfang, kei den 
Brigen die Maͤnnchen. 3. Die Bären liegen, wie ‚fchon geſagt 
zWaurde, *) nach menſchlicher Weife hingeſtreckt, Die Igel ſtehen beibe 
zznd umſchwingen einander, bei den Raben fteht das Männchen und 
Das Weibchen liegt unter ihm, vie Füchfe liegen auf der Seite und 
Das Weibchen umfaßt das Männchen. Die Weibchen der Stiere und 
Hirſche ertragen die Gewalt nicht und fehreiten deßhalb Bei der Ems 
pfängniß. Die Hirfche gehen abwechfelnd von einem Meibchen zum 
andern und fehren dann zu dem erfien zurück; die @ibechfen , fo wie 
afle Thiere ohne Füße verrichten dad Liebeswerk, indem fie fih um 
einander herumfchlingen. — 4. Je größer fämmtliche Thiere dem 
Körper nach find, deſto weniger fruchtbar find fie; die Elephanten, bie 
Kameele und die Pferde befommen jedesmal nur ein Junges, der 
Diftelfink, **) der Heinfle Vogel, zwölf; am ſchnellſten gebüren die⸗ 
jenigen, weldje die meiften befommen. Ie größer ein. Thier ift, defto 
länger dauert feine Bildung im Mutterleibe; länger werden die ge⸗ 
tragen, welche eine längere Lebensbauer haben, und fo lange fie wach⸗ 
ſen, iſt ihr Alter nicht reif zur Fortpflanzung. Die Thiere mit feften 
Hufen werfen ein Junges, bie mit gefpaltenen auch Zwillinge. Dies 


wild: doch begatten fich wenigftend | die zahmen in Gegenwart 
des Menfchen. 


*) 3. VII, Ray. 54. 


**) Acanthis, weiter oben (Ray! 57) carduelis genannt. « 


1222 C. Plinius Naturgeſchicht. 


jenigen, deren geſpaltene Füße in Zehen getheilt ſind, haben eine 
zahlreichere Nachkommenſchaft. 5. Die erfleren*) bringen jedoch 
fämmtlich ihre Jungen ausgebiltet zur Welt, biefe**) nur ange- 
fangen; zu dieſer Gattung gehören die Löwinnen und die Bärinnen; 
die Füchſin wirft noch unförmlichere,”**) als die vorher genannten, 
und es ift felten, fie beim Werfen zu fehen. Sie alle erwärmen und 
geftalten darauf ihre Jungen durch Lecken; fie werfen meiit vier. — 
6. Blinde Zunge befommen die Hunte, die Wölfe, die Banther ur 
die Schakals. Es gibt mehrere Arten von Hunden; bei ben lafoni- 
ſchen +) find beite Gefchlechter im achten Monate zeugungsfähig:; fie 
tragen fechzig Tage, Höchftend drei Tage mehr. Die übrigen Hün: 
dinnen dulden fchon die Begattung wenn fie Balbjährig find, alle wer: 
den durch eine Begattung trächig. Wenn fie vor der gehörigen Zeit 
empfangen, bleiben ihre Jungen blind, do nicht alle gleich viele 
Tage. Man glaubt, daß fie, wenn fle etwa ein halbes Jahr alt find, 
beim Harnen dad Bein aufheben, und dieß ift das Zeichen der voll: 
Rändigen Entwicklung ihrer Kräfte, die Weibchen boden fich dabei 
7. Die Zahl ter Jungen beläuft fish bei denen, welche deren am mei: 
ften befummen, auf zwoͤlf; fonft haben fle fünf, feche, zuweilen nur 
.eined, was jedoch eben fo gut als ein Wunderzeichen gilt, als wenn 
afle nur Meibchen oder alle nur- Männchen find. Auch w fen fle zu⸗ 
erft nur Männchen, in der Folge wechfeln fie ab; ſechs Me nate, nach⸗ 


*) Welche ungefpaltene Hufe haben. 
”*) Mit gefpaltenen Hufen. 
***) ine ſehr irrige Behauptung. 
1) Wahrfcheinlih von ihrer Heimath Laconien fo genann 
Buffon heißen fle lafonifch ‚weil fie wenig und furz bau .. 
sindet deßhalb in ihnen unfern Schäferhund. 


2! ’ Zehnied Bud. | 1223 
dem fie geworfen, laffen fle fich wieder belegen. Die Iafonifchen wers 
fen acht; die Männchen diefer Art zeigen bei der Arbeit eine eigens 
thũmliche Munterfeit; fle leben zehn Jahre, die Weibchen zwölf; bie 
übrigen Arten fünfzehn, zuweilen auch zwanzig; fle zeugen nicht ihr 
ganzes Leben hindurch , fondern hören etwa mit dem zwölften Jahre 
auf. Bei den Kaben und Pharaondratten*) verhält fich ſonſt Alles 
wie bei.den Hunden, doch leben fle nur ſechs Jahre. **) — 8. Die 
Kaninchen) feßen jeden Monat und werben überfruchtet, wie 
die Hafen; fie laflen ſich, wenn fle gefeht haben, fogleich wieder 
ſchwängern und empfangen, obgleich die Jungen noch an den ditzen 
ſaugen; ſie ſetzen aber blinde Junge. Die Elephanten werfen, wie 
wir geſagt haben, }) ein Junges von der Groͤße eines vierteljährigen 
Kalbes. Die Kameele tragen zwölf Monate, werfen in ihrem britten 
Jahre im Krühling und werden ein Jahr, nachdem fie geworfen Haben, 
wieder trächtig; die Stuten aber glaubt man fchon am britten oder 
auch am erften Tage, nachdem fie gefüllet, wieder befchälen laſſen zu 
fönnen und zwingt-fle dazu. Auch das Weib fol am flebenten Tage 





*) Pr vgl. 3. VII, Kap. 35. 
**) (ine -Talfche Behauptung , weninftend was’bie Rate betrifft, 
denn;fle wird über zwölf Jahre alt; da die Pharaondratte zwei 
Jahre zu ihrem Wachsthum braucht, fo feheint auch ihre Lebens 
zeit zu kurz angeſetzt zu feyn. 
⸗es) Bi:ins bleibt fich in der Anwendung bed Worted dasypus 
nicht gleich und braucht es bald für Kaninchen, das fonft bei 
ihm oanioulus heißt, bald für Hafe (fonft lepas) nach Ariftos 
teles, welcher das Kaninchen nicht kannte und den Hafen bald 
Aayöc, bald Saavnovs nennt. Kommt alfo dasypus mit lepus 
vat, fo muß man es mit Kaninchen und fleht eö neben oani- 
EAlus, mit Hafe überfehen. | 
+) In dieſem Kapitel $. 4, und B. VIII, Kay. 10. 
s Plinius Naturgeſch. 10. Bon. . U 





1224 C. Plinius Naturgeſchichte. 


wieber ſehr leicht empfangen. 9. Man räth am, den Stutm die 
Mähnen abzufcheeren, damit fle die Eruiebrigung, fich von Eſch be- 
fpringen zu laſſen, dulden, denn fo lang fie die Mähne Haben, fin 
auf diefen Schmud ſtolz. Sie allein von allen Thieren laufen nat 
ber Begatiung gegen den Nordwind ober ben Südwind, je naddem 
fle ein Männchen oder ein Weibchen empfangen Haben. *) Sie ändern 
fogleich die Farbe und das Haar wird röther oder, wie biefes ar 
fonft ſeyn mag, dunkler; auf dieſes Zeichen hin läßt man fle, auch gegen 
ihren Willen, nicht mehr befpringen. Das Füllen hindert Manche 
nicht an der Arbeit und man merft nicht, daß fie traͤchtig find. So 
- finden wir, daß eine trächtige Stute des Thefialierd Gchecrates zu 
Olympia geflegt habe. 10. Fleißige Beobachter bemerken, daß die 
Pferde, die Hunde und bie Schweine des Morgens nach ver Begats 
tung lüftern find, die Weibchen aber am Nachmittage liebkoſen, daß 
* die zahmen Stuten fechzig Tage früher roflen ald die zu einer Heerde 
gehörenden, daß nur die Schweine bei der Begattung Schaum aus 
dem Rüflel fließen Iaflen, daß ber Cber, wenn er die Stimme ber 
brünſtigen San hört und nicht zu ihr gelaffen wird, ſich des Fraßes 
enthält bis zur Abmagerung, die Weibchen aber fo wilb werben, dag | 
fie den Menichen zerfleifchen, beſonders wenn er.ein weißes Kleid an 
Hat. Diefe Muth läßt nach, wenn man die Gefkhlechtätheile mit 
Effig beſprengt. Die Begierde zur Begattung foll auch durch Rab: 
zungsmittel entftehen, fo bei bem Manne durch die Raute, **) bei dem 
Viehe durch die Zwiebel. Wunderbar iſt es, daß die wilden Thiere, 
wenn man fie zähmt, ſich entweder gar nicht fortpflanzen, wie bie 
Gänfe, ober doch nur fpät, wie die Eher und Hirſche, und auch nur 


„) Alter Aberglaube, 
» Bol. B. XIX, Kay. 44. 





Zehntes Buch. | 1225 


dann, wenn man fie von Kleinem vuferzogen hat. Die Weibchen‘ 
der Vierfüßler weifen, wenn fle traͤchtig find, die Begattung ab, mit 
Ausnahme der Stute und der Sau; aberfruchtet werden aber nur das 
Kaninchen und der Haſe. 


.LXXXIV av). Alle Thiere, welche lebendige Junge gebären, 
Eommen mit dem Kopfe zuerft zur Welt, da ſich die Frucht, welche 
vorher in der Bärmutter ausgeſtreckt war, bei der Geburt umdreht. 
Die Vierfüßler liegen im Mutterleibe mit der Länge nach geſtreckten 
und an den Bauch angefchloffenen Beinen; der Menfch ift in fich felbft 
zufammengeballt und die Nafe ſteckt zwifchen ven beiden Knieen. 
Mondkälber, wovon wir ſchon früher *) gefprochen haben, entitehen, 
glaubt man, wenn das Weib nicht vom Manne, fondern nur von ſich 
felbft empfangen Habe; fle feyen deßhalb auch nicht befeelt, ſondern 
 Hefäßen nur durch fich felbft jenes ernährende Leben, welches ven 
Bilanzen und Bäumen eigen fey. Bon allen Thieren, welche ausge⸗ 
Kildete Junge befommen , werfen nur die Säue deren auch fehr viele 
und ebenfo mehrere auf einmal, ganz gegen bie Natur ber Vierfaßler 
mit feſtem und mit geſpaltenem Hufe. 


LXXXV (ıxvi,- 4, Ueber Alles gebt aber die Fruchtbarkeit der 
Mäufe und man fann nur mit Zurückhaltung davon fprechen, obgleich 
man den Ariftoteles**) und die Krieger Aleranders des Großen als 
Gewaͤhrsmaͤnner hat. Man fagt, daß ihre Fortpflanzung durch 
Lecken und. nicht durch Begattung flattfinde, und erzählt, daß eine ein= 
zige hundert und zwanzig Junge gehabt und daß mar in Perflen 
folche ſchon trächtig im Mutterleibe gefunden Habe. Auch durch ben 


58 VIE Kap. 10,8. . 
**) Hist. animai. Vi, 37 en 
7* 


12265 6. Plinius Naturgefchichte. 


Genuß des Salzes follen fie trächtig werben.) Gs hört alfo auf 
wunderbar zu feyn, warum eine folche Unzahl von Felomäufen **) bie 
Ernten verwüftet; doch bleibt ed und immer noch verborgen, auf 
welche Weife diefe Menge ylöglih umfommt,***) denn man findet 
weder tobte, noch kann Jemand aufireten, der im Winter eine Maus 
auf dem Feld ausgegraben hätte. 2. Die meilten kommen inbeflen 
bei Troas }) zum Vorſchein und fle haben fchon die Einwohner von 
vort vertrieben. Am meiften nehmen fie bei der Dürre überhanp; 
auch foll, wenn fle fierben wollen, in ihrem Kopfe ein Würmchen ent 
Reben. Die aͤgyptiſchen Mäufett) haben hartes Haar, wie bie 
Igel; fie gehen auf zwei Füßen, wie auch die Alpenmäufe. ++F) — 
Wenn THiere verfchiebener Art ſich begatten, fo zeugen fie nur, wenn 
fle eine gleiche Tragzeit Haben. Daß von ben Gier legenden Bier: 
füßleen die Eidechſen mit dem Maule legen, wie man gewöhnlid 
glaubt, ftelit Ariftoteles*+) in Abrede; auch brüten fle nicht, weil fle 
vergefien, an welchem Ort fie gelegt haben, denn dieſes Thier Hat 
fein Gedächtniß;**}) die Jungen Friechen alfo von ſelbſt aus. 


*) Daß alle diefe Behauptungen weit von der Wahrheit entfernt 
And, braucht kauni bemerkt zu werben. ’ 
**) Mus agrestis = mus sylvaticus LO 
9) Dan weißt jept, daß fle nad) der Ernte weiter wanbern. 
+) Bel 8. IV, Kay. 33, 8.1. - ’ 
+7) Mus aegyptius' — Dipus aegyptius, Jerboa. 

Ttt) Mus alpinus, Murmeltbier, welches Wort übrigens doch wohl 
nur ir anfaliung der Benennung mure montano (Berg» 
maus) if. . | 

°f) Hist animal. V, 4. 

”p) Der Mangel an Gedaͤchtniß kann Hier nicht in Anſchlag ge 

ee, bie @ier der meiſten Amphibien entwickeln fh 





Zehntes Bud. 1227 


LXXXVI axvm. Daß eine Schlange aus dem Rückenmarke 
Des Menſchen fi erzeuge, vernehmen wir von Bielen,*) denn das Reiſte 
entſteht aus einem verborgenen und unſichtbaren Urſprung, ſogar bei 
dem Geſchlechte ver Vierfüßler, 

xviij). fo der Erdmolch, **) ein wie die Eidechſe geſtaltetes und 
fernartig gezeichneted Thier, welches nur bei großen Regengüffen zum 
Vorſchein Sommt und bei heiterem Wetter verſchwindet; es hat eine 
ſolche Kälte in fih,, daß es das Feuer durch feine Berührung , grade 
fo wie Eis, austöfcht. Wenn fein Geifer, der mildartig aus dem 
Munde läuft, irgend einen Theil des menfchlichen Koͤrpers berührt, 
fo fallen alle Haare aus und bie berührte Stelle ändert die Farbe in 
„in DMaal.**) \ | 

LXXXVII (xx). 4. Manche Tiere aber entfliehen aus nicht 
gezeugten Wefen und ihr Urfprung iſt in keiner Weife dem der andern 
ähnlich, welche oben genannt wurden und bie eine beftimmte Jahres: 
zeit Hervorbringt!: inige von diefen zeugen nichts, wie bie Erd⸗ 





*) Und doch ift es lächerlicher Unſinn. 
**) Die Entftehung des Erdmolchs (Salamanders) ift fein Geheim⸗ 
ib; oo Weibchen gebiert lebendige Junge und zwar in großer 
nzahl 
») Der Saft, welchen der Erdmolch, wenn er gereizt wird, aus 
den Drüſenwülſten hinter dem Kopfe und aus den Warzen auf 
dem ganzen Leibe austreibt, tft Scharf und flinfend und wirkt in 
den Eingeweiden buch Entzündung toͤdtlich, hat aber auf die 
Haut wenig oder feinen Einfluß. Sept man ihn auf glühenbe 
Kohlen, fo läßt er ebenfalld den Saft und diefer mag audy 
- manchmal das Feuer, wenn ed unbedeutend id, auloͤſchen. 
Alte übrigen hier und weiter unten (B. XXIX, Kap. 23) 
dem Salamander sugefhriebenen Gigenfhaften find Ueber⸗ 
treibung. | 


—— [BE En — — — — 


1228 C. Plinius Naturgeſchichte. 


molche,) amd ſie find weder männlichen noch weiblichen Geſchlechts, 
fo wie auch die Aale**) und alle, welche ſich weder dureh ein lebens 
diges Junges, noch durch ein Ei fortpflanzen; auch die Aufern*"*) 
und die übrigen auf dem Meereögrund oder am @eflein haͤngenden 
Thiere Haben fein Geſchlecht. 2. Diejenigen aber, welche durch fi 
ſelbſt entfliehen, zeugen zwar, wenn fle in Männchen und Weibchen 
zerfallen, etwas durch die Begattung, was jedoch unvollfonmen und 
ihnen unäßnlich if und woraus nichts weiter gezengt wird, fo bie 
Müde die Moden. +) Dieß wird noch klarer durch bie natürliche Bes 
fchaffenheit der fogenannten Inteften, welche alle ſchwer zu befchreiben 
find und in einer ihnen befonders gewidntefen Arbeit 47) behandelt 
werben mäflen; deßhalb foll Hier noch zum Schluffe der Raturanlage 
ber vorher genannten Tiere und was fonft noch von ihnen zu bes 
merfen ifl, erörtert werden. — , 
LXXXVII cıxx). Unter den Sinnen iR das Gefühl und dann 
der Geſchmack bei dem Menſchen vorzüglicher als bei den andern 
Thieren, in den übrigen wird er von vielen übertroffen. Die Adler 
fehen fchärfer, die Geier haben einen feineren Geruch und die Maul: 
würfe hören genauer, obgleich fie in ber Erbe, dieſem fo dichten und 
tauben Naturfloffe, vergraben find, und obfchon außerdem jeder Laut 
aufwärts ſtrebt, fo hoͤren fle es doch, wenn man fpricht, und follen 


) Das Gegentheil wurde bereits bemerkt. 
*) Man ift jetzt noch nicht über vie Fortpflanzung der Yale ganz 
im Klaren, doch laichen fie wahrfcheinlich. 

**) Ob e8 Männchen und Weibchen unter den Anflern gebe, if 
noch nicht entſchieden, doch ift es unwahrfcheinlih,, ba fie fi 
nicht beivegen fünnen. . 

T) Daß aus der Mate die Mücke entficht, iſt jet befannt. 

11) Im naͤchſtfolgenden Buche. | 





Behntes Bud). 1229 


auch merken, wenn von ihnen die Rede iſt, und enlfliehen. Dem 
Menſchen, welchem zuerſt das Gehoͤr verſagt iſt, entgeht auch die 
Gabe der Sprache und keiner iſt von Geburt taub, der nicht auch 
ſtumm wäre. Daß unter den Seethieren die Auſtern Gehoͤr haben, 
iR nicht wahrſcheinlich; die Meflerfcheiden”) aber follen bei einem 
Geraͤuſch untertauchen,, deßhalb ‚beobachten auch die Fifcher auf dem 
Meere Stillfchiweigen. 

LXXXIX (2x1). Die Fifche Haben zwar weber Gehoͤrwerkzeuge 
noch Ohrlöcher **) und doch ift offenbar, daß fle Hören, wie ſchon aus 
der Wahrnehmung hervorgeht, daß in manchen Behältern vie unge: 
zähmten gewöhnt find, fich beim Klatfchen zum Fraße zu verfammeln 
und daß in den Fifchteichen des Caͤſars die verfchiedenen Arien von 
Fiſchen und auch manche einzelne, went man fie beim Namen ruft, 
herbeikommen. So follen auch die Meeraͤſche, der Wolfobaͤrſch, ber 
Goldſtriemen und der Seerabe.***) ſehr genau hören und beßhalt auf 
Den Untiefen leben. 


XC. 1. Daß fie Geruch Haben, liegt Har zu Tage, benn nicht 
alle laſſen fi mit demfelben Köder fangen und fie riechen daran, ehe 
fle anbeißen. Manche, welche in Höhlen verborgen liegen, treibt der 
Fiſcher dadurch heraus, daß er bie Zugänge bes Felſens mit Salzſiſch 
beftteicht, vorwelchem fle, als ob fle ihr Aas erfenneten, fliehen. Auch 
aus der Tiefe kommen fie bei gewiffen Gerüchen, wie von gebrannten 


*) Sole, befonders solen vagina, welche ſich bei annähernder 
Gefahr fogleich zurüdzieht und durch Lift gefangen werben 


**) Gehörwertzeuge find allerdings vorhanden und flatt der Pau⸗ 
kenhoͤhle dient dad Kiemenlodh. 
.»* neber diefe Fiſche vgl. B. XI, Kap. 9, 24 und 32, 





4 


1230 G. Plinius Naturgeſchichte. 


Dintenſchnecken and Armkraken,“) zuſammen, weßhalb man ſolche in 
die Reufen wirft. Vor dem Geruch der Grundſuppe in den Schiffen 
fliehen ſie zwar weit hinweg. am meiſten jedoch vor Fiſchblut. 2. Der 
Armkrale läßt ſich von den Felſen nicht losreißen, wenn man aber 
Pfefferkraut?“) an ihn bringt, fährt er fogleih vor dem Seruche 
zurüd. 9: die Purpurfchneden werben mit flindlenden Dingen ge- 
fangen... Und wer möchte diefen Sinn bei den übrigen Thierarten in 
Abrede ſtellen? Der Geruch des Hirſchhorns und noch weit mehr 
des Storar ***) jagt die Schlangen in die Flucht; der Geruch bes 
Wohlgemuthes +) oder des Kalks oder des Schwefels toͤdtet bie 
Ameiſen; die Schnaden gehen dem Sauern nach, nach Süßem fliegen 
ſie nicht. 
axxın. Den Gefühlöfinn haben alle, ſelbſt die, welchen jeder 
Andere fehlt, denn er zeigt ſich fogar an den Auſtern und bei ben 
Landthieren an den Würmern. > 

XCI. Ich möchte glauben, daß afle audy den Gefchmadöflun 
befißen, denn marum gehen die einen hiefer, und bie andern jener 
Lieblingsfpeife nah? Sogar hierin zeigt ſich die befonzere Macht 
der allichaffenden Natur. inige faſſen ihre Beute mit den Zähnen, 
andere mit ven Klauen; einige mit krummem Schnabel pflüden, andere 
mit breitem reißen um, andere mit fpigem höhlen aus; einige faugen, 
andere lecken, fchlürfen, Eauen, ſchlingen. Nicht geringer iſt die Ver⸗ 
ſchiedenheit im Gebrauche ihrer Füße, womit fie hafchen, zerreiſſen, 
fefthalten, treten, füch anhängen und ohne Aufhören den Boben fragen. " 


*) Bol. B. IX, Kap. 44. 

) Cunila, Saturei, vgl. B. XIX, Ray. 50. B. XX, Kar. 61. 
*) Styrax, vgl. B. XII, Kay. 40. 
1) Origanum, vgl. 8. XX, Kay. 67. \ 








Zehntes Bu. 1231 


_XCH xxim. Die Gemfen und, wie wir ſchon gefagt haben,*) 
Die Wachteln, gewiß die frieblichften Thiere, mäften ſich mit Gift: 
fräutern, die Schlangen aber mit Eiern und befonbers iſt dabei die 
Kunſt der Draden bemerkenswert; denn entmeber verfchlucen fle 
diefelben, wenn ihr Schlund fie ſchon zu faſſen vermag, ganz, zerbrüs 
* een fie dann, indem fle fi um fich felbft wideln, in ihrem Innern 
und huſten die Schalen Heraus, oder halten fie, wenn fle in ihrer 
Jugend noch zu zart find, mit einer Kreiswintung feft, drücken fie 
allmalig, aber kräftig, fo daß dereine Theil fich wie durch ein eifernes 
Werkzeug abldst, und fchlürfen dann den andern, welchen fle um⸗ 
ſchlungen halten, aus. Auf ähnliche Weiſe brechen fie, wenn ſie 
ganze Bögel virfchlungen haben, vie mit Aftrengung heraufgewůrg⸗ 
ten Federn wieder aus. 


XCIII. 1. Die Scorpione leben von Erde; bie Schlangen find, 
wenn ſich Gelegenheit dazu bietet, befonders füfern nach Wein, ob: 
gleich fie fonft nur wenig Tranf bedürfen, auch nehmen fie, wenn fle 
eingefchloflen gehalten werden, nur äußerſt wenig und faft feine Speiſe 
zu ſich, fo wie auch die Spinnen, welche fonft vom Sangen Teben; 
deßhalb kommt auch Fein giftiges Thier durch Hunger oder Durft um; 
denn fie haben weder Hige, noch Blut, noch Schweiß, welche die 
Freßgierde durch das ihnen eigenthümliche Salz fhärfen. 2. Alle 
Thiere diefer Gattung find weit verberblicher, wenn fie ihres Gleichen 
gefreflen haben, ehe fle ſchaden. Das Gefchlecht der Sphingen und 
Satyım**) birgt die Speife In den Barentafchen, von da holen fle 
"dann biefelbe mit den Händen, allmätig zum Kauen hervor und thun 


u‘ 


*) Rai. 33, $. 4. 
) Affenarten, vol. ® vii, Ray. 30 und 


1232 G. Plinius Naturgeſchichte. 


fo, was bie Ameiſen für das ganze Jahre thun, für jeden Tag und 
jede Stunde. 

xzıv). Bon den Thieren, welche Zehen haben, nährt ich nur 
ein einziges, nämlich der Hafe, von Kraut davon und von Felbfrücdhten 
leben die Thiere mit fehlen Hufen und von denen mit gefpaltenen 
frefien die Schweine Alles, fogar Wurzen. Den Thieren mit feſten 
Hufen if das Wälzen eigenthümlich. 3. Fleiſchfreſſend find alle mit 
fägenartigen Zähnen; bie Bären leben auch von Feldfrüchten, Blät: 
tern, Weintrauben und Obſt, auch von Bienen und fogar von Krebfen 
und Ameiſen, die Wölfe, wie wir ſchon gefagt baben,*) wenn fie 
Hungrig find, auch von Erbe. Das Schaafvich wird durch Saufen 
fett, deßhalb ift ihm Salz am zuträglichften, ebenfo das Zugvieh, ob: 
ſchon es dazu auch Felvfrüchte und Kraut braucht, aber je nachdem es 
fäuft, frißt es auch. Außer den ſchon genannten kauen unter den 
Waldthieren auch die Hirfche wieder, wenn fle von und anfgejüttert 
werben; alle aber lieber liegend als fiehend und mehr im Winter ala 


im. Sommer , etwa fleben Monate lang, Die pontifden Mäufe**) 


fänen auf gleiche Weife wieder. . 
XCIV. 1, Beim Saufen aber. leden bie Thiere mit ſaͤgeartigen 


Zähnen, ebenſo unfere gemeinen Mäufe, obſchon ſie zu einer andern 
Gattung gehören, die mit zufammenhängenden Zähnen fhlürfen, wie 


die Pferde und die Ochfen; die Bären thun weber das Bine noch das 
Andere, fondern fchlingen auch dad Wafler mit einem Big hinunter. 


In Afrika fäuft der größte Theil der Thiere aus Mangel an Regen _ 


nicht, weßhalb die gefangenen libyfchen Mäufe, ***) wenn ſie fanfen, 





*) 38. VII, Ray. 34. 
u) Pol. B. VIII. Kap. 
*9 Sind wohl — Zeanſe, welche weiter oben (Kap. 85) 





Zehntes Bud. 1233 


terben. Die ewig waſſerarmen Gegenden Afrika's bringen bie Spies⸗ 
zemfe *) hervor, welche durch die Beſchaffenheit ihrer Heimath bes 
Trankes entbehrt und doch wunderbarer Weiſe den Dürftenden als 
Befriebigungsmittel dient; denn nur mit dieſer Hülfe halten es bie 
zätuliſchen Räuber**) aus, indem fie in ihrem Körper Blafen mit 
Außerft gefunber Flüſſigkeit finden. 2. In demfelben Afrifa ſitzen die 
Barder***) auf einem dichten Baum in den Neften verſteckt, ſpringen 
auf die vorübergehenden Thiere herab und rauben vom Eige ber 
Bögel aus. Und mit welchem Schweigen, mit wie leifen Tritten bes 
fchleichen die Kapen die Vögel! Wie verborgen lauernd fpringen fle 
auf die Mänschen los! Ihren Unrath bedecken fie mit aufgeſchaxtter 
Erde, weil ſie wiſſen, daß dieſer Geruch ihr Verraͤther iſt. 


XCV (ıxxv). 1. Daß es alſo noch einige andere Sinne als die 
oben genannten gebe, wird ohne Schwierigkeit klar, denn es zeigen 
fich unter ven Tihieren auch Kriege und Freundfchaften, daher auch 
Triebe noch außer denjenigen, welche wir von den einzelnen an den 
betreffenden Steffen angeführt haben. In Zwietracht leben bie 
Schwäne und die Adler, der Rabe und der Grünling, }) welche bei 

Nacht gegenfeitig ihre Cier auffpüren, auf gleiche Weife der Rabe 
and ber Weib, indem jener biefem das Futter wegichnappt, bie 





ägyptiſche heißen und wirflich weder fäufen, noch irgend ein mit 
Waſſer getränktes Kutter berühren. 

*) Bol. 8. VIIL Kay. 79. 

*) Die Bätuler, die Vorfahren der jegigen Berbern, waren ein 
fehr rohes, wildes Volk und - wohnten füdlich von Marocco, 
Algier und Tunis, 


se) Bol. 8. VIEL, Rap. 17. | | 
+) Chloreus — Loxia chloris L. | ' 





1234 C. Plinius Voeturheſchiht. 


Kräben und die Sumpfenle, die aAdler und der Zaunkoͤnig ) un 
zwar, wenn wir es glauben wollen, weil biefer der König der VBöge 
genannt wirb, die Sumpfenlen und die übrigen Fleineren Bögel. 
2. Auch zwiſchen den Vögeln und ben Landthieren ift Feindſchaft, Ic 
zwifchen der Wiefel und der Krähe, der Turteltaube und ber Bora: 
{i8,**) den Jchneumonwespen ***) und den Walzenfpinuen,t) ber 
Maflernögeln und ven Möven, dem Roſtweih +) und tem Bus: 
aar, 77 7) den Spitzmäuſen und den Reihern, welche wefelfeitig ihren 
Jungen nachftellen, ver Blaumeife, *+) einem fehr Heinen Bogel, un: 
dem Gel, denn wenn der letztere, um ſich zu kratzen, an den Dorr: 
hecken Hinftreift, zerſtoͤrt er bie Nefter bes andern, was diefer fo ſehr 
fürchtet, daß er, wenn er ihn nur frhreien hört, die Eier Herauswir': 
and bie Jungen felbft vor Furcht herausfallen ; ex fliegt deßhalb ani 
ihn und pickt ihm mit dem Schnabel die Gefhwüre aus. Die Füchſe 
find den Sperbern **+) verhaßt, die Schlangen ven Wieſeln und den 
Schweinen. 3. Schmetlins +) heit ein Heiner Vogel, welcher dir 


) Bol. B. VII, Kay. 37, . 2. 

**) Nach B. XL, Kap. 42 cin vierfüßiges seflügeltes hier von 
der Groͤße einer ftarken Muͤcke, welches angeblich im Feuer lebt, 
woher es auch feinen Namen Byralis (Feuerthier) Hat; es 
bürffe in ber Wirflichfeit ſchwer nachzuweifen feyn. | 

**) Ichneumon respa; ſehr wahrſceinuch bie Sandwespe (ammo- 
phila sabulosa). Vgl. B. XL, Kap. 2 

+) Phalangion araneus — phalangium Araneoides, Vgl. 3. XL 
Kay. 28. 

t}) Harpe = Falco rufus L. 

f) Bal. oben Kap. 9, 8.1. 
: *F) Aegithus = parus oneruleus. 
*+) Nisus = Falco nisus L. 
7) Aesalon = falco nesalonL., der Heinfte unter den inlaͤndiſchen 
Balfen, daher auch Swergfalfe genannt. . | 


gehnies Buch. 4295 


kier des Naben zerbricht und deſſen Brut von dem Fuchſe angefeindet 
»ird; dagegen zaust er die Jungen befielben und ihn ſelbſt; ſobald 
ie Raben bieß fehen, eilen fie zur Hülfe herbei, wie gegen einen ges 
weinfchaftlicden Feind. Auch der Diftelfinf*) lebt im Dorngefträudg, 
eßhalb Haft auch er vie Cſel, weil fie die Dornblüthen abfreſſen. 
Die Blaumelfe aber haft der Anthus**) fo fehr, daß, wie man glaubt, 
»as Blut beiver-fich nicht vermifcht und deßhalb vielfach als Zaubers 
mittel verſchrieen if. Ginander abgeneigt find aud die Schafals 
und die Löwen, und fo ift es bei den größten wie bei den Fleinflen 
Thieren. Die Roblraupen***) meiden den Baum, woran Ameifen 
niften; die Spinne ſchwebt an einem Faben auf das Haupt der im 
Schatten ihres Baumes 7) ausgeſtreckten Schlange herab und beißt 
ihr mit folder Gewalt in das Gehirn, daß fie fogleich zifchend und 


vom Schwindel befallen fich im Kreife dreht und nicht einmal den 


Faden ber über ihr hängenden zu zerreißen und fo zu entfliehen vermag ; 
auch wird nicht eher Ruhe, bis fle tobt ift. 

XCVI. Dagegen find Freunde die Pfauen und die Tauben, die 
Zurteltauben und die Papageien, die Amfeln und die Turteltauben, 
die Kraͤhe und die Reiher, haben aber eine gemeinfhaftliche Feind⸗ 

ſchaft gegen das Befchlecht der Füchſe, fo wie ber Roftweih und ber 
Weih gegen den Busaar. Und gibt es,nicht Beweife von Zuneigung 
ſogar bei den Schlangen, ber graufamften Thierart? Erwähnt wurde 
fon, TD) was Mrfadien von einem Drachen erzaͤhlt, der feinen 


*) Acanthie, vgl. Kap. 67. | 

“) Pol. Kap. 57. | 
*°) Eruca, val. B. XI, Kay. 37. 

+) Auf dem fle wohnt und ben fie als ihr Eigenthum betrachtet. 
+}) B. VIII, Kay. 2 


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ARAB 





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GRADUATE LIBRARY 





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JOAN —